Denken und Glauben



Braucht der Glaube Wunder? Zu den Marien – Erscheinungen in Fatima.

26. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher, Termine

Ein Hinweis zum Jubiläum der Marien – Erscheinungen in Fatima und und zum Kult um die „Gottesmutter“.

Von Christian Modehn

Das erste Motto:
„Löschen Sie das Licht, ich will etwas sehen“. (Dies ist erste Satz aus dem empfehlenswerten Fatima – Roman von Jürgen Alberts).

Das zweite Motto:

„Wenn der Katholizismus die gleiche Energie für die Geltung der Vernunft in der Religion eingesetzt hätte wie für den dummen Wunderwahn und die Marien-Erscheinungen, hätten sehr viele Menschen heute eine Sinnerfahrung, die orientiert“. (Dies ist ein Satz aus den unveröffentlichten Aphorismen von C.M.)

Warum hat unser religionsphilosophischer Salon Interesse für Fatima in Portugal, für den Ort, wo Maria selbst erschien: Zum ersten Mal am 13. Mai 1917, also vor 100 Jahren genau, und dann an jedem weiteren 13. bis einschließlich zum 13. Oktober 1917. Maria zeigte sich den Hirtenkindern Lucia, 10 Jahre alt; Francisco, 9, Jahre alt und Jacinta, 7 Jahre. Und sprach zu ihnen! Maria, die „Muttergottes“ erschien selbst wie eine Statue, manchmal begleitet von Engeln, dem heiligen Joseph und sogar Jesus. Eine heilige Schar ist aus dem Himmel herabgeschwebt und ist den Kindern erschienen, förmlich eine Idylle, beinahe etwas für Hollywood. Einzig und allein die Kinder haben diese himmlischen Gestalten, vor allem die Jungfrau Maria, gesehen und gehört. Die Besuche aus dem Himmel wurden schließlich aber doch allgemein geglaubt. Am 13. Oktober 1917 versammelten sich ca. 70.000 Portugiesen auf der Erscheinungswiese. Sie sahen überhaupt nicht die Mutter Gottes! Nur die Kinder berichteten wieder, Maria zu sehen. Alle anderen sahen, so sagen sie, nur ein so genanntes Sonnen-Wunder: Die Sonne in allen denkbaren Farben begann zu kreisen und wie auf die Erde zuzustürzen.

Seit der Zeit ist Fatima ein beliebter Wallfahrtsort: Aber erst 1930 entschied der Bischof, die Geschichten der Kinder seien glaubwürdig. Es gab also einmal eine skeptische Phase in der Hierarchie. Aber sie konnte sich nicht durchsetzen gegenüber dem dringenden Wunder – Bedürfnis der Gläubigen. So vielen inbrünstigen Wunder – Glauben darf doch kein Bischof enttäuschen oder gar zur Vernunft auffordern.

Nun werden die drei Kinder von Papst Franziskus am 13. Mai 2017 in Fatima heilig gesprochen. Weltweit können sich also alle Katholiken um himmlische Fürsprache an die drei Hirtenkinder wenden. Vielleicht beten sie um die Gabe des kritischen Verstandes? Eher wohl nicht. Fatima boomt und auch der Wunderglaube ist kaum zu bremsen. Da wäre Beten um Vernunft und Skepsis purer Wahnsinn. Allerdings: Kein Katholik muss an Fatima glauben. Man darf durchaus von Halluzinationen der Kinder ausgehen. Und von Lügen beim Sonnenwunder. Aber das wird nie gesagt von Kirchenführern. Mehr als vier Millionen Besucher kommen jährlich nach Fatima. Was wäre der Norden von Lissabon ohne diese Boom-Town Fatima mit der riesigsten aller riesigen Basiliken und dem, schon wieder, riesigen Aufmarschplatz der Pilger usw…

Mysteriös und geheimnisvoll und undurchsichtig sind die Worte Marias an die Kinder, die gern als „Geheimnisse von Fatima“ propagiert werden: Dort geht es um drohende Schlachten zwischen Gläubigen und Ungläubigen, es geht um die Verehrung des Unbefleckten Herzens Marias, ein bekanntlich ganz dringendes Thema! Es geht um die Abwehr des großen Feindes, des Kommunismus, der ja bekanntlich in Russland 1917 startete. Der gesamte antikommunistische Wahn der Katholischen Kirche, die jeden Unangepassten (Theologen) als Kommunisten kaltstellen konnte, hat in Fatima sozusagen sein Hauptquartier. Indem die Kirche, vor allem die Päpste, den Kommunismus viel schlimmer fanden als den Faschismus und den Rassenwahn eines Hitlers, hat sie es zumindest indirekt zugelassen, dass Millionen Juden im 2. Weltkrieg vergast wurden. Auch an diese Zusammenhänge muss man denken, wenn man die mysteriösen und esoterischen Geheimnisse von Fatima bedenkt…

Der Kult um die Erscheinungen der Jungfrau an mehreren Monaten des Jahres 1917, immer pünktlich am Dreizehnten, scheint letztlich von damaligen Kirchenführern und Politikern gemacht und bewusst forciert worden zu sein. In den Wirren der ersten Jahre der laizistischen portugiesischen Republik hatte die Kirche einen schlechten Stand; sie brauchte Rückhalt im Volk; was ist dann nahe liegender, als ein Wunder herbeizureden, einen Marienkult zu inszenieren, um der Öffentlichkeit zu zeigen: Seht da, so fromm ist das portugiesische Volk. In Erstaunen versetzt nicht nur die Tatsache, dass Maria drei zehnjährigen Kindern ihre Botschaft übermittelte, und zwar ihnen ausschließlich; die Kinder konnten weder lesen noch schreiben. Problematischer ist, dass die heilige Jungfrau zur Bekehrung Russlands aufrief, und zwar zu einem Zeitpunkt, als die kommunistische Oktober-Revolution noch nicht stattgefunden hatte. Der Eindruck, dass die Wunder und der Wunderort auf die Schnelle inszeniert wurden, verstärkt sich, wenn man sich mit dem Sonnenwunder befasst, das sich am 13. Oktober 1917 ereignete: Solche bemerkenswerten Sonnenkonstellationen, in denen das Planetensystem zu glühen scheint, ereignen sich immer wieder, betonen die Wissenschaftler. Optische Täuschung ist wahrscheinlicher als ein Veränderung der Naturgesetze. Der in Bremen lebende Schriftsteller Jürgen Alberts hat einen sehr lesenswerten Schelmen-Roman über den Wallfahrtsort mit dem Titel „Fatima“ geschrieben; erschienen ist das Buch im Rowohlt Verlag: Wenn die Menschen ein Wunder erwarten, sehen sie sogar die Sonne tanzen, heißt eine seiner Thesen.

Natürlich kann jeder und jede privat glauben, was er oder sie will. Solange dabei kein anderer Mensch in seiner Freiheit und in seinem Lebensrecht eingeschränkt wird und die Gesellschaft bzw. der Staat nicht in Unfrieden gerät. Papst Johannes Paul II.glaubte jedenfalls persönlich, dass Maria aus dem Himmel herab nach Fatima stieg und dort den Wunderort gründen wollte: Er verehrte die Madonna von Fatima so sehr, dass er seine Rettung aus der Mordattacke durch Ali Agca (ausgerechnet am 13. Mai, also am Fatima-Tag, 1981) der Fatima-Madonna zuschrieb. Es ist dem Geschmack eines jeden überlassen zu beurteilen, wenn später Papst Johannes Paul II. die Kugel, die Ali Agca auf ihn feuerte, in die Krone der Marien-Königin-Statue aus Fatima einarbeiten ließ…So verehren die Frommen also Maria mit der beinahe tödlichen Kugel…

Dennoch hat die Religionsphilosophie die Aufgabe, religiöse Phänomene philosophisch zu befragen und zu kritisieren. Denn die Überzeugung ist dabei leitend: Religionen können sich aus eigener Kraft, mit den Mitteln eigener religiöser Lehren, kaum selbst kritisieren und von Irrwegen befreien. Bei Martin Luther führte die innertheologische Kritik zum Bruch in der Kirche. Viele problematische Traditionen hat Luther aber weiter geführt, weil er der allgemeinen philosophischen Vernunft Kritik und dem Humanismus gegenüber total ablehnend sich verhielt. Deswegen konnte er sich auch nicht vom Antisemitismus befreien oder von der Erbsünden und Höllen-Lehre usw. Ketzer wurden in protestantischen Regionen genauso verfolgt wie in der römischen Kirche. Also: Theologische Kritik ist befangen und zu schwach, um wirklich eine menschenfreundliche und vernünftige Religion zu befördern…Solches kann nur die freie und übergreifende philosophische Vernunft! Das ist wahrscheinlich das Hauptproblem aller Theologie: Sie ist zu „intern“-gebunden argumentierend, ihr fehlt der Abstand, das umfassend – kritische Raufschauen auf ihr Thema, eben den Glauben. Das gilt zumal, wenn in der katholischen Kirche die Kirchenführer bestimmen, wer Theologe sein kann und wer was lehrt. Das gilt auch für islamische Religionen. Hilfreich und weiterführend kann auch in der Analyse der religiösen Wunderphänomene die sich kritisch reflektierende allgemeine Vernunft sein. Darum muss immer wieder auf den Sammelband „Wunder“ aus dem Suhrkamp-Verag (2011) verwiesen werden!

Es muss natürlich damit gerechnet werden, dass viele Menschen den esoterischen Glauben an heilige Orte, an angeblich heilige Wässerchen, Quellen, Haine, Erscheinungen himmlischer Wesen usw. einfach nett und unterhaltsam finden und damit auch Gesprächsstoff entdecken. Sie wollen die Welt verzaubert erleben, etwas märchenhaft, von wunderbaren Kräften da und dort bestimmt, und so kommen sie aus dem Staunen nicht raus, was es doch so alles Sonderbare gibt in dieser Welt.

Für philosophisch-religiöse Menschen gibt es nach meinem Eindruck eine einzige erstaunliche Frage: Warum ist überhaupt etwas, und nicht vielmehr nichts? Wo ist also der Sinn meines Lebens, des Lebens? Diese Frage berührt tatsächlich das einzig Wunderbare, das Leben, das religiöse Menschen als wunderbare Gabe eines geheimnisvollen Gottes deuten…Mehr Wunderbares brauchen wir nicht. Natürlich gibt es gute Zufälle, aber sind sie immer Wunder?

Dies ist das Problem:

Ist das Erscheinen der „Gottesmutter“, wie die Katholiken Maria, die Mutter Jesu von Nazareth nennen, also, etwas weltlich salopp gesagt, das Erscheinen der weiblichen Gestalt (Gottes-„Mutter“) des Göttlichen, sozusagen als dessen Vertreterin? Warum erscheint dann eigentlich nicht Gott als Gott? Da würde selbst das frommste Gemüt zögern… Warum werden bei wunderbaren Heilungen immer nur psychisch bedingte Leiden geheilt, warum wird kein Bein, das eine Bombe wegriss, wieder mit einem neuen Bein ausgestattet?

Vor allem: Wer will, dass solche Marien – Erscheinungen gelten? Wer propagiert diese Wunder – Erscheinungen und warum werden diese propagiert? Wer hat Angst vor dem einfachen, „armen“ existentiellen Glaubens des Geborgenseins und Gegründetseins in einer göttliche, ewige Wirklichkeit? Wer will wirklich den Jubel und Trubel in all den wunderbaren Kommerz-Marienorten? Haben diese Menschen das Gefühl, dass Maria sozusagen die bessere, mehr Nähe gewährende „Göttin“ ist als der Ewige und Unsichtbare? Ist die starke Propaganda, etwa bei Papst Franziskus und vor allem in aufgeklärten muslimischen Kreisen, für die These: „Gott ist der Barmherzige“ nichts anderes als die Propaganda für das mütterliche (Marien) – Gesicht des eigentlich strengen Richter-Gottes? Aber das ist schon ein anderes Thema.

Tatsache ist in diesem Jahr 2017:

Eine so genannte Jubiläums – Madonna, aus Gips offenbar, macht ihre Rundreise. Kürzlich hielt sie sich in Berlin auf: Am 1. April 2017 wurde sie sogar durch Berlin – Spandau im Rahmen einer Lichterprozession getragen: Der Berliner Erzbischof Koch, ein Dr. der Theologie, war dabei.

In den Vatikan wurde jedenfalls die so genannte Original Statue des Bildhauers José Ferreira Thedim aus dem Jahr 1920 transportiert, zuerst zum EX-Papst, danach zu Papst Franziskus. Der Künstler hatte diese Statue nach Anweisungen des „Hirtenkindes“ Lucia dos Santos (1907-2005) geschaffen. „ Der Transport der Statue von Fatima nach Rom erfolgte mit einer Sondermaschine der portugiesischen Fluglinie TAP“, berichtet die katholische Presseagentur Wien.

Interessant ist, nebenbei, dass in Berlin einen Tag vor der Fatima-Prozession durch Berlins Straßen, der katholische Theologe Bischof Dr. Koch einen ökumenischen Versöhnungsgottesdienst und Bußgottesdienst mit dem protestantischen Bischof Dr. Markus Dröge, Berlin, gefeiert hat. Haben sich die beiden Bischöfe auch zum nach wie vor lebendigen und blühenden Wunderkult und vor allem zu den Marien –Erscheinungen versöhnt? Passt also ins Reformationsgedenken und der sonst so oft beschworenen neuen theologischen Eintracht zwischen Lutheranern und Katholiken also auch der Fatima – Glaube? Offenbar. Jedenfalls macht die katholische Kirche mit ihrer alten Wunder –Traditionen ungeniert weiter und feiert gleichzeitig Versöhnungs – und Bußgottesdienste mit Protestanten. Sollte die katholische Kirche nicht büßen für den Wunder – Wahn, der so viel Aberglauben erzeugt? Nein, die katholische Kirche tut das nicht.

Der Katholizismus verhält sich ist in diesem Reformationsgedenken doppeldeutig: Nach außen hin :ökumenisch und lernbereit (auch von Luther); im inneren, dem katholischen System, macht man pastoral und spirituell und damit auch theologisch abergläubig weiter wie immer. Auf diese Weise wird im Katholizismus Glauben ins total Irrational – Willkürliche geschoben. Und kein katholischer Theologe ruft laut: Hört auf mit dem Wunder Glauben, dem Fatima Kult, dem Wallfahrtskommerz usw. Dies würde sowieso kein Bischof befehlen, weil der ökonomische Gewinn durch Wallfahrtsorte absolut entscheidend ist. Das Dorf Fatima boomt genauso wegen der Wundergläubigen wie das Dörfchen San Giovanni Rotendo, in das sich der Scharlatan, der angeblich stigmatisierte Pater Pio zurückzog und dort Pilgermassen anzog. Wallfahrtsorte sind Boomtowns. Man untersuche einmal den Zusammenhang vom bewusst zugelassenen ökonomischen Boom der Wallfahrtsorte und der Kritik Luthers an den Geldern, die wegen des Ablasses nach Rom flossen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.

PS.: Es wäre noch eine eigene Untersuchung wert, den Namen des Dorfes und der Stadt FATIMA in Portugal in den islamischen Kontext zu stellen. Es ist nämlich der Tradition nach ein Ort, der nach einem muslimischen Mädchen Fatima benannt ist, die sich aber taufen ließ! Ich kann hier nur auf den wikipedia Artikel zu Fatima fürs weitere Studium auch zum Zusammenhang mit muslimischen Traditionen verweisen: „Den arabischen Namen „Fatima“ soll der Ort einer Legende zufolge von Fatima, der schönen Tochter eines maurischen Fürsten – ihrerseits benannt nach der Tochter des Propheten Mohammed – erhalten haben. Im Jahr 1158 soll sie, nachdem sie von christlichen Eroberern entführt und an den Grafen von Ourém verkauft worden war, sich aus Liebe zu diesem taufen lassen und mit ihm vermählt haben. In dem Ort, den ihre gräflichen Nachkommen nach ihr benannt haben, soll sie ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Jene Fatima ist nur eines von mehreren Beispielen einer Moura encantanda der portugiesischen Folklore, die Geschichte taucht in ähnlichen Versionen in verschiedenen Orten Portugals auf“. (Gelesen am 26.4.2017).



