Religionskritik

In der Rubrik “Religionskritik” sind einige Texte versammelt, die auf einen Schwerpunkt philosophischer Kritik hinweisen.



Radikaler Neubeginn in Rom?

19. März 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Auf der website der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM befindet sich seit dem 19. 3. 2013 ein Beitrag mit dem Titel “Radikaler Neubeginn in ROM”. Zur Lektüre dieses Kommentars klicken Sie bitte hier.

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Das argentinische Gesicht von Kard. Bergoglio, jetzt Papst Franziskus

18. März 2013 | Von | Kategorie: Befreiung, Denken und Glauben, Religionskritik

Das argentinische Gesicht von Kardinal Bergoglio, jetzt Papst Franziskus

Hinweise von Prof. Fortunato Mallimaci.

Ein Beitrag von Christian Modehn

Ergänzung am 24.3. 2013: Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Hinweis zu einer Stellungnahme von Adolfo Pérez Esquivel vom 5. April 2005 im argentinischen Fernsehen “Canal America” über Kardinal Bergoglio.

Ergänzung am 31.3.2013: Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Hinweis zur Diskussion in Argentinien unter dem Stichwort: “Von welcher Option für die Armen spricht Papst Franziskus”. Mit einem Hinweis auf die entscheidende Tatsache, dass die Befreiungstheologie in Argentinien fast ganz auf den stets von den Bischöfen bekämpften (zahlenmäßig kleinen) Kreis der “Priester für die Dritte Welt”, “Sacerdotes para el tercer Mundo”, begrenzt war.

Ergänzung am 3. 4.2013: Am Schluss dieses Beitrags finden Sie einen Link zu einem Interview mit dem argentinischen Journalisten und kenntnisreichen und kritischen Beobachter der argentinischen Kirchen- Szene Horacio Verbitzky; das Interview über Kardinal Bergoglio in Argentinien damals sendete der NDR (Fernsehen) am 27.3.2013, das Interview wurde vom NDR übersetzt. Das Interview wird noch einmal wiederholt im NDR (ZAPP heißt die Sendereihe) am 5.4. um 2.45 (sic).

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Auch in Deutschland ist der argentinische Soziologieprofessor Dr. Fortunato Mallimaci kein Unbekannter. Er hat in der umfangreichen Studie „Kirche und Katholizismus seit 1945“ in Band VI „Lateinamerika und die Karibik“ den Beitrag über Argentinien geschrieben (zusammen mit seiner Kollegin, der argentinischen Soziologin Veronica Gimenez Beliveau). Das Buch ist im Jahr 2009 im katholisch geprägten Schöningh Verlag erschienen, es wurde herausgegeben von dem katholischen Kirchenhistoriker Prof. Johannes Meier und dem katholischen Theologen Veit Strassner. Der Sammelband von 559 Seiten enthält ausschließlich Beiträge von Katholiken, sogar von Mitarbeitern der kirchen- offiziellen bischöflichen “Aktion für Lateinamerika Adveniat”  in Essen.

Also in diesem quasi offiziell katholischen Buch ist Prof. Fortunato Mallimaci mit seinem wissenschaftlichen Beitrag über die katholische Kirche in Argentinien von 1945 bis ca. 2008 vertreten; sein Artikel umfasst 23 Seiten und hat 61 umfangreiche Fußnoten: Fortunato Mallimaci hat in Paris studiert, vor allem an der berühmten Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales. Er ist (geboren 1950) Professor für Sozialgeschichte Argentiniens und Religionssoziologie an der „Universidad de Buenos Aires“. Er hat zahlreiche Gastprofessuren im In – und Ausland wahrgenommen. Erstaunlich ist, dass der Beitrag nicht die Beziehungen der katholischen Kirche zur Regierung Kirchner untersucht, obwohl die Literaturangaben bis ins Jahr 2006 reichen, etwa durch Hinweise der beiden Wissenschaftler auf die Arbeiten des kritischen Journalisten H. Verbitzky “La Argentina católica y militar”, erschienen in Buenos Aires 2006.

Dieser lange Hinweis ist notwendig, um die Seriosität von Prof. Mallimaci von vornherein gegen alle Anwürfe zu betonen. Mallimaci ist einer der wichtigsten Interviewpartner der unabhängigen demokratischen und ökumenischen Presse in Argentinien, in diesen Tagen, nach der Papstwahl. Wir können von seinen zahlreichen ausführlichen Interviews und Beiträgen zum damaligen Kardinal Bergoglio (Buenos Aires) nur schrittweise den deutschen Lesern zugänglich machen. Religionskritik ist ja ein Teil der Religionsphilosophie.

Noch eine Vorbemerkung: Für die deutschen Leser muss wohl noch einmal an das wahre, nahezu unsägliche  Ausmaß der Militärdiktatur in Argentinien (1976 -  1983) wenigstens elementar erinnert werden: Der Diktator Jorge Rafael Videla (1976) hatte das Ziel, “die moralische Ordnung der Nation, die wirtschaftliche Effizienz und die nationale Sicherheit wiederherzustellen…Die katholische Kirche war von der Diktatur besonders betroffen, da ihre internen Brüche offensichtlich wurden”, schreiben F. Mallimachi und V. Gimenez Béliveau in ihrer Studie auf Seite 425. Und sie fahren fort, und jetzt wird es wichtig, um die wahre Dimension unseres Themas wahrzunehmen: “Mit aktiver Unterstützung von Mitgtliedern der Kirche wurden Verbrechen an anderen Mitgliedern der Kirche verübt. Die Bischöfe, die den Staatsstreich begrüßten, versuchten die progressiv – christlichen Gruppen zunächst zu isolieren und schließlich aufzulösen. Die Militärs zerschlugen mit bischöflicher Billigung und Unterstützung die aktivsten Gruppen und ermordeten eine Reihe engagierter Christen. Priester, Mitglieder von Basisgemeinden, Ordensfrauen, Laien und sogar einzelne Bischöfe (wie Bischof Enrique Angelelli aus La Rioja  und Bischof Carlos Ponce de Leon aus San Nicolas), die sich für die Verfolgten einsetzten, wurden Opfer des Staatsterrros: Sie wurden verfolgt, ins Exil geschickt, entführt, gefoltert, ermordet”. (ebd., S 425). Über die unmittelbare, wohlwollende Unterstützung der Militärdiktatur durch die meisten Bischöfe schreiben die Autoren u.a.:”Die Machtübernahme durch die Militärjunta unter dem Katholiken Videla wurde von führenden Mitgliedern des Episkopars ausdrücklich begrüßt und unterstützt”,so auf Seite 426 mit ausführlichen Literaturhinweisen, auch zur wohlwollenden Haltung des Nuntius damals, Msgr. Pio Laghi. Bischof Victorio Manuel Bonamin aus dem Salesianerorden etwa forderte schon 1975 die Intervention der Streitkräfte: “Die Armee sühnt die Unreinheit unseres Landes. Die Soldaten wurden im Jordan vom Blut gereinigt, um die Führung unseres Landes zu übernehmen”, zit. ebd. (Nebenbei: Es wird nicht dokumentiert, wie die Bischofskonferenz mit solchen bischöflichen Mitbrüdern umging nach dem Ende der Militärdiktatur). Die beiden Autoren schreiben weiter auf Seite 427: “Die Legitimität, die die Bischöfe der Militärregierung zubilligten, beschränkte sich nicht auf die politische Unterstützung, sondern sie wurde auch auf die Rechtfertigung willkürlicher Folter ausgedehnt….Die Militärs führten ihren Reinigungsprozeß in der Kirche mit der Zustimmung einiger Bischöfe und aktiver Unterstützung einer erheblichen Zahl von Priestern durch. Einige unterstützten sogar Folterer moralisch und waren bei Folterungen in den Haftzentren anwesend. Die Militärregierung dankte der Kirche dafür durch einige Privilegien, die Bischöfe wurden fortan über den Staatshaushalt  finanziert…Das Regime konnte sich (von wenigen Ausnahmen abgesehen) der Untertsützung durch den Gesamtepiskopat gewiss sein” (ebd). Unter den bischöflich geduldeten Massakern an ihren Mitchristen erwähnen wir nur die Ermorderung von drei Ordensleuten und zwei Theologiestudenten aus dem Pallottinerorden sowie die Entführung und das Verschwinden der beiden französischen Nonnen Alice Domon und Léonie Duquet, sie hatten das “Verbrechen” begangen, Familien von Verschwundenen zu unterstützen. Léonie Duqet wurde nach ihrer Ermordung bei einem der üblichen Todesflüge der Mörderbanden ins Meer geworfen. Zu den Opfern gehörte übrigens auch Elisabeth Käsemann, die Tochter des protestantischen Theologen Prof. Ernst Käsemann, Tübingen.

Es ist bezeichnend, dass die beiden Autoren, F. Mallimaci und V. Giménez Béliveau, unter den wenigen mutigen Widerstand leistenden Klerikern nur zwei Bischöfe ausdrücklich erwähnen: Bischof Jorge Novak SVD, Bischof von Quilmes und Bischof Jaime de Nevares SDB, Bischof von Neuquen (Fußnote 49, Seite 427). Der Name Jorge Mario Bergoglio, Provinzial des Jesuitenordens in Argentinien von 1973 bis 1979, taucht in dem Zusammenhang des Widerstandes jedenfalls nicht auf. Das widerständige “Format” von Novak und de Nevares hatte er wohl nicht, sonst hätten ihn die beiden so gründlich recherchierenden Autoren zweifelsfrei in ihrer ausführlichen Studie erwähnt. Bergoglio wird übrigens von beiden nur einmal ganz kurz als Kardinal von Buenos Aires (seit 2001) erwähnt, und zwar als “Kardinal italienischer Herkunft”, dies Ausdruck für die “Italienisierung der argentinischen Amtskirche” (so die Autoren), die knappe Erwähnung Bergoglios befindet sich in der Fußnote 6 auf Seite 411!

Diese Hinweise sind wichtig, um die tiefe Bindung des argentinischen Klerus an die Werte der Nation, die klassischen Familienwerte (gegen Homosexualität etwa) und gegen den angeblich allgegenwärtigen Kommunismus zu vestehen.

Wir beginnen mit einem Beitrag Fortunato Mallimacis, der am 31. Juli 2010 veröffentlicht wurde in dem blog „La Máquina de Escribir“ in der Verantwortung von Anibal Jorge Sciorra. Quelle: http://lamaqdeescribir.blogspot.de/2010/07/entrevista-fortunato-mallimaci-el-rol.html

Wir können nicht den langen Beitrag übersetzen, wir bieten nur einige zentrale Aussagen des Religionssoziologen Prof. Mallimaci zu Kardinal Bergoglio von Buenos Aires, dem Vorsitzenden der argentinischen Bischofskonferenz. Es lohnt sich, den ganzen Text auf Spanisch zu lesen!

Hier einige wesentliche Erkenntnisse Mallimacis:

1.“Bergoglio versteht nicht, was heute in der Gesellschaft passiert“.

2.“Die bischöfliche Hierarchie Argentiniens befindet sich in einem fieberhaften, nervösen Zustand. Sie zeigt sich als eine Institution der Macht“.

3.“Das wird deutlich in der Amtsenthebung des progressiven Priesters Nicolas Alessio, Cordoba in Argentinien, der es wagte, sich öffentlich für die Rechte Homosexueller einzusetzen“.

4. „Die argentinischen Bischöfe, auch Erzbischof Bergoglio, setzen ausschließlich auf das unwandelbare und ewige Naturrecht. Sie haben keinen Sinn für den gesellschaftlichen Wandel. Sie fühlen sich wie in einem „Krieg Gottes“ und , verwenden den Begriff inneren „Krieg“, der unter General Videla noch benutzt wurde“.

5. „Die Christen an der Basis sagen angesichts der Bischöfe: „Wir finden in der Haltung der Bischöfe nicht mehr Jesus wieder“.

6. „Die Bischöfe verteidigen die „klassische Familie“ bedingungslos“. Mallimaci spricht von einem „Kreuzzug“ der Bischöfe, Kardinal Bergoglio sei einer der Fahnenträger dieses Kreuzzuges. „El rol que juega Bergoglio es nefasto“, sagte Mallimaci: „Die Rolle, die Bergogio in diesem Kreuzzig (für die alten Familienwerte z. B. und gegen die Moderne) spielt, ist, so wörtlich, =nefasto=, d.h. unheilbringend. Die Bischöfe sprechen eine militärische Sprache…“

7. „Bergoglio hat geschwiegen, als der Militärseelsorger, der Priester Christian von Wernich, verurteilt wurde wegen seiner Mittäterschaft in der Diktatur, ihm wurden Folter und Verbrechen gegen die Menschlichkeit zur Last gelegt“.

8. „Als der Priester Julio Grassi wegen sexuellen Missbrauchs an Kindern angeklagt wurde, hat Bergiglio den Anwalt bezahlt, Grassi wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt“.

9. „Bergoglio hat auch Erzbischof Edgardo Storni von Santa Fé noch unterstützt, als er wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt und verurteilt wurde“.

10. „Bergoglio hat die Idee verbreitet: Der Relativismus sei der Hauptfeind der Gesellschaft“, darin in voller Übereinstimmung mit Benedikt XVI.

11.“In der argentinischen Kirche unter dem Chef der Bischofskonferenz Bergoglio gibt es keine öffentliche Meinung, keine Diskussion. Die Angst ist stärker als die Freiheit, wenn sich Kritiker äußern wollen“.

12. „Die Kirche Argentiniens befindet sich im Dauerkonflikt mit der liberalen Welt der Demokratie“.

13. „Bergoglio hat 2004 dafür gesorgt, dass eine Ausstellung des berühmten Künstlers Leon Ferrari wegen Blasphemie für einige Zeit verboten wurde. Später wurde sie gerichtlich doch noch durchgesetzt. Von allen Kanzeln ließ er gegen den Künstler wettern. Das brachte ihm allerdings weiteren Ruhm ein., betonte Ferrari. Jedenfalls wollte Kardinal Bergoglio eine Art Zensur für moderne Kunst durchsetzen“. Siehe dazu einen umfangreichen Beitrag in der spanischen Tageszeitung el periodico vom 14. 3. 2013, zur Lektüre klicken Sie hier.

14. Mallimaci weist ausführlich darauf hin, dass Bergoglio, der Jesuit, und der erzkonservative Opus – Dei Bischof Hector Aguer von La Plata in sehr vielen zentralen Fragen eng verbunden und einer Meinung waren: Mallimaci nennt etwa die gemeinsame Auffassung von der Familie als einer =patriarchalen Struktur=, dass die Frauen an die 2. Stelle gehören, dass Verschweigen besser sei als Aufklären, dass Gehorsam die zentrale Tugend ist, sowie, wörtlich, “dass schmutzige Wäsche besser versteckt werden sollte”.

In einem Interview für die Tagezeitung Pagina/12 vom 17.3. 2013 geht Fortunato Mallimaci erneut auf die Strategie der argentinischen Bischofskonferenz ein, deren Präsident Kardinal Bergoglio war: “Die Bischofskonferenz hat sich weder zur Verurteilung des pädophilen Priesters Julio Grassi noch gegenüber dem (Sexuellen Mißbrauch durch)  Bischof Edgardo Storni noch gegenüber dem Verbrecher, Pfarrer Christian von Wernich,  offiziell ausgesprochen, im Unterschied etwa zu den Bischfskonferenzen in den USA, wo offizielle Statements zur Pädophilie unter Priestern abgegeben wurden. Zur Lektüre des Interviews klicken Sie hier.

