Alternativen für eine humane Zukunft



Gott ist nicht tot, vielleicht hat er nur neue Kleider? Ein Katechismus des Mitgefühls.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Theologische Bücher

Gottes „neue Kleider“. Der niederländische „Katechismus des Mitgefühls“.

Ein neuer Katechismus – eine Einladung, selber zu denken und den eigenen Glauben zu entwickeln.

In meiner Radiosendung im NDR (in der Reihe „Glaubenssachen“ am 19.2. 2016) mit dem Titel „Glauben ist einfach“ (klicken Sie hier) wurde der niederländische Katechismus des Mitgefühls kurz erwähnt. Einige HörerInnen waren daran so interessiert und fragten, ob es diesen menschenfreundlichen und un-dogmatischen Katechismus auch auf Deutsch gibt. „Leider nicht“, heißt meine Antwort. Ich habe aber 2010 einige ausführlichere Hinweise zu diesem bemerkenswerten Buch geschrieben, Hinweise, die ich hier noch einmal, am 21.2.2017, vorstelle:

Die 150 Abgeordneten des Niederländischen Parlaments (Tweede Kamer) erhalten dieser Tage (also 2010) einen Katechismus geschenkt. Ungewöhnlich, in einem säkularisierten Land wie Holland. Dabei handelt es sich nicht um den Versuch, klerikale Machtansprüche in der Politik durchzusetzen, das liegt den Autoren des ungewöhnlichen Katechismus auch völlig fern. Denn sie treten als „freisinnige, liberale Christen“ entschieden für die Trennung von Kirche und Staat ein. Aber ihnen liegt daran, mit allen Menschen, auch mit Politikern, in einen partnerschaftlichen Dialog einzutreten, nicht über Dogmen, wohl aber auch ethische Orientierungs  – Vorschläge!

Es ist schon komisch: Ausgerechnet in Holland erscheint dieser Tage ein neuer Katechismus. Ist das Wort „Katechismus“ nicht völlig out, völlig verbraucht, gerade in den Niederlanden, wo nur noch etwa 35 Prozent der Bevölkerung Mitglieder einer christlichen Kirche sind und die wenigsten Menschen von dogmatischen Lehren unterwiesen werden wollen? In dieser Situation muss man schon etwas Außergewöhnliches vorweisen: Der neue holländische Katechismus  konnte entstehen, weil die vier freisinnigen christlichen Kirchen Hollands angesichts des zunehmenden Einflusses konservativer und reaktionärer Kirchen deutlich ihre eigene Stimme erheben, die Stimme der Freiheit, die dem Nachdenken allen Raum lässt und eben keine fertigen „ewigen“ Wahrheiten präsentiert. Es sind keine Leitungsgremien, keine Bischöfe und keine Päpste, die diesen Katechismus verfasst haben, sondern zwei Pfarrer, die im ständigen Austausch mit der Kultur der Gegenwart stehen: Christiane Berckvens – Stevelinck, Theologin der Remonstranten Kirche, und Ad Ablass, Theologe der freisinnigen Strömung innerhalb der Protestantischen Kirche (PKN) legen ein Buch vor, das in 12 Kapiteln Grundworte der menschlichen Kultur erläutert, Grundworte, die ihre Wurzeln in den biblischen Traditionen haben.  Am Anfang steht die „Compassie“, das Mitleid, am Ende die dem Mitgefühl und der Empathie verwandte Liebe. Andere Themen sind Gleichheit, Verbundenheit, Versöhnung, Gerechtigkeit, Friede, Wahrheit, Freiheit, Berufung, Glaube und Gott. Das neue Buch nennt sich ausdrücklich „Katechismus des Mitleids“, ein zweifellos ungewöhnlicher, wenn nicht gar provozierender Titel. Aber er deutet das Ziel an: Die LeserInnen werden eingeladen, angesichts der humanen, ökologischen und politischen Katastrophen der Gegenwart das Mitleiden zu entwickeln, nicht nur als spirituelle Haltung, sondern vor allem als aufgeklärtes Handeln zugunsten der Leidenden. Aber dieser Appell zum Handeln ist nicht dick aufgetragen, vielmehr bieten die einzelnen Kapitel Informationen und meditative Impulse zu diesen Grundworten humaner Existenz. So ist ein Buch entstanden, das sich wohl am besten in einer eher „meditativen und behutsamen Lektüre“ erschließt. Nebenbei: Das Buch verdankt wesentliche Anregungen der britischen Philosophin und ehemaligen katholischen Nonne Karen Armstrong, die sich ausdrücklich für eine „Charta des Mitgefühls“ einsetzt. So gehört dieses Buch zu dem weltweit entstehenden Netwerk „Compassion“! Alle Kapitel des Katechismus werden „eingeleitet“ mit schönen Nachdrucken von Gemälden, Chagall ist genauso vertreten wie Rembrandt, Claudio Taddei genauso wie Caravaggio oder Ferdinand Hodler. Die eigens für das Buch gefertigten Gemälde der Künstlerin Brigida Almeida aus Utrecht beschließen jedes Kapitel. Im Text werden die Leser mit einer Fülle an Informationen aus der Literatur, dem Film, dem Theater konfrontiert, Informationen, die gleichermaßen die Schwierigkeiten wie die Chancen einer Lebenshaltung vorstellen, die sich von den 12 „Katechismus – Grundworten“ inspirieren lassen will, biblische Perspektiven sind jeweils ein Kapitel unter den anderen. Das ist der typische freisinnige Geist, dass keinem „Bibel – Fanatismus“ gehuldigt wird, sondern spirituelle Inspirationen auch im „weiten Feld“ der Religionen und Kulturen präsentiert werden. Sympathisch werden es Berliner finden, dass zum Thema Freiheit schon im Titel auf den berühmten Ausspruch John F. Kennedys verwiesen wird: „Ich bin ein Berliner“, ein Ausspruch, der heute als Bekenntnis gegen alle Formen des Totalitarismus verstanden wird. Äußerst sympathisch ist auch, dass das Kapitel über die Liebe mit einem Bild von Julius Schnorr von Carolsfeld eröffnet wird, das die beiden Liebhaber David und Jonathan zeigt., sicher ist auch die Entscheidung für dieses Bild typisch für Freisinnige in Holland: Die Remonstranten waren ja die erste Kirche weltweit, die schon 1986 homosexuelle Paare –gleich welcher Konfession- in ihren Kirchen segnete. Sympathisch ist auch, dass der ungewöhnliche, progressive katholische Theologe Karl Rahner als Verteidiger der Mystik erwähnt wird.

Dies ist wohl der entscheidende Eindruck: Dieser auch vom Layout so schöne und freundliche Katechismus der freisinnigen Christen plädiert für die Mystik, sicher für eine moderne, eine durch die Aufklärung „hindurchgegangene“ Mystik: Aber doch wird aller Nachdruck gelegt auf das innere Erleben des Göttlichen, das sich im Handeln ausdrückt. In der Mystik sehen die Autoren ohnehin die Zukunft des Religiösen. Interessant könnte es sein, wie sich die freisinnigen Kirchen selbst zu Orten (multi-religiöser) Mystik entwickeln. Vielleicht ist diese Mystik das neue Profil der Freisinnigen und ihrer Gemeinden? Vielleicht können sie mit diesem Profil weitere undogmatische, aber mystisch Interessierte einladen? Die niederländischen Autoren sind jedenfalls überzeugt: Gott ist nicht tot, er zeigt heute nur neue, ungewöhnliche „Gesichter“. Er hat vielleicht neue Kleider angelegt, wie die Autoren schreiben.

„Catechismus van de compassie“. Erschienen im Verlag Skandalon, in Vught, Holland. ISBN 978-90-76564-94-4.

 



Thesenanschlag heute: Kurz und störend.

15. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine, Theologische Bücher

Neun Komma fünf (9,5) Thesen zur Diskussion…anstelle der heute schon wieder üblichen, in Büchern usw. veröffentlichten 95 Thesen: Neuneinhalb Thesen! Sie sind überschaubarer und vielleicht „heftiger“…

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 15. 2. 2017.

Vorweg:

Thesen sind Einladungen zum Weiterfragen. Sie haben nichts Abgeschlossenes. Sie können selbstverständlich nicht „alles“ sagen zum Thema „Reformation 2017“. Diese Thesen sind vor dem Hintergrund der Bedrohung der Demokratien (durch das Trump-Regime, durch die Rechtsradikalen in ganz Europa, das Mauernbauen rund um Europa usw.) formuliert sowie vor dem Hintergrund der Bedrohung der Menschheit durch (von Menschen gemachte) ökologische Katastrophen und von Menschen gemachte bzw. gewollte Kriege.

Die leitende Erkenntnis ist also: Angesichts dieser Welt heute kann man nicht mehr „wie immer schon üblich“ von Reformation oder gar Luther, Kirche, Spiritualität usw. reden und entsprechende Kirchen-Veranstaltungen planen. Diese Themen sind wichtig, aber zweitrangig. Es gilt den humanen Kern der biblischen Botschaft als menschlicher Weisheit freizulegen. Es gilt aber vor allem, einen alle Menschen verbindenden Humanismus der Vernunft zu entdecken und zu fördern.

Die neuneinhalb Thesen:

  1. Kirchen und Glauben, Religionen und Atheismen sind nicht primär wichtig. Was heute für den einzelnen und die Gesellschaft im Mittelpunkt steht ist das ethisch verantwortete und reflektierte Leben.
  2. Die eigene Urteilsbildung und die seelische Reife zu fördern ist wichtiger als konfessionelle Dogmen – etwa in Schulen – zu vermitteln und zu verbreiten. Philosophieren muss im Mittelpunkt stehen. Ideologien werden entlarvt und dringende humane Projekte (Ökologie, atomare Abrüstung usw.) besprochen und realisiert.
  3.  Konfessionell geprägte, so genannte christliche Ethik, ist niemals primär und maßgeblich; sie kann lediglich die allgemeine humane Ethik verstärken. Jesus von Nazareth kann „inspirierendes Vorbild“ genannt werden. „Jesuanischer Geist“ findet sich außerhalb der Gruppen, die sich ständig und oft scheinheilig auf Jesus Christus berufen. Sein Geist ist z.B. in einigen NGOs (Ärzte ohne Grenzen, Amnesty International) anwesend und lebendig.
  4. Die Menschen sollten sich in neuen offenen und reifen Gruppen und Gemeinden treffen; auch, um gemeinsam für die Gerechtigkeit einzutreten. Das Ziel: Es darf keine Mauern zwischen den unterschiedlichen, aber gleichberechtigten Menschen und Kulturen geben. Wer als Politiker Mauern baut, auch in Europa gegenüber Flüchtlingen, muss zurückgewiesen und „in Pension“ geschickt werden.
  5. Das Hungersterben, das weltweite Elend, muss als absolute Schande der Menschheit wahrgenommen werden. Es muss alles Denken und Handeln begleiten. Es kann nur durch eine neue, gerechte Welt-Gesellschaft überwunden werden. Dazu müssen Umverteilungen des Reichtums, auch durch Enteignungen von Milliardären etwa, stattfinden. Es gilt, endlich eine „Obergrenze“ ethisch vertretbarer Einkünfte zu debattieren.
  6. Die getrennten Kirchen erkennen an: Wir wollen nur noch das eine Wesentliche, das eine Zentrum, des christlichen Glaubens lehren und leben: Die Liebe unter den Menschen und die Liebe zu einer Wirklichkeit, die viele Gott nennen. Die immer wieder und endlos besprochenen dogmatischen Differenzen werden als überflüssige Hobbys klerikaler Herrscher entlarvt. Gottesdienste werden aus der rituellen Erstarrung und Langeweile befreit. Sie werden zu Lebensfeiern.
  7. Der biblische Gott wird nicht länger als immer zur Verfügung stehende (Herrschafts-)Formel und Floskel verwendet. Gott wird vielmehr als Geheimnis eher schweigend und liebend und in einer allgemeinen Mystik verehrt. So finden unterschiedliche Religionen zueinander. Die neuen Götter in ihrer ganzen Vielfalt werden entlarvt (Fußball, Sport, Leistung, Körperkult usw.) sowie owie der oberste Gott, über allem, das Geld bzw. das Bestreben, „immer mehr“ das „Haben“ als absoluten Wert zu verehren.
  8. Das göttliche Geheimnis kann selbstverständlich auch in Kunst, Literatur, Musik, in der Erotik, in der Natur, im solidarischen Engagement entdeckt werden. Diese Gotteserfahrung ist dann authentisch, wenn sie die Menschen zu einer personalen Befreiung und Reifung führt.
  9. Die Befreiung der Frauen, besonders der leidenden und unterdrückten Frauen in den arm gemachten Weltregionen, hat oberste politische und kirchliche Priorität. Solange die römische Kirche (von den orthodoxen Staats- bzw. Regime-Kirchen ganz zu schweigen) Frauen nicht als völlig gleichberechtigt akzeptiert, kann sie nicht ernst genommen werden. Auch die völlige Gleichberechtigung homosexueller Menschen muss weltweit erkämpft werden.

      9,5. Weiter denken: Und die eigenen neuneinhalb Thesen schreiben.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 



Steve Bannon exkommunizieren ?

7. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7.2.2017.

Der stärkste und militanteste Mann im Trump – Regime, den sehr viele einen Rassisten und faschistoiden Typen nennen, Steve Bannon, ist, bisher eher selten wahrgenommen, ein Katholik. Der Vorschlag des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ heißt: Der Vatikan könnte und sollte Steve Bannon exkommunizieren. Als juristischen Beitrag kirchlicherseits gegen Bannon, um dadurch auf dessen völlig inakzeptable ethische und politische Positionen aufmerksam zu machen, Meinungen und Positionen, die den Weltfrieden bedrohen. Im Canon 1369 des offiziellen „Codex Iuris Canonici“ heißt es innerhalb der Ausführungen zu den „Straftaten gegen die Religion und die Einheit der Kirche“ u.a. „Wer eine Gotteslästerung zum Ausdruck bringt, die guten Sitten schwer verletzt oder Hass und Verachtung hervoruft, soll mit einer gerechten Strafe belegt werden“. Diesen „Tabestand“ vor Augen hatte Papst Franziskus im Juni 2014 Mitglieder der süditalienischen Mafia exkommuniziert. Dieses Ereignis kommentierte Roberto Saviano mit Blick auf Italien in „Die Zeit“ vom 26. Juni 2014, Seite 5: „Die Exkommunikation ist als eine Geste von größtmöglicher Symbolkraft geeignet, die oftmals engen Verbindungen der mafiösen Clans zu den Pfarreien vor Ort zu kappen“… Welche politischen Verbindungen würden „gekappt“ werden, wenn Bannon exkommuniziert wäre?

Diese Forderung einer öffentlichen Ausgrenzung, Exkommunikation, Bannons sollte ausgesprochen werden, auch wenn sie wenig Chancen auf eine Realisierung hat. Denn Steve Bannon hat zu viele mächtige Fürsprecher im Vatikan, auch unter zahlreichen reaktionären Kardinälen dort, siehe unsere Hinweise auf das Institut“Dignitatis Humanae“ in Rom und Brüssel. Man wundert sich dabei nur, mit wie vielen sekundären Themen sich der Vatikan befasst, wie dieses „ewige“ Thema der „Wiederverheiratet Geschiedenen“…

Die „New York Times“ hat dazu ein ausführliches Dossier veröffentlicht, wie sich Bannon im Vatikan beliebt machte. Klicken Sie hier.

Und die konservative katholische Wochenzeitung „National Catholic Register“ berichtete über Bannons Verbindungen zu einem reaktionären katholischen Studienzentrum in Rom und Brüssel, mit dem hübschen Namen „Dignitatis Humanae Institut“, der Titel erinnert an einen Text zur Religionsfreiheit des 2. Vatikanischen Reformkonzils. Zu weiteren Informationen über dieses „Forschungszentrum“ mit dem Namen „Institut der menschlichen Würde“ (vor allem für die Würde des Mister Bannon) klicken Sie hier. Wer die website dieses Instituts aufschlägt, ist sofort mit dem Katholiken Bannon konfrontiert. Zu den „Patrons“ des Instituts gehörte u.a Otto von Habsburg, sehr konservative Kardinäle, wie die Herren Brandmüller, BURKE oder Sarah, gehören zur Leitung; offizieller „Hausgeistlicher“ ist der umstrittene englische Franziskaner Michael Seed. Informationen auch über ihn, der für die Konversion von Tony Blair zuständig war… Klicken Sie hier.

Wir fragen uns im Religionsphilosophischen Salon Berlin:

Die Richter und Juristen im allgemeinen sind wohl noch eine starke Kraft in den USA, um gegen die totalitären Ansprüche des Trump-Regimes vorzugehen. Warum nicht auch die katholischen Kirchen-Juristen? Warum sollte also nicht die Frage diskutiert werden: Wann wird Steve Bannon, der mit universal geltenden Menschenrechten überhaupt nichts zu tun hat, siehe seine Beiträge in „Breitbart“, wann also wird dieser katholische Ober-Hetzer und katholische Feind des Demokratie nicht von Papst und US-Bischöfen EXKOMMUNIZIERT? Wir im Religionsphilosophischen Salon sind überhaupt keine Freunde von Exkommunikationen. (Es wurden allzu oft die falschen, nämlich die theologischen Abweichler und theologisch kreativen Ketzer exkommuniziert…).  Aber in größter Not haben Exkommunikationen auch heute einen symbolischen und vielleicht auch politischen Wert: Den Amis sollte der Papst also sagen: Dieser Typ Steve Bannon ist ab sofort nicht mehr katholisch. Bei den großen Mafia-Bossen in Italien hat Papst Franziskus diesen symbolischen Akt auch vollzogen. Die Mafiosi morden trotzdem weiter, aber die Öffentlichkeit weiß: Diese Typen gelten selbst im Vatikan nicht als katholisch. Sie sind Verbrecher. Beichten reicht dann für sie nicht mehr: Diese Typen müssen sich politisch-ethisch verwandeln d.h. zum Respekt vor der universal (!) geltenden Menschlichkeit und den Menschenrechten zurückkehren.

Aber vielleicht stehen viele führende Katholiken und Bischöfe in den USA insgeheim und offen auf Steve Bannons Seite? Das wäre eine Katastrophe, die kritischer Recherche-Journalismus natürlich dokumentieren müßte.

Thomas Assheuer bietet in „Die Zeit“ vom 9.Februar 2017, Seite 35, den wichtigen Hinweis auf eine Connection zwischen Steve Bannon und Alexander Dugin, Russland, der dort als Neo-Faschist betrachtet wird.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Chronik eines angekündigten Bürgerkrieges: Mister Trumps gefährliche Aktionen.

31. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn. Die Beitrag wurde am Dienstag, den 31. Januar 2017, veröffentlicht. Er wird weiterhin aktualisiert! Und ist eine Einladung an die LeserInnen, ihrerseits den Niedergang der Demokratie in den USA und deren mögliche Rettung zu studieren und zu Tag für Tag zu dokumentieren!