Katholiken in Frankreich wählen wieder überwiegend rechts(extrem). Umfrage-Ergebnisse.

25. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich

Katholiken in Frankreich wählen wieder überwiegend rechts(extrem)

Ergebnisse nach dem 1. Wahlgang am 23. 4. 2017

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 25. 4. 2017

Wenn man alle Stimmen von Katholiken für die Präsidentschaftskandidaten Fillon, Le Pen und Dupont-Aignan beim 1. Wahlgang addiert, kommt man leicht auf 54 Prozent. Die drei genannten Kandidaten vertreten entschieden rechte bzw. rechtsextreme Positionen. Das haben Umfragen des Instituts Harris für die Tageszeitung La Croix ergeben.

Wenn man die katholischen Wähler noch einmal unterteilt in „regelmäßig praktizierende Katholiken“ (das sind solche für die französischen Befragungen, die wenigstens einmal im Monat (!) an der Messe teilnehmen; das nennt man üblicherweise dort religiöse Praxis, aber das am Rande) und „gelegentlich praktizierende“ und „nicht – praktizierende“ Katholiken, dann zeigt sich dieses Ergebnis für die Wahl der rechten bzw. rechtsextremen Kandidaten:

Von den regelmäßig praktizierenden Katholiken haben 67 % rechts bzw. rechtsextrem gewählt.

Von den gelegentlich praktizierendenKatholiken 55 %

und von den nicht-praktizierenden Katholiken 42 %.

Das heißt: Je enger die Kirchenbindung, um so enger die Bindung an rechte und rechtsextreme Politiker.

Dabei muss wissen: Fillon vertritt zwar Europa-freundliche Positionen, er ist deswegen auch der CDU-CSU nahe; seine Ausländer/Flüchtlingspolitik und seine Innenpolitik (Beispiel: Zurücknahme des Gesetzes zur so genannten Homoehe) sind praktisch mit den Positionen von Le Pen identisch. Die Politiker, die heute von der Partei „Les Républicains, also von Fillons Partei, an der Cote d Azur herrschen, vertreten weithin identische Positionen wie der Front National.

Was aber am meisten erstaunt: Fillon wird bekanntermaßen nach wie vor heftiger Betrug und Fälschung vorgeworfen. Aber dies macht den praktizierenden Katholiken nichts aus. Sie wählen ihn trotzdem mit großer Mehrheit, mit einem Anteil von 46 Prozent (landesweit hatte Fillon 19 %!), selbst 25 % der nicht – praktizierenden Katholiken haben Fillon gewählt.

Das heißt: Einem relativ bedeutenden Teil der Katholiken waren die Betrugsaffären von Fillon egal. Sie wählten einen Mann, der sich als praktizierender Katholik nach außen hin darstellte und eben für die klassische kirchliche Moral eintrat.

Hingegen haben nur 19 % der praktizierenden Katholiken Macron gewählt, im ganzen Land erzielt er 23 %!

Wenn alle „Gruppen“ von Katholiken zusammensieht, ergibt sich dieses Bild:

Katholiken insges. haben für Macron gestimmt: 22 %

Für Marine Le Pen 22 %

Für Fillon 28 %

Für Melenchon 14 %

Für Hamon 4 %

Für Dupont-Aignan 6 %

Das heißt: Ca. 18 Prozent aller verschiedenen Gruppen unter den Katholiken haben links gewählt.

Immerhin haben 30 % der Protestanten Macron gewählt. Unter allen religiös gebundenen Franzosen haben die Protestanten am deutlichsten für Macron gestimmt.

Für Le Pen haben 20 % der Protestanten gestimmt.

Für Fillon 20 %

Für Melechon 16 %

Für Hamon 4 %

Für Dupont Aignan 7 %

Zusammenfassend: 47 % der französischen Protestanten haben rechts bzw. rechtsextrem gewählt.

Wie haben die muslimischen Franzosen gewählt?

Für Macron: 24 %

Für Le Pen: 5 % (komisch, Muslime, die Le Pen wählen…es gibt auch Juden, die FN wählen)

Für Fillon:     10 %

Für Melechon: 37 %

Für Hamon:   16 %

Für Dupont Aignan: 3 % (auch das gibt es)

Muslime haben wieder, wie bei früheren Wahlen, über 50% links gewählt, dazu noch einmal 24 % für Macron!

Siehe auch:  http://www.pelerin.com/A-la-une/Sondage-exclusif-Vote-et-religions

COPYRIGHT: Christian Modehn am 25.4. 2017, 12.15 Uhr.



Die rechtsradikale Partei Front National und Marine Le Pen sprechen von „christlichen Wurzeln Europas“: Hinweise auf gefährliche Propaganda.

12. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Wenn Rechtsradikale ihre christlichen Wurzeln pflegen

Vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich

Von Christian Modehn       Mskr. abgeschlossen am 29.3. 2017. Der Beitrag erschien in leicht veränderter Form in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM (Oberursel). Ausführlicher werden die ideologischen Wurzeln von Le Pen in einem anderen aktuellen Beitrag vom 13. 4. 2017 dargestellt, klicken Sie hier.

Der Wahl-Kampf in Frankreich wird gern als Wahl-Krampf bezeichnet angesichts der Korruptionsfälle so genannter Spitzenpolitiker. Auch gegen Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin der Rechtsextremen, wird entsprechend ermittelt. Selbst ihre Bindung an den Freund und Gönner Vladimir Putin verzeihen die Fans noch gern. So liegt Le Pen in Umfragen unter allen Kandidaten mit 26 % ganz vorne für den ersten Wahlgang am 23. April. Noch erstaunlicher ist: So viele Katholiken wie nie zuvor, 26 %, wollen Le Pens „Front National“ (FN) wählen, andere Umfragen nennen sogar 29 %. Schon bei den Regionalwahlen 2015 hatten 25 % der „praktizierenden Katholiken“ FN gewählt. Diese hohe Zustimmung unter Katholiken für den FN ist erstaunlich: Die bisher übliche Bindung an die bürgerliche Rechte bröckelt bei ihnen, zumal ihr Kandidat Francois Fillon (Les Républicains) von zahlreichen Finanz-Affären sehr belastet ist; er redete seinen katholischen Wählern ein, wie ethisch und christlich er doch sei… „Die Verbindung mit dem Katholizismus verhindert nicht mehr wie einst die Option für den FN“, betont der Politologe Claude Dargent.

Politologen nennen den FN nach wie vor rechtsextrem, selbst wenn sich Marine, seit 2011 Parteichefin, manchmal moderater äußert als ihr Vater Jean-Marie Le Pen. Er fiel als Gründer des FN (1972) durch antisemitische Hetze auf, mehrfach wurde er deswegen verurteilt. Marine Le Pen will einen „normalen“ FN präsentieren. Sie selbst nennt sich sogar „pro-zionistisch“: Gleichzeitig warnt sie aber vor jüdischen Finanzexperten! Absolut nationalistisch ist ihre „abschreckende und Frankreich total abschottende Ausländer- und Flüchtlingspolitik“.

Unter Katholiken hat Marine Le Pen Zustimmung gefunden, weil sie ständig die „christlichen Wurzeln Frankreichs“ beschwört: Deswegen will sie die Kirchen nicht attackieren, auch wenn „der Klerus nur in die Sakristei gehört“. Marine Le Pen (geb. 1969) nennt sich zwar katholisch, bekennt aber, den Glauben nur sehr selten zu praktizieren. Sie lobt die selbst von Bischöfen hoch geschätzte laicité, die Trennung der Religion vom Staat, betont dann aber: Die Muslime könnten diese laicité wegen ihrer Bindung an den alles bestimmenden Koran überhaupt nicht anerkennen. Deswegen passe „der“ Islam nicht nach Frankreich. Dabei wird die laicité von le Pen missdeutet: Die Trennung von Religion und Staat bietet gerade allen Religionen die Möglichkeit, sich zu entwickeln und friedlich miteinander zu leben.

Le Pen ist nicht offen rassistisch, sie verbreitet aber eine strafrechtlich nicht so gefährliche Anti-Islam-Ideologie. Ihr Ziel: Moderate Muslime dürfen nur noch privat oder in schlichten Moscheen beten, der Islam soll aus der Öffentlichkeit verschwinden. Er ist in Krisenzeiten „der Feind“, der „eine Okkupation im Land vorbereitet“.

Katholiken stimmen für den FN, weil sie ihre alte Liebe zur Nation wieder pflegen und die angeblich guten alten Zeiten erträumen können, in denen es noch keine gesetzlich erlaubte Homo-Ehe und Abtreibung gab. Ausschlaggebend ist die Angst vor dem (islamistischen) Terror und die Sehnsucht nach mehr Kontrolle und Sicherheit.

Der „Normalität“ des FN folgen auch progressive katholische Kreise, wenn etwa die katholische Wochenzeitung „LA VIE“ (Auflage 99.000) Anfang März auf ihrem Titelblatt Marine Le Pen riesig präsentiert. Das Interview mir ihr umfasst vier Seiten. Die Macht der ausführlichen Behauptungen liegt eindeutig bei der FN Führerin! Die Sympathien der Katholiken fürs Rechtsextreme werden vor allem von Marion Marechal-Le Pen verstärkt, der Nichte von Marine. Die erst 27 Jährige ist FN-Abgeordnete in der Nationalversammlung. Im konservativen katholischen Milieu groß geworden, besuchte Marion ein Mädchen-Gymnasium der mit Rom versöhnten traditionalistischen „Dominikanerinnen vom Heiligen Geist“. An den ebenfalls von reaktionären Katholiken organisierten Wallfahrten nach Chartres nimmt sie gern teil. Sie war die treibende Kraft, als sich eine breite katholische Massenbewegung 2013 mit dem FN in den Demonstrationen gegen die „Homoehe“ verbündete.

Dem FN nicht abgeneigt ist neben anderen Bischöfen Dominique Rey vom Bistum Fréjus-Toulon: Im August 2015 hatte er Marion Maréchal-Le Pen zu einer Akademieveranstaltung nach Sainte-Baume eingeladen. Dort konnte sie ungehindert ihre Ideologie kurz vor den Regionalwahlen verbreiten: Für den FN stimmten dann in der Provence und Umgebung 45 % aller Wähler. „Bischof Rey hat auch zur Banalisierung des FN beigetragen“, schreibt treffend der Theologe Christian Terras. Gegen diese Annäherung von Katholiken und FN war der Widerspruch unter den anderen Bischöfen schwach: Deutlich wurde nur ein Laie: Der Koordinator der katholischen Menschenrechtsorganisation ACAT, Jean-Etienne de Linares: „Die Verbindung von FN und Rassismus ist evident. Der FN spricht dem anderen (dem Muslim) den Wert als Mensch ab. Ich bedauere es, dass die Kirche nun aus dem FN eine respektable Partei macht“. Etwas zaghaft sagte dann später Erzbischof Laurent Ulrich (Lille): „Man kann nicht Christ und fremdenfeindlich sein“, den FN nannte er nicht.

Die Bischofskonferenz hat im Oktober 2016 einen Text veröffentlicht, der sich an „alle Bewohner des Landes“ richtete: Tatsächlich aber wurde diese Mahnung nur als Buch (Auflage 10.000 Exemplare) verkauft. Darin ist vom allgemeinen Zerfall der politischen Kultur die Rede. Aber mit keinem Wort wird eine der Hauptschuldigen genannt: Marine Le Pen und ihre Partei. Mit dem Satz: „Die Zeiten sind vorbei, in denen die Bischöfe sagten, wen man wählen soll“, hat sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier (Marseille), aus der Affäre gezogen. Er hat bei der Vollversammlung der Bischöfe im März 2017 erneut vor einer muslimfeindlichen Politik gewarnt, jedoch Le Pen wieder namentlich nicht erwähnt. Radikaler denkt Bischof Jacques Gaillot (Partenia): Er unterstützt den trotzkistischen Präsidentschaftskandidaten Philippe Poutou von der „Neuen Antikapitalistischen Partei“.

Wen werden die Protestanten wählen? Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt 2 %. Bisher wählten sie eher links, aber auch bei ihnen ist (im lutherisch geprägten Elsass) eine starke Nähe zu Rechtsextrem zu beobachten. Der Präsident der Vereinigten (reformierten und lutherischen) Kirchen Frankreichs, Pastor Francois Clavairoly, hat hingegen ausdrücklich vor dem FN gewarnt!

Den aussichtsreichsten Kandidaten Emmanuel Macron („En Marche“) im entscheidenden zweiten Wahlgang (am 7. Mai) erleben viele Katholiken als zu wenig spirituell…Er verweist nur auf seine Ausbildung in einer Jesuitenschule in Amiens …Selbst wenn Macron im 2. Wahlgang zum Präsidenten gewählt wird: Die etwa 10 Millionen FN Wähler werden sich vom Ungeist dieser Partei kaum distanzieren.

 

Copyright: christian Modehn



Glauben und Wissen: Getrennt und doch verbunden. Zum Religionsphilosophischen Salon am 31. 3. 2017

3. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher

Hinweise und Thesen von Christian Modehn, vorgetragen im Religionsphilosophischen Salon am 31.3.2017.

1. Wer sich mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen philosophisch befasst, verirrt sich nicht etwa in „abstrakte Reflexionen“, die man gern irrelevant und lebensfern nennt.

Wir reden vielmehr vom Zusammenhang von Glauben und Wissen aus lebens-praktischen Interessen. Denn es geht bei dem Thema um die Frage: Wie gelangen wir in ein Leben, das möglichst frei ist von „inneren“, also geistigen Widersprüchen, etwa zwischen einer Praxis des Wissens und einer Praxis des Glaubens.

Im Blick auf die Geschichte ist klar: Viele religiös Glaubende haben diesen Widerspruch zwischen ihrem Glauben und ihrem wissenschaftlichen Wissen förmlich gesucht und gepflegt. Zu ihnen gehört etwa der Mathematiker und hochbegabte Erfinder Blaise Pascal (1623 – 1662), der seine Wissenschaft total von seinem Glauben trennte; der von einer Art Privatoffenbarung überzeugt war (am 23. Nov. 1654, passierte sein mystisches Ereignis; das „Memorial“ nähte er sich in seine Jacke ein). Pascal glaubte an einen Gott jenseits aller Vernunft, nur dieser Gott zeige sich „als Gott der Liebe und des Trostes“. Er betonte einen totalen Bruch zwischen dem Gott der Philosophen und dem Gott des christlichen Glaubens.

Diesen Bruch halte ich philosophisch (und theologisch) gesehen für falsch. Der Mensch ist nicht gespalten in Denken (Gott denken) und Fühlen (Gott fühlen).

2. Wenn wir Glauben als eine allgemeine, menschliche Haltung verstehen, wird deutlich:

Wir bewegen uns ständig in Glaubensformen, im vor-religiösen Sinne gemeint, etwa: “Ich glaube, mein Freund besucht mich morgen“. Das ist auch eine schwache Form von Wissen. Oder die Wissensform, noch vor-wissenschaftlicher, unbewiesener Art, etwa: „Ich weiß nach zwei Konsultationen, dass dieser Arzt kompetent ist“. Handelt es sich dabei nicht auch um den Glauben, dass dies in Zukunft auch so bleibt? Glauben und Wissen gehen ineinander über in der Alltagspraxis.

Von daher ist eine philosophische Analyse und dadurch eine tiefere Bestimmung von Glauben und Wissen geboten, als Lebensformen, in denen wir uns ständig, immer schon, bewegen. Philosophie zeigt sich bei diesem Thema einmal mehr als Reflexion des von uns „Immer-Schon- (unthematisch) Gelebten und eben dann als sprachliche Thematisierung dieser Inhalte und Strukturen.

