Denkbar

Unter diesem Titel bietet der Religionsphilosophische Salon regelmäßig ein Stück aus der DENKBAR. Vielleicht ein philosophisches „Wort zum Tage“…



Trump und der Roman „1984“: Dichtung wird Wahrheit?

24. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn.

In den Kommentaren zum Umgang der Trump-Administration mit Fakten wird immer häufiger auf den berühmten Roman „1984“ verwiesen. Es ist gut, sich erneut an den Roman von George Orwell zu erinnern:

Der Roman „1984“ erschien 1949. Er ist wieder ein Bestseller seit dem Regierungsantritt von Trump.

Der Roman 1984 zeigt eine gespaltene Welt, in der Kriege geführt werden, nur um die Gewalt im eigenen Machtbereich zu kaschieren. Das Ziel der Regierung etwa in London ist die totale Auslöschung des individuellen Bewusstseins. Die Partei befiehlt neue Wahrheiten: „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke“. In dieser totalitären Welt gibt es keine Tatsachen mehr, keine historische Faktizität. Im „Wahrheitsministerium“ wird die Wahrheit vom Staat stets neu geschrieben. Wahrheit und Lüge haben die gleiche Wertigkeit. Am schlimmsten sind die „Gedankenverbrechen“, also wenn Menschen unabhängig zu denken. Dann gibt es nur die Zerstörung des Menschen durch eine perfekte Staatsmaschinerie. Soweit einige Hinweise zum Roman.

Dazu aktuelle Information aus dem TRUMP- Land:

Trump hat mit seinen facebok- und Twitter Accounts ein persönliches Netzwerk voller Fakes aufgebaut. Und Stephen Bannon ist sein oberster Stratege, er arbeitete für das Hetzblatt „Breitbart“.

In Umfragen und Studien lässt die Begeisterung für die Demokratie in den USA schon ständig nach. Darauf kann Trump indirekt und direkt zustimmend reagieren.

„Gottlob sind die USA weder die Weimarer Republik noch Italien in den 20er Jahren“, schreibt der „New Yorker“, die Wirtschaft sei stabil und wachse. Trump sei weder Adolf Hitler noch Benito Mussolini. „Aber er ist Trump, und das ist eine echte Gefahr.“ Die Argumente: Trump habe keinerlei Respekt vor der Demokratie und der Verfassung. Er präsentiere sich als starker Alleinherrscher. Er respektiere keinerlei Normen. Er lasse sich von Ultrarechten und Antisemiten unterstützen. Er rede rassistischen Methoden der Polizei das Wort. Er hetze gegen Minderheiten. Er schüre Angst. Und er verachte Medien und Journalisten zutiefst: „Die niedrigste Form menschlichen Lebens“, so nannte er sie im Augus 2016t. (Quelle: Stuttgarter Zeitung, 29. Dez. 2016)

Viel beachtet legte Professor Jeff Colgan von der Brown University eine Liste mit zehn Anzeichen einer demokratischen Erosion vor. Mit allem Vorbehalt formuliert, finden sich auch dort die Ausschaltung oder Missachtung von Medien, eine Dämonisierung der Opposition oder ihrer Anführer, Angriffe auf Minderheiten, das Benennen von Sündenböcken und die scharfe Betonung der inneren Sicherheit.

Colgan: „Alle daraufhin ergriffenen Maßnahmen werden mit der Überbetonung eines angeblichen Notstandes entschuldigt, begleitet von offenem Nationalismus und wachsender Polarisierung.“ Das findet sich bei Trump eins zu eins, man kann nicht sagen, dass er das im Wahlkampf sorgfältig versteckt hätte.

Die große Gefahr für die USA, meint Colgan, liege aber nicht in einer rapiden Änderung über Nacht. Sondern in einem schleichenden, fast unmerklichen, zersetzenden Prozess, von dem die Herrschenden mit aller Macht abzulenken versuchten.

Wie Autokraten durch die Kontrolle von Information überleben, hat George Orwell schon in seinem Roman „1984“ beschrieben. „Wer sich damit auskennt, wie Gesellschaften zerfallen und wie Diktaturen entstehen, weiß, dass dafür das Strangulieren einer freien Presse ein Schlüsselfaktor ist“, schrieb die Schriftstellerin Rebecca Solnit nun für den „Guardian“.

Die Neue Züricher Zeitung schreibt:

Der neue Sprecher des Weißen Hauses, Sean Spicer, beschränkte seinen ersten Auftritt am Samstag ebenfalls auf eine Medienschelte, über weite Teile zum gleichen Thema. Fragen akzeptierte er keine.

Spicer ist kein Neuling aus dem Umfeld von Trumps Unternehmen, sondern war ab 2011 Kommunikationschef der republikanischen Parteiführung. Das hinderte ihn nicht, entgegen aller Vernunft und allen Beweisen zu behaupten, die Zuschauerzahl – sowohl in Washington als auch am Fernsehen – sei bei Trumps Vereidigung größer gewesen als je zuvor. Erfasst werden kann das nur noch in Kategorien von George Orwells Doppeldenk aus dem Roman ‘1984’

Quelle: http://www.salzburg24.at/pressestimmen-zur-amtseinfuehrung-von-us-praesident-trump/4937880)

Elmar Schenkel, Literaturwissenschaftler, schreibt: „Es ist unheimlich, wenn man den Roman 1984 wieder in die Hand nimmt. […] Das Weltbild wird geschnitten, zensiert, selektiert usw. Fakten werden verändert. Das ist absolut der Vorgang, mit dem wir jetzt allmählich vertraut gemacht werden in der Wirklichkeit. Das ist unheimlich, wie Literatur zu Wirklichkeit wird“….

„Und wir alle sind willig, wir wollen das (Überprüftwerden). Das ist der Unterschied zu Orwell, dass wir nicht gezwungen werden, sondern wir wollen uns mitteilen über Facebook, über Fotos, unsere Lebensläufe. Wir wollen gesehen werden. Das ist auch freiwilliges Aufgehen in diesem Totalstaat“.

Elmar Schenkel. Er ist Literaturwissenschaftler quelle: http://www.mdr.de/kultur/themen/george-orwell-neunzehnvierundachtzig-100.html

 

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Martin Heideggers Briefe von 1930 bis 1949 an seinen Bruder Fritz: Viel Nebel und wenig Licht

29. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher, Termine

Ein Buch Hinweis von Christian Modehn

Eine kritische Gesamtausgabe der Werke Martin Heideggers liegt noch immer nicht vor. Die bisher erschienen Bücher nennen sich bloß „Gesamtausgabe“, betreut und redigiert von getreuen Heidegger – Freunden und – Deutern. Auch die kürzlich bei Herder – der bisher nicht als „Heidegger-Verlag“ bekannt wurde – publizierten Briefe von Martin an seinen Bruder Fritz und die wenigen (!) Briefe von Fritz an Martin Heidegger aus den Jahren 1930 bis 1949 sind nur eine Auswahl; jeder Brief weist intern noch viele Kürzungen auf. Wem ist damit gedient? Was da weggelassen wurde, bleibt im Nebel. So hat dieses Buch im Blick auf die veröffentlichten Briefe etwas „Gönnerisches“, von den Erben ausgewählt. Erstaunlich ist aber, dass doch eher nicht so relevante Mitteilungen in den Briefen, wie etwa die ständigen Gratulationen zu den jeweiligen Namenstagen der Brüder, nicht weggelassen wurden. Offenbar soll durch die häufigen Namentags-Gratulationen irgendwie noch ein katholischer traditioneller Restbestand bei Bruder Martin herausgestellt werden, der sich auch abermals in den Briefen an Bruder Fritz als jenseits des Katholischen/Christlichen offenbart. Ständig spricht auch der Philosoph von der Sorge um seine „Kisten“ (also eigene Bücher- und Manuskript-Kisten), die doch bitte schön irgendwo gut versteckt und vergraben werden sollen – angesichts der Bombardements. Von den verfolgten Juden, die sich kaum noch verstecken konnten, ist hingegen an keiner Stelle des Briefswechsels die Rede. Mitfühlende Äußerungen wurden von den Herausgebern gewiss nicht weggelassen. Denn solche Worte hätten ja wenigstens ansatzweise einen menschlich-mitfühlenden Heidegger gezeigt. War er aber nicht! Stattdessen wird die maßlose, durchaus in Lächerliche gehende Selbsteinschätzung Martin Heideggers erneut dokumentiert. So schreibt er am 10. Mai 1944, er müsse „hinauf“ in die Hütte von Todtnauberg. Denn er spüre, dass das Seyn (!) ihm etwas zu sagen habe: „Ich fühle das Erwachen eines Denkens, dem ich mich jetzt einfach hinhalte, umweht von einem weither kommenden Atem der Geschichte des Seyns (sic)..“. Die Menschen sterben, Soldaten erfrieren, Juden werden vergast, und Heidegger „hält sich dem Seyn hin“ und fühlt sich „umweht“…. Dann folgt die maßlose Überhöhung seiner eigenen Rolle: „Zumal ist dies: dass durch einen einzigen Menschen das Geheimnis spricht und in mir die Kühnheit des Denkens dem entgegenkommt und es befreien darf ins klare Wort“ (S. 101). Ob diese Worte Heideggers klar sind und jemals, von ihm angeblich klar gewünscht, auch klar sein sollten, darf wie so oft bezweifelt werden; wichtiger ist hier, dass sich Heidegger eine geradezu prophetische Rolle zuspricht und anmaßt („durch einen einzigen Menschen spricht das Geheimnis“, also das göttliche Geheimnis CM…Also durch ihn, Heidegger, kommt förmlich die Erlösung durch die und als die Seyns-Hörigkeit. Das heißt: Folgen wir bitte Heideggers Offenbarungen des Seyns, auch Schickungen genannt….

Während in den ersten Wochen des Jahres 1944 Bomben auf Berlin fallen und Frankfurt am Main zu der Zeit zerstört wird, von dem Gemetzel in Russland ganz zu schweigen, was Heidegger doch wenigstens ansatzweise wusste, da schreibt der egozentrische Philosoph in dem gleichen Brief an Bruder Fritz: “Ich muss hinauf (zur Hütte in Todtnauberg, CM), um zu danken, dass alles gut geworden und dem Schönen erst zu öffnen sich langsam und verborgen anschickt“… (So schreibt Heidegger, kein Tippfehler meinerseits dabei). In einem Brief vom 11. November 1944 schreibt Martin an Bruder Fritz gar, wörtlich von „Erleuchtung“, die ihm zuteil wurde bei einer Entscheidung hinsichtlich seiner Vorlesungen in Freiburg (die fast alle seinem neuen „Führer“, dem Dichter Hölderlin, als dem „Deutschen“, gewidmet sind). Das Wort „Erleuchtung“ ist nicht ironisch gemeint bei Heidegger.

Dieses kleine Zitat Beispiel zeigt, wie viel tatsächlich differenzierte und genaue Text-Analyse in dem genannten Buch des Herder-Verlages notwendig gewesen wäre. Aber die 22 Beiträge (die ja nach meinem Eindruck vor allem auch wegen der Veröffentlichung der bislang unbekannten Briefe verfasst wurden, nur das macht ja Sinn für ein weiteres „Sammelwerk“) zeigen nur selten einen tieferen Bezug zu den Briefen. Bruno Pieger bietet sogar auf 28 Seiten einen so genannten „Kommentar zur Briefauswahl“. Diese Erläuterungen bleiben aber sehr dürftig und erklären nicht, warum, nur ein Beispiel, Heideggers Sohn Hermann sich in Theresienstadt aufhält „und dort das soldatische Leben der aktiven Truppe vermisst“ (S. 65, ein Brief an „Bruder Fritz, Liesel und die lieben Buben“ vom 3. Juli 1940). Kein Wort von Herrn Piegel, was denn Sohn Hermann in Theresienstadt machte…

Man ist etwas erstaunt, dass Rabbiner Walter Homolka, Potsdam, als Mitherausgeber gewonnen wurde. Meines Wissens trat er als Heidegger Forscher bisher leider nicht so deutlich hervor. Man könnte etwas zynisch werden und meinen, für die Heidegger-Freunde (und den Verlag) tut eben ein prominenter Rabbiner gut – gerade nach der Publikation der explizit antisemitischen „Schwarzen Hefte“ Heideggers –, vielleicht gelingt es einem Rabbiner, den Denker aus dem Schwarzwald wieder in die bessere Gesellschaft zu heben. Und Arnulf Heidegger, Rechtsanwalt, ist als Enkel Martin Heideggers und als Nachlassverwalter der weitere Mitherausgeber. Die Familie also prägt doch noch das Publikationsgeschehen – wenigstens in einem katholischen Verlag! Und kein Geringerer als Manuel Herder, Chef des großen Herder-Unternehmens, stellt dem neuen 1. Vorsitzenden der Heidegger Gesellschaft, Harald Seubert, vier Fragen über „Heidegger heute“. Harald Seubert ist etlichen nicht nur als Philosoph so ein bisschen bekannt, sondern auch als Interview-Partner der sehr rechtslastigen Wochenzeitung „Junge Freiheit“, etwa am 5. Dezember 2008. Auch eines seiner Bücher wurde am 18.9.2015 vorgestellt; da schreibt die Junge Freiheit über Seubert: “Skeptisch ist der Verfasser gegenüber einem verbreiteten unkritischen Verständnis von „Demokratie“ als der besten aller möglichen politischen Welten…“ Der Studentische Konvent der Universität Bamberg veröffentlichte Mitte Dezember 2012 diese Pressemitteilung über Seubert: „Am 15. Dezember 2012 sprach der als Dozent an der Universität Bamberg tätige Harald Seubert nach Informationen der „Antifaschistischen Informations-, Dokumentations- und Archivstelle München e.V.“ auf dem Thomastag der „regionalen Angehörigen des ultrarechten Dachverbands ‚Deutsche Burschenschaft ‘“ in der „Thomaskneipe“ in Nürnberg.“ Auch am 10. Februar 2015 erwähnte die „Junge Freiheit“ Seubert positiv usw…Zumindest wird deutlich: In eher etwas links angehauchten Kreisen ist die Heidegger-Forschung und Heidegger Publikation auch heute nun wirklich nicht beheimatet. „Das Seyn spricht rechts, könnte man Heidegger nachträglich zuflüstern…

In dem Herder-Buch gesteht Seubert „mit einem gewissen Recht“ (S. 351) die Berechtigung der Kritik an Heidegger großzügigerweise zu. Der Familienstreit im Hause Heidegger wird aber von Seubert angesprochen, wenn er die Deutungen der Heidegger-Forscher Trawny oder Mehring für „aufgeblasen“ (S. 348) hält. Mit anderen Worten: Eine etwas kritische Deutung durch die Heidegger Familie und die mit ihr eng verbundene Heidegger Gesellschaft (also Seubert) schließt nicht aus, dass weiter heftig polemisiert wird. Und man ist beinahe etwas enttäuscht, dass nicht auch Friedrich Wilhelm von Herrmann, der vielseitige Herausgeber und engste Heidegger-Vertraute, zu Wort kommt. Und uns vor allem erklärt, warum er lang und breit ein wohlwollendes Fernseh-Interview mit dem rechtsextremen Russen Alexander Dugin (er war Co-Vorsitzender der mittlerweile verbotenen Nationalbolschewistischen Partei Russlands) zwei Stunden lang führen wollte. So rückt Heidegger abermals ins rechte und sehr rechte Spektrum…

Aber solche politischen Merkwürdigkeiten, wenn nicht Skandale, freizulegen meidet der Sammelband. Genauso wertvoll wäre es gewesen, noch einmal Prof. Günter Figal zu befragen, den bekannten und geschätzten Philosophen aus Freiburg i.Br., warum er sich denn aus der „Heidegger-Gesellschaft“ nach vielen Jahren höchst-verantwortlicher Mitarbeit zurückgezogen hat…

