Vom Wesen “der” japanischen Kultur. Zu einem Beitrag des Philosophen Karl Löwith

Von Christian Modehn

Im Jahr 2018 wird man nicht nur in Japan der „Großen japanischen Revolution“ gedenken, die 150 Jahre zuvor, als „Beginn der Meiji-Zeit“, die Gesellschaft grundlegend veränderte: Japan öffnete sich radikal dem Westen, übernahm europäisches Wissen und know-how, und blieb auf der anderen Seite, „im Innern“, traditionell-japanisch.

Ob dieses unvermittelte Nebeneinander von westlichem Wissen und lang dauernder japanischer Mentalität in der Gesellschaft wie bei den einzelnen Menschen heute noch fortbesteht, wäre ein eigenes Thema.

Aber der Beginn der Meiji-Zeit ist ein Anlass, schon jetzt verschiedene Erkenntnisse zu sammeln, die den Geist, die Mentalität, Japans deutlich machen können. Denn das Miteinander oder Nebeneinander verschiedener Mentalitäten in einer Kultur ist ein Thema auch heute, man denke an die arabische oder allgemein: muslimische Welt.

Karl Löwith, der immer noch anregende Philosoph (1897-1973), dessen Hauptwerke heute viel mehr beachtet werden sollten, hat sich als Verfolgter der Nazis von 1936 bis 1941 in Japan, an der Universität Tohoku von Sendai, als philosophischer Lehrer aufgehalten. Dann konnte er 1941, dank der Hilfe etwa des Theologen Paul Tillich, in die USA fliehen. Dort hat er 1942 bzw. 1943 zwei kleinere Studien publiziert mit dem Titel „Der japanische Geist“ und „Japans Verwestlichung und moralische Grundlage“. Beide Texte liegen seit einiger Zeit auch auf Deutsch vor. Sie zeigen, wie Löwith durchaus – in seiner Sicht – vieles Bewundernswertes in Japan erlebte (etwa die Kunst der Haikus, die das Nichts freigebenden Gemälde, den „feinen Geschmack“ und die Höflichkeit der Japaner…) Die Erfahrungen in Japan, und das ist in meiner Sicht entscheidend, haben Löwith inspiriert, angesichts der buddhistisch-shintoistisch geprägten Kultur, seine Studie „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ (auf Deutsch 1953, auf Englisch, USA, 1949) zu schreiben. Dieses Buch stellt die vom Christentum geprägte Deutung der Geschichte als Fortschrittsgeschichte in Frage. Im Hintergrund steht bei Löwith offenbar positiv und anerkennend die asiatische Erfahrung einer „heiligen Natur“ und des „göttlichen Kosmos,“ also die japanische Kultur, die er, ähnlich der griechischen Kultur, als „heidnisch“ empfand. Die Erfahrungen Löwiths in Japan haben ihn in jedem Fall angeregt, über den europäischen Rahmen hinaus zu denken. Das ist beachtlich für einen Philosophen, der als Verfolgter leben musste. Aber Löwith hatte offenbar seine stoische Haltung bewahrt. Interessant ist überdies, das Löwith in Sendai, Japan, sein sicher wichtigstes Buch verfasste: „Von Hegel zu Nietzsche“. Ein Hinweis, dass er auch in der Fremde als Flüchtling mit der europäischen Philosophie in enger Verbundenheit lebte und dachte.

Zu dem Buch aus dem Verlag Matthes und Seitz: Beide Aufsätze waren förmlich Auftragsarbeiten der USA an die einreisenden Flüchtlinge, die Mentalitäten der „Feinde“ zu beschreiben. Löwith hielt sich bei dem ideologisch geformten Auftrag zurück, der Untertitel seines Beitrag „Der japanische Geist“ spricht noch „von der Mentalität, die wir verstehen müssen, wenn wir siegreich sein wollen“. Es wird vermutet, dass dieser Untertitel nicht von Löwith stammt. Der deutsche Professor in Sendai ist durchaus bewertend und kritisch zu den kulturellen Verhältnissen in Japan: Etwa, wenn er sagt, das Studium europäischer Philosophien, perfekt absolviert, habe keine „Spuren hinterlassen“ bei den Studenten wie den hoch gebildeten Professoren (24). Mit anderen Worten: Diese hoch gebildeten japanischen Spezialisten europäischer Philosophie hätten eigentlich nichts verstanden. Sie können nur die Texte wiederholen. Hingegen hätten Studenten dann doch gemerkt, wie „steril“ der Umgang japanischer Philosophen mit Europa sei (25), sie wollen „ihre eigene Tradition“ interpretieren (26). Hingegen lobt Löwith ausdrücklich den Philosophen Nishida, aus der so genannten Kyoto Schule, er sei ein „origineller Denker“. In dieser Einschätzung steht ja Löwith heute nicht allein!

Ansätze für die schon damals gespürte Überwindung der christlich geprägten Geschichts- und Weltauffassung findet Löwith dann doch in Japan, etwa seine Sympathie für die buddhistisch vermittelte Erfahrung des Nichts auch in der Kunst. „Die kreative Kraft des Zen ist kaum zu überschätzen. Aus ihm bezieht die gesamte japanische Kunst ihre Wirkung“ (36). Beeindruckend auch Löwiths Hinweise zur Bedeutung der wunderschönen, aber nur kurz blühenden Kirsch-Blüten für das Empfinden der Japaner. Befremdliches wird genannt, etwa der Zusammenhang von Ruhe und plötzlichem Zorn im populären Kabuki Theater. Bei der Kunst des Fechtens meint Löwith „grässliche, primitive und wilde Schreie“ zu hören (69).

Insgesamt bietet Löwith aus seiner Sicht ehrliche Deutungen eines gebildeten Europäers zu einigen zentralen Aspekten japanischer Kultur. Dieses Buch ist ein Beleg für das Bemühen um Verständnis zwischen den Kulturen. Der viel besprochene Dialog der Kulturen kann nur beginnen, wenn Menschen auch erste Eindrücke einander schildern. Wer lange wartet, bis Perfektes gesagt wird, kann niemals einen Kultur-Dialog erleben. Löwiths Einsichten sind nicht vollkommen, aber auch nicht immer falsch. Sie sind so gut, dass sie zum Weiterforschen und Weiterfragen motivieren. Und das ist schon sehr viel.

Karl Löwith, Der japanische Geist. Berlin 2013, Matthes und Seitz Verlag. 74 Seiten, 10 Euro

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

“Zivilreligion”: Ein Vorschlag von Jean – Jacques Rousseau

Civil religion – ein Vorschlag von Jean Jacques Rousseau

Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages am 28. Juni 2102

Von Christian Modehn

Unter den zahlreichen Vorschlägen Jean Jacques Rousseaus (1712 – 1778)  zur Pädagogik, Literatur, Musik und Philosophie ist sein Beitrag zur „religion civile“, zur überkonfessionellen „Religion aller Bürger“ in der Republik,  immer noch interessant und der Diskussion wert. Dabei ist es keine Frage: Seine Vorschläge von damals können heute nicht als solche übernommen werden. Aber seine Frage bleibt dringend: Was eint die Bürger unterschiedlicher Ideologien, Weltanschauungen und Religion in einem Staat, der die Fürsten vertrieben hat? Ausgangspunkt für Rousseau war, dass die überlieferte Offenbarungsreligion, also für ihn vor allem das Christentum, vor den Ansprüchen der Vernunft keinen Bestand hat und deswegen als „religion civile“ nicht in Frage kommt. Diese christliche Religion wird wegen ihrer ungeklärten diffusen Vorstellungen von Gott („unfassbare Mysterien“, „sinnlose Widersprüche“) und dem Menschen zurückgewiesen; vor allem aber, weil sie aufgrund ihres absoluten Wahrheitsanspruchs zur Intoleranz aufruft und kein friedvolles Miteinander fördert. „Anstatt den Frieden auf Erden einzuführen, bringen die (kirchlichen) Dogmen Eisen und Feuer dorthin“. Darum konzipierte Rousseau – wie andere Kollegen aus dem Kreis philosophischer Aufklärung in Frankreich – zunächst auf seine Weise eine „natürliche Religion“. Darum ist ein oberster Grundsatz: „Die Intoleranz der fanatischen Religionen muss überwunden werden“.

