Wer ist mit-schuldig am Tod des Menschenrechtlers und Erzbischofs Oscar Romero, El Salvador?

HINWEISE ZUM 100. Geburtstag von Erzbischof Romero am 15. August.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin unterstützt die Menschenrechte, sie sind ein Resultat der Aufklärung. Diese Unterstützung ist nicht nur theoretisch, sondern wir haben praktisches Interesse an allen, die für Menschenrechte eintreten, gerade dort, wo es lebensgefährlich ist. Der katholische Bischof Oscar Romero aus dem zentralamerikanischen Staat El Salvador ist ein vorbildlicher Kämpfer für die politische (und kirchliche !) Geltung der Menschenrechte in seiner Heimat und darüber hinaus in Lateinamerika. Warum ist er vorbildlich? Weil er sich, eigentlich konservativ von Herkunft und Ausbildung in der klassischen, abstrakten Theologie, im Alter dann doch durch das erschreckende Leiden der (von den Reichen im Land selbst und in den USA)  arm gemachten Menschen, vor allem der Indigenas, verändern ließ: Hin zur Identifizierung mit diesen Menschen. Oscar Arnulfo Romero wurde am 24. März 1980 in der Hauptstadt San Salvador im Auftrag von sich katholisch nennenden reaktionären Politikern erschossen, am Altar erschossen, während einer Messe. Am 15. August 1917, vor 100 Jahren wurde er geboren. Gegen alle Widerstände reaktionärer Machthaber im Vatikan hatte sich Papst Franziskus durchgesetzt und Romero (endlich sagen Lateinamerikaner) selig gesprochen. Also ist er nun offiziell „ein zu Verehrender“, ein heiliges Vorbild. Nun könnten eigentlich katholische Kirchen nach Oscar Romero benannt werden! Kennt jemand in Europa eine katholische Oscar Romero Kirche? Sie gibt es wohl nicht, weil Romero eben de facto ein linker Theologe war. Solche Zusammenhänge werden in Deutschland verschwiegen, etwa in den offiziellen katholischen Erinnerungsnotizen zum 15. August, Romeros Geburtstag. Genauso wird wohl verschwiegen, wer denn alles unter den machtvollen Prälaten und Kardinälen und Opus Dei Mitgliedern Interesse daran hatte, dass Erzbischof Romero nicht mehr allzu lebhaft und lebendig politische Kritik übt, um es einmal moderat zu formulieren. Es gibt also durchaus die These, dass es katholische und einflußreiche Mitschuldige gibt an der Ermordung Oscar Romeros. Das alles wird kaum untersucht in einer Theologie, die von den Kirchenoberen abhängig ist. Ich habe darauf schon im Mai 2015 , anläßlich der Seligsprechung, auf diese direkte oder indirekte Mittäterschaft hingewiesen, diese Hinweise fanden keinen Widerspruch, so dass meine These wohl stimmt. Und so publiziere ich diese Hinweise erneut und hoffe auf ein breites Interesse und auf ein kritisches „Eingedenken“, wie Walter Benjamin sagen würde.

copyright: Christian Modehn

„Die Katholische Kirche ist gespalten“: Aktuelle Analysen aus dem Vatikan und den USA

Hinweise von Christian Modehn am 21. 7. 2017

Heutige Religionsphilosophie bezieht sich als Nachdenken über Religionen und weltanschauliche Ideologien, also auch auf den „atheistischen Glauben“, immer auch, als ein Thema neben anderen !,  auf die faktisch bestehenden Religionen und beobachtet kritisch deren Entwicklung. Ein Hinweis zur Kirchenspaltung in der römischen Kirche.

Die neusten Studien zu der de facto bestehenden Spaltung der römischen Kirche heute kommen aktuell von dem us – amerikanischen Religions-Spezialisten Mark Silk. Er publiziert seine Studien regelmäßig auch auf der website religionnews.com. Mark Silk ist nach meinem Eindruck heute leider in Deutschland weithin unbekannt! Silk ist auch Professor am berühmten „Trinity College“ in Hartford, Connecticut. Er zeigt, dass die Spaltung der katholischen Kirche noch nie so groß war wie heute. Die letzte, meint er sicher treffend, war die Spaltung zwischen Jansenisten und Jesuiten vor allem im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts. Damals ging es bekanntlich um die Bedeutung der Gnade, ein „ewiges“ und heute absurd erscheinendes Thema, das von Augustinus (4. Jahrhundert) vorgebracht wurde.

Wenn man also unvoreingenommen wahrnimmt, wie sich im Vatikan jetzt Anti- Papst – Franziskus – Gruppen unter den Kardinälen und Bischöfen bilden; wie der EX – Papst Joseph Ratzinger sich immer noch als Papst titulieren lässt und in aktuelle Ereignisse mit seinen päpstlichen Wortmeldungen präsent ist, etwa bei der Bestattung seines Intimus Kardinal Joachim Meisner; wenn man bedenkt, wie Herr Gänswein, seit langem Intimus von Ex – Papst Ratzinger, diesen immer als Papst Benedikt öffentlich anspricht: Dann ist eigentlich jedem nur an den wenigen Beispielen schon klar: Diese Kirche ist de facto an der Spitze gespalten, schon durch die zwei so unterschiedlichen Päpste, die in engster Nachbarschaft, aber auch getrennt wohnen. Diese Kirche ist innerhalb der Ordensgemeinschaften gespalten, sie ist an der Basis der Laien schon seit langem gespalten, weil sich viele noch „praktizierende“ Katholiken nicht an die Kirchengebote halten; andere, Konservative, diese natürlich revidierbaren Kirchengebote wie Gottes Gebote brutal verteidigen: Dann wird auch die Frage selbstverständlich: Wie lange hält diese Kirche noch die innere unversöhnte Pluralität als Zerrissenheit aus? Dabei bedenke man auch die meist konservativ – theologische Haltung der afrikanischen Katholiken usw…. Und man überlege, wenn eines Tages Papst Franziskus ebenfalls aus gesundheitlichen Gründen sein Papstamt niederlegen muss und Ratzinger immer noch lebt und dann auch noch ein jüngerer dritter Papst gewählt wird: Dann wird durch die Ereignisse vielleicht selbst deutlich: Die Zeiten des einen und einzigen Papstes für 1,6 Milliarden Katholiken sind tatsächlich vorbei. Man braucht ganz offensichtlich mehrere Päpste, in einer demokratischen Kirche. Aber das ist Zukunftsmusik.

Zurück zu den Fakten:  Die us – amerikanische katholische Kirche ist sogar auch in offizieller vatikanischer Sicht gespalten: Darauf hat jetzt der Chefredakteur der Wochen-Zeitschrift „La Civilità Cattolica“ hingewiesen; die Artikel dieser Zeitschrift werden, wie es sich für die katholische Vorstellung von „Pressefreiheit“ gehört, vom „Staatssekretariat des Vatikans“ geprüft und dann für gut (oder eben nicht gut) befunden. Chefredakteur ist der italienische Jesuit Antonio Spadaro, er gilt als engster Vertrauter des Jesuiten-Papstes Franziskus. Pater Spadaro hat sich jetzt zusammen mit dem presbyterianischen Pastor Marcelo Figueroa über die gefährliche theologische Spaltung unter US – amerikanischen Christen, vor allem auch der Katholiken, geäußert. Pastor Figueroa ist – bemerkenswerterweise – Chefredakteur der für Argentinien bestimmten Ausgabe der international verbreiteten, ebenfalls offiziellen katholischen, vatikanischen Tageszeitung „Osservatore Romano“. Pastor Figueroa ist ebenfalls ein („alter“) Freund von Bergoglio, von Papst Franziskus. Eine erfreuliche Form der ökumenischen Zusammenarbeit, sind doch einige Kreise der Presbyterianischen Kirche (also letztlich der Reformierten, einst Calvinisten genannt) eher progressiv und links. Dies gilt offenbar auch für den argentinischen Pastor.

Was sagen die beiden Autoren in der offiziellen Papst – Wochenzeitung „La Civilità Cattolica“, Ausgabe vom 13. Juli 2017? Es gibt theokratische Versuchungen unter den Kirchen und Christen in den USA. Das heißt: Christen, die eine sich aus Bibelsprüchen ihre Politik zusammenbasteln. Genannt wird ausdrücklich der reaktionär – katholische Berater von Mister Trump, Steve Bannon. Er und seine Kreise ( die ja auch im Vatikan Freund und Unterstützer haben, CM) „rechtfertigen jegliche kriegerische Aktion auf theologische Weise“, schreiben Spadaro und Figueroa. In der gegenwärtigen US – Regierung würden die politischen und die religiösen Bereiche verwischt, heißt es in vatikanischer Sicht weiter. Dabei ist Politik ein „weltlich Ding“, möchte man diese treffende Sicht im Vatikan von heute interpretieren. Hingegen: Diese theokratische Sicht (d.h.: Gott, also der Gott dieser erzkonservativen Herren in den USA, solle politisch herrschen) werde allerdings nicht nur von konservativen, fundamentalistisch denkenden Katholiken verteidigt, sondern in gutem Einvernehmen mit weiten Kreisen der die Bibel ebenfalls fundamentalistisch verstehenden bzw. nicht – verstehenden Evangelikalen. Es gibt also einen neuen ökumenischen Block von fundamentalistischen (theokratischen) Katholiken und fundamentalistischen Evangelischen. Sie wollen ein christliches reaktionär – theologisches Amerika; sie bedrohen also elementar die Religionsfreiheit. Und sie lesen die Mythen der so genannten Johannes „Apokalypse“ im Neuen Testament als historisch und politisch relevante Texte!

Diese Herrschaften deuten jegliche Kritik an ihnen sofort als Krieg gegen die „wahren Glaubenden“.

Es geht also ein Bruch, ein Kommunikationsabbruch, durch die US – Kirche(n). „Diese fundamentalistische US – Ökumene schafft nur Angst unter den Menschen“, schreiben beide Autoren aus dem Vatikan. Und sie erwähnen dabei Papst Franziskus, der „unaufhörlich dagegen kämpft, gegen diese Erzählungen der Angst. Man muss nun „diese Manipulation (also die gemeinsame fundamantalistische Lektüre von konservativen Katholiken und evangelikalen Evangelischen) bekämpfen“.

Es ist klar, dass gegen diese sehr deutliche Abgrenzung des Papstes (durch die beiden offiziellen Autoren Spadaro und Figueroa ausgesprochen) unter konservativen US Katholiken ein Aufschrei durch das Land geht; unter den zahlreichen militanten reaktionär – katholischen Gruppen vor allem, die stramm hinter Mister Trump stehen, man denke an die Gruppe „church militant“ der die website Crux.

Der Jesuit Spadaro hat der ebenfalls angesehenen US amerikanischen Jesuitenzeitschrift AMERICA sofort seine und damit des Papstes Position verteidigt: „Diese von uns integralistisch (also theokratisch orientierten, CM) genanten Katholiken und die fundamentalistischen Evangelischen sind gemeinsam auf dem politischen Feld tätig, das bereitet Probleme“.

Damit wird deutlich: Selbst der Vatikan, selbst der Papst, kann eine reale Kirchenspaltung des Katholizismus nicht mehr ignorieren. Es gibt also de facto eine Spaltung unter den US – Katholiken: Sie haben ihre eigenen Medien, Universiutäten und TV Stationen, ihre eigenen Netzwerke und jeweils, je nach Lager, ihre besonders geliebten Bischöfe und Kardinäle: Die Konservativen (Trump Freunde) halten sich etwa an den konservativen Kardinal vom New York, Timothy Dolan. Die eher Progressiven, pro Papst Franziskus gestimmten, halten sich an den sehr aufgeschlossenen, auch für gay-rigts! Bemerkenswert deutlich engagierten Kardinal von Newark, Joseph Tobin, aus dem Orden der Redemptoristen. Dass dieser Pater noch Kardinal werden konnte, verwundert selbst die Progressiven. Tatsache ist nämlich auch, dass Papst Franziskus immer auch gern sehr konservative Kleriker zu Bischöfen ernennt, wie den im politischen und theologischen Rechtsaußen angesiedelten Luc Ravel, den neuen Erzbischof von Straßburg. Offenbar will Franziskus, „jesuitisch schlau“, jonglieren und doch noch auf diese diplomatische Weise die auseinander strebenden Tendenzen beruhigen. Ob das auf Dauer gelingt, ist mehr als fraglich!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Neues zur Erbsünde: Muss der christliche Glaube Angst machen?

Einige weiter führende Thesen von Christian Modehn am 20.7. 2017

Meinen zuerst veröffentlichten Beitrag, in der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, Heft 11/2017, lesen Sie hier mit einem weiteren Thesenpapier, das aus einer Diskussion hervor gegangen ist. Dass selbst Mitglieder des Augustinerordens heute wenigstens leise, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre äußern, lesen Sie bitte am Ende dieses Beitrags!

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der christlichen Erbsünden-Lehre geht weiter, das zeigen die vielen Leserbriefe in Publik Forum, Heft 14/2017. Die LeserInnen sind meist positiv angetan von meinem Vorschlag, sich von der Erbsündenlehre zu befreien. Das hatte ich in aller Kürze in Heft 11/2017 begründet.

Das Thema berührt viele glaubende, suchende und spirituelle Menschen, weil sie spüren: Mit dieser alten Erbsündenlehre wird ihnen eine Art sich religiös/fromm nennende Ideologie aufgedrückt, die objektiv überflüssig ist für ihr eigenes spirituelles und christliches Leben. Selbst wenn viele Christen an die Erbsünde schon gar nicht mehr denken: Es geht an diesem Beispiel auch um die Frage, wie sich Christen und Kirchen von alten, jetzt aber als veraltet empfundenen Dogmen, lösen und befreien können. Nicht aus subjektivistischer Willkür, sondern um einen freien, humanen Glauben erleben zu können. Um dieses große Projekt geht es, also gegen das versteinerte Festhalten an angeblich ewigen, tatsächlich aber sehr zeitgebundenen Lehren, wie der Erbsünde z.B. Es geht also wirklich um eine moderne Kirche, um einen modernen, je eigenen Glauben, „meinen Glauben“und diese Bezeichnung ist kein Schimpfwort, wie viele alte, versteinert Denkende Römer vielleicht meinen. „Glauben beginnt immer bei mir“ heißt eine große, auch in der Öffentlichkeit verbreitete treffende und richtige Empfehlung der protestantischen Remonstranten – Kirche in Holland.

Diese alte Erbsündenlehre ist, in einer gründlichen historischen Studie selbstverständlich nachweisbar und längst nachgewiesen, ein Konstrukt, also ein „Machwerk“, das in der zentralen Botschaft des Evangeliums Jesu Christi keinen Anhalt hat.

Die Erbsündenlehre wurde vor allem von Augustinus aber vorangetrieben und von ihm mit allerhand Tricks dogmatisch durchgesetzt. Sein hoch intelligenter Gegenspieler, der katholische Bischof Julian von Eclanum, wurde dabei auch von ihm unterdrückt. Das ist historisch nachweisbar und sollte von Dogmatikern nicht ignoriert werden, selbst wenn die kritischen Studien zur Erbsünde von Wissenschaftlern stammen, die von Theologen nicht so hoch geschätzt werden, wie etwa von Prof. Kurt Flasch oder dem katholischen Theologen Prof. Thomas Pröpper.

Die zentrale Angst der Dogmatiker und aller an die alten Dogmen gebundenen Christen ist: Fällt die Erbsündenlehre, dann ist die Notwendigkeit der Erlösung in Jesus Christus nicht mehr vermittelbar. Das wird auch im katholischen Katechismus so gesehen. Diese Behauptung gilt aber nur, wenn man das, was Erlösung in Jesus Christus bedeutet, aufs aller engste mit der alten Erbsündenlehre verbindet. Ohne Erbsünde keine Erlösung, heißt es. Oder anders gesagt: „Macht die Menschen, und zwar alle (!), erst mal richtig schlecht, dann könnt ihr mit eurer Erlösungslehre kommen“. Oder man behauptet gar wie Eugen Drewermann – in einer Stellungnahme zu meinem Beitrag in PUBLIK FORUM „Von der Erbsünde befreien“ – „Der Mensch ist nicht frei“, so der Titel des Drewermann Beitrags in Heft 13/2017, Seite 35. „Der Mensch ist also nicht frei“…So viel gelinde gesagt Seltsames und für ein vernünftiges und humanes Menschenbild eigentlich Furchtbares habe ich lange von einem Theologen und Therapeuten (!) nicht mehr gelesen. Immerhin war Drewermann noch so frei, diesen Beitrag offenbar im Gefühl der Freiheit noch zu schreiben…

Und dann folgt Drewermann dieser klassischen katholischen Katechismus – Lehre, wenn er behauptet: Wer diese alte Bindung von Gnade und Erbsünde leugnet, „ist auf dem Weg zum Nihilismus oder zum Atheismus oder zum sozialpolitischen Aktionismus“ (Publik Forum, Heft 13/2017, Seite 35) Eigentlich ist dies eine beleidigende Aussage, wenn nicht eine persönliche Verurteilung, wie man sie eher aus der Glaubenskongregation im Vatikan gewöhnt ist. Im offiziellen „Katechismus der katholischen Kirche“ (veröffentlicht in allen großen Sprachen 1993) heißt es im § 389: „Die Kirche, die den Sinn Christi hat (d.h.: also wie Christus selbst denkt, so das „bescheidene“ Selbstverständnis der Herren im Vatikan, C.M.) ist sich klar bewusst, dass man nicht an der Offenbarung der Erbsünde rühren kann, ohne das Mysterium Christi anzutasten“. Da wird also allen Ernstes behauptet, dass die Erbsünde eine Offenbarung Gottes ist! Ein von Augustin mit allerlei Tricks durchgesetztes Dogma und wider besseren Wissens noch mit einer falschen Übersetzung im Römerbrief begründet, diese Lehre soll also göttliche Offenbarung sein, also etwa denselben Rang haben wie die Offenbarung von der Trinität usw…

Noch einmal: Augustins Erbsündenlehre brauchte als zentrale Struktur eine Anthropologie, die den Menschen als Menschen erst einmal von Grund auf schlecht und böse hinstellt. In Augustins und der anderen Dogmatiker Sicht bedeutet das: Nur wenn der Mensch als Mensch, also auch als Geschöpf Gottes, vom Wesen her böse ist und zu keiner positiven Leistung der Vernunft in der Lage ist (wie Luther, der Feind der menschlichen Vernunft, sagte), also von der Erbsünde belastet ist, dann wird die absolute Dringlichkeit der Erlösung in Jesus Christus einsichtig. Dass heute selbstverständlich ein christlicher Glaube ohne die Erbsündenlehre möglich ist, wird unten gezeigt.

Zunächst aber: Die Erlösung wird dem alten Denken folgend zentral vermittelt in der Taufe, möglichst schon der gerade geborenen Kleinkinder.

Taufe und Erbsünden-Befreiung sind also in diesem Denken aufs engste verbunden. Taufe ist dabei ein sakramentales Geschehen, das einzig dem Klerus vorbehalten ist, also den Herren der Kirchenordnung. Sie haben als Täufer letztlich die Gewalt, Erbsünde zu nehmen oder zu belassen (für den Fall, dass nicht getauft wird).

Die Erbsündenlehre ist also eine zentrale klerikale Theologie als Macht-Theologie. Sie redet den Menschen ein: Ohne die (klerikal bediente) Taufe sind Menschen eigentlich nichts. Die Botschaft ist klar: Ihr Menschen müsst euch ängstigen, als Nicht-Getaufte in die ewige Verdammnis zu gelangen. Dies wurde historisch gesehen unzweifelhaft kirchlicherseits behauptet, dies kann hier nicht weiter ausgebreitet werden. Man lese nur die Studien von Jean Delumeau und anderen Historikern… Dogmatiker alter Art sollten also die Geschichte eines Dogmas wahrnehmen, um auch dessen inneren Gehalt zu spüren und diesen Gehalt dann wenigstens als Last zu empfinden und nicht weiter zu verbreiten.

