Glauben als Lebenskraft: Ein Vortrag von Wilhelm Gräb über Paul Tillich

Vom 23.bis 25.März 2018 fand in der evangelischen Akademie von Hofgeismar eine Tagung statt über einen der wichtigsten Texte des Theologen und Religionsphilosophen PAUL TILLICH (1886 – 1965). „Der Mut zum Sein“ erschien 1952, das Buch fand und findet vielfache Beachtung. Denn, so Tillich, Glaube ist keine Bindung an Dogmen, sondern eher der existentiell erlebte und vollzogene MUT, das eigene Leben anzunehmen, trotz aller Widrigkeiten dieses Lebens.

Der protestantische Theologe Prof.Wilhelm Gräb hielt in Hofgeismar den Abschlussvortrag mit dem Titel „Glaube als Lebenskraft“. Sie können den Vortrag nachlesen:  Glauben-als-Lebenskraft-Tillich-Hofgeismar-Gräb.pdf

Das Buch „Der Mut zum Sein“ ist bei de Gruyter erschienen mit einem Vorwort des Theologieprofessors Christian Danz (Wien)

Karl Schlögel zum 70. Geburtstag

Ein kleines Dankeschön und ein Hinweis von Christian Modehn

Darf ich das Wort originell noch verwenden, bei der Inflation dieses Begriffes, verwendet von den vielen, die heute alle so originell oder sogar kreativ sein wollen? Ich möchte die Qualität des Originellen, im Sinne des Neues Entdecken, des Freilegens dessen, was viele sehen, aber nicht wahr-nehmen, auf Karl Schlögel doch gern beziehen. Es ist für mich und sicher viele andere Leser zweifelsfrei: Karl Schlögel hat ein umfassendes erhellendes und helles Werk hervorgebracht, stets erklärend,  gut recherchiert, gut lesbar. Er hat publiziert, vor allem durch langjähriges eigenes Erleben vertieft, zur Sowjetunion, zu Russland und zu Osteuropa. Am 7. März 2018 wird Karl Schlögel 70 Jahre alt. Ich gratuliere.

Unmöglich ist es, die ganze Vielfalt der Themen seiner Forschung zu erwähnen. Ich erinnere mich etwa an seine Studien, in „Lettre“ oder der Berliner Zeitung, über die Bahnverbindungen von Berlin – Lichtenberg nach Sibirien; Themen des Alltags, könnte man denken, aber es sind Studien, die das „Andere“ unserer Berliner Nachbarschaft erschlossen haben. Ich schätze besonders die eher dem Umfang nach kleine, aber inhaltlich große, weil anregende Studie „Archäologie des Kommunismus. Oder Russland im 20. Jahrhundert“. Mit Fotos, 111 Seiten, erschienen in der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, München.

Um nur zwei Beispiele aus dieser Veröffentlichung zu nennen: Wer das Alltagsleben in der Sowjetunion verstehen will, sollte sich mit Schlögel für die „Kommunalkas“ interessieren, also jene sehr geräumigen, ehemals bourgeoisen Altbauwohnungen in Moskau oder Leningrad, wo bis zu 10 Familien dann lebten und leben mussten. Oder man sollte in dem genannten Buch („Archäologie des Kommunismus…) lesen, welche Rolle die Küche als kommunikativer und wohl auch oppositioneller Ort in der Zeit nach Stalin spielte. Ja, auch dies, dass für die Menschen in der Sowjetunion Reste von individueller Freiheit gab, etwa in den Datschen und während der Urlaubszeiten… Man lese die Beobachtungen über die Bedeutung der Palme (S.84) als Zierpflanze in offiziellen Gebäuden, es ist auch dieser Sinn für Details, für „Übersehenes“, mit dem Schlögel die Mentalitäten erschließt.

Schlögels Hinweise zur russischen Annexion der Krim und zu den Aggressionen gegen die Ukraine zeigen auch: Dass es in Russland heute eine „Flucht in den Ideen und Formenbestand des sowjetischen wie des imperialen Russland“ gibt. „Denkmäler, die schon einmal gestürzt und in Museumsparks gelagert wurden, sollen auf ihre Sockel zurückkehren“. Was für eine Regression. Unter Putin nehmen die Ressentiments machtvoll zu… „Für alles, was nicht funktioniert und falsch gelaufen ist“, ist der Westen ist schuld… Nur die Bürger Russlands, meint Schlögel, können aus dieser Sackgasse herausfinden. Werden sie die Kraft der gemeinsamen Opposition finden? Ist die russisch – orthodoxe Kirche heute das sprichwörtliche Opium des Volkes (Karl Marx)? Wird jemals die Zusammenarbeit der Kirche mit Putin nd Co. ein Ende haben? Ist diese Kirche überhaupt fähig zur tiefgreifenden Reform? Darüber würde ich sehr gern weitere Studien von Karl Schlögel lesen.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Fünf Jahre Papst Franziskus – progressiv, aber zwiespältig

Ein Hinweis von Christian Modehn

Franziskus ist ein Papst, der bei aller Zustimmung, auch einen zwiespältigen Eindruck bietet. Und das liegt auch an ihm selbst, an seiner progressiven sozialen Theorie und Praxis einerseits und seiner konservativen Theologie auf der anderen Seite.

1. So genannte progressive theologische katholische Kreise, die vor kurzem noch das Papsttum beinahe bekämpften (etwa in den Gestalten des polnischen Johannes Paul II. und des deutschen Benedikt XVI.) sind nun förmlich enthusiastische Papst – Fans geworden und fast schon wieder ultra-montan, wenn man an die Kritik an Bischöfen „zu Haus“ und das Lob für diesen Papst denkt. Und die Konservativen und Reaktionären, die früher Papsttreue und Papstliebe zur obersten Glaubenssache machten, sind nun entschieden gegen diesen Papst. Durch die Anwesenheit eines pensionierten Papstes im Vatikan (Benedikt) wird die Sache noch komplizierter. Der Pensionierte hat seine eigene Fan-Gemeinde. Und die Konservativen machen Franziskus das Leben schwer, wollen ihn wohl am liebsten kaltstellen. Dies ist eine Tatsache, und muss hier nicht seitenlang belegt werden. Es sind diese ewigen Sticheleien der reaktionären Besserwisser, von denen der Benedikt XVI.- Fan, Kardinal Müller, nur der harmlosere unter denen ist, die Papst Franziskus zusetzen.

2. Ist Franziskus wirklich rundum eine Gestalt des progressiven Durchbruchs? Stimmt das so pauschal? Man kann zur Entschuldigung für seine reformerische Halbherzigkeit daran erinnern: Er habe eben auch Angst vor der Allmacht der vatikanischen und sonstigen Reaktionären. So ist Franziskus gezwungen, zu jonglieren, ein bisschen gibt er mal recht den Konservativen, ein bisschen gibt er mal Grund den Progressiven, etwas zu frohlocken. Kurz, Franziskus will den äußerst pluralistischen “Laden” irgendwie beisammen halten, will keine zahlenmäßigen Rückgänge im Weltkatholizismus hinnehmen. Tatsache aber ist, die Hierarchie als Hierarchie wird von ihm nicht angekratzt. Der Klerus hat immer noch total das Sagen. Am Klerus allein orientiert sich etwa die „Gemeindereform“, etwa jetzt hier in Deutschland: Da wird wegen der wenigen Priester eine permanente Zusammenlegung von Gemeinden praktiziert. Proteste der Laien, wenn noch vorhanden, sind wirkungslos. Der Klerus herrscht solange, bis er hierzulande ausgestorben ist.

3.  Hätte der Papst als Papst die Möglichkeit, das Zölibatsgesetz für Priester abzuschaffen? Ja, das Zölibatsgesetz ist eine kirchliche Verfügung, kein unfehlbares Dogma. Nur an einem (angeblich unbedingt zu glaubenden) Dogma darf auch kein Papst rühren. Das Zölibatsgesetz könnte Franziskus jedenfalls abschaffen. Er tut es nicht, hat er Angst? Wahrscheinlich. Also wird die Zölibatskirche weiter betrieben und letztlich in manchen Gegenden wid die Kirche gegen die Wand gefahren. In Lateinamerika haben viele Millionen Katholiken die katholische Kirche verlassen, weil schlicht und einfach keine zölibatären Priester für die Gemeinden zur Verfügung stehen. Es gibt keine “Seelsorge”, keine Eucharistiefeiern etc… Die Basisgemeinden einst wollten Frauen und Männer zu Priestern berufen und selbstverständlich ordinieren. Das hat Rom, vor allem der polnische Papst, ein Liebhaber des Klerus, verboten. So muss die Kirche in Lateinamerika sehen, wie die Evangelikalen und die Pfingstgemeinden immer stärker werden, manchmal sind schon mehr als die Hälfte der Bewohner nicht mehr katholisch, wie etwa in Guatemala. Dort sind nur noch 45 % der einst insgesamt katholisch getauften Guatemalteken katholisch. Es sind nicht nur übermütige Kirchenkritiker, die sagen: Dieser Niedergang schadet der katholischen Kirche gar nichts. Sie wird, wenn sie klerikal so weitermacht, sogar noch schwächer. Mit anderen Worten: Die Klerus – Fixierung, die auch Papst Franziskus prägt, kann sich als das Ende des Katholizismus in manchen Regionen zeigen. In Frankreich ist das sehr sichtbar. Dort stirbt die Kirche, weil der Klerus stirbt. Darüber haben angesehene Religionssoziologenin Paris  dicke Bücher geschrieben, die natürlich nicht zu einer Korrektur der kirchlichen Praxis führten.

4. Zwiespältig ist Papst Franziskus auch in der Ernennung von Bischöfen, die ja bekanntlich seine, nämlich seine päpstliche Sache letztendlich ist. Es wäre viel zu berichten, etwa über Frankreich, wo ein erklärter Konservativer (Michel Aupetit) vor kurzem Erzbischof von Paris wurde. Oder, von Strasbourg, wo der neue Erzbischof Luc Ravel, einst sogar in Militärkreisen höchst unbeliebter Militärbischof, bekannt für konservative Aussagen, behauptet: „Die Muslime werden eines Tages die Christen in Frankreich verdrängen“… Warum musste Franziskus ausgerechnet einen Opus-Dei – Mann zu seinem Pressesprecher machen? Sind das Gesten, um diese mächtige Organisation irgendwie bei Laune zu halten? Wahrscheinlich. Fehlt noch, dass er einen “Legionär Christi” in die Studiengruppe zur Verhinderung des sexuellen Missbrauchs durch Priester und Ordensobere beruft…

5. Wer die private, sozusagen die innere Theologie von Papst Franziskus kennen lernen will, studiere bitte die Ansprachen, die er werktäglich in der Kapelle seiner Wohnung, dem Marta-Haus, hält. Es wäre ein eigenes Forschungsprojekt, in diesen Predigten die ständigen Bezüge auf den furchtbaren Teufel herauszuarbeiten. Dass der Papst auch Maria als „Knotenlöserin“ (so ein Andachts – Bild in Augsburg, das er dann in Argentinien populär machte, als Erzbischof von Buenos Aires) verehrt, ist seine persönliche Sache. Nur ist ein übertriebener Marien – Kult, auch in Richtung Knotenlösung, etwa für die Ökumene mit Protestanten nicht sehr hilfreich, vermute ich. Dass Franziskus immer noch auch im Luther – Gedenken 2017, fest an die Ablässe glaubt, ist niemandem entgangen. Genauso, dass er den ultra populären und viel Geld einspielenden Kult um Pater Pio unterstützt, den viele kritische Theologen und einige Leute im Vatikan für einen Scharlatan hielten mit seinen angeblichen Wundmalen, ist doch sehr erstaunlich. Dass er die argentinische „Theologie des Volkes“ hochschätzt und nicht die eher linke und theologisch schärfere Befreiungstheologie, ist ebenfalls bekannt. Wieweit er die umfassend kritischen Studien zur Zusammenarbeit von argentinischer Militärditatur und Kirche (auch Bischöfen !) unterstützt, müsste noch herausgefunden werden…

