Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Manchmal ist das Denken wie ein Blitz



“Zivilreligion”: Ein Vorschlag von Jean – Jacques Rousseau

7. Juni 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Gott in Frankreich, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Civil religion – ein Vorschlag von Jean Jacques Rousseau

Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages am 28. Juni 2102

Von Christian Modehn

Unter den zahlreichen Vorschlägen Jean Jacques Rousseaus (1712 – 1778)  zur Pädagogik, Literatur, Musik und Philosophie ist sein Beitrag zur „religion civile“, zur überkonfessionellen „Religion aller Bürger“ in der Republik,  immer noch interessant und der Diskussion wert. Dabei ist es keine Frage: Seine Vorschläge von damals können heute nicht als solche übernommen werden. Aber seine Frage bleibt dringend: Was eint die Bürger unterschiedlicher Ideologien, Weltanschauungen und Religion in einem Staat, der die Fürsten vertrieben hat? Ausgangspunkt für Rousseau war, dass die überlieferte Offenbarungsreligion, also für ihn vor allem das Christentum, vor den Ansprüchen der Vernunft keinen Bestand hat und deswegen als „religion civile“ nicht in Frage kommt. Diese christliche Religion wird wegen ihrer ungeklärten diffusen Vorstellungen von Gott („unfassbare Mysterien“, „sinnlose Widersprüche“) und dem Menschen zurückgewiesen; vor allem aber, weil sie aufgrund ihres absoluten Wahrheitsanspruchs zur Intoleranz aufruft und kein friedvolles Miteinander fördert. „Anstatt den Frieden auf Erden einzuführen, bringen die (kirchlichen) Dogmen Eisen und Feuer dorthin“. Darum konzipierte Rousseau – wie andere Kollegen aus dem Kreis philosophischer Aufklärung in Frankreich – zunächst auf seine Weise eine „natürliche Religion“. Darum ist ein oberster Grundsatz: „Die Intoleranz der fanatischen Religionen muss überwunden werden“.

Das Besondere ist: Rousseau will die „natürliche“, also die vor der Vernunft beständige Religion, ausweiten auf das politische Feld. Aus seiner natürlichen Religion wird die „religion civile“.  Sie soll die Volkssouverenität in der Republik verbindlich machen.  Alle Bürger sollen dieser religion civile anhängen und sich einfachen Einsichten, Dogmen genannt, bekennen, wer dazu nicht bereit ist, hat im Sinne Rousseaus mit Strafen zu rechnen. Dabei spielt die Existenz eines mächtigen und wohltätigen und voraussehenden Gottes eine zentrale Rolle. Es wird die göttliche Bestrafung der Bösen gedacht; es ist von der „Heiligkeit des Sozialvertrags und der Gesetze“ die Rede. Ausgeschlossen ist in dieser Religion die Intoleranz. Dabei ist die Tendenz problematisch, faktische Gesetze als heilig zu betrachten….

Rousseau wollte angesichts der intellektuellen Schwäche und Verderbtheit des Christentums zu seiner Zeit einen Ausweg aufzeigen, sozusagen eine nach  – christliche Religion konzipieren, die der Republik Dauer und Bestand verleiht. Für Atheisten ist in dieser Republik, die der religion civile folgt, kaum ein Platz. Rousseau unterstellt, Atheismus impliziere Formen des Egoismus und eine Nachlässigkeit gegenüber dem Guten, eine Position, die noch gegenüber der von Voltaire milde ausfällt: Voltaire meinte, „der Atheismus führe zu allen Arten von Verbrechen“.

Praktisch hat sich diese religion civile von Rousseau kaum durchgesetzt, am ehesten finden sich Anklänge in der Religion der Theophilanthropen, die während der Französischen Revolution entstanden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Kulte gestalteten, oft in katholischen Kirchen, wo man sich, wie in St Merri in Paris, den Kirchenraum teilte. Unter Napoleon wurden die Theophilanthropen verboten. Sie waren eine humanistisch – deistische Konfession mit starkem Akzent auf der Pflege ethischen Bewusstseins.

In Frankreich wurde 1905 die Trennung von Kirche und Staat per Gesetz vollzogen. Der Staat definiert sich weltlich und ohne jeden Bezug auf Gott und ohne Bevorzugung einer Religion. In dieser Situation kam eine „religion civile“ nicht in Frage: Man musste auf die faktische Konfessionsvielfalt Rücksicht nehmen, auch auf den Atheismus und konnte keinen deistischen Gott als oberste Einheit propagieren. Als das einende Band der Republik wurde die Moral angesehen, die republikanische Moral, die in den Schulen gelehrt wird und den Geist der Laizität verbreitet; also den Geist der völligen rechtlichen Gleichberechtigung aller Religionen in der Republik und der Neutralität des Staates gegenüber diesen Religionen. Diese Laizität, immer weiter entwickelt, ist die (auch moralische) Basis Frankreichs (oder sollte es zumindest sein).

In den USA hingegen spielt die „civil religion“ als nicht – konfessioneller Überbau über (!) allen Religionen immer noch eine entscheidende Rolle. „Gott“ wird dort ständig beschworen (von ihm ist auf Dollarnoten die Rede), es ist nicht der Gott der Bibel, sondern ein abstraktes transzendentes Wesen, eine Art absoluter Schutzschirm für die Nation. Deswegen haben dort auch Atheisten keinen leichten Stand, obwohl sie immer zahlreicher werden….

Durch Rousseau wird die Frage wieder aufgeworfen: Welche Ideen, welcher „Glaube“,  bindet die Menschen in der zunehmenden Vielfalt an die Republik? Sind es die Menschenrechte? Können sie fundamentalistischem Wahn Einhalt gebieten? Können Fundamentalisten zur Republik, zur Demokratie, den Menschenrechten „erzogen“ werden? Wie kann das gelingen? copyright: christian modehn, berlin.

Als Lektüre empfehlen wr:

La Laicité à l epreuve. Dirigé par Jean Baubérot. Edition Universalis, Paris 2004.

Karlfriedrich her und Bernard H.F.Taureck, Rousseau brevier, Wilhelm Fink verlag, München 2012.



Advent – ein philosophisches Thema?

8. Dezember 2011 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Advent – ein philosophisches Thema?

Von Christian Modehn

Der Philosophie, so der Ausgangspunkt, ist grundsätzlich kein Thema fremd. Alle Lebensfragen können im besinnlichen Denken, kritisch fragend, nach Gründen suchend, aber weiteres Fragen offen haltend, erhellt werden. Auch der Advent kann ein Thema sein; jene 4 Wochen vor Weihnachten, die, wie der Name sagt, der Ankunft eines besonderen Ereignisses gewidmet sind, dieses erwartete Ereignis wird heute populär Weihnachten genannt. Tatsächlich ist das große ersehnte und erhoffte Ereignis im religiösen Bewusstsein der informierten Christen die Geburt Jesu von Nazareth. Dass davon heute immer weniger Menschen selbst in Europa noch etwas wissen, ist ein anderes Thema.

Die ersten Christen der frühen Kirche feierten eigentlich noch nicht diesen Advent. Sie warteten auf die alsbaldige machtvolle Wiederkunft Jesu Christi als des Weltenrichters. Als dieses Ereignis ausblieb – das stellten die ersten Christen wohl spätestens am Ende des 1. Jahrhunderts fest  – wurde für die Gottesdienste während des Jahres ein liturgischer Kalender etabliert, und da begann man „unseren“ Advent zu feiern. Die Christen versuchten also einige Wochen vor dem Geburtsfest Jesu von Nazareth sich noch einmal hineinzuversetzen in die frühere Situation, als „man“ auf ihn, den Erlöser, wartete. Wer ist dieses „man“? Die Christen deuten die hebräische Bibel so, dass sie alle dortigen Ankündigungen eines kommenden Retters und Erlösers auf diesen Jesus von Nazareth beziehen, was Juden nicht unterstützen können. Da also nur wenige Juden sich der christlichen Interpretation der Weissagungen der hebräischen Bibel anschließen konnten, d.h. Christen wurden, suchten die christlichen Theologen die Erwartungshaltung auch in philosophischen Kreisen der gebildeten griechischen („heidnischen“) Bevölkerung aufzudecken. Und hier beginnt eigentlich erst eine philosophische Besinnung auf den Advent.