Der Drang zu taufen und zu missionieren und alle Völker mit dem abendländischen Christentum zu beglücken, ist also von der Erbsündenlehre auch mit – bedingt. Weil Missionsgeschichte bis 1960 immer auch Kolonialgeschichte war und ist, kann man also sagen: Auch die Kolonialgeschichte als rassistische Geschichte gegenüber anderen Kulturen hat letztlich im Erbsünden- Denken der alten Dogmatiker eine gewisse Verstärkung erhalte. Über den grauenhaften Zusammenhang von allgemeiner Erbsünden – Verbreitung durch den „Geschlechtsverkehr“ und in der Zeugung, wie es der heilige Augustinus ohne rot zu werden lehrte und dogmatisch durchsetzte, wurde schon mehrfach, auch von mir, hingewiesen.

Es ist für dieses alte Denken aber doch eigentlich konsequent, wenn es heißt: Alle Menschen sind als Menschen sofort bei der Geburt, also auch als Kleinstkinder, eben Erbsünder. Darum war der Gedanke, einen Limbus Pueroum zu schaffen in dieser verqueren Theologie, gar nicht so falsch. Um so merkwürdiger ist, dass Benedikt XVI. diesen Limbus Puerorum – ein bisschen – als Lehre aufgab. Dachte er offenbar: So total kann die Verderbtheit der Menschen als Menschen und schon als Kleinstkinder also doch nicht sein! Deswegen verfügen wir nun als Herren der Lehre: Kein Katholik muss an den Limbus Pueroum noch glauben. Kann er aber, wenn er möchte. So viel Freiheit, mit Ängsten umzugehen, ließ Benedikt XVI. seinen Getreuen.

Mit der Relativierung bzw. der Abschaffung der Limbus Puerorum Lehre aber fällt nun auch, ein bisschen, die übliche Erbsünden- Lehre: Der Mensch als Kleinstes Kind sei eben a priori doch nicht schon Erbsünder. Erbsünde habe dann doch etwas mit der dann doch angenommen Freiheit zu tun, sich für das Böse frei zu entscheiden. Das heißt. Mit der Abschaffung des Glaubenszwanges an den Limbus Puerorum „wackelt“ auch der Kern der total wirksamen Erbsünde.

Es wäre weiter darauf hinzuweisen, dass die Erbsünde als Erbsünde sich jeglicher innerer Erfahrung im glaubenden Menschen entzieht. Und kaum ein Erwachsener, der sich taufen lässt und unter das Wasser dabei getaucht wird, erinnert sich: Nun ist die Erbsünde weg! Wozu also die Erbsünde als Erklärungsmodell? Furchtbar negative Ereignisse, etwa die KZs damals oder die Brutalität des Westens heute im Umgang mit Armen in Afrika oder im unmenschlichen Sterbenlassen der Flüchtlinge im Mittelmeer usw. sind doch nicht durch die Erbsünde zu erklären oder zu begründen. Mit solchen Argumenten macht sich die Theologie heute auch lächerlich, als esoterische Geheimlehre vielleicht brauchbar…

Diese vielen Untaten der Menschen, und der Herrschenden vor allem, sind doch bedingt durch den Egoismus der Menschen, durch das Versagen, humanistischen und ethischen Impulsen zu folgen, bloß um des eigenen Vorteils willen. Wer da von Erbsünde redet, meint ein diffuses, eben mythisches Bild, weil er den Ursprung bösen Tuns in der Freiheit der Menschen nicht erkennen kann. Und nicht argumentativ, durch eine bessere Politik, bekämpfen will.

Im übrigen: Alle getauften Christen und auch die getauften Allchristlichen Herrscher haben sich im Laufe ihres Lebens oft, obwohl von der Erbsünde ja durch die Taufe befreit, höchst unmenschlich verhalten. Das heißt: Die Kraft der Taufe als Befreiung von der Erbsünde ist offensichtlich total irrelevant. DieTtaufe macht die Menschen, also die Christen, nicht besser. Das heißt einmal mehr: Die Erbsündenlehre ist nichts als Behauptung, als Ideologie sogar. Man könnte als alter Metaphysiker sagen: Die Erbsünde sei eine unsichtbare ontologische Struktur. Verstehe dies, wer will.

Es gilt meiner Meinung nach: Böses tun die Menschen, weil sie endliche Wesen sind, denen die Einsicht fehlt, dass das Gutes Tun tatsächlich auch für sie selbst (wie für die anderen) gut ist. Je mehr tatsächlich die Einsicht, die Vernunft, die seelische Reife, das Mitgefühl gefördert würden unter allen Menschen, je mehr auch eine wirkliche Demokratie erfahrbar würde, um so mehr würde auch das Böse in der Welt eingeschränkt werden. Wer sagt, das Böse sei doch immer herrschend und bestimmend da, der will nur die bestehenden Herrschaftsverhältnisse als ungerechte belassen. Und man sage mir jetzt nicht, meine Sicht sei „hoffnungslos optimistisch“: Das sagen nur die, die an dem „bösen Menschen“ – aus Faulheit, aus Pessimismus ? – festhalten wollen…

Sind die Menschen also in meiner Sicht bloß noch Sünder und nicht mehr Erbsünder? Sie sind tatsächlich nur noch Sünder, sofern man sich religiös versteht und die ethischen Gebote als Gottes Gebote interpretiert. Nur unter diesen Bedingungen hat die Rede von Sünde Sinn. Aber nicht alle religiösen Gebote (in der Bibel, im Koran) können ohne weiteres heute noch als gute und hilfreiche Gebote Gottes verstanden werden. Die Prüfung, welches Gebot Gottes eben noch aktuell gültiges Gebot ist und welches nicht, leistet allein die sich stets weiter entwickelnde kritische und selbstkritische Vernunft. Die Vernunft ist das Kriterium, nicht eine Glaubenslehre bei der Entscheidung, was als Glaubenslehre gilt und was nicht. Den selbst wenn eine Glaubenslehre eine andere kritisiert, tut sie dies kraft der Vernunft!

Sünde ist also in einer modernen Theologie ein Sich – Verfehlen des Menschen, eine freiwillig geleistete Abkehr des einzelnen von den guten Möglichkeiten, die eigentlich in ihm „stecken“. Sünde ist also eine Art Blockade humaner Möglichkeiten. Wer ein Sündenbekenntnis spricht, meint eigentlich: Ich habe die guten Seiten des Menschseins ignoriert. Dieses Eingeständnis hat nichts mit Leistungsdenken zu tun. Es kann in Gelassenheit gesprochen werden: Weil sich der absolute Lebenssinn, Gott, ja nicht entzieht und ich zu meiner Begrenzung und Endlichkeit stehen kann.

Gott wird selbstverständlich nicht durch unsere Sünden beleidigt. Wer an einen personalen Gott in dem Zusammenhang glaubt, könnte sagen: Dieser Gott als Schöpfer ist traurig, dass sich Menschen verirren. Aber sie können prinzipiell wieder auf den Weg des Humanen zurück, wenn sie ihre eigene Vernunft, ihr reflektiertes Ethos und ihr Mitgefühl zur Geltung bringen…und die Menschenrechte, die sich immer weiter entwickeln, als tatsächliche Orientierung anerkennen.

Die zentrale Frage ist: Welche Bedeutung hat Jesus Christus als Erlöser? Jesus ist nicht das Opferlamm, das auf den zornigen Gott Vater reagiert und sich blutig hinschlachten lässt, weil Jesus meint: Dieser Kreuzestod würde das Gott-Mensch-Verhältnis wieder in die richtige göttliche Ordnung bringen. Von diesem Sühne und Opfergedanken befreien sich Christen. Diesen zornigen Gott, der seinen eigenen Sohn opfert, halten sie für eine Erzählung, ein Mythos, den man hin und her drehen kann in langatmigen mythenfreundlichen Studien. Besser ist es: Man sollte etwa den Sündenfall Mythos lesen, aber dann als interessantes historisches Stück beiseite legen. Entmythologisierung verstand Bultmann so: Entdecken des Sinns im Mythos. Wenn aber ein Mythos beim besten Willen keinen aktuellen hilfreichen Sinn mehr hergibt, wie der Opfermythos des Sohnes Gottes, dann lasse man eben den Mythos beiseite. Die Bibel ist ein Buch voller hübscher und meist dramatischer Geschichten, da gibt es wichtige und unwichtige. Das müsste heute klar sein.

Welche Bedeutung hat also Jesus Christus heute?

Er ist tatsächlich das entscheidende oder für viele ein Vorbild, das tröstet, das man durchaus ehren und verehren kann. Das Vorbild ermuntert, seinen Weg auf eigene Weise nachzugehen, dies ist der Weg der Liebe und des Mitgefühls, des Friedenstiftens und des Verzeihens. Dies ist theologisch gesprochen, eine Wirkung des Geistes, des heiligen Geistes. Der Geist als der heilige ist tatsächlich die Gabe Jesu Christi an die Menschen. Wenn man also fragt, was ist die Erlösung, könnte die Antwort heißen: die Gabe des heiligen Geistes.

Jetzt sage man nicht: Jesus wird dann bloß zum Meister eines wahren humanen Ethos! Natürlich wird er das. Und das wahre ethische Leben hat ja Jesus selbst als den Kern der Religion dargestellt. Man lese seine Lehre zur Liebe, Nächstenliebe, seine Lehre zu den Werken der Barmherzigkeit.

Christlicher Glaube ist wesentlich Ethos, weil gerade im ethischen Leben, der entscheidenden PRAXIS, Gottes Spuren erfahren werden. Gott wird, wie Jesus sagt, nicht in den Tempeln, also in den Kirchen primär erfahren; schon gar nicht in der gehorsamen Verehrung so hoch gestellter Kleriker und Kardinäle oder Päpste, nicht in Wallfahrtsorten, wo man als sündiger Mensch auf Knien leidend auf den Treppen herumrutscht, um seine Sünden dadurch loszuwerden. Natürlich gibt es die Freude an Transzendenz – Erfahrungen in der Natur, auch in der Kunst, auch in der Musik, auch im Eros: Aber dies sind Erfahrungen, die ja keineswegs eine l art pour l art Haltung fördern, sondern Wege weisen in ein gutes (d.h. auch ethisch gutes) Leben.

Der christliche Glaube ist also kein Angst machendes System, kein Lehrgebäude, keine gehorsame Haltung gegenüber alten Dogmen, christlicher Glaube ist das Ernstnehmen der eigenen subjektiven Erfahrung jetzt. Von der aus man mit der Vernunft und der reifenden Seele eben ethisch gut lebt. Dieses ethisch – gute Leben, die „Arbeit“ daran, ist der wahre Gottesdienst, das sagte Jesus Christus, das Vorbild für uns, schon.

Christlicher Glaube ist also zuerst Praxis, ethische Praxis, auch mit der Lust an entsprechenden kulturellen Erfahrungen. Aber vor allem in der Praxis zeigt sich Gott, darin zeigt sich Transzendenz, darin entsteht Poesie, die den Namen Gebet verdient.

Der christliche Gaube wird also wieder „einfach“, selbstverständlich nicht im Sinne von „schlicht“, sondern im Sinne von elementar und überschaubar und kritisch und deswegen auch eine Einladung zum guten Leben.

Ein Hinweis, geschrieben am 18.8.2017: Der niederländische Theologe Tarcisius van Bavel aus dem Augustinerorden äußert vorsichtige, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre in dem Buch „Christ in dieser Welt“, Würzburg o.J., offenbar um 1975. Van Bavel schreibt u.a. (S. 44 f.). „Augustinus scheint den Menschen viel eher (als sein Gegner Pelagius, CM) zu Unsicherheit und Angst zu verurteilen. Ohne behaupten zu wollen, Augstinus habe in allen Punkten gegen Pelagius Recht gehabt, muss man doch fragen, wer von beiden am dichtesten bei der Wirklichkeit geblieben ist“. (Was ist „Wirklichkeit“, fragt CM)… Der Augustinerpater van Bavel fährt dann fort: „Für Augustinus ist gewiss die ganze Menschheit in eine Situation der Unfreiheit hineingezogen und befindet sich noch immer in dieser Situation. Man braucht Augustinus auch nicht in allen Einzelheiten zu folgen: z.B. in seiner Ansicht, wie die Sündhaftigkeit im Menschengeschlecht übertragen wird, nämlich durch die geschlechtliche Vereinigung“. Dann nennt Prof. van Bavel noch die irrige Lehre von der Vorhölle für ungetaufte Kinder… Aber er meint, trotz dieser erheblichen Einwände gegen Augustin: Der Mensch finde sich immer schon in einer Welt vor, in der „das Böse“  schon da ist (S. 45). Das  „das Böse“ aber ist doch keine unangreifbare metaphysische Qualität (kein Gegengott), sondern etwas, das sozusagen die Komprimierung falscher Entscheidungen vieler Menschen im Laufe der Geschichte ist. Das Böse, wenn man denn den Begriff überhaupt will, ist sozusagen eine strukturelle Sünde, also von Menschen gemachte Anhäufung von Falschem. „Das Böse“ ist also eine von Menschen gemachte, in der Freiheit gemachte Objektivierung falscher, ethisch nicht vertretbarer Entscheidungen. Nur weil „das Böse“ Ausdruck von Freiheit ist, kann es ja auch bekämpft werden! Vor dieser Erkenntnis weicht Prof. van Bavel wie so viele andere katholische Theologen zurück:  Augustinus, der heilige Kirchenlehrer, muss eben unter allen Umständen eben recht behalten! Schließlich dürfen auch Erbsünden-Dogmen nicht revidiert werden, meint das oberste katholische Lehramt in seiner Erstarrung. Das ist der Stil katholischer Theologie: Bloß nicht Fehler großer Theologen von einst zugeben und sich von diesen Denkfehlern und der ideologischen Verbissenheit, bei Augustins Erbsündenlehre evident, befreien.

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

Kardinal Meisner gestorben: Ein Kirchenfürst ist tot!

Einige wenige Hinweise von Christian Modehn am 5. Juli 2017

Zum Tod eines Kirchenfürsten passt sehr gut ein lateinisches Zitat: „De mortuis nil nisi bene“ (Über Verstorbene darf nur gut gesprochen werden).

Aber bei diesem verstorbenen Kardinal Joachim Meisner kann dieser Grundsatz nicht gelten, wenn denn auch nur im Ansatz historische Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit eine Geltung haben sollen in einer demokratischen Öffentlichkeit.

Meisner war – milde gesagt – ein Kirchenfürst, der autoritär „durchregierte“, wie man heute so sagt. Meisner wähnte sich auf der Seite der absoluten göttlichen Wahrheit, weil er ja auch mit den unfehlbaren Päpsten Johannes Paul II. und Benedikt XVI. aufs engste, aller engste, verbunden war.

Ich erinnere mich an die Berliner Jahre Meisners, wo etliche West – Berliner Katholiken ihn, ebenfalls wahrhaftig gesprochen, nur „den Diktator“ nannten. Er machte als Hirte Angst, er setzte sich totalitär durch, ging gegen alle ihm progressiv erscheinenden theologischen Perspektiven vor. Darin zeigte er sich als treuer anti – pluralistischer DDR – Bürger. Wer nicht den Rosenkranz betete und sich als Fatima –Freund oder als „Marienkind“ verstand, hatte keine Chance in seiner Kirche. Er tobte zum Beispiel, als ich 1980 einen Film fürs Erste (ARD) machte über den Katholikentag in Berlin. Er tobte und pöbelte, weil der journalistischen Pflicht zur umfassenden Berichterstattung auch über die „eher etwas linke Kirche von unten“ entsprochen wurde. Meisner konnte sehr unangenehm sein. Das wissen die Priester, die er aus den Gemeinden drängte, das wissen die ökumenisch Gesinnten, das wissen die Homosexuellen, die Wiederverheiratet Geschiedenen usw. Nur über sich selbst, sein privates Leben, seine reichen Kunstsammlungen etwa, sprach er eher selten. Er kritisierte die CDU, nicht etwa, weil sie zu wenig für die Gerechtigkeit tut, sondern weil sie nicht entschieden pro life war. Die pro life Bewegung war ihm alles. Kritische Frauen mussten unter seiner Herrschaft den unabhängigen Verein Donum Vitae gründen. Widerlich, wie der Fürst zu Köln dem katholischen Bischof Jacques Gaillot (Evreux/Partenia) das Verbot erteilte, auf seinem Meisner – Territorium, etwa in Bonn, einen Vortrag – in Zusammenarbeit mit Publik – Forum – zu halten! Die Liste der Herrschsucht Meisners ist sehr lang. Aber, schon wieder werden jetzt Lobeshymnen auf ihn angestimmt. Wie verlogen.

Man sollte näher die Beziehungen Meisners mit der DDR – Regierung und Stasi studieren. Er wurde 1975 zum Weihbischof von Erfurt (DDR) ernannt, 1980 zum Bischof von Berlin, er wohnte in Ost – Berlin, konnte aber an mehreren Tagen West-Berlin besuchen. Jetzt wird Meisner vollmundig und unkritisch von vielen (wie dem Berliner OB Müller) als eine Art Widerständler gegen das DDR System gelobt. Es gibt hingegen detaillierte historische Studien zu einzelnen kleinen, der DDR gegenüber eher oppositionellen katholischen Gruppen, wie dem „Aktionskreis Halle“ (AKH). In einem umfangreichen Buch über den AKH zeigt Sebastian Holzbrecher: „Aufgrund gezielt verweigerter Schutzzusagen für den Arbeitskreis Halle haben Bischof Braun (Magdeburg) und Kardinal Meisner den staatlichen (DDR) Terror (gegen den AKH) nicht nur nicht verhindert. Sie haben ihn mit ihren offiziellen Aussagen erst ermöglicht und tragen insofern eine Mitverantwortung am staatlichen Terror gegen den Aktionskreis Halle und seine Mitglieder.“ (S. 412).

Tatsache ist auch: Kein Bischof und Kardinal hat wohl so viele Katholiken aus der katholischen Kirche getrieben wie Meisner. Von daher ist das Wort Kirchenfürst noch milde formuliert. Meisner ist das klassische Beispiel für die Tatsache, dass der Klerus kritische Menschen aus der römischen Kirche vertreibt! Meisner galt bei vielen zurecht als ein frommer Sprüchemacher, er war ein Feind der kritischen und selbständig reflektierenden Theologie. Kontrolle etwa über „seine“ Laientheologen war ihm oberste Tugend.

Über Meisners OPUS DEI Verbundenheit (Mitgliedschaft ?) wäre zu sprechen, über seine Lobenhymnen über das Opus Dei, seine enorme Machtpolitik in der Ernennung von Bischöfen nicht nur in Deutschland (die Liste ist lang, Kardinal Rainer M. Woelki ist ja einer seiner Protegés, auch Erzbischof Koch, Berlin, gehört dazu. Woelki durfte an der Opus – Dei- Universität in Rom promovieren, obwohl um die Ecke seiner damaligen Wohnung in Bonn eine katholisch – theologische Fakultät existiert…. Über Meisners gut dokumentierte Ablehnung der Theologie von Papst Franziskus, seine öffentlichen arroganten Attacken gegen Papst Franziskus, wäre zu sprechen. Meisner hat die reaktionären katholischen Bewegungen in Köln und anderswo immer wieder gestärkt, wie die Neokatechumenalen, die Legionäre Christi, die Charismatiker usw…Je reaktionärer, um so katholischer, dachte der Fürst.

Man frage die Kölner Katholiken, die noch in dieser Meisner Kirche „durchhielten“, wie er mit kritischen Gläubigen umging. Manche Klöster waren froh, wenn bei fälligen Priesterweihen nicht Meisner erschien! Er war weithin unbeliebt, um es milde zu formulieren!