Unsere Angst erregende Prognose (vom 31.1. 2017) eines durch Mister Trump und Co. betriebenen Bürgerkrieges in den USA wird leider von einem großen Recherche – Team der Wochenzeitung „Die Zeit“ vom 9. 2. 2017 (Seiten 13 – 15) weiter bestätigt. Das sehr lesenswerte Dossier hat den Titel „Kalter Bürgerkrieg„. Am Ende des Beitrags heißt es u.a.: „Mit dem Wort Krieg muss man vorsichtig sein….Aber … die Vereinigten Staaten von Amerika sind in diesen Tagen ziemlich nah an einem kalten Bürgerkrieg: einem Konflik voller Feindseligkeit und Hass, in dem es nur deswegen kein Blutvergißen gibt, weil beide Seiten vor dem letzten Schritt zurückschrecken – zu den Waffen zu greifen. Zumindest vorerst“.  Die Frage ist: Was tun die noch vernünftigen Regierungen Europas, was tun die Bürger hier, um den Menschen in den USA beizustehenen, die erstens Trump und Co. so schnell wie möglich loswerden wollen, aber zweitens dies friedlich und ohne Blutvergießen wollen. Wahrscheinlich wird man den Geschäftsmann Trump vor allem mit ökonomischen Argumenten (vor allem massiver Widerstand aus dem Silicon Valey) aus em Weißen Haus vertreiben. Aber Europa muss deutlich machen: Auch wir leisten Widerstand gegen sein Regime. Und alle großen kulturellen, philosophischen und kirchlichen Debatten in Deutschland und Europa sollten sich mit dem Thema Frieden befassen; ein Bürgerkrieg in den USA wird nicht auf die USA begrenzt bleiben. Zu den Kirchen gesprochen: „Hört auf, von dem völlig überflüssigen Thema der „Wiederverheiratet Geschiedenen“ oder der lutherischen Gnadenlehre zu reden, etwa auch bei dem kommenden Kirchentag. Redet vom Frieden, vom Widerstand, von Solidarität mit den vernünftigen Menschen in den USA. Bildet die Menschen zu Humanisten, die den Frieden leben und lieben.

Weitere Dokumente: Am 6.2.2017: Peter von Becker fragt im „Tagesspiegel“ ernsthaft: Was tun, wenn Mister Trump nicht zurechnungsfähig, also verrückt ist? Am 6.2.2017 zeigt die „Süddeutsche Zeitung“ auf Seite 3: Der gefährlichste und einflußreichte Mann in der Trump-Truppe ist Mister Steve Bannon: Er sei ein Nihilist, der den Untergang ersehnt. TAZ Autor Bernd Pickert schreibt am 4.2.2017 in einem ausführlichen, analytischen Beitrag zur Frage „Wer kann Trump noch stoppen“: „Historisch gesehen ist Mord am wirksamsten. Vier der 45 US-Präsidenten fielen Attentaten zum Opfer, zuletzt John F. Kennedy 1963″. Am 7.2.2017: Timothy Snyder, Prof. an Yale-University, in der SZ am 7.2.2017: „Wir müssen uns selbst Mut machen, denn es gibt keine positiven Signale aus dem Weißen Haus oder von den Republikanern. Die Konservativen müssten helfen, die Republik zu verteidigen, aber nur wenige scheinen dazu bereit. Die Amerikaner haben schneller reagiert als ich dachte. Wenn die Proteste anhalten, hört Trump vielleicht zu. Sie haben nach etwas Positivem gefragt, aber die Lage hat sich verschärft. Wir haben maximal ein Jahr Zeit, um Amerikas Demokratie zu verteidigen“. Quelle  SZ: Klicken Sie hier:  Spiegel ONLINE berichtet am 8.2. 2017 von Leaks im Weißen Haus und zitiert die Washington Post, die Trumps Berater mit einem ahnungslosen Kind vergleicht. Wie schon so oft geschrieben: Impulsiv und ignorant sei der Präsident, hier klicken. Am 19.2. 2017 äußerte sich Senator McCain zur Verurteilung eines herausragenden Teils der freien Presse in den USA durch Mister Trump: „Aus München zugeschaltet, sagte der ehemalige republikanische Präsidentschaftskandidat in der NBC-Sendung „Meet the Press“, dass „eine freie und häufig auch feindliche Presse“ für den Bestand einer Demokratie nötig sei. Ihre Einschränkung sei „wie Diktatoren anfangen“, so McCain. Womit er aber nicht sagen wolle, Präsident sei ein Diktator – nur „das dies die Lehren aus der Geschichte seien“ (Spiegel Online am 19.2.2017).

DER BEITRAG, verfasst am 31.1.2017:

1. Der kriegerische Ausgangspunkt der Trump Regierung oder treffender: des Trump Regimes.

Der wichtigste Ratgeber von Mister Trump ist Steve (Stephan) Bannon. Er hat seine politische Denkungsart schon in einem Interview 2013 beschrieben, in dem er sich als US Bürger, so wörtlich, als „Leninist“ bezeichnete und dann sagte:“Lenin wollte den Staat zerstören. Das ist auch mein Ziel. Ich will alles zum Einsturz bringen. Ich will das Establishment zerstören“. (Quelle: „Die Zeit“, 2. Februar 2017, Seite 3, Belege dazu in „The New Yorker“, klicken Sie bitte hier.

Die ZEIT Autoren kommentieren treffend: „Die ersten zehn Tage der Regierung Trump lassen sich als Auftakt eines Krieges gegen die Institutionen der Vereinigten Staaten verstehen“… Wahrscheinlicher (als die Meinung, Trump könne noch dazulernen) ist die Annahme, „dass Trump und sein innerster Zirkel das Chaos, das Durcheinander, die herzzerreißende Ungewissheit der Ankömmlinge (auf den US-Flughäfen nach der Verkündigung des Einreisestopps für Bürger aus sieben muslimischn Staaten) so gewollt hat…Trump setzt auf die die systematische Zerstörung von Vertrauen“ (Quelle: ebd.). Belege dazu in The New Yorker, klicken Sie hier.

2. Die Riten und die Liturgie der Unterschriften im heiligen Zirkel

Man muss kein Pessimist sein, um Schlimmes zu befürchten. Schlimmes für die USA und Schlimmes für die Menschheit. Das Dilemma ist: Wird der Wahn des Trump Regimes öffentlich gemacht und bloß gestellt, reagiert der Allmächtige noch heftiger. Sind Kritiker milde (wie die angstvolle Kanzlerin), glaubt der Allmächtige, er könne unbesehen weiter dominieren.

Der Total-Schaden wird betrieben von einem Mann, der sich Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika nennen darf. Und sich von von einem Club der Fans (Minister, Ratgeber usw.) umgibt und auch bestimmen lässt. Wahrscheinlich ist Donald nur eine Marionette noch Raffinierterer (wie Steve Bannon)? Man studiere aber seine inszenierten Unterschrift – Liturgien, wenn er seine Dekrete präsentiert: Ludwig XIV. hätte daran sein Wohlgefallen! Trumps Getreue, die Milliardäre, die Reaktionären, die extrem konservativen Evangelikalen, die Faschistoiden, „Politiker“ genannt, umgeben ihn dabei andachtsvoll. Und irken unterwürfig, aber doch zufrieden. Und der große Fürst Donald zeigt seine steile, aggressive, aber auch angstvoll enge Unterschrift wie eine Monstranz in die Kameras, damit alle Welt sehe, welch ein heiliges Spektakel hier stattfindet, alle Welt soll sehen, dass diese Verfügungen Segen bringen. Ich, Donald Trump, kann eigentlich verfügen und bestimmen, was ich will. Ein heidnischer Staatskult eines Monarchen wird da zelebriert. Der „Tagesspiegel“ hat als Titel (auf Seite 3 am 1. Febr.) für einen Beitrag über die Clique rund um Trump geschrieben Fürsten der Finsternis“. Kann man es noch zugespitzer sagen? Sicher nicht. Fast alles arrangiert und diktiert von dem rechtsextremen Strategen Stepen Bannon. Er ist wohl der Gefährlichste in der Clique, zu einem Porträt in der Süddeutschen Zeitung klicken Sie hier.

Selbst eher zurückhaltende Beobachter im In – und Ausland nennen Mister Trump jetzt endlich öffentlich und durchgängig einen Lügner, einen Egomanen, einen Zerstörer der Traditionen von Demokratie und menschlichem Anstand und so weiter. Wann werden die ersten Millionen Trump-Wähler, die „kleinen weißen Leute, meist Männer“, wie es heißt, aufwachen? Und sich sagen: Wie dumm waren wir US-Bürger eigentlich, diesem Milliardär ein soziales Amerika zuzutrauen? Und wie dumm waren die vielen Europäer, die die USA für ein reifes demokratisches Land hielten? Die den schönen Schein, der vielleicht von Hollywood ausging, nicht als Lüge erkannten?

3. Wie kann Mister Trump wieder verschwinden? Wer sagt das offen, auch in Europa?

Mister Trump, so der Tenor vieler Kommentare, ist also ein Typ, der aus seinem Amt so schnell wie möglich vertrieben werden sollte. „Eine Regierung, die gegen die verfassungsmäßige Selbstverwirklichung verstößt, auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück, „darf gestürzt werden. Was in normalen Zeiten radikal klingt, liest sich plötzlich wie eine Verheißung“, schreibt Malte Lehming, USA Kenner, im „Tagesspiegel“ vom 31. 1.2017, Seite 19.

Wann haben wir das zum letzten Mal gelesen? In einer guten bürgerlichen Zeitung, dass eine Regierung in den USA gestürzt werden sollte? Und dann wird der Sturz der Regierung Trump eine Verheißung genannt: Ungewöhnliche, aber großartige Worte. Wer denkt das nicht?

Vor allem aber: Wie soll dieser alsbaldige Regierungswechsel möglich sein, ohne dass ein Bürgerkrieg entsteht? Und führt die tiefe Spaltung der US – Gesellschaft nicht schon jetzt langsam auf gewalttätige Auseinandersetzungen hin? Inszeniert Mister Trump und sein Club nicht langsam aber sicher einen Bürgerkrieg? Will ihn Mister Trump vielleicht sogar, als eine Art Reinigung der Mentalitäten? Von Reinigung des Denkens durch Gewalt, durch Krieg, sprechen ja faschistoide Führergestalten immer wieder.

Sollte man diese Gefahr „eines angekündigten Bürgerkrieges“ nicht ständig im Auge behalten und alles tun, um den Frieden und vor allem die Demokratie wiederherzustellen?

Da müssen die Amerikaner selbst handeln. Sie allein haben die Hauptlast, Mister Trump loszuwerden, Europäer können nur unterstützend helfen. Immerhin hat der niederländische Staat jetzt einige Millionen Dollar gespendet für die Fortführung der Schwangerschaftsberatung und Schwangerschaftsunterbrechung in den entsprechenden Zentren.

Und Obamas Sprecher Kevin Lewis teilte mit: Präsident Obama sei (10 Tage nach dem Ende seiner Regierungszeit) „ermutigt“ durch das politische Engagement, das sich jetzt im Land zeige. „Bürger, die ihr Grundrecht wahrnehmen, sich zu versammeln und sich zu organisieren: Das ist genau das, was wir in Zeiten erwarten, in denen amerikanische Werte auf dem Spiel stehen“, zitiert das Magazin „Politico“ Obamas Sprecher.

Quelle: http://www.spiegel.de/politik/ausland/barack-obama-nimmt-stellung-zu-trumps-einreise-dekret-a-1132414.html

4. Ein Amtsenthebungsverfahren für Mister Trump ist möglich.

Wenn sich der Präsident folgender Vergehen schuldig macht: des Landesverrats, der Bestechung oder anderer schwerer Verbrechen und Vergehen im Amt. Ein Amtsenthebungsverfahren aus politischen Gründen ist nicht möglich. Ein solches Verfahren wird mit einer einfachen Mehrheit im Repräsentantenhaus eingeleitet und das eigentliche Amtsenthebungsverfahren wird dann vom Senat durchgeführt. In einem solchen Verfahren gegen den Präsidenten würde der oberste Richter den Vorsitz führen. Für einen Schuldspruch ist eine Zwei-Drittel Mehrheit des Senats notwendig. Das Verfahren ist zweistufig: In einem ersten Schritt wird über die Schuldfrage abgestimmt und anschließend darüber, ob der Präsident aufgrund der Vergehen sein Amt räumen muss. Bislang wurde lediglich gegen zwei Präsidenten ein solches Amtsenthebungsverfahren angestrengt und in beiden Fällen kam es zu keiner Amtsenthebung: 1868 gegen Andrew Johnson und 1999 gegen Bill Clinton. Gegen Richard Nixon wurde wegen der Watergate-Affäre 1974 ein Amtsenthebungsverfahren eingeleitet, aber er kam der Anklageerhebung durch Rücktritt zuvor.

Prof. Dr. Christian Lammert, Freie Universität Berlin, Quelle: http://www.ipg-journal.de/interviews/artikel/ein-amtsenthebungsverfahren-ist-moeglich-1785/

Am wichtigsten bleibt zunächst: Der Protest, das Nein, die Verurteilung dieser Trump Clique. Und die Überzeugungsarbeit, wenigstens ein Drittel der Republikanischen Politiker zur demokratischen Vernunft zu bringen und Abgeordenete dieser Partei zum Nein zu Mister Trump zu bewegen.

Eine Massenbewegung kann das anstoßen, ein Bündnis aus Frauen, Latinos, Intellektuellen, Muslims, Atheisten und vernünftigen Christen, zur Vernunft gekommenen Evangelikalen usw…Und Trump kann sich nach seiner Amtsenthebung in sein Luxus- Kitsch – Schloß in seinem New Yorker Tower einsperren und sein Geld zählen…

Nur so kann wohl die Chronik eines angekündigten Bürgerkrieges möglicherweise an ein (friedliches) Ende kommen.

Im übrigen kann sich Kanada als Zufluchtsland anbieten oder Europa. „US-Amerikanische Flüchtlinge finden Asyl in Deutschland“, klingt komisch, ist aber nicht ausgeschlossen.

Copyight: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Die Heimat des Weltbürgers. Ein Text zum Salongespräch am 27.1.2019

30. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher, Termine

Hinweise von Christian Modehn

Das dringende Thema voller offener Fragen

Die Begriffe Heimat – Nation und Weltbürger (Kosmopolit) stehen in einer Spannung zueinander, nicht nur in der politischen Philosophie, sondern in der Existenz des einzelnen. Es kommt heute in der globalen Welt darauf an, eine vernünftige Gestalt des Weltbürgers zu beschreiben und gleichzeitig eine kritische Verbundenheit mit Heimat bzw. Heimaten zu entwerfen. Dabei ist (geographische) Heimat einbezogen in einen Nationalstaat und wiederum in eine übergreifende politisch-ökonomisch-kulturelle Struktur, die EU.

Ausgangspunkt für unser Thema kann nur die kritisch reflektierte Erfahrung gegenwärtiger Politik sein. Und da hat sich in den letzten Jahren eine Metamorphose vollzogen. Man kann sie inhaltlich als bewusste Abkehr von den humanen und demokratischen Werten beschreiben, die noch vor 15 Jahren „eigentlich“ für die allermeisten selbstverständlich waren. Aber die demokratisch Gesinnten waren zu naiv: Unter dem Schein des „Normalen“ schlummerten bei vielen Rassismus, Anti-Humanismus, Nationalismus.

Es gibt also immer mehr eine aggressive Abwehr von Fremden und Flüchtlingen, mit Stacheldraht wie etwa in Ungarn, in den USA, nun auch zusätzlich noch mit Mauern.

Wir leben wieder in einer Zeit, die scharf bewachte Grenzen liebt und aktuell das mögliche Erfrieren von Flüchtlingen in der eisigen Kälte in Serbien einfach so hinnimmt. Hotels für Sommergäste stehen in den griechischen Inseln leer, und vor den Türen erfrieren Flüchtlinge in der Kälte. Und kein Mensch kommt auf die Gedanken, im Rahmen eines „humanitären Notstands“ die Hotelzimmer zwangsweise zu öffnen… Heimatliebe und Privateigentum gehen eben vor. Es gibt eine neue Fixierung auf das Eigene. Die Humanität wird vom Egoismus zerfressen und droht dabei unterzugehen.

Ich fand in der neuesten Broschüre der katholischen Akademie Frankfurt am Main auf Seite 29 angesichts der zunehmenden ungleichen Verteilung von Reichtum ein Zitat des bekannten Theater-Autors Heiner Müller: “Irgendwo werden Leiber zerbrochen, damit ich wohnen kann in meiner Scheiße“, so in dem Theaterstück „Die Hamletmaschine“ von 1977. Ein literarischer Ausdruck für erstarrte Menschlichkeit, für die dialektische Abhängigkeit vom Leiden der fernen Anderen und dem dann doch nicht so erfreulichen Leben in einer materiell gut versorgten Welt. Die katholische Akademie Frankfurt schreibt: „Doch wenigstens diese künstlerische Übermittlung der Wahrheit sollten wir wohl aushalten können. Machen wir uns nichts vor: Genauso wie es der Dramatiker Heiner Müller ausdrückt, ist es“.

Wir müssen uns z.B. angesichts des Trump-Regimes darauf einstellen, dass wir weiterhin mit einer dauerhaften gezielten Sprachverwirrung konfrontiert werden. Man denke etwa an das dort propagierte Wort der „alternativen Tatsachen“ bzw. „alternativen Wahrheit“, also der vom Regime bestimmten Wahrheits-Propaganda als Leugnung der überprüften und überprüfbaren Tatsachen. Erstaunlich und bezeichnend, dass der große Roman „1984“ von George Orwell zur Zeit wieder höchste Auflagen erlebt, nicht nur in den USA.

Heimat braucht Kritik

Der Begriff Heimat, ein typisch deutsches Wort, das immer noch romantische Vorstellungen wachruft. „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum…“ Der Text des bekannten Liedes von Franz Schubert endet mit einer Verheißung: „Nun bin ich manche Stunde entfernt von jenem Ort und immer hör ich’s rauschen: du fändest Ruhe dort“. Heimat, ein Sehnsuchts-Ort, an dem man Ruhe findet in der „tiefen Nacht“ der fremden Welt. Heimat ist in dem Sinne der vertraute Ort der Geborgenheit, der Familie und der guten Menschen, des Naturerlebens. Heimat ist auch eine überschaubare Region, in der das eigene Leben sinnvoll und lebenswert erscheint. Dies ist ein gutes Recht des Bürgers, sich diese Heimat als Ideal zu wünschen. Unter der Bedingung, dass diese Heimat von den Bürgerrechten und der Demokratie bestimmt ist. Und das ist auch in Deutschland nicht selbstverständlich. Wie viele Flüchtlinge werden in den kleinen Dörfern der Heimatverbundenen schikaniert und bedrängt. Heimatverbundenheit und Respekt der Menschenrechten gehören zusamen. Selbstverständlich haben viele Menschen mehrere „Heimaten“: Etwa die Literatur, die Musik, auch die Religionen, geistige Sphären, in denen man sich, wo auch immer man lebt, wohl fühlt, zuhause fühlt.

Der Nationalstaat und seine Aggressionen

Die geographische Heimat gibt es seit Ende des 18. Jahrhunderts nur als Einbindung in einen Nationalstaat. Der Nationalstaat ist eine moderne Erfindung. Im Nationalstaat werden wir mit bestimmten Bürgerrechten ausgestattet, wir haben etwa Ausweispapiere, sind also nicht staatenlos, „ohne Papiere“, wie man heute in Flüchtlingskreisen sagt. Der Nationalstaat mit der einheitlichen Sprache, der Zentralverwaltung und Verfassung und den festen Grenzen und Grenzkontrollen entwickelt eine Art Sendungsbewusstsein, einen missionarischen Drang. Die „Grande Nation“, Frankreich, hatte diese Mission, sie wirkte sich kolonialistisch aus; die USA hatten und haben eine Mission, weil sie meinen, die freie Welt zu repräsentieren und den eigenen Lebensstil allen anderen aufzudrücken, bis hin zum US Imperialismus.

Der Nationalstaat wird von den Herrschern als bindender Wert für alle Bürger beschworen: Siehe die Hymnen, die Flaggen-Verehrung, die Staatsfeiertage usw. Es wird der Nationalstaat auch emotional als wirksame Ideologie verbreitet, die sich in den Köpfen der Bürger festsetzen soll. Der Nationalstaat braucht als „identischer Ort“ die ideologische Abgrenzung von den anderen, den Fremden. Ich zitiere aus dem Buch „Enzyklopädie Philosophie“, Band II, ein Beitrag von Peter Alter: “Die Nation braucht Feinde, weil das offenbar die Suche nach der eigenen Identität erleichtert“ (S. 1702).