So haben wir es also mit dem Buch „Heidegger und der Antisemitismus“ mit besonders interessanten Brief-Fragmenten zu tun, die für die künftige Heidegger Interpretation doch etwas aufschlussreich sein werden. Der Untertitel heißt „Positionen im Widerstreit“: Tatsächlich äußern sich verschiedene kompetente Heidegger-Deuter. Vor allem den Beitrag Micha Brumliks möchte ich da ausdrücklich empfehlen: Er hat die hier auf ca. 130 Seiten publizierten Briefe gelesen und setzt sich mit ihnen in dem hervorragenden Beitrag „Die Alltäglichkeit des Judenhasses – Heideggers Verfallenheit an den Antisemitismus“ (Seite 202 bis 211) auseinander. Auch Donatella Di Cesare hat ihre Lektüre der hier publizierten Briefe in ihren Beitrag eingebracht. Eher nebenbei erwähnt auch Klaus Held die Briefe. Sein Beitrag erinnert abermals daran, dass Heidegger schon sehr früh die Öffentlichkeit verachtete und politisches Engagement mit der Eigentlichkeit der Existenz nicht verbinden konnte und wollte. Die Fixierung auf „Heimat“ machte ihn blind fürs Weltgeschehen. Dabei war er ja durchaus Zeitungsleser, der die Bomben erlebte und von der Vergasung der Juden musste er trotz aller Schwarzwald-Bindung gehört haben!….Auch Reinhard Mehring erwähnt die Briefe in seinem sehr lesenswerten Beitrag „Postmortaler Suizid. Zur Selbstdemontage des Autors der Gesamtausgabe“. Andere Autoren wollen sich, sagen wir es ruhig, „versöhnend und versöhnlerisch, zeigen, sie erinnern an die sehr allgemeine Erkenntnis, dass es doch sehr zu differenzieren gilt, dass vieles doch wichtig bleibt bei Heidegger. Was das genau ist, wird eher behauptet und nicht ausführlich entwickelt. Gerade die viel zitierten Hölderlin-Deutungen Heideggers mitten im Zweiten Weltkrieg sind ja doch keineswegs so ohne weiteres gültig, sondern politisch hoch problematisch und auch in der Interpretation oft eine Zumutung. Wichtiger scheint mir die in dem Buch gar nicht diskutierte Frage: Was bleibt von diesem jetzt antisemitischen und auch gar nicht so konfessionell-christlichen Heidegger in der Rezeption katholischer Theologie (Rahner) und Philosophie (Welte und seine Schüler) noch übrig? Kann man mit Heidegger zum (theologisch vertretbaren) Heiligen kommen? Da muss eine neue kritische Forschungsarbeit geleistet werden und etwa Bernhard Welte kritischer interpretiert werden. Man lese nur noch einmal die Worte des katholischen Theologen und Priesters Bernhard Welte zur Beisetzung Heideggers am 28. Mai 1976 (in: Heidegger-Welte, Briefe und Begegnungen, 2003, S. 124 ff), diese Worte „triefen“ förmlich von Heidegger-Ergebenheiten (etwa: „Heidegger folgte seinem „Geheiß“, S. 127). Aber das ist ein anderes Thema…

Es gibt viele Themen, die durch diese Brief-Fragmente angesprochen werden, etwa, dass Heidegger seine, erst jetzt publizierten berühmten Schwarzen Hefte seinem Bruder Fritz schon zum Lesen gab, so in dem Brief vom 2. November 1938: „Ich brauche in den nächsten Wochen von den schwarzen Heften (Überlegungen) Nr. VII und VIII, wenn du gerade dabei bist, kannst du ruhig zu Ende lesen. Schicke die Hefte am besten in einer Buchscheide gut verpackt und eingeschrieben“. Schon damals wollte Heidegger per Einschreiben selbst in der Nazi-Zeit sicherstellen, dass seine Schwarzen Hefte nicht vor seinem Tod außerhalb der Familie gelesen werden. Die Schwarzen Hefte, bewusst von ihm selbst post mortem veröffentlicht, sollten in seiner Sicht eine Art Schlussakkord unter dem ganzen Gedachten (dem Werk) sein…

Auf die in den Briefen über unüberhörbare Verachtung der (Weimarer) Demokratie wurde andernorts mehrfach treffend hingewiesen, Heidegger findet seine persönliche Situation in der Öffentlichkeit nach dem Krieg schlimmer als in der Nazi-Zeit (129). Wer kann ernsthaft so viel Abwehr der Demokratie Heideggers ertragen?

Sichtbar wird ein Mann, der Sehnsucht hat nach der heimatlichen Scholle, der alten heilen Welt in der Kleinstadt Meßkirch, der gleichzeitig größenwahnsinnig das Seyn hört, dadurch eigentlich Lehrmeister für alle Seienden sein möchte, es aber in der Nazi-Zeit nicht sein darf. Ein Philosoph, der Hitler verehrt, weil er die große Wende bringen soll. Diese aber dann doch nicht bringt, weil er Heidegger nicht zu seinem Meisterdenker machte. So entsteht vor uns ein verärgerter, gekränkter, auf alles Deutsche nach wie vor versessener Denker, der sich als etwas ganz Besonderes und Höchst-Berufenes fühlt, der hört und lauscht auf das Seyn und dann eher lallend manchmal angeblich wesentliche Winke gibt. So möchte man doch des Meisters eigene Worte zitieren, kaum nachvollziehbar, wie so vieles bei ihm: „Es entspricht dem Geheimnis des Seyns, dass zumal mit dem Widerfug der Verwüstung ist der Fug eines Anfangs“ (bei Irritationen der Lektüre: Keine Tippfehler meinerseits, CM, es steht im Brief vom 23. August 1943, Seite 90) Oder in ähnliche (defätistische) Sicht gehend: Die erbauliche Mahnung an Bruder Fritz im Kriegsjahr 1943 (genau am 22. Oktober), nachdem Martin darauf hingewiesen hat, dass nur „die Kleingläubigen in Ratlosigkeit geraten, wenn diese Welt in ihren Fugen kracht“ (S. 93)….selbst wenn durch die Verhandlungen der alliierten Politiker „im äußeren Effekt Grausiges passiert. Darum diese Mahnung Martins als eines, so wörtlich, „Wissenden“ an Fritz: : “Bleibe in deiner stillen Welt ( wieso stillen Welt, gab es in Meßkirch keine Bomben? CM). Und weiter schreibt Bruder Martin: „Das ist keine Flucht, sondern die Inständigkeit, deren das Seyn selbst bedarf“ (Seite 93). Was soll das bloß heißen? Hat das Heidegger selbst verstanden? Meint er mit Seyn vielleicht nicht doch „Gott“? Oder war dieser Satz gar eine „Schickung“, ein „Eräugnis“, die er als Erwählter („Wissender“) förmlich mitteilen musste? Aber: Haben wir schon einmal erlebt, dass das Seyn unserer Inständigkeit bedarf? Aber lassen wir diese Fragen, wohin auch immer sie führen? Wusste das Heidegger selbst?

Der Heidegger Spezialist Prof. Holger Zaborowski (Vallendar) schlägt in seinem Beitrag vor, weiterhin Heidegger, aber eben differenzierter zu lesen und zu erforschen, trotz der von Zaborowski genannten „Mehrdeutigkeiten, Spannungen und Widersprüche“ (S. 430). Er spricht sogar von „Ambivalenz des Heideggerschen Denkens“ (ebd.)

Holger Zaborowski gesteht ein, dass Heidegger in den „Schwarzen Heften“, so wörtlich, „unter seinem eigenen Niveau“ denkt (434). Was aber wäre das „Niveau“? Zaborowski nennt weitere große Schwachpunkte, etwa das schon früher viel besprochene Ausbleiben ethischen Denkens (438). Der Heidegger Kenner (leider bietet er keinerlei Hinweise auf die Briefe!) folgt aber der Interpretationslinie, die Heidegger selbst vorgegeben hat, nämlich der Interpretation im Bild des WEGES… da gibt es dann halt Entwicklungen und Irrwege und Holzwege und viel Gestrüpp und Irrnisse… In jedem Fall sollten wir, so Zaborowski, „mit Heidegger weitergehen“ und auch „immer über ihn hinausgehen“. Wo werden wir dann beim „Hinausgehen“ landen? Immer noch bei einem zur Vernunft gekommenen Heidegger?

Vielleicht hilft ein dialektisch-kritischer Umgang mit dem Denker aus dem Schwarzwald im Augenblick einigen etwas weiter. Damit sie nicht entsetzt sind vor der Tatsache, wie viel Lebenszeit sie mit dem Durchkauen und Entziffern von Heideggers Worten und Weisungen und Schickungen verbracht zu haben … und sich im stillen dann doch fragen: Warum habe ich nicht anstelle Heideggers etwa viel mehr Kant und Aristoteles gelesen? Von Habermas oder Rawl ganz zu schweigen? Solche philosophischen, heideggerisch bedingten Lebensschicksale, verbunden mit der Suche nach der mit Heidegger „verlorenen Zei“t, vielleicht auch dies wiederum Schickung des Seyns ?, wird man später vielleicht noch besprechen müssen.

Der Philosoph Thomas Vasek (Hamburg) schreibt treffend am Ende seines Beitrags: „Es ist an der Zeit, ohne Heidegger zu denken“ (Seite 404).

PS: Es ist deutlich geworden, dass dieser Beitrag leider nicht alle Beiträge des Buches ausführlich diskutieren kann. Und es konnten keine weiteren kritischen Auseinandersetzungen mit den „Briefen“ erwähnt werden. Auf einen Text soll noch hingewiesen werden: Die Philosophin Susan Neiman hat sich schon am 27. Oktober 2016 in „DIE ZEIT“ (Seite 49) mit der auch in den „Briefen“ deutlichen Zurückweisung von Aufklärung und Moderne durch Heidegger befasst. „Die Quelle allen Unglücks ?“ ist der Titel des Aufsatzes von Susan Neiman: „Heideggers Verachtung der Öffentlichkeit ist nur ein Beispiel dafür, wie sich elitäres Denken bedroht fühlt“….“Die alte, antimoderne Nostlagie schimmert durch jede seiner Zeilen hindurch. Wetten, dass Nietzsche ihn zu denjenigen gezählt hätte, die `ihr Gewässer trüben, damit es tief scheine`?“ Susan Neiman hat sich wohl ihre Worte gut überlegt, wenn sie auch im Blick auf die „Schwarzen Hefte“ Heideggers (ebenfalls in „Die Zeit“) schreibt: Diese Texte „enthalten eine Reihe von ressentimentgetriebenen Aussagen, die Heidegger von einer Geistesgröße zum Kleingeist zurückstufen – wenn sie nicht gar Infantiles oder gar Wahnsinniges bloßlegen“.

Heidegger und der Antisemitismus. Positionen im Widerstreit. Mit Briefen von Martin und Fritz Heidegger. Hg. von Walter Homolka und Arnulf Heidegger. Verlag Herder, 2016, 448 Seiten, 24,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Beten und Gebete: Plädoyer für die Poesie.

9. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Gerade im Umfeld von Festen, die in unserer Gesellschaft manchmal noch einen gewissen religiösen Charakter bewahrt haben, wie Weihnachten, stellen manche die Frage: Was könnte denn meine persönliche Übung sein, auch spirituell diese Tage von Advent und Weihnachten zu gestalten? Eine Möglichkeit: Die eigene persönliche Poesie entdecken und sie ausdrücken, aussprechen, notieren: Diese persönliche Poesie kann vielleicht zum persönlichen Gebet werden.

Zuerst einige Andeutungen zum Problem, bevor das eigentlich Plädoyer formuliert wird:

Eigentlich gehört zur Poesie auch das Gebet. Man denke an die 150 Psalmen der Bibel. Dieser Zusammenhang von Dichten und Beten galt, so denke ich, bis ins 20. Jahrhundert, er war eher selbstverständlich, wenn auch dabei poetische Texte geschaffen bzw. propagiert wurden, die eher für den frommen, begrenzten Alltagsgebrauch im Gottesdienst bestimmt waren. Für diese Erbauungs-Poesie war das Reimen das Allerwichtigste: „Maria du feine, du bist ja die Reine“, „Gott du bist groß, drum lass uns nicht los“ usw. Solche Gebete werden als Lieder heute noch in Kirchen gesungen und so ähnlich in evangelikalen Songs als „Sacro-pop“ geschmettert. Dagegen ist im Rahmen kultureller und religiöser Freiheit gar nichts zu sagen. Nur haben eben diese schlichten Ergüsse den Gedanken blockiert, es gebe auch anspruchsvolle Poesie, die sich als Auslegung sehr persönlicher religiös gestimmter Lebensdeutung versteht, also als Gebet. Insofern haben die frommen Reimereien vieles seriöse Nachdenken übers Beten verhindert. Und das Gebet ALS Poesie fast ins Irreale abgeschoben.

Aber weil nun in unserer (angeblich säkularisierten) Kultur die Gottesfrage eher selten ins persönliche Fragen und Erleben gerät, sondern meist in der Abstraktion verweilt,  gibt es auch kaum schöpferische poetische Leistungen, die von sich behaupten: Das ist meine, aus der nachdenkend-glaubend-zweifelnden-suchenden Daseinsauslegung stammende Poesie: „Das sind meine Gebete. Also: Das ist meine Poesie, die aus dem Alltag erhebt, also transzendiert und mich dem Geheimnis des Lebens aussetzt“.

Hinzu kommt, dass viele allgemein Gebildete eben religiös und theologisch katastrophal ungebildet sind (und sich dessen auch nicht schämen) und etwa sagen und glauben, Gott Vater habe einen Bart, der heilige Geist sei eine Taube und zur Trinität gehören etwa Maria, Josef und Anna. In einer Kultur zerfallender religiöser Aufgeklärtheit und Bildung kann Gebet als persönliche Poesie gar nicht entstehen.

Wenn es heute Chancen gibt, poetische Texte zu erleben und dann auch zu schreiben und ins Gespräch zu stellen, dann ist eine Voraussetzung unabdingbar: Gebete sind Äußerungen von verschiedenen Menschen, von leibhaftigen Subjekten. Gebete sind nicht hübsch verpackte dogmatische Wahrheiten, wie sie im Katechismus stehen. Gebete, wenn sie denn ernst genommen werden sollen in der allgemeinen Kultur der Poesie, sind nur als Sprache des einzelnen denkbar, mit aller Freiheit, die das Sich-Aussagen nun einmal mit sich bringt: Also, heute ereignet sich Gebet als Poesie wie alle Poesie außerhalb der Gewöhnlichen. Auch Gebete ALS Poesie sind provokativ.

Einige Hinweise zur Sache selbst:

Nicht nur da, wo religiöse Poesie, wo Gebet drauf steht, ist immer auch Gebet enthalten. Oft stimmt das Gegenteil. Die sprachliche Weite des Gedichts öffnet beim Leser möglicherweise Inspirationen, Gefühle und Erkenntnisse des Transzendenten. „Nicht-religiöse“ Gedichte können religiös sein. Das ist ein eigenes Thema, auf das hier hingewiesen wird. Deutlich ist die Aussage von Rose Ausländer in ihrem Gedicht „Die Auferstandenen“:

Wo sind

Die Auferstanden

Die ihren Tod

Überwunden haben

Das Leben liebkosen

Sich anvertrauen

Dem Wind.

Kein Engel

Verrät

Ihre Spur.

