Hannah Arendt zu: Pluralität und Erfahrung des anderen. Sie haben ihre Wurzeln im Selbstgespräch des einzelnen.

Ein Hinweis auf ein neues Buch von Hannah Arendt.

Von Christian Modehn.

Hannah Arendt hat als Flüchtling in den USA nur noch politische Philosophie bzw. politische Theorie betreiben wollen, das hat sie etwa auch in dem berühmten Fernseh-Interview mit Günter Gaus betont. 1954 hat Hanna Arendt  an der Notre-Dame University Vorträge zu dem Thema gehalten, auch über Sokrates und Platon hat sie gesprochen. Damit zeigte sie, dass die klassischen Themen der klassischen Philosophie für sie doch auch selbstverständlich wichtig blieben; sie wollte diese nur ausdrücklich im Zusammenhang des politischen Zusammenlebens erörtern.

Jetzt ist im Verlag „Matthes und Seitz“ (Berlin) zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung ihres Vortrags mit dem Titel „Sokrates. Apologie der Pluralität“ erschienen. Dieser eher knappe Text ist originell und bedeutsam für weitere Diskussionen, weil er die Erfahrung der Andersheit der vielen anderen Menschen (Pluralität) gerade IN der Erfahrung des Selbst begründet: Von Selbstbewusstsein, diesem klassischen philosophischen Begriff, spricht Arendt in dem Text – soweit ich sehe – nicht. Aber sie verweist auf die elementare Denkerfahrung, die sich abstrakt etwa so beschreiben lässt: Ich denke mich und erlebe mich dabei als den von mir Gedachten, wobei das von mir gedachte Ich in gewisser Weise von mir als dem Denkenden verschieden ist. Es ist also eine gewisse Spaltung, “Pluralität”,  im Ich oder im Selbstbewusstsein sichtbar und erfahrbar. Also eine Art zweifache Gegebenheit des einen Ich, so dass Hannah Arendt tatsächlich meint: Das Ich ist in seinem Selbstbewusstsein pluralistisch: “In sich selbst trägt der Mensch die Signatur dieser Pluralität in sich” (Seite 60 in dem genannten Buch). Also ist die Vielfalt verwurzelt im Ich selsbt, und nur aufgrund dieser pluralistischen Erfahrung kann der einzelne auch den anderen als den anderen erkennen. Dies ist die zentrale These in dem Buch. (Es bietet darüber hinaus und im Gang der Argumentation wichtige Hinweise zu einer Philosophie der Freundschaft oder zur Differenz Sokrates-Platon, darauf kann hier nicht näher eingegangen werden).

Diesen zentralen abstrakten Gedanken formuliert Arendt mit den Begriffen des im einzelnen immer schon gegebenen Selbstgesprächs: „Indem ich mit mir selbst spreche, lebe ich auch mit mir zusammen…. Die Menschen tragen die Signatur der Pluralität in sich“ (S.26 in dem genannten Buch). Das hat ethische Konsequenzen: Ich muss also mit mir (als dem gedachten Ich) ins Reine kommen; ich darf mit mir (als dem gedachten Ich) nicht im Widerspruch stehen. Ziel ist eigentlich: Ich muss mit mir übereinstimmen. Das ist der oberste Lebenssinn für Sokrates. Und Hannah Arendt zeigt in dem Buch, wie Sokrates dieses Mit-sich-Eins-Sein selber lebte und lehrte. Dieses Mit-sich-Eins-Sein ist ein Werden, ein Prozess, eine bleibende Aufgabe.

Wer als Ich diese dauernde Aufgabe erkennt, wird auch mit den anderen Menschen in seiner Umgebung geduldig umgehen, weil diese sich ja auch wahrscheinlich bemühen, mit sich selbst überein zu stimmen. Voraussetzung für eine humane Gestaltung der Pluralität bleibt für Arendt: „Die Einsamkeit mit sich selbst, der Dialog des Zwei-in-Einem ist integraler Bestandteil des Zusammenseins und Zusammenlebens mit anderen“ (S. 81). Nur im Mit mit sich selbst allein sein kann diese Entdeckung der inneren, eigenen Pluralität denkend wahrgenommen werden.

Bedrängend, wenn nicht zerstörerisch ist die Erfahrung, wenn die Nicht-Übereinstimmung des Ich mit sich selbst erlebt und dann aber ignoriert bzw. überspielt wird. Dann wird die Daseinslüge zum Gesetz des Ich.

Jedenfalls ist die innere Pluralität im Selbstbewusstsein des einzelnen für Arendt so elementar, dass sie das große philosophische Wort thaumzein, sich verwundern, darauf bezieht: Im Thaumazein, Erstauntsein und Sich-Wundern, wird ja die Urerfahrung beschrieben, mit der Sokrates und Platon – zunächst über die Sprachlosigkeit im Thaumazein – ins weitere Philosophieren fanden.

Das Ur-Erstaunliche ist also das Selbstbewusstsein, das mit sich selbst übereinstimmen soll, das also die Differenz der Andersheit in seinem Selbst sozusagen positiv gestalten kann.

Diese Begründung der Erfahrung der menschlichen Pluralität, also die Erfahrung des anderen, erscheint für viele wahrscheinlich neu und sicher erstaunlich. Man könnte meinen, Hannah Arendt sei insofern doch klassische Philosophin geblieben, als sie für die Erfahrung des anderen als anderen eine Art apriorische Struktur im Ich entdeckt bzw. freilegt. Diese Denkhaltung könnte man wohl transzendentalphilosophisch nennen. Vielleicht ahnte dies Hannah Arendt, und vielleicht verwendet sie deswegen nicht den klassischen Begriff Selbstbewusstsein. Um eine apriorische Struktur handelt es bei Hannah Arendts Hinweis dann doch, wenn sie auf das in sich plurale „Selbstgespräch“, wie sie sagt, hinweist als Vorausstzung, über die andere Person als andere Person wahrzunehmen und zu respktieren.

Gewonnen ist die wichtige auch politisch so relevante Einsicht: Wir Menschen können und sollen Pluralität unter den Menschen anerkennen. Sie ist normal. Ich sage: Sie ist apriorisch und gehört zum “Wesen des Menschen”, könnte man auch klassisch sagen. Pluralität unter den Menschen ist also etwas allgemein Menschliches, noch einmal anders gesagt, Pluralität – in Gleichberechtigung – ist also zu hegen und zu pflegen.

Die weitere Frage bleibt, die Hanna Arendt nicht beantwortet, ob denn die Erfahrung des “anderen” in mir selbst noch einmal eine andere Qualität hat, als jene Erfahrung im Ich-Du bzw. Ich-Wir, wenn ich dem anderen, leibhaftig vor mir stehenden Anderen, begegne. Ich denke, etwa Lévinas hätte dem zugestimmt. Der leibhaftige Andere ist für ihn wohl die Gründung erst meiner Ich-Erfahrung.

Hannah Arendt lag daran, in einer Zeit kurz nach dem Holocaust und in der Nachkriegsgeschichte entschieden für die unabweisbare Pluralität der Menschen zu plädieren. Und für den Respekt dieser Pluralität einzutreten.

Hannah Arendt, Sokrates. Apologie der Pluralität. Matthes und Seitz Verlag, Berlin. 2016, 109 Seiten. 12 Euro. Übersetzung: Joachim Kalka.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

„Märchen haben eine ungeheure Ressource“. Ein Interview mit Dr. Angelika B. Hirsch über “Jugra geht”

Sie sind als Religionswissenschaftlerin auch seit langem als Märchen-Forscherin und Märchen-Erzählerin (für Erwachsene) tätig. Nun haben Sie ein sibirisches Märchen unter dem Titel „Jugra geht“ aus dem Osjakischen übersetzen lassen und selbst in bewegender Sprache nacherzählt. Die Geschichte ist uralt, wie Sie schreiben, sie soll bis in die Altsteinzeit reichen. Warum ist dieses Märchen über das literarische Interesse hinaus wichtig für uns in Europa heute?

Ich beschäftige mich seit Jahren sehr viel mit mündlicher Überlieferung. Man kann für die Schublade schreiben, erzählen kann man nur, was im Augenblick gehört werden will, was behalten und weitergegeben wird. Diese Stoffe werden in der Weitergabe geschliffen und verallgemeinert, es bleibt nur das übrig, was alle, oder zumindest viele Menschen angeht. Ein paar Stoffe sind offenbar unverwüstlich, weil sie Themen, mit denen jeder Mensch irgendwann konfrontiert ist, auf den Punkt bringen. Ich vergleiche das mit dem “goldenen Schnitt” bei Formen – man kommt immer wieder darauf zurück, weil es eine Idealform ist.

In dem chantischen Märchen “Die Mosfrau”, das “Jugra geht” zugrunde liegt, sind solche elementaren Themen verdichtet, auf die wir bis heute Antworten suchen, zum Beispiel: Wie hängen Leben und Tod zusammen? Wie können Menschen damit leben, dass sie töten müssen, um zu leben? In welchem Verhältnis stehen Mensch, Tier und Kosmos zueinander?

Auch das sibirische Märchen „Jugra geht“ handelt von den immer wiederkehrenden Märchen-Motiven: „Etwas verlieren“, sterben, sich wandeln und in neues Leben eintreten. Ist es diese, offenbar allgemeine, Grundstruktur „der“ Märchen, die auch heute kritische Menschen zu Freunden der Märchen-Welt macht?

Ja, das Verlieren gehört wirklich zur Grundstruktur der Märchen. Selbst in dem harmlosestenKindermärchen geht es darum. Das ist so, weil wir von klein auf mit dem Tod konfrontiert sind. Es muss längst nicht immer der “große Tod” sein, der ins Leben einbricht, es gibt viel “kleine Tode”: den Schlaf, den Abschied, ein Verbot, ein Nichtverstandenwerden, der Verlust einer Liebe…

Haben Märchen meist eine harmonisch wirkende Erzähl-Struktur am Ende?

Wie das Verlieren gehört auch das gute Ende zum Märchen! Ich finde das auch nicht naiv, sondern es steckt der fester Glaube dahinter, dass die Welt im Grund gut ist, auch wenn sehr viel Böses geschieht. Der Glaube an das gute Ende kann ein ganzes Leben lang tragen. Es gibt allerdings auch einige Märchen, die nicht gut enden, eines davon (ein besonders böses) erzähle ich sogar liebend gerne: “Frau Trude”. Ich empfinde diese Märchen als “Salz in der Suppe”. Märchen gehen davon aus, dass fast alles möglich ist, dass “Helden” jeden nur erdenklichen Fehler machen dürfen – und dann gibt es da plötzlich eine Schwelle, die nicht ein einziges Mal übertreten werden darf, sonst ist tatsächlich alles verloren. Mir scheint, dass auch dies eine Lebenswahrheit ist, die in den Märchen abgebildet wird.

