Religionskritik

In der Rubrik „Religionskritik“ sind einige Texte versammelt, die auf einen Schwerpunkt philosophischer Kritik hinweisen.



Cioran: Stören und verstören.

21. Mai 2016 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

CIORAN: Stören und verstören. Zum religionsphilosophischen Salon am 20.5. 2016 über Emile Cioran.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 21. 5. 2016

Der Berliner Philosoph Dr. habil Jürgen Große (Autor, u.a. auch der neuen umfangreichen Cioran-Studie „Erlaubte Zweifel“, 2015) hat uns am 20.5. in das Denken Ciorans, besonders unter der Perspektive der Skepsis, eingeführt. Dafür noch einmal besten Dank.

Ergänzend erlaube ich mir einige Hinweise aus meiner, zweifellos eher fragmentarischen Beschäftigung mit Cioran. Es sind Hinweise, die schon früher einmal entwickelt wurden; um die Veröffentlichung haben mich einige TeilnehmerInnen des Salons gebeten.

1. Emile Cioran (1911-1995) ist ein ungewöhnlicher Autor. Er nannte sich „Denker“, lehnte den eher üblichen Titel „Philosoph“ ab. Dabei kannte er viele Philosophen sehr gut, wie Nietzsche oder Schopenhauer. Cioran wusste, dass er eine Ausnahmeerscheinung ist. Und so wird er auch wahrgenommen in seinen verstörenden Aussagen. Er wusste, dass er aus einer tiefen inneren (persönlich grundierten) Ablehnung dieser Welt schreiben muss. Sie ist in seiner Sicht zutiefst von Leiden und Unerträglichkeiten geprägt. Er lebte in einer weitest gehenden und möglichst allumfassenden schonungslosen Frage-Bewegung; er dachte und schrieb im ständigen Zweifel und in der Skepsis. Darin sind seine Beiträge, Aufsätze und Aphorismen vor allem, für die LeserInnen durchaus Übungen zur Selbst-Infragestellung, es sind Exerzitien, Übungen, den bisherigen Boden unter den Füßen schwankend zu sehen. Und auch Übungen der Geduld, mit diesem Denker des Nichts „es“ auszuhalten.

Cioran rüttelt an Sicherheiten, und er will das auch bewusst tun, sonst würde er nicht ja schreiben und publizieren. Ob er immer dabei der intensiv „Leidende“ war, ist eine offene Frage, vielleicht war sein Leiden auch „erschrieben“.

Jedenfalls: Er hält alle unserer existentiellen Sicherheiten und Wahrheiten für vorübergehende und zu überwindende Sicherheiten und Wahrheiten, oft für Illusionen. Die offene Frage ist: Seine eigenen tiefen, also sein Über-Leben tragenden Überzeugungen, die er ja zweifelsfrei als ausgesprochenen oder unausgesprochenen Hintergrund hat: Bezweifelt er diese auch? Schaut er noch einmal über seine eigene „absolute“ Skepsis hinaus. Ist er skeptisch zu seiner eigenen Skepsis? Diese Frage lasse ich hier offen.

Es lohnt sich, Ciorans Aufsatz mit dem Titel: „Der böse Demiurg“ (Suhrkamp Taschenbuch unter dem Titel: „Die verfehlte Schöpfung“, dort S. 7 bis 37) etwas genauer anzusehen.

Dabei fällt auf: Ciorans Denken und Schreiben ist meines Erachtens bewusst nicht-systematisch. Und auch bewusst nicht widerspruchsfrei. Sein Denken ist geprägt von der subjektiven Daseinserfahrung in unterschiedlicher Intensität, in unterschiedlichen seelischen Schmerzen und physischen Leiden. Selbst dieser etwas längere Text ähnelt doch eher den Aphorismen, den kurzen Sprüchen, die sprachlich oft ausgefeilt sind und deswegen schon stilistisch bedenkenswert sind. In dem genannten Aufsatz scheint mir als ausgesprochener Hintergrund seines Denkens deutlich zu sein: Die Basis für Ciorans Denken ist eine Art Abweisung des Lebens, so, wie es in dieser Welt von ihm erfahren wurde. Das Leben ist für ihn ein

