Denken und Glauben



Pfingsten – Fest der Philosophen? Ein Vorschlag von G.W.F.Hegel

17. Mai 2013 | Von | Kategorie: Denkbar, Denken und Glauben

Der Seelenfunken in jedem Menschen:

Pfingsten in der Deutung Hegels

Von Christian Modehn

Wer philosophisch nach der Bedeutung des Pfingst – Festes fragt, also jenes Feiertages der Erinnerung an die Gabe des „heiligen Geistes“ an die Gemeinde nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, der wird fast wie von selbst, möchte man sagen, zu Georg Wilhelm Friedrich Hegel geführt. Er ist der Philosoph des Geistes „schlechthin“, wobei er von der grundlegenden Erfahrung geleitet ist, dass die Philosophie den Geist als ihr Thema hat und sonst eigentlich nichts, könnte man sagen. Diese Erfahrung der alles gründenden Bedeutung des Geistes könnte man auch „Voraussetzung“ des Denkens Hegels nennen. Dabei ist es selbstverständlich: Eine reflektierte und kritisch betrachtete Voraussetzung als Philosoph zu haben ist an und für sich jeder Philosophie eigen, etwa auch für die  „Materialisten“. Die Frage ist nur, inwieweit diese Voraussetzungen kritisch „eingeholt“ werden können und inwieweit sie sich fruchtbar machen lassen für das Verstehen der ganzen Wirklichkeit. Aber vielen Menschen ist wie schon zu Zeiten Hegels der Geist, auch das Erleben des eigenen Geistes, so fern und fremd, dass es einer neuen Anstrengung bedarf, sich auf die Geist – Philosophie einzulassen und auch als Hilfe, das eigene Leben transparenter zu sehen. Von daher mag die Hegelsche „Pfingstphilosophie“ vielleicht heute zu anspruchsvoll wirken, tatsächlich aber hält sie viele Vorschläge der Reflexion auch für heute bereit.

Um gleich den Kern der Hegelschen Geist – Philosophie anzudeuten: Die Philosophie hat im Hegelschen Selbstverständnis „keinen anderen Inhalt als die christliche Religion. Aber die Philosophie (Hegels) gibt (d.h. präsentiert, C.M.) den christlichen Inhalt in der FORM DES DENKENS. Die Philosophie stellt sich so nur über die Form des Glaubens, der Inhalt ist derselbe“ (in: Vorlesungen über die Philosophie der Religion II., Suhrkamp, S. 341). Mit anderen Worten: In der Philosophie wird der christliche Glaube in der Klarheit und Systematik des Denkens und des Gedankens aufgehoben, d.h. beides: bewahrt und auf eine neue Ebene gehoben. Unter dieser Bedingung schaut Hegel die überlieferten Begriffe und Ereignisse der christlichen Religion an. Dabei wird der Begriff, das Denken, zum Kriterium in der „philosophischen Übersetzung“ christlicher Ereignisse: Hegel schreibt: „Das Denken ist der absolute Richter, vor dem der Inhalt (auch der Religionen) sich bewähren und beglaubigen soll“ (ebd., S. 341). In seiner „Philosophie der Religion“, in Berlin als Vorlesung mehrfach vorgetragen, spielt deswegen auch das philosophisch verstandene Pfingst – Ereignis eine zentrale Rolle. Hegel erörtert dieses Thema in dem Kapitel „Die Idee im Element der Gemeinde: Das Reich des Geistes“, in dem es – theologisch übersetzt – um die Wirklichkeit der Kirche, der Gemeinde, geht. Nach der unmittelbaren Erfahrung der Gestalt Jesu ereignet sich also mit dem Pfingstfest der Übergang des Verstehens weg vom historischen Ereignis in ein „geistiges Element“, wie Hegel schreibt (ebd., S 301). Indem das Neue Testament behauptet, der Geist sei „ausgegossen“ in die Gemeinde, übersetzt der Philosoph diese Erfahrung in die Worte :“Die Subjektivität erfasst nun ihren unendlichen Wert: Vor Gott sind alle Menschen gleich“: Damit werden auch politische Perspektiven der freien Gestaltung von Staat und Gesellschaft eröffnet, die Hegel ausführlich entwickelt.

Uns interessiert hier im Zusammenhang des Pfingstfestes Hegels deutlicher Hinweis auf die nun in den Menschen „gegenwärtige Göttlichkeit“ (durch den Heiligen Geist) (S. 305). In der Gemeinde (Kirche) sammeln sich diese nun mit dem göttlichen Geist beschenkten Menschen.

Man muss als philosophischer Leser den  anspruchsvollen philosophischen Aussagen  tatsächlich standhalten, etwa wenn Hegel sagt: „Dies ist der Glaube der Gemeinde: der einzelne Mensch wird gewusst als Gott (sic, C.M.) und mit der Bestimmung, dass er der Sohn Gottes sei, mit all dem Endlichen befasst, das der Subjektivität als solcher in ihrer Entwicklung angehört“ (S. 312). Der Mensch als (endlicher) Sohn Gottes, ein gewaltiger Anspruch.

Indem Pfingsten sozusagen den Menschen, jeden Menschen, erhebt zu einem mit Gott „ausgestatteten“ Wesen, wird, wie Hegel schreibt, „die Versöhnung (Erlösung) an und für sich vollbracht“ ( 318). Aber Versöhnung ist für Hegel stets praktisch, also geht es um Gestaltung der Freiheit des Geistes in der Welt (Staat, Gesellschaft). Pfingsten ist insofern ein politisches Fest der Freiheit; der freie Geist will sich äußern, also ent -äußern, verleiblichen, wenn man so will.  Dabei traut Hegel diese Leistung, etwa einen Rechtsstaat zu errichten, ausschließlich der protestantischen Religion zu;  der römische Katholizismus ist für ihn nach wie vor zu stark in der mittelalterlichen Welt befangen und zu veräußerlicht und korrupt.

Uns interessiert noch ein Aspekt, der bisher in der Hegel – Forschung nicht so starke Berücksichtigung findet: Die eher versteckt, implizit anwesende mystische Dimension seines Denkens. 1830 sagte Hegel in einer Rede anlässlich der „Erinnerung an die Augsburgische Konfession von 1530“: „Gott wollte den Menschen zu seinem Ebenbild und seinen Geist, der ein Funke des ewiges Lichts ist, diesem (göttlichen) Licht zugänglich machen“. (S. 33, in den „Berliner Schriften“, Ausgabe Meiner, S 33). Der menschliche Geist als „Funke des ewigen Lichts“: Diese – in anderen Zusammenhängen viel zitierte Formulierung – erinnert an den Philosophen und „Mystiker“ Meister Eckhart, für den sich die Anteilhabe des Menschen an Gott mit dem Begriff “göttlicher Funke“  ausdrückt. Dieser „göttliche Funke“ führt, so Hegel in diesem Vortrag, nicht nur in eine höhere Erkenntnis, sondern vor allem in die Liebe zu Gott: Auch die Wirklichkeit der Gottesliebe führt zu den Traditionen Meister Eckarts. Innerhalb seiner Vorlesungen zur „Geschichte der Philosophie“ bietet Hegel nach der Darstellung der in seiner Sicht oberflächlichen und verstandesmäßig abstrakt argumentierenden mittelalterlichen Scholastik auch ein knappes Kapitel zur „Mystik“ (in der Suhrkamp Werkausgabe II, s 583 ff.) Dabei nennt er Meister Eckart nicht, hingegen z.B. ausführlicher Raimundus Lullus. Im Unterschied zur Scholastik sieht Hegel in den Mystikern „edle Männer, die der scholastischen Sucht nach Verendlichung aller Begriffe „gegenüberstanden“ (S. 583). Er nennt Mystiker „fromme, geistreiche Männer“, die „echtes Philosophieren betrieben haben“.

Jedenfalls ist die mystische Erfahrung für Hegel alles andere als fremd. Hegel als Mystiker – das wäre ein spannendes Thema, das auch die “Phänomenologie des Geistes” und die “Logik” einbeziehen müßte.

Hegel hat also zu Pfingsten einen vernünftigen Vorschlag zu unterbreiten: Es ist etwas pathetisch und gar nicht werbewirksam gesagt: “Das Fest des göttlichen Funkens in jedem Menschen“, sozusagen das Ewige in einem jeden, das als Ewiges auch Endliches überdauert. Die Fragen rund um den Tod erhalten so ein neues Licht.

Copyright: Christian Modehn



Zum 200. Geburtstag Kierkegaards: Die Unvernunft des Glaubens

6. Mai 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Glauben gegen alle Vernunft?

Anlässlich von Kierkegaards 200. Geburtstag

Von Christian Modehn

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ kann den 200. Geburtstag des Philosophen und Schriftstellers Sören Kierkegaard (am 5. Mai 2013) nicht einfach übersehen. Denn Kierkegaards Denken und sein sehr umfangreiches Werk sind fundamental durchdrungen von religionsphilosophischen bzw. theologischen Überlegungen. Er betrachtete sich zeit seines Lebens als Christ, stets auf der Suche nach dem wahren, dem echten, dem tiefen und radikalen Glauben. Darin fühlte er sich „als einzelner“ wahrer Christ durchaus abgehoben von der großen Masse derer, die das Christentum bloß „betrachten“, wie er sagte, und nicht bis zur letzten Konsequenz, also leidend für Christus, Jesus Christus praktisch nachfolgen. Die dänische lutherische Staatskirche erschien ihm viel zu bürgerlich und angepasst, zu „modern“ und „liberal“ könnte man sagen. Darauf wird oft hingewiesen, nicht so oft hingegen auf Kierkegaards radikales Selbstbewusstsein, sozusagen der bessere, der wahre Christ zu sein. Ob man diese Position vernünftig finden kann, ist eine offene Frage, bei allem Respekt vor dem persönlichen Glauben dieses „einzelnen“. Dieses Thema wurde unseres Erachtens in den vielen lobenden und preisenden Zeitungsbeiträgen anlässlich seines 200. Geburtstages nicht erwähnt.

Kierkegaard hatte protestantische Theologie studiert, spielte auch mit dem Gedanken, Pfarrer zu werden, er besuchte regelmäßig die lutherischen Gottesdienste, auch an Werktagen, er ging zur damals noch üblichen lutherischen Beichte, gelegentlich predigte er.

In seinem Buch „Einübung im Christentum“ hat er zahlreiche, auch längere persönliche Gebete notiert.

Angesichts der von ihm erlebten „ganz anderen“ Göttlichkeit Gottes suchte er nicht nach vernunftgesteuerten Glaubensformen; er meinte, dem göttlichen Gott kann der Mensch nur durch bedingungslose Übergabe, gegen alle vernünftigen Argumente, antworten. Totale Hingabe zähle mehr als der Gebrauch der Vernunft auch Gott gegenüber. Manche sagen, Kierkegaard habe auf diese Weise eine breite Tür geöffnet für eine Vernunftfeindlichkeit, die sich später vor allem in evangelischen Kreisen wie selbstverständlich breit machte, bis hin zur Theologie Karl Barths. Leitend war dabei für Kierkegaard sicher auch die tiefe Ablehnung der (Religions-) Philosophie Hegels.

Was aber ist das für ein Gott, so fragen Kritiker, zu denen auch der Religionsphilosophische Salon gehört, der den Menschen so miserabel erschafft, dass die Vernunft sozusagen das Letzte, das Schlimmste ist, was Gott gegenüber aktiv werden kann.

Jedenfalls gilt: Kierkegaard rühmt etwa die Gestalt Abrahams, der gegen alle väterlichen Gefühle, gegen alle ethischen Einsprüche seines Gewissens bereit ist, auf Gottes Befehl sozusagen „blind“ und ohne vernünftigen Einspruch oder Widerspruch, seinen Sohn Isaac zu töten. „Der Glaube ist ein Paradox“, sagte der dänische Philosoph, „welches einen Mord zu einer heiligen, Gott wohlgefälligen Handlung zu machen vermag“. Hoffentlich lesen diesen Satz nicht allzu viele Islamisten… Im Glauben, so scheint es, können also die ethischen Maßstäbe übersehen werden, jene grundlegenden Regeln der Vernunft (und damit des Gewissens), die alle Menschen eigentlich gemeinsam haben.

Kierkegaard fordert die unmittelbare Bindung an Jesus Christus, er spürte in ihm DIE alles entscheidende Offenbarung Gottes. Dabei hält er Jesus für einen „Menschen, der Gott sein soll“. Wir halten diese enge Sicht auf Jesus als Gott für verfehlt und unangemessen, Jesus war nicht (nur) „Gott“, er ist und bleibt in erster Linie ein Mensch. Jedenfalls ist Kierkegaard so überwältigt von diesem „Gott“ Jesus Christus, dass er wider alle Vernunft die totale Entscheidung für ihn fordert. Darin sieht Kierkegaard die Würde des Menschen, als einzelner radikal vor diese Wahl für oder gegen Jesus Christus gestellt zu sein. Darüber hinaus denkt wohl Kierkegaard daran, die gegen alle Vernunft gelebten Glaubensentscheidung als eigene menschliche Lebensform zu verstehen, sozusagen für die (größere, höhere?) Vernunft in der glaubensmäßigen Unvernunft zu plädieren.

Wir halten diese offenbar zentrale Position im Denken Kierkegaards für hoch problematisch, weil der Schritt in den Glauben dann zu einem irrationalen Geschehen wird, bestenfalls mit der Entschuldigung formuliert, das sei alles Gnadengeschenk. Einige wenige sind dann von Gott berufen und auserwählt, die vielen anderen (dummen Christen der Volkskirche) eben nicht. Solche Ideen Kierkegaards erinnern deutlich an Blaise Pascal und seine Bindung an die augustinische Gnadentheologie der Jansenisten rund um das Kloster Port Royal. Auffällig ist auch für Leute, die mit der Theologie des Erzbischofs Marcel Lefèbvre vertraut sind, also dem Gründer der traditionalistischen“ Piusbrüder, wie es da sprachliche Identitäten zwischen Kierkegaard und Lefèbvre gibt in der Beschreibung der von beiden erlebten sogen. Glaubenskrise: Kierkegaard verwendet in seinem Buch „Einübung im Christentum“ mehrfach den Begriff „enthronen“ und „Enthronung“, um zu zeigen, wie in der dänischen Kirche das Christentum, also in seiner Sicht der wahre radikale Glaube, verachtet wird. Eine der wichtigsten Bücher von Erzbischof Lefèbvre hat den Titel „Sie haben ihn entthront“ (1988), damit will er sagen: Die in seiner Sicht liberale und lasche Konzilskirche habe Jesus Christus vom Thron gestürzt, „entthont“. Beide, Kierkegaard wie Lefèbvre sehen, so wörtlich, nur in der „STRENGE“ eine Rettung des Christentums, beide fühlen sich so wörtlich „einsam“ unter diesen angeblich laschen Christen, beide wollen sich, so wörtlich „nicht beliebt“ machen. Dabei loben beide die „veraltete Sprache“ des Christentums von einst, beide glauben, dass man rational den Glauben „nicht verteidigen“ kann. (siehe zu Kierkegaard, Einübung im Christenum, DTV, 1977, S. 236 ff., zu Lefèbvre passim in seinen Publikationen).

Durch diesen Hinweis wollen wir nicht behaupten, Lefèbvre hätte Kierkegaard gelesen oder gekannt. Wichtig ist nur, auf Ähnlichkeiten hinzuweisen bei zwei Männern, die beide von ihrer religiösen „Sonderrolle“ oder „Sonderberufung“ überzeugt waren.

Irritierend ist bei Kierkegaard, dass er die heutige Kirche als die „(real) bestehende Christenheit“ mehrfach nennt, sie sei die triumphierende Kirche im Unterschied zur wahren Kirche, der streitenden und leidenden Kirche. Nur ihr fühlt sich Kierkegaard verbunden.

Unannehmbar ist auch die Meinung des dänischen Philosophen, die christliche Kunst sei Ausdruck des „neuen Heidentums“ (S. 261). Er behauptet, Christus hätte niemals gewünscht, gemalt zu werden, deswegen ist alle christliche Kunst eine Art Wahn. Kierkegaard vergisst, dass seine Beschreibungen zur Gestalt des göttlichen Christus selbst bildhaft ist.

Wir haben Mühe, selbst anlässlich des 200. Geburtstages von Sören Kierkegaard, in seinem Buch „Einübung im Christentum“ (von 1850) wirklich Inspirierendes zu finden, etwas, das in der vernünftigen Auseinandersetzung über Möglichkeiten religiösen Glaubens heute weiter helfen könnte. Aber solche Gedanken hätte Kierkegaard wohl von vornherein zurückgewiesen, ging es ihm doch, so sagte er, um die Rettung des einzelnen. Darum sein Insistieren auf dem Recht des einzelnen gegenüber allgemeinen Strukturen und allgemeinen Gesetzen. Aber sein Buch „Einübung im Christentum“ hat er ja wohl nicht nur als Zeugnis einer einsamen einzelnen Seele verstanden, er wollte etwas bewirken, im Sinne der von ihm gelobten „kämpferischen Kirche“.

copyright:Christian Modehn

 

 

 



“Paradies Glaube” – Zum Film von Ulrich Seidl

25. März 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

„Paradies Glaube“: Alles andere als ein „Phantasie“ – Paradies

Einige theologische und philosophische Hinweise zu einem wichtigen Film von Ulrich Seidl

Von Christian Modehn

Über den 2. Teil der Trilogie „Liebe – Glaube – Hoffnung“  des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl ist viel geschrieben worden. Leider hat man den Film “Paradies Glaube” oft den schwächsten der drei Filme genannt. Das mag auf das Gesamtwerk Seidls bezogen eigens geprüft werden wie auch auf die Regieleistung in diesem Film selbst; sie hat  vielleicht den nötigen „informativen biographischen Hintergrund zu den beiden Hauptprotagonisten Anna Maria und Nabil nicht deutlich berücksichtigt.