Das Besondere ist: Rousseau will die „natürliche“, also die vor der Vernunft beständige Religion, ausweiten auf das politische Feld. Aus seiner natürlichen Religion wird die „religion civile“.  Sie soll die Volkssouverenität in der Republik verbindlich machen.  Alle Bürger sollen dieser religion civile anhängen und sich einfachen Einsichten, Dogmen genannt, bekennen, wer dazu nicht bereit ist, hat im Sinne Rousseaus mit Strafen zu rechnen. Dabei spielt die Existenz eines mächtigen und wohltätigen und voraussehenden Gottes eine zentrale Rolle. Es wird die göttliche Bestrafung der Bösen gedacht; es ist von der „Heiligkeit des Sozialvertrags und der Gesetze“ die Rede. Ausgeschlossen ist in dieser Religion die Intoleranz. Dabei ist die Tendenz problematisch, faktische Gesetze als heilig zu betrachten….

Rousseau wollte angesichts der intellektuellen Schwäche und Verderbtheit des Christentums zu seiner Zeit einen Ausweg aufzeigen, sozusagen eine nach  – christliche Religion konzipieren, die der Republik Dauer und Bestand verleiht. Für Atheisten ist in dieser Republik, die der religion civile folgt, kaum ein Platz. Rousseau unterstellt, Atheismus impliziere Formen des Egoismus und eine Nachlässigkeit gegenüber dem Guten, eine Position, die noch gegenüber der von Voltaire milde ausfällt: Voltaire meinte, „der Atheismus führe zu allen Arten von Verbrechen“.

Praktisch hat sich diese religion civile von Rousseau kaum durchgesetzt, am ehesten finden sich Anklänge in der Religion der Theophilanthropen, die während der Französischen Revolution entstanden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Kulte gestalteten, oft in katholischen Kirchen, wo man sich, wie in St Merri in Paris, den Kirchenraum teilte. Unter Napoleon wurden die Theophilanthropen verboten. Sie waren eine humanistisch – deistische Konfession mit starkem Akzent auf der Pflege ethischen Bewusstseins.

In Frankreich wurde 1905 die Trennung von Kirche und Staat per Gesetz vollzogen. Der Staat definiert sich weltlich und ohne jeden Bezug auf Gott und ohne Bevorzugung einer Religion. In dieser Situation kam eine „religion civile“ nicht in Frage: Man musste auf die faktische Konfessionsvielfalt Rücksicht nehmen, auch auf den Atheismus und konnte keinen deistischen Gott als oberste Einheit propagieren. Als das einende Band der Republik wurde die Moral angesehen, die republikanische Moral, die in den Schulen gelehrt wird und den Geist der Laizität verbreitet; also den Geist der völligen rechtlichen Gleichberechtigung aller Religionen in der Republik und der Neutralität des Staates gegenüber diesen Religionen. Diese Laizität, immer weiter entwickelt, ist die (auch moralische) Basis Frankreichs (oder sollte es zumindest sein).

In den USA hingegen spielt die „civil religion“ als nicht – konfessioneller Überbau über (!) allen Religionen immer noch eine entscheidende Rolle. „Gott“ wird dort ständig beschworen (von ihm ist auf Dollarnoten die Rede), es ist nicht der Gott der Bibel, sondern ein abstraktes transzendentes Wesen, eine Art absoluter Schutzschirm für die Nation. Deswegen haben dort auch Atheisten keinen leichten Stand, obwohl sie immer zahlreicher werden….

Durch Rousseau wird die Frage wieder aufgeworfen: Welche Ideen, welcher „Glaube“,  bindet die Menschen in der zunehmenden Vielfalt an die Republik? Sind es die Menschenrechte? Können sie fundamentalistischem Wahn Einhalt gebieten? Können Fundamentalisten zur Republik, zur Demokratie, den Menschenrechten „erzogen“ werden? Wie kann das gelingen? copyright: christian modehn, berlin.

Als Lektüre empfehlen wr:

La Laicité à l epreuve. Dirigé par Jean Baubérot. Edition Universalis, Paris 2004.

Karlfriedrich her und Bernard H.F.Taureck, Rousseau brevier, Wilhelm Fink verlag, München 2012.

Advent – ein philosophisches Thema?

Advent – ein philosophisches Thema?

Von Christian Modehn

Der Philosophie, so der Ausgangspunkt, ist grundsätzlich kein Thema fremd. Alle Lebensfragen können im besinnlichen Denken, kritisch fragend, nach Gründen suchend, aber weiteres Fragen offen haltend, erhellt werden. Auch der Advent kann ein Thema sein; jene 4 Wochen vor Weihnachten, die, wie der Name sagt, der Ankunft eines besonderen Ereignisses gewidmet sind, dieses erwartete Ereignis wird heute populär Weihnachten genannt. Tatsächlich ist das große ersehnte und erhoffte Ereignis im religiösen Bewusstsein der informierten Christen die Geburt Jesu von Nazareth. Dass davon heute immer weniger Menschen selbst in Europa noch etwas wissen, ist ein anderes Thema.

Die ersten Christen der frühen Kirche feierten eigentlich noch nicht diesen Advent. Sie warteten auf die alsbaldige machtvolle Wiederkunft Jesu Christi als des Weltenrichters. Als dieses Ereignis ausblieb – das stellten die ersten Christen wohl spätestens am Ende des 1. Jahrhunderts fest  – wurde für die Gottesdienste während des Jahres ein liturgischer Kalender etabliert, und da begann man „unseren“ Advent zu feiern. Die Christen versuchten also einige Wochen vor dem Geburtsfest Jesu von Nazareth sich noch einmal hineinzuversetzen in die frühere Situation, als „man“ auf ihn, den Erlöser, wartete. Wer ist dieses „man“? Die Christen deuten die hebräische Bibel so, dass sie alle dortigen Ankündigungen eines kommenden Retters und Erlösers auf diesen Jesus von Nazareth beziehen, was Juden nicht unterstützen können. Da also nur wenige Juden sich der christlichen Interpretation der Weissagungen der hebräischen Bibel anschließen konnten, d.h. Christen wurden, suchten die christlichen Theologen die Erwartungshaltung auch in philosophischen Kreisen der gebildeten griechischen („heidnischen“) Bevölkerung aufzudecken. Und hier beginnt eigentlich erst eine philosophische Besinnung auf den Advent.

Für das besinnliche philosophische Nachdenken kann die für Christen zentrale Gestalt Jesu Christi als des Gott – Menschen bedeutsam sein. Dabei hängt alles davon ab, wie man den Gott – Menschen versteht. Die von der griechischen Philosophie inspirierte frühe Theologie (ab dem 2. Jahrhundert) hat dieses Symbol des Gott – Menschen immer wieder der frommen Betrachtung empfohlen. Dabei hat diese Theologie m.E. nie plausibel zeigen können, wie denn der einzelne Mensch diesem Gott – Menschen überhaupt nachfolgen kann, von Nachfolge Jesu Christi ist ja ständig – gerade auch als Aufforderung zum Tun – in kirchlichen Kreisen die Rede. Die irdischen Menschen kommen natürlich permanent an ihre Grenzen, wenn sie dem Gott – Menschen nachfolgen. Denn dieser wird als frei von Sünde beschrieben, d.h. er habe keinen Anteil am Bösen. Dieser Gott – Mensch Jesus von Nazareth hat seine Freiheit nur positiv gelebt, eine Fehlentscheidung aus Freiheit sei bei ihm ausgeschlossen, heißt es in der kirchlichen Spiritualität. So bleibt also die Verehrung dieses Gott – Menschen insofern problematisch, als der Mensch immer nur an seine Grenzen geführt wird; er kann seine Freiheit nie nur positiv leben, er hat Anteil am Bösen. So bleibt also nichts als der bewundernd – verzückte Blick auf diesen unerreichbaren Gott – Menschen. Insofern ist beim Feiern der Weihnacht, also der Geburt des göttlichen Kindes, auch religiös für den einzelnen und die Gemeinde immer schon „Frustration“ und Ungenügen angesagt.

Diese Form der Religion vermittelt offenbar  kein Gefühl von Erlöstsein und Befreitsein…

Hat die Philosophie einen anderen Vorschlag? Ich denke ja, sie kann die Erwartung eines „besonderen“ Menschen, eines Gott – Menschen, unterstützen, indem sie allerdings deutlich macht: Menschliches und Göttliches stehen einander nicht fremd gegenüber; unter der Voraussetzung, philosophisch könnte der Aufweis gelingen, der Mensch sei in seinem Geist über das Endliche immer schon hinaus und tangiere so sehr das Göttliche, dass er die Möglichkeit dieses Transzendierens bereits als Kraft des Göttlichen IM Menschen erlebt. Darauf wurde früher schon hingewiesen in einer philosophischen Besinnung auf „Weihnachten“.