3. Philosophie kann niemals populäre, also fest verwurzelte Gegensätze auf sich beruhen lassen, etwa den geglaubten Gegensatz von „Frieden und Krieg“ (aber: „Wie viele Kriege gibt es im Frieden ?“) oder „Liebe und Hass“ oder „Leben und Tod“ (wie viele Abschiede aller Art, Formen des Todes, haben wir im Leben nicht erfahren?) usw.

So kann Philosophie auch nicht den angeblichen Gegensatz von Glauben und Wissen einfach erhalten wollen. Philosophie muss zudem fragen: Wer hat Interesse daran, dass dieser abstrakte Gegensatz fortbesteht, bei dem heutzutage oft unterstellt wird: Wissen ist doch viel besser und wertvoller als Glauben. Das meinen bestimmte Kreise eines zweifellos heute vorhandenen militanten Atheismus, über den sehr viel weniger gesprochen wird als über den genau so unsinnigen militanten unreflektierten religiösen Glauben.

Es gibt jedenfalls auch die oft akzeptierte Behauptung: Religiöser Glauben ist viel besser als Wissen. Das meinen bestimmte Kreise des dogmatischen Fundamentalismus in den drei monotheistischen Religionen. Sie folgen unmittelbar den religiösen Weisungen ihrer religiösen Bücher, verfasst etwa 650 nach Chr. (Koran) bzw. 80 nach Christus (NT) und 600 vor Christus (Hebräische Bibel).

4. Wir leben also immer schon in allgemeinen, also in noch-nicht-religiösen Formen des Glaubens. Diese von uns oft selbstverständlich hingenommene und unreflektierte Glaubensform lebt ständig im Alltag. Dieser Glaube wird als Vertrauen erlebt, also etwa als unbegründete und beinahe selbstverständliche Zuversicht gegenüber einem Menschen, den man als gut erlebt und ihm deswegen glaubt. Als Zuversicht, dass der nächste Tag gelingt und vielleicht das ganze weitere Leben. Vertrauen und Zuversicht als oft unreflektierte Annahme von gründendem Sinn im ganzen ist als Glaube im Alltag vorhanden. Das ist die Basis des menschlichen Zusammenseins in der Gesellschaft. Dieser allgemeine Glaube (dieses Ur-Vertrauen) kann erschüttert werden, kann aber auch wieder „aufgebaut“ werden.

5. Ist im Wissen und in der Wissenschaft eine Glaubens-Haltung immer schon anwesend? Tatsache ist:

Glauben bzw. zuversichtliches Vertrauen halten das forschende Wissen auf Dauer lebendig. Sie sind so etwas wie die innere Dynamik, der geistige Atem, im Forschen, ohne die Forschen nicht gelingt. Wir glauben als Forscher, dass wir später durch die Forschung mehr und besser sehen und verstehen. Man denke an den Glauben innerhalb der medizinischen/pharmakologischen Forschung, tatsächlich nach langen Mühen ein besseres Medikament zu finden usw. Darin zeigt sich unthematisch auch ein Glauben an eine gute und bessere Zukunft der Menschen, wenn nicht der Menschheit. Mit diesem universalen humanen Glauben ist kein dummer Fortschrittsglaube gemeint, der da behauptet: Alles (man meint die Technik) wird immer weiter entwickelt und damit alles immer besser. D.h. zusammenfassend: Ohne eine Art zuversichtlichen Glauben gibt es kein geistvolles wissenschaftliches Leben. „Der allgemeine Glauben ist die Generalbedingung bewussten Lebens“, (Gerhardt, Glauben und Wissen, Reclam 2016, S. 45).

6. Auch im Glauben ist Wissen immer anwesend. Dabei verstehen wir Wissen immer als Vernunft, also als Kritik, als kritisches und selbstkritisches Reflektieren, als Aufklärung im philosophischen Sinne. Auch schon der allgemeine und alltägliche Glaube hat eine bestimmte Wissens-Form, er sagt sich in Sätzen aus, er sucht Kommunikation, er will den Widerspruch, will sich begründen. Die Alltagspraxis ist nie sprachlos, auch wenn oft unvernünftige ideologisch verblendete Thesen behauptet werden.

7. Zur wechselseitigen Beziehung von religiösen Glauben und dem Wissen. Es gibt Formen des Wissens, die sich als Wissen selbst deuten und so propagieren, tatsächlich aber Glaubensformen sind. Man denke an den Marxismus-Leninismus, als von den kommunistischen Herrschern definierte Wissenschaft, die zum Kommunismus führt durch die Lehre von der Dialektik oder der führenden Rolle der KP als dem Inbegriff des Wissens usw. In dieser sich wissenschaftlich gebenden Ideologie wurde letztlich ein Glaube (an den Weg zu Sozialismus und Kommunismus, durch die Partei geführt) als Wissenschaft ausgegeben und durch diesen Glaube wurden andere religiöse Glaubenshaltungen (etwa Kirchen) verdrängt und verfolgt. (Siehe etwa Michail Ryklin, Kommunismus als Religion, Frankfurt am Main, 2008). Auch der Positivismus eines Auguste Comte gab sich als Wissenschaft, mit der zu glaubenden Behauptung, dass Religion und Metaphysik als Haltungen von einst überwunden und beiseite gelegt sind und nun die positive Wissenschaft siegreich alles bestimmt. Ideologien geben sich gern als Wissenschaft. Auch der Faschismus hat mit einer angeblichen „Rassenlehre“ sich wissenschaftlich gegeben. Warum? Sicher auch, weil die Ideologen meinten, mit der Behauptung Wissenschaft zu sein, mehr Erfolg bei den Menschen zu haben. Diese glauben eben den angeblichen Wissenschaften eher…

8. Es gibt auch heute die Tendenz, Naturwissenschaft so zu verstehen, als ersetze sie als Naturwissenschaft eine in dieser Sicht völlig überholte religiöse Glaubenshaltung. Somit wird eine neue Ideologie geschaffen, die freilich nichts anderes ist als eine bestimmte Glaubens-Haltung. Da wird etwa durch Richard Dawkins und andere argumentiert: Naturwissenschaftliche Erkenntnis von heute widerlege als solche den (angeblich immer alten und deswegen veralteten) religiösen Glauben an Gott. Diese These ist als Ideologie zurecht zurückgewiesen worden, schon aufgrund der schlichten Erkenntnis, auf die schon Wittgenstein und andere umfassender als Dawkins reflektierende Denker hinweisen: Naturwissenschaft als Naturwissenschaft kann niemals letzte Sinnfragen, also auch religiöse Fragen, beantworten. Das ist einfach nicht ihr Thema. Ein Beispiel: Von Maschinenbauern als Maschinenbauern erwartet man auch nicht die Schaffung von Kunst-Skulpturen. Also: Atheismus lässt sich rein -naturwissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen.

Hingegen stellen sich Naturwissenschaftler als denkende Menschen, also ansatzweise dann als Philosophen, durchaus manchmal noch die Frage: Was darf ich –ethisch betrachtet – als Naturwissenschaftler erforschen? Ist etwa die Verbesserung der Atombomben auch ethisch noch vertretbar? Naturwissenschaftler, dann als umfassend denkende Menschen verstanden, gelangen also ins ethische Philosophieren, das bekanntlich nach Kant durchaus in Dimensionen eines vernünftigen religiösen Glaubens führen kann. Aber es ist nicht die Naturwissenschaft als Naturwissenschaft, die für oder gegen den religiösen Glauben spricht.

Heute erleben wir wieder die Sprüche: „Wenn die naturwissenschaftliche Forschung einmal begonnen hat, ist sie nicht zu stoppen“, jetzt etwa im Blick auf radikale Verlängerungen der Lebenszeit der (sehr wohlhabenden) Menschen formuliert. Diese wollen gern 150 Jahre und mehr gesund leben, die Forscher setzen alles dran, dies technisch-pharmakologisch zu erreichen. Angeblich weil „die Forschung“ (ist diese ein handelndes Subjekt, doch wohl nicht) nicht zu stoppen ist. Solche Sätze sind die Ideologie der Konzerne, die diese Forschung als Profit betreiben. Forschung lässt sich durchaus stoppen, wenn sich herausstellt, dass es für die Menschheit dringendere Aufgaben gibt: Etwa das Hungersterben von Millionen Jahr für Jahr zu stoppen, also strukturell zu überwinden. Hinter der totalen Freiheit der Forschung verbirgt sich eine Ideologie der reichen Welt, die sich nur um sich selbst kümmert, aber das gerechte humane Projekt völlig aus den Augen verliert…

Heute wird von verblendeten Machthabern, wie etwa von Mister Trump, aller wissenschaftlichen Erkenntnis zuwider behauptet: Der zunehmende CO2 Ausstoß gefährde das weltweite Klima nicht. Man sieht: Aus einer ideologischen, politisch bedingten Haltung wird auch heute ein irriger Glaube als Wissen propagiert. Wie etwa auch das Grundbekenntnis der neoliberalen Wirtschaftsunordnung: „Der so genannte freie Markt reguliert sich selbst, und wie von unsichtbarer Hand, an die man glauben soll, wird alles zum Besten aller geregelt“. Dass dabei zunächst die Reichen immer reicher werden, möge man glauben. Genauso wie: Die Gerechtigkeit für die Armen kommt später, viel später. Vielleicht. Es muss also die Glaubenshaltung (als Ideologie) inmitten des Wissens und der Wissenschaft freigelegt und geistig bekämpft werden.

9. Wie steht es mit dem Übergang vom religiösen Glauben ins Wissen? Religiöser Glaube, etwa im Judentum, Christentum und Islam stellt sich immer in Sätzen dar, als sprachliche Formulierung, als von religiösen und politischen Herrschern vorgegebene Dogmen. Dabei bezieht man sich auf mündliche Offenbarungen und heilige Bücher, diese werden dann als angeblich ewige Dogmen fixiert.

Nur ein sich selbst NICHT reflektierender Glaube kann die Inhalte dieser Offenbarungen und der heiligen Bücher als gültiges Wissen ungeprüft und ohne weiteres annehmen.

Es ist hingegen unvernünftig und damit für eine selbstkritische und reife Lebensgestaltung ausgeschlossen, wenn etwa aus der Lehre der Bibel von der Weltschöpfung in sechs Tagen als Wissen gefolgert wird: Also halten wir uns auch als Wissenschaft an diese religiöse Mitteilung, dass Welt und Mensch in sechs Tagen geschaffen wurden.

Hingegen gilt: Die besondere Qualität der religiösen Texte als Poesie (!) muss anerkannt werden. Es ist immer notwendig, diese Texte wissenschaftlich, also historisch-kritisch, zu lesen und zu verstehen und dadurch den Inhalt zu relativieren. Das Wissen und die Vernunft erkennt die besondere Qualität der religiösen Texte.

Nebenbei, aber sehr wichtig: Es gibt in den christlichen Konfessionen immer noch die Anerkennung wortwörtlich übernommener Bibel-Sprüche, etwa im Vatikan das Wort Jesu „Du bist Petrus der Fels und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen…“, aus diesem Spruch wird im Vatikan abgeleitet, dass alle Päpste Nachfolger Petri sind, also dem ausdrücklichen Willen Jesu entsprechen. So wird Jesus von Nazareth zum Kirchengründer und Förderer des Papsttums, inklusive der vatikanischen Paläste und der Glaubensbehörden (Inquisition). Andere Sprüche dieses Jesus von Nazareth werden im Vatikan hingegen niemals wortwörtlich übernommen, weil sie den vatikanischen Machttrieb stören, etwa der Spruch „Nennt euch nicht Meister… Der erste sei der Diener aller usw.“

Der Glaube bleibt also nur lebendig und menschlich „vertretbar“, wenn er vernünftige Kritik fördert und zulässt.

Man denke an die Hexenverfolgungen. Diese wurden nur beendet durch die Durchsetzungskraft der Vernunft! Der authentische religiöse Glaube etwa des Christentums wurde immer von der Vernunft gerettet. Friedrich von Spee SJ, der große Feind der Hexenverfolgungen, sagte: „Dienen wir der Gerechtigkeit, folgen wir der Vernunft. So haben wir keine Hexen mehr zu verbrennen“. Friedrich von Spee kämpfte gegen verrückte staatliche und kirchliche Lehren seiner Zeit. Er hat allein aus seinem Gewissen heraus gehandelt.

10. Wenn also im Wissen Glaubenshaltungen anwesend sind und der religiöse Glaube sich selbst als Wissen präsentiert: Die entscheidende Frage ist, noch einmal formuliert: Was ist das Kriterium, um im Wissen den möglicherweise berechtigten Glauben und im religiösen Glauben das möglicherweise berechtigte Wissen zu erkennen?

Diese Leistung der Unterscheidung kann selbstverständlich nur das Wissen sein, also die Kritik, die Aufklärung, die Reflexion. Wenn der religiöse Glaube sich selbst korrigiert, ist dies tatsächlich eine Leistung des Wissens, der Kritik, des Nachdenkens. Alle Glaubens-Reformation ist also Ergebnis des Wissens, der Kritik, des Nachdenkens, also handelt es sich nicht etwa um eine wunderbare Einsicht! Ohne Vernunft kein menschenwürdiger religiöser Glaube, das ist das gültige Prinzip auch für religiöse Menschen.

11. Ist Kritik und Wissen das entscheidende Kriterium, das auch im Feld des Religiösen tätig ist: Dann gilt das auch im Bereich der Esoterik. Also der subjektiven inneren Erlebnisse, in denen etwa jemand meint: Dieser oder jener Quarzstein mit seiner Ausstrahlung sei gut, um schlanker zu werden. Das kann man als einzelner zweifellos glauben, obwohl der Übergang in Wahnzustände überprüft werden sollte; die Vernunft wird nur dann zum Einsatz kommen, wenn nun der einzelne Quarz-Stein-Freund in der Öffentlichkeit überall (auf Kosten des Steuerzahlers) Quarzsteine aufstellen möchte oder so. Ich hätte viel heftigere Beispiele eines in meiner Sicht religiös esoterischen Wahns bringen können, die kennt jeder aus seinem Umfeld. Esoterik kann auch die großen Religionen bestimmen: Man denke an den Wunderglauben in der katholischen Kirche bis heute, wenn man etwa Marien-Erscheinungen in Fatima (1917 !) verehrt werden und die Gips-Madonna von dort durch die Straßen geschleppt werden, wie kürzlich in Berlin-Spandau geschehen. Die Präsenz der Madonna soll wirken und helfen. Glaube wird da zum offiziell geförderten Aber-Glauben. Und diesen Aberglauben als Aberglauben erkennt nur die freie Vernunft.

12. Ohne Vernunftkritik auch im religiösen Glauben ist alles im religiösen Glauben beliebig und verschwommen und deswegen nicht relevant. Ohne Vernunftkritik ist alles, auch im Glauben, nichts.

Aber Vernunft ist auch nicht alles, sie ist nicht das ganze Leben. Sie ist nicht Musik, Kunst, Liebe usw. Das Leben ist als Erleben mehr als Vernunft. Keine Frage! Aber Musik, Kunst, Liebe, Engagement, Mitgefühl usw. haben in sich selbst, förmlich wie eine immer begleitende Hintergrund-Musik, die stets unthematisch anwesende Vernunft. Sie allein ist in der Lage, Musik, Kunst, Liebe, Engagement usw. für einen selbst und für andere zu mehr Klarheit zu bringen und mit anderen darüber ins Gespräch zu treten. Bekanntlich sprechen wir hilflos oft von Erlebnissen der Musik, Kunst, Liebe, aber wir sprechen und bedienen uns dabei der Sprache, die alle verstehen, also in der Sprache der Vernunft.

13. Mir ist es wichtig, in dem Zusammenhang eine grundsätzliche Korrektur am üblichen Glaubens-Begriff innerhalb der christlichen Theologie vorzuschlagen.

Der religiöse Glaube findet bekanntermaßen auch deswegen im Augenblick wenig Respekt, weil religiös Glaubende zu viel religiösen Unsinn verbreiten und weil Religionen als fundamentalistisch-gewalttätige Organisationen sich machtvoll gebärden. Viele erleben Religionen und Kirchen einfach als unsympathisch.