Der Religionsphilosophische Salon ist jedoch der Meinung, dass der Film sehr wichtig ist, weil er keineswegs nur eine marginale oder gar nur konstruierte, sozusagen imaginäre katholische Welt zeigt. „Paradies Glaube“ ist alles andere als eine unterhaltsame Satire. Maria Hofstätter spielt als aufdringlich missionarisch werbende und total katholischer Frömmigkeit hingegebene Anna Maria keineswegs eine „religiöse Irrläuferin“ einer monströsen und unwirklichen Glaubenshaltung.

Anna Maria ist in Wien förmlich getrieben von dem Gedanken, eine Marienstatue in die Wohnungen ihrer Meinung nach besonders ungläubiger Menschen zu bringen. Sie drängt den Menschen diese in Dutzendware produzierte Marien- Figur förmlich auf. Denn sie ist überzeugt: Mit dieser Maria kommen Rettung, Heil und Erlösung in das Leben dieser – ihrer Meinung  nach – gescheiterten Menschen, oft sind es „Ausländer“.

Das greifbare Heil in die Häuser tragen: Diese Praxis ist in der katholischen Volksfrömmigkeit durchaus üblich, sie beginnt bei der jährlichen Wohnungssegnung, geht über die Pflege privater Hausaltäre bis zum Brauch der  „Herbergssuche“ von (Kitsch) Figuren Marias und Josefs in der Adventszeit. Da verweilen diese Figuren einen Tag oder eine Woche in einer Familie. Das Abirren einer Frömmigkeit, die die Ikone für die dargestellte Heilige selbst nimmt, wird in dem Film deutlich gezeigt. Man sehe sich aber auch in Marienwallfahrtsorten (Lourdes, Fatima, La Salette usw) um, wie dort die Darstellungen (!) Marias selbst höchste Verehrung genießen; die Berührung heiliger Objekte (etwa der schon fast abgeküsste Zeh der Petrus – Statue im Petersdom) gehört auch dazu. Anna Maria küsst mit Vorliebe Christus Bilder oder das Kreuz, in einer deutlich erotisch anmutenden Haltung.

Es ist im Katholizismus immer noch üblich, Reliquien auf Wanderschaft zu schicken: Man denke etwa an die Weltreisen der Reliquien der heiligen Theresia vom Kinde Jesu, die von Lisieux aus rund um den Globus geschickt wurden in den letzten Jahren. Warum? Damit die Reliquien als solche ihre heilsame, wundertätige Wirkung „vor Ort“ ausüben können. Man denke weiter an die Flut von Pater Pio Bildern in allen Autos, Kneipen und Wohnungen Italiens: Dieser angeblich stigmatisierte, aber schon von Pius XII. unter dem Verdacht der Scharlatanerie kritisch begutachtete Kapuzinerpater ist sozusagen als Ikone das leibhaftige Heil in den Wohnungen usw.

Kurz: Anna Marias Verhalten ist zwar filmisch zugespitzt, aber durchaus verwurzelt im katholischen Milieu.  In der privaten Gebetsrunde ihrer Vereinigung zu Ehren des Herzens Jesu wird gebetet und geschworen, dass Österreich wieder katholisch werde. Was das heißen mag, wird an Anna Marias Verhalten gegenüber ihrem (schwerkranken) muslimischen Ehemann deutlich: Von den geringsten Spuren der Toleranz und des Mitgefühls ist nichts zu spüren. Von einem Respekt vor dem muslmischen Glauben ihres Mannes kann keine Rede sein. Sie hat etwa im Wohnzimmer das Bild aus Mekka verdeckt und verhangen. Mekka passt nicht zu Christus und Maria, denkt sie.

Anna Marias Gebetsrunden werden tatsächlich in weiten offiziell – katholischen Kreisen praktiziert; es gilt doch, die „Neuevangelisierung Europas“ voranzubringen, wie es Benedikt XVI. so sehnlich wünschte. Bezeichnenderweise werden ja auch ganze Städte und Länder wieder Maria oder einem Heiligen geweiht. Was Anna Maria in ihrer Gruppe betend vollzieht, ist also üblich.

Bei den “missionarischen Hausbesuchen” mit der Gipsmadonna im Köfferchen fällt auf, wie ausschließlich Anna auf die helfende Wirkung des Gebetes allein setzt. Da spielt der Wunderglaube an die Allmacht des Gebets eine entscheidende Rolle; aber das hat Anna Maria in der Kirche so gelernt, so wird sie in der offiziellen Lehre vertreten! Angesichts menschlicher Probleme vermag Anna Maria allein mit frommen Sprüchen und Floskeln zu reagieren, auch das ist ja nicht nur ein Hinweis, wie stark die religiöse Indoktrination alle menschliche Reflexion, von kritischer Reflexion ganz zu schweigen, töten kann.

Im Umgang mit ihrem schwerkranken muslimischen Mann (auch er ist sicher nicht Inbegriff der Liberalität) sieht man zudem, wie sogar die Gefühle der Menschlichkeit ignoriert werden aufgrund katholischer Indoktrination. Als ihr muslimischer Mann fragend und protestierend in die Gebetsrunde seiner Frau hineingerät, spricht man nicht etwa mit ihm. Sondern man betet gemeinsam, sozusagen um den Teufel fernzuhalten, das apostolische Glaubensbekenntnis.

Anna Maria ist eine Frau, die einzig nur aus der katholischen Religion lebt; schon zum Frühstück hört sie das durchaus in Wien real existierende katholische Radio Maria, entsprechende Werbung schmückt auch ihr Auto. Und die Sprüche, wie „Kein Tag ohne Gebet“, mit denen Anna Maria eines ihrer Zimmer tapeziert hat, gibt es in dieser Form und in diesem Format tatsächlich. Sie sind in vielen österreichischen oder bayerischen Kirchen etwa am Eingang oder Ausgang oder auf Infotafeln zu finden. (Radio Maria Österreich: http://www.radiomaria.at/index.php?nID=254)

Es muss also nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die Frömmigkeit Anna Marias durchaus eine gewisse Breitenwirkung hat und in Österreich, Süddeutschland oder in den romanischen Ländern zum Alltag an der Basis etlicher Pfarreien gehört. Dort gibt es die zahlreichen neuen geistlichen Gemeinschaften mit ihren entsprechenden Verlagen, die derartige Frömmigkeit praktizieren und empfehlen, ohne dass ein Bischof einschreitet. Das ultra konservative Radio Maria in Polen, mit ihrem Leiter, dem Redemptoristen Pater Rydzik, ist selbst den ohnehin konservativen polnischen Bischöfen zu extrem. Aber sie schaffen es nicht, und auch die Päpste schaffen es auch nicht, dieses aufhetzende antisemitische katholische Programm zu verbieten. Daran sieht man, die Hierarchie will das „tief fromme“ Volk nicht verprellen.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt sehr früh schon, wie Anna Maria sich vor dem Kruzifix auspeitscht und später auch mit einer Art „Geißel – Gürtel“ ausstattet. Dieses „fromme Sichauspeitschen“ hat ja bekanntlich Tradition in einer der mächtigsten katholischen Organisationen mit ca.80.000 Mitgliedern, dem Opus Dei; Anna Maria befindet sich in solcher Sühne  – Aktion sozusagen in offizieller, in „bester Gesellschaft“.

Überhaupt der Sühnegedanke: Anna Maria ist besessen davon, für die Sünder anderer (und auch die eigenen Versagen) Sühne zu leisten, also durch eigene religiös anstrengende Praxis Gott zu versöhnen und zu beschwichtigen. Über das naive Gottesbild eines solchen Verhaltens wäre eigens zu sprechen. Bei Anna Maria heißt Sühneleisten auch das schmerzhafte Herumrutschen auf den Knien in der eigenen Wohnung, um den ganzen Rosenkranz zu beten, immerhin sind das 50 laut gesprochene Ave Maria. Im Katechismus wird ausdrücklich das Sühnegebet empfohlen. In Kirchen vieler deutscher Großstädte finden immer noch Sühne – Gebetsnächte statt, oft veranstaltet von der Gemeinschaft des „Neokatechumenalen Weges“ (Informationen über diese überaus einflussreiche, weltweit agierende, offiziell anerkannte Bewegung: http://www.relinfo.ch/nk/info.html#suende ). Es sind viele dieser so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, die extreme Formen der Frömmigkeit praktizieren…

Die Reinheit ist oberstes Gebot für Anna Maria: Nicht nur das über – korrekte Putzen des Hauses wird gezeigt, auch ihre Abscheu vor “schmutziger”, praktizierter Sexualität wird deutlich: Nachdem sie überraschenderweise nachts Sex im Park beobachtet (!) hat, fühlt sie sich sofort gedrängt, sich gründlich in der Badewanne zu säubern. Sexuelle Lust ist für sie apriori  schmutzig, das hat man sie ja auch so gelehrt. Aber selbst mit ihrem Mann lehnt sie Sex ab, hingegen holt sie sich nachts ihr allzu geliebtes Kruzifix ins Bett… Diese künstlerisch sehr konsequente und deswegen wichtge Szene wurde übrigens von der katholischen, ultrakonservativen italienischen Bewegung NO 194 (siehe: http://no194.org/) zum Anlass genommen, den Regisseur wegen Blasphemie anzuklagen.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt nicht, wie SPIEGEL – Online  meinte,  „religiöses Hinterwäldlertum, das vielleicht folkloristische Züge besitzt, der gegenwärtigen Glaubensdoktrin wohl kaum entspricht“. Tatsächlich dokumentiert Ulrich Seidl eine Haltung, die weite Verbreitung hat im heutigen Katholizismus. Verurteilen wird man die vielen Menschen, die so sind wie Anna Maria, natürlich nicht. Aber man wird sich fragen, wie in Europa die theologische Bildung eigentlich greift angesichts dieser religiösen Praxis, die eher einem Wahn gleicht.  Wem Jahre lang eingeredet wird und es auch innig glaubt, außerhalb der katholischen Kirche gebe es kein  Heil, der greift schnell zu seinem Köfferchen mit der Madonna, um die Welt zu retten, „heil zu machen“.

Copyright: Christian Modehn.

 

 

 

 



Radikaler Neubeginn in Rom?

19. März 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Auf der website der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM befindet sich seit dem 19. 3. 2013 ein Beitrag mit dem Titel “Radikaler Neubeginn in ROM”. Zur Lektüre dieses Kommentars klicken Sie bitte hier.

Bei der Gelegenheit können Sie sich gleich für ein Probe – Abonnement (oder besser für ein wirkliches Abonnement) entscheiden. Publik Forum hat seit 40 Jahren das Motto: “Kritisch – christlich – unabhängig”, d.h. auch unabhängig von kirchlichen Weisungen und amtskirchlichem Geld.

 



Das argentinische Gesicht von Kard. Bergoglio, jetzt Papst Franziskus

18. März 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Religionskritik

Das argentinische Gesicht von Kardinal Bergoglio, jetzt Papst Franziskus

Hinweise von Prof. Fortunato Mallimaci.

Ein Beitrag von Christian Modehn

Ergänzung am 24.3. 2013: Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Hinweis zu einer Stellungnahme von Adolfo Pérez Esquivel vom 5. April 2005 im argentinischen Fernsehen “Canal America” über Kardinal Bergoglio.

Ergänzung am 31.3.2013: Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Hinweis zur Diskussion in Argentinien unter dem Stichwort: “Von welcher Option für die Armen spricht Papst Franziskus”. Mit einem Hinweis auf die entscheidende Tatsache, dass die Befreiungstheologie in Argentinien fast ganz auf den stets von den Bischöfen bekämpften (zahlenmäßig kleinen) Kreis der “Priester für die Dritte Welt”, “Sacerdotes para el tercer Mundo”, begrenzt war.

Ergänzung am 3. 4.2013: Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Link zu einem Interview mit dem argentinischen Journalisten und kenntnisreichen und kritischen Beobachter der argentinischen Kirchen- Szene Horacio Verbitzky; das Interview über Kardinal Bergoglio in Argentinien damals sendete der NDR (Fernsehen) am 27.3.2013, das Interview wurde vom NDR übersetzt. Das Interview wird noch einmal wiederholt im NDR (ZAPP heißt die Sendereihe) am 5.4. um 2.45 (sic).

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Auch in Deutschland ist der argentinische Soziologieprofessor Dr. Fortunato Mallimaci kein Unbekannter. Er hat in der umfangreichen Studie „Kirche und Katholizismus seit 1945“ in Band VI „Lateinamerika und die Karibik“ den Beitrag über Argentinien geschrieben (zusammen mit seiner Kollegin, der argentinischen Soziologin Veronica Gimenez Beliveau). Das Buch ist im Jahr 2009 im katholisch geprägten Schöningh Verlag erschienen, es wurde herausgegeben von dem katholischen Kirchenhistoriker Prof. Johannes Meier und dem katholischen Theologen Veit Strassner. Der Sammelband von 559 Seiten enthält ausschließlich Beiträge von Katholiken, sogar von Mitarbeitern der kirchen- offiziellen bischöflichen “Aktion für Lateinamerika Adveniat”  in Essen.

Also in diesem quasi offiziell katholischen Buch ist Prof. Fortunato Mallimaci mit seinem wissenschaftlichen Beitrag über die katholische Kirche in Argentinien von 1945 bis ca. 2008 vertreten; sein Artikel umfasst 23 Seiten und hat 61 umfangreiche Fußnoten: Fortunato Mallimaci hat in Paris studiert, vor allem an der berühmten Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Er ist (geboren 1950) Professor für Sozialgeschichte Argentiniens und Religionssoziologie an der „Universidad de Buenos Aires“. Er hat zahlreiche Gastprofessuren im In – und Ausland wahrgenommen. Erstaunlich ist, dass der Beitrag nicht die Beziehungen der katholischen Kirche zur Regierung Kirchner untersucht, obwohl die Literaturangaben bis ins Jahr 2006 reichen, etwa durch Hinweise der beiden Wissenschaftler auf die Arbeiten des kritischen Journalisten H. Verbitzky “La Argentina católica y militar”, erschienen in Buenos Aires 2006.

Dieser lange Hinweis ist notwendig, um die Seriosität von Prof. Mallimaci von vornherein gegen alle Anwürfe zu betonen. Mallimaci ist einer der wichtigsten Interviewpartner der unabhängigen demokratischen und ökumenischen Presse in Argentinien, in diesen Tagen, nach der Papstwahl. Wir können von seinen zahlreichen ausführlichen Interviews und Beiträgen zum damaligen Kardinal Bergoglio (Buenos Aires) nur schrittweise den deutschen Lesern zugänglich machen. Religionskritik ist ja ein Teil der Religionsphilosophie.

Noch eine Vorbemerkung: Für die deutschen Leser muss wohl noch einmal an das wahre, nahezu unsägliche  Ausmaß der Militärdiktatur in Argentinien (1976 -  1983) wenigstens elementar erinnert werden: Der Diktator Jorge Rafael Videla (1976) hatte das Ziel, “die moralische Ordnung der Nation, die wirtschaftliche Effizienz und die nationale Sicherheit wiederherzustellen…Die katholische Kirche war von der Diktatur besonders betroffen, da ihre internen Brüche offensichtlich wurden”, schreiben F. Mallimachi und V. Gimenez Béliveau in ihrer Studie auf Seite 425. Und sie fahren fort, und jetzt wird es wichtig, um die wahre Dimension unseres Themas wahrzunehmen: “Mit aktiver Unterstützung von Mitgtliedern der Kirche wurden Verbrechen an anderen Mitgliedern der Kirche verübt. Die Bischöfe, die den Staatsstreich begrüßten, versuchten die progressiv – christlichen Gruppen zunächst zu isolieren und schließlich aufzulösen. Die Militärs zerschlugen mit bischöflicher Billigung und Unterstützung die aktivsten Gruppen und ermordeten eine Reihe engagierter Christen. Priester, Mitglieder von Basisgemeinden, Ordensfrauen, Laien und sogar einzelne Bischöfe (wie Bischof Enrique Angelelli aus La Rioja  und Bischof Carlos Ponce de Leon aus San Nicolas), die sich für die Verfolgten einsetzten, wurden Opfer des Staatsterrros: Sie wurden verfolgt, ins Exil geschickt, entführt, gefoltert, ermordet”. (ebd., S 425). Über die unmittelbare, wohlwollende Unterstützung der Militärdiktatur durch die meisten Bischöfe schreiben die Autoren u.a.:”Die Machtübernahme durch die Militärjunta unter dem Katholiken Videla wurde von führenden Mitgliedern des Episkopars ausdrücklich begrüßt und unterstützt”,so auf Seite 426 mit ausführlichen Literaturhinweisen, auch zur wohlwollenden Haltung des Nuntius damals, Msgr. Pio Laghi. Bischof Victorio Manuel Bonamin aus dem Salesianerorden etwa forderte schon 1975 die Intervention der Streitkräfte: “Die Armee sühnt die Unreinheit unseres Landes. Die Soldaten wurden im Jordan vom Blut gereinigt, um die Führung unseres Landes zu übernehmen”, zit. ebd. (Nebenbei: Es wird nicht dokumentiert, wie die Bischofskonferenz mit solchen bischöflichen Mitbrüdern umging nach dem Ende der Militärdiktatur). Die beiden Autoren schreiben weiter auf Seite 427: “Die Legitimität, die die Bischöfe der Militärregierung zubilligten, beschränkte sich nicht auf die politische Unterstützung, sondern sie wurde auch auf die Rechtfertigung willkürlicher Folter ausgedehnt….Die Militärs führten ihren Reinigungsprozeß in der Kirche mit der Zustimmung einiger Bischöfe und aktiver Unterstützung einer erheblichen Zahl von Priestern durch. Einige unterstützten sogar Folterer moralisch und waren bei Folterungen in den Haftzentren anwesend. Die Militärregierung dankte der Kirche dafür durch einige Privilegien, die Bischöfe wurden fortan über den Staatshaushalt  finanziert…Das Regime konnte sich (von wenigen Ausnahmen abgesehen) der Untertsützung durch den Gesamtepiskopat gewiss sein” (ebd). Unter den bischöflich geduldeten Massakern an ihren Mitchristen erwähnen wir nur die Ermorderung von drei Ordensleuten und zwei Theologiestudenten aus dem Pallottinerorden sowie die Entführung und das Verschwinden der beiden französischen Nonnen Alice Domon und Léonie Duquet, sie hatten das “Verbrechen” begangen, Familien von Verschwundenen zu unterstützen. Léonie Duqet wurde nach ihrer Ermordung bei einem der üblichen Todesflüge der Mörderbanden ins Meer geworfen. Zu den Opfern gehörte übrigens auch Elisabeth Käsemann, die Tochter des protestantischen Theologen Prof. Ernst Käsemann, Tübingen.

