Alternativen für eine humane Zukunft



„Land ohne Glauben ?“ Christentum im Osten Deutschlands. Ein Film im Rahmen der ARD Themenwoche „Woran glaubst du?“

13. Juni 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung

Der Film von Kai Voigtländer wurde gesendet im Ersten Programm am 12.6.2017 um 22.45 Uhr

Weiterführende Hinweise von Christian Modehn am 13. 6. 20171.

1. Wieder einmal wurden auch in diesem Film durch abstrakte Begriffe, unvermittelt, sich gegenüberstehende ideologische Gruppen im Osten Deutschlands beschworen: Die (wenigen) „Glaubenden“, die „Religiösen“, wurden als Kirchenmitglieder und gelegentliche Gottesdienstbesucher der Kirchengemeinden dargestellt. Und denen stehen, in dieser Sicht, unvermittelt die vielen „Nicht-Glaubenden“, auch Atheisten, gegenüber; als wären diese eine homogene Masse. Wiederum, wie üblich in einer gedankenlosen Sprache, wurde diese Masse  „konfessionslos“ genannt, also „bekenntnislos“. Als hätten diese Menschen nicht auch ein mindestens privates Bekenntnis, eine Art Lebensphilosophie für ihr eigenes Dasein. Sie sind nur dann „konfessionslos“, wenn man die Definitionsmacht fürs Konfessionelle den Kirchen überlässt. Das ist in einer philosophischen Sicht natürlich falsch: Da hat jeder Mensch seine eigene Konfession. Und jeder glaubt „etwas“.

Dieses gedankenlose Gegeneinander zweier doch nur dem Scheine nach fest fixierter ideologisch geprägter Gruppen in der Gesellschaft ist faktisch aber schon überwunden. Denn es gilt, das tatsächliche Bewusstsein und Selbstbewusstsein dieser Menschen und Gruppen zu wahrzunehmen und zu analysieren. Auch die so genannten Religiösen, also die so genannten kirchlich „Gebundenen“, haben in ihrem eigenen Bewusstsein Momente und Elemente des Unglaubens. Sie sind also gar nicht so kirchlich – dogmatisch „gebunden“, wie die gedankenlose Sprache suggeriert. Gott ist für auch kirchlich religiöse Menschen keineswegs eine feste, identische und zu fassende objektive Wirklichkeit. Gott ist selbstverständlich auch für religiöse Glaubende ein „Such-Begriff“. Dieses Suchen nach einem Lebenssinn verbindet sie aber gerade mit den kirchlich Nicht – Gebundenen, die oft allein wegen ihrer kirchlichen Nicht – Bindung, dann falsch, „Ungläubige“ genannt werden. Denn auch diese Menschen glauben an einen von ihnen selbst gesetzten letzten oder in einer bestimmten Lebensphase eben vor – letzten Sinn, der dann später nach neuen Lebenserfahrungen korrigiert wird usw. Sie alle haben einen oft unthematischen Lebens – Mittelpunkt, etwa den Sport, den Fußball, die Freizeit, den Sex usw. Dort sind die Götter der „Atheisten“ wie der Theisten zu suchen. Auch der Osten ist in der Hinsicht alles andere als gottlos. Wer das beachtet, könnte einen spannenden, überraschenden Film machen.

2.Alle Menschen, auch in dem angeblich atheistischen Osten Deutschlands, sind also miteinander als Menschen verbunden in ihrer vom Menschsein notwenigen Such-Bewegung. Selbst wer sagt, er suche nicht, hat irgendwann einmal aufgehört zu suchen, weil er sich in seiner jetzigen Position eben sicher und wohl fühlt. Jeder kennt also das Suchen nach Sinn. Suchen ist die Basis der verbindenden Menschlichkeit. Suchen ist der Schlüsselbegriff für einen allgemeinen Humanismus. Das wäre ein Thema für die organisierten Humanisten.Das wird deutlich an den gemeinsamen Projekten von kirchlichen und nicht-kirchlichen Leuten, etwa in der Neugestaltung eines alten Kirchengebäudes, im Film in Horburg, Sachsen – Anhalt. Das Kirchengebäude wird gemeinsam für ein Dorf neu genutzt, als Ort der Kommunikation. Kann es für eine Kirchengemeinde etwas Besseres geben, als wenn Menschen unterschiedlicher geistiger Orientierung gemeinsam (!) ein Projekt aufbauen, das der Kommunikation, damit letztlich dem Frieden dient?

3. Leider wurde es in dem genannten Film versäumt zu fragen: Wenn Glaubende und Nichtglaubende gemeinsam ein Kirchengebäude neu nutzen als Kommunikationsort: Dann verändern sich notwendigerweise beide Gruppen: Die Kirchlichen geben ihre bisher allein – bestimmende Macht über den Kirchen – Raum ab. Wenn sie das tun, muss sich die Art ihrer traditionellen Präsentation verändern: Das heißt: Nicht mehr geht der Blick der Menschen von den Bänken aus wie einst in Zeiten der Hierarchie nach vorn, fixiert auf einen Mittelpunkt, einen Pfarrer und eine Kanzel und einen Altar. Sondern: Es müsste eigentlich der KREIS, die Runde, das gleichberechtigte Sitzen (selbstverständlich auf beweglichen Stühlen) normal sein. Alle sind eins und verbunden in der Hinsicht des Suchens. Und die so genannten Ungläubigen überwinden ihren so oft beschworenen Vorbehalt, ein Kirchengebäude überhaupt für längere Zeit zu betreten. Denn nun können sie sich in dem von ihnen ja mitgestalteten Gebäude in einer demokratischen Runde als gleich berechtigte Gruppe wohl fühlen. Dieses Kirchengebäude wird dann „ihre“ Kirche als offener Ort der gemeinsamen (!) Suche nach dem Wohl der einzelnen Bürger dieses Dorfes, der Stadt usw.

4. Es gilt also die theologisch – ideologischen Veränderungen wahrzunehmen, wenn denn tatsächlich Glaubende und Nichtglaubende gemeinsam einen alten oder neuen Kirchenraum nutzen. Für die Kirchen entstehen enorme Chancen: Sie müssen eine neue Sprache finden, den alten und uralten dogmatischen Formel – und Floskelkram beiseite legen und mutig experimentell – theologisch die gläubige Lebensphilosophie als Suchbewegung darstellen. Der christliche Glaube verändert sich mit einer Neugestaltung eines Kirchengebäudes. Das wissen wohl die wenigsten verängstigten Christen. Aber es ist eine Tatsache. Die Atheisten IN dem Kirchengebäude verändern dann den Glauben; so, wie sich die Atheisten durch den Glauben als Such – Bewegung sicher auch ein kleines Bißchen verändern und ihre eigene Spiritualität mitten im Alltag (etwa in der Fürsorge für andere Menschen) entdecken. Spiritualität ist ja bekanntlich nicht immer auf einen Gottesbegriff bezogen. Auch diese Spiritualität der Atheisten habe ich vermisst in dem Film.

5.Die Kirchen müssen sich ihre Schuld eingestehen, dass sie bisher sich selbst eben nicht als Suchbewegung dargestellt haben, sondern als oft spießbürgwerlicher Moral – Club,  und die Kirchen haben permanent eine Insider – Sprache verwendet, die selbst die Gemeindemitglieder nicht mehr verstehen. Kirchen müssen also aufhören, allein Orte der Traditionspflege zu bleiben. Sie könnten die „Transzendenz“ der Alltagssprache entdecken, als Poesie für heute und von heutigen Menschen. Wer versteht noch die ewigen Floskeln: „Der Herr sei mit euch“. „Und mit deinem Geiste“?? Es ist auch die Sprache, die Menschen aus der Kirche treibt und immer schon getrieben hat. Das wissen einige, aber nichts ändert sich in den großen Kirchen.

Ob dazu die Kirchen noch die theologische Kraft haben, muss nicht immer (!) bezweifelt werden. Wenn man bedenkt, dass etwa auch in Magdeburg (und nicht nur in Erfurt oder Halle) für junge „Ungläubige“ in schönen Gotteshäusern (sic) Feiern der Lebenswende stattfinden. Leider zeigte der Film nicht diese Feierstunde. In meinem ARD Film über die Lebenswende –Feiern in Erfurt (mit Pfarrer Hauke) wurden entsprechende berührende Bilder gezeigt, das am Rande. Dies sind Feierstunden für junge Menschen in Kirchengebäuden, in denen eben nicht die klassische Liturgie der alten Sprache und Sprüche „abgehalten“ wird. Da passiert etwas Neues, alle Teilnehmer Verbindendes, nicht Vereinnahmendes, sondern als Suchbewegung ins Freie der Eigenverantwortlichkeit Weisendes. Diese Lebenswende – Feiern sind eine sinnvolle und sicher geistvollere Alternative zu den, Verzeihung, Plattitüden der so genannten und immer noch auch so genannten „Jugendweihe“, wo kein Mensch mehr weiß, wem sich eigentlich die jungen Leute da, nun in der nun kapitalistischen Gesellschaft, „weihen“, wahrscheinlich direkt oder indirekt dem Konsum-Zwang. Aber das am Rande…

6. Wahrscheinlich brauchen die Kirchen überall solche Feierstunden der Lebenswende, an jedem Sonntag als Feier der Unterbrechung des Alltags in ihren Kirchen. Das würde den Gemeinden und den Pfarrern nur viel Arbeit machen… Gottesdienste als Lebensfeiern, was gäbe es Treffenderes?

7. Die so genannten Ungläubigen sollten anerkennen: Ihre tief sitzenden Urteile über „die Gläubigen“ oder „die Kirchen“ sind nicht immer mehr zutreffend. Es gibt einige Bewegungen, es gibt ein bißchen Offenheit in den Kirchen. Die alten antikirchlichen Klischees, aus DDR Zeiten wahrscheinlich eingeimpft, gelten nicht mehr immer. Die Ideologien der Gesellschaft sind in Bewegung geraten. Man muss nur die Bewegung sehen und als solche beschreiben. Und auf alte, versteinerte Begriffe, außerhalb jeder Dialektik, endlich verzichten.

8. Interessant wäre es, in einem Film über die „alten Bundesländer“ einmal eigens theologisch zu fragen: Welchen Glauben haben denn z.B. die rheinischen Kapitalisten, einst Fabrikbesitzer genannt? Oder die führenden Leute der Kölner Karnevalsvereine? Oder die Bierbrauer (Klöster) in Oberbayern? Oder die Banker in Frankfurt am Main? Welchen Glauben haben die deutschen Waffenproduzenten? Und Waffenlieferanten? Sicherlich sind einige von ihnen noch westdeutsche Kirchensteuer –Zahler, also gläubig, in der veralteten Denkweise… Darüber freuen sich die an Milliarden-reichen deutschen Kirchen und pflegen diese Mitglieder! Aber was haben diese genannten Herrschaften vom Evangelium verstanden? Sind in diesen Kreisen nicht auch „Atheisten“ zu suchen? Ist nicht auch die kapitalistische Welt atheistisch? Wer wagt es, solche rhetorischen Fragen zu stellen? Unter gut bezahlten Theologen an den deutschen Universitäten hört man von diesen theologischen Forschungen eher selten etwas. Sie haben Angst und beschäftigen sich vorsichtshalber etwa mit historischen Themen oder fragen zum tausendsten Mal, was denn die angebliche Jungfräulichkeit Marias bedeutet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



„Glauben oder Nichtglauben sind nicht so wichtig“: Aus Anlass der ARD Themenwoche: „Woran glaubst du?“

9. Juni 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Religionskritik, Termine

Aus Anlass der ARD Themenwoche: „Woran glaubst du?“ (vom 11. bis 17. Juni 2017)

Hinweise von Christian Modehn am 9. Juni 2017. Siehe auch den aktuellen Beitrag über einen MDR Film am 12. 6. 2017 über den „Unglauben im Osten Deutschlands“

Ist Glauben oder Unglauben (Atheismus) das größte Problem der Menschheit heute? Also die in eine Theorie, Lehre, verpackte Bejahung oder die Verneinung eines theoretischen und meist dogmatischen Konzepts zur Frage nach dem Letzten, Gründenden, Göttlichen? Die IS- Verbrecher berufen sich zwar auf ihren religiösen Glauben. Aber jeder weiß, dass dieses religiöse Bekenntnis tatsächlich vor allem politische Ansprüche verdeckt.

Sind Glauben oder Nichtglauben (Unglaube) heute die besonders dringlichen Probleme ? Wenn man Glauben oder Atheismus als Form einer Theorie begreift, sicher nicht. Es gehört nur irgendwie zur (modischen ?) Kultur unserer Zeit, nach dem theoretischen Bekenntnis der Menschen zu fragen.

Diese Frage sollte nicht zu hoch gespielt werden. Vor allem auch deswegen, weil es so klare Grenzziehungen zwischen religiösem Glauben und atheistischem Glauben (auch Atheismus ist selbstverständlich eine Form des Glaubens) nicht gibt. D.h.: Jeder Atheist hat irgendwo und irgendwie seinen „Gott“, also den höchsten verehrten Wert usw. Auch religiös Glaubende haben andere Götter als den theoretisch bekannten einen Gott, etwa der Bibel. De facto verehren Glaubende, einfache genauso wie Bischöfe und Kardinäle, die heilige, möglichst ständige Geldvermehrung … oder den Fußball oder sonst etwas Weltliches als ihren wahren Gott, dem sie alles opfern: Zeit, Finanzgewinne, seelische Energie usw. Darin sind Glaubende den Atheisten sehr verwandt, auch die verehren dieselben weltlichen Götter.

Wenn Glauben und Unglauben also erst in zweiter Hinsicht wichtig sind, was ist dann tatsächlich entscheidend? Es ist die faktische Bindung (oder eben NICHT-BINDUNG) des einzelnen und der Gesellschaft und der Staaten an das, was wir Menschenrechte nennen.

Die Frage, ob denn Menschenrechte nicht so oft missbraucht werden und ob sie nicht bloß regionale, also bloß westliche absolute Werte sind, wurde schon mehrfach beantwortet: Noch einmal: Natürlich, Menschenrechte werden auch heute ignoriert und missbraucht, gerade von Regierungen, die sich demokratisch (etwa die USA) oder gar christlich nennen oder muslimisch; sie werden auch missbraucht von machtvollen religiösen Systemen, wie dem Katholizismus oder den Evangelikalen und den Millionärs – Pastoren der pfingstlerischen Mega-Churches. Aber Missbrauch der Menschenrechte spricht nicht gegen ihre absolute Geltung. Wo kämen wir denn dahin, wenn jeder Missbrauch die tatsächliche Geltung, etwa schon eines Gesetzes, schon hinfällig machen würde? Und natürlich auch dies: Die Menschenrechte sind doch vor allem in Europa im Rahmen des Humanismus und sicher auch einer vernünftig argumentierenden christlichen Theologie entstanden. Aber trotz der regionalen Herkunft muss anerkannt werden, dass aus den nun einmal begrenzten europäisch geprägten humanistischen Kulturen tatsächlich universale Werte, die sich weiterentwickeln, stammen. Nur ein weiteres Beispiel: Die Meditationspraxis, etwa im Stile des Zen, ist in China und Japan entstanden, aber sie hat heute universale Gültigkeit und Bedeutung.

Also, worum geht es angesichts der Frage nach Glauben und Unglauben? Es geht um die Anerkennung der Menschenrechte. Da versteckt sich förmlich die Frage nach dem Atheismus! Die Menschenrechte sind die absolut geltende geistige Ebene, auf der sich alle Menschen, die vernünftige, selber denkende Menschen sein wollen, treffen. Diese Ebene der Menschenrechte ist wichtiger als die Frage: Bist du gott-gläubig oder atheistisch? Das sind interessante Fragen, gerade für Philosophen, aber sie sind aufs Ganze der Gesellschaft gesehen, erst mal zweitrangig.

Reden wir also von Menschenrechten, analysieren wir die Geltung der Menschenrechte in dieser Welt heute, wobei wir immer im Blick haben: Die Menschenrechte sind das Höchste und Wichtigste, dem die Menschheit Respekt zeigen muss. ABER: Dieses Höchste, also die Menschenrechte, befindet sich in einem erbärmlichen Zustand. Die Menschenrechte als das Höchste werden verachtet und ignoriert. Insofern ist unsere Welt trotz aller theoretischen Bekenntnisse zu einem religiösen Glauben, man denke wie christlich – fromm die USA sich geben, wie scheinheilig die arabischen Herrscher sind usw.: In der Hinsicht leben wir also in einer atheistischen Welt voller Bekenner und Glaubender. Der Philosoph Hegel dachte auch den Gedanken, als er „vom Atheismus der sittlichen Welt (der Gesellschaft) sprach (in der Vorrede der Grundlinien der Philosophie des Rechts).

Das ist die wichtige Erkenntnis: Atheistisch ist unsere Welt weithin deswegen, weil die Menschenrechte als das Wertvollste, was der Menschheit Frieden und Gerechtigkeit verheißt, fast keine Geltung haben.

Jeder denke also einmal an die Gültigkeit der Menschenrechte und überprüfe mit diesem Maßstab seine politische Umgebung, in der Nähe oder der Ferne. Er lese nur einmal unter dieser Hinsicht wichtige Zeitungen: Man nehme etwa die ZEIT vom 8. Juni 2017. Und lese auf Seite 12: „Die neue CIA Vize-Chefin Gina Haspel war federführend an der Folterung von Terror-Verdächtigen (!) beteiligt“. Jetzt ist diese Frau, die man eine Verbrecherin nennen könnte, in führender Position in den so furchtbar christlichen USA. In der ZEIT heißt es: „Im Wahlkampf sagte Trump, dass Folter wirke. Und sein neuer CIA Chef Mike Pompeo sagte jüngst, dass Waterboarding überhaupt keine Folter sein“. (Man möchte fast wünschen, dass Mister Pompeo dies mal vor laufender Kamera für uns demonstriert, CM) „Alle, die diese Methode im Kampf gegen den Terror angewandt hätten, seien echte Patrioten“(so in DIE ZEIT, S 12. Unten). Also: Wer den Atheismus studieren und erleben will, gehe bitte in die USA, in die Machtzentralen des Trump-Regimes. Diese totale Ignoranz gegenüber Menschenrechten ist de facto Atheismus in der nihilistischen Variante!

In der gleichen Ausgabe von DIE Zeit befindet sich auf Seite 3 ein Bericht über den Einfluss von zwei superreichen Milliardärs-Familien auf die us-amerikanischen Politik. Sie bestimmen mit, dass die Reichen nicht besteuert werden, dass die Armen immer mehr leiden, etwa durch den Abbau der Krankenversicherung, und dass die Kohlindustrie weiterhin das Klima in eine Katastrophe führen kann. Die Herrschaften stiften also Unfrieden mit Unterstützung des Präsidenten! Mit anderen Worten: Wer Atheismus treffen will, wer Atheisten sehen will, wende sich bitte an diese Kreise aus der Millionärs-Organisation „Americans for Prosperty“ (zur Beziehung evangelikaler Christen zu den Mlilionären / Milliardären siehe etwa: https://newrepublic.com/article/121564/gods-and-profits-how-capitalism-and-christianity-aligned-america)

Zu den auch in der ZEIT genannten berühmtesten Milliardären gehören die beiden so genannten ultra-neo-liberalen Koch-Brüder (David und Charles), sie haben 2015 z.B. eine Millionen Spende der „Catholic University of America“ gegeben, diese Spende wurde angenommen, trotz zahlreicher Proteste einiger Theologen, sie wollten sich nicht abhängig machen von neoliberalen Milliardären… (http://www.huffingtonpost.com/2015/02/02/koch-brothers-catholic-university_n_6594834.html). Ein anderer Milliardär, Robert l. Mercer, hat den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner aus der „christlichen (d.h. evangelikalen, etwa Southern Baptist) Ecke, Ted Cruz, unterstützt (http://forward.com/opinion/335661/meet-the-evangelical-christians-behind-ted-cruz-theyre-super-jewy). Diese Zusammenhänge sind leider in Deutschland viel zu wenig aufgearbeitet.

Hier nur noch unsere zentrale These, die eine gültige Erkenntnis ist:

Atheismus ist heute der menschenverachtende Luxus der Reichen, ist der Egoismus der Milliardäre, die mit ihrer Politik Unheil stiften. Aber diesen Zusammenbruch der „alten Welt“ (im Krieg) ist ja das erklärte Ziel des absolut herrschenden Trump-Beraters Stephen Bannon.

In God we trust? Von wegen! Dies ist ein dummer Spruch auf den Dollarscheinen. Treffend ist einzig heute und schon früher: „In our money only we trust“, sagen die Atheisten heute, denen das Wohl der Menschheit, ich sage es jetzt so, scheißegal ist. Darum sollten sie mit Steve Bannon sagen: „In the perdition we trust“.

