Am 1. Juni wird der Evangelische Kirchentag in Dresden eröffnet, er verweist in seinem Motto auf die Bergpredigt Jesu. Für den “Religionsphilosophischen Salon” ein Anlaß, auf diesen wichtigen Text der Spiritualität hinzuweisen, de folgende Beitrag ist eine Radiosendung für den NDR, gesendet am 29.Mai 2011. Die Struktur des Textes folgt der für Rundfunkporduktionen üblichen Form. copyright: christian modehn
Radikal und kompromisslos
Die Bergpredigt – eine Ethik für heute?
Von Christian Modehn
1. SPR.: Berichterstatter
2. SPR.: Zitator
21 O TÖNE
20. O TON, 0 29“. Zechmeister
Wenn Evangelium auf Zukunft hin vitale Kraft sein soll, dann heißt das: Abschied von diesen Machtansprüchen.. Worum geht es? Zu leben wie dieser Jesus gelebt hat. Eine Lehre hat keinen anderen Sinn, als zur Nachfolge anzustiften. Und das ist das Atemberaubende: In diesem Menschen ist Gott da. Und genau dieses Wunder radikaler Menschlichkeit, in der das Göttliche präsent ist, das gilt es fortzusetzen und nichts anderes.
1. SPR.:
Martha Zechmeister ist eine „radikale Theologin“. Für sie stehen die Weisungen des authentischen, des historischen Jesus von Nazareth im Mittelpunkt christlichen Lebens. Und diese Lehren Jesu, des Propheten und Messias, konzentrieren sich einzig auf die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Diese Haltung nannten schon Zeitgenossen Jesu radikal. Martha Zechmeister arbeitet als Professorin für Katholische Theologie an der Universität Passau; seit vielen Jahren besucht sie die Basisgemeinden der Armen im zentralamerikanischen Staat El Salvador. Im Eintreten für die Menschenrechte entsteht dort die Theologie der Befreiung: „Christliche Erlösung“ soll als Gerechtigkeit für alle, auch für die Armen, in der Gesellschaft leibhaftig und materiell spürbar werden. Diese Forderungen entsprechen den zentralen Weisungen Jesu, wie sie in der Bergpredigt überliefert sind. In einer neuen authentischen Übersetzung des evangelischen Theologen Klaus Wengst aus Bochum heißt es unter anderem:
2. SPR.:
Glücklich, die bei den Bettelarmen stehen: Ihnen gehört das Himmelreich.
Glücklich die Klagenden: Sie werden getröstet werden!
Glücklich die Gewaltfreien: Sie werden das Land erben!
Glücklich, die sich erbarmen: Ihrer wird sich erbarmt werden!
Glücklich, die Frieden machen: Sie werden Söhne und Töchter Gottes heißen!
1. SPR.:
In der „Berg – Predigt“ sind die wichtigsten Weisungen Jesu zur Ethik und zur Frömmigkeit zusammengefasst. Der Evangelist Matthäus lässt Jesus seine Rede auf einem Berg sprechen; so kann er ihn mit Moses vergleichen: Auch der Befreier Israels hat von Gott auf einem Berg die ethischen Weisungen, die Zehn Gebote, empfangen. Bibelwissenschaftler wehren sich heute aber gegen den Titel „Berg -PREDIGT“, weil er die Vorstellung von erbaulicher, sanfter oder gar beruhigender Rede fördert. Anstelle von Berg – Predigt sollte darum treffender von „Weisungen Jesu“ gesprochen werden. Aber bis sich dieser treffendere Begriff durchgesetzt hat, wird wohl noch einige Zeit vergehen…Einer Meinung sind jedoch die Theologen in der grundlegenden Einschätzung der Bergpredigt, die der flämische Theologe Edward Schillebeeckx (sprich S-ch -illebeehks) auf den Punkt bringt:
2. SPR.:
Jesus spricht in der Bergpredigt von nichts Geringerem als vom Umsturz bestehender Verhältnisse.
1.SPR.