Es ist bezeichnend, dass die beiden Autoren, F. Mallimaci und V. Giménez Béliveau, unter den wenigen mutigen Widerstand leistenden Klerikern nur zwei Bischöfe ausdrücklich erwähnen: Bischof Jorge Novak SVD, Bischof von Quilmes und Bischof Jaime de Nevares SDB, Bischof von Neuquen (Fußnote 49, Seite 427). Der Name Jorge Mario Bergoglio, Provinzial des Jesuitenordens in Argentinien von 1973 bis 1979, taucht in dem Zusammenhang des Widerstandes jedenfalls nicht auf. Das widerständige “Format” von Novak und de Nevares hatte er wohl nicht, sonst hätten ihn die beiden so gründlich recherchierenden Autoren zweifelsfrei in ihrer ausführlichen Studie erwähnt. Bergoglio wird übrigens von beiden nur einmal ganz kurz als Kardinal von Buenos Aires (seit 2001) erwähnt, und zwar als “Kardinal italienischer Herkunft”, dies Ausdruck für die “Italienisierung der argentinischen Amtskirche” (so die Autoren), die knappe Erwähnung Bergoglios befindet sich in der Fußnote 6 auf Seite 411!

Diese Hinweise sind wichtig, um die tiefe Bindung des argentinischen Klerus an die Werte der Nation, die klassischen Familienwerte (gegen Homosexualität etwa) und gegen den angeblich allgegenwärtigen Kommunismus zu vestehen.

Wir beginnen mit einem Beitrag Fortunato Mallimacis, der am 31. Juli 2010 veröffentlicht wurde in dem blog „La Máquina de Escribir“ in der Verantwortung von Anibal Jorge Sciorra. Quelle: http://lamaqdeescribir.blogspot.de/2010/07/entrevista-fortunato-mallimaci-el-rol.html

Wir können nicht den langen Beitrag übersetzen, wir bieten nur einige zentrale Aussagen des Religionssoziologen Prof. Mallimaci zu Kardinal Bergoglio von Buenos Aires, dem Vorsitzenden der argentinischen Bischofskonferenz. Es lohnt sich, den ganzen Text auf Spanisch zu lesen!

Hier einige wesentliche Erkenntnisse Mallimacis:

1.“Bergoglio versteht nicht, was heute in der Gesellschaft passiert“.

2.“Die bischöfliche Hierarchie Argentiniens befindet sich in einem fieberhaften, nervösen Zustand. Sie zeigt sich als eine Institution der Macht“.

3.“Das wird deutlich in der Amtsenthebung des progressiven Priesters Nicolas Alessio, Cordoba in Argentinien, der es wagte, sich öffentlich für die Rechte Homosexueller einzusetzen“.

4. „Die argentinischen Bischöfe, auch Erzbischof Bergoglio, setzen ausschließlich auf das unwandelbare und ewige Naturrecht. Sie haben keinen Sinn für den gesellschaftlichen Wandel. Sie fühlen sich wie in einem „Krieg Gottes“ und , verwenden den Begriff inneren „Krieg“, der unter General Videla noch benutzt wurde“.

5. „Die Christen an der Basis sagen angesichts der Bischöfe: „Wir finden in der Haltung der Bischöfe nicht mehr Jesus wieder“.

6. „Die Bischöfe verteidigen die „klassische Familie“ bedingungslos“. Mallimaci spricht von einem „Kreuzzug“ der Bischöfe, Kardinal Bergoglio sei einer der Fahnenträger dieses Kreuzzuges. „El rol que juega Bergoglio es nefasto“, sagte Mallimaci: „Die Rolle, die Bergogio in diesem Kreuzzig (für die alten Familienwerte z. B. und gegen die Moderne) spielt, ist, so wörtlich, =nefasto=, d.h. unheilbringend. Die Bischöfe sprechen eine militärische Sprache…“

7. „Bergoglio hat geschwiegen, als der Militärseelsorger, der Priester Christian von Wernich, verurteilt wurde wegen seiner Mittäterschaft in der Diktatur, ihm wurden Folter und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt“.

8. „Als der Priester Julio Grassi wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern angeklagt wurde, hat Bergiglio den Anwalt bezahlt, Grassi wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt“.

9. „Bergoglio hat auch Erzbischof Edgardo Storni von Santa Fé noch unterstützt, als er wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt und verurteilt wurde“.

10. „Bergoglio hat die Idee verbreitet: Der Relativismus sei der Hauptfeind der Gesellschaft“, darin in voller Übereinstimmung mit Benedikt XVI.

11.“In der argentinischen Kirche unter dem Chef der Bischofskonferenz Bergoglio gibt es keine öffentliche Meinung, keine Diskussion. Die Angst ist stärker als die Freiheit, wenn sich Kritiker äußern wollen“.

12. „Die Kirche Argentiniens befindet sich im Dauerkonflikt mit der liberalen Welt der Demokratie“.

13. „Bergoglio hat 2004 dafür gesorgt, dass eine Ausstellung des berühmten Künstlers Leon Ferrari wegen Blasphemie für einige Zeit verboten wurde. Später wurde sie gerichtlich doch noch durchgesetzt. Von allen Kanzeln ließ er gegen den Künstler wettern. Das brachte ihm allerdings weiteren Ruhm ein., betonte Ferrari. Jedenfalls wollte Kardinal Bergoglio eine Art Zensur für moderne Kunst durchsetzen“. Siehe dazu einen umfangreichen Beitrag in der spanischen Tageszeitung el periodico vom 14. 3. 2013, zur Lektüre klicken Sie hier.

14. Mallimaci weist ausführlich darauf hin, dass Bergoglio, der Jesuit, und der erzkonservative Opus – Dei Bischof Hector Aguer von La Plata in sehr vielen zentralen Fragen eng verbunden und einer Meinung waren: Mallimaci nennt etwa die gemeinsame Auffassung von der Familie als einer =patriarchalen Struktur=, dass die Frauen an die 2. Stelle gehören, dass Verschweigen besser sei als Aufklären, dass Gehorsam die zentrale Tugend ist, sowie, wörtlich, “dass schmutzige Wäsche besser versteckt werden sollte”.

In einem Interview für die Tagezeitung Pagina/12 vom 17.3. 2013 geht Fortunato Mallimaci erneut auf die Strategie der argentinischen Bischofskonferenz ein, deren Präsident Kardinal Bergoglio war: “Die Bischofskonferenz hat sich weder zur Verurteilung des pädophilen Priesters Julio Grassi noch gegenüber dem (Sexuellen Mißbrauch durch)  Bischof Edgardo Storni noch gegenüber dem Verbrecher, Pfarrer Christian von Wernich,  offiziell ausgesprochen, im Unterschied etwa zu den Bischfskonferenzen in den USA, wo offizielle Statements zur Pädophilie unter Priestern abgegeben wurden. Zur Lektüre des Interviews klicken Sie hier.

Weitere Informationen zur Auseinandersetzung um die Homoehe in Argentinien:

Anlässlich der Debatte über die Homoehe sagte Kardinal Bergoglio: „Es steht auf dem Spiel die Identität und das Überleben der Familie:  Papa, Mama und die Kinder. Seien wir nicht naiv: Es handelt sich hier nicht um einen politischen Kampf. Es handelt sich um einen destruktiven Anspruch gegenüber dem Plan Gottes. Es handelt sich nicht um ein bloßes gesetzliches Vorhaben, sondern um eine Bewegung, die vom Vater der Lüge (dem Teufel) ausgeht, die die Söhne Gottes verwirren und täuschen will.“ Quelle: http://www.elblogoferoz.com/2013/03/15/el-nuevo-papa-colaboro-con-la-dictadura-militar-argentina/Gelesen am 18.3. 2013

Über die Beziehung zu dem “Verbrecher Priester” Christian von Wernich, dem Militärgeistlichen z.Z. der Diktatur und Mörder heißt es weiter: „Es ist erwiesen, dass Pfarrer von Wernich schuldig ist für die Verbrechen, die zu seiner Verurteilung führten. Tatsächlich half die argentinische Kirche ihm, zuerst noch nach Chile zu entkommen, dort lebte er unter einem falschen Namen in einer Pfarrei. Ohne diese Tatsachen zu beachten, spielte Bergoglio auf das Urteil des Gerichts an und nannte es eine verleumderische Verfolgung der Kirche und nannte diejenigen Verräter, die die Vergangenheit nur  verfluchen. Hingegen rief er zur Vergebung auf… Diese Erklärung hängt zusammen mit einer Unterstützung Bergoglios für die Aktionen von Cecilia Pando, die die Straflosigkeit der Militärs damals nachdrücklich forderte unter dem scheußlichen Slogan: memoria completa, d.h. die Erinnerung ist vollständig, sie reicht”.  Quelle: http://www.elblogoferoz.com/2013/03/15/el-nuevo-papa-colaboro-con-la-dictadura-militar-argentina/

Diese rechtsextreme Aktivistin Maria Cecilia Pando hat jubiliert angesichts der Wahl Bergoglios zum Papst: Quelle:   http://www.agenciapacourondo.com.ar/secciones/sociedad/10936-cecilia-pando-festeja-la-eleccion-de-bergoglio.html,  gelesen am 18.3. 2013. Cecilia Pando sagte: “Qué alegría ! Bergoglio Papa !!! Una gran bendición para nuestro país que tanto lo necesita. Bergoglio, el Papa Argentino !!! Bienvenido Francisco I, un orgullo para nuestro país !!! Estaremos a su lado, dándoles fuerzas por medio de la oración”. (Welche Freude. Bergoglio ist Papst. Ein großer Segen für unser Land,  das den (Segen) so dringend braucht. Willkommen Franziskus I., ein Stolz für unser Land. Wir werden an seiner Seite sein, wir werden ihm Kraft geben durch unser Gebet”.

Wir weisen noch auf einen weiteren Beitrag  des religionsphilosophischen Salons vor allem über den inzwischen verurteilten Kollaborateur, den Priester Christian von Wernich, hin, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

ERGÄNZUNG am 24. 3. 2013: Zu den Aussagen von Adolfo Pérez Esquivel über Kardinal Bergoglio.

Horacio Verbitzky hat am 24.3. 2013 in der Tageszeitung “Pagina 12″ in Buenos Aires  einen Hinweis zu verschiedenen Aussagen des Friedensnobelpreisträgers Adolfo Perez Esquivel publiziert.

In einem TV Beitrag vom 15. 4. 2005 (drei Tage vor der Wahl von Papst Benedikt XVI.) (zur Ansicht: www.youtube.com/watch?v=Qu2iET8fc5s brachte “Canal Argentina”, Informe special, einen Beitrag mit Interviews u.a. mit A. Perez Esquivel. In dem Beitrag für Pagina/12 bezieht sich H. Verbitzky auf dieses Interview, er schreibt jetzt u.a.: “Perez Esquivel erinnerte damals daran, dass viele Bischöfe zur Zeit der Militärdiktatur einen doppeldeutigen Diskurs hielten. “Als er selbst gefangen war damals, sagten die Bischöfe seiner Frau: Sie würden für ihn, Perez Esquivel, eintreten. Dann taten sie genau das Gegegenteil”. Dann fragten ihn die Reporter konkret zur Haltung des argentinischen Kardinals (Bergoglio). Da antwortete Perez Esquivel, “ohne zu zweifeln, dass die Haltung von Bergoglio “se inscribe”, also dazugehört zur Haltung aller dieser Leute aus der Politik, die da denken: Alle, die sozial mit den Ärmsten und Bedürftigen arbeiteten, waren Kommunisten, Subversive und Terroristen. … Bergoglio ist ein intelligenter Mann, er ist fähig, aber doch eine zweispältige Person. Ich hoffe, dass der Heilige Geist heute (beim Konklave 2005) wach ist und sich nicht irrt” (also Bergoglio sollte nicht Papst werden) .

H. Verbitzky schreibt in dem genannten Artikel weiter: Die erste Erklärung Perez Esquivels nach der Wahl von Bergoglio zum Papst bestand darin zu sagen: Andere Bischöfe hätten mit der Diktatur kollaboriert, aber nicht Bergoglio. Aber er sei nicht allzu energisch gewesen in der Verteidgung der Menschenrechte. Diese Aussage irritierte offenbar den Vatikan: Deswegen:

Am Donnerstag, 21. März, treffen sich Papst Franziskus und Perez Esquivel im Vatikan, sie sprechen über die Menschenrechte, berichtet Perez Esquivel danach, sie hätten sich in der in Buenos Aires üblichen Umarmung verabschiedet und betont: “Vielleicht hat sich Bergoglio damals nicht in den Streit begeben, aber er hat eine schweigsame Diplomatie betrieben”.  Zur Lektüre des Beitrags in Pagina/12 klicken Sie bitte hier.

Der Artikel verweist empfehlend auf das Buch von Mignone, “Iglesia y dictatura”,  El papel de la iglesia a la luz de sus relaciones con el régimen militar.
por Emilio Mignone, Ediciones del Pensamiento Nacional, 4° Edición, Septiembre de 1987.

Ergänzung am 31. 3. 2o13: Wir verweisen auf den ausführlichen theologischen Artikel des Autors Washington Uranga in der Tageszeitung Pagina 12 aus Buenos Aires (31.3. 2013) mit dem Titel: “Von welcher Option für die Armen spricht der Papst”. Der Autor weist nach, wie der religionsphilosophische Salon schon früher, dass sich Kardinal Bergoglio in Buenos Aires eher der caritativen Unterstützung der Armen widmete “und versuchte, diese Position mit der politischen Macht listig und diskret zugleich zu vermitteln”. Bergoglio also dachte (und denkt) eher in der Kategorie “Kirche FÜR die Armen” als in der befreiungstheologischen Kategorie “Kirche der Armen”, im Sinne von: “Kirche gestaltet VON den Armen”. Uranga schreibt:” Bergoglio hat sich der radikalen Position der Befreiungstheologen nicht angeschlossen. Das lag auch daran, dass sich argentinische Theologen, wie etwa der populäre Lucio Gera, niemals mit der Befreiungstheologie anfreunden konnten, weil sie auch Beiträge des Marxismus für richtig befand…Insgesamt hat sich die argentinische Kirche – von der kleinen Bewegung “Priestern für die Dritte Welt” abgesehen – Ende der sechziger und in den siebziger Jahren (Konferenzen von Medellin und Puebla) fremd und fern und mißtrauisch verhalten gegenüber den anderen (oft befreiungstheologisch eher freundlicheren) katholischen Kirchen in Lateinamerika. Und dies waren genau die Jahre, in den Bergoglio als Priester sich bildete und als Theologe. Die argeninischen Bischöfe waren auf den entscheidenden Bischofsversammlungen in Medellin und Puebla wenig “präsent” (im Sinne von aktiv dabei), anders hingegen auf den späteren Konferenzen von Santo Domingo und Aparecida: Diese wurde von Papst Benedikt XVI. geleitet oder stark geprägt, die Endredaktion der Texte von Aparecida (2007) hatte Kardinal Bergoglio.

Wir fragen: Erstaunlich bleibt, dass Befreiungstheologen wie Leonardo Boff (oder auch Bischof Kräutler, beide Brasilien) große Hoffnungen in den eigentlich der Befreiungstheologie gar nicht gewogenen Papst Franziskus setzen. Wissen sie zu wenige Fakten von Bergoglio? Wollen sie den Papst durch allzu heftiges Loben auf ihre Seite ziehen? Oder ist es ein “gesamtlateinamerikanischer Stolz” der beiden, dass nun ein Latino überhaupt einmal Papst geworden ist? Abetr wir stark werden Argentinier im allgemeinen überhaupt als “Latinos” wahrgenommen, das ist eine andere Frage.

Das Interview mit dem argentinischen Journalisten und kritischen Beobachter der Kirchenszene Argentiniens Horacio Verbitzky wurde im NDR am 27. 3. 2013 gesendet; zur Lektüre klicken Sie bitte HIER.

 

copyright: Christian Modehn

 



Kapitalismus als Religion. Zur Diskussion über einen Text von Walter Benjamin

17. März 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Kapitalismus als Religion?

Von Christian Modehn

In unserem religionsphilosophischen Salon am 15. März 2013 ließen wir uns (19 TeilnehmerInnen) von den Thesen und Vorschlägen inspirieren,  die Walter Benjamin (1892 – 1940) in seinem Fragment „Kapitalismus als Religion“, (geschrieben 1921, veröffentlicht 1985), hinterlassen hat.

Der Berliner Philosoph Dr. Jürgen Große begleitete kritisch unsere Gespräche.

Die Aktualität des Thema wird immer offenkundiger: Am 30. März 2013 z.B. veröffentlichte die “Berliner Zeitung” ein ausführliches Gespräch mit dem Ökonomen Robert Skidelsky und dessen Sohn, dem Philosophen Edward Skidelsky anläßlich ihres gemeinsamen Buches “Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens” (A. Kunstmann Verlag, 2013). Weitere Hinweise am Schluss dieses Beitrags.

Zuerst zu unserem Salon am 15. 3. 2013:

Deutlich wurde, dass allein schon die These „Kapitalismus als Religion“ zu kontroversen Diskussionen führt. Einigen TeilnehmerInnen vermuteten, dass der Begriff der Religion viel zu weit gefasst werde, wenn er auch die „säkulare“ „Wirtschaftsordnung“ des Kapitalismus einbezieht. Religion, so die Meinung, hat nur mit religiösen Gründergestalten, mit einem theistischen System, mit explizit spiritueller Praxis in Gebet und Gottesdienst usw., zu tun.