Der Nationalstaat ist nicht nur kriegerisch, er ist imperialistisch und kolonialistisch. Noch die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Blütezeit der Sklaverei. Trotz einiger Kritik vor allem in England wurden 3,3 Millionen Sklaven noch im 19. Jahrhundert von Afrika über den Atlantik transportiert. (Christopher Baly, Die Geburt der modernen Welt, Frankfurt 2006, Seite 500). Erinnert werden muss an die so genannte „Kongo-Konferenz“ in Berlin 1884-1885, als Europa, auch Deutschland, sich Afrika aufteilte und Kolonien festlegte.

Heute erleben wir ein massives Erstarken des Nationalismus in ganz Europa und in den USA. Man denke an die Sprüche von Mister Trump „America first“ usw. Die AFD und ihr Vorzeigephilosoph Marc Jongen beziehen sich gern auf den jetzt offenbar wieder beliebten Nazi-Vordenker Carl Schmitt. Er hat in seinem Buch „Begriff des Politischen“ (1927) nicht nur die Vernichtungsmaschinerie der NAZIS vorformuliert, er stellt die Vernichtung des Heterogenen, also was nicht in den deutschen Staat passt, heraus. Schmitt hat das Freund-Feind-Schema hochgejubelt; er ist für die Plebiszite als der angemessenen Form der Demokratie eingetreten: „Die Regierten (also die Bewohner) sollten sich mit den Regierenden identifizieren!“ (in: Enzyklopädie Philosophie, II, S. 2090, Beitrag von Werner Goldschmidt). Es ist heute Konsens der Demokraten, dass die AFD „nationalistisch, autoritär und frauenfeindlich“ ist, wie es Justizminister Heiko Maas sagte. „Das Programm der rechtspopulistischen Partei ist der Fahrplan in ein anderes Deutschland, in das Deutschland von vorgestern“, schreibt er für SPIEGEL Online.

Heute kommt es darauf an, die Macht selbst eines demokratischen Nationalstaates zu begrenzen und dafür zu sorgen, dass er in über-nationale Zusammenhänge und Staaten-Bündnisse (EU) eingebunden ist. Die Chancen dafür sind im Augenblick nicht gerade verheißungsvoll. Aber: Eines Tages wird es wohl eine friedliche „Nation Europa“ geben, ein Bundesstaat Europa hätte den Nationalismus überwunden.

Europa muss die Weite des freien Geistes, der Aufklärung, wieder als die Grundlage der eigenen Staaten und der vielen europäischen Heimaten erkennen.

Wir brauchen wieder die Philosophie der Aufklärung, wir brauchen den kritischen Geist gegen die Herrschaftsformen, die Ablehnung alles Totalitären in Staat und Kirchen, kurz: wir brauchen wieder mehr KANT.

 Der Weltbürger Kant und der „ewige Friede“

Es ist wichtig, an Immanuel Kant zu erinnern.

Er zeigt sich als Kosmopolit, als ein Philosoph, der die Menschheit wichtiger bewertet als die Bindung an eine Heimatregion. Er entwirft in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ (von Ende 1795) die Prinzipien einer internationalen Rechts- und Friedensordnung. Nur diese Hinweise:

Kant geht es nicht um den angeblichen Frieden, genannt Waffenstillstand. Er will Frieden auf Dauer, „auf ewig“. Und dies nicht als schönen Traum, über den die Staatsoberhäupter, „die des Krieges nie satt werden können“, so wörtlich, nur lächeln können. Kant ist überzeugt: Ewiger Friede ist langfristig möglich, und er muss auf gesetzliche Weise gestaltet werden. Generell wird der Krieg von ihm geächtet. Aber solange es noch Kriege gibt, muss wenigstens eine auf den Frieden bezogene Reform der Kriegsplanungen stattfinden. Kant plädiert darum in seinen Maximen fürs Abrüsten; es darf keine Staatsschulden geben, die für ihn zur ständigen Aufrüstung führen; es darf kein stehendes Heer geben, das nur zum Wettrüsten führt; man darf sich nicht mit Gewalt in andere Regierungen einmischen, sie sollen sich selbst reformieren. Frieden setzt humanes Vertrauen untereinander voraus und das muss gefördert werden.

Was treibt die Menschen zum globalen Frieden? fragt Kant. Man sollte sie an die Schrecken der Kriege ständig erinnern; die Republik fördern als Mitbestimmung aller, also für die Demokratisierung eintreten. Die Bürger haben aus Liebe zum eigenen Leben kein Interesse an Krieg! Das heißt: Der aufgeklärte, (selbst)kritische Mensch will keinen Krieg. Nur der aufgeklärte Mensch in einer Republik, kann Frieden schaffen.

Das ist der Geist der AUFKLÄRUNG: Die Menschen sollen sich an das erinnern, was sie sein können und tun können, sich nicht auf den Ist-Zustand begrenzen. Wir leben in Zeiten, in denen die angeblich Klugen, die Besserwisser, jegliche positive Entwicklung abweisen, lächerlich machen. Diese Stimmung kann den kritischen Elan der Vernunft einschränken.

Hinter diesem Realismus der Realpolitiker verbirgt sich nur der Machterhalt der eigenen Privilegien. Wer ernsthaft in Deutschland die Rüstungsindustrie als den Kriegs befördernde Industrie nicht einschränkt und verbietet, hat als Politiker bestimmte (materielle) Interessen. Er steht nicht aufseiten des Friedens, sondern der Waffenschmiede. Warum werden solche Politiker nicht befragt und ggf. nicht mehr gewählt?

Kant fordert für das Leben einer sich dem Frieden zuwendenden Welt: Die Menschen können zwischen den Staaten hin und her verkehren; Forscher, Händler, Missionare. Immer aber sollen sie ohne Gewalt in anderen Ländern tätig sein. Im Weltbürgerrecht gibt es das Recht, dass jeder Fremde die Hospitalität, also ein Recht des Besuchens, genießen kann. Jeder kann jedes Land besuchen. Kant spricht also nicht von Gastrecht, also von einer Form des Bleiberechts. Er will nur das Besuchsrecht. Das sagt er im Blick auf die Kolonialherren: Die dürfen sich in fremden Territorien nicht niederlassen, nicht festsetzen. Kant kritisiert die Kolonialpolitik der europäischen Staaten. Die Europäer verstehen das Besuchsrecht in Afrika usw. als Eroberungsrecht. Das ist Missbrauch des Besuchsrechts. Und das muss abgewiesen werden. Darum plädiert er nur für das globale Recht, alle Länder (kurzfristig) zu besuchen.

Kant plädiert bloß für einen eher „locker verbundenen“ Völkerbund, das ist sicher ein Mangel in Kants Überlegungen.

Er sieht, dass seine Idee des Völkerbundes noch keine übergeordnete vereinheitlichende Staatsmacht kennt. Kant kann mit seiner Völkerbundsidee nur hoffen, dass die einzelnen Staaten ihre egoistische Staatsraison zurücknehmen, um des Friedens willen. Es gilt für Kant immer die MORALISCHE Pflicht, den Frieden zu fördern. Das können nur Politiker, die selbst den Prinzipien der Moral (Kategorischer Imperativ) entsprechen.

Was ist kosmopolitisch? Wer ist ein Weltbürger?

Kosmopolitisch leben heißt: Verbundenheit mit einer über alles Nationale hinausgehenden Wirklichkeit, der ganzen Welt prinzipiell. Schon Diogenes von Sinope (323 vor Chr. gestorben), der Kyniker, also der radikale Alternativler in der Antike, sah sich mehr in der Ordnung des Kosmos als in der eigenen Polis verwurzelt. Später hat dann Dante in seinem politiktheoretischen Werk „Monarchia“ von 1316 ein Weltkaiserreich entworfen, in dem die Bürger ihre partikulare Herkunft überwinden und so friedlich miteinander leben können.

Heute sind wir de facto schon immer Weltbürger. Wir sind immer schon hinausgewachsen aus den engen Grenzen von Heimat und Nation, das gilt für den Lebensstil und die Nutzung der Technik, das gilt für die Vernetzung in der Ökonomie.

Der Soziologe Ulrich Beck hat sich in zahlreichen Studien mit dem Kosmopolitismus auseinandergesetzt, für ihn hat er „eine uralte und zukunftsweisende Bedeutung“: Er ist pränational und postnational (S. 24 in: „Das kosmopolitische Europa“, 2007). Das kosmopolitische Projekt ist das Bemühen, „neue demokratische Formen der politischen Herrschaft jenseits der Nationalstaaten zu konzipieren“ (S. 25).

Kosmospolitisch handeln beginnt schon, wenn man in größeren Zusammenhängen, etwa Europas oder der Beziehungen Deutschlands zu Afrika denkt.

Dabei kommt es zuerst darauf an wahrzunehmen, dass wir immer schon in kosmopolitische Zusammenhänge hineingestellt sind:

In der eigenen Nation leben heute Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener ursprünglicher Heimaten. In Deutschland sind 20 Prozent aller Mitbürger „anderer Herkunft“, also Immigranten, Gäste, Studenten von weit her, Flüchtlinge usw. Den deutschen Pass haben Menschen, die nicht in Deutschland geboren sind, sie sind Deutsche! Dadurch wird die Form der homogenen Heimat überwunden.

Wir leben längst schon in kosmopolitischen HANDLUNGSRÄUMEN, betont der Soziologe Ulrich Beck. Allein schon in der Lebensgestaltung, in den neuen transnationalen Lebensräumen, sind wir mit der Welt verbunden, oft auf eine bloß äußerliche Art…

ABER: Wir sind, wegen unserer, im übrigen schon gar nicht mehr aufzuhebenden internationalen Bindungen, noch längst nicht Kosmopoliten. Die internationalen Bindungen können auch für die Vorherrschaft der eigenen Nation oder des eigenen Konzerns usw. genutzt werden. Die Zusammenhänge des Welthandels hingegen gerechter zu gestalten, ist eine „Dauerforderung“ des Kosmopoliten. Er muss sich Formen politischen Handels überlegen, um dieses Ziel durchzusetzen.

Zum Kosmopolitischen Leben und dem Weltbürger gehört elementar: Die Anerkennung des anderen Menschen ALS Menschen. „Das Fremde wird nicht als bedrohlich, desintegrierend, fragmentierend erfahren und bewertet, sondern als bereichernd….Wer die Sicht der Anderen im eigenen Lebenszusammenhang integriert, erfährt mehr über sich selbst UND die Anderen“ (Ulrich Beck, a.a.O, S 28). Zum Weltbürger gehört: Die Herrschaft des gerechten Rechts, politische Gleichheit, soziale Gerechtigkeit….

Die politische und ethische Praxis des Weltbürgers

Ein Kosmopolit ist also nicht einfach schon jeder Weltreisende. Weltbürger sein ist zuerst und vor allem eine geistige, politische, vielleicht sogar spirituelle Haltung! Ein Kosmopolit hat Kenntnisse der anderen Kulturen und Nationen. Er kann sich in die Menschen anderer Kulturen hineinversetzen, indem er mindestens die eigenen übliche Sitten und Gebräuche relativiert.

Ein Kosmopolit schätzt den anderen und die anderen, die Fremden und Befremdlichen, als gleichberechtigte menschliche Wesen. Ein Kosmopolit will die anderen als andere. Das ist kein romantisches Gefühl, in dem man sich unter Tränen der Rührung der eigenen Großzügigkeit erfreut. Den anderen und die anderen weltweit prinzipiell als Menschen anzuerkennen, hat rechtliche Konsequenzen.

Ein Beispiel: Wer etwa in seiner Heimat, seinem Nationalstaat Deutschland, gut lebt, hoffentlich aufgrund gerechter Wirtschaftsbeziehungen, und wer dieses gute Leben für sich beansprucht, muss sich sagen: Ich kann nur frei sein (also gut leben, Freiheit ist die unverzichtbare Basis dafür), wenn auch die anderen frei leben können, also gut leben können. Und zwar letztlich „alle anderen“!

Kosmopolitisches Leben hat heute vor allem angesichts der katastrophalen ungleichen Verteilung der Güter und der Einkommen Auswirkungen, es geht um den Aufbau gerechter Gesellschaften innerhalb der einen Weltgemeinschaft.

Es geht dann auch um den Willen, einen eigenen Beitrag zu leisten für den Aufbau einer gerechten Weltordnung, und das ist eine Weltgesellschaft, in der alle Menschen menschlich leben können, also gesund, gebildet, mit wirklichem Wohnraum, in demokratischer Ordnung.

Zu dem Eintreten für internationale Solidarität (als Ausdruck der weltbürgerlichen Existenz und vor allem als Ausdruck dafür, dass wir alle einer Menschheit angehören) eine Erinnerung:

In einer nüchternen philosophischen Betrachtung kann man sich auf die Weisheitssprüche des Neuen Testaments beziehen: Denken Sie etwa an das Wort Jesu bzw. schon der hebräischen Bibel: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“. Mit dem „Nächsten“ ist der andere Mensch gemeint, auch der in der weiten Ferne lebende andere.

Jesus spricht auch vom Barmherzigen Samariter, das Lukasevangelium im 10. Kapitel erzählt davon. Jesus verwendet das Gleichnis vom hilfsbereiten Samariter, als Beispiel, um die Frage zu illustrieren: Wer ist denn mein Nächster? Ich will hier nur aufmerksam machen, dass der barmherzige Samariter tatsächlich schon strukturelle Hilfe leistet: Er pflegt nicht nur die Wunden des Verletzten, er bringt ihn eine Herberge , bleibt bei ihm und bezahlt den weiteren Aufenthalt des Verletzten.

Stefan Gosepath, Philosoph in der FU, meint: Es gibt eine HILFSPFLICHT: Die unmittelbare Not eines anderen Menschen verpflichtet mich zu helfen, und zwar gilt diese Pflicht für nahe Menschen vor unseren Augen wie für Menschen in der weiten Ferne. Die Hilfspflicht geht von der Einsicht aus: Ich will, dass man mir in meiner Not tatsächlich hilft. Ich kann es nicht ertragen, wenn man mir in meiner Not nicht hilft. Daraus folgt: Auf Hilfe hat prinzipiell jeder Mensch als Mensch Anspruch, gerade dann, wenn er in einem Umfeld lebt, in dem humane Strukturen wenig ausgebaut sind.

Der Weltbürger sucht sich Kontakte, Partner, weltweit

Man kann wohl als einzelner Weltbürger hier nicht die Lebenssituation aller Menschen in Afrika oder wenigstens in einem Land zum Positiven verändern. Aber der deutsche Weltbürger kann sich sagen: Auch die fernen Leidenden, sagen wir in Bangui, Zentralafrikanische Republik, haben Anspruch darauf, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Es ist doch seltsam, dass dort wie fast überall in Afrika die wenigsten Menschen z.B. Zugang zu sauberem Trinkwasser haben, aber smartphones besitzen, auf denen sie den Luxus der Europäer der einstigen Kolonialherren, sehen und bewundern…

Der Kosmopolit, der Weltbürger, ist der sich ständig fortbildende Bürger. Er sucht, wenn möglich, persönliche Beziehungen zu Menschen in der „Ferne“, etwa in Afrika oder Lateinamerika..

Über den kleinen Horizont der Heimat und Nation muss jeder hinausschauen … und wahrnehmen: Es sind die von den reichen Nationen dominierten ökonomischen Strukturen, die das Leben der Armen – weltweit – behindern. Und in Afrika und Lateinamerika leben überwiegend „arm gemachte Menschen“. Diese ökonomischen Strukturen muss der Weltbürger öffentlich machen und freilegen. Und sich NGOs anschließen, die diese ökonomische Allmacht gewisser transnationaler Konzerne kritisieren, sich mit dem „transfairen Handel“ befassen usw… Es gibt also „Pflichten“ des Weltbürgers! Und es gibt Pflichten, sich zu informieren: Was die eigene persönliche Gesundheit angeht, informieren wir uns pflichtgemäß über Nebenwirkungen der Medikamente usw. Wir müssen uns auch informieren, unter welchen antihumanen Bedingungen Menschen in Afrika (vor allem Kinder) dafür sorgen, dass wir modernste (Elektro)Geräte in Europa und Amerika verwenden können.  Lesen Sie dazu den aktuellen Beitrag des Geographen Michael Reckordt in der SZ, klicken Sie hier.

Zu den Grenzen von bloßer Toleranz und dem „Multi-Kulti“

Weltbürgersein erschöpft sich NICHT in Toleranz: Toleranz bedeutet bekanntlich: Ich ertrage jemanden, dessen bestimmte Eigenarten ich eigentlich nicht mag, den ich aber aus gesetzlichen Gründen nicht aus meiner Heimat vertreiben kann; mit dem ich mich also arrangieren muss. Das ist eine ganz schwache Form des Miteinanders oder besser Nebeneinanders.

Hingegen: Weltbürgersein heißt: Der Weltbürger respektiert und schätzt die einzelnen Individuen, aber er liebt in ihnen auch die Menschheit, das Gemeinsame, das uns alle verbindet. Darum gilt: In jedem einzelnen leuchtet die einmalige Individualität auf und die allen gemeinsame Menschheit.

Die Frage ist, ob eine neue weltbürgerliche Welt-Gesellschaft ohne Formen der Veränderung des eigenen Lebensstandards hierzulande und bei den so genannten Eliten in den armen Staaten gelingen kann. Das Wort Verzicht hatte noch nie einen guten Klang, es wirkt altmodisch und zu spirituell. Aber wird ohne Verzicht bestimmter Kreise, auch mit Umverteilung des Reichtums, die Krise überstanden werden? Dabei ist es selbstverständlich, dass ein Millionär anders verzichten muss als ein Mensch aus dem Mittelstand. Mit anderen Worten: Ohne eine Neuordnung des Besitzes, etwa durch Steuern auf Vermögen und Erbschaft, wird eine weltbürgerliche Ordnung, die den Namen verdient, kaum realisierbar sein.

Auch der Begriff des „Multi-Kulti“ ist kritisch zu sehen: Er unterstellt die Anwesenheit vieler verschiedener Kulturen, die aber gerade nebeneinander leben und sich nur präsentieren, etwa bei einem Karneval der Kulturen. Die anderen können sich in ihrem eigenen, abgegrenzten Bereich austoben, ihre separate Kultur pflegen und sie mir in einer Show, Karneval der Kulturen etwa, zeigen. Aber es ist exotischer, ferner Charme, der sich da zeigt, der mich nichts angeht. Der Kosmopolit ist nicht in erster Linie ein Ästhet, sondern ein politischer Ethiker der Verbundenheit unter Gleichberechtigten!

Das Nebeneinander des Multikulturellen (in England etwa Kommunitarismus) sollte durch weltbürgerliches Miteinander über werden.

Die Überwindung der skandalösen Verteilung von Reichtum: Eine Aufgabe des Weltbürgers

Nur Zur Erinnerung: Acht Multimilliardäre besitzen ebenso viel an Vermögen wie die Hälfte der Weltbevölkerung. … Lauf Oxfam besitzt das reichste eine Prozent der Weltbevölkerung weit mehr als die restlichen 99 Prozent der Weltbevölkerung. Was folgt daraus für aufgeklärte Menschen: Es muss eine Umverteilung von Arbeit, Einkommen und Vermögen stattfinden. Die dumme und längst auch widerlegte Glaubenshaltung einiger Ökonomen, denen sich auch Mister Trump angeschlossen hat, heißt: „Der Markt richtet alles zum Guten, was den Reichen und Superreichen nutzt, wird am Ende allen nützen,“. Weil der Reichtum dann von oben, von den Milliardären, nach unten, zu den kleinen Leuten wie von selbst fließt. Dieser Glaubenssatz ist falsch, hat sich als dreiste Lüge erwiesen. Es muss auch darüber nachgedacht werden, in welcher Weise, nach demokratischen Regeln, Milliardäre enteignet werden zugunsten des Überlebens der vielen Millionen Hungernder.