Wer sich auf diese Weisungen tatsächlich einlässt, wird ein neuer Mensch, berichtet der holländische Theologe Herman Verbeek. Er hat in den Niederlanden als Priester die ökologische Bewegung und die Partei der Grünen mit aufgebaut, er hat die Friedensbewegung in den 1980 Jahren mobilisiert; heute fördert er die ökumenische Basisbewegung. In diesem engagierten Leben hat er entdeckt: Der Geist der Bergpredigt hat sehr viel mit Mystik zu tun:
17. O TON, 0 47“, Verbeek
Ich sage immer: Nachfolge ist so schwierig, dass man lieber flüchtet in Glauben, in Religion, in Götter. Mystik ist meines Erachtens immer Abweisen von Göttern. Enthüllen, wo Götter die Macht haben. Die modernen Götter sind ja Geld, Macht, Leistung. Wachstum, Luxus, Materialismus, Hedonismus, alles, was freier Markt bietet, und diese Götter haben ihre eigene Religion natürlich. Also Mystik ist für mich nicht Flucht in innere Emigration, nie ein „Seelenhaus“. Aber es ist Widerstand.
1. SPR.:
Den falschen Göttern Widerstand leisten: Darüber wird wohl auch beim 33. Deutschen Evangelischen Kirchentag heftig diskutiert werden. Das Treffen der Protestanten in Dresden beginnt am Mittwoch; es steht unter dem Motto eines recht knappen Zitates aus der Bergpredigt:
2. SPR.:
…da wird auch dein Herz sein.. .
1. SPR.:
Das Kirchentagsmotto bezieht sich auf eine Weisung Jesu der Bergpredigt:
2. SPR.:
Sammelt euch vielmehr Schätze im Himmel, wo weder Motten noch Würmer sie zerstören und keine Diebe einbrechen und sie stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
1.SPR.:
Im Denken der biblischen Autoren ist das „Herz“ DAS Symbol für die menschliche Person überhaupt. Zeitgemäß übersetzt könnte der Satz aus der Bergpredigt also heißen:
2. SPR.:
Sag mir, woran dein Herz letztlich hängt. Und ich sag dir, wer du bist.
1. SPR.:
Das Motto des Kirchentages könnte also gewisse Erschütterungen und Irritationen unter den Christen und ihren Gemeinden auslösen, meint der eher nüchtern argumentierende Bibelwissenschaftler Bernd Kollmann von der Universität Siegen:
16. O TON, 0 38“, Kollmann
Diese Stelle steht ja im Kontext der Mahnungen Jesu, nicht nach irdischen Schätzen, sondern nach Schätzen im Himmel zu streben, und dieses Jesus Wort ist natürlich in unserer von Geld und materiellen Dingen beherrschten Welt aktueller denn je. Ich glaube, es spüren sehr viele Menschen in unserer Zeit, dass materielle Dinge nicht immer nur glücklicher machen, sondern dass es noch mehr gibt im Leben, auf das es ankommt. Und das wird in diesen Bergpredigt Mahnungen Jesu sehr schön zum Ausdruck gebracht.
1. SPR.:
Auch der Reformator Martin Luther ließ sich von dieser Weisung der Bergpredigt inspirieren:
2. SPR.:
Wenn jemand nur ans Geld denkt, dann ist das seine Freude und sein Trost. Dann ist das Geld, alles in allem, sein Gott.
1.SPR.:
Die Texte des Neuen Testaments sind Ausdruck des Glaubens der ersten christlichen Gemeinden. Auch die Worte Jesu sind bereits von den ersten Christen geformt und geprägt. Bei der Bergpredigt aber verhält es sich doch etwas anders, betont Bernd Kollmann:
13. O TON, 0 44“, Kollmann
Die Bergpredigt ist fast durchweg Verkündigung des historischen Jesus, sie beinhaltet die radikale Ethik Jesu und ist von daher so etwas wie das Herzstück der Lehre Jesu. Die Bergpredigt in der jetzigen Form stellt eine Komposition des Evangelisten Matthäus dar. Wir müssen uns also von der Vorstellung verabschieden, dass Jesus all das, was wir in Matthäus 5 bis 7 bis lesen können, am Stück auf einem Berg am See Genezareth gepredigt hätte. Aber was Matthäus dort in dieser Bergpredigt versammelt an Jesusüberlieferungen, das ist ganz hochgradig die radikale Ethik Jesu.