Aber es besteht bei allen die Offenheit, sich dem Vorschlag Walter Benjamins zu stellen: Der Kapitalismus selbst IST Religion.

Dieser These kann man sich von verschiedenen Seiten nähern:

Etwa von dem Philosophen und Psychologen Erich Fromm (in: „Die Natur des Menschen und sein Charakter“, jetzt in Gesamtausgabe Band II, Seite 35f.) wird der Begriff „Rahmen der Orientierung und Hingabe“ eingeführt, als ein Oberbegriff, der ausdrücklich das Gemeinsame theistischer wie nichttheistischer  (!) (Sinn-) Systeme beschreibt. Erich Fromm sieht deutlich das seelische Bedürfnis des Menschen, über ein „System der Orientierung und Hingabe zu verfügen“ (S. 36). Fromm weist in diesem Aufsatz aus dem Jahr 1947 ausdrücklich darauf hin, dass es „Millionen von Menschen gibt, die sich dem Streben nach Erfolg und Prestige hingegeben haben“, also in dieser Hingabe der religiösen Hingabe ähnlich sind. Und der Psychologe stellt die nur noch rhetorische Frage, ob es nicht auffällig sei, „dass diese weltlichen Ziele (Erfolg, Prestige usw.) mit der gleichen Intensität und dem gleichen Fanatismus verfolgt werden, wie wir es in den Religionen betrachten können?“ Erich Fromm kommt in diesem Aufsatz der These Benjamins nahe, wenn er schreibt, „dass die meisten Menschen sich in unserem Kulturraum zwar zum Monotheismus bekennen, während ihre tatsächliche Hingabe Systemen gilt, die dem Totemismus  (als etwa der Verehrung von Gegenständen, CM) und der Götzenanbetung (also etwa dem Geld, CM) näher stehen als irgendeiner Form des Christentums“ (ebd).

Mit anderen Worten: In der Sicht Erich Fromms ist es faktisch so, dass auch Christen ihre zentrale Lebens – Orientierung in der Bindung an Güter und Geld finden: Kapitalismus als Religion entspringt dann sozusagen einem seelischen Bedürfnis.

Von theologischer Seite wird Religion die alles bestimmende Wirklichkeit genannt, etwa von Rudolf Bultmann und Paul Tillich. Diese Definition entspricht formal der Überzeugung Benjamins, der Kapitalismus sei die alles bestimmende Wirklichkeit: Der durch Geld vermittelte Warenaustausch ist sozusagen alles gründend, er ist universal; das Bedürfnis Profit zu machen, immer mehr Geld zu verdienen, gilt absolut und darf nicht bezweifelt werden. Es soll ein ständiges ökonomisches Wachstum herrschen. Das ist eine Form des Glaubens, der als zentraler „Orientierungsrahmen“ von Menschen im Kapitalismus übernommen wird.

„Kapitalismus als Religion“ heißt: Alle Bereiche des Lebens werden der Geldvermehrung und Kapitalvermehrung unterworfen. Noch bevor man sich auf die einzelnen Hinweise Benjamins einlässt, wird deutlich: Es wird im Kapitalismus nicht für den Gebrauch produziert, sondern für den Tausch, und der soll Gewinn, soll Geld bringen. Und wenn Geld ohne Arbeitskraft, also ohne Menschen erzielt wird, dann wird das auch praktiziert.  Der Soziologe Christoph Deutschmann weist darauf hin, dass Geld nicht nur ein ( hochheiliger) Tauschwert sei, sondern auch ein „Vermögen“: Es schenkt die allumfassende (göttliche) Freiheit.

Darin zeigt sich der Geist des Kapitalismus:

1. Jeder andere Mensch ist auf dem Markt mein potentieller Konkurrent und damit auch mein Gegner, den es zu besiegen gilt. Er kann mich schädigen. Ich muss mich schützen, auch vor denen, die nichts haben. Es entsteht eine feindliche Welt, man schottet sich von einander ab. Misstrauen herrscht vor. Der Mitmensch wird einzig unter der objekthaften Fassade des „Händlers“, der Produzenten oder des Arbeiters gesehen. Der Mensch als Mensch im Sinne von absoluter Personenwürde und „Zweck an sich“ (Kant) kommt nicht vor.

2. Um auf dem Markt sich durchzusetzen und zu bestehen: Muss man „selbst – los“ werden, d.h. ohne ein ausgeprägtes Selbst sich präsentieren, im letzten: Ohne ein eigenes Selbst sein, d.h. totale Flexibilität ist oberstes Gebot. Bindungen an Familie, Heimat usw. spielen keine Rolle; es gilt, dorthin zu gehen, wo es Arbeit (noch) gibt. Dies wird vonseiten der Eigentümer an Produktionsmitteln allen Arbeitern wie ein Dogma eingehämmert, also den Menschen, die nur ihre Arbeitskraft auf den Markt werfen können. Diese Entwicklung  kann man eine neue Form der „Selbst – Verlorenheit“ nennen. Alle Empfehlungen „Sei du selbst“ haben deswegen in der kapitalistischen Ökonomie einen schweren Stand; manche sprechen von einem illusorischen Charakter. „Sei du selbst“, das weckt Hoffnungen, die kaum zu erfüllen sind.

3. Es wird die unbefragte, wie ein Dogma verbreitete Lehre gelehrt: Arbeit ist das wichtigste im Leben. Freie Zeit hat nur Sinn, wenn sie für die Arbeit wieder fit macht. Arbeit ist der absolute Wert, dem sich jeder unterwerfen soll: Selbst die ausgedehnte Waffenproduktion etwa in Deutschland wird damit begründet, Waffenproduktion und Waffenhandel (selbst mit blutigsten Diktaturen in der arabischen Welt) schaffe Arbeitsplätze.

Das Motto ist: Irgendeine Arbeit ist besser als keine Arbeit. Das ist Credo besonders von Parteien, die sich nicht genieren, das C, also das Christliche, in ihrem Namen zu führen. Die absolute Hochschätzung der Arbeit ist DAS Dogma des Kapitalismus, das zudem „alternativlos“ genannt wird.

Es gibt zum Kapitalismus keine Alternative, wird eingeredet, so wie es eigentlich zum Bezogensein auf eine göttliche, transzendente Wirklichkeit keine Alternative gibt: Entweder man ist gläubig und bejaht Gott oder man ist ungläubig und setzt sich negierend vom Bezogensein auf ihn ab. Immer aber bleiben alle auf ihn bezogen, auf den Kapitalismus oder auf Gott.

4. Alles wird der Verwertung unterworfen; auch die Menschen werden als Gegenstände taxiert t und nach ökonomischen Einstellungen gebraucht/mißbruacht. Der um sich greifende und lukrative Menschenhandel ist nur die Spitze des Eisberges. (Jährlich werden im Windschatten der Globalisierung mehr als 2,4 Millionen Menschen wie Ware gehandelt, müssen die schlimmsten Formen wirtschaftlicher Ausbeutung erfahren und brutalste Verletzungen ihrer Menschenrechte hinnehmen. Die Gewinne aus dem Menschenhandel werden weltweit auf 32 Milliarden US-Dollar geschätzt – jährlich, Quelle: http://reset.to/knowledge/handelsware-mensch-menschenhandel-im-21-jahrhundert, gelesen am 17.3.2013).

Damit verbreitet sich die unbefragte Mentalität: Es gibt wertvolle (d.h. ökonomisch relevante Menschen) und unwichtige Menschen. Wer nichts gilt, das sind etwa die alten Menschen, die Kranken und Behinderten, die Roma und Sinti, die (allein erziehenden) Frauen oder die Flüchtlinge. Indische  Computerspezialisten sind begehrt, weil sie unser Wachstum fördern. Man kann sie ja nach erbrachter Leistung wieder rausschmeißen.

5. Die Philosophin Hannah Arendt hat darauf hingewiesen, dass Menschen, die von der Gesellschaft als „Überflüssige“ ausgegrenzt werden, tendenziell zu totalitären Haltungen neigen, wobei die Ausgrenzung selbst schon totalitär, faschistisch ist. Mit anderen Worten: Das kapitalistische System erzeugt Kriege, Bürgerkriege. Z.B. In Ungarn sprechen kluge Beobachter wegen des maßlosen Nationalismus und der Ausgrenzung von Minderheiten von Vorstufen für einen bevorstehenden Bürgerkrieg dort.

Dies sind die Annäherungen, um sich intellektuell aufzuschließen für die These Walter Benjamins „Der Kapitalismus ist Religion“.

Diese Religion, der Kapitalismus, prägt uns ständig und indirekt und unaufgefordert. Sie vermittelt uns von Kindheit an „Werte“:

Durchsetzungskraft, Macht, Gewinn, Quantität sei wichtiger als Qualität, Geld ls oberster Wert, der Freiheit schenkt, Wachstum der Wirtschaft, aus allem materiellen Gewinne ziehen. (Nebenbei: Nach einem Besuch in der Sowjetunion im Jahr 1926 zweifelte Benjamin daran, dass eine „sozialistische Ordnung“ besser sei als die kapitalistische: beide liegen auf der selben Ebene, was die Einschätzung des einzelnen, seine Personenwürde usw. angeht.)

Nun zum Text Walter Benjamins selbst: Es ist ein Fragment, 3 Din A 4 Seiten umfassend; es ist also äußerst knapp und kurz gehalten die Argumentation! Die im Fragment angegeben Literaturhinweise deuten darauf hin, dass eigentlich von Benjamin weiter gearbeitet werden müsste.

Wir können nur auf einige zentrale Erkenntnisse des Fragments hinweisen: Der Soziologe Max Weber, hatte betont, die Wirtschaftsordnung des Kapitalismus sei BEDINGT durch den Protestantismus, vor allem durch pietistische Formen des Calvinismus.

Walter Benjamin geht noch weiter, wenn er sagt: Kapitalismus IST selbst Religion und nicht nur von Religionen bedingt.

Für Benjamin ist klar: Der heute alles bestimmende Kapitalismus dient der Befriedigung derselben Sorgen wie die Religionen, es geht auch dem Kapitalismus, „um Befriedigung von Sorgen, Qualen, Unruhen“. Man denke an den auf Gewinn zielenden Kulturbetrieb, der durchaus Sinn stiftende Vorschläge macht, etwa in der Popkultur, in der Freizeit – Industrie usw.

Für Benjamin ist klar: Der Kapitalismus will den Menschen Befriedigung geben und Sinn stiften wie die (traditionellen) Religionen. Die Frage ist: Wie weit hat der Kapitalismus als Religion bereits die „klassischen“ Religionen, wie die Kirchen, abgelöst, inwieweit bestehen diese nur noch als Strukturen weiter.

Vier zentrale Thesen im Fragment Benjamins sollen erwähnt werden:

1.

Kapitalismus ist eine kultische Handlung. Kultreligion ist für Benjamin eine typisch heidnische Religion.

Dieser Kult – Kapitalismus hat nach Benjamin keine Dogmatik und keine Theologie (was meines Erachtens eine sehr fragwürdig Behauptung ist CM). Der Kult heißt: Nur arbeiten und gewinnen, die Arbeit verehren, um den Profit zu vermehren. Es ist ein Kultus der Ware. Tauschwert und Gewinn werden religiös als absolut verklärt. Die Orte des Handels werden kultisch überformt: Weltausstellungen sind für Benjamin Wallfahrtsorte des Fetischs Ware. Die (Handels) Passagen in Paris wirken auf ihn wie Kathedralen. (Kaufhäuser werden heute oft ohne Ironie Konsumtempel genannt). Am Beispiel der großen Weltausstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts hat Benjamin diese Tendenz der modernen Welt in seinem Passagen-Werk untersucht. “Die Weltausstellungen … eröffnen eine Phantasmagorie, in die der Mensch eintritt, um sich zerstreuen zu lassen. Die Vergnügungsindustrie erleichtert ihm das, indem sie ihn auf die Höhe der Ware hebt. Er überlässt sich ihren Manipulationen, indem er seine Entfremdung von sich und den anderen genießt.” (Benjamin V.1, 50f)

2.

Kapitalismus als Kult kennt keine Pausen; er ist zeitlich allgegenwärtig, auch am Sonntag. An allen Tagen herrscht Konsum. An allen Tagen gilt das Gesetz der Arbeit.

3.

Kapitalismus bringt keine Entsühnung, d.h. keine Erlösung; er ruft ein stetig wachsendes Schuldgefühl hervor. Er bringt Schuld und Schulden. Als Schuldner muss man durchhalten. Kapitalismus lädt allen immer mehr Schulden auf. Den Schulden kann keiner entkommen.

Das erinnert an die Unentrinnbarkeit. Kapitalismus offenbart sich wie eine  Schicksalsmacht! Darin drückt sich auch eine Form der Hoffnungslosigkeit aus. Es macht keinen Sinn, sich um Verbesserungen zu bemühen. Benjamin sagt: „Dass es so weitergeht ist die Katastrophe“

Sehr bedenkenswert ist die Aussage Benjamins:

„Der Kapitalismus ist ein Parasit des Christentums“. D.h. er ist mit dem Christentum groß geworden. Das heißt für Benjamin: Es gibt keine vom Christentum unabhängige Geschichte des Kapitalismus.

Und: An die Stelle des transzendenten Gottes tritt dann der Übermensch.

Nebenbei eröffnen sich interessante historische Belege für das „heilige Geld“ seit dem 19. Jahrhundert vor allem: es sind die Götter- bzw. Göttinnen – Darstellungen auf den Geldscheinen. Auf dem 50 Gulden Schein der herzogl. Landesbank von 1845 sind mehrere Götter abgebildet. Weit verbreitet sich auch Darstellungen von Fruchtbarkeitsgöttinnen auf Geldscheinen. Dies ist wie eine religiöse Verheißung an den Geldscheinbesitzer: Dein Geld bringt Glück. Und es weckt das Gefühl: Ich kann die Götter anfassen. Man wagte es damals nicht, den einen, den absoluten, monotheistischen Gott abzubilden, offenbar aus Angst vor Blasphemie Vorwürfen durch die Kirchenführer.

Was hat diese These Kapitalismus als Religion für Auswirkungen auf die traditionellen monotheistischen Religionen, etwa die Kirchen? Sie müssen, so glauben die meisten Kirchenführer, zum Überleben auf der zum Markt gewordenen Welt, selbst marktkonform sein. Das Gefühl ist allgemein: Religion muss etwas bringen, etwas bewirken, muss mir mein Funktionieren in der Welt erleichtern. Religion wird zum Ausdruck instrumentell agierender Vernunft.

Jetzt erleben wir die Phase des offenbar noch vollkommen ungefährdet herrschenden Kapitalismus. Wie lange wird das noch gelten angesichts der Krisen der Banken, der Milliardenkredite, die nicht den Menschen helfen, sondern den Bankmanagern und den (auswärtigen) Gläubigern?

Kapitalismus als Religion: Was nützt diese Erkenntnis für die Lebensorientierung heute? Darauf wie auf viele andere Fragen konnte unser Salon naturgemäß keine definitiven Antworten finden.

Die Frage bleibt: Kann man in der allmächtigen Religion des Kapitalismus überhaupt noch „unreligiös“ werden? Also zum  Atheisten des Kapitalismus werden?

Das Fragment „Kapitalismus als Religion“ wird uns im religionsphilosophischen Salon weiter beschäftigen. Weitere Themen wäre etwa das Wort Martin Luthers im Großen Katechismus „Worauf du dein Herz hängest… das ist eigentlich dein Gott“. Oder die Rede von der „unsichtbaren Hand“ der modernen Wirtschaft, die (angeblich, so Adam Smith) wie die göttliche Vorsehung den Wohlstand der Nationen befördert. Wer dem Konzept der unsichtbaren Hand folgt, der folgt einem Glauben. D.h. der Kapitalismus ist selbst auf einem Glauben basiert, er verlangt gläubige (und nicht rundum ein  rational begründete) Zustimmung. Weitere Themen sind: Ist politische Stabilität denkbar ohne das permanente Wachstum? Welches Wachstum wäre noch förderlich für die allmählich ausgeplünderte Erde? Was ist das für ein Menschenbild, das die Personen primär als Konsumenten anspricht und in der Werbung mit religiösen Begriffen arbeitet, wie „absolute“ oder Eternity oder himmlisch oder göttlich usw. Der Publizist Christoph Fleischmann weist in seinen Publikationen (empfehlenswert: „Gewinn in alle Ewigkeit“, Kapitalismus als Religion, Zürich 2010)  darauf hin, dass „die Messe vom Ort der Gottesoffenbarung zum Handelsplatz geworden sei, dass der Erlös die christlich verstandene Erlösung ersetzt“ usw. „Begriffe, Vorstellungen und Medien der alten Religion sind von der neuen Religion (dem Kapitalismus) okkupiert und umgedeutet worden (so Christoph Fleischmann in dem Aufsatz „Kapitalismus als Religion“ in „Blätter für deutsche und internationale Politik, 2007).

Für die nächste Zeit heben wir uns im Salon die Frage auf, ob oder auch wie der Kapitalismus in seiner Zwiespältigkeit (Fortschritt und Modernisierung vermittelnd und doch Unterdrückung schaffend) reformiert werden kann. Der „soziale Kapitalismus“ darf dabei wohl nicht als eine zusätzlich „aufgepfropfte Dimension“ künstlicher Art erscheinen. Vielmehr muss wohl an Hegels Rechtsphilosophie angeknüpft werden, in der Hegel die Sittlichkeit als die Basis aller Geschäftsbeziehungen geltend macht, so dass also von der sittlichen Freiheitsbasis aus der Kapitalismus zu reformieren wäre. Wegweisend ist hier das neue Buch von Axel Honneth, „Das Recht der Freiheit“, Suhrkamp, 2012.  Das Buch hat den bezeichnenden Untertitel: „Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit“-

Wir weisen auch auf die allgemein zugänglichen, inspirierenden Texte von Heribert Böttcher hin, er ist als katholischer Theologe Leiter der Pax – Christi – Arbeit in Trier.