Dies ist das Bekenntnis des absoluten Nihilismus. Mit anderen Worten: Alle Atheismus Forschung wird heute vorrangig zur Menschenrechtsforschung. Das sollten sich Kirchentage und Katholikentage und Themenwochen merken. Philosophie bleibt selbstverständlich Religionsphilosophie. Sie nimmt nur wahr, dass die faktischen Götter die Waren Götter sind. Sie blickt tiefer in die Gesellschaft. Um so auch die klassischen philosophischen Texte eben klassenbezogen zu lesen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Widerstand der Vernunft:Eine Philosophin sagt Nein zu Trump

6. Juni 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Philosophische Bücher

Eine neue Publikation von Susan Neiman

Ein Hinweis von Christian Modehn

„PhilosophInnen schweigen zur Niederlage der Vernunft, die mit dem Beginn der Herrschaft von Donald Trump noch offenkundiger wird“. Dieser Vorwurf ist nicht mehr ganz berechtigt. Denn die US – amerikanische Philosophin Prof. Susan Neiman hat gerade jetzt, Anfang Juni 2017, ihr Manifest „Widerstand der Vernunft“   veröffentlicht. Darin zeigt sie, sehr deutlich auf tatsächliche Fakten bezogen (solche ein Wort „tatsächliche Fakten“ muss man jetzt bilden angesichts der von Herrschern gewünschten post-faktischen Fakten!): Die Vernunft, die philosophische, die es ebenso tatsächlich faktisch gibt gegen alle Einwürfe postmoderner Beliebigkeiten, vermag die Gefahren des permanenten politischen Geschwätzes freizulegen und vernünftig an demokratische Werte zu erinnern. Die demokratischen Bürger sollen dann nicht bloß weiter diskutieren, sondern tatsächlich und praktisch für eine neue demokratische Politik eintreten, ja kämpfen.

Susan Neiman ist vielen LeserInnen in Deutschland bestens bekannt, nicht nur als Direktorin des Potsdamer Einstein – Forums, sondern auch wegen ihrer wichtigen Bücher wie „Das Böse denken“ oder „Warum erwachsen werden?“

Nun also ruft Susan Neiman zum Widerstand der Vernunft auf. Sie spricht nicht abgehoben, nicht allgemein. Sie scheut sich nicht, als US –Amerikanerin Mister Trump, den Präsidenten, einen permanenten „Lügner“ oder einen „verwöhnten Pubertierenden“ (S. 38) zu nennen, einen Mann, „dem es völlig an Schamgefühlt fehlt“ (15).

Diese Broschüre hat (leider) nur 79 Seiten. Aber sie bietet eine Fülle wesentlicher Erkenntnisse. Sie müssen in Gruppen weiter diskutiert werden, in Schulen und Volkshochschulen, in Gemeinden und philosophischen Clubs.

Eine zentrale These des Buches: Es ist eine Katastrophe für die Menschheit, wenn sich die von höchster politischer Seite unterstützte und betriebene Lügen Propaganda weiter durchsetzt. Durch dauernde Lügen – Verbreitung wird jeglicher Sinn für Wirklichkeit und Wahrheit zerstört. Es entsteht die allgemeine Verwirrung, alle leben im Nebel der Unklarheit. Gutes und Böses können kaum noch unterschieden werden. Susan Neiman nennt bekannte Beispiele der irregeleiteten, von Lügen bestimmten Politik schon der früheren US – Präsidenten, etwa die bewusst eingesetzte Lüge von George W. Bush: Saddam Hussein verfüge über Massenvernichtungswaffen. Der Irak – Krieg hat so das Entstehen des IS mit befördert. Mit anderen Worten: Die US – amerikanische Politik ist mitschuldig an dem Terror – Wahn, an den vielen Toten, die jetzt überall, auch in Europa, zu beklagen sind. Aber diese Schuld – Zusammenhänge werden von den Politikern heute nicht genannt. Zudem: Die europäische und amerikanische (Wirtschafts-)Politik ist mitverantwortlich dafür, dass so viele tausend Menschen aus Afrika nach Europa zu fliehen versuchen. Europas und Amerikas Politik und Wirtschaft hat enorm dazu beigetragen, die Welt zu verwüsten! Und den Gedanken an Frieden zu zerstören. Es sind „unsere“ „demokratischen“ Politiker, die so viel Schaden angerichtet haben. Wer wagt das zu sagen?

Die Philosophin Neiman will mit Nachdruck auf die Niederlage der Vernunft aufmerksam machen, sie weiß, dass nur eine umfassende Analyse weiterhilft. Dies zu tun, ist dringend: Denn für die Philosophin, eine gute Kennerin von Immanuel Kant, gilt es, einen kühlen Kopf zu bewahren: Werden doch im Trump Regime “faschistische Tendenzen im deutlicher“ (S. 23). „Als amerikanische Jüdin, die seit Jahrzehnten in Berlin lebt, gehe ich nie leichtfertig mit derartigen Vergleichen um. Dass sie in diesem Fall (auf Trump bezogen) gerechtfertigt sind, zeigen nicht nur die Hakenkreuze, die nach dem Wahlsieg in verschiedenen amerikanischen Orten erschienen. Sondern auch die Arbeiten des umstrittenen Chefstrategen im Weißen Haus: Ich nenne Steve Bannon Goebbels digital…“ (S 25 f). Goebbels digital, weil sich (der bekennende Katholik und Freund reaktionärer Kardinäle im Vatikan, das erwähnt Susan Neiman leider nicht) als „Breitbart-Direktor“ auf das Produzieren von Lügen rechtsradikalen Inhalts spezialisierte.

Welchen Widerstand kann also die Vernunft, die allgemeine Vernunft im Sinne der universal geltenden Menschenrechte, leisten: Nur einige entscheidende Stichworte, die Susan Neiman bietet: Die allgemeine Geschichtsvergessenheit überwinden.

Auf die Feinheiten der Sprache der Mächtigen achten. Genau hinsehen, wenn etwa Präsident Reagan jetzt förmlich als „normaler“ Präsident hingestellt wird.

Niemals den Sprüchen glauben, „es gibt keine Alternativen“. Wissen: Der Sozialismus ist nicht tot, auch wenn so genannte sozialistische Staaten – Gott sei Dank – verschwunden sind. Das sagt Susan Neiman, die sich ausdrücklich als „Nicht-Marxistin“ darstellt… Niemals nachplappern, die wesentlichen Werte der Menschheit heute seien ökonomische Werte. Und das ist entscheidend: Entschieden den Behauptungen widersprechen, „die Vernunft“, also auch die Philosophie der Aufklärung, sie kalt und zynisch, und genauso falsch ist: Vernunft sei nur als Zweckrationalität noch brauchbar (S. 63). Und vor allem wissen: Die Welt wird verändert (im Sinne von verbessert), wenn bestimmte Ideen, wie die Menschenrechte, „als normal durchgesetzt werden“ (S. 68). Die Ideen der Menschenrechte setzen sich durch, wenn nur viele Demokraten dafür kämpfen!

Man wünscht sich förmlich ein weiteres Buch von Susan Neiman etwa mit dem Arbeitstitel: Warum ist die allgemeine (also allen – gemeinsame) Vernunft der Aufklärung ein bleibender Gewinn für die Menschlichkeit des Menschen?

Eine weitere Frage: Soll man einer zuversichtlich gestimmten Aussagen von Susan Neiman folgen, wenn sie – durchaus erfreut – etwa von einer „Wahlniederlage“ des rechtsextremen Populisten Gert Wilders bei den Wahlen in Holland – im März 2017 – spricht? Tatsächlich aber hat ja Wilders Partei PVV als zweitstärkste (!) Partei Stimmen gewonnen (von 10% auf 13 % der Stimmen). Und der ebenfalls rechtslastige Premierminister Rutte von der rechtsliberalen Partei VVD ist ideologisch, etwa in der Flüchtlingspolitik, so weit von Wilders auch gar nicht entfernt. Ähnliches ließe sich für Deutschland (etwa die de facto (!) Annäherung, einiger Positionen zur Flüchtlingsfrage, der CSU an die AFD), Österreich und Frankreich sagen: Langfristig ist eben nicht entschieden, ob der permanente (!) Stimmenzuwachs für die rechtsradikale Partei Front National wirklich gebrochen ist. Immerhin erhielt doch Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich 2017 33 % der Stimmen. Noch ist nicht entschieden, ob Europa ein demokratischer Kontinent wird (oder „bleibt“, wenn man als Optimist die jetzige Lage einschätzt).

Susan Neiman, Widerstand der Vernunft. Ein Manifest in postfaktischen Zeiten. 79 Seiten, Juni 2017, Benevento, Verlag Salzburg, 8 EURO.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Theologisch denken mit Marx. Über die lebendige Befreiungstheologie

29. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Theologische Bücher

Hinweise zu unserem religionsphilosophischen Salon am 26.5. 2017

Von Christian Modehn

Ein Vorwort: In unserem religionsphilosophischen Salon am 26.5. 2017 haben wir anlässlich des gleichzeitig stattfindenden Kirchentages in Berlin einige zentrale Aussagen des (jungen) Marx zur Religion diskutiert. Vor allem die bekannte Aussage von Marx: „Religion ist Opium des Volkes“. Uns leitet dabei die ganz normale philosophische Überzeugung, dass natürlich etliche philosophische Fragen und Provokationen von Marx auch heute unser Denken anregen und möglicherweise korrigieren können. So etwa die Frage: Wie ist auch theologische Denken und auch kirchliche Handeln von der nun einmal zweifelsfrei vorhandenen Situation der Klassengegensätze in den Staaten und Kulturen Europas z.B. bestimmt? Gibt es überhaupt noch ein Bewusstsein dafür, dass Theologie und kirchliches Handeln etwa in Europa und den USA nicht nur eingebunden ist in Klassengegensätze und Klassenkämpfe, sondern dass Theologie und kirchliches Handeln oft unbewusst, oft bewusst, die Position der „Herrschenden“, also die Werte, Normen und Grundüberzeugungen der Herrschenden (Kapitalisten) widerspiegelt und verbreitet. Das sind unbequeme Fragen, weil sie den üblichen theologischen Betrieb und die üblichen kirchlichen Veranstaltungen in gewisser Weise erschüttern können. Hier werden erste Hinweise zur weiteren Arbeit an dem Thema geboten. CM.

1.

Wie kann es Theologie als kritische Reflexion über die christliche Religion geben, wenn sich Theologen vom Denken von Karl Marx nicht nur punktuell, nicht nur in Detailfragen, inspirieren und in Frage stellen lassen, sondern sich förmlich auf den Boden von Marx stellen und von diesem „Boden“ und in diesem Horizont nach Gott fragen und vor allem die Bedeutung der Kirchen und ihrer Theologien reflektieren.

Dass es solche TheologInnen in unserer Gegenwart gab und gibt, noch einige wenige, ist eine Tatsache. Es gilt, dies näher zu verstehen, auch als Chance für die vielen anderen TheologInnen und Christen, die auf einem anderen „Boden“ stehen und in einem anderen „Horizont“ denken, etwa explizit auf dem kapitalistischen Boden und im kapitalistischen Horizont. Man denke etwa an die sehr populäre Theologie des Wohlstands und gottgefälligen Reichtums. Diese Theologie wird etwa in Süd-Korea heftig verbreitet oder wird in vielen Pfingstgemeinden sehr reich gewordener Pastoren, etwa in den USA, Nigeria oder Brasilien, propagiert und zugunsten der Herrschenden eingesetzt. Man denke etwa auch an die hoch geschätzte Bindung offizieller katholischer Theologie an Thomas von Aquin und seine Bindung an den „heidnischen“ Philosophen Aristoteles und dessen Ethik (etwa eine gewisse Verteidigung der Sklaverei). Dass Marx in seiner Spiritualität kein „Heide“ war, ist inzwischen klar, er näherte sich sogar der Mitgefühls-Ethik an, wie der Ökonom Karl Heinz Brodbeck zeigte.

Diese Hinweise sind auch Vorschläge der Güte angesichts der zweifelsfrei immer vorhandenen antimarxistischen Gemüter, die diesem Denker Marx „Heidentum“ und „Unglaube“ vorwerfen und ihn dann, in dieser falschen Meinung, für theologisch grundsätzlich unbrauchbar halten.

2.

Uns interessiert hier die Lehre, die einige Theologen aus einigen zentralen Erkenntnissen von Karl Marx ziehen. Dabei wird selbstverständlich, dies nur zur Beruhigung der LeserInnen, nicht das ganze System des Marxismus (– Leninismus – Stalinismus) gut geheißen oder theologisch im ganzen rezipiert. Diese Interpretation der Gedanken von Marx durch Lenin und Stalin usw. sowie durch die allmächtige Partei ist – wie bekannt – ein Irrweg der Menschheit, genauso so, wie auch die Formen des Faschismus und Rassismus und Nationalismus (auch heute) ein furchtbarer Irrweg sind, selbst wenn sich diese immer wieder aufs „Christentum“ berufen haben.

3.

In jedem Fall: Es bleiben einige zentrale Erkenntnisse von Marx gültig, und dies ist die Bestimmtheit und Prägung allen Denkens, also auch aller Kultur, Religion und Theologie, von einer bestimmten Klassensituation. Also von den Werten und Normen der kapitalistischen Welt-Gesellschaft. Dabei ist gerade angesichts der ungezügelten Globalisierung und der unkontrollierten Herrschaft des Finanzkapitals heute die Aktualität einer fundamentalen Kapitalismus – Kritik evident. Welche Gesellschaften und Staaten lassen denn das Hungersterben von Millionen Menschen etwa in Afrika zu? Die heutige Welt des totalen Kapitals (mit seinen Gewinn bringenden Kriegen) macht die meisten Menschen immer ärmer, schränkt Lebensmöglichkeiten der meisten Menschen dieser Welt total ein. Der Kapitalismus ist heute wild geworden. Er zerstört die Seele der Menschen, die Natur, er macht Politik zum Show-Geschäft: Man denke, dass ein Milliardär, Mister Trump, nun als Präsident der USA weiterhin seine persönliche Bereicherung als Lebensziel urch die Strategie der Lügen fortsetzt. Trump ist förmlich der Inbegriff eines wild gewordenen kapitalistischen Alleinherrschers, dem das Schicksal der Armen z.B. völlig gleichgültig ist.

4.

Sogar Papst Franziskus legte ein vorsichtiges Bekenntnis zu Marx ab in seiner Auseinandersetzung mit seinem konservativen Kritiker, dem us-amerikanischen Journalisten Rush Limbaugh: Er warf Papst Franziskus vor, in seiner Schrift „Evangelii Gaudium“ einen „reinen Marxismus“ zu lehren. Darauf entgegnete Papst Franziskus, so berichtet die Amsterdamer Tageszeitung „de Volkskrant“ (am 15.12.2013), der Marxismus sei zwar als politische und ökonomische Philosophie verkehrt, aber er habe während seines ganzes Lebens zahlreiche Marxisten getroffen, die gute Menschen sind“ Darum, so sagte der Papst weiter, „fühle ich mich nicht beleidigt, wenn man mich einen Marxisten nenne“. In dem Schreiben des Papstes ist die Rede davon, das eine extreme Liebe zum Geld zu einer neuen Tyrannei führt. Solche Worte einer gewissen Sympathie für Marx und Marxisten waren aus päpstlichen Mündern eher sehr selten zu vernehmen. Bekanntlich hielt Papst PIUS XII. den Marxismus und den Kommunismus für viel gefährlicher als den Hitler Faschismus und Antisemitismus. Diese Haltung setzte sich fort, war leitendes Prinzip auch im Umgang mit der marxistisch inspirierten Befreiungstheologie.

Unsere Darstellung der Rezeption einiger zentraler Erkenntnisse von Marx in der Theologie und vor allem in der Befreiungstheologie braucht natürlich nicht den Segen eines Papstes. Zumal die Marx-freundlichen Theologen anders als Papst Franziskus etliche politische und ökonomische Aussagen von Marx eben NICHT verkehrt und falsch finden.

5.

Man bedenke, dass der Philosophieprofessor Dieter Thomä, St. Gallen, in seinem neuen Buch „Pier Robustus“ (Suhrkamp Verlag 2016) auf S. 314 vom Begriff Lumpenproletariat spricht. Von einem Begriff, den Marx im doppelten Sinne verwendete: Einerseits die sehr erbärmlichen Armen, die nur darauf aus sind, „nach oben zu kommen“, also bürgerlich zu werden in einer egoistischen Haltung des unbedingten privaten Aufstiegs. Und andererseits gibt es diese egoistischen Aufstiegs-Typen ohne ethische Verantwortung für andere auch bei den Reichen. Es sind also die reichen „Lumpenproletarier“, die eine Schurkenherrschaft installieren. Gustave Flaubert sprach von „Voyoucratie“, also Vetternwirtschaft und Ganovenregime (vgl. auch die Hinweise von Thomä auf Derrida und Rancière). Der Philosoph Dieter Thomä nennt in seinem Buch als aktuelle Beispiele dieser Schurkenherrschaft: „Silvio Berlusconi, Donald Trump und viele andere sind Nachfahren dieser Schurkenherrschaften“ (S. 314). TRUMP also in der Sicht eines hoch geschätzten Philosophen als SCHURKE! Das ist eine weithin geteilte, vor allem in den USA, analytische Beschreibung! Wie lange ein Schurke Präsident bleiben darf, ist eine Frage des (politisch-demokratisch-rebellischen) Mutes…Heute wird man wohl als aktuellstes Beispiel den lateinamerikanischen Oberschurken, den brasilianischen Betrüger und Präsidenten Michel Temer nennen, der wohl in den nächsten Wochen endlich aus dem Amt verjagt wird… wenn es denn noch mit gerechten Dingen zugeht. (vgl. dazu den Beitrag von Philipp Lichterbeck im Tagesspiegel vom 27.5.2017: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/schmiergeldskandal-fleischbarone-stuerzen-brasilien-ins-chaos/19858562.html

6.

Diese Beispiele sollen nur zeigen: Das Denken von Karl Marx, das wesentlich aus der Option für die Überwindung des Kapitalismus lebt, ist aktueller denn je. Das heißt nicht, noch einmal sei es zur Beruhigung der pauschalen Anti-Marxisten betont, dass die Herrschaftsformen des Kommunismus, des Stalinismus usw. wieder kehren sollten! Der genannte Staats – Kommunismus war eine totale Verfälschung der Ideen von Marx. Falsch war der Glaube von Marx und Engels, durch die Herrschaft der Partei werde der humane klassenlose Zustand erreicht, wenn nicht gar diese Entwicklung wie ein Naturprozess gedacht wurde… Aber, auch diese Dialektik gilt: So, wie bestimmte Kirchenregime, etwa in der Ketzerverfolgung und in den Religionskriegen, alles andere als Ausdruck der Bergpredigt Jesu von Nazareth waren. So wie man sich vom irregeleiteten Kommunismus genannter Art absolut verabschieden muss, so eben auch von der irregeleiteten Kirchen-Herrschaft etwa als Krieg gegen Andersdenkende und Andersglaubende.

7.

So ist in gewisser Weise – endlich – ein Verständnis geweckt für die Frage: Wie können Theologen leben und denken auf dem Boden der Kapitalismus – Kritik von Karl Marx und der Analyse der Klassengesellschaften, wo auch heute diese Kassengesellschaften evident bestimmende Realität sind weltweit….

Dieses Thema führt also zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie, über die ich seit 1973 zahlreiche Texte publiziert habe, immer mit der grundlegenden Einsicht: Diese neue Theologie in Lateinamerika ist als eine „alternative Theologie“ zu verstehen. Sie fällt also förmlich aus dem Rahmen der bisher üblichen Theologien.

Darauf machte mit Nachdruck 1973 der italienische Philosoph und katholische Theologe Pater Giuglio Girardi aufmerksam, bei einer Tagung in der Hochschule St. Augustin bei Bonn, die ich wesentlich inhaltlich mitgestalten konnte. Damals war Girardi noch Mitglied des katholischen Salesianer Ordens, aus dem er später, im Jahr 1977, wegen „marxistischer Umtriebe,“ entfernt wurde. Der Philosoph ist 2012 verstorben, seine zahlreichen Werke verdienen nach wie vor unsere Aufmerksamkeit, werden aber kaum noch beachtet.

Der Titel des Vortrags von 1973 war: „Philosophische Voraussetzungen einer Theologie der Befreiung“ (veröffentlicht in dem Sammelband „Theologie und Befreiung“, St. Augustin 1974). Der Vortrag bietet gerade in den „Schlussfolgerungen“ Hinweise, wie im Horizont der Klassenanalyse von Marx Theologie (in Lateinamerika) gestaltet wird.

8.

Zentral ist für Girardi die Teilnahme der Christen und der Theologen an der „revolutionären Kultur“ der Armen. Diese Christen und ihre Theologen haben sich bewusst den Perspektiven der unterdrückten Klasse angeschlossen. Sie sehen als religiöse Menschen in dieser Bindung einen „Ruf“ des Willens Gottes. „Gott redet auch und vornehmlich durch die menschliche Suche nach Freiheit, die er ständig durch die Geschichte hindurch anregt“, schreibt Girardi (S. 35) . Dann spitzt Girardi seine Theologie noch stärker zu: „Die gängige Identifikation zwischen Bibel und Wort Gottes ist daher sehr beladen mit Doppeldeutigkeiten, die dringend beseitigt werden müssen. Gewiss ist die Bibel ein bevorzugter Ort für das Wort Gottes: Aber die Bibel ist nicht der einzige Ort dafür und vielleicht nicht einmal der fundamentale“ (ebd.). Damit will Girardi nicht die uralte katholische Lehre von Schrift und Tradition aufwärmen, wonach eben auch die katholische Interpretation der Bibel als Tradition gleichwertig neben der Bibel stehe. Das wäre für Girardi viel zu klassisch-theologisch gedacht. Er meint: Wer sensibel und kritisch die Wirklichkeit der Gesellschaft betrachtet, vernimmt förmlich im Schrei der Armen den Ruf Gottes, diese Situation zu beenden zugunsten einer allgemeinen Gerechtigkeit. Gott spricht also in den Ereignissen der Geschichte, in solchen, die eine umfassende Gerechtigkeit für alle fordern.