Weitere Informationen zur Auseinandersetzung um die Homoehe in Argentinien:

Anlässlich der Debatte über die Homoehe sagte Kardinal Bergoglio: „Es steht auf dem Spiel die Identität und das Überleben der Familie:  Papa, Mama und die Kinder. Seien wir nicht naiv: Es handelt sich hier nicht um einen politischen Kampf. Es handelt sich um einen destruktiven Anspruch gegenüber dem Plan Gottes. Es handelt sich nicht um ein bloßes gesetzliches Vorhaben, sondern um eine Bewegung, die vom Vater der Lüge (dem Teufel) ausgeht, die die Söhne Gottes verwirren und täuschen will.“ Quelle: http://www.elblogoferoz.com/2013/03/15/el-nuevo-papa-colaboro-con-la-dictadura-militar-argentina/Gelesen am 18.3. 2013

Über die Beziehung zu dem “Verbrecher Priester” Christian von Wernich, dem Militärgeistlichen z.Z. der Diktatur und Mörder heißt es weiter: „Es ist erwiesen, dass Pfarrer von Wernich schuldig ist für die Verbrechen, die zu seiner Verurteilung führten. Tatsächlich half die argentinische Kirche ihm, zuerst noch nach Chile zu entkommen, dort lebte er unter einem falschen Namen in einer Pfarrei. Ohne diese Tatsachen zu beachten, spielte Bergoglio auf das Urteil des Gerichts an und nannte es eine verleumderische Verfolgung der Kirche und nannte diejenigen Verräter, die die Vergangenheit nur  verfluchen. Hingegen rief er zur Vergebung auf… Diese Erklärung hängt zusammen mit einer Unterstützung Bergoglios für die Aktionen von Cecilia Pando, die die Straflosigkeit der Militärs damals nachdrücklich forderte unter dem scheußlichen Slogan: memoria completa, d.h. die Erinnerung ist vollständig, sie reicht”.  Quelle: http://www.elblogoferoz.com/2013/03/15/el-nuevo-papa-colaboro-con-la-dictadura-militar-argentina/

Diese rechtsextreme Aktivistin Maria Cecilia Pando hat jubiliert angesichts der Wahl Bergoglios zum Papst: Quelle:   http://www.agenciapacourondo.com.ar/secciones/sociedad/10936-cecilia-pando-festeja-la-eleccion-de-bergoglio.html,  gelesen am 18.3. 2013. Cecilia Pando sagte: “Qué alegría ! Bergoglio Papa !!! Una gran bendición para nuestro país que tanto lo necesita. Bergoglio, el Papa Argentino !!! Bienvenido Francisco I, un orgullo para nuestro país !!! Estaremos a su lado, dándoles fuerzas por medio de la oración”. (Welche Freude. Bergoglio ist Papst. Ein großer Segen für unser Land,  das den (Segen) so dringend braucht. Willkommen Franziskus I., ein Stolz für unser Land. Wir werden an seiner Seite sein, wir werden ihm Kraft geben durch unser Gebet”.

Wir weisen noch auf einen weiteren Beitrag  des religionsphilosophischen Salons vor allem über den inzwischen verurteilten Kollaborateur, den Priester Christian von Wernich, hin, zur Lektüre klicken Sie bitte hier.

ERGÄNZUNG am 24. 3. 2013: Zu den Aussagen von Adolfo Pérez Esquivel über Kardinal Bergoglio.

Horacio Verbitzky hat am 24.3. 2013 in der Tageszeitung “Pagina 12″ in Buenos Aires  einen Hinweis zu verschiedenen Aussagen des Friedensnobelpreisträgers Adolfo Perez Esquivel publiziert.

In einem TV Beitrag vom 15. 4. 2005 (drei Tage vor der Wahl von Papst Benedikt XVI.) (zur Ansicht: www.youtube.com/watch?v=Qu2iET8fc5s brachte “Canal Argentina”, Informe special, einen Beitrag mit Interviews u.a. mit A. Perez Esquivel. In dem Beitrag für Pagina/12 bezieht sich H. Verbitzky auf dieses Interview, er schreibt jetzt u.a.: “Perez Esquivel erinnerte damals daran, dass viele Bischöfe zur Zeit der Militärdiktatur einen doppeldeutigen Diskurs hielten. “Als er selbst gefangen war damals, sagten die Bischöfe seiner Frau: Sie würden für ihn, Perez Esquivel, eintreten. Dann taten sie genau das Gegegenteil”. Dann fragten ihn die Reporter konkret zur Haltung des argentinischen Kardinals (Bergoglio). Da antwortete Perez Esquivel, “ohne zu zweifeln, dass die Haltung von Bergoglio “se inscribe”, also dazugehört zur Haltung aller dieser Leute aus der Politik, die da denken: Alle, die sozial mit den Ärmsten und Bedürftigen arbeiteten, waren Kommunisten, Subversive und Terroristen. … Bergoglio ist ein intelligenter Mann, er ist fähig, aber doch eine zweispältige Person. Ich hoffe, dass der Heilige Geist heute (beim Konklave 2005) wach ist und sich nicht irrt” (also Bergoglio sollte nicht Papst werden) .

H. Verbitzky schreibt in dem genannten Artikel weiter: Die erste Erklärung Perez Esquivels nach der Wahl von Bergoglio zum Papst bestand darin zu sagen: Andere Bischöfe hätten mit der Diktatur kollaboriert, aber nicht Bergoglio. Aber er sei nicht allzu energisch gewesen in der Verteidgung der Menschenrechte. Diese Aussage irritierte offenbar den Vatikan: Deswegen:

Am Donnerstag, 21. März, treffen sich Papst Franziskus und Perez Esquivel im Vatikan, sie sprechen über die Menschenrechte, berichtet Perez Esquivel danach, sie hätten sich in der in Buenos Aires üblichen Umarmung verabschiedet und betont: “Vielleicht hat sich Bergoglio damals nicht in den Streit begeben, aber er hat eine schweigsame Diplomatie betrieben”.  Zur Lektüre des Beitrags in Pagina/12 klicken Sie bitte hier.

Der Artikel verweist empfehlend auf das Buch von Mignone, “Iglesia y dictatura”,  El papel de la iglesia a la luz de sus relaciones con el régimen militar.
por Emilio Mignone, Ediciones del Pensamiento Nacional, 4° Edición, Septiembre de 1987.

Ergänzung am 31. 3. 2o13: Wir verweisen auf den ausführlichen theologischen Artikel des Autors Washington Uranga in der Tageszeitung Pagina 12 aus Buenos Aires (31.3. 2013) mit dem Titel: “Von welcher Option für die Armen spricht der Papst”. Der Autor weist nach, wie der religionsphilosophische Salon schon früher, dass sich Kardinal Bergoglio in Buenos Aires eher der caritativen Unterstützung der Armen widmete “und versuchte, diese Position mit der politischen Macht listig und diskret zugleich zu vermitteln”. Bergoglio also dachte (und denkt) eher in der Kategorie “Kirche FÜR die Armen” als in der befreiungstheologischen Kategorie “Kirche der Armen”, im Sinne von: “Kirche gestaltet VON den Armen”. Uranga schreibt:” Bergoglio hat sich der radikalen Position der Befreiungstheologen nicht angeschlossen. Das lag auch daran, dass sich argentinische Theologen, wie etwa der populäre Lucio Gera, niemals mit der Befreiungstheologie anfreunden konnten, weil sie auch Beiträge des Marxismus für richtig befand…Insgesamt hat sich die argentinische Kirche – von der kleinen Bewegung “Priestern für die Dritte Welt” abgesehen – Ende der sechziger und in den siebziger Jahren (Konferenzen von Medellin und Puebla) fremd und fern und mißtrauisch verhalten gegenüber den anderen (oft befreiungstheologisch eher freundlicheren) katholischen Kirchen in Lateinamerika. Und dies waren genau die Jahre, in den Bergoglio als Priester sich bildete und als Theologe. Die argeninischen Bischöfe waren auf den entscheidenden Bischofsversammlungen in Medellin und Puebla wenig “präsent” (im Sinne von aktiv dabei), anders hingegen auf den späteren Konferenzen von Santo Domingo und Aparecida: Diese wurde von Papst Benedikt XVI. geleitet oder stark geprägt, die Endredaktion der Texte von Aparecida (2007) hatte Kardinal Bergoglio.

Wir fragen: Erstaunlich bleibt, dass Befreiungstheologen wie Leonardo Boff (oder auch Bischof Kräutler, beide Brasilien) große Hoffnungen in den eigentlich der Befreiungstheologie gar nicht gewogenen Papst Franziskus setzen. Wissen sie zu wenige Fakten von Bergoglio? Wollen sie den Papst durch allzu heftiges Loben auf ihre Seite ziehen? Oder ist es ein “gesamtlateinamerikanischer Stolz” der beiden, dass nun ein Latino überhaupt einmal Papst geworden ist? Abetr wir stark werden Argentinier im allgemeinen überhaupt als “Latinos” wahrgenommen, das ist eine andere Frage.

Das Interview mit dem argentinischen Journalisten und kritischen Beobachter der Kirchenszene Argentiniens Horacio Verbitzky wurde im NDR am 27. 3. 2013 gesendet; zur Lektüre klicken Sie bitte HIER.

 

copyright: Christian Modehn

 



“Die Nonne”: Zu einem neuen Film über einen Roman von Denis Diderot

31. Januar 2013 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Die Nonne. Anlässlich der Berlinale 2013 ein Hinweis auf einen Film, inspiriert von einem Roman von Denis Diderot:

Wenn das Leben im Kloster krank macht

Von Christian Modehn, veröffentlicht am 8.2.2013

Das Jahr 2013 ist auch ein Diderot – Gedenkjahr. Der französische Philosoph der Aufklärung wurde vor 300 Jahren, am 5. Oktober 1713 in Langres, geboren Er ist weltbekannt geworden vor allem als Begründer und „Leiter“ des großen Projektes der „Enzyklopédie“. Das „Diderot Jahr“ wird jetzt „eingeläutet“ mit einer Neuverfilmung des Romans „La Religieuse“, „Die Nonne“. Der Film wird auf der Berlinale 2013 im Wettbewerbsprogramm gezeigt. In den Kinos soll er ab Ende März zu sehen sein. Regisseur des Films ist Guillaume Nicloux. Er bezieht sich auf den (gar nicht so umfangreichen) Roman von  Diderot, verfasst um 1760, aber erst nach seinem Tod (1784 in Paris) im Jahr 1796 veröffentlicht. Diderot musste sich vor den Repressionen der Zensurbehörden hüten, 1749 wurde er bereits „wegen Atheismus“ in Vincennes inhaftiert, aber aufgrund prominenter intellektueller Fürsprecher freigelassen.

Für den Religionsphilosophischen Salon ist es eine Selbstverständlichkeit, anlässlich des Films auf den Roman hinzuweisen als einen Beitrag aufklärerischer Religionskritik. Diderot klagt die Zurückweisung der Selbstbestimmung von Frauen (aber auch von Männern) in der Kirche an, er legt die Scheinheiligkeit, ja Gewalttätigkeit in den Klöstern frei, diese abgeschottete Welt, die er “Gefängnis” oder gar “Grab” nennt. Die Religionspolitik der Revolutionäre ab 1789, selbst die Laicité als strikte Trennung von Kirchen und Staat, ist nur aus der Kenntnis der Religionskritik zu verstehen, wie sie sich etwa im Pariser Salon d Holbachs und Diderots (10, Rue des Moulins, Paris 1. Arr.) ausdrückte.

Zum Inhalt des Romans, den Diderot in der Ichform seiner Protagonistin Suzanne Simonin erzählt. Sie lebt einige Jahrzehnte vor der Revolution von 1789, ist  ein außereheliches Kind einer angesehenen Familie: Als junges Mädchen (sechszehneinhalb Jahre alt) wird sie von den Eltern gezwungen, ins Kloster einzutreten. Finanzielle Interessen der Eltern sind dabei ein Hauptmotiv. Der Roman schildert den Leidensweg der Suzanne Simonin in drei verschiedenen Klöstern: Bei den unterschiedlichen, meist leidvoll – schmerzhaften Erfahrungen dort bleibt sie ein frommes, „ein gottesfürchtiges Wesen“, das sich den Sinn für Freiheit und Selbstbestimmung bewahrt, aber aufgrund ihrer schlimmen Erfahrungen in eine tiefe menschliche Krise gerät. Diderot hat also keine Ambitionen, seine Protagonistin als ein „amouröses“ Wesen, der Lust verfallenes Mädchen, darzustellen; was ja einer gewissen Tradition der „Libertins“ entsprechen würde, der auch sexuell “hoch interessierten” Freigeister der damaligen Zeit. Sie verfassten viele populäre, ans Pornographische grenzende Schriften und Romane. In dieser Tradition steht das Werk „La Religieuse“ von Diderot nicht! Er will die Realität dokumentieren, in einer eher sachlich – nüchtern beschreibenden Sprache.

Im ersten Kloster „Sainte Marie“ weigert sich Suzanne Simonin, die endgültigen, „ewig“ bindenden  Gelübde abzulegen. Sie muss das Kloster verlassen; in Ronchamp erlebt sie dann zuerst eine fromme, freundliche Oberin. Darin wird deutlich, dass Diderot durchaus an einer differenzierten Analyse der Klosterwelten interessiert ist. Nach dem Tod dieser Oberin, Frau von Monc, beherrscht dann eine strenge „Chefin“, Schwester Sainte Christine, das Kloster. Sie ist einer rigiden Glaubenspraxis verpflichtet und terrorisiert förmlich ihre junge Mitschwester. Gezwungenermaßen legt dort Suzanne ihre Gelübde ab. Als “ungehorsame Nonne” wird sie bestraft, ausgegrenzt, malträtiert, aller Kleider beraubt, mit nackten  Füßen wird sie durch die Gänge gehetzt, in dunklen, unterirdischen Räumen festgehalten, “in welchem man mich auf eine von Feuchtigkeit halb verfaulte Strohmatte warf” (36). “Meine erste Absicht dort war, mich zu töten. Ich schlug mit dem Kopf gegen die Mauern und zerfleischte mich, bis das Blut floß…Jeden Morgen trat eine meiner Henkerinnen (also Mitschwestern) ein und sagte zu mir: Gehorchen Sie unserer Oberin und sie werden dieses Gefängnis hier im Kloster verlassen” (37). Als seelisch gebrochene junge Frau bittet Suzanne schließlich sogar um Verzeihung für Vergehen, die sie gar nicht begangen hat. Das Gesetz der Folter hat Diderot hier klar erkannt…. Angesichts ihres unsäglichen Leidens findet sie Unterstützung bei einem Anwalt: Ihm gelingt es, Suzanne aus diesem Kloster zu befreien: Aber wieder landet sie in einem Kloster: Dort, in St. Eutrope, findet Suzanne überhaupt keine Ruhe: Sie ist den lesbischen Ambitionen und Aufdringlichkeiten der Oberin ausgesetzt. “Ich liebe Sie bis zum Wahnsinn”, gesteht ihr die Oberin gleich nach ihrem Eintritt (S. 70). Diderot schildert aus sachlicher Distanz, wie die Oberin mit ihren lesbischen Ambitionen die 20 jährige Suzanne förmlich verfolgt und bedrängt, wie sie nachts  gar in das Bett der jungen Nonne steigt, voller Entschuldigungen, ihr, der Oberin, ginge es körperlich so schlecht. Diese Berichte erinnern fast wörtlich an die vielen Ausreden mit denen der pädophile Ordensgründer Pater Marcial Maciel (gestorben 2008) junge Novizen seines Ordens (Legionäre Christi) ins Bett lockte. All das ist von den Betroffenen genau dokumentiert…. Ausdrücklich verbietet diese Oberin ihrer Geliebten Suzanne, diese “Bettgeschichte” zu beichten: Denn dann  wüßte der Beichtvater, der allen Nonnen im Kloster die Beichte abnimmt (auch ein interessantes Nebenthema: Beichte als Kontrolle),  genau Bescheid über die lustvollen Nächte dort. Vor allem die “fromme Oberin” wäre enttarnt. Suzanne ist noch so fromm und selbstbewußt, dass sie doch die Ereignisse beichtet… und dies auch der Oberin gesteht. Diesem Bekenntnis folgt der geistige Zusammenbruch, schließlich der Tod der Oberin…Nach all diesen seelischen Verwirrungen gelingt der jetzt 20 jährigen Suzanne  die Befreiung aus diesem Kloster Gefängnis mit Hilfe eines jungen Priesters, Dom Morel. Auch er gesteht der jungen Nonne, dass er gegen seinen Willen ins Kloster gesteckt wurde. (S. 100). War Diderot gegen die lesbische Liebe im allgemeinen eingestellt? Sicher nicht, er war nur gegen die Ausnutzung eines Herrschaftsverhältnisses mit sexuellen Interessen!

Suzanne landet in Paris als gebrochene Frau, sie schlägt sich, auch körperlich am Ende, als Wäscherin durch. Ihr Leben ist  von Ängsten bestimmt, die Klöster haben sie kaputt gemacht. “Ich habe mir niemals den im Kloster herrschenden Geist zueigen machen können… Dennoch habe ich mich gewisse Gebräuche gewöhnt, die ich menchanisch wiederhole, zum Beispiel, wenn eine Glocke läutet, so mache ich entweder das Zeichen des Kreuzes oder kniee nieder. Klopft man an meine Tür, sage ich “Ave”, wie im Kloster…Meine Gefährtinnen jetzt fangen an zu lachen und zu glauben, ich wollte die Nonnen kopieren. Doch ihr Irrtum kann unmöglich lange dauern, meine Unbesonnenheit wird mich verraten. Und ich werde verloren sein”. Dies sind die letzten Worte, die Diderot von der jungen Frau Suzanne übermittelt (s. 108f.) (Zitiert nach Denis Diderot, Die Nonne, Contumax Verlag, 2010, nach einer anonym erschienen Übersetzung in Zürich aus dem Jahr 1797 (sic), also ein Jahr nach dem Erstdruck in Paris).

Der Roman, so wurde betont, erinnert an die Gestalt eines barocken Märtyrerdramas. Darin will der Philosoph seine Erkenntnis verbreiten: “Der Mensch ist für die Gesellschaft geboren. Trennt man ihn von der Gesellschaft (d.h. steckt man ihn in ein Kloster außerhalb der Gesellschaft), werden tausend Begierden in seinem Herzen erwachen, überspannte Gedanken werden in seinem Geist keimen…“. Diderot greift sozusagen die neuzeitliche, reformatorisch geprägte Klosterkritik auf. Luther und Calvin haben das klösterliche Leben entschieden zurückgewiesen: Aber Diderots Kritik gründet nicht so sehr in der Bibel, sondern in der Vernunft. Die klösterlichen Gelübde führten zu einer Verkümmerung, wenn nicht Entartung menschlichen, gemeinschaftlichen Lebens. Klosterleben sei identisch mit Selbstentfremdung.

Mit dieser Überzeugung steht Diderot nicht allein; darin ist er eins mit den aufgeklärten Geistern seit dem 17. Jahrhundert in Frankreich. Die zwangsweise Einweisung von jungen Frauen in Klöster war damals üblich, wobei die Adligen ihre Klöster für Adlige hatten, die bürgerlichen eben ihre bürgerlichen Klöster. Vielfach wurde dokumentiert, dass auch junge Männer in Klöster eintraten, weil sie dort ein bequemes Leben erwarten durften. Man lese nur einmal die entsprechenden Kapitel des Journalisten Louis Sebastién Mercier: „Mein Bild von Paris“ (publiziert in Paris seit 1781): „In Paris wimmelt es von Abbés, tonsurierten Pfäfflein, die weder der Kirche noch dem Staat dienen, ausschließlich dem Müßiggang leben und den Kopf voller Frivolitäten haben“ (Zit. S. 75 in der deutschen Ausgabe des Insel Verlages 1979). Die geistliche Dimension, die “Berufung“, war eher selten. Insofern ist der Roman „La Religieuse“ alles andere als ein Bericht von einer Ausnahmesituation. Diderot kannte die katholische Kirche sozusagen selbst von innen: In einer frommen Familie aufgewachsen, von Jesuiten ausgebildet, befand er sich sogar auf dem Weg zum Priestertum: Die entsprechende Tonsur hatte er bereits erhalten. Später schreibt Diderot: „Können diese Gelübde, Armut, Gehorsam, Keuschheit, die dem Wesen der Natur zuwiderlaufen, jemals eingehalten werden? Es sei denn nur von einigen missgebildeten Geschöpfen, in denen die Keime der Leidenschaften verwelkt sind“, fragt Diderot.

Das Kloster wird für ihn und seine philosophischen Freunde zum Symbol für ein Leben ohne Perspektiven und Hoffnungen. Im Jahr 1758 wurde in den Pariser Salons der Bericht von Marguerite Delamarre viel diskutiert: Sie hatte als Nonne im Kloster Longchamp die Öffentlichkeit alarmiert über ihre zwangsweise Einweisung in das „geistliche Haus“. Zudem hatte Denis Diderot erlebt, wie seine Schwester Angélique als Nonne im Ursulinenorden seelisch erkrankte, weil sie meinte, den Gelübden unbedingt folgen zu können. Angélique starb „als Wahnsinnige“ (so der Diderot – Spezialist Yvon Belaval) im Alter von 28 Jahren im Kloster…Diesen Schock hat Denis Diderot nie vergessen…

Persönlicher Hintergrund des Romans ist Diderots explizite Zuneigung und Liebe zu Frauen; er kritisierte, wie sie in der patriarchalen Gesellschaft „beschränkt werden und vernachlässigt werden, wie sie als Erwachsene zum Schweigen verdammt sind“ („Sur les femmes“ von 1772).

Der Roman „La religieuse“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für die Freiheit des einzelnen; manche Interpreten sprechen gar von „Hymne auf die Wahlfreiheit“. „La religieuse“ wurde nach der Veröffentlichung im Jahr 1796 verboten; auch die Filmversion durch Jacques  Rivette unterlag noch 1966 der Zensur; ein Jahr später war der Film ein großer Erfolg.

Man darf gespannt sein, wie die Klöster in Deutschland und Frankreich, wie die römische Kirche insgesamt,  angesichts des neuen Films reagieren: Werden sie den Film tolerant / oder ignorant /  übersehen? Wird es heißen: Ja, so ähnlich war einmal das Klosterleben einst an einigen Orten. Aber heute ist das alles ganz anders, besser, heute sind Klöster Orte der Freiheit und persönlichen Entfaltung ohne jegliche Neurose: Werden die Klöster das sagen? auch angesichts der Mißbrauchsfälle, auch angesichts der Verbrechen (die selbst Benedikt XVI. öffentlich so eingesteht) vom Ordensgründer Pater Marcial Maciel?

Der Berliner Kardinal Rainer M. Woelki macht Mut, dass angesichts des Films “Die Nonne”  die Diskussion über die Gründe und Abgründe des Klosterlebens nun beginnen kann: “Jesus wäre bestimmt auch gern ins Kino gegangen”, scheibt Woelki in der sogen. Boulevard – und Springer Zeitung B.Z., (eigentlich oft durch Fast – Nackt – Fotos von Frauen bekannt)…Und Woleki fährt dann in diesem Presseerzeugnis fort, so berichtet die seriöse “Berliner Zeitung” (8. Februar 2013, Seite 26), “die Filmfestspiele seien eine eindrucksvolle Auseinandersetzung mit realen (Sic!) Themen”. Jesus habe mit seinen Gleichnissen auch nichts anderes gemacht als die Spilefilme heute leisten…Also: Was würde Jesus sagen, wenn er “Die Nonne” im Kino sieht?  Würde er Luther und Calvin in deren prinzipieller Skepsis gegenüber dem Klosterleben zustimmen?

Copyright: christian modehn am 8.2.2013

 

 

 

 



Wenn ein Heiliger einen pädophilen Priester schützt. Ein Hinweis zu einer Studie über den „Piaristenorden“ im 16. Jahrhundert

22. Januar 2013 | Von | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

Wenn ein Heiliger einen pädophilen Priester schützt

Aus aktuellem Anlass:  Ein Hinweis zu einer  Studie über den „Piaristenorden“ im 16. Jahrhundert

Von Christian Modehn        —- Am Ende dieses Beitrags lesen Sie bitte eine Stellungnahme von Matthias Katsch, Sprecher der Initiative “Eckiger Tisch”

Über Pädophilie im Klerus kann es, von der Sache her, eigentlich keine genauen historischen Studien geben. Wenn dieses offiziell „schwerste aller Vergehen“ überhaupt dokumentiert wurde: Entweder wurden die Akten später vernichtet oder sie sind unter Verschluss, so dass kein Historiker Zugang hat. Gelegentlich kann doch etwas mehr Licht in die „verdunkelte“ und offiziell verwischte bzw. „geglättete“ Kirchengeschichte gebracht werden. Die Historikerin Karin Liebreich (Cambridge) hat eine Fallstudie aus dem 17. Jahrhundert publiziert. Sie wurde im deutschsprachigen Raum bisher nicht beachtet. Wir bieten einige zentrale Forschungsergebnisse von Karin Liebreich.

Die englische Historikerin hat 2004 ihre Studie über einen prominenten und äußerst einflussreichen pädophilen Priester innerhalb des katholischen Ordens der Schulpriester, auch Piaristen genannt (hergeleitet von schola pia, fromme Schule) veröffentlicht: Das Buch „Fallen Order“ hat den Untertitel „Intrigue, Heresy and Scandal in the Rome of Galielo and Caravaggio“. Das Buch hat 336 Seiten; es ist im Verlag Grove Presse in New York erschienen. Immerhin hatte Karin Liebreich Zugang zu einigen Dokumenten. Die berühmte Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong  lobt das Buch als „ a piece of investigative writing“.

Der Orden der Piaristen zählt heute  ca. 1.500 Mitglieder weltweit, sie arbeiten in Schulen und Pfarrgemeinden. Erst seit einigen Jahren publiziert der Orden selbst über dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte, freilich eher in entlegenen Fachpublikationen. Über die Anwesenheit  pädophiler Priester gleich nach der Ordensgründung im 17. Jahrhundert wird in den offiziellen websites der Piaristen geschwiegen, ebenso in den für die „Allgemeinheit“ bestimmten Veröffentlichungen über den Ordensgründer, Pater José Calasanz. Es wird nicht erwähnt, dass dieser heilig gesprochene Ordensgründer José Calasanz von den pädophilen Verbrechen  von Pater Stefano Cherubini degli Angeli wusste.

Es kommt einem auch im 21. Jahrhundert sehr vertraut vor, wenn Karen Liebreich mehrfach betont: Der Ordensgründer José Calasanz wollte mit seinem Schweigen über die Untaten seines öffentlich hoch angesehenen Paters „nur dem öffentlichen Ansehen der Kirche dienen“. Immerhin müssen die pädophilen Verbrechen im Orden so erheblich gewesen sein, dass die Päpste die Piaristen im Jahr 1646 für einige Jahre auflösten, eine äußerst seltene Entscheidung in Rom. Erst 1669 wurde er als Orden wieder zugelassen.

Erstaunlich bleibt, dass der gegenüber Pädophilen Priestern durchaus duldsam – schweigsame Ordensgründe, José Calasanz (1557 – 1648) im Jahre 1767 heilig gesprochen wurde, er kann also als heiliges Vorbild verehrt werden. Etwas irritierend scheint, dass Papst Pius XII., der ja angeblich so hoch gebildet war, nicht sehr viel von diesem eher belasteten Ordensgründer wusste und ihn sogar zum weltweiten Patron aller christlichen Volksschulen ernannte. In der Piaristenkirche in Krems an der Donau wird der Heilige auf einem Gemälde zur Verehrung empfohlen. Dabei hält er ein nacktes Baby in den Händen und schaut zur Jungfrau Maria im Himmel auf. Martin Johann Schmidt hat 1784 das Gemälde geschaffen.

Aus der umfangreichen Studie können wir nur einige zentralen Aussagen erwähnen: Der Piaristenorden hatte im 17. Jahrhundert durchaus den Ruf, moderne Wissenschaftler in seinen Reihen nicht nur zu dulden, sondern zu fördern, etwa Freunde und Mitarbeiter Galileo Galileis.

Aus einer gewissen Angst heraus hatte der Ordensgründer in seinen Ordensregeln verfügt, dass ein einzelner Schul-Priester nicht allein mit Schülern, Knaben, sich aufhalten dürfe. Übergriffe waren, so kann man schließen, offenbar keine Seltenheit…

Aber es ist typisch für die damalige Mentalität, die sich bis heute bekanntermaßen durchgehalten hat: Es muss unter allen Umständen verhindert werden, dass die Kirche oder der Orden als heilige, besonders würdige Institutionen in einen schlechten Ruf kommen. Die öffentliche Geltung ist alles, die Fragen der interessieren nicht direkt! Nur aus diesem Grund, so die Studien der Historikerin Karen Liebreich, hat der Ordensgründer Jose Calasanz die pädophilen Vergehen seines Mitbruders Pater Stefano Cherubini ( 1600 – 1648) nicht gerichtlich verfolgt, sondern stillschweigend geduldet. Er bediente sich dabei der bis heute beliebten Methode: Der betroffene pädophilen Priester wurde einfach an einen anderen Ort versetzt. So war ihm der gute Ruf des Ordens als der Schutz der Kinder. Roland Machatschke (Wien), Journalist und Mitarbeiter der Wiener Piaristen, meint in einem Vortrag: “Ein Teil der Akten, der den so genannten Cherubini-Skandal betrifft, wurde vernichtet. Ebenso weitere Unterlagen, als der damals aufgelöste Orden 1659 seine Archive bereinigte“.

Der betreffende Pater Stefano stammte aus einer berühmten, angesehenen römischen Familie. Zur Zeit seiner Leitung der Piaristenschule in Neapel wurden pädophile Vergehen von ihm in der kirchlichen Öffentlichkeit bekannt. Der Ordensgründer griff ein … und entfernte ihn aus dem direkten Schuldienst: Er ernannte ihn zum Aufseher aller Piaristenschulen in Italien! So konnte Pater Stefano weiter reisen, sich in Schulen aufhalten und seinen „Interessen“ nachgehen. Von einer Entschuldigung wenigstens bei den Opfern keine Spur! Als belastende Informationen über Pater Stefano verbreitet wurden, betonte Pater Calasanz: „Um noch größeren Schaden in der Öffentlichkeit zu verhindern, sagte ich: Pater Stefano sollte nicht belästigt (und verdächtigt) werden“.

Schließlich baute dieser Pater Stefano sein Netzwerk so weit aus, dass er sogar zum Generaloberen des Ordens ernannt wurde; auch dagegen konnte der (heilige) Ordensgründer offenbar nichts unternehmen, so sehr war sein Einfluss gesunken angesichts der Machenschaften im Orden. Aber unter dem neuen Generaloberen Pater Stefano geriet der Orden in eine tiefe Krise; es gab sogar viele Proteste gegen Pater Stefano vonseiten anderer Piaristen, sie waren auch empört darüber, dass „allen Ordensregeln zuwider, Pater Stefano Cherubini und seine Unterstützer im Orden im Luxus lebten“. ( S. 229).

Aber die Kritik zeigte letztlich doch gewisse Wirkungen beim Papst: Es durften schließlich keine Novizen mehr aufgenommen werden, den Piaristen – Patres wurde es freigestellt, den Orden zu verlassen (S. 232). Die Schulpriester hatten keine zentrale Leitung mehr, der Orden zerfiel. Auch die berühmte Familie di Stefani konnte ihr Familienmitglied nicht länger verteidigen, als der Skandal sich immer mehr herumsprach. „Aber seine Connections schützten Pater Stefano vor Gerichtsverfahren und Gefängnisstrafen“ (S. 248).

Von 1646 an existierte der durch die pädophilen Vergehen  belastete Orden der Piaristen nicht mehr, er war de facto päpstlich „verboten“. Erst 1669 wurde er wieder errichtet. Karen Liebreich fasst ihre Studien zusammen: „In jeder Hinsicht war es die oberste Priorität von dem Ordensgründer Calasanz,  für den guten Ruf des Ordens nach außen zu sorgen … und den des betroffenen Paters (Stefano)“.

Später erlebte der Orden wieder eine gewisse Blüte, die „Belastungen“ von einst schienen vergessen: „Berühmte Männer“ zählten zu den Piaristenschülern: Goya, Haydn, Mozart, Anton Bruckner, Franz Schubert , später Antonio Gaudí und sogar der Gründer des Opus Dei, José Maria Escriva. Auch er stellte ja den guten Ruf der Kirche nach außen hin in der Gesellschaft über alles!

copyright: Religionsphilosophischer Salon.

Matthias Katsch schreibt zu diesem Text: (Matthias Katsch ist Sprecher der Initiative „Eckiger Tisch“, in der sich Opfer des sexuellen Missbrauchs vor allem an Jesuiten – Einrichtungen zu Wort melden)

„Vielen Dank für den interessanten Hinweis. Tatsächlich wundert uns dieser Beleg für eine historische Tradition keineswegs. Der Priesterstand ist geradezu prädestiniert dafür, Menschen mit pädophilen Neigungen anzuziehen.

Allerdings hat sich seit dem 17. Jahrhundert gesellschaftlich einiges geändert. Damals bot der Priesterberuf auch eine Versorgung für die jüngeren Brüder der erbberechtigten Erstgeborenen. Damit entsprach der Anteil heterosexueller Männer im Priesterstand wohl der Verteilung in der Allgemeinbevölkerung – was sich mit der reichen Spottliteratur über Priester und ihre amourösen Abenteuer mit Frauen belegen lässt. Seit dem diese profanen  Gründe für eine „Berufung“ weggefallen sind, steigt der Anteil der homosexuellen Priester dementsprechend an. Denn für diese Gruppe von Männern hatte dieser Beruf eine Anziehungskraft bis in die jüngste Zeit bewahrt. Seit der Emanzipation der 70er Jahre ist dies nun auch weggefallen. Entsprechend klein ist die Zahl der Berufungen geworden und umso genauer muss man auch hingucken, wie es mit der psychischen Reife der Kandidaten aussieht.

Wir haben jedenfalls beobachtet, und die Leyengraf-Studie bestätigt dies, dass es sich in der Regel bei „unseren“ Tätern  aus den 60er, 70er und 80er Jahren nicht um Pädophile im klassischen Sinn handelte, sondern eher um sexuell unreife Menschen mit einem Hang zum Machtmissbrauch, vielleicht zum Zwecke der Kompensation.

Aber die Analogie des  Pater Stefano Cherubini zu Marcial Maciel oder Ludger Stüper SJ, der das Bonner Aloisiuskolleg über 40 Jahre beherrschte, ist schon frappierend. P. Riedel und W. Statt am Canisius Kolleg waren demgegenüber kleine Lichter, die aber immer noch dreistellige Opferzahlen produziert haben. Die Verbindung von fehlgeleiteter Sexualität und Macht ist jedenfalls auch hier klar gegeben“.

copyright: Matthias Katsch



Ein Dialog mit Atheisten? Nun auch in Berlin

22. November 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Zum Dialog mit “Heiden” und Atheisten

In Berlin, so berichtet “Christ und Welt”, die Beilage zur Wochenzeitung Die Zeit, am 22. 11. 2011, soll im kommenden Jahr ein Dialog mit Atheisten stattfinden, organisiert von einer vatikanischen Kultur – Behörde. Diese Initiative bezieht sich auf eine Veranstaltung, die schon im Frühjahr 2011 in Paris stattfand, unter dem Titel: “au parvis des gentils”, wörtlich und korrekt aus dem mittelalterlichen Latein übersetzt, “Auf dem Vorplatz der Heiden”. “Les gentils”, sind die Heiden, siehe Thomas von Aquin “Summa contra gentiles”. Im Rheinischen Merkur wird berichtet, wie die päpstlichen und sonstigen Veranstalter daraus den weniger belasteten Titel “Vorhof der Völker” gemacht haben.

Wir dokumentieren hier einen Beitrag, der anläßlich der mit einem Riesen – Aufwand gestalteten Veranstaltung in Paris 2011 geschrieben wurde. Dieser sogen. Dialog war, so einhellig die “nicht – klerikale Presse”, ein ziemliches Fiasko, für das sich kaum ein normaler “Heide” oder Atheist in Paris interessierte. Eher waren es die charismatisch-missionarischen Katholiken aus  fundamentalistischen Bewegungen, die da – meist vergeblich – auf atheistisch – heidnische Gesprächspartner warteten.. .auf dem Vorplatz der Heiden, nämlich auf dem parvis de Notre Dame, im Herzen der angeblich gottlosen Metropole PARIS…

Auf dem Vorhof der Heiden
Wenn der Vatikan mit Atheisten sprechen will
Von Christian Modehn, am 4.4.2011
Diesem Beitrag liegt ein Artikel für PUBLIK FORUM zugrunde.

Papst Benedikt gibt sich dialogfreundlich. Er hat kürzlich in Paris Atheisten drei Tage lang zum Gespräch mit Theologen eingeladen. Zu den Organisatoren gehören Mitarbeiter des „Päpstlichen Rates für die Kultur“, wichtigster Manager ist Pater Laurent Mazas von der äußerst konservativen „neuen geistlichen Gemeinschaft“ der Johannesbrüder. Die Tagungsorte hatten den Charme des Exklusiven, wie die UNESCO oder das akademische „Institut de France“. Aber organisierte Atheisten, wie die Freidenker, blieben fern. Selbst der spirituell interessierte Atheist und Buchautor André Comte – Sponville zeigte kein Interesse. Der populäre, aber deutlich antiklerikale Philosoph Michel Onfray wurde erst gar nicht eingeladen. So umkreisten denn 45 Wissenschaftler, darunter 5 Frauen, eher abstrakte Themen, wie das „Universale und Individuelle“ oder die „gerechte Ökonomie“. Sie lieferten Beiträge, deren Bedeutung über die Veröffentlichung in Sammelbänden kaum hinausgeht. Beachtlich waren die Ausführungen der international bekannten Philosophen Julia Kristeva und Fabrice Hadjadj, die erneut ihr spirituelles Interesse bekundeten. Nur am Ende der dreitägigen Veranstaltung wollte sich der elitäre Zirkel dem Dialog zwischen glaubenden und nichtglaubenden Menschen „an der Basis“ öffnen: Vor der Kathedrale Notre Dame sollten sie debattieren, während innen Brüder von Taizé meditative Gesänge darboten. Aber zu dieser „populär“ gemeinten Veranstaltung kamen anstelle der 25.000 erwarteten Besuchern nur einige tausend, darunter waren äußerst wenige, die sich als Atheisten outeten. Diese Abendveranstaltung ist ein Flop, berichtet die halboffizielle katholische Tageszeitung La Croix. Und das war insgesamt vorauszusehen, denn das Projekt stand unter einem antiquierten Motto: Dialog auf dem „Vorplatz der Heiden“. Welcher Atheist sieht sich denn auch als ein „Heide“, der an viele Götter glaubt? Und was soll der Begriff Vorplatz? Warum laden die Katholiken ihre ungläubigen Mitbürger nicht zu sich „nach Hause“, also in eine Kirche, ein, sondern lassen sie auf dem „Vorplatz“ stehen? Werden Atheisten etwa als Taufbewerber gesehen, die wie in der Urkirche keinen Zutritt ins Heiligtum haben?
Das neue päpstliche Dialog Projekt rechnet mit festen Identitäten: Hier der Gläubige, dort der Ungläubige. Aber sind die heutigen kirchenfernen Menschen überhaupt „Atheisten“ ? Sind sie nicht eher Skeptiker, Suchende, Zweifler? Und aktuelle Umfragen zeigen, dass etwa 30 Prozent der französischen Kirchenmitglieder nicht an Gott glauben. Kann der klassische Gottesbegriff von Theologen wie eine fixe und bekannte Größe in die Debatte geworfen“ werden?
Der Vatikan hat mit diesem um äußeren Glanz bemühten Projekt gezeigt, dass er das Wort Dialog nicht ernst nimmt. Denn Dialog meint Lernbereitschaft aller Beteiligten; auch Glaubende, auch Theologen haben von Atheisten zu lernen.
Trotz dieser blamablen Dialoginitiative ist der Vatikan entschlossen, bald Atheisten in Prag und Tirana auf den Vorhof der Heiden zu laden. Dabei fehlen schon jetzt 600.000 Euro allein zur Finanzierung der Pariser „Dialoge“.

COPYRIGHT: CHRISTIAN MODEHN.



Das 2.Vatikanische Konzil überwinden. Kritische Perspektiven

5. Oktober 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Das 2. Vatikanische Konzil überwinden

Warum das Konzil heute kaum noch inspiriert

Von Christian Modehn

Am 11. Oktober vor 50 Jahren begann in Rom/Vatikanstadt das 2. Vatikanische Konzil, es hatte vier “Sitzungsperioden” und endete am 8. 12. 1965. Dieses Konzil mit der Teilnahme fast aller katholischen Bischöfe damals ist auch für philosophisch interessierte LeserInnen etwas interessant, weil es einen beachtlichen Wandel des römischen Katholizismus anzeigt, vor allem den Übergang aus einer absoluten Moderne – feindlichen Haltung zu einer offeneren Annahme der modernen, aufgeklärten Welt. Mit Jubeltönen sollte man sich allerdings sehr zurückhalten, wie der folgende Beitrag zeigt, der in kürzerer Fassung in der Zeitschrift PUBLIK FORUM am 5. 10. 2012 veröffentlicht wurde.

Die verriegelten Fenster wurden aufgestoßen, der Modergeruch der Inquisition wurde vertrieben, der Staub der Jahrhunderte hinweggefegt. Bilder, die heute „progressive, reformerische Katholiken“ faszinieren, wenn sie an das 2. Vatikanische Konzil denken. Die Attacken reaktionärer Kreise, vor allem der traditionalistischen „Piusbrüder“, stärken den Willen, das Konzil unbedingt als „Sprung vorwärts“ (Johannes XXIII.), als „Einschnitt und Wende“ zu bewerten. Reformkatholiken klammern sich an das Konzil, verehren es wie eine Art Heiligtum. Tatsächlich: Das Konzil hat den mittelalterlich geprägten Katholizismus unterbrochen. Die bislang verteufelte Religionsfreiheit wurde anerkannt, von Dialog war die Rede, von Öffnung der Kirche zur Welt.

Aber „progressive Kreise“ sind naiv, wenn sie dieses Konzil zum wichtigsten Bezugspunkt ihrer Erneuerungsvorschläge machen. Denn die theologischen Grenzen dieses Konzils liegen deutlich vor Augen; dabei soll dieses Ereignis nicht unbedingt „klein geredet“ werden, schon gar nicht geht es darum, ins Fahrwasser reaktionärer und dummer pauschaler Konzilskritik zu geraten. Das Konzil hatte damals tatsächlich seine Bedeutung in der Ablösung aus der offiziell – amtlichen, feudal geprägten Mentalität. Aber kann dieses Konzil noch die theologischen, religiösen, philosophischen, kulturellen und globalen Probleme und Fragen zu Beginn des 21. Jahrhunderts beantworten? Wir sind der Meinung: Sicher nicht.

Das 2. Vatikanische Konzil beantwortete für die brave katholische Welt einige Fragen des 17. und 18. Jahrhunderts, die – nebenbei gesagt – protestantische Theologen läängst beantwortet hatten. Diese Konzils – Antworten waren also nur noch für bestimmte katholische Kreise “sensationell”, weil endlich die mittelalterliche Welt des römischen Systems ein wenig „angekratzt“ wurde.

Was sind einige wichtige Begrenztheiten des Konzils?

- Es war eine reine Männerveranstaltung, meist greiser Herren, die noch in den Zeiten des „eingemauerten Katholizismus“ (so der Mentalitätshistoriker Jean Delumeau) denken gelernt hatten. Laien, schon damals 95 Prozent der Katholiken, hatten bei dieser drei Jahre währenden Veranstaltung absolut nichts zu sagen und auch nichts zu entscheiden. Einige wenige Laien, etwa zwei Frauen, waren als “ZuhörerInnen” zugelassen. „Für“ die Laien wurde vom Klerus entschieden, nicht mit ihnen, es war also eine extrem patriarchale Runde, die sich da traf. Es war alles andere als ein von demokratischem Geist bestimmtes Ereignis. Insofern war es schon damals Vergangenheit! Von „Frauen“ ist nur an 5 Stellen der offiziell verabschiedeten Konzilsdokumente die Rede. Ihnen wird die „häusliche Sorge der Mutter“ zugewiesen. Gleichzeitig wird unvermittelt die „gesellschaftliche Hebung“ ihres Statuts gefordert.

- Die offiziellen Konzils -  Dokumente sind fast immer in einer Sprache verfasst, die „klerikal – pathetisch“  genannt werden kann. So wird die Kirche etwa „Braut des fleischgewordenen Wortes“ genannt. (Dokument: Offenbarung § 23). Wer kommt da – als ein Nichtmystiker zu Beginn des 21. Jahrhunderts – nicht ins Schmunzeln? Wie viel Unsinn (Mißbrauch usw.) hat diese “Braut” inzwischen begangen? Ist  diese “mystische Überhöhung” der Kirche nicht ein radikaler Fehler? Diese “mystisch” – nebulöse Selbstdefinition der Kirche (durch den Klerus definiert!) verstellt den Blick auf reale Zustände in der römischen Kirche, etwa Korruption oder auch “Priestermangel”, bedingt durch den Mangel an zölibatären Männern, die dieser “Braut” ihre ganze (!) Hingabe geben sollen.

- Diese offiziellen, also maßgeblichen Konzils – Texte sind für sehr viele Leser von heute schon sprachlich Ausdruck einer „fremden Welt“. Sie berühren, das ist langst empirisch nachgewiesen, nur noch Insider, vielleicht nur noch Kirchenangestellte, die den Jargon einüben mussten. In jedem Fall bewegen diese Formeln  wohl wenige Menschen, die jünger als 60 Jahre sind. Man schaue in die Runden der heute debattierenden „Konzilsfreunde“ und mache einmal dort einen Altersdurchschnitt. Die viel beschworene Liebe zum Konzil ist, mit Verlaub gesagt, vielleicht eine Art katholischer Seniorenveranstaltung, besonders in Europa.  Diese Liebe zum Konzil ist sehr verständlich, weil man in einer immer reaktionärer werdenden römischen Kirche noch retten will, was zu retten ist… in dem berühmten reformerischen “Dauer – Lauf” gegen die hohen (vatikanischen) Festungsmauern. Aber diese (masochistisch?) eingefärbte “Liebe zum Konzil” könnte erkennen: Sie lebt aus der dialektischen Verklammerung mit den Feinden des Konzils, den reaktionären Piusbrüdern und anderen (!), viel einflussreicheren Kreisen im Katholizismus. Die “reformerischen Kreise” sehen aber nicht, dass auch dieses Konzil ein neuer Ausdruck einer Klerus – Herrschaft war. Ist das so wirklich so attraktiv für das “Volk Gottes”?

- Die Mehrheit der Konzilsväter war wohl „reformgesinnt“, aber es handelte sich um eine bunte, „mehrdeutige“ (so der Historiker Giuseppe  Alberigo) Reformergruppe. So verteidigten etwa die US – Bischöfe damals noch die Todesstrafe… Der Pluralismus macht die offiziellen Konzilsdokumente widersprüchlich und deswegen offen für alle möglichen Interpretationen. Es gibt nicht „das“ Reformkonzil. Der Konzilsberater P. Giulio Girardi spricht deswegen von „zwei Vatikanums“ zur gleichen Zeit. „Ich erinnere mich an gemeinsame Sitzungen mit Bischof Karol Wojtyla bei der Redaktion des Dokuments =Kirche in der Welt von heute=: Da zeigte er eine kämpferische Haltung gegen die offene Position der Mehrheit“. Im ganzen gilt: „Die Konzilstexte sind Kompromisse; die Beurteilung der vom Konzil gewollten Erneuerung kann gar nicht einheitlich sein“ (so der Historiker Daniele Menozzi). Auch der Papst hat heute seine eigene Lesart, und die sei absolut gültig, sagt er. Der Papst allein bestimmt die einzig legitime Interpretation des Konzils – und kann sich dabei auf die Konzilstexte selbst berufen. Schließlich sind diese Dokumente ja geschaffen von der Hierarchie selbst. Das nennt man “Zirkel” – Argumentation…und Ideologie.

- „Niemals wurde der Widerstand reaktionärer Anti –Konzils – Bischöfe gebrochen“, betont G. Alberigo. Papst  Paul VI. ließ sich für ihre Zwecke instrumentalisieren. Von brüderlicher Kollegialität wollte er nichts wissen. Paul VI. war alles andere als eine “progressive Figur”… Kann man da allen Ernstes von einem „Konzil der Freiheit“ (Karl Rahner) sprechen? Wie viel Ideologie verbirgt sich in der modernen Konzils – Theologie? Eine unbeantwortete Frage… Giovanni Franzoni nahm als Benediktiner – Abt von St. Paul (Rom) an den beiden letzten Sitzungsperioden als „Konzilsvater“ teil. Er schreibt: „Papst Paul VI. hat alles getan, dass der Konzilsgeist zuerst gezähmt und später eingefroren wurde. Johannes Paul II. und Joseph Ratzinger setzten dieses Werk fort“.  Kollegialität wird in den Konzilstexten nur im Zusammenhang der „vorrangigen Gewalt des Papstes“ besprochen. Paul VI. als der „Herr der Kirche“ verfügte: Eine die absolute Macht des Papsttums stärkende Ausführung sollte der „Dogmatischen Konstitution über die Kirche“ noch ergänzend folgen. Später hat er gegen den ausdrücklichen Willen der Konzilsväter „Maria als Mutter der Kirche“ proklamiert: „Achtung, ihr Bischöfe“, so deutet G. Franzoni die Eigenmächtigkeit des Papstes, „ihr könnt diskutieren, was ihr wollt. Ich entscheide“. „Die Konzilsväter hatten nicht den Mut zu fordern, dass gründlich diese Frage in der Konzilsaula besprochen wird“. (D. Menozzi).

- Das Konzil war europäisch geprägt, trotz der Anwesenheit etlicher afrikanischer oder asiatischer Bischöfe. „Die Beteiligung der gesamten lateinamerikanischen Kirche am Konzil war, von Ausnahmen abgesehen, bescheiden“, so der Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez.

- Es war eine Veranstaltung, die unkritisch an den europäisch geprägten Fortschritt glaubte: Das Dokument „Über die Kirche in der Welt von heute“ lobt etwa die „Herrschaft (!) der Menschheit über die Schöpfung“! Der Krieg wird zwar als großes Übel dargestellt. Aber: “Wer als Soldat im Dienst des Vaterlandes (sic!) steht, betrachte sich als Diener der Sicherheit und Freiheit der Völker“.

- Es war eine Veranstaltung, die das wohlhabende Europa repräsentierte und weithin in dessen Kategorien dachte: „Die Reflexion über die Kirche der Armen übte keinen gewichtigen Einfluss auf die Konzilstexte aus“, so der Konzilstheologe und Dominikaner Edward Schillebeeckx. Die Forderung von Kardinal Lercaro, Bologna, ein offizielles Bekenntnis zur Kirche der Armen zu formulieren, fand kein Gehör. Nach dem Konzil wurde Lercaro in die “Wüste geschickt”. Nur sehr halbherzig wurde an einigen Stellen der Konzilstexte von der armen Kirche gesprochen. Der Reichtum der europäisch/amerikanisch/vatikanischen Kirche mit ihren (Vatikanischen) Banken und den entsprechenden, heute öffentlichen Schiebereien, war überhaupt kein Thema des Konzils. Alles verlief gehorsam – würdevoll, wie es der Papst wünscht. Alles war irgendwie noch “Barock”, eine Aufführung des “Hofes” (Curia, Hof, ist ja der offizielle Titel des Papst – Staates).

- Es war ein Konzil, das den Dialog hochtrabend forderte, aber eigentlich nicht anstrebte. Z.B: Die Überzeugungen der Atheisten werden „verderbliche Lehren“ genannt, sie werden „mit aller Festigkeit verurteilt“. Daraus folgt, ziemlich dreist: “Für die Glaubenden verlangt die Kirche Handlungsfreiheit (in Gesellschaft und im Staat), damit sie in dieser Welt auch den Tempel Gottes errichten können. Die Atheisten aber lädt die Kirche schlicht ein, das Evangelium unbefangen zu würdigen“…Die Gruppen für den „Dialog mit den Ungläubigen“ wurden schon in den achtziger Jahren aufgelöst…Theologen in Indien, Japan, Sri Lanka, Peru usw., die den vom Konzila geforderten Dialog tatsächlich lebten, wurden ihrer Ämter entfernt…Sie erkannten dann die “große Illusion”.

- Es war ein Konzil, das die „Autonomie der Welt“ nur oberflächlich akzeptierte: Es sagt Ja zur Eigengesetzlichkeit der Welt. ABER damit sei gemeint, dass der Mensch die Autonomie „nicht ohne Bezug auf den Schöpfer“ gebrauchen darf. Wer aber lehrt den rechten Bezug zum Schöpfer? Das oberste Lehramt!

- Freiheit der theologischen Wissenschaft ist ausgeschlossen. Über historisch – kritisch arbeitende Exegeten heißt es: „Sie stehen unter Aufsicht des kirchlichen Lehramtes“.

- Es werden widersprüchliche Symbole für das Selbstverständnis der Kirche beschworen: Das „Volk Gottes unterwegs“ und der „mystische Leib Christi“. Das „Volk“ kennt die Gleichheit der Mitglieder. Der Leib Christi wird beherrscht vom alles bestimmende Haupt, dem Klerus.

- Es wird eine Ökumene konzipiert, die vorausgesetzt, dass Gott selbst die katholische Kirche gestiftet hat. Die “anderen Kirchen”, vor allem die protestantischen,  sind bloß “christliche Gemeinschaften”. Was Benedikt XVI. heite sagt, ist in den Konzilstexten grundgelegt.

- „Mission“ bedeutet für das Konzil Bekehrung zur Katholischen Kirche. Von interreligiösem Dialog ist nur ganz am Rande die Rede.

- Das Konzil begnügte sich, die Texte der Messe in die jeweilige Landessprache zu übersetzen. Das führte zu lebensfern klingenden Formeln und Floskeln in den Gottesdiensten. Der gemeinte Inhalt hätte ganz neue sprachliche Gestalt finden müssen. Unter der weltfremden Sprache leiden Katholiken noch heute…Zudem wurde die Messfeier derartig als absolutes Zentrum katholischer Frömmigkeit überhöht, weil eben nur der zölibatäre Klerus, die Männer, die Messe feiern darf. So wird über die Spiritualität der sogenannten “absolut wichtigen Messfeier” nur  die absolute Bedeutung  des zölibatären Klerus verteidigt und festgeschrieben…

Das 2. Vatikanische Konzil gilt es also zu „überholen“, vor allem, weil es – wie die Konzilien zuvor – viel zu viel von Gott,  Christus, Maria, der Trinität, der Kirche, den Sakramenten und so weiter und so weiter weiß. Das Konzil gibt sich nahezu allwissend der Gottesfrage und den genannten anderen Fragen gegenüber. In einer die heutige Skepsis und vor allem die mystische Erfahrung aufgreifenden Theologie ist sehr viel mehr intellektuelle Bescheidenheit angebracht. Diese Alleswisserei damaliger Bischöfe wird nicht erst heute eher als störend denn als Inspiration empfunden. Könnte man den Kern der christlichen, auf Jesus von Nazareth bezogenen Erfahrung, nicht auch auf 10 Seiten sprachlich nachvollziehbar ohne klerikales Pathos (s.o.) mitteilen?

Kirchenreformer sollten ihren Enthusiasmus für dieses Konzil sehr bremsen und seine grundgelegten Begrenztheiten anerkennen. Sie werden dieses Konzil wohl überwinden müssen, wenn sie für einen ökumenischen Katholizismus der Zukunft eintreten, also für eine tatsächlich andere, “evangelische” und dialogische Kirche mit sehr wenig Hierarchie, aber viel mehr Mitbestimmung und Gleichberechtigung, vor allem von Frauen. Die offiziellen Konzilstexte sind theologisch ein Stück Vergangenheit. Es gibt dringendere Themen der religiösen Menschheit und der nicht – religiösen Menschheit von heute…

copyright:Christian Modehn/Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

 



Nietzsche – gefährlich anregend. Ein Vortrag im Religionsphilosophischen Salon

23. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Nietzsches Philosophie – gefährlich anregend

Von Christian Modehn, Berlin

Kurzer, einführender Vortrag im Religionsphilosophischen Salon am 21.9.2012,  auf vielfachen Wunsch publiziert.

PS: Es handelt sich um ein einführendes Statement, das keineswegs umfassend ist. Viele Themen, wie “Wagner” oder Dionysos, konnten nicht angesprochen werden, schon aus zeitlichen Gründen…

Der Titel deutet bereits das Spannungsverhältnis an, dem man sich stellen muss, wenn man sich mit Nietzsches Philosophie befasst. Er selbst hat sein eigenes Denken gefährlich genannt, weil es in die Weite einer neuen Kultur führen soll, was einen Bruch mit der vertrauten alten Kultur bedeutet.

In seinem relativ frühen Text „Fröhliche Wissenschaft“ (von 1881) gibt Nietzsche selbst die Losung aus, „gefährlich zu leben“. Gerade in dieser Infragestellung unserer bisherigen kulturellen Selbstverständlichkeiten ist Nietzsche anregend – und aufregend. Sein Denken kann niemanden unbewegt lassen.

1.

Warum gerade jetzt eine Auseinandersetzung mit N. Philosophie? Vielleicht, weil viele seiner Analysen und Prognosen heute von vielen als zutreffend erlebt werden. Sie ist entschieden von einer radikalen, das bisherige christliche System vernichtenden,Religionskritik geprägt und von dem äußerst eindringlichen Vorschlag, sich neu religiös zu orientieren. Das gilt es wahrzunehmen, ohne gleich zuzustimmen!

Die entscheidende Perspektive heißt bei Nietzsche: Gott ist tot. Das muss man genau hinhören: Er sagt in diesem Satz, der seiner Analyse seiner Gegenwart entspringt, dass Gott tot ist. Das ist etwas anderes als zu sagen: Gott gibt es nicht; oder: Gott existiert nicht. Wer sagt: Gott ist tot, sagt auch: Er war mal lebendig. Nun ist er tot, ein bestimmter Gott ist nicht mehr am Leben.

2.

Da sind wir schon beim aktuellen Bezug: Jeder sieht in Westeuropa und unter allen gebildeten Menschen weltweit: Dass der alte bekannte überlieferte und eingeprägte Gott der Christen, etwa die Trinität, Jesus als Lamm Gottes, das die Sünden der Welt hinweg nimmt, ist nicht mehr lebendig und wird nicht mehr innerlich verehrt und akzeptiert. Darüber gibt es eigentlich keine Diskussion, das ist auch empirisch erwiesen: Der alte dogmatische Glaube ist tot. Jeder macht sich seine persönliche „Glaubensmelange“… Das ist eine Tatsache, und war wohl früher schon eine Tatsache. Welcher bayerische Bauer glaubte im 17 Jahrhundert z.B. dogmatisch korrekt, etwa, laut Glaubensbekenntnis, dass der Heilige Geist von Vater und Sohn ausgeht?

Man werfe heute nur ein Blick in die Kirchen am Sonntag: der Gottesdienstbesuch lässt in ganz Europa ständig nach; in manchen Ländern geht er gegen Null; die dort verbreiteten Gotteslehren und oft auch in eins mit Morallehren sind nicht mehr nachvollziehbar. Das Mönchleben und die Orden sterben aus; große Begeisterung, Pfarrer zu werden, ist kaum zu spüren, viele theologische Fakultäten stehen etwa in Deutschland vor der Schließung.Gott ist tot. Was Nietzsche empört, ist, dass alle so weiter machen und weiter leben wie bisher, als sei dieser Gott gerade nicht tot. Sie flüchten in den Schein und den Selbstbetrug.

3.

Aber dieser verstorbene Gott war früher sozusagen der oberste Garant einer Werte – Ordnung: „Für Gott und Vaterland“, man erinnert sich an den Spruch; Gott ist die oberste Wahrheit; alles Erkennen geschieht in göttlichem Licht; Gott ist der Schöpfer der Welt usw.

Wenn dieser Gott der obersten Werte und vertrauten Weltbilder tot ist: Dann bricht eine Welt zusammen. Dann wird den Menschen der Boden entzogen.

Das Schwierige im Umgang mit Nietzsches Texten ist nur: Es sind in den umfangreichen Büchern viele, meist kurze knappe Texte hintereinander gestellt, es sind meist keine systematischen Abhandlungen, zumindest im Spätwerk (ab 1880) ist das so. Da sollte man nie isolierte Aphorismen für die ganze Wahrheit von Nietzsche Aussagen nehmen.

4.

Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) ist zweifellos einer der ungewöhnlichsten Philosophen. Er schreibt in einer Sprache, die musikalisch – poetisch oft ist, keineswegs abstrakt und Theorie – versponnen. Nietzsche ist heute einer der am meisten gelesenen und philosophisch bearbeiteten Denker. Er wurde rezipiert von Künstlern, wie Picasso, Kandinsky, Klee, Schriftstellern wie Rilke, George, Thomas Mann, Proust;  Richard Strauss („Also sprach Zarathustra“) Gustav Mahler…

In Deutschland begann die gründliche kritische Nietzsche Forschung erst in den sechziger Jahren.

Nietzsche spricht als persönlich Erschütterter und Leidender. Seine Texte sind mit dem eigenen Leben verbunden, sind niemals Erkenntnisse,  die am Grünen Tisch entstanden sind oder sich lediglich als Beiträge akademischer Debatten oder gar als „Glasperlenspiel“ verstehen. Wichtig ist der extrem hohe Anspruch seines Denkens, das sich besonders in der späten Phase, vor der Umnachtung im Januar 1889, als prophetische Stimme, als Weisung und radikale Lebenserneuerung präsentiert. Das ist in dieser, man möchte sagen, „missionarischen Sendung“ durchaus selten innerhalb der Philosophiegeschichte.

5.

Nietzsche will mehr sein als ein Philosoph, er will als Ausnahmeexistenz des Umstürzlers und Neues Stiftenden ein Beispiel geben. Er möchte eine neue Renaissance einleiten, Geburtshelfer einer neuen Kultur sein. Dabei kommt es gerade in den letzten Jahren zu einer extremen Stilisierung des eigenen Daseins und Denkens. Er will aus seinem Leben ein Kunstwerk machen. Er schreibt Worte, die Taten sind. Er will ein Philosoph „mit dem Hammer“ sein: D.h. wohl: Es ist der „Hammer“ gemeint, mit dem der Arzt den Körper des Patienten abklopft,  so will Nietzsche sinnlich wahrnehmen, hören, was unter „uns“ geistig – religiös krank ist.

6.

Ich will kurz einen, vielleicht das Wesentliche treffenden biographischen Hinweis geben: Hier kommt es nur darauf an, zentrale menschliche Lebens -  Erfahrungen Friedrich Nietzsches zu erwähnen, die unmittelbar für sein Denken und Schreiben wichtig wurden: Vor allem ist da zu nennen der schmerzvolle Tod seines Vaters im Alter von 36 Jahren, ihn erlebte Friedrich Nietzsche als 5 Jähriger. Sein Vater war evangelischer Pfarrer, er stammte aus einem alten „Pfarrergeschlecht“, in der Familie gab es schon in der 5. Generation Pastore. Zuhause wurde auf strenge Befolgung der kirchlichen Lehren geachtet.

Friedrich Nietzsche wandte sich angesichts des Leidens und frühen Sterbens seines Vaters an Gott, betend und bittend; aber ohne göttliche Antwort blieben seine Bitten.

Kein Gott antwortet: Nietzsche lernt daraus: Gott erhört uns nicht; die Frommen verehren eine Art Phantom, ein illusorisches Himmelswesen, unerreichbar und tyrannisch. Dieser Glaube, sagt Nietzsche später, führt die Menschen dazu, das Beste ihrer Ideen und Energien an einen illusorischen Himmel zu verschleudern … anstatt „fröhlich“ auf Erden zu leben. Es kommt für Nietzsche entschieden darauf an, dass die Menschen die Freude am Lebendigen bewahren, dass sie sich am Genuss der Sinne erfreuen, dass sie Stärke erleben…Bleibt der Erde treu, heißt dann sein Prinzip.

7.

Ich will hier nur kurz erwähnen, dass Nietzsche in Basel schon als hochbegabter junger Mann – ohne Promotion, ohne Habilitation – Professor für Altphilologie wird. Aber in den Baseler Jahren wird schon die Philosophie für ihn immer wichtiger: Er gibt die Professur auf und lebt fortan ziemlich bescheiden als freier Philosoph und – kaum erfolgreicher – Schriftsteller bis zu seinem geistigen und körperlichen Zusammenbruch Anfang 1889. Nietzsche ist 1900 gestorben, seti 1889  von seiner Mutter in Naumburg liebevoll versorgt, ab 1897 von seiner Schwester Elisabeth in Weimar betreut, die sich – als Antisemitin schlimmster Art – erdreistete, unveröffentlichte Texte ihres Bruders nach eigenem ideologischen Gusto zu veröffentlichen (etwa: „Der Wille zur Macht“). Sie hat auch dafür gesorgt, dass von Nietzsche ein paar Sprüche durch die Stammtisch Gesellschaften geisterten und geistern, etwa: Nietzsche propagiere den Machtmenschen, die blonde Rasse usw, Dinge, die im Faschismus aufgegriffen wurden. Erst die kritischen Gesamtausgaben von Colli und Molinari ab 1960 haben eine ernsthafte differenzierte Nietzsche Lektüre möglich gemacht.

8.

Nietzsche hat eher antisystematische Werke hinterlassen, aber er hatte systematische Absichten, schreibt der Philosoph Volker Gerhardt.

Ein Wort zur „Methode im Denken Nietzsches:

Wichtig ist das radikale Hinterfragen und Bezweifeln der überlieferten kulturellen und religiösen Traditionen. Er fragt, was ist das VERBORGENE in dem, was sich kulturell zeigt. Der Verdacht spielt bei ihm eine große Rolle, ihn interessiert der Schleier, der sich über die Wahrheit legt, die Rolle des Unbewussten wird von Nietzsche klar gesehen. Nietzsche als Psychologe wäre ein Thema!

Also: Hinter dem, was sich öffentlich als gut zeigt, kann etwas anderes, etwas Böses lauern. Der Schein trügt, ist seine Devise. Und hinter dem, was wir als Böse hingestellt bekommen, kann sich gerade das Gute und das Wahre verbergen. Wir müssen also immer skeptisch bleiben, nicht auf alle Sprüche aller möglichen Herrschaften reinfallen. Wir müssen damit rechnen, so Nietzsche, dass uns auch in den entscheidenden Begriffen und Dogmen, wie Gott z.B., nur Masken begegnen.

In Nietzsches späterem Werk, also etwa seit 1880, kehren bestimmte Themen und Motive immer wieder, z.T. mit unterschiedlicher Schärfe und Intensität.

Ich will versuchen, eine Art kleinen systematischen Durchblick zu bieten:

9.

Stichwort Nihilismus: Da zeigt sich Nietzsche als der große Analytiker der Gegenwart und als „Wahrsagevogel – Geist“, wie er sich selbst nannte.

Er sieht einerseits die große Öde, das nur glitzernde Phantom, den Kulturbetrieb, wie Adorno später sagt.

Die alten Werte werden nicht mehr als solche respektiert. Sie werden zwar pro forma mit dem Anspruch der absoluten Wahrheit verkündet, aber, so Nietzsche, diese absolut geltenden Wahrheiten gelten eigentlich nicht mehr. Die meisten wissen längst: Alles Erkennen ist perspektivisch, also ausschnitthaft, es gibt keine rund herum absolut wahre Erkenntnis des „Dinges an sich“.

Aber die alte Welt der Kultur und Religion redet uns ein, wir müssten absoluten Werten folgen, diese Einrede ist obsolet geworden. Diese Bindung an die alten Werte wird passiv hingenommen, der oberste Wert, Gott und Christus, werden als Aufforderung verstanden, das Leiden hinzunehmen, alles zu ertragen.

Aber Nietzsche fragt: Woher kommt der Nihilismus. Es sind die Priesterklassen und Asketen, die ihre Werte verbreitet haben, Werte des Jenseits, die mit dem Leben nichts zu tun haben. Den dort gepredigten passiven Nihilismus will Nietzsche überwinden.

Aber zuvor, damit zusammen hängend, muss erkannt werden:

10.

Gott ist tot: ist das entscheidende Stichwort. Aber alle tun so, als sei er nicht tot.

In der „Fröhlichen Wissenschaft“ kündigt der tolle Mensch den Tod Gottes an. Wichtig ist zu sehen, dass der Tod Gottes nicht als bedauernswertes, zwar als überwältigend erschütterndes Ereignis gesehen wird, sondern im letzten als große Befreiung. Später auch in seinem Zarathustra Buch wird der Tod Gottes als das zentrale Ereignis beschrieben. Jedenfalls liegt da kein Plädoyer pauschal für den Atheismus vor, eher die Aufforderung, der Suche nach einem neuen Gott, von dem schon der junge Nietzsche sprach.

11.

Differenzierter sollte man sehen: Jesus bejaht Nietzsche als die vorbildliche menschliche Gestalt und die menschliche Lehre des Jesus von Nazareth. Jesus habe ein Nein gesprochen gegen alles, was Priester und Theologen sagten. Er hat zum Widerstand aufgerufen, die kleinen Leute sollten widerstehen…

Nietzsche sieht den Ursprung der Verfälschung der Jesus – Lehre mit Paulus beginnen. Durch die Lehre von der Auferstehung verschiebe sich das Interesse am Dasein ins Jenseits, in weite Fernen.

Nietzsche sieht die Kirche wegen dieser monströsen dogmatischen Lehren, so wörtlich,  als Irrenhaus.

Er spricht davon, dass die „Kirchen zum Grab Gottes“ werden, eine sehr hellsichtige Analyse, wenn man bedenkt, wie heute viele (katholische) Kirchenmitglieder, durchaus gläubig, durch die Kircheninstitutionen, Papst usw., zu Atheisten werden.

12.

Nietzsche sieht sich als Überwinder des Nihilismus. Er ist alles andere als ein nihilistischer Denker, der sozusagen in das Nichts verliebt ist. Nietzsche macht konkrete Vorschläge, wie denn eine neue Kultur und eine neue Religion aussehen könnte: Dabei sieht er sich wie ein Narr, der Unbequemes sagt, wie ein Hanswurst, sagt er wörtlich, wie ein toller Mensch. Insgesamt aber sieht sich Nietzsche als FREIER GEIST und befreiter Geist (von der alten Religion).

Aber zunächst noch: Es gilt, nach dem Tode Gottes neue Tafeln, so wörtlich, neue Gebote also, zu setzen. Die andere Möglichkeit wäre, im Alten zu verharren und beim „letzten Menschen“ zu bleiben. Der Begriff der letzte Mensch ist sehr vieldeutig, es ist auch der „letzte“ im moralischen und zeitlichen Sinne. Diese Menschen folgen noch dem untertänigen Geist der alten Sklavenmoral. Sie ersetzen Gott durch neue Idole, für Nietzsche sind das Demokratie, Fortschritt, Wissenschaft.

13.

Der erste Vorschlag: der Mensch muss den Menschen überwinden und zum Übermenschen werden. „Tot sind alle Götter, nun wollen wir, dass der Übermensch lebe“. (Zarathustra). Der Übermensch ist ein belasteter und ständig missverstandener Ausdruck. Mit dem Übermenschen meint Nietzsche entschieden den Menschen, der sich von dem immer wieder aufgedrängten und eingeübten Selbsthass der alten religiösen Kultur befreit hat, der sich nicht mehr untertänig verhält, sondern stolz ist auf sein Leben. Und der dieses Leben als einen Prozess der ständigen Steigerung versteht. Der Übermensch lebt das Leben auf immer tiefere Erfahrungen hin. Der sich ständig überschreitet und wächst.

Da spielt die aktuelle Diskussion rein: Mach aus deinem eigenen Leben ein Kunstwerk. Werde schöpferisch. Höre auf mit der verordneten Selbstverarmung; deine Tugenden sollen Selbstaufwertung und Selbstüberbietung sein. Hört auf mit der von den Religionen diktierten Selbstverschwendung. Und hört auf mit der Idee der Gleichheit aller Menschen. Das ist die hoch problematische Seite an diesem Begriff, wie ihn Nietzsche vorträgt.

Trotz einzelner Verirrungen Nietzsches: Da wird ein „Gegenevangelium“ formuliert, wie der katholische Theologe Eugen Biser sagt.  Nietzsche will lehren, dass nach dem Tode Gottes die Menschen und die Welt den Platz Gottes einnehmen müssen. Es gilt, sich in einer irdischen Welt einzurichten. Es wird eine Alternative zur bisherigen Welt geplant. Das Leben ist der Höchstwert als nur menschliches Leben. Dabei sollen nach Nietzsche, und das macht ihn problematisch, die Starken als die Herrscher, entscheidend den Ton angeben. „Wie kann der Übermensch Ja sagen zum umfassenden Leben und gleichzeitig die anderen, die Schwachen, verachten?“, darauf macht der Philosoph Schönherr Mann aufmerksam. Dennoch bleibt die Auseinandersetzung mit der Frage wichtig: Wie können Menschen sich selbst überschreiten und alle positiven Kräfte in sich entwickeln.

14.

Dahinter steht der Begriff „Der Wille zur Macht“. Dieses Thema hat Nietzsche selbst nicht vollständig ausführen können. Aber deutlich wird: Die neue Macht der neuen Welt können nicht die einstigen Sklaven, die Unterlegenen, die kleinen Leute übernehmen. Die sind ohnehin von Ressentiments, von Neid, geprägt, aber N. sah, wie der gelebte Wille zur Macht tatsächlich auch zu einem großen Durcheinander verschiedener Willen führen kann. Darauf hat er keine Antwort gegeben. Aber für ihn hat alles Lebendige in sich den Willen zur Macht, zur Steigerung und Gestaltung.

15.

Darum sein Vorschlag für eine neue Sinnorientierung: Die ewige Wiederkunft des Gleichen. Dies ist eine heroische Haltung, die Annahme des unausweichlichen Schicksals. Da tritt Nietzsche wie ein Stifter eines neuen Glaubens auf. Ewige Wiederkunft: da ließe sich auch an das Nirwana des Buddhismus denken. Aber im Buddhismus gibt es einmal den Ausstieg aus dem Kreislauf, eben den definitiven Schritt ins Nirwana.

Das ist bei Nietzsche nicht gemeint. Das ist der Versuch, die lineare Geschichte aufzugeben, also die Idee der unbekannten Zukunft vor uns aufzugeben, zugunsten eines Kreises, der Wiederkehr der bekannten irdischen Welt. Diese Idee hat Nietzsche selbst für die schwerste zu Erkennende und zu Ertragende gehalten; sie setzt auch den einzelnen ein in die Wiederkunft des schon einmal Erlebten. Das wird von Nietzsche durchaus als Last angesehen, wer will schon alles Leid, das er einmal durchmachte noch einmal und noch einmal später erleben? Aber diese heroische Annahme der Wiederkunft lobte Nietzsche als amor fati. Was ständig wiederholt, hat einen zwanghaften Charakter, ohne Ziel und ohne Ende dreht sich die Welt. Ob das eine bessere Lösung ist als die klassische Lehre von der himmlischen und zukünftigen Erlösung ist eine andere Frage!

16.

Das Buch „Der Antichrist“ ist die heftigste Anklage und Verurteilung des Christentums. In einer scharfen Tonart geschrieben! Es geht ihm, wie Eugen Biser sagt, um einen Vernichtungsschlag“. Luther habe bloß den Papst kritisert, jetzt kommt es darauf an, das Christentum und die Kirche zu vernichten. (§ 57, Antichrist). „Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die ein große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig. Heimlich, unterirdisch, klein genug ist, ein Schandfleck der Menschheit“.(§ 62)

17.

Sein letztes, aber erst nach seinem geistigen Zusammenbruch veröffentlichtes Bekenntnisbuch autobiografischen Charakters heißt Ecce Homo, ein biblischer Titel. Darin erklärt er sich selbst zur Person, an der sich das Schicksal der Menschheit entscheidet. Er sieht sich als dionysischer Erlöser. Er leidet, aber nimmt alles an als eine amor fati, als eine Liebe und Annahme des Schicksals.

18.

Nietzsche bleibt inspirierend undwichtig als Kritik und Impuls. Er verstand sich selbst als Experimentalphilosoph, und das ist eine bleibende Leistung, Neuland zu betreten, zu analysieren und vor allem_ keine Scheu zu haben vor neuen Vorschlägen.

Aber es ist äußerst schwer, Nietzsche unmittelbar zur Orientierung zu nehmen, dafür ist seine Konzeption einer neuen Kultur und neuen Religion mit einem neuen Gott noch viel zu abhängig von dem, was er selbst überwinden will. Er verharrt innerhalb der Dialektik „Gott – Nicht Gott“ auf der Stufe der bloßen Negation. Wichtiger wäre eine neue Position, eine neue Synthese, sozusagen als das Dritte jenseits von klassischem Theismus und Atheismus. Vielleicht wäre dies die Mystik.

19.

Dabei deutet Nietzsche selbst an, dass er sich wohl vorstellen kann eine Verehrung dieses Jesus von Nazareth, aber ohne die Deutung des Paulus. Dass er sich eine Kirche ohne Dogmen denken kann, darauf hat der Nietzsche Spezialist Eugen Biser hingewiesen.

20.

Was bleibt nach Nietzsche für ein Denken des Unendlichen, des Ewigen? Das menschliche Leben ist Geheimnis. Das Leben, auch das leibliche, soziale und sinnliche und erotische, gilt es in höchstem Maße zu schützen und zu pflegen. Wir können das Geheimnis des Lebens niemals umgreifen und damit niemals endgültig definieren.Wir sind sozusagen im ständigen Schwebezustand des Ungewissen. Das ist unsere Gewissheit, unser „Getragensein“. Gott ist dabei unser Symbol für dieses Schweben im Geheimnis, für dieses Ausgesetztsein dem Geheimnis gegenüber und IM Geheimnis. Wir brauchen dieses Symbol der Öffnung, der Weitung, weil wir wissen, Welt ist niemals nur irdische Welt. Der Mensch ist niemals nur Mensch, aber er wird wohl nie Übermensch, sondern Mensch, ewig auf der Suche nach dem unergründlichen Geheimnis, allein und in Gemeinschaften, die für diese undogmatische Position Verständnis haben.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.



Über jüdische Identität neu nachdenken – Hinweise von Prof. Michael Wolffsohn

21. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Jüdische Identität geht auch ohne Beschneidung: Vorschläge von Prof. Michael Wolffsohn

Wir haben im Religionsphilosophischen Salon gleich zu Beginn der Debatte über das sogen. Beschneidungsurteil (Köln) kommentierend berichtet, nicht zuletzt durch ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, prot. Theologe an der Humboldt Universität zu Berlin.

Heute freuen wir uns über einen Kommentar von Prof. Michael Wolffsohn im Tagesspiegel (21. Sept. 2012, Seite 6). Daraus wollen wir nur diese  Sätze vom Schluss des Beitrags zitieren:

“In der Beschneidungsdebatte erwecken viele jüdische Wortführer den Eindruck, männlich jüdische Identität hinge von der Beschneidung ab. Darauf reduziert, WÄRE JÜDISCHE IDENTITÄT ARMSELIG. WIR SIND DAS VOLK DES BUCHES….  Eigentlich verdanken wir Juden der vermeintlich deutschen Debatte die Möglichkeit, über unsere Identität nachzudenen. Noch haben wir die Möglichkeit nicht genutzt. Was nicht ist, kann noch werden. Wir hätten es “den” Deutschen zu verdanken”.



“Kirchensteuer muss gezahlt werden” – Wie die Katholische Kirche in Deutschland auf das Niveau eines Vereins abrutscht

21. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Katholische Kirche in Deutschland auf dem Niveau eines Vereins?

Fragen des „Religionsphilosophischen Salons Berlin“ zur aktuellen Debatte am 21.9.2012

Die Deutsche Bischofskonferenz hat am 20.9.2012 verfügt: Wer seine Kirchensteuer nicht zahlen will, kann nicht mehr Mitglied der Katholischen Kirche in Deutschland sein, d.h. sogar: Er/sie kann kein(e) Katholik(in) mehr sein, obwohl in fast allen anderen Ländern dieser Welt die Mitgliedschaft in der katholischen Religionsgemeinschaft nicht gebunden ist an die vom Staat eingezogene Kirchensteuer oder überhaupt an feste regelmäßige Beitragszahlungen. Oder hat man etwas von verpflichtenden Beitragszahlungen auf den Philippinen, in Kolumbien, in der Demokratischen Republik Kongo oder in Mexiko gehört? Den viel gerühmten katholischen „Stammländern“?

Noch einmal: Selbst wenn ein Katholik ausdrücklich bekennt, er sei nach wie vor ein gläubiger Katholik, habe aber seine eigenen Ansichten, wie er die persönlich hoch geschätzte Glaubensgemeinschaft finanziell unterstützen wolle, der wird von den so genannten Oberhirten ausgeschlossen. Das Wort exkommuniziert bietet sich von selbst an.

Damit rückt die katholische Kirche in Deutschland durch den Beschluss der Bischofskonferenz auf das Niveau eines von vielen Vereinen: Etwa:Du kannst ein noch so großer Liebhaber von Schäferhunden sein; wenn du nicht deinen Beitrag zahlst als Mitglied des „Vereins Freunde der Schäferhunde“ dann darfst du – in der Sicht der Vereinschefs – auch kein Schäferhund – Liebhaber mehr sein. Du darfst dich nicht mehr Schäferhundliebhaber nennen.

Ein Gedanke drängt sich einigen Freunden und Mitgliedern des Religionsphilosophischen Salons auf:

Die Bischöfe wollen unbedingt das Geld, so viel wie möglich. Es ist ihnen dabei egal, ob ein zahlendes Mitglied sich seinen persönlichen Glauben, etwa als Mix von Astrologie, Buddhismus, Yoga und Bibel,  selber formt, ob er mehr Maria verehrt als Gott, ob er mehr Pater Pio anbetet als das göttliche Geheimnis: All das ist den so genannten Oberhirten weithin egal. Wer aber tiefer theologisch nachdenkt, wie einige Theologieprofessoren, etwa Prof. Hartmut Zapp, die aus Glaubensgründen (!) keine Kirchensteuer mehr zahlen wollen, der wird rausgeschmissen. Keine Debatten, keine Vielfalt, keine viel besprochene “Brüderlichkeit”, kein Respekt vor abweichenden (gar nicht häretischen!) Meinungen… So handeln nur  Vereine, nicht Glaubensgemeinschaften. Mit ihrer Entscheidung führen die sogenannten Oberhirten die Katholische Kirche weiter ins Getto. Manche Freunde unseres Salons meinen: “Sie gehört wohl in den Club der =Sekten=”. Tatsache ist: Diese Entscheidung der deutschen Bischöfe isoliert weiter die Spitze von der sogen. Basis. Von Glaubensgemeinschaft in Viefalt Gleichberechtigter kann keine Rede mehr sein. Es geht den Hirten vor allem ums Geld, um die Wahrung bisheriger Strukturen (die ja bekanntermaßen alles andere als einen kirchlichen Frühling bescherten) und die Fortsetzung ihres abgehobenen, fürstlichen Lebens in Palästen und Residenzen. Und das alles im Namen des Evangeliums. Welches Evangeliums eigentlich?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Sprache und Sprechen im Vatikan. Anläßlich des Buches von G. Nuzzi, Seine Heiligkeit

4. September 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Sprache und Sprechen im Vatikan heute

Anlässlich der deutschen Ausgabe von Gianluigi Nuzzi, Seine Heiligkeit.

Der Religionsphilosophische Salon will aus dem weiten Feld der Religionen und Kirchen immer wieder Themen nennen, die eine erhöhte Aufmerksamkeit verdienen. Es geht um Fragestellungen, die unserer Meinung nach bisher kaum studiert und diskutiert werden. Die aber ein Licht werfen, wie sich Religionen heute, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, präsentieren und wie ihr „Innenleben“ geprägt ist.

Ein Thema: Sprache und Sprechen im Vatikan heute. Damit ist gemeint, wie innerhalb der päpstlichen Kurie, also innerhalb des „Hofes“ (curia), gesprochen wird, welcher Formeln und Floskeln sich die Mitglieder des Hofes bedienen. Angestoßen sind diese Hinweise durch das nun auf Deutsch erschienene Buch von Gianluigi Nuzzi, Seine Heiligkeit, Piper Verlag, September 2012. Der Journalist Nuzzi bietet darin, das ist bekannt, bislang geheime Dokumente, die für den internen Verkehr im Staat des Papstes bestimmt waren. Sie offenbaren gerade in ihrer „privaten“ Dimension, wie dort die vielfältigen Untergebenen des Papstes sich an die obersten Spitzen, also den sogen. „Heiligen Vater“  selbst und seinen Sekretär wenden; meist, um die Gunst dieser beiden Herren der Kirche in ihren privaten Angelegenheiten zu erwerben.

Wer historische Kenntnisse hat, wird vielleicht zum Vergleich die Korrespondenz der Untertanen Ludwig XIV. im 17. Jahrhundert, des sogen. „Sonnenkönigs“,  heranziehen wollen, aber das ist ein anderes Forschungsthema.

Wir dokumentieren nur in einigen Auszügen, in welcher Sprache sich die Bittsteller an den Papst und seine Mitarbeiter wenden. Wie weit diese Briefe tatsächlich einen „Vater“, also Papa, „Papst“,  meinen, erscheint hoch problematisch; man denke zum Vergleich an den großzügigen Vater in Jesu Gleichnis vom Verlorenen Sohn… aber das mag jeder Leser und jede Leserin selbst beurteilen.

Unserer Meinung nach ist die Sprache meist Angst besetzt und voller „heiliger“, kindlicher, infantiler Ehrfurcht vor dem Papst und seinem Sekretär Gänswein. Es handelt sich selbstverständlich hier immer um kurze Auszüge, die die Lektüre des Buches nur um so dringender machen.

Dino Boffo zum Beispiel, Chefredakteur der katholischen Tageszeitung Avvenire. Ihm wird im Jahr 2009 öffentlich „vorgeworfen“, homosexuell zu sein. Er bestreitet das und wendet sich um Unterstützung an Monsignore Gänswein: „Vor allem möchte ich mich für ihren priesterlichen Beistand und die Offenheit danken, die Sie mir gestern in unserem Telefongespräch entgegengebracht haben. Gott weiß, wie leid es mir tut, Ihnen so großes Ungemach zu bereiten…“

An Kardinal Bagnasco, den Vorsitzenden der Italien. Bischofskonferenz schreibt der Journalist und Chefredakteur eines Tageszeitung, eben des Avvenire, Dino Boffo, Jahrgang 1952:  „Eminenz, ich wünschte, vor Ihnen zu stehen, sodass Sie mich in meiner ganzen Betrübnis sehen könnten. Betrübnis vor allem angesichts der Tatsache, Sie behelligen zu müssen, wo ich doch weiß,  mit welchen Sorgen Sie sich täglich plagen müssen… Eminenz, ich frage Sie auf Knien, und Sie mögen daraus ersehen, in welchem Geist ich Ihnen zu schreiben wage… Mir fehlen die Worte, um mich bei Ihnen zu entschuldigen, bei Ihnen, den ich als Menschen und Bischof herzlich verehre und den auf diese Weise zu belästigen mir unsagbar leidtut, Ihr ergebenster Dino Boffo.

Der Staatssekretär im ital. Ministerratspräsidium Gianni Letta kommentiert in einem Brief an Monsignore Gänswein eine vom Vatikan ausgesprochene Empfehlung eines bestimmten Mannes:  „Hochwürdigster Monsignore… Wenn es möglich ist, werden wir uns bemühen, die Sache zu beschleunigen. Das werde ich gern und mit Stolz tun. … in Dankbarkeit und mit einem ehrerbietigen und – wenn Sie gestatten – freundschaftlichen Gruß, Gianni Letta.

Kardinal Carlo Vigano, Leiter der Verwaltung des Vatikans, wendet sich am 27. März 2011 an den Papst, um ihm schwerwiegende Unregelmäßigkeiten in der Finanzverwaltung des heiligen Stuhls mitzuteilen: „Der hochwüridgste Kardinal Lajolo ist in seiner großen Herzensgüte um Versöhnlichkeit bemüht…. Ich gebe Eurer Heiligkeit auch den Brief zu Händen, … damit Sie nach Ihrem erlauchten Willen darüber verfügen…“

Wie gesagt, dieser Beitrag macht nur auf die Sprache im Vatikan aufmerksam, die unabhängig von den Inhalten der Briefe ihre Bedeutung hat.

Der Generalobere des Jesuitenordens wendet sich am 12. Nov. 2012 an den „heiligen Vater“, um ihm Irritationen eher halbwegs fortschrittlich gesinnter Katholiken zur Entwicklung der römischen Kirche weiterzugeben und mitzuteilen. Der Generalobere der Jesuiten, Pater Adolfo Nicolas, eigentlich ein bedeutender Mann in der römischen Kirche, eine Autorität, wenn man so will, schreibt u.a. dem Papst in diesen Worten: „Ich bitte demütig um Verzeihung, wenn dies nicht die richtige Vorgehensweise (der Übermitttlung des Briefes der Katholiken, CM) war… „ Interessant der Zusatz: „Wie Sie wissen, steht die Gesellschaft Jesu (also  die Jesuiten) nach wie in Ihren (also des Papstes, CM) Diensten und im Dienst der Kirche…“ Es gibt allerdings auch einen Hinweis, dass es ein Sprechen mit den vatikanischen Behörden gibt, die eben dem Behördencharakter gerecht werden, also “objektiver” und weniger dem Hof entsprechend untertänig verfasst sind. Dazu gehört in dem Buch von Nuzzi das geheime Dokument, das der Apostolische Nuntius in Deutschland, J.C. Perisset, an einen Mitarbeiter im vatikanischen Staatssekretariat sandte. Perisset schreibt zu einem banalen Vorgang: “Allerdings wundere ich mich, dass in einer so unbedeutenden Angelegenheit die Ansicht des Nuntius eingeholt wird, während viele andere Themen entschieden werden, ohne dass zuvor Kontakt aufgenommen wird” (S. 334).  Der Brief von Nuntius Perisset an den Vatikan endet (freilich) mit den Worten: “Mit aufrichtiger Hochachtung verbleibe ich ergebenst in Christo…”

Nebenbei:

Im Vatikan werden theologisch und politisch betont konservative Presseerzeugnisse mit besonderer Aufmerksamkeit gelesen und respektiert, das ist bekannt. In dem Buch Nuzzis wird die äußerst konservative website „kath.net“ aus Österreich wie eine unumstrittene Autorität behandelt, etwa in einem Brief des vatikanischen „Vizeaußenministers“ Ettore Balestrero, im Buch Seite 363.

Copyright: religionsphilosophischer-salon.

 

 

 

 

 

 



Nietzsches Philosophie: Gefährlich – anregend. Ein Salonabend

25. August 2012 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik, Termine

Nietzsches Philosophie – gefährlich und anregend.

In diesem Salonabend am Freitag,  21. 9. um 19 Uhr in der Galerie Fantom Hektorstr. 9 wollen wir uns einigen zentralen Erkenntnissen/Einsichten Nietzsches annähern, wie dem Tod Gottes, dem Übermenschen, dem Willen zur Macht und der “ewigen Wiederkunft des Gleichen”. Wir wollen dabei nicht nur philosophie – geschichtlich mehr sehen lernen, sondern auch begreifen: Da spricht ein Denker, der die Moderne innerlich erfahren und erlitten hat und nach Auswegen suchte in einer Zeit, in der die herrschenden Religionen und absoluten Werte nur noch scheinbar und pro forma galten. Wir fragen: Bietet Nietzsche ein Alternative?



“Der Moskauer Patriarch glaubt an Putin”: Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozeß im August 2012

19. August 2012 | Von | Kategorie: Religionskritik

„Der Patriarch glaubt an Putin“

Religionskritische Hinweise zum Moskauer Schauprozess im August 2012

Von Christian Modehn.

Dieser Beitrag hat seit seiner Veröffentlichung im August 2012 sehr viel Interesse gefunden, vielleicht stellen sich die Leser Fragen, angesichts des orthodoxen Weihnachtsfestes, was sich denn hinter den weihrauchgeschwängerten Zeremonien mit ihrem Chefliturgen Patriarch Kyrill, an materiell – politischen Interessen verbirgt. Vielleicht warten sie auch gespannt auf die Konversion Gérard Dépardieus zur russisch – orthodoxen Kirche. Es wird die Meinung geäußert, dass sich Dépardieu durchaus gut mit Patriarch Kyrill verstehen könnte… …

Drei Künstlerinnen, Nadeschda Tolokonnikowa, Maria Aljochina und Jekaterina Samuzewitsch, werden drastisch wie in einem politisch gesteuerten Schauprozess bestraft: Die Musikerinnen der Gruppe „Pussy Riot“ werden wegen „Rowdytum aus religiösem Hass“ für 2 Jahre ins Straflager geschickt. Sie hatten am 22. Februar 2012 in der Moskauer Erlöser – Kathedrale, dem “prunkvoll – kitschigen Symbol des wiederauferstandenen orthodoxen Rußland”, vor der Ikonenwand ein gleichermaßen religionskritisches wie regimekritisches Lied angestimmt: Es beginnt wie ein klassisches Bittgebet: „Mutter Gottes, du Jungfrau, vertreibe Putin! Vertreibe Putin! Vertreibe Putin“.  Darin kommt auch der Vers vor: “Der Patriarch glaubt an Putin, besser sollte er, der Hund, an Gott glauben“. Gemeint ist der enge Verbündete Putins, Patriarch Kyrill, ein Mönch, seit 2009 im höchsten kirchlichen Amt in Moskau.

Das Urteil kam nur durch die übliche und seit Jahren selbstverständliche enge Übereinstimmung von russisch –orthodoxer Kirchenführung und dem Putin – Regime zustande.

Unser Salon ist der Religionskritik verpflichtet, sie ist wesentlicher Aspekt eines freiheitlichen und aufgeklärten Bewusstseins. Und damit für die Demokratie. Deswegen bieten wir als Hintergrundinformation zu dem Urteil einige Zitate des russischen Philosophen Michail Ryklin, der in Berlin an der Humboldt – Universität lehrt und in der sehr empfehlenswerten Zeitschrift Lettre (Berlin) regelmäßig seine „Korrespondenz aus Moskau“ veröffentlicht. Es wird schon in diesen wenigen Zitaten aus Lettre deutlich, wie eng sich die russisch – orthodoxe Kirchenführung an die Machthaber gebunden hat.

In Heft III/2005 berichtet Michaeil Ryklin von einer Bewegung, die eine „orthodoxe Hagiopolitik“ etablieren will (vertreten durch Gleb Pawlowski). Kern dieser theologischen Lehre, sie fordert ausdrücklich das Neu – Mittelalter !, ist „das Eingreifen von Heiligen und die Einwirkung geweihter Gegenstände in den Gang der Geschichte; dem Anthropozentrismus wird ein Primat des Wunders gegenübergestellt“ (S 130).  Ryklin berichtet weiter, dass Fundamentalisten aus der Russisch – Orthodoxen Kirche wesentliche Teile der säkularen Kultur verfolgen; diskriminiert werden von den Kirchenfürsten Opernaufführungen, Kunstausstellungen usw. „Die Russisch –Orthodoxe Kirche reklamiert für sich den Status einer staatsbildenden Religion“  (ebd.) Interessant schon 2005 die Bemerkung Ryklins: “Menschenrechtsaktivisten werden immer häufiger als Feinde der Orthodoxie und des russischen Volkes diffamiert“. (ebd).

Im Herbst 2007 schrieb Michail Ryklin unter dem Titel „Der heilige Bolschewik“: Die Russen kehrten in eine Kirche zurück, die sich von Stalin und ihrer Unterstützung eines atheistischen Regimes nicht nur nicht distanziert! Sondern die Stalin zu einem konsequenten Freund und Förderer des Glaubens erklärt“. (s. 128). Der christliche Glaube, den diese Orthodoxie vertritt, sei nur ein Ritual, der Glaube als ein seelischer Zustand (Liebe, Toleranz, Gnade) werde negiert.

In der Ausgabe I/2008 berichtet Prof. Ryklin in Lettre (S. 128) von einem TV Film, der in Russland sehr viel Aufmerksamkeit findet: „Der Untergang des Imperiums“ von Abt Tichon Schewkunow. Dieser Abt soll der Beichtvater des Präsidenten Putin sein. (ebd). In der Interpretation dieses vielfach gesendeten TV Films schreibt Prof. Ryklin „ Die Russisch – Orthodoxe Kirche, die kein Charisma besitzt und den weltlichen Machthabern keine Unannehmlichkeiten zu bereiten scheint, drängt den Staat auf einen gefährlichen Weg: Indem sie dem Staat für all sein Tun automatisch Ablass erteilt und damit jegliche Reformen für unnötig erklärt“. Abt Tichon spräche im Blick auf Europa von „den Barbaren in Brüssel“… Die Verquickung der russischen Kirche mit dem Staat nennt Prof. Ryklin eine „Verstaatlichung des Glaubens“. Er erwähnt weiter die Prozesse gegen den Galeristen der Tretjakow Galerie und gegen die Mitarbeiter des Sacharow- Zentrums. „Die Kirche redet dem Staat zumunde und verdammt die weltliche Kultur“, so das Faszit dieses Beitrags in Lettre I/2008.