Selbst in der Abweisung von Transzendenz und Göttlichem, von bergendem Sinn, wie auch immer, drückt sich die Sehnsucht aus, die Sehnsucht nach unerreichbarer Ganzheitlichkeit, die Sehnsucht nach Liebe, die gilt; nach Sinn, der auch in der Verzweiflung noch trägt. Da ist das Schreien der Entrechteten, der Geplagten, der Gequälten. Man lese die Neuschöpfungen der Pslamen durch Ernesto Cardenal, geschrieben im Widerstand gegen das Somoza-Regime in Nikaragua.  Klage und seelische Not wird ausgesprochen auch im sehr frommen amerikanischen, aber viel gehörten Song von Elvis Presley „Precious Lord, take my hand…“

„Ich bin müde, ich bin schwach,

Bin getragen

Durch den Sturm, durch die Nacht…

Nimm meine Hand, Precious Lord,

und führe mich nach Hause“.

Anders klingt da schon die Verzweiflung, die sich an Gott wendet (!), im Psalm 22, den, so wird berichtet, noch Jesus von Nazareth, der Gerechte und schuldlos Verurteilte, am Kreuz gesprochen hat: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule; aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht…“

Früher kannten viele religiöse Menschen „ihre“ Psalmen und „ihre“ manchmal durchaus ansprechenden Paul-Gerhardt-Gedichte auswendig. Diese Menschen fanden ihre eigene Lebenssituation treffend ausgedrückt in diesen geschriebenen poetischen Texten. Gebet als Poesie war einmal Lebenshilfe. Das muss man doch nicht immer gleich als Opium verdächtigen! Diese Verbundenheit mit religiöse Poesie ist wohl verschwunden. Ein auswendig gekanntes Gedicht kann doch auch Ausdruck des eigenen Lebens sein. Und was erleben Menschen, die die Songs von Madonna oder Prince mit-singen? Erleben sie auch Erhebendes in dieser Poesie? Wurde diese Frage schon einmal –empirisch- untersucht?

Der protestantische Theologe Prof. Wilhelm Gräb (Humboldt-Universität Berlin) schließt sich der Neuinterpretation des Gebets ALS persönlicher Poesie an: Er sagt in einem Interview für den Religionsphilosophischen Salon Berlin zu der Frage: Kann Poesie die Form des Betens sein? „Da das Beten einen Form gesteigerter Selbstbesinnung und damit der Ausdrücklichkeit in der Bewusstheit unseres Lebens ist, kann es sich besonders gut in metaphorischer Sprache artikulieren. Metaphern bereichern unser Leben. Sie schreiben der Wirklichkeit einen Mehrwert zu. Sie drücken unsere Ängste und Hoffnung, Wünsche und Sehnsüchte aus. Insofern ist die Metaphorik religiöser Sprache gut geeignet, unsere tieferen Empfindungen und unser Wirklichkeitserleben auf dichte Weise zur Sprache zu bringen. Sie holt den Überschuss an Sinn ein. Die vom Reichtum der Metaphern lebende Poesie der Sprache öffnet die Dimension der Tiefe, aus der heraus unser Leben in einen letzten Deutungszusammenhang einrückt. So kann gerade die poetische, dichte Sprache zur Sprache des Gebets werden… Wer sein Leben vor Gott durchdenkt, dem fügt es sich ein in das Ganze eines Sinnzusammenhanges, der auch noch die negativen Erfahrungen mit einem positiven Vorzeichen versehen lässt. Das ist oft ein Ringen, eine Durchdenken von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, aber vor Gott immer in der Hoffnung auf einen guten Ausgang der Dinge. Beten ist ein getröstetes Denken“.

Gebet als Poesie – es entspringt wie alle Poesie einer Frage-Bewegung. Das heißt: Im Gebet ist die göttliche Wirklichkeit, das absolute Geheimnis, das Göttlich, wie auch immer, eher sehr selten bereits vorausgesetzt. Aber: Gott kann nur deswegen als Frage formuliert werden, weil er bereits „in uns“ (im Geist) die treibende Dynamik der Frage ist. Der Mensch kann nur nach etwas fragen, wenn er es ansatzweise, ahnungsweise, bereits irgendwie als Vorverständnis kennt, siehe Gadamer, „Wahrheit und Methode“. Diese elementare Einsicht vergessen leider manche Leute.

Wenn ein religiöser Mensch seine Poesie als Bezug zum Göttlichen sagt, dann spricht er seine Beziehung aus, seine Liebe, seinen Wut, sein Ringen, wie das der niederländische Poet und Theologe Huub Oosterhuis in einem seiner Lieder „Die zegt God te zijn“ aussagt:

„Der da sagt, Gott zu sein.

So lass er doch zum Vorschein kommen

was wir denn an seinem Namen haben

Soll er doch auftreten, damit wir ihn sehn.

Die Stimme aus der Feuerwolke in der Ferne

reicht nicht aus

für diese Erde aus Scherben und Rauch

wo uns kein Leben gegönnt wird“ (Übers. Christian Modehn).

In den Gedichten von Huub Oosterhuis (Amsterdam) wird die „Kultur des poetischen Gebets“ gepflegt: „Beten ist aber viel mehr als Suchen. Beten ist eher Warten. Suchen ist immer noch Aktion und Ungeduld. Warten hingegen ist Aufmerksamkeit“ (Huub Oosterhuis)

Ein besonderes Thema ist die Poesie des Gebets als Bittgebet: Ich spreche mich dem Unendlichen gegenüber aus in der Form einer Bitte. Wenn diese Bitte nicht kleinlich, egozentrisch und albern ist, sondern eine Bitte um Frieden, um den Sieg der Vernunft in einer politischen Situation, wo der Wahn um sich greift, dann ist Bitten als Sich Wenden an die göttliche Wirklichkeit durchaus, anthropologisch gewendet, sinnvoll. Marina Alvisi in Berlin, Yogalehrerin und spirituelle und theologische Meisterin, sagte mir in einem Interview für das Kulturradio des RBB: „Das Bittgebet ist für mich wirklich ein Gespräch mit dem Geliebten, mit dem, der mir am nächsten ist und nach dessen Nähe ich mich sehne die ganze Zeit. Gott ist für mich das Allerliebste. In der Liebesbeziehung spreche ich einfach mit dem anderen Partner. Also ich sage zu meinem Geliebten auch: Du, bitte komm, hilf mir doch. Ich schaffe es nicht allein, komm her, ich brauch dich jetzt, ja. Obwohl man beieinander ist, obwohl man sich kennt. Und trotzdem, bittet man sich gegenseitig um Unterstützung, um Hilfe. Und Gott ist quasi der Geliebte. Es ist wirklich diese Sehnsucht nach Gottes Nähe. Wenn ich danach schreie, dann spüre ich oft auch diese innere Antwort wirklich als tiefe Empfindung, also als Entlastung, dass man sich gereinigt fühlt, dass man sich mehr angekommen fühlt, dass man sich selber wieder besser spürt. Du spürst es im Herzen. Die Antwort ist da, der Ruf ist erhört. In Form von einer starken Liebe, von einer starken Ruhe. Das ist einfach was Intensives“.

Natürlich gibt es auch andere Perspektiven: Wer glaubt, weiß sich in Gott geborgen, er braucht also gar nicht um weitere Geborgenheit zu bitten. Der Mystik-Spezialist Alois M. Haas (Zürich) schreibt: „Meister Eckart lehrt: Wer da um etwas anderes als nur um Gott bittet, der bittet unrecht. Wer immer um irgendetwas anderes bittet, der betet einen Abgott an“. Diese Einsicht überzeugt: Wer Bittgebete spricht, weiß sich „immer schon“ vom Göttlichen getragen. Er bittet nicht um Wunder, die Gott an seiner Person und nur an seiner Person im Ausschluss von anderen Personen „leistet“. Für den Mystiker gibt es nur einziges Wunder: Dass Gott nahe, „inwendig“, ist. Da braucht man eigentlich kein Bittgebet mehr. Wahrscheinlich hat der Brauch, immer noch Bittgebete weiter zur sprechen, auch im Gottesdienst, ein eher probematisches, weil wenig-mystisches Gottesbild befördert: Wer Gott um Frieden im Gottesdienst bittet, die und der bittet letztlich darum, dass sie/er selbst – auch politisch – für den Frieden eintreten will, d.h.für eine gerechtere Welt sorgt … in den berühmten „kleinen Schritten“.

Ob explizit religiös oder nicht: Dabei bleibt es: Poesie ist die Sprache der Lebendigen, derer, die lebendig, geistvoll, bleiben wollen und dies auch aussagen in Versen und Fragen. Dieses Verständnis von Poesie ist entscheidend, sagte mir in einem Interview der Pariser Theologe und Dichter (und Dominikaner-Pater) Jean Pierre Jossua: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegtheit geworden. Sie könnte für sie gar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich könnte man sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen“.

Ist Poesie, ist Lyrik, also immer „irgendwie“ ein Gebet? Darüber ließe sich diskutieren. In jedem Fall sollten christliche Gemeinden, die irgendwie noch Interesse haben, dem theologischen Niveau unserer Zeit zu entsprechen, Poesie als offenes Sich-Aussagen der Glaubenden und Nicht-Glaubenden zu pflegen. Und mit den leeren, abgenutzten frommen Floskeln Schluss zu machen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Verlust des Schweigens – Verlust des Selbst. Zu einem neuen Buch von Alain Corbin

8. November 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Kann man Historiker „originell“ und „kreativ“ nennen? Einige gewiss. Vor allem einige in Frankreich. Zum Beispiel Alain Corbin, em. Professor der Sorbonne, Autor einiger ungewöhnlich inspirierender Bücher, die beispielhaft Mentalitätsgeschichte oder treffender noch die „Histoire de sensibilités“ erschließen, etwa „Pesthauch und Blütenduft“ oder „Die Sprache der Glocken“. Sie wurden in Deutschland oft beachtet. Nun hat Corbin ein vom Umfang her eher kleines, der Sache nach aber großes Buch veröffentlicht, das auch die Aufmerksamkeit   philosophisch Interessierter verdient: “Histoire du silence“, Geschichte des Schweigens von der Renaissance bis heute“, erschienen bei Albin Michel in Paris, das Buch hat 204 Seiten, davon über 20 Seiten weiterführende Literaturhinweise. Es ist eher ein Buch zum Weiterstudieren als ein umfassendes „Studien-Buch“.

Heute, so Corbins These, ist es schwierig geworden, im Schweigen zu leben, auch „Schweigen zu vollziehen“ („faire silence“). Aber: Im Schweigen leben ist entscheidend für den Menschen: Wer nicht schweigen kann, so die These, hört auch sein Selbst nicht mehr… und „so wird auch die Struktur des Individuums selbst verändert“ (S. 11). Wir aber leben in einer lauten, schreienden Welt, Orte des Rückzugs sind rar, selbst in Gottesdiensten („Gott lebt im Schweigen“) wird permanent gesprochen, eingeredet, gesungen. Wenn von Stille die Rede, sind es immer, so wörtlich, „Momente der Stille“. Kulturen, die das ständige Musik-Geräusch lieben, den permanent vernehmbaren Salsa usw., was wollen sie musikalisch zudecken und zum Verschwinden bringen? Wäre eine interessante Frage.

Corbin wendet sich vor allem der französischen Geschichtezu und nennt historische Details: Etwa: 1883 gab es eine Kampagne gegen den Lärm der Glocken (s. 94), in Montauban durften die Bäcker hingegen des Nachts – trotz einiger Proteste – bei ihrer Arbeit laut singen (S. 95)… Der erste Weltkrieg war auch eine „akustische Hölle“. Corbin plädiert dafür, sich wieder an die vielfältigen Formen der Kulturen des Schweigens auch in der europäischen Tradition zu erinnern, „um wieder heute das Schweigen zu lernen, das heißt: man selbst zu sein. („C` est à dire à etre soi). Nur in einer Kultur, die das Schweigen pflegt, kann die Bedeutung des Wortes wahrgenommen werden. Diese Kultur gab es einmal, Corbin führt uns in dieses Thema ein, dabei breitet er, notgedrungen oft in knappen Hinweisen, ein breites literarisches Panorama aus.

Im Schweigen leben, das ermöglichen etwa auch die eingestimmten Besuche abgelegener, leerer Kirchen, Huysmans spricht davon. Bernanos kommt nicht los (obsédé) vom Schweigen der Wohnzimmer etwa in „Monsieur Ouine“. Die Provinzstädte in der „Comédie humaine“ von Balzac sind bestimmt von „Schweigen, Kälte, Passivität, Egoismus“… Hinweise, die ermuntern wieder einmal den „Curé de Tours“ zu lesen. Von Palmyra spricht Corbin, wenn er an das „Schweigen der Ruinen“ erinnert, das Chateaubriand damals dort als „Aufenthaltsort des Schweigens“ beschreibt. Heute wird man ein ganz neues trostloses Schweigen durch die Zerstörungen des sogen. Islamischen Staates besprechen müssen. Chateaubriand hat – nach Corbin – das „Schweigen der Orte“ gehört (Escorial, Soligny, Grande Trappe) und dieses Schweigen mitgeteilt.

Diese Hinweise zeigen, dass Corbin sich weit auf die Spuren des Schweigens vor allem in der französischen Literatur begibt. Religionsphilosophisch Interessierte werden sein Kapitel „Les Quetes du silence“ aufmerksam lesen; darin geht es um den (ursprünglich monastischen Kampf) gegen die Ablenkungen, um zum inneren Gebet zu finden. Corbin erwähnt unter anderen die Karthäuser-Mönche, die den ganzen Tag allein leben …. und schweigen. Gérald Chaix nennt sie deswegen die „fous de Dieu“, die Verrückten Gottes. Verrücktheit und Spiritualität wird hier in einen Zusammenhang gestellt (S. 71). Und zum Schweigen Gottes in dieser Gegenwart schreibt Corbin:“ Man hat überwiegend aufgehört sich zu fragen, ob das Schweigen eines sich verbergenden Gottes nicht doch eine Äußerung, ein „Wort“, ist!

Ein großer Schweiger, meint Corbin, sei auch der Heilige Josef gewesen, dabei hat der Autor die dürftigen Erzählungen über ihn, den Schweiger, im Neuen Testament im Blick. Nebenbei würde der Religionskritiker wohl sagen: Der heilige Josef als der so genannte „Pflegevater“ Jesu durfte auch nichts sagen, sonst hätte er vielleicht die historische Wahrheit erzählt, dass er der Vater Jesu von Nazareth und dessen Geschwister ist. Josefs Schweigen ist also ein kirchlich-dogmatisch erzwungenes Schweigen! In dem Buch wird (neben drei weiteren 7 anderen Gemälden) ein prächtiges Bild von Georges La Tour (von 1640) präsentiert: Der Heilige Josef als Tischler und das Jesus-Kind, das fast wie Mädchen erscheint: Jesus hält dem Vater eine Kerze während der Arbeit! Warum soll Josef dabei nichts gesagt haben?

Für alle an Frankreich Interessierten ist dieses Buch von Alain Corbin eine wahre Fundgrube, wenn er etwa daran erinnert, dass das Werk von Patrick Modiano vom Schweigen her sich gruppiert. Im 18. Jahrhundert wurde die „Kunst zu schweigen“ gepflegt und literarisch empfohlen als Teil einer Lebenskultur! Corbin vertritt trotz der Fülle verschiedener literarischer Bezüge und Verweise seine eigene Philosophie: Der Gedanke „arbeitet“ im Schweigen.