9.

Die Instrumente für diesen Kampf sieht Girardi in der marxistischen Klassenanalyse. Damit hat Girardi das Niveau erreicht, auf dem von lateinamerikanischer Befreiungstheologie gesprochen werden kann, damals, 1973, wurde Befreiungstheologie noch im Singular verstanden, man bedenke, dass es diese Theologie erst seit 1969 als solche „gibt“… Theologie der Befreiung denkt also im Horizont von Karl Marx` Klassenanalyse und sie ist dadurch eine „theologische Alternative“ (S. 36), sie denkt förmlich außerhalb der Welt der Herrschenden. Zunächst muss die Klassenbindung der sonstigen, der mehrheitlich herrschenden Theologie auch analysiert werden. Die klassische Theologie und Spiritualität transportiert „wesentliche Züge der herrschenden, also kapitalistischen, Kultur“ (ebd.)

„Seit dem Konstantinischen Christentum, also seit dem 4. Jahrhundert, als das Christentum Staatsreligion wurde, ist Theologie an diese herrschende Klasse gebunden, egal, ob diese Theologie nun eben konservativ oder progressiv auftritt“. Für Girardi ist selbst die sich progressiv und modern gebende Theologie, etwa in Westeuropa, Ausdruck der Klassenbindung, in dem Sinne, dass sie nicht eine globale Aufhebung des Kapitalismus anstrebt. Dabei geht Girardi von der Erkenntnis aus, „das der Klassenkampf nicht alles erklärt, wohl aber dass der Klassenkampf alles kennzeichnet“ (Ebd). Daraus folgt u.a.: „Wir behaupten, dass eine Verteidigung göttlicher Rechte oft der Verteidigung der Stärkeren (also der Mächtigen, der Herrschenden, CM) gleichkommt. Und wir behaupten, dass der Primat Gottes und des Wortes Gottes oft die Transposition des Primats der herrschenden Klasse darstellt“ (ebd.)

Deswegen kann Girardi auch die damals noch sehr beliebte so genannte politische Theologie etwa von Johann Baptist Metz kritisieren: Er und andere europäische „politische“ Theologen wollen zwar das Politische als Dimension des Glaubens ernst nehmen. Aber diese politischen Theologen haben nie praktisch – existentiell Partei ergriffen für die Unterdrückten. Sie fühlten sich als gut bezahlte Professoren der Universitäten auch nicht als Teil des unterdrückten Volkes, sie haben eher selten an der Anti-Atom-Bewegung leibhaftig teilgenommen oder an Friedensdemonstrationen usw. Politik bliebt so ein akademischer Horizont.

10.

Demgegenüber sieht Girardi die Befreiungstheologie als „Alternativtheologie“: Sie ist eingebunden in die politischen Kämpfe der Armen um ihr Lebensrecht. Es gab später sehr viele bekannte Theologen und sogar Bischöfe in Lateinamerika, die dieser Einbindung ihres Lebens in die Klasse der Unterdrückten lebten, Helder Camara gehört dazu, Oscar Romero, sicher auch Leonardo Boff, als er noch Mitglied im Franziskanerorden war, oder Bischof Pedro Casaldaliga usw… Aber diese genannten Theologen wurden stets vom Vatikan bedroht, mundtot gemacht und in Zusammenarbeit mit den US-Regierungen, etwa mit Hilfe des CIA, umgebracht, man denke an die bekannten Jesuitenpatres um Pater Ignacio Ellacuria in El Salvador. Diesen Mord hat der Vatikan zugelassen, indem er die Befreiungstheologie offiziell gefährlich und eben auch marxistisch nannte. Sie wurden förmlich zum Freischuss durch die rechtextremen Militärs (in Guatemala, El Salvador usw.) freigegeben. Natürlich waren manche Befreiungstheologen in gewisser Hinsicht marxistisch inspiriert, sie verleugneten diese Tatsache nur manchmal, aus Angst vor der tief sitzenden „antikommunistischen Wut und dem Verfolgungswahn“ des Vatikans, insbesondere des polnischen Papstes. Er wollte nicht unterscheiden zwischen einem kommunistischen Staat, wie in Polen, und einem von Marx her angeregten kritischen theologischen Denken…. Aber die Befreiungstheologen beteten jedenfalls nicht länger die alten Sprüche der Theologie nach… Der brasilianische Bischof Antonio Fragoso, Crateus, (1920 bis 2006), auch er ein Befreiungstheologe, sagte schon 1968 als Analytiker der Klassengesellschaft: „Glaubt mir, ein Evangelium, das so gepredigt wird, dass wir passiv bleiben, resignieren, Ungerechtigkeit dulden, Unterdrückung, Imperialismus, Kolonialismus hinnehmen, ein solches Evangelium ist kein Christus-Evangelium…Unsere Gottesdienste können Atheismus verkünden, wenn wir gegenüber der sozialen Ungerechtigkeit indifferent bleiben… Wir sollten keine Angst haben, subversiv genannt zu werden, wenn unser Gewissen uns sagt: Dass wir helfen, eine bestehende moralische Unordnung umzustürzen…“ (in: Mit Maschinengewehr und Kreuz, hg. Hildegard Lüning, Rororo aktuell, Hamburg 1971, dort Seite 96 ff).

11.

Und in Deutschland? Natürlich muss hier der Berliner Theologe Helmut Gollwitzer ( 1908 bis 1993) genannt werden. Kurz und bündig hat er nach der Niederschlagung der sozialistischen Allende-Regierung durch die USA und die Einsetzung des von den USA lancierten katholischen Diktators Pinochet einige Thesen verfasst mit dem Titel „Klassenkampf und Kirche“, veröffentlicht in den Argument Studienheften Nr. 39, Berlin, 1980, Seite 19 ff. Diese Thesen zeigen eindringlich die Nähe zum Denken Girardis, nur ein Zitat von Gollwitzer: „Das historische Christentum ist Reformismus, mit deren verdiensten und deren Kehrseite: Der Dienstbarkeit gegenüber der Klassengesellschaft und der Korrumpierung durch sie“ (S. 22). Diese Thesen sind in Vergessenheit geraten. Heute wird oft eine christliche Spiritualität vertreten, die nur ein Interesse hat: innerhalb der bestehenden Gesellschaft ein Maximum an Glücksgefühl zu erzeugen.

12.

Die Befreiungstheologie wurde (von Rom und im Bündnis mit Reagan, den Buschs usw.) gezielt behindert und verfolgt und klein getreten. Aber: Sie überlebt. Dies hat auch ökonomische Ursachen: Weil die Milliarden arm gemachter Menschen weltweit immer noch nach Gerechtigkeit schreien, nach einem anderen Leben. Diese Gerechtigkeit wird ihnen der Kapitalismus, so wie er heute noch herrscht, nicht geben können. Wie lange dabei das oft noch dargereichte religiöse Opium diese Ausgehungerten ruhig stellt, ist die Frage. Vielleicht hat das so genannte religiöse Opium aber auch, moderat und kurzfristig dosiert, manchmal mobilisierende Kraft. In Lateinamerika kann man dies noch beobachten, in Basisgemeinden, in demokratischen Widerstandsgruppen.

Copyright; Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



„Wir sind zuerst Menschen. Danach Untertanen“: Zum 200. Geburtstag des Philosophen Henry D.Thoreau

25. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher, Termine

Am 12. Juli 1817 wurde der ungewöhnliche Philosoph und Autor, der Amerikaner Henry David Thoreau (in Concord, Massachussetts) geboren. In seiner Heimat, den USA, gibt es bis heute eine breite Thoreau-Forschung und durchaus Thoreau-Begeisterung. Sein schon etwas bekanntes Buch „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“ sollte Pflichtlektüre in allen Schulen aller Staaten werden. Aber auch die anderen Texte verdienen unsere Aufmerksamkeit, einiges Neue, wie die Tagebücher, erscheint u.a. im Verlag Matthes und Seitz, Berlin. Wir werden weitere Hinweise publizieren, besonders zu der religionsphilosophischen Bewegung der „Transzendentalisten“, der Thoreau nahe stand…

Thoreau wurde in der Pop – und Hippiebewegung zu einer Symbolfigur des „Aussteigers“ aus dem kommerziell beherrschten Alltag. Tatsächlich sind seine Essays „Walden“ sicher besonders inspirierend für die Suche nach einem alternativen, von Gleichberechtigung der Menschen geprägten Leben. In „Walden“ teilt Thoreau seine Lebens – „Experimente“ (er liebte dieses Wort) am „Walden“ – Teich mitteilt: Selbstgenügsamkeit und Entschiedenheit für das wirklich Wichtige im Leben, das Sein als harmonisches, friedliches Leben, sind zentrale Themen von „Walden“. Besonders aktuell ist heute, angesichts des Trump – Regimes zum Beispiel, sein knapper Text „Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“. Ungehorsam ist für Thoreau immer dann entscheidend, wenn das Gewissen den Gehorsam gegenüber staatlichen Gesetzen und Verfügungen verbietet. Es ist das individuelle Bewusstsein von Moral, das im gesellschaftlichen Leben ausschlaggebend ist. Damit wird nicht jeglicher egoistischer Willkür die Tür geöffnet. Es geht um die Prüfung: Was ist gut für die Menschheit, was ist gut und menschlich fördernd für den Staat. Wie kann ich ethisch gut als Mensch bestehen… Gandhi hat Thoreau gelesen, seine Gedanken inspirierten ihn im gewaltfreien Widerstand. „Ich mache mir das Vergnügen, mir einen Staat vorzustellen, der es sich leisten kann, zu allen Menschen gerecht zu sein, und der das Individuum achtungsvoll als Nachbarn behandelt… “ schreibt Thoreau am Ende seines Essays „Über die Pflich zum Ungehorsam gegen den Staat“.

Eine neue Thoreau- Biographie: Frank Schäfer, „Henry David Thoreau, Waldgänger und Rebell“. Suhrkamp Verlag, 2017.  Die Thoreau-Gesellschaft in den USA.

 



PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest

21. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denken und Glauben, Termine

PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest… und ein politisches Fest!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.5. 2017

Kein Fest der Christen ist vielen so unbekannt wie Pfingsten. Das sagen hingegen nicht (klassische, „idealistische“) Philosophen. Denn Pfingsten ist auch ihr Fest, das Fest des sich selbst reflektierenden Geistes, also der Vernunft. Wir feiern, auch trotz der Linkshegelianer und Marxisten, naturgemäß eben auch, moderat, Hegel, den Meister des absoluten Geistes … zu Pfingsten. Dass diese philosophische Haltung politisch-kritisch ist, habe ich 2016 in einem eigenen Beitrag darzustellen versucht, siehe weiter unten….

Pfingsten und Himmelfahrt und Ostern: Diese drei christlichen Feste, beziehen sich auf eine und dieselbe Einsicht der frühen Christen: Ihnen kam nach der Ermordung Jesu am Kreuz  die Erleuchtung, um es mal buddhistisch angehaucht, aber heutzutage verständlich zu sagen, als die gemeinsam geteilte Einsicht: Der verstorbene Jesus von Nazareth,  dieser wunderbare Mensch, lebt auf ungeahnte Weise über den Tod hinaus in ewiger Gegenwart. Diese Einsicht, diese Erleuchtung, wird zu Pfingsten explizit gefeiert. D.h.: Das Ewige ist im Menschen. Es hat auch Jesus ins weite Leben geführt – wie es alle anderen Menschen auch, weil alle mit dem Ewigen „begabt“. Pfingsten also ein Fest dieser fundamentalen Einsicht. Und der Versuch, all die unterschiedlichen Menschen zu einer Gemeinschaft, Gemeinde, genannt, zu versammeln.

Nun zum Zusammenhang von Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten…

Warum werden eigentlich in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Haben diese Gedenktage und Feste denn alle einen grundlegend verschiedenen Inhalt? Die Antwort vorweggenommen, siehe Weiteres unten, heißt: Nein. Es ist vielmehr der gleiche Inhalt, der an den drei verschiedenen Gedenktagen bzw. Feiertagen bedacht wird.

Dass die Kirchen dreimal in kurzem zeitlichen Abstand Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten feiern, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, Feste eben „feste“ zu feiern und vor allem: Es hängt vor allem mit dem so genannten Kirchenjahr zusammen, das sich auf das säkulare Jahr „legt“, allerdings mit anderen Neujahrstagen und anderen Silvestertagen: Neujahr im Kirchenjahr ist nicht der 1.Januar, sondern jeweils der erste Sonntag im Advent. Und Silvester als der letzte Tag des (weltlichen) Jahres ist im Kirchenjahr förmlich der Sonntag vor dem 1. Adventssonntag, der in evangelischen Kreisen „Ewigkeitssonntag“ genannt wird. Das Kirchenjahr mit einem eigenen Anfang und eigenen Ende folgt den Lehren der Kirche, also von der Erwartung Jesu Christi (Advent) bis zum Ende der Welt…Und darin sind Ostern, Himmelfahrt Jesu Christi und Pfingsten platziert.

Mit diesem Sonder-Kalender wollen die Kirchen signalisieren, dass sie doch nicht ganz den Rhythmen der weltlichen Zeit und der Welt folgen wollen. Darum wurde auch früher, als die Menschen noch stärker christlich und vor allem deutlicher katholisch geprägt waren, der Namenstag (bezogen auf einen Heiligen im Kirchenjahr !) viel besser gefeiert als der (natürliche) Geburtstag, der sozusagen zur weltlichen Zeit gehört. Ein Christ feiert den christlichen Namenstag, hieß und heißt die Devise. Damit wurde zugleich dem Menschen ein leibhaftiges Vorbild vor Augen gestellt… wenn es denn eines war: Einen heiligen Georg soll es als historische Person nicht gegeben haben….

1. Ostern bedeutet als das Fest und als Form des Gedenkens: Nach dem historisch stattgefundenen Tod (der Kreuzigung) Jesu von Nazareth kommen die Jünger nach einer Zeit der Trauer und Depression zu der gemeinsam geteilten, aber in unterschiedlichen Sprachformen übermittelten Überzeugung: Dieser Jesus von Nazareth, dieser vorbildliche Mensch, den wir liebten, der uns liebte, kann nicht im Nichts verschwunden sein. Er lebt auf neue Art; er wird als auf neue Art Lebendiger von der Gemeinde erlebt. Dies ist – kurz gesagt – Ostern als das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Sie ist eine begründbare Überzeugung für die Gemeinde, weil sie wissen: Das Ewige und in dem Sinne Göttliche ist bereits eine unabwerfbare, freilich in einer oberflächlich-kapitalistischen Welt übersehbare Wirklichkeit im Menschen. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann nicht untergehen im Tod. Deswegen sagt auch der Apostel Paulus: Jesus Christus zeigt sich nur als der Erste, der vom Tod Auferweckten. Ein historisches, greifbares datierbares Ereignis (für Historiker) ist die Auferstehung Jesu von Nazareth selbstverständlich nicht. Die Rede vom leeren Grab ist ein Bild, mehr nicht. Der Tod ist überwunden, auch wenn der Körper im Grab liegt. Das letzte historisch – fixierbare Datum aus Jesu Leben ist der Prozess, die Kreuzigung und der Tod am Kreuz. Historisch greifbar als Ereignis ist hingegen die Überzeugung der ersten Christengemeinde: Dieser Jesus lebt für uns in der göttlichen Wirklichkeit. Und dahin gelangen auch wir – wie auch immer – nach dem Tod unseres Körpers.

2. Und damit sind wir bei dem, was Christi Himmelfahrt meint: Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung, die schon zu Ostern deutlich wurde: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise für den Ort des Göttlichen hält, im „Himmel“. Das Fest Christi Himmelfahrt ist also ein Variante des Osterfestes.

3. Und Pfingsten? An dem Gedenk- und Feiertag wird klar: Die erste Gemeinde hat die innere Voraussetzung für ihre Überzeugung bezüglich Ostern und Christi Himmelfahrt reflektiert: Und sie weiß dann im gemeinsamen Sprechen, fragen und Nachdenken: Dass wir erste Christen überzeugt sind, dass Jesus von Nazareth auf eine unvorstellbare Weise lebt, ist förmlich ein Geschenk, ein Geistes-Blitz, ein Widerfahrnis, womit eigentlich niemand gerechnet hat.

Insofern ist Pfingsten das Fest der Einsicht, der überwältigenden Erkenntnis, des Geistesgeschenks. Und dies führt die Menschen zusammen, etwa in Gemeinden und Kirchen. Dass später dann in charismatischen und pfingstlerischen Gemeinden der emotionale Überschwung begann, das Trallala, die Zungenrede, die merkwürdig (abstoßenden) Geistes-Heilungen usw., ist, geistvoll betrachtet, ein Irrweg. Pfingsten ist vielmehr das Fest des kritischen Nachdenkens über das Leben in dieser Welt, selbstverständlich sollte sich diese Überzeugung auch körperlich ausdrücken, im Tanz, der Bewegung, dem gemeinsamen Unterwegssein.

Die Kirche als vom Geist gegründete ist eigentlich der Ort, wo die Vernunft ihren Ehrenplatz hat. Aber leider de facto selten hat. Siehe die Ablehnung der Philosophie durch Luther, die Ablehnung des modernen Humanismus usw. Da haben dann philosophische Salons ihre Aufgabe!

Natürlich lässt sich Pfingsten auch säkular feiern: Indem man reflektiert und die Frage stellt: Ist denn alles erlebte Geschehen des Geistes (Liebe, Eros, Kunst usw.) in mir und in anderen nicht auch ein Geschenk, eine Gabe, ein geistvoller Zu-Fall? Pfingsten befreit also von der Banalität des angeblich bloß grauen Alltags.

Christen feiern Pfingsten zudem als Fest der Gleichberechtigung aller Menschen: Denn alle haben den heiligen Geist. Der Geist wird nun heilig! Bekanntlich konnten die vielen Christen aus vielen Kulturen und Sprachen – laut Bericht der Apostelgeschichte – einander nicht nur verstehen, sie respektierten auch einander. Insofern ist Pfingsten dann doch auch ein Fest der absolut, also göttlich gewollten Pluralität der Menschen und ihrer vielfältigen Kulturen; selbstverständlich haben alle Kulturen und alle Menschen das gleiche Lebensrecht! Insofern ist Pfingsten auch das Fest der universalen Menschenrechte. Die Kirchen sollten eigentlich Modelle sein für dieses multikulturelle Zusammenleben, sind sie aber leider eher selten. Im Ausgrenzen von „anderen“ sind auch die Kirchen sehr erfahren und immer noch fixiert. Man denke nur an die aktuellen furchtbaren Hasstiraden des Patriarchen Kirill von Moskau gegen Homosexuelle. Solche Leute wie Kirill als mächtige, stinkend reiche Staatstheologen Putins sind (noch) nicht vom Geist berührt…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mein Beitrag zu Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum „Fest des Geistes“ sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Das Wissen ist: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere. Sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden… zum Besseren.

Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein zeigt in Umrissen eine neue Welt, dieses Nein ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden.

In der Religionsphilosophie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten usw. hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: „Das Elend der Welt“, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns „die Welt des Elends“, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst Franziskus doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grund stürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen, nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher; sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher, abgesehen von Events, wie den Kirchentagen. Danach tritt wieder die erstarrung ein, im römischen Katholizismus herrscht ohnehin Erstarrrung, trotz des munteren Papstes… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: Eher nicht, es ist schon zu spät, zu belastend sind die versteinerten Traditionen.

Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text „Veni creator spiritus“ formulierte: „Komm heiliger Geist…“ Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 

 



Präsident Macron: Seine Spiritualität und Religion sowie seine Philosophie.

8. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Präsident Emmanuel Macron – über seine Spiritualität und Religion und die Verbundenheit mit der Philosophie

Hinweise von Christian Modehn am 8.5.2017

1.Glaube und Spiritualität

Präsident Emmanuel Macron, geboren am 21. Dezemeber 1977 in Amiens, hat dort die katholische Privatschule „La Providence“ („Die Vorsehung“) unter Leitung des Jesuitenordens besucht. Macron kann sich also wie etliche andere bekannte Politiker durchaus Jesuitenschüler nennen. Im Alter von 12 Jahren ließ er sich, beim Eintritt in die Jesuitenschule, (katholisch) taufen. „Das war eine persönliche Wahl, meine Familie (die Eltern sind Ärzte) war eher mit der „laizistischen Tradition“ verbunden. Die Jesuitenschule hat mich die Disziplin des Geistes und einen Willen zur Öffnung gegenüber der Welt gelehrt. Aber danach, (offenbar beim Verlassen der Schule, CM) habe ich weniger (den Glauben) praktiziert (was in Frankreich bedeutet: die Messe besucht, CM). Heute habe ich eine dauernde Reflexion über die Natur meines eigenen Glaubens. Meine Beziehung zur Spiritualität nährt weiterhin mein Denken, aber ich mache daraus kein Element, irgendetwas (politisch? CM) zu beanspruchen (élément de révendication)“, so Macron im Interview mit der katholischen Wochenzeitung La Vie, Paris, am 15. 12. 2016. Macron betont also, dass für ihn (schon damals) die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben wichtiger war als der spirituelle Aspekt. Das gilt bis heute. Macron lobt ausdrücklich die Werte, die die Caritas (Secours catholique) in ihrem Engagement verteidigt, etwa in der Unterstützung der Wohnungslosen.