6. Papst Franziskus hat vieles Wegweisende getan und auch (vor)gelebt in seinem Lebensstil. Der Umzug aus dem Barockpalast in ein Appartement eines Gästehauses, ist wohl das deutlichste Symbol, dass er anderes und Richtiges will und dies auch tut. Er will den kirchlichen Ortswechsel. Die Bischöfe in den reichen Ländern, auch in Deutschland sind ihm darin nicht gefolgt, anstelle von Mercedes fahren sie jetzt vielleicht Audi oder so. Aber ihre riesigen Papp – Mützen, Mitren genannt, tragen sie permanent weiter als Zeichen ihrer besonderen „Berufung“. Solche Mützen liebt Franziskus nicht sehr. Dabei handelt es sich gewiss um Äußerlichkeiten, aber nicht um Kleinigkeiten. Einige Wirkungen hat Franziskus durch sein praktisches Engagement erzielt, für Flüchtlinge, Obdachlose usw. Etwa auch durch den Besuch im November 2015 in der von der Weltöffentlichkeit völlig vergessenen Zentralafrikanischen Republik. Ausgerechnet in der Elends –Hauptstadt Bangui eröffnete er die erste heilige Pforte im “weltweiten Jahr der Barmherzigkeit”…. und eben nicht im heiligen barocken Rom. Es ist die Liebe zur Peripherie und damit zu den Armen und Vergessenen, die sich in dieser Praxis ausdrückt.

7. Wenn man auf Franziskus leider einmal post mortem zurückblickt, werden viele, auch kritische Beobachter wohl sagen: Was war der doch für ein toller Papst, welche Ausnahme – Erscheinung, welch ein Vorbild in der Nähe zu den Armen. Oder werden einige auch sagen: Mit Papst Franziskus ist die grausige Vorherrschaft des Klerus in der römischen Kirche allmählich in die Endphase geführt worden: Das „allgemeine Priestertum“ aller Gläubigen ist nun in dieser Kirche nicht mehr bloß eine harmlose Behauptung, sondern praktische Realität, auch und vor allem für Frauen. Diese Erwartung habe ich nicht.

Vielleicht war Franziskus ein erfreuliches Intermezzo, so wie Johannes XXXIII. ein kurzes erfreuliches Intermezzo war… in einer aber grundlegend wandlungsunfähigen Kirche.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hans Küng wird 90: Ein theologischer Meister!

Ein Hinweis von Christian Modehn –

Anlässlich des 90. Geburtstages von Hans Küng am 19. März

Ergänzung am 19.3.2018: Wie habe ich den 90. Geburtstag von Hans Küng gefeiert? Indem ich einige Sachen von ihm erneut gelesen habe. Da fällt mir auf, etwa bei der Lektüre von Küngs Buch „Umstrittene Wahrheit“ (2009): In welcher Weise sich der jetzt so hoch gelobte, beinahe heiligmäßig genannte Kardinal Karl Lehmann dem eigentlich befreundeten Theologen Hans Küng gegenüber in dem einen entscheidenden Moment (und vorher) verhalten hat. Also im Umfeld dessen, als Hans Küng 1979 der Titel “Katholischer Theologe” vom Vatikan und den deutschen Bischöfen entzogen wurde. Es ist bezeichnend, dass Küng keine Angst hat, Fakten zu nennen. Zur Diffamierung von Küng durch den Vatikan im Jahr 1979 heißt es in „Umstrittene Wahrheit“ auf Seite 598: „Wer ist für die komplexe theologische Logistik der kompetente Komplize (also für die Aberkennung des Titels Katholischer Theologe CM): Zu meiner großen Betrübnis nach seinem eigenen Zeugnis Karl Lehmann. Nach seiner Wende von der (progressiven theologischen Zeitschrift) CONCILIUM zu der (eher konservativen theologischen Zeitschrift) Communio (mit Joseph Ratzinger) war Lehmann immer mehr auf die amtskirchliche Linie eingeschwenkt. Er strebt offensichtlich das Bischofsamt an….“ Das ist Karl Lehmann ja dann auch mal gelungen.  Noch einmal bewegt mich nur als kritisch beobachtender Journalist die Frage: Was hat Kardinal Lehmann denn nun wirklich an Wirkungen seines angeblich so progressiven Handelns und Denkens hinterlassen? Oder erinnert man sich heute an ein moderates progressives Phantom, das nur bedeutsam ist, wenn man an Dyba, Meisner und die anderen Konservativen denkt.

……………Mein Text vom 22.2. 2018………………….:

Unmöglich ist es, in wenigen Worten die Leistungen von Hans Küng für die Theologie, vor allem auch für die Kultur insgesamt zu würdigen. Ja, es ging Hans Küng um die kritische Reflexion der Kulturen, auch der außereuropäischen. Er fordert angesichts der Globalisierung und der ungerechten Verhältnisse ein „Weltethos“, eine konkrete Utopie, der es zu entsprechen gilt, sollte die Menschheit überleben wollen.

Hans Küng ist tatsächlich (jetzt noch) bekannt. Seinen Namen kennt etwa in Deutschland noch beinahe jeder über 50 Jährige. Sehr fern erscheinen jedoch die Zeiten, als sich Küngs theologisch gut lesbaren Bücher in den Buchhandlungen förmlich stapelten, etwa „Christsein“ von 1974. Heute, 44 Jahre später, ist die Zeit einer öffentlich auch sichtbaren Relevanz von (katholischer) Theologie wie weggewischt. Theologie ist jetzt im Getto, die theologischen Neuerscheinungen sind marginal. Theologie hat die Bedeutung einer Alterstumwissenschaft, vergleichbar der Archäologie. In Berlin z.B. gibt es seit Jahren keine Buchhandlung mehr, die überhaupt noch Theologisches in großer Fülle und Bedeutung anbietet, wahrscheinlich gibt es auch nicht so viele nachvollziehbare Bücher mehr, die sich auf dem Niveau von Hans Küng bewegen. Esoterik gilt nun als religiös, oder treffender, spirituell. Daran sind die Kirchen, vor allem die katholische Kirche, selbst schuld, sie haben sich mit ihrem Dogmatismus und ihrer Anti – Moderne ins Abseits begeben. Zugespitzt gesagt: Nur noch die vielen katholischen Kirchenangestellten tun so, als würden sie innerlich von den offiziellen Lehren dieser Kirche bewegt sein. Sie „müssen“die formal und inhaltlich ewig selben Messen besuchen. Sie darf nur der zölibatäre Klerus feiern, das ist seine einzige verbliebene Macht, an der niemand kratzt, Hans Küng hat es erfolglos versucht.

Was ist wichtig im Lebenswerk von Hans Küng? Sehr vieles: Sicher dies: Er war im deutschen Sprachraum derjenige Meister, der Reflexion und Glauben in eine für viele Zeitgenossen nachvollziehbare (immer lesbare) Einheit gebunden hat. Wer sagt ihm jetzt dafür tausend Dank? Welcher römische Bischof, vielleicht wagt es Kardinal Lehmann? Gibt es nun ein paar Zeilen von Papst Franziskus, den Küng schätzt?

Ich jedenfalls sage Hans Küng danke. Danke für seine Bücher (etwa über Hegel!) und für seine Initiativen, zugunsten einer freien und unabhängigen katholischen Presse, etwa für „Publik Forum“. Und für seine offenen Worte zur Sterbehilfe werden ihm viele andere auch danken, oder auch für seine Dialoge über Literatur mit Walter Jens etc.

Man schaue sich die Liste von Küngs Veröffentlichungen (in wie vielen Sprachen eigentlich ?) an! Man beachte sein jetzt neu herausgegebenes Gesamtwerk, das auf 24 Bände angelegt ist. Die Gesamtausgabe erscheint im Herder Verlag, der sonst auch als Verlag der letzten Bücher von Joseph Ratzinger bekannt ist. Die Bücher beider Autoren werden sich als äußerst kontrastreiche Werke wohl in den Regalen hoffentlich etwas vertragen, die Käufer mögen um ihrer eigenen geistigen Weiterentwicklung wegen zu Küng greifen: Küng, der Mutige, der lebendig Fragende und allseits für Neues Aufgeschlossene, der Ökumenische….und Ratzinger, der ewig Zurückblickende, der Nostalgische, der Papst mit den roten Schuhen, der Ängstliche und Zauderer, Liebhaber der Väter (gemeint sind die Kirchenväter aus dem 3. und 4. Jahrhundert), dessen einzige große Tat sein Rücktritt als Papst Ende Februar 2013 war. Wird er Küng gratulieren zu seiner Lebensleistung? Das wäre ein kleines Wunder. Leider aber ist die Gesamtausgabe der Werke Küngs im Herder Verlag für normal Verdienende und damit auch für Studenten unerschwinglich teuer. Man kann durch maßlos teure Bücher auch ein Werk „einsargen“, fürs Einstauben in Bibliotheken bestimmen, ins Vergessen treiben. Wollen wir hoffen, dass alsbald preiswerte Studienausgaben folgen.

Küng ist wohl der bislang letzte umfassend gebildete katholische Theologe, ein systematischer Geist, der Mann des großen (Ent)Wurfes. Das ist überhaupt keine Frage. Andere, selbst sich verbal politisch gebende, aber nie unmittelbar politisch – praktisch engagierte katholische Theologen, sehen da eher blass aus, ihre Aufsätze sind nicht mehr als gute Essays. Fragmentarisches in allen Ehren: Küng hat sozusagen noch einmal eine religiöse „Summe“ des Christlichen (nicht des konfessionell Römisch – Katholischen) vorgelegt, selbst wenn er den politischen Ort seines eigenen Denkens meines Erachtens nicht oder zu selten reflektiert hat. Er hatte für dieses Mammutprojekt auch hervorragende Mitarbeiter, Assistenten, das wird eher selten genannt; auch sie haben mit ihrem Meister Theologiegeschichte geschrieben, man denke nur an Hermann Häring oder Karl – Josef Kuschel.