Der kosmopolitisch Religiöse und der kosmopolitische Humanist

Zum Schluss nur der Hinweis, der später vertieft werden muss: Auch Religionen und Philosophien werden weltbürgerlich. Ich kann nicht mehr nur Christ sein, ich lerne – auch inhaltlich, von den Weisheiten anderer Religionen, verbinde mehrere Traditonen, werde also in gewisser Weise „multireligiös“. Auch Humanisten können nicht bloß europäisch-fixiert sein, sie lernen von nicht-europäischen Humanismen und (warum nicht auch religiösen) Weisheitslehren. Viele Religionen sind noch nationalistisch geprägt, sie leben in verengten Horizonten, spiegeln eher das Nationale und das Heimatliche als die Weite des Spirituellen, das überall lebt und überall anregend und aufregend ist.

Diese Hinweise sind nicht mehr als eine Einladung zum Gespräch und zum weiteren Nachdenken. Die Befreiung aus den starren emotionalen und rationalen Bindungen ans Heimatliche, Nationale und Nationalistische wird wohl dem einzelnen als einzelnen nicht so einfach gelingen. Darum: Die schrittweise Befreiung hin zum Weltbürger bedarf der Gesprächs- und Lerngemeinschaften, die wenigstens partiell auch politisch handeln, im Sinne des Kosmopolitischen. Solche Lern – und Lebensgemeinschaften (eigentlich sollten das christliche Gemeinden auch sein, aber die sind fixiert auf Fromme und Dogmatische und Traditionelle) sind förmlich ein „Gebot der Stunde“. Vielleicht wird die Philosophie noch einmal auch in der Hinsicht etwas belebend?

 Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 



An Fakten glaubt man nicht!

25. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Termine, Weiter Denken

An Fakten glaubt man nicht!

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

Die neue US – amerikanische Regierung unter Trump will der Öffentlichkeit einhämmern, dass sie allein weiß, was Fakten sind. Wir sollen Tatsachen (etwa: wie viele Leute bei der Amtseinführung Trumps dabei waren) in einer offiziell vorgegebenen Umdeutung als Glaubenshaltung akzeptieren. Glauben an die Machthaber soll Wissen ersetzen. Was kann der einzelne dagegen tun?

Es ist wirklich grotesk, was zurzeit im Weißen Haus in Washington geschieht. Es geht schlicht nicht, Faktenwissen zur Glaubensfrage zu erheben und dann auch noch über den richtigen Glauben durch willkürlichen Machtentscheid zu befinden. Was die Fakten sind, wie also sich etwas tatsächlich verhält oder verhalten hat, können wir wissen. Um solches Wissen können wir uns zumindest bemühen und das tun wir ja auch ständig. Deshalb recherchieren seriöse Journalisten, bevor sie mit einer Meldung an die Öffentlichkeit gehen. Auch die Wissenschaft, also das methodisch kontrollierte Bemühen um das Wissen, verlöre jeden Sinn, wenn das Wissen-Können durch ein Glauben-Müssen ersetzt würde.

Allerdings, worauf uns Trumps unverschämte Attacke auf die Freiheit der Medien und der Wissenschaft aufmerksam machen kann, ist, dass es Wissen und Glauben nicht nur zu unterscheiden gilt, sondern diese auch miteinander zusammenhängen.

Was wir wissen können, müssen wir auch wissen dürfen. Das ist die Basis einer freien und demokratischen Gesellschaft. Wo das Wissen, das möglich ist, nicht zugelassen oder unterdrückt oder schlicht per Machtentscheid zur Unwahrheit erklärt wird, haben wir es mit einer Diktatur zu tun. Das, was wir wissen oder zu wissen meinen, ist allerdings immer fraglich und umstritten. Ob hinsichtlich der Besucherzahl bei der Inaugurationsfeier die Medien oder die Trump-Leute Recht haben, muss geprüft werden. Das ist keine Glaubensfrage, sondern verlangt das Bemühen, herauszufinden, welche der strittigen Behauptung wahr ist. Jedes Wissen ist falsifizierbar, kann widerlegt werden. Von der Widerlegbarkeit des Wissens lebt die Wissenschaft. Die Bestreitung von Wissen will aber nie das Wissen durch einen Glauben, gar einen befohlenen Glauben ersetzen, sondern will ein zutreffenderes Wissen hervorbringen, herausfinden, was wirklich der Fall war oder der Fall ist, was also die Wahrheit ist.

Das Wissen kann und darf nicht durch den Glauben ersetzt werden. Gleichwohl ist das Wissen elementar auf den Glauben angewiesen, eben auf den Glauben an das Wissen-Können bzw. auf den Glauben an die Wahrheit. Wenn wir nicht mehr an die Wahrheit glauben und deshalb nach ihr suchen, ist kein kooperatives Zusammenleben mehr möglich.

Was kann der einzelne, was können wir tun, angesichts der empörenden Arroganz der Macht, die die neue US-amerikanische Administration demonstriert und mit der sie die Gefahr eines Endes der Freiheit der Medien, der Wissenschaft und damit der Demokratie heraufbeschwört?

Mir fällt nichts Besseres ein als zu sagen, es gilt ebenso treu wie trotzig am wahren Glauben, der ein Glaube an die Wahrheit ist, festzuhalten. Ermutigen kann uns dabei ein Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen!“ (Joh 8, 32)

In den USA spielen fundamentalistische christliche Organisationen leider eine über-große Rolle auch in der öffentlichen Propaganda. Ist Trumps Eintreten für den autoritär vorgegebenen Glauben, entgegen der Faktenlage, auch ein Produkt dieser Kultur verirrter Frömmigkeit?

Der wahre Glaube, der ein Glaube an die Wahrheit ist, begrenzt nicht das Wissen, schon gar nicht ersetzt er das Wissen. Der wahre Glaube stachelt zum Wissen an. Wer an die Wahrheit glaubt und dann sogar auch noch weiß, dass wir an die Wahrheit glauben müssen, der will immer mehr wissen, will herausfinden, was wirklich der Fall ist. Der wahre Glaube führt in den Streit um die Wahrheit. Dieser Streit aber muss mit besseren Argumenten und mit dem Verweis auf die Evidenz von Fakten ausgetragen werden.

Insofern ist der Vorgang, den der neue US-amerikanische Präsident darstellt, in der Tat auch ein Resultat der heillosen Verwirrung im Verhältnis von Wissen und Glauben, den die religiösen Fundamentalisten aller Couleur seit längerem schon anstiften. Die religiösen Fundamentalisten behaupten ja z.B. zu wissen, dass Gott die Welt in 6 Tagen geschaffen hat. Sie versuchen dafür geologische Beweise vorzubringen. Sie kennen keinen Glauben, der wirklich Glaube ist, Vertrauen in die Durchsetzung der Wahrheit, um die wir Menschen uns immer nur strebend bemühen können. Die religiösen Fundamentalisten behaupten, zu wissen, wo es recht eigentlich um das Glauben geht und sie glauben, wo sie sich um ein besseres Wissen bemühen sollten.

Der heillosen religiösen Verirrung, der die Fundamentalisten erliegen und in deren Bannkreis auch Trump und seine Leute stehen, ist leider nur mit religiös-theologischer Aufklärung zu begegnen.

Glauben und Wissen sind zwei unterschiedliche menschliche Haltungen der Wirklichkeit gegenüber. In welcher Beziehung zur Wirklichkeit hat Glauben, wohl immer verbunden mit fragendem Zweifeln, überhaupt Sinn und ist vernünftig vertretbar?

Je mehr wir wissen, wissen können und wissen wollen, desto dringender brauchen wir den Glauben, den wahren Glauben, der ein Glaube an die Wahrheit ist. Der Glaube an die Wahrheit treibt uns dazu an, immer mehr wissen zu wollen. Er führt uns in den Streit um die Wahrheit, eben weil mit ihm das Wissen verbunden ist, dass unser Wissen immer strittig bleibt. Ohne die Auseinandersetzung zwischen miteinander streitenden Wahrheitsansprüchen gibt es kein Wissen. Wissen ist auf Dialog und Dialektik angewiesen. Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr!

So gesehen macht dann das Glauben gerade dem, der wissen will und sich am Streit um die Wahrheit beteiligt, enorm viel Sinn. Unser Bemühen um das Wissen, herauszufinden, was wirklich ist, ergibt überhaupt erst in Verbindung mit dem Glauben an die Wahrheit einen Sinn. Würden wir nicht an die Wahrheit glauben, wären wir im Grunde alle in der Lüge gefangen. Dann träte aber auch genau der Zustand ein, in dem ein kooperatives menschliches Zusammenleben gar nicht mehr möglich ist.

Also, wer an der Möglichkeit des Wissen-könnens und damit an der Unterscheidung von wahr und falsch festhält, und das sind im Grunde alle, denen es um eine demokratische Verständigung über die unser Gemeinwesen betreffenden Angelegenheiten geht, der muss zugleich ganz stark glauben, muss an die Wahrheit glauben. Ja, die Wahrheit ist das, woran wir glauben müssen, weil wir sie selbst nicht wissen können. Die Wahrheit bleibt uns entzogen, letztlich unbegreiflich, ist aber gerade so das Ziel all unseres Streben nach Wissen. Diesen Glauben gibt es nicht ohne den Zweifel, eben weil er wahrer Glaube und kein Wissen ist, zu einem solchen auch niemals werden kann.

Statt vom Glauben an die Wahrheit können wir dann aber auch vom Glauben an Gott sprechen. „Gott“ ist das Wort für den unbegreiflichen Sinn des Ganzen. Wer wahrhaft an Gott glaubt – und nicht an einen zum Zwecke eigenen Machtstrebens aufgestellten und die eigene Größe demonstrierenden Götzen –, der strebt nach der Wahrheit, setzt sich argumentativ mit den Wahrheitsbehauptungen anderer auseinander, bleibt im Gespräch.

Wer nicht an Fakten, sondern an Gott als die Wahrheit glaubt, strebt nach der Wahrheit, indem er sie herausfinden will. Er behauptet nie, die Wahrheit zu besitzen und in der eigenen Tasche zu haben.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin, und Religionsphilosophischer Salon Berlin



„Bei Verstand bleiben“: Philosophie als Lebenshilfe in Zeiten politischer Verwirrung.Ein Salonabend

23. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Termine

„Bei Verstand bleiben“: Philosophie als Lebenshilfe in Zeiten politischer Verwirrung

Ein Salonabend am Freitag, den 24. Februar 2017, um 19 Uhr.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist ein Ort, in dem wir im selbstkritischen Nachdenken z.B. die Strukturen menschenwürdigen Lebens in der Gesellschaft reflektieren. In einer Zeit, die viele als tiefe Erschütterung und Verwirrung erleben, fragen wir: Kann Philosophie (noch) helfen? Und wenn ja, wie kann das (im Miteinander) gelingen? Bietet die Vernunft genug Widerstandsreserven gegen den vielen Unsinn, der heute nicht nur behauptet, sondern z.B. als Fremdenfeindlichkeit sich politisch leider durchsetzt? Können wir persönlich und politisch weiter kommen, wenn wir nicht ständig unsere Begriffe, unsere Denkkategorien, kritisch reflektieren? Ist in der Hinsicht nicht Philosophieren auch Lebenshilfe? Damit greifen wir die guten Traditionen der alten griechischen Philosophie wieder auf. Sie inspirieren! Aber wir müssen uns der heutigen drängenden Fragen stellen: Gibt es allgemeine und verbindliche philosophische Wahrheiten? Und warum ist die Anerkennung dieser verbindlichen Wahrheiten (man denke an den Kategorischen Imperativ) auch eine „Lebenshilfe“? 

Welchen Sinn hat die postmoderne Überzeugung, „alles ist Konstruktion“? Warum sind wir auf eine allgemein geteilte Anerkennung von Fakten angewiesen? Warum dürfen wir die Wahrheitsfrage (etwa bezogen auf Fakten) nicht der politischen Willkür der neuen populistischen Herrscher überlassen?

Wir treffen in der Kunstgalerie Fantom, Hektorstr 9 in Wilmersdorf.

Herzliche Einladung, weitere Hinweise zum Abend folgen. Anmeldung wie üblich an: christian.modehn@berlin.de 

Eine der besten Einführungen in die antike „Philosophie als Lebensform“ hat der französische Philosoph Pierre Hadot verfasst. Auf Deutsch gibt es unverständlicherweise keine Bücher mehr von ihm, ein Skandal. Ich habe 2009 eine immer noch lesenswerte Einführung in das aktuelle Denken Hadots geschrieben, zur Lektüre klicken Sie hier.



Trump wird von Immanuel Kant verurteilt

21. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Der Philosoph Immanuel Kant kann unter keinen Umständen die politischen Maximen von Mister Trump gelten lassen. „Make America great again“. Diese Maxime als Regierungsprogramm von Trump und Co. ist für den Philosophen Kant unvernünftig, unmenschlich, gefährlich. Denn: Wenn auch Deutschland diese nationalistische Maxime für die eigene Politik gelten lassen würde: „Macht Deutschland wieder groß“. Oder Österreich: „Macht Österreich(-Ungarn) wieder groß“. „Macht Spanien wieder groß wie einst im Kolonialismus“. Oder Russland:“Macht die Sowjetunion wieder groß“ usw.: Wenn dieser Maxime jeder Staat heute in einem neuen nationalistischen Wahn folgen würde, hätten wir schnell den totalen Weltkrieg. Darum: Diese Maxime als Regierungsprogramm von Mister Trump ist kriegerisch, ist gefährlich, sie gehört verboten zu werden. Kant sagt: „Diese kriegerische Maxime hat wie jede andere kriegerische Maxime kein Recht. Sie entspricht nicht der Würde der Menschen und der Würde der Menschheit. Sie gefährdet sogar letztlich Mister Trump. Diese Maxime ist für alle lebensgefährlich, sie muss sehr schnell überwunden und abgeschafft werden“. Kant kann nur diese eine US-Maxime ertragen: „Make America democratic and human again“. Oder auch: „Gestaltet Deutschland und Europa und die Welt so, dass die Würde und vor allem die Gleichheit aller Menschen respektiert wird“. Und Kant sagt: „Überprüft alle eure politischen Maximen am Kategorischen Imperativ. Dann entsprecht Ihr den Grundsätzen der Menschlichkeit“.

Zur Vertiefung dieser philosophischen Kritik an den politischen Maximen von Mister Trump siehe die Hinweise von Peter Sloterdijk oder Thomas Jefferson, klicken Sie hier.

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin



Wer sich abschottet, der stirbt. Zum „Philosophie Magazin“, Ausgabe Februar-März 2017

12. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer heute für eine immer größere Abschottung und Abgrenzung von „den anderen“, den „Fremden“, eintritt, schließt sich selbst ein, begibt sich in einen Raum, in dem es auf Dauer nichts mehr zu atmen gibt: Weil die anregende frische Luft fehlt, die es nur im Austausch, also in der Offenheit gibt. Wolfram Eilenberger, der Chefredakteur des „Philosophie Magazin“, bringt diese Erkenntnis auf den Punkt: „Nur wer offen ist, kann dicht bleiben“ (Seite 3). Diese „Mitte“ zwischen Offenheit und Abgrenzung erst formt die eigene Identität; diese Mitte ist je neu in unterschiedlichen Situationen zu finden. Jede Selbstbegrenzung ist allerdings immer schon – zumindest geistig – über die eigenen Grenzen hinaus, also auf die anderen bezogen. Abschottung, Nationalismus usw. sind ein Selbst-Widerspruch, und somit Unsinn.

Aber wie das so ist mit den philosophischen Erkenntnissen: Sie können als Maxime der eigenen Lebenshaltung nur dargestellt und empfohlen, nicht aber politisch durchgesetzt werden. Gegen bornierte Dummheit, als bequemer Gehorsam gegenüber populistischen Sprüchen der Politiker, hat Philosophie nur die Macht des Arguments und des Dialogs. Wer sich heute mit den sehr rechtslastigen Freunden der Abgrenzung, die sich etwa auch „Identitäre“ nennen, auseinandersetzt, der erlebt einmal mehr die politisch-praktische Schwäche des Denkens, der Philosophie. Vielleicht sollte sie sich mit Künstlern verbinden und verbünden: Der radikale demokratische Aktionskünstler Pjotr Pawlenski, Russland kritisiert den Wahn des Putin-Regimes mit dem schmerzhaften Einsatz seines eigenen Körpers (bis hin zum Zunähen der eigenen Lippen). Über ihn wird im „Philosophie Magazin“ berichtet.

Die Februar Ausgabe (2017) des inzwischen vielfach geschätzten philosophischen Magazins kann, wie immer bei der Philosophie, dem Leser, der Leserin, nur zu denken geben. Und das ist viel. Philosophie kann die üblichen Begriffe stören und den angeblichen gesunden „Verstand des Volkes“ bloßstellen. Nur so können Neu-Orientierungen beginnen. Und dazu bietet das neue Heft ein weites Feld fürs eigene Nachdenken: Sind die ganz großen Pop-Diven die letzten mythischen Lebewesen? Sind Björk, Adele, Beyoncé und die anderen etwa die Göttinnen der (angeblich) säkularen Welt? Kann die so vielfach geliebte japanische Cyber-Celebrity Hatsune Miko die japanische, zenbuddhistisch inspirierte Spiritualität neu beleben? Dass alles Illusion ist, das alles Leibliche und Greifbare, also Menschliches vergeht? Dieses Thema, die neuen Götter und Engel, die sich in der POP-Szene tummeln, könnte weiter ausgebreitet werden: Sind die säkularen Menschen also doch irgendwie (noch) fromm, brauchen sie HalbgöttInnen und Schutzpatroninnen (wie Beyoncé)? Können diese mythische und göttliche Rolle nur Frauen übernehmen? Ist die klassische, männlich geprägte Religion irgendwie dann doch am Ende, trotz oder besser wegen der aggressivsten Männlichkeit, etwa in fundamentalistisch islamistischen Kreisen? Wenn man Göttinnen (des Pop) erzeugen kann, darf man dann auch menschliches Leben künstlich erzeugen, wird gleich im Anschluss im Heft gefragt. Ist das menschliche Leben ein „Designobjekt“ (S. 36) ?

Angesichts der bevorstehenden Wahlen in Frankreich (im Mai ) ist die Reportage über die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz besonders interessant: Sie besucht die Stadt Sarcelles in der Nähe von Paris; dort hat sie als Jugendliche gelebt, dort gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen Juden und Muslims. Heute werde dort der Schein des guten Zusammenlebens aufrecht erhalten, meint Frau Illouz: Religiöse Juden und religiöse Muslime sind vereint in der Ablehnung des Laizismus, der als Trennung von Religionen und Staat immer noch ein entscheidendes (und in unserer Sicht richtiges) kulturelles und religiöses Merkmal Frankreichs ist. Beim Kampf (Demonstrationen und Polemiken) gegen die „Ehe für alle“ waren religiöse Führer aller Religionen (bis auf Protestanten, also Reformierte und Lutheraner) ökumenisch vereint.

Die Ehe für alle ist dann – Gott sei dank – doch Gesetz geworden. Für die konservativen Religionen, auch in Deutschland, ist das Thema allerdings nicht beendet….

Im offensichtlichen Sinne philosophisch sind die Beiträge über Epikur, da breitet Pierre Vesperini, Experte für antike Philosophie, die These aus: Epikur habe in seinem berühmten Garten so etwas wie einen religiösen Verein geleitet; eine These, der im Heft auch widersprochen wird. Dabei spricht vieles für die These des Philosophen Pierre Vesperini, Epikur habe wie die anderen großen Philosophen in Athen eine spirituelle Schule geleitet und sich selbst als religiösen Meister gesehen. Die religiöse Bedeutung der antiken Philosophieschulen hat ja auch Pierre Hadot in seinem umfangreichen Werk hervorgehoben, er ist sicher einer der besten Kenner. Etwa wenn er von den religiösen Exerzitien und geistlichen Übungen im Umfeld der griechischen Philosophen spricht. Der Beitrag verführt dazu, die Verbindungen der frühen Kirche mit der griechischen Philosophie weiter zu studieren: Etwa: Der Apostel Paulus hat in Athen den Dialog mit Philosophen auf dem Areopag gesucht, und in ihrem Sinne (so berichtet die Apostelgeschichte) allen Ernstes betont: „Da wir Menschen nun göttlichen Geschlechts sind…“ eine Formulierung, die auch an Epikur und andere erinnert. In der Theologie und der Philosophie ist leider auch die Tatsache der praktischen Hilfsbereitschaft der Philosophen für die frühe Kirche vergessen: Paulus hat nämlich in Ephesus zwei Jahre Unterkunft bei dem Philosophen Tyrannus gefunden und in dessen Schule gepredigt (!), weil der Apostel in der Synagoge nicht mehr reden konnte und wollte… (APG., 19, 8 ff.)