Der Kirchenhistoriker Jean-Domique Durand (Lyon) sieht in den politischen Äußerungen Macrons Elemente einer christlichen Kultur, etwa wenn er vom „Wohlwollen gegenüber dem Nächsten“ spricht. Er hat die (frühe) von Offenheit geprägte Flüchtlingspolitik von Angela Merkel gelobt. Zu dem lange diskutierten Thema der „christlichen Wurzeln Europas“ meint Durand bezogen auf Macron: Er würde die „christlichen Wurzeln Europas“ nicht offiziell anerkannt sehen wollen.

Zu Papst Franziskus hat sich Macron in „La Vie“ geäußert: „Im Unterschied zu den Präsidentschaftskandidaten Fillon oder Hamon werde ich nicht eine Nähe oder eine enge Verbindung mit dem Papst fordern und suchen. Aber als politisch entscheidender Akteur hat der Papst mutige Entscheidungen getroffen, die auch mit meinen Werten verbunden sind. Besonders in der Frage der Migranten hat der Papst an die Pflicht Europas erinnert und – aus einem geopolitischen, moralischen und philosophischen Gesichtspunkt – an den Unterschied zwischen einem Migranten und einem Flüchtling“. Quelle:

http://www.lavie.fr/dossiers/invites-politique-de-la-redaction/foi-laicite-europe-emmanuel-macron-en-7-extraits-15-12-2016-78648_807.php

Sehr konservative Katholiken lehnen Macron ab, weil er für die Homoehe ist und auch über aktive Sterbehilfe diskutieren will, siehe dazu die einschlägige Zeitschrift „France Catholique“: https://www.france-catholique.fr/Macron-Evangile.html: „Emmanuel Macron a des propositions économiques qui peuvent inquiéter les Français : augmentation de la CSG qui ponctionne déjà les revenus des retraités et des autres, suppression de la Taxe d’habitation pour 80 % des foyers : il faudra bien payer autrement et ce sont les classes moyennes qui devront le faire une fois de plus. En matière de valeurs morales censées être chères aux chrétiens : la faveur pour le mariage homosexuel et la volonté de généraliser la PMA (procréation médicalement assistée) à toutes les femmes qui la demandent sont deux prises de position totalement contraires à la morale de l’Eglise catholique. Les « Chrétiens démocrates » déclarent que Jésus n’était pas attaché à la famille et en concluent sans doute que les positions relativistes ne posent aucun problème ! Or elles sont parfaitement inadmissibles au nom même d’une philosophe politique dans la ligne de Léo Strauss et au nom de la théologie morale catholique“.

2.Zur Philosophie

Interessant ist, dass Macron vor seiner Ausbildung zum Ökonom in den Jahren zwischen 1995 und 2001 Philosophie studierte und das Diplom DEA , also das „diplôme d’études approfondies“, ein Hochschuldiplom, in der Universität „Paris –X. Nanterre“, erlangte, das oft als das erste Jahr eines Promotionsstudiums angesehen wurde. Einige Philosophen, wie der zur Polemik neigende Michel Onfray, aber auch Mitglieder des Fonds Ricoeur haben sich kritisch zu der Annahme geäußert, Macron könne als Philosoph gelten und als solcher auftreten: Sie halten den Titel Macrons als eines Assistenten von Paul Ricoer für überbewertet. Es geht dabei vor allem um die Frage, in welcher konkreten philosophischen Weise Macron als Assistent des protestantischen Philosophen Paul Ricoeur arbeitete. Auch die Philosophie Professorin Myriam Revault de Allonnes hat ihre Bedenken, Macron zu deutlich als Philosophen zu bezeichnen.  Sie sagte, dass Macron wohl nur die Korrekturbögen des Buch „La Memoire, l histoire, l oubli“ von Ricoeur (als Buch 2000 erschienen) korrigiert habe. Macron behauptet auch, von dem marxistischen bzw. kommunistischen Philosophen Etienne Balibar inspiriert zu sein, auch über die intellektuelle Beziehung Macron – Balibar wird unter Philosophen gestritten. Immerhin hat sich Balibar kurz vor der Wahl am 7.5. für Macron eingesetzt. Tatsache ist, dass Macron auch für die eher linke (einst explizit christliche, personalistische Zeitschrift) ESPRIT arbeitete und zum Redaktionskomitee gehörte: Dort wird die „zweifelsfreie philosophische Zuverlässigkeit“ Macrons gelobt, so etwa vom ehemaligen Chefredakteur von ESPRIT, Olivier Mongin. Fünf Beiträge hat Macron (darunter auch Buchbesprechungen) in ESPRIT publiziert, der letzte Artikel erschien 2011. Siehe: http://www.esprit.presse.fr/article/macron-emmanuel/francois-dosse-l-histoire-9396

Als philosophisch gebildeter Politiker hat Macron auch den Philosophen Jürgen Habermas in Berlin am 16. März 2017 getroffen, die Initiative dafür ging von der „Hertie School of Governance“ aus. Habermas lobte in höchsten Töne Macron, weil er entschlossen sei, Europa neu zu gestalten. Auch Sigmar Gabriel (SPD), er kennt Macron aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister, war bei dem Treffen dabei. Die ZEIT berichtete ONLINE am 17.3.2017 über diese Tagung: „Die Europäische Union habe seit der Unterzeichnung des Vertrags von Lissabon vor knapp zehn Jahren keine gemeinsame Erzählung mehr, so Macron. Ihr fehle ein gemeinsamer Wille, der sich auf ein klares Ziel richte. Europa vertrage aber keinen Stillstand. „Wenn Sie ein zaghafter Europäer sind, sind Sie bereits ein besiegter Europäer“… Auch den Deutschen ruft Macron damit sein „En Marche“ entgegen: Vorwärts! „Man kann Wahlen gewinnen, wenn man eine Idee von Europa hat und diese verteidigt“, sagt er. Es sei das deutsch-französische Verhältnis, von dem „das europäische Momentum“ ausgehen müsse. Da Misstrauen und uneingelöste Versprechen das Verhältnis der Nachbarn zerrüttet hätten, wirbt Macron dafür, zuallererst diese Beziehung zu erneuern. Dafür will er bei sich selbst anfangen und in Frankreich überfällige Reformen anstoßen“. Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-03/emmanuel-macron-berlin-sigmar-gabriel-juergen-habermas-frankreich-wahlkampf

3. Die Trennung von Religion und Staat verteidigen

 Macron ist leidenschaftlicher Verteidiger der Laicité, also der seit 1905 gesetzlich verankerten Trennung von Religionen und Staat in Frankreich. Er sagt: „Ich will nicht, dass die Gesellschaft den hegemonialen (Macht orientierten) Versuchungen einer Religion unterworfen ist…Die Laicité erlaubt es, im öffentlichen Raum respektvoll miteinander zu leben, im Respekt der Werte der Republik. … Im öffentlichen Dienst des Staates (service public) ist es sehr wichtig, die Neutralität dieses öffentlichen Dienstes des Staates zu respektieren. Aber die Laicité hat nicht die Berufung, eine republikanische Religion zu fördern“… „Die Republik ist der magische und einzigartige Ort ,der es erlaubt, dass Menschen in der Intensität ihrer Religion leben können. Man verlangt in der Republik, dass die Leute mit ihrer Religion für sich selbst (privat) umgehen, wie sie es wollen und dass sie dabei aber in einem absoluten Respekt vor den Regeln der Republik leben. Im öffentlichen Raum verlange ich von religiösen Menschen nur eine Sache: Dass sie die Regeln (les règles), also auch die Gesetze, absolut respektieren. In seinem eigenen, tiefen Gewissen, denke ich, kann ein praktizierender Katholik meinen, dass die Gesetze seiner Religion die Gesetze der Republik übersteigen. Aber ganz einfach: In jedem Augenblick, wo sich der Katholik im öffentlichen Raum bewegt, sind die Gesetze der Republik größer und wichtiger als die religiösen Gesetze… Die Menschen können das Bedürfnis nach einer Transzendenz haben. Die Republik hat nicht gegen die Transzendenz zu kämpfen. Die Republik hat zu kämpfen, wenn ihre Werte nicht respektiert werden“. (Interview mit dem politischen Magazin Marianne, 2016)

Siehe auch: https://www.franceculture.fr/politique/aux-sources-des-idees-demmanuel-macron

 

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Krzysztof Charamsa, Theologe und Kaplan seiner Heiligkeit, legt das schwule Leben im Vatikan etwas frei

3. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Termine, Theologische Bücher

Krzysztof Charamsa, Priester und führender Mitarbeiter in der vatikanischen Glaubenskongregation, über Leben, Lieben und Lust der Glaubenswächter.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3. 5. 2017

Der italienische Untertitel des jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buches von Krzysztof Charamsa „Der erste Stein“ ist noch treffender: „Ich, ein schwuler Priester, und meine Rebellion gegen die Scheinheiligkeit (Heuchelei) der Kirche“. Das Buch ist tatsächlich Ausdruck einer Rebellion, des Aufstandes, der Erhebung, der Revolte. Ob diese tatsächlich ausgelöst wird, hängt auch davon ab, wie viele Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe dieses Buch lesen und daraus Konsequen ziehen. Vielleicht sollten die Verlage dieses Buch jedem Bischof als Geschenk zu Pfingsten zusenden…

Auf Deutsch ist der Untertitel eher zurückhaltend „Der erste Stein“. Mit dem Untertitel „Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche“. Das Buch ist Ende April 2017 bei C. Bertelmann erschienen.

Es ist auch für die Interessenten des Religionsphilosophischen Salons wichtig, weil Religionskritik ein ständiges Thema bleibt. Das Buch ist keineswegs eine bloß aufgeregte, Neugier weckende „Skandalstory“. Es bietet vielmehr die Möglichkeit, durch die Erkenntnisse eines Insiders hinter die (tatsächlich auch im materiellen Sinne vorhandenen) Festungsmauern des Vatikans zu blicken.

Dieses Buch ist ein Dokument, das diese Mauern zwar nicht einreißen wird, aber doch etwas ins Wanken bringen könnte. Es ist wichtig für alle, die die innere Verfasstheit der klerikalen Mitarbeiter an der Spitze der römischen Kirche, also in der Glaubensbehörde, verstehen wollen. Mindestens jeder zweite Priester ist homosexuell, so betont das Buch, aber kaum einer lebt das offen, verzichtet also auf seine persönliche Identität. Das gilt auch für die Kirchenzentrale. Sie wird von Männern geführt, die „scheinheilig“ sind, wie der Buchtitel sagt. Das gerade im Jahr des Reformationsgedenkens 2017 freizulegen, als seit 1517 durch den Mönch Martin Luther die Welt des zölibatären Klerus wenigstens für die evangelischen Kirchen abgeschafft wurde, ist von besonderem Reiz. Das Buch zeigt einmal mehr die jetzt auch wieder allgemeine Erkenntnis, wie wenig sich das System und die Lehren der römischen Kirche tatsächlich durch Luther, auch nur entfernt, „berühren“ oder gar verändern lassen. Alles katholische Rede von ökumenischen Fortschritten heute ist angesichts dieser Dokumente doch sehr marginal

In jedem Fall: Das Buch von Krzysztof Charamsa ist ein durchaus historisch zu nennendes Dokument. Wer einen Vergleich will: Es ist so, als würde eines der führenden Mitglieder an der Spitze einer Parteizentrale das innere Leben, etwa die Korruption und die Verlogenheit dieser Parteizentrale freilegen. Das passiert weltweit selten, weil die Karriere wichtiger ist als das Zeugnis der Wahrheit.

Krzysztof Charamsa jedenfalls hat auf seine glänzende Karriere in der römischen Glaubensbehörde verzichtet. Immerhin hatte er den Ehrentitel Monsignore erhalten und durfte sich als „Kaplan seiner Heiligkeit“ ansprechen lassen.

Das Buch zeigt, dass im Reich des Papstes Scheinheiligkeit stärker ist als die nach außen hin gezeigte Heiligkeit.

Charamsas im engeren Sinne historisch-theologischen Publikationen in italienischer Sprache von 2002 bis 2014 sind eher von einem traditionellen theologischen Konzept, etwa den Interpretationen des mittelalterlichen Thomas von Aquin, geprägt. Er ist als Konservativer, vom Katholizismus Begeisterter, zum Rebellen geworden. Es gab den Bruch, das Nicht mehr Aushalten können der ständigen Verlogenheit, das ihn zum radikalen Abstandnehmen vom System führte: Krzysztof Charamsa hat sich in aller Öffentlichkeit am 3. Oktober 2015 in Rom als schwuler Priester, als Monsignore, als Theologiedozent und führender Mitarbeiter in der Glaubensbehörde, deren Chef der Deutsche Kardinal Müller ist, geoutet und sich zu seinem Partner bekannt. Selbstverständlich wurde er danach von dem zuständigen polnischen Bischof aller seiner Ämter entbunden und als Priester suspendiert, d.h. er darf in der Sicht Roms keine priesterlichen Funktionen mehr ausüben.

Das Buch bietet viele Erkenntnisse zum Zustand der katholischen Kirche, diese Erekenntnisse können hier natürlich nicht in der gebotenen Ausführlichkeit besprochen werden. chließlich soll eine Buchkritik nicht die Lektüre ersetzen, dass die Lektüre empfohlen wird, ist klar.

Es bietet eine Biographie des aus Polen stammenden Autors.

Es berichtet über den Zustand der katholischen Kirche in Polen nach der Wende, über die maßlose hysterische Verehrung des polnischen Papstes, den Kult um seine Denkmäler usw. „Der polnische Klerus besteht aus ideologischen Manipulatoren“ (Seite 53).

Interessant und kaum zu glauben ist der Zustand der offenbar miserable Zustand der Priesterseminare in Polen, nicht nur das schlechte Essen, vor allem das schlimme Niveau der dort gelehrten bzw. eingepaukten Theologie. “Die theologischen Hochschulen, Priesterseminare also, sind große Kasernen , „in denen die Rekruten eines Heeres gedrillt wurden, das im Dienst einer restriktiven Ideologie stand“ (S. 72). Nebenbei: Diese Priester werden nach ganz Europa geschickt, um den im Westen aussterbenden Klerus zu ersetzen…

Überhaupt die Theologie, das wäre ein eigenes Thema: Man erlebt einmal mehr, dass diese dort in den Seminaren Kirchen- Lehre offenbar nur mit Mühe noch Wissenschaft zu nennen ist.

Das Buch zeigt, wie die vielen homosexuellen Priester im Vatikan sich permanent selbst verleugnen und sogar zu expliziten Feinden der Schwulen werden, bloß um nicht aufzufallen und korrekt zu erscheinen. Diese Freilegung des Lügen-Systems, in das der einzelne homosexuelle Priester und Theologe gezwungen wird, ist wohl psychologisch und religionsphilosophisch am bedenklichsten. Theologen, die sich selbst ständig belügen und keine (sexuelle) Identität haben dürfen, kontrollieren als Mitarbeiter der Glaubensbehörde jene Theologen, denen man vorwirft, gegenüber dem Lehramt zu lügen, Irrlehren zu verbreiten. Lügner kontrollieren also so genannte Lügner. Denn die angeblichen „Ketzer“ sind ja nur solche, die kreativ die Theologie etwas voranbringen wollen. Und dann verfolgt werden.

In dem Buch nennt der Autor seine Behörde, die Glaubenskongregation oft „Inquisitionsbehörde“.

Über Papst Franziskus wird oft voller Zustimmung gesprochen. Nur glaubt der Autor nicht, dass der Papst sich gegen die Macht des vatikanischen Apparates durchsetzen kann. Er berichtet, dass bei einem Kongress über die Ehe (gemeint war der Kamf gegen die Homoehe) der Papst sogar eine Rede abgelesen hat, die die konservativen Veranstalter ihm „aufgesetzt hatten“ (S. 175).

Insgesamt zeigt das Buch lang und breit, dass die Mitarbeiter der Glaubenskongregation permanent und ständig vom Thema Homosexualität wie getrieben sind, als gäbe es nichts anderes in dieser Kirche und dieser Welt. In dieser Fixiertheit zeigt sich einmal das narzisstische Verhalten dieser Kleriker. Sie kennen nur sich und die Verleugnung ihrer Identität, um Karriere zu machen, vielleicht einmal Bischof zu werden etc…

Bitter böse ist etwa ein Text, wie ein Gebet, von Krzysztof Charamsa formuliert auf Seite 177: „Gott, segne den Papst und seine Kirche. Aber Gott, halte sie fern von uns. Seine Leute (also der Klerus) können der Menschheit nicht länger den rechten Weg weisen….

An anderer Stelle ein ähnlicher Gedanke: „Das starre System der Kirche muss zerstört werden, damit sie wieder zu einer Kirche der Menschen werden kann, wie ich einer bin“ (S. 280).

Mein Coming out habe ich „der Kirche mit aller Macht ins Gesicht geschrieen“ (280). Mit diesem Buch will Krzysztof Charamsa „nur einen ersten Stein legen, einen Grundstein zu einem Leben in Freiheit“ (259). Zusammenfassend: Charamsa hat „ das Reich der Lüge hinter sich gelassen“ (Seite 281)

Fragen zum Buch:

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass Krzysztof Charamsa erklärt, warum er das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. das „schwulste Pontifikat der Neuzeit“ (S. 165) nennt, sicher weil der deutsche Papst die alten hübschen Gewänder und roten Schuhchen wieder aus der Mottenkiste hervorholte und den Pomp liebte. Sicher auch, dass seine Texte gegen Homosexuelle vor Menschenrechts-Gerichten hätten verhandelt werden müssen. Aber warum mag Charamsa diesen Papst? Warum sagt er kein Wort zu den nun einmal überall kursierenden Erzählungen, von Zeugen belegt, Ratzinger sei selbst „betroffen“, also schwul. Das ist überhaupt nicht schlimm. Schlimm ist die Verleugnung dieser Identität, die zur Verfolgung derer führt, die eben nicht so verklemmt sind wie man selbst!

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass ausführlicher auf seine Tätigkeit als Dozent in der Universität des Ordens Legionäre Christi in Rom eingeht. Eine Seite zu dem Thema ist zu wenig über diesen immer noch einflussreichen Orden, der jetzt überlebt, ohne seinen Gründer auch nur nennen zu dürfen, nämlich den pädophilen Verbrecher Pater Marcial Maciel. Ein Orden, der förmlich vor Geld stinkt, wie mexikanische Journalisten dokumentieren. Es ist für die Unabhängkeit der Wissenschaft eigentlich ein Skandal, wenn Leute aus der Glaubensbehörde auch noch als Theologiedozenten in der Uni der genannten Legionäre Christi wie auch der Jesuiten-Universität Gregoriana tätig sind. was ist das für ein Niveau? Offenbar findet man diesen Niedergang freier wissenschaftlicher Forschung in Rom normal. Wie wäre es also, dem vatikanischen Vorbild folgend, wenn Beamte des BND Vorlesungen zur Sicherheitspolitik an der Uni halten? Oder der Innenminister als Professor einer Uni die innere Ordnung Deutschlands lehren würde…

Interessant wäre es, wenn man erfahren könnte, wie viel der so gefragte Theologe und Prälat Charamsa als ein hoher Funktionär in der Glaubensbehörde monatlich verdient hat. Woher kommt das Geld für alle diese klerikalen Diener des Systems? Denn die privaten Reisen, von denen die Rede ist, sind ja selbst mit Billigfliegern nicht ganz gratis. Und wie und wo wohnte er als Kaplan seiner Heiligkeit? Vielleicht Seite an Seite mit Kardinal Müller? Da kann man doch Klartext reden!

Dass der Autor keine Namen der offenbar scharenweise homosexuellen Priester in der Glaubenskongregation ist ein bisschen verständlich, man will sich kostspielige Prozesse ersparen. Aber einige Namen betroffener Prälaten usw. sind ja auf anderem Wege doch schon in die Öffentlichkeit gelangt. Warum diese enorme Angst?

Merkwürdig kurz fällt auch der Hinweis auf das reaktionäre polnisch-katholische Rundfunk/Fernsehimperium MARYJA aus. Mich würde interessieren, warum scheitern alle Versuche, den Gründer dieser Propaganda-Maschine, Pater Rydzyk vom Redemptoristenorden, aus dem Verkehr zu ziehen?

Auch über die theologische Fakultät in Lugano (Schweiz) hätte man gern mehr erfahren, an der Krzysztof Charamsa einige Jahre studierte. Diese Fakultät gilt als Zentrum sehr konservativer religiöser Gemeinschaften, wie dem Neokatechumenat. Auch Professoren dieser Lehranstalt, wie Manfred Hauke, er war Assistent bei dem Traditionalisten Prof. Ziegenaus in Augsburg, gehören dem sehr konservativen Flügel an.

Trotz dieser offenen und natürlich vom Autor gewünschten kritischen Fragen (das ist ja demokratische Kultur) ist das Buch durchaus ein historisches Dokument. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte gibt es ein „coming out“ eines prominenten „Kaplans seiner Heiligkeit“. Die traurige Geschichte der Homosexuellen, über die wir so wenig wissen, weil alle Zeugnisse immer vernichtet wurden, bekommt durch das Buch eine neue, durchaus befreiende Bedeutung.

