Auf der Suche nach dem verlorenen Gott: Religiöse Fragen französischer SchriftstellerINNen von heute

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2017.

Am Ende dieses Beitrags befindet sich ein wichtiger Hinweis auf die Arbeiten des Theologen Jean – Pierre Jossua, Paris, zur religiösen Bedeutung der Poesie.

Der weltanschauliche Pluralismus in Frankreich ist „bunter“ als in anderen Ländern. In jeder Religion gibt es zudem noch eine große innere Vielfalt. Das gilt auch für den Katholizismus, zu dem sich heute nicht einmal mehr die Hälfte aller Franzosen bekennt. Diese Pluralität gilt für den Islam und die ebenfalls zahlenmäßig starken Religionen Judentum und Buddhismus. Jeder zweite Franzose nennt sich „agnostisch“, unentschieden im Ja oder Nein zu Gott. Das gilt für viele Schriftsteller. Die Gottesfrage ist für sie zwar nicht ganz tot, aber entscheidend ist die Freiheit, das Passende aus religiösen Traditionen auszuwählen. Religionssoziologen urteilen: Franzosen „basteln“ ihre eigene Spiritualität. Die Übersichtlichkeit von einst ist vorbei.

Bis 1960 standen „die“ katholischen Autoren, Mauriac, Bernanos, Mounier, Marcel, „den“ atheistischen Schriftstellern Sartre, de Beauvoir, Gide, Génet gegenüber.

Dabei waren katholischen Autoren nicht immer, wie Léon Bloy, treue Verteidiger der Kirchenlehre: Der ursprünglich extrem konservative George Bernanos entwickelte sich zum heftigen Kritiker der spanischen Kirche wegen ihrer Verquickung mit dem Franco-Regime. Es gab weltanschauliche Polemik, aber es wurden auch Brücken gebaut: Die katholische Kulturzeitschrift ESPRIT förderte in den dreißiger Jahren Debatten mit Atheisten. Katholische Autoren wie Paul Claudel wurden (und werden!) auf den großen Bühnen gespielt. Claudel trat in die Öffentlichkeit, als er von seiner plötzlichen Bekehrung in der Kathedrale Notre Dame berichtete.

Auch heute sind öffentliche Bekenntnisse zur eigenen Spiritualität unter Frankreichs Autoren beliebt. Sie sorgen dafür, dass religiöses Fragen und Suchen die Gesellschaft beleben. Jetzt bekennt der umstrittene Autor Michel Houellebecq: Seit jungen Jahren sei für ihn die Philosophie Schopenhauers maßgeblich, diese buddhistisch inspirierte Zustimmung zum leidvollen Leben. Dabei freut sich Houellebecq aber doch, dass sein „Meister“ „die kleinen Momente unvorhergesehenen Glücks, die kleinen Wunder, schätzte“. An Wunderbares glaubt Houellebecq ohnehin: „Ich habe eine Vorstellung von Religion, die der Magie nahe steht. Das Wunder beeindruckt mich“, sagte er 2015 der katholischen Zeitung „La Vie“. Anläßlich seines Romans „Unterwerfung“ habe er den Koran gelesen: Er bekennt: „Nur die Djihadisten sind es, die eine Islamphobie provozieren“.Houellebecq lehnt ausdrücklich den Atheismus ab und bekennt sich zum Agnostizismus. Das schließt sein Interesse für den Katholizismus wiederum nicht aus: Im Dezember 2013 lebte er für ein paar Tage als Gast im Benediktiner – Kloster in Ligugé bei Poitiers: Und freute sich, dass die Mönche ihn gern aufnahmen! In der Tageszeitung „Le Monde“ betonten sie sogar, mit welcher Begeisterung sie die Romane Houellbecqs lesen. Denn dieses spiegeln die Suchbewegungen der französischen Gesellschaft.

Im Kloster Ligugé lebt ein Mönch, der als Schriftsteller und Poet einen guten Ruf hat: Dabei ist Pater Francois Cassingena – Trévedy auch Historiker, Theologe und Komponist. Seine Gedichtssammlungen haben den Titel „Etincelles“ (Funken): „Ich bin überzeugt: In jedem Menschen gibt es etwas Hervorragendes, das man dringend bewahren muss. Der Poet berührt das Mysterium. Er bringt es zur Sprache, er gibt der Sprache die wahre Größe wieder“. Aber im Unterschied zu Houellebecq ist der Dichter- Mönch nicht an der „Unterwerfung“, sondern am Ungehorsam interessiert: „Der wahre Aufstand ist der fundamentale Widerstand gegen Lügen, Idole, Moden… Der Widerstand gegen alles, was in uns verhindert, das Wehen des Geistes, das Licht, den Blick in die Weite zuzulassen.“.

In eine neue Weite des Denkens gelangen, bei der auch christliche Spiritualität Orientierung bietet: Daran arbeitet jetzt der Schriftsteller Emmanuel Carrère: Er hat den viel beachteten Rom „Das Reich Gottes“ verfasst, eine Auseinandersetzung mit dem frühen Christentum als aktuelle Frage, was die damals propagierten Werte heute bedeuten können: „Einst war ich gläubig“, bekennt Carrère, „ich habe aber ein Verkümmern des Glaubens erlebt. An die Auferstehung kann ich heute nicht mehr glauben. Aber allein, dass es Jesus gibt, ist mir jetzt wichtig. In seinem Sinne erhalten die Armen und Schwachen einen privilegierten Zugang zum Reich Gottes“. Entscheidend ist für ihn: „Das Buch Reich Gottes ist vielleicht noch nicht beendet, die Suchbewegung geht weiter“.

An dem Menschen Jesus ist auch der in Deutschland bekannte Poet Yves Bonnefoy interessiert. Für ihn hat Jesus völlig Anteil an der Endlichkeit des Menschen, die Auferstehung kann Bonnefoy nur abweisen. Denn jede Vorstellung einer Verzauberung der Welt oder von einem Jenseits ist eine Art Entfremdung. Bonnefoy will das einfache Leben ohne Illusionen zu Wort bringen. Religiöse Dogmen dürfen nicht im öffentlichen Leben bestimmend sein. Darin ist er ein typischer Verteidiger der französischen laicité, der Trennung von Religionen und Staat.

Einige Schriftsteller beziehen sich noch auf christliche Traditionen, übertragen sie aber in eine weltliche Lebenspraxis: Zum Beispiel: Jean Christoph Rufin. Er ist ein viel gelesener Autor, Mitglied der berühmten Académie Francaise, er arbeitete als Arzt und Menschenrechtsaktivist. Nun hat er sich als überzeugter Agnostiker aufs Pilgern eingelassen, bis nach Santiago de Compostela war er unterwegs: Darüber hat er ein bewegendes, persönliches Buch geschrieben: „Der Jacobsweg entfernte mich spirituell von unwichtigen Dingen, um zum Wesentlichen zu kommen. Ich wollte dem Leben, nicht den beruflichen Verpflichtungen die Priorität geben. Aber mit meinem Buch will ich kein konfessionelles Bekenntnis abgeben.“ Trotzdem muss er eingestehen, dass Spiritualität sein Thema als Schriftsteller wohl werden könnte. Ein schwacher Hinweis für einen möglichen, neuen Glauben.

Heftiger Antiklerikalismus hingegen ist im heutigen Frankreich eher unter Philosophen zu finden, etwa bei Michel Onfray. Aber auch für die viel gelesene Schriftstellerin Virginie Despentes ist heftige Kirchenkritikerin üblich, ihr Eintreten für weitestgehende sexuelle Freizügigkeit ist mit kirchlicher Moral schwer vereinbar. Man denke etwa an ihre Romane „Baise moi“ oder „Das Leben des Vernon Subutex“.

Einen ganz anderen Schwerpunkt hat sich die auch in Deutschland bekannte Theater – Autorin Veronique Olmi in ihrem neuesten Roman vorgenommen: Sie erzählt die Geschichte einer außergewöhnlichen Nonne: In ihrem Roman „Bakhita“ schildert sie das Leben einer, um 1860 geborenen, Sklavin aus dem Sudan: Gequält, vergewaltigt, wie ein Stück Vieh behandelt, hat Bakhita ihre inneren Widerstandsreserven entwickelt: Sie landet noch als Sklavin in Italien, wird befeit und tritt in Venedig in ein Kloster ein: Die Güte und Freundlichkeit der „schwarzen Nonne“ war so überwältigend, dass Bakhita im Jahr 2000 heilig gesprochen wurde. Veronique Olmi bekennt, in einer „sehr katholischen und bürgerlichen Familie groß geworden zu sein. Als junge Frau hat sie sich von der Kirche getrennt. Dann aber begegnet sie dieser ungewöhnlichen Bakhita: „Wo kommt bei der Frau dieses Licht her? Wie kann sie soviel Güte entwickeln bei all dem Leiden. Ihr innerer Widerstand bleibt ein Mysterium

Was mich beim Schreiben des Romans nicht verlassen hat: Ich fühle mich förmlich von dieser Frau beschützt…Diese meine Erfahrung ist noch zerbrechlich…“, bekennt Veronique Olmi. Der Roman hat im September 2017 den Preis des weltweiten Kulturkaufhauses FNAC erhalten.

Die Bindungen muslimischer SchriftstellerInnen in Frankreich (sie stammen oft aus Algerien oder Marokko) an „den“ Islam sind immer kritisch und gebrochen. Leíla Slimani, geboren 1981 in Marokko, hat schon als junge Autorin den hoch angesehenen Goncourt – Preis erhalten. Ihre Stimme wird gehört, zumal sie jetzt über die vielfachen Gründe der sexuellen Unterdrückung, vor allem der Frauen in Marokko, publiziert: Seit 21 Jahren lebt Slimani in Paris. Sie weiß von dem Problem, dass Islam – Kritik von rechtsextremer Seite missbraucht werden könnte. Dennoch fordert sie lautstark die Befreiung der Frauen im Sinne der universalen Menschenrechte, betont allerdings: Die Übermacht der Männer in Marokko sei nicht allein nur dem Islam zuzuschreiben, vielmehr hätte die europäische Kolonialherrschaft diese Macho – Tendenzen verstärkt.

Herrschaft und Brutalität in menschlichen Beziehungen legt unermüdlich Yasmina Reza frei, auch in ihrem neuen Roman mit dem durchaus bezeichnenden Titel „Babylon“: Die „gut“-bürgerlichen Ehen erscheinen als Beziehungen der Lüge. Bei den geringsten Anlässen kann das Wertegefüge zerbrechen. Diese Menschen erscheinen bei Reza als abgründige Wesen, sie entsprechen der üblichen Vorstellung von Babylon, dem Symbol für Verwirrung und Sittenlosigkeit. Mit der Erinnerung an Babylon als dem Nein zu einer göttlich gewollten menschlichen Welt werden letzte Reste einer biblisch geprägten Kultur noch von Ferne beschworen. Aber Religion, Gott, Glaube sind nur als beinahe unerreichbare „Hoffnungsfunken“ zu ahnen.

 

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Poesie als Weg zu Gott

Die ungewöhnlichen Studien des katholischen Theologen Jean-Pierre Jossua, Paris

 Ein französischer Theologe hat sich sein ganzes Leben mit der Suche nach dem Unendlichen, Sinnvollen, vielleicht auch Göttlichen in der modernen Literatur befasst: Das machen viele Theologen. Der Dominikaner Pater Jean – Pierre Jossua (Jahrgang 1930) ist ein ganz besonderer Theologe, der leider in Deutschland weithin unbekannt ist: Pater Jossua ist Dialogpartner für Dichter und Schriftsteller, etwa Yves Bonnefoy. Er will sie nicht belehren, sondern das Gesagte verstehen und das Ungesagte entziffern.

Zahlreiche große Studien sind Ausdruck dieser Haltung. Pater Jossua betont: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Poesie könnte für sie sogar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich möchte ich sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es wieder die Form poetischer Qualität entdeckt“.

Von den zahlreichen Studien Jossuas soll hier nur erwähnt werden: „La passion de l infini: Littérature et théologie“. Nouvelles recherches. Paris 2011, Editions du Cerf.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Dieser Beitrag wurde im Oktober 2017 in leicht verkürzter Form in “PUBLIK FORUM” veröffentlicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

“Alles ist vergänglich, sterblich”: “Vanitas” – ein aktuelles Thema

Von Christian Modehn. Diese Hinweise waren bestimmt für den Dialog im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24.11.2017

Unter „Vanitas“ verstehe ich: Leerer Schein und Bedeutungslosigkeit von allem; also Nichtigkeit, Vergeblichkeit des Lebens. Leiden an der Endlichkeit, absolut sicher dem eigenen Tod-Ausgesetzt sein.

Der Vanitas Gedanke wurde machtvoll und präsent, als die Menschen erlebten, dass das geozentrische Weltbild zerbricht. Sie sind ausgesetzt in einem leeren unendlichen Raum. Der Mensch ist winzig.

Meine zentrale These: Die Auseinandersetzung mit den Vanitas-Darstellungen könnte uns von der heute üblichen Trivialisierung des Todes befreien und zum Bedenken des eigenen Todes führen.

Ich will jetzt keine langen Zahlenreihen und Statistiken präsentieren über die Toten, die uns aktuell oder im ganzen 20. Jahrhundert umgeben: 34.000 Ertrunkene oder Verdurstete Flüchtlinge auf der Flucht über das Mittelmeer. Berge von Leichen in Bosnien Herzegowina. 7 Millionen Tote im Bürgerkrieg im Osten Kongos. 6 Millionen ermordete Juden. Völkermord größten Umfangs unter Stalin, Völkermord unter Mao, Völkermord in Kambodscha, Völkermord an den indianischen Völkern durch brasilianische und internationale Konzerne usw.

Die Reaktionen der meisten Menschen hierzulande ist: Abgestumpft leben gegenüber dem Tod. Wer noch lebt und in Europa meistens relativ gut lebt, sagt: „Hurra, ich lebe noch“… Tot sind immer die anderen. Die Verdrängung scheint absolut zu sein.

Zur ständig zunehmenden Überflutung als Abstumpfung durch Darstellungen von Mord und Totschlag durch die Fernsehsender Deutschlands, siehe den Beitrag von Christian Schüle im Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunk.de/ueber-mord-und-tod-im-fernsehen-all-die-schoenen-toten.1184.de.html?dram:article_id=364111

Nur eine Statistik: Allein das ZDF ca. 430 Krimis pro Jahr. Über den Tatort – Kult wäre zu sprechen… Psychologen warnen vor der zunehmend aggressiveren Darstellung von Gewalt im Fernsehen. Aber das ist nicht unser Thema. Über die Verdrängung des Todes durch das massenhafte mediale Erleben des Todes anderer zu sprechen, wäre ein eigenes Vorhaben. Jedenfalls ist klar: Das massenhafte Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer, das Krepieren der Afrikaner in den von Europa bezahlten Lagern Libyens, hat europäische Politiker nicht zu einer großzügigen und humanen und klugen Flüchtlingspolitik geführt. Offenbar ist das Gegenteil der Fall. Das Stichwort ist: Abstumpfung des Humanen zugunsten nationalistischer Ideologien oder Angst um die Vorherrschaft der eigenen Parteien….

Wir sollten einen persönlichen, uns betreffenden Umgang mit dem Tod, mit unserem Tod, wiedergewinnen. Ich werde nicht nur sterben, also dies ist noch ein „Lebensprozess“, sondern ich werde tot sein und alle, die wir hier sitzen haben mindestens eines gemeinsam: Wir gehen dem Tod entgegen. Es ist interessant: Die meisten Menschen sprechen heute angesichts der Probleme rund ums Sterben bevorzugt vom Sterben und nicht so sehr vom Tod. Beim Sterben kann man noch etwas machen, mit meinem Tod ist von meiner Seite her und der der Hinterbliebenen nichts mehr zu „machen“ im Sinne von heilendem Eingreifen… Dabei ist diese behutsame, manchmal lange dauernde persönliche, philosophische Auseinandersetzung mit „meinem Sterben“ selbstverständlich auch ein Privileg der so genannten besseren Kreise. Ein sterbender Obdachloser in Berlin oder New York oder Bombay stellt sich diese Frage nach dem je meinigen Sterben oder gar nach „dem süßen Tod“ nicht.