Ein Kirchen – Fürst ist also tot. Alleluja sagen manche!

Aber es gibt noch viele andere katholische Kirchenfürsten… Denn Demokratie, Mitbestimmung, Menschenrechte IN der Kirche, sind für diese Kirche etwas „Unangebrachtes“, wenn nicht „Falsches“. Das wird wohl auch kein Papst Franziskus verändern…

Coypright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Gegen die Erbsünde. Der Beitrag von Christian Modehn in PUBLIK FORUM

Ohne Erbsünde glauben! Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte.

Von Christian Modehn Juni 2017, PUBLIK FORUM.

Papst Benedikt XVI. nahm seinen ganzen Mut zusammen, als er am 20. April 2007 die Lehre vom »Limbus puerorum« abschaffte. Diese Lehre, die ein heutiger Christ kaum kennt, geschweige denn nachvollziehen kann, reicht zurück bis in die Anfänge des Christentums. Für den Kirchenlehrer Augustinus war klar, dass ungetauft sterbende Kinder aufgrund der »Erbsünde« in die Hölle kommen, auch wenn sie als Babys überhaupt keine Gelegenheit hatten, zu sündigen. Gegen diese Strenge entwickelten Theologen der Frühscholastik im Mittelalter die abgemilderte Version des »limbus puerorum« (von Limbus: Saum, Rand). Nach dieser Vorstellung kamen ungetauft sterbende Kinder nicht mehr in dieselbe Hölle wie die auf ewig Verdammten, sondern an den „Rand“, in eine Art »Vorhölle« also. Diese schloss zwar ebenfalls die selig machende Schau Gottes aus, war aber immerhin ein etwas angenehmerer Ort. Durch die Aufhebung der Lehre vom Limbus wollte Benedikt XVI. das Bild eines grausamen Gottes korrigieren. »Die Logik des Schreckens«, wie der Philosoph Kurt Flasch die klassische Erbsündentheologie nennt, sollte nicht länger die Glaubenden bestimmen. Aber dann bekam der Papst doch Angst vor seiner eigenen Courage und ließ die Internationale Theologische Kommission erklären: „Die Theorie des Limbus bleibt weiterhin eine mögliche theologische Meinung“. Angesichts dieser Unentschiedenheit ist die Diskussion über Sinn und Unsinn der Erbsünde eher noch dringender geworden.

Die Erbsündenlehre ist eine »Erfindung« (so der katholische Theologe Wilhelm Geerlings) des heiligen Augustinus (354-430). Als alt gewordenem Bischof im nordafrikanischen Hippo verdunkelte sich sein Bild vom Menschen. Überall sah er Böses, Sündhaftes, Häretisches. Die Vertreibung aus dem Paradies deutete er als Schrecken für die Menschheit. Augustin wollte nicht anerkennen, dass die »ersten Menschen« beim Essen vom »Baum der Erkenntnis« ihre individuelle Freiheit entdecken. »Dadurch, dass der Mensch aus dem Paradies vertrieben wurde, kam er in die Lage, nun seine Geschichte selbst zu gestalten und sich als Individuum zu entwickeln«, meint treffend Erich Fromm.

Aber Augustinus wollte den Glanz der Gnade Gottes dadurch herausstreichen, dass er behauptete: Die Menschheit sei total der Sünde verfallen! Nur unter dieser Bedingung kann es die Pflicht zur Kindertaufe geben. Nur so kann sich die Kirche als notwendige und einzige Vermittlerin der Gnaden etablieren und zur universalen Mission aller Heiden aufrufen. Aber selbst wer getauft ist, kann nicht sicher sein, dass er wirklich gerettet wird. Denn Gottes Güte hat ihre Grenzen: In seinem Zorn über den Ungehorsam von Adam und Eva errettet Gott in seiner ewigen Vorherbestimmung nur einige Erwählte vor der ewigen Verdammnis. Der Mensch muss vor diesem wütenden Gott-»Vater« Angst haben. Aber kann Angst zum Glauben bewegen?

Anfragen der Vernunft ließ Augustin nicht gelten: Wider besseren Wissens übersetzte er einen Vers aus dem Römerbrief (5, 12) falsch und schrieb, darin dem Kirchenlehrer Hilarius folgend, dem griechischen Text zuwider: »In ihm«, also in Adam, »haben alle Menschen gesündigt«, er meinte damit: Förmlich alle Menschen seien in Adam schon enthalten gewesen. Davon ist in der korrekten Übersetzung keine Rede. Paulus spricht nur davon, dass durch einen einzigen Menschen die Sünde in die Welt kam und alle Sünder sind. Paulus sagt nicht, dass in Adam förmlich alle Menschen schon enthalten sind. Aber »Augustin brauchte diese Lesart«, betont der Augustin-Spezialist Kurt Flasch, um seine Erbsündenlehre als biblisch hinzustellen. Der Historiker Peter Brown ergänzt: »Der Gott des Augustinus war ein Gott, der eine Kollektivstrafe für die Sünde des einen Mannes, Adam, verhängt hatte«.

Diese Erbsündenlehre entzieht sich dem Erleben des einzelnen: Eine Person kann sich in ihrem freien Tun als individueller Sünder wahrnehmen. Sie kann sich aber nie als »Erbsünder« direkt fühlen und erleben: Die Erbsünde ist ein Konstrukt, eine bloße Theorie. Trotzdem gehört sie bis heute zum Kernbestand der christlichen Lehre aller Kirchen. Aber was ist gewonnen, wenn man den Krieg in Syrien als Resultat der Erbsünde deutet? Oder den Holocaust und die Tyrannei Stalins als Beispiele für eine erbsündliche Prägung der Menschheit? Augustinus hat nur allgemeine Sprüche zu bieten: Der Mensch sei zum Tun des Guten gar nicht in der Lage, er sei von Grund auf verdorben und zum klaren Denken unfähig. Deswegen sei auch die Philosophie vom Teufel. Die Konsequenzen sind katastrophal: Entweder fühlen sich die Menschen angesichts ihrer totalen Verderbtheit wie gelähmt, können sich nicht mehr frei entscheiden, gut zu handeln. Oder sie wollen in maßloser Begeisterung für Arbeit und Erfolg beweisen, dass sie doch von Gott »angenommen« sind. Die Erbsündenlehre ist ein unermesslicher Komplex verstörender Überzeugungen, die mit der menschenfreundlichen jesuanischen Botschaft nichts zu tun haben. Bekanntlich hat Jesus nie von »Erbsünde« gesprochen.

Zu allem Unglück aber hat Augustin seine Lehre auf das Feld der Sexualität ausgedehnt: Im Moment der Zeugung, lehrt er, werde die Erbsünde übertragen. Augustin duldete bekanntlich die sexuell bestimmte Liebe nur als »Instrument«, um Kinder zu zeugen. Auch die Ideologie vom »verführerischen Weib« hat hier ihren Ursprung genauso wie auch der Glaube an den Teufel: Schließlich wird die Schlange als ein gefallener Engel, als Teufel, gedeutet.

Früher galten weise Frauen als »teuflisch besessen«, sie wurden als Hexen verfolgt und verbrannt. Exorzisten »heilen« immer noch »Besessene«. Die Erbsündenlehre ist also eine Art »Schlussstein«, mit dem das ganze Gebäude klassischer Dogmatik steht oder fällt. Im offiziellen katholischen Katechismus (Vatikanstadt 1993) wird dem Mythos vom Sündenfall sogar die Qualität einer »Offenbarung« zugesprochen. »Wer an der Erbsünde rührt, tastet das Mysterium Christi an«. Denn Jesus ließ sich ans Kreuz schlagen, um die (Erb-) Sünde der Welt zu überwinden. Sein Opfer wird vom gütigen himmlischen Vater angenommen.

Nach Meinung vieler Theologen hat die Erbsündenlehre den christlichen Glauben verdorben. Sie ist eine esoterische Lehre des vierten Jahrhunderts, von der sich Christen endlich befreien müssen. Gibt es einen Ausweg? Augustins heftigster Gegner war Bischof Julian von Eclanum. Schon er war überzeugt: Kein Mensch ist so verdorben und so sündhaft, dass er nicht aus seiner eigenen freien Tat Gutes schaffen kann. Die menschliche Sexualität, auch die Lust, ist ein von Gott gewolltes Gut. Wenn der Mensch in seiner Freiheit Gutes tut, dann ist es seine gute menschliche Leistung. Gott ist wie ein unterstützender Helfer dabei. Er ermuntert dazu, dass der Mensch das Gute noch besser und umfassender tut. Doch Augustin setzte seine Überzeugung durch, auch mit Hilfe politischer Gewalt. Längst ist erwiesen: Die Mitglieder von Synoden, die damals über verschiedene Modelle zur Erbsündenlehre zu befinden hatten, konnte er durch Bestechung gewinnen: »Die siegreiche Partei galt dann als die rechtgläubige Partei«, so der Augustinusspezialist Kurt Flasch.

Doch um zu verstehen, warum Menschen in ihrer Freiheit böse handeln, braucht man nicht die Erbsündenlehre. Der italienische Theologe Giovanni Franzoni gibt die Richtung an: »Das Böse in der Welt ist voll und ganz innerhalb des Horizonts der Welt und des Menschen erklärbar«. Darin folgt er den grundlegenden Erkenntnissen Immanuel Kants: Das Böse kann schrittweise eingeschränkt werden, wenn die Menschen dem Spruch ihres Gewissens folgen. In ihm äußert sich das universale Sittengesetz, es kann selbst vom Verbrecher nicht ganz ausgeschaltet werden. Inmitten der Turbulenzen freier Entscheidungen hat die böse Tat ihren Ort. Aber die Freiheit als solche ist nicht deswegen böse, weil Menschen in freier Entscheidung auch Böses bewirken können. Diese Erkenntnis ist elementar, nicht nur für Kant, der betonte: Wenn ich mich von egoistischen Maximen leiten lasse und dem universalen Sittengesetz zuwider handle, entsteht Böses in der Welt. Böse ist ein egoistischer Lebensentwurf, weil er niemals allgemeines Gesetz für alle werden kann. Die Philosophin Hannah Arendt folgt in gewisser Weise Kant: Derjenige ist böse, der nicht selbst denken kann und denken will, sondern als »Mitläufer« den Autoritäten blind ergeben ist. Auch Hannah Arendt meint: Um Böses in der Welt zu verstehen, brauchen wir analytische Kritik, vernünftige Argumente, nicht Behauptungen einer Mythen nacherzählenden Erbsündenlehre.

Das Böse kann durch kritische Erziehung, durch Bildung und Gesellschaftskritik eingeschränkt werden. Woher der immer wieder erlebbare »Hang zum Bösen« (Kant) stammt, wird sich nicht restlos aufklären lassen. Aber dass der Mensch vorrangig gut ist, bleibt die wesentliche Erkenntnis Kants. Theologische Konsequenzen deuten sich an: Beim Abschied von der Erbsündenlehre befreit sich die Kirche von einem belastenden Menschenbild sowie vom Teufel und der Lehre von der allein selig machenden Kirche. Jesus ist nicht länger das »Opferlamm«, sondern das erlösende Vorbild, das zum Guten ermuntert. Ohne die Erbsündenlehre wird der christliche Glaube wieder elementar – einfach und vernünftig. Er nähert sich den guten Traditionen eines christlichen Humanismus, dem Ja zu Gottes guter Schöpfung. Wenn schon der Limbus (fast) abgeschafft wurde, dann wird auch eine Befreiung von der Angst machenden Erbsünden-Lehre möglich sein.

 

 

Krzysztof Charamsa, Theologe und Kaplan seiner Heiligkeit, legt das schwule Leben im Vatikan etwas frei

Krzysztof Charamsa, Priester und führender Mitarbeiter in der vatikanischen Glaubenskongregation, über Leben, Lieben und Lust der Glaubenswächter.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 3. 5. 2017

Der italienische Untertitel des jetzt auch auf Deutsch erschienenen Buches von Krzysztof Charamsa „Der erste Stein“ ist noch treffender: „Ich, ein schwuler Priester, und meine Rebellion gegen die Scheinheiligkeit (Heuchelei) der Kirche“. Das Buch ist tatsächlich Ausdruck einer Rebellion, des Aufstandes, der Erhebung, der Revolte. Ob diese tatsächlich ausgelöst wird, hängt auch davon ab, wie viele Theologen, Priester, Ordensleute und Bischöfe dieses Buch lesen und daraus Konsequen ziehen. Vielleicht sollten die Verlage dieses Buch jedem Bischof als Geschenk zu Pfingsten zusenden…

Auf Deutsch ist der Untertitel eher zurückhaltend „Der erste Stein“. Mit dem Untertitel „Als homosexueller Priester gegen die Heuchelei der katholischen Kirche“. Das Buch ist Ende April 2017 bei C. Bertelmann erschienen.

Es ist auch für die Interessenten des Religionsphilosophischen Salons wichtig, weil Religionskritik ein ständiges Thema bleibt. Das Buch ist keineswegs eine bloß aufgeregte, Neugier weckende „Skandalstory“. Es bietet vielmehr die Möglichkeit, durch die Erkenntnisse eines Insiders hinter die (tatsächlich auch im materiellen Sinne vorhandenen) Festungsmauern des Vatikans zu blicken.

Dieses Buch ist ein Dokument, das diese Mauern zwar nicht einreißen wird, aber doch etwas ins Wanken bringen könnte. Es ist wichtig für alle, die die innere Verfasstheit der klerikalen Mitarbeiter an der Spitze der römischen Kirche, also in der Glaubensbehörde, verstehen wollen. Mindestens jeder zweite Priester ist homosexuell, so betont das Buch, aber kaum einer lebt das offen, verzichtet also auf seine persönliche Identität. Das gilt auch für die Kirchenzentrale. Sie wird von Männern geführt, die „scheinheilig“ sind, wie der Buchtitel sagt. Das gerade im Jahr des Reformationsgedenkens 2017 freizulegen, als seit 1517 durch den Mönch Martin Luther die Welt des zölibatären Klerus wenigstens für die evangelischen Kirchen abgeschafft wurde, ist von besonderem Reiz. Das Buch zeigt einmal mehr die jetzt auch wieder allgemeine Erkenntnis, wie wenig sich das System und die Lehren der römischen Kirche tatsächlich durch Luther, auch nur entfernt, „berühren“ oder gar verändern lassen. Alles katholische Rede von ökumenischen Fortschritten heute ist angesichts dieser Dokumente doch sehr marginal

In jedem Fall: Das Buch von Krzysztof Charamsa ist ein durchaus historisch zu nennendes Dokument. Wer einen Vergleich will: Es ist so, als würde eines der führenden Mitglieder an der Spitze einer Parteizentrale das innere Leben, etwa die Korruption und die Verlogenheit dieser Parteizentrale freilegen. Das passiert weltweit selten, weil die Karriere wichtiger ist als das Zeugnis der Wahrheit.

Krzysztof Charamsa jedenfalls hat auf seine glänzende Karriere in der römischen Glaubensbehörde verzichtet. Immerhin hatte er den Ehrentitel Monsignore erhalten und durfte sich als „Kaplan seiner Heiligkeit“ ansprechen lassen.

Das Buch zeigt, dass im Reich des Papstes Scheinheiligkeit stärker ist als die nach außen hin gezeigte Heiligkeit.

Charamsas im engeren Sinne historisch-theologischen Publikationen in italienischer Sprache von 2002 bis 2014 sind eher von einem traditionellen theologischen Konzept, etwa den Interpretationen des mittelalterlichen Thomas von Aquin, geprägt. Er ist als Konservativer, vom Katholizismus Begeisterter, zum Rebellen geworden. Es gab den Bruch, das Nicht mehr Aushalten können der ständigen Verlogenheit, das ihn zum radikalen Abstandnehmen vom System führte: Krzysztof Charamsa hat sich in aller Öffentlichkeit am 3. Oktober 2015 in Rom als schwuler Priester, als Monsignore, als Theologiedozent und führender Mitarbeiter in der Glaubensbehörde, deren Chef der Deutsche Kardinal Müller ist, geoutet und sich zu seinem Partner bekannt. Selbstverständlich wurde er danach von dem zuständigen polnischen Bischof aller seiner Ämter entbunden und als Priester suspendiert, d.h. er darf in der Sicht Roms keine priesterlichen Funktionen mehr ausüben.

Das Buch bietet viele Erkenntnisse zum Zustand der katholischen Kirche, diese Erekenntnisse können hier natürlich nicht in der gebotenen Ausführlichkeit besprochen werden. chließlich soll eine Buchkritik nicht die Lektüre ersetzen, dass die Lektüre empfohlen wird, ist klar.

Es bietet eine Biographie des aus Polen stammenden Autors.

Es berichtet über den Zustand der katholischen Kirche in Polen nach der Wende, über die maßlose hysterische Verehrung des polnischen Papstes, den Kult um seine Denkmäler usw. „Der polnische Klerus besteht aus ideologischen Manipulatoren“ (Seite 53).

Interessant und kaum zu glauben ist der Zustand der offenbar miserable Zustand der Priesterseminare in Polen, nicht nur das schlechte Essen, vor allem das schlimme Niveau der dort gelehrten bzw. eingepaukten Theologie. “Die theologischen Hochschulen, Priesterseminare also, sind große Kasernen , „in denen die Rekruten eines Heeres gedrillt wurden, das im Dienst einer restriktiven Ideologie stand“ (S. 72). Nebenbei: Diese Priester werden nach ganz Europa geschickt, um den im Westen aussterbenden Klerus zu ersetzen…

Überhaupt die Theologie, das wäre ein eigenes Thema: Man erlebt einmal mehr, dass diese dort in den Seminaren Kirchen- Lehre offenbar nur mit Mühe noch Wissenschaft zu nennen ist.

Das Buch zeigt, wie die vielen homosexuellen Priester im Vatikan sich permanent selbst verleugnen und sogar zu expliziten Feinden der Schwulen werden, bloß um nicht aufzufallen und korrekt zu erscheinen. Diese Freilegung des Lügen-Systems, in das der einzelne homosexuelle Priester und Theologe gezwungen wird, ist wohl psychologisch und religionsphilosophisch am bedenklichsten. Theologen, die sich selbst ständig belügen und keine (sexuelle) Identität haben dürfen, kontrollieren als Mitarbeiter der Glaubensbehörde jene Theologen, denen man vorwirft, gegenüber dem Lehramt zu lügen, Irrlehren zu verbreiten. Lügner kontrollieren also so genannte Lügner. Denn die angeblichen „Ketzer“ sind ja nur solche, die kreativ die Theologie etwas voranbringen wollen. Und dann verfolgt werden.

In dem Buch nennt der Autor seine Behörde, die Glaubenskongregation oft „Inquisitionsbehörde“.

Über Papst Franziskus wird oft voller Zustimmung gesprochen. Nur glaubt der Autor nicht, dass der Papst sich gegen die Macht des vatikanischen Apparates durchsetzen kann. Er berichtet, dass bei einem Kongress über die Ehe (gemeint war der Kamf gegen die Homoehe) der Papst sogar eine Rede abgelesen hat, die die konservativen Veranstalter ihm „aufgesetzt hatten“ (S. 175).

Insgesamt zeigt das Buch lang und breit, dass die Mitarbeiter der Glaubenskongregation permanent und ständig vom Thema Homosexualität wie getrieben sind, als gäbe es nichts anderes in dieser Kirche und dieser Welt. In dieser Fixiertheit zeigt sich einmal das narzisstische Verhalten dieser Kleriker. Sie kennen nur sich und die Verleugnung ihrer Identität, um Karriere zu machen, vielleicht einmal Bischof zu werden etc…

Bitter böse ist etwa ein Text, wie ein Gebet, von Krzysztof Charamsa formuliert auf Seite 177: „Gott, segne den Papst und seine Kirche. Aber Gott, halte sie fern von uns. Seine Leute (also der Klerus) können der Menschheit nicht länger den rechten Weg weisen….