Wäre also philosophisch der Advent das fragende Suchen und Warten nach dem, was im Symbol unbeholfen „Gott – Mensch“ genannt wird?  Also eine Erfahrung der Einheit des Weltlichen und des Nichtweltlichen, des absolut Gründenden, ein Verbundensein von Endlichem  und Unendlichem im Menschen, und zwar in jedem Menschen, nicht nur in den konfessionell Gebundenen, nicht nur unter denen, die sich Christen nennen. Vielmehr hat philosophisch gesehen jeder Mensch natürlich das gute Recht, auf seine individuelle Weise sein In – Gott – Sein oder sein mit der Transzendenz Verbundensein zu leben und zu gestalten. Das muss nicht im Rahmen einer (sich orthodox nennenden) Kirche geschehen, sondern überall im weiten Feld der Kultur. Wesentlich ist: In einer philosophischen Überlegung zum Advent hat jeder Mensch bereits Anteil am Göttlichen. Das macht die Würde des Menschen aus, er ist eigentlich – wie Jesus Christus – selbst schon auf seine Art Gott – Mensch, nicht als fertiger Zustand, sondern immer voller Gefährdungen und Irrwegen.

Vielleicht sollte man philosophisch angesichts des Advents eher von  dem Warten und Suchen nach der Realisieung des „neuen Menschen“ sprechen; auch dieses Symbol ist belastet; jeglicher ideologischer Missbrauch in totalitären Systemen mit diesem Symbol muss zurückgewiesen werden. Aber sollte nicht – trotz des Missbrauchs – weiterhin vom „neuen Menschen“ gesprochen werden, einem Menschen, der Anteil hat an der gerechten und friedvollen Welt? Diese Worte formulieren ja nicht einen naiven, kindlichen Traum. Der „neue Mensch“ wäre als das Symbol weltweiter politischer demokratischer Bewegungen zu denken; diese Gruppen, meist spontan und nicht hierarchisiert, äußern sich im Protest gegen den alles zermalmenden Kapitalismus; sie äußern sich in der Anklage an das gewissenlose Ignorieren  ökologischer Erkenntnisse auf höchster politischer Ebene.

Vielleicht ist die Occupy Bewegung Ausdruck eines solchen aktiven Wartens und Suchens nach dem neuen Menschen? Der neue Mensch, der Schöpfer einer gerechten Ordnung für alle im Rahmen einer neuen demokratischen Wirtschaftsordnung könnte das Symbol der Sehnsucht in diesen Wochen und Monaten sein. Diesem neuen Menschen gilt die philosophische Aufmerksamkeit im Advent. Dabei ist das Philosophieren nicht nur von der Ungeduld erfüllt über das Fortdauern alter, überholter Systeme. Das Philosophieren muss die Erkenntnis aushalten, dass diese Sehnsucht, dieses Warten, aufs schlimmste behindert wird vom Konsum Rausch der Vorweihnachtszeit, von der Banalisierung des Erwarteten, dem totalen Kitsch der Weihnachtslieder – auch der kirchlichen. So erscheint der Advent eher als Zeit egozentrischer Wünsche. Die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“, dieser gelungenen Vereinigung von Endlichem und Unendlichem, Thema aller philosophischen Mystik, braucht die innere Erfahrung und das geduldiges Handeln in Gruppen und Gemeinden, auch in philosophischen.

copyright:christian modehn, berlin.

 

 

Zwischen Verstand und Gefühl – Ein Interview

Als “Gast – Interview” stellte uns Monika Herrmann dieses Interview für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon zur Verfügung:

Zwischen Verstand und Gefühl
Ein Interview mit dem philosophischen Praktiker Roger Künkel, Berlin.

„Philosophie ist bis ins 20. Jahrhundert hinein fast nur im universitären Bereich angesiedelt, ihre Urform war jedoch immer Praxis orientiert“, sagt Roger Künkel.
Als Philosoph und Diplom-Psychologe betreibt er in Berlin eine philosophische Praxis und begleitet dort Menschen mit unterschiedlichen Problemen. Das Interview führte Monika Herrmann, Berlin, für die Wochenzeitung „Die Kirche“, Berlin.

Herr Künkel, Philosophen wird nachgesagt, sie würden in erster Linie denken und weniger handeln. Ist das so?

Nein, das ist ein Vorurteil. Seit Anfang der 80-er Jahre bieten sie auch Beratung in eigenen Praxen an: Es geht dort um existentielle Fragen, die Menschen haben: Wie kann mein Leben gelingen? Wie können wir verstehen, wer wir sind, wohin wir gehen und woher wir kommen? Aber auch um Anleitung zum Denken, um Entscheidungssuche und Meinungsfindung. Diese praktischen Philosophen wollen eine Alternative bieten zu therapeutischen, theologischen und religiösen Angeboten. Das heißt: Philosophische Praxen sind offen für Menschen, die Fragen haben zu sich selbst oder zur Welt.

Wen beraten und begleiten sie?

Manche meiner Klienten wollen einfach ihren Lebensweg neu bestimmen. Also Fragen nach der Gestaltung der Lebenszeit spielen eine Rolle. Es kommen auch Menschen, die Probleme mit ihrem sozialen Umfeld haben. Andere leiden an Sinnkrisen oder massiven seelischen Problemen.

Sind dafür nicht Psychotherapeuten zuständig?.

Ich glaube, dass die Psychotherapeuten in erster Linie die Verletzungen der Seele als Krankheit sehen. Man kann aber psychologische, Sinn bezogene, theologische und philosophische Fragen nicht von einander trennen.
Deshalb therapiere ich auch nicht im klassischen Sinn, sondern führe mit meinen Klienten einen Dialog mit dem Ziel, dass sie lernen, Zusammenhänge zu verstehen und letztlich sich selbst verstehen. So kann ich Paaren helfen, die nicht mehr weiter wissen, oder Menschen, die Probleme im Berufsleben haben. Aber auch Familien, die in Krisen geraten sind, oder alten Menschen, die mit ihrem Ruhestand unzufrieden oder einsam sind und den Sinn des Lebens verloren haben. Philosophische Praxis ist nicht nur etwas, das mit Intellekt und Verstand zu tun hat, wie oft vermutet wird. In der Philosophie geht es auch um Emotionen. In meiner Praxis spielen sie eine große Rolle.

Das bedeutet, ihre Klienten dürfen weinen, klagen, schreien

Man darf alles. Denn die Gespräche, die ich mit meinen Klienten führe, sollen zur Klarheit des eigenen Seins führen. Dass man seine Gefühle auch verstehen lernt, ist wichtig. Ein Balanceakt zwischen Verstand und Gefühl ist das. Wenn Menschen nur mit dem Verstand reagieren, verstehen sie nicht viel von sich. Anders herum geht es auch nicht. Also eine gesunde Balance, die aber für jeden individuell verschieden ist.

Wenn es Ihnen so sehr um die Seele der Menschen geht, verstehen sie sich auch als Seelsorger?

Natürlich. Schon in der Antike, bei Platon beispielsweise, wurde die Philosophie als die Sorge um die Seele betrachtet.
Das heißt, sie ist ein primäres Anliegen der Philosophie. Seelsorge wird heute weit gehend von Religionsgemeinschaften angeboten. Das Problem ist: Menschen werden dort im Sinne der jeweiligen Träger beraten. Ich will das nicht kritisieren. Aber der Gesprächsrahmen steht fest. In der philosophischen Praxis ist das anders. Dort bestimmt der Klient, in welche Richtung er gehen möchte und zu welchen Räumen er eine Tür geöffnet haben möchte.

www.philosophische-praxis-kuenkel.de

Weihnachten und Philosophieren

Was kann Weihnachten philosophisch bedeuten?

Eigentlich ist jedes Thema auch ein philosophisches Thema. Von dieser Überzeugung ließen wir uns leiten in unserem religionsphilosophischen Salon am 21. 12. 2010.