Fehlschlag, und ein Fehlschlag ist auch die Welt (16). Dennoch schreibt er wenige Zeilen später widersprüchlich weiter „Das Leben selbst ist hinreichend geheimnisvoll und erschöpfend“ (15). Trotzdem fordert er praktisch: „Bitte weniger Geburten“. Er möchte eher die Unfruchtbarkeit – so wörtlich – „bejubeln“. (15). Sehr polemisch und sogar böse spricht er davon, dass „es immer genug Blöde geben wird, die nichts Besseres wünschen, als sich fortzusetzen… es wird sich auch immer irgendein widerliches Paar finden, dass sich dafür (d.h. für Zeugung und Geburt, CM) opfert“ (14). „Wachset und mehret euch“, diese Aufforderung Gottes in der Bibel nennt Cioran, so wörtlich, „kriminell“. „Jedes Gebären ist verdächtig“ (13). Diese seine Überzeugungen hält Cioran für „Klarsicht“ (17). Cioran ist also meines Erachtens durchaus ein Verkünder einer Botschaft!

Es wird also deutlich, dass Cioran seine festen Überzeugungen hat, und diese auch, deutlich schockierend für viele, veröffentlicht. Er will stören und verstören. Dies ist seine Aufgabe als Denker sozusagen aus der kühlen, klar sehenden Distanz alles voller Degout betrachtend und beurteilend. Er will uns lehren, den fröhlichen Optimismus, den er sicher treffend für naiv hält, zu überwinden. Herauszutreten aus der hübsch gemachten Gewöhnlichkeit des gut eingerichteten Alltags. Er meint: Überleben kann ein Mensch auf Dauer nur in und mit Ignoranz, (16), also mit dem Willen, nicht zu tief zu schauen, nicht zu konsequent ewig weiterfragen. Cioran tut sich hingegen die schwere Last und Lust an, immer weiter zu fragen. „Vom Nachteil geboren zu sein“, ist der treffende Titel seines wohl wichtigsten Buches von 1979. Wenn denn diese erlebte Welt (eine Last, nichts Erfreuliches) von einem Gott stammt, dann hat Cioran doch diese explizite Idee, diese Gedanken-Konstruktion möchte man sagen: Es gibt eine Art zweiten (kleineren) Gott, den Demiurgen, der diese verrückte Welt geschaffen hat. Der absolute Gott habe sozusagen einen Hilfsgott geschaffen, der diese blöde Welt gemacht hat, so Ciorans Vorschlag, der sich damit an alte Traditionen der Gnosis anschließt. Der Demiurg ist die Ursache aller Übel in der Welt, also nicht der absolute Gott, die Gottheit, er wird damit nicht belästigt. Und auch nicht der Mensch, sondern eben die Hilfskonstruktion Ciorans und anderer schon im Mittelalter, dies ist der Demiurg. Bloß was ist damit an Einsicht gewonnen? Denn dieser schreckliche Demiurg, der Schöpfer dieser verrückten Welt, ist doch auch ein Werk des absoluten Gottes. Also ist dieser oberste Gott sekundär dann doch für den Schrecken der Welt verantwortlich? Diese Themen schneidet Cioran jedenfalls in dem Aufsatz nicht an, diese entscheidende Frage bleibt offen. Leider, muss ich sagen, sie würde ganz neue Dimensionen erschließen.