Was können wir angesichts der Vanitas Darstellungen an Fragen entdecken: Man könnte sich fragen: Warum entsteht angesichts dieser allgemeinen menschlichen Verfassung, der absoluten Todesgewissheit, keine allgemein menschliche Solidarität? Es liegt wohl an der Verdrängung des eigenen Todes.

Und es wird hoffentlich unser eigener Tod sein, nicht ein Tod, andere über uns verfügen, etwa in Kliniken oder in Kriegshandlungen.

Wir sollten uns dem Vanitas Thema in der Kunst und Literatur stellen.  Vanitas deute ich also nicht als ein Angst machendes Thema. Das war sicher in der Vergangenheit der Fall. Vanitas erinnert uns heute – wie damals – an die unabwerfbare Grundverfassung unseres Daseins: Dies ist unsere – auch zeitliche – Endlichkeit. Der muss sich jeder stellen ohne Angst. Ich erinnere nur an das Gemälde von von Lucas Furtenagel, mit dem Titel „Die Gatten Burgkmaier“ von 1529, im Kunsthistorischen Museum Wien (S. 208). Es zeigt ein Ehepaar in einen Spiegel blickend: Und sehen sich darin als Totenköpfe. Ich denke solche Spiegelbilder sollte sich jeder Mensch öfter mal gönnen. Wir wissen von unserem Tod, aber wir wissen nicht, wann er eintritt. Es ist also ein gespaltenes Wissen. Wir werden nie unseren eigenen Tod erleben, das Sterben vielleicht, aber auch dann wissen wir im Sterben nicht, ob dieser Vorgang tatsächlich unser Ende sein wird. Das heißt: Unser Tod als gewusstes Ende entzieht sich unser genauen Kenntnis. Wir kennen den Tod als Tod als das nicht mehr leiblich Lebendigsein nur von außen, von anderen…

Wir werden so durch die Vanitas Thematik zur Frage geführt werden: Was ist eigentlich unser Leben? Wie gestalten wir unsere Lebenszeit? Wie gehen wir mit der Zeit um, die uns bleibt, deren Dauer aber ungewiss ist. Aus dem Faktum des Todes wird eine ethische Frage. Das ist eher selten in der Philosophie, wo dieser Übergang von Sein zum Sollen eintritt.

Wir sind also wesentlich konkrete einzelne Menschen, die durch die ständige und je eigene und einmalige Art mit unserer Lebenszeit umzugehen, d.h. sie zu gestalten, eben konkrete einmalige Menschen mit einem eigenen Profil geworden sind. Wir sind also diejenigen konkret, die wir uns in unserer Zeit „gemacht“ haben. Damit ist unser eigenes Leben uns selbst zur Aufgabe, wir entkommen nicht der Aufgabe, etwas mit uns selbst zu tun, zu machen. Unser eigenes Leben ist dann unser Werk, wobei auch Zufälle und unabsehbare Schicksalsschläge (Naturkatastrophen) eine prägende Rolle für mein Leben (als mein doch auch wieder manchmal entzogenes) Werk spielen.

Die Vanitas Darstellungen sind wichtig als Kontrapunkt gegen die Verdrängung des Todes:

Jedes menschliche Leben ist begrenzt. Selbst wenn in 50 Jahren einige Millionäre, durch den Transhumanismus bestimmt, vielleicht 150 Jahre lang leben können. Dies ist die neueste Form der Todes – Verdrängung… Menschliches Leben bleibt trotzdem endlich. Nur weil wir sterblich sind, entsteht unser Gedanke: Es ist wichtig, dass wir unser Leben jetzt und immer wieder gestalten. Wir haben nicht ewig Zeit, auf dieser Erde unser Leben zu gestalten.

Über die Verdrängung des Todes wäre zu sprechen, etwa auch in Seniorenresidenzen: Dort wird nicht öffentlich mitgeteilt, etwa in den Runden des gemeinsamen Essens, welcher Mitbewohner gestorben ist. Plötzlich sitzen andere Leute an dem Platz.

Der Trend zum Beschönigen als Verschwindenlassen des Todes in den USA: Siehe das klassische Werk „Tod in Hollywood“ von Evelyn Waugh.

Gründe für die Verdrängung des Todes:

Entscheidend ist die Orientierung am Haben. „Die Angst vor dem Sterben ist die Befindlichkeit des dominant am Haben orientierten Menschen“ (Rainer Funk, Mut zum Menschen, S. 319). Je mehr deshalb jemand im Modus des Seins lebt, desto weniger werden ihn Altern, Sterben und Tod ängstigen, weil er auch im Nachlassen der physischen, emotionalen und geistig – intellektuellen Kräfte eine bejahende Einstellung zu dieser Wirklichkeit menschlicher Existenz hat“ (ebd.) Erich Fromm sagt: „Die Angst vor dem Sterben ist die Angst davor, das, was ich habe zu verlieren, mein Ich, meinen Besitz, meine Identität, die Angst vor dem Abgrund der Nichtidentität zu stehen, die Angst verloren zu sein“, (ebd. S. 320, Zit. Fromm, aus „Haben oder Sein“). Die Angst vor dem Sterben lässt nach, „da es dabei nichts zu verlieren gibt“ für einen Menschen, der nicht primär am Haben interessiert ist. Diese Menschen im Habensmodus sind primär an die Vergangenheit gebunden, Nostalgie, Archiv, Veraltetes Aufheben, Vergangenes pflegen, vgl. Rainer Funk, S. 320.)

Ich bin gemeint: Die Vanitas Bilder zeigen auch: Mein Tod steht mir bevor: Ich bin als einmaliger sterblich und sollte auch meinen eigenen Tod haben. Das hat zur Folge: Ich darf mich z.B. nicht (unfreiwillig) im Krieg töten lassen und ich darf nicht andere töten. Der Betrachter eines Totenkopfes sieht: Der Tod ist zwar das alle Menschen Verbindende und insofern absolut allgemeine, aber immer ist der Tod der Tod eines Individuums, einer Person, die als einzelne Person das Menschenrecht hat, auf je eigene Art zu sterben. Insofern gilt: Für den Betrachter des Totenkopfes: Ich darf nicht töten.

Die klassische Vanitasvorstellung bezieht sich auf das alttestamentliche Buch Kohelet, auch „Der Prediger Salomo“ genannt.

Im „Alten Testament“ wird Kohelet zu den Weisheitsbüchern gezählt. Eitelkeit hatte einst die Bedeutung von Vergänglichkeit. Eitelkeit ist die übertriebene Sorge um sich selbst., um Schönheit, Glanz.

Kohelet meint „Sammler von Sprüchen“ und Kohelet wird in dem Buch auch als Eigenname verwendet. Es ist entstanden im 3. Jh vor Christus.

Tiefer Pessimismus gegenüber den alltäglichen, unreflektierten Überzeugungen der Menschen ist bestimmend. ABER: Es geht um eine sinnvolle Lebensgestaltung.

Dies ist kein Text des Nihilismus. Es ist ein philosophischer Text in der Bibel. Anders als andere AT Texte, in denen Gott selbst autoritativ zu den Menschen spricht. Es geht um das Erreichen eines glücklichen Lebens. Etwa in Kapitel 11: „Freue dich in deiner Jugend, und lass dein Herz guter Dinge sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt. ABER wisse, dass dich Gott um das alles vor Gericht ziehen wird“.

Die entscheidende Erkenntnis wird am Schluss des TEXTES noch mal gesagt: „Fürchte Gott und halte seine Gebote“, im Kapitel 12.

Die Vanitas Idee als Warnung vor der Eitelkeit (noch einmal Erinnerung an ein Gemälde aus der späten Renaissance Zeit, mit dem Spruch: „Vive. memor. leti. fugit. Hora: Lebe, eingedenk des Todes, es flieht die Zeit (Stunde)

Ein Gemälde von Barthel Bruyn d.Ä., (1493 – 1555): „Der Ordensritter“, 1531. Im Kunsthistorischen Museum Wien) steht meiner Meinung nach gegen das vulgär – epikuräische „Carpe Diem“, denke nur an den heutigen Tag. Die Maxime „carpe diem“ , ist ein Wort des Dichters Horaz (65 bis 8 vor Chr): Genießen wir heute und jetzt! Und nichts auf den nächsten Tag verschieben. (Man weiß ja nicht, ob man dann noch lebt). Dies ist ein hedonistischer Vorschlag, aber nicht im Sinne des Philosophen Epikur. Er legte Wert auf das rechte Maßhalten…Mit Maßen und Bedacht die Lust genießen. Den Schmerz vermeiden, um zur Ataraxia, der Ruhe und Ungestörtheit zu kommen.

Die biblische Vanitas Vorstellung steht also auch gegen Epikurs Lehre vom Tod, wenn er behauptet: „Der Tod geht uns nichts an. Solange wir existieren, ist der Tod nicht da. Und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr“. („Von der Überwindung der Furcht“) Das könnte man eine verhaltenstherapeutische Lehre (der Oberflächlichkeit) nennen.

Ist es nicht so: Dass der Gedanke an meinen Tod eigentlich ständig aufblitzen kann? Ich kann mir also den Gedanken an den Tod nicht selbst abgewöhnen oder verbieten.

Die AUFKLÄRUNG wandte sich gegen das “barocke Grausen”. Der Mensch soll sich entwickeln und angstfrei gestalten. Aufklärung ist Glaube an die Möglichkeiten des Menschen.

Der Tod erscheint jetzt nicht mehr als Knochenmann, sondern als schöner Jüngling, klassisch griechisch, etwa bei Lessing, (1729 bis 1781), siehe die Schrift: „Wie die alten den Tod gebildet“, 1769. Es geht Lessing dabei um die Erkenntnis, dass in Griechenland und im alten Rom der Tod nie als hässliches Gerippe, als Knochenmann, erschien. Der Tod als Strafe Gottes konnte für vernünftige Menschen nicht in den Sinn kommen. Lessing meint, die Heilige Schrift rede auch von einem Engel des Todes, er wehrt sich gegen die biblische, von Paulus stammende Vorstellung: „Der Tod ist der Sünde Sold“, das heißt eine Strafe für die Sünde, die Adam und Eva im Paradies in ihrem Ungehorsam gegangen haben

Es gibt selbstverständlich mehrere philosophische Möglichkeiten mit dem Tod umzugehen. Diese Vielfalt ist Ausdruck dafür, dass es angesichts des Todes keine gedankliche Klarheit, kein wirkliches Wissen (wie in den Naturwissenschaften) geben kann. Alles Denken steht hier vor einer großen Fraglichkeit, die man auch Geheimnis nennen sollte. Also der Tod ist kein irgendwann lösbares Rätsel, sondern der Tod als Erkenntnis bleibt uns wesentlich verschlossen, er ist „da“ als Realität, aber nicht im Wissen zu umgreifen. .

Es gibt also vielfache Antworten, die letztlich sich alle jeweils auf eine These beziehen, die man sich im Glauben aneignet. Diese Basis – These wird als Ausgangspunkt gewählt, weil man darin auch eine Orientierung für sich selbst sieht. Die Wahl dieser Basisthese (etwa: „Nach meinem Tod ist alles aus“) enthält auch Implikationen zum jeweiligen Selbstbild, zur Bedeutung, die man der eigenen Person zuweist.

Es gibt etwa die heute sehr weit propagierte (Glaubens) These: Der Tod, mein Tod, ist ein definitives Verschwinden ins Nichts. “. So etwa der italienische Philosoph Norberto Bobbio, in „Vom Alter“. „Das Nichts, das ich einmal war, wusste nichts von meiner Geburt, von dem was ich werden sollte. Das Nichts, das ich einmal sein werde, wird nichts von dem wissen, was ich gewesen bin…

Diese Aussage arbeitet mit einem zum Objekt gemachten Begriff des Nichts als einer Realität, die behauptet wird und an die geglaubt werden muss. Es ist die Rede vom Nichts wie von einem Zustand. Ist es denn so klar, dass der einzelne geborene Mensch aus dem Nichts kommt? Hatte er nicht zumindest Eltern? Woher kamen die her? Will man die ganze Evolution entlang zurück gehen und dann landet man bei der Frage: Woher stammt eigentlich die Welt im ganzen und damit die Menschheit? Und dann kann die Frage entstehen, ohne in eine naive Bibel-Deutung zu geraten: Gibt es so etwas wie eine Schöpfung? Und wenn es so etwas wie eine Schöpfung gibt, davon sind viele, nicht nur fromme Leute überzeugt, wie George Steiner, dann gibt es auch die Vorstellung von einem Schöpfer, der diese Welt als Evolution (!) auf den Weg gebracht hat. Dazu später noch ein Hinweis.

Albert Camus hat die Sterblichkeit eines jeden Menschen wie unaufhebbares Verurteiltsein zum Tode bestimmt. Wir sind alle zum Tode verurteilt. Dieses Urteil müssen wir wie Sisyphus förmlich abarbeiten. Und darin unseren Sinn finden. Aber das führt bei Camus zu einer eher heiteren Stimmung.

Camus schreibt aber immer wieder in vorsichtiger, poetischer Sprache, dass der sterbende Mensch angesichts seines bevorstehenden Todes nicht doch Hoffnungen hat auf etwas Besseres, als was dieses irdische Leben für ihn war….

Camus sieht im Erleben der Schönheit der Natur vor allem eine Dimension des Heiligen. Für ihn ist dies kein Rückfall in romantische Gefühle, sondern eine moderne Weltsicht, die den Menschen aus der Verkapselung in Individualismus und Egoismus befreien kann. Diese sinnstiftende Gabe der Natur kann nur wahrnehmen, wer sich der Welt geradezu andächtig zuwendet und die Natur nicht dem technischen Zugriff unterwirft. In der Profitgier entstehen nur verwüstete Landschaften. In seinem Buch „Licht und Schatten“ schreibt er – beinahe mystisch bewegt – von einem Besuch in Palma de Mallorca: „Wenn ich dort in den Höfen voller grüner Pflanzen und runder grauer Säulen stehen blieb, verschmolz ich mit diesem Geruch des Schweigens. Ich verlor meine Grenzen und war nichts anderes mehr als der Klang meiner Schritte oder jener Vogelschwarm, dessen Schatten ich in der Höhe auf den sonnigen Mauern wahrnahm. Im Schweigen dort fand ich eine neue und doch vertraute Köstlichkeit“. Nur die Gegenwart ist im Naturerleben „da“. Wer dies achtsam erlebt, wird in die Zeitdimension der langen Dauer gehoben, in einen gedehnten, sozusagen stehenden Augenblick. Der fließende Zeitstrom ist überwunden und die Ahnung wird geweckt, was Ewigkeit meinen könnte. Von der Schönheit der Natur unterstützt, wird dabei das Geheimnis allen Lebens berührt. Die Gegenwart ist kein Element der üblichen physikalischen Zeitstrecke Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft. Vielmehr ist Gegenwart der erfüllte, lange währende, zeitlich nicht messbare Augenblick, der aus der Verfallenheit in die Zeit für eine Dauer befreit. Bei Camus: Selbst noch der Mörder Mersault, der Protagonist in dem Roman „Der Fremde“, kann sich in seiner Zelle kurz vor seiner Hinrichtung durch den Anblick der Natur geborgen, wenn nicht gerettet fühlen. „Ich bin mit den Sternen über dem Gesicht wach geworden. Geräusche vom Lande stiegen zu mir herauf. Gerüche von Nacht, Erde und Salz erfrischten meine Schläfen. Der wunderbare Frieden dieses schlafenden Sommers drang in mich ein wie eine Flut“.

Mir kommt es entschieden darauf an, die heute beliebte These vom Sturz des Menschen ins Nichts beim Tod ein wenig philosophisch in Zweifel zu ziehen. Camus ist ein Denker, der, obwohl nicht-kirchlich und Agnostiker, doch eine sanfte Sprache für die „ewige Gegenwart“ als Gegenwart des Ewigen gefunden hat.