Ist es zu funktional gedacht, wenn ich frage: Sind Märchen sind Lebenshilfe, wenn ja, in welchem Sinne können sie es sein?

Märchen sind vielleicht die elementarste Form von Lebenshilfe. Aber das beste ist: Die Wirkung dieser “Medizin” ist nicht wirklich zu steuern. Jeder, der mit Märchen arbeitet, macht die Erfahrung, dass man oft genug ein Märchen in einer bestimmten Absicht erzählt und beim Gegenüber etwas ankommt, an das man selbst gar nicht gedacht hat. Gott sei Dank entziehen sich Märchen immer wieder ihrer Verzweckung.

Märchen haben eine ungeheure Ressource, den Lebensmut zu stärken, auf Ideen zu bringen, Lösungswege aller Art kennenzulernen. Am besten ist es, wenn Menschen von Anfang an möglichst viele Märchen kennenlernen. Dann wächst die Phantasie, die Imagination, das Gerechtigkeitsgefühl, der Mut zum Guten, unorthodoxes und flexibles Denken und vieles mehr.
Kann das Märchen „Jugra geht“ auch zu philosophischen Reflexionen führen, etwa zur Frage: Wie kommt es, dass wir Menschen Natur und Tiere um unseres eigenen Überlebens willen verzehren und töten müssen? Sind wir dabei die Herren der Schöpfung oder gibt es auch die Erfahrung, dass wir Menschen füreinander zur (geistigen) Nahrung werden bzw. immer schon sind, wenn man an das ständige „Verzehren“ von Kulturgütern denkt?

Ja, Märchen führen zu Reflexionen. Aber sie haben einen anderen Ansatz als die Philosophie, sie geben uns Bilder, große Bilder, die wir beim Hören (oder Lesen) innerlich schauen und intuitiv wissen: “So ist es! Das ist wahr! So ist es mir auch schon ergangen! Genau so müsste es in der Welt zugehen!”

Diese Bilder erfassen zuerst die Seele, den Körper, das Herz, dann erst beginnen wir (manchmal) auch nachzudenken. Ich hoffe sehr, dass das bei “Jugra” geschieht, weil ich genau die Themen unserer Zeit, die Sie ansprechen, in diesem archaischen Märchen finde: Wie gehen wir mit den Ressourcen unserer kleinen Erde um?

Aber ich wäre auch schon zufrieden, wenn jemand nach dem Lesen und Betrachten dieses Buches nur sagt: “Was für eine großartige Geschichte!” Denn auch das wäre ja durchaus nicht wirkungslos…

Das Märchen „Jugra geht“, neu erzählt von Angelika B. Hirsch mit wunderbaren Gemälden des Künstlers Jorge Lopes (Berlin) ist im „Hospiz Verlag“ in Esslingen erschienen, mit einem Begleitheft von Angelika B. Hirsch. Zu empfehlen für Menschen ab 8 Jahren. Das Buch kostet 19, 90 Euro.

Hier kann man mehr zum Buch erfahren: www.jugra-geht.de

Copyright: Angelika B. Hirsch und Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Von der Macht der Kommunikation: Ein Sonderheft über Hannah Arendt.

Von der Macht der Kommunikation: Hannah Arendt

Eine neue Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“. Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer Hannah Arendt liest, wird ins (selbst)kritische Denken geführt, nicht ins spekulative Kreisen um das Ego und das weltlose Subjekt. Für Hannah Arendt ist Philosophieren immer auch mit dem Streiten für die Demokratie verbunden. Ist es diese Sehnsucht nach einem radikalen-tätigen, aber stets erhellenden Denken, die so viele LeserInnen heute zu Hannah Arendt führt?

Die neue Sonderausgabe über Hanna Arendt der hier schon vielfach empfohlenen Zeitschrift PHILOSOPHIE MAGAZIN bietet wichtige neue Erkenntnisse, die zum weiteren Forschen und Lesen einladen. Das Sonderheft, jetzt ganz frisch im Zeitschriftenhandel zu haben, wurde von Catherine Newmark redaktionell inspiriert und verantwortet. Und es ist nicht übertrieben: Damit ist ihr ein kleines Meisterwerk gelungen. Dieses Sonderheft wird weite Verbreitung finden, es wird einen sicheren Platz haben unter den schon zahlreichen Einführungen ins Denken und Handeln Hannah Arendts. Es ist diese Verbindung von wichtigen Arendt-Texten mit neuen Interpretation und kritischen Hinweisen, die dieses Heft so wertvoll macht.

Hannah Arendt war eine Meisterin der Freundschaft und der liebenden Beziehungen, dazu schreibt Michel Legros einen schönen Beitrag unter dem schon Wesentliches sagenden Titel „Zwischen zwei Menschen entsteht eine Welt“. Auch auf die viel besprochene Liebe zu Martin Heidegger wird hingewiesen.

Als sie in den USA, zuerst viele Jahre als Staatenlose in rechtlicher Schutzlosigkeit lebend, dann doch Karriere machte, gab es viele, die ihr Denken und ihre Schriften als „Journalismus abgetan haben“, wie ihr einstiger Schüler, der Dirigent und Autor Leon Botstein im Interview mit Catherine Newmark berichtet. Wie das Exil und die von den Nazis erzwungene Flucht aus Deutschland Arendts Denken beeinflusste, zeigt die Philosophin Stefania Maffeis (FU). „Der philosophische Standpunkt des Exils ist jener der Lücke und des Bruchs. Er steht nicht auf dem sicheren Boden der unhinterfragten Wahrheiten der Vergangenheit und kann auch seine zukünftigen Ziele nicht vorhersehen“ (S.55).

Es sind die Interviews, die Catherine Newmark leitet, die in dem Heft in meiner Sicht besonders herausragen. Die Gründerin des Hannah Arendt Zentrums an der Uni Oldenburg, Antonia Grunenberg ist auch vertreten. Sie stellt sich auch der eher spekulativen Frage, wie denn etwa Hannah Arendt auf den IS reagiert hätte: „Sie hätte mehr darüber nachgedacht, wie sich die westlichen Gesellschaften verteidigen gegen diese Gefahr, ob sie einknicken oder ihre plurale Öffentlichkeit leben und öffentlich verteidigen“, so Antonia Grunenberg (S. 74). Erneut und sehr zurecht wird in dem Heft auf die eigenständige Leistung Arendts hingewiesen, dass sie eben als eine der wenigen „PhilosophInnen“ über die Geburt nachgedacht hat: Mit jedem neuen Menschsein wird jeweils ein Anfang gesetzt, und deswegen „können Menschen die Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen“ (Arendt).

Besonders umstritten ist auch heute die viel zitierte Einschätzung Arendts, der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann sei eine typischer Vertreter für die Sichtbarkeit der „Banalität des Bösen“. Da finde ich die Hinweise der Philosophin Susan Neimann sehr erhellend: Hannah Arendt habe viele historische Details über Eichmann im Jahr 1961 eben gar nicht kennen können, als sie in Jerusalem den Eichmann-Prozess beobachtete. Noch wichtiger aber erscheint mir der Hinweis von Susan Neiman:. „Das Böse ist (für Hannah Arendt) nicht dämonisch und allumfassend, sondern nur die Summe von menschlichen Handlungen, oft gedankenlosen“ (S. 107). Neiman meint, Arendt habe in dieser „Relativität des Bösen“ eine Art philosophische Theodizee gesehen (S. 107). Praktisch heißt das: Mit besserem Denken und besserem Handeln können wir Menschen gegen das Böse vorgehen. „Die These von der Banalität des Bösen mag zwar historisch für Eichmann nicht zutreffend gewesen sein, aber für Millionen von anderen Menschen stimmt sie schon, Menschen , deren Absichten nicht dämonisch böse waren. Sondern irgendwo zwischen relativ niedrig und deutlich gut rangieren, aber ohne die es keinen Holocaust gegeben hätte“ (ebd.).

Eine andere, wenn man so will, schärfere, Vernunft-skeptische Position vertritt die Philosophin Bettina Stangneth, die kürzlich das Buch „Böses Denken“ (bei Rowohlt) veröffentlichte. Sie sagt: „Das Denken ist ein Werkzeug. Und mit Werkzeugen kann man bekanntlich alles Mögliche anstellen – so wie man mit einem Hammer einen Nagel einschlagen oder aber die Schwiegermutter erschlagen kann, deshalb versuche ich, mehr über das böse Denken zu lernen“. Aber darüber wäre viel zu diskutieren, ob Denken überhaupt ein Werkzeug ist und ob nicht auch derjenige, der Böses denkt und Böse tut, sich meistens, wenn nicht gehirngeschädigt, doch wohl frei für diese Tat entschieden hat. Und er erlebt dieses Böses-Tun dann doch als seine Form des Ego-Glücks und des für ihn subjektiven „Guten“. Womit gesagt sein soll, dass auch der Böse letztlich an eine Priorität des Guten (formal) gebunden ist, aber diese Fragen führen über das Heft hinaus.

Politisch sehr aktuell und sehr inspirierend ist das moderierte Gespräch Gesine Schwans mit Volker Gerhardt, die sich beide in den meisten Fragen zum Thema “Öffentlicher Streit in der Demokratie” einig sind. Sie sind sich auch einig, wenn es um die These von Hannah Arendt geht „Macht gründet auf Kommunikation“. Da wird sehr zurecht von beiden Philosophen daran erinnert, dass die Kanzlerin Merkel – etwa auch in der Flüchtlingspolitik – „gerade nicht kommunikativ war“, so Gesine Schwan (S. 142). …“und unsere Kanzlerin ist ganz besonders avers gegen öffentliche Kommunikation und gegen die Kommunikation von Alternativen“ (ebd). Volker Gerhardt sagt: „Die Politiker (Deutschlands, Europas) konnten schon seit langem wissen, was auf Europa zukommt, aber sie haben die Bürger nicht auf den bevorstehenden Ansturm eingestimmt… Aus der Sicht Hannah Arendts haben die Offenheit und die immer auch visionäre Kraft des Arguments gefehlt“ (S, 142).

Insofern möchte man utopischerweise hoffen, dass dieses Heft über Hannah Arendt auch von Politikern gelesen und besprochen wird. Gibt es das eigentlich, dass PolitikerInnen über ihre gemeinsame philosophische Lektüre öffentlich sprechen? Oder sind sie nur im hektischen Geschäft des politischen Tuns (oder sollte man Handeln sagen ?) befasst?