Im Zusammenhang des Demiurgen und des – in meiner Sprache- absoluten Gottes, also der Gottheit im Hintergrund von allem, taucht dann ziemlich unvermittelt die Mystik auf. (Seite 11f). Die Mystik bezieht sich auf diese Gottheit hinter dem Demiurgen. Der Mensch kann in diese Gottheit, so wörtlich „eintauchen,“ jedoch: „So ist man dennoch jenseits aller Form der Göttlichkeit“. Was das bedeutet, wird nicht gesagt. Und Cioran fährt leider viel zu knapp, nur andeutend, fort: „Das ist die letzte Etappe, der Ankunftsort der Mystik, während ihr Ausgangspunkt (der Mystik) der Bruch mit dem Demiurgen ist, die Weigerung, noch mit ihm umzugehen und seinem Werk Beifall zu klatschen. Niemand kniet vor ihm (dem Demiurgen), niemand verehr ihn“ (S. 12.

Ist also Mystik doch die Zuwendung zu der – in meinen Worten – absoluten Gottheit? Cioran spricht dabei von „göttlicher Wesenheit“ (11). Wenn die Mystik diese seltsame Hilfskonstruktion des Demiurgen zurückweist, ist sie dann nicht auch gesellschaftskritisch, denn der Demiurgen-Wahn hat ja auch soziale Wirkungen…Das wird in dem knappen Text von Cioran nicht besprochen. Der systematisch-philosophische Übergang von der Skepsis zur Mystik – hoch interessant und wichtig – fehlt mir bei Cioran an dieser Stelle.

2. Ich möchte noch auf eines der vielen interessanten Interviews eingehen, die Cioran immer wieder gern gegeben hat. Ich verweise auf das Interview, das Michael Jakob in dem Buch „Aussichten des Denkens“ (Wilhelm Fink Verlag, München 1994 auf den Seiten 9 bis 38) publiziert hat.

Es handelt sich um knappe Zitate, die hier zur weiteren Lektüre ermuntern können und sollen. Eine entscheidende biographische Auskunft: „Als ich ungefähr 20 Jahre alt war, verlor ich meinen Schlaf“. „Die Nächte von Sibiu wurden so zum Ursprung meiner Sicht der Welt“ (11). Sein Buch „Von Tränen und Heiligen“ (1937 auf Rumänisch) ist „das Ergebnis von 7 Jahren Schlaflosigkeit“ (14). „In der Schlaflosigkeit gibt es keine Diskontinuität, es gibt keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht“. „Der Schlaflose bleibt mitten in der Nach luzide“ (14).

„Das Geheimnis des Lebens ist der Schlaf, er ist das, was das Leben möglich macht“ (15)

Die Schlaflosigkeit hat den Glauben an die Philosophie, Cioran spricht von Aberglauben an die Philosophie, weggewischt. (15)

Philosophie, so entdeckte er, ist zu nichts nutze (15). Ist Schlaflosigkeit also ein Maßstab, um die Qualität der Philosophie beurteilen zu können? Cioran würde wohl dem zustimmen.

Er schätzt den russischen jüdischen Leo Schestow, also Jehuda Leib Schwarzmann. Auch er ist, schnell gesagt, ein Philosoph der Verzweiflung, seine Werke sind bei „Matthes und Seitz“ erschienen. Ein hierzulande eher unbekannter Autor.

Für Cioran ist Geborensein, also „auf Erden sein“, „das Ergebnis des Zufalls und nicht der Notwendigkeit zu sein. Dies bedeutet eine gewisse Befreiung, und dieses Gefühl hat bis heute fortgewirkt“ (12).

1937 machte er religiöse Krise durch (17). Damals „stellte sich für ihn heraus“, „dass es für mich keine Zukunft in der Religion geben würde“ (16). Damit meint Cioran wohl die christliche Religion, also das, was er später Glaube nennt. Aber schon damals wusste er, „dass ich den Glauben NIE besitzen würde“ (17). Darf man das seine Basis-Überzeugung nennen? Ich denke ja, auch Cioran hat notwendigerweise und logischerweise eben seine „Lehren“, seine Grundthesen, d.h. er stellt eben nicht alles total und immer in Frage.