Zum Fragment Walter Benjamins empfehlen wir die Aufsatzsammlung „Kapitalismus als Religion“, erschienen im Kulturverlag Kadmos Berlin, 2003. Herausgegeben von Dirk Baecker.

Der Soziologieprofessor Christoph Deutschmann wurde schon kurz erwähnt: Wichtig ist sein Buch „Die „Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus“. Campus Verlag 2001. Es gibt auch  zahlreiche weitere Publikationen Deutschmanns zum Thema.

Sehr empfehlenswert ist auch die website zur Erforschung des Werkes Walter Benjamins: http://www.walterbenjamin.org/

Eintrag am 1.4.2013: Zu dem oben genannten Buch vom Robert Skidelsky und Edward Skidelsky. Wir bieten nur einige besonders wichtige Zitate:

Edward Skidelsky: “Wenn wir nach dem streben, was andere haben, wir aber nicht, dann liegt das im kapitalistischen System, das uns zur Jagd nach immer mehr verdammt. Der Kapitalismus gießt Öl ins Feuer des menschlichen Verlangens. Politik hat jeden Versuch aufgegeben, die Marktkräfte zu steuern”.

Und der Ökonom Robert Skidelsky ergänzt: “Unsere Politiker haben für die Zielbestimmung der Wirtschaft nichts anderes auf Lager als Wachstum, Wachstum,Wachstum. Derweil kassiert eine habgierige Plutokratie im Westen ab….. dass dieses ganze (kapitalistische) System von innen her moralisch verfault, spricht kaum einer aus…Die schwerreichen Banker und die Milliardäre sind alle Frankensteins auf ihre Art. Sie halten sich für unfehlbar. Sie glauben, sie seine unglaublich wertschöpferisch tätig, was schlicht nicht stimmt. In Wahrheit sind sie Gierhälse, viele von ihnen auch Betrüger. Wir verehren sie wie Götter, aber es es sind falsche Götter – moralisch, ökonomisch, politisch”.

Der Vorschlag des Ökonomen R. Skidelsky und des Philosophen E. Skidelsky heißt: Wir müssen persönlich und in Gruppen deutlicher an dem arbeiten, was GUTES LEBEN für uns heute bedeutet: z.B: Weniger Arbeit, weniger Gier, mehr freie Zeit, mehr Achtsamkeit, mehr Zeit fürs Nachdenken, auch mehr Zeit fürs philosophische Gespräch, für die Kunst, für die Religion. Wobei dieses “mehr” nicht im Sinne des quantitativen Steigerns gemeint ist… Die Leitidee des guten Lebens, die uns schon mehrfach im Religionsphilosophischen Salon beschäftigte (zuletzt auch über das Konzept des “buen vivir” in Eciador und Bolivien) werden wir weiter besprechen. Warum kann ein religionsphilosophischer Salon sich nicht überhaupt unter das Motto stellen:”Für das gute Leben”?.

 

 

Copyright: Christian Modehn

 

 



Franziskus – der “zweite Christus”. Hinweise zum Namen des neuen Papstes

14. März 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Franziskus – der „zweite Christus“.

Mit einer Ergänzung am 17.3.2013: Das argentinische Gesicht von Kardinal Bergoglio. Kritische Hinweise von Prof. Fortunato Mallimaci, Buenes Aires. Bitte klicken Sie zur Lektüre hier.

Von Christian Modehn

Der neue Papst hat einen höchst ungewöhnlichen Namen gewählt: Franziskus. Liegt darin eine Verheißung für eine Reform der römischen Kirche oder ist diese Namenswahl eine beruhigende Besänftigung? Das wird sich zeigen. Immerhin wollen wir auf einige Aspekte zum Papstnamen Franziskus aufmerksam machen:

Etwa seit dem 11. Jahrhundert ist es üblich, dass sich Päpste nur vordem schon gewählte Namen aussuchen.  Bis dahin herrschte eine bunte Fülle von Namen, Vigilius, Agapet, Pelagius usw.

Ein gewisser “Bruch”  in der Namenswahl wurde 1978 durch den so freundlichen, aber nur wenige Tage regierenden Johannes Paul I. eingeleitet.

Der religionsphilosophische Salon, von außen die Szenerie der Kirchen beobachtend, meint: Allein die Wahl dieses Namens Franziskus ist sensationell, wenn sie nicht sogar auf einen radikalen, neuen Stil und Geist im Papsttum hinweisen könnte. Ob sich allerdings die Sanftheit des heiligen Franziskus wiederfindet in der schroffen Ablehnung etwa der Homoehe durch Kardinal Bergoglio (gerade in einer von Machismo geprägten lateinamerikanischen Welt, in der Homosexuelle immer noch belästigt und beleidigt werden) ist  fraglich. Und ob Kardinal Bergoglio franziskanisch denkt, wenn er die Zusammenarbeit von Kirche und Militär in Argentinien eher höchst diplomatisch bespricht und wohl auch vieles verschleiert, ist ebenfalls höchst problematisch. Franziskus von Assisi lag an der öffentlichen Freilegung aller Gewaltstrukturen!

Dennoch: Den Namen Franziskus hat bisher kein Papst zu wählen gewagt. Mit gutem Grund: Franziskus von Assisi (1182 – 1226) ist nicht nur der beliebteste und hoch verehrte Heilige der Katholiken, sondern weithin auch in der Ökumene, etwa in evangelischen Franziskus – Bruderschaften oder in der Anglikanischen Kirche bekannt. Selbst die säkulare Ökobewegung bezieht sich auf Franziskus, zurecht!

Mehr noch: Der heilige Franziskus wird populär unter Katholiken als der „zweite Christus“ verehrt. So makellos, so radikal wird die Beziehung des Franz von Assisi zur biblischen Botschaft, zum Evangelium vor allem, erlebt. Bisher wagte kein Papst, sich auf diesen „zweiten Christus“ in der Namenswahl zu beziehen! Ist die Wahl des Namens Franziskus vielleicht eine “Überforderung”, fast eine “Blasphemie?” Einen Papst Petrus II. hat es ja bekanntlich bisher nicht gegeben. Nun also der Name des “zweiten Christus” Franziskus, das ist auch äußerst anspruchsvoll….

Wenn jetzt ein Jesuit als Papst den Namen Franziskus wählt, will er sich offenbar in die Linie der Radikalität der Bergpredigt stellen, könnte man vermuten. Bergpredigt bedeutete für Franziskus von Assisi: Gewaltfreiheit und Dialog, Respekt vor allen Wesen, Armut. Aber: Kann ein Papst Franziskus in einem Renaissance Palast des Vatikans überhaupt nur den schwachen Anschein wecken, arm zu sein? Stehen also bald Umzüge im Vatikan, in Rom, bevor?

Franziskus von Assisi war am Dialog, nicht an der Mission der Muslime in Nordafrika ausdrücklich interessiert. Franziskus, der sanfte, ist wohl eine Inspiration für das Miteinander von Christen und Muslims.

Franziskus von Assisi fühlte sich als radikaler Kirchenreformer. Der machtvolle (machtbesessene) Papst Innozens III. (als Papst von 1198 – 1216)  sah im Traum, so der Künstler Giotto, wie Franziskus von Assisi die zusammenstürzende Kirche, die Lateranbasilika, stützt. Deswegen wollte Innozens III. den radikalen  Reformer Franziskus in die Kirche stark einbeziehen.

Der heilige Franziskus als Retter der römischen Kirche – auch das ist ein Bild, das sich tief unter Katholiken eingeprägt hat.

Franziskus, der Gründer einer radikalen Laienbewegung, fügte sich dann aber doch den Befehlen der Päpste, und ließ zu, dass ein päpstlich kontrollierter „überschaubaren“ Franziskaner – Orden mit Priestern entstand, Franziskus selbst war aber immer “Laie” geblieben.

Franziskus von Assisi hat aus seiner (erotischen?) Verbundenheit mit seiner Gefährtin, der Nonne Clara,  nie einen Hehl gemacht. Ist es hoch spekulativ, aus diesem historischen Vorbild, auf einen Impuls zur Neubestimmung des Pflicht – Zölibats im katholischen Klerus zu schließen? In Fragen der Erotik ist Herr Bergiglio bekanntlich nicht der mutigste Erneuerer, siehe seinen scharfen Protest gegen die Homoehe in Argentinien.

Franziskus von Assisi ist sicher der populärste Heilige in Lateinamerika. Seine Verehrung ist dort enorm. Der damalige Franziskanerpater Leonardo Boff aus Brasilien hat mehrere Franziskus Studien geschrieben. Boff ist einer der Gründer der Befreiungstheologie, er wurde von Rom (Kardinal Ratzinger) verurteilt. Die Befreiungstheologie hat in Argentinien nie eine so explizite Rolle gespielt wie etwa in Brasilien, Chile oder Peru. Es gab nur wenige Bischöfe, die offen die Befreiungstheologie verteidigten, einige kamen dabei ums Leben, wie der Bischof von Avellaneda. Bergoglio hat sich in Argentinien sicher nicht als Befreiungstheologe gezeigt, diese Theologie scheint ihm – pauschal sicher nicht treffend – “marxistisch” zu sein. Tatsächlich pflegen Befreiungstheologen die Analyse der Klassengesellschaft, sie deuten die Kirchliche Lehre im Licht der Befreiung, was zurecht zu heftiger Kritik an der römisch – katholischen Dogmatik und Moral führt, etwa, wenn die klassische Dogmatik Jesus vor allem als Gottmenschen hoch über der Erde plaziert, und ihn nicht mehr als Jesus von Nazareth gebührend menschlich – sozialkritisch und rebellisch würdigt. Jedenfalls zeigte sich Kardinal Bergoglio in Buenos Aires als caritativ engagierter Freund der Armen. In den letzten Jahren hat er den Kapitalismus heftig kritisiert, damit hat er wohl die Linie der katholischen Soziallehre weiter radikalisiert und Aspekte der Befreiungstheologie sicher – unthematisch – übernommen. SPIEGEL ONLINE schreibt am 14. 3. 2013: “Vor wenigen Wochen warnte Bergoglio vor der “alltäglichen Übermacht des Geldes mit seinen teuflischen Folgen von Drogen und Korruption sowie dem Handel von Menschen und Kindern, zusammen mit der materiellen und moralischen Misere”. Aber SPIEGEL Online fügt hinzu, und das vervollständigt das Bild: “Als Bergoglio die Gesetzesvorlage zur gleichgeschlechtlichen Ehe als “Teufels-Manöver” bezeichnete, antwortete Argentiniens Staatschefin Cristina Fernández de Kirchner, diese Kritik erinnere an die Zeiten der Inquisition”. Überhaupt spricht Papst Franziskus auch jetzt bereits oft vom Teufel…

Wenn man seine Tätigkeit in Buenos Aires kritisch betrachtet, wie dies Prof. Fortunato Mallimaci tut, kommen gewisse Zweifel, wie franziskanisch Papst Franziskus werden könnte. Zur Lektüre des Beitrags klicken Sie bitte hier.

Copyright: christian modehn

Über die Kirche in Argentinien habe ich im Religionsphilosophischen Salon früher schon einige Hinweise publiziert, besonders zur Verquickung von Militär und Kirchenführung. Zur Lektüre klicken Sie bitte HIER:

 

 



Jean Paul zum 250. Geburtstag: Gott ist tot… und lebt im Gefühl

11. März 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Jean Paul zum 250. Geburtstag: Gott ist tot … und lebt im Gefühl

Vor 250 Jahren (am 17.3.1763) wurde der Dichter Jean Paul (d.i. Johann Paul Friedrich Richter, gest. 1825) als Sohn einer Pfarrersfamilie in Wunsiedel geboren. Unter seinen Werken, die von religionsphilosophischem Interesse sind, ragt besonders ein kurzer Text heraus mit dem Titel „Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei“.  Er gehört als Beschreibung eines Traums zu dem Roman „Siebenkäs“, wird aber sehr oft unabhängig davon gelesen. Auf die Frage der Toten „Ist kein Gott?“, antwortet Christus lapidar „Es ist keiner“.

Dieser Text wurde 1796 publiziert. Er ist ein Erschütterung auslösendes Zeugnis eines Menschen, der seinen Glauben dem Atheismus und Nihilismus radikal aussetzt. Diese „Rede des toten Christus…“ hat eine große Wirkung erzielt, sehr früh schon bis nach Frankreich (Madame G. de Stael).

Jean Paul hat an dem Text etliche Jahre, seit 1789, gearbeitet, sozusagen mit ihm gerungen: Anfangs wollte er Shakespeare die Rede vom toten Gott halten lassen, dann einen Engel. Schließlich entschloss sich Jean Paul zu der noch radikaleren Lösung, nämlich Christus selbst die Botschaft verkünden zu lassen, dass „kein Gott sei“. So entstand diese dichte “Rede Christi”, voller symbolischer Anspielungen.

Jean Paul bindet dieses Botschaft in einen Traum (man könnte sagen einen Albtraum) ein:  An einem Sommerabend schläft er auf einer Wiese ein und sieht im Traum einen Friedhof („einen Gottesacker“), inmitten eines „ausgeleerten Nachthimmels“. Die Gräber tun sich auf, die Toten treten hervor und stehen als Schatten rund um den Altar der Kapelle, da „sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder“. Und alle Toten riefen: Christus! Ist kein Gott?“ Er antwortete:“ Es ist keiner“.

Dann erläutert Christus wie er zu seinem Urteil kommt: Er habe den ganzen Kosmos durchwandert, er habe in Abgründe geschaut, gerufen: Vater, wo bist du?, aber keine Antwort erhalten. Er habe nur den ewigen Sturm erlebt, den niemand regiert…

Jean Paul berichtet weiter, wie die verstorbenen Kinder aus den Gräbern stiegen und fragten: „Jesus, haben wir keinen (Gott) Vater? Und Jesus antwortete unter strömenden Tränen: „Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater“.

Dann versinkt das ganze Weltengebäude im Chaos, im Nichts. „Starres, stummes Nichts, kalte, ewige Notwendigkeit, wahnsinniger Zufall…“ so interpretiert Christus diese Erfahrung: Von einer ordnenden, sinnstiftenden Macht Gottes ist nichts zu spüren. Und den Menschen zugewandt, sagt Christus, nach dem Tod gäbe es „keinen Morgen und keine heilende Hand und keinen unendlichen Vater“…

Der Text, als Traum sozusagen religionspolitisch neutralisiert und deswegen damals publizierbar, ist von ungeheurer Wucht. Die Verlorenheit der Menschen in einem sinnlosen Kosmos wird angesprochen, der Unsinn, nach dem Tod auf einen liebenden Gott in einer harmonischen Ewigkeit zu hoffen. Mit diesen Gedanken hat auch Jean Pauls gerungen. Der Gedanke an den Tod hat ihn immer begleitet, betont Prof. Helmut Pfotenhauer, Würzburg.

Aber Jean Paul hatte angesichts dieser Erfahrung (seines Traums) noch die seelischen Kräfte, die ihn zu einer anderen Form des Glaubens führten: Nicht mehr das klare Wissen (ausgedrückt in der rational – präzisen Frage „Christus, ist kein Gott?“) , sondern die gefühlsmäßige Erfahrung bindet ihn an die göttliche Wirklichkeit. Sie lehrt, dass angesichts des (geträumten) Nichts und des Atheismus doch die göttliche Wirklichkeit stärker ist: Denn nach dem Erwachen aus dem Albtraum notiert Jean Paul:“ Meine Seele weinte vor Freude, dass sie wieder Gott anbeten konnte. Und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet… Und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken”.

Der Beitrag hat als Fußnote gleich zum Titel diesen praktisch -philosophischen Hinweis: “Wenn einmal mein Herz so unglücklich und ausgestorben wäre, dass in ihm alle Gefühle, die das Dasein Gottes bejahen, zerstöret wären: So würde ich mich mit diesem meinen Aufsatz erschüttern – und er würde mich heilen und mir mir meine Gefühle wiedergeben”.  Also: Das Nichts ist nicht die Wahrheit! Die Erinnerung an den Traum kann heilen und Gefühle (also die spirituelle Lebendigkeit) wiedergeben.

Wer sich dem Atheismus als religiöser Mensch tief aussetzt, wird in seinem Glauben gerade bestärkt. So könnte die Botschaft Jean Pauls heißen. Ob Gefühle allein den Glauben an Gott bestärken, ist eine Frage, die weiter zu untersuchen ist…

Friedrich Nietzsche wird später diese Überzeugung nicht mehr teilen.

P.S: Madame de Stael hat in ihrer Übersetzung dieses Textes ins Französische den letzten Abschnitt einfach weggelassen, in dem der Glaube Jean Pauls Ausdruck findet. Seit dieser Zeit ist die “Rede des toten Christus…” in einigen Kreisen nur als nihilistischer Text bekannt. Aber das ist falsch, insofern sieht man hier die Wirkungsgeschichte unvollständiger Übersetzungen…

Copyright: Christian Modehn

 



Wie lebt Gott in Frankreich heute?

1. März 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Wie lebt Gott in Frankreich heute?

Von Christian Modehn

Die empfehlenswerte unabhängige Zeitschrift PUBLIK FORUM  hat am 1. März 2013 auf der website einen Kommentar veröffentlicht, den wir hier gern zum Nachlesen anbieten, klicken Sie bitte hier.

Außerdem empfehlen wir ein (Probe) Abonnement der Zeitschrift.

