Denken und Glauben



„Ohne Erbsünde glauben“. 10 Fragen und Antworten anlässlich einer theologischen Diskussion

9. Juni 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Termine

Von Christian Modehn,  am 8. Juni 2017

1.Frage

Die Lehre von der Erbsünde ist, etwa in der katholischen Kirche, ein Dogma, also eine definierte Glaubenslehre. Kann man sich denn heute von einem Dogma mit dieser umfassenden Lehre befreien?

Ja, kann man und sollte man. Das kann nicht nur der einzelne, aufgeklärt denkende Glaubende, indem er dieses Dogma in dieser Form eben für sich beiseite lässt. Und das tun sehr viele. Die Befreiung von diesem Dogma kann aber prinzipiell auch das katholische Lehramt heute vollziehen. Wenn es denn so viel Vernunft walten lässt und erkennt: Dieses Dogma zur Erbsünde ist nicht nur Ausdruck einer bestimmten, also begrenzten Theologie, in dem Fall des 4. Jahrhunderts. Dieses Dogma zur Erbsünde ist zudem vor allem Ausdruck einer damaligen politischen Haltung, es ist historisch nachweislich entstanden unter Bestechung, Betrug und dem Einsatz materieller Mittel. Die Erbsündenlehre ist also eine zähe sich haltende Ideologie.

2. Frage

Warum hat denn, etwa die katholische Kirche, so lange an diesem Dogma festgehalten?

Weil das katholische Lehramt die geschichtliche Entwicklung, den Wandel und die Veränderung (und dazu gehört eben auch die Abschaffung alter Lehren) des eigenen Lehrsystems

absolut verachtet und ausschließt. Das Lehramt hasst die Entwicklung, die Geschichtlichkeit, die Evolution, also auch die Entdeckung von neuen Einsichten und damit die Befreiung von alten, weil das Lehramt in seiner Angst weiß: Diese Befreiung könnte auch zu einer Neudefinition des Lehramtes selbst führen, also zum Machtverlust des Klerus.

3. Frage

Ist denn die Formulierung eines Dogmas, auch des Dogmas der Erbsünde, nicht eine ewig gültige Lehre?

Natürlich nicht! Das wird nur vom Lehramt behauptet und den Glaubenden eingeredet. Evident ist: Jede Glaubensaussage ist eine Aussage bestimmter, notwendigerweise geschichtlich geprägter Menschen. Jeder Glaubende später hat die Aufgabe, diese alte überlieferte Lehre zu studieren, zu kritisieren, neu zu formulieren in seiner eigenen Sprache und möglicherweise in gravierenden Fällen als großen Unsinn eben als nicht-relevant für sich selbst und seine Gegenwart beiseite zu tun. Dann beginnt das große Aufatmen, als hätte man eine schwere Last abgeworfen. Genau das soll mit der Erbsünden – Ideologie geschehen. Ich sage Ideologie, weil diese Lehre keinerlei Anhalt im Erfahrungsbereich des einzelnen hat. Hat jemand schon mal die Erbsünde ALS Erbsünde erlebt?

4. Frage

Blamiert sich das Lehramt nicht, wenn es eine alte dogmatische Lehre beiseite legt und sich von ihr befreit?

Nein, gar nicht. In der heutigen Welt werden eher Menschen hochgeschätzt, die Fehler von einst erkennen und bearbeiten, auch in den Wissenschaften ist dies so, auch in den individuellen Lebenserfahrungen ist das so. In den Evangelien und etwa in den Briefen des Paulus und der so genannten paulinischen Schriften wird je weiter die Erkenntnisse der ersten Gemeinden voranschreiten, auch Neues und anderes gesagt im Vergleich etwa zu der sehr alten Logienquelle Q oder dem Markus Evangelium. Es gab einmal Entwicklung und Evolution in der Kirchenlehre. Aber siewurde gestoppt im 2. Jahrhundert.

5. Frage

Sind denn dann die Erzählungen vom Sündenfall im Buch Genesis hinfällig?

Nein, sie behalten als Mythen ein historisches Interesse. Sie sind ein uralter mythischer Beitrag zur Frage nach dem Bösen. Mehr nicht. Aber sie können die Phantasie anregen, aber mehr nicht! Sie müssen historisch und kritisch gelesen werden, nicht mit einem schon vorweg „mystisch“ geformten Sinn, der etwa die Schlange so toll findet oder sich an der Nacktheit irgendwie tiefenpsychologisch abarbeitet. Das kann man ja nebenbei als Hobby machen. Evident ist: Das Essen vom Baum der Erkenntnis als Bild ist eine große und gute Tat der Menschen: Denn dieses Essen vom Baum der Erkenntnis macht Adam und Eva zu Menschen, zu freien, nachdenkenden Menschen.

6. Frage

Wenn wir uns von der alten Erbsündenlehre aus dem 4. Jahrhundert befreien: Dann wird doch die Fragen nach dem Bösen in der Welt nicht hinfällig?

Diese Frage bleibt, und über das Böse in der Welt der Menschen muss nach wie vor nachgedacht werden. Auch über Sünden, Nicht aber über die sexuell übertragbare Erbsünde, wie es der Erbsünden-Freund Augustinus sich ausdachte.

Definitive, formelhafte Antworten auf das Böse, etwa mit einem Begriff (wie einst „Erbsünde“), kann es sachlich nicht mehr geben. Es ist das Suchen nach Erklärungen, über die man vernünftig diskutieren kann. Eine Denk-Möglichkeit ist, die Macht des Egoismus als Ursprung des Bösen anzusehen. Und damit die Überwindung des Bösen in der Welt gerade in der ständigen Überwindung des Egoismus, auch in der Politik, auch in der Ökonomie, auch in den Kirchen, zu fördern, zu lernen, zu leben.

7. Frage

Hat denn die Erbsündenlehre tatsächlich so viel Schaden angerichtet?

Das ist evident. Man lese nur die Arbeiten großer Historiker, wie Jean Delumeau und anderer. Die Erbsündenlehre ist eine von der Kirchenführung eingesetzte Ideologie der Angst, der Kleinmachung des Menschen, des permanenten Schuldgefühls. Die Erbsündenlehre ist eine Motivation, die Heiden unter Zwang zu bekehren, d.h. zu taufen. Die Erbsündenlehre ist die ideologische Voraussetzung des von den Kirchen gestützten Kolonialismus. Und die Stütze für die „Judenmission“ usw.

8. Frage

Wenn die alte Erbsündenlehre beiseite gelegt wird, muss die Bedeutung der Erlösung durch Jesus Christus auch neu verstanden und neu gedacht werden?

Selbstverständlich! Die Idee, Jesus opfert sich mit seinem Blut für den Versöhnung fordernden Gott -„Vater“ auf usw, diese Vorstellung wird auch überwunden. Diese Wiedergutmachungslehre wird endlich beiseite gelegt, in gutem ökumenischen Einverständnis, denn bekanntlich lehren die Lutheraner auch diese Wiedergutmachungs-Erlösungslehre durch das Blut Jesu. Kaum noch nachvollziehbare, mythische Karfreitagslieder wie „Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld“ werden nur noch Historiker interessieren, sie verschwinden aus den Gesangbüchern. Das alte, beliebte katholische Kirchenlied zum „unblutigen Opfer“ ( das ist die katholische Messe !) ist ja auch aus den Gesangbüchern verschwunden, das Lied begann so: “Nun ist das Lamm geschlachtet“ (geschlachtet, unblutig, vom katholsichen Priester, auf seinem Altar…). An was für absonderliche Welten sollen die Menschen nur glauben…Kein Wunder, dass es so viele nachdenkliche „Atheisten“ gibt.

9. Frage

Wer ist Jesus dann im Rahmen einer neuen Sündentheologie, die auf die alte Erbsündenideologie verzichtet?

Ein weites Feld für kreative Theologie öffnet sich da. Etwa: Jesus zeigt in seiner Person, dass Liebe das Höchste ist, was unbedingt gelebt werden muss, auch als politische Gestaltungskraft. Jesus zeigt in dem Sinne als „erlösendes Vorbild“, dass das, was wir Gott nennen, ein Geheimnis ist, das nie der Mensch, auch kein Papst etc., dogmatisch in den Griff bekommt. Aber Jesus bezeugt: Dieser Gott ist liebend den Menschen zugewandt. Und das zu wissen, reicht.

10. Frage

Sollten, diejenigen, die die Erbsündenlehre beiseite legen, nicht Angst haben, nicht mehr als katholisch zu gelten?

Überhaupt nicht. Sie sollten sich freuen über die Tat der Befreiung. Und sie sollten die modernen Theologen fragen: Warum habt ihr uns von dieser Ideologie bisher nicht befreit? Warum gerade jetzt, im Jahr des Reformationsgedenkens? Warum habt ihr diese alten Erbsünden Lehren so ewig repetiert, gedreht, gewendet, voller Angst, gegenüber der Glaubensbehörde, etwas falsch zu machen? Zudem werden wir uns eingestehen, dass die meisten Glaubenden diese alte Erbsündenlehre sowieso nicht mehr glauben. Und vor allem: Niemand kann einem Christen absprechen, nicht mehr Christ oder Katholisch zu sein, bloß weil er sich von einer verfehlten Ideologie, der alten Erbsündenlehre, absetzt. Die Gegenfrage an die Hüter der Lehre etwa in der Glaubensbehörde des Kardinal Müller: Schämt ihr euch eigentlich nicht, die den Glaubenden Suchenden heute noch mit dieser theologischen Ideologie, und das ist die alte Erbsündenlehre, zu belasten.

Nebenbei für alle, die gern noch ein Zitat aus dem Neuen Testament mögen: Im Lukas Evangelium Kapitel 11, Vers 46, sind von Jesus Sätze überliefert, die aus dem Bewusstsein der Dogmenhüter heute offenbar verschwunden sind und deswegen kaum aktuell zitiert werden. Da soll also Jesus zu den Schriftgelehrten (als den Glaubenswächtern damals) gesagt haben: „Wehe euch, ihr Gesetzeslehrer: Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können. Und selbst rührt ihr die Lasten nicht mit einem eurer Finger an.“

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.



Walter Benjamins 125. Geburtstag: Ein religionsphilosophischer SALONABEND

27. Mai 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Am 15. Juli 2017 wird des 125. Geburtstages von Walter Benjamin gedacht, er ist vor allem Philosoph! Er ist auch Kritiker, Übersetzer, Journalist/Autor. Wir wollen in einem Salon-Gespräch einige Annäherungen an sein vielschichtiges Werk suchen und dadurch zur Benjamin-Lektüre ermuntern. Wir werden uns mit einigen Kapiteln seines Buches „Einbahnstraße“  auseinandersetzen, die Lektüre empfehle ich zumal für „Einsteiger“ in Benjamins Arbeiten. Wir werde an Benjamins Paris-Aufenthalte denken (und an Schriften von ihm zu Paris) und ermuntern, seine Geschichtsphilosophie und Religionsphilosophie zu studieren. Im Zentrum unseres Gespräches wird der wichtige, durchaus knappe, aber schwierige und viel besprochene Text „Über den Begriff der Geschichte stehen“ (in: Illuminationen, S. 251 – 262). Dies versteht sich als Einführung und Einladung zur weiteren Auseinandersetzung mit dem Text!

Ein Benjamin-Abend also, diesmal an einem anderen Ort: In der neuen Kunstgalerie am Benjamin Platz in Berlin, nahe dem Kurfürsten Damm, Eingang über die Leibnizstr. Wir treffen uns also in der Galerie „Kunst und Grün“ am Freitag, den 14. Juli, passend zum französischen Feiertag (Beginn der Revolution 1789), um 19 Uhr. Anmeldungen erforderlich an: christian.modehn@berlin.de

PS: Walter Benjamin, von den Nazis als Jude verfolgt, lebte ab 1933 überwiegend in Paris; am 27.9. 1940 hat er in der Nähe von Port Bou Suizid begangen.

Wer sich mit einigen wichtigen Studien und Essays von Benjamin schon vertraut machen will: Dem empfehle ich „Illuminationen“, Ausgewählte Schriften, Band 1. Suhrkamp Verlag 410 Seiten, nur 15 Euro. Das oben empfohlene Buch Benjamins „Einbahnstraße“ (mit dem Text „Berliner Kindheit um 1900“) ist im Fischer – Taschenbuch Verlag erschienen, es kostet 8 Euro.



PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest

21. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denken und Glauben, Termine

PFINGSTEN, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest… und ein politisches Fest!

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.5. 2017

Kein Fest der Christen ist vielen so unbekannt wie Pfingsten. Das sagen hingegen nicht (klassische, „idealistische“) Philosophen. Denn Pfingsten ist auch ihr Fest, das Fest des sich selbst reflektierenden Geistes, also der Vernunft. Wir feiern, auch trotz der Linkshegelianer und Marxisten, naturgemäß eben auch, moderat, Hegel, den Meister des absoluten Geistes … zu Pfingsten. Dass diese philosophische Haltung politisch-kritisch ist, habe ich 2016 in einem eigenen Beitrag darzustellen versucht, siehe weiter unten….

Pfingsten und Himmelfahrt und Ostern: Diese drei christlichen Feste, beziehen sich auf eine und dieselbe Einsicht der frühen Christen: Ihnen kam nach der Ermordung Jesu am Kreuz  die Erleuchtung, um es mal buddhistisch angehaucht, aber heutzutage verständlich zu sagen, als die gemeinsam geteilte Einsicht: Der verstorbene Jesus von Nazareth,  dieser wunderbare Mensch, lebt auf ungeahnte Weise über den Tod hinaus in ewiger Gegenwart. Diese Einsicht, diese Erleuchtung, wird zu Pfingsten explizit gefeiert. D.h.: Das Ewige ist im Menschen. Es hat auch Jesus ins weite Leben geführt – wie es alle anderen Menschen auch, weil alle mit dem Ewigen „begabt“. Pfingsten also ein Fest dieser fundamentalen Einsicht. Und der Versuch, all die unterschiedlichen Menschen zu einer Gemeinschaft, Gemeinde, genannt, zu versammeln.

Nun zum Zusammenhang von Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten…

Warum werden eigentlich in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Haben diese Gedenktage und Feste denn alle einen grundlegend verschiedenen Inhalt? Die Antwort vorweggenommen, siehe Weiteres unten, heißt: Nein. Es ist vielmehr der gleiche Inhalt, der an den drei verschiedenen Gedenktagen bzw. Feiertagen bedacht wird.

Dass die Kirchen dreimal in kurzem zeitlichen Abstand Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten feiern, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, Feste eben „feste“ zu feiern und vor allem: Es hängt vor allem mit dem so genannten Kirchenjahr zusammen, das sich auf das säkulare Jahr „legt“, allerdings mit anderen Neujahrstagen und anderen Silvestertagen: Neujahr im Kirchenjahr ist nicht der 1.Januar, sondern jeweils der erste Sonntag im Advent. Und Silvester als der letzte Tag des (weltlichen) Jahres ist im Kirchenjahr förmlich der Sonntag vor dem 1. Adventssonntag, der in evangelischen Kreisen „Ewigkeitssonntag“ genannt wird. Das Kirchenjahr mit einem eigenen Anfang und eigenen Ende folgt den Lehren der Kirche, also von der Erwartung Jesu Christi (Advent) bis zum Ende der Welt…Und darin sind Ostern, Himmelfahrt Jesu Christi und Pfingsten platziert.

Mit diesem Sonder-Kalender wollen die Kirchen signalisieren, dass sie doch nicht ganz den Rhythmen der weltlichen Zeit und der Welt folgen wollen. Darum wurde auch früher, als die Menschen noch stärker christlich und vor allem deutlicher katholisch geprägt waren, der Namenstag (bezogen auf einen Heiligen im Kirchenjahr !) viel besser gefeiert als der (natürliche) Geburtstag, der sozusagen zur weltlichen Zeit gehört. Ein Christ feiert den christlichen Namenstag, hieß und heißt die Devise. Damit wurde zugleich dem Menschen ein leibhaftiges Vorbild vor Augen gestellt… wenn es denn eines war: Einen heiligen Georg soll es als historische Person nicht gegeben haben….

1. Ostern bedeutet als das Fest und als Form des Gedenkens: Nach dem historisch stattgefundenen Tod (der Kreuzigung) Jesu von Nazareth kommen die Jünger nach einer Zeit der Trauer und Depression zu der gemeinsam geteilten, aber in unterschiedlichen Sprachformen übermittelten Überzeugung: Dieser Jesus von Nazareth, dieser vorbildliche Mensch, den wir liebten, der uns liebte, kann nicht im Nichts verschwunden sein. Er lebt auf neue Art; er wird als auf neue Art Lebendiger von der Gemeinde erlebt. Dies ist – kurz gesagt – Ostern als das Fest der Auferstehung Jesu Christi. Sie ist eine begründbare Überzeugung für die Gemeinde, weil sie wissen: Das Ewige und in dem Sinne Göttliche ist bereits eine unabwerfbare, freilich in einer oberflächlich-kapitalistischen Welt übersehbare Wirklichkeit im Menschen. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann nicht untergehen im Tod. Deswegen sagt auch der Apostel Paulus: Jesus Christus zeigt sich nur als der Erste, der vom Tod Auferweckten. Ein historisches, greifbares datierbares Ereignis (für Historiker) ist die Auferstehung Jesu von Nazareth selbstverständlich nicht. Die Rede vom leeren Grab ist ein Bild, mehr nicht. Der Tod ist überwunden, auch wenn der Körper im Grab liegt. Das letzte historisch – fixierbare Datum aus Jesu Leben ist der Prozess, die Kreuzigung und der Tod am Kreuz. Historisch greifbar als Ereignis ist hingegen die Überzeugung der ersten Christengemeinde: Dieser Jesus lebt für uns in der göttlichen Wirklichkeit. Und dahin gelangen auch wir – wie auch immer – nach dem Tod unseres Körpers.