Entscheidend ist: Der größte Fehler ist, wenn religiöser Glaube von Theologen, vor allem aus dem klassischen, „orthodoxen“ evangelischen Umfeld, als so genannter blinder und mutiger „Sprung“ in die göttliche Wirklichkeit hinein verstanden und propagiert wird. Dieses stark dominierende Erbe der dialektischen Theologie („Glauben heißt Augen zumachen und den Verstand stilllegen, also Springen) halte ich für verheerend. So wird der religiöse Glaube zur Sache einiger dummer Mutiger, der Unreflektierten oder der besonders Begnadeten: Sie haben halt die Gnade, in Gott hinein zu springen. Dadurch wird der religiöse Glaube zu einer Sache, die den selbstkritischen Menschen gar nicht mehr berührt. Gott wird zum Thema für einige Erwählte, eine Tradition, die beim alt gewordenen Augustinus ihren Ursprung hat, wahrscheinlich schon im Glaubensbegriff des Paulus.

Unsere Meinung ist: Wenn Gott zum Menschen „gehört“, muss er sich auch im menschlichen und das heißt beim Menschen eben im geistvollen, also vernünftigen, Leben zeigen. Gott gehört zum Menschen als Menschen, selbst wenn faktisch viele Menschen keinen religiösen Glauben „haben“. Sie sind „Atheisten“ in Anführungszeichen, weil sie ganz entscheidend nur Kirchen und religiöse Organisationen erleben, die schlicht und einfach eher abstoßend sind, und darin haben diese „Atheisten“ recht. Sie sind aber keine Atheisten, weil sie selbstverständlich wie alle Menschen einen absoluten Mittelpunkt in ihrem Leben haben, dem sie alles opfern, Zeit, Geld, Energie, etwa Sport, Musik, Geldverdienen. Dies sind alltägliche Götter nicht nur der „Atheisten“.

14. Ich schlage dringend vor, gerade im Reformationsgedenken: Wir sollten, viel stärker das Johannes Evangelium und die johanneische Theologie respektieren. Diese Position von Glauben als einer Form des Wissens wird meines Erachtens von der in den Kirchen, besonders der protestantischen Kirche, nicht viel beachteten Tradition des JOHANES gepflegt. Bisher folgen die Kirchen viel zu sehr dem Modell des paulinischen Denkens, auch Luther dachte offenbar sehr paulinisch.

Ich nenne nur einige schöne Zitate aus dem Kreis der „Johannes Schule“, die ansatzweise deutlich machen, das Glauben an Gott und Glauben an Christus WISSEN ist:

1 Joh. Brief 3, 14. „Wir wissen, dass wir aus dem Tod in das Leben hinübergegangen sind, weil wir die Brüder lieben“.

1 Joh 5, 19: Wir wissen, wir sind aus Gott. Wir wissen, der Sohn Gottes ist in die Welt gekommen…“

Auch im Joh Ev 3,2 Nikodemus: Wir wissen, du bist ein Lehrer, der von Gott gekommen ist“.

Der religiöse Glaube muss also auch im Sinne des Johannes Evangeliums definiert werden.

Glauben ist dann kein bloßes Fürwahrhalten von irgendwelchen möglicherweise obskuren Sätzen und Behauptungen. Glauben ist: Ein vertrauensvolles Wissen, ein Wissen ganz eigener Art, ein bewusstes Bezogensein auf einen Sinn stiftenden transzendenten Grund; also das Wissen von einem absoluten Sinnhorizont, in dem wir immer schon stehen. In dieser Haltung ist kein naiver Glaube mehr enthalten, sondern ein wirkliches Wissen. Es ist natürlich kein naturwissenschaftliches Wissen, aber ein Wissen, wie wir es im geistvollen Miteinander kennen, ein Wissen, das wir im Erleben der Kunst, der Liebe, in der Empathie usw. spüren und zu Wort bringen.

Damit plädiere ich für eine VIELFALT der Formen des Wissens. Wissen ist niemals nur naturwissenschaftliches Wissen. Wissen ist auch Bezogensein auf das Unendliche.

Aber der Mensch ist immer frei, sich zu dieser Erkenntnis auf eigene Art, frei, zu verhalten. Ich kann ja auch in einer aus dem Vertrauen gewonnenen Erkenntnis, dass mich dieser Mensch liebt, mich frei, zustimmend oder ablehnend, verhalten.

Es wird oft behauptet: Wenn Glaube auch eine bestimmte vertrauende Wissens-Form ist, dann verliert er seinen freien und möglicherweise gnadenhaften Charakter. Das ist in meiner Sicht nicht so: Ich kann mich zu meinem wissenden Glauben, immer kritisch reflektiert, auch frei verhalten. Ich kann die Annahme dieser anderen Wirklichkeit (Gott) als Geschenk, Gnade, erleben, die aber niemals ohne mein eigenes Bemühen, auch im Nachdenken, erreicht wird.

15. Wird der Glaube selbst als eine selbstkritische Wissensform erlebt und auch so bestimmt: Dann ist es nicht mehr möglich, alles Beliebig-Mögliche und Unwahrscheinliche dann noch „Glauben an Gott“ zu nennen. Denn dann kritisiert und korrigiert meine selbstkritisch reflektierende Vernunft meinen eigenen Glauben: Ich kann nicht mehr Wahnhaftes (Glauben an Hexen etwa) behaupten, von Jungfrauen schwärmen, die mich im Paradies erwarten; nicht mehr an Marienerscheinungen glauben, die in Fatima nur sichtbar waren den drei Hirtenkindern usw.

Der Glaube als Wissensform verliert dann seinen mysteriösen und esoterischen Charakter. Er wird inhaltlich einfach, man könnte sagen nackt, er legt immer mehr Kleider ab, um sich ganz auf das Wesentliche zu beziehen: Die Bindung und Verbindung an eine göttliche Wirklichkeit. Und das Wissen als vertrauendes Wissen gilt: Wenn die Welt und die Menschen von einer absoluten Wirklichkeit her stammen, die die Evolution in Gang setzte und als solche schöpferisch ist: Dann ist diese göttliche Wirklichkeit in mir und in jedem Menschen auch lebendig.

16. Daraus ergibt sich eine enge innere (!) Verbindung von Mensch und Gott, von Ich und Gott. Es ist dieses Erlebnis der Einheit, die allein wichtig ist. Da wird dann die Kirche nicht mehr so wichtig, sie ist ein Ort, in dem religiöse Menschen in der Unterschiedlichkeit miteinander sprechen und sich ermuntern, weiter zu wachsen auf diesem Weg.

17. Zusammenfassung der These: Es gilt, den religiösen Glauben der Christen zu befreien von der engen, bloß gläubigen, also nicht auch wissenden, also nicht auch selbst-kritischen Haltung. Christlicher Glaube an Gott ist eine Form des Wissens, des kritisches Wissen, des kritischen vertrauenden Wissens! Es gilt die verschiedenen Wissens-Formen zu entwickeln. Die göttliche Wirklichkeit ist als göttliche Wirklichkeit niemals zu umgreifen und zu definieren. Das heißt: Menschen können Gott nur berühren. Mehr nicht. Und Gott berührt dabei den Menschen. Das ist, wenn man das Wort will, das Geheimnis des Lebens.

Mehr brauchen die Menschen nicht. Die Kirchen haben das zu pflegen und zu feiern, im Fest, im Mahl und in der Solidarität. Und immer wieder zu besprechen. Mehr ist nicht not-wendig.

Einige Anregungen verdanke ich der Studie von Volker Gerhardt, „Glauben und Wissen“, Reclam 2016.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Ostern für Aufgeklärte. Eine Radiosendung in NDR Kultur am 17.4.2017 um 8.40 Uhr

2. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Befreit von der Macht des Todes: Ostern für Aufgeklärte. NRD Kultur 17.4.2017, 8.40 Uhr.
Von Christian Modehn

Über die Auferstehung Jesu gibt es im Neuen Testament unterschiedliche Erzählungen. Diese sind Ausdruck religiöser Überzeugungen der Freunde Jesu. Nach seinem Tod sehen sie ihn als einen Verwandelt-Lebendigen. In Bildern voller Weisheit und Poesie geben sie davon Zeugnis. Die frühe Gemeinde weiß, dass ihr eigenes Erleben ein Sinnangebot für alle Menschen sein kann. Weil Jesus die Grenzen des sterblichen Menschseins überwunden hat, sind die Toten „in Gott auf ewig geborgen“. Mystiker sprechen – plausibel – von der „Dimension des Unzerstörbaren und Göttlichen“ in jedem Menschen.



Karfreitag: Jesus am Kreuz: Elend, nackt, bloß. Eine Radiosendung am Fr. 14.4.2017

2. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine, Theologische Bücher

Die Radiosendung wird im RBB Kulturradio um 9.04 (bis 9.30) am Karfreitag (14.4.2017) wiederholt. Der Beitrag hat als Erstsendung schon viele HörerInnen interessiert, bewegt, ins Fragen geführt…

Von Christian Modehn

Das Kruzifix, ob in Schlafzimmern oder Amtsstuben, ist in Europa kaum noch beachtete Alltagskultur. Es sind die

Künstler, die uns einladen, den „Skandal des Kreuzes“ wieder wahrzunehmen, denn Jesus von Nazareth, seinen

Qualen erlegen, hängt fast nackt am Kreuz. Und in dieser Blöße hält ihn auch seine Mutter in ihren Armen. Der

verwundete, geschundene Leib spendet Christen Trost: Auch ihr Erlöser hat das Schicksal der leidenden

Menschheit geteilt. Dabei ist bereits das ganze Leben Jesu von einer „existentiellen Nacktheit“ bestimmt, von

radikaler Offenheit, Wahrhaftigkeit und Schutzlosigkeit. „Auch ich kann nur in dieser Haltung meinem nackten

Gott begegnen“, betont der Jesuitenpater Klaus Mertes. Der nackte Jesus wird zum Symbol einer modernen

Spiritualität. Sie findet Inspirationen bei Künstlern wie Michelangelo und Matthias Grünewald, bei Max Beckmann

und Alfred Hrdlicka.



Karl Rahner: „Jesus zeigt die göttlichen Dimensionen in jedem Menschen“.

1. März 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Eckige Gedenktage, Termine, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Er hat der katholischen Theologie und der katholischen Variante der Religionsphilosophie die Weite und die Universalität geschenkt, die im dogmatischen Mief der Schultheologie vor dem 2. Vatikanischen Konzil erstorben war und nach dem Konzil wenigstens an einigen Orten überwunden wurde. Karl Rahner SJ, geboren am 5.3. 1904, gestorben am 30. März 1984, wollte für einen modernen Katholizismus sorgen, der den Herausforderungen durch Kant z.B. wenigstens ansatzweise gewachsen war. Rahner dachte niemals eng und kleinlich, auch wenn er als äußerst gefragter Theologieprofessor zu vielen konfessionell geprägten, also explizit katholischen Themen Stellung nehmen musste und manche seiner konfessionellen Schriften etwas Apologetisches haben, etwa seine Verteidigung der Unfehlbarkeit des Papstes. War dies dem Druck der kirchlichen Autoritäten geschuldet, die sich bekanntlich immer ins freie Denken der Theologen einmischen? Das wurde bisher noch nicht untersucht. Andererseits hat er schon in 1970 Jahren klar gesagt: Die Kircheneinheit mit den Protestanten ist jetzt möglich. Dieses Buch leider total verschwunden aus den Debatten, würde heute aber Mut machen, in gutem Ungehorsam einfach gemeinsam Abendmahl/Eucharistie zu feiern. gerade jetzt, im Reformationsgedenken. Karl Rahner war in dieser Frage niemals „brav“, heutige Katholiken und Theologen sind nach wie vor brav und verängstigt („Ungehorsam könnte die Karriere kosten“ usw…)

Karl Rahner hat aber vor allem bewiesen, dass Argumentieren und Fragen und philosophisches Debattieren einen festen Platz in der menschlichen Haltung, Glauben genannt, haben müssen. Entscheidend ist: Karl Rahner hat sich bemüht, die zentralen Lehren und Überzeugungen der christlichen Tradition (Dogmen genannt) mit den Erfahrungen der Menschen in Verbindung zu bringen, bis dahin, dass er die Dogmen als Ausdrucksformen der menschlichen religiösen Selbsterfahrungen deutete. So sollte die Fremdheit zwischen Glauben und Lebenserfahrung überwunden werden, ein großartiges Unternehmen, das heute schon wieder vergessen ist.

Dies ist wohl seine bleibende Bedeutung, darin bleibt er eine Provokation. Diese großartige Leistung bringt ihn in meiner Sicht und in dieser Perspektive (!) in die Nähe einer modernen liberalen Theologie bringt, klicken Sie hier. Bis heute hingegen werden von Theologen, nicht nur in der römischen Kirche, Dogmen etc. als hinzunehmende „Fremdkörper“ des Denkens hingestellt, so wird der Bruch zwischen Glauben und Vernunft vertieft, also der enorme Abstand zwischen geistvollem Leben und Glauben zementiert. „Credo quia absurdum“, dieser furchtbare Spruch geistert noch immer in den Köpfen der Kirchenleute und der Christen herum, vielleicht gerade jetzt, in den Erinnerungen an das Reformationsgeschehen. Luther war ja bekanntlich ein entschiedener Gegner philosophischer Debatten. Er hat die dialektische Theologie inspiriert und den unvernünftgen „Sprung in den Glauben“. Zurück zum Luther-Jahr: Ob darüber offen gesprochen wird? Ob das freie Nachdenken wieder eine Chance im Protestantismus und vor allem in den enthusiastischen evangelikalen Kreisen erhält? Ob es ein Ende gibt in dem bloßen Zitieren von Bibelsprüchen, um etwa katholische Sonderlehren zu begründen? Man denke etwa an die fundamentalistisch anmutende Begründung des Papsttums durch angebliche Sprüche Jesu von Nazareth (siehe etwa das neue Papstbuch von Kardinal Müller, Rom).

In jedem Fall: Karl Rahner bleibt von unerreichter Größe, wenn es um die Universalität der christlichen Grundüberzeugungen geht. Im Band 9 seiner „Schriften zur Theologie“ (1970, Seite 212) schreibt er zum Beispiel: „Wir setzen die Einmaligkeit Jesu falsch an, wenn wir ihn nur als den Sohn Gottes betrachten, der Menschen gegenüber tritt, die zunächst einmal mit Gott gar nichts zu tun haben; wenn wir Jesus bloß als Boten aus einem göttlichen Jenseits sehen hinüber zu einer Welt, die mit Gott noch gar nichts zu tun hat“. Diese Fremdheit zwischen Christus und den Menschen im allgemeinen ist für Rahner völlig unzutreffend! Er fährt fort: “In Wirklichkeit sind wir aber in der ganzen Geschichte der Menschheit Kinder Gottes“. Sind es „immer schon“, müsste man in Rahners eigenen Worten weiterformulieren. Das heißt: Jesus von Nazareth macht in seinem Leben und Sprechen und Handeln nur sichtbar und offenbar, dass die Menschheit im ganzen mit Gott selbst immer schon eins und verbunden ist…Jeglicher konfessionalistischer Wahn ist so zurückgewiesen. Welchen Sinn dann Predigt und Mission haben, hat Rahner klar gesagt. Auch dies wird heute gern und bewusst beiseite geschoben.

Copyright: Christian Modehn



Katholisch heißt immer noch (oft) fundamentalistisch denken: Eine vernünftige Nonne wird verteufelt.