Ich breche diese Hinweise ab mit einem Zitat von Francois Mauriac: „Jedes große Werk entsteht im Schweigen und kehrt dorthin zurück“ (s. 122). Studieren wir also das Schweigen. Aber bitte – hoffentlich- in Stille.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin



Den eigenen Visionen folgen – zur Inspiration für die anderen. Interview mit der Künstlerin Ursula Sax, Berlin

19. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Denkbar

Die Fragen stellte Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ursula Sax, geb. 1935 in Backnang, ist Bildende Künstlerin und Bildhauerin mit einem umfangreichen und vielgestaltigen Werk, das nicht nur Skulpturen, Abstraktes und Konstruktives umfasst, sondern etwa auch Grafiken. Sie war u.a. auch Professorin an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig wie danach, von 1993 bis 2000, an der entsprechenden Hochschule in Dresden. Heute lebt sie als freie Künstlerin wieder in Berlin. Über ihr Werk, auch mit Fotos, erschien kürzlich in der Zeitschrift „Weltkunst“ ein Beitrag, der sich als Einführung in ihr Werk gut eignet. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier. Im Oktober 2016 stellte sich Ursula Sax einigen weiteren, grundlegenden Fragen. CM.

In einer philosophischen Gesprächsrunde diskutierten wir kürzlich mit Ihnen die Frage, wie es denn Menschen gelingen kann, an den Werten von Gerechtigkeit und Frieden unbedingt festzuhalten. Da meinten Sie, entscheidend sei für die Qualität des menschlichen Lebens, auch für KünstlerInnen, eine Vision zu haben und dieser Vision in der Lebenspraxis zu folgen. Wie beschreiben Sie Ihre Vision, also diese geschenkte Einsicht, die für ihr Schaffen als Bildhauerin inspirierend ist?

Die großen Menschen der Geschichte, die herausragenden Männer und Frauen, hatten alle eine Vision, z.B. Gandhi, die Jeanne d´Arc, Martin Luther King und viele viele andere. Sie folgten diesen ihnen vorschwebenden Ideen bedingungslos, meist zum Unverständnis ihrer Umgebung, weil sie etwas sahen und für realisierbar hielten oder wussten, einer inneren Gewissheit folgten, die die Umwelt für unmöglich hielt und die sie, gegen alle Widerstände, Stück für Stück in der äußeren Welt sichtbar umsetzten. Schiller hat in etwa gesagt, wenn man im Leben die Richtung verloren hätte, solle man sich an die Träume seiner Jugend erinnern.

Als ich mit 15 Jahren an der Kunstakademie Stuttgart anfing zu studieren, zufällig in der Bildhauervorklasse, (eigentlich wollte ich in eine Malklasse), öffnete sich für ein kurze Zeit „der Himmel“. Ich war wie neu geboren, wie der Fisch im Wasser, ich war in meinem Element, das ich bisher nicht gekannt, nicht gewusst hatte. Ich hatte unerhörte Ahnungen von der Größe des Geistes, meines Geistes.

Das war ein Quantensprung. Plötzlich war ich kompetent in vielen Dingen – wurde zu einer Autorität in der Familie. Dann verdunkelte sich das Leben allmählich wieder. Vor kurzem fiel mir diese Erfahrung wieder ein. Es war eine Initialzündung. Doch ich habe diesen Zugang wieder verloren.

Ich bin heute 81 Jahre alt und habe mir den Weg dahin in vielen Jahren neu erarbeitet, über viele Stationen und Umwege und das Erwerben von Wissen. In der Jugend konnte ich diese Dinge nicht benennen, nicht überblicken, nicht einordnen. Noch einmal Schiller: „Der gute Mensch in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ Die große Vision war mir nicht vergönnt, aber Ahnungen, immer wieder – immer wieder abhanden gekommen. Visionen situationsbedingt. Schillers „dunkler Drang“ ist auch etwas wie eine Vision, man muss etwas tun, ohne zu wissen, wohin es führt.

Es gibt im Künstlerberuf Gelegenheiten eine Vision zu erfahren, bezogen auf ein Projekt, hier ein Beispiel: Meine Arbeit für das Albertinum in Dresden.

Ich war aufgefordert, mir für diesen Raum etwas einfallen zu lassen. Der Direktor der Skulpturenabteilung, der mich das fragte, sagte dazu: Sie können das! (Er kennt und schätzt meine Looping-Skulptur). Das war eine Herausforderung, das wollte ich beweisen.

Die Umstände waren so unmöglich, dass mich das reizte. Als dann nach vielen Monaten mein Entwurf da war, sagten zwei meiner engsten Freunde und Berater: Das geht nicht!!!! Wenn Du meine Studentin wärst, würde ich sagen: Mädel, lass Dir etwas anderes einfallen – dieses hier geht nicht. (Beide sind Professoren). Ich habe mir das angehört und ich wusste: Das geht. „Bis zu dem Moment wo es sichtbar wird, scheint es unmöglich“. Hat einer der Visionäre gesagt.

Das war eine Vision, ich hatte das im Geiste hängen sehen. Das gab es des Öfteren – am Anfang nicht – dass ich eine Skulptur fix und fertig vor mir sah und sie nur noch ausführen musste. Früher dachte ich: Das kann doch nichts Rechtes sein, es ist doch nicht erarbeitet. Mein Verstand war kleiner und unerfahrener als mein visionärer Geist.

Ideen, Impulse, Inspirationen, Visionen, Einsichten im Kleineren, sind Wegweiser, denen wir viel zu selten nachgehen, einerlei auf welchem Gebiet. Etwas taucht auf, wir verwerfen oder ignorieren es.

Jeder Mensch ist einmalig und besitzt eine einmalige Fähigkeit, die kein anderer hat.

Wären wir nicht so unbewusst, so wüssten wir was unsere Bestimmung ist und was wir beizutragen im Stande sind. Wären wir bewusster, selbst-bewusster, so könnten wir unsere Bestimmung klar erkennen: das wäre eine Vision.

Ich habe meinen Lebenssinn – eine Künstlerin zu sein – erkannt und ihn dennoch viele Lebensstrecken lang von mir werfen wollen, weil die Verstrickung in die eigene Geschichte meine Sicht verunklarte. Der Eigensinn, das Ego, verhindern den klaren Blick.

Wir verwechseln unser reines Sein mit der Person, die wir bemüht sind der Welt vorzustellen, weil wir denken nicht gut genug zu sein, weil wir nicht glauben und wissen, dass das Höchste das uns gegeben ist unsere Einmaligkeit ist.

Wir glauben diese ursprüngliche Person sei nicht gut genug und wir vergleichen uns mit Anderen.

Gerechtigkeit und Frieden kann es auf der Menschenwelt nur geben, wenn jeder einzelne selbstbewusst zu sich selber steht und sein eigenes Potential realisiert. Seinen eigenen Visionen folgt und die Resultate dem Ganzen zur Verfügung stellt.

So entsteht der Fortschritt auf allen Gebieten. Unzählige Wissenschaftler sind Visionen gefolgt und haben Dinge erkannt, die andere nicht sehen konnten und haben so zur Entwicklung des Ganzen beigetragen.

Diese Visionen haben sich in Ihrem Werk offenbar vielfach ausgestaltet. In einem Interview mit der Zeitschrift „Weltkunst“ sagten Sie, Veränderung sei für Sie wichtig, dieses Nicht-Stehen-Bleiben: Wie sind Sie zu dieser Vielfalt in Ihrem Werk (Sandstein, Bronze, Papierarbeiten) gekommen?

Kürzlich sagte ein prominenter Kollege zu mir :“Du hast es Dir nicht leicht gemacht“. Weil ich im Gegensatz zu den meisten Kollegen immer wieder das Metier wechselte, vielmehr das Material, in dem ich gerade noch gearbeitet hatte und das die Umwelt jeweils bereit war, für mein endgültiges Medium zu halten. Das brauchte jedes Mal wieder eine Anlaufzeit, bis ich die neuen Möglichkeiten verstanden hatte. Das galt als unprofessionell. Ich hatte keine Wahl. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Es gibt einen Zug in meinem Wesen, der mich nach einer Zeit der Kontinuität weitertreibt. Genug – was nun ? Wie ich zu der Vielfalt gekommen bin? Es ging nicht weiter. Ich musste mir eine neue Straße suchen.

Hinter diesem Ja zur Veränderung steht gewiss auch eine philosophische Haltung zum Leben insgesamt?

Das JA zur Veränderung war kein Plan von mir, es stellte sich im Lauf der Zeit heraus, dass ich so bin, dass ich dem folgen muss, auch auf anderen Gebieten. Damit konnte man nicht sehr erfolgreich sein. Galeristen und Kunsthistoriker erwarteten ein Markenprodukt, kein „Sammelsurium“.

Dass das im Abstand betrachtet ein ganz lebendiges Prinzip ist mit einer philosophischen Dimension, habe ich damals nicht übersehen.

Es bedeutete viele Krisen, Selbstzweifel, Verzweiflung.

Sie sind viel gereist, etwa auch nach Asien. Waren die Begegnungen in diesen Kulturen für Sie auch spirituell von Bedeutung? Hat sich Ihre eigene Spiritualität verändert?

Ich war immer interessiert an der Welt, am Reisen, Kennenlernen von Neuem. Ich bin keine „Wieder-Kommerin“ – selten. In den ersten Jahrzehnten waren es Neugier- und Bildungsreisen, später war ich viele Male in Indien – Rundreisen auch, aber auch regelmäßig war ich in einem Ashram in Rischikesh, bei einem powervollen Yogi, auf der  Suche nach spiritueller Unterrichtung. Da ich in meinem Elternhaus täglich die Lektüre der Bibel erlebte, interessierte ich mich, als ich mein eigenes Leben in die Hand nahm, für die anderen Religionen: Wie kann man die Dinge noch sehen, was sind die Gewissheiten der anderen Glaubenssysteme, die Ziele, die Versprechungen und wo ist der Konsens, das Verbindende, das allen Gemeinsame? Mein Fazit: Alle haben recht – im Grunde. Einmal bin ich ganz spontan von Rom aus – wo ich mich längere Zeit aufhielt – mit einer Gruppe von Pilgern zur Madonna von Medjugorie nach Bosnien gefahren. Ich bin nicht katholisch.

Wie ist Ihr Interesse gewachsen, andere Menschen zu begegnen, hörend und helfend und therapeutisch?

Mein Interesse an Psychotherapie habe ich früh entdeckt.

Ein Medizinstudent, den ich kannte, hat mir Bücher geliehen, in denen ein Psychiater Fallstudien mitteilte. Ich war fasziniert, „wie Krimis“, dachte ich. Ich war 15 Jahre alt und hatte gerade mein Studium an der Kunstakademie Stuttgart begonnen. Später habe ich verschiedenste Psychotherapien und Psychotherapeuten in Anspruch genommen, war fasziniert von der Technik Psychodrama und habe eine Ausbildung gemacht, auch noch ein paar andere Techniken hinzugenommen.

Damit habe ich dann begonnen mit Menschen zu arbeiten, was mir sehr große Freude machte. Das ist auch eine meiner Begabungen.

Wäre dies jetzt auch der Ort, vom Wert des Schwebens, des Freiseins, zu sprechen. Eine Ihrer Skulpturen in Dresden war ja ein eindringliches Zeugnis vom Schweben hoch oben im Raum. Kunst und Schweben, Kunst und Leichtigkeit, passt das gut zusammen auch für eine Bildhauerin?

Der Wert des Schwebens……….

Ich habe besonders gern immer wieder hängende Skulpturen gemacht, in Holz und in Eisen.

Hängen und Schweben sind nahe beieinander und doch nicht dasselbe. Es hat mich beglückt, dass die Dinge von oben kommen. Die einzigen Hängeobjekte, die wir im Alltag kennen, sind Lampen, Kronleuchter – Licht von oben, das ist pragmatisch, aber auch tiefsinnig. Da die Bildhauerei sonst mit Gewicht und Standfestigkeit arbeitet und eher erdverbunden ist, gefällt mir dieser Gegensatz. „Doch der Segen kommt von oben“, um noch einmal Schiller zu zitieren.

Von Ernst Barlach gibt es eine hängende oder schwebende Engelsfigur im Dom zu Güstrow. Die einzige Skulptur „in der Luft“, die ich kenne, doch sie ist nicht leicht, wie Barlach nie leicht ist.

Das Hängen gefiel mir, als ich die vor Jahrzehnten kennen lernte.

Ihre großen Skulpturen, etwa Looping in Berlin an der Avus, sind eine monumentale Raumgestaltung. Sie wollen offenbar positiven Einfluss nehmen auf den (oft so hässlichen) öffentlichen Raum?

Kunst im öffentlichen Raum hat die Aufgabe die vorgefundene Situation, die in der Regel innerstädtisch ist, zu bereichern, manchmal sogar zu retten. Sie muss ein neues Element beitragen.

Ich betrachte den Standort vom städtebaulichen Gesichtspunkt aus. Was braucht der Platz ? Welche Maße tun ihm gut ?

Beim Standort meiner Skulptur LOOPING handelt es sich um einen Unort. Es war dort für den neu gebauten (und später nie geöffneten) Messeeingang ein kleineres Kunstwerk am Aufgang ausgeschrieben.

Ich habe mir den Ort gründlich angesehen und kam zu der Überzeugung, dass diese unstädtische Gegend etwas Größeres braucht. Das ist keine Wohn- und keine Einkaufsgegend. Da sind kaum Passanten, aber viele viele Autos, die da ununterbrochen vorbei jagen. Das musste vom Auto aus erlebbar sein, also ein bestimmtes Format, eine bestimmte Ausdehnung haben.

 Was bedeutet es für Sie, wenn heute in Städten wie Berlin in rasantem Tempo Häuser hochgezogen werden und die Angst berechtigt ist, es werde eine neue Form der hässlichen, zugestellten Stadt entstehen?

Man kann und soll sich nicht gegen die Zeit stellen. Es gibt Entwicklungen, die wir bedauern, doch nicht aufhalten können. Das, was sich zeigt, ist die Wirklichkeit und die Wirklichkeit hat zunächst einmal recht. Das ist ja eine weltweite Entwicklung, überall werden in rasantem Tempo Häuser hochgezogen.

Städte verändern sich, oder verschwinden – teilweise.

In meinem Leben habe ich gesehen, wie Städte zerbombt wurden und wieder auferstanden.

In den 6oer Jahren gab es hier in Berlin eine Reihe erfolgreicher junger Architekten, die große Aufträge bekamen und ich hatte das Glück für verschiedene dieser Häuser die Kunst machen zu dürfen. Ich dachte das bleibt nun so. Inzwischen sind viele dieser Bauten wieder abgerissen, mitsamt meiner Kunst. Ohne Krieg.

Ich erfahre im Lauf meines Lebens, dass nichts von Dauer ist.

Eine ewige Bewegung – Tod und Auferstehung.

Meine Antworten sind mehr autobiografisch, weil sich lebend ergibt, was und wie es werden wird. Man hat nicht erst ein philosophisches Konzept und füllt es dann mit Leben, vielmehr ist im Nachhinein, im Abstand die philosophische Haltung sichtbar und anschaulich vor Augen.

Berlin, Oktober 2016

Copyright: Ursula Sax, Berlin.

Zu den Arbeiten von Ursula Sax über Christus: „Christus ist kein nur christliches Phänomen“ klicken Sie bitte hier.

Wichtig auch:  www.werksax.de



Christoph Marthaler: „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“. In der Volksbühne.

29. September 2016 | Von | Kategorie: Denkbar

Ein Hinweis von Christian Modehn

Nichts ist für mich schlimmer, als wenn in der Volksbühne in „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“, zu viel gelacht wird. Eine Nachbarin kicherte und lachte zu oft, beinahe ständig, so dumm, als sei das neue Stück Christoph Marthalers eine Art Klamauk, eine Darstellung witziger Episoden. Etwas zum Schmunzeln. Was könnte „falscher“ sein….