2. Und damit sind wir bei dem, was Christi Himmelfahrt meint: Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung, die schon zu Ostern deutlich wurde: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise für den Ort des Göttlichen hält, im „Himmel“. Das Fest Christi Himmelfahrt ist also ein Variante des Osterfestes.

3. Und Pfingsten? An dem Gedenk- und Feiertag wird klar: Die erste Gemeinde hat die innere Voraussetzung für ihre Überzeugung bezüglich Ostern und Christi Himmelfahrt reflektiert: Und sie weiß dann im gemeinsamen Sprechen, fragen und Nachdenken: Dass wir erste Christen überzeugt sind, dass Jesus von Nazareth auf eine unvorstellbare Weise lebt, ist förmlich ein Geschenk, ein Geistes-Blitz, ein Widerfahrnis, womit eigentlich niemand gerechnet hat.

Insofern ist Pfingsten das Fest der Einsicht, der überwältigenden Erkenntnis, des Geistesgeschenks. Und dies führt die Menschen zusammen, etwa in Gemeinden und Kirchen. Dass später dann in charismatischen und pfingstlerischen Gemeinden der emotionale Überschwung begann, das Trallala, die Zungenrede, die merkwürdig (abstoßenden) Geistes-Heilungen usw., ist, geistvoll betrachtet, ein Irrweg. Pfingsten ist vielmehr das Fest des kritischen Nachdenkens über das Leben in dieser Welt, selbstverständlich sollte sich diese Überzeugung auch körperlich ausdrücken, im Tanz, der Bewegung, dem gemeinsamen Unterwegssein.

Die Kirche als vom Geist gegründete ist eigentlich der Ort, wo die Vernunft ihren Ehrenplatz hat. Aber leider de facto selten hat. Siehe die Ablehnung der Philosophie durch Luther, die Ablehnung des modernen Humanismus usw. Da haben dann philosophische Salons ihre Aufgabe!

Natürlich lässt sich Pfingsten auch säkular feiern: Indem man reflektiert und die Frage stellt: Ist denn alles erlebte Geschehen des Geistes (Liebe, Eros, Kunst usw.) in mir und in anderen nicht auch ein Geschenk, eine Gabe, ein geistvoller Zu-Fall? Pfingsten befreit also von der Banalität des angeblich bloß grauen Alltags.

Christen feiern Pfingsten zudem als Fest der Gleichberechtigung aller Menschen: Denn alle haben den heiligen Geist. Der Geist wird nun heilig! Bekanntlich konnten die vielen Christen aus vielen Kulturen und Sprachen – laut Bericht der Apostelgeschichte – einander nicht nur verstehen, sie respektierten auch einander. Insofern ist Pfingsten dann doch auch ein Fest der absolut, also göttlich gewollten Pluralität der Menschen und ihrer vielfältigen Kulturen; selbstverständlich haben alle Kulturen und alle Menschen das gleiche Lebensrecht! Insofern ist Pfingsten auch das Fest der universalen Menschenrechte. Die Kirchen sollten eigentlich Modelle sein für dieses multikulturelle Zusammenleben, sind sie aber leider eher selten. Im Ausgrenzen von „anderen“ sind auch die Kirchen sehr erfahren und immer noch fixiert. Man denke nur an die aktuellen furchtbaren Hasstiraden des Patriarchen Kirill von Moskau gegen Homosexuelle. Solche Leute wie Kirill als mächtige, stinkend reiche Staatstheologen Putins sind (noch) nicht vom Geist berührt…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mein Beitrag zu Pfingsten 2016: Wie der Geist, der heilige, zu politischer Kritik ermuntert. Eine philosophische Predigt.

Ein Hinweis von Christian Modehn.   Zugleich, zum ersten Mal, der Versuch einer philosophischen Predigt. Zum „Fest des Geistes“ sei dies bitte gestattet….

Muss man daran erinnern, dass Pfingsten das Fest des Geistes ist? Muss man daran erinnern, dass der Geist (nennen wir ihn philosophisch auch kritische Vernunft) als etwas Heiliges zu gelten hat, als eine Kraft, die absolut und unbedingt hoch zu schätzen, zu pflegen und zu entwickeln ist? Die Kraft, die den Menschen als Menschen auszeichnet bzw. auszeichnen sollte?

Wenn die Menschen sich am Pfingstfest auf den Geist besinnen, auf ihren Geist und den, den sie mit allen Menschen gemeinsam haben und teilen, dann liegt darin immer auch eine politische Dynamik. Christen, denen der Geist ja traditionell heilig, sogar göttlich ist, bleiben unter ihrem theologischen und religionsphilosophischen Niveau, wenn sie Pfingsten nur innerreligiös, nur als seelische Bereicherung ihrer hoffentlich schönen Seele begreifen.

Der Geist der Kritik verweist heute selbst auf Themen, an denen wir uns geistvoll abarbeiten sollten, er zeigt die drängenden Aufgaben nämlich in aktuellen Kontrast-Erfahrungen: Das heißt: In den Erlebnissen und Erkenntnissen so vieler, die ihr Wissen aussprechen oder noch schamhaft für sich behalten: Das Wissen ist: Unsere Welt im ganzen, auch unsere Gesellschaft hier, wird nicht nur eine grundlegend andere. Sie sollte auch als eine gerechtere, bessere, gestaltet werden. Den Kontrast zum Bestehenden gilt es im kritischen Denken zunächst auszuhalten und dann zu überwinden… zum Besseren.

Wir stehen an einer Wende. Sie ist in ihrer globalen Dimension nur mit dem Fall der Mauer 1989 vergleichbar. Diese Wende wird als Abschied von einer alten, selbstverständlichen Ordnung bzw. wohl eher Unordnung erfahren, in der wir hier in Europa und Nordamerika meinten, mit unseren Konzepten, auch ökonomischen Konzepten, die Welt beherrschen zu können. Kontrasterfahrungen also heißen: Nein sagen zur bestehenden ungerechten Gestalt dieser Welt; dieses Nein ist keine theoretische Konstruktion, es wird immer schon von uns erlebt, oft ausgesprochen, selten aber in den berühmten kleinen oder größeren Schritten von Reform und Revolte praktisch gestaltet. Dieses Nein ist eine Leistung unseres Geistes, der uns als Grenzen überwindende Dynamik immer schon über das jeweils Bestehende hinausführt. Diese im Nein zeigt in Umrissen eine neue Welt, dieses Nein ist eine Leistung des Geistes. Und sie sollte in Gruppen und Gemeinden besprochen werden. Darum ist in christlicher Tradition Geisterfahrung und Ernstnehmen des Geistes immer an Gruppen und Gemeinden gebunden.

In der Religionsphilosophie Hegels ist der Geist, der heilige, ohne Gemeinde gar nicht denkbar. Der Verlust von Gemeinde-Erfahrungen als menschlicher, geistvoller Gemeinschaften, natürlich in Freiheit, ist eine Katastrophe für eine lebendige Geist-Erfahrung. Wenn Kirchenleitungen aufgrund rigider Gesetze diese Gemeinden heute in Deutschland und anderswo reduzieren (etwa wegen des Fehlens von zölibatären Priestern im römischen Katholizismus), dann verhindern diese Kirchenleitungen selbst geistvolle Erfahrungen, sie verhindern den Aufbau einer gerechteren Welt.

Jetzt wird wohl alles grundlegend anders: Die Armen im Süden dulden nicht noch länger in ihren eigenen Grenzen das Elend. Dies wurde und wird dadurch bewirkt, dass die westliche Ökonomie und Politik ständig so genannte Politiker, meist Diktatoren in Afrika und Lateinamerika und im Mittleren Osten usw. hätschelte und pflegte. Und den dort lebenden Menschen keine Demokratie gönnte. Nur die armen Bootsflüchtlinge aus Afrika können – überlebend angekommen – ökonomisch im Westen ausgeplündert werden, man braucht sie hier, in Kneipen und anderswo als Putzhilfen, auch wenn man nach außen so tut, als wolle man sie eher abweisen. Wenn jetzt Flüchtlinge nach Europa kommen, und es werden viele kommen, wenn man nicht mit europäischen Waffen auf diese Flüchtlinge schießt, was Frau von Storch unsäglicherweise für denkbar hält, dann wird diese unsere Welt eine andere: „Das Elend der Welt“, selbst, wenn eher die Wohlhabenden aus Afrika und Nahost hier stranden, kommt zu uns. Und damit kommt uns „die Welt des Elends“, die Europa seit der Kolonialzeit und in modernen ausbeuterischen Verhältnissen geschaffen hat, vor die Haustür.

Und damit die kritische Frage: Was haben wir aus dieser Welt gemacht, in der 1 Prozent der Bevölkerung etwa 60 Prozent aller so genannter „Vermögens-Werte“ besitzen? Wie viel Ungerechtigkeit haben wir über all die Jahrzehnte zugelassen, bloß weil sie uns „im Westen“ nützte und den heiligen Profit brachte? Wie sehr haben wir uns aus der Affäre gezogen, indem wir von Barmherzigkeit und milder Güte sprachen, die ja nicht mehr sind als: nette Opfergroschen für die Elenden. Opfergroschen verändern nicht ungerechte Strukturen. Aber das wurde und wird uns hier eingeredet. Darum ist, nebenbei gesagt, die Propaganda-Rede von Papst Franziskus zugunsten der Barmherzigkeit recht nett, strukturell aber wirkungslos…Soll der barmherzige Papst Franziskus doch die Milliarden, die in den Vatikan-Banken ruhen und die Milliarden aus dem römischen Immobilienbesitz einmal den Armen zugute kommen lassen, ehe er von Barmherzigkeit so nett schwadroniert.

Was sagt der kritische Geist in dieser Situation: Nimm diese neue Lage der Präsenz der Flüchtlinge an. Und heiße sie willkommen, das verlangt die Menschlichkeit. Diese Situation ist endlich einmal anzuerkennen, und: Sie ist friedlich und endlich einmal human zu gestalten, wenn es denn noch geht.

Was sagt der kritische Geist zu Pfingsten 2016 noch? Es gibt keine (linke oder sozialdemokratische) Partei, die dieser Situation gewachsen ist, keine Partei, die diesen grund stürzenden Wandel tatsächlich den Bürgern erklären kann oder auch erklären will. Die Politiker, sofern sie etwas verstehen, haben Angst, „dem Volk“ die Wahrheit zu sagen, nämlich: Wir müssen eine andere Gesellschaft hier aufbauen oder wir gehen im Wachstumswahn unter.

Die meisten Einwohner im alten Westen wollen, im verkalkten und bekanntlich tödlichen nationalstaatlichen Denken immer mehr befangen, weiter machen, wie bisher; sie wollen die nationalen Grenzen verriegeln und Schlimmeres tun. Und die Mehrheit der dumm gehaltenen Bürger spendet Beifall. Angesichts der globalen Veränderung herrscht Angst oder „Weitermachen wie bisher“. Werden wir Populisten und äußerst Rechtslastige noch mit Argumenten von ihrem Irrtum befreit werden können? Leben wir überhaupt noch in einer Gesprächskultur, die für mentale Korrekturen Raum lässt?

Was hilft vielleicht? Natürlich der kritische und der selbstkritische Geist, der auch zum Austausch unter den Menschen führt, die diese globale Analyse teilen und nach neuer Orientierung suchen.

Christliche Gemeinden und philosophische Clubs, Salons, sollten zu „Schools of life“ werden: Dieser wunderbare Titel ist schon zwar vergeben. Aber die Sache kann doch auch grenzenübergreifend gelebt werden: In diesen „schools of life“ wird eben zuerst vom Leben gesprochen, auch dem politischen, auch dem sozialen, da werden gemeinsam Auswege gesucht, da wird Neues erprobt. Das heißt etwa bezogen auf die Kirchen: Die ewige Form des immer gleichen Gottesdienstes, mit der ewig gleichen Form des Ritus, der uralten Formeln und Floskeln, diese Einfallslosigkeit im Umgang mit dem göttlichen Geist, zeigt ihre Wirkung: Fast niemanden interessiert das. Aber die Kirchen machen unbeirrt und wie erstarrt weiter wie bisher, abgesehen von Events, wie den Kirchentagen. Danach tritt wieder die erstarrung ein, im römischen Katholizismus herrscht ohnehin Erstarrrung, trotz des munteren Papstes… Gibt es noch Hoffnung für die dogmatisch fixierten Kirchen in Europa? Können sie lebendig werden, und in der Mitte ihrer Veranstaltungen, d.h. im Gottesdienst, politisch werden, d.h. lebendig auf die Gegenwart antworten? Können Sie Gottesdienst als Menschendienst verstehen und leben? Ich glaube manchmal: Eher nicht, es ist schon zu spät, zu belastend sind die versteinerten Traditionen.

Da bleibt nur die religiöse Poesie, die da ureinst in dem schönen poetisch-religiösen Text „Veni creator spiritus“ formulierte: „Komm heiliger Geist…“ Ob Philosophen auch die religiöse Poesie wiederentdecken? Wäre auch ein (selbstverständlich überkonfessionell-vernüftiges) Ereignis des Geistes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

 

 

 



Piusbrüder und Traditionalisten bald mit Rom versöhnt?

14. Mai 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Ein Hinweis von Christian Modehn am 14. 5. 2017

Interne Entwicklungen der Kirchen haben immer auch eine religions-politische Bedeutung. Sie zeigen zudem, auf welchem selbstkritischen Niveau sich Kirchen und Konfessionen befinden, wie sehr ihnen also die Werte der Moderne, etwa Menschenrechte und Demokratie, wichtig sind.

Wer die Piusbrüder und mit ihnen die vielen tausend sich katholsich nennenden Traditionalisten weltweit wieder zum festen Bestandteil der römischen Kirche machen will, der holt sich Leute vom politischen Rechtsaußen (Marine Le Pen ist Mitglied der Piusbrüder-Gemeinde Saint Nicolas du Chardonnet, Paris) und fromme Seelen auf einem theologischen Niveau von 1910 wieder in Scharen in die Kirche. Der traditionalistische Wahlspruch heißt „Omnia instaurare in Christo“ – also „alles in Christus gestalten“, also alles, auch die Welt in Christus gestalten! Religiöse Gebote haben Vorrang vor demokratischen,staatlichen Gesetzen, heißt das konkret. Dies ist das fundamentalistisch klingende theologische Motto und Leitprinzip der Piusbrüder, es stammt vom hoch verehrten Papst Pius X. (Papst von 1903 bis 1914).

Nun also will auch Papst Franziskus alles tun, dass diese Herrschaften wieder volle Mitglieder der römischen Kirche werden.

Auf dem Rückflug von Fatima nach Rom sagte der Papst am 13.5. 2017: „Unsere aktuellen Beziehungen zu den Piusbrüdern sind brüderlich, aber es ist noch nicht die Zeit für einen Akkord, eine Übereinstimmung, gegeben. Man studiert weiter dieses Thema. Mit einem der vier (vom Traditionalistenführer Erzbischof Marcel Lefèbvre 1988 unrechtmäßig geweihten Bischöfen) Traditionalistenbischöfe, also mit Bischof Fellay habe ich als Papst gute Beziehungen. Wir haben einige Male zusammen gesprochen, ich will die Sache nicht schnell erledigen, wir müssen gemeinsam gehen, dann sieht man weiter. Dabei geht es nicht um Sieger und Besiegte, nicht um Triumphalismus (seitens Roms“). Es geht dem Papst darum, dass „ Brüder gemeinsam unterwegs sind und dabei gemeinsam die Formel suchen, Schritte nach vorne zu gehen“.

Wenn das nicht für die Kirche ein weiterer Schritt nach hinten, ins Konservative – Reaktionäre wird…

Warum um Himmels willen lässt man in Rom die Piusbrüder nicht machen, was sie wollen? Als eigene Kirche, die sich katholisch nennt? Wenn den Papst dieser Titel „katholisch“ bei den rechtsextremen Traditionalisten stört, warum bemüht er sich dann nicht auch um die Versöhnung , d.h. Übernahme der Alt-Katholiken in die römische Kirche. Diese eher progressiven, die Unfehlbarkeit des Papstes ablehnenden Alt-Katholiken, sollen nicht heim zur Mutterkirche Rom. Und diese wollen dies wohl jetzt auch nicht. Warum also diese beinahe versessen wirkenden Anstrengungen Roms, den Traditionalistenclub der Piusbrüder wieder richtig römisch und papstergeben zu machen? Denken viele Kardinäle und Bischöfe allmählich so, wie die Piusbrüder, lieben sie wie diese so sehr die lateinische still vom Priester gelesen Messe im Ritus von 1550? Kann Rom konfessionelle Vielfalt nicht ertragen, auch nicht die Vielfalt derer, die sich eben auch katholisch nennen? Wir meinen, es zu wissen: es geht um Vor-Herrschaft.