Es kommt auf die Erfahrung der Gegenwart an: Gegenwart ist kein Punkt in der unendlich langen Zeitreihe in die Zukunft hin, wonach dann jede Gegenwart wieder verlischt und Vergangenheit ist…

Gegenwart ist die Dauer als das Heraustreten aus dem Zeitstrom. Das ist die Grunderfahrung von Ludwig WITTGENSTEIN: 1889-1951. „Nur wer nicht in der Zeit, sondern in der Gegenwart lebt, ist glücklich”.

Für das Leben in der Gegenwart gibt es keinen Tod“. Ähnlich auch im  Tractatus Logico Philosophicus: 6.4311:
„ Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondern Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt“.

Wenn immer wieder, auch in Europa, philosophische und religiöse Überlegungen vorgeschlagen werden, die für eine mögliche Form des „Weiterlebens nach dem Tod“ eintreten, dann nur unter der Voraussetzung: Die gegebene Welt (und sie ist für uns alle immer eine zum Staunen führende „Gegebenheit“: „Warum ist etwas und nicht vielmehr Nichts) kann als „Schöpfung“ verstanden werden. Wobei die dann verwendeten Begriffe wie Schöpfung und Schöpfer nicht banal aus der endlichen Welt her verstanden werden, sondern eben analog, als Bilder, etwas Gegebenes, aber nicht zu Greifendes, auszusagen! Dies führt dann beim Bedenken der Welt als Schöpfung zu der Frage: Zeigt sich im Leben selbst ein Hinweis auf die Frage, was ist nach dem Tod? Oder anders gefragt: Gibt es im reflektierten Leben selbst Hinweise auf eine Form des „Weiter Lebens“ nach dem Tod. Damit wird nicht die Frage nach den Nahtod Erlebnissen gestellt, sondern es gilt die allgemeine und viel grundsätzlichere Frage: Gibt es mitten im geistvollen im Leben Hinweise auf ein selbstverständlich immer analog zu verstehenendes „Weiterleben“, die angesichts einer kritischen Reflexion Bestand haben.

Ein erster Hinweis kann ein: Wir sterben in gewisser Hinsicht als ständiges Abschiednehmen von eigenen Lebensentwürfen. Und wir leben ständig in einer Situation des Abschieds, des Loslassens, auch physisch verändert sich unser Körper. Aber dies wäre nur ein Beleg für die allgemeine Verfallenheit zum Tode hin. Gibt es nun auch für Hinweise auf das Ewige im Menschen?

Wenn die Welt und die Menschen also Schöpfungen eines Gottes sind, dann kann die Welt als das andere dieses Gottes nicht völlig außerhalb Gottes stehen. Denn dann hätte sich Gott mit der total von diesem Gott losgelösten Welt eine Art endlichen Gegengott geschaffen. Und wenn es zwei Götter gäbe, müsste die Frage diskutiert, welcher dieser beiden Götter ist der Vor-Herrschende. Also: Diese Konzeption führt nicht weiter. Es ist spekulativ nur denkbar, dass Gott als Schöpfer IN der Welt und damit im Menschen anwesend ist, ohne dabei die Endlichkeit des Menschen aufzuheben.

Wenn also ein Gott auch die Welt in seinen „Bereich“ einbezogen hat, wie die klassische Philosophie etwa Hegel lehrt, dann muss der Gott in der evolutiven endlichen Welt selbst anwesend sein als ein Element der Ewigkeit in der endlichen Welt. Diese Erkenntnis verändert alle Einschätzungen des Todes und der Endlichkeit. Der Tod als Ausdruck der Endlichkeit ist dann sogar von Gott gewollt. Dass der Tod und das Sterben auf dieser Welt so miserabel zugeht, ist dem Menschen anzulasten, seinem Egoismus, seinem Nationalismus, seiner Kriegslust und Zerstörungslust.

Noch einmal zu dem oben erwähnten Norberto Bobbio. Er behauptet: „Alles, was einen Anfang hatte, hat ein Ende“ (S. 54). Das gilt für die Dinge INNERHALB der Welt selbstverständlich. Dann aber folgt der entscheidende Satz: „Nur das, was keinen Anfang hatte, hat kein Ende. Was jedoch weder Anfang noch Ende hat, ist die Ewigkeit“ (ebd).

Damit führt Bobbio selbst genau auf unsere Philosophie der Schöpfung und der Ewigkeit von Gott und Welt und der nicht greifbaren und nicht „abzuschaffenden“ Anwesenheit Gottes in der Seele des Menschen: Denn wenn die Welt als Schöpfung von Gott stammt als dem Ewigen und der Gott in der Welt als der dann ewigen Welt selbst anwesend ist, dann hat der Mensch, jeder Mensch, bleibend Ewiges in sich. Das heißt: Dieses Ewige als Teil des Göttlichen (was wir Seele nennen) wird mit dem Tod des irdischen Menschen nicht vernichtet.

Meister Eckart (1260 – 1328) hat das so ausgesagt, indem er auf den göttlichen Gott Bezug nahm: „Ich bin ungeboren (damit meint er: ich bin eine Schöfung Gottes) und nach der Weise meiner Ungeborenheit (mein Sein durch Gott und In Gott) kann ich niemals sterben. Nach der Weise meiner Ungeborenheit bin ich ewig gewesen und bin ich jetzt und werde ewiglich bleiben. Was ich meiner Geborenheit (also meiner weltlichen und endlichen Herkunft nach bin, das wird sterben und zunichte werden, denn es ist sterblich“. (Deutsche Predigten, „Beati pauperes“, in: Meister Eckart, „Einheit mit Gott“, hg Dietmar Mieth, 2002, S. 154). Noch einmal: Ungeborensein heißt: Aus Gott stammen und das Wesentliche (die Seele) eben nicht von den irdischen Eltern und der irdischen Mutter empfangen, Menschen als Menschen können das Ewige nicht vermitteln. Es geht also auch um Eckarts Lehre vom Seelenfunken. Dieser drückt eine Gleichheit mit Gott aus, die für den Menschen schon vor seinem Leben auf der Welt, dann mitten im irdischen Leben und dann wieder nach dem Tod Wirklichkeit ist, (Alois M. Haas, Meister Eckart als normative Gestalt….Einsiedeln 1979, S. 126) Dies ist für Eckart die höchste Vorstellung vom Glück. …“Eigentlich spricht Eckart von nichts anderem als der Einheit zwischen Mensch und Gott“ (130).

Ich möchte zum Schluss auch auf HEGEL hinweisen, auf die Phänomenologie des Geistes“. Darin geht es Hegel auch um die Anerkenntnis der absoluten Kraft des Geistes, der Vernunft, die sich gerade im geistigen „Abarbeiten“ an der Endlichkeit und dem Tod zeigt: „Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, damit fertig, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Angesicht schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt“ , In Hegel, Phänomenologie des Geistes, Werke in 20 Bänden, hier Band 3, Phänomenologie des Geistes, Vorrede, Suhrkamp, 1970, S 36.

Die Welt ist nicht der eigentliche „Aufenthaltsort“ des Menschen, wir gehören in eine göttliche Welt. Diese Überzeugung hat Heinrich Böll einmal formuliert: „Der Mensch ist für mich ein Gottesbeweis“, sagt er in einem Interview: „Wie meinen Sie das?“, fragt Karl-Josef Kuschel.  Bölls Antwort: „Die Tatsache, dass wir eigentlich alle wissen, auch wenn wir es nicht zugeben, dass wir hier auf der Erde nicht zuhause sind, nicht ganz zuhause sind. Dass wir also noch woanders hingehören und von woanders herkommen. Ich kann mir keinen Menschen vorstellen, der sich nicht, jedenfalls zeitweise, tageweise oder auch nur augenblicksweise klar darüber wird, dass er nicht ganz auf diese Erde gehört. Und das hat nicht nur soziale und gesellschaftliche Gründe Es sind auch die Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, sich darzustellen…. Der Wunsch, die Sehnsucht erkannt zu werden, führt in eine andere Welt“ …(Karl – Josef Kuschel, Weil wir uns auf dieser Erde nicht ganz zu Hause fühlen“ (Piper, 1986, S. 65 f).

Dies ist für mich die entscheidende Erkenntnis in meiner Sicht: Der Tod, unser Tod, ist, wenn man den Unendlichen mit dem üblichen Symbolwort benennen soll, also von „Gott“ als der Instanz, die die endliche Welt geschaffen hat, sozusagen „gewollt“.   In der Hinsicht ist der Tod grundsätzlich kein Übel. Er ist in dieser Philosophie gottgewollt. Das konkrete Sterben ist leider für viele ein Übel. Aber dies wäre prinzipiell zu verbessern.

 Die Welt als Naturgegebenheit selbst ist endlich, begrenzt, unüberschaubar, das zeigen die Naturkatastrophen, etwa Erdbeben. Klimakatastrophen sind vom Menschen gemacht, siehe den Egoismus der Industrie-Nationen.

Die Menschen sind endlich. Sie neigen zum Egoismus, also zum Tun des Bösen. Das Böse kommt durch das Tun der Menschen in die Welt, das Böse wäre also eigentlich zu reduzieren in einer von Vernunft und Empathie und Respekt bestimmten Welt.

Wie gesagt: Das Böses-Tun der Menschen kann aus Verzweiflung über die eigene Endlichkeit geschehen: „Ich will für immer herrschen, will nicht meine Endlichkeit, meinen Tod, akzeptieren“. Siehe die Studien von Erich Fromm. Die Herrschenden, die nach Besitz und Haben Greifenden verhindern als den je eigenen humanen Tod. Daran wäre zu „arbeiten“…

Der je eigene Tod bleibt durchaus ein leider wohl noch fernes Ziel einer humanen Welt.

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 

Ein süßer Tod? Die „Herder–Korrespondenz“ veröffentlicht ein Heft über „Konflikte am Lebensende“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Eine Ergänzung am 20. November: Einige LeserInnen haben mich gefragt, warum ich denn so ausführlich und kritisch zu dem Heft Stellung nehme: Die Antwort: Weil meiner Meinung nach heute niemals, also auch nicht “bloß” auf Deutschland bezogen, das Sterben der vielen Verarmten, der Flüchtlinge, der auch durch Europas Wirtschaftspolitik arm Gemachten im Süden dieser Welt ausgeblendet werden kann und darf. So wie auch keine seriöse Reflexion auf “das Gute Leben” hier in Deutschland/Europa niemals auf die Darstellung des miserablen Lebens so vieler arm Gemachter im Süden dieser Welt verzichten kann. Zumindest eine Publikation aus einem katholischen Verlag muss diesen Maßstäben folgen, sonst ist alles Reden von “katholisch” eine Irreführung und ein Werbetrick. CM.

Natürlich mag es für einige immer wieder interessant sein, trotz der förmlich unüberschaubaren Flut der Veröffentlichungen zum Sterben (weniger häufig zum Tod !) in Deutschland bzw. in der westlichen Welt doch noch einmal ein Heft zur Hand zu nehmen, das über „Konflikte am Lebensende“ informiert. Wie erwartbar geht es um die üblichen Themen Kinderhospize, Organspenden, Nah-Tod-Erfahrungen, Deutungen des neutestamentlichen Auferstehungsglaubens usw. Und natürlich geht es auch um die Frage der aktiven Sterbehilfe durch Ärzte. Die bekanntlich eine breite Mehrheit der Bevölkerung wünscht, aber diese Mehrheiten werden politisch nicht respektiert. Gerade weil die Kirchen alle noch verfügbare Macht einsetzen, pauschal aktive Sterbehilfe für Deutschland als Verbot zu erhalten. In der Hinsicht folgen die C Parteien ausnahmsweise den kirchlichen Weisungen. In der Frage der Zusammenführung von Flüchtlings-Familien tun die C – Parteien dies nicht! Familienwerte gelten den C Parteien ganz klar nur für gebürtige Deutsche.

Bemerkenswert in dem Heft ist, dass ein Gespräch mit dem Präsidenten der „Gesellschaft für humanes Sterben“, dem Philosophen Prof. Dieter Birnbacher und dem in katholischen Kreisen allseits bekannten „Psycho-Therapeuten, Theologen und Kabarettisten“ (sic! so im Heft selbst) Manfred Lütz an vorderster Stelle platziert ist. Lütz lehnt wie erwartet jegliche aktive Sterbehilfe ab. Er nennt Ärzte, die aktive Sterbehilfe leisten „seelisch kalt“, pauschal meint er sogar, „Depressionen sind heilbar“. Als guter Katholik und die C Parteien offenbar vertretend, will er Autonomie und Selbstbestimmung des einzelnen begrenzen. Katholische Ordensbrüder in Belgien, die in ihren Kliniken, dem dortigen freiheitlichen Gesetz und ihrem Gewissen folgend, Euthanasie zulassen, nennt er pauschal „skandalös und peinlich“. Prof. Birnbacher hält sanft gegen die Position von Lütz.

Ich will auf die einzelnen Beiträge nicht weiter eingehen, erlaube mir nur den Hinweis, dass auch der (einst als evangelisch auftretender) Bibelwissenschaftler katholischen Bekenntnisses Prof. Klaus Berger zu Wort kommt. Er arbeitet seit 2010, pensioniert, in der ziemlich reaktionären theologischen Ausbildung der Trappisten in der Eifel – Abtei Maria Wald, der dortige ebenfalls reaktionäre Abt wurde vom Ordensoberen kürzlich abgesetzt…Warum kann die “Herder Korrespondenz” auf diesen Bibelwissenschaftler nicht verzichten. Warum wird nicht aus entsprechenden Studien von Hans Küng zitiert? Warum ist es der Herder Korrespondenz unbekannt, dass der katholische Priester Herman Verbeek in Groningen (Niederlande) durch Euthanasie sterben wollte und tatsächlich mit ärztlicher Hilfe sterben konnte? Der katholische Bischof von Groningen nahm an der ökumenischen Trauerfeier teil. Das wären interessante Themen gewesen…Aber dafür braucht man einen freien Geist und Mut zur Kritik am bestehenden Kirchen-System!

Ich finde es vor allem sehr traurig, dass eine katholische Zeitschrift, die ja wohl noch eine gewisse Relevanz hat, auch wenn sie an keinem Kiosk zu kaufen ist, das doch allgemeine Thema Tod mit dem Untertitel „Konflikte am Lebensende“ NUR auf die deutsche Situation des Sterbens bezieht. Und man hat nach meinem Eindruck ohne jegliche Ironie den Obertitel wählt: „Komm, süßer Tod“. Dieser Satz ist Wunsch, aber selten Realität selbst in Deutschland, wo laut Untersuchungen der Bertelsmann Stiftung von 2015 nur drei Prozent der Schwerst-Kranken in den wohl rundum angenehmen Hospizen sterben. Für die meisten spielt sich „der süße Tod“ noch sehr bitter und oft sehr anonym in den Kliniken ab.

Was mich sehr kritisch stimmt ist: Eine katholische Zeitschrift begrenzt sich beim Thema Lebensende auf die eher bürgerliche Welt innerhalb der Grenzen Deutschlands. Auf das Sterben und Krepieren so vieler Tausend Menschen weltweit (bei Kriegen, die verhindert werden könnten, in den Folterlagern, den Verbrechen der US Justiz im Falle von Todesstrafe etc.) wird überhaupt nicht eingegangen in dem Heft. Es wird z.B. auch die Auseinandersetzung mit den im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen völlig verzichtet. Aber das gehört zu einem Heft, das sich explizit, laut Titel, ,vornimmt über „Konflikte am Lebensende“ zu berichten.

Es gibt ja mehr als 34.000 Flüchlinge, die im Mittelmeer bisher umkamen; selbstverständlich auch durch die Politik der Flüchtlings-Abschreckung (!) des Westens, letztlich auch von Frau Merkel und Co.. Wer beklagt zum Beispiel diese 34.000 Opfer unmenschlichen Umgangs mit Flüchtlingen. Sie mussten ihr Leben auf grausamste Weise lassen, durch Ertrinken und Verdursten usw. Wer wird diese Namen, die jetzt veröffentlicht wurden, in den Kirchen und öffentlichen Plätzen laut verlesen als Form des Gedenkens, das sich ja im Falle der Vernichtung der Juden etwa durchgesetzt hat?