21. Februar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Wie die katholische Dominikaner-Nonne Lucia Caram Hass und Morddrohungen auf sich zieht

Ein Hinweis von Christian Modehn

Was hat die Nonne Schwester Luzia Caram aus dem Dominikaner-Orden Furchtbares gesagt in einem Fernsehinterview in Barcelona Ende Januar 2017? „Ich glaube, dass Maria in Josef verliebt war. Dass sie ein normales Paar waren und aller Wahrscheinlichkeit entsprechend: Hatten sie auch sexuelle Beziehungen. Der Sex ist eine schöne Form, Gefühle auszudrücken und die Liebe. Aber für die Kirche ist dies ein schmutziges Thema und es wird versteckt. Ich aber glaube, Sex ist ein Segen. Ich glaube auch, dass wir uns getäuscht haben in unserer Art diese Dinge zu lehren: Wir wollten die Botschaft des Evangeliums in irgendeine bloß spirituelle Sache umwidmen (convertir). Und wir wollten die absurde Idee einschärfen, dass der Körper das Gefängnis der Seele ist. (übersetzt nach Libération, Paris, vom 14. 2. 2017, übers.von Chr. Modehn).

Die Tageszeitung Libération zitiert den Erzbischof von Barcelona: «Il s’agit d’un grave scandale. C’est un affront intolérable contre un point fondamental de la doctrine catholique“.“ Es handelt sich um einen schweren Skandal. Es ist ein nicht hinzunehmender Affront gegen einen fundamentalen Punkt der katholischen Doktrin (sic!)“.

Der Wortführer der spanischen Bischofskonferenz, Jose Maria Gil Tamayo, kündigte an, dass die Kirche diesen „problematischen Fall“ studieren wird, diese Äußerungen einer Frau, „die die Reinheit der Botschaft Christi mit ihren Äußerungen beschmutzt“. Der Bischof der spanischen Diözese VIC sagte in Bezug auf die nicht – vollzogene Ehe von Maria und Josef: „Esta verdad de la fe fue recogida y proclamada de manera definitiva por el Concilio II de Constantinopla, siendo el primer dogma mariano y compartido por los cristianos católicos y ortodoxos“. „Diese Glaubenswahrheit wurde erkannt und proklamiert auf definitive Weise vom 2. Konzil zu Konstantinopel (es fand vor kurzem, im Jahr 553, statt, C.M:);  es ist das erste Marien-Dogma und es wird geglaubt (geteilt) von katholischen und orthodoxen Christen“, so El Mundo, 1.2.2017.

Inzwischen erhält die mutige und vernünftig denkende Nonne Morddrohungen von fundamentalistischen, d.h. dummen Katholiken. Diese Leute können Glauben und Vernunft nicht verbinden. Und können nur glauben, wenn überall Wunder passieren (im Falle der Ehe Marias mit Josef) und Sex nur verheimlicht wird.

Schwester Luzia, 51 Jahre, stammt aus Argentinien, sie lebt in der Nähe von Barcelona, in einem kontemplativen Kloster, das sich um ca. 1400 arme Familien helfend und beratend kümmert. Sie ist im ganzen Land bekannt und beliebt, weil sie auch eine eigene Koch-Sendung im „Canal Cocina“, Kanal Küche, hat, dieses Programm mit der kochenden und manchmal vor berechtiger theologischer Wut „kochenden“ Nonne wird auch in Lateinamerika viel gesehen. Ihr sehr altes, sehr ehrwürdiges und doch von einer modernen Nonne bewohnte Kloster in Manresa, bei Barcelona, hat den Namen „Convento Santa Clara“. Dies für alle, die unterstützenden Kontakt mit der Dominikanerin aufnehmen wollen.

Wir im Religionsphilosophischen Salon freuen uns natürlich bei allen Problemen, die sich die Nonne durch ihre treffenden Worte eingehandelt hat: Dass Schwester Luzia aus Barcelona das selbe sagt, was wir zum Thema Heilige Familie veröffentlicht haben, zur Lektüre dieses Beitrags klicken Sie hier.

Gleichzeitig ist es interessant zu sehen, wie stark der Katholizismus immer, noch bis in die höchsten Kreise, vom Fundamentalismus bestimmt ist, also etwa in der Ablehnung einer historisch-kritischen Bibelforschung.

Das Schlimmste ist wohl, dass ein freies und umfassend freies Wort in der römischen Kirche nicht möglich ist. Dies zu sagen ist im Reformationsjubiläum 2017 wohl besonders wichtig.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Glauben und Wissen: Getrennt und doch verbunden? Ein religionsphilosophischer Salon am 31. März 2017

20. Februar 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Unser nächstes Salon-Gespräch findet am Freitag, den 31. 3. 2017, um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf, statt. Dazu herzliche Einladung.

Unser Thema klingt abstrakt, die Sache aber ist spannend: „Glauben und Wissen“.

Das Thema bezieht sich unmittelbar auf elementare Fragen der eigenen Lebensgestaltung:

Wo und wann und wem soll ich glauben, Glauben schenken, vertrauen? Soll ich die Inhalte eines religiösen Glaubens mir wissend aneignen?

Andererseits:  Wo und wann soll ich die Form des forschenden Wissens (absolut ?) hochschätzen? Soll ich persönlich in meinem Leben auf Glauben ganz verzichten und nur dem Wissen, der Wissenschaft, der Naturwissenschaft, ja was denn dann: glauben? Bekanntlich ist der Jetzt-Zustand einer Wissenschaft nur ein vorübergehender, ich glaube eben notwendigerweise, dass die Wissenschaft weiter und besser forscht usw…

Das zeigt schon, dass Wissen und Glauben keineswegs (die feindlichen) Alternativen im Lebensvollzug sind, die förmlich parallel nebeneinander stehen. Und wo man sich für die eine oder die andere entscheiden kann.

Die Frage also ist:  Welche Formen des im Alltag nun einmal immer schon gelebten Glaubens und Vertrauens gibt es? Weisen einige dieser alltäglichen Glaubensformen sogar in philosophisch vertretbare Fomen religiösen Glaubens? Ist die Ablehnung des reflektierten religiösen Glaubens zugleich eine maßlose Überschätzung „der“ Wissenschaften?

Mit diesen Fragen werden sich gewiss alle an dem Salon Interessierten TeilnehmerInnen vorweg schon befassen, so dass sich ein weiter führendes Gespräch ergibt. Ich weise noch einmal auf die kleine Studie des Berliner Philosophen Volker Gerhard hin: „Glauben und Wissen“, Reclam 2016. Wer auch nur die Schlußkapitel liest, kommt mit eigenem Denken in Schwung.

Ich bitte wegen der begrenzten Anzahl der Plätze um eine Anmeldung: christian.modehn@berlin.de

 

 

 



Der Papst. Zu einem neuen Buch von Kardinal Gerhard Müller, Rom.

16. Februar 2017 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Denken und Glauben, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn. Veröffentlicht am 16. Februar 2017

Eine erste Beobachtung:

Die Widmung Müllers gleich zu Beginn zeigt bereits die Richtung des auf über 600 Seiten ausgebreiteten Inhalts: Auf Latein geschrieben, wie es sich wohl für den obersten Glaubenswächter in Rom gehört, sagen schon die ersten beiden Zeilen sehr viel, von Chr. Modehn übersetzt:  „Der heiligen römischen Kirche, der Mutter und der Lehrmeisterin aller Kirchen…. widmet der Autor dieses Buch“.

Die römische Kirche als Lehrmeisterin aller Kirchen … und der Papst dann als oberste Lehrer aller, dieses Worte, 2017 ausgesprochen, sind doch verstörend. Diese Behauptung ist eine schlechte Empfehlung für alle weiteren ökumenischen Bemühungen im Lutherjahr 2017: Rom als die „Mutter aller Kirchen“ muss doch von allen (auch abtrünnigen Söhnen) geliebt werden. Zurück zur Mutter-Brust könnte man denken… Der Kardinal in seinem Vatikan-Palast sieht „bislang unüberbrückbare dogmatische Gegensätzen zwischen Katholiken und Protestanten“ (S. 489), nämlich im Blick auf das Weihesakrament! Diese Gegensätze sehen viele Katholiken an der Basis sicher nicht mehr. Sie wollen darum endlich gemeinsam Abendmahl feiern mit Protestanten, siehe etwa das aktuelle und richtige Statement von Pater Klaus Mertes SJ, klicken Sie hier. Aber der hohe Herr im vatikanischen Palast insistiert auf der dogmatischen Überlegenheit des Katholizismus, also bestehen die unversöhnten Gegensätze fort.

Wie sich katholischer Glaube zusammensetzt, dürfte auch für Protestanten interessant sein, Müller sagt: „Er ergibt sich aus der Heiligen Schrift, dem Glaubensbekenntnis, den Katechismen, den bisherigen Lehrentscheidungen der Kirche“ (S. 332). Für die Freunde der „liberalen wissenschaftlichen Theologie“ also der Hinweis meinerseits: Von Vernunft als Quelle eines humanen Glaubens ist da keine Rede… Aber wichtig ist der folgende Satz von Müller, der alle Korrektur, alle Zurücknahme früherer, jetzt aber im Denken vieler doch heute überholter Lehren betrifft: „Die schon entschiedenen Glaubensfragen können auch nicht mit dem Vorwand ihrer Weiterentwicklung ins Gegenteil verkehrt werden“ (332). So etwas nennt man wohl einen steinernen, leblosen Dogmatismus, dem jegliche Lebendigkeit und Wandelbarkeit durch das gelebte (religiöse) Leben und Erkennen abgeht. Warum? Um die eigene Macht- und Privilegien-Position unbedingt zu halten…

Eine zweite Beobachtung:

Dieses umfangreiche Opus des Kardinals erscheint gleichzeitig mit einem Buch, das ein Mann verfasst hat, der Jahre lang als Junge von einem Kapuzinerpater in der Schweiz missbraucht wurde: Daniel Pittet ist der Name des Opfers. Der Priester, der immer wieder vergewaltigte und dann von einem Kloster zum anderen versetzt wurde, heißt Joel Allaz, er lebt in einem Kloster in der Schweiz. Für dieses Buch von Daniel Pittet, voller schlimmster Erinnerungen, hat Papst Franziskus ein Vorwort geschrieben! Das passiert ja nicht alle Tage: der Papst als Autor eines Vorwortes. Der Titel de Buches: Mon Père, je vous pardonne (éditions Philippe Rey). Für Müllers Werk über den Papst hingegen hat Papst Franziskus nichts geschrieben.

Eine dritte Beobachtung:

Kardinal Müller schildert auf 90 Seiten gleich zu Beginn seine glanzvolle Karriere voller tiefer Gläubigkeit im „Dienst“ „der“ Kirche. In diesem biographischen Teil lobt der Kardinal Papst Benedikt XVI. in den höchsten Tönen, er konnte „auf eine bewundernswerte Kenntnis der Theologie- und Dogmengeschichte zurückgreifen“ (S. 95 usw.)…Das theologisch und exegetisch völlig veraltete und überholte dreibändige Werk Ratzingers über Jesus von Nazareth lobt Müller selbstverständlich: Beide, Ratzinger und Müller, sind von demselben Geist: Sie verstehen die Aussagen des Neuen Testaments im Grunde wortwörtlich, die sie zur Verteidigung ihrer eigenen Position brauchen: Also: Jesus hat den armen Fischer Petrus als ersten Papst gewollt und bestellt. Jesus von Nazareth wollte eine Kirche gründen, die katholische Kirche, natürlich: Solche bibelwissenschaftlichen Behauptungen kann heute kein Theologiestudent mehr in einem Exegese-Seminar vertreten. Eminenz Müller tut es. Da wird eine fundamentalistische Bibeldeutung betrieben, passt dies zu einem einstigen Theologieprofessor (in München)? Soll man über den Satz Müller lachen oder weinen? Wenn er sagt: Jesus habe also den Apostel Simon (Petrus) zum Felsen gemacht, auf dem er seine Kirche aufbauen will: „Damit ist Jesus selbst der Urheber der Verfassung der Kirche“. Fehlt bloß noch, dass sich Jesus von Nazareth irgendwann bei einem Spaziergang durch Palästina, schon die Glaubenskongregation in Rom, einstmals das grausame Heilige Offizium und die Inquisitionsbehörde wünschte…Interessant wäre es, wenn der Satz aus dem Matthäus-Evangelium (23,8) mit der gleichen fundamentalistischen Energie im Vatikan interpretiert und vor allem gelebt würde, der Satz aus dem Munde Jesu an seine Jünger heißt: „Nennt euch nicht Meister“. Also, Ihr seid keine Meister, keine obersten Lehrer, keine Direktoren eines heiligen Offiziums…

Eine vierte Beobachtung:

Während die Lobeshymnen auf Ratzinger recht lang ausfallen in der Biographie Müllers, sind die Worte zu Papst Franziskus eher karg. Und ich weiß nicht, ob Müller sich des Lobes, der Ironie oder des Zynismus bedient, wenn er die wenigen Zeilen im Kapitel „Meine Lebensgeschichte“ zu Papst Franziskus wiederum auf Latein mit der Überschrift versieht: “Feliciter regnans“, also „glücklich“ bzw. auch „mit Erfolg regierend“. Man muss nur die Weihnachtsansprachen von Papst Franziskus vor der Kurie in Rom lesen, um zu sehen: Dieser Papst ist mit diesem seinem Hof (curia) höchst unzufrieden. Und mit den ultrakonservativen neuen Orden ist er ebenfalls nicht glücklich, geschweige denn mit dem Finanzgebahren des Vatikans. Dass er mit einer prunkvollen Palast-Wohnung nicht glücklich war, zeigt sein bescheidenes Leben in einer Art Hotel „Haus St. Marta“ usw. usw…

Das soziale Engagement des angeblich glücklich regierenden Papstes erwähnt Müller ausführlicher: Dass im Sozialen auch ein neues theologisches (!) Amtsverständnis sichtbar wird, sagt Müller nicht. Für ihn ist Papst Franziskus eine Art sozialer Prophet. „Der bessere Theologe bin ich, Müller“, denkt man dann wie automatisch.

Eine fünfte Beobachtung:

Durchgehend wird, beinahe für den philosophisch gebildeten Leser unerträglich, die feindselige Abwehr des Herrn Müller gegenüber der Aufklärung, dem „Freidenkertum“ (was auch immer Müller darunter verstehen mag), dem liberalen Denken und dem Kulturprotestantismus ausgebreitet. Von „Selbstdenkertum der Moderne“ ist abfällig die Rede, was soll diese Bezeichnung? Würden mehr Menschen selbst denken und urteilen, würde es besser in der Welt und der Kirche aussehen. Dieser Theologe bejaht nicht die Aufklärung, die Trennung von Kirche und Staat und die Laizität. Wie sehr schätzt er eigentlich die Demokratie? Mit dem Philosophen und Politiker (und Berlusconi-Freund) Marcello Pera ist Müller der Meinung, dass die (in meiner Sicht ja bloß ansatzweise) „Versöhung von Christentum und Moderne“ ein Fehler für die katholische Kirche ist (399).

Eine sechste Beobachtung:

Müller betont einmal mehr seine Freundschaft mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez aus Peru. Müller betont, wie wichtig ihm die Befreiungstheologie wurde. Mit seiner Freundschaft zu Gutiérrez will er die Theologie der Befreiung spalten, in eine gute (moderat wie Gutierrez) und in eine böse, weil radikale auch Papst-kritische, repräsentiert in dem großen Leonardo Boff… Müller sagt, er habe auch in Peru Theologie doziert. Ob er dort Befreiungstheologie dozierte oder aus seinem Dogmatik-Handbuch aus Regensburg vorgelesen hat, wissen wir nicht so genau. In jedem Fall hat das Leben in der angeblich bitteren Armut Perus den Herrn Kardinal Müller nicht dazu bewogen, nun in Rom weiterhin explizit den Impulsen der Befreiungstheologie zu folgen. Oder seinen eigenen Wohn-Palast aufzugeben und etwa im Sinne der Befreiungstheologie arm in einem Hochhaus in der römischen Vorstadt zu wohnen. Nach einer jüngsten Veröffentlichung des Vatikan-Insiders, des Journalisten Gianluigi Nuzzi „bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig“ (Wochenblatt Regenburg vom 30.12. 2015, Autor Christian Eckl).