Quelle zu Äußerungen des Papstes im Flugzeug am 13.5. 2017: http://www.la-croix.com/Religion/Catholicisme/Pape/Le-pape-lavion-Fraternite-Saint-Pie-X-Medjugorje-abus-sexuels-2017-05-13-1200846902

Zu weiteren Hinweisen zum Thema Piusbrüder im Religionsphilosophischen Salon siehe:

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Präsident Macron: Seine Spiritualität und Religion sowie seine Philosophie.

8. Mai 2017 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Präsident Emmanuel Macron – über seine Spiritualität und Religion und die Verbundenheit mit der Philosophie

Hinweise von Christian Modehn am 8.5.2017

1.Glaube und Spiritualität

Präsident Emmanuel Macron, geboren am 21. Dezemeber 1977 in Amiens, hat dort die katholische Privatschule „La Providence“ („Die Vorsehung“) unter Leitung des Jesuitenordens besucht. Macron kann sich also wie etliche andere bekannte Politiker durchaus Jesuitenschüler nennen. Im Alter von 12 Jahren ließ er sich, beim Eintritt in die Jesuitenschule, (katholisch) taufen. „Das war eine persönliche Wahl, meine Familie (die Eltern sind Ärzte) war eher mit der „laizistischen Tradition“ verbunden. Die Jesuitenschule hat mich die Disziplin des Geistes und einen Willen zur Öffnung gegenüber der Welt gelehrt. Aber danach, (offenbar beim Verlassen der Schule, CM) habe ich weniger (den Glauben) praktiziert (was in Frankreich bedeutet: die Messe besucht, CM). Heute habe ich eine dauernde Reflexion über die Natur meines eigenen Glaubens. Meine Beziehung zur Spiritualität nährt weiterhin mein Denken, aber ich mache daraus kein Element, irgendetwas (politisch? CM) zu beanspruchen (élément de révendication)“, so Macron im Interview mit der katholischen Wochenzeitung La Vie, Paris, am 15. 12. 2016. Macron betont also, dass für ihn (schon damals) die intellektuelle Auseinandersetzung mit dem christlichen Glauben wichtiger war als der spirituelle Aspekt. Das gilt bis heute. Macron lobt ausdrücklich die Werte, die die Caritas (Secours catholique) in ihrem Engagement verteidigt, etwa in der Unterstützung der Wohnungslosen.

Der Kirchenhistoriker Jean-Domique Durand (Lyon) sieht in den politischen Äußerungen Macrons Elemente einer christlichen Kultur, etwa wenn er vom „Wohlwollen gegenüber dem Nächsten“ spricht. Er hat die (frühe) von Offenheit geprägte Flüchtlingspolitik von Angela Merkel gelobt. Zu dem lange diskutierten Thema der „christlichen Wurzeln Europas“ meint Durand bezogen auf Macron: Er würde die „christlichen Wurzeln Europas“ nicht offiziell anerkannt sehen wollen.

Zu Papst Franziskus hat sich Macron in „La Vie“ geäußert: „Im Unterschied zu den Präsidentschaftskandidaten Fillon oder Hamon werde ich nicht eine Nähe oder eine enge Verbindung mit dem Papst fordern und suchen. Aber als politisch entscheidender Akteur hat der Papst mutige Entscheidungen getroffen, die auch mit meinen Werten verbunden sind. Besonders in der Frage der Migranten hat der Papst an die Pflicht Europas erinnert und – aus einem geopolitischen, moralischen und philosophischen Gesichtspunkt – an den Unterschied zwischen einem Migranten und einem Flüchtling“. Quelle:

http://www.lavie.fr/dossiers/invites-politique-de-la-redaction/foi-laicite-europe-emmanuel-macron-en-7-extraits-15-12-2016-78648_807.php

Sehr konservative Katholiken lehnen Macron ab, weil er für die Homoehe ist und auch über aktive Sterbehilfe diskutieren will, siehe dazu die einschlägige Zeitschrift „France Catholique“: https://www.france-catholique.fr/Macron-Evangile.html: „Emmanuel Macron a des propositions économiques qui peuvent inquiéter les Français : augmentation de la CSG qui ponctionne déjà les revenus des retraités et des autres, suppression de la Taxe d’habitation pour 80 % des foyers : il faudra bien payer autrement et ce sont les classes moyennes qui devront le faire une fois de plus. En matière de valeurs morales censées être chères aux chrétiens : la faveur pour le mariage homosexuel et la volonté de généraliser la PMA (procréation médicalement assistée) à toutes les femmes qui la demandent sont deux prises de position totalement contraires à la morale de l’Eglise catholique. Les « Chrétiens démocrates » déclarent que Jésus n’était pas attaché à la famille et en concluent sans doute que les positions relativistes ne posent aucun problème ! Or elles sont parfaitement inadmissibles au nom même d’une philosophe politique dans la ligne de Léo Strauss et au nom de la théologie morale catholique“.

2.Zur Philosophie

Interessant ist, dass Macron vor seiner Ausbildung zum Ökonom in den Jahren zwischen 1995 und 2001 Philosophie studierte und das Diplom DEA , also das „diplôme d’études approfondies“, ein Hochschuldiplom, in der Universität „Paris –X. Nanterre“, erlangte, das oft als das erste Jahr eines Promotionsstudiums angesehen wurde. Einige Philosophen, wie der zur Polemik neigende Michel Onfray, aber auch Mitglieder des Fonds Ricoeur haben sich kritisch zu der Annahme geäußert, Macron könne als Philosoph gelten und als solcher auftreten: Sie halten den Titel Macrons als eines Assistenten von Paul Ricoer für überbewertet. Es geht dabei vor allem um die Frage, in welcher konkreten philosophischen Weise Macron als Assistent des protestantischen Philosophen Paul Ricoeur arbeitete. Auch die Philosophie Professorin Myriam Revault de Allonnes hat ihre Bedenken, Macron zu deutlich als Philosophen zu bezeichnen.  Sie sagte, dass Macron wohl nur die Korrekturbögen des Buch „La Memoire, l histoire, l oubli“ von Ricoeur (als Buch 2000 erschienen) korrigiert habe. Macron behauptet auch, von dem marxistischen bzw. kommunistischen Philosophen Etienne Balibar inspiriert zu sein, auch über die intellektuelle Beziehung Macron – Balibar wird unter Philosophen gestritten. Immerhin hat sich Balibar kurz vor der Wahl am 7.5. für Macron eingesetzt. Tatsache ist, dass Macron auch für die eher linke (einst explizit christliche, personalistische Zeitschrift) ESPRIT arbeitete und zum Redaktionskomitee gehörte: Dort wird die „zweifelsfreie philosophische Zuverlässigkeit“ Macrons gelobt, so etwa vom ehemaligen Chefredakteur von ESPRIT, Olivier Mongin. Fünf Beiträge hat Macron (darunter auch Buchbesprechungen) in ESPRIT publiziert, der letzte Artikel erschien 2011. Siehe: http://www.esprit.presse.fr/article/macron-emmanuel/francois-dosse-l-histoire-9396

Als philosophisch gebildeter Politiker hat Macron auch den Philosophen Jürgen Habermas in Berlin am 16. März 2017 getroffen, die Initiative dafür ging von der „Hertie School of Governance“ aus. Habermas lobte in höchsten Töne Macron, weil er entschlossen sei, Europa neu zu gestalten. Auch Sigmar Gabriel (SPD), er kennt Macron aus seiner Zeit als Wirtschaftsminister, war bei dem Treffen dabei. Die ZEIT berichtete ONLINE am 17.3.2017 über diese Tagung: „Die Europäische Union habe seit der Unterzeichnung des Vertrags von Lissabon vor knapp zehn Jahren keine gemeinsame Erzählung mehr, so Macron. Ihr fehle ein gemeinsamer Wille, der sich auf ein klares Ziel richte. Europa vertrage aber keinen Stillstand. „Wenn Sie ein zaghafter Europäer sind, sind Sie bereits ein besiegter Europäer“… Auch den Deutschen ruft Macron damit sein „En Marche“ entgegen: Vorwärts! „Man kann Wahlen gewinnen, wenn man eine Idee von Europa hat und diese verteidigt“, sagt er. Es sei das deutsch-französische Verhältnis, von dem „das europäische Momentum“ ausgehen müsse. Da Misstrauen und uneingelöste Versprechen das Verhältnis der Nachbarn zerrüttet hätten, wirbt Macron dafür, zuallererst diese Beziehung zu erneuern. Dafür will er bei sich selbst anfangen und in Frankreich überfällige Reformen anstoßen“. Quelle: http://www.zeit.de/politik/ausland/2017-03/emmanuel-macron-berlin-sigmar-gabriel-juergen-habermas-frankreich-wahlkampf

3. Die Trennung von Religion und Staat verteidigen

 Macron ist leidenschaftlicher Verteidiger der Laicité, also der seit 1905 gesetzlich verankerten Trennung von Religionen und Staat in Frankreich. Er sagt: „Ich will nicht, dass die Gesellschaft den hegemonialen (Macht orientierten) Versuchungen einer Religion unterworfen ist…Die Laicité erlaubt es, im öffentlichen Raum respektvoll miteinander zu leben, im Respekt der Werte der Republik. … Im öffentlichen Dienst des Staates (service public) ist es sehr wichtig, die Neutralität dieses öffentlichen Dienstes des Staates zu respektieren. Aber die Laicité hat nicht die Berufung, eine republikanische Religion zu fördern“… „Die Republik ist der magische und einzigartige Ort ,der es erlaubt, dass Menschen in der Intensität ihrer Religion leben können. Man verlangt in der Republik, dass die Leute mit ihrer Religion für sich selbst (privat) umgehen, wie sie es wollen und dass sie dabei aber in einem absoluten Respekt vor den Regeln der Republik leben. Im öffentlichen Raum verlange ich von religiösen Menschen nur eine Sache: Dass sie die Regeln (les règles), also auch die Gesetze, absolut respektieren. In seinem eigenen, tiefen Gewissen, denke ich, kann ein praktizierender Katholik meinen, dass die Gesetze seiner Religion die Gesetze der Republik übersteigen. Aber ganz einfach: In jedem Augenblick, wo sich der Katholik im öffentlichen Raum bewegt, sind die Gesetze der Republik größer und wichtiger als die religiösen Gesetze… Die Menschen können das Bedürfnis nach einer Transzendenz haben. Die Republik hat nicht gegen die Transzendenz zu kämpfen. Die Republik hat zu kämpfen, wenn ihre Werte nicht respektiert werden“. (Interview mit dem politischen Magazin Marianne, 2016)

Siehe auch: https://www.franceculture.fr/politique/aux-sources-des-idees-demmanuel-macron

 

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Fatima 100 Jahre: Braucht der Glaube Wunder? Zu den Marien – Erscheinungen in Fatima..

26. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis zum Jubiläum der Marien – Erscheinungen in Fatima und und zum Kult um die „Gottesmutter“.

Von Christian Modehn

Das Motto:
„Löschen Sie das Licht, ich will etwas sehen“. (Dies ist erste Satz aus dem empfehlenswerten Fatima – Roman von Jürgen Alberts).

Warum hat unser religionsphilosophischer Salon Interesse für Fatima in Portugal, für den Ort, wo Maria selbst erschien: Zum ersten Mal am 13. Mai 1917, also vor 100 Jahren genau, und dann an jedem weiteren 13. bis einschließlich zum 13. Oktober 1917. Maria zeigte sich den Hirtenkindern Lucia, 10 Jahre alt; Francisco, 9, Jahre alt und Jacinta, 7 Jahre. Und sprach zu ihnen! Maria, die „Muttergottes“ erschien selbst wie eine Statue, manchmal begleitet von Engeln, dem heiligen Joseph und sogar Jesus. Eine heilige Schar ist aus dem Himmel herabgeschwebt und ist den Kindern erschienen, förmlich eine Idylle, beinahe etwas für Hollywood. Einzig und allein die Kinder haben diese himmlischen Gestalten, vor allem die Jungfrau Maria, gesehen und gehört. Die Besuche aus dem Himmel wurden schließlich aber doch allgemein geglaubt. Am 13. Oktober 1917 versammelten sich ca. 70.000 Portugiesen auf der Erscheinungswiese. Sie sahen überhaupt nicht die Mutter Gottes! Nur die Kinder berichteten wieder, Maria zu sehen. Alle anderen sahen, so sagen sie, nur ein so genanntes Sonnen-Wunder: Die Sonne in allen denkbaren Farben begann zu kreisen und wie auf die Erde zuzustürzen.

Seit der Zeit ist Fatima ein beliebter Wallfahrtsort: Aber erst 1930 entschied der Bischof, die Geschichten der Kinder seien glaubwürdig. Es gab also einmal eine skeptische Phase in der Hierarchie. Aber sie konnte sich nicht durchsetzen gegenüber dem dringenden Wunder – Bedürfnis der Gläubigen. So vielen inbrünstigen Wunder – Glauben darf doch kein Bischof enttäuschen oder gar zur Vernunft auffordern.

Nun werden die drei Kinder von Papst Franziskus am 13. Mai 2017 in Fatima heilig gesprochen. Weltweit können sich also alle Katholiken um himmlische Fürsprache an die drei Hirtenkinder wenden. Vielleicht beten sie um die Gabe des kritischen Verstandes? Eher wohl nicht. Fatima boomt und auch der Wunderglaube ist kaum zu bremsen. Da wäre Beten um Vernunft und Skepsis purer Wahnsinn. Allerdings: Kein Katholik muss an Fatima glauben. Man darf durchaus von Halluzinationen der Kinder ausgehen. Und von Lügen beim Sonnenwunder. Aber das wird nie gesagt von Kirchenführern. Mehr als vier Millionen Besucher kommen jährlich nach Fatima. Was wäre der Norden von Lissabon ohne diese Boom-Town Fatima mit der riesigsten aller riesigen Basiliken und dem, schon wieder, riesigen Aufmarschplatz der Pilger usw…

Mysteriös und geheimnisvoll und undurchsichtig sind die Worte Marias an die Kinder, die gern als „Geheimnisse von Fatima“ propagiert werden: Dort geht es um drohende Schlachten zwischen Gläubigen und Ungläubigen, es geht um die Verehrung des Unbefleckten Herzens Marias, ein bekanntlich ganz dringendes Thema! Es geht um die Abwehr des großen Feindes, des Kommunismus, der ja bekanntlich in Russland 1917 startete. Der gesamte antikommunistische Wahn der Katholischen Kirche, die jeden Unangepassten (Theologen) als Kommunisten kaltstellen konnte, hat in Fatima sozusagen sein Hauptquartier. Indem die Kirche, vor allem die Päpste, den Kommunismus viel schlimmer fanden als den Faschismus und den Rassenwahn eines Hitlers, hat sie es zumindest indirekt zugelassen, dass Millionen Juden im 2. Weltkrieg vergast wurden. Auch an diese Zusammenhänge muss man denken, wenn man die mysteriösen und esoterischen Geheimnisse von Fatima bedenkt…

Der Kult um die Erscheinungen der Jungfrau an mehreren Monaten des Jahres 1917, immer pünktlich am Dreizehnten, scheint letztlich von damaligen Kirchenführern und Politikern gemacht und bewusst forciert worden zu sein. In den Wirren der ersten Jahre der laizistischen portugiesischen Republik hatte die Kirche einen schlechten Stand; sie brauchte Rückhalt im Volk; was ist dann nahe liegender, als ein Wunder herbeizureden, einen Marienkult zu inszenieren, um der Öffentlichkeit zu zeigen: Seht da, so fromm ist das portugiesische Volk. In Erstaunen versetzt nicht nur die Tatsache, dass Maria drei zehnjährigen Kindern ihre Botschaft übermittelte, und zwar ihnen ausschließlich; die Kinder konnten weder lesen noch schreiben. Problematischer ist, dass die heilige Jungfrau zur Bekehrung Russlands aufrief, und zwar zu einem Zeitpunkt, als die kommunistische Oktober-Revolution noch nicht stattgefunden hatte. Der Eindruck, dass die Wunder und der Wunderort auf die Schnelle inszeniert wurden, verstärkt sich, wenn man sich mit dem Sonnenwunder befasst, das sich am 13. Oktober 1917 ereignete: Solche bemerkenswerten Sonnenkonstellationen, in denen das Planetensystem zu glühen scheint, ereignen sich immer wieder, betonen die Wissenschaftler. Optische Täuschung ist wahrscheinlicher als ein Veränderung der Naturgesetze. Der in Bremen lebende Schriftsteller Jürgen Alberts hat einen sehr lesenswerten Schelmen-Roman über den Wallfahrtsort mit dem Titel „Fatima“ geschrieben; erschienen ist das Buch im Rowohlt Verlag: Wenn die Menschen ein Wunder erwarten, sehen sie sogar die Sonne tanzen, heißt eine seiner Thesen.