Wird der Apparat der Kirche so dumm sein, und dieses Buch übersehen? Ignorieren? Polemisch belächeln? Schon möglich. Die Macht des Apparates ist leider immer noch gewaltig und gewalttätig. Wie viele Menschen, wie viele Homosexuelle, sind durch die perversen Verurteilungen aus Rom in ihrem Leben irritiert und zerstört worden? Wer spricht von den vielen Opfern? Wann finden Bußgottesdienste der (selbst schwulen) Kardinäle in Rom statt, in denen sie sich heftig entschuldigen, für alles Leid, das sie und ihre Vorgänger homosexuellen Menschen angetan haben und antun. Die Festpredigt sollte dann der Priester Krzysztof Charamsa halten. All das wird in diesem Jahrhundert nicht mehr passieren. Die Mauern des Vatikans sind „ewig“, und die Insassen dieses geistigen (leiblichen) Gefängnisses sind noch stolz auf diese „Ewigkeit“…

Copyright: Christian Modehn . Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Der § 175 in der römisch-katholischen Kirche.

28. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn am 28.4.2017

1. Zum Anlass dieser Überlegungen:

Am Freitag, den 28. April 2017, soll nun, man glaubt es kaum, ein Gesetz im Deutschen Bundestag verhandelt werden, das einer damals in der Bundesrepublik Deutschland verfemten und vergessenen Minderheit etwas Gerechtigkeit und bescheidene finanzielle „Wiedergutmachung“ bringen soll: Dem SPD Minister Heiko Maas sei Dank, aber auch den politisch Aktiven (Schwulen), die dieses Thema vor dem Vergessen bewahrten.

Es geht um Männer, die in der Nazi-Zeit als Untermenschen in KZs gesteckt wurden. Sie haben dann aber unter den nach wie vor weiter bestehenden Nazi-Gesetzen (von 1935) noch in der Bundesrepublik leiden müssen. Ca. 64.000 homosexuelle Männer wurden zwischen 1949 und 1994 noch verfolgt, diffamiert, ausgegrenzt, als Untermenschen angesehen… Erst 1969 begann die demokratisch-freiheitliche Regierung, sich vom unsäglichen Nazi- § 175 zu befreien. Solange war Nazi-Gesetzgebung eben normal!

Als normale Menschen mit allen Rechten werden homosexuelle Männer (und Frauen) bis heute selbst in Deutschland noch nicht angesehen: Sie haben etwa, im Unterschied zu den Niederlanden oder Spanien, kein Recht, eine Ehe zu schließen und Kinder zu adoptieren, also Familie zu sein. Und so viele Bürger regen sich auch hier nicht auf, wenn Homosexuelle auf den Straßen Gewaltattacken ausgesetzt sind. Das ist längst Alltag, so groß ist die Toleranz gegenüber Rechtsextremen längst!

Also: Nazi – Gesetze haben in der BRD fortbestanden … und die Opfer haben bis heute keine öffentliche Aufmerksamkeit gefunden oder gar Entschädigung erhalten. Warum? Weil in einem autoritären BRD Staat auch die BRD Richter fast immer ehemalige Nazis waren.

Nun also soll es eine gewisse Form der Gerechtigkeit für die Männer, die in der frühen Bundesrepublik verfolgt wurden. Ihre bewegende Geschichte sollte man etwa im Tagesspiegel vom 27. 4. 2017, Seite 3, nachlesen…

2.

Was uns im Religionsphilosophischen Salon viel mehr noch interessiert ist: Dieser Anti-Homo-Wahn besteht jetzt, besteht heute; diese Ausgrenzung, dieser Zwang, die anderen, die homosexuellen Menschen, zu verfolgen und zu töten. Dies gilt für fundamentalistisch-muslimisch geprägte Staaten, die noch nicht erkannt haben, dass der Koran eine zeitgebundene und historisch relative, also poetische Aussage frommer Leute ist. Die Liste der Staaten, die Homosexuelle verfolgen und ermorden, ist auch heute lang. Die Solidarität mit diesen Menschen hält sich nach meinem Eindruck in der westlichen Welt sehr in Grenzen. Die lieben Tanten und Onkels am Straßenrand deutscher Städte winken dem bunten und schrillen CSD – Festival im Sommer zu, kommen aber nicht auf den Gedanken, bei Amnesty International für krepierende Homosexuelle in Iran, Saudi-Arabien usw.usw. einzutreten…Man nennt dieses ignorante Verhalten heute die „feucht-fröhliche Form der repressiven Toleranz“.

3.

Der religionsphilosophische Salon interessiert sich auch aufgrund verschiedener biografischer Erfahrungen des Gründers dieser Basis- Initiative besonders für die Verfolgung bzw. Verachtung und Ausgrenzung homosexueller Menschen in den Kirchen, vor allem der römischen Kirche.

Die evidente Tatsache ist: Die römische Kirche ist eine homofeindliche Welt-Organisation. Noch heute. Sie spricht von der Akzeptanz „des anderen“ in zahllosen Dokumenten und theologischen Dissertationen, aber dies ist nur Theorie, nichts Ernstgemeintes, man könnte sagen: Ideologie.

Das ist ein evidentes Faktum, um es zugespitzt zu sagen. Und mir tun alle leid, die innerhalb der römischen Kirche gegen dieses Faktum anrennen und treuherzig „Reformen“ erwarten. Das ist Masochismus, den man aufgeben sollte – etwa zugunsten dringender Forschung und vor allem: eines befreiten Lebens.

Die Verfolgung homosexueller Männer in der römischen Kirche gilt für alle Männer die als Priester und Ordensleute in dieser Welt-Organisation mitarbeiten möchten. (Ich freue mich, dass offenbar die vielen lesbischen katholischen Nonnen in Ruhe gelassen werden, der Vatikan braucht ja auch Frauen nicht so dringend, da ist es ihm egal, ob da viele Lesben in den Klöstern sind, man möchte fast zynisch sagen: Gott sei Dank lässt die Inquisition die Lesben in Ruhe.)

Zu den Männern: Sie dürfen nur Priester oder hauptberufliche Laientheologen (etwa Pastoralreferenten) werden, wenn sie sich selbst als Homosexuelle verstecken und verleugnen und als Zeichen der Treue zur Hierarchie laut gegen Homosexuelle öffentlich sprechen.

Dieses Sich Verstecken ist eine Form systematischen geistigen Selbstmordes. Können solche geschädigten Männer Seelsorger sein?

Viele begehen aus Karrieregründen diesen geistigen Selbstmord und verstecken sich, gelegentliche Sex-Abenteuer, die bitte niemand sieht, eingeschlossen.

Die eher kranken Typen, möchte man beschreibend sagen, die man im Klerus allenthalben findet und fand, sind eben seelisch irritiert und, sorry,  kaputt, weil sie auf Dauer, lebenslänglich, zur absoluten Verlogenheit verpflichtet sind. So wird das klerikale System, und das römisch- katholische System ist absolut klerikal, zum Lügensystem. Lüge wird zur Angewohnheit, auch in finanziellen Belangen, man denke an den zerrütteten Zustand der Vatikan-Finanzen, an die Paläste, in denen die Diener des Herrn (oder der Herren), Kardinäle genannt, leben. Lüge bestimmt förmlich den vatikanischen Alltag. Man denke an den Gründer des Ordens der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel, den man den Großmeister der Lüge nennen kann. Wir haben im Religionsphilosophischen Salon über ihn berichtet, den selbst Papst Benedikt XVI. wegen der pädophilen Untaten einen Verbrecher nannte. Mit diesem Gründer vor Augen besteht der Orden der Legionäre Christi nach wie vor.

Wer dieses Lügen-System mit dem Verlust des Selbst nicht mitmachen will und noch jung genug ist, andere berufliche Perspektiven sich zu erarbeiten, der verlässt diesen verlogenen Club. Dieser Schritt ermöglicht Freiheit und Selbstsein.

4.

Ich habe in einem früheren Beitrag, klicken Sie hier, ansatzweise einige wenige Elemente genannt, wie stark sich Homosexuelle dann doch in der römischen Hierarchie festsetzten und Karriere machten. Ich habe einige Namen Verstorbenen genannt. Sie lebten unter der einen Bedingung: Immer gegen Homosexuelle predigen … und sie möglicherweise schädigen.

5.

Es wird oft gesagt, Papst Franziskus sei ein bisschen aufgeschlossener in der Akzeptanz von Homosexuellen im allgemeinen und homosexuellen Klerikern im Besonderen. Man sagt dann: Papst Franziskus könne sich nur nicht durchsetzen, weil die afrikanischen Katholiken (und ihre Bischöfe) und viele in Asien eben homo-feindlich seien. Diese Katholiken folgen dabei auch den Missionspredigten der Europäer, die ihnen im 19. Und 20. Jahrhundert der Lehre getreu einredeten: Homosexualität ist Sünde. Diese Lehre wird ja noch im offiziellen Katechismus der Katholischen Kirche (1993) verbreitet. Man sagt also dann: Papst Franziskus will doch die angebliche Einheit der einen römischen Kirche nicht aufs Spiel setzen.

Tatsache ist: Dieses Argument ist eine Ausrede. Wenn ein Papst wirklich etwas als für ihn richtig erkannt hat, setzt er dies auch durch. Und selbst wenn sich eine afrikanisch-katholische-antihomo Kirche von Rom abspaltet: Was wäre dann so schlimm? Die viel beschworene Einheit der römischen Kirche ist ja ohnehin nur eine Behauptung und, schon wieder, eine Lüge. Sollen die katholischen Afrikaner doch antihomo bleiben und sehen, wie sie damit zurecht kommen. Für Europa wäre diese Spaltung ein Signal für einen progressiven, vernünftigen Aufbruch. Die viel beschworene Einheit in der ganzen Weltkirche (1,3 Milliarden Mitglieder) besteht ohnehin nicht.

Natürlich kann man das Insistieren auf der Normalität der Homosexualität durch Europäer gleich wieder als europäische Überheblichkeit (als neuen Kolonialismus) kritisieren. Aber es ist eine Tatsache: Bestimmte Erkenntnisse zur Menschenwürde aller Menschen haben nichts mit regionalen, europäischen Herkünften zu tun. Die Gleichberechtigung homosexueller Menschen ist ein Fakt, ebenso die Tatsache: Homosexualität ist eine normale Variante des sexuellen Lebens. Da ist es egal, ob diese Erkenntnis einmal in Frankreich oder in Sri Lanka oder Burundi entstanden ist. Sie ist wahr, unabhängig von der Herkunft und sie ist trotzdem universal gültig.

Wenn also der § 175 heute noch fortbesteht in Europa, dann in der weltweiten römischen Kirche. Wer spricht noch darüber? Wer klagt die Kirche wegen der Verletzung der Menschenrechte an? Diese Kirche zwingt zum Verleugnen und verhängt Berufsverbote für Männer, die sich outen und bestraft immer noch jene, die oft als Priester oder Bischöfe sich outen, dann bestraft werden und ins oft ärmliche bürgerliche Leben zurückkehren.

6.

Ein großer Skandal ist, dass die deutsche Rechtssprechung den absurden Sondergesetzen der römischen Kirche folgt, und eben Entlassungen von homosexuellen Priestern und Laien-Theologen normal und rechtlich in Ordnung findet, wenn diese die „Sünde“ begehen, sich zu outen oder mit dem Partner eine feste Verbindung einzugehen.

7.

Nebenbei: Mich persönlich freut es, dass es eine undogmatische und freisinnige protestantische Kirche gibt, die sozusagen völlig normal homosexuelle Menschen als solche, aber eben als normale Menschen wie alle anderen, als Mitglieder oder als Pastoren willkommen heißt, und die, wenn gewünscht, nun schon seit 1987 auch eine Ehe-Segnung vollzieht. Es sind die Remonstranten in Holland.

Zur Lektüre wird empfohlen: Krzysztof Charamsa, Der erste Stein. Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche. Bertelsmann Verlag, 2017.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.

 



Die Ohnmacht der Lüge und die Macht der Wahrhaftigkeit. Ein philosophischer Salon in Berlin.

23. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denkbar, Philosophische Bücher

Die Ohnmacht der Lüge und die Macht der Wahrhaftigkeit.   (Philosophisch ist dieser Titel wahr,  aber politisch nur sehr selten gültig).

Einige Perspektiven im Religionsphilosophischen Salon Berlin am Freitag, den 21. 4. 2017

Von Christian Modehn. Gleichzeitig habe ich eine kleine philosophische Satire veröffentlicht mit dem Titel „Ich bete an die Macht der Lüge“… Klicken Sie hier.

Unser Thema im Salon ist aktuell: Wir sind in der vernetzten Welt umgeben und bestimmt von Politikern, die ständig lügen. Die „Washington Post“ berichtet: 133 Lügen wurden Mister Trump allein im ersten Monat seiner Amtszeit nachgewiesen. Das sind durchschnittlich etwa 4 Lügen pro Tag. Man kann Trump also einen Fake-Selfmade-Man nennen. Fakes, gemachte Wahrheiten sind „en vogue“. Aber die treffende Qualifizierung als Lügner stört Trump eigentlich nicht. Er lügt ungebremst weiter. Wie so viele andere Männer, die sich als gewählte Politiker ständig der Lüge bedienen: Putin, Erdogan, Orban, polnische Führer usw.

Für sie und alle bewusst lügenden Menschen, vor allem die Machthaber in Politik und Religionen,  gilt der Satz von Bertold Brecht („Leben des Galilei“): „Wer die Wahrheit nicht kennt, ist ein Dummkopf. Wer sie aber kennt und eine Lüge nennt, ist ein Verbrecher“.

Tatsache ist, eine evidente Tatsache, wenn man die Zuspitzung will: Lügner zerstören das Grundvertrauen in Staaten und Gesellschaften. Lügen haben verheerende Wirkungen.

Lügen sind alles andere als „Nebenthemen“ oder, theologisch klassisch gesehen, sie sind keine „lässlichen Sünden“, wie etwa die relativ harmlose Unpünktlichkeit.

Die Lüge ist eine Realität, seitdem Menschen bewusst mit sich selbst und anderen umgehen, also Entscheidungen treffen, an einem Selbstbild arbeiten, Erfolg haben wollen, Leben gestalten.

Eine fundamentale Einsicht, alles andere als banal:

Das Lügen ist die bewusste Praxis von Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit. Diese sind Tugenden. Lügen ist eine Untugend. Sie zerstört den Menschen, wie alle absolut gelebten Untugenden.

Die Lüge, als Satz etwa formuliert, ist das Gegenteil von einer satzhaften Wahrheit. Je plausibler und detaillierter Lügen satzhaft vorgetragen werden, um so eher werden sie geglaubt. Glauben und wechselseitiges Vertrauen in dieser allgemeinen menschlichen Form ist eine Basis des Zusammenlebens und der geistigen Identität.

Tatsache ist, Fakt ist: Es gibt satzhafte, objektive Wahrheiten, auch wenn diese ständig weiter diskutiert werden, wie etwa in den Naturwissenschaften. Die Erde dreht sich um die Sonne, ist Fakt. Die Menschen sind für den Klimawandel verantwortlich, ist Fakt. Die Evolution der Menschheit ist Fakt. Aber auch in der Philosophie: Der Spruch des Gewissens in einem jedem (Gesunden) ist Fakt. Der Spruch des Gewissens in einem jeden kann nur mit Gewalt (Gehirnwäsche) getötet werden.

In der Wissenschaft werden „alte“ und natürlich damals gültige Wahrheiten stets ergänzt, revidiert und neu formuliert werden, dann werden diesen neuen Erkenntnisse eben auch wieder als (vorläufige) Wahrheiten verbreitet und wahrgenommen. Aber an diese tatsächlich relativen Wahrheiten gilt es, sich zu halten und sich mit anderen Menschen auszutauschen über deren relative Wahrheiten. Wahrheit und Relativität ist kein Widerspruch. Aber alle relativen Wahrheiten können nur korrigiert werden, weil es eben ein übergreifendes Wahrheitsbewusstsein gibt. Weil wir eben doch „der“ Wahrheit nachstreben und ihr verpflichtet sind. Also noch einmal: Selbst im historischen Verlauf relativ erscheinende Wahrheiten haben im Moment des Lebens, meines Lebens, absolute Gültigkeit … mit der Perspektive der möglichen Verbesserung durch das Gespräch mit anderen etwa.

Diese Dialektik von relativer, aber für mich und andere im Moment absolut geltender Wahrheit ist entscheidend. Aber es muss jede relative Wahrheit eben Wahrheit sein, kein Fake, keine Propaganda, kein Dogma.

Einige Erkenntnisse, die vertieft werden können:

Wer lügt, der glaubt: Meine für mich erkannte Wahrheit ist zu schwach. Ich muss wider besseren Wissens Gegenteiliges und Falsches behaupten. Vielleicht ist das für mich erfolgreicher.

Wer sich selbst und den anderen belügt, will sich das eigene Leben zunächst einfach machen. Lügen spart Zeit. Eigene Wahrheiten aussprechen und mit den wahren Erkenntnissen der anderen konfrontieren und besprechen, erfordert viel Zeit und Geduld und gute Nerven. All das haben wir meist nicht. Wir leben in einer Hektik-Kultur, die das Lügen fördert. Das heißt nicht, dass im Mittelalter, etwa in ruhigen und beschaulichen Klöstern etwa, weniger gelogen wurde.

Lügen entspricht aber auch einer Kultur, in der verbaler Streit keinen humanen Wert hat. Wer etwa als Kind nie für die Wahrheit streiten durfte, kann dies auch später nur mit Mühe.

Es wird aus ökonomischen Gründen und um Erfolg zu haben und angepasst zu sein gelogen … wie verrückt.

Das Wort Lüge kennt viele Begriffe, die unterschiedlichen Inhalts sind, aber doch zusammen gehören (Lügen ist natürlich vom unbewusst/unreflektierten Irrtum zu unterscheiden):

Eine Maske tragen.

Sich verstellen.

Etwas Wesentliches verschweigen. Aber jeder Mensch hat auch sein Recht auf „sein“ Geheimnis.

Nach außen hin anders tun als man innerlich selbst ist. Dies ist die bis heute übliche Empfehlung aller Machthaber in diktatorischen Systemen gegenüber Minderheiten (etwa: Homosexuelle sollen in der römischen Kirche „bloß nichts Wahres über sich selbst sagen, sie dürfen aber alles verschwieign, alles heimlich machen“. So wird ein Lügensystem stabilisiert. Die Erfolge dieses Systems sieht man am Zustand der römischen Kurie und der Vatikan-Banken usw.)

Nur die Hälfte der Wahrheit sagen.

Mit vollem Bewusstsein schweigen und angeblich nichts wissen, nichts gesehen haben.

Meineid leisten.

Insgesamt: Lügen, auf Dauer praktiziert, zerstört die Person.

Wer lügt, der unterstellt, dass Wahrheit und Auseinandersetzungen zur vielfältig erfahrenen Wahrheit verletzend sind. Das Gegenteil ist der Fall. Reifen kann der Mensch, kann die Gruppe, die Gesellschaft, wenn man miteinander Lügen und Sich Verstellen überwindet.

Ist es bloß eine Floskel, wenn viele Menschen sagen und schreiben: “Ehrlich gesagt, würde ich meinen“…

Lügen stiftet keinen Frieden. Die Lügen-Welt schaukelt sich hoch.

Gibt es eine Anti-Lügen-Therapie?

Einige Hinweise aus der Geschichte der Philosophie:

Von einer „organischen Verlogenheit“ spricht Max Scheler, in: „Vom Umsturz der Werte“. „Diese organische Verlogenheit ist immer dann gegeben, wenn Menschen nur das sehen wollen, was ihrem Interesse oder ihrer triebhaften Aufmerksamkeit dient. Wer in dieser Weise völlig verlogen ist, braucht nicht mehr (im einzelnen) zu lügen“. Bei der organischen Verlogenheit ist die Selbsttäuschung in Fleisch und Blut übergegangen, wie der evangelische Theologe Jochen Schmidt, („Wahrgenommene Individualität. Eine Theologie der Lebensführung“) schreibt. Es geht in dem Fall nicht mehr um die einzelne Lüge, wie es bei einem einfachen Lügner gilt: Er sieht eine Wirklichkeit und verfälscht diese Wirklichkeit in seiner Aussage ganz bewusst. Bei einem „organisch Verlogenen“ ist aber alles von Lüge durchsetzt; die eigene Lüge wird gar nicht mehr im Bewusstsein wahrgenommen, Lüge ist eine Art Automatismus, der systematisch Verlogene weiß gar nichts von seiner Verlogenheit.

Das setzt sich politisch durch: Nach dem Motto: Wir bestimmen, wen wir wann töten können und wollen. Das gilt etwa für die Mafia, das gilt für politische Organisationen, die sich über alle absolut geltenden Grundsätze hinwegsetzen. Man denke an die Faschisten, die bestimmen, wer ein wertvoller Mensch ist und wer nicht. Indem die Nazis propagandistisch und extrem der Lüge verpflichtet waren und den Deutschen einredeten: Juden sind keine Menschen, glaubten autoritätshörige Deutsche diese Lügen und taten alles, um Juden zu vernichten.

Gehirnwäsche ist die extreme Form der Annahme einer Lügenwirklichkeit. Die totale Neuorientierung des menschlichen Gehirns ist eine Möglichkeit der technischen Zukunft.

Man denke auch an die Mitarbeiter des Stalinismus, die das Lügen-System aufrecht erhalten wollten und dann sagten: Dieser oder jener Mensch vertritt nicht den Klassenstandpunkt der Partei, er stört das Volk, das System, er kann also eliminiert werden, weil er dem Fortschritt nichts nützt. Lügensysteme gehen normalerweise unter, aber nicht alle.