 



Auf das Papsttum verzichten

16. Februar 2013 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben

Auf das Papsttum verzichten

Von Christian Modehn

Der Amtsverzicht Papst Benedikt XVI. sollte zu tieferen und durchaus radikalen ( wörtlich bedeutet “radikal”  auf die Wurzeln des Evangeliums Jesu von Nazareth bezogenen) Entscheidungen führen. Es sollte jetzt die theologisch gesicherte Erkenntnis auch praktisch und kirchenpolitisch respektiert werden: Der Spruch aus dem Matthäusevangelium “Du bis Petrus der Fels, und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen” (Mt 16, 18) stammt nicht von Jesus von Nazareth selbst. Jesus von Nazareth dachte gar nicht an eine Kirchengründung, schon gar nicht an ein Papsttum: Das ist heute allgemeine gesicherte theologische Erkenntnis. Nur fundamentalistische Bibellektüre (etwa in Rom) ignoriert das aus Gründen des Machterhalts. Und weiter hat der Spruch bei Mt. nur den Sinn, dass sich die spätere Gemeinde, die den Spruch “erfand”, sich ihrer langfristig gesicherten Existenz sozusagen jesuanisch versichern wollte.

Wer die lange Geschichte der Bischöfe von Rom, die sich dann Päpste nannten, betrachtet, etwa die durchgehende Korruptheit der Männer auf dem “Stuhle Petri” (die Medici usw) seit dem 14. Jahrhundert bis weit über die Zeiten Luthers hinaus, vorher die Machtgelüste in Zeiten des “Exils von Avignon”, später die Ignoranz der Päüste seit dem 19. Jahrhundert allem Modernen, allen Menschenrechten, gegenüber… der fragt sich ohnehin: Was ist wirklich “schlimm”, wenn diese so belastete Form des Papsttum, auch heute  immer noch barocker Prägung, (siehe “letzte absolute Monarchie auf Erden”) nun  aufs “Weitermachen” verzichtet. Es sollte doch wenigstens einmal diskutiert werden: Ist ein Katholizismus ohne Papsttum nicht nur möglich, sondern – aus spirituellen wie politischen Gründen- nötig. Diese Diskussion findet kaum statt, die TheologInnen an den Universitäten sind sich dafür zu fein. Sie spekulieren lieber mit dem medialen Mainstream: Na, wer wird denn der nächste Papst? Wäre nicht endlich eine umfangreiche Studie fällig: “Für einen Katholizismus ohne Papsttum”. Natürlich mit Beteiligung von Protestanten, die noch einmal wieder holen könnten: “Martin Luthers Papstkritik bleibt nach wie gültig”. Aber nein, statt dessen drehen sich die sogen. kritischen Katholiken im Kreise und fordern die ewigen Verbesserungen des Katholizismus. Warum sagt niemand: Das Papsttum selbst  – als absolute Monarchie nach eigenem Bekenntnis gelebt – ist ein Irrweg?

Das ist der Hintergrund des folgenden allzu knappen Beitrags, der auf der website von PUBLIK FORUM am 16. 2. 2013 erschienen ist, wir empfehlen bei der Gelegenheit erneut diese unabhängige Zeitschrift zur Lektüre und zum (Probe-) Abonnement. Zur Lektüre des aktuellen Beitrags “Der nächste Papst sei der letzte” klicken Sie bitte HIER.

 



“Die Nonne”: Zu einem neuen Film über einen Roman von Denis Diderot

31. Januar 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Die Nonne. Anlässlich der Berlinale 2013 ein Hinweis auf einen Film, inspiriert von einem Roman von Denis Diderot:

Wenn das Leben im Kloster krank macht

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 8.2.2013

Das Jahr 2013 ist auch ein Diderot – Gedenkjahr. Der französische Philosoph der Aufklärung wurde vor 300 Jahren, am 5. Oktober 1713 in Langres, geboren Er ist weltbekannt geworden vor allem als Begründer und „Leiter“ des großen Projektes der „Enzyklopédie“. Das „Diderot Jahr“ wird jetzt „eingeläutet“ mit einer Neuverfilmung des Romans „La Religieuse“, „Die Nonne“. Der Film wird auf der Berlinale 2013 im Wettbewerbsprogramm gezeigt. In den Kinos soll er ab Ende März zu sehen sein. Regisseur des Films ist Guillaume Nicloux. Er bezieht sich auf den (gar nicht so umfangreichen) Roman von  Diderot, verfasst um 1760, aber erst nach seinem Tod (1784 in Paris) im Jahr 1796 veröffentlicht. Diderot musste sich vor den Repressionen der Zensurbehörden hüten, 1749 wurde er bereits „wegen Atheismus“ in Vincennes inhaftiert, aber aufgrund prominenter intellektueller Fürsprecher freigelassen.

Für den Religionsphilosophischen Salon ist es eine Selbstverständlichkeit, anlässlich des Films auf den Roman hinzuweisen als einen Beitrag aufklärerischer Religionskritik. Diderot klagt die Zurückweisung der Selbstbestimmung von Frauen (aber auch von Männern) in der Kirche an, er legt die Scheinheiligkeit, ja Gewalttätigkeit in den Klöstern frei, diese abgeschottete Welt, die er “Gefängnis” oder gar “Grab” nennt. Die Religionspolitik der Revolutionäre ab 1789, selbst die Laicité als strikte Trennung von Kirchen und Staat, ist nur aus der Kenntnis der Religionskritik zu verstehen, wie sie sich etwa im Pariser Salon d Holbachs und Diderots (10, Rue des Moulins, Paris 1. Arr.) ausdrückte.

Zum Inhalt des Romans, den Diderot in der Ichform seiner Protagonistin Suzanne Simonin erzählt. Sie lebt einige Jahrzehnte vor der Revolution von 1789, ist  ein außereheliches Kind einer angesehenen Familie: Als junges Mädchen (sechszehneinhalb Jahre alt) wird sie von den Eltern gezwungen, ins Kloster einzutreten. Finanzielle Interessen der Eltern sind dabei ein Hauptmotiv. Der Roman schildert den Leidensweg der Suzanne Simonin in drei verschiedenen Klöstern: Bei den unterschiedlichen, meist leidvoll – schmerzhaften Erfahrungen dort bleibt sie ein frommes, „ein gottesfürchtiges Wesen“, das sich den Sinn für Freiheit und Selbstbestimmung bewahrt, aber aufgrund ihrer schlimmen Erfahrungen in eine tiefe menschliche Krise gerät. Diderot hat also keine Ambitionen, seine Protagonistin als ein „amouröses“ Wesen, der Lust verfallenes Mädchen, darzustellen; was ja einer gewissen Tradition der „Libertins“ entsprechen würde, der auch sexuell “hoch interessierten” Freigeister der damaligen Zeit. Sie verfassten viele populäre, ans Pornographische grenzende Schriften und Romane. In dieser Tradition steht das Werk „La Religieuse“ von Diderot nicht! Er will die Realität dokumentieren, in einer eher sachlich – nüchtern beschreibenden Sprache.

Im ersten Kloster „Sainte Marie“ weigert sich Suzanne Simonin, die endgültigen, „ewig“ bindenden  Gelübde abzulegen. Sie muss das Kloster verlassen; in Ronchamp erlebt sie dann zuerst eine fromme, freundliche Oberin. Darin wird deutlich, dass Diderot durchaus an einer differenzierten Analyse der Klosterwelten interessiert ist. Nach dem Tod dieser Oberin, Frau von Monc, beherrscht dann eine strenge „Chefin“, Schwester Sainte Christine, das Kloster. Sie ist einer rigiden Glaubenspraxis verpflichtet und terrorisiert förmlich ihre junge Mitschwester. Gezwungenermaßen legt dort Suzanne ihre Gelübde ab. Als “ungehorsame Nonne” wird sie bestraft, ausgegrenzt, malträtiert, aller Kleider beraubt, mit nackten  Füßen wird sie durch die Gänge gehetzt, in dunklen, unterirdischen Räumen festgehalten, “in welchem man mich auf eine von Feuchtigkeit halb verfaulte Strohmatte warf” (36). “Meine erste Absicht dort war, mich zu töten. Ich schlug mit dem Kopf gegen die Mauern und zerfleischte mich, bis das Blut floß…Jeden Morgen trat eine meiner Henkerinnen (also Mitschwestern) ein und sagte zu mir: Gehorchen Sie unserer Oberin und sie werden dieses Gefängnis hier im Kloster verlassen” (37). Als seelisch gebrochene junge Frau bittet Suzanne schließlich sogar um Verzeihung für Vergehen, die sie gar nicht begangen hat. Das Gesetz der Folter hat Diderot hier klar erkannt…. Angesichts ihres unsäglichen Leidens findet sie Unterstützung bei einem Anwalt: Ihm gelingt es, Suzanne aus diesem Kloster zu befreien: Aber wieder landet sie in einem Kloster: Dort, in St. Eutrope, findet Suzanne überhaupt keine Ruhe: Sie ist den lesbischen Ambitionen und Aufdringlichkeiten der Oberin ausgesetzt. “Ich liebe Sie bis zum Wahnsinn”, gesteht ihr die Oberin gleich nach ihrem Eintritt (S. 70). Diderot schildert aus sachlicher Distanz, wie die Oberin mit ihren lesbischen Ambitionen die 20 jährige Suzanne förmlich verfolgt und bedrängt, wie sie nachts  gar in das Bett der jungen Nonne steigt, voller Entschuldigungen, ihr, der Oberin, ginge es körperlich so schlecht. Diese Berichte erinnern fast wörtlich an die vielen Ausreden mit denen der pädophile Ordensgründer Pater Marcial Maciel (gestorben 2008) junge Novizen seines Ordens (Legionäre Christi) ins Bett lockte. All das ist von den Betroffenen genau dokumentiert…. Ausdrücklich verbietet diese Oberin ihrer Geliebten Suzanne, diese “Bettgeschichte” zu beichten: Denn dann  wüßte der Beichtvater, der allen Nonnen im Kloster die Beichte abnimmt (auch ein interessantes Nebenthema: Beichte als Kontrolle),  genau Bescheid über die lustvollen Nächte dort. Vor allem die “fromme Oberin” wäre enttarnt. Suzanne ist noch so fromm und selbstbewußt, dass sie doch die Ereignisse beichtet… und dies auch der Oberin gesteht. Diesem Bekenntnis folgt der geistige Zusammenbruch, schließlich der Tod der Oberin…Nach all diesen seelischen Verwirrungen gelingt der jetzt 20 jährigen Suzanne  die Befreiung aus diesem Kloster Gefängnis mit Hilfe eines jungen Priesters, Dom Morel. Auch er gesteht der jungen Nonne, dass er gegen seinen Willen ins Kloster gesteckt wurde. (S. 100). War Diderot gegen die lesbische Liebe im allgemeinen eingestellt? Sicher nicht, er war nur gegen die Ausnutzung eines Herrschaftsverhältnisses mit sexuellen Interessen!

Suzanne landet in Paris als gebrochene Frau, sie schlägt sich, auch körperlich am Ende, als Wäscherin durch. Ihr Leben ist  von Ängsten bestimmt, die Klöster haben sie kaputt gemacht. “Ich habe mir niemals den im Kloster herrschenden Geist zueigen machen können… Dennoch habe ich mich gewisse Gebräuche gewöhnt, die ich menchanisch wiederhole, zum Beispiel, wenn eine Glocke läutet, so mache ich entweder das Zeichen des Kreuzes oder kniee nieder. Klopft man an meine Tür, sage ich “Ave”, wie im Kloster…Meine Gefährtinnen jetzt fangen an zu lachen und zu glauben, ich wollte die Nonnen kopieren. Doch ihr Irrtum kann unmöglich lange dauern, meine Unbesonnenheit wird mich verraten. Und ich werde verloren sein”. Dies sind die letzten Worte, die Diderot von der jungen Frau Suzanne übermittelt (s. 108f.) (Zitiert nach Denis Diderot, Die Nonne, Contumax Verlag, 2010, nach einer anonym erschienen Übersetzung in Zürich aus dem Jahr 1797 (sic), also ein Jahr nach dem Erstdruck in Paris).

Der Roman, so wurde betont, erinnert an die Gestalt eines barocken Märtyrerdramas. Darin will der Philosoph seine Erkenntnis verbreiten: “Der Mensch ist für die Gesellschaft geboren. Trennt man ihn von der Gesellschaft (d.h. steckt man ihn in ein Kloster außerhalb der Gesellschaft), werden tausend Begierden in seinem Herzen erwachen, überspannte Gedanken werden in seinem Geist keimen…“. Diderot greift sozusagen die neuzeitliche, reformatorisch geprägte Klosterkritik auf. Luther und Calvin haben das klösterliche Leben entschieden zurückgewiesen: Aber Diderots Kritik gründet nicht so sehr in der Bibel, sondern in der Vernunft. Die klösterlichen Gelübde führten zu einer Verkümmerung, wenn nicht Entartung menschlichen, gemeinschaftlichen Lebens. Klosterleben sei identisch mit Selbstentfremdung.

Mit dieser Überzeugung steht Diderot nicht allein; darin ist er eins mit den aufgeklärten Geistern seit dem 17. Jahrhundert in Frankreich. Die zwangsweise Einweisung von jungen Frauen in Klöster war damals üblich, wobei die Adligen ihre Klöster für Adlige hatten, die bürgerlichen eben ihre bürgerlichen Klöster. Vielfach wurde dokumentiert, dass auch junge Männer in Klöster eintraten, weil sie dort ein bequemes Leben erwarten durften. Man lese nur einmal die entsprechenden Kapitel des Journalisten Louis Sebastién Mercier: „Mein Bild von Paris“ (publiziert in Paris seit 1781): „In Paris wimmelt es von Abbés, tonsurierten Pfäfflein, die weder der Kirche noch dem Staat dienen, ausschließlich dem Müßiggang leben und den Kopf voller Frivolitäten haben“ (Zit. S. 75 in der deutschen Ausgabe des Insel Verlages 1979). Die geistliche Dimension, die “Berufung“, war eher selten. Insofern ist der Roman „La Religieuse“ alles andere als ein Bericht von einer Ausnahmesituation. Diderot kannte die katholische Kirche sozusagen selbst von innen: In einer frommen Familie aufgewachsen, von Jesuiten ausgebildet, befand er sich sogar auf dem Weg zum Priestertum: Die entsprechende Tonsur hatte er bereits erhalten. Später schreibt Diderot: „Können diese Gelübde, Armut, Gehorsam, Keuschheit, die dem Wesen der Natur zuwiderlaufen, jemals eingehalten werden? Es sei denn nur von einigen missgebildeten Geschöpfen, in denen die Keime der Leidenschaften verwelkt sind“, fragt Diderot.

Das Kloster wird für ihn und seine philosophischen Freunde zum Symbol für ein Leben ohne Perspektiven und Hoffnungen. Im Jahr 1758 wurde in den Pariser Salons der Bericht von Marguerite Delamarre viel diskutiert: Sie hatte als Nonne im Kloster Longchamp die Öffentlichkeit alarmiert über ihre zwangsweise Einweisung in das „geistliche Haus“. Zudem hatte Denis Diderot erlebt, wie seine Schwester Angélique als Nonne im Ursulinenorden seelisch erkrankte, weil sie meinte, den Gelübden unbedingt folgen zu können. Angélique starb „als Wahnsinnige“ (so der Diderot – Spezialist Yvon Belaval) im Alter von 28 Jahren im Kloster…Diesen Schock hat Denis Diderot nie vergessen…

Persönlicher Hintergrund des Romans ist Diderots explizite Zuneigung und Liebe zu Frauen; er kritisierte, wie sie in der patriarchalen Gesellschaft „beschränkt werden und vernachlässigt werden, wie sie als Erwachsene zum Schweigen verdammt sind“ („Sur les femmes“ von 1772).

Der Roman „La religieuse“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit des einzelnen; manche Interpreten sprechen gar von „Hymne auf die Wahlfreiheit“. „La religieuse“ wurde nach der Veröffentlichung im Jahr 1796 verboten; auch die Filmversion durch Jacques  Rivette unterlag noch 1966 der Zensur; ein Jahr später war der Film ein großer Erfolg.

Man darf gespannt sein, wie die Klöster in Deutschland und Frankreich, wie die römische Kirche insgesamt,  angesichts des neuen Films reagieren: Werden sie den Film tolerant / oder ignorant /  übersehen? Wird es heißen: Ja, so ähnlich war einmal das Klosterleben einst an einigen Orten. Aber heute ist das alles ganz anders, besser, heute sind Klöster Orte der Freiheit und persönlichen Entfaltung ohne jegliche Neurose: Werden die Klöster das sagen? auch angesichts der Mißbrauchsfälle, auch angesichts der Verbrechen (die selbst Benedikt XVI. öffentlich so eingesteht) vom Ordensgründer Pater Marcial Maciel?

Der Berliner Kardinal Rainer M. Woelki macht Mut, dass angesichts des Films “Die Nonne”  die Diskussion über die Gründe und Abgründe des Klosterlebens nun beginnen kann: “Jesus wäre bestimmt auch gern ins Kino gegangen”, scheibt Woelki in der sogen. Boulevard – und Springer Zeitung B.Z., (eigentlich oft durch Fast – Nackt – Fotos von Frauen bekannt)…Und Woleki fährt dann in diesem Presseerzeugnis fort, so berichtet die seriöse “Berliner Zeitung” (8. Februar 2013, Seite 26), “die Filmfestspiele seien eine eindrucksvolle Auseinandersetzung mit realen (Sic!) Themen”. Jesus habe mit seinen Gleichnissen auch nichts anderes gemacht als die Spilefilme heute leisten…Also: Was würde Jesus sagen, wenn er “Die Nonne” im Kino sieht?  Würde er Luther und Calvin in deren prinzipieller Skepsis gegenüber dem Klosterleben zustimmen?

Copyright: christian modehn am 8.2.2013

 

 

 

 



Der Elysée Vertrag und die katholische Kirche in Deutschland

20. Januar 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Von Frankreich nichts gelernt – Der Elysée Vertrag und die katholische Kirche in Deutschland

Ein Kommentar von Christian Modehn

Der Elysée – Vertrag (22. Januar 1963) versteht sich ausdrücklich als Freundschaftsvertrag. Er will die deutsch – französische Zusammenarbeit fördern, möchte für menschliche Begegnungen und Partnerschaften sorgen, etwa auch zwischen Schulen und Vereinen. Der Elysee – Vertrag will mit anderen Worten auch die Gesellschaft von falschen Vorstellungen und Feindbildern befreien. Deswegen ist es normal, auch die Kirchen und Religionen mit dem Thema „Elysée – Vertrag“ zu konfrontieren, sind sie doch Teil der Gesellschaft.