Ich finde: Es ist eine enorme Begrenzung, es ist ein großer Fehler, wenn das Heft bei „Konflikten am Lebensende“ auf das gar nicht „süße Sterben“ der tausenden von Afrikanern etwa im Südsudan gar nicht eingeht, dieses Krepieren in den Lagern, dieses Geschundensein der Verhungernden im Jemen, dieses Ermordetwerden von Journalisten und Menschenrechtsaktivisten in den katholischen Ländern Lateinamerika und so weiter.

Es gibt auch ein Sterben, das durch deutsche Waffen (vielleicht von Firmen, deren Chefs und führende Mitarbeiter Katholiken bzw. Kirchensteuerzahler sind) mit verursacht ist. Ein Sterben auch aufgrund von völlig unzureichender Solidarität der Deutschen mit den Armen Afrikas usw. Es ist etwa ein Sterben der Bauern Afrikas, die unter der von Europa, auch den C Parteien, diktierten Freihandels Zone krepieren.

Man kann jedenfalls heute kein Heft über „Konflikte am Lebensende“ machen, wenn man nicht auch die tiefen seelischen Konflikte thematisiert, die doch etliche Deutsche erleben, weil Deutsche und deutsche Politiker objektiv und de facto mitschuldig sind am Tod so vieler Unschuldiger. Das Heft der Herder Korrespondenz beschreibt letztlich eine hübsche bürgerliche Welt des „süßen Todes“. Wer braucht das noch?

Man fragt sich, wurde dieses Heft als Schnellschuss publiziert, um mit dem „beliebten Todesthema“ noch etwas Geld zu verdienen? Sonst sehe ich keinen Grund für diese Publikation, abgesehen vielleicht von den Farbdrucken des katholischen Malers Michael Triegel.

Herder Korrespondenz SPEZIAL, Komm süßer Tod. November 2017, 9,95 Euro. 64 Seiten.

Meine dringende Empfehlung: Lesen Sie anstelle dieses Heftes der Herder Korrespondenz lieber den gratis verfügbaren Beitrag über die christliche Begleitung von Schwerst-Kranken auf dem Weg zur aktiven Sterbehilfe in der Schweiz. In der Monatszeitschrift „Stadt Gottes“ (der katholischen Ordensgemeinschaft “Steyler Missionare”), veröffentlicht in der Ausgabe von November 2017. Und diskutieren Sie diesen wichtigen Beitrag in Gemeinden etc. Dieser Beitrag ist Ausdruck für eine katholische Presse, die noch auf Freiheit Wert legt und Mut hat und nicht, wie die Herder Korrespondenz, offenbar ganz auf dem Kurs der C Parteien gelandet ist und eher Langweiliges produziert. Zum Beitrag in der Stadt Gottes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

An welchen Gott können wir, wollen wir, heute glauben?

Unser Thema im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 20. Oktober 2017

Kurze Hinweise zu vielfach gestellten Fragen

Von Christian Modehn, am 18. Oktober 2017

Die allgemeine Überzeugung ist: Gott lässt sich nicht definieren. Man kann nicht in zwei Sätzen sagen, was und wer Gott ist. Dennoch: Gott ist in der philosophischen Tradition der Unendliche, der Ewige, der alles Gründende. Das gilt auch heute für viele. Oder wer es atheistisch will: Der Nicht – Gott ist jene angebliche Macht, die nicht existiert, von der wir nichts wissen, von der wir nichts ahnen. Und so bleiben Menschen allein in diesem Universum. Das nennt man metaphysisch obdachlos.

1.An welchen Gott können wir, wollen wir, heute noch glauben?

Bei dem Thema sind Voraussetzungen enthalten:  Es gibt de facto viele Gottesvorstellungen, Gottesbilder, viele Götter. Der Grund für die vielen Gottesbilder ist grundgelegt in der geistigen Verfasstheit der Menschen. Jeder Mensch hat als Individuum eine eigenen philosophische Welt, zu der dann bewusst oder unbewusst eine je individuelle Vorstellung von meinem Gott (oder eben Nicht-Gott) gehört.

Denn selbst wenn sich viele Christen nennen, dann ist in diesem Bekenntnis wieder jeweils eine bunte subjektive Vielfalt mitgegeben. In jedem Leben gibt es je nach Alter usw. verschiedene Gottesbilder.

Wenn es sich um meinen Gott handelt, hat dieser „mein“ Gott auch eine Beziehung und Gemeinsamkeit mit den Göttern der vielen anderen. Einen total individuellen Gott, den die anderen nicht verstehen, wird es nicht geben.

Vielfalt im Zusammenhang der Gottesfrage ist also eine Tatsache, es ist die Vielfalt hinsichtlich der Beschreibung des Göttlichen. Martin Luther sagt im Großen Katechismus von 1529: Das erste Gebot:Du sollst nicht andere Götter haben neben mir. Das heißt: Einen Gott haben bedeutet, etwas haben, an das ich mein Herz hänge und dem ich unbedingt vertraue“.

Da ist die Freiheit, meinen Gott zu haben, als Tatsache beschrieben. Das wurde in den Kirchen oft verschwiegen, weil die individuell Sprachfähigkeit über den je eigenen Gott nicht gepflegt wurde und man sich begnügte, das allgemeine Glaubensbekenntnis nachzusprechen. Der „wahre“ Glauben wurde im korrekten Nachsprechen des Bekenntnisses überprüft, bis heute. Was für eine Naivität.

ABER: Warum diese Reflexion überhaupt, wo sich Gott doch – theologisch gesehen – offenbart hat, etwa in der Bibel und damit offenbar Klarheit geschaffen hat: In der Bibel hat Gott nicht für Klarheit und Eindeutigkeit gesorgt. Weil die unterschiedlichen Texte von unterschiedlichen Menschen mit unterschiedlichen Glaubenserfahrungen und Gottesbildern stammen.

In der Bibel wird in Bildern gesprochen, in widersprüchlichen Bezeichnungen Gottes, gut, strafend, barmherzig,. Gerecht usw. Es ist von Wundern die Rede. Von kriegerischen Elementen, Gott als parteilicher Gott für ein Volk; „Auge um Auge, Zahn um Zahn“… etc. Das heißt: die gesamte Bibel (und der Koran) müssen mit dem kritischen Verstand gelesen werden. Die vielen Gottesbilder müssen geprüft, heute Gültiges muss erkannt werden …und dies mit Hilfe unserer selbstkritischen Vernunft.

2. Beispiele der Vielfalt? 

Ich verwende hier im Zusammenhang der Gottes – Erfahrung auch den Begriff „wichtigster Mittelpunkt im Leben“, um den sich alles individuelle Leben momentan dreht, dem man alles opfert, dem man sich hingibt, auf den man sich freut. SPORT, Fußball, wäre ein Beispiel. Man könnte von säkularen Religionen sprechen mit säkularen Göttern. Nebenbei: Die Eröffnungsfeiern von Olympischen Spielen sind quasi religiös. Für Coubertin, den Gründer der olympischen Idee, ist Sport ganz klar ein religiöses Gefühl.

Zu den Spitzensportlern: Die ganze Lebensführung dieser Sportler untersteht dem Zwang, zur Spitze der Spitzensportler zu gehören. Training ist die oberste Maxime, um die sich alles dreht. Weitere Beispiele: Sich zu Tode Arbeiten, extrem in Japan (Karoshi); Verehrung von Stars, Partei Führern etc.

3. Muss man die de facto bestehende Vielfalt als solche auf sich beruhen lassen und sie unbedingt akzeptieren?

Natürlich gibt es in den wenigen noch demokratisch sich nennenden Staaten Religions – und Bekenntnisfreiheit und damit die Freiheit, dass sich jeder und jede seinen bzw. ihren eigenen Gott wählt und de facto in der subjektiven Konkretion schafft. Insofern ist auch die Freiheit gegeben, sich seinen Gott zu wählen. Aber ist es immer Gott im emphatischen, im vernünftig vertretbaren Sinne? Vernünftig vertretbar ist ein Gottesbild, das die humane Entwicklung der Menschen fördert, etwa die Menschenrechte.

Dies ist jedenfalls die subjektive Ebene.

Die Vielfalt der Götter stand lange Jahre wie eine absolute Erkenntnis im Mittelpunkt des postmodernen Denkens. Postmoderne verstanden als ein selbstgewisses Plädoyer für die Gültigkeit vieler Meinungen, verbunden mit einer Abwehr, dass gegenüber diesen vielen Meinungen Kriterien der Wahrheit und Gültigkeit vorgebracht werden (können, dürfen).

Ich habe die Gewissheit, dass diese postmoderne Haltung heute (2017) überwunden ist. Wir leben also in post – postmodernen Zeiten.

Bei allem Respekt vor den vielen Meinungen der einzelnen wird heute wieder die Wahrheitsfrage gestellt, in dem Sinne: Kann diese oder jene Meinung, auch auf Gott bezogen, einer allgemeinen kritischen Reflexion standhalten? Also, es gilt die Toleranz der Vielfalt gegenüber mit der Wahrheitsfrage zu verbinden. Diese Wahrheitsfrage hat ihr Kriterium nicht in einem religiösen Imperativ, sondern in der Frage: Hilft dieser oder jener Gott den Menschen, sich umfassend als Mensch in Freiheit und Verantwortung zu entwickeln?

4.Philosophie und kritisches Fragen.

Damit wird also nicht wie einst für eine Art religiöser Strenge und Dogmatik der einzigen Wahrheit plädiert. Überhaupt nicht. Es wird nur schlicht darauf hingewiesen, dass in philosophischer kritischer Reflexion der Gottesfrage nicht alles Mögliche als der Weisheit letzter Schluss behauptet werden kann. Philosophie ist in dem Sinne kein Ort der Präsentation beliebiger Wahrheiten, die man auf sich beruhen lassen kann. So sehr auch die Meinung des einzelnen respektiert werden muss, aber es ist eben eine Meinung eines einzelnen, die sich wie alle Meinungen dem kommunikativen Gespräch und damit der möglichen kritischen Korrektur stellen muss. Es gibt also durchaus einen gewissen Elan der Wahrheit, dass von Gott nicht total beliebig gesprochen werden kann. Denn der einzelne behauptet ja, dass sein Gott doch sprachlich, also vernünftig artikulierbar ist. Also doch auch der vernünftigen Reflexion untersteht.

Es geht um eine Kritik an Gott und den Göttern bzw. den säkular jeweiligen „heiligen“ Mittelpunkten im Leben.

Die These ist also: Gibt es philosophisch gesehen doch noch Hinweise auf den wahren Gott, der diesen Namen verdient. Es gilt also das philosophische Prüfen zu üben. Diese Prüfung gilt auch, förmlich als Voraussetzung für die eigene religiöse Entscheidung oder die Reform der eigenen religiösen Überzeugung bzw. des eigenen Glaubens an Gott.

5. Die Voraussetzung: Philosophie ist also Religionskritik.

Und Philosophie ist und bleibt immer noch Metaphysik, weil sie zeigt: Der Mensch ist ein Wesen, das durch den Geist, die Vernunft, die Seele, bestimmt ist: Der Mensch kann mit seinem Geist, seiner Seele, das Geheimnis des Lebens berühren. Dieses letzte, gründende Geheimnis ist das, was wir Gott nennen. Ein hilfloses Wort für eine Wirklichkeit, die kaum nennbar ist. Philosophie bewegt sich also auf der Grenze zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Greifen, Definieren und dem bloß Berühren können (des Göttlichen); ohne es jemals zu umfassen und zu definieren.

Wer Gott denkt, bedient sich eines Symbols, an dem das philosophische Denken doch zu einem Ende kommt, über das hinaus nichts weiter gedacht werden kann. Wo möglicherweise das begründete Schweigen eintritt: Das Göttliche als das Umgreifende, das der Mensch mit seinem Denken eben nicht umfassen kann, nicht definieren kann. Er kann es förmlich nur berühren. Aber es ist, freilich anders als ein Gegenstand, „da“. Aber wenn das Göttliche als das Letzte überhaupt Denkbare gedacht und gedanklich, dann aber auch begrifflich und eher stammelnd gesagt wird, dann wird von diesem Letzten aus wieder alles neu gedacht. Vom Letzten wird also wieder alles andere, Nicht – Letzte und Vorletzte, im Licht dieses neu gesehenen Letzten gesehen, erlebt, gesagt. Das ist die Bewegung der Philosophie- die selbstverständlich an kein Ende kommt, weil das Letzte, das Göttliche, im Laufe des Lebens je neu wieder gesehen wird…

Das Berühren des Unendlichen /Gottes ist so eigener Art, so dass manche Philosophen dieses Berühren dann als eine Art „Schweben“ bezeichnen. Mit allem Zwiespalt ist das gesagt, weil eben diese Form der ungewöhnlichen Begriffe schnell ins Lächerliche gezogen werden kann. Vielleicht ein Vergleich: Auch Poesie, auch private Poesie, etwa von Verliebten, kann schnell von anderen wahrgenommen, ins Lächerliche gezogen werden.

6. Die entscheidende Frage angesichts der Pluralität der Götter: Gibt es Kriterien für den göttlichen Gott. Warum brauchen wir das Kriterium, um Gottes willen oder um unserer, der Menschen, wegen?

Gott als Gott wird zuerst im menschlichen Geist, in der Seele, im Gemüt erlebt. Darum muss diese Frage im Zusammenhang von Geist, Seele, Gemüt erörtert werden.

Ich beziehe mich auf eine Aussagen von Wilhelm Gräb in seinem Buch „Glaube aus freier Einsicht“, S. 13: „Der Glaube der Menschen, der ein souveräner Glaube ist, ist ein Glaube, den die Menschen selbst hervorbringen, aus den Bezügen ihres Lebens, die gilt es zu durchdenken. Das ist ein Glaube, der aus dem bewussten Leben, dem Selbstverhältnis und Selbstverständnis der Menschen kommt, ein Glaube, der auf die im Leben aufrechenden Sinnfragen antwortet“ .

Die Frage ist: Ist die Vielfalt der Gottesbilder als solche hinzunehmen?

Sie ist zu respektieren. Aber die verschiedenen Gottesbilder müssen in ein Gespräch miteinander geführt werden. Dabei kann ich niemanden ein bestimmtes Gottesbild aufzwingen, etwa im Rahmen einer aggressiven Mission. Aber es wird sichtbar: Dieses oder jenes Gottesbild ist nicht akzeptabel, nicht nur weil es der Wirklichkeit eines Göttlichen unangemessen ist (ich kann nicht sinnvoll behaupten, dieser völlig genau beschreibbare Holzklotz ist für mich Gott), sondern auch, weil bestimmte Gottesbilder von Menschen in dieser Welt propagiert und durchgesetzt dann verheerende Wirkungen haben für das Zusammenleben der Menschen. Ich denke an den Gott der Nazis und der so genannten „Deutschen Christen“ als den Gott, der die Juden vernichten will, diesen Gott kann man nicht als vernünftig geltenden, also humanen Gott hinnehmen. Ich muss also manche Gottesbilder bekämpfen, so wie das Pater las Casas im 16. Jahrhundert tat, als er die Spanier anklagte, in der Eroberung Amerikas und der Tötung der Indianer aus einem falsch verstandenen christlichen Gottesbild heraus zu handeln. Heute muss man fragen: Sprechen die Frommen von Gott oder ist diese Gottes – Rede nur eine ideologisch politische Verschleierung nationalistischer Interessen, was wir momentan in Mynamar erleben in der Verfolgung von Muslimen durch Buddhisten.