Weil man diese Frage offenbar mit Nein beantworten muss: Da sieht man, wie sehr Philosophie wieder in die Mitte der Gesellschaft, auch der Politik, gehört.

Zum Heft selbst eine kleine kritische Anmerkung: Ich hätte mir einen eigenen Beitrag gewünscht zu der Tatsache, dass Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus von 1964 ausdrücklich darauf besteht, sie sei keine Philosophin mehr sei, sondern eine Theoretikerin der Politik (S. 17). Diese ausdrückliche Abwehr seit ihrer Zeit in den USA, eben nicht mehr als Philosophin zu gelten, hat sicher ihre Gründe: Erkenntnis der Abgehobenheit „der“ (klassischen) Philosophie? Arendt schrieb ja noch bei Heidegger eine Doktorarbeit über die „Liebe bei Augustin“. Ein hübsches Thema? Spielt etwa auch das Erleben der Spätphilosophie Heideggers (nach 1945) eine Rolle, dieses angeblich so unpolitische Stammeln von Seins – Erfahrungen, so dass Hannah Arendt nicht mehr als Philosophin, zu diesem „Club“ gehördend, gelten wollte?

Die Sonderausgabe des “Philosophie Magazin” über Hannah Arendt hat den Titel “Die Freiheit des Denkens”. Es ist im Juni 2016 erschienen, hat 146 Seiten, zahlreiche Fotos und Graphiken,Literaturhinweise usw. Es kostet nur 9,90 Euro. Leserservice für Bestellungen: philomag@pressup.de  Tel. 040 386666309.

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Berlin.

 

 

Welttag der Humanisten – Humanismus ist universal. Zum 21. Juni.

Welttag der Humanisten – Humanismus ist universal

Ein Hinweis von Christian Modehn zum Welt-Humanisten-Tag am 21. JUNI

Verschiedene humanistische Verbände und Vereinigungen haben den Begriff „Humanismus“ für die Öffentlichkeit, auch als politisches Stichwort, sozusagen gerettet. Es sind Gruppen, die von einem explizit säkularen (atheistischen) Konzept des Menschen und der Welt ausgehen. Wer würde bezweifeln, dass solch eine Glaubenshaltung ein gutes Recht hat? Humanismus ist ja niemals (Natur)-Wissenschaft, sondern Glaubens-Überzeugung.

Dennoch ist es bei allem Respekt vor dem humanistischen, auch praktischen, man möchte sagen „diakonischen Engagement“ (in Kindergärten, Hospizen etc), etwa des HVD, doch die Frage:
Sind diese säkularen, also agnostisch-atheistischen Verbände nicht deswegen auf den Titel Humanismus gekommen, weil er zwischendurch verloren ging, seit der Renaissance spätestens, weil die Christen diesen Titel nicht wollten, sondern sich in ihre Sonderwelt /“nur religiös“/ einschlossen? Aber: Wer denkt noch in humanistischen Kreisen an ERASMUS von Rotterdam, wer an Pico de la Mirandola, wer an Kant, einen Humanisten avant (ou après) la lettre?

Es ist jetzt an der Zeit, den Humanismus Begriff wieder in die tatsächliche Weite zu führen.

Warum sollten sich religiöse Menschen nicht zuerst wie alle anderen Menschen eben als Humanisten verstehen? Religiöse Bekenntnisse wären dann das zweite, sozusagen Ergänzende. Denn Religion kann und darf niemals oberste Priorität im Bewusstsein eines Menschen (!) sein, immer ist Religion die speziellere Auslegung des Menschseins. Das gilt für religiöse wie für nicht-religiöse Auslegungen, die beide auf einer Stufe der Sinndeutung stehen und eben beide keine Wissenschaften sind. Humanismus wäre dann die Basis, verstanden als explizite Lebensform im Geist der Menschenrechte.

Brauchen wir in dieser verrückten Welt nicht zuerst Humanisten überall? Sind nicht auch so viele NGOs Humanisten, Amnesty international Ärzte ohne Grenzen und viele viele andere, etwa: die jetzt im Mittelmeer Flüchtlinge retten oder dort aufgrund antihumanistischer Politik Leichen bergen. Sind sie eben doch zu allererst Humanisten, auch wenn sie sich so nicht nennen. Wie klein erscheinen demgegenüber humanistische Organisationen, wurde ich kürzlich gefragt…

Kurz und gut: Ich plädiere dringend für eine Weitung des Humanismus-Begriffes über die (kleinen) humanistischen Verbände hinaus. Die verlieren ja nichts, wenn nicht nur sie sich humanistisch nennen. Humanismus wäre in unterschiedlicher Auslegung, aber immer verpflichtet dem Respekt für die Menschenrechte, sozusagen die allgemeine, menschliche Haltung. So wie die sich christlich nennenden Kirchen nichts verlieren, wenn es überall Menschen gibt, die im Geist dieses Jesus von Nazareth, eben jesuanisch, wie man theologisch treffend sagt, leben und handeln, natürlich auch außerhalb der Kirchen.

Copyright: Christian Modehn

Das “goldene Zeitalter”: Realität und Utopie. Ein philosophischer Salon.

Einen ausführlichen Beitrag vom 16.7.2016 über das “siglo de oro”, das “Goldene Zeitalter in Spanien” mit dem Titel “Das goldene Jahrhundert:Es war gar nicht so golden” können Sie nachlesen, klicken Sie hier.

Dies ist die Einaldung zum salon am 15.7.2016:

Der Religionsphilosophische Salon im JULI findet am Freitag, den 15. Juli 2016 in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf statt. Anläßlich der großen Ausstellung “El siglo de Oro” (Spanien im 17. Jahrhundert und die spanischen Künstler) in der Gemäldegalerie (ab 1.7. 2016) wollen wir die Hintergründe (künstlerisch, philosophisch, religiös) näher verstehen, vor allem, was denn wirklich das “Goldene Jahrhundert” bedeutet. Denn “golden” waren vor allem die Arbeiten der großen Maler, die sich allerdings sehr zurückhielten, wenn es um die Darstellung der elenden Lebensverhältnisse der Bevölkerung ging. Der Hof, vor allem der von Philipp IV., lebte am Rande des Bankrotts. Die Gesellschaft war gespalten in stolze “Altchristen” und in Konvertiten aus dem Judentum, denen die “Altchristen” nicht trauten, weil sie in antisemitischem Wahn eben Juden unter diesen Katholiken vermuteten. Das “goldene Jahrhundert Spaniens” ist also ein ideologisches Konstrukt, wenn man auch die verheerenden Zustände (Verletzung der Menschenwürde der “Indianer” usw.) in den südamerikanischen Kolonien betrachtet und an den aussichtslosen Kampf einiger Dominikanermönche, wie Bartholomé de la Casas, berücksichtigt.

Warum haben Menschen immer Sehnsucht nach dem goldenen Jahrhundert, em Goldenen Zeitalter, was war golden in den goldenen Zwanziger Jahren in Berlin? Für wen waren sie goldig, für wen waren sie bleierne Zeiten?

Darüber hinaus sprechen wir über die Sehnsucht (unsere Sehnsucht ?) nach dem Goldenen Zeitalter als Mythos und Utopie.

Ein Abend, voller Perspektiven, die dann um so intensiver wahrgenommen werden, wenn die TeilnehmerInnen  zuvor die Ausstellung besuchen oder sich mit den Künstlern (Velázquez u.a.) und Theologen (z. B. den umstrittenen Jesuiten Balthasar Gracian) in dieser Zeit in Spanien intensiver beschäftigen. Der ungarische Philosoph Béla Hamvas nannte etwa die Zwerge des Velázquez Philosophen…

Herzliche Einladung! Für die Raummiete: 5 Euro. StudentInnen haben freien Eintritt.

Eine weitere inhaltliche Ergänzung am 7.7.2016:

Die große Ausstellung „El siglo de oro“, „Das goldene Jahrhundert“, zur Zeit in der Gemäldegalerie, ist der Anlass unseres Themas: Was ist das goldene Zeitalter? Unter welchen Bedingungen wird von wem eine bestimmte Epoche “golden” genannt bzw. als golden verklärt?

Haben wir in unserem Leben auch die Tendenz, bestimmte eigene Lebenszeiten oder die erlebte politische Geschichte als golden oder gar goldig zu (v)erklären?

Über diese Fragen werden wir uns unterhalten. In jedem Fall geht es also um Ideologiekritik:

Die Werke des „Siglo de Oro“, Velazquez, Zurbaran und die vielen hierzulande noch unbekannten Meister im 17. Jahrh henswert, sehr individuell, berührend, zum Teil mit ganz sanfter Herrschaftskritik.

Aber in unserem Salon wird deutlich: Alle diese Gemälde waren bestellte Arbeiten, bestellt von den Königen und inhaltlich dirigiert von der allmächtigen katholischen Kirche. Gerade sie sorgte für die unendliche Wiederkehr immer desselben Themas: der gekreuzigte Christus… Als gäbe es nichts anderes in dieser (schönen, furchtbaren) Welt. Wird da die Gewöhnung ans Leiden versteckt sprituell propagiert?

Wir werden uns mit einem außergewöhnlichen Philosophen dieser Zeit befassen, mit Baltasar Gracián aus dem Jesuitenorden, besonders mit seinem viel gelesenen Werk „Handorakel und die Kunst der Weltklugheit“ (bei Fischer auf deutsch erschienen, übersetzt von Artur Schopenhauer (sic!). Gracián vertritt eine Weisheitslehre, die ganz auf das erfolgreiche Überleben des einzelnen in einer feindlichen Umgebung setzt. Aus Angst vor der allmächtigen Inquisition in diesem angeblich goldenen Zeitalter empfiehlt er u.a. die Kunst, sich richtig zu verstellen…Gracian wurde dann von seinem Orden bestraft…

Hilfreich ist auch für Spanien-Freunde die Lektüre des kritischen Buches des spanischen Philosophen Juan Goytisolo „Spanien und die Spanier“ bei Suhrkamp erschienen, auf den ersten Seiten wird die ganze machtvolle Tristesse Spaniens erläutert nach der Vertreibung der Muslime aus dem Land der erzwungenen Konversion der spanischen Juden. Nicht golden, sondern eisern war dieses 17. Jahrhundert. Und man fragt sich, warum ausgerechnet jetzt, mitten in der tiefen europäischen Krise, auch der politischen Krise Spaniens, der Flüchtlingsabwehr in ganz Europa usw., eine Ausstellung „Goldenes Zeitalter“ gemacht wird. Soll Kunst noch etwas Glanz in trübe Zeiten bringen?