Ich will nur an einige Tatsachen erinnern, die absolut gravierend noch heute alle katholische Theologie belasten – im Zusammenhang der Theologiegeschichte von Hans Küng:

Am 18. Dezember 1979 hatte der polnische Papst Johannes Paul II. Hans Küng die kirchliche Lehrbefugnis als katholischer Theologe an der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen entzogen. Das heißt: Küng durfte nicht mehr an dieser Fakultät lehren und er durfte sich nicht mehr „katholischer Theologe“ (im Sinne des Vatikans und der Bischöfe) nennen. Der Grund für diese Verurteilung: Dem Vatikan und den Bischöfen gefielen die Vorschläge Küngs ganz und gar nicht, für eine insgesamt eher noch vorsichtige Neu-Interpretation des Dogmas von der Unfehlbarkeit der Päpste einzutreten. Unfehlbarkeit bezogen auf die Entscheidungen zu Glauben und Moral. An der, in römischer Sicht unwandelbaren, förmlich leblos versteinerten Formulierung der päpstlichen Unfehlbarkeit durfte nicht gerüttelt werden. Einige prominente Theologen wie Karl Rahner SJ haben damals sich sogar gegen die Neuinterpretation Küngs gewandt, und Rahner hat mit dieser (Auftrags-) Schrift (?) gegen Küng einen gewissen Zwiespalt in seinem Werk hinterlassen.Über Rahners Mut und seine gelegentlich heftig römischen Bindungen wäre eigens zu sprechen…

Wegen einer Neuinterpretation eines ohnehin schon im Moment der Formulierung hoch umstrittenen Dogmas von 1870 wurde also Hans Küng 1979 aus der sich katholisch nennenden Theologie rausgeschmissen. Diese Tatsache ist eines der gravierendsten Ereignisse in der neueren Geschichte des Katholizismus! Dieses Datum ist ein weiteres Ereignis innerhalb der Geschichte der Unfreiheit der katholischen Theologie als Wissenschaft – in einem System von Bischöfen und Päpsten, die sich ohne biblische Begründung anmaßen, Herren der Theologie zu sein. An den Fall Leonardo Boff wäre zu erinnern, an Theologen aus Indien oder Sri Lanka , die ebenfalls noch bis in unsere Tage den Furor römischer Rausschmiss -Lust durch Kardinal Ratzinger erfuhren, von feministischen Theologinnen, die degradiert wurden, wäre zu sprechen: Bis in unsere Tage übt der Vatikan eine brutale Kontrolle des Denkens aus. Der Vatikan beansprucht eine totale Sonderrolle in der Welt: Er verteidigt verbal Menschenrechte, ohne diese selbst für die eigene Kirche geltend zu lassen..Und jetzt machen zur Abwechslung reaktionäre Kardinäle den etwas aufgeschlossenen Papst Franziskus SJ theologisch fertig. Es ist eine ewige Tragödie des Ausgrenzens im Vatikan lebendig. Diese Kirche ist krank. Das hat Hans Küng auch gesagt. Die alten Herren in Rom und die Bischöfe bilden sich ein, zu viel Genaues von Gott usw. zu wissen…

Diese vatikanische Entscheidung gegen Küng 1979 hat die nachdenkliche und frei denkende, aber nicht nur akademische Welt erschüttert. Sie hat die letzten noch gut willigen Katholiken zumindest in Westeuropa und Amerika aus der Kirche getrieben bzw. den Abschied von ihr vorbereitet.

Ich will jetzt die insgesamt ja durchaus noch vorsichtige Unfehlbarkeits – Interpretation von Küng nicht wiederholen. Wichtiger ist: Durch diese akademische und religiöse (Un-)Tat des Papstes und seines klerikalen Kreises ist das Ansehen der katholischen Theologie als einer “freien Wissenschaft” (manche glaubten ja noch daran) auf einen Nullpunkt gesunken. Mit anderen Worten: Selbst wenn heute noch an staatlichen Universitäten katholische Theologie gelehrt wird, wie etwa in Deutschland, ist doch sehr die Frage: Wie kann diese Wissenschaft, die letztlich durch die Berufungspraxis der Professoren durch die Bischöfe (!) bestimmt ist, noch Wissenschaft genannt werden? Denn bei den Berufungen haben die Bischöfe in Deutschland das letzte entscheidende Wort mitzureden. Die „Exekutive“, wenn man so will, bestimmt die also „Rechtsprechung“, wenn man so will, also die Theologie. Wie wäre es, wenn das Außenministerium die Berufung aller Politologie-Professoren bestimmt? Oder das Landwirtschaftsministerium die Professoren für Ökologie und Agronomie? Das geschieht bloß in Diktaturen. Und Küng hat treffend den Vatikan eine Diktatur genannt.

Die katholische Theologie selbst an den Universitäten wird darum schnell vergleichbar den einstigen Parteihochschulen: In der DDR bestimmte die herrschende SED, wer Professor werden durfte. So ist es heute noch in der Berufung katholischer Theologen an den Universitäten und staatlich anerkannten theologischen Hochschulen. Wer da Professor wird, ist den Bischöfen zeitlebens dankbar, den Job zu haben; ist deswegen automatisch ängstlich usw… Das ist weithin die Situation katholischer Theologie heute, abgesehen von der historisch kritischen Bibelwissenschaft oder der Kirchengeschichte beispielsweise. Dass Dogmen aus alter Zeit, weil vom heutigen Wissen als falsch und als willkürliche Macht-Setzung des Klerus durchschaut, selbstverständlich auch beiseite gelegt werden können und sollten, behauptet meines Wissens kein katholischer Theologe. Er/sie  sagt es nicht, aus Angst. Dabei wäre eine dogmatische Entrümppelung dringende Tat spiritueller Befreiung. Die Ablehnung von dogmatischem Wandel durch den Vatikan hat morbide Züge, man lese bitte Erich Fromm über nekrophile Charakterstrukturen…

Was hat alles das mit Hans Küng zu tun? Sehr viel, er wagte es, an dem unsinnigen Unfehlbarkeitsdogma etwas zu kratzen. Und tut das noch heute! Nach ihm kratzte fast kein katholischer Theologe mehr an dem verheerenden, unsinnigen (auch unbiblischen) Dogma.

Küng hatte das Glück, dass der deutsche Staat ihm einen Ersatzlehrstuhl in Tübingen einrichten musste (auf Kosten auch der nicht-katholischen Steuerzahler). So macht es der deutsche Staat ja immer, wenn ein katholischer Theologieprofessor (als Priester)  der Hierarchie nicht mehr würdig genug erscheint, wenn er etwa heiratet, wie dies im Falle des Theologen und Priesters Michael Bongardt an der FU Berlin geschah. Solche „Leute“ müssen verschwinden aus den theologischen Fakultäten. Und der Staat spielt dieses unglaubliche Skandal-Spielchen noch mit. Wie lange noch? Jetzt soll ja allen Ernstes in Berlin eine katholisch – theologische Fakultät errichtet werden, eine „Parteihochschule“ mehr, fragen kritische Beobachter, die die Abhängigkeit der theologischen Forschung und Lehre von den Bischöfen kennen. Auch über diese Zusammenhänge spricht kaum jemand, auch nicht in journalistischen Kreisen…

Wie passt ein solches System noch in eine offene, demokratische Gesellschaft. Kardinal Ratzinger hatte einst empfohlen, katholische Theologie solle nur noch an Privathochschulen gelehrt werden und die Theologieprofessoren sollten beim Studium bitte schön knien. Ja, wirklich, sie sollten voller Demut knien. Aber der kritische Verstand kniet nicht.

Für Hans Küng war die Degradierung durch den Vatikan letztlich auch bei allem Schmerz für ihn selbst eine große Beförderung: Er wurde deswegen noch berühmter. Er wurde auch zum Impulsgeber einer kritischen, katholischen Bewegung, etwa der Kirche von unten.

Er hat Mut gemacht, in dieser Kirche um Reformen zu kämpfen, weil er ja selbst diese Kirche nicht verlassen wollte. Diese Empfehlungen, in der Kirche zu bleiben, als Opposition, als “Kirche von unten” etc. hat den Beteiligten viel Energie gekostet, vielleicht sinnlos verbrauchte Lebensenergie: Denn die erwarteten Reformen grundlegender Art sind ja bekanntlich ausgeblieben.  Eher schmückte sich noch die offizielle Kirche mit diesen Grüppchen der Opposition”, um die eigene angeblich Liberalität zu zeigen. Aber “Kirchenreform von unten” hat im römischen System keine Chancen! Das hat wohl auch Hans Küng jetzt auch eingesehen.

Auch Papst Franziskus bleibt bei allen ungewöhnlichen Äußerungen doch immer noch Papst. Er könnte als Papst etwa das verrückte Zölibatsgesetz aufheben, aber er tut es nicht. Er könnte das Unfehlbarkeitsdogma annullieren als Papst, aber er tut es nicht. Er könnte eine synodale Verfassung für die römische Kirche durchsetzen, aber er tut es nicht. So sind also die vielen Durchhalteparolen an so genannte progressive Katholiken, auch von Hans Küng ausgegeben, eher Aufforderungen zur Frustrationsbereitschaft, manche sprechen von Masochismus.  Aber diese Kreise sterben aus. Der Katholizismus in Europa hat die Jugend verloren, die Frauen sowieso und die Homosexuellen auch, die Arbeiter, die Akademiker, die Armgemachten usw. Das klerikale System ist hier personell fast am Ende und wird nur durch klerikale „Flüchtlinge“ aus Indien, Kongo, Nigeria oder Polen noch etwas aufrechterhalten.

Man bräuchte heute einen weiteren Hans Küng, der eine „Theologie am Ende des vatikanischen Katholizismus“ schreibt. Aber der müsste nicht nur ein freier Geist sein jenseits der Hierarchie, der müsste auch Soziologe und Psychologe sein. Solche Leute sind leider nicht in Sicht. Das Getto lebt noch und manche machen es darin bis zum Ende gemütlich! Denn das katholische Getto in Deutschland hat noch sehr viel Geld und sehr viele Immobilien etc..

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Bischof Laun: Segen für Homosexuelle ist wie Segen für KZs.

Ein Freund von Papst Benedikt XVI. dreht durch

Ein Hinweis von Christian Modehn

… Und wieder einmal zeigt sich: Religions/Kirchenkritik ist eine Hauptaufgabe der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie…

Der Segen für katholische Homosexuelle –Paare „ist ein Segen für die Sünde. So, wie man auch kein KZ segnen darf“: Mit diesen Worten hat der seit Oktober 2017 im altersbedingten Ruhestand (also mit 75 Jahren) lebende Weihbischof Andreas Laun von Salzburg sich gegen jegliches Ansinnen gewehrt, Bischöfe, wie Kardinal Marx, könnten in Ausnahmefällen den Segen für homosexuelle Paare zulassen, weitere Details hier lesen.

Dieser Vergleich des Theologen Laun: „Segen für Homosexuelle ist wie Segen für KZs oder Bordelle“ ist ein Riesen – Skandal für die Kirche insgesamt. Laun zeigt, welche Typen in der Hierarchie sitzen! Eine Schande für die römische Kirche, denn Bischof Laun, geboren 1942, hatte zahlreiche hohe Funktionen im Vatikan und in Salzburg (dort für die Arbeitsgruppe Familie !) inne. Er wurde 1995 vom polnischen Papst zum Weihbischof von Salzburg ernannt und war seither über Österreich hinaus tätig in Sachen „Verteidigung der uralten Moral und Dogmatik“. Schon früher hat er mit heftigen Verurteilungen um sich geschlagen, so noch 2017, als er öffentlich betonte, Homosexuelle seien gestörte und kranke Menschen. Gegen die katholische Konfliktberatung für Schwangere hat er polemisiert; er konnte förmlich tun und lassen und sagen, was er in seinem Hass von sich geben wollte: Niemand in der römischen Kirche hat ihn gebremst und abgesetzt und in ein Altersheim versetzt. Auch im deutschen Fernsehen war er Gast bei Talk Shows. Aufgrund dieser infamen Äußerungen werden ihm wieder die Talk-Show-Türen offen stehen?

Zweierlei zeigt sich, typisch, für den geistigen Zustand der römischen Kirche:

1. Solch ein Mann wie Laun kann Jahre lang Bischof sein. Er hatte also Freunde und Unterstützer im klerikalen Milieu bis in den Vatikan.