Sind Franzosen und Deutsche in den letzten 50 Jahren einander näher gekommen? Wurden tief sitzende Missverständnisse überwunden? Sind Freundschaften über die Grenzen hinweg entstanden? So pauschal gefragt, wird man diese Fragen als journalistischer Beobachter – 50 Jahre nach dem Elysée Vertrag – sicher positiv beantworten.

Schwieriger wird es, wenn man einen Sektor der deutschen Gesellschaft näher anschaut, z.B. die katholische Kirche in Deutschland: Haben Katholiken hierzulande von ihren französischen Freunden gelernt? Gab es Austausch, der über das muntere Feiern und kulturell „hoch interessierte“ Besichtigen (etwa von Klöstern, Gemeinden) hinausging? Hat man sich vom französischen (katholischen) Freund anregen oder verunsichern lassen im eigenen Selbstverständnis? Diese Fragen werden im Umfeld der „Elysée – Feierlichkeiten“ nicht gestellt. Darum einige Hinweise, die dokumentieren: Wirkliches Lernen in der Begegnung mit den Religionen in Frankreich fand in Deutschland offenbar nicht statt. Was französische Katholiken von deutschen gelernt haben, ist eine eigene Frage, die später beantwortet werden kann.

Aber zuerst ein Wort in eigener Sache: Die Fragen nach der konkreten Gestalt einer bestimmten Religion gehören auch zu einem weiten religionsphilosophischen Interesse. Hegels Religionsphilosophie etwa bietet genaue Analysen der damaligen faktischen Religionen und Konfessionen… Mit Frankreich (und mit Franzosen) verbindet mich recht viel: Ich habe als Journalist und Theologe von 1989 bis 2005 im Saarländischen Rundfunk (SR2) ca. 50 Halbstunden – Sendungen unter dem Titel: „Gott in Frankreich“ gestaltet, Redakteur war Norbert Sommer. Diese Sendungen verstand ich als Form des Dolmetschens, also des Erklärens, was jenseits des Rheins religiös lebt. Die Ausgangsthese war, die immer wieder bestätigt wurde: Religiöses Leben ist dort –vergleichsweise – vielfältiger und experimentierfreudiger als in Deutschland, das galt auch für die katholische Kirche… Außerdem habe ich 1993 das Buch „Religion in Frankreich“ (Gütersloher Verlagshaus) veröffentlicht sowie etliche Filme für die ARD über die katholische Kirche in Frankreich realisiert, u.a. zwei Halbstundenfilme über Bischof Jacques Gaillot (in Evreux, dann nach der Absetzung durch den Papst im imaginären Wüstenbistum Partenia) oder über eine Gemeinde in Ivry, in der Banlieue von Paris, geleitet von der „Mission de France“ (2005).

Aufgrund dieser und vielfältiger anderer Arbeiten über die Religionen, vor allem den Katholizismus, in Frankreich, versuche ich anlässlich der Erinnerungen an den Elysée – Vertrag (22.1. 1963) zu dokumentieren: Ein echter Dialog, im Sinne der Lernbereitschaft zwischen der katholischen Kirche in Frankreich und der in Deutschland ist öffentlich nicht sichtbar geworden, obwohl doch gerade der Elysée – Vertrag gesellschaftliche Kräfte mobilisieren wollte, offen dem „anderen“ zu begegnen und lernbereit aufeinander zuzugehen.

Es gab bescheidene Initiativen, die auf den (finanziellen) Austausch setzten, wie die Aktion „Contact Abbé“, vor allem in Speyer: Sie war entstanden, um dem (finanziell) äußerst bescheiden lebenden französischen Klerus beizustehen. Tatsächlich erhalten französische Priester und Bischof einheitlich ein Gehalt, das dem Mindestlohn entspricht, momentan etwa 1.000 Euro monatlich.

Aber der Eindruck herrscht vor: Es gab immer – auch nach dem Elysée – Vertrag – eine starke Abwehr in katholischen Kreisen Deutschlands, das französische Modell von Kirche als Anregung zu diskutieren und wahrzunehmen. Immer lief es auf die Behauptung hinaus: Die französische Kirche ist ganz anders, da gibt es nichts zu lernen. Vor allem in grundlegenden Fragen der Kirchenfinanzierung gab und gibt es eine heftige Abwehr in führenden katholischen Kreisen: Da wird die Kirchensteuer wie ein hochheiliges Gut verstanden und verteidigt, und man bedauert eher die französische Kirche, ohne Kirchensteuer auskommen zu müssen. Das Vertrauen ins (viele) Geld ist hierzulande so stark, dass man gar die heutige offenkundige  Schwäche französischer Theologie auf die schlechte finanzielle Ausstattung zurückführt. Dabei sieht man nicht, dass von 1950 bis 1975 viele französische katholische Theologen weltweit hoch angesehen waren, wie Pater Chenu oder Pater Congar: Auch sie lebten bereits in einer „armen“, kirchensteuerfreien Kirche: Die Gründe für die Produktivität der Theologie ist eher in einem Klima der Freiheit zu suchen; dieses gibt es im katholisch – theologischen Raum bekanntlich nicht (mehr)…

Jedenfalls haben viele maßgebliche Beobachter in Deutschland nie wahrnehmen wollen: Die französische Kirche und der französische Klerus wünschen für selbst ausdrücklich kein anderes Modell der Kirchenfinanzierung als über Spenden, also ohne Kirchensteuer. Die Priester und Theologen wollen heute die Gesetze der Laicité (1905), also die Gesetze, die die Trennung von Kirchen und Staat formulieren, beibehalten. Dabei wurden diese Gesetze im Laufe der Jahre weiter entwickelt, meist zugunsten der Kirche: Staatspräsident Sarkozy sprach etwa von einer „milden“, reformierten laicité: Aber bis jetzt verbietet es sich der französische Staat, dass religiös geprägte Vorstellungen unmittelbar staatliches Gesetz werden. D.h. es herrscht nach wie vor ein gewisser Abstand, manchmal Misstrauen, zwischen der Regierung und der Kirche. Man trifft sich zum Dialog, verbietet sich aber wechselseitiges Sich Einmischen. Es wurde in Deutschland nie darüber im positiven Sinne diskutiert, ob nicht dieser „skeptische“ Abstand für die ganze Gesellschaft und den Staat hilfreich ist: Die katholische Kirche mag ja ihre eigenen Gesetze und eigenen religiös motivierten ethischen Vorstellungen haben. Aber diese dürfen niemals allgemeines Gesetz für alle werden (angesichts der religiösen Pluralität und des zunehmenden Atheismus eigentlich eine Selbstverständlichkeit). Es wäre an der Zeit, auch in Deutschland dieses Modell der laicité in Frankreich unverstellt zu diskutieren…

Gerade beim Thema Kirchensteuer wurde und wird auf deutscher Seite auch immer rühmend und stolz kundgetan, dass die Kirchensteuer doch ein viel besseres kirchliches Leben ermögliche. Dabei ist z.B. die Statistik der Teilnehmer an den Messen etwa im Kirchensteuer finanzierten Köln oder im kirchensteuerlosen Paris praktisch identisch, vor allem, was die Teilnahme jüngerer Menschen angeht. Auch die Milliarden Kirchensteuereinnahmen in Deutschland machen die Gottesdienste nicht „attraktiver“ und „voller“; die reiche  deutsche Kirche ist genauso erfolgreich bzw. erfolglos wie die arme französische. Diese Erfolglosigkeit beider Modelle hat offenbar nicht so sehr mit der Geldmenge zu tun, sondern mit der heute mangelnden geistigen Offenheit, der offiziellen römischen Abweisung von Freiheit, der Bindung an Dogmatismen usw.

Dabei wird auch übersehen, dass es zumindest bis ca. 1990 zahlreiche Initiativen in Frankreich gab, die weltweit als wegweisend empfunden wurden: Etwa die Arbeiterpriester und die Ordenskommunitäten, vor allem von Frauen, die mitten in der Stadt, oft unter den Armen, leben und den Alltag der Menschen (Ausländer usw.) teilen. Diese „typisch französischen Experimente“ wurden in Deutschland nicht aufgegriffen. In Frankreich lebten im Jahr 2000 etwa 500 Arbeiterpriester, in Deutschland 20. Es wurde hierzulande auch übersehen, dass es in Frankreich den lange Jahre andauernden Versuch gab (und gibt), neue, moderne Gemeindeformen einzurichten, mit einer Gleichberechtigung der Laien, demokratischen Leitungsstrukturen usw. (etwa die Gemeinden St. Merri in Paris oder die Chapelle St. Bernard in Paris). Es wurde in Deutschland niemals als Anregung wahrgenommen, eine halbwegs offene und wenigstens halbwegs objektive katholische Presse zu gestalten, die auch am Kiosk „für alle“ erreichbar ist, wie etwa La Croix (Tageszeitung) oder La Vie (wöchentliches Magazin) in Frankreich. Und das funktioniert ohne Kirchensteuer! Die Experimente neuer Kirchenmusik (Sylvanès etwa mit Pater Gouzes OP) wurden in Deutschland nicht wahrgenommen; es wurde kaum gesehen, dass gerade die Klöster in Frankreich Ortes des Gesprächs mit so genannten Nichtglaubenden sind. Man interessierte sich in Deutschland etwas für das Modell der Gemeindeleitung durch Laien im Erzbistum Poitiers, aber man war in Deutschland doch schnell mit dem Urteil: „Das passt doch für Deutschland nicht“. Man hat gern den vom Papst abgesetzten progressiven Bischof Jacques Gaillot eingeladen, aber seinen Ansatz einer Solidarität mit Menschen in größter Not (les sans papiers etwa) nicht übernommen. Es ist bezeichnend, dass viele Bischöfe, allen voran Kardinal Meisner, mehrfach Redeverbot für Bischof Gaillot erteilt haben. Ein Zeichen deutsch – französischer Freundschaft? Ein Zeichen dafür, den anderen als anderen zu respktieren? Die meisten Gemeinden beugten sich der autoritären Willkür Meisners, dieses „Herren der Kirche“, die Laien gingen jedenfalls nicht auf die Barrikaden.

Kurzum, es wurde viel gesprochen über den Katholizismus in Frankreich, aber es blieb so zusagen bei der Neugier, um nicht zu sagen beim interessierten Geplauder. Von wirklichen Lernschritten also keine sichtbare Spur. Mag ja sein, dass der eine oder andere mal privat einen Text von Pater Chenu gelesen hat…

Zusammenfassend kann gesagt werden: Im Bereich der katholischen Kirche in Deutschland hat der Elysée Vertrag, als Einladung zu tieferer Kenntnis und Freundschaft, keine Wirkungen gezeigt.

Und heute steht die französische katholische Kirche sozusagen ohne ésprit da: Die modernen, progressiven Ansätze sind fast verschwunden oder wurden gar verboten. Auch in Frankreich nimmt die Zahl reaktionärer Bischöfe stetig zu, man denke etwa an das Bistum Fréjus – Toulon, wo sich alle nur denkbaren äußerst konservativen „neuen Bewegungen“ sammeln. Längst sind die meisten jungen Priester mit den neokonservativen Bewegungen (Charismatiker, Communauté St. Jean usw.) verbunden: Das bis ca. 1985 noch pluralistische Gesicht des französischen Katholizismus ist zuungunsten von Gleichförmigkeit und Strenge und Dogmatismus verschwunden. „Ein trauriger Zustand“, sagt etwa der frühere Pfarrer von St. Eustache in Paris, Gérard Béneteau in seinem lesenswerten, sehr realistischen Buch „Journal d un curé de Ville“, Fayard, Paris 2011. So darf man wohl mit gutem Grund sagen: Die progressiven Kreise wurden ausgegrenzt, sie wurden ermüdet, durch immer neue Verbote in die Resignation getrieben, mundtot gemacht (Kardinal Lustiger von Paris hat darin enorme „Verdienste“, er hat das konservative, autoritäre Gesicht der französischen Kirche bestimmt, beinahe wöchentlich weilte er bei Papst Johannes Paul II). Die am Konzil noch lebhaft interessierten Kreise führen jedenfalls heute ein marginales Dasein, sind ohne Einfluss. Die traditionsreiche linke und progressive Wochenzeitung Témoignage Chrétien wird jetzt noch einmal wiederbelebt. Es gibt einige Klöster als Treffpunkte der Progressiven; es gibt die progressiven „Reseau du Parvis“, eine Bündelung kleiner Gruppen; immerhin gibt es noch die konsequent aufklärerischen Publikationen von „GOLIAS“ (Lyon): Aber die sind so unbeliebt in offiziellen Kreisen, dass selbst die große und angesehene Buchhandlung „La Procure“ in Paris die Golias Zeitschriften nicht mehr verkauft (vor einigen Jahren waren sie wenigstens noch als sogen. Bückware, ganz unten im Regal unsichtbar plaziert). Es breitet sich – wie überall im Katholizismus – eine Angst vor der Freiheit aus.

So bleibt als Gesameinschätzung: Die katholische Kirche in Frankreich ist jetzt auch von Angst besessen, sperrt sich ein, sie verliert deswegen immer mehr kreative Mitglieder. Iin manchen Regionen, wie in Centre, Burgund oder im Limousin, wird das kirchliche Leben in den nächsten 20 Jahren fast ganz verschwinden, weil dann praktisch alle Priester ausgestorben sind und niemand mehr zur Kirche geht. Die Diskussionen um den Pflicht – Zölibat, seit 1960 Dauerthema französischer Theologen, wurden von Rom, später auch von den Bischöfen, abgewürgt. Jetzt sehen diese rigoros dogmatischen Bischöfe, wie sie alsbald fast die einzigen Priester in ihren Bistümern sein werde (siehe etwa die ehrlich und mutigen Äußerungen des Bischofs von Moulins). Auch der Niedergang der französischen Kirche ist sozusagen amtlich verursacht.

Zu lernen gibt es jetzt also eigentlich nicht mehr viel, höchstens, was die Verwaltung des Niedergangs angeht. Natürlich: Einige Klöster halten sich tapfer, sind offen und einladend, und manch ein Pfarrer bemüht sich um moderne Verkündigung. Aber diese kleinen Kreise (zu denen immer noch die hoch interessante und wegweisende „Mission de France“ gehört) sind alles andere als tonangebend. Es herrscht der raue Wind des Autoritären. Und ein Frühling ist nicht in Sicht.

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 



Wer zweifelt, wird selig. Warum Skepsis den Glauben fördert. Eine Radiosendung

2. Januar 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Neues Sendedatum: Sonntag 26. Mai 2013. Die Veränderung erfolgte wegen einer aktuellen Sendung am 24.2. zum Thema “Abschied von Papst Benedikt XVI.”

Wer zweifelt, wird selig

Warum Skepsis den Glauben fördert.         Eine Radiosendung im Hessischen Rundfunk 2. Progr., Sonntag 24.Februar 2013, um 11.30 Uhr

Von Christian Modehn

Der religiöse Glaube hat nichts mit Leichtgläubigkeit oder Naivität zu tun. Es gilt, kritischen Abstand zu wahren, wann immer Lehren mit dem Anspruch auf absolute Gültigkeit auftreten. Lässt sich denn Gott mit einer Formel definitiv aussagen? Die abwägende, prüfende Umsicht wird in der skeptischen Haltung eingeübt: Erst einmal „schauen und prüfen“, ehe man sich festlegt,  ist das Motto. In dieser Überzeugung ermahnte schon der Apostel Paulus die ersten Christen (in Thessaloniki): „Prüfet alles, das Gute behaltet“.So kann Skepsis wie eine Art Heilmittel erlebt werden: Sie befreit von fundamentalistischem Wahn, macht Mut, sich auch im Glauben der eigenen Vernunft zu bedienen. Aber soll wirklich alles kritisch geprüft und in Zweifel gezogen werden? Wo bleibt die Basis für das so dringend erforderliche Grundvertrauen? In dem Beitrag wird gezeigt, dass Skepsis nie als das letzte Ziel geistigen Lebens verstanden werden kann: „Wir sollen der Skepsis gegenüber noch einmal skeptisch sein“, meint Tomás Halik. Der Theologe aus Prag sieht darin den besten Ausdruck für eine zeitgemäße Spiritualität. Kürzung: Skepsis ist ein unverzichtbarer Aspekt des menschlichen Geistes, der viel umfassender ist als Zweifeln und Fragen.

 



“Ich bin multireligiös”: Thesen für ein Salongespräch

1. Januar 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben

Selbstbestimmung auch in meiner Religion.

Zum Salon am 11. 1. 2013

Von Christian Modehn

Wir haben in den beiden vergangenen Salonabenden/Nachmittagen das Thema Selbstbestimmung besprochen, bezogen auf das Buch von Peter Bieri „Wie wollen wir leben?“ (Residenz Verlag). Wir werden im April 2013 mit einer Amsterdamer Gruppe gemeinsam über das 3. Kapitel „Wie entsteht kulturelle Identität“ sprechen, am Freitag 19.4. 2013.

Heute wollen wir das Thema Selbstbestimmung weiter zuspitzen zu der Frage: Wie steht es mit Selbstbestimmung in meiner Religion. Dabei wird Religion sehr weit verstanden, als grundlegende Lebensorientierung, als wichtigste Spiritualität (zu der auch der Atheismus gehören kann). PS: Am 16. 1. 2013 erreicht uns ergänzend eine mail, die wir gern wiedergeben: Wieder und wieder und in zunehmender angstbesetzter Heftigkeit behaupten römischen Kirchenführer, diesmal Herr Schwaderlapp in Köln, nur die Glaubensform, die dem vorgebenen Dogma entspricht, sei katholisch. Herr Schwaderlapp wehrt sich, so wörtlich,  gegen den religiösen “Gemischtwarenladen”. Mit diesen polemischen Äußerungen wird er die vielen multireligiösen Menschen sicher nicht in die römische Kirche (zurück)holen (Quelle zu Schwaderlapp: Zeitung Christ und Welt 17.1.2013).