Also: Nichts als Nebel, wenn die Freundschaft zu Pater Gustavo Gutierrez OP so deutlich gepriesen wird und sich Kardinal Müller als Freund der Armen und ihrer Theologie etablieren will, siehe dazu schon einige Hinweise zu Müller und seiner Freundschaft mit Gutiérrez vom 2.1. 2016, klicken Sie hier. .

Eine siebente Beobachtung:

Man suche bitte im Register des Buches nach Namen, die zu dem Thema Papsttum von höchster wissenschaftlicher Bedeutung sind. Hans Küng sucht man vergeblich. Sein Name kommt nicht vor. Küng ist immer noch ein Verschmähter, zu klug für die Beamten im Vatikan. Er darf auch in Herrn Müllers Papstbuch nicht vorkommen. Küng hat bekanntermaßen das wichtige Buch „Unfehlbar“ geschrieben. Auch Hubert Wolf, Kirchenhistoriker, sucht man vergebens. Auch Leonardo Boff, den Befreiungstheologen. Hingegen kommt Lenin zweimal vor… Den Namen Benito Mussolini sucht man auch vergebens, er hat bekanntlich den Deal geführt, der zur Gründung des Staates Vatikanstadt führte. Nebenbei: Zur doppelten Rolle des Papstes als geistlicher Führer und als Staatschef habe ich bisher nichts gefunden in dem Buch von Müller. Auch den Namen Lorenzo Valla sucht man vergebens. Er hat schon im 15.Jahrhundert nachgewiesen, dass die so genannte Konstantinische Schenkung eine Fälschung ist. Aber der reaktionäre Papst-Verteidiger Joseph de Maistre hätte gut in die Reflexionen von Herrn Müller gepasst.

Auch die Literaturliste, offenbar die verwendete Literatur, ist dürftig. Hans Küng wird auch da nicht erwähnt. Hingegen Dietrich Bonhoeffer, den Müller manchmal zitiert, aber nicht dessen Überzeugung, man müsse als Christ heute so leben, als gäbe es Gott nicht usw…Der italienische Politiker Marcello Pera wird erwähnt mit seinem Buch über (bzw. gegen) den Relativismus. Pera stand und steht Berlusconi sehr nahe. Insgesamt ist das ein klägliches, sehr auf konservative Autoren gerichtetes Literaturverzeichnis. Man wird neugierig, wenn völlig entlegene Werke im Literaturverzeichnis auftauchen, etwa das Buch von Richard Baumann über den Papst, das in einem Verlag erschien, der sonst explizit traditionalistisches Schrifttum verbreitet. Baumann war hoch umstrittener Konvertit zum Katholizismus. Konservative Autoren als Literaturempfehlung im Verzeichnis, Remigius Bäumer, Louis Bouyer, Kardinal Walter Brandmüller, Heinrich Denifle, Ludwig Ott, Kardinal Leo Scheffczyk  usw…Manch ein Leser hätte förmlich Lust, Bücherpakete von aktuellen Theologen nach Rom zu senden…

Man wird den Eindruck wieder einmal nicht los: Diese Art von offizieller, man möchte sagen, Vatikan-staatstragender Theologie erweckt Assoziationen an das Niveau der alten Parteihochschulen der SED und anderer kommunistischer Parteien: Da wird hier wie dort nur selbst-bezogen argumentiert; die offiziellen Texte werden nach offizieller Lesart bearbeitet und zitiert; Funktionäre zitieren sich gegenseitig, Parteibeschlüsse bzw. Bischofsbeschlüsse, Konzilienbeschlüsse, Ergebnisse bilateraler Arbeitsgruppen usw.  werden hin und her zitiert. Die „Argumente“ dienen dem Machterhalt der Institutionen und ihrer Profiteure. Von kritischem, wenigstens wachem Geist kein Spur. Dies ist das Elend der offiziellen katholischen Theologie.

Sie ist in unserem Beispiel keine unabhängige Wissenschaft. Sie kennt keinen Abstand zum privaten Glauben des Autors Müller, der oftmals esoterisch gefärbt ist. Wie anders als esoterisch, also nicht-theo-logisch, d.h. logos-mäßig, vernünftig argumentierend, kann man denn diesen Satz von Herrn Müller (S. 102) lesen zur Ehe-Theo-„logie“: „Die Ehe ist als Sakrament eine vollkommene Analogie der hingebenden Liebe Christi am Kreuz, durch die er sich die Kirche als Braut erworben hat… Weil Gott selbst (!) die christlichen Ehegatten aufgrund ihres freien Ja-Wortes miteinander verbunden hat, sind sie darum in Christus ein Fleisch geworden. Und darum ist die Ehe auch innerlich unauflösbar“ (S. 103). Nur einmal als Test: Man lese bitte diesen Satz jungen Leuten vor, vielleicht Eheleuten in einem Elendsviertel in Lima, Peru, oder in Berlin-Kreuzberg laut vor und überprüfe die Reaktionen…  Man sieht nur an diesem Beispiel, dass Müller mit seinem Papst-Buch auch die heute angeblich so furchtbar wichtigen Themen der Ehe-Theologie mitbehandeln will.

Eine achte Beobachtung: Eher nebenbei formuliert.

Es ist ein Beleg für die abgehobene Sonderrolle in einer abgeschlossenen Sonderwelt im Vatikan, dass sich Kardinäle, so auch Herr Müller, mit dem eher zum Schmunzeln führenden Namen „Gerhard Kardinal Müller“ tatsächlich als Autor präsentieren… und bitte auch in ergebenen katholischen Kreisen so angeredet werden wollen. Und die Ergebenen tun das auch.  Ich hätte spaßeshalber Lust, meinen kurzen Beitrag so zu zeichnen: „Christian Journalist Modehn“. Geschrieben am Hochfest der heiligen Juliana von Nikomedien oder wahlweise am Hochfest des seligen Papstes Gregor X. Dies ist säkular gesprochen: Der 16. 2. 2017.

Noch etwas nebenbei: Kardinal Müller hat sein Opus, wie er auf Seite 16 im Vorwort schreibt, vollendet zu Rom, „am Hochfest der Cathedra Petri 2017“. Für alle nicht so einschlägig Gebildeten: Dieses Fest feiern die Kardinäle in Rom und anderswo am 22.Februar. Es heißt auf Deutsch: „Petri Stuhl-Feier“. Gefeiert wird der Sitz Petri! Verwunderlich ist: Das Vorwort wurde laut Datierung (22.2. 2017) von Herrn Müller geschrieben nach dem Erscheinen des gedruckten Werkes. Ich habe das Buch seit dem 14. 2. 2017 in den Händen. Ist da etwa ein Druckfehler passiert? Oder findet da eine Art Bedürfnis einen Ausdruck, dieses Buch an einem Papstfeiertag zum Druck abgegeben zu haben?

Das Buch „Der Papst. Sendung und Auftrag“ ist am 14.2.2016 im Herder Verlag erschienen. Es wird weitere Debatten über den Zustand katholischer Theologie in Rom auslösen. Dieser Beitrag war eine erste kritische Ermunterung, in dieses voluminöse und verstörende Werk zu schauen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Einfach glauben.Eine Radiosendung am 19.Februar

23. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Termine

Einfach glauben: Wenn Menschen wieder Wesentliches spüren wollen.

Eine Radiosendung in der Reihe „Glaubenssachen“ auf NDR Kultur um 8.40 Uhr am Sonntag, den 19. Februar 2017.
Von Christian Modehn. Die Sendung kann man noch hören, klicken Sie hier.

In ihrer 2.000-jährigen Geschichte haben die Kirchen ein umfassendes Gebäude aus Lehren und Geboten, Gesetzen und Bekenntnissen entwickelt. Der christliche Glaube wurde hoch komplex und deswegen für den einzelnen kompliziert. Dabei hatte Jesus von Nazareth nur das „eine Notwendige“ fürs Lebensglück vorgeschlagen: die Liebe zu Gott sowie die Selbst- und Nächstenliebe. Heute fordern immer mehr Theologen und Philosophen: Entdecken wir den einfachen Glauben wieder. Welches Profil hat er? Einfach im Sinne von leicht wäre dieser „einfache Glaube“ sicher nicht. Befreiend aber allemal.



Zuflucht beim Philosophen: Der Apostel Paulus in Ephesus.

14. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Theologische Bücher

Ein Hinweis von Christian Modehn

Luther hat wohl von dem berühmten Philosophen in Ephesus mit dem nicht gerade sympathischen Namen Tyrannus nichts gewusst. Sonst wäre sein negatives Urteil über die Philosophie im allgemeinen anders ausgefallen. Vielleicht hätten Luther und die spätere philosophiefeindliche Kirche gewusst: Philosophen waren selbst dem Apostel Paulus behilflich. Und: Die christliche Lehre lässt sich auch, freilich immer neu und deswegen immer anders, philosophisch aussagen. Das hat Luthers großer Meister Paulus ja tatsächlich selbst auf dem Areopag in Athen bewiesen.

Aber der Reihe nach: Jedenfalls war der Philosoph Tyrannus alles andere als ein „Alleinherrscher“ (im Denken), wie sein Name nahe legen könnte. Er war großzügig, gastfreundlich und tolerant. Und es gab diesen Philosophen Tyrannus wirklich: Im neutestamentlichen Buch der „Apostelgeschichte“ wird von der dritten Missionsreise des Paulus berichtet, die ihn nach Ephesus führte. Dort predigte er als Jude, der an den auferstandenen Jesus Christus glaubt, „drei Monate lang in der dortigen Synagoge“ (so Apg. 19, Vers 8). Dies muss um das Jahr 53 gewesen sein, also etwa 20 Jahre nach dem Tod Jesu von Nazareth. Zu der Zeit war die eher überschaubare Gruppe der ursprünglich jüdischen Jesus-Freunde noch stark in den Synagogen verwurzelt. Aber es gab dann schon in Ephesus um das Jahr 53 doch konfessionellen Streit, so berichtet später der Autor der Apostelgeschichte: In der Synagoge von Ephesus zeigten sich einige Juden angesichts der Predigten des jüdischen Jesus-Freundes Paulus „verstockt“, sie redeten „übel von der Lehre des Paulus“, berichtet die Apostelgeschichte, die mindestens 20 Jahre später, also sicher nach 70, verfasst wurde, zu einer Zeit also, als die ersten Christen sich von den Synagogen immer mehr lösten. Und was tat der Apostel Paulus im Jahr 53 in Ephesus, in dieser lebendigen Kulturmetropole? Er wandte sich in seiner Not, an einen Philosophen, eben an den genannten Tyrannus, und er fand bei ihm Zuflucht, zwei ganze Jahre lang!  Ob der Philosoph von Ephesus tatsächlich Tyrannus hieß oder ob da eine gewisse Distanz des Autors der Apostelgeschichte der Philosophie im allgemeinen zum Ausdruck kommt, ist ungewiss. Jedenfalls hat es diesen Obdach gewährenden Philosophen gegeben. Dazu muss man wohl wissen, dass damals Philosophen eigene, oft geräumige Häuser hatten als Treffpunkte für die philosophische Debatte unter der Anleitung eines Meisters. Der Philosoph Tyrannus stellte sich also der Konkurrenz, und ließ Paulus „täglich in seiner Schule“ predigen. „Und das geschah zwei Jahre lang, so dass alle, die in der Provinz Asien wohnten, das Wort Gottes hörten, Juden und Griechen“, so heißt es im 19. Kapitel, Vers 10. Dass damals schon eine Art hysterischer Pauluskult existierte, eine Art Heiligenverehrung zu Lebzeiten, wird ebenfalls in Vers 11 und 12 berichtet: Die fromm gewordenen Christen nutzten die abgelegten Kleidungssstücke des Apostels Paulus und „hielten diese (wie Wundermittel) über die Kranken und … die Krankheiten wichen von ihnen und die bösen Geister wichen aus“. Was dazu der Philosoph Tyrannus gesagt hat, wird nicht überliefert, aber er ließ den Apostel und dessen Kreis in seinem Haus gewähren. Das nennt man Toleranz!

Es ist schon erstaunlich, dass von dem gastfreundlichen Philosophen in Ephesus, also von Tyrannus, nichts weiteres im Detail berichtet wird. Kein Wort der Anerkennung, nichts! Selbst die heute vorliegenden historisch-kritischen Kommentare zur Apostelgeschichte erwähnen ihn oft sogar nicht. Es muss schon der frühen Kirche peinlich gewesen sein, dass ausgerechnet eine philosophische Schule zum Ort der Missionspredigt des Apostels Paulus werden konnte.

Im Kolosserbrief des Neuen Testaments, (der nicht von Paulus stammen kann, der Text wurde erst 10 Jahre nach dessen Tod geschrieben, also um das Jahr 80,) wird schon ausdrücklich vor „der“ Philosophie gewarnt. Im 2. Kapitel des Kolosserbriefes heißt es: “Seht zu, dass euch niemand einfange durch Philosophie und leeren Trug, gegründet auf die Lehre von Menschen und auf die Mächte der Welt und nicht auf Christus“: Hier wird Philosophie als Leistung der Menschen radikal der viel wertvolleren Botschaft der Kirche als „Gottes Wort“ gegenübergestellt, wie es denn auch im folgenden Vers heißt: “Denn in ihm, in Christus, wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig“ (Vers 9). Mit anderen Worten: Wer Christus folgt, braucht keine Philosophie, und er braucht nicht zu fragen, ob denn die Bibel vom Himmel gefallen ist oder nicht auch eine Variante von Menschenwort ist, eben: Menschenwort von frommen Leuten. So ereignete sich schon im Kolosserbrief eine verhängnisvolle Begrenzung des christlichen Glaubens, die sich dann immer mehr durchgesetzt hat, bis hin zu der bis heute vertrauten Kirchenlehre: „Die Philosophie ist bloß die Magd (ancilla) der Theologie“…

Dabei hat der authentische Apostel Paulus durchaus viel von Philosophie verstanden. Bekanntlich stammte er als römischer Bürger aus Tarsus, dort erlebte er die Vielfalt philosophischer Schulen. Auf die Stoa und den Neoplatonismus haben sich später viele so genannte Kirchenlehrer bezogen und deren Begriffe (und Inhalte) übernommen. Schließlich mussten sie das Evangelium im Kontext der damaligen Kulturen aussagen. Und dieser Mix aus Neuplatonismus und jüdischem Denken wurde dann in den Glaubensbekenntnisse und frühen Dogmen festgeschrieben. Das mag für das 4. oder 5. Jahrhundert sinnvoll gewesen sein; problematisch ist, dass die Bindung an die Sprache des Neuplatonismus bis heute in den allgemeinen Glaubensbekenntnisse weiter gepflegt wird, obwohl heute kaum nich jemand in neuplatonischen Vorstellungen denkt. Wer kann sich etwas vorstellen, dass der Logos als „gezeugt aber nicht geschaffen“ zu denken sei, um nur ein Beispiel aus dem allgemeinen Glaubensbekenntnis zu nennen. Die Kirchen tun auch heute so, als gäbe es nur eine mögliche Philosophie, die für ihr Glaubensbekenntnis akzeptabel ist, nämlich die neuplatonische oder die stoische…Was sollen sich da die Inder oder Chinesen bloß denken, wenn sie etwa katholisch werden oder den Lehren Calvins folgen müssen? Es sind die Verfügungen der Hierarchie, die diese Bindung an eine veraltete Philosophie verewigt haben. Aber das ist ein anderes Thema…

Entscheidend ist: Mit seiner philosophischen Kenntnis konnte Paulus in Athen auf dem wichtigen (Gerichts-)Platz, dem Areopag, eine philosophische Predigt halten (Apg., 17, 16 ff). Interessant bis heute sind die Aussagen des Paulus dort: Alle religiösen Menschen verehren über ihren konkreten Gott noch einen unbekannten (größeren) Gott…Und Gott wohnt „NICHT in Tempeln, die mit Händen gemacht sind“. Gott braucht nicht den Dienst (den Kult) von Menschen; er ist nicht ein Gott, „der etwas nötig hätte“, „da er doch selbst jedermann Leben und Odem und alles gibt“, so in Vers 25. Das ist philosophische Religionskritik, die Paulus da bietet. Und weiter: Gott ist der Schöpfer der Welt. DESWEGEN können die Menschen als Menschen Gott suchen und finden. Und dann die entscheidenden Aussagen: “Gott ist nicht ferne von einem jeden von uns, denn in Gott leben, weben und sind wir, wie auch einige Dichter bei euch (Athenern) gesagt haben: Wir Menschen sind seines, also Gottes, Geschlecht…Wir sind göttlichen Geschlechtes“.