2. Es ist weiter hoch interessant, dass sich Kardinal Ratzinger als Chef der obersten Glaubenskongregation noch kurz vor seiner Wahl zum Papst 2015 lobend über das reaktionäre Kirchenblatt „Kirche heute“ aus Altötting geäußert hat, dort ist Laun als maßgeblihcer Herausgeber tätig. Darin lobt Kardinal Ratzinger nicht nur einen der Finanziers, Albert Graf von Brandenstein-Zeppelin, der durch ein Buch unter dem aktuellen Titel „Die Stellung der Gottesmutter in der Welt – und Heilsgeschichte“ hervorgetreten ist (ein Buch aus der auch Joseph Ratzinger freundlichen reaktionären Gustav Siewerth – Akademie). Mit dieser Siewerth Akademie war der Theologe Ratzinger auch verbunden, aber das ist ein anderes Thema…

Kardinal Ratzinger lobt also im Januar 2005 dieses Blatt „Kirche heute“ , auch den dort als Herausgeber wirkenden Weihbischof Laun, dessen theologisches Profil Ratzinger zweifellos gut kannte: Der oberste Glaubenswächter sagte also: „KIRCHE heute erhebt zu brennenden und unbequemen Themen die Stimme. Dies gilt etwa für Fragen des Lebensschutzes und der Förderung von Ehe und Familie. Hier hat sich vor allem Weihbischof Dr. Andreas Laun aus Salzburg mit seinen Beiträgen große Verdienste erworben“. Quelle: http://www.kath.net/news/mobile/10634

Bischof Laun war als Lebensschützer auch bei den Pro – Life Demos in Berlin dabei, in freundlicher Gesellschaft mit AFD Leuten! Später hat dann Erzbischof Koch von Berlin den Pro Life Leuten mit einem Grußwort beigestanden. Für weitere Infos zur bischöflichen Leidenschaft fürs UNgeborene Leben, hier klicken.Über die Beziehungen Launs zur FPÖ wäre weiter zu sprechen….

Man sieht also: Das ungeborene Leben ist „absoluter“ Mittelpunkt dieser Theologen, das geborene Leben, etwa der Homosexuellen darf aber nicht eigens gesegnet werden, es ist ja Sünde. Wie kann nur Gott so viel Sünde schaffen auf dieser Welt, dürfte man fragen. Nebenbei: Gesegnet werden von Priestern selbstverständlich Autos,  Handys, Pferde und allerhand Getier. Selbstverständlich macht man das! Tiergottesgottesdienste füllen die Kirchen…Der Hamburger Erzbischof hat vor kurzem das Walross Raissa im Zoo gesegtnet.

Später hat dann Bischof Laun Papst Benedikt – wie einen Freund – verteidigt, als Benedikt XVI. sich in Regensburg (am 12.9.2006) inhaltlich und formal völlig vergriffen hatte in der Einschätzung (Verurteilung) des Islams. Der ORF berichtete von der sturen, man möchte sagen auch dort schon offensichtlichen verkalkten Denkhaltung Launs:

„Bischof Laun zu Papstrede in Regensburg über bzw. gegen Muslime:
Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun reagiert auf den jüngsten Konflikt mit einer Maßregelung des Islam. Dieser müsse als Dialogpartner “noch lernen, ruhig und sachlich zu reagieren und genau hinzuhören”, so Laun im Interview mit der Zeitung “Österreich” (Sonntag-Ausgabe). Die Reaktionen aus der islamischen Welt nach den Äußerungen des Papstes sind für Laun “unangemessen”. Er verstehe nicht, warum “der Islam mit Aggression auf einen interessanten Vortrag antwortet”. “In Kenntnis der Geschichte” seien die nunmehrigen “Behauptungen” der Muslime “merkwürdig”. Man müsse auch über manche Stellen im Koran diskutieren dürfen, so Laun. Und weiter: “Den Kreuzzügen vorausgegangen ist eine gewaltige militärische Expansion des Islam auf Kosten der Christenheit. In diesem Sinne waren die Kreuzzüge eine Reaktion und nicht ein Willkürakt.” Quelle ORF .

Der Skandal ist: Es wird deutlich und freigelegt, welche Männer die römische Kirche prägen. Es ist dieser unkontrollierte Klerikalismus, der die römische Kirche kaputt gemacht hat und kaputt macht. Es gab Proteste gegen Bischof Laun, aber es waren mutige Laien, auf die der Klerus selbstverständlich nicht hört. Das ist der Zustand der römischen Kirchen 2018! Ein Skandal folgt dem nächsten. Aber der Klerikalismus (also auch die Abwehr von Demokratie in dieser Kirche) ist und bleibt oberste, unverzichtbare Herrschaftsform.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Was tun? Ein philosophischer Salon über den Mut, diese schwierige Tugend.

Der nächste religionsphilosophische Salon findet am Freitag, den 15. September 2017 um 19 Uhr in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin-Wimersdorf statt.

Angesichts der allgemein erfahrenen Hilflosigkeit gerade auf dem politischem Feld stellt sich die Frage: Was können wir (noch) tun? Diese Frage wird zu einer Reflexion über die schwierige (politische) Tugend, den MUT. Wir werden uns austauschen und dabei u.a. die Bücher “Was tun ?” des französischen Philosophen Jean Luc Nancy im Hintergrund  mit bedenken (das Buch erschien im Diaphanes Verlag) und der deutschen Philosophin Hilal Sezgim “Nichtstun ist keine Lösung” (Dumont Verlag). Es geht also um mehr Klarheit zu dem Thema: Was tun wir notgedrungen immer schon? Was können wir in unserem gemeinsamen Tun so verändern, dass noch (politische) Verbesserungen in der allgemeinen Misere möglich sind. Aber was wären die Maßstäbe für ein neues, besseres gemeinsames Tun? Und warum tun wir in der Hinsicht so wenig gemeinsam? Fehlt uns der Mut? Es ist so gar ein Zeichen für die gelebte Tugend Mut, in dem Zusammenhang auch über (eigene, gemeinsame) Faulheit, Trägheit, Ausreden, Resignation nachzudenken?  Lassen wir es zu, dass uns die “miesen Verhältnisse” unsere Lebendigkeit abtöten?

Herzliche Einladung. Für die Raummiete bitte ich um einen Beitrag von 5 Euro.

Anmeldundungen sind erwünscht an: christian.modehn@berlin.de

Wer ist mit-schuldig am Tod des Menschenrechtlers und Erzbischofs Oscar Romero, El Salvador?

HINWEISE ZUM 100. Geburtstag von Erzbischof Romero am 15. August.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin unterstützt die Menschenrechte, sie sind ein Resultat der Aufklärung. Diese Unterstützung ist nicht nur theoretisch, sondern wir haben praktisches Interesse an allen, die für Menschenrechte eintreten, gerade dort, wo es lebensgefährlich ist. Der katholische Bischof Oscar Romero aus dem zentralamerikanischen Staat El Salvador ist ein vorbildlicher Kämpfer für die politische (und kirchliche !) Geltung der Menschenrechte in seiner Heimat und darüber hinaus in Lateinamerika. Warum ist er vorbildlich? Weil er sich, eigentlich konservativ von Herkunft und Ausbildung in der klassischen, abstrakten Theologie, im Alter dann doch durch das erschreckende Leiden der (von den Reichen im Land selbst und in den USA)  arm gemachten Menschen, vor allem der Indigenas, verändern ließ: Hin zur Identifizierung mit diesen Menschen. Oscar Arnulfo Romero wurde am 24. März 1980 in der Hauptstadt San Salvador im Auftrag von sich katholisch nennenden reaktionären Politikern erschossen, am Altar erschossen, während einer Messe. Am 15. August 1917, vor 100 Jahren wurde er geboren. Gegen alle Widerstände reaktionärer Machthaber im Vatikan hatte sich Papst Franziskus durchgesetzt und Romero (endlich sagen Lateinamerikaner) selig gesprochen. Also ist er nun offiziell “ein zu Verehrender”, ein heiliges Vorbild. Nun könnten eigentlich katholische Kirchen nach Oscar Romero benannt werden! Kennt jemand in Europa eine katholische Oscar Romero Kirche? Sie gibt es wohl nicht, weil Romero eben de facto ein linker Theologe war. Solche Zusammenhänge werden in Deutschland verschwiegen, etwa in den offiziellen katholischen Erinnerungsnotizen zum 15. August, Romeros Geburtstag. Genauso wird wohl verschwiegen, wer denn alles unter den machtvollen Prälaten und Kardinälen und Opus Dei Mitgliedern Interesse daran hatte, dass Erzbischof Romero nicht mehr allzu lebhaft und lebendig politische Kritik übt, um es einmal moderat zu formulieren. Es gibt also durchaus die These, dass es katholische und einflußreiche Mitschuldige gibt an der Ermordung Oscar Romeros. Das alles wird kaum untersucht in einer Theologie, die von den Kirchenoberen abhängig ist. Ich habe darauf schon im Mai 2015 , anläßlich der Seligsprechung, auf diese direkte oder indirekte Mittäterschaft hingewiesen, diese Hinweise fanden keinen Widerspruch, so dass meine These wohl stimmt. Und so publiziere ich diese Hinweise erneut und hoffe auf ein breites Interesse und auf ein kritisches “Eingedenken”, wie Walter Benjamin sagen würde.

copyright: Christian Modehn

„Die Katholische Kirche ist gespalten“: Aktuelle Analysen aus dem Vatikan und den USA

Hinweise von Christian Modehn am 21. 7. 2017

Heutige Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie bezieht sich als Nachdenken über Religionen und weltanschauliche Ideologien, also auch auf den „atheistischen Glauben“, immer auch, als ein Thema neben anderen !,  auf die faktisch bestehenden Religionen und beobachtet kritisch deren Entwicklung. Ein Hinweis zur Kirchenspaltung in der römischen Kirche.

Die neusten Studien zu der de facto bestehenden Spaltung der römischen Kirche heute kommen Weiterlesen ⇘

Neues zur Erbsünde: Muss der christliche Glaube Angst machen?

Einige weiter führende Thesen von Christian Modehn am 20.7. 2017

Meinen zuerst veröffentlichten Beitrag, in der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, Heft 11/2017, lesen Sie hier mit einem weiteren Thesenpapier, das aus einer Diskussion hervor gegangen ist. Dass selbst Mitglieder des Augustinerordens heute wenigstens leise, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre äußern, lesen Sie bitte am Ende dieses Beitrags! Und sogar der treu-katholische Theologe und Historiker der frühen Kirche und der so genannten Kirchenväter, Pater Joseph Barbel, kritisiert den “kaum begreiflichen Eifer Augustins zur Widerlegung seines theologischen, die Freiheit verteidigenden Gegners, des Bischofs Julian von Eclanum”. Auch dazu mehr, siehe am Ende dieses Beitrags.

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der christlichen Erbsünden-Lehre geht weiter, das zeigen die vielen Weiterlesen ⇘

Kardinal Meisner gestorben: Ein Kirchenfürst ist tot!

Einige wenige Hinweise von Christian Modehn am 5. Juli 2017

Zum Tod eines Kirchenfürsten passt sehr gut ein lateinisches Zitat: „De mortuis nil nisi bene“ (Über Verstorbene darf nur gut gesprochen werden).