Für das besinnliche philosophische Nachdenken kann die für Christen zentrale Gestalt Jesu Christi als des Gott – Menschen bedeutsam sein. Dabei hängt alles davon ab, wie man den Gott – Menschen versteht. Die von der griechischen Philosophie inspirierte frühe Theologie (ab dem 2. Jahrhundert) hat dieses Symbol des Gott – Menschen immer wieder der frommen Betrachtung empfohlen. Dabei hat diese Theologie m.E. nie plausibel zeigen können, wie denn der einzelne Mensch diesem Gott – Menschen überhaupt nachfolgen kann, von Nachfolge Jesu Christi ist ja ständig – gerade auch als Aufforderung zum Tun – in kirchlichen Kreisen die Rede. Die irdischen Menschen kommen natürlich permanent an ihre Grenzen, wenn sie dem Gott – Menschen nachfolgen. Denn dieser wird als frei von Sünde beschrieben, d.h. er habe keinen Anteil am Bösen. Dieser Gott – Mensch Jesus von Nazareth hat seine Freiheit nur positiv gelebt, eine Fehlentscheidung aus Freiheit sei bei ihm ausgeschlossen, heißt es in der kirchlichen Spiritualität. So bleibt also die Verehrung dieses Gott – Menschen insofern problematisch, als der Mensch immer nur an seine Grenzen geführt wird; er kann seine Freiheit nie nur positiv leben, er hat Anteil am Bösen. So bleibt also nichts als der bewundernd – verzückte Blick auf diesen unerreichbaren Gott – Menschen. Insofern ist beim Feiern der Weihnacht, also der Geburt des göttlichen Kindes, auch religiös für den einzelnen und die Gemeinde immer schon „Frustration“ und Ungenügen angesagt.

Diese Form der Religion vermittelt offenbar  kein Gefühl von Erlöstsein und Befreitsein…

Hat die Philosophie einen anderen Vorschlag? Ich denke ja, sie kann die Erwartung eines „besonderen“ Menschen, eines Gott – Menschen, unterstützen, indem sie allerdings deutlich macht: Menschliches und Göttliches stehen einander nicht fremd gegenüber; unter der Voraussetzung, philosophisch könnte der Aufweis gelingen, der Mensch sei in seinem Geist über das Endliche immer schon hinaus und tangiere so sehr das Göttliche, dass er die Möglichkeit dieses Transzendierens bereits als Kraft des Göttlichen IM Menschen erlebt. Darauf wurde früher schon hingewiesen in einer philosophischen Besinnung auf „Weihnachten“.

Wäre also philosophisch der Advent das fragende Suchen und Warten nach dem, was im Symbol unbeholfen „Gott – Mensch“ genannt wird?  Also eine Erfahrung der Einheit des Weltlichen und des Nichtweltlichen, des absolut Gründenden, ein Verbundensein von Endlichem  und Unendlichem im Menschen, und zwar in jedem Menschen, nicht nur in den konfessionell Gebundenen, nicht nur unter denen, die sich Christen nennen. Vielmehr hat philosophisch gesehen jeder Mensch natürlich das gute Recht, auf seine individuelle Weise sein In – Gott – Sein oder sein mit der Transzendenz Verbundensein zu leben und zu gestalten. Das muss nicht im Rahmen einer (sich orthodox nennenden) Kirche geschehen, sondern überall im weiten Feld der Kultur. Wesentlich ist: In einer philosophischen Überlegung zum Advent hat jeder Mensch bereits Anteil am Göttlichen. Das macht die Würde des Menschen aus, er ist eigentlich – wie Jesus Christus – selbst schon auf seine Art Gott – Mensch, nicht als fertiger Zustand, sondern immer voller Gefährdungen und Irrwegen.

Vielleicht sollte man philosophisch angesichts des Advents eher von  dem Warten und Suchen nach der Realisieung des „neuen Menschen“ sprechen; auch dieses Symbol ist belastet; jeglicher ideologischer Missbrauch in totalitären Systemen mit diesem Symbol muss zurückgewiesen werden. Aber sollte nicht – trotz des Missbrauchs – weiterhin vom „neuen Menschen“ gesprochen werden, einem Menschen, der Anteil hat an der gerechten und friedvollen Welt? Diese Worte formulieren ja nicht einen naiven, kindlichen Traum. Der „neue Mensch“ wäre als das Symbol weltweiter politischer demokratischer Bewegungen zu denken; diese Gruppen, meist spontan und nicht hierarchisiert, äußern sich im Protest gegen den alles zermalmenden Kapitalismus; sie äußern sich in der Anklage an das gewissenlose Ignorieren  ökologischer Erkenntnisse auf höchster politischer Ebene.

Vielleicht ist die Occupy Bewegung Ausdruck eines solchen aktiven Wartens und Suchens nach dem neuen Menschen? Der neue Mensch, der Schöpfer einer gerechten Ordnung für alle im Rahmen einer neuen demokratischen Wirtschaftsordnung könnte das Symbol der Sehnsucht in diesen Wochen und Monaten sein. Diesem neuen Menschen gilt die philosophische Aufmerksamkeit im Advent. Dabei ist das Philosophieren nicht nur von der Ungeduld erfüllt über das Fortdauern alter, überholter Systeme. Das Philosophieren muss die Erkenntnis aushalten, dass diese Sehnsucht, dieses Warten, aufs schlimmste behindert wird vom Konsum Rausch der Vorweihnachtszeit, von der Banalisierung des Erwarteten, dem totalen Kitsch der Weihnachtslieder – auch der kirchlichen. So erscheint der Advent eher als Zeit egozentrischer Wünsche. Die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“, dieser gelungenen Vereinigung von Endlichem und Unendlichem, Thema aller philosophischen Mystik, braucht die innere Erfahrung und das geduldiges Handeln in Gruppen und Gemeinden, auch in philosophischen.

copyright:christian modehn, berlin.

 

 



Zwischen Verstand und Gefühl – Ein Interview

20. Juni 2011 | Von | Kategorie: Denkbar, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Als “Gast – Interview” stellte uns Monika Herrmann dieses Interview für den Religionsphilosophischen Salon zur Verfügung:

Zwischen Verstand und Gefühl
Ein Interview mit dem philosophischen Praktiker Roger Künkel, Berlin.

„Philosophie ist bis ins 20. Jahrhundert hinein fast nur im universitären Bereich angesiedelt, ihre Urform war jedoch immer Praxis orientiert“, sagt Roger Künkel.
Als Philosoph und Diplom-Psychologe betreibt er in Berlin eine philosophische Praxis und begleitet dort Menschen mit unterschiedlichen Problemen. Das Interview führte Monika Herrmann, Berlin, für die Wochenzeitung „Die Kirche“, Berlin.

Herr Künkel, Philosophen wird nachgesagt, sie würden in erster Linie denken und weniger handeln. Ist das so?

Nein, das ist ein Vorurteil. Seit Anfang der 80-er Jahre bieten sie auch Beratung in eigenen Praxen an: Es geht dort um existentielle Fragen, die Menschen haben: Wie kann mein Leben gelingen? Wie können wir verstehen, wer wir sind, wohin wir gehen und woher wir kommen? Aber auch um Anleitung zum Denken, um Entscheidungssuche und Meinungsfindung. Diese praktischen Philosophen wollen eine Alternative bieten zu therapeutischen, theologischen und religiösen Angeboten. Das heißt: Philosophische Praxen sind offen für Menschen, die Fragen haben zu sich selbst oder zur Welt.

Wen beraten und begleiten sie?

Manche meiner Klienten wollen einfach ihren Lebensweg neu bestimmen. Also Fragen nach der Gestaltung der Lebenszeit spielen eine Rolle. Es kommen auch Menschen, die Probleme mit ihrem sozialen Umfeld haben. Andere leiden an Sinnkrisen oder massiven seelischen Problemen.

Sind dafür nicht Psychotherapeuten zuständig?.

Ich glaube, dass die Psychotherapeuten in erster Linie die Verletzungen der Seele als Krankheit sehen. Man kann aber psychologische, Sinn bezogene, theologische und philosophische Fragen nicht von einander trennen.
Deshalb therapiere ich auch nicht im klassischen Sinn, sondern führe mit meinen Klienten einen Dialog mit dem Ziel, dass sie lernen, Zusammenhänge zu verstehen und letztlich sich selbst verstehen. So kann ich Paaren helfen, die nicht mehr weiter wissen, oder Menschen, die Probleme im Berufsleben haben. Aber auch Familien, die in Krisen geraten sind, oder alten Menschen, die mit ihrem Ruhestand unzufrieden oder einsam sind und den Sinn des Lebens verloren haben. Philosophische Praxis ist nicht nur etwas, das mit Intellekt und Verstand zu tun hat, wie oft vermutet wird. In der Philosophie geht es auch um Emotionen. In meiner Praxis spielen sie eine große Rolle.

Das bedeutet, ihre Klienten dürfen weinen, klagen, schreien

Man darf alles. Denn die Gespräche, die ich mit meinen Klienten führe, sollen zur Klarheit des eigenen Seins führen. Dass man seine Gefühle auch verstehen lernt, ist wichtig. Ein Balanceakt zwischen Verstand und Gefühl ist das. Wenn Menschen nur mit dem Verstand reagieren, verstehen sie nicht viel von sich. Anders herum geht es auch nicht. Also eine gesunde Balance, die aber für jeden individuell verschieden ist.