Bitte vormerken: Am Freitag, den 26. August 2016, machen wir wieder -am Ende der Berliner Schulferien- unseren kleinen “Ausflug im Sommer”. Diesmal fahren wir in den vielen sicher noch unbekannten schönen Stadtteil Karlshorst und treffen dort um 10 Uhr den Pfarrer der Gemeinde, Edgar Dusdal. Er spricht mit uns über die vielfältigen Formen des persönlichen und politischen Erinnerns. Zudem werden wir die ungewöhnlich wertvolle Orgel der Karlshorster Kirche kennen lernen, die Amalien-Orgel, die bedeutendste Barockorgel Berlins, geschaffen 1755 und original erhalten. Auch dies ein besonderes Ereignis.

Danach besuchen wir das “Deutsch-Russische Museum” in Karlshorst, das sicher viele noch nicht kennengelernt haben. Das passt gut zum Thema: Was heißt politische Erinnerungheute? Selbstverständlich gibt es danach genug Zeit für ein gemeinsames Essen und weiteres Debattieren.

In den vergangenen Jahren haben wir als Sommer Ausflug Jüterbog und Kloster Chorin besucht.

 

 

 

Berlin-Babylon-Bagdad: Ein Festival in Berlin (bis 4. Juni 2016)

Ein Hinweis von Christian Modehn

In Berlin findet noch bis zum 4. Juni 2016 ein Festival, Kunst und Wissenschaft, zum Thema Babylon in thematischer Verbindung mit Berlin und Bagdad statt. Für weitere Informationen zu diesem internationalen Festival klicken Sie bitte hier.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat auf ein wichtiges, sehr umfassendes und inspirierendes Buch zum Thema Babylon von Frank Kürschner Pelkmann schon vor einigen Monaten aufmerksam gemacht.

Allen, die sich für das weite Umfeld des Symbols wie der Realität “Babylon” interessieren, wird dieses Buch dringend empfohlen. Zur Vertiefung: In einem Interview erläutert der Autor einige Hauptthemen, klicken Sie bitte hier.

An Michel Foucault erinnern: Von der Zerstörung der üblichen Evidenzen.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Anläßlich von Michel Foucaults Todestag am 25.6.1984.

Michel Foucault (gestorben am 25.6. 1984in Paris , geboren am 15.10.1926 in Poitiers) ist einer der besonders anregenden Denker der Gegenwart. Er war und ist umstritten. Seine Thesen und grundlegenden Einsichten, etwa zum Humanismus und zur Frage nach dem „Wesen DES Menschen“, wurden heftig kritisiert. Oft hat man in der Polemik nicht genau hingeschaut, was er eigentlich meinte.

Foucault bleibt also ein Anreger, einer der aufweckt aus Selbstverständlichkeiten; er unterstützt subversive Formen des Lebens und Denkens. Er selbst sah sich als „Zerstörer der (üblich gewordenen) Evidenzen“, er suchte Formen der Lebenskunst in der „Nach-Moderne“. Dabei hat er sich als umfassend (historisch, psychologisch, philosophisch) gebildeter Denker selbst gewandelt, entwickelt, korrigiert.

Seine erste größere Arbeit erschien 1961. Sie bezog sich auf die Ausgegrenzten, Kranken, Unvernünftigen, für wahnsinnig gehaltenen Menschen:Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft“ , „Folie et déraison“.

Die dort aufgeworfenen Fragen bleiben aktuell: Wer definiert den Wahnsinn, das Aus-dem-Rahmen-Fallen? Wer lässt es zu, dass diese Menschen eingesperrt werden? In Fez z.B gab es, so Foucault, schon im 7. Jahrhundert Hospize für Wahnsinnige. Ist die Mehrheit vernünftig und als „nichtwahnsinnige“ Mehrheit etwa auch gesund? Woher kommt dieser Anspruch? Ist die Mehrheit, etwa in der Politik, die heute wieder die Nation als absoluten Wert hochspielt, ist diese Mehrheit etwa gesund, d.h. rational auf der Höhe der Menschlichkeit? Angesichts der Kriege, die Nationalismus IMMER erzeugt, kann man da “im Ernst” noch von gesunden und vernünftigen Politikern und Bürgern sprechen? Sind Politiker, die Kriege führen, etwa Assad in Syrien, die Mörderbanden in der arabischen Welt usw., sind die alle gesund, also nicht-wahnsinnig? Warum werden diese Kategorien in dem Zusammenhag nicht angewendet? Wer verbietet diese Anwendung? Ist die Ausgrenzung bestimmter, tatsächlich schwer belasteter seelisch Kranker, auch ein Alibi für die Mehrheit, sich selbst für vernünftig zu halten? In diesen störenden Fragen sah auch Michel Foucault die Notwendigkeit neuer Philosophie: “Philosophie ist jene Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all die Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, anders zu machen und anders zu werden als man ist“ (zit. in „Metzler Philosophen Lexikon“, Beitrag Foucault, Michel, von Thomas Schäfer, Seite 224). Und noch einmal zur Bedeutung der Philosophie: „Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt und nach anderen Spielregeln sucht“ (ebd. 228).

Foucault stellt die Frage nach der Ausgrenzung und Abschiebung der anderen, der Minderheiten, der Schwachen und Kranken aus dem großen Rahmen der sich vernünftig wähnenden Gesellschaften und Staaten. Die Frage der Ausgrenzung der Armen stellte er meines Wissens leider nicht. Dabei ist diese Ausgrenzung, Degradierung, Verachtung, Abschiebung der Armen auch in den reichen Gesellschaften des Westens und der Demo-kratien”, wo die Armen eben nicht herrschen, ein Skandal, an den sich die Mehrheit gewöhnt hat. Wahrscheinlich sind westliche “Demo-Kratien” auf dem Weg zu Pluto-Kratien”… Die “Säuberung” der Städte  in Deutschland von den Armen, besonders in den touristisch attraktiven und Geld bringenden Innenstädten, ist längst leider selbstverständlich. In Paris wohnt im Zentrum kein Armer mehr, in London nicht, in Manhattan nicht, in München nicht und in Berlin, wenn diese Politik sich fortsetzt, bald auch nicht mehr. Es sind längst Gettos entstanden. Zu diesen Hinweisen inspiriert die Lektüre von Michel Foucault.

Er stellt die Frage: Ist Vernunft vielleicht immer ausgrenzend und repressiv? Ist etwa die oft nur vorgebliche sorgende Haltung der Staaten für die Bürger nichts als eine pastorale Attitude? Bezogen auf die christliche Gemeinde hat er sich 1979 zur „pastoralen Macht“ geäußert, wo die selbst ernannten, nicht von den Gläubigen gewählten Führer und Herrscher sich als Hirten ausgeben und die Gläubigen eben zu Schäfchen machen, die sich unterdrücken lassen. Diese Arbeit Foucaults sollte theologisch endlich bearbeitet werden, zur Lektüre dieses Foucault Beitrages klicken Sie hier.

Foucault war ein Denker, der mit allem Nachdruck das Interesse auf den einzelnen, den singulären Menschen lenkte. Er wollte den einzelnen förmlich retten vor der Gewalt der (Denk) Systeme. “Das einzige was für ihn, Foucault, existiert, sind Singularitäten“, so Paul Veyne, Historiker und (explizit heterosexueller) Freund von Michel Foucault in dem Buch „Foucault. Der Philosoph als Samurai“ (Reclam, 2009, Seite 50). Auch wenn Foucault die metaphysischen und letzten und endgültigen Wahrheiten als Skeptiker entschieden zurückwies, so hat sicher Paul Veyne recht, wenn er Foucaults letztlich immer offene Haltung dann auf den Punkt bringt und damit meines Erachtens zugleich eine gültige Aussage zur Skepsis „insgesamt“ macht: “Ein Skeptiker hält es nicht für unmöglich, dass die Welt sehr anders ist, als wir sie wahrnehmen“(ebd. 51).

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

“Meine Verantwortung” … und MEXIKO. Zum “Philosophie Magazin”, Ausgabe Juni 2016

Ein Hinweis von Christian Modehn am 27. Mai 2016

Das „Philosophie Magazin“ wurde vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin schon mehrfach empfohlen. Auch die Ausgabe Juni/Juli 2016 bietet wieder Impulse zum Weiterdenken und Weiterlesen.

Vor allem das Schwerpunktthema Verantwortung bringt mehr Klarheit in die jetzt heftigen, zum Teil politisch-polemischen Debatten. Wolfram Eilenberger, Chefredakteur der Zeitschrift, erinnert daran, dass Verantwortung als expliziter Begriff in der Ethik erst recht spät, vor 200 Jahren, ausführlicher dargestellt wurde. Eilenberger meint: Genaue Umgrenzungen von persönlicher Schuld und Mitschuld, Zuständigkeit für Fehler usw. sind in der komplexen Lage von Handlungszusammenhängen oft gar nicht zu definieren. Wenn keine absolut festen Grenzen gezogen werden können für die eigene Verantwortlichkeit oder auch Mitschuld, so ist das „nicht etwa als hemmende Einschränkung, sondern als bedingende Möglichkeit der eigenen Moralität zu sehen“ (S. 47). Zur Verantwortungs-Ethik (als Gegenbegriff zur “Gesinnungsethik”) gehören die drei, wohl nicht immer gleichzeitig zu realisierende Haltungen, die Max Weber formulierte: “Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß“.

Sehr wichtig ist das Interview, das Svenja Flaßpöhler mit dem Berliner Philosophen Stefan Gosepath (FU) führte unter dem treffenden Titel „Es gibt eine globale Hilfspflicht“ (S. 55 ff.) Stefan Gosepath widerlegt die immer wieder propagierte Behauptung, die Distanz zu Leidenden in weiter Ferne erzeuge hier für uns keine Verantwortung zu helfen. „Alle, die in der Lage sind, humanitäre Strukturen aufzubauen, haben die Pflicht dazu“. Ein Beispiel: „Egal , wie weit weg Sie von der Kreuzung wohnen, bei der z.B. ständig Unfälle passieren“. „Wir bräuchten eine Weltorganisation, die dafür sorgt, dass diese Hilfspflicht befolgt wird. Diese Organisation müsste besser aufgebaut sein als die UN. Wir haben eine globale Armut und einen globalen Reichtum. Der Ausgleich ist am besten durch Steuern zu realisieren“. „Wir bräuchten z.B. eine Flüchtlingssteuer als Teil dieser allgemeinen Hilfssteuer“ (S. 56). Das sind neue Vorschläge zu dem, was man auch „Fernsten-Liebe (Verantwortung) und nicht Nächsten-Liebe“ einst nannte, von philosophischer Seite; darüber sollte eine breite Diskussion beginnen. Stefan Gosepath weist am Beispiel der überschaubaren Hilfe hierzulande auf die weiterreichende Verantwortung hin: Kann eine arme Familie für ihre Kinder nicht mehr selber sorgen, dann ist hier die Gesellschaft – selbstverständlich – gefordert. Daraus folgt: „Wenn diese Selbstsorge bei den Armen dieser Welt nicht mehr funktioniert, und zwar im eklatanten Sinne nicht funktioniert, wenn Menschenleben gefährdet sind und Menschenrechte verletzt werden, dann ist die Weltgemeinschaft gefordert“ (57). Gegenüber den sehr rechtslastigen Populisten, die egozentrisch auf sich selbst und nur die eigene Nation starren und nicht den fernen Leidenden als Menschen anerkennen und umfassend helfen wollen, sagt Gosepath: „Was ist, wenn du selbst Pech haben wirst in Zukunft? Morgen stürzt du von der Leiter und hast dir das Bein gebrochen. Darf ich dann sagen: Pech gehabt, du bleibst da liegen?“ (ebd.)