Aber bei diesem verstorbenen Kardinal Joachim Meisner kann dieser Grundsatz nicht gelten, wenn denn auch nur im Ansatz historische Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit eine Geltung haben sollen in einer demokratischen Öffentlichkeit.

Meisner war – milde gesagt – ein Kirchenfürst, der Weiterlesen ⇘

Gegen die Erbsünde. Der Beitrag von Christian Modehn in PUBLIK FORUM

Ohne Erbsünde glauben! Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte.

Von Christian Modehn Juni 2017, PUBLIK FORUM.

Papst Benedikt XVI. nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er am 20. April 2007 die Lehre vom »Limbus puerorum« abschaffte. Diese Lehre, die ein heutiger Christ kaum kennt, geschweige denn nachvollziehen kann, reicht zurück bis in die Anfänge Weiterlesen ⇘

Krzysztof Charamsa, Theologe und Kaplan seiner Heiligkeit, legt das schwule Leben im Vatikan etwas frei

Krzysztof Charamsa, Priester und führender Mitarbeiter in der vatikanischen Glaubenskongregation, über Leben, Lieben und Lust der Glaubenswächter.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3. 5. 2017

Der italienische Untertitel des jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buches von Krzysztof Charamsa „Der erste Stein“ ist noch treffender: „Ich, ein schwuler Priester, und meine Rebellion gegen die Scheinheiligkeit (Heuchelei) der Kirche“. Das Buch ist tatsächlich Ausdruck einer Rebellion, des Aufstandes, der Erhebung, der Revolte. Ob diese tatsächlich ausgelöst wird, hängt auch davon ab, wie viele Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe dieses Buch lesen und daraus Konsequen ziehen. Vielleicht sollten die Verlage dieses Buch jedem Bischof als Geschenk zu Pfingsten zusenden…

Auf Deutsch ist der Untertitel eher zurückhaltend „Der erste Stein“. Mit dem Untertitel „Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche“. Das Buch ist Ende April 2017 bei C. Bertelmann erschienen.

Es ist auch für die Interessenten des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons wichtig, weil Religionskritik ein ständiges Thema bleibt. Das Buch ist keineswegs eine bloß aufgeregte, Neugier weckende „Skandalstory“. Es bietet vielmehr die Möglichkeit, durch die Erkenntnisse eines Insiders hinter die (tatsächlich auch im materiellen Sinne vorhandenen) Festungsmauern des Vatikans zu blicken.

Dieses Buch ist ein Dokument, das diese Mauern zwar nicht einreißen wird, aber doch etwas ins Wanken bringen könnte. Es ist wichtig für alle, die die innere Verfasstheit der klerikalen Mitarbeiter an der Spitze der römischen Kirche, also in der Glaubensbehörde, verstehen wollen. Mindestens jeder zweite Priester ist homosexuell, so betont das Buch, aber kaum einer lebt das offen, verzichtet also auf seine persönliche Identität. Das gilt auch für die Kirchenzentrale. Sie wird von Männern geführt, die „scheinheilig“ sind, wie der Buchtitel sagt. Das gerade im Jahr des Reformationsgedenkens 2017 freizulegen, als seit 1517 durch den Mönch Martin Luther die Welt des zölibatären Klerus wenigstens für die evangelischen Kirchen abgeschafft wurde, ist von besonderem Reiz. Das Buch zeigt einmal mehr die jetzt auch wieder allgemeine Erkenntnis, wie wenig sich das System und die Lehren der römischen Kirche tatsächlich durch Luther, auch nur entfernt, „berühren“ oder gar verändern lassen. Alles katholische Rede von ökumenischen Fortschritten heute ist angesichts dieser Dokumente doch sehr marginal

In jedem Fall: Das Buch von Krzysztof Charamsa ist ein durchaus historisch zu nennendes Dokument. Wer einen Vergleich will: Es ist so, als würde eines der führenden Mitglieder an der Spitze einer Parteizentrale das innere Leben, etwa die Korruption und die Verlogenheit dieser Parteizentrale freilegen. Das passiert weltweit selten, weil die Karriere wichtiger ist als das Zeugnis der Wahrheit.

Krzysztof Charamsa jedenfalls hat auf seine glänzende Karriere in der römischen Glaubensbehörde verzichtet. Immerhin hatte er den Ehrentitel Monsignore erhalten und durfte sich als „Kaplan seiner Heiligkeit“ ansprechen lassen.

Das Buch zeigt, dass im Reich des Papstes Scheinheiligkeit stärker ist als die nach außen hin gezeigte Heiligkeit.

Charamsas im engeren Sinne historisch-theologischen Publikationen in italienischer Sprache von 2002 bis 2014 sind eher von einem traditionellen theologischen Konzept, etwa den Interpretationen des mittelalterlichen Thomas von Aquin, geprägt. Er ist als Konservativer, vom Katholizismus Begeisterter, zum Rebellen geworden. Es gab den Bruch, das Nicht mehr Aushalten können der ständigen Verlogenheit, das ihn zum radikalen Abstandnehmen vom System führte: Krzysztof Charamsa hat sich in aller Öffentlichkeit am 3. Oktober 2015 in Rom als schwuler Priester, als Monsignore, als Theologiedozent und führender Mitarbeiter in der Glaubensbehörde, deren Chef der Deutsche Kardinal Müller ist, geoutet und sich zu seinem Partner bekannt. Selbstverständlich wurde er danach von dem zuständigen polnischen Bischof aller seiner Ämter entbunden und als Priester suspendiert, d.h. er darf in der Sicht Roms keine priesterlichen Funktionen mehr ausüben.

Das Buch bietet viele Erkenntnisse zum Zustand der katholischen Kirche, diese Erekenntnisse können hier natürlich nicht in der gebotenen Ausführlichkeit besprochen werden. chließlich soll eine Buchkritik nicht die Lektüre ersetzen, dass die Lektüre empfohlen wird, ist klar.

Es bietet eine Biographie des aus Polen stammenden Autors.

Es berichtet über den Zustand der katholischen Kirche in Polen nach der Wende, über die maßlose hysterische Verehrung des polnischen Papstes, den Kult um seine Denkmäler usw. „Der polnische Klerus besteht aus ideologischen Manipulatoren“ (Seite 53).

Interessant und kaum zu glauben ist der Zustand der offenbar miserable Zustand der Priesterseminare in Polen, nicht nur das schlechte Essen, vor allem das schlimme Niveau der dort gelehrten bzw. eingepaukten Theologie. “Die theologischen Hochschulen, Priesterseminare also, sind große Kasernen , „in denen die Rekruten eines Heeres gedrillt wurden, das im Dienst einer restriktiven Ideologie stand“ (S. 72). Nebenbei: Diese Priester werden nach ganz Europa geschickt, um den im Westen aussterbenden Klerus zu ersetzen…

Überhaupt die Theologie, das wäre ein eigenes Thema: Man erlebt einmal mehr, dass diese dort in den Seminaren Kirchen- Lehre offenbar nur mit Mühe noch Wissenschaft zu nennen ist.

Das Buch zeigt, wie die vielen homosexuellen Priester im Vatikan sich permanent selbst verleugnen und sogar zu expliziten Feinden der Schwulen werden, bloß um nicht aufzufallen und korrekt zu erscheinen. Diese Freilegung des Lügen-Systems, in das der einzelne homosexuelle Priester und Theologe gezwungen wird, ist wohl psychologisch und religionsphilosophisch am bedenklichsten. Theologen, die sich selbst ständig belügen und keine (sexuelle) Identität haben dürfen, kontrollieren als Mitarbeiter der Glaubensbehörde jene Theologen, denen man vorwirft, gegenüber dem Lehramt zu lügen, Irrlehren zu verbreiten. Lügner kontrollieren also so genannte Lügner. Denn die angeblichen „Ketzer“ sind ja nur solche, die kreativ die Theologie etwas voranbringen wollen. Und dann verfolgt werden.

In dem Buch nennt der Autor seine Behörde, die Glaubenskongregation oft „Inquisitionsbehörde“.

Über Papst Franziskus wird oft voller Zustimmung gesprochen. Nur glaubt der Autor nicht, dass der Papst sich gegen die Macht des vatikanischen Apparates durchsetzen kann. Er berichtet, dass bei einem Kongress über die Ehe (gemeint war der Kamf gegen die Homoehe) der Papst sogar eine Rede abgelesen hat, die die konservativen Veranstalter ihm „aufgesetzt hatten“ (S. 175).

Insgesamt zeigt das Buch lang und breit, dass die Mitarbeiter der Glaubenskongregation permanent und ständig vom Thema Homosexualität wie getrieben sind, als gäbe es nichts anderes in dieser Kirche und dieser Welt. In dieser Fixiertheit zeigt sich einmal das narzisstische Verhalten dieser Kleriker. Sie kennen nur sich und die Verleugnung ihrer Identität, um Karriere zu machen, vielleicht einmal Bischof zu werden etc…

Bitter böse ist etwa ein Text, wie ein Gebet, von Krzysztof Charamsa formuliert auf Seite 177: „Gott, segne den Papst und seine Kirche. Aber Gott, halte sie fern von uns. Seine Leute (also der Klerus) können der Menschheit nicht länger den rechten Weg weisen….

An anderer Stelle ein ähnlicher Gedanke: „Das starre System der Kirche muss zerstört werden, damit sie wieder zu einer Kirche der Menschen werden kann, wie ich einer bin“ (S. 280).

Mein Coming out habe ich „der Kirche mit aller Macht ins Gesicht geschrieen“ (280). Mit diesem Buch will Krzysztof Charamsa „nur einen ersten Stein legen, einen Grundstein zu einem Leben in Freiheit“ (259). Zusammenfassend: Charamsa hat „ das Reich der Lüge hinter sich gelassen“ (Seite 281)

Fragen zum Buch:

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass Krzysztof Charamsa erklärt, warum er das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. das „schwulste Pontifikat der Neuzeit“ (S. 165) nennt, sicher weil der deutsche Papst die alten hübschen Gewänder und roten Schuhchen wieder aus der Mottenkiste hervorholte und den Pomp liebte. Sicher auch, dass seine Texte gegen Homosexuelle vor Menschenrechts-Gerichten hätten verhandelt werden müssen. Aber warum mag Charamsa diesen Papst? Warum sagt er kein Wort zu den nun einmal überall kursierenden Erzählungen, von Zeugen belegt, Ratzinger sei selbst „betroffen“, also schwul. Das ist überhaupt nicht schlimm. Schlimm ist die Verleugnung dieser Identität, die zur Verfolgung derer führt, die eben nicht so verklemmt sind wie man selbst!

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass ausführlicher auf seine Tätigkeit als Dozent in der Universität des Ordens Legionäre Christi in Rom eingeht. Eine Seite zu dem Thema ist zu wenig über diesen immer noch einflussreichen Orden, der jetzt überlebt, ohne seinen Gründer auch nur nennen zu dürfen, nämlich den pädophilen Verbrecher Pater Marcial Maciel. Ein Orden, der förmlich vor Geld stinkt, wie mexikanische Journalisten dokumentieren. Es ist für die Unabhängkeit der Wissenschaft eigentlich ein Skandal, wenn Leute aus der Glaubensbehörde auch noch als Theologiedozenten in der Uni der genannten Legionäre Christi wie auch der Jesuiten-Universität Gregoriana tätig sind. was ist das für ein Niveau? Offenbar findet man diesen Niedergang freier wissenschaftlicher Forschung in Rom normal. Wie wäre es also, dem vatikanischen Vorbild folgend, wenn Beamte des BND Vorlesungen zur Sicherheitspolitik an der Uni halten? Oder der Innenminister als Professor einer Uni die innere Ordnung Deutschlands lehren würde…

Interessant wäre es, wenn man erfahren könnte, wie viel der so gefragte Theologe und Prälat Charamsa als ein hoher Funktionär in der Glaubensbehörde monatlich verdient hat. Woher kommt das Geld für alle diese klerikalen Diener des Systems? Denn die privaten Reisen, von denen die Rede ist, sind ja selbst mit Billigfliegern nicht ganz gratis. Und wie und wo wohnte er als Kaplan seiner Heiligkeit? Vielleicht Seite an Seite mit Kardinal Müller? Da kann man doch Klartext reden!