An anderer Stelle ein ähnlicher Gedanke: „Das starre System der Kirche muss zerstört werden, damit sie wieder zu einer Kirche der Menschen werden kann, wie ich einer bin“ (S. 280).

Mein Coming out habe ich „der Kirche mit aller Macht ins Gesicht geschrieen“ (280). Mit diesem Buch will Krzysztof Charamsa „nur einen ersten Stein legen, einen Grundstein zu einem Leben in Freiheit“ (259). Zusammenfassend: Charamsa hat „ das Reich der Lüge hinter sich gelassen“ (Seite 281)

Fragen zum Buch:

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass Krzysztof Charamsa erklärt, warum er das Pontifikat von Papst Benedikt XVI. das „schwulste Pontifikat der Neuzeit“ (S. 165) nennt, sicher weil der deutsche Papst die alten hübschen Gewänder und roten Schuhchen wieder aus der Mottenkiste hervorholte und den Pomp liebte. Sicher auch, dass seine Texte gegen Homosexuelle vor Menschenrechts-Gerichten hätten verhandelt werden müssen. Aber warum mag Charamsa diesen Papst? Warum sagt er kein Wort zu den nun einmal überall kursierenden Erzählungen, von Zeugen belegt, Ratzinger sei selbst „betroffen“, also schwul. Das ist überhaupt nicht schlimm. Schlimm ist die Verleugnung dieser Identität, die zur Verfolgung derer führt, die eben nicht so verklemmt sind wie man selbst!

Bei einer weiteren Auflage des Buches würde ich mir wünschen, dass ausführlicher auf seine Tätigkeit als Dozent in der Universität des Ordens Legionäre Christi in Rom eingeht. Eine Seite zu dem Thema ist zu wenig über diesen immer noch einflussreichen Orden, der jetzt überlebt, ohne seinen Gründer auch nur nennen zu dürfen, nämlich den pädophilen Verbrecher Pater Marcial Maciel. Ein Orden, der förmlich vor Geld stinkt, wie mexikanische Journalisten dokumentieren. Es ist für die Unabhängkeit der Wissenschaft eigentlich ein Skandal, wenn Leute aus der Glaubensbehörde auch noch als Theologiedozenten in der Uni der genannten Legionäre Christi wie auch der Jesuiten-Universität Gregoriana tätig sind. was ist das für ein Niveau? Offenbar findet man diesen Niedergang freier wissenschaftlicher Forschung in Rom normal. Wie wäre es also, dem vatikanischen Vorbild folgend, wenn Beamte des BND Vorlesungen zur Sicherheitspolitik an der Uni halten? Oder der Innenminister als Professor einer Uni die innere Ordnung Deutschlands lehren würde…

Interessant wäre es, wenn man erfahren könnte, wie viel der so gefragte Theologe und Prälat Charamsa als ein hoher Funktionär in der Glaubensbehörde monatlich verdient hat. Woher kommt das Geld für alle diese klerikalen Diener des Systems? Denn die privaten Reisen, von denen die Rede ist, sind ja selbst mit Billigfliegern nicht ganz gratis. Und wie und wo wohnte er als Kaplan seiner Heiligkeit? Vielleicht Seite an Seite mit Kardinal Müller? Da kann man doch Klartext reden!

Dass der Autor keine Namen der offenbar scharenweise homosexuellen Priester in der Glaubenskongregation ist ein bisschen verständlich, man will sich kostspielige Prozesse ersparen. Aber einige Namen betroffener Prälaten usw. sind ja auf anderem Wege doch schon in die Öffentlichkeit gelangt. Warum diese enorme Angst?

Merkwürdig kurz fällt auch der Hinweis auf das reaktionäre polnisch-katholische Rundfunk/Fernsehimperium MARYJA aus. Mich würde interessieren, warum scheitern alle Versuche, den Gründer dieser Propaganda-Maschine, Pater Rydzyk vom Redemptoristenorden, aus dem Verkehr zu ziehen?

Auch über die theologische Fakultät in Lugano (Schweiz) hätte man gern mehr erfahren, an der Krzysztof Charamsa einige Jahre studierte. Diese Fakultät gilt als Zentrum sehr konservativer religiöser Gemeinschaften, wie dem Neokatechumenat. Auch Professoren dieser Lehranstalt, wie Manfred Hauke, er war Assistent bei dem Traditionalisten Prof. Ziegenaus in Augsburg, gehören dem sehr konservativen Flügel an.

Trotz dieser offenen und natürlich vom Autor gewünschten kritischen Fragen (das ist ja demokratische Kultur) ist das Buch durchaus ein historisches Dokument. Zum ersten Mal in der Kirchengeschichte gibt es ein „coming out“ eines prominenten „Kaplans seiner Heiligkeit“. Die traurige Geschichte der Homosexuellen, über die wir so wenig wissen, weil alle Zeugnisse immer vernichtet wurden, bekommt durch das Buch eine neue, durchaus befreiende Bedeutung.

Wird der Apparat der Kirche so dumm sein, und dieses Buch übersehen? Ignorieren? Polemisch belächeln? Schon möglich. Die Macht des Apparates ist leider immer noch gewaltig und gewalttätig. Wie viele Menschen, wie viele Homosexuelle, sind durch die perversen Verurteilungen aus Rom in ihrem Leben irritiert und zerstört worden? Wer spricht von den vielen Opfern? Wann finden Bußgottesdienste der (selbst schwulen) Kardinäle in Rom statt, in denen sie sich heftig entschuldigen, für alles Leid, das sie und ihre Vorgänger homosexuellen Menschen angetan haben und antun. Die Festpredigt sollte dann der Priester Krzysztof Charamsa halten. All das wird in diesem Jahrhundert nicht mehr passieren. Die Mauern des Vatikans sind „ewig“, und die Insassen dieses geistigen (leiblichen) Gefängnisses sind noch stolz auf diese „Ewigkeit“…

Copyright: Christian Modehn . Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

Benedikt der Sechszehnte wird neunzig: Der konservative „EX-Papst“ im Hintergrund.

Joseph Ratzinger, Benedikt XVI., wird am 16. April 2017 90 Jahre alt

Hinweise von Christian Modehn

Der Chefredakteur der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (München), der Jesuiten Theologe Andreas Batlogg, hat nach dem Erscheinen des Interviewbuches mit Joseph Ratzinger (Ex-Papst Benedikt XVI.) recht mutig im Deutschlandfunk (9.9.2016) gesagt: Das neue gemeinsame Buch mit Peter Seewald „Letzte Gespräche“ (erschienen im September 2016) „dürfte es eigentlich nicht geben“. Es sei stillos, wenn Ratzinger den gegenwärtigen wirklichen und wirkenden Papst Franziskus „in diesem Buch kommentiere“. So werde der Eindruck geweckt, Joseph Ratzinger sei doch noch irgendwie als Papst tätig… Dabei hatte er versprochen, nach seiner Abdankung (am 28.2.2013) zu schweigen. Aber wer einige Meter vom tatsächlichen Papst entfernt wohnt und nicht etwa im bayerischen „Gnaden“-Ort Altötting, der beobachtet alles, hört alles und redet auch mal wieder, um seine bekannten, mindestens sehr konservativ zu nennenden theologischen Meinungen zu verbreiten.

Pater Batlogg sagte in der Radiosendung: „Ich denke Benedikt ist sich treu geblieben. Er ist sich treu geblieben, ich bin da (in dem Buch, CM) Feindbildern und Klischees begegnet, die ich aus den 70er Jahren kenne… Ich merke, da hat er Feindbilder, die er über Jahrzehnte behalten hat, und jetzt, wo er wieder viel fitter ist als bei seinem Rücktritt im Februar 2013, da kommen diese Dinge wieder. Ich denke er schadet sich damit selbst“.

Wohl wahr… Aber diese Worte des EX – Papstes helfen auch all den vielen Prälaten, Kardinälen und reaktionären „neuen“ geistlichen Gemeinschaften usw., die ihm, dem Benedikt, verbunden sind und förmlich darauf warten, dass der „alte Geist, der Ratzinger- Geist“, wieder herrscht. Solches freut doch den munteren Ex-Papst. Noch nie wurde wohl von Konservativen bzw. reaktionären Katholiken das Verschwinden eines Papstes so ersehnt wie das Ende von Papst Franziskus. Es gibt bekanntlich Bücher katholischer Journalisten, die den Hass auf Papst Franziskus dokumentieren, wie etwa „Les ennemis du Pape“ (Bayard Presse, Paris, 2016. „Die Feinde des Papstes“. Mit dem tatsächlichen Untertitel: „Über jene, die seinen Tod wollen“; Autor ist der sehr katholische Journalist Nello Scavo. Es werden bald Studien erscheinen, warum wohl Papst Franziskus bei Begegnungen mit ihm Wohlgesinnten immer wieder diese förmlich anflehte: “Betet für mich“. Diese permanente Häufung von Gebets-Wünschen lässt auch Böses ahnen…

Nun wird Joseph Ratzinger am 16. April 2017 90 Jahre alt. Uns interessiert nicht so sehr, ob irgendwelche lieben Domspatzen oder Altöttinger Liebfrauen-Brüder ihn beehren werden und bayerische Schweine-Schmankerl mitbringen.

Wir entsprechen nur den Nachfragen einiger LeserInnen dieser Website: Sie baten darum, noch einmal einige zentrale Texte aus unseren Forschungen zu Ratzinger zugänglich zu machen. Dabei ist für mich keine Vollständigkeit erreichbar. Etwa die Themen „Unterdrückung der Kenntnis und der Bestrafung sexueller Täter in der Zeit von Ratzingers Tätigkeit als oberster Glaubenschef in Rom“ werden nicht erwähnt, das haben andere schon getan. Im Rahmen unserer Forschungen zu dem entsprechend belasteten Orden der „Legionäre Christi“ wurde hingegen oft von Ratzinger/Benedikt XVI. gesprochen.

Tatsache ist und die ist wichtig für die Geschichte der katholischen Religion: Unter Benedikt XVI. wurde die traditionelle Kirche, ganz auf den zölibatären Klerus fixiert, weiter gestärkt. Mit all den katastrophalen Folgen durch Priestermangel in den europäischen und nordamerikanischen Gemeinden. Tatsache ist weiter, dass dieser Papst die evangelischen Kirchen nie als Kirchen anerkannt hat. Hingegen schwadronierte Benedikt XVI. von einer Versöhnung mit den, Verzeihung, theologisch weithin verkalkten und oft korrupten orthodoxen Staatskirchen. Wer will mit Putin-Patriarchen und Bischöfen schon „eins“ werden und im uralten, dort üblichen Kirchenslawisch Gesänge schmettern?

Es werden hier also nur einige Beispiele, seit 1968, und einige Grundhaltungen des Theologen Ratzinger aufgezeigt, die er als Papst nicht aufgeben wollte und konnte. Ratzinger hatte ja bekanntlich seine private Theologie als DIE Theologie des Katholizismus vertreten und mit Gewalt verteidigt und durchgesetzt. Ihn inspirierte völlig der Kirchenvater Augustinus (gestorben 430) und eben nicht Karl Rahner oder Hans Küng.

Zu einem längeren biographischen Hinweis zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers seit 1968 klicken Sie hier.

Zum Widerspruch Benedikts gegen Formen des so genannten Relativismus klicken Sie hier.

Zu seiner Ehelehre und der Zurückweisung jeglicher Homo-Ehe klicken Sie hier.

Zu dem merkwürdigen Phänomen der ins Idolatrie abgleitenden Papsthymnen bei seinem Besuch in Mexiko klicken Sie hier.

Die Versöhnung mit den reaktionären Pius-Brüdern (gegründet von Erzbischof Marcel Lefèbvre) ist sicher eine der schwer wiegendsten Entscheidungen Benedikt XVI., sie zeigt wohl auch seine versteckten und unausgesprochenen Sympathien für diese angeblich so treu ergebenen katholischen Kreise… Über die so gütigen, verständnisvollen Bemühungen Ratzingers/Benedikt XVI., mit diesen auch politisch reaktionären, oft dem FN nahe stehenden traditionalistischen Kreisen (in Frankreich) zu einer Versöhnung zu kommen, wird in dem Bericht zur politischen Rechtslastigkeit Ratzingers gesprochen. Besonders die Affäre um den FN –Freund Abt Calvet von Le Barroux ist unvergessen: Dieses traditionalistische Benediktinerkloster versöhnte sich mit dem Papst, durfte aber die eigene reaktionäre Theologie und Politik ungebrochen fortsetzen. Calvet war ein Freund des Pétain Anhängers und Nazis Paul Touvier….Der Abt zeigte sich verständnisvoll für die Brandstifter, die das Kino „St. Michel“ in Paris 1988 anzündeten, als dort der Scorsese Film „La dernière tentation de Jésus“ gezeigt wurde. Die Brandstifter machten übrigens ihre Exerzitien in seinem Kloster. Diese Versöhnung mit Le Barroux und weiteren reaktionären Klöstern ist eine der ganz dunklen Seiten in der Theologie und Kirchenpolitik Ratzingers. Über sie wird kaum noch gesprochen. Die Versöhnung mit dem Papst wurde im Kloster „Le Barroux“ übrigens groß gefeiert, Kardinal Mayer OSB reiste aus Rom eigens an und feierte die Messe mit vielen rechtsextremen Frommen, wie etwa Bernard Anthony vom FN und dem Chefredakteur der FN Zeitung „Présent“ Jean Madiran. Ratzinger jedenfalls meinte unschuldig und nach außen naiv: „Die traditionalistische Messe auf Latein (d.h. der Priester spricht still seine Texte vor sich hin, mit dem Rücken zum schweigenden, bzw. den Rosenkranz betenden Volk,CM) ist ein Bollwerk für den Glauben“ (Viele Details sind nachzulesen in der wichtigen Studie „Des Intégristes très intégrés“ in: Les Dossiers du Canard, „Les Cathocrates“, Paris 1990, Seite 20 f.).

Zu Abt Dom Gérard einige Hinweise sogar auf Englisch vom Kloster selbst: https://www.barroux.org/en/nos-fondateurs-articles/dom-gerard-en.html

Ein eigenes Thema wäre: Wie betreibt Papst Franziskus die weitere Versöhnung mit den Pius-Brüdern? Manche kundigen Beobachter sagen: Die Versöhnung steht bevor. Warum wohl? Weil diese Piusbrüder eben viele junge Priester haben. Die sind ja absoluter Mittelpunkt im katholischen Denken! „Der Klerus muss herrschen“. Das ist die selten besprochene, aber tatsächlich wichtigste Botschaft des Vatikans im Reformationsgedenken 2017.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Der Papst. Zu einem neuen Buch von Kardinal Gerhard Müller, Rom.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16. Februar 2017

Eine erste Beobachtung:

Die Widmung Müllers gleich zu Beginn zeigt bereits die Richtung des auf über 600 Seiten ausgebreiteten Inhalts: Auf Latein geschrieben, wie es sich wohl für den obersten Glaubenswächter in Rom gehört, sagen schon die ersten beiden Zeilen sehr viel, von Chr. Modehn übersetzt:  „Der heiligen römischen Kirche, der Mutter und der Lehrmeisterin aller Kirchen…. widmet der Autor dieses Buch“.

Die römische Kirche als Lehrmeisterin aller Kirchen … und der Papst dann als oberste Lehrer aller, dieses Worte, 2017 ausgesprochen, sind doch verstörend. Diese Behauptung ist eine schlechte Empfehlung für alle weiteren ökumenischen Bemühungen im Lutherjahr 2017: Rom als die „Mutter aller Kirchen“ muss doch von allen (auch abtrünnigen Söhnen) geliebt werden. Zurück zur Mutter-Brust könnte man denken… Der Kardinal in seinem Vatikan-Palast sieht „bislang unüberbrückbare dogmatische Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten“ (S. 489), nämlich im Blick auf das Weihesakrament! Diese Gegensätze sehen viele Katholiken an der Basis sicher nicht mehr. Sie wollen darum endlich gemeinsam Abendmahl feiern mit Protestanten, siehe etwa das aktuelle und richtige Statement von Pater Klaus Mertes SJ, klicken Sie hier. Aber der hohe Herr im vatikanischen Palast insistiert auf der dogmatischen Überlegenheit des Katholizismus, also bestehen die unversöhnten Gegensätze fort.

Wie sich katholischer Glaube zusammensetzt, dürfte auch für Protestanten interessant sein, Müller sagt: „Er ergibt sich aus der Heiligen Schrift, dem Glaubensbekenntnis, den Katechismen, den bisherigen Lehrentscheidungen der Kirche“ (S. 332). Für die Freunde der „liberalen wissenschaftlichen Theologie“ also der Hinweis meinerseits: Von Vernunft als Quelle eines humanen Glaubens ist da keine Rede… Aber wichtig ist der folgende Satz von Müller, der alle Korrektur, alle Zurücknahme früherer, jetzt aber im Denken vieler doch heute überholter Lehren betrifft: „Die schon entschiedenen Glaubensfragen können auch nicht mit dem Vorwand ihrer Weiterentwicklung ins Gegenteil verkehrt werden“ (332). So etwas nennt man wohl einen steinernen, leblosen Dogmatismus, dem jegliche Lebendigkeit und Wandelbarkeit durch das gelebte (religiöse) Leben und Erkennen abgeht. Warum? Um die eigene Macht- und Privilegien-Position unbedingt zu halten…

Eine zweite Beobachtung:

Dieses umfangreiche Opus des Kardinals erscheint gleichzeitig mit einem Buch, das ein Mann verfasst hat, der Jahre lang als Junge von einem Kapuzinerpater in der Schweiz missbraucht wurde: Daniel Pittet ist der Name des Opfers. Der Priester, der immer wieder vergewaltigte und dann von einem Kloster zum anderen versetzt wurde, heißt Joel Allaz, er lebt in einem Kloster in der Schweiz. Für dieses Buch von Daniel Pittet, voller schlimmster Erinnerungen, hat Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben! Das passiert ja nicht alle Tage: der Papst als Autor eines Vorwortes. Der Titel de Buches: Mon Père, je vous pardonne (éditions Philippe Rey). Für Müllers Werk über den Papst hingegen hat Papst Franziskus nichts geschrieben.