Spannend ist auch das Gespräch des Schriftstellers und emerit. Rechtsphilosophen Bernhard Schlink mit dem Philosophen Ludger Heidbrink (Kiel) zum Thema „Macht uns das System verantwortungslos?“ Dabei wird an die zunehmende Übergabe aller Verantwortung für die eigene Lebensgestaltung auf den einzelnen durch den Staat heute gedacht. Der einzelne muss sich absolut, man möchte sagen total, um sich selbst kümmern. Warum soll er sich dann bei so vielen Belastungen noch um den Staat kümmern, der doch die Verantwortung auf ihn übertragen hat“, fragt Schlink (S. 62). „Der entfesselte Kapitalismus hat dazu geführt, dass das Interesse dafür, was über den eigenen Horizont hinausgeht, drastisch abnimmt“ (ebd.). Schlink meint weiter, der Staat und die Gesellschaft seien nur zum Respekt der Gerechtigkeit und der Einhaltung von Verträgen und Gesetzen verpflichtet. Barmherzigkeit sei Sache des einzelnen, etwa des religiösen Menschen. “Aber das (gemeint ist Barmherzigkeit CM) geht über das, wozu Staat und Gerechtigkeit verpflichtet sind, hinaus“ (S. 65). Die Frage ist, ob ein Leben gemäß den Menschenrechten nicht auch den Aspekt der Barmherzigkeit (als über alle gesetzlichen Vorschriften hinausgehende Zuwendung zu den Armen etwa) kennt.

Das „Philosophie Magazin“ hat, in Kooperation mit der französischen Ausgabe, keinen sehr engen Philosophie-Begriff! Das zeigt sich erfreulicherweise diesmal wieder in einer ausführlichen kritischen Reportage über die verheerenden politischen und moralischen Zustände in dem mehrheitlich katholischen Mexiko: Wofür kämpften die verschwundenen 43 Studenten, die Ende 2014 entführt und hingerichtet wurden von Verbrechern aus dem Umfeld der Drogenmafia in Zusammenarbeit mit der ebenso korrupten Polizei im Bundesstaat Guerrero? Dieser Frage geht der Reporter Michel Eltchaninoff nach und zeigt dabei die desolaten und verheerenden Zustände in Mexiko selbst. Der grausige Mord an den 43 jungen Rebellen bzw. Revolutionären alter kommunistischer Prägung „hat das Land Mexiko letztlich nicht verändert“, sagt der Soziologe und Anthropologe Roger Barta von der Uni UNAM, Mexiko-Stadt. „Er bedauert, dass bislang noch keine glaubhafte Alternative zu diesem politisch-mafiösen System des Staates Mexiko zutage getreten ist“ (S. 40).

Was ist also in Mexiko heute bestimmend? Vor allem „Gewalt (22.000 Menschen sind mindestens seit 2006 `verschwunden`, also wohl umgebracht worden, S. 35) und „Migration von Massen in die USA, Ressourcenplünderung, korrupter Staat und zuckersüßer TV Eskapismus“ (S. 41). Man möchte hinzufügen: Und eine katholische Kirche prägt Mexiko, die in ihren Bischöfen weithin aufseiten der Mächtigen steht. Und die nach wie vor behauptet, mit volkstümlichen Festen (dia de los muertos, Prozessionen und Heiligenkulte sowie ausufernde Marien-Verehrung usw.) das moralische Gewissen der Bevölkerung UND der Herrschenden zu formen. Volksreligion ist aber doch oft Folklore und Tralala und, sagen wir, Saufgelage; das sollte man doch endlich auch theologisch zugeben, selbst wenn Papst Franziskus anstelle der kritischen Befreiungstheologie die alte Volksreligion so liebt. Oder es ist bei den Ingenas, etwa in Peru, der Bezug zur alten, vor-kolonialen Volks-Religion, eine Art Flucht ins Uralte (in die katholische Messe gehen sie trotzdem, parallel zu den Quetschua-Kulten).

Dass dieses Projekt einer die Gewissen bildenden Volksreligion offenbar gescheitert ist, sollte einmal dargestellt werden. Die der Volksreligion nahe stehenden Mörderbanden in Staat, Polizei, Gesellschaft und vor allem in den Verbrecher-Banden (Drogen) haben sich – als selbstverständliche Teilnehmer volksreligiöser Zeremonien – durch diese Religion jedenfalls nicht moralisch prägen lassen. Ich meine: Anstelle dieser ganzen Kulte sollte die Kirche bei ihren immer noch gut besuchten Veranstaltungen die Menschenrechte lehren und „einpauken“ und als Kirche selbst vorbildlich leben.

Man wünscht sich, bei diesen sehr sinnvollen politisch-soziologischen Reportagen im “Philosophie Magazin”, dass  auch gezeigt wird: Was ist eigentlich philosophisch in Mexiko los? Lesen die Philosophen (an der Uni) dort auch nur Platon und Kant, oder gibt es eigenständiges mexikanisches Philosophieren? Immerhin hätte doch der weltbekannte, in Mexiko lebende argentinische Philosoph Enrique Dussel vorgestellt werden können. Aber da kann ja in einer nächsten Ausgabe noch geschehen zum Thema Enrique Dussels: “Philosophie der Befreiung”.

Für weitere Informationen zum neuen Heft des Philosophie Magazin klicken Sie bitte hier.

Wir empfehlen dringend zur Vertiefung das Heft „Mittelamerika“ der Edition „Le Monde Díplomatique“, (auf Deutsch erschienen 2016), besonders zu Mexiko: Seiten 84 bis 112. Im Zeitschriftenhandel ist das wertvolle Heft für 8,50 zu haben!!

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Michel Foucault: Was ist eigentlich “normal”? Erinnerungen zum Todestag 25. Juni 1984

Michel Foucault (geb. am 15. Oktober 1926, gestorben in Paris am 25. Juni 1984) ist aufgrund seiner vielseitigen Begabungen und Interessen zweifellos einer der inspirierenden Philosophen der Gegenwart, von dem so viele Lebenskunst-Philosophen heute “zehren”. Unser Religionsphilosophische Salon wird besonders der Frage nachgehen, die Foucault von Anfang an bewegte: “Was ist normal ?”

Lesen Sie bitte den ausführlichen Beitrag zu Foucault, klicken Sie hier.

„Rave war meine Idee“. Jean-Michel Jarre über die Geschichte der elektronischen Musik. Ein Hinweis auf einen wichtigen Beitrag in: dasfilter.com

Jean Michel Jarre ist sicher einer der wichtigsten Komponisten heute. Die Website dasfilter.com  hat kürzlich ein ausführliches Interview mit Jarre veröffentlicht, protokolliert von den beiden Redakteuren Thaddeus HerrmannJi-Hun Kim.

Wir dokumentieren zwei Stellungnahmen Jarres, die vielleicht gerade im philosophischen Zusammenhang von Interesse sind und verweisen zur weiteren Lektüre auf http://dasfilter.com   Um das Interview in voller Länge zu lesen, klicken Sie bitte hier.

Die beiden hier ausgewählten Zitate von Jean Michel Jarre:

“Für mich hatte der Erstkontakt mit elektronischer Musik eine große emotionale Wirkung: Man muss sich das wie mit abstrakter Malerei vorstellen. Ich habe mich damals sehr intensiv mit abstrakter Kunst beschäftigt und dachte sogar daran, eine Karriere als Maler einzuschlagen. Ich mochte das Nonfigurative wie bei Jackson Pollock und Pierre Soulages. Mit 14 war ich auf einer Ausstellung der beiden in Paris. Das hat mein Leben nachhaltig verändert und beeinflusst. Wenn also Pierre Schaeffer von der Musique Concrète sprach, davon, Musik in einem organisch-sinnlichen Sinn zu mischen und zu schaffen, denke ich, dass er es analog zur abstrakten Malerei verstand. Vielleicht hätte man abstrakte Malerei besser konkrete Malerei, „Peinture concrète“ nennen sollen. Man arbeitet mit den Händen wie ein Koch. Während klassische Musik viel konzeptueller ist und ein klassischer Maler versucht, die Welt um sich herum zu visualisieren, setzt sich abstrakte Kunst und später auch Medienkunst mit Texturen, Farben und Pixeln im Allgemeinen auseinander. Und bei elektronischer Musik geht es um Wellenformen, Frequenzen und ebenfalls um Texturen. Ich finde beide Ansätze sehr ähnlich”.

“Ich mag Raves. Vielleicht habe ich sie sogar erfunden. Und die letzten Jahre über dachte ich mir: Endlich haben es die Leute verstanden, worum es geht. Einen Ort zu kidnappen und für eine Nacht eine ganz andere Umgebung zu schaffen. Früher hatte man die Wahl zwischen Theaterbühnen für klassische Musik, Jazzclubs und Rockclubs, wo es schon eine gute Akustik für verstärkte Musik gab, und schließlich großen Mehrzweckhallen, wo am Montag ein Kongress stattfindet, Donnerstag eine BMW-Mitgliederversammlung, Freitag ein Boxkampf und Samstag ein Konzert. Diese Arenen klangen schon immer schlecht. Elektronische Musik ist für mich immer„out of space“. Ich wollte schon von Beginn an Kontrolle über den Klang und die Größe des Aufführungsortes haben. Also habe ich mit unterschiedlichen Venues experimentiert. Damals war das noch Neuland. Heute sind Rockkonzerte durchformatiert und im Prinzip nichts anderes als klassische Konzerte für meine Elterngeneration. Es gibt viele Codes. In der elektronischen Musik gibt es die noch nicht”.