Natürlich kann jeder und jede privat glauben, was er oder sie will. Solange dabei kein anderer Mensch in seiner Freiheit und in seinem Lebensrecht eingeschränkt wird und die Gesellschaft bzw. der Staat nicht in Unfrieden gerät. Papst Johannes Paul II.glaubte jedenfalls persönlich, dass Maria aus dem Himmel herab nach Fatima stieg und dort den Wunderort gründen wollte: Er verehrte die Madonna von Fatima so sehr, dass er seine Rettung aus der Mordattacke durch Ali Agca (ausgerechnet am 13. Mai, also am Fatima-Tag, 1981) der Fatima-Madonna zuschrieb. Es ist dem Geschmack eines jeden überlassen zu beurteilen, wenn später Papst Johannes Paul II. die Kugel, die Ali Agca auf ihn feuerte, in die Krone der Marien-Königin-Statue aus Fatima einarbeiten ließ…So verehren die Frommen also Maria mit der beinahe tödlichen Kugel…

Dennoch hat die Religionsphilosophie die Aufgabe, religiöse Phänomene philosophisch zu befragen und zu kritisieren. Denn die Überzeugung ist dabei leitend: Religionen können sich aus eigener Kraft, mit den Mitteln eigener religiöser Lehren, kaum selbst kritisieren und von Irrwegen befreien. Bei Martin Luther führte die innertheologische Kritik zum Bruch in der Kirche. Viele problematische Traditionen hat Luther aber weiter geführt, weil er der allgemeinen philosophischen Vernunft Kritik und dem Humanismus gegenüber total ablehnend sich verhielt. Deswegen konnte er sich auch nicht vom Antisemitismus befreien oder von der Erbsünden und Höllen-Lehre usw. Ketzer wurden in protestantischen Regionen genauso verfolgt wie in der römischen Kirche. Also: Theologische Kritik ist befangen und zu schwach, um wirklich eine menschenfreundliche und vernünftige Religion zu befördern…Solches kann nur die freie und übergreifende philosophische Vernunft! Das ist wahrscheinlich das Hauptproblem aller Theologie: Sie ist zu „intern“-gebunden argumentierend, ihr fehlt der Abstand, das umfassend – kritische Raufschauen auf ihr Thema, eben den Glauben. Das gilt zumal, wenn in der katholischen Kirche die Kirchenführer bestimmen, wer Theologe sein kann und wer was lehrt. Das gilt auch für islamische Religionen. Hilfreich und weiterführend kann auch in der Analyse der religiösen Wunderphänomene die sich kritisch reflektierende allgemeine Vernunft sein. Darum muss immer wieder auf den Sammelband „Wunder“ aus dem Suhrkamp-Verag (2011) verwiesen werden!

Es muss natürlich damit gerechnet werden, dass viele Menschen den esoterischen Glauben an heilige Orte, an angeblich heilige Wässerchen, Quellen, Haine, Erscheinungen himmlischer Wesen usw. einfach nett und unterhaltsam finden und damit auch Gesprächsstoff entdecken. Sie wollen die Welt verzaubert erleben, etwas märchenhaft, von wunderbaren Kräften da und dort bestimmt, und so kommen sie aus dem Staunen nicht raus, was es doch so alles Sonderbare gibt in dieser Welt.

Für philosophisch-religiöse Menschen gibt es nach meinem Eindruck eine einzige erstaunliche Frage: Warum ist überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts? Wo ist also der Sinn meines Lebens, des Lebens? Diese Frage berührt tatsächlich das einzig Wunderbare, das Leben, das religiöse Menschen als wunderbare Gabe eines geheimnisvollen Gottes deuten…Mehr Wunderbares brauchen wir nicht. Natürlich gibt es gute Zufälle, aber sind sie immer Wunder?

Dies ist das Problem:

Ist das Erscheinen der „Gottesmutter“, wie die Katholiken Maria, die Mutter Jesu von Nazareth nennen, also, etwas weltlich salopp gesagt, das Erscheinen der weiblichen Gestalt (Gottes-„Mutter“) des Göttlichen, sozusagen als dessen Vertreterin? Warum erscheint dann eigentlich nicht Gott als Gott? Da würde selbst das frommste Gemüt zögern… Warum werden bei wunderbaren Heilungen immer nur psychisch bedingte Leiden geheilt, warum wird kein Bein, das eine Bombe wegriss, wieder mit einem neuen Bein ausgestattet?

Vor allem: Wer will, dass solche Marien – Erscheinungen gelten? Wer propagiert diese Wunder – Erscheinungen und warum werden diese propagiert? Wer hat Angst vor dem einfachen, „armen“ existentiellen Glaubens des Geborgenseins und Gegründetseins in einer göttliche, ewige Wirklichkeit? Wer will wirklich den Jubel und Trubel in all den wunderbaren Kommerz-Marienorten? Haben diese Menschen das Gefühl, dass Maria sozusagen die bessere, mehr Nähe gewährende „Göttin“ ist als der Ewige und Unsichtbare? Ist die starke Propaganda, etwa bei Papst Franziskus und vor allem in aufgeklärten muslimischen Kreisen, für die These: „Gott ist der Barmherzige“ nichts anderes als die Propaganda für das mütterliche (Marien) – Gesicht des eigentlich strengen Richter-Gottes? Aber das ist schon ein anderes Thema.

Tatsache ist in diesem Jahr 2017:

Eine so genannte Jubiläums – Madonna, aus Gips offenbar, macht ihre Rundreise. Kürzlich hielt sie sich in Berlin auf: Am 1. April 2017 wurde sie sogar durch Berlin – Spandau im Rahmen einer Lichterprozession getragen: Der Berliner Erzbischof Koch, ein Dr. der Theologie, war dabei.

In den Vatikan wurde jedenfalls die so genannte Original Statue des Bildhauers José Ferreira Thedim aus dem Jahr 1920 transportiert, zuerst zum EX-Papst, danach zu Papst Franziskus. Der Künstler hatte diese Statue nach Anweisungen des „Hirtenkindes“ Lucia dos Santos (1907-2005) geschaffen. „ Der Transport der Statue von Fatima nach Rom erfolgte mit einer Sondermaschine der portugiesischen Fluglinie TAP“, berichtet die katholische Presseagentur Wien.

Interessant ist, nebenbei, dass in Berlin einen Tag vor der Fatima-Prozession durch Berlins Straßen, der katholische Theologe Bischof Dr. Koch einen ökumenischen Versöhnungsgottesdienst und Bußgottesdienst mit dem protestantischen Bischof Dr. Markus Dröge, Berlin, gefeiert hat. Haben sich die beiden Bischöfe auch zum nach wie vor lebendigen und blühenden Wunderkult und vor allem zu den Marien –Erscheinungen versöhnt? Passt also ins Reformationsgedenken und der sonst so oft beschworenen neuen theologischen Eintracht zwischen Lutheranern und Katholiken also auch der Fatima – Glaube? Offenbar. Jedenfalls macht die katholische Kirche mit ihrer alten Wunder –Traditionen ungeniert weiter und feiert gleichzeitig Versöhnungs – und Bußgottesdienste mit Protestanten. Sollte die katholische Kirche nicht büßen für den Wunder – Wahn, der so viel Aberglauben erzeugt? Nein, die katholische Kirche tut das nicht.

Der Katholizismus verhält sich ist in diesem Reformationsgedenken doppeldeutig: Nach außen hin :ökumenisch und lernbereit (auch von Luther); im inneren, dem katholischen System, macht man pastoral und spirituell und damit auch theologisch abergläubig weiter wie immer. Auf diese Weise wird im Katholizismus Glauben ins total Irrational – Willkürliche geschoben. Und kein katholischer Theologe ruft laut: Hört auf mit dem Wunder Glauben, dem Fatima Kult, dem Wallfahrtskommerz usw. Dies würde sowieso kein Bischof befehlen, weil der ökonomische Gewinn durch Wallfahrtsorte absolut entscheidend ist. Das Dorf Fatima boomt genauso wegen der Wundergläubigen wie das Dörfchen San Giovanni Rotendo, in das sich der Scharlatan, der angeblich stigmatisierte Pater Pio zurückzog und dort Pilgermassen anzog. Wallfahrtsorte sind Boomtowns. Man untersuche einmal den Zusammenhang vom bewusst zugelassenen ökonomischen Boom der Wallfahrtsorte und der Kritik Luthers an den Geldern, die wegen des Ablasses nach Rom flossen…

Fatima sollte, religions-philosophisch betrachtet, als ein Ort religiöser Entfremdung verstanden werden: Am 13. Mai 1942 wurde das 2. so genannte „Geheimnis  von Fatima“ veröffentlicht. Diese Geheimnisse Marias wurden bekanntlich den Kindern, Analphabeten, mitgeteilt. Abgesehen davon: Im 2. Geheimnis drohte Maria mit einer schlimmen Strafe für die Menschheit, denn die Russen würden „Irrlehren über die Welt verbreiten“ und „Kriege und Kirchenverfolgungen“ heraufbeschwören. Vom Faschismus sprach Maria offenbar nicht. Abgesehen davon: Welche Therapie empfiehlt Maria, also letztlich die Kirche und ihre Führer, die diese „Himmelsbotschaft“ redigierte?  „Es sei der Wille Gottes, die Andacht zu dem Unbefleckten Herzen Mariens zu begründen“. Also: Angesichts des Kommunismus und des bereits heftigsten 2. Weltkrieges und der Judenvernichtung und des Faschismus und den Bombardements usw. wird ausgerechnet die Verehrung des Unbefleckten Herzens Mariens von Maria selbst und damit durch die Kirche empfohlen. Es wird zum spirituellen, man darf sagen mysteriösen Gebets-Kampf aufgerufen. Nicht etwa politische Analyse, nicht etwa Hilfe für die bedrohten Juden, nicht etwa Widerstand gegen die Faschisten in Italien, Deutschland, Spanien, Portugal usw. wird empfohlen. Nein, noch einmal: Ein spiritueller Kampf mit dem Unbefleckten Herzen Marias zur Seite. Was ist eigentlich ein unbeflecktes HERZ? Bis heute werden diese nebulösen, sich spirituell nennenden Theorien in Fatima und den weltweiten Fatima-Kreisen verbreitet. Esoterik, d.h.vor der Vernunft unbegründbares Gerede,  hat sich in der Kirche breiter gemacht. Warum sagt niemand diesen frommen Leuten: „Studiert gemeinsam die Menschenrechte, analysiert die Sozialpolitik eure Länder, helft einander aus der zunehmenden Armut“. Nein, nichts passiert. Die krititischen katholischen Theologen an den Universitäten schweigen. „Diese spirituell Frommen in Fatima sollen dumm bleiben“, sagt mir ein theologischer Freund aus Portugal. Religion bleibt auf diese Weise eben Opium, den Massen gereicht.

Nebenbei: Die Fatima-Zeitschriften („Fatima ruft“, Kisslegg usw.) und die Fatima-Prozessionen erfreuen sich heute größter Beliebtheit. Es gibt den internationalen spirituell-militanten Beter-Club „Die blaue Armee Mariens“ usw.

Ein Zitat vom Fatima-Weltapostolat, sozusagen die Nachfolge-Organisation der „Blauen Armee“: „Persönliches Mitglied der Blauen Armee Mariens war Konrad Adenauer. Das Fatima-Weltapostolat wurde vom Vatikan am 7. Oktober 2005 als öffentlicher Verein päpstlichen Rechtes anerkannt. Erzbischof Stanislaw Rylko, Präsident des Pontificium Consilium Pro Laicis, übergab, am 3. Februar 2006, in Rom, Professor Americo Pablo Lopez-Ortiz, Internationaler Präsident des Fatima-Weltapostolates, das Dekret der Errichtung und Anerkennung des Fatima-Weltapostolates als eine öffentliche Vereinigung von Gläubigen für die Universelle Kirche“.(Quelle: http://www.fwa-wuerzburg.de/fatima-001/fatima-international-001, gelesen am 27.4.2017)

Zu den Hinweisen zum 2. Geheimnis von Fatima:  Siehe das empfehlenswerte Buch „Wunder“, Hg. von Alexander C.T.Geppert und Till Kössler, 2011, Suhrkamp Verlag, S. 136, dort auch zum „Tränenwunder in Syrakus“, der treffende Titel: „Tränen aus Gips“.

Zum vorläufigen Schluss:

„Wenn der Katholizismus die gleiche Energie für die allgemeine Geltung der Vernunft in der Religion eingesetzt hätte wie für den Wunderwahn und die Marien-Erscheinungen, hätten sehr viele Menschen heute eine Sinnerfahrung, die orientiert“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

PS.: Es wäre noch eine eigene Untersuchung wert, den Namen des Dorfes und der Stadt FATIMA in Portugal in den islamischen Kontext zu stellen. Es ist nämlich der Tradition nach ein Ort, der nach einem muslimischen Mädchen Fatima benannt ist, die sich aber taufen ließ! Ich kann hier nur auf den wikipedia Artikel zu Fatima fürs weitere Studium auch zum Zusammenhang mit muslimischen Traditionen verweisen: „Den arabischen Namen „Fatima“ soll der Ort einer Legende zufolge von Fatima, der schönen Tochter eines maurischen Fürsten – ihrerseits benannt nach der Tochter des Propheten Mohammed – erhalten haben. Im Jahr 1158 soll sie, nachdem sie von christlichen Eroberern entführt und an den Grafen von Ourém verkauft worden war, sich aus Liebe zu diesem taufen lassen und mit ihm vermählt haben. In dem Ort, den ihre gräflichen Nachkommen nach ihr benannt haben, soll sie ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Jene Fatima ist nur eines von mehreren Beispielen einer Moura encantanda der portugiesischen Folklore, die Geschichte taucht in ähnlichen Versionen in verschiedenen Orten Portugals auf“. (Gelesen am 26.4.2017).Werden Muslime 2017 bei den Festen und Feiern im portugiesischen Fatima dabei sein?



Die Stichwahl am 7. Mai: Katholiken in Frankreich. Bisher haben sie überwiegend rechts(extrem) gewählt.

25. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich, Termine

Katholiken in Frankreich wählen wieder überwiegend rechts(extrem)

Ergebnisse nach dem 1. Wahlgang am 23. 4. 2017

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 25. 4. 2017. Ein aktueller Beitrag vom 29.4. zu einer Erklärung der französischen Bischöfe klicken Sie hier.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin interessiert sich für das Wahlverhalten der Katholiken in Frankreich, bis jetzt noch – vor den „Atheisten“ – die zahlenmäßig stärkste Religion dort. Nach dem ersten Wahlgang am 23. 4. sind die Katholiken desorientiert: Ihr viel geliebter, jetzt aber wegen der Affären durchaus kritisch betrachteter konservativer FILLON kommt nicht in die Stichwahl. Katholiken haben zu 68 % keinen der beiden Kandidaten des Zweiten Wahlgangs gewählt, also Macron und Le Pen. Macron halten viele sehr konservative praktizierende Katholiken für einen liberalen, unmoralische Prinzipien (HOMOEHE!) vertretenden Politiker. Katholiken entscheiden sich nach moralischen, besonders sexual-moralischen Kriterien, um einen Politiker gut oder weniger gut zu finden. Macron entfällt also für viele Katholiken als zu wählender Präsident. Und Madame Le Pen? Die ist sexual-moralisch in der Sicht vieler konservativer Katholiken doch recht OK. Viele Katholiken werden also, und sei es bloß aus Trotz und Frustration, Le Pen wählen. Oder eben gar nicht wählen. So geht es, wenn fromme Katholiken zu enge Maßstäbe haben, um Politik mitzugestalten…Erstaunlich aber bleibt: Melenchon von den Linken haben diesmal im ersten Wahlgang 9 % der praktizierenden Katholiken gewählt; 2012 waren es nur 3 %. Insgesamt haben von allen Katholiken, also auch den Nichtpraktizierenden, 14 % Melenchon gewählt.

……………………………… Zum ersten Wahlgang————————–

Wenn man alle Stimmen von Katholiken für die Präsidentschaftskandidaten Fillon, Le Pen und Dupont-Aignan beim 1. Wahlgang addiert, kommt man leicht auf 54 Prozent. Die drei genannten Kandidaten vertreten entschieden rechte bzw. rechtsextreme Positionen. Das haben Umfragen des Instituts Harris für die Tageszeitung La Croix ergeben.

Wenn man die katholischen Wähler noch einmal unterteilt in „regelmäßig praktizierende Katholiken“ (das sind solche für die französischen Befragungen, die wenigstens einmal im Monat (!) an der Messe teilnehmen; das nennt man üblicherweise dort religiöse Praxis, aber das am Rande) und „gelegentlich praktizierende“ und „nicht – praktizierende“ Katholiken, dann zeigt sich dieses Ergebnis für die Wahl der rechten bzw. rechtsextremen Kandidaten:

Von den regelmäßig praktizierenden Katholiken haben 67 % rechts bzw. rechtsextrem gewählt.

Von den gelegentlich praktizierendenKatholiken 55 %

und von den nicht-praktizierenden Katholiken 42 %.