Mein Eindruck, wie schon bei dem berühmten und unvergessenen Stück Marthalers „Murx den Europäer…“ (1993), das ich dreimal sehen konnte: Die Stimmung ist auch hier, wie bei „Murx den Europäer“, einmal mit einem Stichwort beschrieben, eher traurig, sogar schon jenseits des Pessimismus: Diese Menschen sind am Ende, fertig, haben sich selbst und anderen eigentlich nichts mehr zu sagen. Und sie sagen ja fast gar nichts in „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“. Wenn sie aus ihrer Erlahmung und Müdigkeit erwachen, dann singen sie einzeln, wunderschön, oder gemeinsam, noch schöner. Es ist die Musik, die, wieder einmal, die Menschen am Leben noch ein bisschen erhält, etwas Schwung bringt, wenigstens für Momente, bevor man wieder versinkt im Alleinsein oder sich in drolligen Aktionen die Zeit vertreibt: Diese sollen die Sehnsucht nach körperlicher Nähe ausdrücken, wenigstens dies; gar nicht lustig sind die Bewegungen, wenn sich die Menschen zur Erde bücken, um sich aus Fressnäpfchen etwas zum Beißen zu holen.

Sehnsucht, Ahnung von anderen Welten, ein ganz kleines bisschen Traum: Das ist aber auch noch vorhanden. Und darin sehe ich, so komisch das klingen mag, fast ein romantisches Element auch in diesem Stück, das natürlich eher eine Abfolge „leicht bewegter Standbilder“ ist als ein klassisches Drama in 4 Akten. Diese klassischen Zeiten sind entschwunden. Das Bühnebild, wieder von Anna Viebrock großartig gestaltet, sagt in seiner Ödnis eines leeren Museum-Saales alles: Da ist nichts Schönes mehr zum Ausstellen, da werden nur die kaputten Menschen aufgestellt und ausgestellt und weggeschoben. Im Erbärmlichen wächst etwas Sehnsucht.

Aber: Diese Sehnsucht ist noch „leicht glimmend“ da, hier gehaucht, geflüstert. Diese fast erloschene Hoffnung  drückt sich etwa aus in dem Lied „Brüder zur Sonne, zur Freiheit“, das die Menschen auf der Bühne schon sehr leise gemeinsam anstimmen, bis das Lied nach wenigen Strophen ausklingt, nicht einmal mehr geflüstert, sondern nur noch in den Lippenbewegungen ahnbar. „Brüder, zur Sonne zur Freiheit“ ist dieser weltliche Choral der Sozialdemokraten: Das war einmal, da sang man es voller Inbrunst und glaubte an den bewegenden Inhalt. Das ist verschwunden, d.h. kaputt gemacht worden: „Brüder zu Hartz IV und in die Mitte nach rechts“ könnte man jetzt als neuen Text über die Melodie legen. „Sozial und demokratisch“, das war einmal, das ist verstummt, nicht nur bei Marthaler in der Volksbühne. Diese Sehnsucht, die es noch festzuhalten gilt: Sie kommt auch in den Sologesängen zum Ausdruck, in romantischen Liedern oder vor allem in dem „Kyrie eleison“ aus der Messe von Eric Satie: Da singen diese Menschen das „Herr erbarme dich“, aus einer Messe, die Satie die „Messe der Armen“ ausdrücklich nannte. Welche musikalische Wahl könnte besser sein? Diese Messe ist bezeichnenderweise ein Fragment geblieben, über das Kyrie und ein Gebet in Todesgefahr (!) konnte (wollte ?) Satie die Messe nicht weiter hinaus komponieren. Aber durch das flehentlich leise Kyrie eleison (am Harmonium begleitet) ist für mich die Stimmung bei Marthaler jetzt durchaus religiös gefärbt. Muss man sich dafür entschuldigen, dass man dieses Wort hier religiös verwendet? Ich hoffe nicht, denn Religion oder Spiritualität hat ja bekanntlich nichts mit bürokratischen Kirchen-Institutionen zu tun. Wunderbar auch der Chorgesang von Händel  „Lascia ch’io pianga“   („Laß mich mein grausames Schicksal beweinen und seufzen um meine Freiheit…“).

Eine Szene, die vieles erschließt: Wenn Irm Hermann, großartig, gefühlte fünf Minuten auf der Bühne leise vor sich hin lacht, sich einfach nicht fassen kann, ohne dass es in einen hysterischen Lachkrampf ausartet. Sie lacht über das Leben dort, die Menschen, vielleicht über die offenkundige Sinnlosigkeit insgesamt. Lacht sie sich frei? Vielleicht für einen Moment.

„Bekannte Gefühle – gemischte Gesichter“ ist mehr als ein Stück über den Abschied Marthalers und seines Ensembles von der Volksbühne, so wird es oft in einem ersten Blick interpretiert. Aber es ist mehr. Es ist ein Stück über das Ende des Daseins, oder: eines bestimmten Daseins, von dem man sich verabschieden kann, wenn es geht.

Copyright: Christian Modehn

 



Denk mal: Zum Tag des offenen Denkmals.

6. September 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Termine

Ein philosophischer Hinweis von Christian Modehn

Am vergangenen Wochenende (am 10. und 11. September 2016) fand wieder der „Tag des Offenen Denkmals“ statt, ein kulturelles Ereignis, das offenbar immer mehr Interessierte findet und nicht nur in Deutschland „begangen“ wird. Auch über diese beiden“Gedenktage“ hinaus bleibt die Besinnung auf das, was offene Denkmäler denn zu denken geben, wichtig. Der Tag des offenen Denkmals ist vom Titel her verlockend für eine philosophische Meditation. Und sie könnte sozusagen wie eine Art Begleitmusik gelten für alle, die an dem Tag und auch sonst Orte und Häuser betreten und betrachten, die sich – offiziell – Denkmäler nennen.

Zunächst könnte man sprachphilosophisch meinen, das Substantiv Denkmal sei ursprünglich eine verbale Befehlsform gewesen, in dem Sinne von „Nun denk mal“ angesichts eines bestimmten Raumes und Ortes. Ich finde die Erneuerung des Denkmal-Begriffes aus dem Geist der verbalen Aufforderung „Denk mal!“ recht hübsch und hilfreich.

Die philosophische Frage wäre vorher aber doch die: Welche Gebäude, Orte und Räume werden dann vom wem eigentlich zu Denkmälern offiziell erklärt? Ich denke, mit starker Abwehr, an die überall noch anzutreffenden Denkmäler der Kriegshelden, „die für Volk und Vaterland gestorben“ sind, im 1. Weltkrieg etwa. Mir tun die Hinterbliebenen natürlich leid und die Toten selbst auch, die sich in jungen Jahren als „Kanonenfutter“, der Begriff ist treffend, im Rahmen des nationalistischen Wahns (von anderen Europäern und Christen ebenso) abknallen lassen mussten. Schlimm ist, dass diese Denkmäler heute auf die Kriegsumstände, also etwa auch auf das „Kanonenfutter“, nicht aufmerksam machen. Von daher sind diese Denkmäler in dieser gegebenen Form (!) eben wohl keine Orte, die von vornherein zum Bedenken des Friedens und der Überwindung jeglichen Nationalismus führen. Wo sind genauso zahlreich vertreten die Denkmäler, Denkräume, etwa für die wenigen Widerstandskämpfer in der Nazi-Zeit?

Es gibt auch Orte, die noch keine offiziellen Denkmäler sind, dies aber – zumal in diesem Jahr – werden sollten: Etwa die Orte und Plätze, wo Flüchtlinge im vergangenen Jahr willkommen geheißen wurden; und die Flüchtlings – Unterkünfte, die vielen, die von Rechtsradikalen dann in Brand gesetzt wurden aus purem Hass. Diese Häuser sind Denkmäler, dort sollte man verweilen im Sinne von Denk-Mal politisch weiter!  Also: Denken an den Humanismus, als der Basis menschlichen Miteinanders. Denken an die spontane Hilfsbereitschaft als Ausdruck eines neuen menschlichen Miteinanders! Aber diese Orte kommen in den Listen der Denkmals-Orte am 10. oder 11. September nicht vor. Ähnliche Gedenkorte wären etwa auch jene Häuser, wo heute die Büros von Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International untergebracht sind. Lebendiges und aktuelles Gedenken könnte man das nennen.

Natürlich kommt man, philosophisch gesehen, überall und immer ins philosophische Denken. Darum sollte man beim Tag des Offenen Denkmals eben unterscheiden: Einerseits wird das Denken aktiviert im Sinne des klassischen, kulturellen historischen Wissens: Ich sollte also lernen und wissen, so lautet die Aufforderung, dass in diesem Schloss XY, als Denkmal, Großfürst Isidior mit seiner Geliebten Charlotte im 18. Jahrhundert lebte. Das ist alles Sache der Historiker, die bei den Denkmälern zurecht ihre Aufgaben sehen.

Andererseits: Das philosophische Denken und Gedenken ist vom historischen Wissen und Gedenken auch verschieden: Philosophisch wird es, wenn man fragt: Warum gibt es eigentlich bestimmte Orte und Räume, die explizit an einigen Tagen zum Denken auffordern? Sind nicht alle Orte erstaunlich? Ist nicht mein Leben, unser Leben, erstaunlich und verwunderlich? Von Sokrates wird berichtet, dass er auf der Straße längere Zeit meditierend „verwundert“ stehen blieb und nur nach nachdachte. Thaumazein nannten die Griechen diese elementare philosophische Erfahrung! Worüber wundert sich der Philosoph und kommt dadurch ins Denken? Über das Erstaunliche, dass er da ist, dass die Welt da ist, dass wir erkennen können, gut sein können, leben dürfen, andere Menschen als Geschenk erleben usw. Von daher ist für Philosophen jeder Tag ein Tag des offenen (also einladenden) Denk Mal! „Tage des offenen Denkmals“ wären philosophisch gesehen Tage, an denen sich Menschen austauschen über dieses Erstaunen, dieses sokratische „Thaumazein“…

Damit ist gar nichts gegen das Bedürfnis gesagt, historisch viel mehr und immer mehr zu wissen von den offiziell zu denkwürdig erklärten Häusern. Aber alle, die am 10. und 11. September durch Denkmäler laufen oder durchgeschleust werden und sonst sowieso durch Museen fotografierend eilen, sollten sich aber fragen: Was geben und bedeuten mir diese Räume und Orte denn nur wirklich für mich in meinem Leben und in meinem Fragen? Geben sie mir zu denken? Oder habe ich gar schon wieder schnell vergessen, was denn Großfürst Isidor mit seiner Charlotte in seinem Schloss XY alles gemeinsam unternommen hat? Kurz und gut: Historisches Wissen ist flüchtig, weil es im allgemeinen nicht den eigenen Geist, die „Seele“, berührt. Historisches Wissen muss per se äußerlich bleiben und wird deswegen leider oft schnell vergessen. Philosophisches Wissen, es ist Weisheit, ist anders: Da erinnert man sich sein Leben lang an eine Erschütterung, die viele Minuten dauerte, weil man sich angesichts von Großfürst Isidor, um bei diesem Beispiel zu bleiben, doch fragte: Was macht eigentlich gemeinsames Leben aus, was bedeutet Macht und Herrschen, was bedeuten Reichtum und Luxus im Schloß XY?

Bemerkenswert von philosophischer Seite ist: Auch Kirchengebäude, manchmal Gotteshäuser genannt, sind bei den Tagen des offenen Denkmals, in Berlin etwa, reichlich vertreten. Eigentlich wird ja in Kirchen de facto mehr das Beten gepflegt und das Singen usw als das umfassend kritische Denken. Darum ist es bemerkenswert, dass sich die Kirchengemeinden selbst dem Denken verpflichtet wissen: In Kirchen soll also ganz offiziell auch philosophisch und kritisch und religionskritisch gedacht werden! Das wäre ja eine frohe Botschaft!

Trotzdem meine ich: Wir alle brauchen wohl auch philosophische Tage des „Denk mal!“ Und diese Tage sind eigentlich immer, an jedem Tag.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Hannah Arendt zu: Pluralität und Erfahrung des anderen. Sie haben ihre Wurzeln im Selbstgespräch des einzelnen.

4. September 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Ein Hinweis auf ein neues Buch von Hannah Arendt.

Von Christian Modehn.

Hannah Arendt hat als Flüchtling in den USA nur noch politische Philosophie bzw. politische Theorie betreiben wollen, das hat sie etwa auch in dem berühmten Fernseh-Interview mit Günter Gaus betont. 1954 hat Hanna Arendt  an der Notre-Dame University Vorträge zu dem Thema gehalten, auch über Sokrates und Platon hat sie gesprochen. Damit zeigte sie, dass die klassischen Themen der klassischen Philosophie für sie doch auch selbstverständlich wichtig blieben; sie wollte diese nur ausdrücklich im Zusammenhang des politischen Zusammenlebens erörtern.

Jetzt ist im Verlag „Matthes und Seitz“ (Berlin) zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung ihres Vortrags mit dem Titel „Sokrates. Apologie der Pluralität“ erschienen. Dieser eher knappe Text ist originell und bedeutsam für weitere Diskussionen, weil er die Erfahrung der Andersheit der vielen anderen Menschen (Pluralität) gerade IN der Erfahrung des Selbst begründet: Von Selbstbewusstsein, diesem klassischen philosophischen Begriff, spricht Arendt in dem Text – soweit ich sehe – nicht. Aber sie verweist auf die elementare Denkerfahrung, die sich abstrakt etwa so beschreiben lässt: Ich denke mich und erlebe mich dabei als den von mir Gedachten, wobei das von mir gedachte Ich in gewisser Weise von mir als dem Denkenden verschieden ist. Es ist also eine gewisse Spaltung, „Pluralität“,  im Ich oder im Selbstbewusstsein sichtbar und erfahrbar. Also eine Art zweifache Gegebenheit des einen Ich, so dass Hannah Arendt tatsächlich meint: Das Ich ist in seinem Selbstbewusstsein pluralistisch: „In sich selbst trägt der Mensch die Signatur dieser Pluralität in sich“ (Seite 60 in dem genannten Buch). Also ist die Vielfalt verwurzelt im Ich selsbt, und nur aufgrund dieser pluralistischen Erfahrung kann der einzelne auch den anderen als den anderen erkennen. Dies ist die zentrale These in dem Buch. (Es bietet darüber hinaus und im Gang der Argumentation wichtige Hinweise zu einer Philosophie der Freundschaft oder zur Differenz Sokrates-Platon, darauf kann hier nicht näher eingegangen werden).

Diesen zentralen abstrakten Gedanken formuliert Arendt mit den Begriffen des im einzelnen immer schon gegebenen Selbstgesprächs: „Indem ich mit mir selbst spreche, lebe ich auch mit mir zusammen…. Die Menschen tragen die Signatur der Pluralität in sich“ (S.26 in dem genannten Buch). Das hat ethische Konsequenzen: Ich muss also mit mir (als dem gedachten Ich) ins Reine kommen; ich darf mit mir (als dem gedachten Ich) nicht im Widerspruch stehen. Ziel ist eigentlich: Ich muss mit mir übereinstimmen. Das ist der oberste Lebenssinn für Sokrates. Und Hannah Arendt zeigt in dem Buch, wie Sokrates dieses Mit-sich-Eins-Sein selber lebte und lehrte. Dieses Mit-sich-Eins-Sein ist ein Werden, ein Prozess, eine bleibende Aufgabe.

Wer als Ich diese dauernde Aufgabe erkennt, wird auch mit den anderen Menschen in seiner Umgebung geduldig umgehen, weil diese sich ja auch wahrscheinlich bemühen, mit sich selbst überein zu stimmen. Voraussetzung für eine humane Gestaltung der Pluralität bleibt für Arendt: „Die Einsamkeit mit sich selbst, der Dialog des Zwei-in-Einem ist integraler Bestandteil des Zusammenseins und Zusammenlebens mit anderen“ (S. 81). Nur im Mit mit sich selbst allein sein kann diese Entdeckung der inneren, eigenen Pluralität denkend wahrgenommen werden.