 

Copyright:dasfilter.com

Satt und übersättigt. 48 Stunden Neukölln. Ein philosophischer Salon in der “Sinnesfreude”

SATT ist das Thema des bekannten Kunst-Festivals “48 Stunden Neukölln 2016”. Der religionsphilosophische Salon Berlin ist am FREITAG, den 24. JUNI 2016, ab 19 Uhr wieder einmal von der Weinhandlung Sinnesfreude (Leitung: Wolfgang Baumeister) eingeladen, mit ihm und einigen seiner Gäste zusammen einen philosophischen Abend zu gestalten… und den dort immer wertvollen Wein zu probieren.

Natürlich geht auch unser Gespräch um das Thema SATTsein und Übersättigung und Hunger. Das Motto hat natürlich auch im materiellen (auch medizinischen) und politischen Sinne  seine Bedeutung. Aber es hat auch eine philosophische Dimension: Sind wir (in Europa) von Informationen bereits übersättigt? Können wir noch die Informationen auswählen, die ein selbstbestimmtes Leben und den Aufbau einer gerechteren Welt fördern? Sind wir wie so viele Hungrige im gastronomischen Bereich nur noch an die üblichen fast-food-Speisen gewöhnt? Also Talkshows, Schlagzeilen, Propaganda-Sprüche und versteckte Werbung? Wissen wir eigentlich noch, was gut – auch im geistigen Sinne – schmeckt, guttut, bekömmlich und schön ist? Was heißt eigentlich Diät im Sinne einer Philosophie der Lebenskunst? Was wäre Fasten im philosophischen Sinne?

Zur Fülle des Wissens, mit der die Menschen heute ihren intellektuellen Hunger befriedigen können: “Die Informationsexplosion hält unvermindert an (was nicht unbedingt heißt, dass auch das Wissen explodiert). Digitale Daten werden heute in Gigabytes, Terabytes,  Petabytes und Exabytes (Trillion Bytes) gemessen… Kein Wunder, dass Rufe nach einem `Wissensmanagement`laut werden”, so Peter Burke, in “Die Explosion des Wissens” , Berlin 2014, Seite 316. Peter Burke spricht von einer “Mcdonaldisierung des Wissens” oder kurz “McKnowledge”, gekennzeichnet durch Massenprodktion, Effizienzsteigerung durch Messung, Standardisierung, Ersetzung der Menschen durch Maschinen…

Ein philosophischer Salon im Weinladen könnte – nun schon zum 3. Mal – wieder spannend werden, und bei maßvollem Genuss des guten Weines dort sowieso inspirierend sein. Zumal noch die Arbeiten der Malerin Hannah Bischof in der “Sinnesfreude” zu sehen sind!

Weinhandlung Sinnesfreude in Neukölln, Jonasstr.32, Tel. 030 629 00 323 . Dicht am U Bahnhof Leinestraße. Beginn 19 Uhr. Teilnahmegebühr incl. eines Gläschens Wein: 5 EURO.

Bitte um Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de

Informationen zum Kunstfestival: http://www.48-stunden-neukoelln.de/

 

 

Internationaler Tag der Museen: Sind die Kirchen schon Museen?

Sind die Kirchen schon Museen?

Eher zufällige, aber vielleicht gültige Impressionen in spanischen Städten

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am Sonntag, den 22. Mai 2016, wird wieder einmal weltweit, in Deutschland sicher mit besonderem Nachdruck, der Internationale Museumstag „gefeiert“, mit Führungen auch der besonderen Art: In Berlin werden – etwa im Deutschen Historischen Museum – auch Führungen in arabischer Sprache kostenlos angeboten, eine wichtige und schon gut „angenommene“ Initiative zugunsten der Flüchtlinge aus arabischen Ländern.

Der „Internationale Tag der Museen“ gibt natürlich auch allen religionsphilosophisch (und theologisch) Interessierten zu denken. Und es wäre sicher wert, mehrere kulturwissenschaftliche Studien zu verfassen, die sich mit der Frage befassen, auch durch repräsentative Umfragen: Was erleben und was sehen Besucher und Touristen, die Kirchen, Kathedralen, Klostergebäude usw. betreten und „besichtigen“, wie der treffende Ausdruck heißt.

Man sollte theologisch und religionsphilosophisch gesehen das offensichtliche Interesse, Kirchen zu betreten, im allgemeinen nicht pauschal schlecht machen. Vielleicht erleben die BesucherInnen, wenn sie etwa 10 Sekunden vor einer Pieta verweilen, ohne einmal zu „knipsen“, tatsächlich eine ultra-kurze Einsicht oder gar „Mini-Erleuchtung“.

Aber das „vielleicht“ muss wohl in dem Zusammenhang ganz dick unterstrichen werden.

Meine Beobachtungen im April 2016 in drei spanischen Metropolen, in Madrid, Cordoba und Malaga, sind gewiss nicht repräsentativ, dennoch können Sie eine gewisse Nachdenklichkeit wecken.

Es sind in den drei Stadtzentren ständig Touristen unterwegs, auf der Suche nach „Besichtigungs-Objekten“, die sich „lohnen“. Und da sind Kirchen nun einmal bevorzugte Gebäude. Ist es touristische Langeweile, die die Menschen in die Kirchen treibt? Wenn man denn mit den Öffnungszeiten Glück hat: In Spanien sind die katholischen Kirchen, nur um die geht es in Spanien, im Unterschied zu Frankreich, nicht durchgehend ganztägig geöffnet. Sondern von 13 bis 18 Uhr sind die alten spanischen Barock-Kirchen geschlossen. Die neuen, aus dem 20. Jahrhundert gibt es in den Vorstädten, die als Betonkirchen als nicht sehenswert gelten. Dorthin, wo die armen Menschen leben und die politische Realität zuhause ist, geht sowieso kein Tourist…

Wer sich in einer zentral gelegenen Kirche eine Stunde aufhält, etwa in San Sebastian im Zentrum von Madrid, erlebt: Die Leute laufen durch die Kirche, kreuz und quer, verweilen mal hier, mal dort, sie setzen sich auch nicht, bleiben nicht länger als 10 Sekunden irgendwo stehen, und sind nach einer Minute wieder auf der Straße. Auf den Gedanken, etliche Minuten still zu sitzen, kommen nach meinem Eindruck nur sehr wenige. Die meisten fühlen sich fremd in den Kirchen, so mein Eindruck. Etwas länger dauert der Aufenthalt, so meine Beobachtung, wenn man sich in der genannten Madrider Sebastians Kirche plötzlich wundert über die riesige Statue eines hübschen jungen Muskel-Mannes, der als der heilige Sebastian über dem gesamten Hochaltar „thront“, möchte man sagen. Und der Besucher fragt sich, ob durch diese fast nackte Männergestalt (einige tödlich Pfeile durchbohren seinen wohlgeformten Leib) damals mehr die frommen Frauen oder die sich notgedrungen versteckenden Schwulen religiös „bedient“ werden sollten. Ein anderes Gemälde, das die Heilige Anna zeigt mit Maria und dem Kind, erläuterte eine Frau ihrem Sohn als “Trinität”, Dreifaltigkeit.

Ähnliche Beobachtungen auch in Malaga, dort wird für die Kathedrale eine Eintrittsgebühr verlangt, genauso wie in der Kathedrale von Cordoba, die früher als Moschee genutzt wurde, also eigentlich „mezquita-catedral“ heißen müsste. Aber der Bischof dort will nicht, dass der Titel Moschee den Namen Kathedrale in den Schatten stellt, um es mal milde zu sagen. Die Kirche wird jedenfalls reich durch Eintrittsgebühren. Aber sie wird immer mehr geistig arm, weil durch diese Gebühren tatsächlich der Charakter des Museums unterstrichen wird: Für ein wertvolles altes Gemäuer muss man halt Eindruck zahlen, denken die Touristen. Was sich in einer Kirche zeigt, ist eben museal, wie ein el Greco Gemälde oder ein berühmter Goya. Das heißt: Die Kirche fördert geradezu den Gedanken: Lieber Tourist, wenn du die Kathedrale besuchst und ein bisschen knipst, dann bist du in einem Museum. Alles, was du siehst, ist vergangen, irgendwie wertvoll, aber so „hochaktuell“ wie ein Velazquez Gemälde. Das heißt: Die Kirche macht sich damit selbst zu einer musealen Anstalt, was ja so falsch nicht ist, wenn man die ewig selben Riten und die ewig selben alten Gebete und alten Floskeln hört, die eben seit Jahrtausenden in der Messe verwendet werden. Und die Gewänder, die Mitren, usw, all das unterstreicht den fatalen Eindruck: Religion und Bibel sind antik, sind von früher, passé, eben Museum.

Verweilen, stillewerden, meditieren, ja auch das: beten, ist völlig aus dem Blick geraten bei denen, die knipsend eine Kirche betreten. Sie haben schlicht keine Kenntnis der dargestellten Heiligen und Madonnen. Und sie sehen immer wieder einen Gekreuzigten, einen Blutenden, einen Gemarterten, diese Inflation der Kreuzesdarstellungen hat auch noch niemand besprochen: Da wird doch der Eindruck geweckt, Gott will Blut, Gott will Leiden, will Qual, selbst bei seinem Sohn. Von solch einem überall in den Barockkirchen propagierten Gottesbild (ER ist immer bärtig!) wenden sich die Menschen ab. Das ist nicht falsch. Aber ein neues Gottesbild, durchaus im Plural, kann bei diesen Ultra-Kurz-Aufenthalten nicht entstehen.

Die Summe: Die Kirche wird allein durch die Übermacht uralter Gebäude und alter Kunstwerke gerade in den fast ausschließlich einst katholisch geprägten Kulturen selbst immer mehr zum Museum. Und in Deutschland ist oft das Paradox zu beobachten: Es handelt sich um verschlossene und verriegelte Museen. Man schaue sich nur die vielen jungen Menschen an, die sich auf den Stufen vor den zugesperrten Kirchen aufhalten, dort in Gruppen sitzen, debattieren, Bier trinken, schlafen. Ich beobachte das etwa am Winterfeldt-Platz in Schöneberg (St. Matthias) oder an der alten St. Michaels Kirche am Engelbecken in Kreuzberg. Dieses Geschehen bewegt aber niemanden in der Kirchenbürokratie. Oder es suchen die vielen ärmeren, älteren Menschen Einlass in die verschlossenen Kirchen, die froh wären in einer Kirche (im Winter eher wärmend, im Sommer abkühlend) endlich einmal ohne Konsumzwang, ohne Eintrittsgebühr, in einem Raum der Öffentlichkeit auszuruhen und zu verweilen. So aber sind die Kirchen hierzulande verschlossene Museen, nur darauf bedacht, “unbefleckt” sauber zu bleiben, Schmutz durch Besucher zu vermeiden.Und sie haben auch keine Mitglieder mehr, die die Kirchen täglich ein paar Stunden offenhalten und mögliche Diebe abwehren können…Aber wer klaut schon im Ernst ein Gemälde von Pater Pio oder eine kitschige Fatima-Madonna?