1.SPR.:
Auch der Evangelist Lukas hat zahlreiche Weisungen der Bergpredigt überliefert. In seinem Text preist Jesus die diskriminierten Armen, also die materiell Bedürftigen, selig. Der Evangelist Matthäus hat diese ältere Fassung bereits etwas abgeschwächt, so die Beobachtung des Bibelwissenschaftlers Bernd Kollmann:
15. O TON, 1 13“, Kollmann
Es zeigt sich insbesondere bei Matthäus, dass die frühen christlichen Gemeinden Schwierigkeiten hatten, mit dieser Radikalität im Alltag tatsächlich umzugehen. Deswegen finden wir hier bereits Einschränkungen oder Abstriche bei Matthäus in der Form, dass manches, was von Jesus selbst noch wörtlich gemeint war, sozusagen auf eine metaphorische Ebene gehoben wird, indem nicht die tatsächlich Armen, sondern die Armen im Geiste selig gepriesen werden, nicht die tatsächlich Hungernden, sondern die die nach Gerechtigkeit hungern, selig gepriesen werden. Und man kann das auch beim Verbot der Ehescheidung sehen, in den älteren Jesus Überlieferungen im Neuen Testament können wir erkennen, dass Jesus die Ehescheidung ohne Wenn und Aber verboten hat. In der matthäischen Gemeinde wird bereits eine Einschränkung vorgenommen, indem die Worte „außer bei Unzucht“ eingefügt werden. d.h. in der matthäischen Gemeinde wird hier bereits eine Ausnahme von der radikalen Ethik Jesu vorgenommen.
1.SPR.:
Im 4. Jahrhundert hat der römische Kaiser Konstantin die Kirche offiziell zur Stütze der staatlichen Ordnung erklärt. Radikale, gar umstürzlerische Worte zugunsten der Armen konnten sich Päpste und Bischöfe fortan nicht mehr erlauben. Sie waren ja Staatsbeamte und profitierten von allen materiellen Gunsterweisen der Herrscher. Nur noch einige kleine christliche Gruppen hielten an einer „absoluten Hochschätzung“ der Bergpredigt fest. So etwa im 13. Jahrhundert die protestantischen Waldenser oder die frühe Bewegung der Franziskaner. Ihr Gründer, Franz von Assisi, wollte im Sinne der Bergpredigt in völliger Besitzlosigkeit leben. All sein Hab und Gut verteilte er den Armen und vertraute darauf, dass andere Menschen ihm die lebensnotwendige Nahrung schenken. Der großen Masse der Christen wurde es von der Kirchenführung nahe gelegt zu glauben: die Bergpredigt tauge nichts zur Gestaltung des Alltags; sie sei eine Art existentieller Überforderung. Selbst Martin Luther hat diese Überzeugung verbreitet, berichtet Bernd Kollmann:
14. O TON, 0 32“, Kollmann
Jesus gibt uns auch heute sozusagen noch ein Ziel an, und wir müssen uns auf den Weg zu diesem Ziel machen. Es gehört dann aber auch zu den Erfahrungen in der Nachfolge Jesu hinzu, hier ein Stückweit zu scheitern, was auch die lutherische Bergpredigt Auslegung stark betont, dass wir im Scheitern an diesen radikalen Forderungen Jesu auch natürlich unsere eigene Unzulänglichkeit erkennen können.
1. SPR.:
Von einigen wenigen zeitgenössischen prominenten Führern der Kirche abgesehen, wie Pastor Martin Luther King oder Erzbischof Helder Camara von Brasilien, sind es auch heute nur kleine Gruppen an der Basis, die sich vom Geist der Bergpredigt auch in politischen Aktionen leiten lassen. Dazu gehört zum Beispiel der „Internationale Versöhnungsbund“, eine weltweit engagierte Friedensbewegung. Ehrenpräsidentin ist die Theologin und Philosophin Hildegard Goss – Mayr in Wien:
3. O TON, 0 54“, Goss Mayr,
Ich muss auch sagen, dass unsere Erfahrung in den 50 Jahren, in denen ich Friedensarbeit geleistet habe, doch immer die war, dass wir als Laien in der Kirche die Pioniere sein mussten, um der Gewaltfreiheit zum Durchbruch zu helfen. Ich denke z.B. an die Wende in der DDR. Dahinter standen engagierte Laien, evangelische vor allem. Oder ich denke an die Philippinen, wo ein Grossteil der Kirchenführung auf der Seite des Diktators gestanden ist. Aber durch das Engagement der Laien auch Kardinal Sin z.B. zum Umdenken gebracht wurde und so die Kirchenführer dann letztlich eine wichtige Rolle spielen konnten, dass die Diktatur wirklich überwunden wurde.