Das heißt: Je enger die Kirchenbindung, um so enger die Bindung an rechte und rechtsextreme Politiker.

Dabei muss wissen: Fillon vertritt zwar Europa-freundliche Positionen, er ist deswegen auch der CDU-CSU nahe; seine Ausländer/Flüchtlingspolitik und seine Innenpolitik (Beispiel: Zurücknahme des Gesetzes zur so genannten Homoehe) sind praktisch mit den Positionen von Le Pen identisch. Die Politiker, die heute von der Partei „Les Républicains, also von Fillons Partei, an der Cote d Azur herrschen, vertreten weithin identische Positionen wie der Front National.

Was aber am meisten erstaunt: Fillon wird bekanntermaßen nach wie vor heftiger Betrug und Fälschung vorgeworfen. Aber dies macht den praktizierenden Katholiken nichts aus. Sie wählen ihn trotzdem mit großer Mehrheit, mit einem Anteil von 46 Prozent (landesweit hatte Fillon 19 %!), selbst 25 % der nicht – praktizierenden Katholiken haben Fillon gewählt.

Das heißt: Einem relativ bedeutenden Teil der Katholiken waren die Betrugsaffären von Fillon egal. Sie wählten einen Mann, der sich als praktizierender Katholik nach außen hin darstellte und eben für die klassische kirchliche Moral eintrat.

Hingegen haben nur 19 % der praktizierenden Katholiken Macron gewählt, im ganzen Land erzielt er 23 %!

Wenn alle „Gruppen“ von Katholiken zusammensieht, ergibt sich dieses Bild:

Katholiken insges. haben für Macron gestimmt: 22 %

Für Marine Le Pen 22 %

Für Fillon 28 %

Für Melenchon 14 %

Für Hamon 4 %

Für Dupont-Aignan 6 %

Das heißt: Ca. 18 Prozent aller verschiedenen Gruppen unter den Katholiken haben links gewählt.

Immerhin haben 30 % der Protestanten Macron gewählt. Unter allen religiös gebundenen Franzosen haben die Protestanten am deutlichsten für Macron gestimmt.

Für Le Pen haben 20 % der Protestanten gestimmt.

Für Fillon 20 %

Für Melechon 16 %

Für Hamon 4 %

Für Dupont Aignan 7 %

Zusammenfassend: 47 % der französischen Protestanten haben rechts bzw. rechtsextrem gewählt.

Wie haben die muslimischen Franzosen gewählt?

Für Macron: 24 %

Für Le Pen: 5 % (komisch, Muslime, die Le Pen wählen…es gibt auch Juden, die FN wählen)

Für Fillon:     10 %

Für Melechon: 37 %

Für Hamon:   16 %

Für Dupont Aignan: 3 % (auch das gibt es)

Muslime haben wieder, wie bei früheren Wahlen, über 50% links gewählt, dazu noch einmal 24 % für Macron!

Siehe auch:  http://www.pelerin.com/A-la-une/Sondage-exclusif-Vote-et-religions

COPYRIGHT: Christian Modehn am 25.4. 2017, 12.15 Uhr.



Die rechtsradikale Partei Front National und Marine Le Pen sprechen von „christlichen Wurzeln Europas“: Hinweise auf gefährliche Propaganda.

12. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Wenn Rechtsradikale ihre christlichen Wurzeln pflegen

Vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich

Von Christian Modehn       Mskr. abgeschlossen am 29.3. 2017. Der Beitrag erschien in leicht veränderter Form in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM (Oberursel). Ausführlicher werden die ideologischen Wurzeln von Le Pen in einem anderen aktuellen Beitrag vom 13. 4. 2017 dargestellt, klicken Sie hier.

Der Wahl-Kampf in Frankreich wird gern als Wahl-Krampf bezeichnet angesichts der Korruptionsfälle so genannter Spitzenpolitiker. Auch gegen Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin der Rechtsextremen, wird entsprechend ermittelt. Selbst ihre Bindung an den Freund und Gönner Vladimir Putin verzeihen die Fans noch gern. So liegt Le Pen in Umfragen unter allen Kandidaten mit 26 % ganz vorne für den ersten Wahlgang am 23. April. Noch erstaunlicher ist: So viele Katholiken wie nie zuvor, 26 %, wollen Le Pens „Front National“ (FN) wählen, andere Umfragen nennen sogar 29 %. Schon bei den Regionalwahlen 2015 hatten 25 % der „praktizierenden Katholiken“ FN gewählt. Diese hohe Zustimmung unter Katholiken für den FN ist erstaunlich: Die bisher übliche Bindung an die bürgerliche Rechte bröckelt bei ihnen, zumal ihr Kandidat Francois Fillon (Les Républicains) von zahlreichen Finanz-Affären sehr belastet ist; er redete seinen katholischen Wählern ein, wie ethisch und christlich er doch sei… „Die Verbindung mit dem Katholizismus verhindert nicht mehr wie einst die Option für den FN“, betont der Politologe Claude Dargent.

Politologen nennen den FN nach wie vor rechtsextrem, selbst wenn sich Marine, seit 2011 Parteichefin, manchmal moderater äußert als ihr Vater Jean-Marie Le Pen. Er fiel als Gründer des FN (1972) durch antisemitische Hetze auf, mehrfach wurde er deswegen verurteilt. Marine Le Pen will einen „normalen“ FN präsentieren. Sie selbst nennt sich sogar „pro-zionistisch“: Gleichzeitig warnt sie aber vor jüdischen Finanzexperten! Absolut nationalistisch ist ihre „abschreckende und Frankreich total abschottende Ausländer- und Flüchtlingspolitik“.

Unter Katholiken hat Marine Le Pen Zustimmung gefunden, weil sie ständig die „christlichen Wurzeln Frankreichs“ beschwört: Deswegen will sie die Kirchen nicht attackieren, auch wenn „der Klerus nur in die Sakristei gehört“. Marine Le Pen (geb. 1969) nennt sich zwar katholisch, bekennt aber, den Glauben nur sehr selten zu praktizieren. Sie lobt die selbst von Bischöfen hoch geschätzte laicité, die Trennung der Religion vom Staat, betont dann aber: Die Muslime könnten diese laicité wegen ihrer Bindung an den alles bestimmenden Koran überhaupt nicht anerkennen. Deswegen passe „der“ Islam nicht nach Frankreich. Dabei wird die laicité von le Pen missdeutet: Die Trennung von Religion und Staat bietet gerade allen Religionen die Möglichkeit, sich zu entwickeln und friedlich miteinander zu leben.

Le Pen ist nicht offen rassistisch, sie verbreitet aber eine strafrechtlich nicht so gefährliche Anti-Islam-Ideologie. Ihr Ziel: Moderate Muslime dürfen nur noch privat oder in schlichten Moscheen beten, der Islam soll aus der Öffentlichkeit verschwinden. Er ist in Krisenzeiten „der Feind“, der „eine Okkupation im Land vorbereitet“.

Katholiken stimmen für den FN, weil sie ihre alte Liebe zur Nation wieder pflegen und die angeblich guten alten Zeiten erträumen können, in denen es noch keine gesetzlich erlaubte Homo-Ehe und Abtreibung gab. Ausschlaggebend ist die Angst vor dem (islamistischen) Terror und die Sehnsucht nach mehr Kontrolle und Sicherheit.

Der „Normalität“ des FN folgen auch progressive katholische Kreise, wenn etwa die katholische Wochenzeitung „LA VIE“ (Auflage 99.000) Anfang März auf ihrem Titelblatt Marine Le Pen riesig präsentiert. Das Interview mir ihr umfasst vier Seiten. Die Macht der ausführlichen Behauptungen liegt eindeutig bei der FN Führerin! Die Sympathien der Katholiken fürs Rechtsextreme werden vor allem von Marion Marechal-Le Pen verstärkt, der Nichte von Marine. Die erst 27 Jährige ist FN-Abgeordnete in der Nationalversammlung. Im konservativen katholischen Milieu groß geworden, besuchte Marion ein Mädchen-Gymnasium der mit Rom versöhnten traditionalistischen „Dominikanerinnen vom Heiligen Geist“. An den ebenfalls von reaktionären Katholiken organisierten Wallfahrten nach Chartres nimmt sie gern teil. Sie war die treibende Kraft, als sich eine breite katholische Massenbewegung 2013 mit dem FN in den Demonstrationen gegen die „Homoehe“ verbündete.

Dem FN nicht abgeneigt ist neben anderen Bischöfen Dominique Rey vom Bistum Fréjus-Toulon: Im August 2015 hatte er Marion Maréchal-Le Pen zu einer Akademieveranstaltung nach Sainte-Baume eingeladen. Dort konnte sie ungehindert ihre Ideologie kurz vor den Regionalwahlen verbreiten: Für den FN stimmten dann in der Provence und Umgebung 45 % aller Wähler. „Bischof Rey hat auch zur Banalisierung des FN beigetragen“, schreibt treffend der Theologe Christian Terras. Gegen diese Annäherung von Katholiken und FN war der Widerspruch unter den anderen Bischöfen schwach: Deutlich wurde nur ein Laie: Der Koordinator der katholischen Menschenrechtsorganisation ACAT, Jean-Etienne de Linares: „Die Verbindung von FN und Rassismus ist evident. Der FN spricht dem anderen (dem Muslim) den Wert als Mensch ab. Ich bedauere es, dass die Kirche nun aus dem FN eine respektable Partei macht“. Etwas zaghaft sagte dann später Erzbischof Laurent Ulrich (Lille): „Man kann nicht Christ und fremdenfeindlich sein“, den FN nannte er nicht.

Die Bischofskonferenz hat im Oktober 2016 einen Text veröffentlicht, der sich an „alle Bewohner des Landes“ richtete: Tatsächlich aber wurde diese Mahnung nur als Buch (Auflage 10.000 Exemplare) verkauft. Darin ist vom allgemeinen Zerfall der politischen Kultur die Rede. Aber mit keinem Wort wird eine der Hauptschuldigen genannt: Marine Le Pen und ihre Partei. Mit dem Satz: „Die Zeiten sind vorbei, in denen die Bischöfe sagten, wen man wählen soll“, hat sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier (Marseille), aus der Affäre gezogen. Er hat bei der Vollversammlung der Bischöfe im März 2017 erneut vor einer muslimfeindlichen Politik gewarnt, jedoch Le Pen wieder namentlich nicht erwähnt. Radikaler denkt Bischof Jacques Gaillot (Partenia): Er unterstützt den trotzkistischen Präsidentschaftskandidaten Philippe Poutou von der „Neuen Antikapitalistischen Partei“.

Wen werden die Protestanten wählen? Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt 2 %. Bisher wählten sie eher links, aber auch bei ihnen ist (im lutherisch geprägten Elsass) eine starke Nähe zu Rechtsextrem zu beobachten. Der Präsident der Vereinigten (reformierten und lutherischen) Kirchen Frankreichs, Pastor Francois Clavairoly, hat hingegen ausdrücklich vor dem FN gewarnt!

Den aussichtsreichsten Kandidaten Emmanuel Macron („En Marche“) im entscheidenden zweiten Wahlgang (am 7. Mai) erleben viele Katholiken als zu wenig spirituell…Er verweist nur auf seine Ausbildung in einer Jesuitenschule in Amiens …Selbst wenn Macron im 2. Wahlgang zum Präsidenten gewählt wird: Die etwa 10 Millionen FN Wähler werden sich vom Ungeist dieser Partei kaum distanzieren.

 

Copyright: christian Modehn



Glauben und Wissen: Getrennt und doch verbunden. Zum Religionsphilosophischen Salon am 31. 3. 2017

3. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

Hinweise und Thesen von Christian Modehn, vorgetragen im Religionsphilosophischen Salon am 31.3.2017.

1. Wer sich mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen philosophisch befasst, verirrt sich nicht etwa in „abstrakte Reflexionen“, die man gern irrelevant und lebensfern nennt.

Wir reden vielmehr vom Zusammenhang von Glauben und Wissen aus lebens-praktischen Interessen. Denn es geht bei dem Thema um die Frage: Wie gelangen wir in ein Leben, das möglichst frei ist von „inneren“, also geistigen Widersprüchen, etwa zwischen einer Praxis des Wissens und einer Praxis des Glaubens.

Im Blick auf die Geschichte ist klar: Viele religiös Glaubende haben diesen Widerspruch zwischen ihrem Glauben und ihrem wissenschaftlichen Wissen förmlich gesucht und gepflegt. Zu ihnen gehört etwa der Mathematiker und hochbegabte Erfinder Blaise Pascal (1623 – 1662), der seine Wissenschaft total von seinem Glauben trennte; der von einer Art Privatoffenbarung überzeugt war (am 23. Nov. 1654, passierte sein mystisches Ereignis; das „Memorial“ nähte er sich in seine Jacke ein). Pascal glaubte an einen Gott jenseits aller Vernunft, nur dieser Gott zeige sich „als Gott der Liebe und des Trostes“. Er betonte einen totalen Bruch zwischen dem Gott der Philosophen und dem Gott des christlichen Glaubens.

Diesen Bruch halte ich philosophisch (und theologisch) gesehen für falsch. Der Mensch ist nicht gespalten in Denken (Gott denken) und Fühlen (Gott fühlen).

2. Wenn wir Glauben als eine allgemeine, menschliche Haltung verstehen, wird deutlich:

Wir bewegen uns ständig in Glaubensformen, im vor-religiösen Sinne gemeint, etwa: “Ich glaube, mein Freund besucht mich morgen“. Das ist auch eine schwache Form von Wissen. Oder die Wissensform, noch vor-wissenschaftlicher, unbewiesener Art, etwa: „Ich weiß nach zwei Konsultationen, dass dieser Arzt kompetent ist“. Handelt es sich dabei nicht auch um den Glauben, dass dies in Zukunft auch so bleibt? Glauben und Wissen gehen ineinander über in der Alltagspraxis.

Von daher ist eine philosophische Analyse und dadurch eine tiefere Bestimmung von Glauben und Wissen geboten, als Lebensformen, in denen wir uns ständig, immer schon, bewegen. Philosophie zeigt sich bei diesem Thema einmal mehr als Reflexion des von uns „Immer-Schon- (unthematisch) Gelebten und eben dann als sprachliche Thematisierung dieser Inhalte und Strukturen.

3. Philosophie kann niemals populäre, also fest verwurzelte Gegensätze auf sich beruhen lassen, etwa den geglaubten Gegensatz von „Frieden und Krieg“ (aber: „Wie viele Kriege gibt es im Frieden ?“) oder „Liebe und Hass“ oder „Leben und Tod“ (wie viele Abschiede aller Art, Formen des Todes, haben wir im Leben nicht erfahren?) usw.

So kann Philosophie auch nicht den angeblichen Gegensatz von Glauben und Wissen einfach erhalten wollen. Philosophie muss zudem fragen: Wer hat Interesse daran, dass dieser abstrakte Gegensatz fortbesteht, bei dem heutzutage oft unterstellt wird: Wissen ist doch viel besser und wertvoller als Glauben. Das meinen bestimmte Kreise eines zweifellos heute vorhandenen militanten Atheismus, über den sehr viel weniger gesprochen wird als über den genau so unsinnigen militanten unreflektierten religiösen Glauben.

Es gibt jedenfalls auch die oft akzeptierte Behauptung: Religiöser Glauben ist viel besser als Wissen. Das meinen bestimmte Kreise des dogmatischen Fundamentalismus in den drei monotheistischen Religionen. Sie folgen unmittelbar den religiösen Weisungen ihrer religiösen Bücher, verfasst etwa 650 nach Chr. (Koran) bzw. 80 nach Christus (NT) und 600 vor Christus (Hebräische Bibel).

4. Wir leben also immer schon in allgemeinen, also in noch-nicht-religiösen Formen des Glaubens. Diese von uns oft selbstverständlich hingenommene und unreflektierte Glaubensform lebt ständig im Alltag. Dieser Glaube wird als Vertrauen erlebt, also etwa als unbegründete und beinahe selbstverständliche Zuversicht gegenüber einem Menschen, den man als gut erlebt und ihm deswegen glaubt. Als Zuversicht, dass der nächste Tag gelingt und vielleicht das ganze weitere Leben. Vertrauen und Zuversicht als oft unreflektierte Annahme von gründendem Sinn im ganzen ist als Glaube im Alltag vorhanden. Das ist die Basis des menschlichen Zusammenseins in der Gesellschaft. Dieser allgemeine Glaube (dieses Ur-Vertrauen) kann erschüttert werden, kann aber auch wieder „aufgebaut“ werden.

5. Ist im Wissen und in der Wissenschaft eine Glaubens-Haltung immer schon anwesend? Tatsache ist:

Glauben bzw. zuversichtliches Vertrauen halten das forschende Wissen auf Dauer lebendig. Sie sind so etwas wie die innere Dynamik, der geistige Atem, im Forschen, ohne die Forschen nicht gelingt. Wir glauben als Forscher, dass wir später durch die Forschung mehr und besser sehen und verstehen. Man denke an den Glauben innerhalb der medizinischen/pharmakologischen Forschung, tatsächlich nach langen Mühen ein besseres Medikament zu finden usw. Darin zeigt sich unthematisch auch ein Glauben an eine gute und bessere Zukunft der Menschen, wenn nicht der Menschheit. Mit diesem universalen humanen Glauben ist kein dummer Fortschrittsglaube gemeint, der da behauptet: Alles (man meint die Technik) wird immer weiter entwickelt und damit alles immer besser. D.h. zusammenfassend: Ohne eine Art zuversichtlichen Glauben gibt es kein geistvolles wissenschaftliches Leben. „Der allgemeine Glauben ist die Generalbedingung bewussten Lebens“, (Gerhardt, Glauben und Wissen, Reclam 2016, S. 45).