Unser Gespräch wird dabei immer philosophisch bleiben, also konfessionell neutral, immer aber selbst – kritisch.

Das Thema ist kein exklusives Sonderthema „am Rande“. Es berührt den weltweiten Umbruch der Religionen bzw. der Bindungen von Menschen an Religionen.

 

1. These:
Der früher oft von Soziologen angekündigte Tod der Religionen ist nicht eingetreten. Das ist empirisch erwiesen. Die meisten Menschen bleiben spirituell interessiert. Sie folgen dabei nur nicht mehr automatisch den familiär vermittelten, angelernten religiösen Haltungen. Sie wollen religiös sein, wo wie sie es selbst für richtig und hilfreich halten. Früher waren Konversionen – etwa zu einer anderen christlichen Kirche – noch problematisch. Es herrschte das autoritäre Denken vor: Cuius regio, eius religio: Wo ich gerade geboren wurde, da habe ich die Religion anzunehmen. Das ist ein sehr europäisches, christliches Denken. In Asien ist das ganz anders.

Und in Europa und Amerika ist dieses religiös fixierende Denken überholt.

2. These

In der Übernahme von Weisheit, Praxis, usw. aus anderen Religionen: Damit wird meine eigene „angestammte“ Religiosität relativiert. Relativität wird also als Wert anerkannt: Jede Person lebt die eigene Religion relativ, sie kann dabei aber für sich subjektiv überzeugt sein, das ist meine „absolute“ Wahrheit. Sie wird diese ihre Wahrheit aber anderen nicht „aufdrängen“.

3. These

Es wird die andere Religion, Spiritualität, als nicht mehr befremdliches und Störendes wahrgenommen. Ich will von diesen anderen Religionen usw. lernen.

4. These
Damit wird die Relativität der Religionen (aller) insgesamt eingestanden.

5. These

Der einzelne ist der Maßstab, was er sich auswählt. Es gibt Zen- Christen; es gibt Sufi – Juden, es gibt katholische Shintoisten, es gibt Jesus – begeisterte Atheisten. Diese Vielfalt wächst, sie ist ein Zeichen und eine Herausforderung für ein tolerantes, respektvolles Miteinander der Unterschiedlichen Menschen und Gruppen. Das schließt nicht aus, dass es tatsächlich auch religiös – ästhetische Schleckermäulchen gibt, die mal hier, mal da probieren und im ewigen Probieren und Schleckern ihren religiösen Sinn sehen.

6. These

Der einzelne weiß, dass er auswählt, also im klassischen Sinne „häretisch“ ist.  Dabei weiß er aber auch, dass religiöses Leben individuell gestaltet, immer schon häretisch war. Beispiel: Ein Katholik kann z.B. mehr an Maria und Pater Pio glauben als an die göttliche Trinität. Häresie wird heute nur offenkundiger und sozusagen erlaubter (auch wenn die Kirchlichen Autoritäten dagegen sind und diese expliziten Häretiker verteufeln und ausgrenzen).

7.These

Wir müssen den Begriff Patchwork neu definieren und wohl von einem negativ gefärbten Verständnis befreien. Wer andere als patchworker bezeichnet (Patchwork – Familien etwa), geht aus von einem traditionellen, uniformen Familien begriff).

8. These

Religion à la carte: Man muss nicht immer das vorgeschriebene Menu bestellen.

9. These

Religion soll (mich) erlösen, d.h. mir meinen Lebenssinn zur eigenen Prüfung oder Verwerfung vorschlagen: Menschen mit multireligiösen Bindungen suchen sich diesen Lebenssinn. Das ist ein Zeichen für eine tiefe Nachdenklichkeit über das eigene Dasein. Dabei wird Gott als „göttlich“ erlebt und nicht festgelegt auf einen einzigen Modus.

10. These

Die Frage bleibt, wo und wie die zunehmende Gruppe multireligiöser Menschen ihren Austausch, ihre Zusammenkünfte, feiert. Die alten Strukturen sind noch nicht offen genug für diese neueste religiöse Entwicklung. Finden Sie die gemeinsame Kraft, die wirklich dringenden Aufgaben der Weltgesellschaft aufzugreifen, Hunger, Öko – Katastrophen, Armut….

11. These

Die multireligiöse Bindung kann ein Beitrag sein für den Frieden, für den Respekt der „anderen“, die dann ja nicht mehr die anderen sind, sondern Freunde, die mir wesentliches geben.

…..Der Roman von Yann Martel „Schiffbruch mit Tiger“, jetzt als Kino Film, Life of Pi, ist ein Bekenntnis zur multireligiösen Bindung. Bezeichnenderweise lehnen die religiösen Führer das multireligiöse Interesse von Pi ab.

Zum Thema empfehlen wir als Vertiefung: „Multiple religiöse Identität“. Theologischer Verlag in Zürich, 2008.

copyright: Christian Modehn

 

 



Benedikt XVI. – oberster Lehrmeister des Politischen

23. Dezember 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Papst Benedikt XVI. als oberster Lehrmeister des Politischen

Von Christian Modehn

Wir haben im Religionsphilosophischen Salon im Rahmen der philosophisch notwendigen Kritik der Religionen und Kirchen auf die politischen Ansprüche der Päpste, besonders Benedikt XVI., immer wieder hingewiesen und diese andauernden heftigen päpstlichen Weisungen gegenüber Staat und Gesellschaft dokumentiert und erläutert. Das neue Buch von Marco Politi, einem der renommiertesten „Vatikanologen“ mit dem Titel „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (Rotbuch Verlag, Berlin, Dezember 2012) bietet auch zu dem Thema wichtige Hinweise. Marco Politi, Journalist bei „La Repubblica“ und „Il Fatto Qutidiano“, bestätigt unsere eigenen bisherigen Dokumentationen. Wir weisen nur auf einige zentrale Aussagen aus dem 14. Kapitel („Der Prediger und die Wüste“) seines – sehr umfangreichen, sehr präzisen empfehlenswerten – Buches hin.

Benedikt XVI. ist davon überzeugt, dass er als Papst, d.h. als Stellvertreter Christi auf Erden und als Nachfolger Petri, die Vollmacht hat, die gesamte Politik weltweit zu belehren, „was die nicht verhandelbaren Prinzipien (der Politik) sind“. Das klingt zunächst interessant, könnte man doch denken, dass sich der Papst zu einem leidenschaftlichen Verteidiger der Menschenrechte (zu denen auch die Gewissensfreiheit gehört) aufschwingt und sich sozusagen an vorderster Front gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung bestimmter Menschen usw. aufstellt.  Aber Marco Politi belehrt uns eines besseren: Der Papst duldet als individuelle Freiheit nur den freien Ausdruck des „gebildeten christlichen Gewissens“ (S. 465), also des Gewissens, das sich von der christlichen Lehre prägen lässt. Aber wer verbreitet die authentische christliche Lehre? Es ist einzig der Papst als das oberste Lehramt. Gewissensfreiheit gibt es also nur für die päpstlich geprägten Gewissen. Noch als Chef der obersten Glaubensbehörde veröffentliche Joseph Ratzinger im Jahr 2002 eine „lehrmäßige Note“, also einen alle Katholiken orientierenden, wenn nicht bindenden Text zum Verhalten der Gläubigen in der Politik. Darin heißt es, ich zitiere aus dem Buch von Marco Politi (464 f.): “Es ist keinem Gläubigen gestattet, sich auf das Prinzip des Pluralismus und der Autonomie der Laien in der Politik zu berufen, um Lösungen zu begünstigen, die den Schutz der grundlegenden ethischen Forderungen für das Gemeinwohl der Gesellschaft kompromittieren oder schwächen“. Übersetzt könnte man sagen: „Liebe Politiker, hört auf Rom, den Vatikan, wenn ihr politische Entscheidungen trefft“. In den USA wurden tatsächlich in den letzten Jahren katholische Politiker exkommuniziert, die allzu sehr dem eigenen und nicht dem päpstlichen Gewissen folgten, etwa in Fragen des Schwangerschaftsabbruches. Ultramontanismus nannte man im 19. Jahrhundert diese entfremdende Denkungsart: „Zuerst der Papst, dann mein Gewissen“.

So wird also die faktische Autonomie und die faktische Gewissensfreiheit der (politisch handelnden) Katholiken zurückgewiesen. Katholiken müssen die „grundlegenden ethischen Forderungen“  über ihren persönlichen Gewissensspruch stellen. Der Bischof von Rom ist nicht nur ein spiritueller Lehrer, er ist als Nachfolger des heiligen Petrus auch der einzig berufene Interpret des Naturrechts. Denn dort sind die „grundlegenden ethischen Forderungen“ konkretisiert. Der Papst müsste sich konsequenterweise eigentlich auch des Titels „Oberster Naturrechtslehrer“ bedienen. Immer ist von Naturrecht in päpstlichen Stellungnahmen zu lesen, sehr selten von Menschenrechten: Warum das so ist? Menschenrechte entwickeln sich, sind mit dem Leben verbunden, sind um soziale Dimensionen etwa zu ergänzen. Hingegen ist „das“ Naturrecht im päpstlichen Sinne, auch in der konkreten inhaltlichen Prägung,  etwas UNWANDELBARES und EWIGES, es ist etwas Starres und Unhistorisches. Denn das Naturrecht geht letztlich, so wörtlich „auf den Schöpfer zurück“ (S: 485). Mit „Schöpfer“ ist der Gott gemeint, so, wie ihn die klassische vatikanische Theologie deutet: Als unwandelbarer Herr und Meister von moralischen Prinzipien. „Mit dieser Formulierung wird ein gleichberechtigter Dialog mit Atheisten und Agnostikern ein gewagtes, wenn nicht unmögliches Unterfangen“, so Politi (S. 485). Und was können Buddhisten und Hinduisten mit diesem Gott der Katholiken anfangen, der das Naturrecht erlässt und aus päpstlichen Munde universal für alle und immer und ewig verbreitet? Auch diese (rhetorische) Frage stellt Politi.

Der Papst und der Vatikan haben, das ist evident, mit ihrer total objektivistischen und unhistorischen Naturrechtslehre den Anschluss verloren an die moderne Philosophie (seit Kant): Diese entwickelt ethische Orientierung und Normen einzig aus der autonomen, kritischen Vernunft …  und eben nicht aus theologisch fixierten Überzeugungen … Diese Ignoranz gegenüber dem lebendigen Wandel führt sicher sehr viele nachdenkliche Menschen zur Distanz von dieser eher versteinert erscheinenden Kirchen -, d.h. Naturrechtslehre.

Mit dieser rigiden und ahistorischen (selbst theologisch längst umstrittenen) Ideologie will der Papst seine Urangst überwinden, die panische Angst vor dem Relativismus. Nichts ist für Benedikt schlimmer, als wenn relativistisch, d.h. mit historischem und hermeneutischen Wissen die vorgeblich ewigen vatikanischen Lehren befragt werden. Dann könnte man ja auch bestimmte Bibelsprüche relativistisch deuten, etwa die Begründung des Papsttums oder den Ausschluß der Frauen vom Priesteramt, dann aber würde sozusagen das ganze vatikanische System zusammenbrechen. Aus ureigenen, auf Machterhalt bedachten Motiven muss der Papst also Verfechter des rigiden, ahistorischen Naturrechts bleiben. Relativismus würde seine eigene Existenz als Papst und seines Hofes (=curia) gefährden.

Marco Politi weist zu recht darauf hin, dass nur von dieser völlig in sich abgeschlossenen Naturrechts – Ideologie aus der Kampf des Papstes gegen den ethischen Pluralismus der Moderne zu verstehen ist. Die von konservativ bis fundamentalistisch geprägten Katholiken heiß bekämpfte und äußerst polemisch attackierte so genannte Homoehe (jetzt etwa in aller Schärfe in Frankreich) ist nur ein Beleg dafür, zu welcher Mobilisierung diese uralte Naturrechts – Ideologie in der Lage ist. Die Homoehe, so der pauschale Vorwurf, würde „die“ Familie destabilisieren. Um dieser Naturrechts – Ideologie willen hat der Vatikan übrigens auch über viele Jahre zu Berlusconi gehalten. Dem Papst und seinen Mitarbeitern war das private Leben wie das politisch wie ökonomisch verantwortungslose Verhalten Berlusconis schlicht egal. Warum? Weil Berlusconi den italienischen Bischöfen und dem Vatikan signalisierte: “Von meiner Seite hat der Vatikan nichts zu befürchten“ (S. 463). Damit meinte er: Die Finanzierung katholischer Schulen durch den Staat und die Steuerprivilegien der katholischen Kirche bleiben unter Berlusconi erhalten. ABER, das ist entscheidend, Berlusconi verspricht, gegen die Homoehe vorzugehen, gegen das Gesetz über Patientenverfügungen usw. Kardinal Bertone, die so genannte Nummer 2 im Vatikan, freute sich deswegen auch zu betonen, wie der Vatikan Berlusconi „zu Dank verpflichtet ist, weil diese Regierung im Rahmen befriedeter Beziehungen stets die Interessen der Kirche (!) berücksichtigt hat“ (s. 463). Der Vatikan löste sich aus der ultra- freundschaftlichen Beziehung mit dem Katholiken Berlusconi erst im Herbst 2011: Da hatte dieser unsägliche Machtpolitiker insgesamt und nahezu überall jegliche Akzeptanz verloren. Auffällig ist: Der Vatikan unterstützt selbst auch heute höchst umstrittene und belastete, wenn nicht kriminelle Politiker, wenn sie denn nur „die Interessen der Kirche berücksichtigen“, wie Kardinal Bertone so präzise sagt.

Die Debatte um den Einfluss der rigiden Naturrechtslehre à la Vatikan bzw. Ratzinger wird aktuell noch einmal deutlich in der Ansprache des Papstes anlässlich der Weihnachtswünsche für die Kurie am 21. Dezember 2012, wir beziehen uns hier auf den französischen Text, den „La Croix“ (Paris) druckte. Darin nimmt Benedikt XVI. direkt Bezug auf eine Abhandlung des Groß- Rabbiners von Frankreich, Gilles Bernheim. Der Papst sucht sich sozusagen ökumenischen Beistand von  prominenter orthodoxer jüdischer Seite: Wer würde es da schon wagen zu widersprechen? In schärfsten Worten polemisiert er – darin mit dem Großrabbiner einer Meinung – gegen die Auflösung „der Familie“ durch die Homoehe und die Gender Philosophie, die er übrigens bei Simone de Beauvoir festmacht. Der Papst ist sich, als angeblich so brillanter und so viel gerühmter hoch gebildeter Theologe, nicht zu schade, die  biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich normativ zu deuten: „Als Mann und Frau schuf er (Gott) die Menschen (Gen. 1, 27) heißt es da: Aus diesem beschreibenden Faktum wird beim Papst gefolgert: Nur Mann und Frau können eine Familie bilden. Nur in dieser Dualität, so Benedikt und Bernheim, sei „der“ Mensch authentisch. „Die (Hetero) Familie“, so wörtlich Benedikt und Bernheim, „ist eine Realität, die schon im voraus durch die Schöpfung etabliert wurde“. Die Heteroehe ist sozusagen eine Idee Gottes, die mit der Schöpfung ad aeternum verbunden ist. Konsequent heißt es weiter: Wer diese Tatsachen der Schöpfung leugnet, „der leugnet auch Gott selbst – und der Mensch wird degradiert“. Wer die Homofamilie lebt oder befürwortet, wird in dieser Sicht förmlich zum Unmenschen. „Nur wer Gott verteidigt, verteidigt das menschliche Sein“, heißt es in der „friedlichen“ Weihnachtsansprache an den päpstlichen Hof. Merkwürdig ist, wie stark diese Form der starren Bibelinterpretation und des objektivistischen Naturrechts jegliche Bezugnahme etwa auf die Jesus – Gestalt verschwinden lässt.

Schon lange nicht mehr waren derartig maßlose Worte anlässlich einer fundamentalistischen Bibellektüre aus päpstlichem Mund zu hören. Der Vatikan, so prachtvoll barock er sich auch mit allem Pomp und Glorienschein geben mag, ist längst ein Getto geworden, das sich in starren Prinzipen einmauert und kein Interesse hat an einem Dialog, der Streit und Auseinandersetzung ist unter gleichberechtigten Partnern. „Die Stimme der Wahrheit hat immer recht…“, sie braucht keinen wirklichen Dialog. Zeichen der Ermunterung und Symbole der Hoffnung für diese so vielfältige, pluralistische Menschheit sind vom Papst trotz so vieler Worte, Weisungen und Mahnungen kaum mehr zu erwarten. Das ist die – manchen noch traurig stimmende Weihnachtsbotschaft, die dieser Tage im Vatikan verbreitet wird. Neu ist dies für einige dies vielleicht noch deprimierende Botschaft nicht. Die Schärfe des Tons wundert sogar die Freunde des religionsphilosophischen Salons. Katholische Medien sprechen bezeichnenderweise von einem aktuellen „Kulturkampf“, etwa in Frankreich anlässlich der heftigsten Debatten um die Homoehe (vgl. Christ in der Gegenwart, Heft 52, 2012, Seite 578). Kulturkampf aber ist nichts als Krieg, ausgelöst durch eine rigide Haltung des Papstes, die in der Moderne nur das Böse sehen will. Der Papst meint allen Ernstes, diese Moderne sei gottverlassen und der (heilige) Geist habe sie verlassen. Kann eine Vorstellung von Gott eigentlich noch kleinlicher werden?

Marco Politi, „Benedikt. Krise eines Pontifikats“. Rotbuch Verlag Berlin, 2012, 539 Seiten, 19, 99 Euro. Wir empfehlen dieses preiswerte Buch dringend.

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