1. SPR.:
Hildegard Goss – Mayr ist vor kurzem zwar 81 Jahre alt geworden; sie versteht sich immer noch als „aktive Kämpferin“ für die Gewaltfreiheit im Sinne der Bergpredigt:
1. O TON, 0 28“. Goss Mayr
Ich glaube , dass das Herzstück in meinem Verständnis der Gewaltfreiheit ist die Gewaltfreiheit Gottes, wie sie sich in Jesus darstellt. Ich glaube, man muss sehen, dass ein langer Weg zurückgelegt wurde, bis man erkannt hat, dass Gott gewaltfrei ist, und dass er uns diesen Weg aufzeigt, um das Unheil in der Menschheit zu überwinden.
1. SPR.:
Zusammen mit ihrem Mann, dem Franzosen Jean Goss, hat sie seit 1955 in zahllosen Konferenzen in vielen Ländern der Erde immer wieder die zentrale Weisung der Bergpredigt deutlich machen wollen:
2. SPR.:
Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern: Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.
1. SPR.:
Diese Weisung sollte niemand naiv oder utopisch finden, meint Hildegard Goss – Mayr:
2. O TON, 0 34“, Goss Mayr
Das Hinhalten der anderen Wange bedeutet ja nicht Passivität und Unterwerfung, sondern es bedeutet Widerstand, also die andere Wange hinzuhalten, Widerstand zu leisten aus der Kraft der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe. Jesus tut das ganz persönlich: Wie er geohrfeigt wird vom Knecht des Hohen Priesters, sagt er: Warum schlägst du mich? Wenn ich unrecht getan habe, dann beweise es; aber wenn nicht: werde ein neuer Mensch.
1. SPR.:
Der Übeltäter soll durch das Bloßstellen seiner gewaltsamen Aktionen erkennen, wie er sich selbst mit seinem Tun schädigt, wie sehr er seinen Geist verwirrt und seine Seele vergiftet. Die gewaltfreien Aktionen setzen also Einsicht und Vernunft beim Aggressor voraus; sie verteufeln ihn nicht, machen ihn nicht zu einem Unmenschen. Allerdings: Wenn gewaltfreie Aktionen, wie Boykotts oder Streiks, erfolgreich sein sollen, müssen sie gut eingeübt und vorbereitet werden:
6. O TON, 0 21“. Goss – Mayr.
Wir müssten immer die ersten sein, die ein Unrecht aufdecken und nicht warten, bis es eskaliert ist zu einer gewalttätigen Auseinandersetzung. Je früher man eine Unrechtssituation aufdeckt und sie bearbeitet, desto größer ist die Chance, dass es geling, eine friedliche Lösung herbeizuführen.
1. SPR.:
Im ostafrikanischen Staat Ruanda war es dem Internationalen Versöhnungsbund trotz intensiven Bemühens nicht gelungen, die verfeindeten Völker der Hutus und Tutsi vom Morden abzuhalten. In einem der größten Völkermorde der jüngsten Geschichte wurden von April bis Juli 1994 etwa eine Million Menschen zum Teil bestialisch umgebracht. Die Gerichtsprozesse gegen die schlimmsten Massenmörder haben längst begonnen. Seit einiger Zeit bemüht sich der Versöhnungsbund an der Basis, in den Dörfern und kleinen Städten, einst verfeindete Menschen wenigstens wieder miteinander ins Gespräch zu bringen.