Wenn es Ihnen so sehr um die Seele der Menschen geht, verstehen sie sich auch als Seelsorger?

Natürlich. Schon in der Antike, bei Platon beispielsweise, wurde die Philosophie als die Sorge um die Seele betrachtet.
Das heißt, sie ist ein primäres Anliegen der Philosophie. Seelsorge wird heute weit gehend von Religionsgemeinschaften angeboten. Das Problem ist: Menschen werden dort im Sinne der jeweiligen Träger beraten. Ich will das nicht kritisieren. Aber der Gesprächsrahmen steht fest. In der philosophischen Praxis ist das anders. Dort bestimmt der Klient, in welche Richtung er gehen möchte und zu welchen Räumen er eine Tür geöffnet haben möchte.

www.philosophische-praxis-kuenkel.de



Die Bergpredigt Jesu: Radikal und kompromißlos

31. Mai 2011 | Von | Kategorie: Befreiung, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Am 1. Juni wird der Evangelische Kirchentag in Dresden eröffnet, er verweist in seinem Motto auf die Bergpredigt Jesu. Für den “Religionsphilosophischen Salon” ein Anlaß, auf diesen wichtigen Text der Spiritualität hinzuweisen, de folgende Beitrag ist eine Radiosendung für den NDR, gesendet am 29.Mai 2011. Die Struktur des Textes folgt der für Rundfunkporduktionen üblichen Form. copyright: christian modehn

Radikal und kompromisslos
Die Bergpredigt – eine Ethik für heute?
Von Christian Modehn

1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Zitator

21 O TÖNE

20. O TON, 0 29“. Zechmeister
Wenn Evangelium auf Zukunft hin vitale Kraft sein soll, dann heißt das: Abschied von diesen Machtansprüchen.. Worum geht es? Zu leben wie dieser Jesus gelebt hat. Eine Lehre hat keinen anderen Sinn, als zur Nachfolge anzustiften. Und das ist das Atemberaubende: In diesem Menschen ist Gott da. Und genau dieses Wunder radikaler Menschlichkeit, in der das Göttliche präsent ist, das gilt es fortzusetzen und nichts anderes.

1. SPR.:
Martha Zechmeister ist eine „radikale Theologin“. Für sie stehen die Weisungen des authentischen, des historischen Jesus von Nazareth im Mittelpunkt christlichen Lebens. Und diese Lehren Jesu, des Propheten und Messias, konzentrieren sich einzig auf die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Diese Haltung nannten schon Zeitgenossen Jesu radikal. Martha Zechmeister arbeitet als Professorin für Katholische Theologie an der Universität Passau; seit vielen Jahren besucht sie die Basisgemeinden der Armen im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Im Eintreten für die Menschenrechte entsteht dort die Theologie der Befreiung: „Christliche Erlösung“ soll als Gerechtigkeit für alle, auch für die Armen, in der Gesellschaft leibhaftig und materiell spürbar werden. Diese Forderungen entsprechen den zentralen Weisungen Jesu, wie sie in der Bergpredigt überliefert sind. In einer neuen authentischen Übersetzung des evangelischen Theologen Klaus Wengst aus Bochum heißt es unter anderem:

2. SPR.:
Glücklich, die bei den Bettelarmen stehen: Ihnen gehört das Himmelreich.
Glücklich die Klagenden: Sie werden getröstet werden!
Glücklich die Gewaltfreien: Sie werden das Land erben!
Glücklich, die sich erbarmen: Ihrer wird sich erbarmt werden!
Glücklich, die Frieden machen: Sie werden Söhne und Töchter Gottes heißen!

1. SPR.:
In der „Berg – Predigt“ sind die wichtigsten Weisungen Jesu zur Ethik und zur Frömmigkeit zusammengefasst. Der Evangelist Matthäus lässt Jesus seine Rede auf einem Berg sprechen; so kann er ihn mit Moses vergleichen: Auch der Befreier Israels hat von Gott auf einem Berg die ethischen Weisungen, die Zehn Gebote, empfangen. Bibelwissenschaftler wehren sich heute aber gegen den Titel „Berg -PREDIGT“, weil er die Vorstellung von erbaulicher, sanfter oder gar beruhigender Rede fördert. Anstelle von Berg – Predigt sollte darum treffender von „Weisungen Jesu“ gesprochen werden. Aber bis sich dieser treffendere Begriff durchgesetzt hat, wird wohl noch einige Zeit vergehen…Einer Meinung sind jedoch die Theologen in der grundlegenden Einschätzung der Bergpredigt, die der flämische Theologe Edward Schillebeeckx (sprich S-ch -illebeehks) auf den Punkt bringt:

2. SPR.:
Jesus spricht in der Bergpredigt von nichts Geringerem als vom Umsturz bestehender Verhältnisse.

1.SPR.
Wer sich auf diese Weisungen tatsächlich einlässt, wird ein neuer Mensch, berichtet der holländische Theologe Herman Verbeek. Er hat in den Niederlanden als Priester die ökologische Bewegung und die Partei der Grünen mit aufgebaut, er hat die Friedensbewegung in den 1980 Jahren mobilisiert; heute fördert er die ökumenische Basisbewegung. In diesem engagierten Leben hat er entdeckt: Der Geist der Bergpredigt hat sehr viel mit Mystik zu tun:

17. O TON, 0 47“, Verbeek
Ich sage immer: Nachfolge ist so schwierig, dass man lieber flüchtet in Glauben, in Religion, in Götter. Mystik ist meines Erachtens immer Abweisen von Göttern. Enthüllen, wo Götter die Macht haben. Die modernen Götter sind ja Geld, Macht, Leistung. Wachstum, Luxus, Materialismus, Hedonismus, alles, was freier Markt bietet, und diese Götter haben ihre eigene Religion natürlich. Also Mystik ist für mich nicht Flucht in innere Emigration, nie ein „Seelenhaus“. Aber es ist Widerstand.

1. SPR.:
Den falschen Göttern Widerstand leisten: Darüber wird wohl auch beim 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag heftig diskutiert werden. Das Treffen der Protestanten in Dresden beginnt am Mittwoch; es steht unter dem Motto eines recht knappen Zitates aus der Bergpredigt:

2. SPR.:
…da wird auch dein Herz sein.. .

1. SPR.:
Das Kirchentagsmotto bezieht sich auf eine Weisung Jesu der Bergpredigt:

2. SPR.:
Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Würmer sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.

1.SPR.:
Im Denken der biblischen Autoren ist das „Herz“ DAS Symbol für die menschliche Person überhaupt. Zeitgemäß übersetzt könnte der Satz aus der Bergpredigt also heißen:

2. SPR.:
Sag mir, woran dein Herz letztlich hängt. Und ich sag dir, wer du bist.

1. SPR.:
Das Motto des Kirchentages könnte also gewisse Erschütterungen und Irritationen unter den Christen und ihren Gemeinden auslösen, meint der eher nüchtern argumentierende Bibelwissenschaftler Bernd Kollmann von der Universität Siegen:

16. O TON, 0 38“, Kollmann
Diese Stelle steht ja im Kontext der Mahnungen Jesu, nicht nach irdischen Schätzen, sondern nach Schätzen im Himmel zu streben, und dieses Jesus Wort ist natürlich in unserer von Geld und materiellen Dingen beherrschten Welt aktueller denn je. Ich glaube, es spüren sehr viele Menschen in unserer Zeit, dass materielle Dinge nicht immer nur glücklicher machen, sondern dass es noch mehr gibt im Leben, auf das es ankommt. Und das wird in diesen Bergpredigt Mahnungen Jesu sehr schön zum Ausdruck gebracht.

1. SPR.:
Auch der Reformator Martin Luther ließ sich von dieser Weisung der Bergpredigt inspirieren:

2. SPR.:
Wenn jemand nur ans Geld denkt, dann ist das seine Freude und sein Trost. Dann ist das Geld, alles in allem, sein Gott.

1.SPR.:
Die Texte des Neuen Testaments sind Ausdruck des Glaubens der ersten christlichen Gemeinden. Auch die Worte Jesu sind bereits von den ersten Christen geformt und geprägt. Bei der Bergpredigt aber verhält es sich doch etwas anders, betont Bernd Kollmann:

13. O TON, 0 44“, Kollmann
Die Bergpredigt ist fast durchweg Verkündigung des historischen Jesus, sie beinhaltet die radikale Ethik Jesu und ist von daher so etwas wie das Herzstück der Lehre Jesu. Die Bergpredigt in der jetzigen Form stellt eine Komposition des Evangelisten Matthäus dar. Wir müssen uns also von der Vorstellung verabschieden, dass Jesus all das, was wir in Matthäus 5 bis 7 bis lesen können, am Stück auf einem Berg am See Genezareth gepredigt hätte. Aber was Matthäus dort in dieser Bergpredigt versammelt an Jesusüberlieferungen, das ist ganz hochgradig die radikale Ethik Jesu.