Eine Philosophie der Lüge interessiert sich für die Literatur. Dort ist das Stichwort Lebenslüge wichtig:

 Die Lebenslüge als organische Verlogenheit: Die Lebenslüge ist ein Begriff, den wir etwa aus dem Theaterstück „Die Wildente“ von Ibsen kennen. Lebenslüge ist das krampfhafte Festhalten am schönen Schein. Nur ganz kurz zur Erinnerung: Ein Mann, Greger, besucht seinen alten Freund Ekdal, er stellt fest, wie dieser sich in einem Wirrwar von Lügen bewegt. Greger will ihn daraus befreien, aber dies gelingt nicht. Aus Lebenslügen kann nicht befeit werden…

Thomas Bernhard hat in seinem großartigen Roman „Holzfällen“ bezeichnenderweise auf die „Wildente“ Bezug genommen: Da wartet eine Abendgesellschaft auf den Burgschauspieler der „Wildente“ bei dem durch und durch verlogenen Ehepaar Auersberger (alias Lampersberg). Das Buch von Bernhard ist auch eine Aufdeckung der Lebenslügen und der Schwieirgkeit sich zu befreien. Man lese die letzten Seiten von „Holzfällen“…

Aus der Geschichte der Philosophie:

Denken wir an den klassischen Satz: „Epimenides, der Kreter sagte: Alle Kreter sind Lügner!“

Zumindest behauptet Epimenides kein Lügner zu sein, weil er ja eine Wahrheit behauptet.

Zudem: Lügner behaupten für sich selbst und gegenüber anderen mit ihren Aussagen, die Wahrheit zu sagen. Die Bindung an die Wahrheit oder die Wahrhaftigkeit ist also im Moment der Lüge da, und zwar unabwerfbar.

Nebenbei: Die gleiche Erfahrung gilt auch für die absolute formale Bindung eines jeden Selbstbewusstseins ans Gute und Schöne: Selbst der Mörder glaubt noch, im Morden für sich selbst (möglicherweise auch für andere) Gutes zu tun. Und jeder noch so laienhafte Künstler findet die unbeholfenen Pinselstriche für sich schön. Den transzendentalen Bedingungen (im Sinne Kants) für Wahres, Gutes und Schönes entkommt kein Selbstbewusstsein, also kein denkender Mensch.

Aber, wie gesagt: Das sind formale, aber unabwerfbare Bindungen des Geistes in der Lebens-Praxis; diese Bindungen sind evident. Sie haben keine inhaltliche Füllung, etwa: Nur die romantische Kunst ist schön.

Aber dann beginnt bereits der Streit um die richtige Interpretation der Fakten:

Es gibt zweifellos Fakten, an die sich alle halten sollen, wenn sie reflektierende Menschen sein wollen. Etwa auch im ethischen Bereich: Es ist verboten zu morden. Man denke an das fünfte Gebot der zehn Gebote: „Du sollst nicht töten“. Aber auch dieses evidente, von allen Menschen geteilte Faktum findet eine Ausnahme im Fall des Tyrannenmordes: Einen Tyrann, der nachweislich von sehr vielen kritischen Beobachtern als Tyrann erkannt wird, kann getötet werden, um schlimmstes Unrecht zu verhindern.

Aber dies ist die Ausnahme. Faktum ist und bleibt: Du sollst nicht einen anderen Menschen töten. Die Ausnahme kann niemals zur Regel werden und die Ausnahme kann niemals zum göttlichen Gebot werden: Etwa in der Art: Du kannst töten, wen und wann du willst…Damit hätte der so Sprechende seinen eigenen alsbaldigen gewaltsamen Tod vor Augen.

Es gibt Lügen in den Religionen, eingesetzt von den Herrschern in den jeweiligen religiösen Institutionen. Theologisch längst überwundene und zurückgewiesene Thesen werden von den Kirchen-Führungen noch weiter verbreitet, und dies wider besseren theologischen Wissens. Die Lüge dient auch hier dem Machterhalt. Etwa zu behaupten, dass Jesus keine Priesterinnen für die katholische Kirche wollte. Oder beim Wunderglauben: Dass Gott mal hier und mal da eingreift, den einen heilt, den anderen nicht; der willkürlich handelnde Gott im immer noch propagierten Wunderglauben ist insofern eine Lüge. Die Wunderorte werden aus kommerziellen Gründen beibehalten. Wer würde sonst im Ernst ins einstige Dörfchen Fatima, in die jetzt florierende Wallfahrer-Stadt in Portugal fahren? Oder ins abgelegene Lourdes oder Santiago de Compostela: Da geben die Leute ihr Geld aus, wohl wissend, dass der heilige Jacobus der Ältere dort garantiert nicht ruht. Man macht also das religiöse Wunderspiel mit. Man denke an die Verehrung des „heiligen Rocks“ (ein paar gut erhaltene Lumpen, die angeblich Jesus von Nazareth getragen hat) in Trier. Dieser Kult wurde im 19. Jahrhundert kritisiert von dem katholischen Priester Johannes Ronge, der nach seiner öffentlichen Kritik „selbstverständlich“ sofort exkommuniziert wurde..

Oder man denke an den Wahn der „Blutwunder in Neapel“ und so weiter und so weiter. Zum Blutwunder nur ein Zitat aus dem Wikipedia Beitrag zum Blutwunder in Neapel: „Das „Blut“ in den Kapseln von Neapel wurde bisher nicht chemisch oder biochemisch untersucht. Der Kriminalbiologe Mark Benecke hat allerdings im April 2004 das Blutwunder aus nächster Nähe beobachtet und festgestellt, es sei sehr einfach, ein solches Wunder mit thixotropen Stoffen, die auch zum Zeitpunkt des ersten Auftretens im Mittelalter schon bekannt gewesen seien, im Labor zu reproduzieren. Solche Stoffe sind im Ruhezustand geleeartig, verflüssigen sich aber, wenn sie genügend bewegt werden. Demnach könnte das „Blut“ eine einfache chemische Reaktion aus FeCl3 mit Eierschalenkalk und Wasser sein“. Gelesen am 23.4.2017.

Also noch einmal: Wer wider besseren Wissens an einem Wahn, auch einem religiös gefärbten Wahn, festhält und diesen den armen frommen Seelen verkauft, ist ein Lügner.

Manche Kirchenführer meinen, ihren Glauben nur dann aufrechterhalten zu können, wenn man eben solchen Spuk als Wunder propagiert…

Lügen und Philosophie

Auch dieses Thema kann hier nur kurz vorgestellt werden für weitere persönliche Studien!

Hier wäre über postmodernen Relativismus zu sprechen.

Die postmoderne Philosophie ist vor allem mit dem Namen Jean Francois Lyotard verbunden, 1979 erschien sein grundlegendes Buch: La condition postmoderne. Die These: Es gibt eine kaum zu überbrückende Pluralität der Denkformen. Es herrscht also eine Kritik der einen Vernunft und Rationalität vor. Es ist die Kritik der Vernunftbegriffe. Logik sei repressiv und totalisierend. (so in: Heidegger-Handbuch, S. 453) Es ist die postmoderne Liebe zum Nicht-Darstellbaren, auch zu dem, was Martin Heidegger das Ereignis nannte.

Es wäre hier der Ort, über Heideggers a-letheia (in dieser ! Schreibweise bitte) – Lehre zu sprechen und über diese a- letheia Lehre als bewusst eingesetzte falsche Übersetzung für Wahrheit im Sinne der Unverborgenheit im Ringen mit der Verborgenheit zu sprechen. Wenn Heidegger diese esoterische a-letheia-Lehre bewusst eingesetzt und nach eigenem Gusto ausgebaut hat, wäre dies eine Verfälschung, eben eine Lüge.

Heidegger selbst spricht im Zusammenhang von Verborgenheit und Entbergung auch treffend von bleibender Irre. Weiß er zum Schluss noch, ob und wie lange er sich in der Irre bewegt? Wohl kaum. Ein Freund sagte mir zynisch: “Ist doch irre mit Heideggers Irre“, aber das am Rande…

Der Philosoph Ernst Tugendhat hat in seiner großen Studie zum „Wahrheitsbegriff bei Heidegger“ nachgewiesen, dass der spezifische Wahrheitsbegriff bei Heidegger wirklich verloren ist; dass Heideggers außergewöhnliche, konstruiert esoterische, „gewollte“ Wahrheitskonzeption, als Lichtung, Entbergung und Verbergung dazu dienen konnte, die eigene politische Irre, also das doch wohl bewusste Fehlgeleitetsein, (Nazi-Partei-Mitgliedschaft bis 1945!, Antisemitismus usw.) zu entschuldigen. Dieses Lichtungs- und Entbergungsgeschehen als passiv erlebtes Ereignis kann dann von einer umgreifenden Vernunft gar nicht mehr kritisiert werden (Tugendhat, S. 364).

Heidegger lebt und denkt also in der Irre aufgrund der bewusst eingesetzen falschen Wahrheits-Interpretation: Er sieht sich als passiver Empfänger der Seyns (sic ! )-Sprüche, natürlich völlig schuldlos…“Wer groß denkt, muss groß irren“, mit diesen Worten zieht sich Heidegger aus der Affäre… „Aber der Irrende ist ohne Schuld“, so Peter Trawny in „Irrnisfuge“, S. 68. „Es ist eine Entmächtigung des Subjekts“, so Trawny, S 37. „Es gibt keine Verantwortung , es gibt keine Erwartungen zu Verantwortung und Schuld“, Trawny, S. 69.

Die Frage ist: Kann man Heidegger, der einiges Kluge ja sagte sagte, insgesamt ernst nehmen? Darüber geht die Debatte auch angesichts der „Schwarzen Hefte“…

Kurz zu Voltaires hübsch klingenden, aber oberflächlichen Satz: „Die Lüge ist ein Laster, wenn sie Böses tut. Sie ist eine sehr große Tugend, wenn sie Gutes tut. Seien wir also tugendhafter denn je“, sagt Voltaire, Brief an A.M.Thieriot, 21. Okt. 1736. Woher weiß ich aber im voraus, wenn ich denn lüge, dass ich letztlich beim anderen Gutes bewirke? Dieser Satz von Voltaire ist also philosophischer Populismus…

Das führt zur Frage Kann es ein Recht auf Lügen geben?

Kant war strikt dagegen: „Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“ ist sein kurzer Aufsatz (1797), in dem er die Auffassung vertritt, dass es selbst bei Gefahr für Leib und Leben kein Recht auf Lügen („Notlüge“) gibt. (Der Kant Text selbst im Internet: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Kant,+Immanuel/%C3%9Cber+ein+vermeintes+Recht+aus+Menschenliebe+zu+l%C3%BCgen)

Kants Erkenntnis: Es kann niemals einen Rechtsgrund auf Lüge geben. Es gibt sonst die Ungereimtheit: Ich lüge also und beziehe mich dabei auf ein Recht, lügen zu dürfen. Vielleicht aber ist dieses Recht aber selbst eine Lüge. So dass ich letztlich im Unrecht bin und mit Strafen rechnen muss. Andere beanspruchen auch das Recht aufs Lügen mir gegenüber, ich weiss dann auch nicht mehr, woran ich mich halten soll…

Aber es gibt Momente, wo wir lügen müssen?  Da sind die Meinungen verschieden:

Wenn es um die Rettung anderer geht: Ich verstecke einen verfolgten Juden und sage bei einer Überprüfung durch die Gestapo nicht, dass ich jemandem verstecke. Das ist keine Lüge. Denn ich habe ja in meiner Praxis, eben in dem Verstecken selbst, schon gezeigt, dass ich Leben retten will und auch bereit bin, mich selbst dabei zu gefährden. Ich habe also mein Lügen einem höheren und vor allem einem guten Zweck untergeordnet. Und dieser Zweck ist ein guter Zweck, weil er Leben rettet.

Kant zeigt in seiner oben genannten Schrift, dass auch diese Position ethisch nicht haltbar ist (siehe oben).

Lügen als Notlügen müssen also überprüft werden auf ihre ethische Qualität hin. Welche Not will ich lügend überwinden? Will ich mich egoistisch als Held zeigen oder primär den anderen retten? Distaniere ich mich nah vollzogener Notlüge wieder vom Lügen? Oder wird Lügen meine Lebens-Tradition?

Werden wir eines Tages in einer lügenfreien Welt leben?

Wohl kaum, weil die (geglaubte) Bequemlichkeit der Lüge die Strapaze der Wahrhaftigkeit überwiegt. Weil derjenige, der oft wahrhaftig ist (bzw. war) in einer verlogenen Umgebung nur leiden muss unter seiner Wahrhaftigkeit. Schließlich wird der Wahrhaftige in einem allgemeinen Lügen-System als Lügner bezeichnet und ausgegrenzt. Man denke an das Schicksal der so genannten Ketzer unter den Theologen… Schließlich hat die Mehrheit recht, auch dies ein Satz, der eine Lüge sein kann…

Nur in einer Welt, die entschieden und gebildet Wahrhaftigkeit ganz hoch hält und schätzt, kann das Lügen-System überwunden werden. Von einer solchen Welt sind wir angesichts der Lügen-Barone, die sich Politiker nennen, Lichtjahre entfernt. Aber eine kritische Philosophie kann niemals darauf verzichten, das Thema weiter zu bedenken und für die vorrangige, wenn nicht absolute Geltung der Wahrhaftigkeit und Wahrheit einzutreten. Sonst siegen die Lügner. Nicht ohne Grund nennt die Bibel den Teufel als den Herrn der Lüge. Dieses Bild ist richtig, auch wenn man den Teufel bloß für ein Symbol hält.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literatur:

Immanuel Kant, Zum ewigen Frieden und andere Schriften. Fischer Taschenbuch für nur 8 Euro. Dieser Band gehört in jedes Haus, enthält viele leicht lesbare Kant – Texte, auch den kleinen Text „Über ein vermeintliches Recht, aus Menschenliebe zu lügen“ S 225 bis 231.

André Comte-Sponville (Philosoph in Paris, ein Jankélévitch- Schüler), Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben. Ein kleines Brevier der Tiugenden und Werte. Darin: Kapietl 16: Die Aufrichtigkeit. S 229 – 246. Rowohlt Tachenbuch 8, 90 Euro. Viele Bücher von Comte-Sponville sind sehr lesenswert und leicht nachvollziehbar.

Hannah Arendt, Wahrheit und Lüge in der Politik. Zwei Essays, Piper Verlag 2016, 10 Euro.

Wer sich mit Heideggers IRRE etwas befassen will, kann als Hinführung, allerdings Heidegger verteidigend, die kleine, aber für Nicht-Heideggerianer schwierige Studie von Peter Trawny lesen: „IRRNISFUGE“. Verlag Matthes und Seitz, 2014, 89 Seiten, 10 Euro.

 

 

 

 

 

 

 

 



„Die Religion als Opium des Volkes“. Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

20. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Termine

„Die Religion als Opium des Volkes“

Die aktuelle Diagnose auch im Reformationsgedenken 2017

Zum 199. Geburtstag von Karl Marx (5. Mai 1818)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Sehr schön passend, kurz vor Beginn des Evangelischen Kirchentages in Berlin am 24.Mai (Das Motto: „Du (Gott) siehst mich“) werden einige philosophisch und religionsphilosophisch Interessierte erneut an Karl Marx denken: anlässlich seines 199. Geburtstages am 5. Mai. Und sie werden im religiösen Umfeld dieser frommen Kirchen-Tage an das viel zitierte (und historisch so oft bestätigte) Wort des Philosophen Karl Marx denken: „Die Religion ist das Opium des Volkes“ (1843 formuliert in der Einleitung der Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“).

Abgesehen von einer breiten und partei-ungebundenen Marx-Exegese, die trotz des Zusammenbruchs und Verschwindens der meisten sich kommunistisch nennenden Regime aktuell bleibt: Dieser Spruch „Religion ist Opium des Volkes“ verdient alle Aufmerksamkeit in einer Welt, die alles andere als säkular ist, sondern in der Religionen und Sekten und esoterische Bewegungen ständig ihr sichtbares, problematisches und auch politisch gefährliches Wesen zeigen. Man denke an den Boom der Evangelikalen in den Hunger-Staaten Afrikas, an die verschiedenen Formen des Islams, an die so vielfältigen, oft aber tyrannisch-geldgierigen Pfingstkirchen in Brasilien usw. Die Frage bleibt: Gibt es Religion, die kein Opium des Volkes sind, sondern wahre inspirierende Nahrung, um im Bild von Marx zu bleiben. Das es nicht-beruhigende Religion gibt, ist für uns klar.

Darüber später mehr, sonst siehe die Beiträge zur Theologie der Befreiung auf dieser website. Und auch dies: Die moderne „liberale Theologie“ (dies ist natürlich keine FDP-Theologie)  und auch die Theologie der freisinnigen protestantischen Kirche in Holland, der „Remonstranten“, (ebenfalls Infos auf der website), sind de facto eine Überwindung der These „Religion ist Opium des Volkes“, es sind freie und selbständig-kritische Theologien und Glaubensformen.

Mit anderen Worten: „Religion ist Opium des Volkes“ könnte als kritische Begleitmusik auch alle Veranstaltungen des Kirchentages beleben. Etwa mit der Frage: Verbreiten wir jetzt Opium, wollen wir beruhigen? Aber welchen Aufstand des Gewissens wollen wir? Welche grundlegende Veränderung auch der Kirchen wollen wir? Warum haben wir als ängstliche Lutheraner, staatsteu wie einst, Thomas Müntzer, dem Reformator und Kollegen Luthers, keinen Platz beim Kirchentag eingeräumt? Wer wird diese Frage nach der Abwesenheit Müntzers stellen?

Insofern ist es fast ein philosophisches Geschenk, dass wir am 5. Mai an Karl Marx, an den kritischen Philosophen, wieder einmal „besonders“ denken. Und uns hoffentlich befreien von der dogmatischen Starre, in der sein philosophisches Denken durch die Regime des Ostens eingesperrt und stillgelegt wurde. Nun haben die Kirchen allen Grund, nach dem Tod des Erzfeindes Kommunismus, sich erneut dem Denken von Marx zu stellen, dem Philosophen und auch dies: dem Ökonom.

Und es könnte eine Art philosophiehistorischen Aberglauben fördern, wenn wir nun auch noch bedenken: Ausgerechnet an einem 5. Mai wurde auch noch der Philosoph und dialektisch-lutherisch-Glaubende Sören Kierkegaard geboren (im Jahr 1813). Und man hätte Lust, Marx und Kierkegaard einmal in einen religionsphilosophischen Disput zu verwickeln. Solche philosophischen religionskritischen Salons wären doch ein schöner, geistvoller Gottesdienst.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer salon Berlin

 



Viele Nationen. Aber keine Nationalisten. Ein neues kosmopolitisches Volk? Beim Betrachten des Petersplatzes zum „Urbi et Orbi“ am 16. 4. 2017

16. April 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Termine

Von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16.4.2017

Wie oft haben wir die Bilder am Ostersonntag gesehen, wenn der Papst seinen Segen „Urbi et Orbi“ spricht.

Wie oft haben wir dort, in der Menge herausragend, die vielen Fahnen gesehen, auf die auch Pilger nicht verzichten können: Sie wollen stolz zeigen, wo sie herkommen und wo sie national hin gehören. Also: Deutsche Flaggen, polnische, brasilianische, argentinische, kroatische, sogar eine schwedische Flagge habe ich heute entdeckt und viele andere mehr. Man muss förmlich Flaggenkundler sein, also der eher noch marginalen Vexillologie verbunden sein, um alle die bunten nationalen „Tücher“ zu identifizieren. Aber der Eindruck ist prägend: Diese Gruppen wollen nicht dem Nationalismus frönen, sondern eher die bunte Vielfalt des Glaubens, in vielen Nationen zu Hause, ausdrücken.

Selbst wenn zu Beginn der TV Übertragung die Hymne des Staates Vatikanstadt und danach die italienische Hymne gespielt wird, also ein Hauch des Nationalen entsteht: Aber der ist nur der (eigentlich überflüssigen) musikalischen Tradition verpflichtet.

Diese internationale Versammlung auf dem Petersplatz ist keine Versammlung von Nationalisten. Wer sich da mit seiner Flagge hinstellt, neben die Flagge einer anderen nationalen Gruppe, überwindet gerade seine nationale Bindung. Kaum vorstellbar also, dass sich Madame Le Pen (sie nennt sich Katholikin) da mit der französischen Flagge hinstellt (und dem Papst zuhört) und in ihrer Nachbarschaft etwa ist sie der Flagge aus Eritrea oder einem anderen afrikanischen Staat ausgesetzt, aus Staaten also, wo die Flüchtlinge herkommen…Oder kann man sich den rechtsradikalen Holländer, Herrn Wilders, ehemals katholisches Kirchenmitglied, auf dieser Versammlung anlässlich des Urbi et Orbi vorstellen oder gar Frau Petry oder Frau von Storch (AFD), diesmal als ökumenische Gäste. Diese sich Politiker nennenden Leute schaffen noch nicht den Sprung, mit ihrer Flagge sozusagen den Nationalismus zu überwinden…Sie bleiben begrenzt und verschlossen.