Eine dritte Beobachtung:

Kardinal Müller schildert auf 90 Seiten gleich zu Beginn seine glanzvolle Karriere voller tiefer Gläubigkeit im „Dienst“ „der“ Kirche. In diesem biographischen Teil lobt der Kardinal Papst Benedikt XVI. in den höchsten Tönen, er konnte „auf eine bewundernswerte Kenntnis der Theologie- und Dogmengeschichte zurückgreifen“ (S. 95 usw.)…Das theologisch und exegetisch völlig veraltete und überholte dreibändige Werk Ratzingers über Jesus von Nazareth lobt Müller selbstverständlich: Beide, Ratzinger und Müller, sind von demselben Geist: Sie verstehen die Aussagen des Neuen Testaments im Grunde wortwörtlich, die sie zur Verteidigung ihrer eigenen Position brauchen: Also: Jesus hat den armen Fischer Petrus als ersten Papst gewollt und bestellt. Jesus von Nazareth wollte eine Kirche gründen, die katholische Kirche, natürlich: Solche bibelwissenschaftlichen Behauptungen kann heute kein Theologiestudent mehr in einem Exegese-Seminar vertreten. Eminenz Müller tut es. Da wird eine fundamentalistische Bibeldeutung betrieben, passt dies zu einem einstigen Theologieprofessor (in München)? Soll man über den Satz Müller lachen oder weinen? Wenn er sagt: Jesus habe also den Apostel Simon (Petrus) zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche aufbauen will: „Damit ist Jesus selbst der Urheber der Verfassung der Kirche“. Fehlt bloß noch, dass sich Jesus von Nazareth irgendwann bei einem Spaziergang durch Palästina, schon die Glaubenskongregation in Rom, einstmals das grausame Heilige Offizium und die Inquisitionsbehörde wünschte…Interessant wäre es, wenn der Satz aus dem Matthäus-Evangelium (23,8) mit der gleichen fundamentalistischen Energie im Vatikan interpretiert und vor allem gelebt würde, der Satz aus dem Munde Jesu an seine Jünger heißt: „Nennt euch nicht Meister“. Also, Ihr seid keine Meister, keine obersten Lehrer, keine Direktoren eines heiligen Offiziums…

Eine vierte Beobachtung:

Während die Lobeshymnen auf Ratzinger recht lang ausfallen in der Biographie Müllers, sind die Worte zu Papst Franziskus eher karg. Und ich weiß nicht, ob Müller sich des Lobes, der Ironie oder des Zynismus bedient, wenn er die wenigen Zeilen im Kapitel „Meine Lebensgeschichte“ zu Papst Franziskus wiederum auf Latein mit der Überschrift versieht: “Feliciter regnans“, also „glücklich“ bzw. auch „mit Erfolg regierend“. Man muss nur die Weihnachtsansprachen von Papst Franziskus vor der Kurie in Rom lesen, um zu sehen: Dieser Papst ist mit diesem seinem Hof (curia) höchst unzufrieden. Und mit den ultrakonservativen neuen Orden ist er ebenfalls nicht glücklich, geschweige denn mit dem Finanzgebahren des Vatikans. Dass er mit einer prunkvollen Palast-Wohnung nicht glücklich war, zeigt sein bescheidenes Leben in einer Art Hotel „Haus St. Marta“ usw. usw…

Das soziale Engagement des angeblich glücklich regierenden Papstes erwähnt Müller ausführlicher: Dass im Sozialen auch ein neues theologisches (!) Amtsverständnis sichtbar wird, sagt Müller nicht. Für ihn ist Papst Franziskus eine Art sozialer Prophet. „Der bessere Theologe bin ich, Müller“, denkt man dann wie automatisch.

Eine fünfte Beobachtung:

Durchgehend wird, beinahe für den philosophisch gebildeten Leser unerträglich, die feindselige Abwehr des Herrn Müller gegenüber der Aufklärung, dem „Freidenkertum“ (was auch immer Müller darunter verstehen mag), dem liberalen Denken und dem Kulturprotestantismus ausgebreitet. Von „Selbstdenkertum der Moderne“ ist abfällig die Rede, was soll diese Bezeichnung? Würden mehr Menschen selbst denken und urteilen, würde es besser in der Welt und der Kirche aussehen. Dieser Theologe bejaht nicht die Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat und die Laizität. Wie sehr schätzt er eigentlich die Demokratie? Mit dem Philosophen und Politiker (und Berlusconi-Freund) Marcello Pera ist Müller der Meinung, dass die (in meiner Sicht ja bloß ansatzweise) „Versöhung von Christentum und Moderne“ ein Fehler für die katholische Kirche ist (399).

Eine sechste Beobachtung:

Müller betont einmal mehr seine Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez aus Peru. Müller betont, wie wichtig ihm die Befreiungstheologie wurde. Mit seiner Freundschaft zu Gutiérrez will er die Theologie der Befreiung spalten, in eine gute (moderat wie Gutierrez) und in eine böse, weil radikale auch Papst-kritische, repräsentiert in dem großen Leonardo Boff… Müller sagt, er habe auch in Peru Theologie doziert. Ob er dort Befreiungstheologie dozierte oder aus seinem Dogmatik-Handbuch aus Regensburg vorgelesen hat, wissen wir nicht so genau. In jedem Fall hat das Leben in der angeblich bitteren Armut Perus den Herrn Kardinal Müller nicht dazu bewogen, nun in Rom weiterhin explizit den Impulsen der Befreiungstheologie zu folgen. Oder seinen eigenen Wohn-Palast aufzugeben und etwa im Sinne der Befreiungstheologie arm in einem Hochhaus in der römischen Vorstadt zu wohnen. Nach einer jüngsten Veröffentlichung des Vatikan-Insiders, des Journalisten Gianluigi Nuzzi „bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig“ (Wochenblatt Regenburg vom 30.12. 2015, Autor Christian Eckl).

Also: Nichts als Nebel, wenn die Freundschaft zu Pater Gustavo Gutierrez OP so deutlich gepriesen wird und sich Kardinal Müller als Freund der Armen und ihrer Theologie etablieren will, siehe dazu schon einige Hinweise zu Müller und seiner Freundschaft mit Gutiérrez vom 2.1. 2016, klicken Sie hier. .

Eine siebente Beobachtung:

Man suche bitte im Register des Buches nach Namen, die zu dem Thema Papsttum von höchster wissenschaftlicher Bedeutung sind. Hans Küng sucht man vergeblich. Sein Name kommt nicht vor. Küng ist immer noch ein Verschmähter, zu klug für die Beamten im Vatikan. Er darf auch in Herrn Müllers Papstbuch nicht vorkommen. Küng hat bekanntermaßen das wichtige Buch „Unfehlbar“ geschrieben. Auch Hubert Wolf, Kirchenhistoriker, sucht man vergebens. Auch Leonardo Boff, den Befreiungstheologen. Hingegen kommt Lenin zweimal vor… Den Namen Benito Mussolini sucht man auch vergebens, er hat bekanntlich den Deal geführt, der zur Gründung des Staates Vatikanstadt führte. Nebenbei: Zur doppelten Rolle des Papstes als geistlicher Führer und als Staatschef habe ich bisher nichts gefunden in dem Buch von Müller. Auch den Namen Lorenzo Valla sucht man vergebens. Er hat schon im 15.Jahrhundert nachgewiesen, dass die so genannte Konstantinische Schenkung eine Fälschung ist. Aber der reaktionäre Papst-Verteidiger Joseph de Maistre hätte gut in die Reflexionen von Herrn Müller gepasst.

Auch die Literaturliste, offenbar die verwendete Literatur, ist dürftig. Hans Küng wird auch da nicht erwähnt. Hingegen Dietrich Bonhoeffer, den Müller manchmal zitiert, aber nicht dessen Überzeugung, man müsse als Christ heute so leben, als gäbe es Gott nicht usw…Der italienische Politiker Marcello Pera wird erwähnt mit seinem Buch über (bzw. gegen) den Relativismus. Pera stand und steht Berlusconi sehr nahe. Insgesamt ist das ein klägliches, sehr auf konservative Autoren gerichtetes Literaturverzeichnis. Man wird neugierig, wenn völlig entlegene Werke im Literaturverzeichnis auftauchen, etwa das Buch von Richard Baumann über den Papst, das in einem Verlag erschien, der sonst explizit traditionalistisches Schrifttum verbreitet. Baumann war hoch umstrittener Konvertit zum Katholizismus. Konservative Autoren als Literaturempfehlung im Verzeichnis, Remigius Bäumer, Louis Bouyer, Kardinal Walter Brandmüller, Heinrich Denifle, Ludwig Ott, Kardinal Leo Scheffczyk  usw…Manch ein Leser hätte förmlich Lust, Bücherpakete von aktuellen Theologen nach Rom zu senden…

Man wird den Eindruck wieder einmal nicht los: Diese Art von offizieller, man möchte sagen, Vatikan-staatstragender Theologie erweckt Assoziationen an das Niveau der alten Parteihochschulen der SED und anderer kommunistischer Parteien: Da wird hier wie dort nur selbst-bezogen argumentiert; die offiziellen Texte werden nach offizieller Lesart bearbeitet und zitiert; Funktionäre zitieren sich gegenseitig, Parteibeschlüsse bzw. Bischofsbeschlüsse, Konzilienbeschlüsse, Ergebnisse bilateraler Arbeitsgruppen usw.  werden hin und her zitiert. Die „Argumente“ dienen dem Machterhalt der Institutionen und ihrer Profiteure. Von kritischem, wenigstens wachem Geist kein Spur. Dies ist das Elend der offiziellen katholischen Theologie.

Sie ist in unserem Beispiel keine unabhängige Wissenschaft. Sie kennt keinen Abstand zum privaten Glauben des Autors Müller, der oftmals esoterisch gefärbt ist. Wie anders als esoterisch, also nicht-theo-logisch, d.h. logos-mäßig, vernünftig argumentierend, kann man denn diesen Satz von Herrn Müller (S. 102) lesen zur Ehe-Theo-„logie“: „Die Ehe ist als Sakrament eine vollkommene Analogie der hingebenden Liebe Christi am Kreuz, durch die er sich die Kirche als Braut erworben hat… Weil Gott selbst (!) die christlichen Ehegatten aufgrund ihres freien Ja-Wortes miteinander verbunden hat, sind sie darum in Christus ein Fleisch geworden. Und darum ist die Ehe auch innerlich unauflösbar“ (S. 103). Nur einmal als Test: Man lese bitte diesen Satz jungen Leuten vor, vielleicht Eheleuten in einem Elendsviertel in Lima, Peru, oder in Berlin-Kreuzberg laut vor und überprüfe die Reaktionen…  Man sieht nur an diesem Beispiel, dass Müller mit seinem Papst-Buch auch die heute angeblich so furchtbar wichtigen Themen der Ehe-Theologie mitbehandeln will.

Eine achte Beobachtung: Eher nebenbei formuliert.

Es ist ein Beleg für die abgehobene Sonderrolle in einer abgeschlossenen Sonderwelt im Vatikan, dass sich Kardinäle, so auch Herr Müller, mit dem eher zum Schmunzeln führenden Namen „Gerhard Kardinal Müller“ tatsächlich als Autor präsentieren… und bitte auch in ergebenen katholischen Kreisen so angeredet werden wollen. Und die Ergebenen tun das auch.  Ich hätte spaßeshalber Lust, meinen kurzen Beitrag so zu zeichnen: „Christian Journalist Modehn“. Geschrieben am Hochfest der heiligen Juliana von Nikomedien oder wahlweise am Hochfest des seligen Papstes Gregor X. Dies ist säkular gesprochen: Der 16. 2. 2017.

Noch etwas nebenbei: Kardinal Müller hat sein Opus, wie er auf Seite 16 im Vorwort schreibt, vollendet zu Rom, „am Hochfest der Cathedra Petri 2017“. Für alle nicht so einschlägig Gebildeten: Dieses Fest feiern die Kardinäle in Rom und anderswo am 22.Februar. Es heißt auf Deutsch: „Petri Stuhl-Feier“. Gefeiert wird der Sitz Petri! Verwunderlich ist: Das Vorwort wurde laut Datierung (22.2. 2017) von Herrn Müller geschrieben nach dem Erscheinen des gedruckten Werkes. Ich habe das Buch seit dem 14. 2. 2017 in den Händen. Ist da etwa ein Druckfehler passiert? Oder findet da eine Art Bedürfnis einen Ausdruck, dieses Buch an einem Papstfeiertag zum Druck abgegeben zu haben?

Das Buch „Der Papst. Sendung und Auftrag“ ist am 14.2.2016 im Herder Verlag erschienen. Es wird weitere Debatten über den Zustand katholischer Theologie in Rom auslösen. Dieser Beitrag war eine erste kritische Ermunterung, in dieses voluminöse und verstörende Werk zu schauen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Militärdiktatur in Argentinien und die Kirche: Ein verdrängtes Thema kehrt nun wieder

Ein Hinweis von Christian Modehn

33 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur in Argentinien (sie dauerte von 1976 bis 1983) sind am 25. August 2016 – endlich – einige der führenden Mörder und Folterer aus den herrschenden Militärkreisen in der argentinischen Stadt Cordoba verurteilt worden. General Luciano Benjamin Menéndez z.B. wurde in 54 Fällen von Mord, in 656 Fällen von Folter und in 257 Entführungen für schuldig gesprochen; er hatte damals den Titel „die Hyäne“: „Er tötete nach Lust und Laune“, schreibt die argentinische Journalistin Marta Platia in „der Freitag“ vom 1.9.2016, Seite 10 in ihrem ausführlichen Prozessbericht. Dieser Verbrecher hat einen Rekord an lebenslangen Haftstrafen „gesammelt“: Es sind 10 lebenslängliche Strafen und noch einmal zweimal 20 Jahre…Bereut hat er auch nach dem Prozess nicht und nichts. Preisgegeben hat er seine Informationen, etwa zur Lagerung der Ermordeten, auch nicht.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin“ ist an der Verteidigung der Menschenwürde und der Menscherechte lebhaft interessiert und engagiert. Von unserem speziellen Interesse an Religionen und Kirchen soll nur darauf hingewiesen werden:

Die Diskussion über die Rolle der katholischen Kirche während der argentinischen Militärdiktatur wird nun hoffentlich auch in Europa, auch in Deutschland, wieder lebhafter und objektiver werden. Durch die Arbeiten der investigativen französischen Journalistin Marie-Monique Robin ist das Thema seit der Wahl Kardinal Bergolios zum Papst immer wieder kontrovers diskutiert worden, zur Lektüre des französischen Textes klicken Sie hier.

Deutlich wird einmal mehr, wie personell gut ausgestattet die Militär-Seelsorge unter den Diktatoren war, dazu haben inzwischen argentinische Historiker lange und offenbar vollständige Listen mit entsprechenden Beschreibungen der Details publiziert. Tatsache ist, dass viele Militär – und Polizeiseelsorger bei den Folterungen aktiv dabei waren. Erwähnt wird unter vielen anderen auch ein Jesuitenpater (Martin Gonzalez SJ) als Militärgeistlicher, der dieses Amt (von 1971 bis 1977), wie allgemein auch in anderen Orden üblich, nur mit Zustimmung seines damaligen Provinzials, Pater Bergiglio, ausüben durfte. Pater Bergoglio war Provinzialoberer seines Ordens von 1973 bis 1979, also zur Zeit der Militärdiktatur.

Die beiden jungen Historiker Lucas Bilbao und Ariel Lede Mendoza haben kürzlich eine umfangreiche Studie über den Militärbischof Victorio Bonamin aus dem Salesianerorden (Militärbischof von 1960 bis 1982!) veröffentlicht: „Bischof Bonamin hatte eine direkte Verbindung zu den Diktatoren und zu den Orten der Folter“, schreiben sie. Beide Autoren konnten die Tagebücher des Bischofs auswerten und entdeckten dort Rechtfertigungen der Folter und Lobeshymnen auf die Diktatur; auch in die Ermordung des (nahezu einzigen) oppositionellen Bischofs Enrique Angelelli (ermordet 1976) war Bonamin verwickelt. Für weitere Infos klicken Sie hier.

Eine gewaltige Aufgabe kommt da auf objektive, also auch der Kirche gegenüber kritische Historiker zu. Ob man es wagt, dabei einmal gründlich die Rolle von Pater Bergoglio bzw. Kardinal Bergoglio in Buenos Aires zu untersuchen, ist fraglich. An dieser Gestalt wagt niemand in dem argentinischen Zusammenhang – vielleicht aus der viel beschworenen Barmherzigkeit – Kritik zu üben. Wer es trotzdem kritische Fragen stellt, wird als „Linker“ oder so fertiggemacht.

Zunächst aber sollte wohl das Buch über den Militärbischof Bonamin übersetzt werden, es hat in Argentinien den treffenden Titel „Profeta del genocidio“ (Prophet des Völkermords), Verlag SUDAMERICANA, März 2016. Welche katholische Institution wäre dazu bereit, allein schon deswegen, weil Millionen DM-Spenden damals, auch zu Zeiten der Militärdiktatur, nach Argentinien überwiesen wurden.

Das Buch ist auch wichtig, weil es den Einfluss reaktionärer katholischer Kreise aus Frankreich in Argentinien im Umfeld der Militärdiktatur zeigt. Die „Cité Catholique“ war dort heftig tätig. Die Autoren schreiben in dem Vorwort: „El libro básico del fundador de la organización, Jean Ousset, es El marxismo-leninismo. Se publicó en Francia en 1961 y su primera edición extranjera al año siguiente en Buenos Aires,18 con traducción y notas del coronel Juan Francisco Guevara, quien entonces era jefe de Inteligencia del Ejército. “El marxismo —dice Caggiano (Kardinal von Buenos Aires bis 1979) en el prólogo— nace de la negación de Cristo y de su Iglesia”.

Damit ist klar: Die rechtsextremlastigen Kleriker brauchten den Marxismus als Feindbild, um die eigene Aggression gegen jegliche Befreiungsbewegung zu begründen. Der Anti-Marxismus war förmlich das herrschende politische Glaubensbekenntnis in weiten Kreisen des maßgeblichen Klerus. Aber das ist ein anderes dringendes Thema, es berührt auch den Umgang Papst Pius XII. mit Hitlers Regime („es ist nicht ganz so schlimm wie der Kommunismus“, hieß es).

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Kardinal Gerhard L. Müller in Rom: Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos. Zu einem Interview in „Die Zeit“.

Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos: Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Vatikan.

Zu einem Interview in „Die Zeit“ mit Evelyn Finger vom 30. Dezember 2015, Seite 54.

Hinweise von Christian Modehn

Aktualisiert am 8.10.2016: Grundsätzliches zur Erinnerung: Lebendige Philosophie muss –wegen des Zustandes der Religionen heute – auch Religionskritik sein.

Ein Beispiel: Das Thema „Die politische Theologie“ des obersten Glaubenschefs in Rom,Kardinal Müller, begegnet uns immer wieder. Diese Aspekte im Denken und Handeln Müllers werfen noch einmal ein Licht auf die von ihm so oft genannte Freundschaft mit dem peruanischen Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez OP. Diese Freundschaft wird tausendmal beschworen. Sie bedeutet jedenfalls nicht, dass Müller irgendetwas von der Befreiungstheologie gelernt hat, wie die folgenden Informationen zeigen. Am 6. Oktober 2016 hat Kardinal Müller ausgerechnet bei einem Orden zur Eröffnung des Akademischen Jahres 2016/17 gesprochen, der als erklärter Feind der Befreiungstheologie in Lateinamerika gilt: Bei den Legionären Christi, in deren Universität Regina Angelorum in Rom. Über diese Ordensgemeinschaft haben wir auf dieser website Vieles berichtet, auch über den verbrecherischen Ordensgründer, Pater Marcial Maciel, einen Vertrauten des heiligen Papstes  Johannes Paul II.

Aktualisiert am 1.10.2016: „Die Botschaft der Hoffnung“ wurde sinnvollerweise bei der Fürstin vorgestellt: Das neueste Buch (bei Herder erschienen) des obersten römischen Glaubenswächters Kardinal Gerhard Ludwig Müller erläuterten illustre Gäste wie Peter Gauweiler, Martin Mosebach und Henryk Broder in Müllers heimatlichem Gefilde, also in Regensburg. Georg Ratzinger, der berühmte „Bruder“ und einst oberster Domspatz, war auch noch dabei. Fürstin Gloria von Thurn und Taxis, die Schloßherrin und Gastgeberin und Freundin des Herrn Kardinal, machte zur Begrüßung den gebotenen Hofknicks aus barocken Zeiten und küsste den anulus epicopi, also den Bischofsring, bevor sich der Hochadel und die Hochkirche und ihre feuilletonistischen Mitläufer den feinen Speisen hingaben. Ob sie dabei an die Armen in Peru dachten, gar an die letzten, von der römischen Glaubensbehörde nicht verfolgten Befreiungstheologen, ist nicht bekannt und in diesem erlesenen Rahmen eher unwahrscheinlich. Bekanntlich hat ja Kardinal Müller eine ganz intime Zuneigung zu den Armen in Peru, die er früher öfter besucht hat und dort Vorlesungen der klassischen europäischen Art den jungen Theologen dargeboten hat. Schon möglich, dass man etwas bei der Fürstin für die Armen in Peru gespendet hat, Spenden gehören sich ja so ein bißchen…(Weitere Informationen in „Christ und Welt“ vom 22.9.2016, Seite 2,Beitrag von Patrick Schwarz)

Ergänzt am 2.3.2016: Inzwischen hat Pater Klaus Mertes SJ in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ (am 1.3.2016) den Rücktritt von Kardinal Gerhard Müller gefordert, wegen dessen offenkundiger  Verschleierungspraxis im Umgang mit  sogenannen pädophilen Tätern zu einer Zeit, als Müller Bischof in Regensburg war (Die Opfer: Etliche „Domspatzen“). Es bleibt abzuwarten, wie der oberste Chef der Glaubensbehörde mit dem berechtigten Hinweis von Pater Mertes umgehen wird.  Die entscheidende Passage aus dem Interview können Sie am Ende dieses Beitrags lesen. 