1.SPR.:
Auch der Evangelist Lukas hat zahlreiche Weisungen der Bergpredigt überliefert. In seinem Text preist Jesus die diskriminierten Armen, also die materiell Bedürftigen, selig. Der Evangelist Matthäus hat diese ältere Fassung bereits etwas abgeschwächt, so die Beobachtung des Bibelwissenschaftlers Bernd Kollmann:

15. O TON, 1 13“, Kollmann
Es zeigt sich insbesondere bei Matthäus, dass die frühen christlichen Gemeinden Schwierigkeiten hatten, mit dieser Radikalität im Alltag tatsächlich umzugehen. Deswegen finden wir hier bereits Einschränkungen oder Abstriche bei Matthäus in der Form, dass manches, was von Jesus selbst noch wörtlich gemeint war, sozusagen auf eine metaphorische Ebene gehoben wird, indem nicht die tatsächlich Armen, sondern die Armen im Geiste selig gepriesen werden, nicht die tatsächlich Hungernden, sondern die die nach Gerechtigkeit hungern, selig gepriesen werden. Und man kann das auch beim Verbot der Ehescheidung sehen, in den älteren Jesus Überlieferungen im Neuen Testament können wir erkennen, dass Jesus die Ehescheidung ohne Wenn und Aber verboten hat. In der matthäischen Gemeinde wird bereits eine Einschränkung vorgenommen, indem die Worte „außer bei Unzucht“ eingefügt werden. d.h. in der matthäischen Gemeinde wird hier bereits eine Ausnahme von der radikalen Ethik Jesu vorgenommen.

1.SPR.:
Im 4. Jahrhundert hat der römische Kaiser Konstantin die Kirche offiziell zur Stütze der staatlichen Ordnung erklärt. Radikale, gar umstürzlerische Worte zugunsten der Armen konnten sich Päpste und Bischöfe fortan nicht mehr erlauben. Sie waren ja Staatsbeamte und profitierten von allen materiellen Gunsterweisen der Herrscher. Nur noch einige kleine christliche Gruppen hielten an einer „absoluten Hochschätzung“ der Bergpredigt fest. So etwa im 13. Jahrhundert die protestantischen Waldenser oder die frühe Bewegung der Franziskaner. Ihr Gründer, Franz von Assisi, wollte im Sinne der Bergpredigt in völliger Besitzlosigkeit leben. All sein Hab und Gut verteilte er den Armen und vertraute darauf, dass andere Menschen ihm die lebensnotwendige Nahrung schenken. Der großen Masse der Christen wurde es von der Kirchenführung nahe gelegt zu glauben: die Bergpredigt tauge nichts zur Gestaltung des Alltags; sie sei eine Art existentieller Überforderung. Selbst Martin Luther hat diese Überzeugung verbreitet, berichtet Bernd Kollmann:

14. O TON, 0 32“, Kollmann
Jesus gibt uns auch heute sozusagen noch ein Ziel an, und wir müssen uns auf den Weg zu diesem Ziel machen. Es gehört dann aber auch zu den Erfahrungen in der Nachfolge Jesu hinzu, hier ein Stückweit zu scheitern, was auch die lutherische Bergpredigt Auslegung stark betont, dass wir im Scheitern an diesen radikalen Forderungen Jesu auch natürlich unsere eigene Unzulänglichkeit erkennen können.

1. SPR.:
Von einigen wenigen zeitgenössischen prominenten Führern der Kirche abgesehen, wie Pastor Martin Luther King oder Erzbischof Helder Camara von Brasilien, sind es auch heute nur kleine Gruppen an der Basis, die sich vom Geist der Bergpredigt auch in politischen Aktionen leiten lassen. Dazu gehört zum Beispiel der „Internationale Versöhnungsbund“, eine weltweit engagierte Friedensbewegung. Ehrenpräsidentin ist die Theologin und Philosophin Hildegard Goss – Mayr in Wien:

3. O TON, 0 54“, Goss Mayr,
Ich muss auch sagen, dass unsere Erfahrung in den 50 Jahren, in denen ich Friedensarbeit geleistet habe, doch immer die war, dass wir als Laien in der Kirche die Pioniere sein mussten, um der Gewaltfreiheit zum Durchbruch zu helfen. Ich denke z.B. an die Wende in der DDR. Dahinter standen engagierte Laien, evangelische vor allem. Oder ich denke an die Philippinen, wo ein Grossteil der Kirchenführung auf der Seite des Diktators gestanden ist. Aber durch das Engagement der Laien auch Kardinal Sin z.B. zum Umdenken gebracht wurde und so die Kirchenführer dann letztlich eine wichtige Rolle spielen konnten, dass die Diktatur wirklich überwunden wurde.

1. SPR.:
Hildegard Goss – Mayr ist vor kurzem zwar 81 Jahre alt geworden; sie versteht sich immer noch als „aktive Kämpferin“ für die Gewaltfreiheit im Sinne der Bergpredigt:

1. O TON, 0 28“. Goss Mayr
Ich glaube , dass das Herzstück in meinem Verständnis der Gewaltfreiheit ist die Gewaltfreiheit Gottes, wie sie sich in Jesus darstellt. Ich glaube, man muss sehen, dass ein langer Weg zurückgelegt wurde, bis man erkannt hat, dass Gott gewaltfrei ist, und dass er uns diesen Weg aufzeigt, um das Unheil in der Menschheit zu überwinden.

1. SPR.:
Zusammen mit ihrem Mann, dem Franzosen Jean Goss, hat sie seit 1955 in zahllosen Konferenzen in vielen Ländern der Erde immer wieder die zentrale Weisung der Bergpredigt deutlich machen wollen:

2. SPR.:
Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern: Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.

1. SPR.:
Diese Weisung sollte niemand naiv oder utopisch finden, meint Hildegard Goss – Mayr:

2. O TON, 0 34“, Goss Mayr
Das Hinhalten der anderen Wange bedeutet ja nicht Passivität und Unterwerfung, sondern es bedeutet Widerstand, also die andere Wange hinzuhalten, Widerstand zu leisten aus der Kraft der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe. Jesus tut das ganz persönlich: Wie er geohrfeigt wird vom Knecht des Hohen Priesters, sagt er: Warum schlägst du mich? Wenn ich unrecht getan habe, dann beweise es; aber wenn nicht: werde ein neuer Mensch.

1. SPR.:
Der Übeltäter soll durch das Bloßstellen seiner gewaltsamen Aktionen erkennen, wie er sich selbst mit seinem Tun schädigt, wie sehr er seinen Geist verwirrt und seine Seele vergiftet. Die gewaltfreien Aktionen setzen also Einsicht und Vernunft beim Aggressor voraus; sie verteufeln ihn nicht, machen ihn nicht zu einem Unmenschen. Allerdings: Wenn gewaltfreie Aktionen, wie Boykotts oder Streiks, erfolgreich sein sollen, müssen sie gut eingeübt und vorbereitet werden:

6. O TON, 0 21“. Goss – Mayr.
Wir müssten immer die ersten sein, die ein Unrecht aufdecken und nicht warten, bis es eskaliert ist zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Je früher man eine Unrechtssituation aufdeckt und sie bearbeitet, desto größer ist die Chance, dass es geling, eine friedliche Lösung herbeizuführen.

1. SPR.:
Im ostafrikanischen Staat Ruanda war es dem Internationalen Versöhnungsbund trotz intensiven Bemühens nicht gelungen, die verfeindeten Völker der Hutus und Tutsi vom Morden abzuhalten. In einem der größten Völkermorde der jüngsten Geschichte wurden von April bis Juli 1994 etwa eine Million Menschen zum Teil bestialisch umgebracht. Die Gerichtsprozesse gegen die schlimmsten Massenmörder haben längst begonnen. Seit einiger Zeit bemüht sich der Versöhnungsbund an der Basis, in den Dörfern und kleinen Städten, einst verfeindete Menschen wenigstens wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.

5. O TON, 1 01“, Goss – Mayr
Ich habe das ganz hautnah erlebt zwischen Hutus und Tutsis in Ruanda, wo wir dann langsam versuchen durch einen Prozess des Aufeinander- Hörens zunächst mal dem anderen die Möglichkeit gibt sich auszusprechen in einem kleinen Kreis. Wo diese Person spürt, dass sie angenommen ist, dass sie geachtet wird.
Das bedeutet auch dem Gegner gegenüber eine neue Haltung einzunehmen. Vergeben heißt dem anderen die Chance zu einem neuen Leben geben. Ich muss sagen, da haben die Frauen eine ganz enorme Rolle gespielt, weil sie die ersten waren, die Waisenkinder, gleichgültig welcher etnischen Gruppe in ihre Familie aufgenommen haben und so die Mauer der Vorurteile durchbrochen haben der Vorurteile und so eine Basis geschaffen haben, dass langsam ein Dialog möglich ist.