5. O TON, 1 01“, Goss – Mayr
Ich habe das ganz hautnah erlebt zwischen Hutus und Tutsis in Ruanda, wo wir dann langsam versuchen durch einen Prozess des Aufeinander- Hörens zunächst mal dem anderen die Möglichkeit gibt sich auszusprechen in einem kleinen Kreis. Wo diese Person spürt, dass sie angenommen ist, dass sie geachtet wird.
Das bedeutet auch dem Gegner gegenüber eine neue Haltung einzunehmen. Vergeben heißt dem anderen die Chance zu einem neuen Leben geben. Ich muss sagen, da haben die Frauen eine ganz enorme Rolle gespielt, weil sie die ersten waren, die Waisenkinder, gleichgültig welcher etnischen Gruppe in ihre Familie aufgenommen haben und so die Mauer der Vorurteile durchbrochen haben der Vorurteile und so eine Basis geschaffen haben, dass langsam ein Dialog möglich ist.
1. SPR.:
Spirituelle Menschen aller Religionen ließen sich schon immer vom Geist der Bergpredigt inspirieren, in Indien etwa der Philosoph Jiddu Krishnamurti oder der Politiker Mahatma Gandhi. Er hat erklärt:
2. SPR.:
Wenn da nur die Bergpredigt und meine eigene Interpretation dazu wären, würde ich nicht zögern zu sagen: O ja, ich bin ein Christ. Leider ist aber viel, was unter dem Namen Christentum läuft, eine Negation der Bergpredigt. Jesus besaß eine große Kraft, die Kraft der Liebe. Seine Lehre aber wurde entstellt, als das Christentum seinen Weg nach Westen nahm. Es wurde die Religion der Herrscher…
1. SPR.:
Im Buddhismus schätzen nicht nur einzelne Meister, wie Thich Nhat Hanh oder der Dalai Lama, die Bergpredigt. Vor allem ist die grundlegende spirituelle Verwandtschaft von Buddha und Jesus offenkundig, etwa wenn der Buddha –fast wie in den Worten Jesu -erklärt:
2. SPR.:
Noch nie in dieser Welt hat Hass gestillt den Hass.
Nur liebende Güte stillt den Hass, dies ist das ewige Gesetz.
1.SPR.:
Und wenn Jesus in der Bergpredigt warnt, sich niemals richtend über andere Menschen zu erheben, gibt es auch Entsprechungen im Buddhismus, betont die katholische Theologin Katharina Ceming aus Augsburg:
9. O TON, 0 17“, Ceming.
Genau diese Idee ist auch bei Buddha; dieses Abstandnehmen von eigenen Konzepten und Vorstellungen, von Vorurteilen, die eben dazu führen, meine eigene Sicht der Wirklichkeit, die immer nur eine ausschnittweise ist, über alles drüber zustülpen und zum Maß aller Dinge zu machen.
1. SPR.:
Die großen religiösen Meister entwickeln also unabhängig von einander sehr verwandte ethische Weisungen. Die Bergpredigt Jesu steht also nicht wie ein „isolierter Text“ in der Fülle religiöser Literatur:
10. O TON, 0 35“, Ceming
In der Struktur des Menschen ist doch sehr viel mehr an Ähnlichkeit grundgelegt als wir das gerne glauben. Die jüdische – christliche Tradition in ihrer frühen Phase und die buddhistische sind natürlich ganz Denksysteme. Aber wenn wir die wirklichen ethischen Entwürfe, so wie wir sie von Jesus aus der Bergpredigt kennen und wenn wir anschauen, was Buddha hat, basiert es auf einem sehr ähnlichen Menschenbild. Das ist eben auch ein Element, wo Buddha und Jesu sehr eng beieinander stehen, dass sie zeigen, dass der Mensch eigentlich ein bedeutend größeres Potential hat als er alltäglich meint zu haben.