7. Warum diese Frage auch politisch dringlich ist:

Im Tagesspiegel vom 13. Oktober 2017 ist ein Interview mit Robert Menasse veröffentlicht, in dem er wie viele andere treffend den Nationalismus als größte Gefahr für den Frieden darstellt. Nation hat immer mit Eroberung und Kriegen zu tun. Ich will den Nation-Begriff auf die Kirchen und Religionen beziehen: Die in sich verkapselten Konfessionen sind – wie Nationen – von Feindseligkeit gegen andere geprägt. Es wurden Kriege unter den Konfessionen geführt. Darum ist Ökumene so wichtig. Ökumene ist um der Menschen, um der Gesellschaft und des Friedens willen wichtig. Und darum müssen Abweisungen der Ökumene heute zurückgewiesen werden. Darum müsste es Ökumene unter den vielen verfeindeten Traditionen des Islam geben usw. Also Anerkennung der Verschiedenheit.

8. Gibt es ein Kriterium für einen „menschlich akzeptablen Gott“?

Kriterium der Unterscheidung kann nicht ein religiöser Glaube sein. Kriterium ist die Vernunft. Das Kriterium der akzeptablen Religion und des akzeptablen Gottesbegriffes kann nur aus der allgemeinen menschlichen Vernunft stammen im Sinne der Menschenrechte. Das aber heißt: Ein Gott, der zum Handeln gegen die Menschenrechte auffordert, ist kein Gott.

9. Welchen Gott können wir und sollten wir verehren?

Den Gott, der sich nicht greifen lässt und sich nicht definieren lässt. Den Gott, der sich in tausend Sprachen sagen lässt, ohne dass eine einzige Sprache ihn fängt.

Den Gott, der nahe ist fern, der sich nicht definieren lässt und nur berühren lässt. Den Gott, der den Menschen in seine Freiheit ruft und alle Menschen nur als gleichwertig und gleich wichtig gelten lässt.

Den Gott, den wir, obwohl unfassbares Geheimnis, doch mit der Vernunft noch berühren. Der sich niemals als nebulöses, schwammiges Gefühlsobjekt nach unserer Laune und Emotion definieren lässt.

Und doch ist Gott sagbar, in Worten, die das Wohlwollen des Gründenden, des Sinnhorizontes, deutlich machen. Gott und Güte gehören zusammen. Ein Gott, der Mord und Totschlag als göttliche Moral den Menschen nahe legt, ist kein Gott.

Wenn man sich die Frage stellt: Was ist die Welt, was der Mensch, wenn an sie klassisch in der Weise der Schöpfung verstanden: Wie ist dann der Schöpfer in der Welt zugegen?

Er ist in der Seele des Menschen zugegen. Weil zur Annahme einer Schöpfung die geistige, seelische Anwesenheit des göttlichen Schöpfers in seinem geistigen (und natürlichen) Geschöpf anzunehmen ist.

10. Warum diese Frage: Warum denn überhaupt den ganzen Aufwand, von Gott zu sprechen?

Die Frage nach dem Letzten, ob nun theistisch oder atheistisch beantwortet, ist keine Laune einiger Leute. Diese Frage drängt sich von der Struktur des Geistes selbst auf.

Wer das Geheimnis des Göttlichen im Menschen zeigt, will vor allem den Menschen in seiner (göttlichen, also nicht manipulierbaren) Würde aufzeigen. Dass diese Würde meist ignoriert wird in de Politik und der Ökonomie, ist eine Tatsache, sie spricht aber nicht gegen diese Einsicht. Wo dieses Geheimnis ignoriert wird und zerstört wird, droht eine Begrenzung des Menschen auf etwas nur Endliches. Das muss man respektieren und argumentativ die Weite des Transzendenten ins Gespräch bringen.

Zum geistigen Selbstvollzug jedes einzelnen Menschen gehört es, konsequent zu fragen, auch nach dem alles und ihn selbst Gründenden. Also herauszutreten aus der Oberflächlichkeit des Umgangs mit dem gerade Sichtbaren und Greifbaren und auf den Grund gehend fragen: Wie kommt es, dass ich auf die Welt erkennend bezogen bin? Was ist eigentlich Welt im Ganzen und was ist mein Erkennen und das Erkennen aller anderer Menschen. Und dann bin ich schnell in der unausweichlichen Frage nach dem Göttlichen. Und in der „Konstruktion“ meines Gottes.

Bisher hatte man den Eindruck, als sei die Debatte über Gott sozusagen eine spekulative, theoretische. Wenn man den Spuren folgt, die ein vernünftiger, den Menschen zugewandter Gott bedeuten kann: Dann ist klar: Eine Verbundenheit mit Gott hat immer einen Ausdruck in einer bestimmten Lebenspraxis. Allein in der gelebten Liebe kann ein Mensch der Beziehung zu seinem menschlichen Gott entsprechen. Egoismus ist dann Ausdruck der Gottlosigkeit. Alle Formen des Egoismus, der Verschlossenheit in sich selbst, also etwa auch der Nationalismus, sind in dieser Hinsicht dann Gestalten des Atheismus. Insofern leben wir heute in einer atheistischen Welt. Atheistisch ist unsere Welt nicht zuerst dadurch, dass offenbar so wenige Menschen z.B. dem christlichen Glauben und seinen Dogmen anhängen, sondern weil der Egoismus, etwa auch in der Gestalt der Abweisung der Fremden, der Flüchtlinge, heute die politisch dominante Haltung ist. Allein eine Kultur der Liebe, der Nächstenliebe, des Respekts, der Bejahung des anderen als anderen, der Vielfalt also, ist eine Kultur, die dem Begriff des menschlichen, des vernünftigen Gottes entspricht. Von ihm sprechen auch viele Texte des Neuen Testaments und der prophetischen Tradition der hebräischen Bibel.

Von dieser Erkenntnis aus geht die Aufforderung, eine gerechte Welt zu gestalten, also politisch zu werden. Dies ist der wahre Gottesdienst! Die erfahrene göttliche Liebe muss sich Ausdruck schaffen in der Gesellschaft. Dies ist das Projekt des Reiches Gottes, das nie als solches zu schaffen ist, das aber ansatzweise gestaltet und erfahren werden kann, immer dann, wenn mehr Gerechtigkeit faktisch auch für die Armen Realität wird.

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Das Ende der Ökumene? Kardinal Woelki schlägt zu

Zum Ende der Reformationsdekade ein verstörender Text

Ein Hinweis von Christian Modehn veröffentlicht am 7.Oktober 2017, auch als Einstimmung zum Reformationstag.

Die Monatszeitschrift „Herder – Korrespondenz“ veröffentlicht in ihrer Oktober Ausgabe 2017 einen Beitrag des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki mit dem Titel „Das Verhältnis von Katholiken und Lutheranern im Reformationsjahr: EHRLICHKEIT in der Ökumene“. Dieser Text – in einer durchaus repräsentativen katholischen Publikation – kann großzügigerweise im Internet kostenfrei herunter geladen werden. Und dann, nach dem Studium, zu ebenso „ehrlichem“ Widerspruch auffordern. Falls man dazu nach all den dogmatischen Debatten über die angebliche rechte Lehre noch die Kraft und die intellektuelle Lust verspürt.

Kardinal Woelki (Köln) zeigt kurz vor Ende der Reformationsdekade 2017 das wahre Gesicht des offiziellen Katholizismus. Alle Hoffnungen auf einen möglichen Sprung nach vorn zugunsten der Einheit der Christen werden katholischerseits in Frage gestellt, wenn nicht vernichtet. Woelki ist in der römischen Kirchenführung insgesamt nicht irgendeiner: Er ist – tatsächlich – Mitglied des “Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen”, abgesehen von Mitgliedschaften in anderen päpstlichen Kommissionen, wie der für Gottesdienste und Sakramente. Diese Kommission leitet der bekanntlich erzreaktionäre Kardinal (und Papst Franziskus – Feind) Robert Sarah aus Guinea. Wenn Woelki also nun vor weiteren Hoffnungen auf Fortschritte in der evangelisch – katholischen Ökumene warnt und diese bisher errungene Ökumene eigentlich nicht mehr will, dann ist es förmlich der Vatikan selbst, der da spricht. Ob dieser unerwartete Querschuss dieses sehr Konservativen (Woelki hat seinen Dr. theol. bekanntlich an der römischen Opus-Dei-Universität erworben) mit Papst Franziskus abgesprochen ist, wird man wohl bei der üblichen Öffentlichkeitsarbeit im Vatikan niemals erfahren.

Was ist die Grundtendenz dieses Beitrags, auf den eigentlich nur bestimmte konservativ – reaktionäre katholische Kreise gewartet haben: Zunächst: Es gibt für Woelki einen Dissens zwischen Katholiken und Protestanten in sozialethischen Fragen, Beispiel Homoehe. Die evangelische Kirche verstehe sich zudem als „Konfession der Freiheit“, und deute dabei Freiheit als Autonomie und Emanzipation. Diese beiden Werte lehnt Woelki ab, für ihn gilt, angeblich darin ein treuer Schüler des ursprünglichen Luther, an erster Stelle der so genannte Gottesgehorsam. Und dieser schwammige Begriff wird selbstverständlich katholisch einzig gültig von den Herren der Kirche, den Bischöfen, interpretiert. Selbstverständlich auch für Woelki die alten konfessionellen Differenzen in der Dogmatik und Kirchenlehre weiter, etwa die von Gott selbst gewollte Vorrangstellung des Klerus gegenüber der Gemeinde oder etwa das Herausstreichen, dass sich diese ganze Schar der Bischöfe und Päpste über all die Jahrhunderte als Apostelnachfolger begreifen. Die anderen, etwa die obersten Leiter Reformierter Gemeinden, haben da ja katholischerseits nichts zu bieten. Ist so viel katholische Arroganz eigentlich heute noch denkbar? Nebenbei: Dass viele katholische Bischöfe und Päpste im Laufe der langen Geschichte de facto Verbrecher waren, wird im allgemeinen ja von Katholiken anerkannt, aber, so lautet die kluge Lösung, es waren die Menschen, die schlecht, also gar nicht so nett wie Petrus und Jacobus, waren. Schlecht war jedoch nicht das Amt, das sie als Bösewichter ausübten…Nur auf dieser Basis ist es möglich, dass der verbrecherische Ordensgründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, als Verbrecher (so genannte Pädophilie u.a.) von Papst Benedikt XVI. überführt ist, dieser Orden aber weiter besteht, als hätte ein Engel ihn begründet….

Zurück zu Woelki: Es wird von ihm ein neuer Stillstand im Miteinander von Katholiken und Lutheranern eingeläutet. Die Bindung an die alten Dogmen siegt wieder einmal. Die Glaubensformeln des 4. Jahrhunderts (die einige noch sprechen, aber fast keiner mehr versteht) sollen in der autoritären Glaubensinterpretation  Woelkis also weiterhin maßgeblich sein und so die alten konfessionellen Gräber erhalten. Manche der letzten wackeren Mohikaner im ökumenischen Leben werden sagen: „Es ist zum Heulen mit diesen katholischen Bischöfen“. Wie viele Katholiken haben für die Ökumene ihre wertvolle Lebenszeit eingesetzt, nun dieses Desaster. Woelki vertreibt so wahrscheinlich viele Katholiken weiter aus der Kirche. Und freut sich über die kleinen Schar der Aufrechten und Orthodoxen und Unkritischen…

Das Skandalöse ist, dass Bischöfe wie Woelki, die ja auch als Theologen etwa in der Großstadt Köln an der Gegenwart und ihrer Zerrissenheit ein bisschen innerlich teilnehmen, nicht sehen: Dass sich durch den heute lebendigen Geist Gottes, würden weit blickende Theologen sagen, das religiöses Bewusstsein der Menschen grundlegend verändert hat: Menschen sind froh, wenn sie überhaupt noch an Gott/Göttliches als Geheimnis des Lebens glauben können. Jesus wollen sie nicht als eine Person mit zwei Naturen verehren, sondern als erlösendes, menschenfreundliches Vorbild. Gebete verstehen sie bei der berechtigten Zurückweisung des allmächtigen Wundergottes vernünftiger- und geistvoller weise als persönliche Poesie. Und Gemeinde – wie der große Schleiermachen – als Ort des Austauschs und der Feier von religiösen, vor allem menschlichen Fragen. Debatten über das richtige Verständnis der Transsubstantiation oder der apostolischen Sukzession usw. sind den Menschen in Europa (ist es in Zimbabwe oder in Uruguay anders?), mit Verlaub gesagt, völlig schnuppe. Die Menschen haben, wenn sie überhaupt noch religiös und christlich sein wollen, andere Sorgen in dieser zerrissenen Welt. Es geht um den Sinn des Lebens in einer verrückten Welt. Mehr nicht. Wenn da die Herren Erzbischöfe keine Antworten finden, können sie sich ohnehin in ihre Paläste definitiv zurückziehen und weiterhin Texte verfassen oder die immer noch reichlich sprudelnden Kirchensteuermillionen glücklich strahlend nach zählen.

Jedenfalls: Vor den globalen Problemen sind die Ausführungen von Kardinal Woelki geradezu lächerlich und kindisch. Sie sind regressiv. Weil nicht erkannt wird:  So viele Christen, Katholiken, haben genug von dem Ballast, den die Kirchen in ihrer Dogmenfixiertheit verbreiten. Sie nehmen sich zurecht die Freiheit, ihren eigenen Glauben selbst zusammenzustellen. Individuell und frei.

Dass die Menschen diesen Dogmen – Ballast nicht mehr akzeptieren wollen, zeigen die Kirchenaustritte und die leer werdenden Kirchen anlässlich der Sonntagsgottesdienste… Und bei jungen Leuten ist das Ausbleiben des Interesses am Pfarrerberuf, Ordensleben etc. ganz offensichtlich. Die Klöster machen zu. Ende. Die Letzten machen dort tatsächlich schon ständig das Licht aus, weil diese dogmatische fixierte Welt junge Menschen nicht mehr lebensmäßig bewegt und befreit. Warum denn werden in Köln und anderswo immer mehr katholische Gemeinden zusammengelegt? Weil sich kein Kölner mehr findet, der sich in die zölibatäre Lebensform einspannen lässt. Oder manche treue Seelen landen in sektiererischen Gemeinschaften strengster Lehre, wie bei den Neokatechumenalen oder den Legionären Christi. So geben Katholiken die Freiheit auf zu denken und autonom zu leben. Das wird ja von Woelki gewünscht, siehe oben. Autonomie ist sein großes Schreckgespenst, darin folgt er den (anderen) maßgeblichen Opus-Dei-Theologen.

Das heißt: Diese alte dogmatische Kirche ist de facto und geistig theologisch am Ende, das kann jeder sehen. Nur die alten Dogmatiker wie Woelki klammern sich noch an die alten Lehren und wollen diese den Menschen einpauken und dabei auch die Errungenschaften der Ökumene beschädigen: Warum wohl? Weil diese Herren der Kirche in diesem System der Dogmen und Herrschaft eben auch privilegiert gut leben und weiterhin leben wollen. Gut leben im materiellen Sinne verstanden. Aus diesem puren Egozentrismus heraus, als Liebe zur eigenen Herrschaft und Vorrangstellung („besonderes Priestertum“) machen diese Leute die Ökumene kaputt. Darum können sie nicht weit denken, nicht großzügig sein, nicht Wesentliches von historisch Gewachsenen unterscheiden.

All das interessiert uns, offen gesagt, als Religionsphilosophischer Salon Berlin nur am Rande. Wir sind philosophisch nur entsetzt, wenn Kardinal Woelki gleich im 4. Absatz seines Beitrags die Überzeugung verbreitet, es lasse sich aus dem Evangelium eine „verbindliche Ethik ableiten“. Mit Evangelium ist wohl auch der Text des Neuen Testaments gemeint. Denn nun kommt wieder einmal der absolute Wahrheitsanspruch der römischen Kirche nach vorn: „Denn aus katholischer Sicht ist die Wahrheit in Christus offenbar geworden“.