1. SPR.:
Spirituelle Menschen aller Religionen ließen sich schon immer vom Geist der Bergpredigt inspirieren, in Indien etwa der Philosoph Jiddu Krishnamurti oder der Politiker Mahatma Gandhi. Er hat erklärt:

2. SPR.:
Wenn da nur die Bergpredigt und meine eigene Interpretation dazu wären, würde ich nicht zögern zu sagen: O ja, ich bin ein Christ. Leider ist aber viel, was unter dem Namen Christentum läuft, eine Negation der Bergpredigt. Jesus besaß eine große Kraft, die Kraft der Liebe. Seine Lehre aber wurde entstellt, als das Christentum seinen Weg nach Westen nahm. Es wurde die Religion der Herrscher…

1. SPR.:
Im Buddhismus schätzen nicht nur einzelne Meister, wie Thich Nhat Hanh oder der Dalai Lama, die Bergpredigt. Vor allem ist die grundlegende spirituelle Verwandtschaft von Buddha und Jesus offenkundig, etwa wenn der Buddha –fast wie in den Worten Jesu -erklärt:

2. SPR.:
Noch nie in dieser Welt hat Hass gestillt den Hass.
Nur liebende Güte stillt den Hass, dies ist das ewige Gesetz.

1.SPR.:
Und wenn Jesus in der Bergpredigt warnt, sich niemals richtend über andere Menschen zu erheben, gibt es auch Entsprechungen im Buddhismus, betont die katholische Theologin Katharina Ceming aus Augsburg:

9. O TON, 0 17“, Ceming.
Genau diese Idee ist auch bei Buddha; dieses Abstandnehmen von eigenen Konzepten und Vorstellungen, von Vorurteilen, die eben dazu führen, meine eigene Sicht der Wirklichkeit, die immer nur eine ausschnittweise ist, über alles drüber zustülpen und zum Maß aller Dinge zu machen.

1. SPR.:
Die großen religiösen Meister entwickeln also unabhängig von einander sehr verwandte ethische Weisungen. Die Bergpredigt Jesu steht also nicht wie ein „isolierter Text“ in der Fülle religiöser Literatur:

10. O TON, 0 35“, Ceming
In der Struktur des Menschen ist doch sehr viel mehr an Ähnlichkeit grundgelegt als wir das gerne glauben. Die jüdische – christliche Tradition in ihrer frühen Phase und die buddhistische sind natürlich ganz Denksysteme. Aber wenn wir die wirklichen ethischen Entwürfe, so wie wir sie von Jesus aus der Bergpredigt kennen und wenn wir anschauen, was Buddha hat, basiert es auf einem sehr ähnlichen Menschenbild. Das ist eben auch ein Element, wo Buddha und Jesu sehr eng beieinander stehen, dass sie zeigen, dass der Mensch eigentlich ein bedeutend größeres Potential hat als er alltäglich meint zu haben.

1.SPR.:
Das ist entscheidend: Buddha wie auch Jesus halten die lebens – bejahenden Energien des Menschen für stärker als die negativen, die „bösen“ Tendenzen:

7. O TON, 0 57“. Ceming
Das jesuanische Menschenbild war ein äußerst positives, war das von Buddha auch. Das war nicht ein Menschenbild, das geglaubt hat, der Mensch sich nicht ändern könne. Die in der christlichen Tradition leider durch Augustinus eingetretene Bewertung des Menschen als Sünder, der niemals mehr irgendwie aus eigener Kraft etwas verändern kann, das ist definitiv nicht jesuanische Sicht des Menschen. Also er war überzeugt, da ist ein großes Potential, und das war für Buddha auch. Und ich denke, das ist eben auch das Heilsame an diesen beiden Lehren, dass sie dem Menschen viel mehr zu trauen, als was er selbst im ersten Moment glaubt, was in ihm steckt. Das ist ein Element, wo Buddha und Jesu sehr eng beieinander stehen, dass sie zeigen, dass der Mensch eigentlich ein bedeutend größeres Potential hat als er alltäglich meint zu haben.

1. SPR.:
Aber kann die Bergpredigt, als religiös fundierte Ethik, für alle Menschen, auch für Nichtglaubende, Atheisten und Konfessionslose, Orientierung werden und Norm sein? Darüber wird seit dem 17. Jahrhundert unter Philosophen und Ethikern heftig gestritten. Die Erkenntnis hat sich inzwischen durchgesetzt: Eine religiös begründete Moral kann niemals universale Gültigkeit für alle haben. Darum gilt die Erkenntnis Immanuel Kants: Eine für alle Menschen vernünftig begründete Ethik kann nur die Philosophie leisten, nicht die Theologie oder die religiöse Moral. Michael Bongardt, Professor für Ethik an der Freien Universität Berlin, erläutert diese Einsicht:

18. O TON, 0 38“, Bongardt.
Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es ist von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten.

. . . . . . . Kürzungsmöglichkeit, entweder ganz oder in Teilstücken machbar. . . . . . .

1. SPR.:
In seinem Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ wird Kant noch deutlicher, betont der Philosoph Herbert Schnädelbach:

1. SPR.:
19. O TON, 0 22“, Schnädelbach
Was jetzt die Religion betrifft, also die gelebte Religion, da hat er ja in der Religionsschrift gesagt: Alles, was daran zu retten ist, können wir nur verstehen als Anhang zur Moralphilosophie. Er sagt eben, alles, was wir glauben tun zu können, um gottgefällig zu sein, außer dass wir moralisch leben, das ist alles Abgötterei und Aberglaube.

1.SPR.:
Vertreter der Kirchen und die Theologen weisen aber darauf hin, dass es durchaus inhaltliche Verbindungen gibt zwischen religiöser und philosophisch begründeter Ethik . So seien die Menschenrechte vom Geist des Christentums beeinflusst, meint der evangelische Theologe Fernando aus Hamburg:

11. O TON, 0 36“, ENNS
Die Kirche wird eigentlich tatsächlich, wenn sie Mission im Sinne Jesu Christi machen will, immer für Menschenrechte einstehen, weil wir von unserem Glauben her argumentieren für den Schutz der Menschenrechte. Für uns sind die Menschenrechte nicht einfach eine humanistische Idee, die auf freiheitlich – demokratischen Grundordnungen basiert und deshalb zu schützen wären. Sondern sie basiert ganz elementar auf der Menschenwürde, die jedem einzelnen, jeder einzelnen, von Gott zugesagt ist, also dieses Geschaffensein nach dem Bilde Gottes, das gilt für alle Menschen und nicht nur für diejenigen, die getauft sind.

. . . . . . . . . Kürzungsmöglichkeit Ende . . . . . . . . . .

1. SPR.:
Angesichts des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus heute kommt es vor allem darauf an, dass Mitglieder aller unterschiedlichen Religionen zuerst einmal der allgemeinen vernünftigen Ethik folgen. Denn sie verbindet die Menschen untereinander. Für Christen gebe es aber darüber hinaus jedoch noch mehr als diese „humanistische Basis – Ethik“, betont der Theologe Fernando Enns von der Universität Hamburg:

12. O TON, 0 48“. ENNS:
Das Besondere der jesuanischen Ethik würde ich doch darin erkennen wollen, dass sie nicht allein einer Vernunftethik folgt und nicht allein dem politischen Kalkül alles zutraut. D. h dass ich im Sinne einer jesuanischen Ethik tatsächlich auch bereit bin, über die eigenen Grenzen hinauszugehen, nicht nur den Nächsten zu lieben, sondern tatsächlich auch eine Feindesliebe zu praktizieren. Das widerspricht ja zunächst einmal einem politischen Kalkül. Und da kann man aber genau erkennen, wo das Weitergehen einer jesuanischen Ethik oder einer christlichen Ethik liegen würde. Sich diesem größeren Kontext zur Verfügung zu halten, im Sinne der Feindesliebe, der Gewaltlosigkeit, all das dann zu praktizieren, das ist noch mal sehr viel radikaler als es eine Vernunft Ethik allein tun würde.

1.SPR.:
Aber müssen religiöse Menschen tatsächlich ihre spezifischen, ihre „einmaligen“ ethischen Weisungen so deutlich herausstellen? Können sie nicht in einer erneuerten Theologie zeigen, dass die Botschaft der Bergpredigt für alle Menschen lebbar ist, als eine heilsame Lehre für die ganze Welt? Der Theologe und Meditationsleiter Willigis Jäger macht einen Vorschlag:

21. O TON, 0 41“, Willigis Jäger
Die erste Säule ist Erkenntnis, dass wir eins sind mit allen Wesen. Und die zweite Säule: Aus dieser Einheit fließt die Liebe zu allen. Aber nicht, weil mir einer sagt, du sollst, den anderen lieben. Sondern weil ich ihn erfahre als einen Teil von mir. Wenn ich den Schmerz des anderen als meinen Schmerz erfahre, dann brauche ich nicht mehr zu sagen, helfe ihm. Und wenn du über den anderen schlecht redest, redest du über dich. Von hier leitet sich für mich alle Ethik ab und alle soziale Verantwortung ab, aus dieser Einheitserfahrung, von der die Mystik immer und überall spricht.