— Zum “frommen Theaterstück” Jean-Paul Sartres zum Weihnachtesfest siehe die Notizen am Ende dieses Beitrags—

Wer sich philosophierend Weihnachten nähert, wird kritisch das Umfeld ausleuchten, in dem dieses christliche Fest heute steht. Das Umfeld ist Kommerz und Konsum, zwanghaftes Schenkenwollen und Sehnsucht nach dem Beschenktwerden, Erinnerungen an die eigene Kindheit, Sehnsucht nach einer Wiedererweckung der Kindheit als Nostalgie… der Wunsch, an diesem Tag ausdrücklich kinderfreundlich zu sein…Das Bedürfnis, gerade an diesem Tag einmal gut und nett zu sein, eine heile Insel im belasteten Alltag zu hegen, mit all dem Streß, der dabei entsteht… Daran kann sich eine empirische „Weihnachtskritik“ abarbeiten…

Es müsste der Begriff der GABE weiter bedacht werden. Es müsste gefragt werden, ob der Menschen für den anderen wesentlich Gabe ist. Ob die Gaben, die Geschenke, geradezu Weihnachten, Ausdruck dieser wesentlichen Gabe des Daseins sind oder heute noch sein können. Verdeckt der Konsumismus den Charakter der Gabe?

Auf einer höheren Ebene muss über die Bedeutung der Gefühle, der Emotionen und Affekte fürs kritische Nachdenken im allgemeinen gesprochen werden. Sind Gefühle der spontane Erstkontakt mit der äußeren Wirklichkeit? Erschließen sie auf eigene, noch unthematische Art das eigene Leben im Kontext mit anderen? Was passiert, wenn Gefühle dann aber tatsächlich reflektiert werden? Dann kommen Gefühle erst zu ihrem wahren Gehalt. Ohne Vernunft sind Gefühle blind, ohne Gefühle ist Vernunft abstrakt und „lebensfern“.

Was bedeutet diese Erkenntnis für Weihnachten? Die einzelnen Gefühle anlässlich von Weihnachten (vor allem: „Heilig Abend“) wären kritisch zu bedenken. Etwa die Sehnsucht nach Nostalgie, nach Eintauchen in die eigene (Weihnachts)–Kindheit. Ist dieses Eintauchen ins angeblich heile Damals eine Flucht, ist es Opium? Oder ist es ein nötiges heilsames Intermezzo, um überhaupt die Routine und Öde des nichtweihnachtlichen Alltags zu bestehen? Wie sind die extrem häufigen Teilnahmen an Gottesdiensten gerade zu Weihnachten zu verstehen? Gehören sie zur Nostalgie? Will man Weihnachtslieder kitschigen Inhalts und in einer kaum nachvollziehbaren Spiritualität mitsingen, dabei auf jeden Gebrauch kritischer Nachdenklichkeit verzichtend, um so das Fremde und ganz Andere des Weihnachtsfestes zu beleben? Sind die Kirchen in der westlichen Welt, sonst am Sonntag eher (sehr) leer, etwa längst zu „Weihnachtskirchen“ geworden? Sind die Pfarrer bei ihrer totalen Auslastung zu Weihnachten etwa in gewisser Weise „Weihnachtspfarrer“ geworden? Auch diese Frage wird im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon erörtert. Ebenso: Wenn die so genannten „Gottesdienstbesucher“ zu Weihnachten  in der Statistik der „Gottesdienstbesucher pro Jahr insgesamt“ mitgezählt werden, ergibt sich dann noch eine halbwegs realistische Statistik? Dieser Frage sollten Religionssoziologen nachgehen.
Philosophisch bleibt die Frage: Gibt es prominente Philosophen, die „Weihnachten“ gedacht haben? Vorläufig können wir nur auf G W F Hegel verweisen.

An Meister Eckart, den mittelalterlichen Philosophen und gerade nicht (nur) den Mystiker, wie die neueste Studie von Kurt Flasch zeigt, wäre auch zu erinnern, etwa an das Stichwort von der „Gottes Geburt in der Seele“. Dann ist Weihnachten vor allem die Erkenntnis: Jeder Mensch hat Anteil an dem Göttlichen, das in seinem Geist, seiner Seele, lebt als “das Ewige”. Die Geburt Jesu von Nazareth, verstanden als Gott-Mensch, macht nur die allgemeine gott-menschliche Befindlichkeit eines jeden Menschen offenbar. Siehe auch unseren Beitrag über LOGOS, klicken Sie hier.
Bei Hegel kommt Weihnachten als explizites Stichwort meines Wissens nicht vor, hingegen steht die Sache „Weihnachten“ im Mittelpunkt seines Denkens, das sich auf die „Menschwerdung Gottes“ in Jesus Christus bezieht. Um dieses Ereignis dreht sich sogar die ganze Geschichtsphilosophie Hegels. Weil da die Einheit von Göttlich und Menschlich sichtbar wird, eine Einheit, die nicht nur auf die einzelne Gestalt Jesu Christi bezogen bleibt, sondern schlechthin ALLE Menschen betrifft. Alle Menschen im Sinne Hegels haben Anteil an dem göttlichen Geist, insofern gehören sie zu Gott. Politisch bedeutend ist die Menschwerdung Gottes, weil da die absolute Wertigkeit, die göttliche Wichtigkeit, des menschlichen Subjekts, und zwar jedes Menschen, sichtbar wird. Jeder Mensch ist von absoluter Würde. Und, so fügt Hegel hinzu, jeder ist in der Lage, die umfassende Freiheit zu gestalten. Denn in der Menschwerdung Gottes ist die Entfremdung zwischen Göttlich und Menschlich „an sich“ überwunden, da gibt es keine prinzipielle Fremdheit mehr, keinen Gegensatz. Wenn die Beziehung zwischen Unendlichem und Endlichem also „an sich“ bereits FREI ist, ergibt sich die Möglichkeit, alle anderen, auch weltlichen Fremdheiten und Entfremdungen in freie Verhältnisse auch politisch umzugestalten. Für Hegel ist Weihnachten also ein politisches Fest. Ein Fest, das nicht zum Stillesitzen verführt, sondern zum Eintreten für die Befreiung. Abschließend wurde im Salon die Frage erörtert: Wenn die Versöhnung von Gott und Mensch, also Weihnachten, im philosophischen Denken Hegels erreicht wird, wenn der Mensch also dieser Erkenntnis „ganzheitlich“ inne wird, was bedeuten dann noch die Kirchen? Welche Rolle spielt die Gemeinde usw… Hegel sagte ja einmal: „Philosophie ist der wahre Gottesdienst“…Einige Teilnehmer im Salon meinten, das Innewerden des Göttlichen „in mir“ sei entscheidend… (und ausreichend).

Als Lektüre empfehlen wir von Hegel (als Einstieg) die „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. In der Theorie Werkausgabe des Suhrkamp Verlages im Kapitel „Das Christentum“ ab Seite 385. Sowie den schönen Text von Joachim Ritter „Subjektivität und industrielle Gesellschaft. Zu Hegel Theorie der Subjektivität, in Joachim Ritter; Subjektivität, Frankfurt a.M. 1974, vor allem Seite 24. Und natürlich das grundlegende Werk „Menschwerdung Gottes“ von Hans Küng. Ausdrücklich sei noch an die grundlegende, ausgezeichnete Studie von Michael Theunissen erinnert: „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“.

Auch ein “atheistischer Philosoph” kann sich unter besonderen Bedingungen positiv zum Ereignis der Geburt Jesu von Nazareth äußern. Weihnachten 1940 verbrachte JEAN-PAUL SARTRE in deutscher Kriegsgefangenschaft in Trier. Für seine Mitgefangenen schreibt Sartre – auf deren Bitte hin – eine Art “Mysterienspiel”, also eine das “Wunderbare” darstellende Aufführung von und für “Laien”. Offenbar sind religiöse Gefühle nicht abzuweisen in großer Not, selbst bei einem Atheisten…Sartre stellt einen Widerstandskämfer in den Mittelpunkt, sein Name ist Bariona. Er hilft der “Heiligen Familie” dem Zugriff des Herodes zu entkommen. Und stirbt aber selbst dabei, als er sich für die Flucht des Jesus-Kindes mit seinen Eltern Josef und Maria einsetzt. Das Sartre Stück wurde zu Weihnachten 1941 gleich dreimal von Kriegsgefangenen aufgeführt. Erst 1976 stimmte Sartre der Veröffentlichung seines Theaterstücks bei Gallimard zu; ihm war wohl dieser “fromme Ausrutscher” in seinem Werk etwas peinlich. Siehe dazu knapp zusammengefasst: Christian Modehn, Religion in Frankreich,Gütersloh 1993, Seite 86 ff.

copyright: Christian Modehn

Wie viel Denken braucht der Mensch?

Zum Welttag der Philosophie – ein weltweites Projekt der UNESCO –
Wie viel Denken braucht der Mensch?

Eine Veranstaltung im AFRIKA – HAUS Bochumer Str. 25
in Berlin – Tiergarten
am Donnerstag, 18. November 2010, Beginn um 19 Uhr.