Erfreulich und inspirierend ist weiter, dass ein Interview mit dem umfangreichen Werk des Philosophen Hermann Schmitz (Kiel) bekannt macht: Schmitz ist der Begründer der „neuen Phänomenologie“: Sie will die Vielfalt subjektiver Erlebnisse, vor allem die unwillkürlichen Lebenserfahrungen, zur Sprache bringen und kritisch untersuchen, ein bislang oft übersehenes, schwieriges Unternehmen.

…..diese wenigen Hinweise können zeigen: Es lohnt sich wieder, das Philosophie Magazin zu lesen.

www. philomag.de

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

 



Zygmunt Bauman: Gegen die Propaganda von Angst und Panikmache.

11. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn

Professor Zygmunt Bauman, 1925 in Posen geboren, ist am 9. Januar 2017 in Leeds, England, gestorben. Viele werden sein umfangreiches Werk kennen und schätzen, es kann als soziologisch begründete, stets auch philosophisch interessierte Zeitdiagnose gelesen werden. Bauman sei ein „jüdischer Kosmopolit“, hatte 2014 noch Ulrich Beck treffend bemerkt.

Leider sind in Deutschland Baumans Bücher aus dem Jahr 2015 über Gott und die Menschen kaum bekannt: Zygmunt Bauman hat sich darin auf einen Dialog mit Stanislaw Obirek eingelassen, dem heute vor allem in Polen bekannten katholischen Dissidenten: Er war (als Kritiker der polnischen Kirchenmacht) bis 2006 Jesuit und ist jetzt Universitätsprofessor in Warschau. Ein Buch hat den Titel: „Of God and Man“, das andere „On the World and Ourselves“, beide sind in Cambridge, Polity Press, erschienen als Übersetzungen aus dem Polnischen. Beide Autoren entwickeln in dem Buch „Of God and Man“ ihre gemeinsame Position des Agnostizismus, als einer „Antithese zum Monotheismus und einer abgeschlossenen Kirche(nlehre)“. Sie sehen den Agnostizismus als Weg der Befreiung von einem blinden und arroganten Wissen zu einer eher zurückhaltenden Position des Zeugnisses von der Vielfalt menschlicher Wahrheiten.(„paths from the blind arrogance of the possessor of a single truth to the restraint of a witness to multiple human truths“…(2). Diese Haltung schließt nicht aus, dass auch das Wissen und die Weisheiten der alten Religionen inspirierend sein können in einer sich „säkular“ nennenden Gesellschaft. Lediglich der religiöse Fundamentalismus (auch in der polnisch-katholischen Form) wird zurückgewiesen. Beide Bücher sind ursprünglich für ein polnisches Publikum verfasst worden. Sie haben große Bedeutung auch angesichts der offenkundigen Krise bzw. der latenten Abschaffung der polnischen Demokratie, verursacht von der sich allmächtig fühlenden reaktionär-katholischen PIS-Regierung.

In philosophischer Hinsicht sind viele Themen Baumans bleibend aktuell, seine zentralen fragen: Wie destruktiv ist die Ratio der Aufklärung (im Blick auf den Holocaust)? Wie begegnen die westlichen Gesellschaften dem Zusammenbruch der alten rationalen Ordnungen? In wiefern ist die Moderne flüchtig, zerbrechlich, verschwimmend? Wo zeigt sich ein Halt in dieser Situation? Gibt es überhaupt noch eine Sprache, gibt es Begriffe, für diese neue Situation des globalen Wandels?

Ulrich Beck hat darauf hingewiesen, wie auch zentrale Begriffe Baumans zu weiterer (philosophischer) Reflexion auffordern: Etwa das Wort Überleben. Gemeint ist: Wenn ich überleben kann und darf, wurde ich aus einer größeren Gruppe von Todeskandidaten ausgesondert. Überleben hat also auch mit Selektion zu tun. Nur der Stärkere überlebt. Sind das Erkenntnisse, die auch in der Debatte über Flüchtlinge eine Rolle spielen? Auch viele Menschen in den westlichen Gesellschaften haben –etwa angesichts der vom Neoliberalismus bzw. Neo-Kapitalismus verursachten Krisen – die Überzeugung, physisch und psychisch nur noch zu „überleben“. Von einer eigenen, freien autonomen Lebens-Führung kann bei vielen Menschen selbst in der westlichen Welt keine Rede mehr sein.

Wichtig bleiben Baumans Überlegungen zu dem Trend, sich wieder in die eigene Nation abzukapseln: In seinem Buch „Flüchtige Moderne“ (Suhrkamp 2003) ist vor allem das Kapitel „Gemeinschaft“ wichtig. Nationalismus, so Bauman, lebt grundlegend vom Hass auf die anderen. Man will als Nationalist (Patriot) den eigenen Staat und damit das eng umgrenzt Eigene ausleben und feiern. Man fühlt sich nur noch in der Runde der mit mir Identischen, der Patrioten, wohl. Nur mit diesen Menschen will man verbunden sein, so entstehen Abneigung und Hass auf alle „Andersartigen“. Der Kommunitarismus wird aktiviert jetzt z.B. in Ungarn oder Polen,in Frankreich finden die nationalistischen Sprüche wie „La France d abord“ immer mehr Zustimmung. Mister Trump will die USA am liebsten einmauern als Lebensraum für die „richtigen Amerikaner“, die so weiß und christlich bzw. unchristlich wie er selbst sind. Für Baumann ist klar: Die Fixierung auf die vertraute, Fremde ausschließende Gemeinschaft führt zu einer gefährlichen „Verengung“ des ganzen Lebens, die sich in Aggressionen gegenüber den anderen nicht nur an der Grenze des Eigenen entlädt.

„Die Angst vor den anderen“ ist eines der letzten Essays von Zygmunt Bauman, bei Suhrkamp 2016 erschienen. Es zeigt, dass die europäischen Regierungschefs sich längst an die politische Lösung des ungarischen Nationalisten und Ministerpräsidenten Orban halten: Die Grenzen für Flüchtlinge zu schließen, auch durch den Einsatz von hohen Stacheldrahtzäunen. Bauman zitiert einen Artikel in der NYTimes vom 21. 12. 2015 an, der zeigt: Dass sich europäische Staatschefs „wenn auch nicht im selben hässlichen Tonfall an Orbans Politik angeschlossen haben“. Aber: „Diese Europäer verstecken ihre Botschaft feige oder scheinheilig hinter dem Schleier eines politisch korrekten Vokabulars“: Sie wollen als angeblich gute Europäer, aber sich oft versteckt gebende Nationalisten unbedingt die „Kontrolle über die Außengrenzen des Kontinents wiedergewinnen“: Dahinter stecke, so Bauman mit Michel Agier (einem der kenntnisreichsten Erforscher der mehr als 2000 Millionen Migranten) die Vorstellung, eine „Aufteilung der Welt in zwei große Weltteile (zu verfestigen): Auf der einen Seite eine saubere, gesunde und sichtbare Welt; auf der anderen Seite die Welt des dunklen, kranken und unsichtbaren Rests…. Flüchtlings-Lager werden nicht mehr dazu dienen, wehrlose Flüchtlinge am Leben zu erhalten, sondern unerwünschte Menschengruppen jeglicher Art zu parken und unter Bewachung zu halten“ (S. 88). Mit anderen Worten: Die Flüchtlingspolitik der zudem angeblich so christlichen und kirchlichen Europäer führt zur Sichtbarkeit eines (lange schon lebhaften) globalen Rassismus. Die Einwanderung, auch von Flüchtlingen, wird nicht mehr als positive, auch ökonomisch positive Entwicklung gesehen. Die Tatsache, dass einige Terroristen unter den vielen tausend Flüchtlingen sind, wird auch von den Medien, die darin den Politikern folgen, so sehr in den Mittelpunkt aller politischen Überlegungen und Entscheidungen gestellt, dass der Eindruck entstehen soll: Flüchtlinge sind a priori nur gefährlich, tendenziell gewalttätig. Wenn dieser falsche Eindruck weiterhin von führenden Politikern auch in Deutschland propagiert wird, weil sie sich der angeblichen Volksstimmung anpassen (ihrer eigenen Politiker Karriere willen), wird nur das Ziel des so genannten Islamischen Staates betrieben: Das Ziel ist: Angst zu schüren, Nationalismus zu fördern, die Gesellschaft im Westen zu spalten. Politiker, die heute Flüchtlinge nur als Gefahr ansehen, betreibe sozusagen in gewisser Weise unbewusst das Geschäft des so genannten IS. Können Argumente, können Gespräche, noch die Vernunft fördern, die darin besteht: Die Flüchtlinge als Chance zu sehen und in den Herkunftsländern tatsächlich für eine Verbesserung der politischen und ökonomischen Verhältnisse zu sorgen sowie hier die bestehenden (!) Gesetze zur Abwehr von Terroristen europäisch koordiniert anzuwenden. Momentan aber wird angesichts des Terrors weitgehend bewusst eingesetzte Panikmache betrieben. Und wie mit Selbstverständlichkeit wird der Wahn verbreitet: Sicherheit sei für den Menschen und die Gesellschaft immer wichtiger als individuelle und gesellschaftliche Freiheit. Wenn die Freiheit der Sicherheit geopfert wird, gibt es keine umfassend menschlichen Wesen mehr, für die die Sicherheit noch relevant sein könnte. Unfreie Menschen leben nicht mehr im emphatischen Sinne; sie überleben bloß noch, aber sicher. Bloß wozu noch? Um den autoritären Staaten und ihren autoritären Regierungen zu dienen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Trump widerstehen. Thomas Jeffersons Vorschläge und ein Hinweis von Peter Sloterdijk

3. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Ein Hinweis zum 20. Januar 2017: Mister Trump wird US-Präsident und er befindet sich als (zukünftiger) „Mauerbauer“ in bester Gesellschaft mit dem Mauerbauer Walter Ulbricht, DDR.

«Der Geist des Widerstands gegen die Regierung ist bei gewissen Gelegenheiten so wertvoll, dass ich mir wünsche, er möge immer lebendig bleiben. Ich mag ein bisschen Rebellion dann und wann. Sie ist wie ein Sturm in der Atmosphäre.»

Das schrieb der spätere US – Präsident Thomas Jefferson 1787 als Botschafter in Paris, in den Monaten vor der Französischen Revolution. Die Hoffnung der Menschen, die sich nicht nur ihre Vernunft bewahrt haben, sondern  – im Unterschied zu Mister Trump – auch einen letzten Rest von Anstand und Wahrhaftigkeit, werden auf diesen „Sturm des Widerstands“ gegen Trump hoffen und alle Möglichkeiten suchen, vernünftig den Geist des Widerstands gegen diese Regierung zu leben. Sie werden sich dabei nicht national einschließen, sondern auch die besonders Betroffenen, etwa die Mexikaner und Lateinamerikaner im allgemeinen, unterstützen im Widerstand gegen die verbrecherische Mauer, die Mister Trump an der Grenze zu Mexiko bauen will. Der letzte, der eine ganz große Mauer baute, war 1961 der kommunistische Diktator Walter Ulbricht. Trump ist also – wieder mal – in „bester Gesellschaft“.

Der Philosoph Peter Solterdijk schrieb am 24. November 2016 in „Die Zeit“, Seite 49, einen meines Erachtens eher wenig beachteten Text. Slolterdijk rechnet nämlich ganz schlicht damit, dass alsbald die Frage auftritt, wie man die Zeit nach Trump gestalten solle. Der Philosoph Sloterdijk schreibt dann: „Die Chance von Donald Trump, die ersten zwei Jahre seiner Amtszeit zu überleben, liegt vermutlich bei kaum mehr als zehn Prozent“. Slolterdijk nennt die USA weiter eine bloß hypothetische Demokratie, weil in dieser stets umstrittenen, „wackligen“  Demokratie der politische Mord eine, so wörtlich von Sloterdijk, „aktive Option“  ist. Im Falle eines Ausscheidens von Trump wäre dann Pence, der Vizepräsident, so Sloterdijk, der „richtige Trump-Nachfolger“… „Auf seine Mediokrität ist Verlass“.

Lassen wir diese heftigen Spekulationen Sloterdijks… Inspirierend sind auch die Überlegungen des US Literaturwissenschaftlers Mark Greif in der TAZ vom 14.1. 2017 Seite 03 veröffentlicht. Der ernstgemeinte Titel des erregten Autors Greif: „Ausflippen! Jetzt!“ Zur Lektüre des TAZ-Artikles klicken Sie hier.

Zur (hoffentlich eintretenden) Möglichkeit der Amtsenthebung des Herrn Trump als US-Präsident schreibt der Berliner Politologe Prof. Christian Lammert, klicken Sie hier.

Auch der Philosoph Immanuel Kant kann in der heutigen vernetzten Welt niemals der Maxime von Mister Trump zustimmen: „Make America great again“. Wenn auch Deutschland diese Maxime für die eigene Politik gelten lassen würde: „Mach Deutschland wieder groß“. Oder Österreich: „Mach Österreich(-Ungarn) wieder groß“. Oder Russland:“Mach die Sowjetunion wieder groß“ usw.: Wenn dieser Maxime jeder Staat heute in einem neuen nationalistischen Wahn folgen würde, hätten wir schnell den totalen Weltkrieg. Darum: Diese Maxime als Regierungsprogramm von Mister Trump ist kriegerisch, ist gefährlich, sie gehört verboten zu werden. Kant sagt: „Diese kriegerische Maxime hat wie jede andere kriegerische Maxime kein Recht. Sie entspricht nicht der Würde der Menschen und der Würde der Menschheit. Diese Maxime ist lebensgefährlich, sie muss überwunden werden“. Kant kann nur diese Maxime ertragen: „Make America democratic and human again“. Oder: „Gestaltet Deutschland und Europa und die Welt s0, dass die Würde und die Gleichheit jedes Menschen respektiert wird“.

Noch einmal, auch aus religionsphilosophischen Gründen, zurück zu Jefferson und nem Aufruf zum Widerstand: Jefferson war von 1801 bis 1809 der 3. Präsident Amerikas, er ist der Autor der Unabhängigkeitserklärung; ein einflussreicher Staatstheoretiker. Die Trennung von Kirche und Staat in den USA geht auf ihn zurück. Als Präsident nannte er für sich keine Religionszugehörigkeit, obwohl anglikanisch erzogen.

Interessant ist: Er zerschnitt seine Bibel, um die für ihn entscheidenden Textstellen für sich zusammenzustellen, Aussagen, die vor der kritischen Vernunft Bestand haben. Es entstand die „Jefferson – Bibel“. Er sagte: „Der Korruption des Christentums stehe ich in der Tat ablehnend gegenüber, aber nicht den wahren Prinzipien Jesu. Ich bin ein Christ in dem Sinne, wie Jesus es wollte.“ Als Propagandist für kirchenfeindliche Strömungen ist der dritte US-Präsident völlig ungeeignet.

Copyright: Christian Modehn Berlin



Für die Vielfalt, nicht nur im Glauben. Ein Interview mit Prof. Johan Goud, Den Haag

3. Januar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Interkultureller Dialog, Remonstranten Forum Berlin, Termine

Für die Vielfalt, nicht nur im Glauben

Ein Interview mit dem Theologen und Pastor der Remonstranten-Kirche Prof. em. Johan Goud (Den Haag):

Die Fragen stellte Christian Modehn

Zwei Fragen beziehen sich unmittelbar auf die Theologie: Die Freiheit ist entscheidend für Remonstranten, auch die Selbstbestimmung des einzelnen, seinen Glauben zu leben auf seine je individuelle Art. Haben deswegen die Remonstranten de facto kein allgemein verbindliches Glaubensbekenntnis? Ebenso gilt die weitere Frage: Was hält Remonstranten zusammen bei der akzeptierten Glaubens-Pluralität? Und warum ist Pluralität der religiösen Überzeugungen ein Vorteil?

Aber zunächst zur aktuellen politischen Situation in den Niederlanden, dort sind Parlaments-Wahlen am 15. März 2017, mit der Prognose, dass die populistische und rechtslastige Partei PVV stark wird): Was können Christen in den Niederlanden, was können Remonstranten, jetzt tun gegen Wilders und die PVV?

Johan Goud:

Diese Frage betrifft auch den Populismus, der sich im Augenblick in der ganzen Welt regt und der in den Niederlanden verbunden ist mit dem Namen Pim Fortuyn, er wurde im Mai 2002 von einem fanatischen Umwelt-Aktivisten ermordet. Der Populismus in Holland ist auch verbunden mit Geert Wilders und seiner Partei “Für die Freiheit” (PVV). Der Italiener Berlusconi, der Engländer Farage (Brexit), die Französin Le Pen, der Amerikaner Trump: Sie vertreten alternative, national bestimmte Varianten. Ich finde, es ist ein außerordentlich kompliziertes Phänomen, an dem von verschiedenen Gesichtspunkten aus mehrere auseinanderlaufende Sachen zu beobachten sind.

Zu den Hauptursachen in einem allgemeineren Sinne rechne ich: Die Aushöhlung und Ächtung der kritischen Informationsbeschaffung durch die ‘sozialen Medien’; die Zerstückelung der Gesellschaft durch den Zerfall der alten Gemeinschaftsverbände, d.h. der Kirchen, Gewerkschaften, politischen Parteien; die extrem schnelle Verwandlung der Gesellschaft durch moderne Technologien, infolge derer sich sehr viele an die Seite gedrängt fühlen (und oft auch faktisch arbeitlos gemacht worden sind).

Ursachen in einem eher spezifischen Sinne sind meiner Einschätzung nach – immerhin im Falle der Niederlande – die Privatisierung öffentlicher Dienste (wie der Energiebetriebe, der Post, der Fürsorge bedürftiger Mitbürger), aber auch die langjährige, politisch allzu “korrekte” Unterbewertung der multikulturellen Problematik. Die Folge der letztgenannten Fehlentwicklung werden besonders von den Bewohnern der ärmeren Viertel unserer Großstädte tagtäglich gefühlt und wahrgenommen.

Dies alles hat jetzt zu einer giftigen Mischung geführt, einer Mischung aus einer sich ‘national’ nennenden Nostalgie und Sehnsucht nach der vertrauten Gemeinschaftlichkeit der 50-er Jahre (die den meisten heute tatsächlich aber vőllig fremd und unbekannt geworden ist); intolerantes Verhalten den ausländischen Arbeitnehmern, den Asylbewerbern, den Flüchtlingen und jedem Fremden gegenüber; Aversion generell gegenüber unzuverlässig angesehenen Politikern und Akademikern – der ganzen verabscheuten Elite – und schließlich ein besinnungsloses Verlangen nach dem geträumten ‘starken Mann’, der ‘reinen Tisch’ machen wird.

Soweit meine Analyse, die wenig Neues enthält. Es ist aber insgesamt eine sehr traurig stimmende Geschichte. Falls wir nicht achtgeben und die gemachten Fehler korrigieren und adäquate Maßnahmen ergreifen, laufen wir die große Gefahr, daß unsere reichen, demokratischen Gesellschaften durch diese massive Unzufriedenheit tiefgehend zerrüttet werden.