1. SPR.:
Diese Perspektiven könnten tatsächlich für alle Menschen Gültigkeit haben; denn die Empathie und das Sich Hineinversetzen in den anderen können alle Menschen als ethische Basis anerkennen.
Die Kirchen werden nur glaubwürdig sein, wenn sie den radikalen Weisungen Jesu tatsächlich in der eigenen Praxis folgen; wenn selbst die Kirchenführer erkennen: Auch für sie selbst gelten die Seligpreisungen, z. B. Armut, Friedfertigkeit, Gewaltfreiheit. Darauf möchte die Friedensaktivistin Hildegard Goss – Mayr mit aller Entschiedenheit hinweisen:

4. O TON, 0 47“, Goss – Mayr,
Ich glaube also auch, dass wir diese Verbindung von Spiritualität und Praxis in der gesamten Kirche umsetzen. Dass wir Friedens – Erziehung oder Erziehung zur Gewaltfreiheit zu einem Kernstück der Katechese machen, sicher auch der Erwachsenen-, der Elternbildung, der Lehrebildung. Wir laufen ja wieder in Gefahr, eine auf das Individuum begrenzte Spiritualität, eine Beziehung Gott und Mensch, aufzubauen, die aber keine soziale keine Dimension hat, die keine politische Dimension der Veränderung der bestehenden Unrechtssituationen in sich trägt.

Literaturempfehlung
Klaus Wengst, Das Regierungsprogramm des Himmelreiches. Eine Auslegung der Bergpredigt in ihrem jüdischen Kontext. Kohlhammer Verlag 2010, 236 Seiten.

Katharina Ceming, Sorge dich nicht um morgen. Die Bergpredigt buddhistisch gelesen. Kösel Verlag, 2009, 156 Seiten.



Wie viel Denken braucht der Mensch?

24. Oktober 2010 | Von | Kategorie: Denkbar, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Zum Welttag der Philosophie – ein weltweites Projekt der UNESCO –
Wie viel Denken braucht der Mensch?

Eine Veranstaltung im AFRIKA – HAUS Bochumer Str. 25
in Berlin – Tiergarten
am Donnerstag, 18. November 2010, Beginn um 19 Uhr.

- Berliner philosophische Gruppen stellen sich vor: „Zwischen Disput und Lebenshilfe“

- Was ist Philosophische Praxis? Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP), vertreten durch Prof. Petra von Morstein
- Die Kunst, gemeinsam richtig zu philosophieren. Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren (GSP) zum Sokratisches Gespräch, vertreten durch Dr. Dieter Krohn
- Philosophie im Café. Initiativen in Moabit und Zehlendorf, vertreten durch Roger Künkel und Roger Wisniewski
- Warum Spiritualität kritisches Denken braucht, Philos. Salon in
Schöneberg, vertreten durch Christian Modehn

- Podiumsdiskussion: Philosophie in Aktion – Philosophie als Aktion?

- Intermezzo, Speisen und Getränke

- Gespräch und Diskussion mit den TeilnehmerInnen

- Ende gegen 21. 15, möglicherweise Fortsetzung der Gespräche in kleinerem Kreis.

Das AFRIKA HAUS
Bochumer Straße 25 in
10555 Berlin – Tiergarten ist über den U Bahnhof Turmstr., Ausgang Alt-Moabit, gut zu erreichen.

Ab 18.30 ist das Afrika Haus geöffnet.
Der Eintritt ist frei.

V.I.S.d. P.: Christian Modehn und Roger Wisniewski



Philosophieren – ein Fest des Denkens?

19. Dezember 2009 | Von | Kategorie: Denkbar, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Kann Philosophieren selbst eine FEIER werden?

Perspektiven für unser Gespräch am 19.12. 2009 über Philosophieren zwischen Alltag und Fest….

Eine merkwürdige Zumutung: Philosophisches Denken als Feier?

Aber was leistet Philosophieren:

Es räumt auf, indem es problematische Begriffe untersucht, Denkzwänge beseitigt, möglicherweise falsche Vorstellungen verwirft; neue Erkenntnisse tun sich auf. Vernunft ist ja in klassischer Tradition „Licht“.  Aufklärung heißt auf Französisch: Siècle des lumières…Zeitalter der Lichter.

Also:

Wenn Philosophie entrümpelt, schafft sie einen neuen freien und lichten Denkraum und damit einen neuen Lebensraum.

Bei etwas mehr Klarheit kann man sich doch freuen, kann man doch mit den neuen Erkenntnissen umgehen, spielen, sie probieren, ihre Wirkungen genießen. Vielleicht sind sie heilsam, vielleicht beflügeln sie den Geist und damit das Leben.

Dann wird Philosophieren zum „Denkfest“.

Dieses Fest wird immer zunächst in der Einsamkeit des einzelnen gefeiert. Und zwar möglichst oft. Denn das Entrümpeln hat nie ein Ende.

Aber der entrümpelte Denkraum wird immer wieder anderen gezeigt, d.h. er wird mit anderen besprochen. Dann entsteht ein Fest des gemeinsamen Denkens. Ein Symposion.

Und bei dem klassischen Symposion von Platon fehlten niemals Wein und Brot. Gibt es etwa ein „philosophisches Abendmahl“?  Darüber wäre auch im Rahmen einer Philosophie der Lebenskunst nach zu denken.



Mit Hegel Gott denken

24. Juli 2009 | Von | Kategorie: Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Mit dem Philosophen  Hegel Gott denken  – Möglichkeiten und Grenzen

Ein Salonabend im Hause Hegel

Eine imaginäre Begegnung anläßlich eines klassischen Themas, das viele heute für überholt halten. das aber doch einen philosophischen Reiz nicht verloren hat…

Von Christian Modehn

Im Wein liegt Wahrheit, und mit der stößt man überall an.« Ein Bonmot, das sich in ganz Berlin herumgesprochen hat. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat es formuliert, und es wird ihm immer vorgehalten, wenn er, bei einigen Gläsern Wein, abends zum Salon einlädt. Treffpunkt ist seine Wohnung »Am Kupfergraben Nr. 4«, ganz in der Nähe der Prachtstraße »Unter den Linden« mit der Universität.

Die heutige Runde will darüber nachdenken, wie die Vernunft einen Beitrag leisten kann zur Versöhnung der zerstrittenen und zerrissenen Gesellschaft: Manche Leute halten sich streng an die dogmatische Wahrheit, andere lassen jedem seine Überzeugung, sind für die Toleranz. Etliche setzen nur auf Spiritualität, die anderen auf den Atheismus. Viele wollen Gott nur im Gefühlsrausch erleben, andere möchten einen klaren Kopf bewahren, wenn sie beten.

»Gibt es bei diesen zerstrittenen Positionen einen vernünftigen Ausweg, eine Versöhnung?« Mit diesen Worten begrüßt Hegel seine Gäste, zwei Theologen und drei Philosophen. Sie wissen längst, dass Hegel der Vernunft sehr viel zutraut: Nur sie darf Staat und Gesellschaft bestimmen, nur sie soll den Menschen leiten in seinen Entscheidungen. Und schließlich sollte die Vernunft auch die Religionen bestimmen. »Darum schlage ich für unsere heutige Sitzung in unserem Salon das Thema vor: Wie lässt sich Gott denken, ja mehr noch, lässt sich vielleicht die Existenz Gottes in der Philosophie beweisen?«

Mit dieser Frage haben die Gäste beinahe gerechnet, denn die Erkennbarkeit Gottes im Denken ist eines der Lieblingsthemen des Meisterdenkers Hegel. Um das Wohlwollen seiner Gäste zu gewinnen, erhebt Hegel das Glas und sagt: »Auf die Erkenntnis der Wahrheit.«

Die Gäste wissen natürlich, dass Hegel, durchaus unbescheiden, dazu neigt, sein eigenes Denken als »die« Wahrheit zu bezeichnen. Und das empfinden viele als »anstößig«, weil er in höchster geistiger Anstrengung die Erkennbarkeit Gottes zur Grundlage seiner Philosophie macht. Wird sich auch in dieser Runde Gott im Denken beweisen lassen? Ein spannendes Thema, das vielleicht einen eher lockeren Einstieg verdient, meint der evangelische Theologe und Psychologe Günter Funke: »Gottesbeweise sind einfach wunderbare intellektuelle Spiele. Das hat mit der Freude am Denken zu tun. Und warum soll man sich nicht mal hinsetzen und sagen: Versuchen wir es mal.«