– Berliner philosophische Gruppen stellen sich vor: „Zwischen Disput und Lebenshilfe“

– Was ist Philosophische Praxis? Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP), vertreten durch Prof. Petra von Morstein
– Die Kunst, gemeinsam richtig zu philosophieren. Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren (GSP) zum Sokratisches Gespräch, vertreten durch Dr. Dieter Krohn
– Philosophie im Café. Initiativen in Moabit und Zehlendorf, vertreten durch Roger Künkel und Roger Wisniewski
– Warum Spiritualität kritisches Denken braucht, Philos. Salon in
Schöneberg, vertreten durch Christian Modehn

– Podiumsdiskussion: Philosophie in Aktion – Philosophie als Aktion?

– Intermezzo, Speisen und Getränke

– Gespräch und Diskussion mit den TeilnehmerInnen

– Ende gegen 21. 15, möglicherweise Fortsetzung der Gespräche in kleinerem Kreis.

Das AFRIKA HAUS
Bochumer Straße 25 in
10555 Berlin – Tiergarten ist über den U Bahnhof Turmstr., Ausgang Alt-Moabit, gut zu erreichen.

Ab 18.30 ist das Afrika Haus geöffnet.
Der Eintritt ist frei.

V.I.S.d. P.: Christian Modehn und Roger Wisniewski

Philosophieren – ein Fest des Denkens?

Kann Philosophieren selbst eine FEIER werden?

Perspektiven für unser Gespräch am 19.12. 2009 über Philosophieren zwischen Alltag und Fest….

Eine merkwürdige Zumutung: Philosophisches Denken als Feier?

Aber was leistet Philosophieren:

Es räumt auf, indem es problematische Begriffe untersucht, Denkzwänge beseitigt, möglicherweise falsche Vorstellungen verwirft; neue Erkenntnisse tun sich auf. Vernunft ist ja in klassischer Tradition „Licht“.  Aufklärung heißt auf Französisch: Siècle des lumières…Zeitalter der Lichter.

Also:

Wenn Philosophie entrümpelt, schafft sie einen neuen freien und lichten Denkraum und damit einen neuen Lebensraum.

Bei etwas mehr Klarheit kann man sich doch freuen, kann man doch mit den neuen Erkenntnissen umgehen, spielen, sie probieren, ihre Wirkungen genießen. Vielleicht sind sie heilsam, vielleicht beflügeln sie den Geist und damit das Leben.

Dann wird Philosophieren zum „Denkfest“.

Dieses Fest wird immer zunächst in der Einsamkeit des einzelnen gefeiert. Und zwar möglichst oft. Denn das Entrümpeln hat nie ein Ende.

Aber der entrümpelte Denkraum wird immer wieder anderen gezeigt, d.h. er wird mit anderen besprochen. Dann entsteht ein Fest des gemeinsamen Denkens. Ein Symposion.

Und bei dem klassischen Symposion von Platon fehlten niemals Wein und Brot. Gibt es etwa ein „philosophisches Abendmahl“?  Darüber wäre auch im Rahmen einer Philosophie der Lebenskunst nach zu denken.

Mit Hegel Gott denken

Mit dem Philosophen  Hegel Gott denken  – Möglichkeiten und Grenzen

Ein Salonabend im Hause Hegel

Eine imaginäre Begegnung anläßlich eines klassischen Themas, das viele heute für überholt halten. das aber doch einen philosophischen Reiz nicht verloren hat…

Von Christian Modehn

Im Wein liegt Wahrheit, und mit der stößt man überall an.« Ein Bonmot, das sich in ganz Berlin herumgesprochen hat. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat es formuliert, und es wird ihm immer vorgehalten, wenn er, bei einigen Gläsern Wein, abends zum Salon einlädt. Treffpunkt ist seine Wohnung »Am Kupfergraben Nr. 4«, ganz in der Nähe der Prachtstraße »Unter den Linden« mit der Universität.

Die heutige Runde will darüber nachdenken, wie die Vernunft einen Beitrag leisten kann zur Versöhnung der zerstrittenen und zerrissenen Gesellschaft: Manche Leute halten sich streng an die dogmatische Wahrheit, andere lassen jedem seine Überzeugung, sind für die Toleranz. Etliche setzen nur auf Spiritualität, die anderen auf den Atheismus. Viele wollen Gott nur im Gefühlsrausch erleben, andere möchten einen klaren Kopf bewahren, wenn sie beten.

»Gibt es bei diesen zerstrittenen Positionen einen vernünftigen Ausweg, eine Versöhnung?« Mit diesen Worten begrüßt Hegel seine Gäste, zwei Theologen und drei Philosophen. Sie wissen längst, dass Hegel der Vernunft sehr viel zutraut: Nur sie darf Staat und Gesellschaft bestimmen, nur sie soll den Menschen leiten in seinen Entscheidungen. Und schließlich sollte die Vernunft auch die Religionen bestimmen. »Darum schlage ich für unsere heutige Sitzung in unserem Salon das Thema vor: Wie lässt sich Gott denken, ja mehr noch, lässt sich vielleicht die Existenz Gottes in der Philosophie beweisen?«

Mit dieser Frage haben die Gäste beinahe gerechnet, denn die Erkennbarkeit Gottes im Denken ist eines der Lieblingsthemen des Meisterdenkers Hegel. Um das Wohlwollen seiner Gäste zu gewinnen, erhebt Hegel das Glas und sagt: »Auf die Erkenntnis der Wahrheit.«

Die Gäste wissen natürlich, dass Hegel, durchaus unbescheiden, dazu neigt, sein eigenes Denken als »die« Wahrheit zu bezeichnen. Und das empfinden viele als »anstößig«, weil er in höchster geistiger Anstrengung die Erkennbarkeit Gottes zur Grundlage seiner Philosophie macht. Wird sich auch in dieser Runde Gott im Denken beweisen lassen? Ein spannendes Thema, das vielleicht einen eher lockeren Einstieg verdient, meint der evangelische Theologe und Psychologe Günter Funke: »Gottesbeweise sind einfach wunderbare intellektuelle Spiele. Das hat mit der Freude am Denken zu tun. Und warum soll man sich nicht mal hinsetzen und sagen: Versuchen wir es mal.«

Hegel möchte diese etwas flapsige Äußerung schon fast »anstößig« finden und laut widersprechen, aber er besinnt sich und erklärt sanft: »Nach Möglichkeiten von Gottesbeweisen zu suchen ist alles andere als ein Spiel. Erst, wenn wir sicher Gott erkennen, finden wir Halt und Sinn. Die Erkenntnis Gottes ist im Denken des Menschen begründet. Denn mit unserer Vernunft überschreiten wir das Endliche und Begrenzte. Wir sind kraft unserer Vernunft über alle Einschränkungen der Welt hinaus auf den Unendlichen, auf Gott, bezogen.«

Die Gäste im Hause Hegel schauen sich an und denken: Da hat uns also Hegel gleich ins Zentrum seiner Philosophie geschleudert: Denn er begründet in allen Teilen seines weitreichenden Systems, warum der Mensch die geistige Kraft hat, die Grenzen des Weltlichen und Bedingten zu überschreiten. Der Mensch sei wesentlich Geist, das unterscheide ihn vom Tier. Und der Geist lehrt Leben, Lieben und Hoffen. Darum dürften die Naturwissenschaftler auch nicht das letzte Wort haben. Sie könnten gar nicht verstehen, was unsere menschliche Wirklichkeit ist, was Person und Ethik, soziales Leben und Politik, Kunst und Religion bedeuten. Überall da wirke der Geist, und der habe so viel Energie, die Welt auf Gott hin zu öffnen. »Und genau da sind wir wieder bei unserer Sache«, sagt der Philosoph Volker Gerhardt: »Ich glaube, dass wir heute das Thema des Göttlichen oder Gottes ganz selbstverständlich auf die Tagesordnung der Philosophie setzen.«

Hegel atmet auf: Seine Gäste wollen sich also nicht »aus Eitelkeit«, wie er gern sagt, am Weltlichen und Irdischen festklammern. In aller Deutlichkeit schärft er ein: »Wenn wir nach Gott im Denken fragen, dann ist das alles andere als eine plötzliche Erleuchtung, alles andere als ein persönliches Wunder. In der Arbeit der Vernunft gelangen wir zum Erleben des Schönen, Wahren, Guten, zu geistigen Wirklichkeiten.«

Voller Bedacht trinkt Hegel einen Schluck Riesling. Die Gäste beobachten, wie er sich den guten Tropfen auf der Zunge zergehen lässt. Als Schwabe ist er ein Weinkenner … dann fährt er fort:

»Den philosophischen Weg zu Gott nenne ich Gottesbeweis. Und der Beweis beginnt damit, dass wir feststellen: In unserer Vernunft überwinden wir alles Begrenzte, Endliche, Weltliche.«

Die Philosophen in der Runde können dem nur zustimmen. Ohne kritisches Denken gibt es nur diffuse Gefühle, Vorurteile, Illusionen. Die entscheidende Frage muss jetzt diskutiert werden: Warum ist alles Weltliche überhaupt da? Warum gibt es Werden und Vergehen? Darauf will der Philosoph Edmund Runggaldier, ein Jesuit, eingehen: »Der Ausgangspunkt ist zunächst einmal die Erfahrung, dass es Veränderung gibt, und die Überzeugung, dass es für jedes Phänomen eine Ursache braucht. Aus diesen Überzeugungen schließe ich auf etwas, das dahinter ist. Wie ist es zur Entstehung dieses Kosmos gekommen? Wenn es stimmt, dass etwas nötig ist, damit etwas entstehen kann, dann muss es doch etwas geben, das Grund dafür ist, dass der Kosmos tatsächlich zu existieren begonnen hat.«

Die »Gottesbeweise« wollen zeigen, dass dieser »Urgrund« ganz anders ist als der Ursprung einer Sache, er ist kein raum-zeitlich bestimmbarer Gegenstand. Auf das Stichwort »Urgrund« hat ein anderer Philosoph in Hegels Salon nur gewartet: Der Philosoph Michael Theunissen erinnert daran, dass der »Urgrund«, das Göttliche, nicht als eine jenseitige und himmlische, ferne und fremde Wirklichkeit gedacht werden sollte. »Eine von Hegels wichtigsten Einsichten ist: Das Endliche, Weltliche, kann nicht in sich selbst stehen, es verweist auf ein absolutes Sein, das es trägt. Das Endliche ist nicht aus eigener Kraft lebendig, es trägt sich nicht selbst. Wir müssen das Absolute annehmen als den Grund unserer selbst, so dass das Absolute die Substanz unserer eigenen Wirklichkeit ist.«

Hegel lächelt zufrieden. Besser hätte er es auch nicht sagen können. Alle geistige Energie im Menschen stammt vom Schöpfer des ganzen Universums. Dass der biblische Schöpfungsbericht nicht wörtlich zu nehmen ist, versteht sich in diesem Kreis von selbst! Trotzdem hält man fest: Mensch und Gott sind aufs Innigste verbunden. Wir leben aus der geistigen Kraft, die uns geschaffen hat. Von dieser Einsicht ist Günter Funke ganz begeistert: »Dieses Leben, das uns im Leben hält, haben wir uns selber nicht gegeben, nicht gemacht. Wir können nicht einmal Leben im Reagenzglas machen, weil das Leben immer schon da ist. Das heißt: Wir können im Reagenzglas dem Leben eine Chance geben, auch dort noch zu erscheinen. Aber der Mensch kann kein Leben schaffen, weil er in allem Lebenschaffen immer schon auf dieses Leben zurückgreifen muss, um etwas zu schaffen.«

Ein Gast saß bisher schweigsam und in sich gekehrt in der Runde. Jetzt will er unbedingt das Wort ergreifen. Eine leichte Empörung kann er nicht verbergen. Pater Klaus Schlapp ist Zisterziensermönch in der alt-katholischen Kirche: »Ich glaube nicht, dass man die Gottesfrage gedanklich klären kann. Wie kann man die Gefühle einer Mutter zu ihrem Kind philosophisch erklären? Wie kann man die Liebe Gottes zu den Menschen philosophisch erklären? Und die Objektivität des Glaubens, die steht in Ihnen, in Ihren Herzen. Das ist nicht etwas, was ich wissenschaftlich weitergeben kann. Oder auch philosophisch klären kann. Wie kann man Gott mit Logik erfassen? Ich denke, da werden wir immer wieder scheitern. Ich kann Gott immer dann erfassen, wenn ich selbst aufhöre, irgendetwas zu wollen.«

Für die Philosophen in Hegels Salon ist dieses Bekenntnis eine Provokation. Aber das Misstrauen der Frommen gegenüber der Philosophie könne doch überwunden werden, meint Edmund Runggaldier: »Sollte meine Vernunft ständig gegen diesen Glauben an Gott sprechen, so wäre ich innerlich zerrissen. Und das wäre ungesund und äußerst unangenehm. Ein vernünftiger Glaube hilft, eine einheitliche, konsistente Auffassung der Wirklichkeit zu haben. Und diese einheitliche Auffassung hilft mir auch, den Alltag leichter zu bewältigen, ohne dass ich schizophren sein müsste: hier Rationalität der Wissenschaft, dort Irrationalität des Glaubens. Diese Spaltung wäre äußerst ungesund.«

Die Gotteserkenntnis führt also zu einer Stimmigkeit in meinem Leben, sie fördert das seelische Wohlbefinden und die Ausgeglichenheit des Geistes.

Selbst bei einem guten Tropfen kann Pater Schlapp seinen Unmut nicht überwinden: Muss man denn gleich von einem »Gottes-Beweis« sprechen, fragt er ein wenig mürrisch. Hegel möchte am liebsten zornig werden:

»Wie oft habe ich schon gesagt, dass Philosophie nicht Mathematik ist und dass deswegen ein philosophischer Beweis nicht die Qualität eines mathematischen Beweises hat. Wir Philosophen haben nichts mit Geometrie zu tun!«

Hegels Argument wird von dem Philosophen Günter Figal unterstützt: »Beweis ist vielleicht das falsche Wort in dem Zusammenhang. Beweisen kann man nicht, was letztlich nur durch eine intensive Erfahrung zugänglich ist. Man kann es erläutern und ausdeuten und kann zeigen, dass das, was da erläutert wird, eine Sache ist, die nicht etwa durch die Erläuterung von uns erfunden worden ist. Wenn man das einen Beweis nennt, wäre ich einverstanden.«

Hegel ist froh darüber, dass einer seiner Gäste auch neue Argumente für Gott vorstellen will; er setzt beim Suchen und Sehnen nach einem sinnvollen Leben an. Der Philosoph Volker Gerhardt betont: »Meines Erachtens ist das Wesentliche in dieser Demonstration der Unverzichtbarkeit Gottes dadurch gegeben, dass wir nicht ohne Sinn handeln können. Wir sind auf etwas bezogen, was uns etwas bedeutet. Und das geht über unsere jeweilige Handlungsperspektive hinaus, und es geht auch über unser individuelles Dasein hinaus. Wie wollen wir Kinder erziehen und ihnen den Ernst des Daseins beibringen, wenn wir zugleich immer sagen: Ja, aber es ist alles ohne Bedeutung, denn letztlich hat ja alles keinen Sinn. Ich glaube, das kann jeder einsehen, dass wir den Sinn brauchen. Und wenn wir uns dann fragen, was einen solchen Sinn garantieren kann, dann sind wir bei dem, entschuldigen Sie die Formulierung, was man die Funktion Gottes nennen kann, da ist er unverzichtbar.«

Die Gäste Hegels kommen darin überein: Im Denken lässt sich Gott als ein tragender Lebenssinn, als absolutes Geheimnis »berühren«. Das ist doch viel! Bevor es zur weiteren Debatte kommt, bittet Karl Friedrich Rumohr, ein Freund Hegels, in die Küche: Rumohr hat eines der ersten großen Kochbücher verfasst. Jetzt serviert er einen deftigen Gemüse-Fleisch-Salat. Und während die Gäste speisen, gibt er, selbstverständlich mit Zustimmung des Gastgebers, einen kleinen Witz preis: »Ein Sohn fragt seinen Vater: Hat Gott die Welt wirklich erschaffen und fertiggestellt? – Ja, mein Sohn, das hat er. – Aber Vater: Was macht Gott denn jetzt ständig im Himmel nach der Fertigstellung der Schöpfung? – Mein Sohn, höre! Gott sitzt Modell für das Absolute im Denken Hegels.«