Bedrängend, wenn nicht zerstörerisch ist die Erfahrung, wenn die Nicht-Übereinstimmung des Ich mit sich selbst erlebt und dann aber ignoriert bzw. überspielt wird. Dann wird die Daseinslüge zum Gesetz des Ich.

Jedenfalls ist die innere Pluralität im Selbstbewusstsein des einzelnen für Arendt so elementar, dass sie das große philosophische Wort thaumzein, sich verwundern, darauf bezieht: Im Thaumazein, Erstauntsein und Sich-Wundern, wird ja die Urerfahrung beschrieben, mit der Sokrates und Platon – zunächst über die Sprachlosigkeit im Thaumazein – ins weitere Philosophieren fanden.

Das Ur-Erstaunliche ist also das Selbstbewusstsein, das mit sich selbst übereinstimmen soll, das also die Differenz der Andersheit in seinem Selbst sozusagen positiv gestalten kann.

Diese Begründung der Erfahrung der menschlichen Pluralität, also die Erfahrung des anderen, erscheint für viele wahrscheinlich neu und sicher erstaunlich. Man könnte meinen, Hannah Arendt sei insofern doch klassische Philosophin geblieben, als sie für die Erfahrung des anderen als anderen eine Art apriorische Struktur im Ich entdeckt bzw. freilegt. Diese Denkhaltung könnte man wohl transzendentalphilosophisch nennen. Vielleicht ahnte dies Hannah Arendt, und vielleicht verwendet sie deswegen nicht den klassischen Begriff Selbstbewusstsein. Um eine apriorische Struktur handelt es bei Hannah Arendts Hinweis dann doch, wenn sie auf das in sich plurale „Selbstgespräch“, wie sie sagt, hinweist als Vorausstzung, über die andere Person als andere Person wahrzunehmen und zu respktieren.

Gewonnen ist die wichtige auch politisch so relevante Einsicht: Wir Menschen können und sollen Pluralität unter den Menschen anerkennen. Sie ist normal. Ich sage: Sie ist apriorisch und gehört zum „Wesen des Menschen“, könnte man auch klassisch sagen. Pluralität unter den Menschen ist also etwas allgemein Menschliches, noch einmal anders gesagt, Pluralität – in Gleichberechtigung – ist also zu hegen und zu pflegen.

Die weitere Frage bleibt, die Hanna Arendt nicht beantwortet, ob denn die Erfahrung des „anderen“ in mir selbst noch einmal eine andere Qualität hat, als jene Erfahrung im Ich-Du bzw. Ich-Wir, wenn ich dem anderen, leibhaftig vor mir stehenden Anderen, begegne. Ich denke, etwa Lévinas hätte dem zugestimmt. Der leibhaftige Andere ist für ihn wohl die Gründung erst meiner Ich-Erfahrung.

Hannah Arendt lag daran, in einer Zeit kurz nach dem Holocaust und in der Nachkriegsgeschichte entschieden für die unabweisbare Pluralität der Menschen zu plädieren. Und für den Respekt dieser Pluralität einzutreten.

Hannah Arendt, Sokrates. Apologie der Pluralität. Matthes und Seitz Verlag, Berlin. 2016, 109 Seiten. 12 Euro. Übersetzung: Joachim Kalka.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



„Märchen haben eine ungeheure Ressource“. Ein Interview mit Dr. Angelika B. Hirsch über „Jugra geht“

6. Juli 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Sie sind als Religionswissenschaftlerin auch seit langem als Märchen-Forscherin und Märchen-Erzählerin (für Erwachsene) tätig. Nun haben Sie ein sibirisches Märchen unter dem Titel „Jugra geht“ aus dem Osjakischen übersetzen lassen und selbst in bewegender Sprache nacherzählt. Die Geschichte ist uralt, wie Sie schreiben, sie soll bis in die Altsteinzeit reichen. Warum ist dieses Märchen über das literarische Interesse hinaus wichtig für uns in Europa heute?

Ich beschäftige mich seit Jahren sehr viel mit mündlicher Überlieferung. Man kann für die Schublade schreiben, erzählen kann man nur, was im Augenblick gehört werden will, was behalten und weitergegeben wird. Diese Stoffe werden in der Weitergabe geschliffen und verallgemeinert, es bleibt nur das übrig, was alle, oder zumindest viele Menschen angeht. Ein paar Stoffe sind offenbar unverwüstlich, weil sie Themen, mit denen jeder Mensch irgendwann konfrontiert ist, auf den Punkt bringen. Ich vergleiche das mit dem „goldenen Schnitt“ bei Formen – man kommt immer wieder darauf zurück, weil es eine Idealform ist.

In dem chantischen Märchen „Die Mosfrau“, das „Jugra geht“ zugrunde liegt, sind solche elementaren Themen verdichtet, auf die wir bis heute Antworten suchen, zum Beispiel: Wie hängen Leben und Tod zusammen? Wie können Menschen damit leben, dass sie töten müssen, um zu leben? In welchem Verhältnis stehen Mensch, Tier und Kosmos zueinander?

Auch das sibirische Märchen „Jugra geht“ handelt von den immer wiederkehrenden Märchen-Motiven: „Etwas verlieren“, sterben, sich wandeln und in neues Leben eintreten. Ist es diese, offenbar allgemeine, Grundstruktur „der“ Märchen, die auch heute kritische Menschen zu Freunden der Märchen-Welt macht?

Ja, das Verlieren gehört wirklich zur Grundstruktur der Märchen. Selbst in dem harmlosestenKindermärchen geht es darum. Das ist so, weil wir von klein auf mit dem Tod konfrontiert sind. Es muss längst nicht immer der „große Tod“ sein, der ins Leben einbricht, es gibt viel „kleine Tode“: den Schlaf, den Abschied, ein Verbot, ein Nichtverstandenwerden, der Verlust einer Liebe…

Haben Märchen meist eine harmonisch wirkende Erzähl-Struktur am Ende?

Wie das Verlieren gehört auch das gute Ende zum Märchen! Ich finde das auch nicht naiv, sondern es steckt der fester Glaube dahinter, dass die Welt im Grund gut ist, auch wenn sehr viel Böses geschieht. Der Glaube an das gute Ende kann ein ganzes Leben lang tragen. Es gibt allerdings auch einige Märchen, die nicht gut enden, eines davon (ein besonders böses) erzähle ich sogar liebend gerne: „Frau Trude“. Ich empfinde diese Märchen als „Salz in der Suppe“. Märchen gehen davon aus, dass fast alles möglich ist, dass „Helden“ jeden nur erdenklichen Fehler machen dürfen – und dann gibt es da plötzlich eine Schwelle, die nicht ein einziges Mal übertreten werden darf, sonst ist tatsächlich alles verloren. Mir scheint, dass auch dies eine Lebenswahrheit ist, die in den Märchen abgebildet wird.

Ist es zu funktional gedacht, wenn ich frage: Sind Märchen sind Lebenshilfe, wenn ja, in welchem Sinne können sie es sein?

Märchen sind vielleicht die elementarste Form von Lebenshilfe. Aber das beste ist: Die Wirkung dieser „Medizin“ ist nicht wirklich zu steuern. Jeder, der mit Märchen arbeitet, macht die Erfahrung, dass man oft genug ein Märchen in einer bestimmten Absicht erzählt und beim Gegenüber etwas ankommt, an das man selbst gar nicht gedacht hat. Gott sei Dank entziehen sich Märchen immer wieder ihrer Verzweckung.

Märchen haben eine ungeheure Ressource, den Lebensmut zu stärken, auf Ideen zu bringen, Lösungswege aller Art kennenzulernen. Am besten ist es, wenn Menschen von Anfang an möglichst viele Märchen kennenlernen. Dann wächst die Phantasie, die Imagination, das Gerechtigkeitsgefühl, der Mut zum Guten, unorthodoxes und flexibles Denken und vieles mehr.
Kann das Märchen „Jugra geht“ auch zu philosophischen Reflexionen führen, etwa zur Frage: Wie kommt es, dass wir Menschen Natur und Tiere um unseres eigenen Überlebens willen verzehren und töten müssen? Sind wir dabei die Herren der Schöpfung oder gibt es auch die Erfahrung, dass wir Menschen füreinander zur (geistigen) Nahrung werden bzw. immer schon sind, wenn man an das ständige „Verzehren“ von Kulturgütern denkt?

Ja, Märchen führen zu Reflexionen. Aber sie haben einen anderen Ansatz als die Philosophie, sie geben uns Bilder, große Bilder, die wir beim Hören (oder Lesen) innerlich schauen und intuitiv wissen: „So ist es! Das ist wahr! So ist es mir auch schon ergangen! Genau so müsste es in der Welt zugehen!“

Diese Bilder erfassen zuerst die Seele, den Körper, das Herz, dann erst beginnen wir (manchmal) auch nachzudenken. Ich hoffe sehr, dass das bei „Jugra“ geschieht, weil ich genau die Themen unserer Zeit, die Sie ansprechen, in diesem archaischen Märchen finde: Wie gehen wir mit den Ressourcen unserer kleinen Erde um?

Aber ich wäre auch schon zufrieden, wenn jemand nach dem Lesen und Betrachten dieses Buches nur sagt: „Was für eine großartige Geschichte!“ Denn auch das wäre ja durchaus nicht wirkungslos…

Das Märchen „Jugra geht“, neu erzählt von Angelika B. Hirsch mit wunderbaren Gemälden des Künstlers Jorge Lopes (Berlin) ist im „Hospiz Verlag“ in Esslingen erschienen, mit einem Begleitheft von Angelika B. Hirsch. Zu empfehlen für Menschen ab 8 Jahren. Das Buch kostet 19, 90 Euro.

Hier kann man mehr zum Buch erfahren: www.jugra-geht.de

Copyright: Angelika B. Hirsch und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Von der Macht der Kommunikation: Ein Sonderheft über Hannah Arendt.

29. Juni 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Von der Macht der Kommunikation: Hannah Arendt

Eine neue Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“. Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer Hannah Arendt liest, wird ins (selbst)kritische Denken geführt, nicht ins spekulative Kreisen um das Ego und das weltlose Subjekt. Für Hannah Arendt ist Philosophieren immer auch mit dem Streiten für die Demokratie verbunden. Ist es diese Sehnsucht nach einem radikalen-tätigen, aber stets erhellenden Denken, die so viele LeserInnen heute zu Hannah Arendt führt?

Die neue Sonderausgabe über Hanna Arendt der hier schon vielfach empfohlenen Zeitschrift PHILOSOPHIE MAGAZIN bietet wichtige neue Erkenntnisse, die zum weiteren Forschen und Lesen einladen. Das Sonderheft, jetzt ganz frisch im Zeitschriftenhandel zu haben, wurde von Catherine Newmark redaktionell inspiriert und verantwortet. Und es ist nicht übertrieben: Damit ist ihr ein kleines Meisterwerk gelungen. Dieses Sonderheft wird weite Verbreitung finden, es wird einen sicheren Platz haben unter den schon zahlreichen Einführungen ins Denken und Handeln Hannah Arendts. Es ist diese Verbindung von wichtigen Arendt-Texten mit neuen Interpretation und kritischen Hinweisen, die dieses Heft so wertvoll macht.

Hannah Arendt war eine Meisterin der Freundschaft und der liebenden Beziehungen, dazu schreibt Michel Legros einen schönen Beitrag unter dem schon Wesentliches sagenden Titel „Zwischen zwei Menschen entsteht eine Welt“. Auch auf die viel besprochene Liebe zu Martin Heidegger wird hingewiesen.

Als sie in den USA, zuerst viele Jahre als Staatenlose in rechtlicher Schutzlosigkeit lebend, dann doch Karriere machte, gab es viele, die ihr Denken und ihre Schriften als „Journalismus abgetan haben“, wie ihr einstiger Schüler, der Dirigent und Autor Leon Botstein im Interview mit Catherine Newmark berichtet. Wie das Exil und die von den Nazis erzwungene Flucht aus Deutschland Arendts Denken beeinflusste, zeigt die Philosophin Stefania Maffeis (FU). „Der philosophische Standpunkt des Exils ist jener der Lücke und des Bruchs. Er steht nicht auf dem sicheren Boden der unhinterfragten Wahrheiten der Vergangenheit und kann auch seine zukünftigen Ziele nicht vorhersehen“ (S.55).

Es sind die Interviews, die Catherine Newmark leitet, die in dem Heft in meiner Sicht besonders herausragen. Die Gründerin des Hannah Arendt Zentrums an der Uni Oldenburg, Antonia Grunenberg ist auch vertreten. Sie stellt sich auch der eher spekulativen Frage, wie denn etwa Hannah Arendt auf den IS reagiert hätte: „Sie hätte mehr darüber nachgedacht, wie sich die westlichen Gesellschaften verteidigen gegen diese Gefahr, ob sie einknicken oder ihre plurale Öffentlichkeit leben und öffentlich verteidigen“, so Antonia Grunenberg (S. 74). Erneut und sehr zurecht wird in dem Heft auf die eigenständige Leistung Arendts hingewiesen, dass sie eben als eine der wenigen „PhilosophInnen“ über die Geburt nachgedacht hat: Mit jedem neuen Menschsein wird jeweils ein Anfang gesetzt, und deswegen „können Menschen die Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen“ (Arendt).

Besonders umstritten ist auch heute die viel zitierte Einschätzung Arendts, der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann sei eine typischer Vertreter für die Sichtbarkeit der „Banalität des Bösen“. Da finde ich die Hinweise der Philosophin Susan Neimann sehr erhellend: Hannah Arendt habe viele historische Details über Eichmann im Jahr 1961 eben gar nicht kennen können, als sie in Jerusalem den Eichmann-Prozess beobachtete. Noch wichtiger aber erscheint mir der Hinweis von Susan Neiman:. „Das Böse ist (für Hannah Arendt) nicht dämonisch und allumfassend, sondern nur die Summe von menschlichen Handlungen, oft gedankenlosen“ (S. 107). Neiman meint, Arendt habe in dieser „Relativität des Bösen“ eine Art philosophische Theodizee gesehen (S. 107). Praktisch heißt das: Mit besserem Denken und besserem Handeln können wir Menschen gegen das Böse vorgehen. „Die These von der Banalität des Bösen mag zwar historisch für Eichmann nicht zutreffend gewesen sein, aber für Millionen von anderen Menschen stimmt sie schon, Menschen , deren Absichten nicht dämonisch böse waren. Sondern irgendwo zwischen relativ niedrig und deutlich gut rangieren, aber ohne die es keinen Holocaust gegeben hätte“ (ebd.).

Eine andere, wenn man so will, schärfere, Vernunft-skeptische Position vertritt die Philosophin Bettina Stangneth, die kürzlich das Buch „Böses Denken“ (bei Rowohlt) veröffentlichte. Sie sagt: „Das Denken ist ein Werkzeug. Und mit Werkzeugen kann man bekanntlich alles Mögliche anstellen – so wie man mit einem Hammer einen Nagel einschlagen oder aber die Schwiegermutter erschlagen kann, deshalb versuche ich, mehr über das böse Denken zu lernen“. Aber darüber wäre viel zu diskutieren, ob Denken überhaupt ein Werkzeug ist und ob nicht auch derjenige, der Böses denkt und Böse tut, sich meistens, wenn nicht gehirngeschädigt, doch wohl frei für diese Tat entschieden hat. Und er erlebt dieses Böses-Tun dann doch als seine Form des Ego-Glücks und des für ihn subjektiven „Guten“. Womit gesagt sein soll, dass auch der Böse letztlich an eine Priorität des Guten (formal) gebunden ist, aber diese Fragen führen über das Heft hinaus.