Hegel möchte diese etwas flapsige Äußerung schon fast »anstößig« finden und laut widersprechen, aber er besinnt sich und erklärt sanft: »Nach Möglichkeiten von Gottesbeweisen zu suchen ist alles andere als ein Spiel. Erst, wenn wir sicher Gott erkennen, finden wir Halt und Sinn. Die Erkenntnis Gottes ist im Denken des Menschen begründet. Denn mit unserer Vernunft überschreiten wir das Endliche und Begrenzte. Wir sind kraft unserer Vernunft über alle Einschränkungen der Welt hinaus auf den Unendlichen, auf Gott, bezogen.«

Die Gäste im Hause Hegel schauen sich an und denken: Da hat uns also Hegel gleich ins Zentrum seiner Philosophie geschleudert: Denn er begründet in allen Teilen seines weitreichenden Systems, warum der Mensch die geistige Kraft hat, die Grenzen des Weltlichen und Bedingten zu überschreiten. Der Mensch sei wesentlich Geist, das unterscheide ihn vom Tier. Und der Geist lehrt Leben, Lieben und Hoffen. Darum dürften die Naturwissenschaftler auch nicht das letzte Wort haben. Sie könnten gar nicht verstehen, was unsere menschliche Wirklichkeit ist, was Person und Ethik, soziales Leben und Politik, Kunst und Religion bedeuten. Überall da wirke der Geist, und der habe so viel Energie, die Welt auf Gott hin zu öffnen. »Und genau da sind wir wieder bei unserer Sache«, sagt der Philosoph Volker Gerhardt: »Ich glaube, dass wir heute das Thema des Göttlichen oder Gottes ganz selbstverständlich auf die Tagesordnung der Philosophie setzen.«

Hegel atmet auf: Seine Gäste wollen sich also nicht »aus Eitelkeit«, wie er gern sagt, am Weltlichen und Irdischen festklammern. In aller Deutlichkeit schärft er ein: »Wenn wir nach Gott im Denken fragen, dann ist das alles andere als eine plötzliche Erleuchtung, alles andere als ein persönliches Wunder. In der Arbeit der Vernunft gelangen wir zum Erleben des Schönen, Wahren, Guten, zu geistigen Wirklichkeiten.«

Voller Bedacht trinkt Hegel einen Schluck Riesling. Die Gäste beobachten, wie er sich den guten Tropfen auf der Zunge zergehen lässt. Als Schwabe ist er ein Weinkenner … dann fährt er fort:

»Den philosophischen Weg zu Gott nenne ich Gottesbeweis. Und der Beweis beginnt damit, dass wir feststellen: In unserer Vernunft überwinden wir alles Begrenzte, Endliche, Weltliche.«

Die Philosophen in der Runde können dem nur zustimmen. Ohne kritisches Denken gibt es nur diffuse Gefühle, Vorurteile, Illusionen. Die entscheidende Frage muss jetzt diskutiert werden: Warum ist alles Weltliche überhaupt da? Warum gibt es Werden und Vergehen? Darauf will der Philosoph Edmund Runggaldier, ein Jesuit, eingehen: »Der Ausgangspunkt ist zunächst einmal die Erfahrung, dass es Veränderung gibt, und die Überzeugung, dass es für jedes Phänomen eine Ursache braucht. Aus diesen Überzeugungen schließe ich auf etwas, das dahinter ist. Wie ist es zur Entstehung dieses Kosmos gekommen? Wenn es stimmt, dass etwas nötig ist, damit etwas entstehen kann, dann muss es doch etwas geben, das Grund dafür ist, dass der Kosmos tatsächlich zu existieren begonnen hat.«

Die »Gottesbeweise« wollen zeigen, dass dieser »Urgrund« ganz anders ist als der Ursprung einer Sache, er ist kein raum-zeitlich bestimmbarer Gegenstand. Auf das Stichwort »Urgrund« hat ein anderer Philosoph in Hegels Salon nur gewartet: Der Philosoph Michael Theunissen erinnert daran, dass der »Urgrund«, das Göttliche, nicht als eine jenseitige und himmlische, ferne und fremde Wirklichkeit gedacht werden sollte. »Eine von Hegels wichtigsten Einsichten ist: Das Endliche, Weltliche, kann nicht in sich selbst stehen, es verweist auf ein absolutes Sein, das es trägt. Das Endliche ist nicht aus eigener Kraft lebendig, es trägt sich nicht selbst. Wir müssen das Absolute annehmen als den Grund unserer selbst, so dass das Absolute die Substanz unserer eigenen Wirklichkeit ist.«

Hegel lächelt zufrieden. Besser hätte er es auch nicht sagen können. Alle geistige Energie im Menschen stammt vom Schöpfer des ganzen Universums. Dass der biblische Schöpfungsbericht nicht wörtlich zu nehmen ist, versteht sich in diesem Kreis von selbst! Trotzdem hält man fest: Mensch und Gott sind aufs Innigste verbunden. Wir leben aus der geistigen Kraft, die uns geschaffen hat. Von dieser Einsicht ist Günter Funke ganz begeistert: »Dieses Leben, das uns im Leben hält, haben wir uns selber nicht gegeben, nicht gemacht. Wir können nicht einmal Leben im Reagenzglas machen, weil das Leben immer schon da ist. Das heißt: Wir können im Reagenzglas dem Leben eine Chance geben, auch dort noch zu erscheinen. Aber der Mensch kann kein Leben schaffen, weil er in allem Lebenschaffen immer schon auf dieses Leben zurückgreifen muss, um etwas zu schaffen.«

Ein Gast saß bisher schweigsam und in sich gekehrt in der Runde. Jetzt will er unbedingt das Wort ergreifen. Eine leichte Empörung kann er nicht verbergen. Pater Klaus Schlapp ist Zisterziensermönch in der alt-katholischen Kirche: »Ich glaube nicht, dass man die Gottesfrage gedanklich klären kann. Wie kann man die Gefühle einer Mutter zu ihrem Kind philosophisch erklären? Wie kann man die Liebe Gottes zu den Menschen philosophisch erklären? Und die Objektivität des Glaubens, die steht in Ihnen, in Ihren Herzen. Das ist nicht etwas, was ich wissenschaftlich weitergeben kann. Oder auch philosophisch klären kann. Wie kann man Gott mit Logik erfassen? Ich denke, da werden wir immer wieder scheitern. Ich kann Gott immer dann erfassen, wenn ich selbst aufhöre, irgendetwas zu wollen.«

Für die Philosophen in Hegels Salon ist dieses Bekenntnis eine Provokation. Aber das Misstrauen der Frommen gegenüber der Philosophie könne doch überwunden werden, meint Edmund Runggaldier: »Sollte meine Vernunft ständig gegen diesen Glauben an Gott sprechen, so wäre ich innerlich zerrissen. Und das wäre ungesund und äußerst unangenehm. Ein vernünftiger Glaube hilft, eine einheitliche, konsistente Auffassung der Wirklichkeit zu haben. Und diese einheitliche Auffassung hilft mir auch, den Alltag leichter zu bewältigen, ohne dass ich schizophren sein müsste: hier Rationalität der Wissenschaft, dort Irrationalität des Glaubens. Diese Spaltung wäre äußerst ungesund.«

Die Gotteserkenntnis führt also zu einer Stimmigkeit in meinem Leben, sie fördert das seelische Wohlbefinden und die Ausgeglichenheit des Geistes.

Selbst bei einem guten Tropfen kann Pater Schlapp seinen Unmut nicht überwinden: Muss man denn gleich von einem »Gottes-Beweis« sprechen, fragt er ein wenig mürrisch. Hegel möchte am liebsten zornig werden:

»Wie oft habe ich schon gesagt, dass Philosophie nicht Mathematik ist und dass deswegen ein philosophischer Beweis nicht die Qualität eines mathematischen Beweises hat. Wir Philosophen haben nichts mit Geometrie zu tun!«

Hegels Argument wird von dem Philosophen Günter Figal unterstützt: »Beweis ist vielleicht das falsche Wort in dem Zusammenhang. Beweisen kann man nicht, was letztlich nur durch eine intensive Erfahrung zugänglich ist. Man kann es erläutern und ausdeuten und kann zeigen, dass das, was da erläutert wird, eine Sache ist, die nicht etwa durch die Erläuterung von uns erfunden worden ist. Wenn man das einen Beweis nennt, wäre ich einverstanden.«