6. Auch im Glauben ist Wissen immer anwesend. Dabei verstehen wir Wissen immer als Vernunft, also als Kritik, als kritisches und selbstkritisches Reflektieren, als Aufklärung im philosophischen Sinne. Auch schon der allgemeine und alltägliche Glaube hat eine bestimmte Wissens-Form, er sagt sich in Sätzen aus, er sucht Kommunikation, er will den Widerspruch, will sich begründen. Die Alltagspraxis ist nie sprachlos, auch wenn oft unvernünftige ideologisch verblendete Thesen behauptet werden.

7. Zur wechselseitigen Beziehung von religiösen Glauben und dem Wissen. Es gibt Formen des Wissens, die sich als Wissen selbst deuten und so propagieren, tatsächlich aber Glaubensformen sind. Man denke an den Marxismus-Leninismus, als von den kommunistischen Herrschern definierte Wissenschaft, die zum Kommunismus führt durch die Lehre von der Dialektik oder der führenden Rolle der KP als dem Inbegriff des Wissens usw. In dieser sich wissenschaftlich gebenden Ideologie wurde letztlich ein Glaube (an den Weg zu Sozialismus und Kommunismus, durch die Partei geführt) als Wissenschaft ausgegeben und durch diesen Glaube wurden andere religiöse Glaubenshaltungen (etwa Kirchen) verdrängt und verfolgt. (Siehe etwa Michail Ryklin, Kommunismus als Religion, Frankfurt am Main, 2008). Auch der Positivismus eines Auguste Comte gab sich als Wissenschaft, mit der zu glaubenden Behauptung, dass Religion und Metaphysik als Haltungen von einst überwunden und beiseite gelegt sind und nun die positive Wissenschaft siegreich alles bestimmt. Ideologien geben sich gern als Wissenschaft. Auch der Faschismus hat mit einer angeblichen „Rassenlehre“ sich wissenschaftlich gegeben. Warum? Sicher auch, weil die Ideologen meinten, mit der Behauptung Wissenschaft zu sein, mehr Erfolg bei den Menschen zu haben. Diese glauben eben den angeblichen Wissenschaften eher…

8. Es gibt auch heute die Tendenz, Naturwissenschaft so zu verstehen, als ersetze sie als Naturwissenschaft eine in dieser Sicht völlig überholte religiöse Glaubenshaltung. Somit wird eine neue Ideologie geschaffen, die freilich nichts anderes ist als eine bestimmte Glaubens-Haltung. Da wird etwa durch Richard Dawkins und andere argumentiert: Naturwissenschaftliche Erkenntnis von heute widerlege als solche den (angeblich immer alten und deswegen veralteten) religiösen Glauben an Gott. Diese These ist als Ideologie zurecht zurückgewiesen worden, schon aufgrund der schlichten Erkenntnis, auf die schon Wittgenstein und andere umfassender als Dawkins reflektierende Denker hinweisen: Naturwissenschaft als Naturwissenschaft kann niemals letzte Sinnfragen, also auch religiöse Fragen, beantworten. Das ist einfach nicht ihr Thema. Ein Beispiel: Von Maschinenbauern als Maschinenbauern erwartet man auch nicht die Schaffung von Kunst-Skulpturen. Also: Atheismus lässt sich rein -naturwissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen.

Hingegen stellen sich Naturwissenschaftler als denkende Menschen, also ansatzweise dann als Philosophen, durchaus manchmal noch die Frage: Was darf ich –ethisch betrachtet – als Naturwissenschaftler erforschen? Ist etwa die Verbesserung der Atombomben auch ethisch noch vertretbar? Naturwissenschaftler, dann als umfassend denkende Menschen verstanden, gelangen also ins ethische Philosophieren, das bekanntlich nach Kant durchaus in Dimensionen eines vernünftigen religiösen Glaubens führen kann. Aber es ist nicht die Naturwissenschaft als Naturwissenschaft, die für oder gegen den religiösen Glauben spricht.

Heute erleben wir wieder die Sprüche: „Wenn die naturwissenschaftliche Forschung einmal begonnen hat, ist sie nicht zu stoppen“, jetzt etwa im Blick auf radikale Verlängerungen der Lebenszeit der (sehr wohlhabenden) Menschen formuliert. Diese wollen gern 150 Jahre und mehr gesund leben, die Forscher setzen alles dran, dies technisch-pharmakologisch zu erreichen. Angeblich weil „die Forschung“ (ist diese ein handelndes Subjekt, doch wohl nicht) nicht zu stoppen ist. Solche Sätze sind die Ideologie der Konzerne, die diese Forschung als Profit betreiben. Forschung lässt sich durchaus stoppen, wenn sich herausstellt, dass es für die Menschheit dringendere Aufgaben gibt: Etwa das Hungersterben von Millionen Jahr für Jahr zu stoppen, also strukturell zu überwinden. Hinter der totalen Freiheit der Forschung verbirgt sich eine Ideologie der reichen Welt, die sich nur um sich selbst kümmert, aber das gerechte humane Projekt völlig aus den Augen verliert…

Heute wird von verblendeten Machthabern, wie etwa von Mister Trump, aller wissenschaftlichen Erkenntnis zuwider behauptet: Der zunehmende CO2 Ausstoß gefährde das weltweite Klima nicht. Man sieht: Aus einer ideologischen, politisch bedingten Haltung wird auch heute ein irriger Glaube als Wissen propagiert. Wie etwa auch das Grundbekenntnis der neoliberalen Wirtschaftsunordnung: „Der so genannte freie Markt reguliert sich selbst, und wie von unsichtbarer Hand, an die man glauben soll, wird alles zum Besten aller geregelt“. Dass dabei zunächst die Reichen immer reicher werden, möge man glauben. Genauso wie: Die Gerechtigkeit für die Armen kommt später, viel später. Vielleicht. Es muss also die Glaubenshaltung (als Ideologie) inmitten des Wissens und der Wissenschaft freigelegt und geistig bekämpft werden.

9. Wie steht es mit dem Übergang vom religiösen Glauben ins Wissen? Religiöser Glaube, etwa im Judentum, Christentum und Islam stellt sich immer in Sätzen dar, als sprachliche Formulierung, als von religiösen und politischen Herrschern vorgegebene Dogmen. Dabei bezieht man sich auf mündliche Offenbarungen und heilige Bücher, diese werden dann als angeblich ewige Dogmen fixiert.

Nur ein sich selbst NICHT reflektierender Glaube kann die Inhalte dieser Offenbarungen und der heiligen Bücher als gültiges Wissen ungeprüft und ohne weiteres annehmen.

Es ist hingegen unvernünftig und damit für eine selbstkritische und reife Lebensgestaltung ausgeschlossen, wenn etwa aus der Lehre der Bibel von der Weltschöpfung in sechs Tagen als Wissen gefolgert wird: Also halten wir uns auch als Wissenschaft an diese religiöse Mitteilung, dass Welt und Mensch in sechs Tagen geschaffen wurden.

Hingegen gilt: Die besondere Qualität der religiösen Texte als Poesie (!) muss anerkannt werden. Es ist immer notwendig, diese Texte wissenschaftlich, also historisch-kritisch, zu lesen und zu verstehen und dadurch den Inhalt zu relativieren. Das Wissen und die Vernunft erkennt die besondere Qualität der religiösen Texte.

Nebenbei, aber sehr wichtig: Es gibt in den christlichen Konfessionen immer noch die Anerkennung wortwörtlich übernommener Bibel-Sprüche, etwa im Vatikan das Wort Jesu „Du bist Petrus der Fels und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen…“, aus diesem Spruch wird im Vatikan abgeleitet, dass alle Päpste Nachfolger Petri sind, also dem ausdrücklichen Willen Jesu entsprechen. So wird Jesus von Nazareth zum Kirchengründer und Förderer des Papsttums, inklusive der vatikanischen Paläste und der Glaubensbehörden (Inquisition). Andere Sprüche dieses Jesus von Nazareth werden im Vatikan hingegen niemals wortwörtlich übernommen, weil sie den vatikanischen Machttrieb stören, etwa der Spruch „Nennt euch nicht Meister… Der erste sei der Diener aller usw.“

Der Glaube bleibt also nur lebendig und menschlich „vertretbar“, wenn er vernünftige Kritik fördert und zulässt.

Man denke an die Hexenverfolgungen. Diese wurden nur beendet durch die Durchsetzungskraft der Vernunft! Der authentische religiöse Glaube etwa des Christentums wurde immer von der Vernunft gerettet. Friedrich von Spee SJ, der große Feind der Hexenverfolgungen, sagte: „Dienen wir der Gerechtigkeit, folgen wir der Vernunft. So haben wir keine Hexen mehr zu verbrennen“. Friedrich von Spee kämpfte gegen verrückte staatliche und kirchliche Lehren seiner Zeit. Er hat allein aus seinem Gewissen heraus gehandelt.

10. Wenn also im Wissen Glaubenshaltungen anwesend sind und der religiöse Glaube sich selbst als Wissen präsentiert: Die entscheidende Frage ist, noch einmal formuliert: Was ist das Kriterium, um im Wissen den möglicherweise berechtigten Glauben und im religiösen Glauben das möglicherweise berechtigte Wissen zu erkennen?

Diese Leistung der Unterscheidung kann selbstverständlich nur das Wissen sein, also die Kritik, die Aufklärung, die Reflexion. Wenn der religiöse Glaube sich selbst korrigiert, ist dies tatsächlich eine Leistung des Wissens, der Kritik, des Nachdenkens. Alle Glaubens-Reformation ist also Ergebnis des Wissens, der Kritik, des Nachdenkens, also handelt es sich nicht etwa um eine wunderbare Einsicht! Ohne Vernunft kein menschenwürdiger religiöser Glaube, das ist das gültige Prinzip auch für religiöse Menschen.

11. Ist Kritik und Wissen das entscheidende Kriterium, das auch im Feld des Religiösen tätig ist: Dann gilt das auch im Bereich der Esoterik. Also der subjektiven inneren Erlebnisse, in denen etwa jemand meint: Dieser oder jener Quarzstein mit seiner Ausstrahlung sei gut, um schlanker zu werden. Das kann man als einzelner zweifellos glauben, obwohl der Übergang in Wahnzustände überprüft werden sollte; die Vernunft wird nur dann zum Einsatz kommen, wenn nun der einzelne Quarz-Stein-Freund in der Öffentlichkeit überall (auf Kosten des Steuerzahlers) Quarzsteine aufstellen möchte oder so. Ich hätte viel heftigere Beispiele eines in meiner Sicht religiös esoterischen Wahns bringen können, die kennt jeder aus seinem Umfeld. Esoterik kann auch die großen Religionen bestimmen: Man denke an den Wunderglauben in der katholischen Kirche bis heute, wenn man etwa Marien-Erscheinungen in Fatima (1917 !) verehrt werden und die Gips-Madonna von dort durch die Straßen geschleppt werden, wie kürzlich in Berlin-Spandau geschehen. Die Präsenz der Madonna soll wirken und helfen. Glaube wird da zum offiziell geförderten Aber-Glauben. Und diesen Aberglauben als Aberglauben erkennt nur die freie Vernunft.

12. Ohne Vernunftkritik auch im religiösen Glauben ist alles im religiösen Glauben beliebig und verschwommen und deswegen nicht relevant. Ohne Vernunftkritik ist alles, auch im Glauben, nichts.

Aber Vernunft ist auch nicht alles, sie ist nicht das ganze Leben. Sie ist nicht Musik, Kunst, Liebe usw. Das Leben ist als Erleben mehr als Vernunft. Keine Frage! Aber Musik, Kunst, Liebe, Engagement, Mitgefühl usw. haben in sich selbst, förmlich wie eine immer begleitende Hintergrund-Musik, die stets unthematisch anwesende Vernunft. Sie allein ist in der Lage, Musik, Kunst, Liebe, Engagement usw. für einen selbst und für andere zu mehr Klarheit zu bringen und mit anderen darüber ins Gespräch zu treten. Bekanntlich sprechen wir hilflos oft von Erlebnissen der Musik, Kunst, Liebe, aber wir sprechen und bedienen uns dabei der Sprache, die alle verstehen, also in der Sprache der Vernunft.

13. Mir ist es wichtig, in dem Zusammenhang eine grundsätzliche Korrektur am üblichen Glaubens-Begriff innerhalb der christlichen Theologie vorzuschlagen.

Der religiöse Glaube findet bekanntermaßen auch deswegen im Augenblick wenig Respekt, weil religiös Glaubende zu viel religiösen Unsinn verbreiten und weil Religionen als fundamentalistisch-gewalttätige Organisationen sich machtvoll gebärden. Viele erleben Religionen und Kirchen einfach als unsympathisch.

Entscheidend ist: Der größte Fehler ist, wenn religiöser Glaube von Theologen, vor allem aus dem klassischen, „orthodoxen“ evangelischen Umfeld, als so genannter blinder und mutiger „Sprung“ in die göttliche Wirklichkeit hinein verstanden und propagiert wird. Dieses stark dominierende Erbe der dialektischen Theologie („Glauben heißt Augen zumachen und den Verstand stilllegen, also Springen) halte ich für verheerend. So wird der religiöse Glaube zur Sache einiger dummer Mutiger, der Unreflektierten oder der besonders Begnadeten: Sie haben halt die Gnade, in Gott hinein zu springen. Dadurch wird der religiöse Glaube zu einer Sache, die den selbstkritischen Menschen gar nicht mehr berührt. Gott wird zum Thema für einige Erwählte, eine Tradition, die beim alt gewordenen Augustinus ihren Ursprung hat, wahrscheinlich schon im Glaubensbegriff des Paulus.

Unsere Meinung ist: Wenn Gott zum Menschen „gehört“, muss er sich auch im menschlichen und das heißt beim Menschen eben im geistvollen, also vernünftigen, Leben zeigen. Gott gehört zum Menschen als Menschen, selbst wenn faktisch viele Menschen keinen religiösen Glauben „haben“. Sie sind „Atheisten“ in Anführungszeichen, weil sie ganz entscheidend nur Kirchen und religiöse Organisationen erleben, die schlicht und einfach eher abstoßend sind, und darin haben diese „Atheisten“ recht. Sie sind aber keine Atheisten, weil sie selbstverständlich wie alle Menschen einen absoluten Mittelpunkt in ihrem Leben haben, dem sie alles opfern, Zeit, Geld, Energie, etwa Sport, Musik, Geldverdienen. Dies sind alltägliche Götter nicht nur der „Atheisten“.

14. Ich schlage dringend vor, gerade im Reformationsgedenken: Wir sollten, viel stärker das Johannes Evangelium und die johanneische Theologie respektieren. Diese Position von Glauben als einer Form des Wissens wird meines Erachtens von der in den Kirchen, besonders der protestantischen Kirche, nicht viel beachteten Tradition des JOHANES gepflegt. Bisher folgen die Kirchen viel zu sehr dem Modell des paulinischen Denkens, auch Luther dachte offenbar sehr paulinisch.

Ich nenne nur einige schöne Zitate aus dem Kreis der „Johannes Schule“, die ansatzweise deutlich machen, das Glauben an Gott und Glauben an Christus WISSEN ist:

1 Joh. Brief 3, 14. „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben“.

1 Joh 5, 19: Wir wissen, wir sind aus Gott. Wir wissen, der Sohn Gottes ist in die Welt gekommen…“

Auch im Joh Ev 3,2 Nikodemus: Wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist“.

Der religiöse Glaube muss also auch im Sinne des Johannes Evangeliums definiert werden.

Glauben ist dann kein bloßes Fürwahrhalten von irgendwelchen möglicherweise obskuren Sätzen und Behauptungen. Glauben ist: Ein vertrauensvolles Wissen, ein Wissen ganz eigener Art, ein bewusstes Bezogensein auf einen Sinn stiftenden transzendenten Grund; also das Wissen von einem absoluten Sinnhorizont, in dem wir immer schon stehen. In dieser Haltung ist kein naiver Glaube mehr enthalten, sondern ein wirkliches Wissen. Es ist natürlich kein naturwissenschaftliches Wissen, aber ein Wissen, wie wir es im geistvollen Miteinander kennen, ein Wissen, das wir im Erleben der Kunst, der Liebe, in der Empathie usw. spüren und zu Wort bringen.

Damit plädiere ich für eine VIELFALT der Formen des Wissens. Wissen ist niemals nur naturwissenschaftliches Wissen. Wissen ist auch Bezogensein auf das Unendliche.

Aber der Mensch ist immer frei, sich zu dieser Erkenntnis auf eigene Art, frei, zu verhalten. Ich kann ja auch in einer aus dem Vertrauen gewonnenen Erkenntnis, dass mich dieser Mensch liebt, mich frei, zustimmend oder ablehnend, verhalten.