Hegel schmunzelt, und mit einer gewissen Betroffenheit schauen die Gäste in die Runde: Weiß Hegel nicht vielleicht doch zu viel von Gott? Kann er zu Recht sagen, Gott im Denken als den Dreifaltigen zu erkennen? Ist der Unendliche nicht vor allem Geheimnis? Reicht es nicht zu wissen, dass Gott da ist? Wird der bewiesene Gott nicht zu einem Gegenstand, den man handhaben kann? Der evangelische Theologe Günter Funke meldet sich energisch zu Wort: »Der Mensch möchte verfügen. Und er fügt dann Gott ein in seine Konstrukte. Viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Und natürlich, wenn ich irgendwo mal beginne, Lebendigstes für Vorstellungen zu opfern, dann werden die Vorstellungen überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.« Philosophie, so lässt sich Hegel belehren, sollte vor allem interessiert sein, vor übereilten Festlegungen zu bewahren, den Raum des göttlichen Geheimnisses zu öffnen. Der Gastgeber erinnert an die Überzeugungen seiner Jugend: »Schon als junger Philosoph in Tübingen habe ich gelehrt: Die Lebendigkeit, das Leben selbst, ist die innere Quelle, Gott zu erfahren. Ich lasse mich deswegen auch heute gern von der Musik von Johann Sebastian Bach ansprechen, weil sie so deutlich den Übergang des Menschen zu Gott und die Hinwendung Gottes zum Menschen ausdrückt.«

Die Runde in Hegels Salon ist von der Begeisterung fürs Denken erfasst, aber sie möchte jeglichen blinden Eifer vermeiden. Darum muss der praktische Stellenwert der Gottesbeweise noch erklärt werden. Denn so könnte sich niemand mehr der Beziehung zu Gott entziehen. Dann »müssten« sich alle Menschen notwendigerweise an Gott halten, wenn sie nicht als Dummköpfe gelten wollen. Und die Philosophen könnten sich als »Gottesbeweiser« in den Dienst der Kirchen stellen. Sie wären dann philosophische Missionare.

Aber alle Tatsachen sprechen dagegen. Es gibt Atheisten genauso wie fromme Leute, die ohne jeglichen Gottesbeweis offenbar glücklich leben. Die »Gottesbeweise« bieten also persönliche Gewissheit, aber keine mathematisch zwingende Erkenntnis. Sie sind vor allem für jene Menschen von Nutzen, die schon einen gewissen Sinn für eine göttliche Wirklichkeit haben. Auf diese entscheidende Nuance weist Edmund Runggaldier hin: »Zunächst geht es darum zu klären, wie wir Theisten die Wirklichkeit deuten, damit unser Glaube konsistent sei. Denn wenn er widersprüchlich ist, dann kann er nicht stimmen. Erst in einem weiteren Schritt kann ich mich dann bemühen, einem Nichtgläubigen zu erklären, was die Gründe sind, die mich dazu bewegen, trotz der Religionskritik zu meinem Glauben zu stehen.«

Philosophische Argumente zur Gottesfrage behalten aber doch ihre aktuelle Gültigkeit, ruft Hegel in die Runde: »Im Erkennen Gottes beziehen wir uns auf eine göttliche Welt, in der alle Menschen sozusagen Kinder Gottes sind. Das heißt: Alle Menschen sind in gleicher Weise wertvoll und bedeutend. Und das gilt absolut, ist unumstößliche Wahrheit. Philosophische Gotteserkenntnis ist durchaus politisch zu verstehen im Sinne einer gerechten, brüderlichen Gesellschaft.«

Bevor die Runde ein letztes Gläschen trinkt, will Volker Gerhardt noch auf die spirituelle Bedeutung philosophischer Gotteserkenntnis hinweisen: »Ich denke, dass man heute vom Individuum her auf den Glauben zugeht. Deswegen braucht man die Kirche nicht notwendigerweise als einzelner Mensch. Man braucht keine Dogmen, sondern man kann aus der persönlichen Erfahrung heraus im Denken seine Beziehung zu Gott finden.«

Hegel hebt das Glas und sagt zum Schluss: »Trotzdem brauchen wir eine Gemeinschaft, eine Gemeinde der kritisch Denkenden, eine philosophische Gemeinschaft im Salon oder im philosophischen Café. Diese neue Gemeinde der Philosophen bestärkt uns auf dem Weg der Vernunft.«

Philosophische Lebenskunst – Pierre Hadot

Der Philosoph als Exerzitienmeister
Pierre Hadot – Porträt eines ungewöhnlichen Denkers
Von Christian Modehn (2009)

Wenn er sich auf schwierige Herz – Operationen vorbereiten musste, fand er Trost in der Philosophie. „Die innere Ausgeglichenheit hat mir die Philosophen der Stoa gegeben“, berichtet Pierre Hadot, „meine individuelle Situation konnte ich relativieren, wenn ich mir vorstellte, wie ich, gleichsam fliegend, von hoch oben, auf die Welt schaue. Diese Übung gegen alles egozentrische Denken zeigt: Wie unbedeutend alles ist“.
Pierre Hadot hat erlebt und erfahren, dass philosophisches Nachdenken wie eine Therapie heilsam ist: „Lebe jeden Tag so, als wäre er ein erster Lebenstag. Und lebe ihn so, als wäre er der letzte. Dann freust du dich entweder über das Aufgehen einer Welt in dir und um dich herum. Oder du siehst im Blick auf das Ende die Ganzheit des Lebens. Nur in dieser meditativen Haltung, ein Vorschlag antiker Philosophen, entdeckt man die Tiefe des Lebens, die Freude, jetzt diese Gegenwart zu erfahren“.
Philosophie ist für Pierre Hadot mehr als abstraktes Debattieren, mehr als systematisches Reflektieren in den Universitäten: Sie ist eine Lebenshaltung. Nebenbei gesagt, hat sie Pierre Hadot ein langes Leben geschenkt: 1922 in Paris geboren, hat er sich schon als Jugendlicher für die Philosophie leidenschaftlich interessiert. Er erinnert gern an ein Erlebnis ungewöhnlicher Art, das er als „ozeanisches Gefühl“ beschreibt: Er erlebte die Wellen in einem unendlich erscheinenden Ozean, und plötzlich fühlte er sich einbezogen in eine geheimnisvolle Welt. Diese Unendlichkeit hat er nicht mit Gott in Verbindung gebracht. „Es war sozusagen ein religionsfreie philosophische Erfahrung der Unendlichkeit“.
Pierre Hadot lehrte als Professor für Philosophie am berühmten „Collège de France“ in Paris. Sein Fachgebiet: Die antike Philosophie, aber auch das Denken von Montaigne und Kant, Goethe und Wittgenstein.
Seine zahlreichen Bücher  haben vielen Menschen vor allem die antike Philosophie nahe gebracht: Die Schulen der Stoiker und Epikuräer, der Platoniker und Skeptiker. Befreit man deren Lehren von zeitgebundenen Vorstellungen und Einflüssen, wie bestimmten Ideen vom Kosmos oder den Atomen, dann zeigen diese so alten Denker ihre aktuelle Bedeutung für die Lebensgestaltung heute. „Pierre Hadot hat grundlegend unsere Vorstellung von Philosophie verändert“,  schreibt der auf Philosophie spezialisierte Publizist Roger – Pol Droit aus Paris. „Philosophen wie Seneca, Marc Aurel oder Epiktet haben nicht systematische Lehrbücher hinterlassen“, betont Hadot, „sondern Reflexionen, die ihnen selbst wie auch ihren Schülern Lebenshilfe sein sollten.
Dabei hatte zu Beginn seiner Studien alles darauf hingedeutet, dass er eine Karriere innerhalb der katholischen Kirche macht: Von den „Christlichen Schulbrüdern“ ausgebildet, „hatte ich  einen naiven Kinderglauben ohne Enthusiasmus“. Er studierte Theologie, 1944 wurde er zum Priester geweiht, weil das Seminar in Reims dringend einen Geistlichen als Philosophie Dozenten brauchte. Die gegen alles Moderne  gewandte Enzyklika „Humani Generis“ von Papst Pius XII. war für ihn ein Schock; die stereotypen Wiederholungen der liturgischen Sprache empfand er als Ärgernis, den immer wieder propagierten Glauben an übernatürliche Wunder konnte er nur ablehnen. „1953 habe ich die Kirche verlassen“, er gab sein Priesteramt auf. 1964 heiratete er in Berlin die Philosophin Ilsetraut Marten, mit ihr hat er das  gleiche Thema bearbeitet: Die Philosophie als Exerzitium, als geistige Übung.
Die antiken Philosophen wollte den Geist ihrer Zuhörer anregen, „bearbeiten“, sie wollten nicht nur den Geist  informieren, sondern – durchaus mit einem missionarischen Anspruch- die Seele formen. In den zahlreichen und in allen Städten weit verbreiteten philosophischen Schulen wurde mit dem „Meister“ über diese Exerzitien diskutiert. Aber wirklich praktizieren muss die Übungen der einzelne Mensch. Er muss es lernen, philosophische Lebenshilfe in jeder Lebenssituation zur Verfügung zu haben. Darum muss er zentrale Einsichten auswendig lernen und wie in einem inneren Dialog seinen Geist formen: „Bald wirst du alles vergessen haben, und bald werden dich alle Menschen vergessen haben“. Ein Lehrspruch von Marc Aurel, er verhindert blinden Übermut oder gar den Wahn, ewig jung bleiben zu können. Philosophische Übungen als verinnerlichtes Bedenken der Weisheit fördert die geistige Präsenz. Die Versuchung, wie im Dämmerzustand durch das eigene Leben zu tapern, wird zurückgewiesen. Was brauche ich wirklich zum Leben? Epikur lehrte zum Beispiel: „Das Elend der Menschen besteht darin, dass sie Dinge fürchten, die gar nicht gefürchtet werden dürfen, zum Beispiel den Tod oder die Götter: Von unserem Tod können wir nichts wissen. Und von den Göttern wissen wir auch fast nichts, weil sie im fernen Himmel sind“. Innere Ruhe tritt ein, wenn wir uns sagen: „Wir dürfen nicht wollen, dass das, was sowieso eintritt, doch besser nicht eintritt. Sondern wir müssen wollen, das anzunehmen, was nun einmal unabänderlich kommt“.
Zu den Exerzitien der antiken Philosophen gehört für Pierre Hadot entscheidend die Achtsamkeit auf meine Gegenwart: Darum empfiehlt er, wie die Meister der Antike, die reflektierende Meditation am Morgen: Nach welchen Grundsätzen will ich heute handeln, aus egoistischem Antrieb oder gemäß einer vernünftigen Ethik. Und am Abend findet die Gewissenserforschung statt, nicht etwa, weil ein Gott das verlangt, sondern weil es vernünftig und deswegen heilsam ist. Habe ich heute mit Wohlwollen die Menschen behandelt, lebe ich für die anderen, ist mir die Freundschaft das höchste Gut? Habe ich mich der Resignation hingegeben? Marc Aurel hat gelehrt: „Erwarte nicht die ideale Republik, sei zufrieden wenn eine kleine Sache vorankommt. Und bedenke, was dann daraus wird, das ist dann oft gar keine kleine Sache mehr“.
Die Exerzitien der antiken Philosophen haben später die Exerzitien der Kirche geprägt, Pierre Hadot hat das nachgewiesen. Die Christen haben sogar diese freien philosophischen Übungen vereinnahmt, als sie die Philosophie seit dem Mittelalter zur „Dienerin der Theologie“ erklärten  und das Dogma über das kritische Fragen stellten. Philosophie soll noch heute in der Ausbildung der Priester zur Annahme der Kirchenlehre bewegen.
Pierre Hadot lässt keinen Zweifel daran, dass auch heute die philosophischen Exerzitien eine spirituelle Hilfe sind. Der einzelen muss sie leisten, wie in einer Form von „Selbsterziehung“, und diese einzelnen können sich zu philosophischen Gesprächskreisen zusammenschließen. Der zeitliche Abstand zu den Texten antiker Philosophen ist ja nicht größer als zu den Texten der Bibel. In beiden Fällen muss historisch – kritisch gelesen werden. Die Philosophien bleiben zumindest genauso relevant wie das „Buch der Weisheit“ . Denn im Unterschied zu kirchlichen Exerzitien wollen die philosophischen Exerzitien einzig den freien, selbständigen Menschen fördern, er muss sich keiner kirchlich vorgegebenen Moral anpassen. Vielmehr zählt einzig die Achtsamkeit auf die Stimme der Vernunft. Sie führt zum inneren Frieden. „Ein Geschenk, das gerade in Zeiten globaler Krisen lebensrettend sein kann“.

