Fromm und rechtsextrem in Deutschand: Eine Buchempfehlung

Fromm und rechtsextrem: Eine Herausforderung für Philosophie und Theologie

Eine Buchempfehlung von Christian Modehn

Wer an den Gott der Bibel glaubt, ist gleichsam immun gegen rassistische Hetze und menschenfeindliche Propaganda; denn Brüderlichkeit und Gleichheit aller Menschen gehören zum Kernbestand des Bekenntnisses. Diese Überzeugung wird immer wieder verbreitet, aber hatte auch früher schon, etwa in der Nazi-Zeit, keine umfassende Gültigkeit. Tatsache ist: Auch heute folgen selbst praktizierende Christen rechtsextremen Parolen. Darauf weisen jetzt 21 Soziologen, Politologen und Theologen hin. Sie legen unter dem Titel „Rechtsextremismus – eine Herausforderung für die Theologie“ ein Buch vor, das eindeutig zeigt: Rechtsextreme tummeln sich nicht nur am Rande der Gesellschaft in militanten Gruppen oder in rechtslastigen, populistischen Parteien. Die Feinde von Demokratie und Menschenrechten sind auch in der Mitte der Gesellschaft, auch in Kirchen und Gemeinden zu finden.

Das Wort rechtsextrem beschreibt keineswegs nur die mörderischen Aktivitäten der kleinen Clique der NSU-Verbrecher. Rechtsextremismus ist überall anzutreffen, wo man von Rassen spricht und eine Rasse für minderwertiger als die andere hält und dabei die prinzipielle Gleichwertigkeit aller Menschen bekämpft. Mit dieser Ideologie soll der demokratische Verfassungsstaat überwunden werden. Diese Propaganda wird auf europäischer Ebene in weiten Kreisen der Partei „Front National“ in Frankreich verbreitet oder in der Freiheitspartei „PVV“ in den Niederlanden. Beide Organisationen rühmen sich, dass praktizierende Katholiken zu den Stammwählern gehören: Bei den französischen Départementswahlen 2015 war etwa jeder fünfte Wähler des Front National ein engagierter Katholik. In Deutschland sind rechtsextreme Tendenzen unter frommen Christen eher in gut vernetzten kirchlichen Vereinigungen zu beobachten: Darauf weisen die 21 Autorinnen und Autoren der Studie zum Rechtsextremismus hin. Die Soziologin Elke Pieck zeigt, dass der evangelikale Dachverband „Deutsche Evangelische Allianz“ immer wieder in seinen Medien Berichte aus äußerst rechtslastigen Medien übernimmt, wie der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Auch mit islamfeindlichen Weblogs arbeitet diese konservativen Christen zusammen. So behauptet die „Deutsche Evangelische Allianz“, Muslime bemühten sich, die staatlichen Organe in Deutschland zu unterwandern. Die Soziologin Elke Pieck kommentiert: Angesichts dieser irrationalen Thesen könnten „Christen ins rechte und rechtsextreme Lager rutschen, das dann als Fortsetzung der eigenen christlichen Bindung erscheint“. Die Deutsche Evangelische Allianz ist in mehr als 1000 Gruppen organisiert und mit 350 Organisationen verbunden.

Für den katholischen Bereich berichtet der Theologie Professor Rainer Bucher aus Graz, dass nicht nur im österreichischen Katholizismus rechtsextremes Denken, etwa in der Partei FPÖ, weit verbreitet ist. Es gebe in ganz Europa einen spezifisch rechten katholischen Sektor, der, so wörtlich, „mit politisch reaktionären bis autoritären Positionen flirtet“. Ausdrücklich wird auf den Dachverband konservativer Gläubiger hingewiesen, der als „Forum Deutscher Katholiken“ immer wieder internationale Konferenzen organisiert. Hauptfocus ist dabei der Kampf gegen die rechtliche Gleichstellung homosexueller Menschen. Eine der Chefideologinnen des konservativen Katholikenforum ist die Soziologin Gabriele Kuby: Sie nimmt an internationalen Konferenzen teil, wie kürzlich in Moskau, wo sich Rechstextreme aller Couleur treffen, um ihren Hass auf die Homoehe gemeinsam zu artikulieren. Weitere extrem rechtslastige Positionen formulieren Christen aller Konfessionen heute mit der Parole „Gegen die Islamisierung des Abendlandes“.