Es wird oft behauptet: Wenn Glaube auch eine bestimmte vertrauende Wissens-Form ist, dann verliert er seinen freien und möglicherweise gnadenhaften Charakter. Das ist in meiner Sicht nicht so: Ich kann mich zu meinem wissenden Glauben, immer kritisch reflektiert, auch frei verhalten. Ich kann die Annahme dieser anderen Wirklichkeit (Gott) als Geschenk, Gnade, erleben, die aber niemals ohne mein eigenes Bemühen, auch im Nachdenken, erreicht wird.

15. Wird der Glaube selbst als eine selbstkritische Wissensform erlebt und auch so bestimmt: Dann ist es nicht mehr möglich, alles Beliebig-Mögliche und Unwahrscheinliche dann noch „Glauben an Gott“ zu nennen. Denn dann kritisiert und korrigiert meine selbstkritisch reflektierende Vernunft meinen eigenen Glauben: Ich kann nicht mehr Wahnhaftes (Glauben an Hexen etwa) behaupten, von Jungfrauen schwärmen, die mich im Paradies erwarten; nicht mehr an Marienerscheinungen glauben, die in Fatima nur sichtbar waren den drei Hirtenkindern usw.

Der Glaube als Wissensform verliert dann seinen mysteriösen und esoterischen Charakter. Er wird inhaltlich einfach, man könnte sagen nackt, er legt immer mehr Kleider ab, um sich ganz auf das Wesentliche zu beziehen: Die Bindung und Verbindung an eine göttliche Wirklichkeit. Und das Wissen als vertrauendes Wissen gilt: Wenn die Welt und die Menschen von einer absoluten Wirklichkeit her stammen, die die Evolution in Gang setzte und als solche schöpferisch ist: Dann ist diese göttliche Wirklichkeit in mir und in jedem Menschen auch lebendig.

16. Daraus ergibt sich eine enge innere (!) Verbindung von Mensch und Gott, von Ich und Gott. Es ist dieses Erlebnis der Einheit, die allein wichtig ist. Da wird dann die Kirche nicht mehr so wichtig, sie ist ein Ort, in dem religiöse Menschen in der Unterschiedlichkeit miteinander sprechen und sich ermuntern, weiter zu wachsen auf diesem Weg.

17. Zusammenfassung der These: Es gilt, den religiösen Glauben der Christen zu befreien von der engen, bloß gläubigen, also nicht auch wissenden, also nicht auch selbst-kritischen Haltung. Christlicher Glaube an Gott ist eine Form des Wissens, des kritisches Wissen, des kritischen vertrauenden Wissens! Es gilt die verschiedenen Wissens-Formen zu entwickeln. Die göttliche Wirklichkeit ist als göttliche Wirklichkeit niemals zu umgreifen und zu definieren. Das heißt: Menschen können Gott nur berühren. Mehr nicht. Und Gott berührt dabei den Menschen. Das ist, wenn man das Wort will, das Geheimnis des Lebens.

Mehr brauchen die Menschen nicht. Die Kirchen haben das zu pflegen und zu feiern, im Fest, im Mahl und in der Solidarität. Und immer wieder zu besprechen. Mehr ist nicht not-wendig.

Einige Anregungen verdanke ich der Studie von Volker Gerhardt, „Glauben und Wissen“, Reclam 2016.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Ostern für Aufgeklärte. Eine Radiosendung in NDR Kultur am 17.4.2017 um 8.40 Uhr

2. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Befreit von der Macht des Todes: Ostern für Aufgeklärte. NRD Kultur 17.4.2017, 8.40 Uhr.
Von Christian Modehn

Über die Auferstehung Jesu gibt es im Neuen Testament unterschiedliche Erzählungen. Diese sind Ausdruck religiöser Überzeugungen der Freunde Jesu. Nach seinem Tod sehen sie ihn als einen Verwandelt-Lebendigen. In Bildern voller Weisheit und Poesie geben sie davon Zeugnis. Die frühe Gemeinde weiß, dass ihr eigenes Erleben ein Sinnangebot für alle Menschen sein kann. Weil Jesus die Grenzen des sterblichen Menschseins überwunden hat, sind die Toten „in Gott auf ewig geborgen“. Mystiker sprechen – plausibel – von der „Dimension des Unzerstörbaren und Göttlichen“ in jedem Menschen.



Karfreitag: Jesus am Kreuz: Elend, nackt, bloß. Eine Radiosendung am Fr. 14.4.2017

2. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine, Theologische Bücher

Die Radiosendung wird im RBB Kulturradio um 9.04 (bis 9.30) am Karfreitag (14.4.2017) wiederholt. Der Beitrag hat als Erstsendung schon viele HörerInnen interessiert, bewegt, ins Fragen geführt…

Von Christian Modehn

Das Kruzifix, ob in Schlafzimmern oder Amtsstuben, ist in Europa kaum noch beachtete Alltagskultur. Es sind die

Künstler, die uns einladen, den „Skandal des Kreuzes“ wieder wahrzunehmen, denn Jesus von Nazareth, seinen

Qualen erlegen, hängt fast nackt am Kreuz. Und in dieser Blöße hält ihn auch seine Mutter in ihren Armen. Der

verwundete, geschundene Leib spendet Christen Trost: Auch ihr Erlöser hat das Schicksal der leidenden

Menschheit geteilt. Dabei ist bereits das ganze Leben Jesu von einer „existentiellen Nacktheit“ bestimmt, von

radikaler Offenheit, Wahrhaftigkeit und Schutzlosigkeit. „Auch ich kann nur in dieser Haltung meinem nackten

Gott begegnen“, betont der Jesuitenpater Klaus Mertes. Der nackte Jesus wird zum Symbol einer modernen

Spiritualität. Sie findet Inspirationen bei Künstlern wie Michelangelo und Matthias Grünewald, bei Max Beckmann

und Alfred Hrdlicka.



Karl Rahner: „Jesus zeigt die göttlichen Dimensionen in jedem Menschen“.

1. März 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Eckige Gedenktage, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Er hat der katholischen Theologie und der katholischen Variante der Religionsphilosophie die Weite und die Universalität geschenkt, die im dogmatischen Mief der Schultheologie vor dem 2. Vatikanischen Konzil erstorben war und nach dem Konzil wenigstens an einigen Orten überwunden wurde. Karl Rahner SJ, geboren am 5.3. 1904, gestorben am 30. März 1984, wollte für einen modernen Katholizismus sorgen, der den Herausforderungen durch Kant z.B. wenigstens ansatzweise gewachsen war. Rahner dachte niemals eng und kleinlich, auch wenn er als äußerst gefragter Theologieprofessor zu vielen konfessionell geprägten, also explizit katholischen Themen Stellung nehmen musste und manche seiner konfessionellen Schriften etwas Apologetisches haben, etwa seine Verteidigung der Unfehlbarkeit des Papstes. War dies dem Druck der kirchlichen Autoritäten geschuldet, die sich bekanntlich immer ins freie Denken der Theologen einmischen? Das wurde bisher noch nicht untersucht. Andererseits hat er schon in 1970 Jahren klar gesagt: Die Kircheneinheit mit den Protestanten ist jetzt möglich. Dieses Buch leider total verschwunden aus den Debatten, würde heute aber Mut machen, in gutem Ungehorsam einfach gemeinsam Abendmahl/Eucharistie zu feiern. gerade jetzt, im Reformationsgedenken. Karl Rahner war in dieser Frage niemals „brav“, heutige Katholiken und Theologen sind nach wie vor brav und verängstigt („Ungehorsam könnte die Karriere kosten“ usw…)

Karl Rahner hat aber vor allem bewiesen, dass Argumentieren und Fragen und philosophisches Debattieren einen festen Platz in der menschlichen Haltung, Glauben genannt, haben müssen. Entscheidend ist: Karl Rahner hat sich bemüht, die zentralen Lehren und Überzeugungen der christlichen Tradition (Dogmen genannt) mit den Erfahrungen der Menschen in Verbindung zu bringen, bis dahin, dass er die Dogmen als Ausdrucksformen der menschlichen religiösen Selbsterfahrungen deutete. So sollte die Fremdheit zwischen Glauben und Lebenserfahrung überwunden werden, ein großartiges Unternehmen, das heute schon wieder vergessen ist.

Dies ist wohl seine bleibende Bedeutung, darin bleibt er eine Provokation. Diese großartige Leistung bringt ihn in meiner Sicht und in dieser Perspektive (!) in die Nähe einer modernen liberalen Theologie bringt, klicken Sie hier. Bis heute hingegen werden von Theologen, nicht nur in der römischen Kirche, Dogmen etc. als hinzunehmende „Fremdkörper“ des Denkens hingestellt, so wird der Bruch zwischen Glauben und Vernunft vertieft, also der enorme Abstand zwischen geistvollem Leben und Glauben zementiert. „Credo quia absurdum“, dieser furchtbare Spruch geistert noch immer in den Köpfen der Kirchenleute und der Christen herum, vielleicht gerade jetzt, in den Erinnerungen an das Reformationsgeschehen. Luther war ja bekanntlich ein entschiedener Gegner philosophischer Debatten. Er hat die dialektische Theologie inspiriert und den unvernünftgen „Sprung in den Glauben“. Zurück zum Luther-Jahr: Ob darüber offen gesprochen wird? Ob das freie Nachdenken wieder eine Chance im Protestantismus und vor allem in den enthusiastischen evangelikalen Kreisen erhält? Ob es ein Ende gibt in dem bloßen Zitieren von Bibelsprüchen, um etwa katholische Sonderlehren zu begründen? Man denke etwa an die fundamentalistisch anmutende Begründung des Papsttums durch angebliche Sprüche Jesu von Nazareth (siehe etwa das neue Papstbuch von Kardinal Müller, Rom).

In jedem Fall: Karl Rahner bleibt von unerreichter Größe, wenn es um die Universalität der christlichen Grundüberzeugungen geht. Im Band 9 seiner „Schriften zur Theologie“ (1970, Seite 212) schreibt er zum Beispiel: „Wir setzen die Einmaligkeit Jesu falsch an, wenn wir ihn nur als den Sohn Gottes betrachten, der Menschen gegenüber tritt, die zunächst einmal mit Gott gar nichts zu tun haben; wenn wir Jesus bloß als Boten aus einem göttlichen Jenseits sehen hinüber zu einer Welt, die mit Gott noch gar nichts zu tun hat“. Diese Fremdheit zwischen Christus und den Menschen im allgemeinen ist für Rahner völlig unzutreffend! Er fährt fort: “In Wirklichkeit sind wir aber in der ganzen Geschichte der Menschheit Kinder Gottes“. Sind es „immer schon“, müsste man in Rahners eigenen Worten weiterformulieren. Das heißt: Jesus von Nazareth macht in seinem Leben und Sprechen und Handeln nur sichtbar und offenbar, dass die Menschheit im ganzen mit Gott selbst immer schon eins und verbunden ist…Jeglicher konfessionalistischer Wahn ist so zurückgewiesen. Welchen Sinn dann Predigt und Mission haben, hat Rahner klar gesagt. Auch dies wird heute gern und bewusst beiseite geschoben.

Copyright: Christian Modehn



Katholisch heißt immer noch (oft) fundamentalistisch denken: Eine vernünftige Nonne wird verteufelt.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Wie die katholische Dominikaner-Nonne Lucia Caram Hass und Morddrohungen auf sich zieht

Ein Hinweis von Christian Modehn

Was hat die Nonne Schwester Luzia Caram aus dem Dominikaner-Orden Furchtbares gesagt in einem Fernsehinterview in Barcelona Ende Januar 2017? „Ich glaube, dass Maria in Josef verliebt war. Dass sie ein normales Paar waren und aller Wahrscheinlichkeit entsprechend: Hatten sie auch sexuelle Beziehungen. Der Sex ist eine schöne Form, Gefühle auszudrücken und die Liebe. Aber für die Kirche ist dies ein schmutziges Thema und es wird versteckt. Ich aber glaube, Sex ist ein Segen. Ich glaube auch, dass wir uns getäuscht haben in unserer Art diese Dinge zu lehren: Wir wollten die Botschaft des Evangeliums in irgendeine bloß spirituelle Sache umwidmen (convertir). Und wir wollten die absurde Idee einschärfen, dass der Körper das Gefängnis der Seele ist. (übersetzt nach Libération, Paris, vom 14. 2. 2017, übers.von Chr. Modehn).

Die Tageszeitung Libération zitiert den Erzbischof von Barcelona: «Il s’agit d’un grave scandale. C’est un affront intolérable contre un point fondamental de la doctrine catholique“.“ Es handelt sich um einen schweren Skandal. Es ist ein nicht hinzunehmender Affront gegen einen fundamentalen Punkt der katholischen Doktrin (sic!)“.

Der Wortführer der spanischen Bischofskonferenz, Jose Maria Gil Tamayo, kündigte an, dass die Kirche diesen „problematischen Fall“ studieren wird, diese Äußerungen einer Frau, „die die Reinheit der Botschaft Christi mit ihren Äußerungen beschmutzt“. Der Bischof der spanischen Diözese VIC sagte in Bezug auf die nicht – vollzogene Ehe von Maria und Josef: „Esta verdad de la fe fue recogida y proclamada de manera definitiva por el Concilio II de Constantinopla, siendo el primer dogma mariano y compartido por los cristianos católicos y ortodoxos“. „Diese Glaubenswahrheit wurde erkannt und proklamiert auf definitive Weise vom 2. Konzil zu Konstantinopel (es fand vor kurzem, im Jahr 553, statt, C.M:);  es ist das erste Marien-Dogma und es wird geglaubt (geteilt) von katholischen und orthodoxen Christen“, so El Mundo, 1.2.2017.

Inzwischen erhält die mutige und vernünftig denkende Nonne Morddrohungen von fundamentalistischen, d.h. dummen Katholiken. Diese Leute können Glauben und Vernunft nicht verbinden. Und können nur glauben, wenn überall Wunder passieren (im Falle der Ehe Marias mit Josef) und Sex nur verheimlicht wird.

Schwester Luzia, 51 Jahre, stammt aus Argentinien, sie lebt in der Nähe von Barcelona, in einem kontemplativen Kloster, das sich um ca. 1400 arme Familien helfend und beratend kümmert. Sie ist im ganzen Land bekannt und beliebt, weil sie auch eine eigene Koch-Sendung im „Canal Cocina“, Kanal Küche, hat, dieses Programm mit der kochenden und manchmal vor berechtiger theologischer Wut „kochenden“ Nonne wird auch in Lateinamerika viel gesehen. Ihr sehr altes, sehr ehrwürdiges und doch von einer modernen Nonne bewohnte Kloster in Manresa, bei Barcelona, hat den Namen „Convento Santa Clara“. Dies für alle, die unterstützenden Kontakt mit der Dominikanerin aufnehmen wollen.

Wir im Religionsphilosophischen Salon freuen uns natürlich bei allen Problemen, die sich die Nonne durch ihre treffenden Worte eingehandelt hat: Dass Schwester Luzia aus Barcelona das selbe sagt, was wir zum Thema Heilige Familie veröffentlicht haben, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Gleichzeitig ist es interessant zu sehen, wie stark der Katholizismus immer, noch bis in die höchsten Kreise, vom Fundamentalismus bestimmt ist, also etwa in der Ablehnung einer historisch-kritischen Bibelforschung.

Das Schlimmste ist wohl, dass ein freies und umfassend freies Wort in der römischen Kirche nicht möglich ist. Dies zu sagen ist im Reformationsjubiläum 2017 wohl besonders wichtig.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Glauben und Wissen: Getrennt und doch verbunden? Ein religionsphilosophischer Salon am 31. März 2017

20. Februar 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Unser nächstes Salon-Gespräch findet am Freitag, den 31. 3. 2017, um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf, statt. Dazu herzliche Einladung.

Unser Thema klingt abstrakt, die Sache aber ist spannend: „Glauben und Wissen“.

Das Thema bezieht sich unmittelbar auf elementare Fragen der eigenen Lebensgestaltung:

Wo und wann und wem soll ich glauben, Glauben schenken, vertrauen? Soll ich die Inhalte eines religiösen Glaubens mir wissend aneignen?

Andererseits:  Wo und wann soll ich die Form des forschenden Wissens (absolut ?) hochschätzen? Soll ich persönlich in meinem Leben auf Glauben ganz verzichten und nur dem Wissen, der Wissenschaft, der Naturwissenschaft, ja was denn dann: glauben? Bekanntlich ist der Jetzt-Zustand einer Wissenschaft nur ein vorübergehender, ich glaube eben notwendigerweise, dass die Wissenschaft weiter und besser forscht usw…

Das zeigt schon, dass Wissen und Glauben keineswegs (die feindlichen) Alternativen im Lebensvollzug sind, die förmlich parallel nebeneinander stehen. Und wo man sich für die eine oder die andere entscheiden kann.

Die Frage also ist:  Welche Formen des im Alltag nun einmal immer schon gelebten Glaubens und Vertrauens gibt es? Weisen einige dieser alltäglichen Glaubensformen sogar in philosophisch vertretbare Fomen religiösen Glaubens? Ist die Ablehnung des reflektierten religiösen Glaubens zugleich eine maßlose Überschätzung „der“ Wissenschaften?