„Die“ Wahrheit also ist in den Sätzen des Buches Neues Testament enthalten. Aus diesem Buch NT soll sich, so Woelki, eine „verbindliche Ethik ableiten“ lassen. Was sagte doch gleich Jesus zur Hospizbewegung und was zu Transplantationen usw? Mit dem Evangelium Buch in der Hand soll ins politische und allgemein ethische Alltagsgeschehen hinein agiert werden. Das sehen die evangelikalen Fundamentalisten in den USA und Europa genauso. Fördert Woelki wie viele seiner bischöflichen Kollegen in den USA eine rechts-fundamentalistische Ökumene von Katholiken und Evangelikalen? Man hat stark den Eindruck.

Aber was würde denn Woelki sagen, dass bekanntermaßen auch Muslime behaupten: Aus dem Koran lässt sich eine verbindliche Ethik für den Staat ableiten? Was, wenn orthodoxe Juden kämpferisch durchsetzen, aus der hebräischen Bibel lasse sich eine verbindliche Ethik (auch gegen die Palästinenser) ableiten? Was, wenn Buddhisten sagen, aus den Weisungen des Erleuchteten lasse sich eine verbindliche Ethik fürs heutige Japan ableiten? Was, wenn Atheisten sagen, aus den Werken Nietzsches lasse sich eine verbindliche Ethik ableiten? Und so weiter? Diese hundert religiösen und weltanschaulichen Ethiken würden die Welt noch weiter zerreißen. Oder denkt Woelki gar, die Wahrheit des Evangeliums sei DIE universale Wahrheit für alle, dieser Wahrheit Roms sollten alle folgen?

Wir fragen uns: Wie theologisch begrenzt darf eigentlich ein katholischer Bischof sein? Hat Woelki, der bekanntlich an der Opus Dei Universität in Rom zum Dr. theol. promoviert wurde, mit einer umstrittenen Fleiß-Arbeit über „Die Pfarrei“, hat also Woelki niemals etwas von den modernen katholischen Universitäts – Theologen Franz Böckle oder Alfons Auer gehört? Diese zeigten schon vor Jahren eindeutig: Die Ethik der Katholiken ist eine Vernunftethik, eine autonome Ethik! Katholische Ethik entstammt nicht unmittelbar dem Evangelium. Bestenfalls kann das Evangelium einzelne ethische Haltungen verstärken, wie die Nächstenliebe, aber dies geschieht nur, nachdem die Vernunft als Kriterium angesetzt wurde.

Aus religiösen Basis- Texten wie der Bibel oder dem Koran lässt sich keine allgemeine, begründete, für alle Menschen gültige Ethik ableiten. Man lese bitte wieder einmal Immanuel Kant!

Insofern ist dieser Woelki Text auch theologisch eine Blamage. Und ein Hinweis darauf, in welchen geistigen Höhen der oberste Klerus in Deutschland sich bewegt. Wenn schon Woelki für ein wortwörtliches Übernehmen der Evangeliums Sprüche eintritt, dann sollte er bestimmte, vom Klerus nie zitierte Worte Jesu auf sich selbst und seine Kollegen anwenden: Jesus sagte den Aposteln, den Jüngern: „Nennt euch nicht Meister“. Und er sagte: „Wer der Größte sein will, sei der Diener aller“. Und vor allem sagte er, so wird überliefert: „Eher gelangt ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich“. Kardinal Woelki erhält als Single vom Staat ein Monatsgehalt von ca. 12.000 Euro monatlich, von allen Vergünstigungen, Dienstwohnung, Dienstwagen etc. abgesehen.

Den Woelki Text werden die noch verbliebenen Christen voller Wut beiseite legen und dann hoffentlich den eigenen, vernünftigen und jesuanischen Weg weiter gehen. Eine Schande bleibt dieser Text am Ende der Reformationsdekade allemal.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Für eine erste gesamtökumenische Enzyklika: Ein Plädoyer von Pfarrer Manfred Richter, Berlin.

Die Fragen stellte Christian Modehn. Veröffentlicht am 2. Oktober 2017

Ende Oktober 2017 geht die „Dekade“ zu Ende, in der die Menschen nicht nur in Deutschland eingeladen wurden, der Reformation zu gedenken. In den Zusammenhang passt als kritischer Impuls sehr gut Ihre neue, umfangreiche und gut von den Quellen her belegte Studie, die Sie im Untertitel zurückhaltend „“Essay zum Ökumenismus“ nennen. Darin fordern Sie eine „Erste Gesamtökumenische Enzyklika“, also ein Lehrschreiben, das von allen christlichen Kirchen verfasst und unterzeichnet wird und in den je eigenen Gemeinden verbreitet werden kann. Was sollte der wesentliche Inhalt einer solchen, geradezu sensationellen ökumenischen Enzyklika sein?

   Das Faktum selbst sollte die erste Botschaft sein: Es gibt Aussagen unseres Glaubens, die wir von nun an gemeinsam aussprechen wollen, weil wir sie teilen. Diese „gesamtökumenische“ Enzyklika, also ein Lehr-Rundschreiben oberster kirchlicher Repräsentanten (etwa der konfessionellen Weltbünde, des ÖRK und des Vatikan) gemeinsam, sollte die Bereitschaft kundtun, das ernst zunehmen und umzusetzen, was bislang alle Kirchen als ihren Willen schon erklärt haben: vertiefte Gemeinschaft zu leben in Wort und Tat, soweit keine gewissensmäßigen Hindernisse mehr im Wege stehen. Das ist gerade bei den grundlegenden Fragen der Fall: Wir sprechen das gleiche Vaterunser, bekennen das gleiche Glaubensbekenntnis, haben die gleiche Heilige Schrift und wissen alle, was das höchste Gebot ist: die Gottes- und die Nächstenliebe.

Nun liegen seit vielen Jahren viele theologische Studien vor, die den tatsächlich schon gegebenen Konsens der bisher getrennten Kirchen beschreiben. Warum folgen die Kirchenleitungen, vor allem die römische Kirche, nicht diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen? Ist es Ignoranz oder verbissener klerikaler Machterhalt?

   Der hier von Ihnen genannte Konsens, der in den strittigen Hauptfragen im Weltrat der Kirchen gemeinsam mit Rom weltweit und auch besonders in Deutschland gefunden wurde, besagt in der Tat, dass dieses Wort von einst: „Wir verwerfen die falsche Lehre …“, nämlich der jeweils anderen, so heute zwischen unseren Kirchen nicht mehr gilt. Überall hat sich das Bewusstsein verändert, durch Einsicht in eigene Versündigungen und unverantwortliche Verweigerungen untereinander; durch theologische Aufklärung und nicht zuletzt durch die Erfahrung der Herausforderungen der Zeit, besonders der verbrecherischen Regime der Nationalsozialisten und Bolschewiken – Hier entstand die Una-Sancta-Bewegung:„Wir glauben an die Eine Heilige Kirche“ in den Gefängnissen und Kriegsgefangenenlagern.. Sicher gibt es nicht wenig Mentalität „klerikaler Machterhaltung“, wie Sie sagen – das muss jede Kirche bei sich selber prüfen. Doch müssen auch die Gewissen geachtet werden, denen diese neueren Einsichten noch fremd sind, nachdem in den Kirchen fünf Jahrhunderte lang die gegenseitige Verurteilung gepredigt wurde. Und ängstlichere Gemüter, auch in Leitungsgremien, die sich an alte Auslegungen überlieferter Formeln gebunden sehen, statt sie geistbewegt neu zu denken, müssen gewonnen werden. Es soll nicht zu neuen Spaltungen kommen.

Was wäre der neue Aspekt und der neue Inhalt einer ersten gesamtökumenischen Enzyklika?

   Aufgrund des wechselseitigen Sich-Kennenlernens in nun mehr als hundert Jahren ökumenischer Bewegung zwischen den Kirchen der Protestanten und der Orthodoxen, und seit mehr als 50 Jahren auch mit der römisch-katholischen Kirche ist ein grundlegendes Vertrauen zwischen den einstigen Feinden gewachsen. Man versteht besser, wie und warum die anderen auf andere Weise glauben – und dass wir oft Gleiches oder Ähnliches meinen, wenn auch in anderen Worten oder Strukturen und Gebräuchen. Und man fängt an, zu erkennen, dass es dabei, wie schon im Neuen Testament selber und in der Kirchengeschichte immer, Unterschiede gab und geben darf, wie überall in menschlichen Kulturen. Daher kann jetzt, meine ich, ein gemeinsames Wort gewagt werden, welches das ausspricht: Tausend Jahre Feindschaft zwischen Christen im „Westen“ und „Osten“ der Christenheit ist genug, und 500 Jahre Feindschaft innerhalb der „lateinischen“ Kirche des „Westens“ sind genug: Alle einstigen Reformationsansätze blieben unvollendet. So müssen wir öffentlich bekennen, dass wir gemeinsam an das „aggiornamento“(die erneuernde Anpassung) des Christentums für sein drittes Jahrtausend herangehen müssen. Das muss eine Botschaft an die Gläubigen nach „Innen“ sein, um die Widerstände aus Gewohnheit zu überwinden. Sie muss aber ebenso nach „Aussen“gerichtet sein: wie soll sonst die christliche Versöhnungsbotschaft in einer Welt voller Machtkonflikte zwischen Religionen und Ideologien glaubwürdig sein? Daher sollte ein Schwerpunkt liegen bei der im Kern für Christen gemeinsamen sozialethischen Botschaft zu den so missachteten Menschenrechten und zur Bewahrung der bereits in hohem Masse bedrohten Schöpfung.

Warum sind Ihrer Meinung nach immer noch theologische Dokumente, Papiere, Studien, Enzykliken überhaupt notwendig, um die Einheit der Christen zu fördern?

Der Streit der Konfessionen wurde durch Theologien und ihre Ausformulierungen in Recht setzenden Dokumenten ausgefochten, welche jeweils die „Anderen“ ausgrenzten, verurteilten oder gar der Hinrichtung preisgeben. Daher muss diesen Theologien und ihren Dokumenten, wenn sie sich absolut setzen, der Giftzahn gezogen werden. Sie müssen auf den Status von Teil-Ansichten zurückgeführt werden, die einer umfassenderen Wahrheit und einer tiefer gegründeten christlichen Praxis dienlich werden müssen.  

Was verstehen Sie unter der Einheit der Christen und der Kirchen?

   Eine bunte Vielfalt lebendig gelebter christlicher Traditionen, die sich wechselseitig bereichern und jeweils selbst relativieren im Blick auf die vielen anderen Möglichkeiten, die christliche Botschaft – das Evangelium – zu leben, und das heißt eben: „Katholisch“ im Ursprungssinne dieses Wortes zu denken und zu glauben, zu beten und zu handeln. Daher sollten unsere Kirchen zunächst eine gemeinsame Stimme finden und kundtun, verständnisvoll miteinander lernend weitergehen in dem, was wir den „konzilaren Prozess“ nennen, um eine neue Form zu finden. Damit ihre großartige universale, eben ihre „katholische“ Gemeinschaft als Kirche auch sichtbar werde – als die gemeinsame geistliche Heimat der Vielen Verschiedenen, die auf dem Wege sind.

 Nun ist die heutige konfessionelle “Landschaft” unter den Christen sehr vielfältig: Man denke etwa an die vielen auch unter sich sehr gegnerischen Pfingstkirchen und an die vielen evangelikalen Bewegungen: Hat dann die Arbeit an der Einheit der Christen noch einen realistischen Bezug?

   Es kostete seit je viel Mühe, den Starrsinn und die Machtanmaßungen geistlicher Führer zu bändigen, großer Theologen oder Päpste ebenso wie von Lokalheroen oder Gurus. Nur die konsequente Einforderung der Selbstrelativierung im Angesicht Gottes und des Nächsten und das unumgehbare Liebesgebot, also die ethische Verantwortlichkeit, werden helfen, Wege zum Miteinander ausfindig zu machen, bei Anerkennung legitimer Unterscheidungen oder Besonderheiten. Der „Weltrat der Kirchen“ (Genf) ist geradezu das Labor dazu. Die Forderung einer uniformen Rechtssetzung für eine künftige Gestalt der Weltchristenheit ist abzulösen zugunsten der Suche nach Formen einer Anerkennung bereits gelebter oder möglicher Gemeinschaft auch recht verschiedener Traditionen auf der Basis von Heiliger Schrift, Credo und Vaterunser – dies, so meine ich, durchaus in neuer Gestalt im Weltmassstab. Ein gesamtchristliches Weltforum ist überfällig.

Was treibt Sie seit Jahrzehnten so an, dass Sie immer leidenschaftlich die versöhnte Verschiedenheit der Christen, also die Versöhnung und die Einheit, fördern und fordern? Ist dieses Engagement auch auf die politische Zerrissenheit der Welt bezogen?

   Meine Taufe war römisch-katholisch. Christ wurde ich, nach gutem Religionsunterricht (einschließlich Augustinus!) lutherisch; meine Wendung zur Theologie verdanke ich Romano Guardini, dem römisch-katholischen Kulturwissenschaftler und Vorkämpfer der Ökumene in NS – Zeiten. Meine Ordination verpflichtete mich der Una Sancta, für die ich in Württemberg und dann in Berlin, hier in einer Kirche der (protestantischen) Union tätig wurde, wo wir bereits in einer einzigen großen und „vielfarbigen“ (Eph. 3, 10) christlichen Gemeinschaft jeglicher Couleur leben. Wie könnte es also anders sein, als für „eine“ Stimme und auch „eine Gestalt“ der Kirche zu kämpfen, damit sie endlich in ihrer welt – bewegenden Botschaft glaubwürdig würde? Erst so, meine ich, könnte sie selbsternannten Potentaten und hasswütigen Predigern zeigen, was Sache ist. „Warten wir nicht länger“, so könnte ich einen Wahlslogan zitieren. Ich sage: Ergreifen wir den „kairós“: Den 31. Oktober 2017 als gottgegebene Gelegenheit, über den Schatten zu springen !

Copyright: Pfarrer Manfred Richter, Berlin.

Die umfangreiche Studie Manfred Richters hat den Titel: „Oh sancta simplicitas. Über Wahrheit, die aus der Geschichte kommt. Ein Essay zum Ökumenismus“. 426 Seiten, 2017, Siedlce.

“Die wahren Künstler sind die religiösesten unter allen Sterblichen”: Zum 100. Todestag von Auguste Rodin

Vor 100 Jahren, am 17. November 1917 ist der Bildhauer Auguste Rodin gestorben (geboren am 12. Nov. 1840). Der Religionsphilosophische Salon hat immer Interesse, Spuren des Religiösen und des Christlichen zu entdecken, in welchen Formen und Artikulationen auch immer. August Rodin sagte: “Si la religion n’existait pas, j’aurais eu besoin de l’inventer. Les vrais artistes sont, en somme, les plus religieux des mortels”.

Weitere Hinweise folgen.

An welchen Gott können wir, sollten wir, heute glauben? Ein re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon anlässlich des “The­sen­an­schlags” vor 500 Jahren.

Der The­sen­an­schlag Martin Luthers vor 500 Jahren kann naturgemäß vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin nicht einfach übersehen werden. Das weiß nun jede(r): Am 31.10.1517 wurde eine Wende in der Geschichte nicht nur der Religionen eingeleitet… Wir stellen uns also in unserer Sitzung am Freitag, den 20. Oktober 2017, um 19 Uhr, dieser aktuellen (!) Reformations – Frage, die ein heutiger Luther stellen müsste:

An welchen Gott (Göttin) können wir, sollten wir, wollen wir heute glauben und … diesen Gott (be)denken.

Dabei stellen wir uns auch philosophisch die Frage: Selbst wer sagt, an keinen Gott zu glauben, der also das Glaubens – Bekenntnis des Atheisten ausspricht, hat doch irgendeinen anderen Gott, verstanden als absoluten Mittelpunkt in seinem Leben? Der Salon am 20. Oktober könnte auch zu einem mehr persönlich “gefärbten” Gespräch werden, um einmal den üblichen, richtigen “Abstand” vom eigenen Meinen und Fühlen im philosophischen Reden ein wenig abzuschwächen.

Herzliche Einladung also zu einem Gespräch, das auch der Reformation eigenen Denkens und Handelns dienen kann.