Die Soziologen Oliver Decker und Johannes Kiess betonen, wie der Hass auf „den“ Islam sich machtvoll als eine eigene Form des „Religionsersatzes“ artikuliert.

Die Kirchen, ihre Gemeinden und die Theologen, so das Resumée, müssen sich vermehrt politischer und religionswissenschaftlicher Aufklärung widmen. Sie sollten die Empathie, das Mitfühlen lehren, um den anderen, den fremden und vielleicht auch befremdlichen Menschen schätzen und lieben zu können. Der einstige DDR Bürgerrechtler und heutige Leipziger Pfarrer Stephan Bickhardt betont: „Ich habe Angst vor einem Rechtsruck der Bundesrepublik. Ein Erosionsprozess der Demokratie hat begonnen“.

Mit besonderer Empfehlung weisen wir auf den Beitrag von Yasemin Shooman (Berlin) hin über „Das Zusammenspiel von Kultur, Religion, Ethnizität und Geschlecht im antimuslimischen Rassismus“ (Seite 196-222) sowie auf den wichtigen Beitrag: „Homophobie und gruppenbezogener Menschenhass“ (S. 223-244), dort wird deutlich, wie fundemantalistische Kirchen (aus den USA) etwa die Menschen in Afrika aufhetzen, „missionierend“, gegen homosexuelle Menschen. Der Hass auf Homosexuelle in etlichen Staaten Ostafrikas ist auch ein Produkt europäisch-amerikanischen Missionierungs-Wahns.

Sonja Angelika Strube (Hg.), Rechtsextremismus als Herausforderung für die Theologie. Herder Verlag Freiburg, 2014, 317 Seiten, 24,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Deutschland ist ein Land der Oligarchen“. Wenn die Philosophie „die Zeit in Gedanken“ fasst

„Deutschland und seine Oligarchen“. Wenn die Philosophie „die Zeit in Gedanken“ fasst

Hinweise für eine kritische Theorie

Von Christian Modehn

“Die Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefasst.“ Diesen umfassenden Anspruch formuliert Hegel in der Vorrede zu seiner „Rechtsphilosophie“. Die meisten Philosophen heute sind bescheidener geworden, wenn sie nicht bloß noch großzügig über die Formulierung Hegels schmunzeln und sich emsig ihren kleinteiligen historischen Erörterungen widmen oder formal-logischen Analysen zuwenden.

Natürlich kann Philosophie heute nicht den Gesamt-Überblick über „die Zeit, also die Gegenwart“ haben und mit der Vernunft konfrontieren und in Begriffen fassen. Bestenfalls ist das als Teamwork möglich, mit Soziologen, Psychologen, Humanwissenschaftlern, Künstlern usw.

Aber Philosophie, die als Weisheit (wie der Name „sophia“ ja wohl sagt) gelten will, und das wollen ja noch einige Philosophen, kann niemals auf eine grundlegende kritische Analyse der Gegenwart verzichten und so Orientierung bieten. Das gelingt der Philosophie nur, wenn sie die Wirklichkeit wahrnimmt, also auch die empirische Wirklichkeit der Gesellschaften, der Staaten, der Religionen und Kirchen, der Kulturen und „Kulturbetriebe“ (Adorno).

Eine kritische Philosophie unserer Zeit muss also Fakten wahrnehmen, erst dann kann sie „spekulieren“.