Das Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller in „Die Zeit“ offenbart die Denkweisen und damit auch die Art, mit Gläubigen umzugehen, die in der Glaubensbehörde im Vatikan heute gültig sind. Leider ist zu befürchten, dass sie nach dem Tod von Papst Franziskus verstärkt fortgeführt werden.

Es lohnt sich, aus dem Text in der „ZEIT“ einige Behauptungen Müllers der Deutlichkeit wegen herauszustellen. Sie offenbaren den geistigen, den theologischen Zustand des römischen Katholizismus im Vatikan. Sie zeigen, wie dort eine von mehreren theologischen Überzeugungen zu „der“ Lehre „des“ Katholizismus hochgespielt werden, ungeachtet jeglicher theologischer Sensibilität für andere, bessere und wissenschaftlichere Formen des Denkens. Müllers Theologie soll als katholische Welt-Theologie gelten.

Zum Titel des Beitrags: Ein Zitat von Kardinal Müller: „Die Kirche ist kein Philosophenclub“.

Ich meine: Wäre die römische Kirche wenigstens annährend auch so etwas wie ein Philosophenclub, würden die Fragen und die Fraglichkeit, das Suchen und das Zweifeln, also die elementare Lebendigkeit des Geistes und der Vernunft, nicht unterdrückt werden wie in einem vatikanischen Club, der sich der absoluten Wahrheit total gewiss ist und diese Gewissheit einem einzelnen Herrn, dem Kardial Müller, zu schützen anvertraut hat. Ohne Fragen gibt es kein geistiges Leben! Das wussten schon die antiken Philosophen. Es gab frühchristliche Theologen, die die Kirche zurecht als „philosophische Schule“ verstanden. Man denke an Clemens von Alexandrien. Und man lese nur die Bücher des großen Philosophen und Philosophiehistorikers Pierre Hadot.

Kardinal Müller muss sich von Amts wegen, so wörtlich in „Die Zeit“, um die „Delikte gegen den Glauben oder die Heiligkeit der Sakramente kümmern“.

Ich frage: Was heißt das nette, das caritative Wort „kümmern“? Bis heute werden katholische Theologen von Müllers Behörde, besonders gern auch Theologinnen, angeklagt wegen Irrlehren… Dann aber ohne offenen, menschenwürdigen Prozess, sie werden abgesetzt und ins Abseits gedrängt. Das bedeutet also „kümmern“. Müller spricht von „Delikten“ gegen den Glauben und gegen die Sakramente. Ich meine: Delikte begehen Verbrecher. Sind denn jene Theologen Verbrecher, die gegen die totalitäre Sprachgewalt der Dogmatik rebellieren? Sind sie Verbrecher, weil sie wissen, dass diese römische Dogmatik in ihren Formulierungen schon fast steinzeitmäßig veraltet ist?

Wie kommt eigentlich jemand dazu, sich als absoluter Herr „der“ Wahrheit aufzuführen?

Irritierend ist ferner, dass Müller davon spricht, für beide Päpste, also Benedikt XVI. und Franziskus, „die Arbeit zu koordinieren“, das Wort koordinieren wird im Präsenz, als Gegenwart, verwendet. Das heißt: Müller koordiniert auch noch die Arbeit des pensionierten Papstes Benedikt XVI., den – geografisch gesehen – Nachbarn von Franziskus im Vatikan. Welche dogmatischen Fragen werden zwischen den Freunden Müller und Ratzinger besprochen?

Die 20.000 Euro, die vatikanische Ermittler, keineswegs also Polizisten Italiens, in Müllers Büro in einer Wiener – Würstchen-Büchse kürzlich entdeckten, werden von Müller als „Fantasterei der Yellowpress“ abgetan. Interessant, wie der oberste vatikanische Wahrheitshüter (der gegen „Delikte“ vorgeht) mit Wahrheit umgeht, wenn sie ihn bzw. sein Büro selbst betrifft. „Die Fahnder hätten daraufhin im Schreibtisch von Müllers Verwaltungsleiter Monsignore Mauro Ugolini 20 000 Euro Bargeld gefunden, versteckt hinter einer alten Dose Wiener Würstchen. Das Geld sei beschlagnahmt, der Verwaltungsleiter vorübergehend suspendiert worden“. So die SZ am 9.Dezember 2015. „Vatikansprecher Federico Lombardi wies allerdings eine Verwicklung Müllers zurück. Lombardi erklärte am Mittwoch, es seien vor einiger Zeit „einige Unregelmäßigkeiten“ in der Verwaltung der Glaubenskongregation festgestellt worden“, so die „Rheinische Post“ am 9.Dezember 2015. Als Chef der Büros ist dann aber Müller doch mit-betroffen, verantwortlich für solche Delikte. Aber offenbar zählen im Vatikan dogmatische Delikte mehr als finanzielle. Sind SZ und „Rheinische Post“ „Yellowpresses“? Dann ist der „Osservatore Romano“ Super-Yellow.

Kardinal Müller identifizert sich als Chef der Glaubenskongregation, einst die Heilige Inquisition“, offenbar völlig mit dieser Behörde: „Als wir im Jahre 1542 entstanden…“ Mit „Wir“ meint Müller die Heilige Inquisition, heute Glaubenskongregation genannt. Er reiht sich gern ein in diese grausige Tradition.

Schwerwiegender und für alle ökumenischen Initiativen bedrückend ist die Aussage des Glaubenshüters Müllers in “Die Zeit“: „Volle Einheit der Kirche ist nach katholischem Verständnis nur mit dem Bischof von Rom als Nachfolger Petri möglich“. Also: Die protestantischen Kirchen müssen den Papst anerkennen. Welchen Sinn hat dann noch die Ökumene als Weg zur Anerkennung der verschiedenen Kirchen in ihrer Verschiedenheit? Welchen Sinn hat dann noch die Einladung des Papstes nach Wittenberg anlässlich der Reformationsfeiern 2017? Wann werden das die Manager des Protestantismus in Deutschland begreifen? Offenbar denkt Müller genauso wie Ratzinger, der sich auch als Kardinal schon die Einheit der getrennten Kirchen nur vorstellen konnte, wenn alle Kirchen den Papst anerkennen.

„Der“ Glaube wird von Müller verteidigt: Die Lektüre der Bibel durch die Vatikan-Behörden gilt als die einzige mögliche. Für den Theologieprofessor, der Müller einmal war an staatlichen Fakultäten (die, von Steuergeldern bezahlt, eigentlich der kritischen Forschung dienen sollten), gilt: Es gibt nur „das objektive“ vorgegebene Wort Gottes, wie eine Art feste Gesteinsmasse, die ewig unveränderlich im Vatikan ruht und nur angeschaut werden muss, um ewige Antworten zu bekommen. Diese objektivistische Sicht „des“ „Wortes Gottes“ ist ein Hohn auf alle theologische Forschung der letzten Jahrzehnte.

Dem entspricht, wenn Müller sagt, dass „Jesus der einzige Retter der Welt ist“. Wie wenig ist eigentlich der Theologe Müller von den Erkenntnissen moderner Theologen weltweit berührt, die Gott nicht so klein-römisch machen wollen, dass er nur in Jesus Christus die Welt retten will? Kann man Glaubenschef einer Weltkirche sein, ohne die Vielfalt der Theologien heute auch annähernd zu kennen? Das sind die Tatsachen, gegen selbst die progressiven Katholiken nichts, aber auch gar nichts bewirken können. Sie stehen dem System absolut rechtlos gegenüber. Wie Luther, damals.

Die hymnenähnlich Preisung der Hetero-Ehe durch Kardinal Müller ist etwas zum Schmunzeln: „Die Begegnung von Mann und Frau als höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens“ usw., Sprüche, die man schon tausendmal gehört in Rom und bischöflichen Residenzen hat. Die Frage ist nur: Warum verzichtet Gerhard Ludwig Müller persönlich auf diese höchste Verwirklichungsform, wo doch dann, nach den Gesetzen der Logik, der Zölibat etwas Zweitklassiges gegenüber dieser höchsten Verwirklichungsform ist? Warum wählt Herr Müller das Zweitklassige, den Zölibat, den doch eigentlich Paulus für etwas Besonderes hielt? Warum lässt er, warum lässt nicht auch der Papst, verheiratete Männer als Priester zu, die, so heißt es, die höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens in der Hetero-Ehe leben? Es ist der Wille, die klerikale Macht der „Zölibatären“ unter allen Umständen zu verteidigen und bewahren. Diese Überzeugung wurde seit dem Mittelalter grundgelegt. Sie ist die Basis des römischen Systems.

Zur Freundschaft Kardinal Müllers mit dem prominenten Befreiungstheologen, Gustavo Gutierrez aus Peru: Über diese Freundschaft ist eigentlich bisher wenig in der theologischen Literatur geschrieben worden.

Müller präsentiert sich gern, offenbar von Gutiérrez inspiriert, als Förderer der (armen) Gemeinden in Peru. Und Müller verdient Respekt, wenn er, wie er berichtet, als Theologieprofessor damals über 15 mal in Peru „pastoral“ tätig war. Es ist erstaunlich, dass Müller in seinem Buch „Armut. Die Herausforderung für den Glauben“ (München 2014) betont, wie prägend die Begegnungen mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez seit 1988 für ihn gewesen sein sollen. Da spielte sich für ihn, den europäischen Theologen, wörtlich „eine Umkehrung des Denkens“ ab. Gemeint ist dabei ausdrücklich, dass in der Befreiungstheologie drei „Schritte“ entscheidend sind: Nämlich zuerst das Sehen, unvoreingenommen als Wahrnehmung der Wirklichkeit. Diese umfassende Wahrnehmung wirkt sich dann (zweitens) auch aufs theologische Urteilen aus, will man denn wirklich und wahrhaftig zeitbezogen, „sehend“ und „wahrnehmend“ theologisch argumentieren. Und aus dieser zeitbezogenen, die heutige soziale, kulturelle und politische Realität wahrnehmenden Haltung folgt dann (drittens) das Handeln, das Handeln der Kirchen, der Gemeinden, bezogen auf die wahrgenommene Realität. (Siehe dazu in dem genannten Buch die Seite 35 f.)

Es muss bezweifelt werden, dass Müller als Chef der Glaubensbehörde diesen ersten, alles entscheidenden Schritt des Sehens, der Wahrnehmung der Menschen, auch heute leistet. Dass er also die vielfältigen Situationen der Menschen (etwa im Blick auf die Vielfalt der zu respektierenden Formen der Liebe und Ehe) überhaupt als solche wahr-nehmen kann und will. Das muss auch nach der Lektüre des Zeit-Interviews bezweifelt werden. Mit anderen Worten: Was Müller angeblich in Peru seit 1988 gelernt haben will, hat keine sichtbaren Auswirkungen auf seine Stellungnahmen als römischer Glaubens-Chef. Da wird viel frommer Nebel verbreitet, die Gläubigen sollen staunen über ihren Kardinal Müller…

In seinem politischen Denken wurde Müller, wohl durch die Erfahrungen unter den Armen in Peru, zu einer deutlichen Kritik am Kapitalismus geführt, davon spricht er in einem Interview mit dem Magazin „alle Welt“ von Missio Österreich (siehe: https://www.missio.at/fileadmin/media_data/xx/sonstiges/Presse/Kardinal_Mueller/interview_kardinal_mueller_alle_welt.pdf).   Darin sagt Müller im Blick auf den Kampf der Armen, also der von den USA und Europa arm gemachten Klassen in Lateinamerika: „Der Klassenkampf entspringt aus dieser Konfliktsituation, aus der Kluft zwischen Arm und Reich. Dass große Teile der Gesellschaft so elend sind, hängt auch damit zusammen, dass die Besitzenden und politisch Mächtigen ihre Macht und ihren Besitz zur Selbstbereicherung ausnützen. So entstehen Hass- und Neidkomplexe oder die Abwehrhaltung der Reichen gegenüber den Armen. Sowohl die Struktur wie die Mentalität müssen hier verändert werden, damit ein Solidaritätsbewusstsein entstehen kann“.

Auffällig ist, dass im Zeit-Interview davon keine Rede ist. Müller gibt sich völlig unpolitisch. Interessanter noch ist, dass eine Glaubensbehörde, die sich als Hüterin „der“ Wahrheit sieht, eine Tatsache nicht wahrnimmt: Sie selbst steht aufseiten der herrschenden westlichen kapitalistischen Gesellschaft. Diese offizielle römische Theologie lässt z.B. die Pluralität indischen, japanischen, afrikanischen katholischen Theologie und Liturgien nicht gelten, sie zeigt sich darin als Teil der herrschenden „wahren“ westlichen Kultur. Indem Müllers Behörde sich als Hort „der“ Wahrheit definiert, also der europäischen Wahrheit, und sich, so wörtlich, um Delikte gegen den Glauben kümmert, verbleibt sie selbst, diese Behörde, befangen im europäischen Machtdenken. Man hat den Eindruck, dass die von Kardinal Müller viel beschworene Freundschaft mit dem Gründer der Befreiungstheologie, Gustavo Gutierrez, etwas „Abgespaltenes“ bleibt. Es fehlt bei Müller auch der Mut, Kardinal Juan Luis Cipriani, offen zugegeben Opus-Dei-Mitglied, und reaktionärer Erzbischof von Lima, auch nur zu erwähnen, das ist bezeichnend: Cipriani ist und war es, der dem Müller-Freund Gutiérrez das Leben sehr schwer gemacht hat. Manche sagen, seinetwegen habe sich Gutierrez in hohem Alter in den Dominikanorden als Mitglied „geflüchtet“.

Gustavo Gutiérrez hat sich merkwürdigerweise bis jetzt gar nicht, für mich bis jetzt nicht auffindbar, zur Freundschaft mit Müller geäußert. Wer entsprechende Freundschaftsbekenntnisse von Gutierrez findet, möge sich bitte melden.

Nachtrag am 21. 1. 2016: Nun wurde mir berichtet, dass sich Gutiérrez kurz und knapp zu Müller, so wörtlich, „als einem guten, als einem sehr guten Freund“ geäußert hat, klicken Sie hier. Wer die wenigen Zeilen liest, stellt fest: Die Äußerungen von Gutiérrez zu dieser Freundschaft sind sehr allgemein, eigentlich nichts-sagend. Gutierrez erläutert nicht, in welcher Weise sich denn nun Müller für ihn und darüberhinaus für die in Peru hoch bedrohte Befreiungsthologie einsetzt oder eingesetzt hat. Man hat den Eindruck, dass Gutiérrez den Schutz durch „Freund“ Kardinal Müller immer noch braucht, wahrscheinlich hat er eine furchtbare Angst vor dem maßlos konservativen Kardinal von Lima, Cipriani, erklärtermaßen Opus Dei-Mitglied. Ich halte diese Freundschaftsbekundung von Gutiérrez für eine Taktik; falls das nicht der Fall ist, sondern echte tiefe Sympathie von „Herz zu Herz“, von einem armen peruanischen Mönch und einem bestens ausgestatteten Kurien-Kardinal, dann weiß Gutiérrez nicht oder will nicht wissen, was sein Freund Herr Müller alles so „Hübsches“ in Regensburg als Bischof mit der „Basis“ gemacht hat.  Ich finde, Gutierrez spricht in dem „Freundschafts-Interview“ höchst moderat, wenn nicht ängstlich, er entschließt sich sogar zu einer für einen kritischen Theologen seltsamen Aussage: „pero la teología no es sinónimo de la doctrina cristiana, simplemente es una manera de tratar sobre ella“. Er meint also, dass die „christliche Lehre“, wie sie im Vatikan vertreten wird, nicht ihrerseits selbst eine Variante von Theologie ist. Wenn also Rom und Müller „die“ christliche Lehre vertreten und lehren in der Sicht von Gutiérrez, dann kann doch Müller nur happy sein über diesen peruanischen Befreiungs-Freund.

Nebenbei:Die Süd-Anden Region in Peru ist kirchlich fest in reaktionärer Hand („Sodalitium“, Opus Dei, Neokatechumenale), der Dialog mit den indigenen Religionen ist durch diese Gruppen sehr bedroht. Dagegen konnte (und wollte) der Freund des Peruaners Gutiérrez, also Kardinal Müller, offenbar nichts tun. Nicht thematisiert wird auch von Gutiérrez, welche Theologie denn Freund Müller im Priesterseminar von Cuzco bei seinen „Gastauftritten“ dort gelehrt hat? Die Befreiungstheologie oder die in den hübschen Studierstuben von München und Regensburg niedergeschriebene und publizierte mehrbändige Dogmatik? Alles spricht dafür, dass dort die alte europäische Schulbuchweisheit verbreitet wurde!

Soweit ein Exkurs in die aktuelle Religionskritik, bedingt durch den Zustand der Religionen. Dieser Zustand wird sich wahrscheinlich alsbald nicht bessern. Darum wird Religionskritik dringend nötig bleiben. Und sie wird viel zu selten betrieben.

Noch zwei Ergänzungen:

1. Über die Wohnung Kardinal Müllers in Rom berichtete der Journalist Gianluigi Nuzzi:

„Müller beteuert, er lebe in Rom bescheiden, so wie seine Eltern, die aus Mainz-Finten stammen – bis auf die Bibliothek, die ein Uni-Professor eben habe. Wer allerdings die jüngste Veröffentlichung des Vatikan-Insiders Gianluigi Nuzzi liest, kann daran durchaus zweifeln. Demnach bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig.  Quelle: http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/regionales/Nach-Wuerstchendosen-Affaere-im-Vatikan-Lebt-Kardinal-Mueller-auf-300-Quadratmetern-;art1172,344162vom 30.12.2015

In dem von Müller und Gutiérrez gemeinsam herausgegebenen Buch „Armut – Die Herausforderung für den Glauben“ (2014!, siehe hinweise weiter oben) heißt es in einem Text, den, soweit ersichtlich, Josef Sayer offenbar verfasst hat: Dass Müller in den Anden wochenlang arm lebte, so dass dies „zu einem äußerst einfachen, elementaren Lebensstil anleitet“ (Seite 103). Eben auch in Rom…

2.Über die Umgangsformen Müllers mit kritischen Laien im Bistum Regenburg, das Müller von 2002-2012 leitete, siehe z.B. die Auseinandersetzung mit dem Laien-Vertreter Johannes Grabmeier: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/katholische-kirche-gespaltenes-bistum-regensburg-1.930270      vom 19. Mai 2010

Aus dem KÖLNER STADTANZEIGER am 1. 3. 2016: Müller soll zurücktreten, fordert Pater Klaus Mertes SJ.

Strafe müsse weh tun, haben Sie mit Blick auf die Höhe der Opferentschädigung gefordert.

MERTES: Die Strafe muss den Tätern, aber auch ihren Beschützern und der dahinter stehenden Institution weh tun. Das ist bei den Entschädigungen bis heute nicht der Fall. Aber Geld ist nicht alles, und darum gilt  auch für die disziplinarischen Folgen: Sie dürfen nicht auf die Täter im engeren Sinn beschränkt bleiben.

Sondern?