Sind die anderen alle Kosmopoliten, wenn sie da auf dem Petersplatz bunt gemischt stehen und die Friedensworte hören? Hoffentlich. Wer kann schon ins Herz der 50.000 Katholiken dort schauen. Aber de facto setzen sie mit ihrer Flagge neben den vielen anderen Flaggen eben eine Relativierung des Nationalen. Bleibt zu hoffen, dass alle diese verschiedenen Menschen nach dem Segen dann, mit Geist und Courage gesegnet, das multikulturelle Gespräch suchen, in kleinen Gruppen auf den Plätzen, den hoffentlich offenen Kirchen und Klöster oder in den Cafes. Dann wäre Ostern gleichzeitig Pfingsten. Ohne einen geweiteten, neuen Geist, kann niemand Ostern verstehen. Insofern sind Ostern und Pfingsten sachlich –theologisch sowieso eins.

Ein Debatten – Thema sollte sein: Die Rückbesinnung auf die schöne Definition der Kirche: Sie nennt sich – ohne dabei antisemitisch zu sein – neues Volk Gottes: Es gibt also förmlich ein neues, ein universales, die Welt umfassendes kosmopolitisches Volk: Die eine neue über-nationale „Nation“, die keinen Krieg mehr duldet zwischen den dann relativen und kleinen „realen“ Nationen, heißen sie nun USA, Russland, Deutschland, usw. Diese Nationen sind eben begrenzt und zweitrangig. Gegenüber der einen großen Friedens-Nation derer, die sich zum Christentum bekennen. Und über die enge Konfessionalität dieses Glaubens hinauswachsen: Also in diesem Bekenntnis niemanden ausgrenzen, geschweige denn attackieren! Also keine neue/alte Rechthaberei! Sondern dieses neue Volk, das sich Volk Gottes nennt, ist einzig der Menschlichkeit verpflichtet, dem Frieden, den Menschenrechten. Aber dies ist ein Projekt, vielleicht ein Traum. Hat die Kirche schon realisiert, dass sie eigentlich eine große Friedensbewegung ist? Mit allen politischen Konsequenzen. Mit aller Parteinahme für den Frieden?

Copyright: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin



Philosophie als Lebenshilfe in turbulenten Zeiten

25. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Philosophische Bücher

Hinweise von Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon Berlin am 24.2.2015

Wir haben uns heute wieder ein aktuelles Thema vorgenommen. Die Einsicht heißt: Angesichts des Rechtspopulismus und Nationalismus fast überall in Europa und in den USA erleben sehr viele, dass Idee und Realität der Demokratie immer mehr bedroht sind. Dadurch sehen viele Menschen auch den Sinn ihres eigenen Daseins bedroht.

Welchen Beitrag kann Philosophie leisten für die Rettung und Neugestaltung einer Kultur der Demokratie? Ein weiteres Beispiel: Das Elend so vieler Millionen Menschen im Süden, also in Afrika Asien und Lateinamerika, ist objektiv erschreckend, es berührt aber so wenige. Die Gleichgültigkeit der reichen Welt, vor allem der schamlosen Super-Reichen, gegenüber dem Hungersterben, ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Oder will man mit ein paar Spenden tatsächlich eine gerechte Welt aufbauen? Gleichzeitig werden immer mehr Waffen in Europa verkauft, immer mehr Kriege geführt. Das Massensterben der Flüchtlinge im Mittelmeer wird von den angeblich christlichen Europäern eher distanziert als bürokratisch-politisches Problem behandelt. Diese Welt, so könnte man meinen, ist strukturell „ver-rückt“. Und in dieser Welt sollen wir als Menschen uns als Menschen entwickeln … wie kann das noch gelingen?

Bei all diesen Herausforderungen kann Philosophie nicht unmittelbar, schon gar nicht technisch-praktisch, eingreifen.

Philosophie und damit deren lebendiger Vollzug, das Philosophieren, kann nur grundlegend und sozusagen an der Basis von Geist und Vernunft dem einzelnen und den Gruppen Aufklärung bieten. Philosophie kann prinzipiell von falschem Denken befreien, sofern sich die Menschen noch vom Denken und Korrekturen des eigenen Denkens leiten lassen. Ist die Unkultur massenhafter Verdummung, sorry, noch zu stoppen?

Philosophie ist eine akademische Disziplin an den Universitäten. Philosophie ist aber vom Ursprung in Griechenland her immer auch eine Reflexion auf Lebensformen. Philosophieren selbst ist dann für den einzelnen eine Lebensform. Vielleicht bietet die Reflexion auf diese Lebensform eine Möglichkeit, sich dann deutlicher auch politisch einzusetzen. Darauf hat eindringlich der Philosoph Pierre Hadot in zahlreichen Studien hingewiesen.

Eine Hinweis zu Sokrates (469 bis 399 vor Christus).

Von ihm selbst verfasste Schriften sind nicht überliefert, sein Denken, auch seine Biographie, können wir vor allem aus den Büchern Platons entnehmen. Die Dialoge unter dem Titel Apologie, Kriton und Phaidon sind sicher die bekanntesten Texte, die sein lebendiges Denken mitteilen. Die frühesten Dialoge sind Ion, Laches, Charmides und Euthypron, sie zeichnen in etwa ein Bild des historischen Sokrates….

Für unseren Zusammenhang ist wichtig: Sokrates war philosophisch aktiv in der Öffentlichkeit Athens, vor allem in der Zeit des Peleponnesischen Krieges (431 bis 404). Sokrates lebte in einer Zeit, als die Seemacht Athen gegen die Landmacht Sparta kämpfte. Die demokratische Verfassung Athens blieb zwar weithin erhalten, aber es gab kurze Intermezzi von oligarchischen Regierungen.

Wichtig ist: Sokrates glaubte an einige wenige allgemeine und allgemein gültige und verbindliche Erkenntnisse als Lebenswahrheiten. Er war von einer unbedingten Gültigkeit einer ethischen Praxis überzeugt: „Besser ist es Unrecht zu erleiden, als Unrecht zu tun“.

Sokrates wehrte sich gegen populäre philosophische Lehrer, die man Sophisten nannte, spitzfindige, eher gerissene Denker, die den Leuten eher zu Munde redeten und eher mit Wortspielen Verwirrung stifteten. Sie behaupteten: Ethik ist nichts als ein Produkt von Menschen, die sich einfach wegen gemeinsam geteilter Überzeugungen durchsetzen. Neue Studien zur populären Bewegung der Sophisten zeigen zum Teil ein eher positives Bild der Sophisten. Bezeichnend vielleicht, dass Nietzsche die Sophisten lobte, Sokrates hingegen ablehnte.

In dieser Situation von Krieg und Unsicherheit entwickelte Sokrates seine Philosophie: Er setzt ganz auf den öffentlichen Austausch von Argumenten; er befragt die üblichen Überzeugungen und Traditionen seiner Gesprächspartner, sucht mit ihnen eine gültige Wahrheit zu entdecken. „Er ist überzeugt, seine Untersuchungen müssen eine lebenspraktische Relevanz haben“, betont der Züricher Michael Hampe. Dies gelingt nur, indem Sokrates seine Gesprächspartner existentiell und im Denken aufscheuchen will.

Sokrates fragt also: Kennst du dich aus in deinem Sprechen, weißt du, was du denkst? Im Dialog selbst zeigt sich, dass du unreflektiert bist. Sokrates will etwas in Bewegung bringen. Und dies ist die Seele. Denn die Seele selbst ist Bewegung, Lebendigkeit, sie sucht nach dem lebenswerten Leben. Darin wird der Logos entdeckt.

Im Zerfall und der Krise des Staates könnten eigentlich allgemein-vernünftige Argumente im Dialog helfen. Sokrates will nicht überreden, er will nicht die Massen manipulieren mit Sprüchen. Darin sieht er nur eine Form der Gewaltherrschaft.

Sokrates wendet sich in seinen Dialogen an den einzelnen. Er will im Gespräch beim anderen hervorbringen, was an Wahrheit in ihm steckt. Er nennt dies Maieutik, eine Art geistiger Entbindung.

Hanna Arendt sagt: „Sokrates will der Wahrheit des Bürgers auf die Welt helfen… Die Rolle des Philosophen besteht also darin, die Bürger permanent zu irritieren, in dem von Sokrates gebrauchten Bild: Wie eine lästige summende Bremse zu sein, also wie ein lästiges Insekt“ (63).

Dabei ist für Sokrates klar: Einzig das Wissen vom eigenen Nicht-Wissen ist der Schlüssel, um sich der Weisheit anzunähern. Die Weisheit im Sinne Platon ist ja das Göttliche selbst, also eigentlich ist vollkommene Weisheit für den Menschen, besonders für den Philo-Sophen, also den Freund der Weisheit, nicht erreichbar. Es geht auch in der Philosophie immer nur um Annäherung an die Weisheit.

Ich zitiere aus der Apologie, da lässt Platon Sokrates sagen (in einer Übersetzung von Friedrich Schleiermacher):

„Bester Mann, als ein Athener aus der größten und für Weisheit und Macht berühmtesten Stadt, schämst du dich nicht, für Geld zwar zu sorgen, wie du dessen aufs meiste erlangst, und für Ruhm und Ehre, für Einsicht aber und Wahrheit und für deine Seele, dass sie sich aufs beste befinde, sorgst du nicht und hieran willst du nicht denken? Und wenn jemand unter euch dies leugnet und behauptet, er denke wohl daran, werde ich ihn nicht gleich loslassen und fortgehen, sondern ihn fragen und prüfen und ausforschen. Und wenn mich dünkt, er besitze keine Tugend, behaupte es aber: so werde ich es ihm verweisen, dass er das Wichtigste geringer achtet und das Schlechtere höher“.

Was bedeutet das für uns heute?

In Zeiten der Krise gilt es, die Seele im Dialog zu heilen, also umfassend und offen miteinander sprechen. Der Dialog ist eine geistige Übung. Auch mit der Bereitschaft, dass wir und die Menschen um uns herum tatsächlich (noch) unreflektiert leben. In diesem Eingeständnis allein liegt geistiges und seelisches Wachstum.

Das Sich Orientieren beginnt mit dem Eingeständnis des Nicht-Wissens.

Ein Hinweis zu Marc Aurel

Marc Aurel (l21 bis 180 n.Chr.), er war römischer Kaiser seit 161 nach Chr. Er ist der bekannteste (Stoa) Philosoph als Herrscher.

Er regierte zu einer Zeit, als Kriege im ganzen Reich ausbrachen, zuvor hatten schon Überschwemmungen, Erdbeben, verheerend Feuer, Epidemien die Menschen in Angst und Schrecken versetzt.

In dieser verworrenen und gefährlichen Situation auf der ganzen Erde war nur ein Philosoph aus der Schule der Stoa geeignet, die Nerven zu behalten.

Die Stoa ist eine anspruchsvolle philosophische Schule, sie lehrt zum Beispiel: Das einzige, was der Mensch verändern kann, wofür er also verantwortlich ist, dies ist die eigene Moral, also das Leben nach den Prinzipien des Guten. Alles andere, etwa die biologische Verfassung, den Zustand der Erde usw. kann der Mensch nicht verändern. Darum sollte er sich also keine Sorgen machen. Wir sollen nur erreichen wollen, was wir erreichen können. Wir sollen vermeiden, was man vermeiden kann. Übel ist nur das, was von uns selbst abhängt. Diese Haltung ist zugleich eine Therapie.

Wer dem Guten entsprechend lebt, kann dabei durchaus Auswirkungen in der Politik erzielen. Aber politisches Handeln ist niemals Ausdruck von Aktionismus. Der Philosoph handelt aus reflektierter Überzeugung, er weiß von den Möglichkeiten und Grenzen öffentlichen Handelns. Er kann sozusagen eine philosophisch-spirituelle Haltung ausbilden.

Die innere Sammlung, die möglichst angstfreie Reaktion auf die Vorkommnisse: Darauf kommt es an. Und daran hat Marc Aurel gearbeitet als Stoiker. Er ist ein Philosoph der tiefen Krise, der Verwirrung.

Inmitten der Kriege schrieb er für sich selbst als Stärkung und Klärung die „Selbstbetrachtungen“, es sind Kommentare zur eigenen seelischen Entwicklung, es sind Hinweise auf eigene Schwächen. Diese Sätze, so sagen Philosophen wie Pierre Hadot, kann jeder sich auch heute kritisch vergegenwärtigen, die grundlegenden Erkenntnisse und Maximen kann man täglich sprechen, mit anderen besprechen. Diese Aufmerksamkeit für sich selbst, diese Sorge um die eigene Seele, ist entscheidend in Zeiten der Erschütterungen.

In der höchsten Gefahr hilft die reflektierte Ruhe. Hilft das Selbstgespräch, die Selbstkritik. Die Erkenntnis, dass der einzelne Mensch in einem großen göttlich zu nennenden Zusammenhang steht. Dass der Mensch schon immer in einem oft übersehenen großen Sinnzusammenhag steht, den keine Politik verderben kann. Dann kann man auch dem eigenen Tod gelassen begegnen. Lebe so, dass du dich in der Allnatur, wie die Stoa sagt, also dem Göttlichen, gegründet und geborgen weißt.

Dabei werden in einigen Sätzen der „Selbstbetrachtungen“ durchaus explizit Verbindungen zum politischen Handeln angesprochen:

Im Siebenten Buch der Selbstbetrachtungen heißt es etwa unter Nr. 54: „Überall und jederzeit steht es bei dir, gegen deine Zeitgenossen Gerechtigkeit zu beweisen“.

Im Neunten Buch, Nr. 5: „Oft tut auch der Unrecht, der nichts tut. Wer das Unrecht nicht verbietet, wenn er es kann, der befiehlt es“.

Im Achten Buch, Nr. 7 „Einem vernünftigen Wesen geht es wohl, wenn es seine Triebe nur auf gemeinnützige Handlungen richtet“.

Im 10. Buch, Nr. 16: „Es kommt nicht darauf an, über die notwendigen Eigenschaften eines guten Mannes dich zu besprechen – vielmehr ein solcher zu sein“.

Nur so kann das Ziel erreicht werden, das Ziel, das die Stoa vorschlägt: Zur Seelenruhe finden. In der höchsten Krisenzeit kommt es darauf an, die Seelenruhe zu finden. Durch Üben. Durch Üben des Vernünftigen, der Philosophie, nicht der Sophisterei, nicht der Esoterik in den verschiedenen Formen…

Das ist entscheidend für die hellenistische Philosophie:

Der Diskurs über Philosophie ist noch nicht eine philosophische Lebensweise. Nur reden über Philosophie ist kein philosophisches Leben. Oder ein anderes Beispiel für alle, die als Beamte des Glaubens tätig sind: Nur reden von Gott ist noch kein gelebter Glaube an Gott.

Philosophischer Widerstand in Zeiten globaler Verwirrung:

Diese philosophische Arbeit beginnt z.B. mit der Begriffsanalyse und dem kritischen Hinsehen auf den Gebrauch der Alltagssprache. Philosophie ist überzeugt: Sprechen ist Ausdruck meines Lebens. Ändere ich mein Sprechen, kann ich mein Leben ändern. Ändert sich mein Leben, ändert sich mein Sprechen. Was tun etwa gegen die unflätige Rede etwa der Pegida-Leute, wenn sie von „Lügenpresse“ sprechen. Meinen sie dabei auch ihre eigenen Äußerungen? Kann man zeigen, dass ihr Sprechen eine vergiftete Gesinnung offenbart? Wollen sie sich als solche so in der Öffentlichkeit blamieren? Was soll der Spruch: „Wir sind das Volk“. Das ist eine totalitäre Anmaßung. Richtig ist nur und fürs Debattieren geeignet: Wir sind auch das Volk. Es gibt Pluralität. In der DDR-Opposition hatte der Spruch „Wir sind das Volk“ alle Berechtigung und Wahrheit: Die DDR Oppositon wehrte sich gegen die Anmaßungen einer SED Clique.

Wir müssen also elementare philosophische Sprachkritik betreibe, um eine Kritik unserer Lebensverhältnisse zu formulieren. Georg Christoph Lichtenberg sagt: „Unsere ganze Philosophie ist Berichtigung des Sprachgebrauchs, also, die Berichtigung einer Philosophie, und zwar der allgemeinsten“.

Zum Beispiel Ludwig Wittgenstein

„Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache. (Philos. Untersuchungen, §109). „Die Philosophie verändert die Sehweise von uns, und die Einstellung zu unseren Sehweisen. (Rolf Wiggershaus, S. 52)

„Was ist dein Ziel in der Philosophie? – Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen“ (Philos. Untersuchungen, § 309)

„Von allem Beiwerk gereinigt, könnten Wittgensteins Worte übrig bleiben, die von dem Wunder reden, nicht bloß so dahin lebend existiert zu haben, sondern reflektierend gelebt zu haben“ (Rolf Wiggershaus, S. 86).

Man kann in der Reflexion einige Slogans philosophisch „auseinander nehmen“ und deren Widersinn erkennen. Etwa angesichts dieser populären Sprüche:

„Ich (bzw. meine Gruppe, Partei, Kirche) habe den gesunden Menschenverstand“. „Es gibt keine Alternative: „There ist no Alternative“, das Dogma von Madame Thatcher und co. Nebenbei: Die AFD ist selbstverständlich auch keine Alternative…. „Die Wirtschaft folgt nur ihren eigenen Regeln“. „Die Armen sind selbst schuld, dass sie arm sind“. „Darf man im Umgang mit Menschen von „Obergrenzen“ sprechen?“ „Die „anderen“ sind für uns eine Gefahr“. „Gegner sind eigentlich Feinde“. „Die da“ und „wir“.

Die Arbeiten von Elisabeth Wehling, der Sprachforscherin in den USA, sind von großer Aktualität:

Ihr Thema ist „Framing“, also Einrahmung und Umrahmung eines Begriffes, der in einen bestimmten Kontext gestellt wird und schon einen Sinn des Wortes mit-vermittelt. Dadurch wird eine bestimmte und oft einseitige Richtung im Inhalt eines Begriffes gesetzt. Elisabeth Wehling sagt: „Wann immer Sie ein Wort hören, wird in Ihrem Kopf ein Frame aktiviert“. Zum Beispiel das Wort Flüchtling: „Das ist ein Frame, der sich politisch gegen Flüchtlinge richtet. Weil die Endung „-ling“ macht diese Menschen klein und wertet sie ab. Denn das Kleine steht im übertragenen Sinn oft für etwas Schlechtes, Minderwertiges. Denken Sie an „Schreiberling“ oder „Schönling“. Ein eigentlich positiv besetzter Begriff wie „schön“ wird durch die Endung „ling“ ins Negative verkehrt. Außerdem ist „der“ Flüchtling männlich – und damit transportiert dieses Wort sehr viele männliche Merkmale: „Der“ Flüchtling ist eher stark als hilfsbedürftig, eher aggressiv als umgänglich. Besser wäre es, neutraler, von den Flüchtenden zu sprechen, also dem flüchtenden Mann, der flüchtenden Frau, dem flüchtenden Kind. Das wäre eindeutiger. Und nicht abwertend.

Ein Frame ist ein Deutungsrahmen, in unserem Gehirn gibt es etliche; sie sind durch unsere Erfahrung mit der Welt entstanden, und sie helfen, Tatsachen zu bewerten und einzuordnen. Aktiviert werden sie durch Wörter. Denken wir an den Begriff „Euro-Rettungsschirm“: Elisabeth Wehling meint: Automatisch denkt jeder an den Regenschirm, der einen vor dem Nasswerden schützt. Hier wird auf ein natürliches Phänomen – den Regen – angespielt, vor dem die Bürger geschützt werden müssen. Verursacher und Verantwortung werden ausgeblendet. Kein Hinweis auf die Banken, die die Finanzkrise ursprünglich ausgelöst hatten. Oder auf die Regierungen. Mir geht es vor allem darum, dass wir Bürger uns im Alltag ab und an die Zeit nehmen, bei den wichtigen politischen Themen ganz gezielt darüber nachzudenken, welche Begriffe in aktuellen Debatten genutzt werden – zum Beispiel nach einer Talkshow oder nach der Lektüre eines Zeitungsartikels. Dann entwickelt man ein Gespür dafür, welche Haltung gerade dominiert, etwa wenn es um den Staat oder Steuern geht. Oder um geflüchtete Menschen.“

An der Sprache und dem Sprachrahmen wird heftig von Firmen manipuliert: „Heute stecken konservative Thinktanks wie die Heritage Foundation Millionen von Dollar in die Entwicklung von Frames“ (Wehlig).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer: Der Jahresreport 2016 von Amnesty International. Eine Pflichtlektüre!

22. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Befreiung, Interkultureller Dialog

Welche Geltung haben Menschenwürde und Menschenrechte heute? Amnesty International (A.I.) veröffentlicht dieser Tage einen Jahresrückblick 2016 zu dem Thema. Und dieser ist nicht nur Erinnerung; die widerwärtigen Fakten von 2016, aus weitesten Kreisen der Politik so vieler (sich oft noch demokratisch nennender) Staaten bestimmen noch das Leben im Februar 2017 und danach. Amnesty International lenkt die Aufmerksamkeit auf die wirklich dringenden Themen der Gegenwart. Wer sie verstehen will, sollte diesen Beitrag lesen. „Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer“, betont Amnesty International. Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Bitte besuchen auch die A.I. Website, bitte hier klicken.