Mit diesen Fragen werden sich gewiss alle an dem Salon Interessierten TeilnehmerInnen vorweg schon befassen, so dass sich ein weiter führendes Gespräch ergibt. Ich weise noch einmal auf die kleine Studie des Berliner Philosophen Volker Gerhard hin: „Glauben und Wissen“, Reclam 2016. Wer auch nur die Schlußkapitel liest, kommt mit eigenem Denken in Schwung.

Ich bitte wegen der begrenzten Anzahl der Plätze um eine Anmeldung: christian.modehn@berlin.de

 

 

 



Der Papst. Zu einem neuen Buch von Kardinal Gerhard Müller, Rom.

16. Februar 2017 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16. Februar 2017

Eine erste Beobachtung:

Die Widmung Müllers gleich zu Beginn zeigt bereits die Richtung des auf über 600 Seiten ausgebreiteten Inhalts: Auf Latein geschrieben, wie es sich wohl für den obersten Glaubenswächter in Rom gehört, sagen schon die ersten beiden Zeilen sehr viel, von Chr. Modehn übersetzt:  „Der heiligen römischen Kirche, der Mutter und der Lehrmeisterin aller Kirchen…. widmet der Autor dieses Buch“.

Die römische Kirche als Lehrmeisterin aller Kirchen … und der Papst dann als oberste Lehrer aller, dieses Worte, 2017 ausgesprochen, sind doch verstörend. Diese Behauptung ist eine schlechte Empfehlung für alle weiteren ökumenischen Bemühungen im Lutherjahr 2017: Rom als die „Mutter aller Kirchen“ muss doch von allen (auch abtrünnigen Söhnen) geliebt werden. Zurück zur Mutter-Brust könnte man denken… Der Kardinal in seinem Vatikan-Palast sieht „bislang unüberbrückbare dogmatische Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten“ (S. 489), nämlich im Blick auf das Weihesakrament! Diese Gegensätze sehen viele Katholiken an der Basis sicher nicht mehr. Sie wollen darum endlich gemeinsam Abendmahl feiern mit Protestanten, siehe etwa das aktuelle und richtige Statement von Pater Klaus Mertes SJ, klicken Sie hier. Aber der hohe Herr im vatikanischen Palast insistiert auf der dogmatischen Überlegenheit des Katholizismus, also bestehen die unversöhnten Gegensätze fort.

Wie sich katholischer Glaube zusammensetzt, dürfte auch für Protestanten interessant sein, Müller sagt: „Er ergibt sich aus der Heiligen Schrift, dem Glaubensbekenntnis, den Katechismen, den bisherigen Lehrentscheidungen der Kirche“ (S. 332). Für die Freunde der „liberalen wissenschaftlichen Theologie“ also der Hinweis meinerseits: Von Vernunft als Quelle eines humanen Glaubens ist da keine Rede… Aber wichtig ist der folgende Satz von Müller, der alle Korrektur, alle Zurücknahme früherer, jetzt aber im Denken vieler doch heute überholter Lehren betrifft: „Die schon entschiedenen Glaubensfragen können auch nicht mit dem Vorwand ihrer Weiterentwicklung ins Gegenteil verkehrt werden“ (332). So etwas nennt man wohl einen steinernen, leblosen Dogmatismus, dem jegliche Lebendigkeit und Wandelbarkeit durch das gelebte (religiöse) Leben und Erkennen abgeht. Warum? Um die eigene Macht- und Privilegien-Position unbedingt zu halten…

Eine zweite Beobachtung:

Dieses umfangreiche Opus des Kardinals erscheint gleichzeitig mit einem Buch, das ein Mann verfasst hat, der Jahre lang als Junge von einem Kapuzinerpater in der Schweiz missbraucht wurde: Daniel Pittet ist der Name des Opfers. Der Priester, der immer wieder vergewaltigte und dann von einem Kloster zum anderen versetzt wurde, heißt Joel Allaz, er lebt in einem Kloster in der Schweiz. Für dieses Buch von Daniel Pittet, voller schlimmster Erinnerungen, hat Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben! Das passiert ja nicht alle Tage: der Papst als Autor eines Vorwortes. Der Titel de Buches: Mon Père, je vous pardonne (éditions Philippe Rey). Für Müllers Werk über den Papst hingegen hat Papst Franziskus nichts geschrieben.

Eine dritte Beobachtung:

Kardinal Müller schildert auf 90 Seiten gleich zu Beginn seine glanzvolle Karriere voller tiefer Gläubigkeit im „Dienst“ „der“ Kirche. In diesem biographischen Teil lobt der Kardinal Papst Benedikt XVI. in den höchsten Tönen, er konnte „auf eine bewundernswerte Kenntnis der Theologie- und Dogmengeschichte zurückgreifen“ (S. 95 usw.)…Das theologisch und exegetisch völlig veraltete und überholte dreibändige Werk Ratzingers über Jesus von Nazareth lobt Müller selbstverständlich: Beide, Ratzinger und Müller, sind von demselben Geist: Sie verstehen die Aussagen des Neuen Testaments im Grunde wortwörtlich, die sie zur Verteidigung ihrer eigenen Position brauchen: Also: Jesus hat den armen Fischer Petrus als ersten Papst gewollt und bestellt. Jesus von Nazareth wollte eine Kirche gründen, die katholische Kirche, natürlich: Solche bibelwissenschaftlichen Behauptungen kann heute kein Theologiestudent mehr in einem Exegese-Seminar vertreten. Eminenz Müller tut es. Da wird eine fundamentalistische Bibeldeutung betrieben, passt dies zu einem einstigen Theologieprofessor (in München)? Soll man über den Satz Müller lachen oder weinen? Wenn er sagt: Jesus habe also den Apostel Simon (Petrus) zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche aufbauen will: „Damit ist Jesus selbst der Urheber der Verfassung der Kirche“. Fehlt bloß noch, dass sich Jesus von Nazareth irgendwann bei einem Spaziergang durch Palästina, schon die Glaubenskongregation in Rom, einstmals das grausame Heilige Offizium und die Inquisitionsbehörde wünschte…Interessant wäre es, wenn der Satz aus dem Matthäus-Evangelium (23,8) mit der gleichen fundamentalistischen Energie im Vatikan interpretiert und vor allem gelebt würde, der Satz aus dem Munde Jesu an seine Jünger heißt: „Nennt euch nicht Meister“. Also, Ihr seid keine Meister, keine obersten Lehrer, keine Direktoren eines heiligen Offiziums…

Eine vierte Beobachtung:

Während die Lobeshymnen auf Ratzinger recht lang ausfallen in der Biographie Müllers, sind die Worte zu Papst Franziskus eher karg. Und ich weiß nicht, ob Müller sich des Lobes, der Ironie oder des Zynismus bedient, wenn er die wenigen Zeilen im Kapitel „Meine Lebensgeschichte“ zu Papst Franziskus wiederum auf Latein mit der Überschrift versieht: “Feliciter regnans“, also „glücklich“ bzw. auch „mit Erfolg regierend“. Man muss nur die Weihnachtsansprachen von Papst Franziskus vor der Kurie in Rom lesen, um zu sehen: Dieser Papst ist mit diesem seinem Hof (curia) höchst unzufrieden. Und mit den ultrakonservativen neuen Orden ist er ebenfalls nicht glücklich, geschweige denn mit dem Finanzgebahren des Vatikans. Dass er mit einer prunkvollen Palast-Wohnung nicht glücklich war, zeigt sein bescheidenes Leben in einer Art Hotel „Haus St. Marta“ usw. usw…

Das soziale Engagement des angeblich glücklich regierenden Papstes erwähnt Müller ausführlicher: Dass im Sozialen auch ein neues theologisches (!) Amtsverständnis sichtbar wird, sagt Müller nicht. Für ihn ist Papst Franziskus eine Art sozialer Prophet. „Der bessere Theologe bin ich, Müller“, denkt man dann wie automatisch.

Eine fünfte Beobachtung:

Durchgehend wird, beinahe für den philosophisch gebildeten Leser unerträglich, die feindselige Abwehr des Herrn Müller gegenüber der Aufklärung, dem „Freidenkertum“ (was auch immer Müller darunter verstehen mag), dem liberalen Denken und dem Kulturprotestantismus ausgebreitet. Von „Selbstdenkertum der Moderne“ ist abfällig die Rede, was soll diese Bezeichnung? Würden mehr Menschen selbst denken und urteilen, würde es besser in der Welt und der Kirche aussehen. Dieser Theologe bejaht nicht die Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat und die Laizität. Wie sehr schätzt er eigentlich die Demokratie? Mit dem Philosophen und Politiker (und Berlusconi-Freund) Marcello Pera ist Müller der Meinung, dass die (in meiner Sicht ja bloß ansatzweise) „Versöhung von Christentum und Moderne“ ein Fehler für die katholische Kirche ist (399).

Eine sechste Beobachtung:

Müller betont einmal mehr seine Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez aus Peru. Müller betont, wie wichtig ihm die Befreiungstheologie wurde. Mit seiner Freundschaft zu Gutiérrez will er die Theologie der Befreiung spalten, in eine gute (moderat wie Gutierrez) und in eine böse, weil radikale auch Papst-kritische, repräsentiert in dem großen Leonardo Boff… Müller sagt, er habe auch in Peru Theologie doziert. Ob er dort Befreiungstheologie dozierte oder aus seinem Dogmatik-Handbuch aus Regensburg vorgelesen hat, wissen wir nicht so genau. In jedem Fall hat das Leben in der angeblich bitteren Armut Perus den Herrn Kardinal Müller nicht dazu bewogen, nun in Rom weiterhin explizit den Impulsen der Befreiungstheologie zu folgen. Oder seinen eigenen Wohn-Palast aufzugeben und etwa im Sinne der Befreiungstheologie arm in einem Hochhaus in der römischen Vorstadt zu wohnen. Nach einer jüngsten Veröffentlichung des Vatikan-Insiders, des Journalisten Gianluigi Nuzzi „bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig“ (Wochenblatt Regenburg vom 30.12. 2015, Autor Christian Eckl).

Also: Nichts als Nebel, wenn die Freundschaft zu Pater Gustavo Gutierrez OP so deutlich gepriesen wird und sich Kardinal Müller als Freund der Armen und ihrer Theologie etablieren will, siehe dazu schon einige Hinweise zu Müller und seiner Freundschaft mit Gutiérrez vom 2.1. 2016, klicken Sie hier. .

Eine siebente Beobachtung:

Man suche bitte im Register des Buches nach Namen, die zu dem Thema Papsttum von höchster wissenschaftlicher Bedeutung sind. Hans Küng sucht man vergeblich. Sein Name kommt nicht vor. Küng ist immer noch ein Verschmähter, zu klug für die Beamten im Vatikan. Er darf auch in Herrn Müllers Papstbuch nicht vorkommen. Küng hat bekanntermaßen das wichtige Buch „Unfehlbar“ geschrieben. Auch Hubert Wolf, Kirchenhistoriker, sucht man vergebens. Auch Leonardo Boff, den Befreiungstheologen. Hingegen kommt Lenin zweimal vor… Den Namen Benito Mussolini sucht man auch vergebens, er hat bekanntlich den Deal geführt, der zur Gründung des Staates Vatikanstadt führte. Nebenbei: Zur doppelten Rolle des Papstes als geistlicher Führer und als Staatschef habe ich bisher nichts gefunden in dem Buch von Müller. Auch den Namen Lorenzo Valla sucht man vergebens. Er hat schon im 15.Jahrhundert nachgewiesen, dass die so genannte Konstantinische Schenkung eine Fälschung ist. Aber der reaktionäre Papst-Verteidiger Joseph de Maistre hätte gut in die Reflexionen von Herrn Müller gepasst.

Auch die Literaturliste, offenbar die verwendete Literatur, ist dürftig. Hans Küng wird auch da nicht erwähnt. Hingegen Dietrich Bonhoeffer, den Müller manchmal zitiert, aber nicht dessen Überzeugung, man müsse als Christ heute so leben, als gäbe es Gott nicht usw…Der italienische Politiker Marcello Pera wird erwähnt mit seinem Buch über (bzw. gegen) den Relativismus. Pera stand und steht Berlusconi sehr nahe. Insgesamt ist das ein klägliches, sehr auf konservative Autoren gerichtetes Literaturverzeichnis. Man wird neugierig, wenn völlig entlegene Werke im Literaturverzeichnis auftauchen, etwa das Buch von Richard Baumann über den Papst, das in einem Verlag erschien, der sonst explizit traditionalistisches Schrifttum verbreitet. Baumann war hoch umstrittener Konvertit zum Katholizismus. Konservative Autoren als Literaturempfehlung im Verzeichnis, Remigius Bäumer, Louis Bouyer, Kardinal Walter Brandmüller, Heinrich Denifle, Ludwig Ott, Kardinal Leo Scheffczyk  usw…Manch ein Leser hätte förmlich Lust, Bücherpakete von aktuellen Theologen nach Rom zu senden…

Man wird den Eindruck wieder einmal nicht los: Diese Art von offizieller, man möchte sagen, Vatikan-staatstragender Theologie erweckt Assoziationen an das Niveau der alten Parteihochschulen der SED und anderer kommunistischer Parteien: Da wird hier wie dort nur selbst-bezogen argumentiert; die offiziellen Texte werden nach offizieller Lesart bearbeitet und zitiert; Funktionäre zitieren sich gegenseitig, Parteibeschlüsse bzw. Bischofsbeschlüsse, Konzilienbeschlüsse, Ergebnisse bilateraler Arbeitsgruppen usw.  werden hin und her zitiert. Die „Argumente“ dienen dem Machterhalt der Institutionen und ihrer Profiteure. Von kritischem, wenigstens wachem Geist kein Spur. Dies ist das Elend der offiziellen katholischen Theologie.

Sie ist in unserem Beispiel keine unabhängige Wissenschaft. Sie kennt keinen Abstand zum privaten Glauben des Autors Müller, der oftmals esoterisch gefärbt ist. Wie anders als esoterisch, also nicht-theo-logisch, d.h. logos-mäßig, vernünftig argumentierend, kann man denn diesen Satz von Herrn Müller (S. 102) lesen zur Ehe-Theo-„logie“: „Die Ehe ist als Sakrament eine vollkommene Analogie der hingebenden Liebe Christi am Kreuz, durch die er sich die Kirche als Braut erworben hat… Weil Gott selbst (!) die christlichen Ehegatten aufgrund ihres freien Ja-Wortes miteinander verbunden hat, sind sie darum in Christus ein Fleisch geworden. Und darum ist die Ehe auch innerlich unauflösbar“ (S. 103). Nur einmal als Test: Man lese bitte diesen Satz jungen Leuten vor, vielleicht Eheleuten in einem Elendsviertel in Lima, Peru, oder in Berlin-Kreuzberg laut vor und überprüfe die Reaktionen…  Man sieht nur an diesem Beispiel, dass Müller mit seinem Papst-Buch auch die heute angeblich so furchtbar wichtigen Themen der Ehe-Theologie mitbehandeln will.

Eine achte Beobachtung: Eher nebenbei formuliert.

Es ist ein Beleg für die abgehobene Sonderrolle in einer abgeschlossenen Sonderwelt im Vatikan, dass sich Kardinäle, so auch Herr Müller, mit dem eher zum Schmunzeln führenden Namen „Gerhard Kardinal Müller“ tatsächlich als Autor präsentieren… und bitte auch in ergebenen katholischen Kreisen so angeredet werden wollen. Und die Ergebenen tun das auch.  Ich hätte spaßeshalber Lust, meinen kurzen Beitrag so zu zeichnen: „Christian Journalist Modehn“. Geschrieben am Hochfest der heiligen Juliana von Nikomedien oder wahlweise am Hochfest des seligen Papstes Gregor X. Dies ist säkular gesprochen: Der 16. 2. 2017.

Noch etwas nebenbei: Kardinal Müller hat sein Opus, wie er auf Seite 16 im Vorwort schreibt, vollendet zu Rom, „am Hochfest der Cathedra Petri 2017“. Für alle nicht so einschlägig Gebildeten: Dieses Fest feiern die Kardinäle in Rom und anderswo am 22.Februar. Es heißt auf Deutsch: „Petri Stuhl-Feier“. Gefeiert wird der Sitz Petri! Verwunderlich ist: Das Vorwort wurde laut Datierung (22.2. 2017) von Herrn Müller geschrieben nach dem Erscheinen des gedruckten Werkes. Ich habe das Buch seit dem 14. 2. 2017 in den Händen. Ist da etwa ein Druckfehler passiert? Oder findet da eine Art Bedürfnis einen Ausdruck, dieses Buch an einem Papstfeiertag zum Druck abgegeben zu haben?

Das Buch „Der Papst. Sendung und Auftrag“ ist am 14.2.2016 im Herder Verlag erschienen. Es wird weitere Debatten über den Zustand katholischer Theologie in Rom auslösen. Dieser Beitrag war eine erste kritische Ermunterung, in dieses voluminöse und verstörende Werk zu schauen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.