Politisch sehr aktuell und sehr inspirierend ist das moderierte Gespräch Gesine Schwans mit Volker Gerhardt, die sich beide in den meisten Fragen zum Thema „Öffentlicher Streit in der Demokratie“ einig sind. Sie sind sich auch einig, wenn es um die These von Hannah Arendt geht „Macht gründet auf Kommunikation“. Da wird sehr zurecht von beiden Philosophen daran erinnert, dass die Kanzlerin Merkel – etwa auch in der Flüchtlingspolitik – „gerade nicht kommunikativ war“, so Gesine Schwan (S. 142). …“und unsere Kanzlerin ist ganz besonders avers gegen öffentliche Kommunikation und gegen die Kommunikation von Alternativen“ (ebd). Volker Gerhardt sagt: „Die Politiker (Deutschlands, Europas) konnten schon seit langem wissen, was auf Europa zukommt, aber sie haben die Bürger nicht auf den bevorstehenden Ansturm eingestimmt… Aus der Sicht Hannah Arendts haben die Offenheit und die immer auch visionäre Kraft des Arguments gefehlt“ (S, 142).

Insofern möchte man utopischerweise hoffen, dass dieses Heft über Hannah Arendt auch von Politikern gelesen und besprochen wird. Gibt es das eigentlich, dass PolitikerInnen über ihre gemeinsame philosophische Lektüre öffentlich sprechen? Oder sind sie nur im hektischen Geschäft des politischen Tuns (oder sollte man Handeln sagen ?) befasst?

Weil man diese Frage offenbar mit Nein beantworten muss: Da sieht man, wie sehr Philosophie wieder in die Mitte der Gesellschaft, auch der Politik, gehört.

Zum Heft selbst eine kleine kritische Anmerkung: Ich hätte mir einen eigenen Beitrag gewünscht zu der Tatsache, dass Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus von 1964 ausdrücklich darauf besteht, sie sei keine Philosophin mehr sei, sondern eine Theoretikerin der Politik (S. 17). Diese ausdrückliche Abwehr seit ihrer Zeit in den USA, eben nicht mehr als Philosophin zu gelten, hat sicher ihre Gründe: Erkenntnis der Abgehobenheit „der“ (klassischen) Philosophie? Arendt schrieb ja noch bei Heidegger eine Doktorarbeit über die „Liebe bei Augustin“. Ein hübsches Thema? Spielt etwa auch das Erleben der Spätphilosophie Heideggers (nach 1945) eine Rolle, dieses angeblich so unpolitische Stammeln von Seins – Erfahrungen, so dass Hannah Arendt nicht mehr als Philosophin, zu diesem „Club“ gehördend, gelten wollte?

Die Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“ über Hannah Arendt hat den Titel „Die Freiheit des Denkens“. Es ist im Juni 2016 erschienen, hat 146 Seiten, zahlreiche Fotos und Graphiken,Literaturhinweise usw. Es kostet nur 9,90 Euro. Leserservice für Bestellungen: philomag@pressup.de  Tel. 040 386666309.

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Berlin.

 

 



Welttag der Humanisten – Humanismus ist universal. Zum 21. Juni.

15. Juni 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Denkbar, Termine

Welttag der Humanisten – Humanismus ist universal

Ein Hinweis von Christian Modehn zum Welt-Humanisten-Tag am 21. JUNI

Verschiedene humanistische Verbände und Vereinigungen haben den Begriff „Humanismus“ für die Öffentlichkeit, auch als politisches Stichwort, sozusagen gerettet. Es sind Gruppen, die von einem explizit säkularen (atheistischen) Konzept des Menschen und der Welt ausgehen. Wer würde bezweifeln, dass solch eine Glaubenshaltung ein gutes Recht hat? Humanismus ist ja niemals (Natur)-Wissenschaft, sondern Glaubens-Überzeugung.

Dennoch ist es bei allem Respekt vor dem humanistischen, auch praktischen, man möchte sagen „diakonischen Engagement“ (in Kindergärten, Hospizen etc), etwa des HVD, doch die Frage:
Sind diese säkularen, also agnostisch-atheistischen Verbände nicht deswegen auf den Titel Humanismus gekommen, weil er zwischendurch verloren ging, seit der Renaissance spätestens, weil die Christen diesen Titel nicht wollten, sondern sich in ihre Sonderwelt /“nur religiös“/ einschlossen? Aber: Wer denkt noch in humanistischen Kreisen an ERASMUS von Rotterdam, wer an Pico de la Mirandola, wer an Kant, einen Humanisten avant (ou après) la lettre?

Es ist jetzt an der Zeit, den Humanismus Begriff wieder in die tatsächliche Weite zu führen.

Warum sollten sich religiöse Menschen nicht zuerst wie alle anderen Menschen eben als Humanisten verstehen? Religiöse Bekenntnisse wären dann das zweite, sozusagen Ergänzende. Denn Religion kann und darf niemals oberste Priorität im Bewusstsein eines Menschen (!) sein, immer ist Religion die speziellere Auslegung des Menschseins. Das gilt für religiöse wie für nicht-religiöse Auslegungen, die beide auf einer Stufe der Sinndeutung stehen und eben beide keine Wissenschaften sind. Humanismus wäre dann die Basis, verstanden als explizite Lebensform im Geist der Menschenrechte.

Brauchen wir in dieser verrückten Welt nicht zuerst Humanisten überall? Sind nicht auch so viele NGOs Humanisten, Amnesty international Ärzte ohne Grenzen und viele viele andere, etwa: die jetzt im Mittelmeer Flüchtlinge retten oder dort aufgrund antihumanistischer Politik Leichen bergen. Sind sie eben doch zu allererst Humanisten, auch wenn sie sich so nicht nennen. Wie klein erscheinen demgegenüber humanistische Organisationen, wurde ich kürzlich gefragt…

Kurz und gut: Ich plädiere dringend für eine Weitung des Humanismus-Begriffes über die (kleinen) humanistischen Verbände hinaus. Die verlieren ja nichts, wenn nicht nur sie sich humanistisch nennen. Humanismus wäre in unterschiedlicher Auslegung, aber immer verpflichtet dem Respekt für die Menschenrechte, sozusagen die allgemeine, menschliche Haltung. So wie die sich christlich nennenden Kirchen nichts verlieren, wenn es überall Menschen gibt, die im Geist dieses Jesus von Nazareth, eben jesuanisch, wie man theologisch treffend sagt, leben und handeln, natürlich auch außerhalb der Kirchen.

Copyright: Christian Modehn



Spanien heute: Ein gespaltenes Land. Hinweise, nicht nur anlässlich der Wahlen am 26. Juni 2016

11. Juni 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher

Von Christian Modehn

Zu einer Koalition konnten sich die Parteien nach den Wahlen vom 20. Dezember 2015 nach vielen Verhandlungen nicht aufraffen. Zu heftig sind die ideologischen Differenzen und die ökonomischen Präferenzen. Da bleibt man lieber getrennt in einem vielfältig (sozial, regional, politisch) gespaltenen Land (manche sprechen auch angesichts der Kulturen/Sprachen/ Autonomie Vielfalt von DIE Spanien im Plural) und ideologisch unter sich und sucht eben nicht das Gemeinsame, sondern das jeweils Eigene. Und dieses Eigene hält man für die absolute und einzige Wahrheit, wobei die Arroganz der PP meines Erachtens besonders auffällig ist: Diese Volkspartei gilt unter Intellektuellen auch als Sammelbecken der Vor-Gestrigen, der Freunde Francos usw. Eduardo Subirats, Prof. für Spanisch in Princeton, USA, nennt in Lettre International (Ausgabe Sommer 2015, Seite 131) diese PP „eine national-katholische Partei“; er meint, mit dieser Partei „waren kriminelle Organisationen verbunden“ (ebd.) Diese PP (sie hatte sogar kürzlich die absolute Mehrheit erreicht), entließ etwa den fähigen und mutigen Richter Baltasar Garzón: Denn er brachte die schändlichen Mordtaten der Franco-Leute vor Gericht „und ließ die entsprechenden Zeugen vorladen“(ebd). „Auf einmal musste sich Spanien mit seinem moralischen Elend auseinandersetzen“ (ebd). Garzón wollte die Opfer rehabilitieren, aber er wurde von der PP (als der de facto Franco-Partei) entlassen. Nebenbei: Garzón ist Träger des „Kant-Weltbürgerpreises“.

Nun also am 26. Juni ein neuer Anlauf. Alle hoffen auf deutlichere Mehrheiten, die dann eine Regierung ermöglichen könnten…Tiefenpsychologen werden bei so viel Wahrheits-Wahn der Parteien, selbst wenn man dort bisher noch keine extreme Rechte explizit organisiert findet, eines Tages erkunden: Hat dieses unversöhnte Gegeneinander nicht nur mit den tiefsten Verletzungen des Bürgerkriegs immer noch zu tun? Sondern eben auch mit Restbeständen der typisch katholischen Haltung, eben „die“ Wahrheit zu besitzen. Diese Propaganda, dass es irgendwo die eine wahre (totale) Wahrheit gibt, hat sich wohl tief in katholische, also auch spanische Seelen, eingeprägt. Die meisten Spanier sind eben in einem Milieu groß geworden, in dem die eine heilige katholische (Staats-)Religion (seit 1492) absolut herrschte. Versöhnte Verschiedenheit (und damit Koalitionsfähigkeit) ist kein sehr spanischer Gedanke. Ist dieser Mangel bedingt durch das Fehlen konfessioneller Pluralität, etwa auch durch das Fehlen der Reformation? Ich denke, so ist es.

Heute nennen sich nach repräsentativen Umfragen von 2014 nur noch 67 Prozent der Spanier katholisch, vor einigen Jahren waren es noch fast 100 Prozent. Der Rest nennt sich heute „indifferent“ bzw. nicht-gläubig. „Ateos“, Atheisten, ist ein sehr häufig gehörtes Bekenntnis im heutigen Spanien unter Jugendlichen, Intellektuellen und Arbeitern. „Andererseits haben jedoch die katholischen Volksfeste (semana santa, Karwoche) seit den siebziger Jahren ein außerordentliches Revival erlebt“, schreibt Manuel Arias-Maldonado von der Universität Malaga (in „Lettre International“, Ausgabe Winter 2015, Seite 136). Und er fährt fort: „Dies ist eine Pop-Religiosität, zu der vage Glaubensvorstellungen und Desinteresse am Dogma gehören…“ Im ganzen besehen aber sei die katholische Kirche heute, trotz einer immer noch engen (finanziellen) Förderung der Kirche durch den Staat, „kein Protagonist in den öffentlichen Auseinandersetzungen“. Man hört von den überwiegend konservativ bis reaktionär (siehe etwa den Erzbischof von Valencia) eingestellten Bischöfen nur etwas, wenn sie massiv und polemisch gegen Homo-Ehe und für die rigide Neuregelung der Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch eintreten. Auch wenn einzelne Theologen, wie Juan José Tamayo (Madrid), vielfach in der Presse (El Pais, als es noch progressiv war) mit vernünftigen Beiträgen vertreten sind und die CARITAS angesichts der Armut im Land ein hohes Ansehen genießt: Die römische Kirche im ganzen hat nicht den Ruf, ein kreativer und innovativer Teil der spanischen Gesellschaft zu sein. Entsprechend gering ist auch die Teilnahme an der Sonntagsmesse. Dieses Kriterium gilt ja immer noch als Maßstab für die „Religiosität“ eines Landes (was natürlich hoch problematisch, wenn nicht falsch ist). 60 % der sich katholisch nennenden Spanier gehen jetzt niemals zur Messe, 14,5 % mehrere Male im Jahr, und 13 % an jedem Sonntag, die übrigen gelegentlich. Wobei regionale Unterschiede zu beachten sind: In Barcelona etwa, wie in ganz Katalonien, sind es kleine Minderheiten von Katholiken, die sonntags noch zur Kirche gehen. Es gibt allüberall in den Städten riesige Kirchen, z.T. schöne Barockkirchen, aber sie sind weithin Museen de facto geworden (die Kathedralen verlangen passenderweise für die musealen Kunstschätze Eintritt. In die Kathedrale von Malaga kommt man nur gratis hinein, wenn man sich als Beter für den eng umgrenzten Beter-Bereich deklariert. Man stelle sich das vor: Es gibt tatsächlich reservierte Gebets-Nischen/Kapellen in den Kathedralen, aber das ist ein anderes Thema…)

Die gesamte Kathedrale wird als Gotteshaus, als Gebetsraum gar nicht mehr dargestellt, und dies von der Kirche selbst.

Die offensichtliche Distanz vieler spanischer Katholiken hat entschieden mit historischen Erfahrungen zu tun. Die Katalanen z.B. waren mehrheitlich als Republikaner die heftigsten Gegner des sich immer katholisch gebenden Franco-Regimes, von der offiziellen Kirche wurde der Diktator in höchsten Tönen gepriesen, als Held gegen den obersten aller Feinde, den Bolschewismus. Faschismus ist weniger schlimm als Bolschewismus, hieß das Glaubensbekenntnis der Prälaten und Päpste bis 1989.

Der Führer von Spanien, General Franco, Diktator von 1939 bis 1975, lebt in gewisser Weise immer noch, zumindest in Kastilien: Nicht nur im „Tal der Gefallenen“ wird seiner gedacht, in diesem Ort nördlich von Madrid, mit der Franco Gruft und dem riesigen, weithin sichtbaren Kreuz, ist eine Art Pilgerstätte für Rechte und Rechtsextreme entstanden. Der Ort ist eine Art Verherrlichung des Diktators. Aber darüber hinaus tragen mehrere hundert Straßen tragen seinen, Francos, Namen. An die Opfer, die Regimegegner, die „roten Republikaner“, sicher mehr als 100.000 Ermordete während des spanischen Bürgerkriegs, wird kaum erinnert, auch nicht an die Arbeitslager für die Linken nach 1945,

650.000 Republikaner flüchteten damals ins Ausland. 30.000 Babys von „linken Müttern“ wurden von Francos Leuten diesen entwendet und „braven“ Familien übergeben. Immer wieder werden Massengräber entdeckt. Der Spanische Bürgerkrieg und das Franco-Regime (bis 1975!) haben tiefste Verletzungen im Volk hinterlassen. Immerhin gibt es jetzt eine „Plattform gegen die Straflosigkeit“.

Haben die vielen Millionen Touristen, die etwa aus Deutschland nach Spanien fahren, etwas von der Kultur bzw. Unkultur (Bürgerkrieg usw.) Spaniens erfahren? Sind sie als Europäer neugierig auf das, was ihre Gastgeber, die Spanier, bewegt und schmerzt? Ich vermute: Eher nein heißt die Antwort. Man fragt sich mit Manuel Arias-Maldonado ohnehin, was die Millionen und Abermillionen Menschen/Touristen an der spanischen Mittelküste suchen, „welche auch aufgrund der Immobilienblase ein für alle mal ZERSTÖRT ist“ (S. 135). Ist das alles mit dem wahnhaften Sonnen-Kult verbunden? Dies wäre eine hübsche Frage an die Kulturwissenschaftler…

Aber einige grundlegende Kenntnisse über Spanien sollte doch jeder Tourist erwerben. Sehr empfehlenswert ist das Buch des zurecht viel beachteten spanischen Autors Juan Goytisolo „Spanien und die Spanier“, erschienen als Suhrkamp Taschenbuch schon 1982, aber in der historischen Analyse nach wie vor gültig. Die Kapitel über die kulturell dunklen, engen, klerikalen Zeiten Spaniens vom späten 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert sind erhellend, weil sie die Allmacht der katholisch-bornierten Herrscher zeigen und die Vernachlässigung jeglicher Bildung und Entwicklung im Volk…Über das Grauen des Bürgerkrieges ist immer noch sehr lesenswert der Bericht des französischen Katholiken und Schriftstellers Georges Bernanos „ Les Grands Cimetières sous la lune“ (Die großen Friedhöfe unter dem Mond), erschienen 1938. Bernanos war als rechtslastiger Katholik nach Spanien gegangen, wurde aber im Erleben der Abschlachtungen zu einem Feind des Franco-Regimes.