Wir treffen uns in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf. Zur Einstimmung gibt es viele Bücher und Texte. Eine Möglichkeit ist etwa: Die “neun komma fünf Thesen” (anstelle der 95 von Luther), die ich hoffentlich als  Provokation auf diese website vor längerer Zeit schon gestellt habe.

Anmeldung also wegen der begrenzten Anzahl der Plätze erbeten an: christian.modehn@berlin.de

Jacob Böhme – ein Religionsphilosoph für unsere Zeit!

Ein kurzer Hinweis von Christian Modehn

Über den Philosophen und Mystiker Jacob Böhme (1575 – 1624) haben die „Staatlichen Kunstsammlungen Dresden“ eine sehr beachtliche Ausstellung gestaltet, die kein religionsphilosophisch Interessierter, ja selbstverständlich kein kulturell Interessierter versäumen sollte! Bis zum 19. November 2017 kann die Ausstellung in der Schlosskapelle des Residenzschlosses Dresden besucht werden, täglich außer dienstags.

Jacob Böhme verdient Beachtung, Lektüre, Mitdenken und Debatte vielleicht heute noch mehr als im 16. und 17. Jahrhundert. Hegel sagt in seinen „Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie“ (Band 3, Suhrkamp 1971, Seite 94) sehr treffend: “Böhme ist genannt worden der philosophus teutonicus, und in der Tat ist durch ihn erst in Deutschland Philosophie mit einem eigentümlichen Charakter hervorgetreten. Es ist uns wunderbar zumute beim Leben seiner Werke; und man muss mit seinen Ideen vertraut sein, um in dieser höchst verworrenen Weise (der Texte Böhmes, CM) das Wahrhafte zu finden“. Eine mühsame Aufgabe auch heute! Immerhin widmet Hegel in seiner Vorlesung Böhme viel Aufmerksamkeit! Das Böhme Kapitel in dem genannten Buch umfasst immerhin 28 Seiten! Dabei ist Hegel aus seiner Position durchaus kritisch gegen Böhme, spricht von der „Barbarei in der Ausführung der Böhmeschen Gedanken“ (S. 118), von „gewaltsam sinnlichen Vorstellungen“ in Böhme Sprache. Dabei respektiert aber Hegel die “größte Tiefe“ von Böhmes Gedanken, „diese Tiefe hat sich mit der Vereinigung der absolutesten Gegensätze herumgeworfen“ (ebd.).

Denn der Philosoph und Mystiker aus Görlitz hat eine zentrale Erfahrung gemacht und zu Wort gebracht, auch wenn seine Sprache, seine Begriffe heute manchmal sehr vermischt und schwer zugänglich erscheinen: Aber es gibt eine zentrale Einsicht, sie berührt genau den heutigen globalen Umbruch der religiösen Situation in einer säkularisierten Welt. Gleichzeitig bieten Erfahrungen und Erkenntnisse Böhmes gerade auch Auswege an, angesichts des langsamen, aber sehr deutlichen Verschwindens der orthodoxen, katholischen oder evangelischen, aber in allen Fällen dogmatisch versteinerten Kirchenformen in Europa.

Was ist also inspirierend in Böhmes Erkenntnis? Dass Gott als der Ewige in jedem Menschen lebt. Und dass dies das einzig Wichtige und Entscheidende ist: Alle bürokratischen Kircheninstitutionen, aller Klerus, alle feierlichen Messen und Gottesdienste, alle Lehrschreiben usw. sind gegenüber der ewigen Präsenz des Ewigen IM Menschen mindestens sekundär! Was ist entscheidend? Die Pflege und Achtsamkeit auf diesen Gott In mir und IN uns. Und folglich wäre dann die Einrichtung von Gruppen, Kreisen, Salons usw., die diese Gestalt des Menschseins in aller Freiheit auch mit so genannten Atheisten besprechen.

Man möchte meinen, dass Böhme mit seinem absoluten Plädoyer für den Gott IN mir und IN uns eine gewisse Form moderner liberaler, d.h. auch freisinniger Theologie da formuliert. Dem wäre später eingehend einmal nachzugehen.

Die Gottesbeziehung ist nach Jacob Böhme also nichts Äußerliches, keine zuerst auf Worte. Lehren und Dogmen bezogene Lebenshaltung. Das setzt ihn heraus aus der lutherischen Orthodoxie. Manche Überzeugungen wirken gar katholisch, etwa wenn er die Weisheit verehrt wie eine jungfräuliche, weibliche Seite Gottes.

Auf Gott als der inneren und ewigen und ungeschaffenen und damit vom Tod nicht berührten Wirklichkeit bezieht sich der Mensch, wenn er sich auf sich selbst, seinen Geist und damit seine Freiheit bezieht.

Diese eine entscheidende Grundeinsicht wurde Jacob Böhme förmlich geschenkt: Alles gründet bei ihm auf einer mystischen Erfahrung, einer plötzlichen Einsicht, einer Erleuchtung: Die er aber nicht spinös oder fanatisch herausschreit, sondern in einem langen Reflexionsprozess gedanklich und sprachlich bearbeitet und zu Papier bringt. Man nennt ja manche Komponisten, wie Mozart, mit dem etwas altertümlichen Wort „Genie“. Ebenso ist es ja sicher treffend, Dichter, wie Goethe, genial zu nennen, ohne dabei in einen säkularen Heiligenkult umzukippen. Mit diesem Vorbehalt kann man selbstverständlich auch Philosophen genial nennen in der Konzentration ihres Gedankens. Jacob Böhme könnte wohl zu diesen Philosophen gehören. Er, der kluge Autodidakt, der ja bekanntermaßen das Schusterhandwerk gelernt hatte, also alles andere als ein stolzer, klerikal gebildeter Pfarrer oder gar Theologieprofessor war. Er hat sich alle Kenntnis selbst erworben und sich in damalige Theologie, Philosophie und die Wissenschaften eingearbeitet. Dass er dabei auch auf die Alchemie in gewisser Hinsicht zurückgriff, hängt ab von seiner Bindung an die gängige Kultur seiner Zeit. Er kannte die Arbeiten des damals hoch geschätzten Naturphilosophen Paracelsus (also Theophrastus Bombastus von Hohenheim, 1493 – 1541). Schon Paracelsus legte – wie Müntzer – allen Nachdruck auf eine Kirche, die vom Geist, nicht aber vom toten Buchstaben, regiert wird. Die theologischen Auffassungen (seine Abweisung der gewaltsamen Mission, der Bekehrungen, sein Eintreten für die Gleichheit aller Stände) verdienen viel mehr Aufmerksamkeit als ihn bloß in die Ecke von Astrologie oder Magie zu stellen).

Jacob Böhme, der „Laie“ also, störte den dogmatischen Betrieb der lutherischen Kirche in Görlitz und anderswo. Nicht weil er stören wollte, sondern weil seine Erkenntnis so universal ist, dass sie den Frieden in der Welt, mitten im Dreißigjährigen Krieg, hätte bringen können: „Gott ist kein Gott der Christen“, sagt Böhme sehr treffend, Gott gehört keiner Konfession, Religionskriege sind Gotteslästerung, könnte man fortfahren. Religionskriege haben bis heute ihre Ursache in der Bindung an Dogmen, die der Vernunft nicht zugänglich. Dogmenferne und Friedfertigkeit gehören also auch für Böhme zusammen!

Er, der sich auf die Erfahrungen des heiligen Geistes berief und diese wichtiger fand als die ewige Wiederholung und das ständige Nachsprechen von Bibelworten, Böhme also, hat die Menschen seiner Zeit bewegt, weil er keine trockene Bücherlehre verkündete, sondern aus dem Leben selbst stammende Erweise des Wirkens Gottes im Menschen. Diese starke Bindung an die Wirkkraft des Geistes – gegen den trockenen Buchstaben der Bibel – erinnert an Thomas Müntzer, den Böhme sicher nicht kennen konnte: Denn Luther und seine Nachfahren hatten auch für den geistigen Tod des Reformators Müntzer gesorgt.

Aber auch Böhme wurde verfolgt, geschmäht, diffamiert. Die Herren der Kirche machten ihm das Leben sehr schwer. Seine Texte duften in Deutschland nicht gedruckt werden, als Abschriften von Hand wurden sie weitergereicht. In Holland, dem liberalen Land, konnten Böhmes Texte gedruckt werden, nicht nur auf Deutsch oder Niederländisch, sondern auf Englisch. Eine feste „Böhme – Gemeinschaft“ oder gar “Böhme – Kirche“ hat sich langfristig nicht gebildet, auch wenn eine kleine Begleitbroschüre zur Ausstellung auf S. 6 betont: „Viele Anhänger Böhmes gingen wegen religiöser Verfolgung ins niederländische Exil“. Der bekannte Spezialist für westliche esoterische Philosophie, Prof. Wouter J. Hanegraaff, UNI Amsterdam, erwähnt immerhin kleine „Böhme-Gruppen“: wie die „Angelic Brethren“ von Johann Georg Gichtel (1638 – 1710) oder die „Philadelphian Society“ von John Pordage (1607-1681) oder Jane Leade (1623- 1704), die erste `philosophisch – esoterische` Frau, wie Hanegraaff erwähnt (in: „Western Esotericism“, Bloomsbury,2013, Seite 32). Die Ideen einer „christlichen Theosophie“ (so Hanegraaff) verbreiteten sich dann weiter übe Friedrich C. Oetinger, Louis – Claude de Saint Martin und Franz von Baader…

Ein eignes Thema ist die Frage, die Böhme nicht zur Ruhe kommen ließ: Wie kommen Leiden und Böses in die Welt? Böhme denkt in diese Richtung. Wenn Gott der Schöpfer von allem ist, dann müssen auch das Böse, das Leiden, ihren Grund in Gott selbst haben…

Im ganzen gesehen hatte Böhme keine „philosophischen“ Schüler, die – wie etwa im Falle Hegels – nach dem Tod sein Werk „fortsetzten“.   Das ist eine Mangel, zumal wenn man bedenkt, dass bis heute meines Wissens keine ins moderne Deutsch übertragene kritische Gesamtausgabe von Böhmes umfangreichen, verstreut vorliegenden Werken gibt. So müssen viele LeserInnen die veraltet – sprachlichen Zitate durcharbeiten, das ist auch angesichts der an Symbolen reichen komplexen Sprache des Görlitzer Mystikers nicht einfach. Immerhin gibt es eine „Internationale Jacob Böhme – Gesellschaft“ in Görlitz, Vorstandsmitglied ist Sibylle Rusterholz, die insgesamt über die barocke Mystik forscht. Wir sind gespannt auf die Veröffentlichungen dieser Böhme – Gesellschaft.

Es bleibt natürlich ein Problem: Böhme setzt die „Existenz“ Gottes in seinem Denken voraus. Er wird ja förmlich in seiner mystischen Erfahrung von einer Wirklichkeit überwältigt, die er dann Gott bzw. etwas befremdlich „finsteres Tal“ bzw. „UNGRUND“ nennt. Und die Spekulationen zum inneren Leben Gottes selbst sind sozusagen auf Anhieb nur mitvollziehbar für jene, die schon eine reflektierte Kenntnis der „göttlichen Wirklichkeit“ haben. Böhme selbst wollte ja über die Naturerfahrung zur inneren göttlichen Wirklichkeit „durchstoßen“.

Damit will ich sagen: Um die aktuelle Relevanz Jacob Böhmes auch für die modernen Skeptiker und Zweifler deutlich zu machen: Da müsste man wohl versuchen, einen tragenden Sinn-Grund in jedem geistigen Leben gedanklich aufweisen und diesen Sinngrund dann gedanklich mit jener Wirklichkeit verbinden, die klassisch „Gott“ genannt wurde und wird. Diese Aufgabe muss wohl geleistet werden, um wirklich die Feinheiten der Gotteserfahrungen (also der alles gründenden SINN – Erfahrung) verständlich zu machen.

Was mich bei meinen aktuellen Studien besonders freut, dass Böhme selbstverständlich den Menschen als freies Wesen definiert, weil er ja Ebenbild Gottes ist, des – sozusagen „absolut“ – freien Wesens. Wenn der Mensch frei ist, kann er selbst sich für das Gute entscheiden. Die zerstörerische Macht der alle Freiheit und alles Denken vernichtenden Erbsünde ist also für Böhme hinfällig. Nur wenige Jahrzehnte nach Luthers und Calvins Reformation ist Böhme also eine Stimme der Freiheit, eine Stimme der Ablehnung dieser grässlichen Erbsünden-Lehre. Böhme ist deswegen tatsächlich kein treuer Lutheraner, er ist sozusagen ein weiterer, ein radikaler Reformator der Freiheit. Und eines universalen Gottes IM Menschen.

Gleichzeitig, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, stand in den Niederlanden der Theologe Jacob Arminius auf, um die Freiheit zu retten in der dogmatischen Starre des Calvinismus. Daraus entstand dann die theologisch liberale und freisinnnige Remonstranten Kirche…Über diesen Zusammenhang Böhme – Arminus müsste auch weiter studiert werden.

Zum Schluss ein zentrales Zitat von Böhme: “Ich trage in meinem Wissen nicht erst Buchstaben zusammen aus vielen Büchern; sondern ich habe den Buchstaben in mir; liegt doch Himmel und Erden mit allem Wesen, dazu Gott selber, IM Menschen“ (in dem genannten Aufsatzband, S. 16).

Und ein hermeneutischer Hinweis zur angemessenen Lektüre: “Hermann Hesse schrieb über Böhme, die Lektüre seiner Texte erfordere `ein vorübergehendes Leerwerden`, eine völlig freie Aufmerksamkeit und Seelenstille`“.

Für religionsphilosophisch Interessierte ist es wichtig, den Aufsatzband „Grund und Ungrund – Der Kosmos des mystischen Philosophen Jacob Böhme“ zu lesen. Der 216 Seiten umfassende, schön gestaltete Band wurde von Claudia Brink und Lucinda Martin herausgegeben, im Sandstein Verlag 2017. Auf einzelne Aufsätze komme ich später noch einmal zurück.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 

 

 

 

Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach. ARTE zeigt einen Film von Roy Andersson.

Religionsphilosophische Hinweise zu Roy Anderssons neuestem Film

Von Christian Modehn

Der Film wird auf ARTE am Mittwoch, den 23. August 2017 um 20.15 gesendet.

Manchmal müssen religionsphilosophisch Interessierte auf ihrer Vermutung beharren und „Religiöses“, vielleicht Christliches, sicher aber allgemein Spirituelles auch in Filmen suchen, die in den Kritiken kaum mit diesem religiösen Hinblick gewürdigt werden.

Das bedeutet selbstverständlich nicht, aus Kunstwerken – und das sind oft Filme, selbstverständlich die von Roy Andersson – religiöse Kunstwerke zu „machen“ oder sie gar in einen christlichen Rahmen zu stellen. Es geht nur darum, dass, oft übersehen, tatsächlich religiöse Elemente im Kunstwerk Film anwesend sind, versteckt, indirekt, in Anspielungen.

Diese religiösen und sogar spezieller christlichen Strukturen sind auch in dem Film „ Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ sichtbar. Diesen Film „eine schwarzhumorige Komödie“ zu nennen, wie in der Werbung geschehen, ist eine schon fast freche Banalisierung des Films, auch das Klischee „Tragikomödie“ ist unzutreffend. Es ist ein ins Nachdenken führender Film über das existentielle Leiden des Menschen. Andersson ist ein philosophischer Filmemacher!