So sind die zahllosen verschlossenen Kirchen hierzulande zugleich Ausdruck der personellen Schwundstufen der Kirchen, die viele Milliarden Kirchensteuern jährlich einnehmen, aber nicht in der Lage sind, ihre zentralen Gebäude, diese  Kirchen-Museen, diese Orte des Protestes gegen den totalen Kommerz, offenzuhalten und dort zum Gespräch, zur Meditation, zur Stille, ja auch: zum Gebet, einzuladen oder dieses vielleicht nachvollziehbar von Theologen erklären zu lassen. Wenn die meisten evangelischen Kirchen verschlossen bleiben und als monumentale Gebäude nur für eine Stunde, sonntags um 10, öffnen, vielleicht für 25 Gottesdienstbesucher, wie in Berlin so oft, dann ist das schlicht ein Skandal: Ein Skandal deswegen, weil man die Kritik der Reformatoren aus dem 16. Jahrhundert an den damals offenen katholischen Kirchen unbesehen fortführt, die Reformatoren meinten, damals würden in diesen katholischen Kirchen Exzesse der Heiligenverehrung geschehen usw. Diese Zeiten sind vorbei, trotzdem bleiben die meisten evangelischen Kirchen verschlossen; in Schleswig-Holstein habe ich anderes erlebt, es geht also. Das Merkwürdige ist: Über diese Themen findet keine öffentliche, auch keine halb-öffentliche, d.h. kirchliche Debatte mehr statt. So sind die verschlossenen Kirchen bester Ausdruck für die Verschlossenheit und Ferne der Kirchen und ihrer Dogmen, Moral, heute… Oder nicht?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

http://www.museumstag.de/museumstag/ueberuns/

 

Eric Satie hat Geburtstag: Ein “minimalistisch” – spirituelles Gedenken am 17. Mai.

Der Komponist Eric Satie wurde am 17. Mai 1866 in Honfleur, Normandie, geboren. Er ist heute sicher ein immer wieder viel und begeistert gehörter Musiker, zudem in zahlreichen Filmen als Sound-Lieferant häufig vertreten, ein Komponist der “ganz anderen Art”. Seine “minimalistisch” genannten Klänge haben mindestens für seine Fans eine Art bleibende Gültigkeit, des immer wieder Hörbaren und zu Hörenden!

Wir erinnern an diesen wahrscheinlich etwas sehr ungewöhnlichen, wenn nicht exzentrischen Komponisten, der 1925 in Paris starb. Satie hat übrigens als Einzelgänger sich für esoterische Lehren interessiert, anglikanisch aufgewachsen, dann katholisch geworden, widmete er sich der Lehre des Rose-Croix, schließlich gründete er sogar seine eigene Kirche. Leider blieb er dort das einzige Mitglied… Entscheidend war für ihn der Kampf gegen Konventionen und Hierarchien…Man darf sich auch heute keine Illusionen machen: Selbst wenn einige wenige Stücke von Satie oft zu hören sind (als immer “verwendbare” Hintergrundgeräusche von Spielfilmen, etwa die Gnossiennes von Satie): Sein umfassendes Werk wird kaum geschätzt, kaum gehört und es wird in Konzerthallen fast nicht aufgeführt. Vielleicht, weil Satie ein großer Komponist ist, der sich über seine Hörer und über seine Interpreteten und über die offzielle Aufführungspraxis lustig machte? Dabei ist er mit der Einbeziehung von Alltagsgeräuschen, wie Schreibmaschinengeklapper und Trillerpfeifen als Klangquellen (in seinem 1917 uraufgeführten Ballett PARADE) sicher bleibend ein “Heutiger”. Man kann sich der Einschätzung des Philosophen Franz Josef Wetz (in seinem sehr lesenswerten Buch “Die Magie der Musik”, Klett-Cotta 2004) nur anschließen, wenn er schreibt: “Bis heute begegnen die meisten Menschen der Musik, die wir immer noch unterschiedslos die “Neue” nennen, rat-und verständnislos, gewissermaßen mit feindseliger Gleichgültigkeit” (S. 271).

Ein Hinweis zu Begegnungen von Satie mit dem katholischen Pfarrer Abbé Mugnier in Paris:

Es gab in Paris einen sehr ungewöhnlichen, man möchte sagen einmaligen, katholischen Priester, der in den Salons der Künstler (und des Adels) immer und ständig willkommen war als intelligenter Gesprächspartner, so etwas gab es tatsächlich in einer Zeit, als die Trennung von Kirche und Staat gerade heftig per Gesetz (1905) vollzogen wurde: Abbé Mugnier  (1853-1944). Wir haben in einem eigenen Beitrag auf Mugnier als “Salon-Priester” im Zusammenhang eines interessanten Buches von Charles Chauvin (Paris) hingewiesen; klicken Sie bitte zur Lektüre dieses Beitrags hier.

Mugnier hat von 1879 bis 1939 ausführlich Tagebuch geführt. Darin wird auch zweimal auf Begegnungen mit ERIK SATIE hingewiesen. Die Zitate sind dem Buch “Journal de l´ Abbe Mugnier”, Mercure de France, 1985, entnommen und von mir übersetzt worden. Am 17. April 1918 notiert Mugnier im Zusammenhang eines gemeinsamen Mittagessens bei Walter Berry, anwesend waren u.a. auch Picasso und Cocteau, sehr knapp, aber doch erhellend: “Satie ist 52 Jahre alt. Nachdem er über den Impressionismus sprechen wollte, wandte er sich anderem zu. Er hat die Gabe der Verjüngung (rajeunissement) und deswegen sammeln sich auch die jungen Leute um ihn. Cocteau erzählt uns, wie er Debussy empfohlen habe, Materlinck in Musik zu übertragen. Debussy sagte dann vor seinem Tod: Wie wollen Sie denn, dass aus diesem Krieg noch irgendeine Kunst hervorgeht ?”. Satie, im Gegenteil, er glaubt daran, dass nun eine Jugend hervorgeht, eine Kunst von all dem”. (Seite 334 f.).

Zum Aufenthalt Saties im Hospital Saint Joseph notiert Abbé Mugnier am 22. Februar 1925: “Gestern war ich im Hospital Saint-Joseph, wohin Erik Satie transprtiert wurde aufgrund der Hilfe des Comte de Beaumont, er bat mich auch, Satie zu besuchen. Ich habe mit ihm einige Augenblicke mich unterhalten. Und er wird auch den Krankenhauskaplan sehen. Als ich das Klinikgebäude verließ, habe ich Etienne de Beaumont und Picasso getroffen, die ihn besuchen wollten, Blumen in der Hand. Picasso machte einen sehr schlichten (“modeste”) Eindruck”. (Seite 460).

copyright: Christian Modehn

Winfried Kretschmann hält sich an den Theologen Karl Rahner

Winfried Kretschmann hält sich an den Theologen Karl Rahner.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der in einigen nachdenklichen kritischen Kreisen immer noch geschätzte, um 1970 noch weltberühmte progressive katholische Theologe Karl Rahner aus dem Jesuitenorden (1904 bis 1984) bestimmt mit seinen theologisch-kritischen Aussagen offenbar jetzt (Mitte März 2016) den pragmatischen Umgang Winfried Kretschmanns (Die Grünen) mit dem neuen Koalitionspartner, der CDU. Ministerpräsident Kretschmann erinnerte schon wenige Stunden nach seiner Wahl, am 14. 3. 2016, an Karl Rahner, ein Zeichen für die theologische Kenntnis des katholischen Politikers.

Karl Rahner sagte: „Dogmen sind wie Straßenlaternen. Sie wollen den Weg beleuchten, aber nur Betrunkene halten sich daran fest“.

Offenbar ist Kretschmann nüchtern genug, relativ dogmenfrei eben auch mit der CDU eine Koalition einzugehen. Wir würden uns wünschen, diesen Spruch Karl Rahners auch aus dem Munde vieler führender SPD Politiker zu hören, bezogen auf eine gemeinsame Koalition mit der Partei Die Linke und den Grünen auf Bundesebene. Vielleicht wird dies angesichts der AFD auch not-wendig, sich von Dogmen zu trennen, die Koalitionen bisher verhindern…

Und wir wünschen uns auch – allerdings völlig illusorisch – dass sich die obersten dogmatischen Glaubenswächter in Rom, etwa Kardinal Müller von der so genannten Glaubenskongregation, an die Weisheit Karl Rahners halten. Rahner folgend, wären dann eigentlich alle Kardinäle und Bischöfe, alle Beamten der Glaubenskongregation irgendwie leicht oder heftig betrunken. Sie klammern sich ja förmlich an die Dogmen wie Rettungsanker und kommen kaum die Beine, im Sinne des fortschreitenden Unterwegsseins… Ja, selbst die Päpste und die bischöflichen Teilnehmer der dogmatisch-ängstlich geprägten Welt-Bischofs-Synoden wären dann eigentlich betrunken, weil sie sich an Dogmen klammern, und deswegen, beschwipst, kaum ernst zu nehmen sind in ihrer Erstarrung.

Dieses Zitat von Karl Rahner geistert jetzt förmlich durch das gesamte www.

Mir hat dieses Zitat Rahners der Wiener katholische Theologe Prof. Paul Michael Zulehner in einem Interview 2013 in Berlin mitgeteilt. Das Zitat Zulehners wurde dann von mir in einer Sendung für den HR 2013 verwendet (für die Reihe Camino):

9.O TON in der HR Sendung vom 26.5.2013:

Paul M.Zulehner: „Wir müssen weg von unseren alten, bekannten abgedroschenen Aussagen und von dem, was wir für richtig gehalten haben, auch weg von der Macht versessenen Kirche, als wären wir diejenigen, die das Heil der Menschen in der Hand haben. Die Dogmen sind im Grund genommen wie die Laternen, die uns auf dem Weg durch die dunkle Nacht leuchten und nur Betrunkene halten sich daran fest, hat Karl Rahner mal ein bisschen salopp über die Dogmen gesagt….“    Soweit Prof. Paul M. Zulehner.

Es wäre eigentlich wichtig, wenn das hoch geschätzte Rahner Archiv in Freiburg die exakte Belegstelle des Rahner Wortes mitteilen könnte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

Zu Peter Sloterdijk: Kritik des zynischen A-Humanismus: Von Herrenmenschen und solchen, „mit denen man fast nichts gemeinsam hat“.

Zu Peter Sloterdijk: Kritik des zynischen A-Humanismus: Von Herrenmenschen und solchen, „mit denen man fast nichts gemeinsam hat“

Eine Meinungsäußerung zu Auslassungen von Peter Sloterdijk in dem Blatt CICERO

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin am 3.2.2016.