1.SPR.:
Das ist entscheidend: Buddha wie auch Jesus halten die lebens – bejahenden Energien des Menschen für stärker als die negativen, die „bösen“ Tendenzen:
7. O TON, 0 57“. Ceming
Das jesuanische Menschenbild war ein äußerst positives, war das von Buddha auch. Das war nicht ein Menschenbild, das geglaubt hat, der Mensch sich nicht ändern könne. Die in der christlichen Tradition leider durch Augustinus eingetretene Bewertung des Menschen als Sünder, der niemals mehr irgendwie aus eigener Kraft etwas verändern kann, das ist definitiv nicht jesuanische Sicht des Menschen. Also er war überzeugt, da ist ein großes Potential, und das war für Buddha auch. Und ich denke, das ist eben auch das Heilsame an diesen beiden Lehren, dass sie dem Menschen viel mehr zu trauen, als was er selbst im ersten Moment glaubt, was in ihm steckt. Das ist ein Element, wo Buddha und Jesu sehr eng beieinander stehen, dass sie zeigen, dass der Mensch eigentlich ein bedeutend größeres Potential hat als er alltäglich meint zu haben.
1. SPR.:
Aber kann die Bergpredigt, als religiös fundierte Ethik, für alle Menschen, auch für Nichtglaubende, Atheisten und Konfessionslose, Orientierung werden und Norm sein? Darüber wird seit dem 17. Jahrhundert unter Philosophen und Ethikern heftig gestritten. Die Erkenntnis hat sich inzwischen durchgesetzt: Eine religiös begründete Moral kann niemals universale Gültigkeit für alle haben. Darum gilt die Erkenntnis Immanuel Kants: Eine für alle Menschen vernünftig begründete Ethik kann nur die Philosophie leisten, nicht die Theologie oder die religiöse Moral. Michael Bongardt, Professor für Ethik an der Freien Universität Berlin, erläutert diese Einsicht:
18. O TON, 0 38“, Bongardt.
Für Kant ist es keine Begründung einer Regel zu sagen: die hat Gott gesetzt. Ein göttliches Gebot können wir ohnehin nicht als solches erkennen. Wer kann uns mit Sicherheit sagen, dass ein Gebot von Gott kommt und nicht von Menschen erfunden ist, die dann halten sagen: Es ist von Gott. Aber, so sagt Kant sehr selbst bewusst: Selbst wenn es ein göttliches Gebot wäre, wären wir verpflichtet, nur das zu tun, was wir selber kraft eigener Vernunft für gut halten.
. . . . . . . Kürzungsmöglichkeit, entweder ganz oder in Teilstücken machbar. . . . . . .
1. SPR.:
In seinem Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ wird Kant noch deutlicher, betont der Philosoph Herbert Schnädelbach:
1. SPR.:
19. O TON, 0 22“, Schnädelbach
Was jetzt die Religion betrifft, also die gelebte Religion, da hat er ja in der Religionsschrift gesagt: Alles, was daran zu retten ist, können wir nur verstehen als Anhang zur Moralphilosophie. Er sagt eben, alles, was wir glauben tun zu können, um gottgefällig zu sein, außer dass wir moralisch leben, das ist alles Abgötterei und Aberglaube.
1.SPR.:
Vertreter der Kirchen und die Theologen weisen aber darauf hin, dass es durchaus inhaltliche Verbindungen gibt zwischen religiöser und philosophisch begründeter Ethik . So seien die Menschenrechte vom Geist des Christentums beeinflusst, meint der evangelische Theologe Fernando aus Hamburg:
11. O TON, 0 36“, ENNS
Die Kirche wird eigentlich tatsächlich, wenn sie Mission im Sinne Jesu Christi machen will, immer für Menschenrechte einstehen, weil wir von unserem Glauben her argumentieren für den Schutz der Menschenrechte. Für uns sind die Menschenrechte nicht einfach eine humanistische Idee, die auf freiheitlich – demokratischen Grundordnungen basiert und deshalb zu schützen wären. Sondern sie basiert ganz elementar auf der Menschenwürde, die jedem einzelnen, jeder einzelnen, von Gott zugesagt ist, also dieses Geschaffensein nach dem Bilde Gottes, das gilt für alle Menschen und nicht nur für diejenigen, die getauft sind.
. . . . . . . . . Kürzungsmöglichkeit Ende . . . . . . . . . .