Welche Weite des Denkens spricht da: Der Mensch, jeder Mensch kann als Mensch Gott suchen und finden, so die Behauptung des Paulus. Seine Gnadenlehre, seine Kirchenfixierung wie im Römerbrief, dem Lieblingstext des Reformators Luthers, bleibt hier außen vor! Das heißt: Es gibt und darf theologisch auch eine Theologie geben, die für die Universalität der Gottes-Beziehungen aller Menschen eintritt und nicht kleinlich den Zugang zu Gott von der Kirchenbindung (Taufe, Rechtfertigung usw.) abhängig macht. Allerdings spricht Paulus am Ende seiner Areopag Rede dann doch von Jesus als dem von Gott Auferweckten und Auferstanden. Offenbar waren des Paulus Worte hier so ungeschickt und schon wieder so dogmatisch, dass einige Zuhörer darüber spotteten und andere sagten: “Wir wollen dich darüber ein andermal hören“…

Warum fehlten dem Apostel Paulus diese Worte: Wenn wir Menschen in Gott sind und mit ihm verbunden, eins,  sind, dann sind wir über den Tod hinaus in Gott bewahrt. Also auferstanden?

Weiter hilft die Erkenntnis, die etwa Pierre Hadot, einer der besten Kenner der griechischen und römischen Philosophie, verbreitet: Auch das Christentum ist eine philosophische „Schule“ unter anderen philosophischen „Schulen“, wobei das Christentum dann selbst mehrere Schulen umfasst. Das Christentum wurde in der Frühzeit von anderen philosophischen Schulen so wahrgenommen. Später wurden die philosophischen christlichen Schulen zu Kulttempeln mit abgehobenen und ausgesonderten Klerikern, Bischöfen usw. an der Spitze: Der treffende Gedanke des Paulus in Athen, dass Gott NICHT in Tempeln wohnt, wurde verdrängt und vergessen. Der Klerus muss sich präsentieren in seiner Macht. Dazu wurden dann schon ab dem 4. Jahrhundert prachtvolle Tempel, Kirchen, errichtet. Dass Gott zuerst und vor allem in den Herzen der Menschen wohnt, trat in den Hintergrund. Einige Philosophen und viele Mystiker-Philosophen haben diese Einsicht bewahrt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 



Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

10. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

Hinweise von Christian Modehn, veröffentlicht am 18. Dezember 2015.

Man muss  sich jedoch auch im Jahr 2017 mit der aktuellen Entwicklung der sich allmächtig fühlenden PIS Partei in ihrer Verquickung mit der katholischen Kirche befassen. Hilfreich dabei sind die Analysen des polnischen Politologen (und EX-Jesuiten) Stanislaw OBIREK, jetzt Professor in Warschau. Er ist leider in Deutschland noch ziemlich unbekannt. Wann werden Bücher von Obirek übersetzt? Der MDR hat einige seiner kritischen Gedanken zu PIS und polnischem Katholizismus publiziert, ein sehr wichtiges Interview, klicken Sie hier.

Wichtig ist auch der Beitrag von Florian Kellermann „Wie Pech und Schwefel“ über die engste Einheit von katholischer Kirche (Klerus) mit dem PiS System. Der Beitrag erschien in der Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“, also in „Christ und Welt“ vom 2. Februar 2017, Seite 5). Die zentrale Aussage: Mit Hilfe eines nationalistisch-reaktionären Klerus wird die polnische Gesellschaft und der polnische Staat in ein autoritäres System umgebaut. (Erneut gilt es, philosophisch, religionswissenschaftlich, soziologisch und historisch die ideologische Nähe von hierarchischem Klerus bzw. absolut hierarchisch organisierter Kirche zu autoritären Regierungsformen zu untersuchen: Das Spanien unter Franco, die Diktatur in Portugal, Mussolini, die faschistoiden klerikalen Politiker in Kroatien einst, die Verbundenheit von Diktatoren Lateinamerikas mit der Kirche wären erneut zu studieren). Und es erstaunt, dass der angeblich progressive Papst Franziskus den PiS Freund Marek Jedraszewski zum (politisch so bedeutsamen) Erzbischof von Krakau ernannte… Die wenigen noch mutigen demokratischen Richter und Oppositionspolitiker verdienen mehr Beachtung und Respekt, natürlich die wenigen katholischen Priester und Theologen, die den PiS Wahn nicht mitmachen.

Wichtig wäre, wenn umfassend freigelegt werden könnte in einer objektiven Recherche: Warum kann weder die Leitung des Redemptoristen-Ordens in Rom noch der Vatikan (der Papst) den nationalistischen und antisemitischen Redemptoristenpater Tadeusz Rydzyk vom Posten des Medien-Imperiums Radio Maryja entfernen? Und natürlich diesen Hetz-Sender abschalten?  Nebenbei: Theologische Links-Abweichler werden sofort vom römischen System bestraft und „still gelegt“, nicht hingegen Hetz-Propagandisten wie Pater Rydzyk und sein Medien-Imperium, das sozusagen ein Sprachrohr der PiS Regierung ist.

Auch am Beispiel des heutigen Polen wird deutlich: Der wahre oberste Gott, dem alle demokratischen Grundrechte geopfert werden, heißt: Absolutes Verbot der Schwangerschaftsunterbrechung. Und absolutes Verbot jeglicher Gender-Offenheit. Diese beiden Themen sind die hochheiligsten Götter so vieler Katholiken in Polen (und anderswo). Die Kirche ist offenbar theologisch und spirituell so arm, dass sie alle Energie in den Kampf gegen Schwangerschaftsabbrüche und in den Kampf gegen Gender-Debatten setzt. Welche theologische Blamage (eventuell kommt noch der äußerst beliebte und geförderte Marien-Kult hinzu, als Beispiel für die gehorsame Frau an Heim und am Herd…)

Mein Hinweis, verfasst am 18.12.2015: Die klerikale Macht ist wieder da: Mitten in Europa. Einige wenige Kilometer von Berlin entfernt: In Polen. Seitdem Jaroslaw Kaczynski als Führer der Partei PiS die Politik in Polen jetzt bestimmt, „der mächtigste Mann in Polen“ (SZ 18.12.2015), gilt: „Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, das war gestern. Auch die Medien werden gerade auf PIS-Linie gebracht…“ So Barbara Oertel in der „TAZ“ vom 18. Dezember 2015, Seite 1. Dieses treffende Urteil wird geteilt von der Presse in Europa, auch von dem früheren Staatspräsidenten und Solidarnosc-Gründer Lech Walesa. Er sagte, „wenn Jaroslav Kaczynski nicht die Angriffe auf die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts einstelle, werde ich mich noch einmal an die Spitze des Protestes stellen und den Kampf anführen“, so die SZ vom 18. Dezember 2915, Seite 4. Ob Herr Walesa alles demokratisch-liberal besser machen würde, sei dahingestellt. Aber immerhin: Er wehrt sich gegen seinen „Erzfeind“ Kaczynski.

Das neue Regime, gegen das sich erste Massenproteste in Polen organisieren, hat eine in Polen altbewährte ideologische und kaum einzuschüchternde machtvollste Stütze: Die katholische Kirche. Auch wenn die Säkularisierung als Kirchendistanz der Jugend dort zunimmt: „Polnisch ist identisch mit katholisch“. Zumindest am Stammtisch und an Wallfahrtsorten gelten solche Sprüche … und am Wahltag.

Die Trennung von Kirche und Staat, diese große und unaufgebbare Errungenschaft der europäischen Aufklärung, soll in Polen offenbar wieder verschwinden. Reaktionäres wird offen als Bekenntnis aufgesagt, Formulierungen werden üblich, die vor der Französischen Revolution von Macht versessenen Klerikern propagiert wurden: Konkret: Die Lehren der Kirche, der römischen, sollen über die Nation und die Politik bestimmen. „Das Fundament des Polentums sind die Kirche und ihre Lehre“, so der Parteichef von PiS, Jaroslaw Kaczynski kürzlich. Und Ronald Düker berichtet darüber in „Die Zeit“ (vom 17.Dezember 2015, Seite 47), er zitiert den PIS Chef: „Wer seine Hand gegen die Kirche erhebe, dem solle die Hand verdorren“.

„Wer seine Hand gegen den Koran und den Propheten erhebt, dem soll die Hand verdorren“, heißt es in Saudi-Arabien; dem wird dort sogar die Hand sehr oft abgeschlagen. Kacznyski von PIS orientiert sich in seinem politischen Denken offenbar am saudischen, iranischen,am IS-Vorbild usw. „Bravo“, fundamentalistischer Islamismus ist nun in gewisser Weise in einer römisch-katholischen Variante zu haben. In Polen. Nur noch dort ist das in Europa noch möglich. Das einst ebenso ultra-katholische Irland ist inzwischen – nach der Vielzahl pädophiler Verbrechen durch dortige Priester – zur Vernunft, d.h. zur kritischen Demokratie gekommen, ohne Kircheneinfluss!

Was ist passiert in Europa, dass Politiker in Polen so viel Hetze und so viel Schwachsinn sagen dürfen? Natürlich, auch die Vorgänger-Regierung hat wie üblich vieles versprochen und fast nichts gehalten. So ist die Frustration groß. Aber muss man deswegen anti-demokratisch wählen?

Wann wacht Europa auf und sagt: Lieber PIS Chef, du gehörst nicht mehr zur Gemeinschaft der Europäer dieses 21. Jahrhunderts. Du hast dich im Jahrhundert geirrt, geh zurück in dein 13. Jahrhundert. Verschwinde in einem dunklen Kloster der Trappisten oder Karthäuser. Dort heißt die Ordenregel: „Schweige“.

Was der PIS Chef jetzt sagt, ist das Resultat Jahre langer Infiltration, wenn nicht von Gehirnwäsche, durch den in volkstümlichen Kreisen allmächtigen offiziellen römisch-katholischen Radiosender MARYJA, der sich inzwischen ein umfangreiches Medien-Imperium zugelegt hat, bis hin zu den auch anderswo immer beliebten katholischen Journalisten-Schulen. Dieses MARYJA Imperium ist antisemitisch, homophob, anti-ökumenisch, das sagen alle wissenschaftlichen Untersuchungen, auch im freien „Teil“ Polens, Radio Maryja wehrt sich gegen die liberale Demokratie. Es folgt darin den ständig wiederholten Urteilen des polnischen Papstes Johannes Paul II., der immer wieder sagte: Der Kommunismus sei genauso gefährlich wie die moderne, westliche liberale Demokratie, die in der Sicht dieses Papstes angeblich nur relativistisch und damit nicht kirchen-hörig sei. Große Verteidiger der westlichen liberalen Demokratie waren selbst die Päpste nach dem 2. Vatikanischen Konzil nie, man denke nur daran, dass im offiziellen Römischen Katechismus, den Kardinal Joseph Ratzinger verfasste (1994), kein Wort zur DEMOKRATIE vorkommt. Auf mehr als 800 Seiten wird von allen möglichen Themen (etwa Naturrecht, natürlich Jungfrauengeburt seitenweise) gesprochen, nur nicht von Demokratie. Hat man das jemals wahrgenommen? Haben die Religionskritiker sich nicht die Mühe gemacht, den Katechismus zu lesen? Dort ist die Theologie Ratzingers offizielle römische Lehre geworden.

In Polen hat man jedenfalls das gesehen, diese Leerstellen zu Demokratie im Katechismus. Und davon profitiert. Pater Tadeusz Rydzyk aus dem Redemptoristen Orden (also dem Erlöser-Orden!) hat als Chef des Maryja-Imperiums sehr wohl verstanden, dass Katholizismus sich nicht mit liberaler Demokatie reimen darf. Seine polemischen Sendungen, seine Zeitungen und Fernsehberichte, sie alle haben für das klerikale Macht-System plädiert, für den Volkskatholizismus, der keinen Verstand braucht, sondern nur Wallfahrten und Marien-Lieder. Der PIS Chef glaubt das alles und seine vielen PIS Getreuen ebenso. Herr Kaczynski, Chef der möchtgen PIS-Partei, sagt: „Ohne Pater Rydzik von Radio Maryja hätte PIS die Wahl nicht gewonnen“. Kann klerikale Macht deutlicher sein?

Es gab immer wieder zaghafte Versuche von einigen wenigen noch demokratisch-klugen polnischen Bischöfen, gegen das MARYJA Imperium vorzugehen. Nur am Rande, um zu zeigen, dass schon vor 10 Jahren, heftigste und gut begründete Kritik an dem HETZ-Sender Radio Marya vorgetragen wurden. Ich habe in einer Radiosendung für NDR INFO 2006 einige Aspekte dokumentiert: Der polnische Redemptoristen-Pater Rydzyk hat im schwäbischen Immenstadt, bei dem Katholischen Sender Radio Horeb, das Journalistenhandwerk gelernt! Jetzt findet Radio Maryja die ganze Gunst der ultrakonservativen Regierung, bezogen auf das Jahr 2006 der Sendung: Die polnisch-deutsche Politologin Katharina Stankiewicz beobachtet Radio Maryja seit einigen Jahren: Sie sagte im Jahr 2006:

„Wenn man sich den Sender anhört und die Sendungen anhört, dann hört man sehr radikale Aussagen. Man hört regelmäßig antisemitische Aussagen. Nun ist es nicht so leicht, dem Sender direkt vorzuwerfen, er würde antisemitisch eingestellt sein. Das ist so, weil es in den Sendungen einen ganz breiten Raum für die Hörer gibt, die eben regelmäßig anrufen und sehr viel Zeit haben, um eben zu sprechen. Und antisemitische Äußerungen werden eben als solche stehen gelassen, werden auch mit dem Gebet eingeleitet und auch gutgeheißen, also ich finde das insgesamt doch sehr problematisch“. Inzwischen hat sich (2006) Marek Edelman, der einzige Überlebende Kommandant des Jüdischen Aufstands im Warschauer Getto in einem Offenen Brief gegen Radio Maryja gewandt: „Einige Sendungen unterscheiden sich nicht vom Niveau der Nazizeitung „Der Stürmer“. Der Sender verbreitet Fremdenhass und Antisemitismus“.

Auch die polnischen Bischöfe wollten überlegen, wie sie Radio Maryja zur Vernunft rufen können. Erzbischof Henryk Muszynski hat die irrige Propaganda von Radio Maryja erkannt, er sagte 2006 als Erzbischof von Gnesen: : „Man kann nicht das Problem von Radio Maryja wegwischen, wegdiskutieren. Meine Meinung ist ganz klar, wir brauchen ein religiöses Radio. Aber man sollte Religion und Politik trennen“… Was aber nicht passierte!

Die Ordensleitung der Redemptoristen in Rom wurde eingeschaltet, sie sollte den „Mitbruder“ bremsen, sogar der Vatikan sollte den Macht besessenen Pater zur Raison bringen. Alles umsonst. Der reaktionäre Rydzyk kann weiter hetzen gegen alle demokratischen Kräfte. Entscheidend für Papst und Bischöfe ist ja: Dieser Pater verteidigt die offizielle katholische Lehre, die rigide Moral, den alten Glauben, dann soll er doch weitermachen. Antidemokratischer Geist ist doch nicht so wichtig bei so viel korrekter Frömmigkeit! Solange Radio Maryja die meisten Polen katholisch bestärkt, ist der Sender eben gut und nützlich für die Kirche und die Macht der Kirche. Darum kann dieser Hetz-Sender weiter exstieren. Kirchliche Interessen gehen wieder einmal vor den Interessen der Menschenrechte!