Dass der Autor keine Namen der offenbar scharenweise homosexuellen Priester in der Glaubenskongregation ist ein bisschen verständlich, man will sich kostspielige Prozesse ersparen. Aber einige Namen betroffener Prälaten usw. sind ja auf anderem Wege doch schon in die Öffentlichkeit gelangt. Warum diese enorme Angst?

Merkwürdig kurz fällt auch der Hinweis auf das reaktionäre polnisch-katholische Rundfunk/Fernsehimperium MARYJA aus. Mich würde interessieren, warum scheitern alle Versuche, den Gründer dieser Propaganda-Maschine, Pater Rydzyk vom Redemptoristenorden, aus dem Verkehr zu ziehen?

Auch über die theologische Fakultät in Lugano (Schweiz) hätte man gern mehr erfahren, an der Krzysztof Charamsa einige Jahre studierte. Diese Fakultät gilt als Zentrum sehr konservativer religiöser Gemeinschaften, wie dem Neokatechumenat. Auch Professoren dieser Lehranstalt, wie Manfred Hauke, er war Assistent bei dem Traditionalisten Prof. Ziegenaus in Augsburg, gehören dem sehr konservativen Flügel an.

Trotz dieser offenen und natürlich vom Autor gewünschten kritischen Fragen (das ist ja demokratische Kultur) ist das Buch durchaus ein historisches Dokument. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte gibt es ein „coming out“ eines prominenten „Kaplans seiner Heiligkeit“. Die traurige Geschichte der Homosexuellen, über die wir so wenig wissen, weil alle Zeugnisse immer vernichtet wurden, bekommt durch das Buch eine neue, durchaus befreiende Bedeutung.

Wird der Apparat der Kirche so dumm sein, und dieses Buch übersehen? Ignorieren? Polemisch belächeln? Schon möglich. Die Macht des Apparates ist leider immer noch gewaltig und gewalttätig. Wie viele Menschen, wie viele Homosexuelle, sind durch die perversen Verurteilungen aus Rom in ihrem Leben irritiert und zerstört worden? Wer spricht von den vielen Opfern? Wann finden Bußgottesdienste der (selbst schwulen) Kardinäle in Rom statt, in denen sie sich heftig entschuldigen, für alles Leid, das sie und ihre Vorgänger homosexuellen Menschen angetan haben und antun. Die Festpredigt sollte dann der Priester Krzysztof Charamsa halten. All das wird in diesem Jahrhundert nicht mehr passieren. Die Mauern des Vatikans sind “ewig”, und die Insassen dieses geistigen (leiblichen) Gefängnisses sind noch stolz auf diese „Ewigkeit“…

Copyright: Christian Modehn . Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Benedikt der Sechszehnte wird neunzig: Der konservative „EX-Papst“ im Hintergrund.

Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., wird am 16. April 2017 90 Jahre alt

Hinweise von Christian Modehn

Der Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (München), der Jesuiten Theologe Andreas Batlogg, hat nach dem Erscheinen des Interviewbuches mit Joseph Ratzinger (Ex-Papst Benedikt XVI.) recht mutig im Deutschlandfunk (9.9.2016) gesagt: Das neue gemeinsame Buch mit Peter Seewald „Letzte Gespräche“ (erschienen im September 2016) „dürfte es eigentlich nicht geben“. Es sei stillos, wenn Ratzinger den gegenwärtigen wirklichen und wirkenden Papst Franziskus „in diesem Buch kommentiere“. So werde der Eindruck geweckt, Joseph Ratzinger sei doch noch irgendwie als Papst tätig… Dabei hatte er versprochen, nach seiner Abdankung (am 28.2.2013) zu schweigen. Aber wer einige Meter vom tatsächlichen Papst entfernt wohnt und nicht etwa im bayerischen „Gnaden“-Ort Altötting, der beobachtet alles, hört alles und redet auch mal wieder, um seine bekannten, mindestens sehr konservativ zu nennenden theologischen Meinungen zu verbreiten.

Pater Batlogg sagte in der Ra­dio­sen­dung: „Ich denke Benedikt ist sich treu geblieben. Er ist sich treu geblieben, ich bin da (in dem Buch, CM) Feindbildern und Klischees begegnet, die ich aus den 70er Jahren kenne… Ich merke, da hat er Feindbilder, die er über Jahrzehnte behalten hat, und jetzt, wo er wieder viel fitter ist als bei seinem Rücktritt im Februar 2013, da kommen diese Dinge wieder. Ich denke er schadet sich damit selbst“.

Wohl wahr… Aber diese Worte des EX – Papstes helfen auch all den vielen Prälaten, Kardinälen und reaktionären “neuen” geistlichen Gemeinschaften usw., die ihm, dem Benedikt, verbunden sind und förmlich darauf warten, dass der „alte Geist, der Ratzinger- Geist“, wieder herrscht. Solches freut doch den munteren Ex-Papst. Noch nie wurde wohl von Konservativen bzw. reaktionären Katholiken das Verschwinden eines Papstes so ersehnt wie das Ende von Papst Franziskus. Es gibt bekanntlich Bücher katholischer Journalisten, die den Hass auf Papst Franziskus dokumentieren, wie etwa „Les ennemis du Pape“ (Bayard Presse, Paris, 2016. „Die Feinde des Papstes”. Mit dem tatsächlichen Untertitel: “Über jene, die seinen Tod wollen“; Autor ist der sehr katholische Journalist Nello Scavo. Es werden bald Studien erscheinen, warum wohl Papst Franziskus bei Begegnungen mit ihm Wohlgesinnten immer wieder diese förmlich anflehte: “Betet für mich“. Diese permanente Häufung von Gebets-Wünschen lässt auch Böses ahnen…

Nun wird Joseph Ratzinger am 16. April 2017 90 Jahre alt. Uns interessiert nicht so sehr, ob irgendwelche lieben Domspatzen oder Altöttinger Liebfrauen-Brüder ihn beehren werden und bayerische Schweine-Schmankerl mitbringen.

Wir entsprechen nur den Nachfragen einiger LeserInnen dieser Website: Sie baten darum, noch einmal einige zentrale Texte aus unseren Forschungen zu Ratzinger zugänglich zu machen. Dabei ist für mich keine Vollständigkeit erreichbar. Etwa die Themen “Unterdrückung der Kenntnis und der Bestrafung sexueller Täter in der Zeit von Ratzingers Tätigkeit als oberster Glaubenschef in Rom” werden nicht erwähnt, das haben andere schon getan. Im Rahmen unserer Forschungen zu dem entsprechend belasteten Orden der „Legionäre Christi“ wurde hingegen oft von Ratzinger/Benedikt XVI. gesprochen.

Tatsache ist und die ist wichtig für die Geschichte der katholischen Religion: Unter Benedikt XVI. wurde die traditionelle Kirche, ganz auf den zölibatären Klerus fixiert, weiter gestärkt. Mit all den katastrophalen Folgen durch Priestermangel in den europäischen und nordamerikanischen Gemeinden. Tatsache ist weiter, dass dieser Papst die evangelischen Kirchen nie als Kirchen anerkannt hat. Hingegen schwadronierte Benedikt XVI. von einer Versöhnung mit den, Verzeihung, theologisch weithin verkalkten und oft korrupten orthodoxen Staatskirchen. Wer will mit Putin-Patriarchen und Bischöfen schon „eins“ werden und im uralten, dort üblichen Kirchenslawisch Gesänge schmettern?

Es werden hier also nur einige Beispiele, seit 1968, und einige Grundhaltungen des Theologen Ratzinger aufgezeigt, die er als Papst nicht aufgeben wollte und konnte. Ratzinger hatte ja bekanntlich seine private Theologie als DIE Theologie des Katholizismus vertreten und mit Gewalt verteidigt und durchgesetzt. Ihn inspirierte völlig der Kirchenvater Augustinus (gestorben 430) und eben nicht Karl Rahner oder Hans Küng.

Zu einem längeren biographischen Hinweis zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers seit 1968 klicken Sie hier.

Zum Widerspruch Benedikts gegen Formen des so genannten Relativismus klicken Sie hier.

Zu seiner Ehelehre und der Zurückweisung jeglicher Homo-Ehe klicken Sie hier.

Zu dem merkwürdigen Phänomen der ins Idolatrie abgleitenden Papsthymnen bei seinem Besuch in Mexiko klicken Sie hier.

Die Versöhnung mit den reaktionären Pius-Brüdern (gegründet von Erzbischof Marcel Lefèbvre) ist sicher eine der schwer wiegendsten Entscheidungen Benedikt XVI., sie zeigt wohl auch seine versteckten und unausgesprochenen Sympathien für diese angeblich so treu ergebenen katholischen Kreise… Über die so gütigen, verständnisvollen Bemühungen Ratzingers/Benedikt XVI., mit diesen auch politisch reaktionären, oft dem FN nahe stehenden traditionalistischen Kreisen (in Frankreich) zu einer Versöhnung zu kommen, wird in dem Bericht zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers gesprochen. Besonders die Affäre um den FN –Freund Abt Calvet von Le Barroux ist unvergessen: Dieses traditionalistische Benediktinerkloster versöhnte sich mit dem Papst, durfte aber die eigene reaktionäre Theologie und Politik ungebrochen fortsetzen. Calvet war ein Freund des Pétain Anhängers und Nazis Paul Touvier….Der Abt zeigte sich verständnisvoll für die Brandstifter, die das Kino “St. Michel” in Paris 1988 anzündeten, als dort der Scorsese Film „La dernière tentation de Jésus“ gezeigt wurde. Die Brandstifter machten übrigens ihre Exerzitien in seinem Kloster. Diese Versöhnung mit Le Barroux und weiteren reaktionären Klöstern ist eine der ganz dunklen Seiten in der Theologie und Kirchenpolitik Ratzingers. Über sie wird kaum noch gesprochen. Die Versöhnung mit dem Papst wurde im Kloster “Le Barroux” übrigens groß gefeiert, Kardinal Mayer OSB reiste aus Rom eigens an und feierte die Messe mit vielen rechtsextremen Frommen, wie etwa Bernard Anthony vom FN und dem Chefredakteur der FN Zeitung „Présent“ Jean Madiran. Ratzinger jedenfalls meinte unschuldig und nach außen naiv: „Die traditionalistische Messe auf Latein (d.h. der Priester spricht still seine Texte vor sich hin, mit dem Rücken zum schweigenden, bzw. den Rosenkranz betenden Volk,CM) ist ein Bollwerk für den Glauben“ (Viele Details sind nachzulesen in der wichtigen Studie „Des Intégristes très intégrés“ in: Les Dossiers du Canard, “Les Cathocrates”, Paris 1990, Seite 20 f.).