Der angesehene kritische Recherchen-Journalist Harald Schumann (Der Tagesspiegel) bietet dazu einen guten Einstieg, er liefert wichtige Fakten, die allzu gern verdrängt werden: „Deutschland hat nämlich auch seine Oligarchen“. Aller Hochmut der Deutschen, eine halbwegs perfekte Demokratie zu sein, in der es fast allen doch so blendend gut geht und es so wenige Arbeitslose etc. gibt, weswegen man sich ja abschotten muss, ist angesichts dieser Oligarchen eher naiv. Denn deutlich ist, für jeden, der es wahnehmen will: Dieser Staat bevorzugt seine Oligarchen, liebt sie über alles.

Darauf weist Harald Schumann hin: Er wählt als Ausgangspunkt zu seinem „Oligarchen-Artikel“ im „Tagesspiegel“ (30. April 2015, Seite 8) die Abwehr weitester Wirtschaftskreise gegen die „Anpassung der Erbschaftssteuer an das Grundgesetz“ (Schumann): Nur so viel: Peer Steinbrück, ein Sozialdemokrat, ließ 2009 „das Geldadelsprivileg wiederherstellen. Seitdem müssen die Erben von Unternehmen keine Steuern auf ihr Erbe zahlen, wenn sie die Firma ein paar Jahre behalten“ (Schumann). Durch diese Steuergeschenke der Regierung an die Reichen werden Milliardenkonzerne von der Erbschaftssteuer befreit, das bedeutet: „Jährlich entgehen dem Fiskus zehn Milliarden Euro“. Das ist, rebellisch formuliert, der „Knaller“, der eigentlich jeden Leser, jede Leserin, aufschrecken müsste aus dem Dämmerzustand vor dem Fernseher: Denn diese den Reichen geschenkte Summe „ist so viel, wie Deutschlands Kommunen bräuchten, um den Verfall ihrer Infrastruktur aufzuhalten“, schreibt der Recherche-Journalist Harald Schumann. .

Deutschland ist darüber dabei, immer mehr zu einer Gesellschaft der getrennten Klassen zu werden. Das ist philosophisch hoch interessant, wird doch die Klassenanalyse, weil von Marx inspiriert, von vielen längst als Schrott angesehen. Das ist natürlich absolut falsch, selbst wenn reaktionäre Kräfte immer noch wie im Kalten Krieg einst drohen: Klassenanalyse ist Kommunismus. Was natürlich falsch ist, das hat schon der kluge Jesuit Oswald von Nell-Breuning ausführlich gezeigt: Klassenanalyse gehört sich in jeder ernst zunehmenden Gesellschaft (und Kirche).

Zurück zu Harald Schumanns Beitrag: Er erinnert daran, dass das „Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung“ (DIW) schätzt, dass 0,1 % (in Worten Null Komma ein Prozent) der Deutschen bereits heute 15 Prozent aller Vermögen besitzen. Das ist auch eine Konsequenz der ungerechten, klassen spaltenden Erbschaftssteuer. „Die Folge ist“, so Schumann, „dass sich immer mehr Macht in den Händen dieser Geldelite konzentriere, mahnte jüngst auch der Ökonom und Nobelpreisträger Paul Krugmann“.

Philosophen werden sich also vermehrt mit dem Thema Klassengesellschaft in Europa, vor allem in Deutschland befassen, wenn sie wieder anfangen, „die Zeit in Gedanken zu fassen“. Sie werden sich mit der Auswirkung dieser Klassenspaltung befassen im Blick auf die Mentalitäten und Wertvorstellungen, sie werden fragen: Was sind eigentlich Reformen, die den Name verdienen. Sie werden mit den so genannten Eliten die Frage erörtern, wie kann man ethisches Handeln, das den Namen verdient, bei den Oligarchen wiedergewinnen? „Allein die neunzig reichsten Unternehmer FAMILIEN (also die Quandts, Henkels, Haniels, Porsches usw.) halten ein Vermögen von 320 Milliarden Euro, ermittelten die Forscher der Universität St. Gallen. Und Harald Schumann schreibt treffend: „Dies ist ein Phänomen, das in Griechenland oder Russland gern Oligarchie genannt wird“. Oligarchien und Bananenrepubliken sind – für Deutsche – immer die anderen Länder….

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin