Religionskritik

In der Rubrik „Religionskritik“ sind einige Texte versammelt, die auf einen Schwerpunkt philosophischer Kritik hinweisen.



Kein Nein zu Marine Le Pen: Frankreichs Bischöfe sind neutral vor dem 2.Wahlgang

29. April 2017 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Religionskritik, Termine, Theologische Bücher

Kein Nein zu Marine Le Pen: Frankreichs Bischöfe sind neutral vor dem 2. Wahlgang am 7.5.2017.

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zum Wahlverhalten der Katholiken und der anderen Religionen im 1. Wahlgang, klicken Sie hier.

Die französische Bischofskonferenz hat am 23. April 2017 eine Erklärung veröffentlicht. Sie soll der Unterscheidung der (katholischen) Geister vor dem 2. Wahlgang am 7. Mai 2017 dienen.

Mehrere Aspekte des insgesamt recht kurzen Textes, er umfasst bloß 4.400 Zeichen (incl. Leerzeichen), müssen eigens hervorgehoben werden.

1. Die Bischöfe geben keine direkte (namentliche) Empfehlung für einen der beiden Präsidentschaftskandidaten. Weder Macron noch Le Pen werden überhaupt genannt. So wirkt der Text abgehoben und überzeitlich.

Mein Kommentar: Ist dies Ausdruck für bischöfliche Diplomatie? Sind etwa die Bischöfe gleich mit beiden Kandidaten unzufrieden? Weil ihr geliebter konservativer Katholik Francois Fillon (und Betrüger) nicht in die Zweier-Auswahl kam? So wird es sein. Die französischen Katholiken haben sozusagen ihren „Übervater“ verloren und sind ohne Orientierung.

2. Die Bischöfe wollen auch in diesem Text (angesichts der möglichem Wahl einer rechtsextremen Präsidenten) die modern wirkende Position vertreten: Möge jeder Katholik doch selbst entscheiden.

Mein Kommentar: Diese Haltung gilt, wenn zwei demokratische Kandidaten zur Auswahl stehen, nicht aber in Zeiten rechtsextremer Bedrohung. Denn es ist nicht garantiert, dass Macron gewählt wird. Man stelle sich vor, einer der beiden Kandidaten wäre nicht vom Front National, sondern explizit von der Kommunistischen Partei: Was würden die Bischöfe warnen und toben vor diesem widerwärtigen Atheisten und Extremisten. Nicht so bei einer rechtsradikalen Kandidatin Le Pen, die sich ja bekanntlich nach außen oft so moderat und so modern gibt. Fallen die Bischöfe auf dieses Schauspiel von Le Pen rein? Sie wissen ja, dass Madame Le Pen die Gemeinde der katholischen Traditionalisten und Pius-Brüder St. Nicolas de Chardonnet, Paris, als ihre Pfarrgemeinde ansieht. Trotzdem sind die Bischöfe nicht entschieden gegen Le Pen. Denn sie wissen, dass so viele Katholiken in den „normalen“ Gemeinden längst FN Anhänger sind. Die will man doch nicht verprellen…Denn die Schar der so genannten praktizierenden Katholiken tendiert systematisch und beweisbar gegen Null.

3. Die Bischöfe nennen dennoch ein paar Begriffe, die den Katholiken bei der Wahl zu denken geben sollen, ohne dabei eine explizite Wahlempfehlung zu sein:

Sie nennen, wie so oft bei bischöflichen Stellungnahmen weltweit, ganz allgemein und abstrakt den „Respekt des Gemeinwohls, auch die Realisierung der Brüderlichkeit, die Aufmerksamkeit für die ganz Schwachen, die Würde der menschlichen Person und die Subsidiarität“ (welcher (junge) Franzose kennt diesen Begriff ?, das als Kommentar am Rande).

Mein Kommentar: Mit diesen Begriffen als Wahlkriterium ist tatsächlich jede Partei wählbar. Welche wäre schon gegen die Hilfe für Schwache? Ich vermute, dass selbst der Diktator in Nordkorea vom Respekt dieser Prinzipien schwadronieren könnte.

4. Deutlicher und damit schon implizit parteilicher werden die Bischöfe, wenn sie als Kriterium auch den Respekt für die Schwachen und eigentlich für alle Menschen eintreten und zwar „von Beginn ihres Lebens bis zum natürlichen Ende ihres Lebens“.

Mein Kommentar: Mit dieser Position ist keiner der beiden Kandidaten wählbar, denn selbst Madame Le Pen will die Abtreibung nicht ganz verbieten. Sie ist hingegen gegen aktive Sterbehilfe, darüber wird in Frankreich heftig diskutiert. Dies abwägend, läuft der Bischofstext auf eine Wahlempfehlung für Madame Le Pen hinaus. Nebenbei: Wo bitte gibt es in Frankreich noch das „natürliche Ende des Lebens“? Vielleicht auf einigen Dörfern oder in einigen Klöstern. Aber: Wird etwa in den Kliniken nicht längst „passive Sterbehilfe“ geleistet?

5.Die nicht ausgesprochene, aber indirekt dennoch mitgeteilte Wahlempfehlung der Bischöfe gilt Madame Le Pen. Das muss gesagt werden! Dies wird besonders in der Abwehr der so genannten Homo-Ehe durch die Bischöfe sichtbar. Sie sprechen verschwommen von „liens de filiation“, einem Begriff, den der FN und Madame Le Pen häufig verwenden. Sie wollen, wörtlich übersetzt, die „Verbindungen der Abstammung“, also die „Kindes-Verhältnisse“, also ganz auf die heterosexuelle Beziehung setzen. Also eine Adoption von Kindern in Homo-Ehen usw. ausschließen.

Ausdrücklich sagen die Bischöfe wieder die allseits bekannten Sprüche: „Es gilt die Familie zu unterstützen“. Und danach folgt die Beschreibung von „der“ Familie als dem „tissu nourricier“, also etwa: als dem „Züchtungs – Ernährungs – Netz“,wörtlich übersetzt, was für ein Wort! Mit dieser umständlichen Formulierung wollen die Bischöfe vermeiden, explizit von Homo-Ehe zu sprechen und sogar von der in katholischen Kreisen doch nennbaren Hetero-Ehe. Aber: Auch in dem Punkt bleiben die Bischöfe nebulös, um nicht zu sagen verlogen. Sie haben Angst, Klartext zu sprechen!

6. Als eine weitere versteckte, aber sehr deutliche Werbung für Madame Le Pen kann die Äußerung der Bischöfe angesehen werden, wenn sie vom europäischen Projekt sprechen. „Diese Anhänglichkeit an das europäische Projekt setzt voraus, mehr die historische und kulturelle Tatsache der Nationen (sic!) zu respektieren, die den europäischen Kontinent bilden“. Franzosen und Europäer sollen also wieder mehr die Nationen und dann doch wohl den Nationalismus pflegen. Was für ein Wahnsinn, wenn man weiß, dass Nationalismus IMMER zu Kriegen führt. Die Bischöfe drehen an dem Punkt also durch, oder sie biedern sich inndirekt Madame Le Pen an. Diesen Satz zur Nation hätten sie nicht sagen sollen, in einer Situation, wo wir eher den Kosmopolitismus pflegen und fördern.

7. Dieser bischöfliche Text de facto ist also eine Schande. Er ist Ausdruck von Mutlosigkeit, hinter der sich aber – aufgrund der immer so absolut wichtig genommenen sexualmoralischen und individual-ethischen Fragen (Sterben!) – eine Sympathie für Le Pen verbirgt. Wenn das so ist, wäre dies eine Katastrophe, über die man nach der Wahl weiter sprechen muss. Aber die französischen Bischöfe waren ja bekanntlich schon im 2. Weltkrieg begeisterte Anhänger von Marschall Pétain und nur ganz wenige Bischöfe waren im Widerstand aktiv.

Es würde zu weit führen, die unglaubliche Arroganz der Bischöfe theologisch ausführlicher zu betrachten: Sie nennen ihr bischöfliches Papier als Lehre „der Kirche“. Bischöfe nennen sich wieder „die Kirche“. Diese uralte Theologie glaubte man – vielleicht zu naiv – längst überwunden… Dann meinen die Bischöfe, „die Kirche“ sei „dépositaire du message de l Evangile“, also „Verwalter und Mitwisser der Botschaft des Evangeliums“. Das Evangelium als „Depot“, aus dem die Bischöfe satzweise je nah Bedarf ein paar Stückchen herausschneiden: Das ist Tätigkeit der Bischofskonferenz. Benedikt XVI. sprach übrigens immer von Glaubensgütern wie in einem Depot…

8. Dieser bischöfliche Text ist Ausdruck der völligen Ermattung und Müdigkeit der französischen Kirche. Ihr Ruf in der Öffentlichkeit war noch nie so schlecht. Kardinal Barbarin, Lyon, hat pädophile Verbrechen von Priestern verschleiert, „um der klerikalen (Amts-) Kirche keinen Schaden zuzufügen“, wie es heißt. Das hat zu recht für Empörung gesorgt. Kardinal Barbarin ist trotzdem nicht zurückgetreten. Bischof Gaschignard (Aire et Dax) ist kürzlich zurückgetreten, weil von ihm sexuelle Übergriffe an Minderjährigen schon in Toulouse bekannt wurden. Die Bischöfe von Bayonne und Fréjus (eine Hochburg des FN!) stehen ideologisch dem FN nahe, theologisch würde man sie ultra-reaktionär nennen, wenn es dieses Prädikat gibt. Die Bischofskonferenz ist in sich selbst (politisch) gespalten, auch ein bisschen FN darf dort sein…

Hinzukommt natürlich, dass die französische Kirche personell, von der Anzahl der Priester her gesehen, de facto am Ende ist. In vielen Bistümern kann man die Zahl der französischen Priester, die noch nicht 65 Jahre alt sind, an einer Hand abzählen, etwa in Moulins, Sens, Cahors, Verdun usw…. Einer von zehn noch arbeitsfähigen Priestern kommt inzwischen aus dem Ausland, sehr oft aus Afrika. So wird das klerikale System aufrechterhalten. Auf die Idee, dass Laien Gemeinden leiten und Eucharistie feiern, kommt niemand. Das Magazin „Le Point“ berichtet: „Selon le Guide 2014 de l’Eglise catholique de France, elle compte 1.620 prêtres „venus d’ailleurs“, dont 916 Africains et 314 Européens (dont une moitié de Polonais)“: Nach dem Buch „Führer der katholischen Kirche von Frankreich im Jahr 2014“ gibt es in dieser französischen Kirche 1.620 Priester, die von aus dem Ausland stammen, darunter 916 Afrikaner und 314 Europäer, von denen die Hälfte aus Polen stammt“.

9. Etwas Kritik gibt es auch in Frankreich am diesem Bischofs-Papier: „In Stunden großer Gefahr für die Demokratie muss Klartext gesprochen werden“, meint der katholische Schriftsteller und Journalist Jean- Francois Bouthors. Er hat in „Le Monde“ (vom 28. April) die Bischöfe angeklagt: Sie seien feige, sie sehen nicht die große Gefahr, die eine Wahl von Madame Le Pen zur Präsidentin bedeutet. „Es ist jetzt Zeit für die Bischöfe, klar zu reden, laut und stark. Man muss also sagen: Alles, was auf irgendeine Weise Marine Le Pen stärken kann und damit das Lager der Verteidiger der Demokratie und des europäischen Projekts schwächen kann, ist nicht akzeptabel“. Solche Stimmen sind öffentlich selten zu vernehmen.

10. Man erinnert sich jetzt an einen merkwürdigen Vorgang, dass der zweifellos nette alte Priester, Père Hamel, von Saint Etienne de Rouvray (Rouen), wie in einem Schnellverfahren selig gesprochen werden soll. Der 85 Jahre alte Priester wurde am 26. 7. 2016, bei einer Messfeier von radikalen Islamisten am Altar gelyncht. So entsetzlich und widerwärtig diese Tat ist: Wird mit der Seligsprechung dieses freundlichen uralten Pfarrers nicht ein polemischer Akzent gegen „die“ Muslime gesetzt? Und ist irgendwie jeder Priester, der ermordet wird, ein Seliger oder ein Heiliger? Warum aber sind dann die großartigen Jesuiten und Befreiungstheologen (unter ihnen Pater Ellacuria SJ) aus El Salvador dann nicht längst heilig gesprochen worden? Sie wurden am 16. November 1989 von rechtsextremen Mörderbanden hingeschlachtet, die Mörder wurden in den USA ausgebildet und von einigen Bischöfen in El Salvador unterstützt. Soll etwa der selige Priester Märtyrer, Père Hamel, ein Zeuge sein für die Sanftheit „der“ Christen gegen die Brutalität „der“ Muslime? Ein problematischer Gedanke. Mit erscheint diese so forcierte französische Seligsprechung sehr auf die religionspolitische Situation in Frankreich bezogen zu sein.

11. Die heftige Abwehr von Madame Le Pen und ihres FN bedeutet ja nicht, dass ich absolut für Macron einstehe. Aber er ist ein Demokrat, auch wenn er vielleicht problematische ökonomische Vorstellungen hat. Aber er ist kein versteckter Rassist. Mit Macron kann die Demokratie grundsätzlich noch erneuert werden. Mit Madame Le Pen ist es aus mit der Demokratie. Und mit Europa. Dann beginnt die Nostalgie des alten und veralteten autoritären Frankreich Realität zu werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Text der Bischofskonferenz: http://www.eglise.catholique.fr/espace-presse/communiques-de-presse/438036-elections-presidentielles-leglise-redit-son-role-et-rappelle-ses-fondamentaux/ Gelesen am 29.4. 2017

 

 



„Ich bete an die Macht der Lüge“: Die neue internationale Hymne in Zeiten ohne Wahrhaftigkeit.

22. April 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Philosophische Satire, Religionskritik, Termine

Eine ernst zu nehmende philosophische Satire von Christian Modehn

In unserem religionsphilosophischen Salon in Berlin am 21. 4. 2017 sprachen wir über die zunehmende Macht der Lügen in der Politik, der Gesellschaft, im „privaten“ Leben. Mister Trump hat allein in den ersten 100 Tagen seiner Regierung mehr als 130 Lügen ausgesprochen, hat die „Washington Post“ dokumentiert…

Aus Anlass des weit verbreiteten Lügen-Wahns könnte es von Interesse sein, im Rahmen philosophischer Kritik als Satire sich auf die neue Internationale, möchte ich fast sagen, einzustimmen, nämlich die neue internationale Lügen-Hymne, die bitte jeder so Bürger und Wähler als Mitläufer und Mit-Sänger schmettern sollte, so wollen es die Herscher.  Als „Bekenntnis“, dass eben niemandem mehr geglaubt werden kann.

Die Strophe aus dem „geistlichen Lied“ des Gerhard Tersteegen (1750) spielte schon im 18. Jahrhundert eine grandiose Rolle beim militärischen Zapfenstreich. Dies gilt bis heute. Ohne diesen theologischen Schmarren, in einer Satire ist dieses treffende Wort erlaubt,  kommt auch heute kein großer Zapfenstreich der Bundeswehr aus! Eigentlich eine Schande. Ich weise ausdrücklich darauf hin, dass in diesem frommen Erguss von Herrn Tersteegen (von 1750) der „Mensch als Wurm“ bezeichnet wird. Wahrscheinlich fühlen sich viele Soldaten als „arme Würmer“ angesichts bevorstehender, oft tödlicher Kämpfe gegen „den Feind“.

Dies also ist der vertraute mystisch-militärische Song:

Ich bete an die Macht der Liebe,
die sich in Jesus offenbart;
ich geb mich hin dem freien Triebe,
wodurch ich Wurm geliebet ward;
ich will, anstatt an mich zu denken,
ins Meer der Liebe mich versenken.

Nebenbei: Dieses Lied ist noch immer im Evangelischen Gesangbuch, Regionalteil Rheinland-Westfalen-Lippe als Nr. 661 vertreten. Arme Würmer, kann man dann nur sagen, die solches singen…

JEDOCH: Angesichts der enormen Zunahme der Lügenpropaganda durch zahlreiche Politiker wie Putin., Erdogan usw. empfiehlt sich meine Neudichtung bezogen auf den Lügenbaron Mister Trump, USA.

Dies ist die neue internationale Lügen-Hymne, inspiriert von Tersteegen, neu bearbeitet und aktualisiert von Christian Modehn am 22. 4. 2017:

Ich bete an die Macht der Lüge,

die sich in Trump und andren zeigt;

Ich geb mich hin den Lügenworten,

wodurch ich Wurm verblödet werd;

ich will, anstatt an mich zu denken,

im Meer der Lügen mich versenken…

PS: Auch diese Neu-Dichtung kann selbstverständlich in der Melodie gesungen werden, die der in St. Petersburg wirkende ukrainische Komponist Dmitri Stepanowitsch Bortnjanski (1751–1825) ursprünglich für Tersteegens Text verfasst hat. Auch dieser Tipp noch: Unsere neue internationale Lügen-Hymne könnte bei Staatsbesuchen der genannten und noch nicht genannten PolitikerInnen gesungen bzw. geschmettert werden. Übersetzungen willkommen!

Copyright beachten: Christian Modehn, Berlin. Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Marine Le Pen, Front National, und ihre ideologische Basis.

13. April 2017 | Von | Kategorie: Gott in Frankreich, Philosophische Bücher, Religionskritik

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 12. 4. 2017

Marine Le Pen, Präsidentschaftskandidatin des Front National (FN), will nach außen zeigen, dass ihre Partei, ganz normal ist. Sie lobt die Republik, nach außen, verteidigt die laicité, also die Trennung von Religionen und Staat, aber nur, um damit ein Argument zu haben, gegen „die“ angeblich insgesamt republikfeindlichen Muslime in Frankreich vorzugehen. Dabei vergisst sie, dass die laicité als Gesetz (von 1904) gerade die friedliche Pluralität aller in Frankreich vertretenen Religionen innerhalb der religiös-neutralen Republik ermöglicht. Diesen demokratischen, Frieden – stiftenden Charakter der laicité kennt Madame Le Pen nicht oder er passt nicht in ihre Ideologie.

Und das Schlimme ist: Die Wähler glauben Marine Le Pens Sprüche von der angeblichen Normalität ihrer Partei und bekennen sich jetzt offen als Front National Wähler. Dieser Bekennermut war früher nicht so üblich: Man wählte die rechtsextreme FN, schämte sich aber meist, dies offen zuzugeben. Zwischen Demokraten und Le Pen-Fans wird der Dialog immer schwieriger. Es gibt Gesprächsblockaden.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin ist, wie bekannt, auch der Religionskritik verbunden, der philosophisch reflektierten Kritik der Religionen. Dazu gehört, den wirklichen, oft verschwiegenen philosophischen und religiösen Hintergrund der politischen Parteien freizulegen.

Diese Hinweise sind nur eine Aufforderung, die tatsächliche Ideologie des Front National (FN) noch weiter und umfassender zu studieren, diese Ideologie wird eher selten in den aktuellen Berichten, zumal in Deutschland, ausführlich genug erwähnt. Diese Ideologie ist inzwischen international „angekommen“. Auch deswegen ist die Beschäftigung mit dieser stets – von den Wählerzahlen her gesehen – wachsenden Partei wichtig.

1.

Welche Ideologie steckt im Kopf der Marine Le Pen? Diese Frage stellt der Pariser Philosoph Michel Eltchaninoff in seinem neuen empfehlenswerten Buch (Januar 2017) mit dem Titel „Dans la tete de Marine Le Pen“, Edition Solin/Actes Sud, 19 €.

Ich beziehe mich auf einige zentrale Aussagen dieses Essays. Auf Seite 12 betont der Autor, Chefredakteur der angesehenen Pariser Monatszeitschrift „Philosophie Magazine“: „Marine Le Pen ist keine Intellektuelle“ (Übersetzungen von Christian Modehn).

Um die intellektuelle Hebung ihres Niveaus kümmert sich seit 2010 Paul-Marie Couteux (Seite 14), der Madame Le Pen eine ganze Liste von Büchern zur Lektüre nahe legte, darunter Michel Houellebecq, der „die Moderne als Form der Langeweile beschreibt und den Relativismus“; der Le Pen –Lehrer empfiehlt ihr „die Lektüre des rechtsextremen Theoretikers Denkens Renaud Camus“. Er behauptete – eine in FN Kreisen heute verbreitete These – die muslimischen Einwanderer würden Frankreich erobern…

Inzwischen kann Le Pen in ihren Reden mit kurzen Zitaten von zumeist französischen (!) Literaten, Künstlern und Philosophen glänzen (S. 59). Sie nennt sogar den Widerstandskämpfer René Char oder den Schriftsteller Jean Cocteau oder den eher linken Historiker Marc Bloch oder die Katholiken René Girard oder Charles Péguy. Alle diese Zitate und Sätzchen sollen Eindruck hinterlassen…Dann werden die Zitate zu einem „Eintopf“ verrührt, der nur einen Geschmack haben darf: Frankreich muss wieder an erster Stelle, natürlich nur für alle echten Franzosen stehen. Und die Rechte der Flüchtlinge und Muslime müssen weitestgehend eingeschränkt werden. Sie gehören, so sagt se ironisch-freundlich, in ihre Heimat, also nach Syrien, nach Afrika usw… Schließlich: Die EU muss überwunden werden und die Nationen müssen sich an Russland und Monsieur Putin halten, den – auch für den FN – „finanziell Großzügigen“ und den Nationalisten. Über allem steht die Behauptung: Frankreichs Wurzeln seien christlich. Und das kommt gut an in bestimmten katholischen Kreisen.

Interessant und wichtig ist, dass Michel Eltchaninoff in seinem Buch auf die Nähe Marine Le Pens nicht nur zu Putin, sondern auch zum Führer der russischen Rechts-Extremen und oft Faschisten genannten Alexander Dougin hinweist: „Man weiß, dass Alexander Dugin regelmäßig nach Frankreich kommt und dass er in Kontakt steht mit einigen Mitgliedern des Front National. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Schreiber der Reden von Marine Le Pen die französischen Übersetzungen von Dugins Werken kennen“ (S. 85 f.).

2.

Auf die – schon seit 1968 offiziell schon bestehende „philosophische Schule“ „La Nouvelle Droite“ – macht Eltchaninoff aufmerksam: Dort sammeln sich meist sehr rechtslastige Autoren, vor allem in der „Forschungsgruppe“ GRECE (d.h.; “Groupement de recherche et d études pour la civilisation européene). In ihren zahlreichen Publikationen treten die GRECE Leute für das Heidentum (Paganisme) ein, und damit gegen den Monotheismus und somit für die große Ungleichheit unter den Menschen. Diese Differenz verstehen sie als Unterschied zwischen wertvollen und weniger wertvollen Menschen usw. Leute aus dem Umfeld von GRECE haben Marine Le Pen „den Unterbau, den Sockel, ihrer Reden geliefert“, so Eltchaninoff (S. 89). „Wenn der FN eines Tages zur Macht kommt, „schuldet er den Sieg zum Teil auch der neuen rechten Philosophie im Verein GRECE“ (S.88).

Nebenbei: Ich habe schon im Mai und Juni 1982 in zwei Artikeln für die Züricher Kultur-Zeitschrift ORIENTIERUNG (herausgegeben von dortigen Jesuiten,) auf die vielfältigen Dimensionen der „neuen Rechte“ und GRECE aufmerksam gemacht, man kann die Beiträge noch nachzulesen:

http://www.orientierung.ch/pdf/1982/JG%2046_HEFT%2010_DATUM%2019820531.PDF

und:

http://www.orientierung.ch/pdf/1982/JG%2046_HEFT%2011_DATUM%2019820615.PDF

 

3.

Die ideologische Bindung an die „neue rechte Philosophie“ im Club GRECE hat Marine Le Pen von ihrem Vater förmlich übernommen. Ob sie sich, als Parteiführerin, von ihrem Vater, dem FN Parteigründer, jetzt nur aus taktischen Gründen, nur nach außen hin absetzt, wäre eine weitere Frage, die hier nicht weiter verfolgt werden kann.

Jedenfalls kannte Jean Marie Le Pen schon 1979 die Ideologie der Neuen Rechten. In einem Interview in dem Buch „La droite aujourd hui“ (erschienen 1979 bei Albin Michel) herausgegeben von Jean-Pierre Apparu, dort auf den Seiten 173-181, spielt er auf Thesen an, die aus diesen GRECE-Kreisen stammen: „Das Recht des Menschen stammt aus seiner Zugehörigkeit zu einer (biologischen) Gruppe, die fähig ist, ihn zu respektieren. Der Mensch kommt ganz überwiegend aus einer Kette, einer Abstammung, einer Generation, das zählt…“, sagte Jean Marie Le Pen. (S. 175). „Die Einwanderung erscheint uns als eine von beträchtlichen Gefahren, denen man begegnen muss, nicht nur in Frankreich, sondern in Europa… Wenn wir nicht eine mutige Politik der Geburtenförderung hier im Westen machen, werden die westlichen Völker überrollt von der sich ergießenden Woge des, so sagt le Pen, „Demographismus“ (also, übersetzt der Geburtenfreudigkeit, CM) aus Asien und Afrika“ (S. 178)… „Das ist nicht negativ gemeint, aber es ist mein Recht einer legitimen Verteidigung zu sagen, dass auch die Europäer und die Franzosen ein Recht haben zu existieren“ (ebd).

Man sieht: Diese ungeheuerliche Aufbauschung des angeblichen Untergangs der alten europäischen Kultur, verursacht durch so genannte Horden und Wellen von islamischen Immigranten, was für eine Sprache, gibt es seit den frühen Zeiten des FN…. und diese Reden haben sich als Kontinuum bis jetzt – leider sogar in manchen Kreisen auch in Deutschland – durchgehalten.

Diese Polemik wird heute von allen rechtsextremen und sogar bürgerlich-rechten, sich christlich nennenden Parteien (CSU etwa, schlimmer noch Orban, Ungarn und den meisten EU Politiker etwa im katholischen Polen) vorgebracht, als Argument gegen die Flüchtlinge und gegen die Ausländer und gegen die Muslime: Es ist dies eine extreme Form nationalen Egoismus der Regierungen, die damit nur auf den Egoismus der meisten Bürger antworten … Die jetzige Parteiführerin des FN, Marine Le Pen, ist in dieser Ideologie groß geworden. Sie denkt so wie ihr Vater, aber sie sagt es oft nicht so scharf. Sie will die Leute täuschen, indem sie sich als gute französische Patriotin, als Frau aus dem Volk, präsentiert.

4.

Auf die sich philosophisch nennende Bewegung „La Nouvelle Droite“, Neue Rechte ,und ihre Beziehung zu rechtsextremen Parteien wie dem FN hat auch schon 1983 der Politologe Jean-Christian Petitfils in seinem Buch „L extrème Droite en France“ (in der Buch Reihe „Que sais-je?), Presses Universitaires de France, aufmerksam gemacht (S. 113 ff). Petitfils nennt drei zentrale Themen der Neuen Rechten, also noch einmal

a) Die Verunglimpfung der Egalität, der Gleichheit der Menschen. Gegen die Egalité hat sich die Neue Rechte sehr früh ausgesprochen. Alain de Benoist sagte sogar 1979: „Es ist doch ungerecht, dass alle Menschen eine Seele haben“. Hat er, de Benoist, eine Seele, fragten manche Kritiker. De Benoist behauptete dies in seiner Liebe zur Biologie, die ja auch heute als Ideologie missbraucht wird: Weil doch „die“ Biologie zeige, wie unterschiedlich alle Menschen schon genetisch sind, deswegen sind sie auch sozial und politisch von verschiedenem Wert…Das nennt man Logik.

b) Die Zurückweisung der christlichen und marxistischen Utopien. Christlich und marxistisch wird von der Nouvelle Droite oft als ein und dasselbe Denken verstanden und selbstverständlich bekämpft.

c) Die Entdeckung der indo-europäischen Vergangenheit. Dabei wird die Christianisierung Europas als ein besonders unheilvolles Ereignis der Geschichte gedeutet…

5.

Die katholischen Traditionalisten haben stets eine enge Verbindung mit dem FN gehabt, also mit den Kreisen, die sich seit 1965 um Erzbischof Marcel Lefèbvre sammeln; sie spielen in Frankreich eine große Rolle mit Gemeinden im ganzen Land, Klöstern Schulen und eben auch offiziell römisch-katholischen Klöstern, die aber de facto die reaktionäre Theologie und Ideologie der von Rom abgetrennten Traditionalisten vertreten dürfen, man denke an das Benediktiner – Kloster Le Barroux bei Avignon. Und das ist das zentrale Problem, wenn nicht der Skandal für die römische Kirche: Mit diesen reaktionären, zum Teil faschistischen Kreisen hat sich Papst Benedikt XVI. unbedingt versöhnen wollen und auch die ersten Schritte der Versöhnung getan, das ist bekannt. Nur einige Hinweise:

Die Priester aus der traditionalistischen Bruderschaft Sankt Pius X. feiern mit dem FN selbstverständlich gemeinsam Gottesdienste, etwa zu Ehren von der Heiligen Jeanne d Arc. Die einzige Tageszeitung des FN, das Blättchen Présent, wird von katholischen FN Leuten herausgegeben. Marine Le Pen berichtet, ihre Kinder seien in der wichtigsten Kirche der Pius-Brüder in Paris, also in Saint Nicolas du Chardonnet im 5. Arrondissement, getauft worden, also ist diese Traditionalisten Kirche sozusagen Marine Le Pens „Pfarrkirche“.

Dabei muss daran erinnert werden, dass diese große Kirche seit Sonntag, dem 27. 2. 1977, von den Traditionalisten besetzt ist. D.h. diese reaktionären Priester haben an dem Sonntag diese Kirche einfach der römisch-katholischen Gemeinde weggenommen. Und die Justiz hat diesen „Raub“ zwar verurteilt, aber die Pariser Polizei hat sich niemals bemüht, die Kirche von den katholischen Rechts-Extremen zu räumen. So konnten die Traditionalisten kürzlich stolz den 40. Jahrestag ihrer Kirchenbesetzung feiern, also Leute, die sonst so auf Rechtmäßigkeit und Treue zu alten Gesetzen Wert legen, haben sich ungeniert als Revoluzzer verhalten.

Die Pariser Tageszeitung Libération hat schon 2012 diese verwickelten politischen Umstände dokumentiert, dabei spielt auch der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac und seine fromme Gattin Bernadette eine entscheidende Rolle… Siehe also: http://www.liberation.fr/societe/2012/05/11/saint-nicolas-du-chardonnet-avec-foi-mais-sans-loi_818169).

6.

Der Front National hat sich in Frankreich etabliert, er ist eine große Gefahr nicht für die Weiterentwicklung der Demokratie in Frankreich, sondern für Europa. Madame Le Pen hat sich, wie gesagt, mit Putin verbandelt, auch aus finanziellen Gründen….um die EU zu zerstören. Dass Nationalismus stets Krieg bedeutet, hat Madame Le Pen offenbar nie gehört…

Europa befindet sich in einem Zustand der Regression, wie der kluge Buchtitel jetzt aus dem Suhrkamp Verlag („Die große Regression. Eine internationale Debatte über die geistige Situation der Zeit“) heißt. Europa will durch die Zustimmung zu den dummen, reaktionären Parteien nicht erwachsen werden. Und breite Kreise des Katholizismus, direkt oder indirekt die Kreise um Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. unterstützen diesen Weg ins Verderben: Es ist an die 30 % der katholischen Franzosen zu denken, die laut Umfragen fest entschlossen sind, im April /und im Mai 2017/ zu wählen. Die Bischöfe nennen das Problem nicht beim Namen. Sie haben Angst. Ihr Ruf ist ohnehin sehr angeschlagen im Jahr 2017. Ernsthafte Menschen, darunter Katholiken, zweifeln an deren authentischer Rede, nach all den vielen Skandalen zum sexuellen Missbrauch, in dem auch französische Bischöfe sehr involviert sind, wie Kardinal Philippe Barbarin, Lyon, oder wohl auch Bischof Hervé Gaschignard, vom Bistum Aure et Dax… Die Katholische Kirche, so scheint es, ist jedenfalls keine starke Kraft gegen den FN. Und die Intellektuellen schweigen…

Marine Le Pen, Front National, und ihre ideologische Basis

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Außer den genannten Büchern ist noch empfehlenswert die sehr faktenreiche historische Studie von Valérie Igounet, „Le Front National. De 1972 (Gründung des FN) à nos jours. Le Parti. Les Hommes.Les Idées“. Erschienen bei Seuil, Paris, im Juni 2014, 496 Seiten. 24 Euro.



Die rechtsradikale Partei Front National und Marine Le Pen sprechen von „christlichen Wurzeln Europas“: Hinweise auf gefährliche Propaganda.

12. April 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Wenn Rechtsradikale ihre christlichen Wurzeln pflegen

Vor den Präsidentschaftswahlen in Frankreich

Von Christian Modehn       Mskr. abgeschlossen am 29.3. 2017. Der Beitrag erschien in leicht veränderter Form in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM (Oberursel). Ausführlicher werden die ideologischen Wurzeln von Le Pen in einem anderen aktuellen Beitrag vom 13. 4. 2017 dargestellt, klicken Sie hier.

Der Wahl-Kampf in Frankreich wird gern als Wahl-Krampf bezeichnet angesichts der Korruptionsfälle so genannter Spitzenpolitiker. Auch gegen Marine Le Pen, die Präsidentschaftskandidatin der Rechtsextremen, wird entsprechend ermittelt. Selbst ihre Bindung an den Freund und Gönner Vladimir Putin verzeihen die Fans noch gern. So liegt Le Pen in Umfragen unter allen Kandidaten mit 26 % ganz vorne für den ersten Wahlgang am 23. April. Noch erstaunlicher ist: So viele Katholiken wie nie zuvor, 26 %, wollen Le Pens „Front National“ (FN) wählen, andere Umfragen nennen sogar 29 %. Schon bei den Regionalwahlen 2015 hatten 25 % der „praktizierenden Katholiken“ FN gewählt. Diese hohe Zustimmung unter Katholiken für den FN ist erstaunlich: Die bisher übliche Bindung an die bürgerliche Rechte bröckelt bei ihnen, zumal ihr Kandidat Francois Fillon (Les Républicains) von zahlreichen Finanz-Affären sehr belastet ist; er redete seinen katholischen Wählern ein, wie ethisch und christlich er doch sei… „Die Verbindung mit dem Katholizismus verhindert nicht mehr wie einst die Option für den FN“, betont der Politologe Claude Dargent.

Politologen nennen den FN nach wie vor rechtsextrem, selbst wenn sich Marine, seit 2011 Parteichefin, manchmal moderater äußert als ihr Vater Jean-Marie Le Pen. Er fiel als Gründer des FN (1972) durch antisemitische Hetze auf, mehrfach wurde er deswegen verurteilt. Marine Le Pen will einen „normalen“ FN präsentieren. Sie selbst nennt sich sogar „pro-zionistisch“: Gleichzeitig warnt sie aber vor jüdischen Finanzexperten! Absolut nationalistisch ist ihre „abschreckende und Frankreich total abschottende Ausländer- und Flüchtlingspolitik“.

Unter Katholiken hat Marine Le Pen Zustimmung gefunden, weil sie ständig die „christlichen Wurzeln Frankreichs“ beschwört: Deswegen will sie die Kirchen nicht attackieren, auch wenn „der Klerus nur in die Sakristei gehört“. Marine Le Pen (geb. 1969) nennt sich zwar katholisch, bekennt aber, den Glauben nur sehr selten zu praktizieren. Sie lobt die selbst von Bischöfen hoch geschätzte laicité, die Trennung der Religion vom Staat, betont dann aber: Die Muslime könnten diese laicité wegen ihrer Bindung an den alles bestimmenden Koran überhaupt nicht anerkennen. Deswegen passe „der“ Islam nicht nach Frankreich. Dabei wird die laicité von le Pen missdeutet: Die Trennung von Religion und Staat bietet gerade allen Religionen die Möglichkeit, sich zu entwickeln und friedlich miteinander zu leben.

Le Pen ist nicht offen rassistisch, sie verbreitet aber eine strafrechtlich nicht so gefährliche Anti-Islam-Ideologie. Ihr Ziel: Moderate Muslime dürfen nur noch privat oder in schlichten Moscheen beten, der Islam soll aus der Öffentlichkeit verschwinden. Er ist in Krisenzeiten „der Feind“, der „eine Okkupation im Land vorbereitet“.

Katholiken stimmen für den FN, weil sie ihre alte Liebe zur Nation wieder pflegen und die angeblich guten alten Zeiten erträumen können, in denen es noch keine gesetzlich erlaubte Homo-Ehe und Abtreibung gab. Ausschlaggebend ist die Angst vor dem (islamistischen) Terror und die Sehnsucht nach mehr Kontrolle und Sicherheit.

Der „Normalität“ des FN folgen auch progressive katholische Kreise, wenn etwa die katholische Wochenzeitung „LA VIE“ (Auflage 99.000) Anfang März auf ihrem Titelblatt Marine Le Pen riesig präsentiert. Das Interview mir ihr umfasst vier Seiten. Die Macht der ausführlichen Behauptungen liegt eindeutig bei der FN Führerin! Die Sympathien der Katholiken fürs Rechtsextreme werden vor allem von Marion Marechal-Le Pen verstärkt, der Nichte von Marine. Die erst 27 Jährige ist FN-Abgeordnete in der Nationalversammlung. Im konservativen katholischen Milieu groß geworden, besuchte Marion ein Mädchen-Gymnasium der mit Rom versöhnten traditionalistischen „Dominikanerinnen vom Heiligen Geist“. An den ebenfalls von reaktionären Katholiken organisierten Wallfahrten nach Chartres nimmt sie gern teil. Sie war die treibende Kraft, als sich eine breite katholische Massenbewegung 2013 mit dem FN in den Demonstrationen gegen die „Homoehe“ verbündete.

Dem FN nicht abgeneigt ist neben anderen Bischöfen Dominique Rey vom Bistum Fréjus-Toulon: Im August 2015 hatte er Marion Maréchal-Le Pen zu einer Akademieveranstaltung nach Sainte-Baume eingeladen. Dort konnte sie ungehindert ihre Ideologie kurz vor den Regionalwahlen verbreiten: Für den FN stimmten dann in der Provence und Umgebung 45 % aller Wähler. „Bischof Rey hat auch zur Banalisierung des FN beigetragen“, schreibt treffend der Theologe Christian Terras. Gegen diese Annäherung von Katholiken und FN war der Widerspruch unter den anderen Bischöfen schwach: Deutlich wurde nur ein Laie: Der Koordinator der katholischen Menschenrechtsorganisation ACAT, Jean-Etienne de Linares: „Die Verbindung von FN und Rassismus ist evident. Der FN spricht dem anderen (dem Muslim) den Wert als Mensch ab. Ich bedauere es, dass die Kirche nun aus dem FN eine respektable Partei macht“. Etwas zaghaft sagte dann später Erzbischof Laurent Ulrich (Lille): „Man kann nicht Christ und fremdenfeindlich sein“, den FN nannte er nicht.

Die Bischofskonferenz hat im Oktober 2016 einen Text veröffentlicht, der sich an „alle Bewohner des Landes“ richtete: Tatsächlich aber wurde diese Mahnung nur als Buch (Auflage 10.000 Exemplare) verkauft. Darin ist vom allgemeinen Zerfall der politischen Kultur die Rede. Aber mit keinem Wort wird eine der Hauptschuldigen genannt: Marine Le Pen und ihre Partei. Mit dem Satz: „Die Zeiten sind vorbei, in denen die Bischöfe sagten, wen man wählen soll“, hat sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Georges Pontier (Marseille), aus der Affäre gezogen. Er hat bei der Vollversammlung der Bischöfe im März 2017 erneut vor einer muslimfeindlichen Politik gewarnt, jedoch Le Pen wieder namentlich nicht erwähnt. Radikaler denkt Bischof Jacques Gaillot (Partenia): Er unterstützt den trotzkistischen Präsidentschaftskandidaten Philippe Poutou von der „Neuen Antikapitalistischen Partei“.

Wen werden die Protestanten wählen? Ihr Anteil an der Bevölkerung beträgt 2 %. Bisher wählten sie eher links, aber auch bei ihnen ist (im lutherisch geprägten Elsass) eine starke Nähe zu Rechtsextrem zu beobachten. Der Präsident der Vereinigten (reformierten und lutherischen) Kirchen Frankreichs, Pastor Francois Clavairoly, hat hingegen ausdrücklich vor dem FN gewarnt!

Den aussichtsreichsten Kandidaten Emmanuel Macron („En Marche“) im entscheidenden zweiten Wahlgang (am 7. Mai) erleben viele Katholiken als zu wenig spirituell…Er verweist nur auf seine Ausbildung in einer Jesuitenschule in Amiens …Selbst wenn Macron im 2. Wahlgang zum Präsidenten gewählt wird: Die etwa 10 Millionen FN Wähler werden sich vom Ungeist dieser Partei kaum distanzieren.

 

Copyright: christian Modehn



Der § 175 besteht noch: In der katholischen Kirche

23. Januar 2017 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn, am 23. 1.2017.

Eine aktuelle Ergänzung zum Thema am 28.4. 2017: Klicken Sie hier.

Am 23.1. 2017:

Der Vatikan hat in diesen Tagen erneut davor gewarnt, homosexuelle Männer zu Priestern zu weihen. Damit werden schwule Männer in ihrer religiösen Berufung und in ihrer Freiheit, ihren Glaubens auf ihre Weise (eben als Priester) zu gestalten, eingeschränkt. Schwule erleben insofern ein Berufsverbot, sie werden diskriminiert und zurückgewiesen. Diese Vorgänge erinnern an Zeiten, als der § 175 in Deutschland homosexuelle Männer ausgrenzte und verfolgte, die Nazis brachten viele von ihnen ins KZ, viele wurden dort ermordet. Der Vatikan ist also einer der letzten Staaten und eine der letzten Organisationen in der westlichen Welt, die dieses Berufsverbot und diese Fortdauer des § 175 betreibt. Erst jetzt beginnt der demokratische Staat Deutschland langsam die eigenen Verfehlungen auch gesetzlich „aufzuarbeiten“.

Justizminister Heiko Maas (SPD) hat darauf hingewiesen, dass „die Verurteilungen aufgrund des § 175 in Deutschland bis heute gelten. Auch wenn Homosexualität seit langem legal ist“. Es gibt unter uns also (homosexuelle) Männer, die noch immer vorbestraft sind, sagt Heiko Maas: „Das ist eine Schande für unseren Rechtsstaat, und es ist überfällig, die Opfer des § 175 zu rehabilitieren“ (Tagesspiegel, 23.7.2016, Seite 6).

Also: Tatsache ist, überall bekannt: Männer, die sich offen als homosexuell bekennen, haben keine Chance, Priester zu werden oder als Laientheologen, etwa als Pastoralassistenten, zu arbeiten. Selbst Mitglieder eines katholischen Laiengremiums oder Angestellte der Kirche, etwa in katholischen Privatschulen, sind gut beraten, sich nicht zu “outen“. Sie sollten um ihrer Karriere willen schweigen zu ihrer Identität! Diese Regelung gilt weltweit, sie wurde unter Kardinal Joseph Ratzinger bzw. Papst Benedikt XVI. erneut bestätigt. Und jetzt wieder einmal (römisches Dokument „Das Geschenk der Berufung zum Priestertum“ vom 8.Dezember 2016) durch die neuen Weisungen aus Rom zur Priesterausbildung bekräftigt. Das hat jedenfalls Papst Franziskus zugelassen, der angeblich ein bißchen liberale… Die offizielle katholische Lehre betont, so wörtlich, dass homosexuelle Handlungen „auf keinen Fall zu billigen sind“ (so im „Katechismus der katholischen Kirche“ von 1993, § 2357). Homosexuelle werden offiziell nur geduldet, wenn sie auf Sexualität, also auf körperliche Liebe, auf homosexuelle Ehe, auf Miteinanderleben und Lebenteilen verzichten. Sie sollen also verzichten auf das, was bekanntlich im Neuen Testament das Höchste genannt wird, die Liebe. Niemals hat eine andere Religionsgemeinschaft ein so drastisches Liebes-VERBOT erlassen… Diese Katechismus-Formulierungen könnten jedoch wörtlich auch von fundamentalistischen muslimischen „Gelehrten“ stammen… Und dieses Fortleben des § 175 im römischen Katholizismus zeigt sich weltweit: Im katholischen Polen wird diese päpstliche „Missbilligung“ Homosexueller politisch von der klerikalen Rechten „umgesetzt“. In katholischen Ländern Lateinamerikas gibt es immer noch heftige Attacken gegen homosexuelle oder transsexuelle Menschen, etwa in Brasilien oder Mexiko und in Zentralamerika, vor allem in Honduras. Von den dort ermordeten Aktivisten spricht hierzulande fast niemand. Und Homophobie ist nach wie vor auch in Deutschland vorhanden, in dem zunehmend rechten, manchmal fundamentalistisch-rechten christlichen Milieu.

Dabei ist es – auch theologisch gesehen – längst zweifelsfrei und eigentlich keiner theologischen Diskussion mehr wert:  Homosexualität ist eine Variante der menschlichen Sexualität, eine normale Variante, eine gute Gabe des Schöpfers, genauso gut wie die Hetero-Variante. Die Bibel (auch nicht der Koran) sagt zur modernen Erfahrung von Homosexualität gar nichts. Man setze also auf die Vernunft, nicht auf religiöse Traditionen in dieser Frage! Lege also Bibel und Koran in dieser Frage guten Gewissens beiseite!

Wer sich in diesem 21. Jahrhundert als homosexueller Theologe in der Kirche allerdings verleugnet, also sein wahres Wesen verstellt und es verschweigt, hat durchaus – wie früher schon immer – Chancen, in der römischen Kirche als Priester (Bischof, Kardinal, Papst etc.) bzw. Pastoralmitarbeiter zu arbeiten und Karriere zu machen. Und insofern ist die römische Kirche heute voller „verschwiegener“ homosexueller Priester. Der „Preis“ dafür ist für den Betroffnen nicht nur hoch, sondern für die psychische Gesundheit katastrophal: Es führt zu verlogenen, verkrümmten Gestalten, eben zu solchen, die nie ihr wahres Wesen offen mit anderen teilen können und eben auch nicht Liebe erfahren, und wenn, dann nur heimlichen Sex –etwa in Saunen und Dark Rooms – haben oder in versteckten Beziehungen. Dies alles ist weltweit bekannt inzwischen. Und wer sich als Journalist mit kritischen Insidern der römischen Kirche in Rom, Paris, Barcelona, New York, Warschau, Köln oder Berlin usw. unterhält, der kann förmlich ganze lange Listen von versteckt homosexuell lebenden Priestern zusammenstellen. Und es sind unter den Jüngeren, so wird glaubhaft, auch aus Kirchen-Gemeinden, berichtet, sehr viele schwule „Geistliche“, gerade in den so genannten neuen „geistlichen Bewegungen“. Das sind dann eben jene Priester, die versteckt ihr Schwulsein ausleben, also den Normen der Kirche nicht entsprechen, aber zum Beispiel frommen wiederverheirateten katholischen Eheleuten den Empfang der Kommunion verweigern. Und diese Priester schimpfen auf der Kanzel laut gegen die Ehe von Homosexuellen und organisieren, wie in Frankreich, Massen-Demonstrationen: Sie haben die sozialistische Regierung letztlich auch zu Fall gebracht…

Darum merke: Je stärker die Homophobie eines Priesters, um so stärker das eigene, homosexuelle Betroffensein…

Der § 175 besteht also in der römischen Kirche weiter. Und es gibt förmlich eine gut vernetzte klerikale Sittenpolizei der Kirchenbehörden. „Sittenpolizei“ kannte man auch im Umfeld des § 175 etwa zur Zeit der Nazis oder der frühen BRD.  Zu Folter und Feuertod, wie bis ins 17. Jahrhundert, dürfen die heute „entdeckten“ homosexuellen Priester bzw. Priesterkandidaten nicht mehr verurteilt werden. Denn einige Staaten Europas sind, gegen den Willen der Kirche von einst, inzwischen Demokratien und Rechtsstaaten, die Homosexuelle jetzt – offiziell – schützen.

Die Verteidigung von Menschenrechten aus offiziellem katholischem Munde ist angesichts dieser Situation heute oft nicht mehr als leere Propaganda. Das elementare Menschenrecht, etwa das Recht, auch „anders“ zu lieben und Sexualität „anders“ zu leben, gilt in dieser Kirche eben nicht(s). Die katholische Kirche, auch der Papst, müssten eigentlich vor Scham erbleichen, wenn sie nur wahrnehmen könnten: Eigentlich gilt in unserer Kirche immer noch ein Naziparagraph.

Mit dieser Haltung „verliert“, so möchte man sagen, die römische Kirche heute nicht nur ganze Generationen von (jungen) Schwulen und Lesben, sondern auch deren vernünftige Freundinnen und Freunde. Und dann wird über die „Säkularisierung“ und Kirchendistanz auch noch kirchlicherseits offiziell geklagt… Es ist die römische Kirche selbst, die religiös interessierte Menschen, eben auch Homosexuelle, vertreibt und vertrieben hat. Es gibt also eine Form der kirchlichen Selbst-Marginalisierung.

Alles wurde tausendmal gesagt: „Es ist ein purer Wahn, wenn die römische Kirche behauptet: Sie habe eben ihr eigenes, ihr katholisches Gesetz in ethischen Fragen“. D.h.: Die allgemeine, vernünftige Ethik, die sich immer weiter entwickelt, gelte also nicht innerhalb der Rechtsprechung der Kirche!

Es ist merkwürdig, dass die Verurteilung lesbischen Lebens und Liebens in der römischen Kirche kaum ein Thema ist, Gott sei dank, möchte man im Sinne der Frauen sagen. Man soll ja keine – in diesem Fall- schlafenden Glaubenswächter wecken… Aber dieses römische Verhalten hat nichts mit partieller Toleranz zu tun. Denn Frauen sind im römischen Kirchensystem ohnehin nicht wichtig, ob lesbisch oder nicht. Sollen doch in den Klöstern viele Lesben leben, denkt der Klerus; Frauen nun auch auf diese Weise – Gott sei dank in diesem einen Fall – ignorierend.

Copyright: Christian Modehn

Es wäre wert, in historischen Studien  zu untersuchen, wie der § 175 schon in der Weimarer Zeit und auch nach 1933 von der Kirche, den Kirchen, verteidigt wurde. Wie faschistische Diktaturen (und kommunistische) die „Ideen“ dieses Paragraphen anwandten und etwa faschistische Diktaturen auch in der Hinsicht katholische Unterstützung fanden. Eine extreme Leidens-Geschichte würde freigelegt werden. Eine ähnliche Forschung könnte sich etwa auf die Klöster und Orden beziehen. Ein weites Feld, wie mit schwulen Mönchen umgegangen wurde und wird. Aber es gehört zur Marginalisierung der Homosexuellen in der Geschichte, dass Verfolgung und Unterdrückung (und Tötung durch die Inquisition) kaum dokumentiert sind. Es fehlen heute einfach viele Fakten. Alle Doumente wurden vernichtet oder sind als Dokumente nicht zugänglich in den Kirchenarchiven. Die Ausgegrenzten, die Schwulen, wurden auch auf diese Weise ins Nichts des Vergessens gestürzt. Die Erinnerung an schwule Priester usw. wurde und wird offiziell sofort ausgelöscht und verhindert und wer davon spricht, muss mit Strafen rechnen. Nicht zu verheimlichen ist hingegen die allgemein bekannt gewordene, offen gelebte Homosexualität einiger katholischer Bischöfe, wie Kardinal Spellman, New York; Bischof Juan Carlos Maccarone, Santiago del Estero, Argentinien; oder Bischof Juliusz Paetz, Posznan, Polen. Die Liste ist unvollständig. Die genannten Namen wurden dem in diesem Fall zuverlässigen wikipedia entnommen.

Zu den Erfahrungen des Philosophen Michel de Montaigne in Rom, im Jahr 1580/81. Dargestellt in dem Buch „Tagebuch einer Reise nach Italien“, Diogenes Verlag, 2007, Seite 223 f.

Dort berichtet Montaigne, wie er, vom Petersdom kommend, einen Mann trifft, der berichtet: In der Kirche „San Giovanni a Porta Latina“ hätte es vor kurzem eine Bruderschaft gegeben, von Portugiesen gegründet. „Während einer Messe dort schlossen damals Mann und Mann die Ehe. Und zwar nach denselben Ritualen, die in unseren Trauungen üblich sind…um dann zusammen zu ziehen und einander beizuwohnen“, soweit berichtet Montaigne von der Begegnung. Er selbst habe dann, so wörtlich, „mit römischen Kirchenrechtlern gesprochen“, die die Männer als Schlaumeier bezeichneten, weil diese glaubten: Die korrekte Imitation einer (Hetero) Eheschließung  sei dann auch für sie als Männer gültig… Montaigne beendet seine ungewöhnliche Notiz ziemlich lapidar: „Dies war also ein Irrtum, den acht, neun der Portugiesen auf dem Scheiterhaufen büßten“. Glaubwürdig ist dieser Bericht Montaignes durchaus, zumal in Rom damals ja allerhand „moralisch“ möglich war: Bekanntermaßen gab es Päpste wie PAUL II. oder Julius II. und Julius III.,  die offen homosexuell lebten! Andere waren hetero-verheiratet waren, wie Alexander VI.. Und in den Orden, wie den Piaristen, dominierten schon nach der Gründung pädophile Kreise, (Stefano Cherubini u.a.), über die der Religionsphilosophische Salon ebenfalls berichtet hat. Nur eben der Unterschied: Homosexuelle Katholiken wurden damals verbrannt, wenn sie nicht gerade Päpste und Kardinäle waren…

Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

10. Januar 2017 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

Hinweise von Christian Modehn, veröffentlicht am 18. Dezember 2015.

Man muss  sich jedoch auch im Jahr 2017 mit der aktuellen Entwicklung der sich allmächtig fühlenden PIS Partei in ihrer Verquickung mit der katholischen Kirche befassen. Hilfreich dabei sind die Analysen des polnischen Politologen (und EX-Jesuiten) Stanislaw OBIREK, jetzt Professor in Warschau. Er ist leider in Deutschland noch ziemlich unbekannt. Wann werden Bücher von Obirek übersetzt? Der MDR hat einige seiner kritischen Gedanken zu PIS und polnischem Katholizismus publiziert, ein sehr wichtiges Interview, klicken Sie hier.

Wichtig ist auch der Beitrag von Florian Kellermann „Wie Pech und Schwefel“ über die engste Einheit von katholischer Kirche (Klerus) mit dem PiS System. Der Beitrag erschien in der Beilage der Wochenzeitung „Die Zeit“, also in „Christ und Welt“ vom 2. Februar 2017, Seite 5). Die zentrale Aussage: Mit Hilfe eines nationalistisch-reaktionären Klerus wird die polnische Gesellschaft und der polnische Staat in ein autoritäres System umgebaut. (Erneut gilt es, philosophisch, religionswissenschaftlich, soziologisch und historisch die ideologische Nähe von hierarchischem Klerus bzw. absolut hierarchisch organisierter Kirche zu autoritären Regierungsformen zu untersuchen: Das Spanien unter Franco, die Diktatur in Portugal, Mussolini, die faschistoiden klerikalen Politiker in Kroatien einst, die Verbundenheit von Diktatoren Lateinamerikas mit der Kirche wären erneut zu studieren). Und es erstaunt, dass der angeblich progressive Papst Franziskus den PiS Freund Marek Jedraszewski zum (politisch so bedeutsamen) Erzbischof von Krakau ernannte… Die wenigen noch mutigen demokratischen Richter und Oppositionspolitiker verdienen mehr Beachtung und Respekt, natürlich die wenigen katholischen Priester und Theologen, die den PiS Wahn nicht mitmachen.

Wichtig wäre, wenn umfassend freigelegt werden könnte in einer objektiven Recherche: Warum kann weder die Leitung des Redemptoristen-Ordens in Rom noch der Vatikan (der Papst) den nationalistischen und antisemitischen Redemptoristenpater Tadeusz Rydzyk vom Posten des Medien-Imperiums Radio Maryja entfernen? Und natürlich diesen Hetz-Sender abschalten?  Nebenbei: Theologische Links-Abweichler werden sofort vom römischen System bestraft und „still gelegt“, nicht hingegen Hetz-Propagandisten wie Pater Rydzyk und sein Medien-Imperium, das sozusagen ein Sprachrohr der PiS Regierung ist.

Auch am Beispiel des heutigen Polen wird deutlich: Der wahre oberste Gott, dem alle demokratischen Grundrechte geopfert werden, heißt: Absolutes Verbot der Schwangerschaftsunterbrechung. Und absolutes Verbot jeglicher Gender-Offenheit. Diese beiden Themen sind die hochheiligsten Götter so vieler Katholiken in Polen (und anderswo). Die Kirche ist offenbar theologisch und spirituell so arm, dass sie alle Energie in den Kampf gegen Schwangerschaftsabbrüche und in den Kampf gegen Gender-Debatten setzt. Welche theologische Blamage (eventuell kommt noch der äußerst beliebte und geförderte Marien-Kult hinzu, als Beispiel für die gehorsame Frau an Heim und am Herd…)

Mein Hinweis, verfasst am 18.12.2015: Die klerikale Macht ist wieder da: Mitten in Europa. Einige wenige Kilometer von Berlin entfernt: In Polen. Seitdem Jaroslaw Kaczynski als Führer der Partei PiS die Politik in Polen jetzt bestimmt, „der mächtigste Mann in Polen“ (SZ 18.12.2015), gilt: „Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, das war gestern. Auch die Medien werden gerade auf PIS-Linie gebracht…“ So Barbara Oertel in der „TAZ“ vom 18. Dezember 2015, Seite 1. Dieses treffende Urteil wird geteilt von der Presse in Europa, auch von dem früheren Staatspräsidenten und Solidarnosc-Gründer Lech Walesa. Er sagte, „wenn Jaroslav Kaczynski nicht die Angriffe auf die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts einstelle, werde ich mich noch einmal an die Spitze des Protestes stellen und den Kampf anführen“, so die SZ vom 18. Dezember 2915, Seite 4. Ob Herr Walesa alles demokratisch-liberal besser machen würde, sei dahingestellt. Aber immerhin: Er wehrt sich gegen seinen „Erzfeind“ Kaczynski.

Das neue Regime, gegen das sich erste Massenproteste in Polen organisieren, hat eine in Polen altbewährte ideologische und kaum einzuschüchternde machtvollste Stütze: Die katholische Kirche. Auch wenn die Säkularisierung als Kirchendistanz der Jugend dort zunimmt: „Polnisch ist identisch mit katholisch“. Zumindest am Stammtisch und an Wallfahrtsorten gelten solche Sprüche … und am Wahltag.

Die Trennung von Kirche und Staat, diese große und unaufgebbare Errungenschaft der europäischen Aufklärung, soll in Polen offenbar wieder verschwinden. Reaktionäres wird offen als Bekenntnis aufgesagt, Formulierungen werden üblich, die vor der Französischen Revolution von Macht versessenen Klerikern propagiert wurden: Konkret: Die Lehren der Kirche, der römischen, sollen über die Nation und die Politik bestimmen. „Das Fundament des Polentums sind die Kirche und ihre Lehre“, so der Parteichef von PiS, Jaroslaw Kaczynski kürzlich. Und Ronald Düker berichtet darüber in „Die Zeit“ (vom 17.Dezember 2015, Seite 47), er zitiert den PIS Chef: „Wer seine Hand gegen die Kirche erhebe, dem solle die Hand verdorren“.

„Wer seine Hand gegen den Koran und den Propheten erhebt, dem soll die Hand verdorren“, heißt es in Saudi-Arabien; dem wird dort sogar die Hand sehr oft abgeschlagen. Kacznyski von PIS orientiert sich in seinem politischen Denken offenbar am saudischen, iranischen,am IS-Vorbild usw. „Bravo“, fundamentalistischer Islamismus ist nun in gewisser Weise in einer römisch-katholischen Variante zu haben. In Polen. Nur noch dort ist das in Europa noch möglich. Das einst ebenso ultra-katholische Irland ist inzwischen – nach der Vielzahl pädophiler Verbrechen durch dortige Priester – zur Vernunft, d.h. zur kritischen Demokratie gekommen, ohne Kircheneinfluss!

Was ist passiert in Europa, dass Politiker in Polen so viel Hetze und so viel Schwachsinn sagen dürfen? Natürlich, auch die Vorgänger-Regierung hat wie üblich vieles versprochen und fast nichts gehalten. So ist die Frustration groß. Aber muss man deswegen anti-demokratisch wählen?

Wann wacht Europa auf und sagt: Lieber PIS Chef, du gehörst nicht mehr zur Gemeinschaft der Europäer dieses 21. Jahrhunderts. Du hast dich im Jahrhundert geirrt, geh zurück in dein 13. Jahrhundert. Verschwinde in einem dunklen Kloster der Trappisten oder Karthäuser. Dort heißt die Ordenregel: „Schweige“.

Was der PIS Chef jetzt sagt, ist das Resultat Jahre langer Infiltration, wenn nicht von Gehirnwäsche, durch den in volkstümlichen Kreisen allmächtigen offiziellen römisch-katholischen Radiosender MARYJA, der sich inzwischen ein umfangreiches Medien-Imperium zugelegt hat, bis hin zu den auch anderswo immer beliebten katholischen Journalisten-Schulen. Dieses MARYJA Imperium ist antisemitisch, homophob, anti-ökumenisch, das sagen alle wissenschaftlichen Untersuchungen, auch im freien „Teil“ Polens, Radio Maryja wehrt sich gegen die liberale Demokratie. Es folgt darin den ständig wiederholten Urteilen des polnischen Papstes Johannes Paul II., der immer wieder sagte: Der Kommunismus sei genauso gefährlich wie die moderne, westliche liberale Demokratie, die in der Sicht dieses Papstes angeblich nur relativistisch und damit nicht kirchen-hörig sei. Große Verteidiger der westlichen liberalen Demokratie waren selbst die Päpste nach dem 2. Vatikanischen Konzil nie, man denke nur daran, dass im offiziellen Römischen Katechismus, den Kardinal Joseph Ratzinger verfasste (1994), kein Wort zur DEMOKRATIE vorkommt. Auf mehr als 800 Seiten wird von allen möglichen Themen (etwa Naturrecht, natürlich Jungfrauengeburt seitenweise) gesprochen, nur nicht von Demokratie. Hat man das jemals wahrgenommen? Haben die Religionskritiker sich nicht die Mühe gemacht, den Katechismus zu lesen? Dort ist die Theologie Ratzingers offizielle römische Lehre geworden.

In Polen hat man jedenfalls das gesehen, diese Leerstellen zu Demokratie im Katechismus. Und davon profitiert. Pater Tadeusz Rydzyk aus dem Redemptoristen Orden (also dem Erlöser-Orden!) hat als Chef des Maryja-Imperiums sehr wohl verstanden, dass Katholizismus sich nicht mit liberaler Demokatie reimen darf. Seine polemischen Sendungen, seine Zeitungen und Fernsehberichte, sie alle haben für das klerikale Macht-System plädiert, für den Volkskatholizismus, der keinen Verstand braucht, sondern nur Wallfahrten und Marien-Lieder. Der PIS Chef glaubt das alles und seine vielen PIS Getreuen ebenso. Herr Kaczynski, Chef der möchtgen PIS-Partei, sagt: „Ohne Pater Rydzik von Radio Maryja hätte PIS die Wahl nicht gewonnen“. Kann klerikale Macht deutlicher sein?

Es gab immer wieder zaghafte Versuche von einigen wenigen noch demokratisch-klugen polnischen Bischöfen, gegen das MARYJA Imperium vorzugehen. Nur am Rande, um zu zeigen, dass schon vor 10 Jahren, heftigste und gut begründete Kritik an dem HETZ-Sender Radio Marya vorgetragen wurden. Ich habe in einer Radiosendung für NDR INFO 2006 einige Aspekte dokumentiert: Der polnische Redemptoristen-Pater Rydzyk hat im schwäbischen Immenstadt, bei dem Katholischen Sender Radio Horeb, das Journalistenhandwerk gelernt! Jetzt findet Radio Maryja die ganze Gunst der ultrakonservativen Regierung, bezogen auf das Jahr 2006 der Sendung: Die polnisch-deutsche Politologin Katharina Stankiewicz beobachtet Radio Maryja seit einigen Jahren: Sie sagte im Jahr 2006:

„Wenn man sich den Sender anhört und die Sendungen anhört, dann hört man sehr radikale Aussagen. Man hört regelmäßig antisemitische Aussagen. Nun ist es nicht so leicht, dem Sender direkt vorzuwerfen, er würde antisemitisch eingestellt sein. Das ist so, weil es in den Sendungen einen ganz breiten Raum für die Hörer gibt, die eben regelmäßig anrufen und sehr viel Zeit haben, um eben zu sprechen. Und antisemitische Äußerungen werden eben als solche stehen gelassen, werden auch mit dem Gebet eingeleitet und auch gutgeheißen, also ich finde das insgesamt doch sehr problematisch“. Inzwischen hat sich (2006) Marek Edelman, der einzige Überlebende Kommandant des Jüdischen Aufstands im Warschauer Getto in einem Offenen Brief gegen Radio Maryja gewandt: „Einige Sendungen unterscheiden sich nicht vom Niveau der Nazizeitung „Der Stürmer“. Der Sender verbreitet Fremdenhass und Antisemitismus“.

Auch die polnischen Bischöfe wollten überlegen, wie sie Radio Maryja zur Vernunft rufen können. Erzbischof Henryk Muszynski hat die irrige Propaganda von Radio Maryja erkannt, er sagte 2006 als Erzbischof von Gnesen: : „Man kann nicht das Problem von Radio Maryja wegwischen, wegdiskutieren. Meine Meinung ist ganz klar, wir brauchen ein religiöses Radio. Aber man sollte Religion und Politik trennen“… Was aber nicht passierte!

Die Ordensleitung der Redemptoristen in Rom wurde eingeschaltet, sie sollte den „Mitbruder“ bremsen, sogar der Vatikan sollte den Macht besessenen Pater zur Raison bringen. Alles umsonst. Der reaktionäre Rydzyk kann weiter hetzen gegen alle demokratischen Kräfte. Entscheidend für Papst und Bischöfe ist ja: Dieser Pater verteidigt die offizielle katholische Lehre, die rigide Moral, den alten Glauben, dann soll er doch weitermachen. Antidemokratischer Geist ist doch nicht so wichtig bei so viel korrekter Frömmigkeit! Solange Radio Maryja die meisten Polen katholisch bestärkt, ist der Sender eben gut und nützlich für die Kirche und die Macht der Kirche. Darum kann dieser Hetz-Sender weiter exstieren. Kirchliche Interessen gehen wieder einmal vor den Interessen der Menschenrechte!

Jetzt sieht man beim Sieg der PIS Leute 2015, was Hochwürden Pater Rydzyk alles bewirkt hat…

Noch stehen wir am Anfang, die offensichtliche klerikale Macht in Polen zu beobachten. Dank sei der „Zeit“, dass sie als eine der ersten großen Medien in Deutschland auf diese Zusammenhänge aufmerksam machte. Wann werden sich die deutsche Bischöfe melden und wenigstens pro Forma fragen bei den polnischen Bischofskollegen: Na, wie wollt ihr denn die Demokratie in Polen retten? Werden die deutschen Bischöfe das tun? Dann würden sie Demokratie wichtiger nehmen als volkstümliche, antisemitische usw. Frömmigkeit a la Rydzyk…

Es ist eine Schande, dass sich jetzt in Europa eine Kulturrevolution vollzieht, in reaktionärstem katholischen Geist. Man lese bitte den ganzen Artikel in „Die Zeit“: Die Hauptaussage: Es findet in Polen eine kulturelle Säuberung statt!

Eine Schande, dass der Katholizismus 50 Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil eine solche Fratze zeigt. Die katholischen Polen um PIS (wo bitte sind die anderen, die demokratischen Katholiken, zeigen sie sich, haben sie Angst) tun nichts für die Flüchtlinge. Sie lassen Deutschland in gewisser Weise allein. Diese polnischen Regierungen und das polnische Volk haben Milliarden Euro von Westeuropa erhalten. Ohne die Zahlungen stände Polen heute ökonomisch sehr erbärmlich da. Wäre nicht wenigstens solidarische Dankbarkeit eine katholische Tugend? Wo man doch jetzt in PIS Kreisen so viel von katholischen moralischen Tugenden spricht. Aber es ist einfacher, an Marienwallfahrtsorten Marien-Lieder zu schmettern als dem Ruf der alttestamentlichen Propheten zu entsprechen: „Tut Recht den Armen. Helft den Leidenden, den Fremden“. Der PIS – Katholizismus ist eine reaktionäre, politisch befangene gefährliche Ideologie. Vom biblischen Glauben ist dort offenbar nichts vorhanden. Alles ist frommes Getue zu politischen Zwecken, der Stärkung der Nation, der Abgrenzung, der Freund-Feind-Bilder, der Verdummung der Bürger.

Der Religionsphilosophische Salon ist vom Thema her sozusagen verpflichtet, Religionskritik zu üben. Damit diese nicht aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



Die „Heilige Familie“: Einige kritische Hinweise zu einem problematischen Bild und einem katholisch-politischen Fest

29. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik, Termine

Ein Hinweis zum katholischen wie auch politisch inszenierten „Fest der Heiligen Familie“.

Von Christian Modehn

Sinn und Unsinn katholischer Feiertage werden besonders deutlich, wenn man das „Fest der Heiligen Familie“ einmal aus der Distanz, also kritisch, anschaut; das Fest wird in diesem Jahr 2016 am Freitag, den 30. Dezember, gefeiert. Die Erkenntnis vorweg: Das Fest und die Verehrung der sog. „Heiligen Familie“ sind eine fromme Konstruktion. Selbst wenn man wortwörtlich die wenigen Zeilen im Neuen Testament über die aus drei Personen bestehende Familie in Nazareth liest, kann diese Familie für real lebende Menschen kein heiliges Vorbild sein. Sie ist nämlich keine umfassend-menschliche Familie, sondern letztlich irgendwie halb-göttlich aufgrund von Jungfrauengeburt und dem weiteren asexuellen Leben des Paares (wobei Josef nicht der Vater ist). Und es ist sehr fragwürdig, warum dieses Fest weiterhin propagiert wird.  Aus politischen Gründen, wahrscheinlich… Aber lesen Sie weiter:

1. Die Familie Jesu in Nazareth soll heilig, d.h. vorbildlich sein.

Wenn man die offizielle dogmatische Lesart der entsprechenden äußerst knappen Hinweise im Neuen Testament beachtet, ergibt sich:
Jesus hat also keinen leiblichen Vater.

Jesus wurde also nicht menschlich gezeugt, das heißt: Er ist kein Produkt menschlicher Liebe, Lust und Leidenschaft. Ist er also kein ganzer Mensch?

Sein Vater Josef ist sozusagen der freundliche Herr, ein Freund Marias, der sich um das von ihm gar nicht gezeugte Kind kümmert.

In allen Berichten des NT schweigt Josef, er sagt praktisch gar Nichts. Er folgt lediglich den Befehlen Gottes. Gehorsam ist seine größte Tugend. In dieser Sanftmut ist er vielleicht ein vorbildlicher Mann, jedenfalls ist er kein Macho. Wie er zu dieser stillen Sanftheit gekommen ist, wird nicht verraten.

Maria selbst ist eine Frau, die aus dem menschlichen „Rahmen“ fällt, sie ist selbst schon ohne Erbsünde befleckt geboren worden; also förmlich von paradiesischer Unschuld. Die angeblichen Marien-Eltern Anna und Joachim (sie werden im NT nicht erwähnt) haben also auch Maria schon ohne Erbsünde gezeugt und empfangen. Warum sind dann aber Anna und Joachim nicht auch ihrerseits schon frei von Erbsünde?

Ist die Mutter Maria also eine menschliche Frau oder hat sie sozusagen mindestens ein Bein noch in der Unschuld des Paradieses?

Nach offizieller dogmatischer Lesart wird Jesus also in einer Ein-Kind-Familie groß. Das wäre heute sogar vorbildlich angesichts des Bevölkerungsüberschusses gerade in den katholischen Gegenden Afrikas und der Philippinen. Tatsächlich empfiehlt die katholische Hierarchie, der Klerus, aber immer eine kinderreiche Familie. Papst Franziskus hat da Gott sei dank andere Vorstellungen, die er auf den Philippinen deutlich ausdrückte. Dafür sollten vernünftige Menschen ihm danken!

Das Neue Testament spricht zwar ausdrücklich von Brüdern Jesu, etwa Jacobus wird genannt, aber dieser Titel Brüder Jesu wird dogmatisch uminterpretiert: Es sind dann Neffen oder ähnliche Verwandte: Hätte Jesu Brüder, dann hätten ja Josef und Maria mindestens nach der Geburt Jesu doch Sex miteinander gehabt. Weil Sex aber zwischen Josef und Maria ausgeschlossen ist, wird Josef klassisch als uralter Herr dargestellt. So wurde Jesus also von einem Opa erzogen…

Also wird das Einzelkind Jesus groß und zum Mann bei einem Elternpaar, die aufpasst, keine Erotik, keinen Sex, miteinander zu haben. Jesus wird also in einer asexuellen Familie groß. Vielleicht ist sein späterer Widerstand gegen die Eltern daraus erklärlich? Ist er böse, dass er sexuell vielleicht nicht aufgeklärt wurde? Hatte er als Mensch (er ist wahrer Mensch, sagen die katholischen Dogmatiker) gar keine Erotik? Keinen Sex? Warum wird das alles verschwiegen in dem heiligen Buch Neues Testament?

Ist eine solche Familie heilig, erstrebenswert? Die Familien-Ideologie wird immer katholischerseits verstanden als Hetero-Familien-Ideologie, sie ist offiziell in der römischen Kirche heute äußerst dominant. Der Schutz dieser Familie mit der klassischen Mami in der Küche und dem lieben Papi, der zur Arbeit geht, wird heute katholischerseits weltweit propagiert, ist zentrales Glaubensbekenntnis wie etwa der Schutz des ungeborenen Lebens! In Frankreich etwa war die katholische Mobilisierung gegen die gesetzlich erfolgreiche Ehe für alle (also auch für Homosexuelle usw.) ein Höhepunkt der Opposition gegen Präsident Hollande (PS), diese Familien-Opposition hat letztlich auch die PS zu Fall gebracht. Die „Heilige Familie“ ist also sehr politisch und kämpferisch für die alten Familien-Idyllen.

Dass diese alten Hetero-Ehe-Modelle auch viel Unheil anrichten, wird natürlich oft übersehen: Gewalt in der Ehe, Unterdrückung der Frauen, kaschierte Untreue, verlogene Sexualität usw. Und jeder weiß, dass etwa in den katholischen Familien etwa Lateinamerikas die eine Mutter Kinder von 5 verschiedenen Männern hat, für diese 5 Kinder muss sie allein sorgen, weil die katholischen Männer längst woanders sind. In katholischen Regionen gibt es eigentlich keine klassischen Familien mehr, dieses Modell ist aufgrund der globlisierten Ökonomie gescheitert: Vati arbeitet 500 Kilometer entfernt von der Familie, eher normal etwa in Brasilien…Wer die klassische Familie retten will, sollte diese Ökonomie kritisch bekämpfen.

Also: Dieses merkwürdige mythische Bild der Heiligen Familie von Nazareth ist heute nichts als fromme Ideologie und schöner Schein. So wird eine reife Auseinandersetzung mit Sexualität und Partnerschaft in allen möglichen Lebensformen verhindert. So unterbleibt das öffentliche und reife Gespräch zum Thema Sex in aller Vielfalt und Ehe in aller Vielfalt.

2.

Einige deuten die heilige Familie Jesu in Nazareth auch ketzerisch etwas anders: Maria empfängt Jesus durch eine künstliche Befruchtung. Ihr Freund Josef, der „Partner“,  akzeptiert das. Und lebt mit Maria und dem dann geborenen Kinde Jesus zusammen. Und es entstehen aus der Liebe Josef und Marias weitere Kinder, Geschwister Jesu. Diese sind dann wahrscheinlich ohne künstliche Befruchtung entstanden.

3.

Oder wer es sanfter, biblisch zutreffend, will: Josef ist natürlich und ganz klar der leibliche Vater Jesu. Und er ist der Vater der Geschwister Jesu, Maria die Mutter. Dies ist heute die Überzeugung der historisch-kritischen Bibelinterpretation der mythologischen Berichte im Neuen Testament.

Die spätere Theologie wollte die Göttlichkeit Jesu auf ihre drastische Weise retten; sie musste sich auf einen himmlischen Vater (den heiligen Geist) Jesu beziehen. Jesus sollte ja auch – auf diese Weise konstruiert – eine göttliche Natur haben). So war es wieder einmal der dogmatische Zwang, der ein umfassend menschliches Verstehen des Menschen Jesu gewaltsam verhinderte. Den Gläubigen wurden Hilfskonstruktionen als Glaubensinhalte zugemutet: Unbefleckte Empfängnis Mariens, Josef als alter „Nährvater“ usw., also Begriffe und Bilder, die nur ein vernunftfreier, d.h. gedankenloser Glaube annehmen konnte.

Die Bereitschaft, solches zu glauben, ist heute zumindest in Europa vorbei. Gott sei Dank. Aber die offizielle Kirche tut noch so, als müsste sie diese dogmatischen Konstruktionen weiter als Glaubensinhalt predigen und zu glauben verlangen! Was für ein Fehler, das Menschliche an Jesus auf diese Weise nahezu total auszuschließen.

Copyright: Christian Modehn im Religionsphilosophischen Salon Berlin.

 



Kardinal Arns: Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums

15. Dezember 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

Der brasilianische Kardinal Paulo Evaristo ARNS ist am 14.12.2016 gestorben. Er war einer der wesentlichen Freunde der Befreiungstheologie, ein Anwalt der Armen, ein progressiver Theologe auch als Kardinal. Deswegen war er unter dem polnischen Papst Johannes Paul II. und den reaktionären Kardinälen wie Hengsbach und Lopez Trujillo, beide Opus-Dei (Freunde), eher sehr unbeliebt. Kardinal Arns wurde wegen seines politischen Engagements zugunsten der Menschenrechte der Armen verleumdet von Bischöfen und Prälaten, aber auch von konservativen Politikern. Sie hatten ein gemeinsames grundlegendes, aber falsches Credo: „Befreiungstheologen sind linke Theologen also Marxisten also Kommunisten“. Diese neurotische Angst machte sie blind, für die umfassende Befreiung der Armen einzutreten,. Und die gerechte Gesellschaft als eine materielle Gestalt christlicher Erlösung zu begreifen. So blieben Leute wie Johannes Paul II. befangen in einer spiritualistischen Sicht der Erlösung; zudem hatten sie Angst vor den Basisgemeinden als den Orten des allgemeinen Priestertums, wo Laien eben kompetent werden für die Leitung der gemeinden… Diese Ängste vor den Basisgemeinden hatte Arns nicht! Er hat unter der römischen und z.T. konservativ-brasilianischen Kirchenführung gelitten; er hat darunter gelitten, dass die römische Kirche die Menschenrechte innerhalb ihrer eigenen Organisation nicht akzeptiert.

Als sein nach wie vor aktuelles, bleibendes Vermächtnis, auch religionsphilosophisch interessant, kann sein Statement gelten, das mir, damals als Journalust, Kardinal Arns für den Hörfunk der ARD Mitte der 1980 Jahre gab:

Kardinal Arns: „Die Menschenrechte sind der Kern des Evangeliums. Also sie kommen aus dem Herzen des Evangeliums heraus. Gott ist Mensch geworden, um den Menschen zu retten, also dass er Mensch werde, dass er Mensch bleiben kann, dass er wirklich alle seine Möglichkeiten als Mensch verwirklichen kann für die anderen. Und wenn er das nicht kann, dann ist Christus umsonst auf die Welt gekommen und Gott hat den Menschen umsonst geschaffen“.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.



Trump ist gewählt: Philosophische Hinweise zu einer Niederlage der Vernunft

9. November 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik, Termine

Ein Hinweis von Christian Modehn am 9. November 2016.

Aktualisierung am 21.November 2016: Einige LeserInnen fanden die Stellungnahme des „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ vom 9.11. 2016 (siehe weiter unten) zur Wahl von Mister Trump zum Präsidenten der USA mit dem Titel „Philosophische Hinweise zu einer Niederlage der Vernunft“ zu heftig. Zumal wir die richtigen philosophischen-ethischen Erkenntnisse von Kant und Hannah Arendt tatsächlich aus dem allgemein Gültigen befreiten und einmal anwandten und dann eben zeigten: Das Sprechen und das Tun des Präsidentschaftskandidaten Trump kann nur mit dem moralischen Prädikat „böse“ bezeichnet werden.

Was von einigen als Ausdruck radikaler philosophischer und ethischer „Spekulation“ missverstanden wurde, bestätigt nun David Cay Johnston historisch und faktisch. Er ist angesehener Investigationsjournalist (unter anderem bei der „New York Times“), Autor zahlreicher Studien und jetzt auch Verfasser des aktuellen Buches „Die Akte Trump“, auf Deutsch erschienen bei ECOWIN, Salzburg 2016, 352 Seiten.

Im TAGESSPIEGEL vom 21. November 2016, Seite 19, bietet Johnston in einem Interview mit Gerrit Bartels in einer Art Kurzfassung ein Charakterporträt des neuen US Präsidenten. Dieses Interview halten wir sozusagen für eine Art „Pflichtlektüre“. Der Titel des Beitrags ist ein Zitat von Johnston „Der Umgang mit ihm (Trump) ist extrem gefährlich“. Die Erkenntnis von Johnston, so wörtlich: „Trump hat keine Moral“

Nur einige weitere zentrale Aussagen von Johnston aus dem TAGESSPIEGEL Interview: „Trump ist emotional unterbelichtet. Er denkt nur in den Kategorien von Rache, von Auge um Auge, Zahn um Zahn; ihm geht es um nichts anderes als Geld, Macht, Ruhm….Dieser Mann ist ein Hochstapler. Er ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Man muss ihn trotzdem höchst vorsichtig behandeln, weil der Umgang mit ihm extrem gefährlich ist. Er versucht immer wieder die Leute zu kompromittieren und mit Klagen zu überziehen…Er ist ein Manipulator. Und ich versuche, die Dinge ans Licht zu bringen, die er nicht erzählt, seine Verfehlungen…Trump hat seine Biographie geschönt…Allein die geschäftlichen Verbindungen Trumps zu russischen Oligarchen werfen viele Fragen auf…. Wir hatten schon einen Paranoiker wie Richard Nixon als Präsidenten, aber einen, der mit Kriminellen Geschäfte macht? Nein!… Donald Trump denkt nur an sich, nicht an die, die ihn gewählt haben. Er ist nicht intelligent. Er ist nicht fleißig. Er hat kein historisches Verständnis. Er ist unglaublich ignorant. Er ist nicht selbstreflektiert„…  Wir erinnern jetzt an die Erkenntnis von Hannah Arendt: „Ohne Selbstreflexion kann kein Mensch ein moralisch wertvoller, ein guter Mensch sein“ (Hannah Arendt dachte dabei an die Nazis).  Zum Text des Interviews mit Johnston im Tagesspiegel klicken Sie hier.

Aktualisierung am 12.11.2016: Dieser weiter unten publizierte Diskussionsbeitrag hat erfreulicherweise einige Nachfragen gebracht. Zum Beispiel: „Sollen Politiker moralisch handeln und den Grundsätzen der Moral entsprechend auch reden“,  fragt ein Leser. Eine philosophische Antwort heißt: Ja, natürlich, auch ein Politiker darf sich wie jeder andere Mensch nicht, darf sich niemals, über die Gesetze der – im Sinne Kants universalen und allgemeinen – Moral (Kategorischer Imperativ) erheben. Selbst die Verantwortungsethik lässt nicht zu, dass ein Politiker ständig lügt, rassistische Sprüche verbreitet, Ausländer offenbar als minderwertige Menschen betrachtet usw., um sein Ziel, die Herrschaft, die Präsidentschaft, zu erlangen.

Es gibt ab sofort ständig bedenkenswerte und leider traurig stimmende Kommentare von kompetenten Kennern der USA. Dabei nennen selbst moderate Beobachter immer wieder die mit Trump nun gegebene Gefahr eines US-Faschismus oder zumindest eines extremen Fremdenhasses, mit der Gefahr eines Bürgerkriegs; in den USA gab es schon einmal zwischen 1900 und 1920 entsprechende „Spannungen“.

Für uns als Religionskritiker ist wichtig: Es bedarf der dringenden Analyse, warum mehr als 80 Prozent aller Evangelikalen Protestanten – das sind viele Millionen – Trump gewählt haben. Man liest immer wieder als entscheidende Begründung: Weil Trump für „pro life“ ist. Kann dies aber das wichtigste Kriterium sein für Christen, einen solchen Typen zu wählen? Man hat den Eindruck: Bei vielen Evangelikalen hat der Glaube an pro-life den Glauben an eine befreiende und humane christliche Botschaft ersetzt. Und man darf gespannt sein, ob und wie sich evangelikale Organisationen in Deutschland von ihren evangelikalen TRUMP-Freunden distanzieren.

Wichtig ist und inspirierend ein Beitrag desPublizisten und Kulturpolitikers Michael Naumann zu Trump. Einige Hinweise dazu am Ende dieses Beitrags.

Am 9.11. 2016 hat der Religionsphilosophische Salon Berlin publiziert:

Was lässt sich in aller Kürze, als Diskussionsbeitrag, philosophisch sagen über einen Mann, der nun, am 8.Oktober 2016, zum „mächtigsten Mann der Welt“ gewählt geworden ist? Der eigentlich keine Ahnung hat von dem Geschäft des Politischen? Der in seinen Propaganda-Aussagen schonungslos seinen Launen folgte und nicht den Fakten traute; der etwa angesichts unzweifelhafter Tatsachen, wie etwa dem Atlas zu den folgenreichen Klimaschäden, nur wie ein Dummkopf sagen konnnte: „Ist mir egal“. Ein Mann, der von wütendem und wildem Hass auf „andere“ nicht nur geprägt ist, sondern diesen auch öffentlich und stolz aussprach. Und das alles in einer Nation, die über die besten Universitäten der Welt verfügt, in der es intellektuelle Debatten ständig gibt, in der über bessere Formen der Demokratie wenigstens diskutiert wird, über Gewaltfreiheit und Mitgefühl: In einer solchen Kultur erscheint Trump wie ein Beispiel einer Regression, wie eine Mischung aus Ignornanz und Dummheit. Trumps Erfolg ist ein Beweis, dass die intellektuelle Kultur nur eine Sache der größeren Minderheiten war.

Es ist philosophisch klar: Diese Person weigert sich umfassend und selbstkritisch zu denken. Einen Immobilienbetrieb zu führen setzt nicht unbedingt kritisches Nachdenken im umfassenden Sinne der Humanität voraus. Beim Handel mit Immobilien geht es meist um trickreiches Geldraffen, da ist kein Nachdenken im umfassenden Sinne dabei.

Trump hat jedenfalls aus taktischen Gründen, um seine Kandidatur stark zu machen, selbst öffentlich bekundet, dass er nicht kritisch nachdenken will, etwa über absolut geltende humane Menschenrechte, über den Respekt und die Rechte von Frauen, Ausländern usw. usw. Er hat die Spaltung des Landes USA weiter vertieft und unzählige tiefe Wunden geschlagen. Er hat die Errungenschaften der Menschlichkeit, die Menschenrechte, lächerlich gemacht. Solches Verhalten ist philosophisch gesehen böse.

Schlimm ist weiter, dass er mit seiner öffentlich bekundeten Ablehnung, selbst umfassend kritisch zu denken, bei seinen Fans Zustimmung findet: Entweder denken sie selbst auch schon lange nicht mehr kritisch-umfassend. Oder sie werden nun von ihrem Präsidentschafts-Kandidaten als Vorbild eingeladen, ebenfalls mit dem Denken aufzuhören und nur Sprüchen zu folgen, dem Bauch, dem Nationalismus als Gefühl usw. Diese Menschen sind außerstande oder haben es nie gelernt, die eigenen Maximen, etwa den eigenen blinden Nationalismus und Fremdenhass, mit dem Kategorischen Imperativ zu konfrontieren. Sie vertrauen mehr auf die Kraft der eigenen privaten Waffen als dem kritischen Nachdenken.

Diese Entwicklung kann philosophisch gesehen nur als schlimm bewertet werden. Denn das Nicht-Selber-Denken- wollen ist der Ursprung des Bösen: So einfach und so richtig ist diese Erkenntnis, die Hannah Arendt ausführlich begründet hat und hier nicht wiederholt werden muss. Aber man sollte sie immer studieren, auch in Deutschland, auch in Frankreich, auch in Österreich usw…Wer philosophisch betrachtet böses Denken bestimmt, leugnet ja nicht  die Mißstände auf der „anderen Seite“, der „anderen Partei“.  Es geht jetzt nur um den speziellen Focus, um die Bestimmung dessen, was nach dem 8. November 2016 „auf uns“ möglicherweise zukommt…

Kant sagt: Jede Lebenseinstellung, er spricht von „Maximen“, muss vom einzelnen Menschen immer auf ihren auch für alle anderen gültigen Wert überprüft werden. Und zwar mit dem Kriterium des kategorischen Imperativs: D.h., kurz gesagt: Kann meine Maxime allgemeines Gesetz werden? Klar ist: Die Reden Trumps können vor dem Kategorischen Imperativ überhaupt nicht bestehen. Also sind sie philosophisch gesehen schlicht und einfach böse. Wer wagt das zu sagen? Die Philosophen. Kritische Propheten, wie einst in Israel, gibt es ja in den Kirchen bekanntermaßen nicht mehr; vielleicht melden sie sich, wie üblich, wenn es zu spät ist. Und die Maximen der nationalistischen Wähler sind ebenso, philosophisch betrachtet, ebenso böse.  Nationalismus als Maxime ist tödlich für „die anderen“, die zu Feinden erklärt werden: Nationalismus ist also philosophisch gesehen böse, ist eine dumme Flucht in eine (alte) Ideologie, die nur Mord und Totschlag der Menschheit gebracht hat. Sind denn alle Veranstaltungen der Erinnerung an den 1. oder 2. Weltkrieg nichts als Spielerei gewesen?

Trump sagt: America zuerst. Diese Sprüche kennt man. Sie hat der Rassist und Antisemit Jean-Marie Le Pen in Frankreich als erster auf seine Art vor vielen Jahren schon verwendet: „La France d` abord“, „Frankreich zuerst“. Nun also sagt auch trump: „Die USA zuerst“.  Trump schämt sich offenbar nicht, dass ihm die rechtsradikalen Parteien, ihre Führer, Madame Le Pen, Wilders und die FPÖ Leute so schnell zu seinem Sieg gratulierten. Werden die Europäer diese nationalistischen Typen noch stoppen können?

Ethisch ist es zudem verwerflich, wenn Trump Versprechungen machte, von denen man weiß, dass er sie nicht einhalten kann und auch nicht einhalten will. Solche falschen Versprechungen sind letztlich Lügen, sie zerstören den menschlichen Zusammenhalt einer Gesellschaft und eines Staates. Jetzt, am 9. November 2016,  zu sagen: „Ich bin der Präsident aller Amerikaner“, ist nur verlogen und kann nicht geglaubt werden, wenn man vorher schon seine falschen Versprechungen als solche wahrgenommen hat. Wie werden die Getäuschten damit umgehen?

Nun können und sollen Trump-Wähler als Personen natürlich nicht verteufelt werden und als personifizierte Beispiele des Bösen hingestellt werden. Eher sind sie bedauern. Sie tun einem leid, angesichts der vielen Tubulenzen, die sich selbst und anderen angerichtet haben. Aber wenn Philosophie eine aktuelle Bedeutung hat, kann sie nur sagen: Da entwickelt sich seit den Wahl-Polemiken und dem Sieg von Trump in den USA wirklich Böses. Da geht in einem Staat eine ungute Entwicklung weiter, die natürlich in der exzessiven und perversen Spaltung von (Ultra) Reichen und Armen, in dem dem Militarismus usw. schon eine lange Vorgeschichte hat. Ob es zu Korrekturen kommen kann? Ob die Menschen wieder selber denken lernen? Wenn sie das tun, müssten sie sich von Trump sehr bald verabschieden. Ist es dafür zu spät? Wie heftig werden die Auseinandersetzungen in den total zerrissenen USA alsbald sein? Vielleicht geschieht ein Wunder? Könnte es nicht sein, dass sich Trump auch zu einem „lupenreinen Demokraten“ (Gerhard Schröder, immer noch SPD, über Putin) entwickelt? Putin, der „Lupenreine“, hat ja Trump als erster herzlich zum überwältigenden Sieg gratuliert….Nun ist es so: Philosophen glauben trotz aller Verirrungen in den USA und anderswo an die Kraft der Vernunft. Aber nicht an Wunder.

Die Vernunft ist oft schwach, manchmal aber noch wirksam. Und davon lassen sich Philosophen – gerade auf den Spuren Kants – leiten: Kant hatte die richtige Einsicht: Die Aufforderung im Gewissen, dem Kategorischen Imperativ zu entsprechen und die eigenen egoistischen Maximen am Kategorischen Imperativ kritisch zu messen, wäre sinnlos, wenn dieser Aufforderung als einem Geschehen der Freiheit keine Antwort des Menschen entsprechen könnte. Mit anderen Worten: Der Mensch kann in seiner Freiheit das Böse in sich selbst überwinden. Er kann gut sein, wenn er sich dazu nur entschließt,  seinem Gewissen folgend und auf es hörend! Diese Möglichkeit hat natürlich auch Mister Trump. Er kann seine dummen nationalistischen Sprüche beenden und politisch die Menschenrechte respektieren. Wenn er den Willen dazu hat.

………………………..

Einige Hinweise zur Persönlichkeit TRUMPS durch Michael Naumann: Er ist Publizist und Kulturpolitiker, Kenner der USA, er schreibt im „Tagespiegel“ vom 11. November 2016 zu den zentralen Aussagen Trumps während des Wahlkampfes:

„So viel gelogen wie Trump hat noch kein amerikanischer Präsidentschaftskandidat in der jüngsten Geschichte“

„Es ist sein Siegeszug, der eines zweifellos rassistischen und außerordentlich ungebildeten Immobilien-Moguls“

„Er pflegte die vulgäre sexistische Sprache eines Schauermanns der fünfziger Jahre“.

„Dass er die unmittelbaren ökonomischen Folgen auf dem Arbeitsmarkt, etwa Kohle fördernder US-Staaten, revidieren kann, wird er selbst nicht glauben“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Buchmesse und Niederlande: Religion und Literatur in Holland. Ein Beitrag von Prof. Johan Goud

19. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Philosophische Bücher, Religionskritik, Remonstranten Forum Berlin, Termine

Die Buchmesse in Frankfurt am Main hat in diesem Jahr die Literatur in den Niederlanden und in Flandern gewissermaßen zum Schwerpunkt gewählt. Was Religionen und Kirchen betrifft, haben die Niederlande nicht gerade den Ruf, ausgesprochen kirchengebunden und gläubig zu sein. Statistisch gesehen gilt Holland als eines der am meisten säkularisierten Länder Europas, wenn man das denn statistisch überhaupt erfassen kann. Wer schaut schon die Seele der Menschen?  Die religiöse Frage hat sich aber in ihrer ganzen Vielfalt nur verlagert, etwa auch in die Literatur und die Poesie. Ein Beitrag der Zeitschrift PUBLIK-FORUM bietet eine gute Übersicht zur Pluralität des Religiösen in der heutigen niederländischen Literatur. Autor ist Prof. em. Johan Goud, Den Haag, Theologe, Philosoph und Pastor der Remonstranten-Kirche. Den Beitrag können Sie in PUBLIK-FORUM lesen, wenn Sie hier klicken.

Zu Publik-Forum: www.publik-forum.de



Das Böse in der Welt und der allmächtige, gütige Gott: Pierre Bayles Fragen.

1. Oktober 2016 | Von | Kategorie: Eckige Gedenktage, Philosophische Bücher, Religionskritik, Termine

Ein Hinweis anläßlich des Geburtstages von Pierre Bayle am 18. November 1647 (gestorben am 28.12.1706)

Von Christian Modehn

Pierre Bayles Buch „Dictionnaire philosophique“ war eines der am meisten gelesenen Bücher im 18. Jahrhundert. Viele Philosophen der Aufklärung haben dort ihre eigenen Ideen und Vorstellungen entdeckt bzw. vertiefen können.

Eines der Hauptthemen von Pierre Bayle als Philosoph ist die Frage nach dem Bösen in der Welt. Sein Dictionnaire befasst sich ausführlich mit dem Thema. Es geht um die unbestreitbare Aussage: Das Böse, auch das moralisch Böse, existiert in der Welt; daran gibt es keinen Zweifel. Wenn man diese Erkenntnis innerhalb der christlichen Religion mit der göttlichen Wirklichkeit als Schöpfergott verbindet, kommt man zu den für Gott notwendigen Prädikaten: Gott ist gütig. Und. Gott ist allmächtig. Diese beiden notwendigerweise göttlichen Eigenschaften lassen sich aber nicht gleichzeitig widerspruchsfrei denken bezogen auf das Böse. Wäre Gott allmächtig, hätte er das Böse nicht zugelassen, selbst wenn man den Ursprung des Bösen in der Freiheit des Menschen sieht: Warum hat der allmächtige Gott dann die Freiheit als Bedingung des Bösen zugelassen, also auch geschaffen? Will Gott vielleicht nur seine Allmacht (der Erlösung dann) demonstrieren, wenn er die sündigen Menschen dann doch wieder retten will? Und wo bleibt die Güte in einer Welt des Bösen? Der vollständig gütige Gott könnte nicht mehr auch der gerechte Gott, weil er auch die Bösen gütig (also ungerecht) behandeln würde. Und auf seine Allmacht verzichtet, Böse zu bestrafen.

Pierre Bayle zeigt, wie die Vernunft angesichts der Gottesfrage nicht weiterkommt.

Manche Interpreten meinen: Bayle wollte so den Glauben, als blinden, unvernünftigen Sprung in den Glauben, rechtfertigen. Dabei ist bekannt, dass Bayle selbst als Calvinist nicht allzu viele religiöse persönliche Leidenschaften hatte.

Andere, wie die Bayle Interpretin Elisabeth Labrousse, plädieren für eine skeptische Deutung: Bayle wollte zeigen, dass Menschen wichtige religiöse Fragen gar nicht erkennen können. Er wollte für Bescheidenheit und Toleranz eintreten.

Bayle war (und ist) ein viel beachteter Philosoph (er war auch Theologe). Königin Sophie Charlotte in Berlin schätzte ihn und besuchte ihn, den protestantischen Flüchtling aus Frankreich, sogar in Rotterdam; Leibniz sah in ihm wohl einen der entscheidenden, anregenden Gegner. Im Schloß Charlottenburg zu Berlin diskutierte er mit König Sophie Charlotte über Bayle … das waren noch Zeiten …

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon



Böse Diktatoren und grausame Herrscher: Zur Aktualität des Schriftstellers de Sade.

27. September 2016 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Religionskritik, Termine

Hinweise zum „Marquis de Sade“

Von Christian Modehn

Haben die grausamen und bösen Herrscher heute, die sich Politiker nennen und als solche auch in der internationalen Gemeinschaft behandelt werden, haben diese Herren also de Sade gelesen? Wahrscheinlich nicht. Aber sie handeln wie der Marquis aus dem 18. Jahrhundert: Er hat offenbar in seinen Texten seelische Dimensionen freigelegt, die nicht nur ihn allein betreffen, sondern eben auch andere Menschen, Herrscher, Übermenschen, Halbgötter. Angesichts der bestialischen Brutalität so vieler, etwa in Syrien jetzt, in Yemen, im Südsudan oder am Kongo usw., von der indirekten Grausamkeit der Waffenproduzenten usw. ganz zu schweigen, ist eine Reflexion auf die (viel beachtete) Schriftstellerei des Marquis de Sade vielleicht hilfreich. Denn Hintergrund seiner grausamen Lebenspraxis und „Philosophie“ ist die Erfahrung der total bösen Welt bzw. Natur und dem entsprechend: die Erfahrung eines Gottes, der selbst grausam ist. Und was tun solche Menschen, die solches erleben und meinen erkannt zu haben, etwa als Herrscher und Dikatoren: Sie folgen eben dieser bösen Natur, diesem bösen Gott, diesem göttlichen Bösen … und gerieren sich selbst grausam. Wie Diktatoren und gewalttätige Herrscher das göttlich empfundene Böse verehren, wäre ein eigenes Thema.

Aufgrund zahlreicher Diskussionen im Religionsphilosophischen Salon Berlin wird hier noch einmal ein Text über de Sade vorgestellt und zur Diskussion empfohlen, verfasst Ende 2014.

Vor 200 Jahren, am 2. Dezember 1814, ist der Marquis Donatien Alphonse François de Sade im Alter von 74 Jahren im Hospiz zu Charenton gestorben.

Für den „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ ein Anlass, an den sich Philosophen nennenden Schriftsteller und sein umfangreiches Werk zu erinnern: „Sein Angriff auf Gott übertrifft an Unerbittlichkeit alles Dagewesene“, so die Philosophin Susan Neiman in ihrem Buch „Das Böse denken“ (Suhrkamp Verlag, 2006, Seite 286). De Sades Werk (und sein Leben) können – wenn man denn sehr starke Nerven hat – Einsichten gewähren in die widerwärtigsten Aspekte und Abgründe der menschlichen Existenz. „Sade wollte, dass seine Leser (durch die geschilderte Flut von Schreckensbildern,CM) leiden“ (S. 259). „Für diesen Philosophen haben sogar deskriptive Schilderungen normative Kraft“ (S. 262). Und diese Beschreibungen sind fast immer ausführliche Darstellungen von Qualen und Leiden, die Herrenmenschen, Männer, gelegentlich auch Frauen (Juliette usw) unschuldigen Opfern der eigenen Lust wegen antun. De Sade kennt absolut kein Mitleid, keine Empathie; die Protagonisten seiner umfangreichen Texte töten und zerfleischen z.B. ihre eigenen Kinder, aus dem einzigen Grund, „ihre Orgasmen zu steigern“, betont Susan Neiman (ebd.).

Interessant und weiter zu diskutieren ist ein Hinweis zur aktuellen Bedeutung des „Philosophen“, den jetzt der de Sade Biograph, der Historiker Prof. Volker Reinhardt mitteilt: „Mit dem Grauen der nationalsozialistischen Konzentrationslager und der stalinistischen Gulags … gewannen die de Sadeschen Visionen einer entmenschlichten Welt unheilvolle Aktualität. Ähnlichkeiten zwischen den Folterschlössern seiner Romane und den Vernichtungslagern der SS traten im Licht der historischen Erfahrung gespenstisch hervor. In Auschwitz wie in Silling (einem der Lust-Folterorte de Sades, CM) galt das Töten wehrloser Opfer als verdienstvolle Tat, der ein höherer Befehl zugrunde lag. Für die „Libertins“ (also jene sich absolut frei=unverantwortlich  fühlenden „Philosophen“ des 18. Jahrhunderts CM) in den Werken de Sades war es der Wille der Natur, der die Schwachen ausgelöscht sehen wollte“ (Volker Reinhardt, De Sade. C.H. Beck Verlag München 2014, S 414f).

„Die Natur“ deutet de Sade als System allgemeiner Unordnung, Brutalität und Ungerechtigkeit. Es gibt für ihn keinen göttlichen Plan im Ganzen der Welt. Die einst religiös verklärte „Vorsehung“ (also das Gelenktsein der Welt durch einen guten Gott auch in allen Schicksalsschlägen) wird nun „barbarisch“ (siehe S. Neiman, S. 275) genannt. In einer solchen sinnlosen wie grausamen Welt/Natur, meint de Sade, sei es für den gebildeten Menschen nur konsequent, dieser Natur eben zu entsprechen und also seinerseits grausam zu leben und zu handeln. Brutalsein heißt also nur Natürlichsein in dieser oberflächlichen „Philosophie“. In einer eigentlich bösen Schöpfung ist es sozusagen das Beste, wenn der Mensch böse handelt. Dass dabei nur die Wahnvorstellungen einer kleinen Clique von absoluten Herrschern und Herrenmenschen bedient werden, kann de Sade nicht wahrnehmen. Mir scheint, er kann seinen eigenen hermeneutischen Standpunkt nicht reflektieren; das ist ein entscheidender Mangel für einen, der sich Philosoph nennt.

Georges Minois fasst in seiner umfangreichen Studie „Geschichte des Atheismus“ (Weimar 2000, S. 443) dieses besondere Profil des Schriftstellers de Sade zusammen: „Das Abgleiten zur Moral des Übermenschen ist hier offenkundig, jedoch mit jenem =sadistischen= Akzent, bei dem das individuelle Glück im Unglück der anderen besteht. Der Mensch, der mit der Natur im Einlang lebt, ist der böse Mensch. Es ist die Natur, die die Verbrecher hervorbringt“.

Wenn man aber noch –traditionsbedingt – die Natur/Welt für eine Schöpfung Gottes hält, dann muss man – so de Sade – selbst Gott für eine „ungebrochen bösartige Macht“ (so die Interpretation von Susan Neiman) halten. De Sade schreibt: Ein solches göttliches Wesen muss „äußerst rachsüchtig, barbarisch, ungerecht und grausam sein … grausamer noch als jeder Sterbliche (Zit. von Susan Neimann, S. 283). Der Gott de Sades ist ein grausamer Gott. De Sade lässt über seinen Protagonisten Saint Fonds den Gott sagen: „Hat euch das immer wiederkehrende Unheil, mit dem Ich das Universum überflute, nicht davon überzeugt, dass ich einzig Aufruhr und Chaos liebe und ihr mir nacheifern müsst, um mir zu gefallen“ (zit in S. Neiman, S. 285).

Der „Philosoph“ de Sade lehnt Gott total ab, ist aber doch bereit, diesem grausamen sozusagen „atheistisch fromm“ zu entsprechen: Indem er – in seiner Praxis und schlimmer noch in seinen unerträglichen Texten – selbst grausam wird.

Wenn sich die Frage nach der Geltung von Tugenden und ethisch gutem Leben stellt, so bietet de Sade eine – es sei erlaubt dies zu sagen – eine postmoderne Antwort: „Tugend und Laster sind einzig eine Frage der Sitten und Gebräuche eines Landes, nichts anderes“ (interpretiert Susan Neiman diese Überzeugung de Sades, S. 279). Noch einmal: „Tugend und Laster sind lediglich eine Sache der Meinung und der Geographie“ (S. 278). Bei dieser total gewollten und behaupteten (!) Relativität gibt es also keinen verpflichtenden Grund, selbst tugendhaft zu sein, im Gegenteil: Bei dem bösen Gott und der ohnehin grausamen Natur soll der Herrenmensch bitte schön seinerseits grausam sein. Das ist seine wahre Tugend. „Juliette (die grausame Protagonistin eines der berühmten Romane) vergottet die Sünde“ (S. 282).

Dass die Welt insgesamt von Grausamkeit geprägt ist, bedarf keiner Verdeutlichung, wenn es um eine bloße Phänomenbeschreibung geht. Bei de Sade kommt eine neue Dimension hinzu: Die letztlich totale Zerstörung selbst wird als Projekt und als Ziel behauptet. Und in der grausamen Zerstörung wollen bestimmte Herrenmenschen noch ihre letzte Lust erleben. Und dieser Aspekt interessiert die Menschen. „Wie jedem großem Verbrecher gelingt es de Sade, uns durch sein Werk zu faszinieren, und es sieht nicht so aus, als würde es an Anziehungskraft verlieren“ (S. 286).

Interessant ist, dass die Philosophin Susan Neiman de Sade mutig einen „großen Verbrecher“ nennt. Dem stimmen einige französische Schriftsteller und Künstler überhaupt nicht zu. Volker Reinhardt skizziert im Schlusskapitel seiner genannten, umfangreichen Studie von 2014 einen breiten Strom von französischen Autoren (Nietzsche kannte den Marquis offenbar nicht. Volker Reinhardt weist auf durchaus inhaltlich ähnliche Perspektiven hin).

Diese französischen Schriftsteller gehören, voller Wohlwollen und Sympathie für den Marquis, zur positiven Wirkungsgeschichte des „großen Verbrechers“ (Neiman). Allein die Tatsache erweckt schon Erstaunen, dass die Werke de Sades in der berühmten „Bibiothèque de la Pléiade“ (im durchaus „berühmten“ und hochangesehenen Verlag Gallimard, Paris) vorliegt, sozusagen neben den Werken von André Malraux und Milan Kundera steht. Darf man fragen, ob dorthin de Sade gehört? Aber etliche große Autoren wie Baudelaire, Apollinaire, Bréton usw. haben de Sade als Helden der Freiheit und Emanzipation gefeiert und von dem „guten Menschen de Sade“ allen Ernstes gesprochen. Selbst Albert Camus, sonst kritisch gegenüber Gewaltideologien wie dem Stalinismus, wollte de Sade „Ehre erweisen“. Viele die sich mit diesem gewalttätigen „Philosophen“ befasst haben, sagt Volker Reinhardt (S. 392) „haben seine (de Sades) Sprache und Ideen entschärft, indem sie ihn für ihre eigenen Vorstellungswelten und Theorien vereinnahmt haben“ Reinhardt spricht sicher zu Recht bei diesen von Sympathien für de Sade dahinschmelzenden Autoren von „selektiver Lektüre und der „Kunst des zielgerichteten Weglassens“ (ebd.).

Der Historiker Volker Reinhardt hat zweifelsfrei recht, wenn er nicht als Moralapostel auftritt, sondern den Menschen de Sade und sein Werk verstehen will. Sicher sind die entsetzlichen Dimensionen, die er beschreibt, doch Teil der menschlichen Psyche. Und wer verstehen will, muss auch die historischen Umstände seiner Zeit, auch der früheren Zeit der Kirche, verstehen: Haben wir vergessen, wie der Dominikanermönch Las Casas voller Abscheu die Morde an den „Indianern“ durch die spanischen Eroberer, allesamt strenge Katholiken, beschreibt? Haben wir vergessen, wie die Opfer der Inquisition nach langem Foltern auf den Scheiterhaufen verbrannt wurden? Über erotische Empfindungen der Henker ist dabei kaum die Rede. Dies ist der Unterschied zu de Sade. Er erlebte einen Staat und eine Kirche, die voller Lüge und voller Gewalt waren. Beides hat der heranwachsende junge de Sade gesehen und gern übernommen.

Der Marquis wuchs in einer Region auf, die weitgehend noch zum Herrschaftsgebiet des Papstes gehörte, es handelte sich um das „Comtat Venaissin“, das nach dem Sieg über die ketzerischen Katharer (Albigenser, die „Reinen“) im 13. Jahrhundert dem römischen Oberhaupt zufallen war. Wie die Katharer, so Reinhardt, meinte de Sade, noch gegen die Diktatur des offiziellen Christentums, der Kirche, vorgehen zu müssen.

Der kleine Marquis Donatien Alphonse François de Sade (geboren am 2. Juni 1740) wurde vor allem von seinem Onkel, dem Weltpriester Abbé Jacques Francois de Sade, erzogen, dieser war, wie Reinhardt schreibt, „den fleischlichen Genüssen überaus zugetan“. In seinen ersten literarischen Texten verarbeitet der junge Marquis seine Erfahrungen mit dem auf Lust und Pfründen bedachten Klerus; de Sade zeigt sich, so Reinhardt, „als konsequenter Gegner des Christentums, das er als Betrug im Dienste der Mächtigen demaskieren will“ (S. 47). „Der Klerus ist für den Marquis eine gigantische Hilfstruppe der Despoten zur Verdummung und Ausbeutung der Masse, die es ihren Blutsaugern durch ihren stumpfen Abergauben nur zu leicht macht (ebd).

Die „Wurzeln“ für die spätere radikale Gottesleugnung des Marquis wurden also in praktischen Erfahrungen in der Jugend schon gelegt. „Bruder Raffael etwa, der einflussreichste unter den mörderischen Mönchen des Horror Klosters Saite Marie des Bois genießt die besondere Gunst des Papstes, damit ähnelt der Mönch von ferne dem Abbé de Sade…“(S. 49).

Später studierte der junge Marquis im hoch angesehenen und sehr teuren Jesuitenkolleg Louis le Grand in Paris, dort wurde er in die Welt des Theaters eingeführt und erlebte zum ersten Mal die Qualen christlicher Blutzeugen, der Märtyrer, aber auf der Bühne. Kaum verheiratet, in einer arrangierten Ehe, kümmert sich der Marquis um „Lust-Stützpunkte“ (S. 76) in Versailles und anderswo, wo er seine Damen zwingen will, heilige Gegenstände, Kreuze usw. zu entehren. Wenn die gekauften Damen sich weigerten, vollzog er selbst allein die Profanierungen (78). Er hatte eine tiefe „Wut darüber, (religiös) in die Irre geführt und mit der falschen Religion abgespeist worden zu sein. Damit protestierte der Marquis gegen eine Gesellschaft, die sich mit dem wirkungslosen, bedeutungslosen Gott eingerichtet hatte, sein Atheismus war auch eine „Rebellion gegen die Gesellschaft“ S. 79). Diese verlogene Gesellschaft hindert den Marquis daran, so meinte er, seine eigenen sexuellen Gelüste umfassend ungestört auszuleben.

Zur weiteren Biographie verweisen wir gern auf das Buch von Volker Reinhardt, dabei wird deutlich, wie stark der Marquis einerseits von Lügen lebte, etwa auch im Umfeld der Französischen Revolution in Paris. Er selbst wollte unbedingt durch Lügen sein eigenes Leben schützen. Den Nihilismus, den er gegenüber seinen Opfern anwandte, galt nicht für ihn selbst. Der nihilistische Denker wollte sehr gern gut leben. Das Leben war ihm doch ein positiver Wert…

Jedenfalls erobert sich de Sade seine absolute Herrschaft über die dann nur als Dinge, als Gegenstände, verstandenen Menschen.

Eine von vielen Fragen zu de Sade bleibt weiter offen: War er psychisch krank und wenn ja, was wahrscheinlich ist, wie bestimmt war die seelische Krankheit.

Fest steht: Das Leiden der sexuellen Opfer wurde von de Sade als Lustmaximierung erlebt (S. 39). Reinhardt spricht auch von einem „völligen Mangel an Empathie“ (S. 81). „De Sade nahm mit seiner üblichen Gleichgültigkeit für das Leiden der anderen den gesundheitlichen Ruin und sogar den Tod seiner Lustobjekte in Kauf“ (S. 121). Hatte sein Gehirn vielleicht bestimmte physische Schäden, aufgrund derer er sozusagen von einer moralischen Verantwortung entlastet werden könnte?

Wie weit kann das Ausleben der Lust gehen: Das ist die Kernfrage der Texte de Sades. Hintergrund für diese (kranke) Lebenspraxis ist die Überzeugung: Der Mensch ist nur Materie, sonst nichts (S. 180). Eine Überzeugung, die man auch heute oft hört. Diese Natur zwingt förmlich bestimmte Menschen dazu, Laster zu haben. Dies ist das Glaubensbekenntnis des Herrn de Sade. „Der Mensch ist ein zum Egoismus verdammtes Triebwesen“ (S. 278).

Soll dieser Egoist nur aufpassen, dass er nicht von anderen Egoisten erschlagen wird, um es einmal in einer schlichten utilitaristischen „Ethik“ zu sagen. Dass de Sades Denken auch heute nicht von gestern ist, haben diese knappen Hinweise sicher gezeigt. Über die aktuelle Gewalt in der Welt, den Städten, könnte durchaus einmal im Zusammenhang mit de Sade gesprochen werden. Warum hat P.P. Pasolini 1975 den Film „Die 120 Tage von Sodom“ realisiert? Was spürte er, wie stark war sein Wissen, dass die von de Sade beschriebene Grausamkeit heute lebt? Wie außergewöhnlich und „einmalig“ ist die von de Sade beschriebene Grausamkeit? Braucht „man“ die Schilderungen solcher Monstrositäten, um an die eigenen Möglichkeiten der eigenen Verirrung erinnert zu werden? Haben diese bestialischen Schilderungen de Sades als Schilderungen dann einen gewissen Charakter der „Reinigung“? Sind etwa Menschen, die de Sade gelesen haben, dadurch bessere Menschen geworden? Darüber wurde bisher nicht berichtet.

Die Bücher von Volker Reinhardt und Susan Neiman liegen zur weiteren Diskussion vor. Über den radikalen Atheismus des Marquis wäre noch ausführlicher zu sprechen. „De Sade und die Gottesfrage heute“ wäre ein Thema auch für (christliche) Akademien. Die Frage ist: Wie kann Gott als gut bezeichnet werden in einer Welt der Grausamkeit (auch heute)? Ist Gott nun gut oder grausam? Ist er beides? Oder sind es zwei Götter? Ist die Frage nach Gott in dem Zusammenhang vielleicht gar abwegig? Aber: Diese Frage bewegt die Menschen seit Urzeiten. Sie könnte doch wieder einmal gestellt werden, ohne dogmatische Scheuklappen oder vorgegebene Katechismuswahrheiten.

In unserem „Religionsphilosophischen Salon Berlin“ werden wir diese Frage aufgreifen.

Copyright: Christian Modehn Berlin, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Ein Gerichtsprozess im Vatikan: Der Legionär Christi Pater John O Reilly

9. August 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Ein Hinweis von Christian Modehn

Im Rahmen unserer nur exemplarisch zu verstehenden religionskritischen Studien hat der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ seit über 10 Jahren über den offiziellen katholischen Orden „Legionäre Christi“ wie über die mit ihm verbundene Laien-Bewegung „Regnum Christi“ berichtet. Weil sich kein anderes publizistisches oder religionswissenschaftliches oder wenigstens theologisches Zentrum in Deutschland ausführlich und ständig um diese weltweit einflussreichen Gruppen kümmert, nun also hier ein weiteres Kapitel aus diesem klerikalen Sumpf…

Jetzt wird erneut einem prominenten Priester, Pater O Reilly aus Chile, wegen pädophiler Verbrechen der Prozess im Vatikan gemacht. Das berichten am 9. August 2016 „Le Monde“ und „Figaro“.

Zur Erinnerung: Schon gegen den ebenfalls „betroffenen“ Nuntius in der Dominikanischen Republik, Erzbischof Jozef Wesolowski, wollte ein päpstliches Gericht ein Urteil fällen, aber der pädophile Erzbischof verstarb am 27.8.2015 kurz vor Prozessbeginn in Rom … an „Herzstillstand“, so heißt es …. Während Nuntius Wesolowski sich den Knaben „zuwandte“, hat sich der aus Irland stammende Pater John O Reilly an Mädchen vergriffen. Das haben Gerichte in Chile erwiesen. Weil dem Priester die Ausweisung aus Chile droht, soll er nun sozusagen im sicheren Vatikan „untergebracht“ werden… Konkrete Daten für den Prozess gibt es noch nicht.

Pater John O Reilly LC, 69 Jahre, wurde schon von chilenischen Gerichten verurteilt. In den Jahren 2010 bis 2012, so wissen die Gerichte, habe er als „spiritueller Meister“ im Legionärs Kolleg „Cumbres“ mehrfach ein ihm anvertrautes Mädchen von 9 Jahren sexuell missbraucht. Er wurde im November 2014 zu 4 Jahren „überwachter Freiheit“, „liberté surveillée“, wie Le Monde schreibt, verurteilt. Seine chilenische Staatsbürgerschaft wurde ihm im März 2015 aberkannt, nun soll er aus Chile abgeschoben werden. Ist das Grund, dass der Vatikan den alsbald wohl staatenlosen Pater zu sich holt? Oder sind die Hintergründe der Tat so belastend, dass sie besser im sehr schweigsamen Vatikan verhandelt werden? Warum also diese Sonderbehandlung für Pater O Reilly? Denn allein in Chile sind über 20 pädophile Priester nun auch kirchenamtlich „enttarnt“. Wenn allein diese im vatikanischen Gefängnis untergebracht würden, wären die eher bescheidenen Gefängniskapazitäten des Vatikans wohl bald erreicht … und der „Apostolische Palast“ müsste umgebaut werden…

Merkwürdig ist, dass die pädophilen Aktivitäten von Pater O Reilly aus dem Orden der Legionäre Christi auch dann kein Ende fanden, als der Ober-„Verbrecher“ im Orden, so fast wörtlich Papst Benedikt XVI., also der Gründer Pater Marcial Maciel, zahlreicher Untaten 2006 definitiv überführt wurde und der Orden danach sozusagen auf der Kippe stand: Denn viele kluge Leute meinten, dieser katholische Club solle besser aufgelöst werden. Aber Pater O Reilly wurde wohl in seinem Tun „gedeckt“; er war offenbar unersetzlich, denn er galt als wichtiger „Geldeintreiber“ im bekanntermaßen geldgierigen Orden. Sie leben in den teuersten Vierteln von Santiago, etwa Las Condes. Über den Reichtum des Ordens allein in Chile haben die Journalisten Andrea Insunza und javier Ortega ein Buch publiziert: “Los Legionarios de Cristo en Chile. Dios, Dinero y Poder”,

John O Reilly wurde in der Nähe von Dublin geboren, sein Vater widmete sich vor allem der Hühnerzucht. Das Kind wurde bei den Großeltern erzogen. „Aber von seiner sehr bescheidenen Vergangenheit sprach er in Chile nie“, berichten ehemalige Bekannte, wie der Ex-Legionär Glenn Favre. 1965 trat O Reilly in den Orden der Legionäre Christi ein. An dem bewiesenen verbrecherischen Leben des Ordensgründer Maciel hatte er stets seine Zweifel, BBC zitiert O Reilly aus dem Jahr 2006: „Nadie duda de la absolutísima inocencia del padre Marcial Maciel, por su vida y por sus obras, por lo que ha entregado a cada uno de nosotros, a la Iglesia y al mundo“, comentó O’Reilly en 2006 en entrevista con el sitio web Emol al conocerse la decisión vaticana“… „Niemals zweifle ich an der aboluten Unschuld Pater Maciels….“

Nach Chile kam O Reilly 1984, er arbeitete in den Kollegien „für Kinder aus reichem Hause“. Die Tageszeitung „El Mercurio“ beschrieb 2002 die Beziehung des Priesters zu den ihm anvertrauten Mädchen:“ „Parece una gallina con sus pollos, rodeado de niñitas que le conversan y le piden ’nosotras queremos quedarnos contigo, padre‘: „Er erschien wie ein Huhn mit seinen Hühnchen, umringt von kleinen Mädchen, die ihn unterhielten und ihn baten: Wir bitten, bleibe mit uns, Pater“., so BBC, http://www.bbc.com/mundo/noticias/2014/11/141111_perfil_oreilly_legionarios_millonarios_ch

Mit dem bevorstehenden Prozess im Vatikan wird erneut das öffentliche Interesse auf die Aktivitäten der Legionäre Christi und des Regnum Christi in CHILE gelenkt. Dieser Orden kam erst 1980 nach Chile, zu der Zeit, als der Diktator Pinochet (seit 1973) herrschte. Der Journalist Alfonso Torres Robles berichtet in seinem Buch „La prodigiosa aventura de los Legionarios de Cristo“ (Madrid 2001), Seite 58 f., dass die Legionäre in Chile sofort Anschluss fanden an zahlreiche große Unternehmer und Politiker. Vor allem mit dem rechtsextremen Innenminister Pinochets, Carlos Cáveres Contreras (geboren 1940), gab es enge Kontakte. Dieser Herr hat noch den Diktator Pinochet in seinem Londoner Gefängnis besucht und unterstützt. Bekanntlich setzte sich der so genannte „Heilige Stuhl“ (Vatikan) ebenfalls für die Freilassung Pinochets ein. Unter der Herrschaft von Pinochet war Erzbischof Angelo Sodano Nuntius des Vatikans dort, mit Pinochet verband ihn eine herzliche Verbundenheit. So lernten auch die Legionäre und Erzbischof Sodano einander schätzen, was sich dann beim späteren Aufenthalt Sodanos im Vatikans sehr gewinnbringend für die Legionäre auswirkte, aber das nur nebenbei…

Caveres Contreras jedenfalls wurde schon in den neunzehnhundertachtziger Jahren als einer der einflussreichsten Männer Chiles betrachtet, zugleich wurde Präsident des von den Legionären Christi gegründeten „Rates der unternehmerischen Generation“. Mit diesem elitären Finanz-Club wollte Marcial Maciel, der Legionärs Gründer, nach bewährter und bekannter Art „Kontakte knüpfen“ und sich beliebt machen in der Welt der Reichen und Einflussreichen. Warum wohl? Um, ebenfalls nach bekannter Manier, immer mehr Geld zu gewinnen. Gleichzeitig „kümmerte“ sich der Orden, seinem Hauptinteresse folgend, um gute Kontakte zum Militär und zur einflussreichen Tages-Zeitung „El Mercurio“. Darüber hinaus gründeten die Legionäre Collegien, etwa die in Chile ziemlich berühmten „Cumbres“ und „Everest“, „die von den Politikern der Rechten bevorzugt worden“, so in dem genannten Buch von Torres Robles, S. 60. Pater O Reilly arbeitete auch an dem Legionärs-Radiosender „Santa Maria de Guadelupe“ als Programmdirektor.

Im Umfeld des Prozesses gegen O Reilly in Santiago wurde ein psychologisches Gutachten erstellt, das ein journalistisches Netzwerk in Chile dann ausführlich publizierte. Darin heißt es über den Legionärs-Priester: „Se vincula con personas que posean poder, riqueza o influencia, en busca de prestigio personal y de mayor liderazgo”. „Er verbündete sich mit Personen, die Macht, Reichtum oder Einfluss besitzen, auf der Suche nach persönlichem Prestige und einer größeren Führungsrolle“. Quelle: http://ciperchile.cl/2015/01/22/el-desconocido-perfil-sicologico-de-oreilly-rasgos-narcisistas-sexualidad-infantil-y-busqueda-de-poder/

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin



Die reaktionären Piusbrüder sind bald wieder offiziell römisch-katholisch.

3. August 2016 | Von | Kategorie: Religionskritik, Termine, Theologische Bücher

Die Reaktionären setzen sich durch: Die Piusbrüder sind bald wieder offizieller Teil der katholischen Kirche.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Ein aktueller Hinweis am 17.10.2016: Oberster Traditionalist beim Chef der Glaubenskongregation: So berichtet die Tageszeitung La Croix am 14.10.2016:  Le supérieur de la Fraternité S. Pie X. a rencontré le préfet de la Congrégation pour la doctrine de la foi. Mgr Bernard Fellay, supérieur de la Fraternité sacerdotale Saint-Pie-X (FSSPX), a été reçu jeudi 13 octobre pour la deuxième fois par le cardinal Gerhard Ludwig Müller, préfet de la Congrégation pour la doctrine de la foi. Peu avant cette rencontre, le chef de file des lefebvristes a brièvement rencontré le pape François, a indiqué la fraternité.

Die Versöhnung macht also Fortschritte!

Religionen verändern heute – wie immer schon – auch inhaltlich ihre Schwerpunkte. Religiöser Wandel ist niemals nur Wandel im äußeren Erscheinungsbild. Diese „inneren“ religiösen Entwicklungen betreffen dann aber auch das Zusammenleben in der Gesellschaft. Jetzt ist es absehbar, dass die theologisch reaktionäre, auch politisch, ethisch, philosophisch reaktionäre, „Priesterbruderschaft Sankt Pius X.“ wieder offiziell in die römisch-katholische Kirche integriert wird. Das ist auch politisch und sowieso auch religionsphilosophisch eine wichtige Neuigkeit, die das „Gesicht“ der römischen Kirche langfristig verändern wird. Deswegen lohnt es sich auch für philosophisch Interessierte, sich mit dieser bevorstehenden Integration der Reaktionären auseinanderzusetzen. Wir gehen in unserem Religionsphilosophischen Salon davon aus, dass die Grundbegriffe und die wichtigen Daten zu den Piusbrüdern bekannt sind bzw. leicht nachgelesen werden; beschränken uns also weitgehend auf die aktuelle Entwicklung (Stand 3.8.2016). Die populäre, aber naive Meinung, der Katholizismus sei doch „modern“ bzw. werde immer „zeitgemäßer“, wird nun einmal mehr als Irrtum erscheinen. Das wahrzunehmen, gehört zu den Aufgaben religionsphilosophisch Interessierter. Denn Philosophien und Religionswissenschaften in ihrer Distanz zu den katholischen Institutionen sind viel mehr als die institutionell nun einmal von Amts wegen immer kirchen/obrigkeits-abhängigen Theologen in der Lage, eine freie und objektive Analyse zu bieten.

Der Zeitpunkt ist interessant: Im Vorfeld der Reformationsfeierlichkeiten und hoffentlich umfassenden theologisch-philosophischen Besinnungen auf Luther und die anderen Reformatoren stellt die katholische Kirche jetzt deutlich wieder ihr konservativ- römisches Profil in den Mittelpunkt. Dass es wieder Ablässe gibt und dafür ganz ausdrücklich geworben wird, dass der Marienkult blüht und die Heiligenverehrung auch unter Papst Franziskus, ist allgemein bekannt. Nun aber geht es um die Integration (das ist mehr als „Versöhnung“) der Piusbrüder in die offizielle Kirche: Es ist jene inzwischen international verbreitete traditionalistische Gemeinschaft, die sich auf Erzbischof Marcel Lefèbvre (1905 – 1991) als „Gründergestalt“ beruft.

Zur Erinnerung: Erzbischof Lefèbvre hatte drei Feinde der Religion und des Staates (an Demokratie dachte er nicht!) immer wieder benannt: „Die Protestanten, die Sozialisten, die Freimauer bzw. die Liberalen“. Religionsfreiheit war für ihn, den Päpsten bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts treu folgend – ein Wahnsinn, der zur Zerstörung der menschlichen Kultur führe genauso wie auch die Ökumene und der Dialog der Religionen schädlich seien. Daran halten die Piusbrüder und ihre weltweiten Gemeinden bis heute selbstverständlich fest.

Lefèbvre wurde aber 1988 exkommuniziert, nicht etwa wegen seiner Lehren, sondern weil er ohne päpstliche Erlaubnis vier seiner Priester zu Bischöfen weihte. Ungehorsam gegen den Papst wiegt also schwerer als Verdammung der Religionsfreiheit und Demokratie…

Die Kreise, die sich um ihn international scharten, es sind wahrscheinlich 150.000 weltweit, wurden –bis vor einigen Jahren – von Rom eher wie eine Sekte außerhalb der römischen Kirche behandelt und eben eher rechts liegen gelassen. Rom gründete die konservative Konkurrenz „Petrusbruderschaft“ (Wigratzbad) wohl in der Meinung, dass die Leute um Lefèbvre für Rom sowieso wohl für Rom „verloren“ sind… Über die Nähe etwa der französischen Traditionalisten bzw. Piusbrüder zu den Parteien des Rechtsextremismus (Le Pen und co.) ist viel, auch im Religionsphilosophischen Salon geschrieben worden. Interessant ist auch immer noch der Beitrag von 2009, der auf Verbindungen Lefèbvres zu Pinochet, Franco, Salazar hinweist: „A l extreme droite de Dieu“,http://www.resistances.be/fsspx01.html

Aber Papst Benedikt XVI. selbst sehr konservativ, meinte es gut mit den Reaktionären und hob die Exkommunikation der Lefèbvre Bischöfe auf. Und jetzt? Seitdem Papst Franziskus Erzbischof Guido Pozzo als Sekretär für den Dialog mit dieser traditionalistisch-reaktionären Gemeinschaft bestätigt hat, wird die Intergration betrieben. Zwischendurch hatte Papst Franziskus schon für einen gewissen „Dialog“ gesorgt, als er seinen Katholiken die Beichte bei einem eigentlich schismatischen Lefèbvre- Priester als gültiges Sakrament gestattete. Zudem hat er den Chef der Bruderschaft, Bischof Bernhard Fellay, in Privataudienz empfangen. Papst Franziskus will ausdrücklich einen freundschaftlichen Dialog mit den Traditionalisten, wie Bischof Pozzo in einem ausführlichen Interview mit der Zeitung „Christ und Welt“ vom 28. Juli 2016, Seite 5, darlegt.

Nur so viel aus dem ausführlichen Interview, das Julius Müller-Meiningen führte: Es werden jetzt gezielt in Rom Schritte unternommen, die „zur vollen Aussöhnung mit den Traditionalisten“ führen, so Pozzo. Rom scheint beruhigt zu sein, dass der bekannte antisemitische traditionalistische Bischof Richard Williamson aus der der Pius-Bruderschaft 2012 (von dieser) ausgeschlossen wurde. Ob antisemitische, xenophobe und homophobe Kreise – etwa in Frankreichs traditionalistischen Gemeinden – noch bestehen, scheint den Vatikan nicht zu interessieren. Zentraler Punkt in der Integration der Reaktionären ist die Deutung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es wurde bisher von ernstzunehmenden Theologen immer als Reformkonzil, als Neubeginn, wenn nicht als „Einschnitt“ in der theologischen Entwicklung gedeutet. Diese Theologen, wie Küng, Schillebeeckx, Rahner usw. sahen darin vernünftigerweise einen Ausdruck von Leben und geistvoller Lebendigkeit. Früher verdammten Päpste die Religionsfreiheit, im Konzil wird sie gelobt. Früher verdammten Päpste die Reformation, nun wird Ökumene offiziell gepflegt. Wenn das kein Einschnitt, kein Bruch, kein Neubeginn ist? Aber Rom liebt heute wieder das Starre und Ewige, das Depositum, den uralten Text usw. mehr als die Lebendigkeit und die zum Leben immer gehörende Veränderung. Über die psychischen Strukturen solcher erstarrter Bürokraten hat Erich Fromm Wichtiges geschrieben und sie treffend als Nekrophilie, Liebe zum Toten und Erstarrten, gedeutet…

Aber Pozzo und mit ihm wohl auch der Vatikan behaupten stur: Das Zweite Vatikanische Konzil liegt ganz auf der Linie der früheren Konzilien und der Tradition, die ja bekanntlich das römische Lehramt festlegt. Also: Ökumene, Religionsfreiheit, Toleranz gehören gar nicht ins Zentrum katholischen Glaubens. Deswegen können die Piusbrüder auch guten Gewissens dieser römischen Kirche wieder beitreten. Denn sie halten – wie gesagt – gar nichts von Ökumene, Religionsfreiheit, Toleranz…Vielleicht gelingt dann eine hübsche Ökumene der Piusbrüder mit den fundamentalistischen Muslims und den Wahabiten… Dies als kleiner, nicht ganz falscher Scherz zur Auflockerung dieser trübsinnigen Entwicklung.

Wenn die Integration der Piusbrüder also zustande kommt, und wenig spricht in römischer Sicht dagegen, dann wird also Profil der römischen Kirche selbst unter Papst Franziskus wieder reaktionärer. Denn er will ja diese Piusbrüder wie eine Art katholischer Sondergemeinschaft, als „Prälatur“, wie das ähnlich organisierte Opus Dei, IN die römische Kirche integrieren. Noch einmal: Für Erzbischof Pozzo vom Vatikan sind die Lehren vom Dialog und der Religionsfreiheit, die das Zweite Vatikanische Konzil einschärfte, „nicht Glaubenslehren oder definitive Aussagen, sondern bloß Anweisungen oder Orientierungshilfen für die pastorale Praxis. Über diese pastoralen Aspekte kann auch nach der kanonischen Anerkennung (der Piusbrüder, also ihrer definitiven Integration in die römische Kirche) weiter diskutiert zu werden, um sie einer Klärung zuzuführen“. Soweit Pozzo. Nebenbei: „Pastoral“ heißt in vatikanischer Bedeutung immer: „weniger wichtig“, „relativ“…Diese Worte Pozzos muss man sich förmlich auf der Zunge zergehen lassen: Sind denn nicht Religionsfreiheit und Ökumene ein für allemal beschlossene Sache auch unter Katholiken? Was soll denn da noch weiterdiskutiert werden mit den reaktionären Piusbrüdern? Ja, es kann weiter diskutiert, damit auch relativiert werden zur Ökumene und Religionsfreiheit, so Pozzo… Hingegen, so meint er, darf überhaupt nicht im entferntesten „die Sakramentalität der Bischöfe“ (also die Klerus-Vorrangstellung) und „die Lehre über den Primat des Papstes und des Bischofskollegiums“ diskutiert werden, so in der 3. Spalte des genannten Artikels in „Christ und Welt“. Noch einmal: Katholisch ist für diesen Herrn, wer an den Primat des Papstes glaubt und an den gottgewollten Vorrang des Klerus. Alles andere, Menschlichkeit, Toleranz, Religionsfreiheit, Liberalität, Ökumene ist verhandelbar, also auch einzuschränken. Kann man im Ernst theologisch so tief sinken, fragen Mitglieder des Religionsphilosophischen Salons? Welche Schande auch, wenn Pozzo ausdrücklich eine „Anpassung an irgendeine Kultur der Gegenwart“ zurückweist  (5. Spalte im genannten Artikel). Die Anpassung an sein Luxusleben im Vatikan und anderswo wird er wohl gern genießen…Dass Papst Johannes XXIII. bei der Eröffnung des Konzils immer wieder zustimmend vom aggiornamento der Kirche sprach, wird unterdrückt von diesen Klerikern. Aggiornamento heißt ja wohl Anpassung. Papst Johannes XXIII. ist wohl nun ein Ketzer, wenn er ausdrücklich Anpassung der Kirche wünschte.

Das Zweite Vatikanische Konzil ist nun in römischer Sicht eines von vielen Konzilien, Teil einer großen Tradition, die sich Erzbischof Pozzo allerdings hütet, genauer zu beschreiben: Denn dann würde er das ganze Grauen dieser Tradition sehen: Päpstliche Macht in einem korrupten Staat, Hexenverfolgung, Ketzerverbrennung, aggressive Mission, Frauenunterdrückung usw.

Was sind die tieferen Gründe für das Versöhnungsbedürfnis des Papstes mit diesen Kreisen? Eine praktische Antwort: Bei einer immer noch auf den Klerus fixierten römischen Kirche gelten alle Kreise sehr viel, die noch viele junge Priester „stellen“ können, das sah man etwa, als der hoch umstrittene Orden „Legionäre Christi“ mit seinem verbrecherischen Gründer Marcial Maciel eben NICHT aufgelöst wurde. Warum? Weil die Legionäre Christi immer noch viele junge Priester haben. Zur Piusbruderschaft gehören heute 600 (meist jüngere) Priester und 200 Seminaristen. Diese könnten doch den allgemeinen Mangel an Priestern gut „beheben“ und man bräuchte nicht über eine Aufhebung des Zölibates nachzudenken.

Eine theologische Antwort: Es ist für den Vatikan unerträglich, dass es noch eine weitere (kleine) Kirche gibt, die sich auch katholisch nennt und das Papsttum als solches so liebt und die Traditionen, die Rosenkränze, die Sühneandachten, das Sich Aufopfern für Maria usw… Diese Konkurrenz ist für eine große Kirche, die alles auf Uniformität und Einheit setzt, unerträglich.

Journalisten und Theologen sollten sich wirklich mal die Mühe machen und das offizielle Mitteilungsblatt der Piusbrüder etwa in Deutschland lesen, das „Mitteilungsblatt Omnia instaurare in Christo“ („Alles in Christus wieder aufrichten“). In der Ausgabe vom Juli 2016 ist ein Vortrag des Piusbruderchefs Bischof Bernard Fellay vom 1. Mai 2016 publiziert. Darin bestätigt Fellay die Aussagen des vatikanischen Erzbischofs Pozzo. Fellay betont: „Kürzlich durften wir in Rom zum ersten Mal hören, dass wir das (Zweite Vatikanische) Konzil nicht mehr akzeptieren müssen. Stellen Sie sich das vor: das ist enorm. Man sagte uns: Sie dürfen bei Ihrer Meinung bleiben…Man sagt uns: Das Konzil ist nicht verpflichtend, man muss niemanden zur Annahme des Konzils zwingen, um katholisch zu sein...Man sagt uns: Das Konzil ist nicht doktrinal (von der Lehre her maßgebend), es ist pastoral. Das ist ungefähr das, was wir selbst immer gesagt haben…“ (Seite 24 f. in dem genannten Heft der Piusbrüder). Aber: Für die Piusbrüder ist diese Entwicklung noch kein „Triumph, „es handelt sich um eine neue Phase im Krieg (mit Rom)“, so der Traditionalisten Chef Fellay wörtlich (Seite 25)

Die Traditionalisten fühlen sich nach wie vor so stark und selbstbewusst, dass sie in ihren Heftchen und Publikationen heftig Papst Franziskus kritisieren, etwa sein Schreiben „Amoris laetitia“. Dieses stelle „einen Dammbruch dar, der die gesamte katholische Morallehre in Frage stellt“, so der Piusbruder Pater Matthias Gaudron, im Mitteilungsheftchen vom Juni 2016, Seite 33.

Aber im Vatikan selbst gibt es bedeutende Stimmen machtoller Kleriker, die ähnlich denken. Von daher sind solche Attacken der Piusbrüder gegen den Papst nicht hinderlich für die bevorstehende Integration.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Wegen der Wahrheit in der Kirche muss man streiten, nicht morden. Ein Hinweis auf den Philosophen Hieronymus von Prag.

3. Juli 2016 | Von | Kategorie: Philosophische Bücher, Religionskritik

„Um die Wahrheit des Glaubens muss in aller Freiheit gestritten werden“. Ein Buch über den Prager Philosophen Hieronymus von Prag.

Von Christian Modehn

Die Erinnerung an die Reformation, die 1517 deutliches und wirksames Profil gewann, geht über die Erinnerung an Martin Luther hinaus. Endlich! Und zurecht! Denn Luther hatte z.B. auch viele Vorläufer, die hierzulande angesichts der Jahrhunderte langen Luther-Dominanz (und Luther-„Verehrung“) eher am Rande stehen oder in Vergessenheit belassen wurden.

Immer geht es diesen gebildeten Theologen und Philosophen, diesen Reformatoren, um eine heftige Kritik am Klerus, es geht immer um ein Insistieren auf dem Evangelium als der maßgeblichen Orientierung auch für Päpste und Prälaten. Wer sich das ganze Ausmaß des heftigsten und legitimen Antiklerikalismus schon seit Petrus Valdes (Waldenser) und dem dann ins römische System wieder integrierten Franz von Assisi seit dem 13. Jahrhundert anschaut, stellt immer noch voller Erschütterung fest: Das klerikale System mit dem allmächtigen Papst an der Spitze, hat alle Kirchenreformer, vom Evangelium bewegte Männer und Frauen, unterdrückt, meistens getötet, ausgelöscht, verbrannt. Dieser Dogmen-Wahn ist ja bis heute nicht verschwunden, der Wahn, den Katholiken auch heute immer noch hinnehmen und ertragen, dass nämlich der Klerus die Wahrheit besitzt und über die göttliche Wahrheit verfügt. Kirchenbehörden mit Milliardenetats wagen es allen Ernstes, den armen Jesus von Nazareth authentisch zu lehren… Dieser Wahrheitswahn, der bei angeblichen Ketzern wert legt auf die Wiederholung bestimmter traditioneller Floskeln und dogmatische Formeln, lebt bis heute. Er zeigt sich nur etwas milder als vom 13. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert. Gott wird damit förmlich in ein Gefängnis des Denkens eingesperrt… Mit Luther begann tatsächlich eine radikale Wende, die dann aber zur Abhängigkeit der lutherischen Kirche von den Fürsten führte. Aber das ist ein anderes Thema.

Über den böhmischen Reformator Jan Hus sind in den letzten Monaten einige Schriften publiziert worden. Nun wird erfreulicherweise, sozusagen auch als Vertiefung, an seinen Freund und Mitstreiter, den Philosophen Hieronymus von Prag (um 1379 bis 30. Mai 1416) erinnert. Das lesenswerte Buch „Hieronymus von Prag“ ist im Südverlag in Konstanz erschienen, es ist für weite Kreise bestimmt. Die Autoren sind Jürgen Hoeren und Winfried Humpert. Eugen Drewermann hat ein ausführliches Vorwort verfasst zu dem treffenden Motto „Wenn Menschen selber zu denken wagen“. Hieronymus war mehrfach philosophischer Magister, ein umfassend gebildeter Denker; unter anderem auch Magister an der Universität von Köln, er verbreitete und verteidigte die Philosophie von John Wyclif.

Hieronymus von Prag war ein wahrer Europäer: Von Prag aus reiste er bis nach England, wurde dort mit der Klerus/Kirchenkritik des Theologen Wyclif vertraut, dann zog es ihn über Krakau bis nach (Weiß) Russland, nach Wilna und Witebsk. Dort lernte er einige Aspekte der orthodoxen Kirche schätzen, froh darüber, dass dort beim Abendmahl Brot UND Wein gereicht wird: Der reformatorische Kampf um den Laienkelch war ja keine nebensächliche Marotte, sondern das Eintreten für die Gleichheit von Priestern und Laien. Priester haben ja bekanntermaßen in der Eucharistie das Privileg, aus dem Kelch den Wein („das Blut Christi“, heißt es offiziell bis heute) zu trinken…Laien müssen sich mit dem Brot, d.h. der winzigen Hostie, begnügen…

Hieronymus von Prag wollte seinen Freund, Jan Hus, beistehen, als dieser beim Konstanzer Konzil die Sache der böhmischen Reformation verteidigte. Hieronymus wurde gewarnt, er fuhr trotzdem zum Konzil am Bodensee und wurde selbstverständlich ins Gefängnis gesteckt, unter erbärmlichsten Bedingungen wurde er festgehalten. Zermürbt von der Allmacht des Klerus, hat Hieronymus dann erst seine Thesen der Kirchenreform widerrufen, aber später hat er doch seine Lehre vorgetragen. „Er beharrte auf seiner Position und bestand darauf, in keinem Punkt geirrt zu haben. Er bekräftigte seine Übereinstimmung mit Jan Hus. Dieser sei ein guter, gerechter und heiliger Mann gewesen, der nie den Tod verdient hätte. Hieronymus kritisierte auch den Pomp und Lebensstil der Prälaten“ (S. 68).

Im Mai 1416 wurde Hieronymus öffentlich bei lebendigem Leibe verbrannt. Als Laie musste er sich aller seiner Kleider dabei entledigen. Priester, wie Jan Hus, wurden nicht nackt verbrannt. Doch eine freundliche Geste der Henker, oder?

Jedenfalls war Hieronymus von Prag ein hoch gebildeter, bestens argumentierender Philosoph, vor allem ein sympathischer Mensch, ein Freund. Das Buch ist auch deswegen so wertvoll, weil es eine ausführliche Würdigung eines Zeitgenossen des Hieronymus bietet, verfasst von dem Humanisten Poggius Florentinus bzw. Poggio Bracciolini (1380 bis 1459), der den Prozess gegen Hieronymus in Konstanz beobachtete und einem Freund (Leonardo Arentino) einen ausführlichen, eher objektiv gestimmten Bericht schickte (Seite 69 bis79, ins Hochdeutsche von Jürgen Hoeren überragen). Darin heißt es: „Hieronymus verwies darauf, dass sich in der Kirchengeschichte selbst die allergelehrtesten und heiligsten Männer in den Dingen des Glaubens nicht immer einig gewesen seien, sich entzweit hätten. Das aber hätte nicht zur Schwächung des Glaubens, sondern zur Findung der Wahrheit geführt“ (S. 75). Aber diese Worte fanden keine Beachtung bei den „Alleswissern“ beim Konzil.

Offenbar sind so wenige auch philosophische Texte von Hieronymus von Prag erhalten, dass das Buch dann doch eher noch auf das weite Umfeld der böhmischen Reformation, der Hussistenkriege und die Kirche der Böhmischen Brüder hinweist bzw. ausweicht.

Eugen Drewermann erläutert eindringlich u.a. einige Aspekte auch zu John Wyclif. Bei einer zweiten Auflage sollte die unzutreffende Behauptung Drewermanns zu Thomas Müntzer (nicht „Münzer“, wie Drewermann schreibt) korrigiert werden, Drewermann behauptet: „Münzer säte Gewalt“ (S. 15). Aber: Er hat nicht Gewalt propagiert, auch nicht gesät! Er sah nur die Bauern in einer ausweglosen Lage unterstützt, in die sie durch die Gewalt der Fürsten gekommen waren. Wenn einer Gewalt gesät hat, dann waren es und sind es bsi heute die Herrscher. Müntzer wollte die Bauern nur unterstützen und inspirieren in ihrem Kampf; er dachte dabei  – aus heutiger Sicht: leider – apokalyptisch, wie auch Luther und die anderen Müntzer – Feinde apokalyptisch dachten. Was dieses grausige neutestamentliche Buch „Apokalypse“ für Unsinn bewirkt hat, wäre eine eigene Untersuchung wert, zumal heute wieder angesichts dieser Welt das Stichwort Apokalypse allerorten fllt.

Jedenfalls: Das von Drewermann verbreitete, übliche Müntzer – Vorurteil ist übrigens längst widerlegt, man lese etwa die ausführlichen Müntzer Studien von Hans-Jürgen Goertz.

Nebenbei: Müntzer hielt sich übrigens Ende 1524 bis Anfang 1525 auch in Süddeutschand, Schwaben, auf: Vielleicht wäre dies ein Thema für den Südverlag in Konstanz.

Jürgen Hoeren und Winfried Humpert, „Hieronymus von Prag. Der Philosoph im Schatten von Jan Hus“. Südverlag Konstanz 2016, 112 Seiten.

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