Zu Abt Dom Gérard einige Hinweise sogar auf Englisch vom Kloster selbst: https://www.barroux.org/en/nos-fondateurs-articles/dom-gerard-en.html

Ein eigenes Thema wäre: Wie betreibt Papst Franziskus die weitere Versöhnung mit den Pius-Brüdern? Manche kundigen Beobachter sagen: Die Versöhnung steht bevor. Warum wohl? Weil diese Piusbrüder eben viele junge Priester haben. Die sind ja absoluter Mittelpunkt im katholischen Denken! „Der Klerus muss herrschen“. Das ist die selten besprochene, aber tatsächlich wichtigste Botschaft des Vatikans im Reformationsgedenken 2017.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Der Papst. Zu einem neuen Buch von Kardinal Gerhard Müller, Rom.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16. Februar 2017

Eine erste Beobachtung:

Die Widmung Müllers gleich zu Beginn zeigt bereits die Richtung des auf über 600 Seiten ausgebreiteten Inhalts: Auf Latein geschrieben, wie es sich wohl für den obersten Glaubenswächter in Rom gehört, sagen schon die ersten beiden Zeilen sehr viel, von Chr. Modehn übersetzt:  „Der heiligen römischen Kirche, der Mutter und der Lehrmeisterin aller Kirchen…. widmet der Autor dieses Buch“.

Die römische Kirche als Lehrmeisterin aller Kirchen … und der Papst dann als oberste Lehrer aller, dieses Worte, 2017 ausgesprochen, sind doch verstörend. Diese Behauptung ist eine schlechte Empfehlung für alle weiteren ökumenischen Bemühungen im Lutherjahr 2017: Rom als die „Mutter aller Kirchen“ muss doch von allen (auch abtrünnigen Söhnen) geliebt werden. Zurück zur Mutter-Brust könnte man denken… Der Kardinal in seinem Vatikan-Palast sieht „bislang unüberbrückbare dogmatische Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten“ (S. 489), nämlich im Blick auf das Weihesakrament! Diese Gegensätze sehen viele Katholiken an der Basis sicher nicht mehr. Sie wollen darum endlich gemeinsam Abendmahl feiern mit Protestanten, siehe etwa das aktuelle und richtige Statement von Pater Klaus Mertes SJ, klicken Sie hier. Aber der hohe Herr im vatikanischen Palast insistiert auf der dogmatischen Überlegenheit des Katholizismus, also bestehen die unversöhnten Gegensätze fort.

Wie sich katholischer Glaube zusammensetzt, dürfte auch für Protestanten interessant sein, Müller sagt: „Er ergibt sich aus der Heiligen Schrift, dem Glaubensbekenntnis, den Katechismen, den bisherigen Lehrentscheidungen der Kirche“ (S. 332). Für die Freunde der „liberalen wissenschaftlichen Theologie“ also der Hinweis meinerseits: Von Vernunft als Quelle eines humanen Glaubens ist da keine Rede… Aber wichtig ist der folgende Satz von Müller, der alle Korrektur, alle Zurücknahme früherer, jetzt aber im Denken vieler doch heute überholter Lehren betrifft: „Die schon entschiedenen Glaubensfragen können auch nicht mit dem Vorwand ihrer Weiterentwicklung ins Gegenteil verkehrt werden“ (332). So etwas nennt man wohl einen steinernen, leblosen Dogmatismus, dem jegliche Lebendigkeit und Wandelbarkeit durch das gelebte (religiöse) Leben und Erkennen abgeht. Warum? Um die eigene Macht- und Privilegien-Position unbedingt zu halten…

Eine zweite Beobachtung:

Dieses umfangreiche Opus des Kardinals erscheint gleichzeitig mit einem Buch, das ein Mann verfasst hat, der Jahre lang als Junge von einem Kapuzinerpater in der Schweiz missbraucht wurde: Daniel Pittet ist der Name des Opfers. Der Priester, der immer wieder vergewaltigte und dann von einem Kloster zum anderen versetzt wurde, heißt Joel Allaz, er lebt in einem Kloster in der Schweiz. Für dieses Buch von Daniel Pittet, voller schlimmster Erinnerungen, hat Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben! Das passiert ja nicht alle Tage: der Papst als Autor eines Vorwortes. Der Titel de Buches: Mon Père, je vous pardonne (éditions Philippe Rey). Für Müllers Werk über den Papst hingegen hat Papst Franziskus nichts geschrieben.

Eine dritte Beobachtung:

Kardinal Müller schildert auf 90 Seiten gleich zu Beginn seine glanzvolle Karriere voller tiefer Gläubigkeit im „Dienst“ „der“ Kirche. In diesem biographischen Teil lobt der Kardinal Papst Benedikt XVI. in den höchsten Tönen, er konnte „auf eine bewundernswerte Kenntnis der Theologie- und Dogmengeschichte zurückgreifen“ (S. 95 usw.)…Das theologisch und exegetisch völlig veraltete und überholte dreibändige Werk Ratzingers über Jesus von Nazareth lobt Müller selbstverständlich: Beide, Ratzinger und Müller, sind von demselben Geist: Sie verstehen die Aussagen des Neuen Testaments im Grunde wortwörtlich, die sie zur Verteidigung ihrer eigenen Position brauchen: Also: Jesus hat den armen Fischer Petrus als ersten Papst gewollt und bestellt. Jesus von Nazareth wollte eine Kirche gründen, die katholische Kirche, natürlich: Solche bibelwissenschaftlichen Behauptungen kann heute kein Theologiestudent mehr in einem Exegese-Seminar vertreten. Eminenz Müller tut es. Da wird eine fundamentalistische Bibeldeutung betrieben, passt dies zu einem einstigen Theologieprofessor (in München)? Soll man über den Satz Müller lachen oder weinen? Wenn er sagt: Jesus habe also den Apostel Simon (Petrus) zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche aufbauen will: „Damit ist Jesus selbst der Urheber der Verfassung der Kirche“. Fehlt bloß noch, dass sich Jesus von Nazareth irgendwann bei einem Spaziergang durch Palästina, schon die Glaubenskongregation in Rom, einstmals das grausame Heilige Offizium und die Inquisitionsbehörde wünschte…Interessant wäre es, wenn der Satz aus dem Matthäus-Evangelium (23,8) mit der gleichen fundamentalistischen Energie im Vatikan interpretiert und vor allem gelebt würde, der Satz aus dem Munde Jesu an seine Jünger heißt: “Nennt euch nicht Meister”. Also, Ihr seid keine Meister, keine obersten Lehrer, keine Direktoren eines heiligen Offiziums…

Eine vierte Beobachtung:

Während die Lobeshymnen auf Ratzinger recht lang ausfallen in der Biographie Müllers, sind die Worte zu Papst Franziskus eher karg. Und ich weiß nicht, ob Müller sich des Lobes, der Ironie oder des Zynismus bedient, wenn er die wenigen Zeilen im Kapitel “Meine Lebensgeschichte” zu Papst Franziskus wiederum auf Latein mit der Überschrift versieht: “Feliciter regnans“, also „glücklich“ bzw. auch „mit Erfolg regierend“. Man muss nur die Weihnachtsansprachen von Papst Franziskus vor der Kurie in Rom lesen, um zu sehen: Dieser Papst ist mit diesem seinem Hof (curia) höchst unzufrieden. Und mit den ultrakonservativen neuen Orden ist er ebenfalls nicht glücklich, geschweige denn mit dem Finanzgebahren des Vatikans. Dass er mit einer prunkvollen Palast-Wohnung nicht glücklich war, zeigt sein bescheidenes Leben in einer Art Hotel „Haus St. Marta“ usw. usw…

Das soziale Engagement des angeblich glücklich regierenden Papstes erwähnt Müller ausführlicher: Dass im Sozialen auch ein neues theologisches (!) Amtsverständnis sichtbar wird, sagt Müller nicht. Für ihn ist Papst Franziskus eine Art sozialer Prophet. „Der bessere Theologe bin ich, Müller“, denkt man dann wie automatisch.

Eine fünfte Beobachtung:

Durchgehend wird, beinahe für den philosophisch gebildeten Leser unerträglich, die feindselige Abwehr des Herrn Müller gegenüber der Aufklärung, dem “Freidenkertum” (was auch immer Müller darunter verstehen mag), dem liberalen Denken und dem Kulturprotestantismus ausgebreitet. Von „Selbstdenkertum der Moderne“ ist abfällig die Rede, was soll diese Bezeichnung? Würden mehr Menschen selbst denken und urteilen, würde es besser in der Welt und der Kirche aussehen. Dieser Theologe bejaht nicht die Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat und die Laizität. Wie sehr schätzt er eigentlich die Demokratie? Mit dem Philosophen und Politiker (und Berlusconi-Freund) Marcello Pera ist Müller der Meinung, dass die (in meiner Sicht ja bloß ansatzweise) “Versöhung von Christentum und Moderne” ein Fehler für die katholische Kirche ist (399).

Eine sechste Beobachtung:

Müller betont einmal mehr seine Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez aus Peru. Müller betont, wie wichtig ihm die Befreiungstheologie wurde. Mit seiner Freundschaft zu Gutiérrez will er die Theologie der Befreiung spalten, in eine gute (moderat wie Gutierrez) und in eine böse, weil radikale auch Papst-kritische, repräsentiert in dem großen Leonardo Boff… Müller sagt, er habe auch in Peru Theologie doziert. Ob er dort Befreiungstheologie dozierte oder aus seinem Dogmatik-Handbuch aus Regensburg vorgelesen hat, wissen wir nicht so genau. In jedem Fall hat das Leben in der angeblich bitteren Armut Perus den Herrn Kardinal Müller nicht dazu bewogen, nun in Rom weiterhin explizit den Impulsen der Befreiungstheologie zu folgen. Oder seinen eigenen Wohn-Palast aufzugeben und etwa im Sinne der Befreiungstheologie arm in einem Hochhaus in der römischen Vorstadt zu wohnen. Nach einer jüngsten Veröffentlichung des Vatikan-Insiders, des Journalisten Gianluigi Nuzzi „bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig“ (Wochenblatt Regenburg vom 30.12. 2015, Autor Christian Eckl).

Also: Nichts als Nebel, wenn die Freundschaft zu Pater Gustavo Gutierrez OP so deutlich gepriesen wird und sich Kardinal Müller als Freund der Armen und ihrer Theologie etablieren will, siehe dazu schon einige Hinweise zu Müller und seiner Freundschaft mit Gutiérrez vom 2.1. 2016, klicken Sie hier. .

Eine siebente Beobachtung:

Man suche bitte im Register des Buches nach Namen, die zu dem Thema Papsttum von höchster wissenschaftlicher Bedeutung sind. Hans Küng sucht man vergeblich. Sein Name kommt nicht vor. Küng ist immer noch ein Verschmähter, zu klug für die Beamten im Vatikan. Er darf auch in Herrn Müllers Papstbuch nicht vorkommen. Küng hat bekanntermaßen das wichtige Buch „Unfehlbar“ geschrieben. Auch Hubert Wolf, Kirchenhistoriker, sucht man vergebens. Auch Leonardo Boff, den Befreiungstheologen. Hingegen kommt Lenin zweimal vor… Den Namen Benito Mussolini sucht man auch vergebens, er hat bekanntlich den Deal geführt, der zur Gründung des Staates Vatikanstadt führte. Nebenbei: Zur doppelten Rolle des Papstes als geistlicher Führer und als Staatschef habe ich bisher nichts gefunden in dem Buch von Müller. Auch den Namen Lorenzo Valla sucht man vergebens. Er hat schon im 15.Jahrhundert nachgewiesen, dass die so genannte Konstantinische Schenkung eine Fälschung ist. Aber der reaktionäre Papst-Verteidiger Joseph de Maistre hätte gut in die Reflexionen von Herrn Müller gepasst.

Auch die Literaturliste, offenbar die verwendete Literatur, ist dürftig. Hans Küng wird auch da nicht erwähnt. Hingegen Dietrich Bonhoeffer, den Müller manchmal zitiert, aber nicht dessen Überzeugung, man müsse als Christ heute so leben, als gäbe es Gott nicht usw…Der italienische Politiker Marcello Pera wird erwähnt mit seinem Buch über (bzw. gegen) den Relativismus. Pera stand und steht Berlusconi sehr nahe. Insgesamt ist das ein klägliches, sehr auf konservative Autoren gerichtetes Literaturverzeichnis. Man wird neugierig, wenn völlig entlegene Werke im Literaturverzeichnis auftauchen, etwa das Buch von Richard Baumann über den Papst, das in einem Verlag erschien, der sonst explizit traditionalistisches Schrifttum verbreitet. Baumann war hoch umstrittener Konvertit zum Katholizismus. Konservative Autoren als Literaturempfehlung im Verzeichnis, Remigius Bäumer, Louis Bouyer, Kardinal Walter Brandmüller, Heinrich Denifle, Ludwig Ott, Kardinal Leo Scheffczyk  usw…Manch ein Leser hätte förmlich Lust, Bücherpakete von aktuellen Theologen nach Rom zu senden…

Man wird den Eindruck wieder einmal nicht los: Diese Art von offizieller, man möchte sagen, Vatikan-staatstragender Theologie erweckt Assoziationen an das Niveau der alten Parteihochschulen der SED und anderer kommunistischer Parteien: Da wird hier wie dort nur selbst-bezogen argumentiert; die offiziellen Texte werden nach offizieller Lesart bearbeitet und zitiert; Funktionäre zitieren sich gegenseitig, Parteibeschlüsse bzw. Bischofsbeschlüsse, Konzilienbeschlüsse, Ergebnisse bilateraler Arbeitsgruppen usw.  werden hin und her zitiert. Die „Argumente“ dienen dem Machterhalt der Institutionen und ihrer Profiteure. Von kritischem, wenigstens wachem Geist kein Spur. Dies ist das Elend der offiziellen katholischen Theologie.

Sie ist in unserem Beispiel keine unabhängige Wissenschaft. Sie kennt keinen Abstand zum privaten Glauben des Autors Müller, der oftmals esoterisch gefärbt ist. Wie anders als esoterisch, also nicht-theo-logisch, d.h. logos-mäßig, vernünftig argumentierend, kann man denn diesen Satz von Herrn Müller (S. 102) lesen zur Ehe-Theo-„logie“: „Die Ehe ist als Sakrament eine vollkommene Analogie der hingebenden Liebe Christi am Kreuz, durch die er sich die Kirche als Braut erworben hat… Weil Gott selbst (!) die christlichen Ehegatten aufgrund ihres freien Ja-Wortes miteinander verbunden hat, sind sie darum in Christus ein Fleisch geworden. Und darum ist die Ehe auch innerlich unauflösbar“ (S. 103). Nur einmal als Test: Man lese bitte diesen Satz jungen Leuten vor, vielleicht Eheleuten in einem Elendsviertel in Lima, Peru, oder in Berlin-Kreuzberg laut vor und überprüfe die Reaktionen…  Man sieht nur an diesem Beispiel, dass Müller mit seinem Papst-Buch auch die heute angeblich so furchtbar wichtigen Themen der Ehe-Theologie mitbehandeln will.

Eine achte Beobachtung: Eher nebenbei formuliert.

Es ist ein Beleg für die abgehobene Sonderrolle in einer abgeschlossenen Sonderwelt im Vatikan, dass sich Kardinäle, so auch Herr Müller, mit dem eher zum Schmunzeln führenden Namen „Gerhard Kardinal Müller“ tatsächlich als Autor präsentieren… und bitte auch in ergebenen katholischen Kreisen so angeredet werden wollen. Und die Ergebenen tun das auch.  Ich hätte spaßeshalber Lust, meinen kurzen Beitrag so zu zeichnen: „Christian Journalist Modehn“. Geschrieben am Hochfest der heiligen Juliana von Nikomedien oder wahlweise am Hochfest des seligen Papstes Gregor X. Dies ist säkular gesprochen: Der 16. 2. 2017.

Noch etwas nebenbei: Kardinal Müller hat sein Opus, wie er auf Seite 16 im Vorwort schreibt, vollendet zu Rom, „am Hochfest der Cathedra Petri 2017“. Für alle nicht so einschlägig Gebildeten: Dieses Fest feiern die Kardinäle in Rom und anderswo am 22.Februar. Es heißt auf Deutsch: “Petri Stuhl-Feier”. Gefeiert wird der Sitz Petri! Verwunderlich ist: Das Vorwort wurde laut Datierung (22.2. 2017) von Herrn Müller geschrieben nach dem Erscheinen des gedruckten Werkes. Ich habe das Buch seit dem 14. 2. 2017 in den Händen. Ist da etwa ein Druckfehler passiert? Oder findet da eine Art Bedürfnis einen Ausdruck, dieses Buch an einem Papstfeiertag zum Druck abgegeben zu haben?

Das Buch “Der Papst. Sendung und Auftrag” ist am 14.2.2016 im Herder Verlag erschienen. Es wird weitere Debatten über den Zustand katholischer Theologie in Rom auslösen. Dieser Beitrag war eine erste kritische Ermunterung, in dieses voluminöse und verstörende Werk zu schauen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Militärdiktatur in Argentinien und die Kirche: Ein verdrängtes Thema kehrt nun wieder

Ein Hinweis von Christian Modehn

33 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur in Argentinien (sie dauerte von 1976 bis 1983) sind am 25. August 2016 – endlich – einige der führenden Mörder und Folterer aus den herrschenden Militärkreisen in der argentinischen Stadt Cordoba verurteilt worden. General Luciano Benjamin Menéndez z.B. wurde in 54 Fällen von Mord, in 656 Fällen von Folter und in 257 Entführungen für schuldig gesprochen; er hatte damals den Titel „die Hyäne“: „Er tötete nach Lust und Laune“, schreibt die argentinische Journalistin Marta Platia in „der Freitag“ vom 1.9.2016, Seite 10 in ihrem ausführlichen Prozessbericht. Dieser Verbrecher hat einen Rekord an lebenslangen Haftstrafen „gesammelt“: Es sind 10 lebenslängliche Strafen und noch einmal zweimal 20 Jahre…Bereut hat er auch nach dem Prozess nicht und nichts. Preisgegeben hat er seine Informationen, etwa zur Lagerung der Ermordeten, auch nicht.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin“ ist an der Verteidigung der Menschenwürde und der Menscherechte lebhaft interessiert und engagiert. Von unserem speziellen Interesse an Religionen und Kirchen soll nur darauf hingewiesen werden:

Die Diskussion über die Rolle der katholischen Kirche während der argentinischen Militärdiktatur wird nun hoffentlich auch in Europa, auch in Deutschland, wieder lebhafter und objektiver werden. Durch die Arbeiten der investigativen französischen Journalistin Marie-Monique Robin ist das Thema seit der Wahl Kardinal Bergolios zum Papst immer wieder kontrovers diskutiert worden, zur Lektüre des französischen Textes klicken Sie hier.

Deutlich wird einmal mehr, wie personell gut ausgestattet die Militär-Seelsorge unter den Diktatoren war, dazu haben inzwischen argentinische Historiker lange und offenbar vollständige Listen mit entsprechenden Beschreibungen der Details publiziert. Tatsache ist, dass viele Militär – und Polizeiseelsorger bei den Folterungen aktiv dabei waren. Erwähnt wird unter vielen anderen auch ein Jesuitenpater (Martin Gonzalez SJ) als Militärgeistlicher, der dieses Amt (von 1971 bis 1977), wie allgemein auch in anderen Orden üblich, nur mit Zustimmung seines damaligen Provinzials, Pater Bergiglio, ausüben durfte. Pater Bergoglio war Provinzialoberer seines Ordens von 1973 bis 1979, also zur Zeit der Militärdiktatur.

Die beiden jungen Historiker Lucas Bilbao und Ariel Lede Mendoza haben kürzlich eine umfangreiche Studie über den Militärbischof Victorio Bonamin aus dem Salesianerorden (Militärbischof von 1960 bis 1982!) veröffentlicht: „Bischof Bonamin hatte eine direkte Verbindung zu den Diktatoren und zu den Orten der Folter“, schreiben sie. Beide Autoren konnten die Tagebücher des Bischofs auswerten und entdeckten dort Rechtfertigungen der Folter und Lobeshymnen auf die Diktatur; auch in die Ermordung des (nahezu einzigen) oppositionellen Bischofs Enrique Angelelli (ermordet 1976) war Bonamin verwickelt. Für weitere Infos klicken Sie hier.

Eine gewaltige Aufgabe kommt da auf objektive, also auch der Kirche gegenüber kritische Historiker zu. Ob man es wagt, dabei einmal gründlich die Rolle von Pater Bergoglio bzw. Kardinal Bergoglio in Buenos Aires zu untersuchen, ist fraglich. An dieser Gestalt wagt niemand in dem argentinischen Zusammenhang – vielleicht aus der viel beschworenen Barmherzigkeit – Kritik zu üben. Wer es trotzdem kritische Fragen stellt, wird als “Linker” oder so fertiggemacht.

Zunächst aber sollte wohl das Buch über den Militärbischof Bonamin übersetzt werden, es hat in Argentinien den treffenden Titel „Profeta del genocidio“ (Prophet des Völkermords), Verlag SUDAMERICANA, März 2016. Welche katholische Institution wäre dazu bereit, allein schon deswegen, weil Millionen DM-Spenden damals, auch zu Zeiten der Militärdiktatur, nach Argentinien überwiesen wurden.

Das Buch ist auch wichtig, weil es den Einfluss reaktionärer katholischer Kreise aus Frankreich in Argentinien im Umfeld der Militärdiktatur zeigt. Die „Cité Catholique“ war dort heftig tätig. Die Autoren schreiben in dem Vorwort: „El libro básico del fundador de la organización, Jean Ousset, es El marxismo-leninismo. Se publicó en Francia en 1961 y su primera edición extranjera al año siguiente en Buenos Aires,18 con traducción y notas del coronel Juan Francisco Guevara, quien entonces era jefe de Inteligencia del Ejército. “El marxismo —dice Caggiano (Kardinal von Buenos Aires bis 1979) en el prólogo— nace de la negación de Cristo y de su Iglesia”.

Damit ist klar: Die rechtsextremlastigen Kleriker brauchten den Marxismus als Feindbild, um die eigene Aggression gegen jegliche Befreiungsbewegung zu begründen. Der Anti-Marxismus war förmlich das herrschende politische Glaubensbekenntnis in weiten Kreisen des maßgeblichen Klerus. Aber das ist ein anderes dringendes Thema, es berührt auch den Umgang Papst Pius XII. mit Hitlers Regime („es ist nicht ganz so schlimm wie der Kommunismus“, hieß es).

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.