Und die Philosophie in Spanien heute?

Eine schwierige Frage. Der Philosophie-Professor Jesus Padilla-Gálvez (Toledo) hat in der Zeitschrift „Information Philosophie“ im Dezember 2005, (S.72-76) einen bereits im Titel viel sagenden Beitrag veröffentlicht „Das Elend der Philosophie in Spanien“. Er kritisiert eine starke Stagnation im Forschen und Denken, er kritisiert die bürokratischen Strukturen in den Universitäten usw. Ob sich da einiges zum Besseren gewandelt hat, wäre weiter zu untersuchen. Immerhin gibt es eine populäre Philosophie Zeitschrift http://www.filosofiahoy.es/Filosofia_Hoy_Apertura.htm

Aber im ganzen, so wird auch von Philosophen in Spanien berichtet, spiele Philosophie im kulturellen Leben Spaniens – leider !- eher eine sehr marginale Rolle, viele Philosophie-Professoren glänzen mit Zeitungsbeiträgen und Essais. Die katholische Kultur, bis 1975 absolut dominant, hatte ja auch die Philosophie immer schon zur ancilla theologia, zur bloßen Dienerin der Theologie und der Kirche erklärt.

Es könnte sein, dass mit der zunehmenden Säkularisierung das Selber-Denken, also das Philosophieren, dann doch an Bedeutung gewinnt. Vielleicht hat die spanische Tradition der „Tertullias“ (eine Art „Stammtisch“) noch eine Zukunft, vielleicht sogar die philosophischen Salons und philosophischen Cafés. Themen gibt es genug, vor allem das aller dringendste Problem: Wie können die vielen Tausend jungendlichen Arbeitslosen ins Arbeitsleben und damit ins soziale Leben integriert werden? Kann es sich Europa leisten, dass viele tausend junge Arbeitslose in Spanien ohne Lebens-Perspektive auskommen müssen? Natürlich nicht, aber es wird zu wenig dagegen unternommen. Sind Spanier dazu bestimmt, verurteilt, „letztendlich nur noch als Kellner die Millionen Touristen zu arbeiten“, wie dies ein Philosoph etwas zynisch bemerkte?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Das „goldene Zeitalter“: Realität und Utopie. Ein philosophischer Salon.

4. Juni 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Der nächste Salon, Termine

Einen ausführlichen Beitrag vom 16.7.2016 über das „siglo de oro“, das „Goldene Zeitalter in Spanien“ mit dem Titel „Das goldene Jahrhundert:Es war gar nicht so golden“ können Sie nachlesen, klicken Sie hier.

Dies ist die Einaldung zum salon am 15.7.2016:

Der Religionsphilosophische Salon im JULI findet am Freitag, den 15. Juli 2016 in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf statt. Anläßlich der großen Ausstellung „El siglo de Oro“ (Spanien im 17. Jahrhundert und die spanischen Künstler) in der Gemäldegalerie (ab 1.7. 2016) wollen wir die Hintergründe (künstlerisch, philosophisch, religiös) näher verstehen, vor allem, was denn wirklich das „Goldene Jahrhundert“ bedeutet. Denn „golden“ waren vor allem die Arbeiten der großen Maler, die sich allerdings sehr zurückhielten, wenn es um die Darstellung der elenden Lebensverhältnisse der Bevölkerung ging. Der Hof, vor allem der von Philipp IV., lebte am Rande des Bankrotts. Die Gesellschaft war gespalten in stolze „Altchristen“ und in Konvertiten aus dem Judentum, denen die „Altchristen“ nicht trauten, weil sie in antisemitischem Wahn eben Juden unter diesen Katholiken vermuteten. Das „goldene Jahrhundert Spaniens“ ist also ein ideologisches Konstrukt, wenn man auch die verheerenden Zustände (Verletzung der Menschenwürde der „Indianer“ usw.) in den südamerikanischen Kolonien betrachtet und an den aussichtslosen Kampf einiger Dominikanermönche, wie Bartholomé de la Casas, berücksichtigt.

Warum haben Menschen immer Sehnsucht nach dem goldenen Jahrhundert, em Goldenen Zeitalter, was war golden in den goldenen Zwanziger Jahren in Berlin? Für wen waren sie goldig, für wen waren sie bleierne Zeiten?

Darüber hinaus sprechen wir über die Sehnsucht (unsere Sehnsucht ?) nach dem Goldenen Zeitalter als Mythos und Utopie.

Ein Abend, voller Perspektiven, die dann um so intensiver wahrgenommen werden, wenn die TeilnehmerInnen  zuvor die Ausstellung besuchen oder sich mit den Künstlern (Velázquez u.a.) und Theologen (z. B. den umstrittenen Jesuiten Balthasar Gracian) in dieser Zeit in Spanien intensiver beschäftigen. Der ungarische Philosoph Béla Hamvas nannte etwa die Zwerge des Velázquez Philosophen…

Herzliche Einladung! Für die Raummiete: 5 Euro. StudentInnen haben freien Eintritt.

Eine weitere inhaltliche Ergänzung am 7.7.2016:

Die große Ausstellung „El siglo de oro“, „Das goldene Jahrhundert“, zur Zeit in der Gemäldegalerie, ist der Anlass unseres Themas: Was ist das goldene Zeitalter? Unter welchen Bedingungen wird von wem eine bestimmte Epoche „golden“ genannt bzw. als golden verklärt?

Haben wir in unserem Leben auch die Tendenz, bestimmte eigene Lebenszeiten oder die erlebte politische Geschichte als golden oder gar goldig zu (v)erklären?

Über diese Fragen werden wir uns unterhalten. In jedem Fall geht es also um Ideologiekritik:

Die Werke des „Siglo de Oro“, Velazquez, Zurbaran und die vielen hierzulande noch unbekannten Meister im 17. Jahrh henswert, sehr individuell, berührend, zum Teil mit ganz sanfter Herrschaftskritik.

Aber in unserem Salon wird deutlich: Alle diese Gemälde waren bestellte Arbeiten, bestellt von den Königen und inhaltlich dirigiert von der allmächtigen katholischen Kirche. Gerade sie sorgte für die unendliche Wiederkehr immer desselben Themas: der gekreuzigte Christus… Als gäbe es nichts anderes in dieser (schönen, furchtbaren) Welt. Wird da die Gewöhnung ans Leiden versteckt sprituell propagiert?

Wir werden uns mit einem außergewöhnlichen Philosophen dieser Zeit befassen, mit Baltasar Gracián aus dem Jesuitenorden, besonders mit seinem viel gelesenen Werk „Handorakel und die Kunst der Weltklugheit“ (bei Fischer auf deutsch erschienen, übersetzt von Artur Schopenhauer (sic!). Gracián vertritt eine Weisheitslehre, die ganz auf das erfolgreiche Überleben des einzelnen in einer feindlichen Umgebung setzt. Aus Angst vor der allmächtigen Inquisition in diesem angeblich goldenen Zeitalter empfiehlt er u.a. die Kunst, sich richtig zu verstellen…Gracian wurde dann von seinem Orden bestraft…

Hilfreich ist auch für Spanien-Freunde die Lektüre des kritischen Buches des spanischen Philosophen Juan Goytisolo „Spanien und die Spanier“ bei Suhrkamp erschienen, auf den ersten Seiten wird die ganze machtvolle Tristesse Spaniens erläutert nach der Vertreibung der Muslime aus dem Land der erzwungenen Konversion der spanischen Juden. Nicht golden, sondern eisern war dieses 17. Jahrhundert. Und man fragt sich, warum ausgerechnet jetzt, mitten in der tiefen europäischen Krise, auch der politischen Krise Spaniens, der Flüchtlingsabwehr in ganz Europa usw., eine Ausstellung „Goldenes Zeitalter“ gemacht wird. Soll Kunst noch etwas Glanz in trübe Zeiten bringen?

Bitte vormerken: Am Freitag, den 26. August 2016, machen wir wieder -am Ende der Berliner Schulferien- unseren kleinen „Ausflug im Sommer“. Diesmal fahren wir in den vielen sicher noch unbekannten schönen Stadtteil Karlshorst und treffen dort um 10 Uhr den Pfarrer der Gemeinde, Edgar Dusdal. Er spricht mit uns über die vielfältigen Formen des persönlichen und politischen Erinnerns. Zudem werden wir die ungewöhnlich wertvolle Orgel der Karlshorster Kirche kennen lernen, die Amalien-Orgel, die bedeutendste Barockorgel Berlins, geschaffen 1755 und original erhalten. Auch dies ein besonderes Ereignis.

Danach besuchen wir das „Deutsch-Russische Museum“ in Karlshorst, das sicher viele noch nicht kennengelernt haben. Das passt gut zum Thema: Was heißt politische Erinnerungheute? Selbstverständlich gibt es danach genug Zeit für ein gemeinsames Essen und weiteres Debattieren.

In den vergangenen Jahren haben wir als Sommer Ausflug Jüterbog und Kloster Chorin besucht.

 

 

 



Berlin-Babylon-Bagdad: Ein Festival in Berlin (bis 4. Juni 2016)

31. Mai 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn

In Berlin findet noch bis zum 4. Juni 2016 ein Festival, Kunst und Wissenschaft, zum Thema Babylon in thematischer Verbindung mit Berlin und Bagdad statt. Für weitere Informationen zu diesem internationalen Festival klicken Sie bitte hier.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat auf ein wichtiges, sehr umfassendes und inspirierendes Buch zum Thema Babylon von Frank Kürschner Pelkmann schon vor einigen Monaten aufmerksam gemacht.

Allen, die sich für das weite Umfeld des Symbols wie der Realität „Babylon“ interessieren, wird dieses Buch dringend empfohlen. Zur Vertiefung: In einem Interview erläutert der Autor einige Hauptthemen, klicken Sie bitte hier.



An Michel Foucault erinnern: Von der Zerstörung der üblichen Evidenzen.

30. Mai 2016 | Von | Kategorie: Denkbar, Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn. Anläßlich von Michel Foucaults Todestag am 25.6.1984.

Michel Foucault (gestorben am 25.6. 1984in Paris , geboren am 15.10.1926 in Poitiers) ist einer der besonders anregenden Denker der Gegenwart. Er war und ist umstritten. Seine Thesen und grundlegenden Einsichten, etwa zum Humanismus und zur Frage nach dem „Wesen DES Menschen“, wurden heftig kritisiert. Oft hat man in der Polemik nicht genau hingeschaut, was er eigentlich meinte.

Foucault bleibt also ein Anreger, einer der aufweckt aus Selbstverständlichkeiten; er unterstützt subversive Formen des Lebens und Denkens. Er selbst sah sich als „Zerstörer der (üblich gewordenen) Evidenzen“, er suchte Formen der Lebenskunst in der „Nach-Moderne“. Dabei hat er sich als umfassend (historisch, psychologisch, philosophisch) gebildeter Denker selbst gewandelt, entwickelt, korrigiert.

Seine erste größere Arbeit erschien 1961. Sie bezog sich auf die Ausgegrenzten, Kranken, Unvernünftigen, für wahnsinnig gehaltenen Menschen:Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ , „Folie et déraison“.

Die dort aufgeworfenen Fragen bleiben aktuell: Wer definiert den Wahnsinn, das Aus-dem-Rahmen-Fallen? Wer lässt es zu, dass diese Menschen eingesperrt werden? In Fez z.B gab es, so Foucault, schon im 7. Jahrhundert Hospize für Wahnsinnige. Ist die Mehrheit vernünftig und als „nichtwahnsinnige“ Mehrheit etwa auch gesund? Woher kommt dieser Anspruch? Ist die Mehrheit, etwa in der Politik, die heute wieder die Nation als absoluten Wert hochspielt, ist diese Mehrheit etwa gesund, d.h. rational auf der Höhe der Menschlichkeit? Angesichts der Kriege, die Nationalismus IMMER erzeugt, kann man da „im Ernst“ noch von gesunden und vernünftigen Politikern und Bürgern sprechen? Sind Politiker, die Kriege führen, etwa Assad in Syrien, die Mörderbanden in der arabischen Welt usw., sind die alle gesund, also nicht-wahnsinnig? Warum werden diese Kategorien in dem Zusammenhag nicht angewendet? Wer verbietet diese Anwendung? Ist die Ausgrenzung bestimmter, tatsächlich schwer belasteter seelisch Kranker, auch ein Alibi für die Mehrheit, sich selbst für vernünftig zu halten? In diesen störenden Fragen sah auch Michel Foucault die Notwendigkeit neuer Philosophie: “Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all die Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, anders zu machen und anders zu werden als man ist“ (zit. in „Metzler Philosophen Lexikon“, Beitrag Foucault, Michel, von Thomas Schäfer, Seite 224). Und noch einmal zur Bedeutung der Philosophie: „Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt und nach anderen Spielregeln sucht“ (ebd. 228).

Foucault stellt die Frage nach der Ausgrenzung und Abschiebung der anderen, der Minderheiten, der Schwachen und Kranken aus dem großen Rahmen der sich vernünftig wähnenden Gesellschaften und Staaten. Die Frage der Ausgrenzung der Armen stellte er meines Wissens leider nicht. Dabei ist diese Ausgrenzung, Degradierung, Verachtung, Abschiebung der Armen auch in den reichen Gesellschaften des Westens und der Demo-kratien“, wo die Armen eben nicht herrschen, ein Skandal, an den sich die Mehrheit gewöhnt hat. Wahrscheinlich sind westliche „Demo-Kratien“ auf dem Weg zu Pluto-Kratien“… Die „Säuberung“ der Städte  in Deutschland von den Armen, besonders in den touristisch attraktiven und Geld bringenden Innenstädten, ist längst leider selbstverständlich. In Paris wohnt im Zentrum kein Armer mehr, in London nicht, in Manhattan nicht, in München nicht und in Berlin, wenn diese Politik sich fortsetzt, bald auch nicht mehr. Es sind längst Gettos entstanden. Zu diesen Hinweisen inspiriert die Lektüre von Michel Foucault.

Er stellt die Frage: Ist Vernunft vielleicht immer ausgrenzend und repressiv? Ist etwa die oft nur vorgebliche sorgende Haltung der Staaten für die Bürger nichts als eine pastorale Attitude? Bezogen auf die christliche Gemeinde hat er sich 1979 zur „pastoralen Macht“ geäußert, wo die selbst ernannten, nicht von den Gläubigen gewählten Führer und Herrscher sich als Hirten ausgeben und die Gläubigen eben zu Schäfchen machen, die sich unterdrücken lassen. Diese Arbeit Foucaults sollte theologisch endlich bearbeitet werden, zur Lektüre dieses Foucault Beitrages klicken Sie hier.

Foucault war ein Denker, der mit allem Nachdruck das Interesse auf den einzelnen, den singulären Menschen lenkte. Er wollte den einzelnen förmlich retten vor der Gewalt der (Denk) Systeme. “Das einzige was für ihn, Foucault, existiert, sind Singularitäten“, so Paul Veyne, Historiker und (explizit heterosexueller) Freund von Michel Foucault in dem Buch „Foucault. Der Philosoph als Samurai“ (Reclam, 2009, Seite 50). Auch wenn Foucault die metaphysischen und letzten und endgültigen Wahrheiten als Skeptiker entschieden zurückwies, so hat sicher Paul Veyne recht, wenn er Foucaults letztlich immer offene Haltung dann auf den Punkt bringt und damit meines Erachtens zugleich eine gültige Aussage zur Skepsis „insgesamt“ macht: “Ein Skeptiker hält es nicht für unmöglich, dass die Welt sehr anders ist, als wir sie wahrnehmen“(ebd. 51).

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.