Wir wurden oft nach einer Stellungnahme zu den Äußerungen von Peter Sloterdijk in CICERO gefragt. Wir weisen noch einmal auf den Beitrag hin, der am 3. Februar 2016 schon veröffentlicht wurde, der nun aber noch einmal – am 13. 3. 2016, bisher unverändert – zur Lektüre empfohlen wird, nicht zuletzt im Umfeld der drei Landtagswahlen am 13.3.2016.

Das Interview mit dem Philosophen Peter Sloterdijk in der Monatszeitschrift CICERO, Februar 2016, Seite 19 ff., hat viele erregte und widersprechende Kommentare gefunden. Zum Teil wurden die Aussagen Sloterdijks schlichtweg für unverschämt, polemisch, viel zu pauschal, hetzend usw. empfunden. Diese Meinungsäußerungen sind im Großen und Ganzen sicher treffend.

Tatsächlich sind die Auslassungen Sloterdijks für einen philosophisch interessierten Leser seiner Bücher ein gewisser Schock. Manchmal hat Sloterdijk doch Vernünftiges gesagt. In welchen Kreisen fühlt sich Sloterdijk nun definitiv wohl?

Einerseits weckt er beim Lesen des CICERO-Interviews Sympathien, wenn er zu Beginn angesichts des Terrors zu „Gelassenheit“ auffordert als einer „moralischen Aufgabe“, also für den reflektierten d.h. doch wohl kritischen Abstand vom Ereignis (Terror) wirbt. „Wir haben keine anderen Waffen als Aufklärung und Ruhe“, heißt es auf Seite 20 oben. Treffende Worte für einen Philosophen. Wenn er nur das Thema vertieft hätte….

Aber diese Einsichten werden förmlich von Sloterdijk selbst zerstört, wenn er sich zu pauschalen und unbegründeten Aussagen hinreißen lässt. Man fragt sich dann, ob er die Mahnung zu Ruhe und Aufklärung zuvor überhaupt ernst gemeint hat.

Unsinnig und unbegründet ist es, wenn er behauptet, dass der Islam „von seiner inneren Gestalt her nicht wirklich staatsfähig ist“, Seite 20. Warum soll denn „der“ Islam sich nicht entwickeln, wie einst das gar nicht so demokratie-staatsfähige Christentum? Warum ist es ausgeschlossen, dass der islamische Glaube als private Frömmigkeit in einer Demokratie gelebt wird? Wer will darauf verzichten zu hoffen (und daran zu arbeiten), wenn denn diese Welt noch eine insgesamt friedliche und tolerante Zukunft haben soll?

Woher weiß Sloterdijk, dass , so wörtlich, der Islam „fast ohne Theologie auskommt“? Er will „den“ Islam offenbar für blöd erklären, für frommes Gesäusel halten und eine Sache der Gewalt… Dass es islamische Mystik, also eine Form der Theologie, gibt, hat er wirklich nie gehört? Hat Sloterdijk von den zahlreichen theologischen Schulen etwa seit dem 10. Jahrhundert gehört, ohne die christliche Theologie (und Philosophie !) später kaum möglich wäre? Hat er erfahren, dass es heute in vielen europäischen Ländern muslimische TheologInnen und entsprechende Lehrstühle an Universitäten gibt? Woher kommt diese Ignoranz? Warum verbreitet eine Zeitschrift wie CICERO unbesehen und ohne Korrektur so viel Unsinn? Will sie mit diesen falschen Behauptungen die LeserInnen aufhetzen? Will sie ihrem Ruf, sehr rechts und sehr konservativ zu sein, einmal mehr entsprechen?

Über die klug zwischen den Zeilen angedeutete Vorliebe Sloterdijks für Carl Schmitt (gegen den jüdischen Philosophen Walter Benjamin) wäre vieles zu sagen. Schlimm ist, wenn ein doch eigentlich reflektierender Philosoph wie Sloterdijk die wirre Behauptung, sehr ähnlich den populistischen Sprüchen von Pegida und AFD, in die Welt setzt: “Die deutsche Regierung hat sich in einem Akt des Souveranitätsverzichts der Überrollung preisgegeben“ (Seite 21). Wir werden also überrollt? Herr Sloterdijk sollte also besser auswandern, um sein Leben zu retten vor den muslimischen Horden, am besten zu seinen Gesinnungsgenossen unter den Regierenden in Ungarn oder Polen? Im Ermst: Wir werden zerstört, vernichtet, bloß weil die Kanzlerin früher einmal, jetzt schon wieder nicht offenbar, die Menschenrechte aller, aber auch aller, Menschen auf Leben und Schutz höher schätzte als die materiellen Wohlstands-Interessen der eigenen Nation? Menschenrechte stehen über den Gesetzen einer jeden Nation, das sollte ein Philosoph eigentlich wissen. Aber Sloterdijk denkt offenbar die Gedanken des 19. Jahrhunderts, als alle Welt die Nationen so toll fand, die Staaten, mit ihren Grenzen, um die man national(istisch) selbstverständlich kämpfen muss, siehe Erster Weltkrieg: Die Verteidigung des alten und stets zur Kriegshetze neigenden eng umgrenzten National-Staates lässt sich Sloterdijk nicht entgehen. Er liebt die Grenze, die Staaten von Staaten trennen: Man wehrt sich von einander ab, man hasst sich, man ist neidisch, man führt ganz selbstverständlich um der Grenzen willen Krieg. Führende AFD Damen sprachen bereits konsequenterweise vom Schusswaffen-Gebrauch an der deutschen Grenze gegen Flüchtlinge, selbstverständlich nicht gegen Kinder, sondern humanerweise nur gegen die Mütter. Eigentlich sollte es für Sloterdijk hoch blamabel sein, sich de facto in solchen Kreisen zu bewegen.

Über den grundlegenden philosophischen Sinn von Grenzen wäre weiter zu sprechen, bekanntlich gab es für den Philosophen Hegel und andere große (das Adjektiv sei hier mal eraubt) Philosophen die Grenzen nur, um sie zu überschreiten. Das eingegrenzte, d.h. eingepferchte Dasein in eine Art Insel des Eigenen ist purer philosophischer Blödsinn. Wir leben als nun einmal zwar als individuell-begrenzte endliche Menschen, sind aber doch immer auch grenzenlos: allein schon durch die Sprache, die wir mit allen Menschen teilen, durch die gemeinsame Kunst, die Kommunikation, in der wir über uns hinauswachsen, uns transzendieren, also Grenzen überschreiten.

Wahrlich verstörend und eine Beleidigung für Humanisten sind die Sätze auf Seite 22, zweite Spalte, in denen der Philosoph Sloterdijk offenbar in der ihm zugewiesenen Rolle des großen Meisters und Alles-Wissers pauschal die Integration für ein „unerreichbares Ziel“ hält, so wörtlich. Er plädiert für eine gleichgültig nebeneinander her lebende „Koexistenz“, „eine freundliche Gleichgültigkeit gegenüber der Tatsache, dass es zu viele Leute gibt, mit denen fast nichts gemeinsam hat“. Von friedlicher Koexistenz sprach man zu Zeiten des Kalten Krieges, als es Feindbilder gab.

Der Leser denkt, ja, so ist es wirklich: Mit diesem Sloterdijk will ich nichts gemeinsam haben. Bestenfall eben diese von ihm beschriebene Koexistenz. Aber schwerwiegender ist die Arroganz des besseren, des wervolleren Menschen, des Herrenmenschen, der da spricht: Etwa: Mit diesen blöden Leuten, den Flüchtlingen, den Muslims, den anderen, den Ungebildeten und Armen, Kranken, Stinkenden, will ich bitte schön fast nichts gemeinsam haben und eben in einer  Koexistenz nebeneinander her leben, nebeneinander, d.h. in Ignoranz, in Verachtung ohne Tätlichkeiten, bloß nicht im Dialog, schon gar nicht in Hilfsbereitschaft. Dieser zentrale, verstörend-unvernünftige Satz ist zu deuten als Ausdruck eines zynischen A-Humanismus. Von christlichen Traditionen, den guten, den wahrlich humanen trotz aller Verfehlungen, wollen wir nicht reden. Dafür hatte Sloterdijk pauschal ja nie viel übrig in seinem Denken.

Vielleicht sollte man also einen Sammelband im Sloterdijkschen Stil herausgeben mit dem Titel: „Kritik des zynischen A-Humanismus. Für ein egoistisches Leben angesichts von Überrollungen“.

Heftig wird der Schlusssatz der genannten Sloterdijk Äußerung, der sich auf den elitär-herrschaftlichen Autor Stefan George beruft und noch einmal zeigt, wie tief die Verachtung Sloterdijks für die Flüchtlinge (und ihre dummen Helfer und ihre menschlich denkenden, vielleicht noch christlich angehauchten Politiker) ist: Sloterdijk sagt tatsächlich: “Wer kennt nicht die Momente, in denen man mit Stefan George sagen möchte: `Schon eure Zahl ist ein Frevel`? Eine antihumane Ungeheuerlichkeit! Aus der esoterischen Sprache Stefan Georges übersetzt: „Ihr Flüchtlinge seid schon in eurer großen Anzahl ein Frevel für uns Herrenmenschen. Ihr nehmt uns unseren Luxus. Ihr stört. Weg mit euch, Ihr Armen, Gequälten, Geschundenen. Geht zurück, nach Syrien, in den Iran usw. Lasst euch dort oder auf dem Rückweg und Hinweg erschießen, ist doch egal. Ersauft doch im Mittelmeer. Ihr frevelhaft Überzähligen. Wir haben als Herrenmenschen mit euch nichts gemein”.

Das Tragische, um nicht zu sagen geistig Katastrophale und ist: Sloterdijk, der ja immer noch eine gewisse Beachtung findet in der Öffentlichkeit – bis jetzt –, wirkt mit seinen Hetzreden aus der Zeitschrift CICERO (was hat der römische Humanist und Philosoph CICERO eigentlich mit einem solchen widerlichen Interview zu tun, könnte man fragen) in die Regierungskreise, CDU CSU vor allem, hinein. Aber die ängstlichen, auf Wählerstimmenden schielenden Politiker haben längst begonnen, ihre Grenzen zu sichern, sich einzumauern, ngst zu verbreiten und den alten Nationalstaat wieder auferstehen zu lassen. Wie es mit den auf Grenzen fixierten Nationalstaaten einmal zuging, möge man bitte den Geschichtsbüchern entnehmen, und vorzugsweise die Jahre 1914 bis 1918 studieren oder 1933 bis 1945.

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