Ich komme jetzt in die Nähe deiner Frage zu den Remonstranten: Was kőnnten sie tun, um diese heillosen Entwicklungen abzuwenden? Es ist klar, daß die Remonstranten eine radikal un-populistische Tradition vertreten. Die Ideale von Freiheit und Toleranz werden in der kurzen Prinzipienerklärung der Remonstranten nachdrücklich erwähnt. Sie wandten sich gleich in den ersten Dezennien der niederländischen Republik, die 1581 gegründet wurde, gegen unfreiheitliche Tendenzen in Kirche und Staat (etwa der weltweit bekannte Staatsrechtler Hugo Grotius oder der Theologe und Gründer der remonstrantischen Kirche, Johannes Uytenbogaert). Zu Beginn des 20sten Jahrhunderts waren Remonstranten ganz deutlich anwesend in der religiős-pazifistischen Bewegung (etwa der Theologe G.J.Heering, u.a. mit seinem 1928 erschienenen Buch “Der Sündenfall des Christentums; Eine Studie zum Christentum, Staat und Krieg”) und 1987 änderten sie als erste Kirche weltweit ihre eigene Kirchenordnung, damit die kirchliche Trauung homosexueller und lesbischer Ehepaare mőglich würde.

Zu den Fragen 2 und 3 sagt Johan Goud:

Das Ideal der Freiheit verbunden mit der Überzeugung, daß der Glaube im individuellen Menschen anfängt und daß diese elementare Freiheit respektiert werden soll, hat die Remonstranten tatsächlich gegenüber allgemeingültigen Glaubensbekenntnissen äußerst zurückhaltend gestimmt, wie von dir in deiner Frage zwei zu recht hervorgehoben wird. Aus mehreren Gründen haben die Remonstranten trotzdem solche Bekenntnisse formuliert, nämlich in den Jahren 1620, 1940 und 2006. Die Intention dabei ist aber sicherlich niemals gewesen, daß ein formuliertes Bekenntnis allgemeinverbindlich werde und die Gläubigen in ihrem eigenen religiösen Leben förmlich bestimmen oder gar gängeln sollte. Im Gegenteil. Wer zur remonstrantischen Kirche gehören will, schreibt sein persőnliches Glaubensbekenntnis. Und im Vorwort der őffentlichen Glaubensbekenntnisse steht jedesmal, wie auch in 2006: ‘Im remonstrantischen Glaubensverstehen ist es selbstverständlich, daß kein einziges Glaubensbekenntnis eine unwidersprüchliche Autorität besitzt. Die Absicht eines Bekenntnisses kann keine andere sein, als daß es ‘mit Vorsicht und in Liebe den Weg des Glaubens weist und erleuchtet’.’

Diese Reserviertheit gegenüber allgemein verpflichtenden Bekenntnissen kommt auch zum Ausdruck in den ersten Sätzen des Bekenntnisses von 2006: Sie sprechen zuerst vom Menschen, also nicht, wie in klassischen Bekenntnissen üblich, von Gott:

Wir sind uns bewusst und erkennen,
dass wir unsere Ruhe nicht finden
in der Sicherheit dessen, wozu wir uns bekennen,
doch in Verwunderung über das, was uns zufällt und geschenkt wird;

dass wir unsere Bestimmung nicht finden in Teilnahmslosigkeit und Habgier,
sondern in Wachheit und Verbundenheit mit allem, was lebt;

dass unser Dasein nicht erfüllt wird in unserem Sein und Haben, sondern in etwas unendlich Grösserem als wir erfassen können.

Durch dieses Bewusstsein geleitet, glauben wir an Gottes Geist,
der alles, was Menschen trennt, übersteigt
und sie beseelt zu dem, was heilig ist und gut,
auf dass sie, singend und schweigend,
betend und handelnd,
Gott ehren und dienen.

Vor diesem Hintergrund ist deine Frage drei ganz verständlich. Denn was hält diese Kirche als Glaubensgemeinschaft zusammen, wenn sie so explizit die konfessionelle Selbstbestimmung des einzelnen hervorhebt und sich zurückhaltend oder sogar ablehnend verhält zur Neigung aller religiősen Institutionen, “gierig” zu werden (um es mit dem bekannten Wort des Sozialpsychologen Coser zu sagen), also Gläubigen an die Institution zu fesseln und zum Konformismus zu zwingen? Ein wichtiger Punkt ist, glaube ich, daß unsere Prinzipienerklärung und auch diese zurückhaltenden Glaubensbekenntnisse eine von den meisten Remonstranten akzeptierte Orientierung in Worte fassen. Remonstranten stimmen im allgemeinen überein in dem Wunsch: Im Geiste der Prinzipien von Freiheit und Toleranz eine Glaubensgemeinschaft zu bilden, die die Bibel historisch-kritisch liest und Gott ehren und dienen will.

Remonstranten sind aber auch davon überzeugt, daß Pluralität im Glauben erforderlich ist, daß Vielfalt, mit anderen Worten, keinen Verlust, sondern einen Gewinn darstellt. Denn unter der Bedingung der Pluralität werden die vielfältig geprägten Menschen sich persőnlicher und bewußter auf diese Glaubensgemeinschaft bezogen fühlen. Außerdem wird sie dazu führen, daß diese Gemeinschaft keine uneigentlichen Barrieren aufwirft und keine Mauern errichtet zwischen Gläubigen, Andersgläubigen und Nicht-Gläubigen. Denn die Grenzen zwischen diesen Kategorien und Gruppen durchqueren jeden einzelnen von uns selbst. Es wäre unehrlich und es würde zur Intoleranz führen, wenn diese innere Vielfalt negiert bliebe.

Dies bringt mich zurück zu deiner übergreifenden Frage nach unserem Verhalten gegenüber Geert Wilders und seinem niederländischen Populismus. Was kőnnten Christen, was kőnnten Remonstranten dagegen tun? Vieles, glaube ich – aber bitte keine schőnen und eindrucksvoll formulierten Appelle, die nur von den schon lange Überzeugten ernstgenommen werden. Ich beschränke mich zu zwei Beispiele eher noch kleiner Projekte, die zu tun wären.

An erster Stelle geht es um Selbstkritik. Der neue “Allgemeine Sekretär der Remonstranten”, Joost Rőselaers, hat über mehrere Medien die Niederländer, besonders die gebildeteren Kreise, aufgerufen, Schluß zu machen mit der globalen Verurteilung des populistischen Trends und stattdessen Selbstkritik zu üben. Rőselaers war bis vor kurzem Pastor in London, an der Holländischen Kirche, die inmitten des Bankenviertels steht. Brexit, Trump und all die anderen halten uns einen Spiegel vor, sagt Rőselaers. Wir müssen beispielsweise in der Europäischen Union wieder zu dem kommen, womit alles einmal begann: zu den Idealen von Frieden und Solidarität. Warum haben wir die Aushöhlung dieser Ideale durch das Handeln der “Finanzwelt” nicht korrigiert? “Früher erklärten die Kirchen dir, was gut und schlecht war. Das ist innerhalb von 50 Jahren verschwunden; nun müssen wir selbst suchen, was gut und böse ist. Ich will nicht zurück in die Zeiten, als die Kirchen noch so viel Macht hatten. Aber wir müssen wohl zurückkehren zu einer Lebensform, die uns gut untereinander verbindet” (Joost Rőselaers).

An zweiter Stelle müssen wir die heillose Zweiteilung von Hochgebildeten und eher weniger Gebildeten überwinden. Ich habe meine Facebook-Freunde aufgerufen, sich dafür einzusetzen und habe aus dem Kreise dieser digitalen Freunde viele positive Reaktionen erhalten, zum Beispiel vom Islamologen Michiel Leezenberg und vom bekannten Autor Abdelkader Benali. “Es wird über diese genannte Kluft zu recht viel geklagt und auch über den sehr ernstzunehmenden Mangel, bei vielen in unserer Gesellschaft, an richtigen Informationen und Argumenten, die Fehler korrigieren. Die Gemeinschaftsverbände von einst, in denen die verschiedenen gesellschaftlichen Schichten einander begegneten, funktionieren nicht mehr. Was übrig bleibt sind die ‘social media’, die nur geben, was Menschen suchen. Diese ‘social media’ aber verbreiten auch vielen “Unsinn” (fakenews). Dies ist als eine der wichtigen Ursachen der Radikalisierung von rechts und links anzusehen. Also: Platziert mindestens einmal pro Woche einen Beitrag auf die Twitter-, Facebook- und andere Nachrichten-Sites, wo sich die heftigen, oft äußerst emotionalen und diskriminierenden Diskussionen abspielen. Reagiert da ruhig und entschieden, aber nicht moralisierend mit einem vernünftigen Beitrag. Ich habe da bis jetzt nur wenige Erfahrung gesammelt, zureichend aber, um zu wissen, dass diese kleine Initiative funktioniert und der Mühe wert ist”. (Johan Goud)

Ich sehe wohl, daß dies für viele eine nicht leichte Aufgabe ist, sich einzumischen in diese Art von Diskussionen, wo dir die populistischen Vorurteile um die Ohren fliegen. Aber ich denke, daß auf diesem konkreten und sehr dicht an den Problemen orientierten Niveau eine erste notwendige Antwort liegt auf deine Fragen. Nicht in der Sphäre von vollmundigen Erklärungen und Verurteilungen kommen wir weiter, sondern auf dem eher bescheidenen Niveau von Kommunikation und Argument.

copyright: Prof. Johan Goud

 

 

 



Die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche soll nun Friedenskirche heißen.

21. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Veröffentlicht am 21. Dezember 2016 um 18 Uhr.

Der Gottesdienst am Abend des 20. Dezember hat es gezeigt: Pfarrer und Bischöfe unterschiedlicher Konfessionen, Imame und ein Rabbiner können gemeinsam und in der – durch diese Praxis bewiesenen – Anerkennung der Gleichwertigkeit eine religiöse Feier, eine im umfassenden Sinne ökumenische Feier, gestalten. Diese interreligiöse Gedenk-Stunde (mit protestantischer Dominanz) fand in der „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ statt. So wurde ansatzweise (wo waren die Vertreter der Konfessionsfreien, etwa der Humanisten, wo Buddhisten usw. ?) eine Ahnung von dem vermittelt, was die wahre „Berufung“ dieser Kirche am Breitscheid-Platz ist, gerade jetzt, nach dem Terroranschlag des 19. Dezember 2016: Sie ist eine Friedens-Kirche, ein Friedens-Tempel für alle. Das heißt: Aus der „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche“ wird nun die „Friedenskirche“. Sie erhält den neuen Titel „Friedenskirche“. Ein traditionsreiches Kirchengebäude verliert seinen unsäglichen Titel (Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) und wird so förmlich „neu errichtet“.

So sehr die Menschen auch betroffen sind vom Terroranschlag auf die Besucher des Weihnachtsmarktes rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und so sehr sie leiden angesichts der Ermordung von mehr als 12 Personen und der zahlreichen schwer verletzten Opfer: Diese widerwärtige Tat eines – offenbar – total enthemmten religiösen Fundamentalisten darf nicht als Beginn eines „Kriegszustandes“ gedeutet werden. SPIEGEL ONLINE publizierte am 20.12. vormittags diese Einschätzung des Vorsitzenden der Innenministerkonferenz Klaus Bouillon CDU (Saarland). Darin ist er wohl nicht weit entfernt von rechtsextremen Kreisen; sie schwadronieren angesichts des Anschlags, wie zu erwarten, von einer „Kriegserklärung“ „des“ Islam auf „das Abendland“. Auf die sinnlose Debatte, was denn überhaupt ein Krieg sein könnte, wenn eine Partei den Feind („einzelne versteckte Terroristen“) gar nicht genau greifen, definieren und finden kann, wollen wir uns gar nicht einlassen. Einen „Krieg“ gegen einzelne Terroristen(gruppen) in Europa kann es „per definitionem“ nicht geben.

Weiter führt die Erkenntnis: Diese unmenschliche Tat fand im Schatten einer weltweit bekannten Kirche statt. Sie hat immer noch, den Titel „Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Offenbar ist der Name ihrer Kirche für die Gemeinde selbst und die Evangelische Kirche in Berlin insgesamt aber durchaus peinlich. Denn sie verwenden oft, etwas verschämt, nur noch den völlig nichts sagenden Titel „Gedächtniskirche“ oder gar nur die drei banalen Anfangsbuchstaben KWG.

Tatsächlich kann sich jeder etwas historisch Gebildete nur peinlich berührt fühlen, wenn er sich an den Titelgeber dieser berühmten Kirche tatsächlich erinnert und dann noch im Schatten dieser Person in diesem Gotteshaus singt und betet: Kaiser Wilhelm der Erste (geboren 1797, gestorben 1888) war nicht nur König von Preußen, sondern seit 1871 auch Deutscher Kaiser. Und er war ein begeisterter Kriegs-Herr und stolzer Sieger über den Erzfeind Frankreich im Jahr 1871. So verfügte Wilhelm II. als oberster Chef der evangelischen Kirche, dass eine neue Kirche in einem Zentrum Berlins, im „alten Westen“, zu Ehren Wilhelm I. gebaut werden sollte. Unbescheidenerweise fand die Grundsteinlegung an Wilhelm I. Geburtstag, also an einem 22. März des Jahres 1891 statt. Und noch pikanter: Für die Einweihung der prächtigen Kirche im neoromanischen Stil hatte Wilhelm II. den so genannten „Sedan-Tag“ gewünscht, also das deutsch-nationalistische Gedenken an die Kapitulation der französischen Armee am 2. September 1871 in der Stadt Sedan. Militärische Siege, erkauft mit massenhaften Sterben von Soldaten und Zivilisten, sollten von vornherein den Glanz dieser Kirche verstärken. Sie ist also selbst noch mit dem banalen Titel „KWG“ architektonischer Ausdruck einer militaristischen, staatskonformen Theologie. Man möchte beinahe zynisch werden und sagen, Gott sei Dank wurde diese Kirche im 2. Weltkrieg zerstört. Denn mit ihr ging, symbolisch, die – eigentlich seit Luther – skandalöse Kirche-Staat-Einheit in die Trümmer. Aber ein Turm blieb ein bisschen erhalten und er wird als Ruine ständig weiter gepflegt. Der sehr gelungene Kirchenneubau durch den Architekten Egon Eiermann (die Einweihung fand am 17. Dezember 1961 statt) behielt aber wieder den Titel Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche. Dass die Gemeinde eigentlich den Frieden und nicht den Kriegsherren Kaiser Wilhelm I. verehren will, ist ansatzweise wenigstens schon jetzt offenkundig: Es wird die Zeichnung eine „Stalingrad-Madonna“ ausgestellt, sie erinnert an den Tod deutscher UND russischer Soldaten.

Nun ist aber angesichts der Terror-Attacke vom 19. Dezember 2016 der Moment gekommen, der Kirche insgesamt, auf dem zentralen Breitscheid-Platz, einen neuen Namen zu geben. Ein Symbol mit einem neuen Namen muss der Gewalt auf diesem Breitscheid-Platz widerstehen! Übrigens: Rudolf Breitscheid war als SPD Politiker Widerstandskämpfer, er ist im KZ Buchenwald ermordet worden. An diesem zentralen Platz in Berlin also, wo sich so viel Schrecken und Leiden am 19.Dezember ereignete, muss eine Kirche präsent sein, die zu Mord und Totschlag und Terror schon im Titel NEIN sagt: Und dies kann nur eine Kirche sein, die Friedens-Kirche heißt. Kaiser Wilhelm war Kriegs-Treiber. Also: Weg mit ihm aus der religiösen Erinnerung.

Seit dem 19. Dezember 2016 gibt es also keinen Grund mehr, sich in einem Gotteshaus an den Kriegsherren Kaiser Wilhelm I. zu erinnern. Dieser Herr und Kirchenfürst hat ausgedient; er darf nur noch historisch-kritisch studiert werden, er darf nicht länger mehr „Namenspatron“ einer Kirche sein.

In der Friedenskirche auf dem Breitscheid-Platz können dann weiter, wie schon am 20.12., interreligiöse Friedensgebete und Friedensfeiern und Friedensdiskussionen stattfinden, selbstverständlich auch mit jüdischen und islamischen Gemeinden oder auch mit buddhistisch-Frommen und den in Berlin so zahlreichen humanistisch Engagierten. Friede ist etwas Universales. Eine Friedenskirche darf nicht konfessionalistisch verengt sein.

Kaiser Wilhelm ist, Gott sei Dank, in seinem Sarg fest eingeschlossen. Sein Gespenst huscht nicht mehr durch die Kirche auf dem Breitscheid-Platz. Leben soll dort nur der Friede, der von allen Menschen gesucht wird. Diese neue Friedenskirche wird dann auch ein beliebtes Zentrum für Dialog und Toleranz werden.

Zudem: Der Verzicht auf den unsäglichen Kaiser-Wilhelm-Titel wäre ein toller Beitrag im Luther – und Reformationsgedenken 2017. Da würden die Stadt Berlin und die Menschen im ganzen Land spüren: Die evangelische Kirche bewegt sich etwas, sie denkt mit; sie setzt Zeichen des Lebens auch dadurch, dass sie sich – endlich – von historischen Schrott-Titeln trennt. Damit wäre im Reformationsgedenken 2017 ein Weg geöffnet, über viele andere unsägliche Namen evangelischer Kirchen nachzudenken: Was soll eine „Königin-Luise-Gedächtniskirche“? Was bedeuten so banale Namen wie „Auenkirche“ oder „Kirche am Seggeluchbecken“, um nur weitere Titel aus Berlin zu nennen? Gibt es denn keine ökumenischen Vorbilder oder Heilige? Ist die Kirche an Vorbildern so arm?  Je mehr man allerdings „die Gedächtnis-Kirche“ auch als banalen Titel so toll und wunderbar findet, wird die Gedankenlosigkeit nur befördert.

Copyright: Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon Berlin.

 



Was ist uns noch heilig? Hinweise von Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon am 14. 12. 2016.

18. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Ein Vorwort zu einem etwas längeren „Hinweis“, der für den Religionsphilosophischen Salon am 16.12. 2016 vorbereitet wurde.

Wir treffen uns hier in einer Zeit, in der so wenig, fast nichts möchte man meinen, als heilig, d.h. als erhaben und unantastbar gilt und als das „Unantastbare“ und „Erhabene“ auch respektiert wird. Das „Contra-Heilige“ als das Unmenschliche und Unheil zeigt seine widerwärtige Fratze. Es bedroht uns im Alltag. Aber es ist keine anonyme Urgewalt eines anonymen Bösen. Es sind vielmehr Menschen, die sich in ihrer Freiheit für das Böse entscheiden, also gegen die Heiligkeit ihrer eigenen Person und der Heiligkeit und Unantastbarkeit aller anderen Menschen. Wenn Unheil religiös motiviert wird, muss diese so genannte Religion als Ideologie zurückgewiesen werden. Nur Religionskritik rettet das Heilige heute. Aber wenn sich das Unheilige und das Unheil offenbar immer mehr bemerkbar machen: So wollen es eben die Machthaber, die Börsenjongleure, die Waffenhändler, die Menschenhändler, die Nationalisten allerorten, die einzige ihren privaten (materiellen oder ideologisch verblendeten) Vorteil suchen. Denen sind wir offenbar hilflos ausgesetzt und deren Wahn und Inkompetenz ertragen wir leidend: Aber dagegen müssen wir uns mit schwachen Kräften wehren, und diese Widerstandskräfte finden wir in der Vernunft, der Religionskritik, der Ideologiekritik, der Fürsorge, der Vorsicht, der Achtsamkeit und Empathie und im politischen Widerstand. Die Gewalt der Waffen muss die „letzte Möglichkeit“, dann aber rechtzeitig eingesetzt werden. Heiliges wird heute im Widerstand gewonnen und geschützt.

Mit dem offensichtlichen Verlust des Heiligen als des unbedingt zu Schützenden-Menschlichen ist also nicht etwa der mögliche Verlust des verzückten Erschauerns beim Betreten einer gotischen Kathedrale gemeint. Vielmehr, noch einmal gesagt, ist gemeint: Es ist der Verlust des Respekts vor dem absolut unantastbaren Leben eines jeden Menschen. Diesen totalen Verlust sehen wir entsetzt und verzweifelt im Blick auf das Abschlachten in Syrien, etwa in Aleppo. Dieser Name Aleppo wird in gewisser Weise ein so ungeheuerliches, die Menschheit entehrendes Symbol bleiben wie der Name Auschwitz. In mehreren Hinsichten haben Aleppo und Auschwitz etwas gemeinsam: Es handelt sich um die totale Niederlage der humanen Vernunft, um die Niederlage einer Politik auch von Staaten, die sich demokratisch nennen. Aleppo als Symbol der Niederlage der Menschlichkeit und der Menschheit zeigt: Die so oft propagierte Erinnerung an Auschwitz hat nichts bewirkt, zumindest nichts bei den Politikern. Dabei ist Aleppo uns geographisch gesehen so nahe, es liegt fast in unserer Nachbarschaft: 2.594 Kilometer Luftlinie sind es von Berlin nach Aleppo, das sind 1000 Kilometer WENIGER als von Berlin ins beliebte „Ferienparadies“ Gran Canaria.