In Heft IV/2008 von Lettre schreibt Michail Ryklin:“ Das Gefährliche am jetzigen Regime ist, dass es die Demokratie diskreditiert und dem Einfluß religiös- nationalistischer Gruppen Vorschub leistet, insgesamt habe – so 2008, heute ist das wohl anders – eine Entpolitisierung der Gesellschaft stattgefunden.

Insgesamt lassen die Beiträge Michail Ryklins keinen Zweifel daran, dass diese Haltung der russischen Kirche gerade bei jungen und kritischen Menschen nur auf zunehmende Abwehr und Distanz stößt. Diese absolute Regimeverbundenheit der Kirchenführer und weiter Kreise des Klerus ist die beste Form, intelligente und freie Menschen aus der Kirche definitiv zu vertreiben…

In Heft 97 von Lettre (Sommer 2012, Seite 134) widmet sich Prof. Ryklin erneut der Gestalt dieses machtgierigen Patriarchen. Durch Kyrill “ist die (russisch – orthodoxe) Kirche zu einem integralen Teil der =Machtvertikale= geworden. Hatte die atheistische Sowjetmacht die Kirche versklavt, ihren Zielen unterworfen, so verschmilzt nun die operative Macht Putins mit der Kirche”.  Seine Studien über das Umfeld der Moskauer Kirche mit ihrem Patriarchen Kyrill fasst Prof. Ryklin zusammen: ” In der Kirche wird Askese gepredigt und Luxus gefördert, Demut gepredigt und Intoleranz praktiziert, manch einer lobt den Herrn und benimmt sich gottloser als einst Atheisten”. Selbst der Sprecher von Patriarch Kyrill muss zugeben, so Ryklin, dass der Mönch Kyrill (eigentlich der Armut verpflichtet) einen Wagenpark (Cadillac Escalade, Mercedes der S-Klasse, Toyota Land Criser) und Residenzen (u.a. Villa in der Schweiz, Privatflugzeug usw.)  zu seiner Verfügung hat. “Doch es seien alles Geschenke….”(so in Lettre, 97, Seite 134, 3. Spalte). Ryklin weist auf eine Studie von Alexander Soldatow vom 15. 2. 2012 hin, nach der Patriarach Kyrill ein persönliches Vermögen von ca. 4 Milliarden Dollar hat (ebd, Spalte a).

Vielleicht werden angesichts dieser Informationen die Umstände dieses Prozesses deutlicher, in einem angeblich frommen und christlichen Land, das jeglichen Sinn für Kritik und freie Meinungsäußerung verloren hat.

Wir fragen, welchen Sinn es hat, wenn der Vatikan heute kein dringenderes Verlangen in der ökumenischen Bewegung hat, als sich ausgerechnet mit den „theologisch so nahe stehenden orthodoxen Kirchen“ (so ist immer wieder von höchsten Kreisen der römischen Kurie und des Papstes zu hören) möglichst bald zu versöhnen und zu einer Kirche zu vereinen? Was wäre der spirituelle, was der politische Gewinn, wenn Leute wie Patriarch Kyrill, Moskau,  auch noch ein Wort in Rom zu sagen hätte? Wir fragen weiter, welchen kritischen Beitrag eigentlich die sogen. “Ostkirchen – Kunde” an den deutschen Universitäten leistet. Studiert sie nur die Werke Didymus des Blinden, fragt ein Leser unserer Website.

Abgesehen von den zahlreichen Studien von Prof. Ryklin weisen wir, eher zufällig gefunden, auf einen Beitrag der Wochenzeitung DIE ZEIT hin. Diana Laart berichtet aus Moskau in der Ausgabe vom 16. August 2012, Seite 9 unter dem Titel “Gefährliche Freunde”, gemeint sind Putin und das Oberhaupt der Russisch – Orthodoxen Kriche Kyrill I.

Wir zitieren nur einige Sätze aus dem gut dokumentierten Beitrag: “Auch der Patriarch besitzt nicht nur einen Maybach, sondern für einen Mönch (das ist der geistliche Stand des Patriarchen, CM)) recht viele Residenzen. Vor allem nennt er eine luxuriöse Penthouse – Wohnung gegenüber dem Kreml sein Eigen. Sein Vermögen soll sich auf 4 Milliarden Dollar belaufen. Das Geld verdiente er in den neunziger Jahren, als er im Namen der orthodoxen Kirche mit Zigaretten und Öl handelte…..” Interessant ist, dass Diana Laarz unsere Einschätzung bestätigt: Der Patriarch sei die beste Voraussetzung, dass die Russen scharenweise die Kirche verlassen…Es ist wieder einmal der klassisch zu nennende klerikal bedingte Atheismus, der aufgrund bestimmter Kirchenführer entsteht. Diana Laarz schreibt:”Staatliche russische Meinungsforschungsinstitute schätzen, dass nur noch 10 Prozent der Kirchenmitglieder in die Kirche gehen”.

Copyright: Christian Modehn

 

 



Was ist “Laizität”? Eine Radiosendung

14. Juli 2012 | Von | Kategorie: Religionskritik, Termine

In der Reihe „Glaubenssachen“ auf NDR Kultur

Am 12. August 2012 um 8.40 Uhr

Welcher Geist regiert den Staat?  Die Laizität: Plädoyer für ein tolerantes Miteinander

Von Christian Modehn

Politische Macht darf die Kirche nicht ausüben, „geistlich“ und „weltlich“ müssen im Staat getrennt sein. Diese Überzeugung prägt das europäische Denken seit der Französischen Revolution. „Laizität“, also religiöse Neutralität des Staates, bietet Raum für die freie Entfaltung unterschiedlicher Religionen. Aber wie sollen Staat und Gesellschaft reagieren, wenn Fundamentalisten religiöse Gebote als allgemeine Gesetze durchsetzen? Warum darf die Kirche widersprechen, wenn die Menschenwürde verletzt wird? Braucht der laizistische Staat eine eigene Philosophie oder eine überkonfessionelle „civil religion“, wenn er das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen garantieren soll? Der Bibelspruch „Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt und Gott, was Gott gebührt“, muss immer wieder neu interpretiert werden



Beschneidung – Eine kritische Frage

1. Juli 2012 | Von | Kategorie: Denkbar, Religionskritik

Beschneidung – Eine kritische Frage

Von Christian Modehn

Ein Hinweis vorweg, veröffentlicht am 5. Jui 2012:

Uns freut es, dass im Tagesspiegel vom 5. Juli 2012 auf Seite 8 ein vernünftiger und sehr lesenswerter Beitag von Georg Ehrmann, dem Vorsitzenden der Deutschen Kinderhilfe, publiziert wurde. Der Beitrag zeigt, dass der Religionsphilosophische Salon mit seinem Kommentar (vom 28.6.) in der Frage nicht allein steht. “Eine schmerzhafte und belastende Operation” ist der Titel des Kommentars, dem wir auch weite Verbreitung in religiösen Kreisen wünschen, die uralte Traditionen unbedingt für etwas Göttliches halten und höher einschätzen als Menschenrechte.

Am 12. Juli 2012 weisen wir darauf hin, dass in “DIE ZEIT” an diesem Tag auf Seite 54 ein sehr lesenswerter Beitrag  des Strafrechtlers Prof. em. Rolf Dietrich Herzberg gedruckt ist, als Antwort auf die polemischen Ausführungen des Philosophen Robert Spaemann eine Woche zuvor. Herzberg schreibt u.a.: “Was die Kölner Richter verurteilen, ist allein die empathielose Bagatellisierung dessen, was man wehrlosen Kindern antut, und die darin liegende Mißachtung des Grundrechts auf körperliche Unversehrheit”. Herzberg zitiert außerdem den integrationspolitischen Sprecher der Grünen, Memet Kilic, der u.a. auf den Tatbestand einer merkwürdigen “multireligiösen Ökumene” in diesem Fall hinweist:” …bei mir kommt der Verdacht auf, sie (= die Vertreter von Judentum, Kirchen und Islam) verteidigten ihren eigenen Machtbereich. Die Glaubensgemeinschaften, die auf den Stammvater Abraham zurückgehen, fordern zum Gebrauch der Vernunft auf. Das heißt: Neue Einsichten erlauben es, alte Praktiken zu ändern”. Genau dies ist die begründete Meinung des religionsphilosophischen Salons. PS.: Leider ist der wichtige Beitrag von Rolf Dieitrich Herzberg nicht im Internet (bis jetzt) lesbar…

Am 14. 7. weisen wir hin auf einen neuen Link, eine weitere Marginalie,  zum Thema Beschneidung im Religionsphilosophischen Salon. Dann verweisen wir auf ein Interview (20.7.2012) mit dem  protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität zu Berlin.

Am 28. Juni haben wir einen Kommentar publiziert, nach einigen Diskussionen im Religionsphilosophischen Salon, der sich auf das sogen. „Kölner Beschneidungsurteil“ bezieht. Aufgrund einiger Anfragen wollen wir noch einmal betonen, dass unser Kommentar lediglich anregen will, über den Zusammenhang von religiösen Traditionen und dem, was aufgeklärte Vernunft meint, nachzudenken. Selbst wenn man heute von einer Pluralität von „Vernunft“ ausgeht, bleibt doch die Frage, wie bestimmte Traditionen zur Vernunft in Beziehung gesetzt werden können. Das gilt nicht nur für die Beschneidungsproblematik. Die Frage, in welcher Weise sich religiöse Traditionen heute vernünftig ins Gespräch bringen lassen und wie diese Traditionen heute noch ohne weiteres gelten können, ist nach wie vor der Diskussion wert, gerade wenn diese religiösen Traditionen, mit Verweisen auf Heilige Schriften, als Rechtfertigung von Macht und Verfügung über andere Menschen verwendet werden.

Der Religionsphilosophische Salon kann die plötzlich aufgetretene Debatte über die religiös motivierte Beschneidung nicht ignorieren. Denn dabei handelt es um einen Konflikt zwischen religiösen Traditionen und Ansprüchen der Menschenrechte, also der allen zugänglichen und immer wieder neu zu debattierenden Vernunft.

Selbstverständlich muss eine Demokratie religiöse Traditionen respektieren und zulassen, dass diese sich auch rituell Ausdruck verschaffen in religiösen Räumen.

Es muss aber in einer Demokratie immer gefragt werden: Sind bestimmte religiöse Traditionen und Überzeugungen möglicherweise auch Ausdruck einer fundamentalistischen Haltung: Ist die Beschneidung von Knaben – so alt und vielleicht auch ehrwürdig diese Tradition auch sein mag – tatsächlich in Religionen noch vertretbar, die wirklich im Heute leben wollen, also durchaus argumentativ religiöse Bräuche verdeutlichen wollen? Oder will man gar nicht im Heute leben und lieber argumentationsfern einfach alte Bräuche fortsetzen, weil man glaubt, sie stifteten Identität? Kann Religion – im allgemeinen gesagt – bestehen, die argumentationsfern Bräuche heilig findet, bloß weil sie uralt sind? Also: Welche vernünftigen, allen zugänglich zu machenden Argumente sprechen für die Beschneidung der Babies und Jungen?  Wir sehen kein Argument. Es ist, wie so oft im religiösen Feld, immer nur dieselbe Antwort: Es ist halt lange, lange … Tradition.

Das wäre ohne weiteres zu respektieren, wenn mit dieser langen  Tradition nicht über andere Menschen verfügt würde: Über Kinder wird bestimmt, sie können die Entscheidung ihrer Eltern nicht mehr rückgängig machen, Beschneidung bleibt auf ewig Beschneidung.

Da stoßen sich tatsächlich Vorstellungen von der unantastbaren Würde des Menschen, also Menschenrechte, mit der langen religiösen Tradition. Gegen die doch bisher kaum ein Beschnittener aufbegehrt hat, wie zu hören ist. Also sind alle Beschnittenen als Beschnitte rundum glücklich? Wer will das wissen?  Wurde jemals danach gefragt? Wurde jemals dokumentiert, wie viele alte Männer mit ihrem Messer auf den Dörfern die Kinder und Jungs verletzten? Wer hat das alles dokumentiert an Grausamkeit?

Die Debatte darüber jetzt ist also durchaus sinnvoll, weil sie nach der Vernunft religiöser Traditionen fragt. Und da werden weitere Fragen berührt: Etwa im Katholizismus: Dort beruft sich das Papsttum gern  zur Rechtfertigung der eigenen Macht auf das Wort, das im Neuen Testament Jesus zugeschrieben wird: „Du bist Petrus der Fels“, soll Jesus gesagt haben, offenbar den künftigen Vatikan vor Augen, „und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen“.  Erstens wollte und konnte Jesus von Nazareth – vom ganz nahen Kommen des Gottesreiches überzeugt – keine Kirche bauen. Und außerdem: Er sagte – wenn überhaupt – dieses Wort zum Fischer Petrus. Aber benutzt wird dieses Wort bis heute, um das Papsttum und den Vatikan zu rechtfertigen. Darf man das Ideologie statt Theologie nennen?

Was hat das mit der Beschneidung zu tun? Sehr viel: In beiden Fällen handelt es sich um das Festhalten an sehr alten religiösen Traditionen und Überlieferungen. Um Ideologien. Die aber – so scheint uns – vor der kritischen Vernunft kein Bestand mehr haben.  Vor wem oder was sollten denn auch religiöse Traditionen Bestand haben, wenn nicht vor der Vernunft?  Oder will man prinzipiell Religion als unvernünftig etablieren? Wer das tut, und das tun heute viele, wird zum Totengräber des Religiösen, weil sich das Religiöse jeglicher Argumentation entzieht..

Wobei es im Falle des Streites um die Beschneidung so enden wird: Eine Einschränkung oder gar ein Verbot der Beschneidung sei politisch und praktisch nicht durchsetzbar. Also: Ende der Debatte um des so genannten lieben Friedens willens… Schließlich haben sich die Leiter und Führer der Juden, Muslime und Katholiken zusammengeschlossen: Sie verteidigen gemeinsam die langen, langen Traditionen. Wenn eine Tradition fällt, fallen auch andere. Deswegen ist interreligiöse Einheit angesagt.

copyright:christian modehn, berlin.

 

 

 

 



Zum Geburtstag des Papstes: Ein prominenter spanischer Theologe wird verurteilt

15. April 2012 | Von | Kategorie: Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Zum Geburtstag des Papstes: Ein prominenter spanischer Theologe wird verurteilt

Von Christian Modehn

Pünktlich zum 85. Geburtstag von Papst Benedikt XVI. wird die Öffentlichkeit von der Verurteilung eines großen katholischen Theologen informiert: Wichtige Aussagen von Prof. Andrés Torres Queiruga, einem der bedeutendsten spanischen Theologen, werden gleichermaßen von der römischen Glaubensbehörde wie von der spanischen Bischofskonferenz verurteilt: Prof. Andrés Torres Queiruga (Jahrgang 1940) arbeitete an der Universität von Santiago de Compostela und ist Autor zahlreicher international verbreiteter Bücher sowie Mitglied des Direktionskomitees der führenden katholisch – theologischen Zeitschrift CONCILIUM.

Was werfen ihm Rom und die Bischöfe vor ? Andrés Torres Queiruga „negiert den Realismus der Auferstehung Jesu Christi als ein historisches wunderbares und transzendentes Ereignis. Außerdem leugnet er die Einzigkeit und die Universalität der für das Heil nötigen Vermittlung durch Christus und die Kirche“ (zit. nach der Tagezeitung El Mundo, 31. 3. 2012).

Einmal mehr wird deutlich, wie schwer sich die römische Kirche mit Neuinterpretationen der alten Glaubenslehren tut, wie schwer es Rom fällt, die Kultur der Moderne zu respektieren. Auch aus diesem Grund sind diese Ereignisse ein Thema des Religionsphilosophischen Salons, der ja, wie die Freunde unseres Salons wissen, vor allem philosophisch interessiert ist und theologisch besonders gern die liberale Theologie dokumentiert und fördert, als einer Theologie, die der aufgeklärten Vernunft Raum gibt.

Die Herren der Kirche in Rom sind jedenfalls fixiert auf die griechische Sprach- und Denkwelt der Antike; bezeichnend ist die bekannte äußerste Hochschätzung des Papstes für den Heiligen Augustinus und andere „Kirchenväter“ der Spätantike. weiter lesen …