Jetzt sieht man beim Sieg der PIS Leute 2015, was Hochwürden Pater Rydzyk alles bewirkt hat…

Noch stehen wir am Anfang, die offensichtliche klerikale Macht in Polen zu beobachten. Dank sei der „Zeit“, dass sie als eine der ersten großen Medien in Deutschland auf diese Zusammenhänge aufmerksam machte. Wann werden sich die deutsche Bischöfe melden und wenigstens pro Forma fragen bei den polnischen Bischofskollegen: Na, wie wollt ihr denn die Demokratie in Polen retten? Werden die deutschen Bischöfe das tun? Dann würden sie Demokratie wichtiger nehmen als volkstümliche, antisemitische usw. Frömmigkeit a la Rydzyk…

Es ist eine Schande, dass sich jetzt in Europa eine Kulturrevolution vollzieht, in reaktionärstem katholischen Geist. Man lese bitte den ganzen Artikel in „Die Zeit“: Die Hauptaussage: Es findet in Polen eine kulturelle Säuberung statt!

Eine Schande, dass der Katholizismus 50 Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil eine solche Fratze zeigt. Die katholischen Polen um PIS (wo bitte sind die anderen, die demokratischen Katholiken, zeigen sie sich, haben sie Angst) tun nichts für die Flüchtlinge. Sie lassen Deutschland in gewisser Weise allein. Diese polnischen Regierungen und das polnische Volk haben Milliarden Euro von Westeuropa erhalten. Ohne die Zahlungen stände Polen heute ökonomisch sehr erbärmlich da. Wäre nicht wenigstens solidarische Dankbarkeit eine katholische Tugend? Wo man doch jetzt in PIS Kreisen so viel von katholischen moralischen Tugenden spricht. Aber es ist einfacher, an Marienwallfahrtsorten Marien-Lieder zu schmettern als dem Ruf der alttestamentlichen Propheten zu entsprechen: „Tut Recht den Armen. Helft den Leidenden, den Fremden“. Der PIS – Katholizismus ist eine reaktionäre, politisch befangene gefährliche Ideologie. Vom biblischen Glauben ist dort offenbar nichts vorhanden. Alles ist frommes Getue zu politischen Zwecken, der Stärkung der Nation, der Abgrenzung, der Freund-Feind-Bilder, der Verdummung der Bürger.

Der Religionsphilosophische Salon ist vom Thema her sozusagen verpflichtet, Religionskritik zu üben. Damit diese nicht aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



Die „Heilige Familie“: Einige kritische Hinweise zu einem problematischen Bild und einem katholisch-politischen Fest

29. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik, Termine

Ein Hinweis zum katholischen wie auch politisch inszenierten „Fest der Heiligen Familie“.

Von Christian Modehn

Sinn und Unsinn katholischer Feiertage werden besonders deutlich, wenn man das „Fest der Heiligen Familie“ einmal aus der Distanz, also kritisch, anschaut; das Fest wird in diesem Jahr 2016 am Freitag, den 30. Dezember, gefeiert. Die Erkenntnis vorweg: Das Fest und die Verehrung der sog. „Heiligen Familie“ sind eine fromme Konstruktion. Selbst wenn man wortwörtlich die wenigen Zeilen im Neuen Testament über die aus drei Personen bestehende Familie in Nazareth liest, kann diese Familie für real lebende Menschen kein heiliges Vorbild sein. Sie ist nämlich keine umfassend-menschliche Familie, sondern letztlich irgendwie halb-göttlich aufgrund von Jungfrauengeburt und dem weiteren asexuellen Leben des Paares (wobei Josef nicht der Vater ist). Und es ist sehr fragwürdig, warum dieses Fest weiterhin propagiert wird.  Aus politischen Gründen, wahrscheinlich… Aber lesen Sie weiter:

1. Die Familie Jesu in Nazareth soll heilig, d.h. vorbildlich sein.

Wenn man die offizielle dogmatische Lesart der entsprechenden äußerst knappen Hinweise im Neuen Testament beachtet, ergibt sich:
Jesus hat also keinen leiblichen Vater.

Jesus wurde also nicht menschlich gezeugt, das heißt: Er ist kein Produkt menschlicher Liebe, Lust und Leidenschaft. Ist er also kein ganzer Mensch?

Sein Vater Josef ist sozusagen der freundliche Herr, ein Freund Marias, der sich um das von ihm gar nicht gezeugte Kind kümmert.

In allen Berichten des NT schweigt Josef, er sagt praktisch gar Nichts. Er folgt lediglich den Befehlen Gottes. Gehorsam ist seine größte Tugend. In dieser Sanftmut ist er vielleicht ein vorbildlicher Mann, jedenfalls ist er kein Macho. Wie er zu dieser stillen Sanftheit gekommen ist, wird nicht verraten.

Maria selbst ist eine Frau, die aus dem menschlichen „Rahmen“ fällt, sie ist selbst schon ohne Erbsünde befleckt geboren worden; also förmlich von paradiesischer Unschuld. Die angeblichen Marien-Eltern Anna und Joachim (sie werden im NT nicht erwähnt) haben also auch Maria schon ohne Erbsünde gezeugt und empfangen. Warum sind dann aber Anna und Joachim nicht auch ihrerseits schon frei von Erbsünde?

Ist die Mutter Maria also eine menschliche Frau oder hat sie sozusagen mindestens ein Bein noch in der Unschuld des Paradieses?

Nach offizieller dogmatischer Lesart wird Jesus also in einer Ein-Kind-Familie groß. Das wäre heute sogar vorbildlich angesichts des Bevölkerungsüberschusses gerade in den katholischen Gegenden Afrikas und der Philippinen. Tatsächlich empfiehlt die katholische Hierarchie, der Klerus, aber immer eine kinderreiche Familie. Papst Franziskus hat da Gott sei dank andere Vorstellungen, die er auf den Philippinen deutlich ausdrückte. Dafür sollten vernünftige Menschen ihm danken!

Das Neue Testament spricht zwar ausdrücklich von Brüdern Jesu, etwa Jacobus wird genannt, aber dieser Titel Brüder Jesu wird dogmatisch uminterpretiert: Es sind dann Neffen oder ähnliche Verwandte: Hätte Jesu Brüder, dann hätten ja Josef und Maria mindestens nach der Geburt Jesu doch Sex miteinander gehabt. Weil Sex aber zwischen Josef und Maria ausgeschlossen ist, wird Josef klassisch als uralter Herr dargestellt. So wurde Jesus also von einem Opa erzogen…

Also wird das Einzelkind Jesus groß und zum Mann bei einem Elternpaar, die aufpasst, keine Erotik, keinen Sex, miteinander zu haben. Jesus wird also in einer asexuellen Familie groß. Vielleicht ist sein späterer Widerstand gegen die Eltern daraus erklärlich? Ist er böse, dass er sexuell vielleicht nicht aufgeklärt wurde? Hatte er als Mensch (er ist wahrer Mensch, sagen die katholischen Dogmatiker) gar keine Erotik? Keinen Sex? Warum wird das alles verschwiegen in dem heiligen Buch Neues Testament?

Ist eine solche Familie heilig, erstrebenswert? Die Familien-Ideologie wird immer katholischerseits verstanden als Hetero-Familien-Ideologie, sie ist offiziell in der römischen Kirche heute äußerst dominant. Der Schutz dieser Familie mit der klassischen Mami in der Küche und dem lieben Papi, der zur Arbeit geht, wird heute katholischerseits weltweit propagiert, ist zentrales Glaubensbekenntnis wie etwa der Schutz des ungeborenen Lebens! In Frankreich etwa war die katholische Mobilisierung gegen die gesetzlich erfolgreiche Ehe für alle (also auch für Homosexuelle usw.) ein Höhepunkt der Opposition gegen Präsident Hollande (PS), diese Familien-Opposition hat letztlich auch die PS zu Fall gebracht. Die „Heilige Familie“ ist also sehr politisch und kämpferisch für die alten Familien-Idyllen.

Dass diese alten Hetero-Ehe-Modelle auch viel Unheil anrichten, wird natürlich oft übersehen: Gewalt in der Ehe, Unterdrückung der Frauen, kaschierte Untreue, verlogene Sexualität usw. Und jeder weiß, dass etwa in den katholischen Familien etwa Lateinamerikas die eine Mutter Kinder von 5 verschiedenen Männern hat, für diese 5 Kinder muss sie allein sorgen, weil die katholischen Männer längst woanders sind. In katholischen Regionen gibt es eigentlich keine klassischen Familien mehr, dieses Modell ist aufgrund der globlisierten Ökonomie gescheitert: Vati arbeitet 500 Kilometer entfernt von der Familie, eher normal etwa in Brasilien…Wer die klassische Familie retten will, sollte diese Ökonomie kritisch bekämpfen.

Also: Dieses merkwürdige mythische Bild der Heiligen Familie von Nazareth ist heute nichts als fromme Ideologie und schöner Schein. So wird eine reife Auseinandersetzung mit Sexualität und Partnerschaft in allen möglichen Lebensformen verhindert. So unterbleibt das öffentliche und reife Gespräch zum Thema Sex in aller Vielfalt und Ehe in aller Vielfalt.

2.

Einige deuten die heilige Familie Jesu in Nazareth auch ketzerisch etwas anders: Maria empfängt Jesus durch eine künstliche Befruchtung. Ihr Freund Josef, der „Partner“,  akzeptiert das. Und lebt mit Maria und dem dann geborenen Kinde Jesus zusammen. Und es entstehen aus der Liebe Josef und Marias weitere Kinder, Geschwister Jesu. Diese sind dann wahrscheinlich ohne künstliche Befruchtung entstanden.

3.

Oder wer es sanfter, biblisch zutreffend, will: Josef ist natürlich und ganz klar der leibliche Vater Jesu. Und er ist der Vater der Geschwister Jesu, Maria die Mutter. Dies ist heute die Überzeugung der historisch-kritischen Bibelinterpretation der mythologischen Berichte im Neuen Testament.

Die spätere Theologie wollte die Göttlichkeit Jesu auf ihre drastische Weise retten; sie musste sich auf einen himmlischen Vater (den heiligen Geist) Jesu beziehen. Jesus sollte ja auch – auf diese Weise konstruiert – eine göttliche Natur haben). So war es wieder einmal der dogmatische Zwang, der ein umfassend menschliches Verstehen des Menschen Jesu gewaltsam verhinderte. Den Gläubigen wurden Hilfskonstruktionen als Glaubensinhalte zugemutet: Unbefleckte Empfängnis Mariens, Josef als alter „Nährvater“ usw., also Begriffe und Bilder, die nur ein vernunftfreier, d.h. gedankenloser Glaube annehmen konnte.

Die Bereitschaft, solches zu glauben, ist heute zumindest in Europa vorbei. Gott sei Dank. Aber die offizielle Kirche tut noch so, als müsste sie diese dogmatischen Konstruktionen weiter als Glaubensinhalt predigen und zu glauben verlangen! Was für ein Fehler, das Menschliche an Jesus auf diese Weise nahezu total auszuschließen.

Copyright: Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon Berlin.

 



Von einem Gott, der „beinahe nicht besteht“. Zum theologischen Profil eines remonstrantischen Theologen

3. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Remonstranten Forum Berlin, Theologische Bücher

Ein Beitrag des holländischen Theologen Prof. Johan Goud, Den Haag.

Die Frage stellte Christian Modehn: Es gibt in der weiten Ökumene sehr viele und sehr unterschiedliche, immer mehr auch evangelikale und pflingstlerische Kirchen. Eine kleine protestantische Kirche in Holland nennt sich „Remonstranten“ als eine theologisch-liberale Glaubensgemeinschaft. Sie ist eine Ausnahme im weiten Feld der sich orthodox nennenden Kirchen. Wie würden Sie in Ihrer Sicht das besondere theologische Profil der Remonstranten kurz beschreiben?

Prof. Johan Goud:

Remonstranten lieben es, die Grenzen des christlichen und theologischen Sprachspiels auszuloten und Philosophen, Künstler, Schriftsteller, Andersgläubige und Nichtgläubige zu Rate zu ziehen. Das gilt auch für die Art und Weise, wie viele von uns Theologie betreiben und als Pastoren arbeiten. Ich selbst habe immer die Erfahrung gemacht, dass ich nach dem Verweilen an den Grenzen des Glaubens immer wieder zum christlichen Glauben zurückkehrte. Und das nicht deswegen, weil sich dort für mich das Zentrum befindet. Sondern mehr deswegen, weil die Erinnerung an den Glauben für mich einfach nicht abzulegen war und mich auch nicht losließ.

Diese Erfahrung liegt auf der Linie mit dem, was die „Grundsatzerklärung“ der Remonstranten über das Evangelium von Jesus Christus sagt: Dass es der Nährboden dieser Glaubensgemeinschaft ist – ohne dabei zu leugnen, dass dabei mehr nötig ist, um eine Pflanze (gemeint ist die Glaubensgemeinschaft) wachsen zu lassen. Übrigens sind (auf der Linie von Gilles Deleuze) auch verschiedene Typen von Wurzeln zu unterscheiden: vertikal wachsende Wurzeln die raubsüchtig und exklusiv sind, oder so genannte Rhizome, die sich unterirdisch verästeln und sich verbinden mit anderen Wurzeln.

Das ist nun im ganzen wahr und da zeigen sich notwendige Relativierungen. Und doch ist es von einer entscheidenden Bedeutung, dass das Evangelium in der Grundsatzerklärung der Remonstranten ausdrücklich genannt wird: „Die Remonstranten sind eine Glaubensgemeinschaft, verwurzelt im Evangelium und in Jesus Christus, und die getreu dem Grundsatz von Freiheit und Toleranz, Gott ehren und dienen will“.

In der Verwirklichung dieses theologischen Auftrags gehen remonstrantische Theologen sehr auseinander. Einige sind geneigt, den Grundsatz der Freiheit sehr zu fordern, vielleicht zu überfordern und in einer allgemein-religiösen Weise zu interpretieren. Andere betrachten Freisinnigkeit eher als die Bejahung von einer kritisch –konstruktiven Aufgabe innerhalb des ganzen der christlichen Tradition. In den Worten des remonstrantischen Theologiehistorikers Eginhard Meijering (Leiden; Ehrendoktorat in Heidelberg): „Freisinnig sein bedeutet: Dass du so orthodox sein kannst wie du selbst willst und nicht so, wie du es von einem kirchlichen Club oder von einer Vereinigung her sein müsste“. Freisinnigkeit ist so betrachtet (eine bei Belieben fragende, in Zweifel ziehende, entgrenzende oder gerade auch polarisierende) Variante von „Orthodoxie“, verstanden als Reflexion in Solidarität mit der christlichen Glaubenstradition.

Was mich selbst betrifft: Ich fühle mich eher zu Hause in der letzt genannten Gestalt von Freisinnigkeit und sehe sie als eine Einladung zur „Dekonstruktion“ der christlichen Tradition. Das heißt, dass ich die Fremdheit traditionell religiöser Sprache hervorhebe; dass ich diese merkwürdige Sprache unablässig in Beziehung bringe mit andersartigen (philosophischen und literarischen) Redensarten und auf der Suche bin nach einer – eventuell nicht oder kaum religiösen – Sprache vergleichbarer Intensität. Sprechen über Gott und Glaube stehen im Zeichen von dem, was andere „Religion ohne Religion“ oder „Gott nach Gott“ genannt haben. Ich selbst habe über Gott geschrieben, der „beinahe“ nicht besteht; dessen Bestehen etwas ist, das ständig neues Sprechen und neue Umschreibungen nötig hat. Diese Auffassung steht nahe zu dem, was etwa der amerikanische Religionsphilosoph John Caputo schreibt über Gottes „Insistenz“ (anstelle von Existenz). Er meint damit, Gottes Wirklichkeit sei nicht ein Sein, sondern ein Rufen und Drängen. Obwohl Caputo, was den Menschen betrifft, geneigt ist, länger als mir lieb ist an dem Begriff Verlangen festzuhalten. Glauben kennt, Gott sei Dank, auch seine Momente des Findens und der Übergabe.

Copyright: Prof. Johan Goud, Den Haag.