Es sind die apathischen Menschen, existentiell am Ende, die beim Zuschauer den Wunsch und die Hoffnung wecken, es sollte ihnen besser geht. Das gilt insbesondere für die beiden Protagonisten, die Scherzartikel verkaufen wollen, aber dabei keine Erfolg haben. Sie wollen den Menschen helfen, zu lachen und Spaß zu haben, aber das gelingt nicht. Sie sind ja selbst verzweifelt. Traurig die Leute, die immer anderen am Telefon zurufen: “Ich freue mich zu hören, dass es euch gut geht“. Ihnen selbst aber geht es schlecht. Christlich im ethischen Sinne ist auch die Hilfsbereitschaft, etwa in der Kneipe, wie einem uralten, aber fast tauben Stammgast von allen anderen Gästen umständlich geholfen wird. Man brüllt ihm nach „Gute Nacht“. Oder die Liebe der Mutter zu ihrem Baby. Oder die Großzügigkeit der Kneipenbesitzerin „Humpel Lotte“ in ihrem Lokal in Göteborg: Sie ist über die liebevolle Umarmung der Soldaten so sehr erfreut, dass sie alle mit einem Schnaps belohnt. Auch die Vorstellung von einem göttlichen Gericht nach dem Tod fehlt nicht: Jonathan, einer der Scherzartikel Verkäufer, freut sich beim Hören von Kirchenliedern gar nicht, seine Eltern dort im Himmel wieder zu sehen… Er erlebt später einen schrecklichen Traum: Wie Kolonialherren die schwarzen Einwohner Afrikas, Sklaven, aneinander ketten und dann in einer riesigen Trommel verbrennen. Eine Art KZ im 19. Jahrhundert. Jonathan stellt am Schluss die entscheidende Frage: „Ist es denn richtig, andere Menschen nur zum eigenen Vergnügen zu benutzen?“ Eine Frage, die treffend von Mitbewohnern als philosophische Frage bewertet wird… Aber für eine Debatte sei es am Abend doch zu spät. „Na dann gute Nacht“, sagt Jonathan.

Dieser Film ist eine wunderbar gelungene Sammlung von Tableaus, von Bildern, die man als Standbilder bezeichnen könnte. Walter Benjamin hat „Denkbilder“ verfasst. Der Film enthält auch Denk – Bilder, die ins Religiöse weisen. Zwei Zitate aus einem Interview mit Roy Andersson, das Susanne Burg von DeutschlandRadioKultur am 27.12.2015 führte, sind hier wichtig. Andersson bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Bibel, er sagt: „Ich liebe diese Figuren in dem Film, auch wenn ich nicht immer verstehe, was sie tun. In der Bibel, im Neuen Testament, gibt es ja diesen interessanten Satz: Gott, vergib ihnen, auch wenn sie nicht wissen, was sie tun. Und Jesus liebt solche Menschen, und er versucht seinem Vater zu sagen, dass er ihnen vergeben solle“.

Seinen ethischen Anspruch als Künstler beschreibt Andersson in dem Interview so: „Wir leben zurzeit wirklich auf der Welt in schweren Zeiten, Apathie ist eine Konsequenz. „Ich würde ganz gerne das Gegenteil von Apathie verstärken, nämlich Empathie. Ich möchte mit dem Film helfen, dass man wieder mehr Empathie empfindet. Das halte ich für sehr, sehr wichtig in der Kunst, und ich finde, man hat als Künstler Dienst an der Menschheit zu leisten und vielleicht etwas zu tun, dass die Welt weniger apathisch wird“.

Aus der Bibel-Kenntnis von Roy Andersson sollte man nicht den Schluss ziehen, er sei ein hundertprozentig frommer Lutheraner, als der er geboren wurde. Er sieht die Kirche als Organisation und die offiziellen dogmatischen Titel für Jesus Christus als viel zu eng. In „Village Voice“ (New York) schrieb Jessica Winter am 2. Juli 2002: „Born in Gothenburg (Göteborg) to a Lutheran family in 1943, Andersson never found much use for organized religion: “All the church ever told us was to obey, work hard, be loyal to the king, and don’t enjoy anything too much.” More than once in Songs, a character remarks that Christ “wasn’t the son of God—he was just a nice guy,” while an overstock of hideous plastic crucifixes provides a recurring sight gag. “Jesus represents love and generosity, but we use him as a materialistic symbol—the church is a business like any other,” Andersson maintains. “So I’m teasing a little.”

Der Film von Roy Andresson „Das jüngste Gewitter“ (2008) sollte auch auf ARTE oder im Ersten gezeigt werden. Auch dieser Film enthält viele religionsphilosophische und ethische Aspekte: Der Verfall der Menschlichkeit, die Gehässigkeit in den Beziehungen der Menschen untereinander, auch der oberflächliche Umgang mit dem Tod sind dort Themen, die angstvolle Bedrohung durch Bomber, die kein jüngstes Gericht, sondern (bloß?) ein “jüngstes Gewitter” ankündigen. Traurig die Szene, wie aus einer Kirche eine leidenschaftlich betende und bittende Frau vertrieben wird: Sie bittet als einzige lautstark Gott um Verzeihung für all die Sünden der kapitalistischen Gesellschaft, Gier, Geiz, Brutalität usw…Aber der Pfarrer will die berechtigte Klage nicht länger hören, er muss die Kirche schließen und, so wörtlich, “das Licht ausmachen”.

Roy Anderssons erster, schon damals preisgekrönter Film war „A swedish love story“ 1970. Einzigartig ist der Raum, in dem Andersson seine Filme schafft: In seinem „Studio 24“ im Zentrum von Stockholm wird alles gedreht, 200 Meter vom Königlichen Theater entfernt.

Eine Buchempfehlung: Culture, Health and Religion in the Millenium: Sweden Unparadised. Hg. von M. Demker, Y. Leffler und O. Sigurdson, Palgrave. 2014-

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Neues zur Erbsünde: Muss der christliche Glaube Angst machen?

Einige weiter führende Thesen von Christian Modehn am 20.7. 2017

Meinen zuerst veröffentlichten Beitrag, in der empfehlenswerten Zeitschrift Publik Forum, Heft 11/2017, lesen Sie hier mit einem weiteren Thesenpapier, das aus einer Diskussion hervor gegangen ist. Dass selbst Mitglieder des Augustinerordens heute wenigstens leise, aber deutliche Kritik an Augustins Erbsündenlehre äußern, lesen Sie bitte am Ende dieses Beitrags!

Die Diskussion über Sinn und Unsinn der christlichen Erbsünden-Lehre geht weiter, das zeigen die vielen Weiterlesen ⇘

Rechtsextreme Ideen werden vom Straßburger Erzbischof Luc Ravel propagiert

Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.7. 2017

Luc Ravel (geb. 1957) ist seit einigen Wochen der neue Erzbischof von Straßburg im Elsass. Dort gelten – im Unterschied zum übrigen Frankreich – die Bestimmungen des Konkordates aus napoleonischen Zeiten; dementsprechend hat noch Staatspräsident Hollande entscheidend zu Ravels Anstellung beigetragen.

Ravel war zuvor Militärbischof. Er ist seit der Zeit als äußerst konservativer Theologe bekannt. Nun hat er vor einigen Tagen in der Tageszeitung „Dernières Nouvelles d Alsace“ erklärt: Frankreichs Bevölkerung (d.h. die weiße und irgendwie noch christliche) werde wohl bald von der kinderreichen muslimischen Bevölkerung ERSETZT. Das Wort „remplacement“ ist dabei entscheidend: Es finde also ein Austausch, ein „Ersetztwerden“, der Bevölkerung durch eine andere, ja man muss wohl sagen, Rasse, statt. Die diffusen Ängste von Michel Houellebecq (Roman „Unterwerfung“) und die Ideologie rechtsextremer Parteien hat sich also der Erzbischof zu eigen gemacht.

Zum Hintergrund:

„Frankreich verschwindet bald, weil die muslimischen Familien immer mehr Kinder bekommen“: Der rechtsextreme Ideologe Renaud Camus verbreitet diese Behauptung ziemlich erfolgreich. Bei der rechtsextremen Partei Front National finden seine Ideen Zustimmung sowie bei anderen entsprechenden Bewegungen, wie den „Identitären“. Aber selbst Nicolas Sarkozy hat sich am 5. August 2016 der populären Behauptung angeschlossen, als er sagte: „l’axe du monde étant clairement passé vers l’Afrique et l’Asie …Il nous faut réagir, ou on disparaîtra“. D.h.: Die Achse der Demographie dreht sich klar Richtung Afrika und Asien, wir Franzosen müssen reagieren oder wir werden verschwinden“. Mit dem „Wir“ sind die gebürtigen Franzosen gemeint, jene weißen Herrschaften, die allerdings oft vergessen, selbst ungarische (wie Sarkozy), italienische, spanische, polnische, russische, deutsche Großeltern zu haben. „Reinrassige Vollblut Franzosen, Gallier? “ gibt es “leider” nicht! Nun aber haben diese weißen (katholischen) Herrschaften Angst zu verschwinden. Warum? Weil die muslimischen Familien, also die Leute aus Nordafrika oder aus den südlicheren afrikanischen Staaten, so kinderreich sind in Frankreich.

Es geht also ganz klar um einen Kampf der Rassen: Hier die ansässigen guten Franzosen (obwohl sie auch alle Mischlinge sind aufgrund der Einwanderungen seit 1800) und dort, auf der anderen Seite, die bedrohlichen Typen, die „wie wild“ Kinder zeugen und dadurch faktisch Frankreich erobern. Diese rassistische Idee wird in Frankreich viel diskutiert, auch in literarischen Kreisen. Sie wurde einerseits empirisch widerlegt und auf der anderen Seite klar gestellt: Dass in Frankreich immer schon „Mischungen“ von Menschen unterschiedlicher Herkunft besteht und dass es doch falsch sei zu behaupten, alle Muslime in Frankreich wollten sozusagen die Macht übernehmen und die Republik abschaffen.

Erzbischof Ravel jedenfalls übernimmt jetzt öffentlich (!) die rechtsextreme Ideologie und lobt sich deswegen selbst als mutigen Franzosen, „weil ich Frankreich liebe“. Er liebt aber nur das katholische, das alte Frankreich, nicht das offene, das dialogbereite republikanische Frankreich.

Das hat Erzbischof Luc Ravel schon beweisen, als er noch Bischof des Militär-Bistums war, auch dies gibt es in Frankreich, es sei all denen gesagt, die ewig und ungebildet von der totalen Trennung von Kirchen und Staat in Frankreich plaudern und diese laicité dann als Deutsche bedauern…

Also, Bischof Ravel hat als Militärbischof nach den Terroranschlägen in Paris behauptet: Man solle die 17 Opfer dieser Terroranschläge mit den 200.000 Opfern vergleichen, die durch die Abtreibung in Frankreich nicht geboren werden. Diese Abtreibungs – „Morde“ seien wohl schlimmer als die 17 Opfer der Terroranschläge. Die Behörden des Verteidigungsministeriums haben gegen diese Aussagen protestiert.

Trotzdem wurde dieser absolute pro-life-Fan noch auf den Posten des Erzbischofs von Straßburg gesetzt, weil seine Tätigkeit als Militärbischof nicht verlängert wurde. Das ist die vatikanische Personalpolitik: Irgendwo muss man einen Kleriker, einen Bischof, eben unterbringen. So viele geeignete Kleriker fürs Bischofsamt gibt es ja ohnehin nicht mehr. Und zu allem Unglück war Ravel auch noch Mitglied der Glaubenskommission der französischen Bischofskonferenz. Die Politiker im Elsass haben den neuen Bischof voller Überschwang willkommen geheißen, selbst der sozialistische Bürgermeister war wohl begeistert.

Für den neuen Erzbischof von Strassburg, der Stadt Europas und der Menschenrechte, ist jedenfalls der französische Laizismus, wie er sagt, also die Trennung der Kirchen vom Staat. genauso gefährlich wie der Islamismus. das betont er deutlich mit Unschuldsmiene des Naiven, der er nicht ist. Und er ist felsenfest als Fundamentalist überzeugt: Dass “Jesus Christus der Meister des Kosmos und der Geschichte ist”, das heißt: Jesus Christus soll alles bestimmend sein in der Gesellschaft und im Staat. Was ist da der Unterschied zum alles bestimmenden Koran?

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

Ohne Erbsünde glauben!

Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte.

Meine Perspektive orientiert sich auch an der Philosophie Immanuel Kants in dem Zusammenhang. Der französische Philosoph André Comte-Sponville fasste diese Position, die ich teile, in dem knappen Satz zusammen: “Nach Kant ist die Eigenliebe die Quelle alles Bösen” (in: Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, Rowohlt Verlag, 2001, S. 62). Indem das Böse in dieser Welt als Objektivierung von Eigenliebe(n) verstanden wird im Laufe der Geschichte, bleibt das Böse eben auch korrigierbar und letztlich auch einschränkbar und überwindbar! Eben indem man die einseitige Eigenliebe erkennt und mutig schrittweise überwindet. Und diese praktische Überwindung deuten Christen als Gnade, als Gabe des heiligen Geistes. Christen brauchen überhaupt nicht die Lehre von der furchtbaren unüberwindbaren (!) Erbsünde aus den Zeiten des Augustinus. Diese Lehre, auch als Dogma, ist mitgeschleppte Ideologie einer  Angst machenden Theologie.

Die Menschen mit ihren Fehlern sollten also nur an ihrem eigenen Egoismus arbeiten. Das wäre ein hübsches gemeinschaftliches Kirchenprojekt: Anstelle der Gottesdienste sonntags etwa psychologische Hilfen bieten zur Einübung in ein Leben jenseits des Egoismus! Das wäre vielleicht so etwas wie erlebte “Erlösung”, von der die orthoxoxen, dogmatischen Kirchen ständig plaudern und eine Messe nach der anderen feiern.

Diese neue Praxis aber ist schwerer zu realisieren als über die Last der Erbsünde zu jammern und tausend Bücher über die Mythen im Buch Genesis hin und her zu wälzen, wie es Eugen Drewermann tut und der dabei nur die veraltete Theologie/Ideologie in psychologischen Formulierungen wiederholt.

Für alle, die Kant in dem Punkt mißverstehen, weil sie mal schnell irgendwas vom “Hang zum Bösen” bei Kant aufgeschnappt haben: Der Hang zum Guten gehört für Kant NOTWENDIG zur Möglichkeit des menschlichen Wesens! Während der “Hang zum Bösen” nicht wesentlich ist für den Menschen. Das sollte man auch bei allen Leserbriefen beachten.

………..

Warum sich das Christentum von dieser verhängnisvollen Lehre befreien sollte. Von Christian Modehn. (Inzwischen fanden auch Gespräche und Dispute zum Thema “Abschied von der Erbsünde” statt: Dazu weitere Informationen.

Der Beitrag vom 11.7. 2017:

Ein Hinweis vorweg: Dieser Beitrag ist das, leider vom Zeitschriftenformat her bedingte viel zu kurze Plädoyer, an einem “Punkt”  theologisch “aufzuräumen”! Mit der Bereitschaft Weiterlesen ⇘

Kardinal Meisner gestorben: Ein Kirchenfürst ist tot!

Einige wenige Hinweise von Christian Modehn am 5. Juli 2017

Zum Tod eines Kirchenfürsten passt sehr gut ein lateinisches Zitat: „De mortuis nil nisi bene“ (Über Verstorbene darf nur gut gesprochen werden).

Aber bei diesem verstorbenen Kardinal Joachim Meisner kann dieser Grundsatz nicht gelten, wenn denn auch nur im Ansatz historische Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit eine Geltung haben sollen in einer demokratischen Öffentlichkeit.

Meisner war – milde gesagt – ein Kirchenfürst, der Weiterlesen ⇘

„Ohne Erbsünde glauben“. 10 Fragen und Antworten anlässlich einer theologischen Diskussion

Von Christian Modehn,  am 8. Juni 2017

1.Frage

Die Lehre von der Erbsünde ist, etwa in der katholischen Kirche, ein Dogma, also eine definierte Glaubenslehre. Kann man sich denn heute von einem Dogma mit dieser umfassenden Lehre befreien?

Ja, kann man und sollte man. Das kann nicht nur der einzelne, aufgeklärt denkende Glaubende, indem er dieses Dogma in dieser Form eben für sich beiseite lässt. Und das tun sehr viele. Die Befreiung von diesem Dogma kann aber prinzipiell auch das katholische Lehramt heute vollziehen. Wenn es denn so viel Vernunft walten lässt und erkennt: Dieses Dogma zur Erbsünde ist nicht Weiterlesen ⇘