Von Salil Shetty, internationaler Generalsekretär von Amnesty International

Die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, wurde 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Für Millionen Menschen war 2016 ein Jahr anhaltenden Elends und unablässiger Angst, weil Regierungen und bewaffnete Gruppen Menschenrechte auf vielfältige Art verletzten. Syriens einst bevölkerungsreichste Stadt Aleppo wurde durch Luftangriffe und Straßenkämpfe in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht, im Jemen gingen die grausamen Angriffe gegen die Zivilbevölkerung weiter. In Myanmar spitzte sich die Misere der Rohingya immer weiter zu, in Burundi und im Südsudan kam es zu massenhaften rechtswidrigen Tötungen. In der Türkei und in Bahrain gingen die Behörden brutal gegen Andersdenkende vor, während in weiten Teilen Europas und der USA Hassreden zunahmen – die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer.

Es herrschte eine enorme Kluft zwischen Rhetorik und Realität, zwischen dem, was notwendig gewesen wäre, und dem was tatsächlich getan wurde, die einen immer wieder fassungslos machte. Nirgends zeigte sich dies deutlicher als beim UN-Gipfel zu Flüchtlings- und Migrationsbewegungen im September 2016, als die teilnehmenden Staaten nicht in der Lage waren, eine angemessene Antwort auf die globale Flüchtlingskrise zu finden, die im Laufe des Jahres größer und dringlicher wurde. Während die Regierenden angesichts dieser Herausforderung versagten, saßen 75.000 Flüchtlinge in der Wüste im Niemandsland zwischen Syrien und Jordanien fest.

Die Afrikanische Union hatte für 2016 ein Jahr der Menschenrechte ausgerufen. Doch in diesem Zeitraum kündigten drei Mitgliedstaaten ihren Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof an und torpedierten damit die Hoffnung auf eine Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen. Der sudanesische Staatspräsident Omar al-Bashir konnte ungehindert und straflos durch Afrika reisen, während seine Regierung in Darfur mit Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung vorging.

Diskurs der Furcht und Uneinigkeit
Das möglicherweise größte der vielen politischen Erdbeben im Jahr 2016 war die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie folgte auf einen Wahlkampf, in dem Trump sich vielfach mit hetzerischen Äußerungen hervorgetan hatte, die von Frauen- und Fremdenfeindlichkeit geprägt waren. Er versprach, etablierte bürgerliche Freiheiten rückgängig zu machen und eine Politik zu betreiben, die der Wahrung der Menschenrechte in höchstem Maße zuwiderläuft.

Trumps vergiftete Wahlkampfrhetorik war nur ein Beispiel eines weltweiten Trend hin zu einer Politik, die auf Wut und Spaltung setzt. In vielen Ländern stützten sich Machthaber und Politiker zum Erhalt ihrer Macht auf einen Diskurs der Furcht und der Uneinigkeit und wiesen die Schuld für die tatsächlichen oder vermeintlichen Probleme ihrer Wählerschaft „den Anderen“ zu.

Trumps Vorgänger, Präsident Barack Obama, hinterließ in Bezug auf den Menschenrechtsschutz ein Erbe, das auch viele Fälle schweren Versagens umfasst. Dazu zählen die Ausweitung der geheimen CIA-Drohnenangriffe und die gigantische Massenüberwachungsmaschinerie, die der Whistleblower Edward Snowden öffentlich machte. Doch die Ankündigungen des neuen US-Präsidenten Trump lassen eine Außenpolitik befürchten, die sich über multilaterale Kooperationen hinwegsetzt und eine Ära vermehrter Instabilität und gegenseitigen Misstrauens einleitet.

Noch mangelt es an einem übergreifenden Diskurs, der die aufwühlenden Ereignisse des vergangenen Jahres einordnen könnte. Tatsache ist jedoch, dass die Weltlage zu Beginn des Jahres 2017 höchst instabil ist und wir voller Sorge und Unsicherheit in die Zukunft blicken.

Suche nach Sündenböcken
Vor diesem Hintergrund droht die Sicherheit der Werte, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck gebracht wurden, zu schwinden. Die Erklärung, die nach einem der blutigsten Kapitel der menschlichen Geschichte geschrieben wurde, beginnt mit den Worten: „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet (…)“.

Doch trotz der Lehren aus der Vergangenheit wurde die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Die Verachtung dieser Ideale war offenkundig in einem Jahr, in dem die gezielte Bombardierung von Krankenhäusern in Syrien und im Jemen zur Routine wurde, in dem Flüchtlinge in Konfliktgebiete zurückgeschickt wurden, in dem die nahezu vollständige Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft in Bezug auf Aleppo an das Versagen in Ruanda 1994 und in Srebrenica 1995 erinnerte und in dem Regierungen in unzähligen Ländern weltweit massiv gegen Andersdenkende vorgingen.

Angesichts all dessen ist es alarmierend einfach, eine Schreckensvision der Welt und unserer Zukunft zu zeichnen. Die dringende und zunehmend schwierigere Aufgabe besteht jedoch darin, die globale Verpflichtung zu diesen grundlegenden Werten wiederzubeleben, von denen die Menschheit abhängt.

Zu den extrem beunruhigenden Entwicklungen 2016 zählen auch die Folgen eines neuen Handels, den Regierungen ihren Bürgern anbieten – sie versprechen ihnen Sicherheit und Wohlstand, wenn sie im Gegenzug dazu bereit sind, auf politische Teilhabe und bürgerliche Freiheiten zu verzichten.

Auf allen Kontinenten gingen Regierungen 2016 in drastischer Weise gegen Andersdenkende vor – manchmal offen und gewaltsam, manchmal subtiler und vermeintlich seriöser. Das Bestreben, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, nahm weltweit zu, sowohl was den Umfang als auch die Intensität betraf.

Drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle
Die Ermordung der indigenen Menschenrechtsverteidigerin Berta Cáceres in Honduras im März 2016 machte exemplarisch deutlich, welche Gefahr Menschen droht, die sich mutig gegen mächtige staatliche und privatwirtschaftliche Interessen stellen. Nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch andernorts werden couragierte Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger, die auf die Konsequenzen von Ressourcenabbau und Infrastrukturprojekten für Mensch und Umwelt hinweisen wollen, von Regierungen häufig als Bedrohung der wirtschaftlichen Entwicklung abgetan. Berta Cáceres, die sich für die lokale Bevölkerung und deren Land eingesetzt und zuletzt gegen ein Staudammprojekt gekämpft hatte, erhielt für ihr Engagement weltweit Anerkennung. Von den Mördern, die sie zuhause töteten, geht ein furchteinflößendes Signal an andere Aktivisten aus, insbesondere an diejenigen, die international nicht so bekannt sind wie Berta Cáceres.

In vielen Teilen der Welt zogen Regierungen Sicherheitsgründe heran, um ihr drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle zu rechtfertigen. In Äthiopien töteten Sicherheitskräfte Hunderte Protestierende und nahmen Tausende Menschen willkürlich fest, die überwiegend friedlich gegen rechtswidrige Landenteignungen in der Region Oromia demonstriert hatten. Die äthiopische Regierung nutzte das Antiterrorgesetz, um radikal gegen Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Oppositionspolitiker vorzugehen.

In der Türkei verschärfte die Regierung im Zuge des Ausnahmezustands nach dem Putschversuch im Juli 2016 ihr hartes Vorgehen gegen regierungskritische Stimmen. Sie entließ mehr als 110.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes aufgrund angeblicher „Verbindungen zu terroristischen Organisationen oder Bedrohung der nationalen Sicherheit“, hielt 118 Journalisten in Untersuchungshaft und verfügte willkürlich die endgültige Schließung von 184 Medienunternehmen.

Im Nahen Osten und in Nordafrika war die Unterdrückung von Andersdenkenden endemisch. In Ägypten inhaftierten die Sicherheitskräfte willkürlich mutmaßliche Unterstützer der verbotenen Muslimbruderschaft sowie andere Regierungskritiker und Oppositionelle, folterten sie und ließen sie „verschwinden“. Die Behörden Bahrains gingen massiv gegen Regierungskritiker vor, indem sie diese mit zahlreichen Anklagen wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit überzogen. Im Iran warfen die Behörden Kritiker ins Gefängnis, zensierten alle Medien und verabschiedeten ein neues Gesetz, das praktisch jede Kritik an der Regierung und ihrer Politik unter Strafe stellt.

In Nordkorea intensivierte die Regierung ihre bereits extreme Unterdrückung der Bevölkerung durch die verschärfte Kontrolle der Kommunikationstechnologie. Häufig waren die strengen Maßnahmen ein Versuch, Regierungsversagen zu kaschieren, so zum Beispiel in Venezuela, wo die Regierung lieber Kritiker zum Schweigen brachte als die humanitäre Krise zu bekämpfen, die weiter eskalierte.

Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt
Außer direkten Bedrohungen und Angriffen war zu beobachten, wie etablierte bürgerliche und politische Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt wurden. So wurde zum Beispiel in Großbritannien ein neues Überwachungsgesetz verabschiedet, das die Befugnisse der Behörden erheblich ausweitet. Sie können künftig die digitale Kommunikation und Daten abfangen, einsehen, zurückhalten oder in anderer Weise manipulieren, ohne dass ein stichhaltiger Verdacht gegen eine Person vorliegt. Indem Großbritannien eines der weltweit umfangreichsten Massenüberwachungssysteme einführte, näherte sich das Land einer Realität an, in der das Recht auf Privatsphäre schlicht nicht mehr anerkannt wird.

Der möglicherweise bösartigste Angriff auf die Menschenrechte bestand jedoch darin, dass Machthaber und Politiker zur Rechtfertigung ihrer repressiven Maßnahmen „die Anderen“ für tatsächliche oder vermeintliche soziale Probleme verantwortlich machten. Mit hasserfüllter, spaltender und hetzerischer Rhetorik bedienten sie die finstersten Instinkte der menschlichen Natur. Indem sie bestimmte Gruppen, häufig ethnische oder religiöse Minderheiten, kollektiv für soziale und wirtschaftliche Missstände verantwortlich machten, bereiteten sie den Weg für Diskriminierung und Hassverbrechen, insbesondere in Europa und den USA.

Eine Variante dessen stellte der eskalierende „Antidrogenkrieg“ des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte dar, der unzähligen Menschen das Leben kostete. Staatlich angeordnete Gewalt und Massentötungen durch Bürgerwehren forderten mehr als 5000 Tote, nachdem der Präsident mehrmals öffentlich erklärt hatte, dass Personen, die mutmaßlich in Drogenverbrechen verwickelt seien, getötet werden sollten.

Selbsternannte „Anti-Establishment“-Vertreter, die behaupteten, an sozialen und wirtschaftlichen Missständen seien sogenannte Eliten, internationale Organisationen und „die Anderen“ schuld, boten die falschen Rezepte an. Das Gefühl der Unsicherheit und Entrechtung, das sich aufgrund von Arbeitslosigkeit, unsicheren Arbeitsverträgen, wachsender sozialer Ungleichheit und dem Verlust staatlicher Versorgungsleistungen bei vielen Menschen einstellte, erfordert ein entschlossenes Handeln, Ressourcen und einen Politikwechsel der Regierungen, anstatt einfach nach Sündenböcke zu suchen.

Es war offensichtlich, dass viele desillusionierte Menschen weltweit die Antworten nicht in den Menschenrechten suchten. Doch die Ungleichheit und Vernachlässigung, die der Wut und Frustration zugrunde lag, war zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass Staaten die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ihrer Bürger nicht schützten.

Ganz normale Heldinnen und Helden
Doch 2016 war in mancherlei Hinsicht auch die Geschichte von Menschen voller Mut, Widerstandskraft, Kreativität und Entschlossenheit angesichts immenser Herausforderungen und Bedrohungen.

Auf allen Kontinenten gab es Beispiele dafür, dass Menschen auch immer Mittel und Wege finden, sich zu widersetzen und sich Gehör zu verschaffen, auch wenn staatliche Machtapparate sie unterdrücken. So gelang es Aktivisten in China trotz systematischer Drangsalierung und Einschüchterung, online an den Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz 1989 in Peking zu erinnern. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro machte der äthiopische Marathonläufer und Silbermedaillengewinner Feyisa Lilesa weltweit Schlagzeilen, als er an der Ziellinie mit einer Geste die staatliche Verfolgung der Oromo in Äthiopien anprangerte. An den Mittelmeerküsten Europas reagierten Freiwillige auf das Versagen der Regierungen beim Flüchtlingsschutz, indem sie Ertrinkende eigenhändig retteten. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent entstanden Bewegungen der Zivilgesellschaft, von denen einige vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wären. Sie griffen Forderungen der Bevölkerung nach Rechten und Gerechtigkeit auf und verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Der Vorwurf, Menschenrechte seien ein Projekt der Eliten, ist nicht haltbar. Der menschliche Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit löst sich nicht einfach in Luft auf. In einem Jahr voller Spaltung und Entmenschlichung leuchteten Aktionen für die Menschlichkeit und die grundlegende Würde des Menschen heller als je zuvor. Diese leidenschaftliche Reaktion verkörperte auch der 24-jährige Anas al-Basha, bekannt als Clown von Aleppo, der sich entschloss, trotz der furchtbaren Bombenangriffe der Regierungstruppen in der Stadt zu bleiben, um Kinder zu trösten und ihnen eine Freude zu bereiten. Als er am 29. November 2016 bei einem Luftangriff getötet wurde, würdigte sein Bruder ihn mit den Worten, er habe Kinder „am dunkelsten und gefährlichsten Ort der Welt“ glücklich gemacht.

Zu Beginn des Jahres 2017 fühlt sich die Welt instabil an und die Angst vor der Zukunft nimmt zu. Doch gerade in solchen Zeiten werden couragierte Stimmen gebraucht, ganz normale Heldinnen und Helden, die sich gegen Unrecht und Unterdrückung erheben. Niemand kann es mit der ganzen Welt aufnehmen, aber jeder kann seine eigene Welt verändern. Jeder kann aufstehen gegen Entmenschlichung, indem er sich auf lokaler Ebene für die Wahrung der Würde und der gleichen und unteilbaren Rechte aller einsetzt und damit das Fundament für Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt legt. 2017 werden Menschenrechtsheldinnen und Menschenrechtshelden gebraucht.

 



Gott ist nicht tot, vielleicht hat er nur neue Kleider? Ein Katechismus des Mitgefühls.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Theologische Bücher

Gottes „neue Kleider“. Der niederländische „Katechismus des Mitgefühls“.

Ein neuer Katechismus – eine Einladung, selber zu denken und den eigenen Glauben zu entwickeln.

In meiner Radiosendung im NDR (in der Reihe „Glaubenssachen“ am 19.2. 2016) mit dem Titel „Glauben ist einfach“ (klicken Sie hier) wurde der niederländische Katechismus des Mitgefühls kurz erwähnt. Einige HörerInnen waren daran so interessiert und fragten, ob es diesen menschenfreundlichen und un-dogmatischen Katechismus auch auf Deutsch gibt. „Leider nicht“, heißt meine Antwort. Ich habe aber 2010 einige ausführlichere Hinweise zu diesem bemerkenswerten Buch geschrieben, Hinweise, die ich hier noch einmal, am 21.2.2017, vorstelle:

Die 150 Abgeordneten des Niederländischen Parlaments (Tweede Kamer) erhalten dieser Tage (also 2010) einen Katechismus geschenkt. Ungewöhnlich, in einem säkularisierten Land wie Holland. Dabei handelt es sich nicht um den Versuch, klerikale Machtansprüche in der Politik durchzusetzen, das liegt den Autoren des ungewöhnlichen Katechismus auch völlig fern. Denn sie treten als „freisinnige, liberale Christen“ entschieden für die Trennung von Kirche und Staat ein. Aber ihnen liegt daran, mit allen Menschen, auch mit Politikern, in einen partnerschaftlichen Dialog einzutreten, nicht über Dogmen, wohl aber auch ethische Orientierungs  – Vorschläge!

Es ist schon komisch: Ausgerechnet in Holland erscheint dieser Tage ein neuer Katechismus. Ist das Wort „Katechismus“ nicht völlig out, völlig verbraucht, gerade in den Niederlanden, wo nur noch etwa 35 Prozent der Bevölkerung Mitglieder einer christlichen Kirche sind und die wenigsten Menschen von dogmatischen Lehren unterwiesen werden wollen? In dieser Situation muss man schon etwas Außergewöhnliches vorweisen: Der neue holländische Katechismus  konnte entstehen, weil die vier freisinnigen christlichen Kirchen Hollands angesichts des zunehmenden Einflusses konservativer und reaktionärer Kirchen deutlich ihre eigene Stimme erheben, die Stimme der Freiheit, die dem Nachdenken allen Raum lässt und eben keine fertigen „ewigen“ Wahrheiten präsentiert. Es sind keine Leitungsgremien, keine Bischöfe und keine Päpste, die diesen Katechismus verfasst haben, sondern zwei Pfarrer, die im ständigen Austausch mit der Kultur der Gegenwart stehen: Christiane Berckvens – Stevelinck, Theologin der Remonstranten Kirche, und Ad Ablass, Theologe der freisinnigen Strömung innerhalb der Protestantischen Kirche (PKN) legen ein Buch vor, das in 12 Kapiteln Grundworte der menschlichen Kultur erläutert, Grundworte, die ihre Wurzeln in den biblischen Traditionen haben.  Am Anfang steht die „Compassie“, das Mitleid, am Ende die dem Mitgefühl und der Empathie verwandte Liebe. Andere Themen sind Gleichheit, Verbundenheit, Versöhnung, Gerechtigkeit, Friede, Wahrheit, Freiheit, Berufung, Glaube und Gott. Das neue Buch nennt sich ausdrücklich „Katechismus des Mitleids“, ein zweifellos ungewöhnlicher, wenn nicht gar provozierender Titel. Aber er deutet das Ziel an: Die LeserInnen werden eingeladen, angesichts der humanen, ökologischen und politischen Katastrophen der Gegenwart das Mitleiden zu entwickeln, nicht nur als spirituelle Haltung, sondern vor allem als aufgeklärtes Handeln zugunsten der Leidenden. Aber dieser Appell zum Handeln ist nicht dick aufgetragen, vielmehr bieten die einzelnen Kapitel Informationen und meditative Impulse zu diesen Grundworten humaner Existenz. So ist ein Buch entstanden, das sich wohl am besten in einer eher „meditativen und behutsamen Lektüre“ erschließt. Nebenbei: Das Buch verdankt wesentliche Anregungen der britischen Philosophin und ehemaligen katholischen Nonne Karen Armstrong, die sich ausdrücklich für eine „Charta des Mitgefühls“ einsetzt. So gehört dieses Buch zu dem weltweit entstehenden Netwerk „Compassion“! Alle Kapitel des Katechismus werden „eingeleitet“ mit schönen Nachdrucken von Gemälden, Chagall ist genauso vertreten wie Rembrandt, Claudio Taddei genauso wie Caravaggio oder Ferdinand Hodler. Die eigens für das Buch gefertigten Gemälde der Künstlerin Brigida Almeida aus Utrecht beschließen jedes Kapitel. Im Text werden die Leser mit einer Fülle an Informationen aus der Literatur, dem Film, dem Theater konfrontiert, Informationen, die gleichermaßen die Schwierigkeiten wie die Chancen einer Lebenshaltung vorstellen, die sich von den 12 „Katechismus – Grundworten“ inspirieren lassen will, biblische Perspektiven sind jeweils ein Kapitel unter den anderen. Das ist der typische freisinnige Geist, dass keinem „Bibel – Fanatismus“ gehuldigt wird, sondern spirituelle Inspirationen auch im „weiten Feld“ der Religionen und Kulturen präsentiert werden. Sympathisch werden es Berliner finden, dass zum Thema Freiheit schon im Titel auf den berühmten Ausspruch John F. Kennedys verwiesen wird: „Ich bin ein Berliner“, ein Ausspruch, der heute als Bekenntnis gegen alle Formen des Totalitarismus verstanden wird. Äußerst sympathisch ist auch, dass das Kapitel über die Liebe mit einem Bild von Julius Schnorr von Carolsfeld eröffnet wird, das die beiden Liebhaber David und Jonathan zeigt., sicher ist auch die Entscheidung für dieses Bild typisch für Freisinnige in Holland: Die Remonstranten waren ja die erste Kirche weltweit, die schon 1986 homosexuelle Paare –gleich welcher Konfession- in ihren Kirchen segnete. Sympathisch ist auch, dass der ungewöhnliche, progressive katholische Theologe Karl Rahner als Verteidiger der Mystik erwähnt wird.

Dies ist wohl der entscheidende Eindruck: Dieser auch vom Layout so schöne und freundliche Katechismus der freisinnigen Christen plädiert für die Mystik, sicher für eine moderne, eine durch die Aufklärung „hindurchgegangene“ Mystik: Aber doch wird aller Nachdruck gelegt auf das innere Erleben des Göttlichen, das sich im Handeln ausdrückt. In der Mystik sehen die Autoren ohnehin die Zukunft des Religiösen. Interessant könnte es sein, wie sich die freisinnigen Kirchen selbst zu Orten (multi-religiöser) Mystik entwickeln. Vielleicht ist diese Mystik das neue Profil der Freisinnigen und ihrer Gemeinden? Vielleicht können sie mit diesem Profil weitere undogmatische, aber mystisch Interessierte einladen? Die niederländischen Autoren sind jedenfalls überzeugt: Gott ist nicht tot, er zeigt heute nur neue, ungewöhnliche „Gesichter“. Er hat vielleicht neue Kleider angelegt, wie die Autoren schreiben.

„Catechismus van de compassie“. Erschienen im Verlag Skandalon, in Vught, Holland. ISBN 978-90-76564-94-4.