Copyright: Christian Modehn

Das wichtige Buch von Pierre Hadot auf Deutsch “Philosophie als Lebensform” (Fischer Verlag) ist leider immer noch vergriffen. Auf Französisch ist wichtig als Einführung das Interview mit Hadot “La Philosophie comme manière de vivre” (Livre de Poche) aus dem Verlag Albin Michel, Paris. 2001, 6 Euro!

Laien leiten katholische Gemeinden in POITIERS, Frankreich.

Gegen den Trend

Im französischen Bistum Poitiers leiten Laien die Gemeinden. Hier ist der Weg von unten die Antwort auf die Kirchenkrise

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag wurde im Jahr 2009 publiziert. Inzwischen gab es einen Wechsel in der Leitung des Erzbistums Poitiers, nach der altersbedingten Pensionierung des sehr verdienten und mutigen Erzbischofs Albert Rouet. Er hat das Programm “Laien leiten Gemeinden” und “Laien leiten Sonntagsgottesdienste mit Kommunionempfang (!)”  entworfen und immer unterstützt. Manche sahen in dem (unten beschriebenen Projekt) eine Chance, auch kleine Gemeinden, auf dem Land zumal, lebendig zu erhalten und mit dem üblichen (und bei dem zunehmenden Mangel an Priestern für die Gemeinden zerstörerischen) dominanten Klerus-Modell endlich Schluss zu machen. Der neue Erzbischof ist seit 2012 Pascal Wintzer. Er baut dieses stark auf die verantwortliche Mitwirkung der Laien setzende Modell langsam ab und kehrt zur römisch willkommenen Klerus-Vorherrschaft in den Gemeinden wieder zurück. In der vorzüglichen Studie “Trombinoscope des Eveques 2016-2017 (Edition Golias, Villeurbanne, Nov. 2016) wird jeder (!) französische Bischof, wie es sich journalistisch gehört, krititisch, also nicht kirchenabhängig, gewürdigt. Auf den Seiten 316 bis 320 wird über Erzbischof Pascal Wintzer, Poitiers, berichtet; der Beitrag über ihn hat den bezeichnenden Titel “Fossoyeur”, also Totengräber … für diese neuen Gemeindeformen. In diesen Tagen tritt eine Synode in Poitiers zusammen, dort treffen sich die Katholiken, die dem Erzbischof treu ergeben sind (“identitaires”, wie die “Trombinoscope” S. 320 berichtet. Sie sollen die Laien ablösen, die noch für das Laien-Gemeinde-Modell eintreten, schreiben die Autoren der “Trombinoscope” (= “Jahrbuch”)…Wir empfehlen allen Interessierten dieses in unserer Sicht einmalige Buch über den realen Zustand der französischen Hierarchie. Und bitten alle, die enthusiastisch einst die unten notierten Zeilen gelesen haben, und das sind auch in Deutschland viele, mit ihrer (üblichen) Frustration fertig zu werden. Im Reformationsgedenken 2017 gilt das Motto: Der Klerus beherrscht die römische Kirche … nach wie vor. Insofern bleibt Luther aktuell…

Ergänzung im November 2016: Die Gemeinden in Frankreich sterben aus, weil der Klerus ausstirbt. So einfach ist das. Und so schlimm, wenn man an den Tod der Kommunikation dadurch in den Dörfern und den möglichen Verlust an Spiritualität denkt. Über jüngste (2016) Entwicklungen, zum Thema, im Bistum Tulle (Corrèze) klicken Sie hier.

Der publizierte Text von 2009:

Die Vergangenheit wirkt so beruhigend, weil sie tot ist.« Albert Rouet, Erzbischof von Poitiers im Westen Frankreichs, liebt klare Worte, wenn er von der »Pfarrgemeinde« als Organisationsform kirchlichen Lebens spricht: Sie ist für ihn überholt. »Bei der Pfarrei ging es seit Jahrhunderten um Macht: Die Priester bestimmten alles. Jetzt sind sie noch mehr überlastet. Ständig müssen sie Messen feiern. Eine grundlegende Erneuerung ist so nicht möglich.« Weiterlesen ⇘

Denken macht glücklich

Ein Besuch bei Michel de Montaigne
Eine Ra­dio­sen­dung (RBB) von Christian Modehn

1.musikal. Zusp.: Rondo, bleibt  0 05“ freistehen. Dann etwas reinblenden: Weiterlesen ⇘

Der philosophische Glaube bei Karl Jaspers

Glaubenssachen
Der philosophische Glaube
Ein Vorschlag von Karl Jaspers
Von Christian Modehn

Sprecher
Zitator
4 O Töne, zus. 4 30“

Sprecher:
Wer den Philosophen Karl Jaspers in seiner Wohnung in Basel besuchte, traf einen heiteren, jedoch Weiterlesen ⇘