MERTES: Bischöfe, die an Vertuschungen beteiligt waren, sollten ihr Amt verlieren oder zurücktreten. Aber stattdessen klettert ein Bischof Müller, der in Regensburg an höchster Stelle vertuscht und  vernebelt hat,  mir nichts dir nichts auf der römischen Karriereleiter nach oben.

Gerhard Ludwig Müller ist heute Präfekt der Glaubenskongregation und wird demnächst Kardinal.

MERTES: Da sitzt er als Nummer drei im Vatikan und fabuliert immer noch ständig von irgendwelchen „böswilligen Pressekampagnen“ gegen die katholische Kirche. Von Reue keine Spur, und erst recht nicht von der Bereitschaft, sich auf Strukturprobleme der Kirche im Zusammenhang mit Missbrauch einzulassen. Müller macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Er tut so, als hätte es da halt ein paar böse Kleriker gegeben, aber sonst wäre in der Kirche alles in Ordnung und könnte so bleiben, wie es immer war.  Ich halte das für unerträglich. Unerträglich vor allem auch für die Opfer. Wie will dieser Mann ausgerechnet als Chef der Behörde, die ja nicht zuletzt für das Thema Missbrauch zuständig ist, eigentlich je wieder glaubwürdig sein

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

Milliardären wird der Ablass gewährt. Neues zum katholischen Orden „Legionäre Christi“

Hinweise von Christian Modehn am 2.12.2015

Der Religionsphilosophische Salon arbeitet von seinem philosophischen Anspruch der Aufklärung und der Religionskritik seit einigen Jahren auch kritisch über die katholische Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“ und über die mit ihm verbundene Bewegung für Laien „Regnum Christi“. Einige wichtige neue Entwicklungen haben in der deutschen Öffentlichkeit bisher (2.12.2015) wenig Aufmerksamkeit gefunden. CM.

1.

Der katholische Orden „Legionäre Christi“ wird erneut – diesmal aber noch gründlicher und umfassender recherchiert – „ein Finanzimperium“ genannt. Sein Gesamtvermögen beträgt jetzt 43.600 Millionen Dollar. Die Ordensgemeinschaft (1941 gegründet, von dem mexikanischen Marcial Maciel, damals im jugendlichen Alter von 21 Jahren) zählt heute 950 Priester als Mitglieder, hinzukommen ca. 700 junge Männer in der Ausbildung, die man nicht als „vollständige Mitglieder“, also in „ewigen Gelübden“, bezeichnen kann. Mit anderen Worten: 950 Männer, die als Ordensleute wie alle anderen katholischen Ordensleute sonst auch „Armut“ als Gelübde gelobt haben, sind Multi-Milliardäre. Diese Fakten werden reich belegt von dem mehrfach ausgezeichneten mexikanischen Recherche-Journalisten Raul Olmos in seinem neuesten Buch (erschienen am 13. November 2015) „ Una mafia empresarial disfrazada de congregación“, „Ein Mafia-Unternehmen, das sich als religiöse Kongregation verkleidet“. Das Buch ist im Verlag Grijalbo (Madrid und Barcelona) erschienen. Es zeigt das weite Netz der Verbindungen des Ordens zu den Zentren politischer, ökonomischer und kultureller (Medien-) Macht. Hunderte von „Gesellschaften“, „Stiftungen“, „Vereinen“ und Privaten – Hochschulen gehören den Legionären Christi. Zur Ersparnis von Steuern halten sich die Ordensbrüder auch gern in so genannten Steuer-Paradiesen auf. Diese Fakten werden von Raúl Olmos ausführlich beschrieben.

Die schon populär „Milliardäre Christi“ genannten Priester können also hübsche Feierlichkeiten ausrichten zum 75. Geburtstag ihres Ordens bzw. Finanzimperiums im Jahr 2016 und können wie üblich ihre zahlreichen Gönner, auch im Vatikan, reich beschenken. Der Orden wie auch das Finanzimperium wurden aufgebaut von dem Mexikaner, Pater Marcial Maciel, der 2006 (als 86 Jähriger) von allen seinen Funktionen der seit 1941 dauernden (!) Ordensleitung befreit wurde, und zwar auf Druck von Papst Benedikt XVI. Papst Benedikt hatte zudem 2010 das Leben des Ordensgründers von einer katholischen Priestergruppe untersuchen lassen, und kam zu dem Schluss:“ „Es ist ein Leben, das jenseits des Moralischen liegt, ein abenteuerliches, vertanes, verdrehtes Leben“. Mit anderen Worten: Der notorische pädophile (vornehm ausgedrückt) Täter Pater Maciel ist in der Sprache der Justiz ein Verbrecher. Er hat zudem viele Millionärswitwen um deren Vermögen erleichtert, weil er sich als charmanter Liebhaber ausgab usw… Aber den (staatlichen) Gerichten wurde der Verbrecher vom Vatikan, wie üblich, nicht übergegeben. Papst Benedikt bat den Ordensgründer im Jahr 2006 nur, Maciel möge sich zur Buße still und schweigend dort zurückziehen… Gestorben ist Maciel nicht als stiller Büßer in seinem römischen Kloster, sondern wie auf der Flucht, im warmen Florida. All das wurde auch von uns dokumentiert, ebenso die vatikanischen „Untersuchungen“ über den Orden insgesamt, nach dem Tod Maciels. Eigentlich hätten die „Untersuchungen“ von 2010 zur Auflösung des Ordens führen müssen. Das forderten viele prominente Katholiken. Denn welcher Orden soll in alle Zukunft einen Verbrecher als Gründer haben, der zudem einst, überall sichtbar, wie ein Heiliger verehrt wurde, obwohl dessen weit reichende finanziellen, sexuellen und drogenabhängigen Aktivitäten allen Mitglieder und vielen Prälaten in Rom bekannt waren. Nur die zahlreichen ehemaligen Mitglieder, die Missbrauchs-Opfer, meldeten sich im Vatikan seit 1989, (!), aber man hörte sie nicht. NICHTS wurde von amtlicher vatikanischer Seite gegen Maciel unternommen, auch nicht von Kardinal Ratzinger damals als Chef der Glaubenskongregation. Maciel hatte tatsächlich zu viele Freunde unter den Kardinälen, und selbst der polnische Papst pries den Verbrecher offiziell und lautstark explizit „als Vorbild der Jugend….“ Die Reisen von Papst Johannes Paul II. wurden immer von dem kundigen Mexikaner Pater Maciel begleitet. Ob die Reise von Papst Franziskus nach Mexiko in 2016 auch wieder von den Legionären betreut wird?  Aber der Orden wurde eben nicht aufgelöst. Er besteht weiter, wenn auch die Begeisterung junger Männer für diesen Orden etwas gebremst ist: Seit 2008 ist die Zahl der Mitglieder in Ausbildung befindlichen Mitglieder von 1.081 auf 693 zurückgegangen, berichtet El Pais. Aber die Geldquellen scheinen trotzdem bestens zu fließen, siehe oben.

2.

Diese Mitglieder dieses Milliardärsordens haben jetzt von Papst Franziskus die Zusage erhalten, in dem nun begonnen Jahr der Gnade den vollkommenen Ablass zu gewinnen. Damit entspricht Papst Franziskus dem Wunsch von Pater Eduardo Robles Gil, dem gegenwärtigen Ordensoberen, der sich, wie für ein Imperium eben passend, wie auch schon sein Vorgänger Pater Maciel, „Generaldirektor“ nennt. Der vollkommene Ablass wird den Mitgliedern der Milliardäre Christi gewährt, „wenn sie ihre Gelübde erneuern, also auch das Armutsgelübde, wenn sie beten, wenn sie sich den Werken der Spiritualität widmen und die christliche Lehre verbreiten“, heißt es in dem päpstlichen Indulgenz – (Ablass) – Schreiben.

Erstaunt ist man abermals, dass der Ablass, DAS Thema Martin Luthers, 2 Jahre vor dem Reformationsgedenken 2017, wieder und wieder selbst von apst Franziskus aufgewärmt wird. Kann man angesichts dieser Vorlieben diesen Papst im Ernst „progressiv“ nennen? Wohl kaum, meinen wir. Will man so für eine neue Ökumene mit den Protestanten sorgen? Warum spricht kein prominenter Protestant von dem aufgewärmten Ablass-Wahn des Katholizismus? Das Heilige Jahr mit Pilger/Touristen-„Strömen“ nach Rom hat gerade begonnen. Aber das ist ein anderes Thema.

Die sexuellen Missbrauchsopfer des vom Papst Benedikt so genannten Verbrechers Pater Maciel sehen in dieser überflüssigen Ablass- Gewähr eine Art Anerkennung und Reinwaschung des Ordens. Denn im Jahr der Gnade kann doch eigentlich jeder Katholik, eben auch ein Legionär, sowieso bei Respekt der Vorschriften den Ablass gewinnen. Warum also diese Sonder-Gewähr eines Ablasses für diesen Orden? Besteht ein Grund für den Papst, sich mit dem Orden gut zu stellen?

3.

Viele Beobachter fragen sich erneut bei dieser Entscheidung, wie widersprüchlich eigentlich die theologische Linie des so vielfach gerühmten Papstes Franziskus ist. Wie sehr steht er offenbar unter Druck einer vatikanischen Mafia, dass er diesem „Club“, den Legionären, diese außergewöhnliche Gnade explizit gewähren muss? Kann Papst Franziskus nur noch im Vatikan wohl auch physisch überleben, wenn er auch den umstrittensten Orden, theologisch zudem extrem konservativ, also den Legionären Christi, sein Wohlwollen zeigt? Die Indulgenz-Ablass-Entscheidung des Papstes von Ende Oktober 2015 wirft auch ein Licht auf die dunklen Verhältnisse in den Palästen des Vatikans. Herrschen dort, wieder einmal, vor-reformatorische Zustände? In jedem Fall sind die neuesten Entwicklungen/Erkenntnisse ein interessanter Beitrag zu dem offiziell propagierten „Jahr der Orden 2015“.

4.

Eine Einschätzung des Ordens „Legionäre Christi“, der bekanntermaßen in Mexiko besonders mächtig ist, von dem mexikanischen Religionswissenschafter Elio Masferrer, mitgeteilt in der spanischen Tageszeitung El Pais vom29. Oktober 2015, siehe: http://internacional.elpais.com/internacional/2015/10/28/mexico/1446071736_323939.html

Zu Elio Masferrer: http://www.revistaacademica.com/consejo.asp

Zuerst der spanische Text aus El Pais: „Elio Masferrer, presidente de la Asociación Latinoamericana para el Estudio de las Religiones y profesor e investigador emérito de la Escuela Nacional de Antropología e Historia. “[La Orden] es uno de los problemas más graves del catolicismo. Maciel fue un impresentable, un criminal, y es el paradigma de una Iglesia corrupta, alejada de los feligreses”.

Die Übersetzung ins Deutsche: „Elio Masferrer, Präsident der lateinamerikanischen Vereinigung zum Studium der Religionen und Professor (und Forscher emeritus) de „Nationalen Schule der Anthropologie und Geschichte, sagt in der spanischen tageszeitung El Pais vom 29. Okrober 2015: „ Der Orden der Legionäre Christi ist eines der schwersten Probleme des Katholizismus. Maciel (der Gründer) ist ein „nicht gesellschafäftsfähiger“, d.h : eigentlich ein öffentlich gar nicht vorzeigbarer Mensch gewesen, er war ein krimineller und er ist das Modell einer korrupten Kirche, weit entfernt von den treuen Gläubigen (eigentlich: Pfarrkindern)“.

5.

Die Millionärsfamilie Oriol (Madrid) will ihr Landgut von den Legionären Christi zurückhaben.

Die einflussreiche Unternehmer-Familie Oriol fordert vor Gericht die Rückgabe einer Millionenerbschaft an die Legionäre Christi von diesem Orden zurück. Es handelt sich um die Rückgabe des Landsitzes Cerro del Coto, eines Landgut (9,7 Hektar groß), am Rande von Madrid, im reichsten Viertel der Stadt, in Majadahonda. Besonders interessant ist, dass dieser Prozess der Rückgabe eines Geschenks an den Orden von drei ehemaligen Priestern der Legionäre Christi und einer Frau, die als „geweihte Frau“ dieser Gemeinschaft angehörte, verlangt wird, gerade jetzt, nach den bekannt gewordenen Skandalen des Gründers, Pater Maciel. Diese 4 Personen sind Geschwister, sie gehören zur Familie Oriol, die als eine der besonders begüterten Familien Spaniens gilt. 4 Kinder aus ein und der selben Familie bei den Legionären, und alle 4 treten aus dem Orden aus! Dabei hatte die ultrareiche Familie Oriol dem jungen Pater Marcial Maciel geholfen, als er von Mexiko aus in Spanien Fuß fasste … Daran wird deutlich, dass schon um 1945, als Maciel von Spanien aus nach Rom zog, die reichsten Leute auf ihn „hereinfielen“. Maciel ist von Anfang an planmäßig vorgegangen und sich nur um die Reichsten gekümmert. Sozialarbeit war ein Alibi, sagen Beobachter.

Ob es rechtlich möglich ist, eine Schenkung wieder rückgängig zu machen, ist sehr die Frage. Das Beispiel zeigt nur, in welchen höchsten Finanzkreisen sich die Legionäre Christi immer schon bewegen und wie es ihnen gelingt, z.B. prächtige Ländereien als Erbschaften zu „übernehmen“…

Ein Zitat aus der angesehenen Tageszeitung El Pais, Madrid:

„Promotores de Iberdrola y del tren Talgo, los Oriol encarnan a una de las principales riquezas latifundistas españolas. La fortuna de los cinco hermanos Oriol Muñoz superaría los 30 millones de euros, según el periodista de EL PAÍS Jesús Rodríguez, autor de La Confesión (Debate, 2011). De ese dinero, la familia habría entregado 16 millones al movimiento de Maciel durante tres décadas. Su patrimonio se completa con la finca de 957 hectáreas Los Peñones en Hornachuelos (Córdoba) valorada en 14 millones que gestiona la Fundación San Miguel. Y las inversiones inmobiliarias administradas por Javier Oriol, uno de los cinco hijos de Íñigo María de Oriol que no perteneció a la legión. Según el libro de Rodríguez, la orden urdió una campaña “de acoso y derribo” en 2004 para que los Oriol entregaran a Maciel el resto de una fortuna que suma 25 millones. Esta donación se habría frustrado tras destaparse que Maciel (1920-2008) fue un depredador sexual de seminaristas“.

Eine Zusammenfassung auf Deutsch: Die Familie Oriol ist in Iberdrola und im Unternehmen des Express-Zuges Talgo finanziell beteiligt; die 5 Geschwister haben ein Vermögen größer als 30 Millionen Euro; während drei Jahrzehnten hat die Familie Oriol dem Pater Maciel 16 Millionen Euro geschenkt; nach einer journalistischen Recherche zettelten die Legionäre Christi 2004 sogar eine Kampagne voller Belästigungen an, mit dem Ziel, dass die Familie Oriol noch mal eine Summe von 25 Millionen Euro den Legionären übergab…

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

 

Die „Legionäre Christi“ halten ihr „Generalkapitel“ in Rom. Von den Opfern sexuellen Mißbrauchs wird geschwiegen.

Die „Legionäre Christi“ halten ihr „Generalkapitel“ in Rom. Von den Opfern sexuellen Mißbrauchs wird geschwiegen.
Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Eine aktuelle Ergänzung, veröffentlicht am 28.6.2014:

Ende Juni 2014 wurde in der Presse dokumentiert, dass die Krise im Orden der Legionäre Christi keineswegs überwunden ist, wie manche Beobachter nach dem „Generalkapitel“ im Januar 2014 vermuteten. Es wurde von der Katholischen Presseagentur Wien mitgeteilt: „Der Vatikan begleitet den Erneuerungsprozess der „Legionäre Christi“ mit einem so genannten externen Assistenten. Der (neu gewählte) Generaldirektor (so nennt sich dieser Ordensobere immer noch offiziell! CM) der Ordensgemeinschaft, Eduardo Robles Gil, teilte am Montag, 23.6. 2014, auf der Website der „Legionäre“ mit, ein noch nicht näher benannter Beauftragter des Vatikan werde den Neuaufbau der Gemeinschaft „unterstützen“.

Das heißt wohl im Klartext: Der Vatikan, allen voran vielleicht Papst Franziskus selbst, betrachtet den Orden mit dem Milliardenvermögen, den vielen jungen Priestern und den einflussreichen Bildungszentren immer noch voller Skepsis.

Interessant und bedeutend ist, dass der mexikanische Kardinal Juan Sandoval Iniguez Anfang Januar 2014 den Ordensgründer Pater Marcial Maciel, so wörtlich, einen Psychopathen und Schizophren öffentlich nannte (KNA 11. 1. 2014): Sandoval sagte, er habe bereits als Student in den späten 50er Jahren in Rom von Eskapaden Maciels erfahren. (Aber offenbar nichts dagegen getan, CM) Der Kardinal sagt: «Kann jemand (also Pater Marcial Maciel) 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert lang, ein Doppel- oder Dreifachleben führen? Nein», so Sandoval. Nur mit einer gespaltenen Persönlichkeit könne man «ein Leben als Heiliger, ein anderes als Ehemann, ein weiteres als Homosexueller, als großer Macher und als stiller Mensch führen». Der 80-jährige Kardinal äußerte sich anlässlich einer Vorstellung seiner Autobiografie.

Indem man nun von relativ hoher Seite Pater Maciel in die Ecke der Psychopathen schieben will, bleibt die Frage offen: Warum haben seine vielen engen Mitarbeiter im Orden und im Regnum Christi diese Pathologie nicht über alle die Jahre erkannt? Warum haben sie treu gehorcht, ließen sich (sexuell) benutzen und dienten ihm? Warum wagten sie nicht, diese Geisteskrankheit ihres Hochverehrten öffentlich zu machen, um ihren allseits geliebten, heilig mäßig genanten Vater zu heilen? Warum haben sich Kardinäle und selbst Papst Johannes Paul II. Jahre lang mit diesem Psychopathen und Schizophrenen gern umgeben? Ließen sich von ihm beraten und auf Reisen auf engstem gemeinsamen Raum begleiten (wie bei den Mexikoreisen des polnischen Papstes)? Warum war der Psychopath gern gesehenes Mitglied der Bischofssynoden in Rrom? Warum wurde dieser Psychopath von Papst Johannes Paul noch offiziell in Rom als „Vorbild der Jugend“ gepriesen? Warum wurde offenbar die Heiligsprechung der lieben Maciel Mutter vorbereitet? Haben sie diese psychische Krankheit Maciel gern übersehen, weil sie wussten: In diesem Orden des Psychopathen gibt es viele so dringend gebrauchte, stramme, gut aussehende dogmatisch-saubere junge Priester? Welche Rolle spielte dabei das große Geld der Legionäre, die ja gern Kardinäle im Vatikan großzügig beschenkten und in ihren römischen Instituten Priester aus aller Welt streng dogmatisch korrekt ausbilde(te)n? Erst kürzlich fand in der Legionäre-Christi-Universität zu Rom ein Kongreß wieder über den Exorzismus statt. Selbstverständlich wurde die Teufelsaustreibung anno Domini 2014 verteidigt und für korrekt befinden…. Drückte man also, noch einmal, alle kritischen Augen zu angesichts dieses machtvollen Ordens des Psychopathen? Darf man fragen, ob ein solches ignorantes Verhalten der kardinäel etc. sehr weit entfernt ist vom Verhalten der Mafia, die jetzt Papst Franziskus exkommuniziert?