1. SPR.:
Angesichts des religiösen und weltanschaulichen Pluralismus heute kommt es vor allem darauf an, dass Mitglieder aller unterschiedlichen Religionen zuerst einmal der allgemeinen vernünftigen Ethik folgen. Denn sie verbindet die Menschen untereinander. Für Christen gebe es aber darüber hinaus jedoch noch mehr als diese „humanistische Basis – Ethik“, betont der Theologe Fernando Enns von der Universität Hamburg:
12. O TON, 0 48“. ENNS:
Das Besondere der jesuanischen Ethik würde ich doch darin erkennen wollen, dass sie nicht allein einer Vernunftethik folgt und nicht allein dem politischen Kalkül alles zutraut. D. h dass ich im Sinne einer jesuanischen Ethik tatsächlich auch bereit bin, über die eigenen Grenzen hinauszugehen, nicht nur den Nächsten zu lieben, sondern tatsächlich auch eine Feindesliebe zu praktizieren. Das widerspricht ja zunächst einmal einem politischen Kalkül. Und da kann man aber genau erkennen, wo das Weitergehen einer jesuanischen Ethik oder einer christlichen Ethik liegen würde. Sich diesem größeren Kontext zur Verfügung zu halten, im Sinne der Feindesliebe, der Gewaltlosigkeit, all das dann zu praktizieren, das ist noch mal sehr viel radikaler als es eine Vernunft Ethik allein tun würde.
1.SPR.:
Aber müssen religiöse Menschen tatsächlich ihre spezifischen, ihre „einmaligen“ ethischen Weisungen so deutlich herausstellen? Können sie nicht in einer erneuerten Theologie zeigen, dass die Botschaft der Bergpredigt für alle Menschen lebbar ist, als eine heilsame Lehre für die ganze Welt? Der Theologe und Meditationsleiter Willigis Jäger macht einen Vorschlag:
21. O TON, 0 41“, Willigis Jäger
Die erste Säule ist Erkenntnis, dass wir eins sind mit allen Wesen. Und die zweite Säule: Aus dieser Einheit fließt die Liebe zu allen. Aber nicht, weil mir einer sagt, du sollst, den anderen lieben. Sondern weil ich ihn erfahre als einen Teil von mir. Wenn ich den Schmerz des anderen als meinen Schmerz erfahre, dann brauche ich nicht mehr zu sagen, helfe ihm. Und wenn du über den anderen schlecht redest, redest du über dich. Von hier leitet sich für mich alle Ethik ab und alle soziale Verantwortung ab, aus dieser Einheitserfahrung, von der die Mystik immer und überall spricht.
1. SPR.:
Diese Perspektiven könnten tatsächlich für alle Menschen Gültigkeit haben; denn die Empathie und das Sich Hineinversetzen in den anderen können alle Menschen als ethische Basis anerkennen.
Die Kirchen werden nur glaubwürdig sein, wenn sie den radikalen Weisungen Jesu tatsächlich in der eigenen Praxis folgen; wenn selbst die Kirchenführer erkennen: Auch für sie selbst gelten die Seligpreisungen, z. B. Armut, Friedfertigkeit, Gewaltfreiheit. Darauf möchte die Friedensaktivistin Hildegard Goss – Mayr mit aller Entschiedenheit hinweisen:
4. O TON, 0 47“, Goss – Mayr,
Ich glaube also auch, dass wir diese Verbindung von Spiritualität und Praxis in der gesamten Kirche umsetzen. Dass wir Friedens – Erziehung oder Erziehung zur Gewaltfreiheit zu einem Kernstück der Katechese machen, sicher auch der Erwachsenen-, der Elternbildung, der Lehrebildung. Wir laufen ja wieder in Gefahr, eine auf das Individuum begrenzte Spiritualität, eine Beziehung Gott und Mensch, aufzubauen, die aber keine soziale keine Dimension hat, die keine politische Dimension der Veränderung der bestehenden Unrechtssituationen in sich trägt.
Literaturempfehlung
Klaus Wengst, Das Regierungsprogramm des Himmelreiches. Eine Auslegung der Bergpredigt in ihrem jüdischen Kontext. Kohlhammer Verlag 2010, 236 Seiten.
Katharina Ceming, Sorge dich nicht um morgen. Die Bergpredigt buddhistisch gelesen. Kösel Verlag, 2009, 156 Seiten.