Hegel ist froh darüber, dass einer seiner Gäste auch neue Argumente für Gott vorstellen will; er setzt beim Suchen und Sehnen nach einem sinnvollen Leben an. Der Philosoph Volker Gerhardt betont: »Meines Erachtens ist das Wesentliche in dieser Demonstration der Unverzichtbarkeit Gottes dadurch gegeben, dass wir nicht ohne Sinn handeln können. Wir sind auf etwas bezogen, was uns etwas bedeutet. Und das geht über unsere jeweilige Handlungsperspektive hinaus, und es geht auch über unser individuelles Dasein hinaus. Wie wollen wir Kinder erziehen und ihnen den Ernst des Daseins beibringen, wenn wir zugleich immer sagen: Ja, aber es ist alles ohne Bedeutung, denn letztlich hat ja alles keinen Sinn. Ich glaube, das kann jeder einsehen, dass wir den Sinn brauchen. Und wenn wir uns dann fragen, was einen solchen Sinn garantieren kann, dann sind wir bei dem, entschuldigen Sie die Formulierung, was man die Funktion Gottes nennen kann, da ist er unverzichtbar.«

Die Gäste Hegels kommen darin überein: Im Denken lässt sich Gott als ein tragender Lebenssinn, als absolutes Geheimnis »berühren«. Das ist doch viel! Bevor es zur weiteren Debatte kommt, bittet Karl Friedrich Rumohr, ein Freund Hegels, in die Küche: Rumohr hat eines der ersten großen Kochbücher verfasst. Jetzt serviert er einen deftigen Gemüse-Fleisch-Salat. Und während die Gäste speisen, gibt er, selbstverständlich mit Zustimmung des Gastgebers, einen kleinen Witz preis: »Ein Sohn fragt seinen Vater: Hat Gott die Welt wirklich erschaffen und fertiggestellt? – Ja, mein Sohn, das hat er. – Aber Vater: Was macht Gott denn jetzt ständig im Himmel nach der Fertigstellung der Schöpfung? – Mein Sohn, höre! Gott sitzt Modell für das Absolute im Denken Hegels.«

Hegel schmunzelt, und mit einer gewissen Betroffenheit schauen die Gäste in die Runde: Weiß Hegel nicht vielleicht doch zu viel von Gott? Kann er zu Recht sagen, Gott im Denken als den Dreifaltigen zu erkennen? Ist der Unendliche nicht vor allem Geheimnis? Reicht es nicht zu wissen, dass Gott da ist? Wird der bewiesene Gott nicht zu einem Gegenstand, den man handhaben kann? Der evangelische Theologe Günter Funke meldet sich energisch zu Wort: »Der Mensch möchte verfügen. Und er fügt dann Gott ein in seine Konstrukte. Viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Und natürlich, wenn ich irgendwo mal beginne, Lebendigstes für Vorstellungen zu opfern, dann werden die Vorstellungen überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.« Philosophie, so lässt sich Hegel belehren, sollte vor allem interessiert sein, vor übereilten Festlegungen zu bewahren, den Raum des göttlichen Geheimnisses zu öffnen. Der Gastgeber erinnert an die Überzeugungen seiner Jugend: »Schon als junger Philosoph in Tübingen habe ich gelehrt: Die Lebendigkeit, das Leben selbst, ist die innere Quelle, Gott zu erfahren. Ich lasse mich deswegen auch heute gern von der Musik von Johann Sebastian Bach ansprechen, weil sie so deutlich den Übergang des Menschen zu Gott und die Hinwendung Gottes zum Menschen ausdrückt.«

Die Runde in Hegels Salon ist von der Begeisterung fürs Denken erfasst, aber sie möchte jeglichen blinden Eifer vermeiden. Darum muss der praktische Stellenwert der Gottesbeweise noch erklärt werden. Denn so könnte sich niemand mehr der Beziehung zu Gott entziehen. Dann »müssten« sich alle Menschen notwendigerweise an Gott halten, wenn sie nicht als Dummköpfe gelten wollen. Und die Philosophen könnten sich als »Gottesbeweiser« in den Dienst der Kirchen stellen. Sie wären dann philosophische Missionare.

Aber alle Tatsachen sprechen dagegen. Es gibt Atheisten genauso wie fromme Leute, die ohne jeglichen Gottesbeweis offenbar glücklich leben. Die »Gottesbeweise« bieten also persönliche Gewissheit, aber keine mathematisch zwingende Erkenntnis. Sie sind vor allem für jene Menschen von Nutzen, die schon einen gewissen Sinn für eine göttliche Wirklichkeit haben. Auf diese entscheidende Nuance weist Edmund Runggaldier hin: »Zunächst geht es darum zu klären, wie wir Theisten die Wirklichkeit deuten, damit unser Glaube konsistent sei. Denn wenn er widersprüchlich ist, dann kann er nicht stimmen. Erst in einem weiteren Schritt kann ich mich dann bemühen, einem Nichtgläubigen zu erklären, was die Gründe sind, die mich dazu bewegen, trotz der Religionskritik zu meinem Glauben zu stehen.«

Philosophische Argumente zur Gottesfrage behalten aber doch ihre aktuelle Gültigkeit, ruft Hegel in die Runde: »Im Erkennen Gottes beziehen wir uns auf eine göttliche Welt, in der alle Menschen sozusagen Kinder Gottes sind. Das heißt: Alle Menschen sind in gleicher Weise wertvoll und bedeutend. Und das gilt absolut, ist unumstößliche Wahrheit. Philosophische Gotteserkenntnis ist durchaus politisch zu verstehen im Sinne einer gerechten, brüderlichen Gesellschaft.«

Bevor die Runde ein letztes Gläschen trinkt, will Volker Gerhardt noch auf die spirituelle Bedeutung philosophischer Gotteserkenntnis hinweisen: »Ich denke, dass man heute vom Individuum her auf den Glauben zugeht. Deswegen braucht man die Kirche nicht notwendigerweise als einzelner Mensch. Man braucht keine Dogmen, sondern man kann aus der persönlichen Erfahrung heraus im Denken seine Beziehung zu Gott finden.«

Hegel hebt das Glas und sagt zum Schluss: »Trotzdem brauchen wir eine Gemeinschaft, eine Gemeinde der kritisch Denkenden, eine philosophische Gemeinschaft im Salon oder im philosophischen Café. Diese neue Gemeinde der Philosophen bestärkt uns auf dem Weg der Vernunft.«



Philosophische Lebenskunst – Pierre Hadot

13. Mai 2009 | Von | Kategorie: Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Der Philosoph als Exerzitienmeister
Pierre Hadot – Porträt eines ungewöhnlichen Denkers
Von Christian Modehn

Wenn er sich auf schwierige Herz – Operationen vorbereiten musste, fand er Trost in der Philosophie. „Die innere Ausgeglichenheit hat mir die Philosophen der Stoa gegeben“, berichtet Pierre Hadot, „meine individuelle Situation konnte ich relativieren, wenn ich mir vorstellte, wie ich, gleichsam fliegend, von hoch oben, auf die Welt schaue. Diese Übung gegen alles egozentrische Denken zeigt: Wie unbedeutend alles ist“. weiter lesen …



Laien leiten katholische Gemeinden in POITIERS, Frankreich

13. Mai 2009 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Gegen den Trend

Im französischen Bistum Poitiers leiten Laien die Gemeinden. Hier ist der Weg von unten die Antwort auf die Kirchenkrise

Von Christian Modehn

Die Vergangenheit wirkt so beruhigend, weil sie tot ist.« Albert Rouet, Erzbischof von Poitiers im Westen Frankreichs, liebt klare Worte, wenn er von der »Pfarrgemeinde« als Organisationsform kirchlichen Lebens spricht: Sie ist für ihn überholt. »Bei der Pfarrei ging es seit Jahrhunderten um Macht: Die Priester bestimmten alles. Jetzt sind sie noch mehr überlastet. Ständig müssen sie Messen feiern. Eine grundlegende Erneuerung ist so nicht möglich.« weiter lesen …



Denken macht glücklich

7. April 2009 | Von | Kategorie: Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Ein Besuch bei Michel de Montaigne
Eine Radiosendung (RBB) von Christian Modehn

1.musikal. Zusp.: Rondo, bleibt  0 05“ freistehen. Dann etwas reinblenden: weiter lesen …



Freundschaft unter Männern

7. April 2009 | Von | Kategorie: Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Heilend, befreiend,  erlösend
Von Christian Modehn

Der Turm von Montaigne

Der Turm von Montaigne

„Bei der Freundschaft umfasst uns eine alles durchdringende, dabei gleichmäßige und wohlige Wärme, beständig und mild, ganz Innigkeit und stiller Glanz. Nichts Beißendes ist in ihr, nichts, das uns verzehrt“. Michel de Montaigne erzählt weiter lesen …



Der philosophische Glaube bei Karl Jaspers

7. April 2009 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Was hat Religion mit Philosophie zu tun?

Glaubenssachen
Der philosophische Glaube
Ein Vorschlag von Karl Jaspers
Von Christian Modehn

Sprecher
Zitator
4 O Töne, zus. 4 30“

Sprecher:
Wer den Philosophen Karl Jaspers in seiner Wohnung in Basel besuchte, traf einen heiteren, jedoch weiter lesen …