Unser heutiges Thema in unserem religionsphilosophischen Salon „Was ist uns noch heilig“ hat also eine starke, auch politische Aktualität. Und wenn wir etwas Heiliges für uns noch entdecken, wird dies etwas Sinnstiftes, etwas „Trotz allem“, sein, etwas, das uns einen bleibenden Horizont des Guten erschließt, vielleicht etwas Ewiges, grundlos Gründendes, das „da“ ist, auch wenn es so wenige Menschen respektieren. Dazu mehr unter Nr. 8.

  1. Profanes und Heiliges. Wenn Menschen „Heiliges“ machen.

Es gibt unterschiedliche Erfahrungen, die uns „nach“ dem Erleben besonderer Art zur sprachlich gestalteten Überzeugung führen: „Da ist mir etwas Heiliges begegnet. Ich habe Heiliges erlebt“. In unserer Welt-Erfahrung müssen wir das Heilige nicht von vornherein zu hoch ansetzen, nicht in den fernen Himmel schieben. Sondern das Heilige hier bei uns auf einfache, ich möchte sagen, fast alltägliche Art „erden“. Diese alltägliche Erfahrung des Heiligen kann die Erfahrung von grundlegender Geborgenheit sein und angstfreier Ruhe und von Trost; aber auch von Erschütterung; von dem Gefühl, etwas Außergewöhnlichem, Glanzvollem oder auch Schauderhaftem begegnet zu sein. Und das ist schon ein intensives Erleben, auf das später noch im Zusammenhang mit Rudolf Otto hingewiesen wird.

Immer ist es wohl so, dass wir das Erlebnis des Heiligen dann doch in Abgrenzung vom Alltäglichen und Gewöhnlichen verstehen, als das Andere zum üblichen und monotonen Lauf des Lebens, das sich zwischen Aufstehen und Waschen und Essen und Arbeiten und Schlafen abspielt, wenn wir an unsere feine bürgerliche Existenz denken und nicht dem Alltagsrhythmen der Ausgehungerten ausgesetzt sind, etwa in den Slums afrikanischer Großstädte. Diese Menschen erleben den Alltag oft nur als Schreckliche, das möglicherweise in den Hungertod führt.

Die Reflexion auf das Heilige muss also stets politisch-kritisch bleiben, muss wissen: Wenn wir hier im reichen Europa über das Heilige nachdenken, ist diese Reflexion in gewisser Weise auch Teil des Luxus, an dem wir hier – mit welchem Recht eigentlich gegenüber den Verhungernden? – teilhaben…

Das Heilige ist also für uns auch als das Andere zu verstehen gegenüber dem Banalen und Primitiven, dem Hässlichen und Gewalttätigen, dem Ordinären, dem herrschsüchtigen Denken, das nur an eigenen materiellen Vorteilen Interesse hat. Diese Welt kann man das Profane nennen.

Aber das ist nur die eine Seite: Profan kommt ja aus dem Lateinischen, das Wort enthält zwei Begriffe: Pro und Fanum, also: örtlich verstanden, „vor“ dem Heiligtum gelegen. Also, in diesem Denken, noch außerhalb einer abgesonderten sakralen und besonderen Welt gelegen. Profan bedeutet darum auch alles, was mit Wissenschaft zu tun hat, also mit Logik, Technik und Denken und Rechtsprechung, Essen, Reisen usw. Und dieses genannte Profane, Weltliche, Laizistische, ist schützenswert! In diesen Bereichen sollen Gesetze gelten, die für alle Menschen gelten und für alle nachvollziehbar sind. Profanes ist also keineswegs Banales.

Aber wie zeigt sich denn in unserem alltäglichen Umgang in der profanen Welt, im Umgang mit den Menschen und den Dingen, dieses Andere, das wir das ganz Andere, das Heilige bezeichnen?

Ich meine, Zugänge zum Heiligen sollten wir in unserem tätigen Leben in der Welt suchen, immer dann, wenn wir etwas Bestimmten höchste Aufmerksamkeit und höchstes Interesse zuwenden, wo wir sagen, dieses Ding oder jener Mensch hat für uns höchste Bedeutung: „Dem opfern wir fast alles. Dem wollen wir uns hingeben, verbunden sein. Für das wollen wir uns aufopfern. Das wollen wir unbedingt schützen…“

Diese „Hochschätzungen“ sind natürlich ihrerseits gefährlich, weil sie zu Vergötterungen von Dingen und Menschen führen. Man denke an das heilige Auto, das heilige Fußball“spiel“, die heiligen Ikonen, also diese Stars und Sportler und beinahe vergötterten Politiker. Das sah man beim Hitler-Wahn, das sieht man wieder, wenn man Vergötterungen von Wählern des Herrn Trump bei öffentlichen Massenveranstaltungen sieht, da wird ein „Heilsbringer“ gefeiert.

Die Menschen überhaupt leisten sich ständig diese Vergötterungen des Dinghaften oder der Menschen, diese behindern die Freiheit, schränken ein, verhindern das fragende Suchen nach dem, was wirklich den Titel „heilig“ verdient. Trotzdem kommen wir ohne von uns selbst gesetzte zentrale Mittelpunkte in unserem Leben nicht aus. Aber diese Mittelpunkte als nicht-heilige Lebens-Zentren sollte es immer im Plural geben und sie sollten im Laufe des Lebens sich oft ändern, um unserer eigenen Freiheit willen. Selbst Gott, der uns immer nur als selbstverständlich wandelbares Gottesbild gegeben ist, wandelt sich hoffentlich für uns in unserem Leben … zu immer größerer (mystischer) Reife…

Heiliges ist also zunächst etwas, das von uns Menschen konstruiert , „gemacht“, wird. Und dieses von uns gemachte „Heilige“ muss kritisch befragt werden und mit dem authentisch Heiligen konfrontiert werden. Nur deswegen kann man und muss man philosophisch selbstverständlich Heiliges kritisieren und Scharlatane, oft vom Vatikan „Heiliggesprochene“, entlarven, wie den Volksheiligen und angeblich stigmatisierten Padre Pio in Süditalien oder Theresa Neumann von Konnersreuth, um nur mal zwei populäre Beispiele aus dem katholischen Raum zu nennen.

2.  Wenn Heiliges profaniert wird und Profanes heilig wird.

Wichtig ist, dass es Übergänge gibt vom Profanen zum Sakralen und vom Sakralen zum Profanen. Auf diese Übergänge hat der italienische Philosoph Giorgio Agamben in seinem Aufsatz „Lob der Profanierung“ hingewiesen. Wichtig bei seinen Überlegungen scheint mir in unserem Zusammenhang zu sein: Agamben unterscheidet Profanierung von Säkularisierung: Wenn ein Herrscher, etwa König Ludwig XIV., sich göttliche Qualitäten zuspricht, was der Fall war, ist das eine Säkularisierung, also eine Verschiebung des Göttlichen von Gott auf einen menschlichen Herrscher. Die Aura des Göttlichen mit allem Pomp usw. wird dem Menschen übergeben. Die Aura des Göttlichen besteht also beim Menschen fort.

Hingegen: Wenn Heiliges profaniert wird, dann wird es in den allgemeinen menschlichen Gebrauch gesetzt: Man denke an eine Kirche, die ausgeräumt und in eine Buchhandlung oder eine Kneipe umgebaut wird. Da wird etwa eine tatsächlich heute als hässlich empfundene (evangelische) Beton-Kirche von 1955 nicht mehr für Gottesdienste benutzt, die Bänke und der Altar werden entnommen und es zieht eine Buchhandlung oder eine Kneipe ein. Manche Gemeindemitglieder sehen dann noch immer die alten Gemäuer, vielleicht ein buntes Fenster von einst mit dem heiligen Geist (eine Taube) in roten Farben, während sie gemütlich ihr Bierchen trinken. Manche werden dabei nostalgisch…Dies sind die heute so zahlreichen Profanierungen. Hingegen kann eine profanierte (zum Beispiel verfallene) Kirche auch wieder zurückverwandelt werden in ein so genanntes Gotteshaus. Agamben will darauf hinaus: Es gibt Wechselbeziehungen zwischen Sakral und Profan. Wenn das Sakrale profaniert wird, dann wird das im Sakralen Erlebte aus der Ecke des Besonderen, des Heiligen, befreit und dem allgemeinen Gebrauch zurückgegeben, siehe Profanierung von Kirchen (Gotteshäusern) oder Formen des Spiels als Profanierung des Ritus. Die Frage ist: Wo und wann gibt es in unserem Leben diese Übergänge?

Nebenbei: Nur der Kapitalismus schafft etwas Heiliges und Unberührbares. Dies ist der Konsum und das ständige Wachstum der Wirtschaft /Geldvermehrung der Kapitalisten: Diese absolute und alternativlos genannte, also heilige Struktur des Kapitalismus darf laut Kapitalisten nicht profaniert, also aufgelöst werden: Ein profanierter heiliger Kapitalismus wäre das Ende des Kapitalismus…

Weitere Beispiele für den Übergang von Profan zu Heilig: Eine lang andauernde Wanderung durch die Natur und die umgebenden kleinen Dörfer kann von den Teilnehmern als Weg zum Wesentlichen, zur meditativen Haltung, also als Pilgerweg verstanden und gedeutet werden. Oder: Ein schlichter Kellerraum kann von Jugendlichen als Treffpunkt gewählt werden, in denen sie Poesie, Musik, vielleicht Gebete, vortragen und dann gemeinsam meditieren. Und so bekommt der profane Kelleraum eine oft kurzfristige heilige Bedeutung, der Ort wird schützenswert. Jesuanisch gesagt: „Wo zwei oder drei Menschen in „meinem Namen“ versammelt sind (also unter göttlicher Obhut stehen), bin ich mitten unter ihnen“…

3.  Wenn Katholiken „Heiliges“  und Heilige schaffen.

Es ist wichtig, auf konfessionelle Unterschiede hinzuweisen: Protestantische Kirchen gelten für Protestanten selbst nicht als heilig, diese Gebäude sind also leichter zu profanieren als katholische Kirchen, die als Gotteshäuser gelten, also als eigens geweihte, Gott übergebene, Gebäude. Die Weihe von katholischen Gebäuden und katholischen Personen, etwa Priesterweihe oder Jungfrauenweihe oder auch die Weihe von Altären für den Gottesdienst, ist in innerhalb der katholischen Kirchen selbstverständlicher Teil der Lehre. Sie schafft damit den abgegrenzten sakralen Raum, vor allem auch mit eigenen „sakralen“ Rechten, die gegenüber bürgerlichen Rechten den Vorzug haben (sollen, behaupten die Kleriker)! Man denke an die eigene Rechtsprechung für katholische Laienmitarbeiter, die innerhalb der Kirche nicht offen homosexuell-„verpartnert“ leben dürfen: Sonst werden sie von der Kirchenführung entlassen. Die staatliche Rechtsprechung in Deutschland respektiert –für mich unverständlicherweise – diese katholischen Sonderrechte.

Die katholische Kirche schafft also heilige Räume und heilige Orte und heilige Menschen, die abgesondert sind von der profanen Welt. Nach Umbau oder Zerstörung von Kirchen muss diese Kirche, wenn sie wieder für Gottesdienste genutzt werden soll, neu geweiht werden: Denn sie war profan, muss also explizit in die Sakralität zurückgeführt werden. Es ist interessant, dass aufzugebende katholische Kirchen niemals direkt in Moscheen umgewandelt werden dürfen. Das wirft ein Licht auf den viel beschworenen Dialog der Religionen. Da hat das katholische Rechtsbuch, der „Codex Iuris Canonici“ § 1222, Klarheit geschaffen: Der Bischof kann die Kirche einem profanen Gebrauch übergeben, aber so wörtlich, einem „nicht unwürdigen Gebrauch“. Das wird gleich zweimal in Absatz 2 dieses Paragraphen, gesagt.

Ein Beispiel: In Amsterdam, an der zentral gelegenen Rozengracht, gab es bis 1971 die katholische Kirche „de Zaaier“, der Sämann, von Jesuiten geleitet. Diese Kirche wurde 1927 errichtet, 1971 dann verkauft, aber nicht an eine muslimische Gemeinschaft, sondern an das Teppichzentrum „Nederlandse Tapijt Centrale“. Und erst durch diese offenbar „würdige“ (?) (kommerziell ertragreiche?) Zwischennutzung konnte die ehemalige Kirche dann weiterverkauft werden an die türkische muslimische Gemeinschaft, die nun über den Umweg sozusagen, die „Fatih Moschee“ dort zur Verfügung hat. Wer das Gebäude von außen betrachtet, wird angesichts der beiden Türme immer noch an die Kirche „Der Sämann“ erinnert… und Innen entdecken Kenner immer noch Elemente der katholischen Kirche.

Die katholische Kirchenführung kann durch ihr eigenes Gesetz Dinge und Menschen der profanen Welt entnehmen und in einen Sonderraum, einen heiligen Raum, überführen. Theologen werden zu Priestern geweiht. Darum ist auch der Austritt aus der heiligen Priesterschaft eine Profanierung. Der „Ex-Priester“ gilt als „Abgesprungener“, als Herausgefallener aus der heiligen Priesterwelt, mit ihren eigenen Gesetzen. Er muss sich nun selbst sehr profan um seinen Lebensunterhalt kümmern und lebt nicht mehr (rundum gesichert) von Spenden (Kirchensteuern) der Gläubigen.

In meiner Sicht ist also das Heilige keineswegs nur das Seltene und Außergewöhnliche oder das Wunderbare, das uns mit Blitz und Donner und Katastrophen förmlich aus der Balance wirft und uns den Boden entzieht und in himmlische Sphären versetzt. Dieses verstörende Monströse oder auch, je nach dem, strahlend Glänzende, kennen wir eher aus science-fiction-Filmen als aus der Realität. Oder stimmt das doch nicht so ganz?

4. Rudolf Otto: Das Numinose und das Heilige

Für das Heilige als einer objektiven „Sonderregion“ in unserer Welterfahrung tritt Rudolf Otto ein, der protestantische Religionswissenschaftler, in seinem ziemlich weltbekannten Buch „Das Heilige“ von 1917: Der Untertitel ist bezeichnend: “Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen“.

Irrational meint bei Rudolf Otto eine Art Gefühl des großen Zusammenhangs. Dieses Gefühl hat nicht die Bedeutung, gegen die vernünftige Einsicht zu sein. Otto will das Rationale am Heiligen erweisen. Er möchte angesichts der profanen und banal erlebten Welt einen Sonderbereich in dieser Welt förmlich erweisen und dadurch als etwas ganz Eigenes retten: Nämlich das Heilige, das er für alle (!) Religionen geltend behauptet. Dabei sieht er durchaus Entwicklungen im Sinne des Fortschritts: Es gibt für ihn primitiv Erfahrenes Heiliges und „den Vollklang“, wie er sagt (S. 134), also die höchste Entwicklung, die er – wie zu erwarten – im Christentum sieht. Wichtig ist seine These; Religiöses und Heiliges sind für ihn etwas „Artbesonderes“, also ganz Einmaliges und Abgesondertes. Darüber wird zu diskutieren sein!

Weil aber das Heilige als Begriff vielfältige und populäre Inhalte hat, spricht Otto eher auch vom Numinosen, als einer besonderen Qualität in Objekten der Außenwelt, also außerhalb des Ichs, des Subjekts usw. erscheinend. Das Numinose ist für Rudolf Otto das schauervolle Geheimnis, das Wild-Dämonische, das zur Verzückung und Ekstase führt. Der Mensch erlebt sich angesichts dieser schauervollen Welt (die, so wörtlich, „Gänsehaut“ erzeugt) als klein, als kreatürlich, als unbedeutend usw. Wenn der Mensch dieses abgegrenzte Heilige erlebt: Dann erfasst ihn ein Schauer, ein Zittern, er erlebt Furcht und fühlt sich gleichzeitig angezogen von dem Ungeheuerlich-Wunderbaren. Otto spricht von dem Tremendum und dem Fascinosum. Es ist eine Art Gruseln, das sich beim Menschen zeigt…

Das Numinose hat noch keine Struktur, die zum Denken führt und es ist noch offen in Fragen der Ethik, also schwankend in der Weisung, was denn gut und böse ist für den Menschen. Während das über das Numinose hinaus gewachsene Heilige (vor allem im Christentum erlebt) selbst als der Spitzen-Begriff durchaus zur Reflexion einlädt und auch ethisch das Gute fördert. Otto nennt das Numinose das Gestaltlos Göttliche. Das Heilige hingegen ist so tief, dass es sich jeder verstandesmäßigen Erfassung entzieht. Das Heilige ist also sprachlich nur anzudeuten.

Das Heilige zu erleben ist für Otto eine Art Vorgegebenheit eines jeden menschlichen Lebens, er spricht vom „Apriori“, von einem von vornherein und immer schon Gegebenen im Geist des Menschen. Otto bezieht sich dabei vor allem auf Texte der Religionsgeschichte und dort besonders der Bibel. Er meint, auch der Gott der Bibel habe diesen erschütternden und faszinierenden Charakter.

Ein Hauptproblem sieht Rudolf Otto selbst: Er behauptet zu wissen, dass Menschen, die die Beschreibungen der Bibel von dem Heiligen nicht aus eigenem Erleben kennen, durch sein Buch auch nicht klüger werden, d.h. durch sein Buch auch nicht zum Heiligen hin geführt werden. Otto geht so weit, gleich am Anfang, auf Seite 8 seines Buch „Das Heilige“ zu schreiben: „Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger religiöser Erregtheit zu besinnen. Wer das nicht kann oder wer solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten nicht weiter zu lesen“. Das ist in meiner Sicht, gelinde gesagt, ein grober philosophischer Mangel, dass offenbar das Heilige als das Heilige selbst dem Heiligkeits-Entwöhnten Menschen nicht argumentativ gezeigt werden kann.

In jedem Fall hält Otto das Aufzeigen des Numinosen und dann des Heiligen für so wichtig, um überhaupt von Gott reden zu können: Denn Gott, der biblische Gott, an den er vornehmlich denkt, zeigt sich für ihn im Milieu des Heiligen als der Heilige. Ohne das Erleben des Heiligen, wie es Otto sieht, kann es für ihn keinen christlichen Glauben geben. Darüber wäre zu diskutieren.