………Jetzt folgt der ursprüngliche Beitrag………

Wir weisen darauf hin, dass Pater Klaus Mertes SJ in seinem neuesten, sehr empfehlenswerten Buch „Verlorenes Vertrauen“ (Herder Verlag) kurz auf den besonderen „Fall“ des Gründers der Legionäre Christi wenigstens kurz eingeht. Weitere Hinweise dazu am Ende dieses Beitrags.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich seit 2007 mit dem römisch-katholischen Orden der „Legionäre Christi“ befasst und seitdem einige Texte dazu publiziert. (Zur Lektüre klicken Sie hier) Religionskritik ist zentrales Thema von Philosophie und Theologie. Der machtvolle und einflussreiche Orden „Legionäre Christi“ hat uns interessiert, um die Machtverhältnisse in der Kirche zu untersuchen; um zu fragen, wie es gelingt, dass ein einzelner Mann, der Legionärs-Gründer, also der aus Mexiko stammende Pater Marcial Maciel, zu einem der einflussreichsten, mächtigsten und finanzstärksten Mitglieder der römischen-vatikanischen Bürokratie emporsteigen konnte. Und warum er von Papst Johannes Paul II. sehr hoch geschätzt, wenn nicht verehrt wurde: „Pater Maciel ist ein Vorbild der Jugend“, sagte der Papst… Er ignorierte dabei, dass Pater Maciel über Jahrzehnte Jungen und junge Männer, vor allem innerhalb seines Ordens, sexuell missbrauchte; die Opfer hatten dies dem Papst geschrieben, wurden aber nicht ernst genommen. Zudem war Pater Maciel mit einigen sehr wohlhabenden Frauen liiert, auch aus finanziellen Interessen; mit seinen Geliebten hatte er Kinder, die er seinerseits wieder missbrauchte, so berichten die eigenen Söhne. Von seinem Jahre langen Drogenkonsum als Ordensoberer wollten die Päpste seit Pius XII. nichts mehr wissen. Mitte der neunzehnhundertfünziger Jahre war er deswegen als Ordensoberer kurzzeitig suspendiert… Kehrte dann aber an die oberste Leitung seines Ordens zurück .. bis zum Jahr 2006. Er war also Ordensoberer seit der Gründung der Legionäre 1941, als 65 Jahre, das ist schon kirchenrechtlich gesehen ein außergewöhnliches Privileg, das nur durch heftige Kumpanei in den vatikanischen Behörden zu erklären ist, so kompetente Kritiker.
Über die Absetzung Marcial Maciels als Chef des Ordens durch Papst Benedikt XVI. und seinen Tod 2008 sowie über die päpstliche Untersuchung dieses Ordens durch eine päpstliche Kommission ist auf dieser website berichtet worden.
Diese Informationen wurden von sehr vielen LeserInnen als Information genutzt und geschätzt, zumal im deutschsprachigen Raum sonst fast keine kritischen und umfassenden Informationen zu dem Thema vorliegen, und wenn, dann haben sich die Autoren bei uns heftig bedient, um es milde auszudrücken. Offenbar wagt es auch niemand unter den Theologieprofessoren und Historikern, dieses Thema umfassend aufzugreifen. Selbst Filmemachern ist das Thema wohl zu heiß und zu gefährlich.
Natürlich kann man fragen: Gibt es (religions-) philosophisch gesehen nicht dringendere Themen? Sicher, die gibt es in großer Zahl. Etwa die Frage nach dem guten Leben, und, philosophisch gesehen, nach den Möglichkeiten der Erkenntnis, auch des Geheimnisses, das wir Leben nennen, ist für die meisten sehr viel dringender. Auch die Frage: Wie wir als Menschen der westlichen Welt moralisch bestehen können angesichts des Hungersterbens von vielen Millionen Menschen jährlich usw., und wir alle das ganz genau wissen, um nur von dieser einen Katastrophe der Menschheit zu sprechen. Diese Fragen wagt kein Kirchenfürst als das allerdringlichste aller dringlichen Themen auf die Tagesordnung der Kirchen sagen wir für ein Jahr zu setzen, und dabei alle theologisch-feinsinnigen Debatten auf Eis zu legen. Andererseits: Sehr viele Menschen haben unter Marcial Maciel und seinen ebenfalls pädophilen Mitbrüdern gelitten und wurden seelisch zerstört. Das darf auf keinen Fall vergessen werden. Darum muss von den Legionären gesprochen werden.
Der Orden der „Legionäre Christi“ hält seit dem 8. Januar 2014 in Rom sein „Generalkapitel“ ab mit 61 Delegierten des Ordens. Die spanische Tageszeitung El Mundo schreibt dieser Tage, 50 % der Delegierten dieser außerordentlichen Ordensversammlung gehören zur „alten Garde“, also den Getreuen des Gründers. (Quelle: http://www.elmundo.es/internacional/2014/01/08/52cd808e268e3e672e8b457f.html).
Die Ordensversammlung in Rom, so die offizielle Prognose, wird mindestens bis Mitte Februar 2014 dauern. Es soll eine neue Leitung gewählt werden, vor allem soll der Orden eine neue Konstitution, also eine neue Ordensregel, erhalten, die alte Ordensregel (obwohl erst von Papst Johannes Paul II. im November 2004 approbiert) sei viel zu diffus und den Weisungen für die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil nicht angepasst, sagte der provisorische, von Papst Benedikt XVI. eingesetzte Interim – Ordensobere Kardinal de Paolis (78) jetzt in einem Interview mit Radio – Vatikan. Wie konnte dieser Fehler passieren? War Papst Johannes Paul II. über dieses von ihm genannte „Vorbild der Jugend“ total falsch informiert? Wer im Vatikan hatte Interesse an er Verbreitung von „Falschinformationen“? In kritischen Kreisen fällt in dem Zusammenhang immer der Name Kardinal Sodano, einem alten Freund Maciels…
Der jetzige päpstliche Delegat, Kardinal de Paolis,, wurde vor kurzem von keinem Geringeren als Pater Federico Lombardi SJ, dem Pressesprecher des Papstes, für Radio Vatikan befragt. Ein auch journalistisch bemerkenswerter Vorgang…
In diesem Interview vom 8. Januar 2014, das nicht auf Deutsch vorliegt, ist u.a., kurz gefasst, interessant:
Der Name des Ordensgründers Pater Marcial Maciel wird überhaupt nicht mehr genannt. Dies entspricht dem Befehl des Papstes (Benedikt), auch alle Bilder des zuvor noch hoch verehrten Paters Maciel aus den Legionärs Häusern zu entfernen. Beobachter vergleichen diese faktische „Ausradierung“ des Ordensgründers mit einer Art Entstalinisierung. Aber insgeheim lebt der Geist des „Ausradierten“ natürlich fort. So sollen manche Legionärs Kreise noch voller Verehrung das Grab ihres „Vaters“ in seiner mexikanischen Heimat besuchen und entsprechende Fotos ehrfurchtsvoll verbreiten, sie glauben, es hätte ein ungerechter Krieg gegen Maciel stattgefunden, so berichtet die angesehene Wochenzeitung National Catholic Reporter Anfang Januar 2014, Quelle: Quelle: http://ncronline.org/news/accountability/former-legion-followers-criticize-oversight-order
Es wird jetzt vonseiten des päpstlichen Sonderbeauftraften für den Orden, Kardinal de Paolis, nicht vom „Charisma“ des Ordens gesprochen. Denn ein Charisma eines Ordens (etwa bei den Franziskanern das Vorbild des heiligen Franziskus von Assisi) bezieht sich immer auf die hervorragende Spiritualität des Gründers. Der aber hat im Fall der Legionäre „Untaten“ vollbracht, war also ein Verbrecher, wie Benedikt XVI. deutlich genug öffentlich sagte. Wenn also kein positives Charisma da ist, dann schlägt Kardinal de Paolis vor: Man spreche von Patrimonio, von Erbe, des Ordens. Patrimonio meint ja auf Spanisch auch Besitzstand. Und da hat der Orden ja wirklich sehr viel zu bieten, wir berichteten darüber. Die mexikanische kritische Presse hat erst im Januar 2014 erneut das weltweit verzweigte Milliardenvermögen des Ordens (in US Dollar) aufgelistet. Quelle: http://www.m-x.com.mx/2013-06-09/la-mafia-financiera-de-los-legionarios-de-cristo-int/
Wenn also der Orden der Legionäre keine, vom Gründer her stammende besondere und religiös herausragende Spiritualität hat, sollte er dann nicht besser aufgelöst werden? Auch dazu melden sich einige zu Wort, es sind vor allem prominente ehemalige Legionäre, die das fordern, wie der Ex – Legionär, der jetzige Diözesanpriester Felix Alarcon (Madrid), der viele Jahre ein engster Mitarbeiter Maciels in der Ordenszentrale in Rom war. (Quelle: http://sociedad.elpais.com/sociedad/2014/01/08/actualidad/1389214965_028153.html)
Felix Alarcon, einer der besten kritischen Kenner des Ordens, er tritt übrigens für die Aufösung des Ordens der Legionäre Christi ein, er verwendet dafür den spanischen Begriff „eliminicaion“, also „Auslöschung“. Die EX – Mitglieder des Ordens sollten sich in den Bistümern melden und dort nach entsprechender Prüfung arbeiten… Quelle:http://www.periodistadigital.com/religion/mundo/2013/12/20/felix-alarcon-la-legion-tal-como-la-entendiamos-deberia-ser-eliminada-religion-iglesia-maciel-abusos-sacerdote-papa-vaticano.shtml
Besonders bemerkenswert ist es, dass Kardinal de Paolis in dem Interview kein Wort über die Opfer der Verbrechen Pater Maciels sagt. Er redet nur im ganz allgemeinen von Schuld und von Gewissenserforschung, aber ohne jeden Anhalt auf die Tatsachen der Verbrechen und das Leiden der Opfer. Verschwiegen wird auch, dass auch etliche andere Priester dieses Ordens in pädophile Aktivitäten verwickelt sind und waren; das hat sogar der Sprecher des Ordens, Benjamin Clariond, im Dezember 2013 öffentlich zugegeben. Er sprach von 35 betroffenen Priestern. Quelle: http://www.informador.com.mx/internacional/2013/501164/6/legionarios-de-cristo-aclaran-denuncias-por-abusos.htm
In dem Interview für Radio Vatikan ist von diesem weit verbreiteten pädophilen Treiben in einem Orden mit insgesamt nur ca 900 Priestern (!) keine Rede.
Insgesamt zeigen die jüngsten offiziellen Interviews und Texte: Die Opfer stehen überhaupt nicht im Mittelpunkt des Interesses. Es geht dem Orden und dem Vatikan jetzt einzig darum, möglichst weißgewaschen, weiterzumachen. Von Wiedergutmachungen für die Opfer ist bis jetzt keine Rede.
Am 3. November 2013 hat der zweite Mann im Orden, der Generalvikar Pater Sylvester Heeremann, in einem Interview mit Radio Vatikan davon gesprochen, dass inzwischen – durch die Gespräche mit dem vatikanischen Delegaten und seinen Mitarbeitern – ein „echter Kulturwandel“ im Orden stattfinde. Dabei ist interessant, dass Pater Heeremann die bisherige „Kultur“ des Ordens in einem übertriebenem Aktivismus sieht, geprägt von einem Denken in Effizienz, d.h. (materieller) Erfolg galt als höchste Tugend. Tatsächlich ist die Anzahl der Schulen, Universitäten und Seminare des Ordens beträchtlich. Und tatsächlich haben sie viele hervorragende Kenner der Wirtschaft und ihrer Konzerne in ihrem Orden, wie etwa den Mexikaner Pater Luiz Garza Medina, einst war er viele Jahre Finanzspezialist in der Ordensleitung in Rom, jetzt ist er Ordensoberer in den USA. Die Legionäre, so der Gesamteindruck vieler Beobachter, haben offiziell die Armut gelobt, sie setzen alles daran, sehr viele Spenden zu sammeln, auch bei den Armen, um Stiftungen und Banken weltweit zu gründen…Dazu siehe: http://www.m-x.com.mx/2013-06-09/la-mafia-financiera-de-los-legionarios-de-cristo-int/
Um noch einmal auf die bisherige (?) „Kultur“ der Legionäre zurück zu kommen: Sie waren also Effizienz – Fanatiker, sie waren sozusagen die Spitze der Technokratie innerhalb der Kirche, ein Club, der ganz dem Zeitgeist erlegen war (und ist ?). Darüber hat bisher noch niemand ausführlicher geschrieben: Technokraten in der Kirche, wäre ein hübsches Thema auch für Papst Franziskus. Er hat sich übrigens vorbehalten, die neue Ordensregel dann irgendwann im Februar 2014 zu lesen. Es gibt keinen Zweifel bis jetzt, dass der Orden irgendwie fortbesteht.
Nicht nur deswegen ist die Frage dringend: Warum hat der Papst, warum hat der Vatikan, solch ein großes Interesse, dass der Orden der Legionäre Christi (bezeichnenderweise mit einem offiziell so auch genannten „Generaldirektor“ an der Spitze) in der Kirche weiter besteht? Denn daran lässt auch der päpstliche Delegat Kardinal de Paolis keinen Zweifel! Es ist – so vermuten einige – , vor allem eben doch das massenhafte Geld, über das der Orden verfügt, das so viel vatikanisches Wohlwollen heute vorherrscht. Und es sind auch die vielen jungen Priester, die der Orden immer noch für die eigenen Institutionen zur Verfügung stellt. In einer Kirche, die äußerst klerikal orientiert ist und vor allem Interesse hat, viele junge Priester zu haben, hat solch ein Orden eben große offizielle Sympathien; mag sein Ordensgründer auch über kein religiöses Charisma verfügen … und, wie Benedikt XVI. klar öffentlich sagte, eigentlich verbrecherisch gelebt haben.

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Zur Stellungnahme von Pater Klaus Mertes SJ in seinem empfehlenswerten Buch „Verlorenes Vertrauen“ zu Marcial Maciel, Seite 89 ff. einige zusammenfassende Hinweise:
Pater Mertes nennt Marcial Maciel einen „Missbrauchstäter besonders großen Ausmaßes“ (S 89).
Er erwähnt, dass Papst Benedikt XVI. das im Legionärs Orden übliche Zusatzgelübde der so genannten „Nächstenliebe“ abschaffte, weil dieses Gelübde nichts anderes bedeutete, als dass die Mitglieder über alle Zustände und Mißstände im Orden (also auch über die Verbrechen Maciels) zum Schweigen verpflichtet waren, nichts sollte nach außen dringen. Pater Mertes schreibt treffend: „Dies ist ein eklatanter Missbrauch von Macht und ein zynischer Umgang mit dem Wort =Nächstenliebe=“. (S. 90). Die Nächstenliebe bestand also darin, alle Aktionen des viel geliebten „Vaters“, also des – so der offizielle kirchliche Titel: „Generaldirektors“ Maciel – zu verstehen und zu verzeihen.
Wir haben im Religionsphilosophischen Salon auch früher schon diese Frage aufgeworfen: Wie konnte die römische Bürokratie (in Sachen Lehre und Dogma) dieses Gelübde überhaupt „genehmigen“? Pater Mertes nennt dieses Phänomen, dass die Kirchenleitung gar nicht mehr das Mißbräuchliche in geistlichen Gemeinschaften und Orden erkennt, „eine Versektung der Kirche“ (S 90), d.h. die Kirche im ganzen nimmt sektiererische Züge an. Pater Mertes weist wieder treffend darauf hin, dass sich diese Gruppen, wie die Legionäre Christi, als Elite und Avantgarde verstanden haben und verstehen, sie würden sich „als künftige Führungselite sehen. Inzwischen sind viele von ihnen schon in kirchlichen Führungspositionen angekommen“ (S. 90).
Tatsächlich hat am 15. November 2013 Papst Franziskus einen Legionär Christi, Pater Fernando Vergez Alzaga, zum Bischof geweiht und ihn anschliend zum Generalsekretär des Vatikanstaats ernannt. Quelle: http://katholisch-informiert.ch/2013/11/papst-weiht-generalsekretaer-des-vatikanstaats-zum-bischof/
Ob der Vatikan für diese hohe Aufgabe tatsächlich unbedingt einen „Legionär Christi“ braucht, (wer hat möglicherweise den Papst dazu gedrängt?), ist naturgemäß völlig unbekannt. Ausgerechnet ein Legionär ist nun „für die Seelsorge unter den dort tätigen Mitarbeitern zuständig“, so die Pressemeldung.

Inzwischen ist in Paris ein Bericht eines EX Legionärs (Christi) erschienen, in dem angesehenen Verlag Flammarion: Der Titel:
„Moi, ancien légionnaire du Christ, 7 ans dans une secte au cœur de l’Eglise“ („Ich, ehemaliger Legionär Christi, 7 Jahre in einer Sekte im Herzen der Kirche“) Der Autor: Xavier Léger, en collaboration avec Bernard Nicolas, Editions Flammarion, 352 pages ; 21 euros

Zum Schluß weisen wir auf die unseres Erachtens erste (freie) literarische Auseinandersetzung mit Marcial Maciel hin (einen großen Spielfilm oder Krimi gibt es bis jetzt noch nicht): José Manuel Ruiz Marcos, „La Orden maldita“ (2007).

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Philos. Salon über Peter Bieri

Es gibt erfreulicherweise schon so viele schriftliche Anmeldungen, die wir natürlich alle beachten, so dass wir diesmal um Verständnis bitten: Der Salon am 19.4. ist jetzt (15.4) ausgebucht.

Am 19. April um 19 Uhr haben wir unseren nächsten Salonabend. Diesmal sind Gäste aus Amsterdam dabei, von der dortigen Gemeinde der freisinnig – liberalen protestantischen Kirche der Remonstranten „Vrijburg“.  Bitte klicken auf „Remonstranten Vrijburg“, um zu sehen, wie lebendig eine freisinnige protestanische Gemeinde sein kann, davon können wir in Berlin und Deutschland erst mal nur träumen….

Die Amsterdamer Gäste haben in ihrem Salon in Amsterdam das Buch von Peter Bieri „Wie wollen wir leben?“ gelesen, wir wollen gemeinsam über das 3. Kapitel „Wie entsteht kulturelle Identität?“ sprechen.

Aufgrund des begrenzten Platzangebotes in der Galerie Fantom können wir diesmal nur Anmeldungen  von Interessierten berücksichtigen, die tatsächlich fest entschlossen sind, am 19. April um 19 Uhr in der Hektorstr. 9 dabei zu sein. Ein interessanter Abend sei versprochen… Bitte um Anmeldung:christian.modehn@berlin.de         Um einen finanz. Beitrag von  5 Euro wird gebeten.

Poesie vor dem Unendlichen. Eine Radiosendung

Am Sonntag, 7.4.2013, sendet der NDR (INFO -Programm) meinen Beitrag zum Thema Bittgebete, das Thema ist auch religionsphilosophisch relevant. Geht es doch um die Frage, ob Menschen, wenn sie Transzendenz erleben, auch zur Sprache finden im Blick auf den Ewigen.

Die Sendung wird auf NDR Info um 6.05 für Frühausfsteher ausgestrahlt und um 17.05 wiederholt.

Aus dem Pressetext: „Bittet, so wird euch gegeben“, forderte
Jesus seine Jünger auf. Darauf vertrauen
auch gläubige Menschen, wenn sie sich
mit ihren Sorgen an Gott wenden. Doch
welchen Sinn hat es, um göttlichen Rat
und Beistand zu bitten? „Wer betet,
Gottes Reich des Friedens möge
kommen, weckt in sich die Sehnsucht
nach Frieden“, schreibt der Kirchenvater
Augustinus. Heutige Theologen sind
überzeugt: Im Beten und Bitten erkennt
der Mensch, wer er ist und welche Ziele
ihm wichtig sind. Bittgebete können zur
spirituellen Poesie werden. Sie wecken
die Achtsamkeit. „Das Gebet ändert nicht
Gott, aber es verändert den Betenden“,
sagt der protestantische Philosoph Sören
Kierkegaard. Bittende und Betende
hoffen, trotz aller
Abgründe von einem
göttlichen Grund getragen zu sein.