Auch vom Buddhismus spricht Otto – ein bisschen: Das Geheimnis in der Lehre des Buddhismus sagt er im Blick auf „buddhistische Mystiker“ sei die Leere, das Nichts. Und Otto behauptet gar: Wer keine innere, religiöse Fühlung hat, dem kann das buddhistische Nichts wie Irrsinn erscheinen (Das Heilige, S. 35). Angesichts der Bauwerke, der Tempel im Buddhismus, stelle sich das Gefühl des Magischen ein; besonders „in den seltsam eindrücklichen Buddha-Gestalten frühchinesischer Kunst“. Und diese Wirkung sei erlebbar auch ohne Kenntnis des Mahayana Buddhismus, schreibt Otto (S. 86). Es entsteht das Gefühl des Erhabenen und Vergeistigt -Überlegenen, diese Gestalten sind transparent auf einen ganz anderen hin. (S. 87). Zum Heiligen im Buddhismus siehe weiter unten den eigenen Beitrag des Buddhismus Lehrers Michael Peterssen. (siehe Nr. 9)

5. Der „heilige Schauer“ und das Unverständliche als Weg zum Heiligen?

Ich muss sagen, dass ich diese Konzeption Rudolf Ottos vom Heiligen als einer fixen Gegebenheit, außerhalb des Menschen gelagert und durch apriorische Strukturen im Geist des Menschen erreichbar, (heute) nicht (mehr) für relevant halte. Das ist alles irgendwie „Buchweisheit“, voller Behauptungen, auch wenn er als Religionswissenschaftler durchaus auch Kenntnisse auf Reisen erworben hat, etwa im indischen Raum. So sehr man das Ziel der Studien Ottos auch anerkennen mag, in einer weithin angeblich säkularen Welt das Heilige als eigene Kategorie zu retten. Der von ihm genannte „heilige Schauer“ wird heute eher im Horrorfilm erlebt und dann aber als gemachter Hollywood Schauer und nicht als Sakrales oder wenigstens Numinoses. Der damals wie heute erfahrenen “Entzauberung“ der Welt wollte Otto eine Wiederverzauberung durch das Heilige entgegensetzen. Aber dieses Heilige rückt er in die Ecke des Unverständlichen. Das wird deutlich, wenn man Ottos Lobeshymnen auf die lateinische Messe liest oder auf die Verwendung des Altslawischen in der russisch-orthodoxen Liturgie, die kein Teilnehmender versteht und eigentlich als mysteriös im Weihrauch erstickend erlebt. Das Unverständliche mit dem Heiligen zu verbinden ist problematisch. Der Katholizismus hat die lateinische Sprache aus der Messe weithin vertrieben. Das göttliche Geheimnis ist so groß, dass es sich nicht in unverständlichen Sprachen verstecken muss. Nur die reaktionären (meist antidemokratischen, wie in Frankreich) Pius-Brüder halten an der lateinischen Sprache in der Messe fest: Heiliges ist, so sagen manche Kritiker, dann eben unverständlich genutscheltes Latein des Priesters…

Ich verweise weiterführend auf die römische Liturgie: In der dort zentralen „Wandlung“ des Brotes und des Weines in den Leib und das Blut Christi: Da werden diese beiden Elemente vom Priester, der als einziger „wandeln“ darf, längere Sekunden ganz sichtbar hochgehalten, die Gemeinde der Laien kniet nieder, Ministranten läuten ihre Glöckchen, alle Musik verstummt, es ist ein Moment der Stille, wo Christus, so die Lehre, selbst in diese Kirche gelangt. Da erleben etliche Menschen sicher Heiliges, mag sein.

Reste des heiligen Brotes, also des Leibes Christi, werden als solche im Tabernakel verwahrt, sie dürfen nicht als Reststückchen nach dem Gottesdienst wie in den evangelischen Kirchen aufgegessen werden. Den Wein als Blut Christi trinkt der katholische Pfarrer übrigens immer für sich allein. Auch die größeren Wein-Reste… Das ist das Privileg des Klerus. Jan Hus (und Luther) kämpfte im 14. Jahrhundert schon um den Laienkelch, um die Sonderstellung des Klerus aufzuheben, hat aber nichts genützt. Hus wurde 1415 verbrannt…

6. Wo und wann wir Heiliges im Alltag erleben und pflegen sollten

Wichtiger scheint mir, nach der Anwesenheit von Erfahrungen der Heiligkeit heute zu suchen: Dies nicht, um einer neuen Religiosität auf die Spur zu kommen, sondern um philosophisch im Denken zu erleben: Menschen suchen auch heute aus dem Alltag herauszufinden in die besonderen, die einmaligen und erhebenden Dimensionen. Ob diese dann immer hilfreich und heilsam sind für ein mündiges Leben, ist eine andere Frage. Aber es gibt diese erhabenen, vielleicht auch schauervollen oder faszinierenden Momente im Leben.
Das kann die Musik sein. Sie erhebt in eine andere Welt. Dazu gibt es zahllose Stellungnahmen „großer“ Musiker. Jeder von uns hat seine Lieblingsmusik(en), die man immer wieder hört und dabei, wenn die Musik wertvoll ist, immer wieder Neues entdecken lässt.

Die Kunst. Da denke ich besonders an die Kunstwerke in unseren Wohnungen: Sie sind ja meist bewusst ausgewählte Kunstwerke, alles andere als bloße Garnierung kahler Wände. Da haben wir uns einen meditativen Blickfang geschaffen, vor dem wir betrachtend doch manchmal verweilen und in die Welt des Kunstwerkes hineingeführt werden, .d.h. also aus der profanen Wohnung herausgeführt werden. Ich denke jetzt auch, und das ist keineswegs als Plädoyer für Kitsch gemeint, an den kleinen Hausaltar: Das haben ja auch viele, vielleicht eine Ecke mit den Fotos der verstorbenen Eltern, mit einer Kerze. Oder ein religiöses Symbol, eine Christusdarstellung oder eine Buddha-Figur, die man solche schätzt und nicht als Accessoire missversteht.

Die Natur. Da brauche ich gar nicht viel zu sagen: Normalerweise verreisen wir in die Natur, suchen in er Natur Entspannung und Ruhe und eben nicht machen wir Urlaub in den Hochhaussiedlungen oder in den verfallenen Straßen von Detroit oder in der Nordstadt von Dortmund. Wir suchen die Natur als Wald, als Wasser, als Quelle, als Lebensquelle, wenigstens als Park.

Der Sonntag. Das wäre auch ein bedenkenswertes Thema, passend zur Frage nach den Unterbrechungen in der Profanität: Sollen wir einen Tag bewahren in der Woche, an dem Nichts-Tun gilt und Sich Besinnen und Feiern? Vielleicht muss der Sonntag aus der Profanität befreit werden? Erst wieder neu erfunden werden? Meine Meinung: Ohne den Sonntag gibt es eigentlich keine Gliederung der Woche und damit des Monats mehr, und in dem Sinne auch keinen Alltag, weil eben dann alles Alltag geworden ist. Und „Alltag“ steht dem Begriff des (hier negativ gefärbten) bloß Profanen sehr nahe.

Auf heilige Orte, so genannte Wunderorte , will ich jetzt nicht eingehen, also nicht von wunderbaren Erscheinungen Marias in Fatima und Lourdes reden. Da ist alles eher mysteriös und sehr „gemacht“ vom Klerus. Bekanntlich wurden die dortigen Seherkinder sehr schnell in entfernte Klöster usw. abgeschoben. 2017 sind es 100 Jahre her, dass Maria höchst persönlich vom Himmel herabstieg und den Kindern in Fatima „erschien“. Ich empfehle als Lektüre: Jürgen Alberts, Fatima. Rowohlt Verlag, auch antiquarisch.

7. Das Zentrum aller Heiligkeits-Debatten: Die Sakralität der Person

Mir ist in der Philosophie am wichtigsten, von der Sakralität der Person zu sprechen. Darüber hat der jetzt in Berlin lebende Soziologe und Philosoph Hans Joas ein Buch unter dem gleichen Titel veröffentlicht (Suhrkamp Verlag 2011), er bezieht sich dabei auf Einsichten des französischen Religionssoziologen Emile Durkheim (1858-1917) (im Joas-Buch ab Seite 82ff). Seine These: In der Moderne sollten wir an die hoch heiligen Menschenrechte glauben und an die in ihnen grundsätzlich immer mit gemeinte absolute und unantastbare und deswegen heilige Menschenwürde eines jeden Menschen. (Dass Menschenrechte permanent auch von so genannten Demokratien wie den USA missbraucht wurden und werden, brauche ich hier nicht eigenes zu betonen. Menschenrechte gelten selbstverständlich auch im Falle ihres ständigem Missbrauchs. Logik gilt ja auch, wenn fast niemand mehr 4 dividiert durch 0,274 berechnen kann…) Die Qualifizierung des Menschen als einer „sakralen Person“ darf keineswegs als Plädoyer für eine neue Konfessionalisierung des menschlichen Wesens oder als eine religiöse Verschleierung oder Überhöhung des Daseins verstanden werden. Sakralität, so betont Joas, hat etwas mit Heiligem zu tun, und die Erfahrung und Geltung des Heiligen liegt allem Religiösen (schon gar dem konfessionell Religiösen) voraus! Wenn Kant in seiner Philosophie, etwa in der „Grundlegung der Metaphysik der Sitten“, von der „Würde“ des Menschen spricht, erwähnt er auch die „Heiligkeit“ des menschlichen Wesens. „Würde“ hat keinen Preis, sie kann nicht erworben, schon gar nicht gekauft, kann auch nicht durch Willkür anderer beseitigt werden. Menschliche Würde ist mit dem Dasein selbst immer und überall da, sie steht für sich selbst, sie ist nicht menschlich verfügbar: Wer in dieser Weise von der unantastbaren Menschenwürde spricht, der denkt, so Kant, wie von selbst auch an die Heiligkeit, im Sinne des Erhabenen, also des über den Menschen und ihrem Zugriff Stehenden. Im Erleben der eigenen Person wie der Personenwürde anderer tritt deutlich zutage, was man das Heilige nennen könnte: Nur ein Beispiel: Im ungerechten Leiden anderer Personen, etwa der gefolterten Widerstandskämpfer gegen diktatorische Gewaltherrschaft, können Menschen erleben, wie sich in ihnen vor allem in der Empathie mit den Opfern eine starke Überzeugung auch emotionaler Art bildet. Sie ist so etwas wie eine umfassend intellektuelle Kraft. Sie sagt absolut Nein zu dem Unrecht, zur Folter, zur Qual. Warum? Weil da die Heiligkeit und Unverletzbarkeit der Person, ihre Unantastbarkeit, verteidigt werden soll.Dieser Einsatz für die Sakralität ist nichts anderes als das konkrete Engagement für die Menschenrechte; diese sind selbstverständlich stetig weiter zu entwickeln, wie auch die Demokratie niemals etwas Fertiges ist.

Hans Joas lässt sich von dem französischen Soziologen und Ethnologen Emile Durkheim (1858 – 1917) inspirieren, der in seinen zahlreichen Studien, vor allem im Erleben des antisemitischen Dreyfus – Skandals, von der universalen Menschenwürde als der „Religion der Moderne“ sprach (etwa in seinem Aufsatz „Der Indvidualismus und die Intellektuellen“, von 1898). Durkheim schreibt: „Die menschliche Person wird als heilig betrachtet, sozusagen in der rituellen Bedeutung des Wortes. Sie (die Person) hat etwas von der transzendenten Majestät, welche die Kirchen zu allen Zeiten ihren Göttern verleihen…Wer auch immer einen Menschen oder seine Ehre angreift, erfüllt uns mit einem Gefühl der Abscheu, in jedem Punkt analog zu demjenigen Gefühl, das der Gläubige zeigt, der sein Idol profaniert sieht“. (Joas, S. 82f). Die Sakralität ist für Durkheim die allgemeine, die menschliche Spiritualität! Sie gilt für Gläubige und konfessionell nicht – gläubige Menschen… Die Frage ist natürlich, wie es gelingen kann, in der zunehmend anonym werdenden Massengesellschaft Menschen darauf aufmerksam zu machen: Ihr seid eigentlich von sakraler, also heiliger Würde? Diese Einsicht – auch pädagogisch für alle Altersklassen – zu vermitteln ist genauso wichtig wie das Engagement für die universale Geltung der Menschenrechte und damit der Demokratie. Menschenrechte sind also nicht nur eine „Verhandlungsmasse“ auf politischer Ebene, oft vom Kalkül bestimmt und aufgrund ökonomischer Zwänge allzu häufig verraten und vernachlässigt. Menschenrechte haben eine eigene „Aura“; sie bleiben selbstverständlich der vernünftigen Argumentation verpflichtet. Aber es ist die Vernunft selbst und nicht irgendeine religiöse Phantasie, die die Erkenntnis erschließt: Die Menschenrechte sind etwas Besonderes „Sakrales“ und absolut zu Verteidigendes.

Wie weit die (immer weiter zu entwickelnden) Menschenrechte zum Kernbestand religiösen Glaubens werden können, ist eine dringende Frage: Die Menschenrechte gehören ins Zentrum der Religionen, sie sollten in Predigen erschlossen und den Menschen gelehrt werden. Wir meinen: Nicht das tausendfache Alleluja in den charismatischen Kirchen und Pfingstgemeinden hilft aus der tiefen Krise, sondern sich das Besinnen auf die gemeinsame, gemeindliche Gestaltung de Menschenrechte. Das gilt natürlich auch für Deutschland, angesichts des Elends so vieler Armer, so vieler Flüchtlinge usw.

Ich meine: Wir brauchen heute weniger Religion und mehr Auseinandersetzung mit den Menschenrechten, mehr das Erleben, dem anderen und den anderen ins Antlitz zu schauen, ihn zu schätzen und zu pflegen… dies täte uns (auch den Kirchen) gut. Die Kirchen verlassen dabei nicht „ihren“ Bereich. Denn, siehe oben, die Menschenrechte sind heilig. Es gilt also, eine neue Form der Heiligkeit zu pflegen. Am 14.12. 2016 ist im Alter von 95 Jahren ein mir gut bekannter Kardinal und Befreiungstheologe aus Sao Paulo, Brasilien gestorben. Kardinal Paulo Evaristo Arns hat mir in einem Interview 1985 in gewisser sein bleibendes Vermächtnis mitgeteilt, das auch philosophisch bedeutsam ist: „Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“ (Kardinal Arns, Sao Paulo).

8. Der alles gründende, sich entziehende Grund als das wahre Heilige

Dieses Heilige zeigt sich, wenn man die grundlegende philosophische Frage bedenkt: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?Also: Warum ist Etwas und dann das Ganze, in dem sich das Etwas „aufhält“? Warum bin ich, warum sind wir als Teil dieses Ganzen, das wir nur nennen, nicht aber als ganzes umgreifen und damit definieren können? Aber wir stellen doch diese Frage, auch wenn wir keine definitive Antwort und Definition erhalten. Wir stellen die Frage nach dem Gründenden. Ist denn etwas denkbar, ohne „etwas Gründendes“, das als solches ganz anders sein muss als alle Einzelteile (Etwas) in dieser Welt. Diese Frage führt zu dem Erstaunlichen. Manche nennen dies, im Unterschied zu einem Rätsel, das als (wissenschaftliches) Rätsel immer „auflösbar“ ist, das bleibende Geheimnis.

Aber das ist nur die „Objekt-Seite“ dieser Frage, die ins bleibende Geheimnis und damit ins Heilige führen kann..

Es gibt auch die subjektive Seite: Denn immer bin ich es, der diese Frage stellt. Und zwar kraft meiner Vernunft (Geist), vielleicht angestoßen durch Gefühle, die aber dann Wort werden sollten kraft der Vernunft. Also ich denke diese Frage „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts“. Ich bin also in der Vernunft über das „Etwas“ schon hinaus, bin nicht eingebunden in die Objekt-Welt der vielen Etwas. Und ich erlebe in bestimmten Momenten, auch in der Kunst, der Musik, manchmal der Religion, wie dieses in der Vernunft angestrebte Gründende tatsächlich als solches „hervorbricht“. Wie also dieses bleibende Geheimnis sich mit mir (und jedem Menschen kraft der Vernunft) verbindet. Und vielleicht verbündet. Wie also dann doch eine schwache Antwort auf die genannte Frage erscheint: Wir Menschen sind auf das bleibende Geheimnis bezogen. Wir werden es nie greifen. Aber wir leben und denken in dessen Nähe. Vielleicht der bleibenden Nähe des Göttlichen. Um das wiederum zu wissen, muss diese (göttliche) Nähe bereits immer schon in uns sein. Manche sagen Göttliches, Gott, ist Mensch (geworden).

9. Ein weiter führender Hinweis von Michael Peterssen, Lehrer für Buddhismus in Berlin und Teilnehmer in unserem Salon, verfasst nach unserem Gespräch im Salon: „Zu unserem Thema fiel mir aus buddhistischer Sicht als erstes ein, wie ein chinesischer Herrscher der Legende nach einen buddhistischen Mönch fragte, was denn der Kern seiner Botschaft sei. Der soll daraufhin kurz und bündig geantwortet haben: „Offene Weite, nichts von heilig.“ Im Buddhismus ist sehr wenig von heilig die Rede, und so musste ich gestern Abend eine Menge „Übersetzungsarbeit“ leisten. Im Laufes des Gespräches ist mir dann aber aufgefallen, dass es im Buddhismus doch einiges gibt, was der Sache nach heilig genannt werden könnte, z.B. kanonische Schriften (z.B. darf man die bei traditionellen tibetischen Buddhisten auf keinen Fall auf den nackten Boden legen); Sprachen wie Sanskrit, Pali, Sino-Japanisch; die Drei Juwelen, d.h. den Buddha, seine Lehre und die Gemeinschaft der (ordinierten) Praktizierenden; Tempel; Altäre; alles, was mit der Erleuchtung / dem Erwachen zu tun hat. Ich habe neulich mal nachgerechnet und festgestellt, dass ich zusammengenommen wohl etwa drei Jahre meines Lebens auf Seminaren im Schweigen verbracht habe. Obgleich ich vielerlei Meditationserfahrungen hatte, so hatte ich interessanterweise nie das Gefühl, etwas Heiligem oder Überweltlichem begegnet zu sein. Ich habe diese Erlebnisse immer als das Erschließen  einer anderen, sicherlich wertvollen  Dimension meines Daseins in dieser Welt verstanden“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Die Heimat des Weltbürgers: Ein philosophischer Salon.

14. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Termine

Der erste religionsphilosophische Salon in Berlin im Jahr 2017 findet am Freitag, den 27. Januar um 19.00 wieder in der Galerie FANTOM, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf statt. Wir danken wieder herzlich bei den Verantwortlichen der Galerie FANTOM, dass wir uns dort schon seit etlichen Monaten treffen können!

Das aktuelle, durchaus politische, aber wie üblich immer auch philosophische Thema:

Die Heimat des Weltbürgers (des Kosmopoliten).

Nur wer auch Kosmopolit ist, kann die kleine Welt der eigenen Heimat schätzen und bewerten. Und ist vor dem Wahn des Nationalismus etwas geschützt. Und ist am Aufbau einer gerechten Weltgesellschaft interessiert. Und interessiert sich leidenschaftlich für EUROPA (das ja nicht nur „Brüssel“ ist). Und hält die Menschenrechte für unendlich wichtiger als die dummen Sprüche am Stammtisch. Wir bereiten uns also in gewisser Weise auf philosophischen Widerstand vor gegen alle Formen des rechten (rechtsextremen) Populismus!

Gleichzeitig werden wir überlegen, wie der zunehmende Nationalismus eine Form kollektiven Egoismus ist und überwunden werden kann. Was hilft das kritische, „allgemeine“ philosophische Denken dabei? Haben Religionen und Kirchen als internationale Gemeinschaften die Kraft, dem Nationalismus Einhalt zu gebieten?

Wir hoffen, dass Teilnehmer aus vielfältigen Kulturen, etwa Südeuropas, Lateinamerikas, Afrikas, diesmal mit uns debattieren. Nur so macht die kosmopolitische Haltung als Lebensform ja Sinn. Selbstverständlich werden wir dabei die Vorschläge Kants zum Weltbürger und zum Frieden erörtern.

Unser Salon besteht 2017 10 Jahre mit über 100 Salonabenden. Als „Eigenlob“ gesagt: „Recht hübsch eigentlich“… Eine philosophische „Basisinitiative“… Und: Dank an alle, die immer wieder mal dabei sein können oder neu dazukommen und mitdenken und weiterdenken.

Es ist ein Ziel der Initiatoren und sicher aller TeilnehmerInnen, dass sich die Idee des philosophischen Salons etwas mehr herumspricht und an anderen Orten auch realisiert als Form qualifizierten, grundsätzlichen und philosophischen, d.h. freien Nachdenkens, außerhalb dogmatischer Systeme. Als Form des – im guten Sinne – (welt)bürgerlichen Miteinanders in der Stadt.

Anmeldung erbeten an: christian.modehn@berlin.de

copyright: Christian Modehn, Berlin