Dann aber sagt Cioran: „Ich bin nicht gänzlich areligös. Doch weiß er von der Unmöglichkeit für ihn, glauben zu können (17). Er sagt in voller subjektiver, also gar nicht skeptischer Überzeugung :„Ich war einfach nicht für den Glauben geschaffen“. Wie ein guter dialektischer Theologe (Barth) sagt Cioran: „Glauben ist eine Gabe… Man kann nicht glauben wollen, das ist einfach lächerlich“ (17).

Über die Frage, ob man glauben wollen kann, wäre weiter zu diskutieren. Kann man etwa Kunst schätzen wollen, Musik hören lernen wollen? Sind das verwandte Beispiele? Ich denke ja. Man kann sich zumindest bemühen, an Gott, die Gottheit, glauben zu wollen. Wer das Gegenteil behauptet, macht Gott zu einem Tyrannen, der dem einen den Glauben schenkt, dem anderen eben nicht. Diese furchtbare, merkwürdige These etwa des Reformators Calvin wird Gott sei dank von einigen wenigen Christen (wie den Remonstranten) zurückgewiesen, aber das nur nebenbei.

3.THERESA VON AVILA

schätzt Cioran besonders:
Sie hat, so sagt er, einen „gewissen Ton“, der einen im Innern erschüttert. Sie hat mir viel beigebracht, ich bin von ihr im wahrsten Sinne erschüttert worden“ (18). Cioran hat die Mystik der Theresa von Avila aber nur, so scheint es, von außen kennen gelernt, „so hegte ich doch eine unendliche Bewunderung für die heilige Theresia, für das Persönliche und Fieberhafte an ihr, für das KRANKHAFTE. Es war eine ansteckende Krankheit (sie zu lesen)… Sie war einer der außerordentlichsten Geister“. „Ich sprach die ganze Welt überall und zu jedem nur von ihr“ (19).

In dem Zusammenhang ein Bekenntnis von Cioran: „Ich bin weniger ein leidenschaftlicher als eigentlich ein besessener Mensch…Ich muss in allen Dingen bis ans Ende der Möglichkeiten gehen, bis zur Erschöpfung… (19). „Ich habe Nähe zu Menschen, die gestört sind, (19), zu den Morbiden, den Versagern. (29).

Zu seiner spirituellen Vorliebe: BACH ist für mich ein Gott. (24) Und weiter: „Jemand, der Bach nicht versteht, ist verloren, es ist eigentlich etwas Unvorstellbares, aber es kommt vor“ (24). Cioran hat also doch spirituelle Interessen am Göttlichen = Bach. Andererseits sagt er dann unvermittelt: „Ich bin doch etwas buddhistisch eingestellt… Der Buddhismus verlangt keinerlei Bekenntnis“ (31). Zu seiner sozialen, vielleicht sogar etwas politischen Ambition sagt Cioran: „Ich habe mich stets bemüht, anderen behilflich zu sein, den Schmerz der anderen zu mildern“ (33). Sehr verhaltenstherapeutisch orientiert schreibt er: „In Sinnkrisen empfehle ich den Verzweifelten: Geht auf die Friedhöfe“. (34).

4.Zur Skepsis: Cioran plädiert für die Skepsis als Haltung, aber er hat keine Erwartung, dass Skepsis heilen kann. Das glaubte etwa noch Moses Mendelssohn: Skepsis weckt förmlich die Trägheit des Denkens, meinte er.   Hingegen sagt Cioran: In einem seiner Aphorismen: „Die Skepsis, die nicht zur Zerrüttung unserer Gesundheit beiträgt, ist nur ein intellektuelles Exerzitium“ (Syllogismen Nr. 43). So das Zitat aus Andreas Urs Sommer, „Die Kunst des Zweifelns“, (105).

Skepsis soll also im Sinne Ciorans gerade nicht im Leben „helfen“; soll nicht Gelassenheit erzeugen, wie einst in der Antike, da erzeugte Skepsis die Ataraxia. Andreas Urs Sommer schreibt: „Cioran liebäugelt mit einer Skepsis als beinharter Praxis der Selbstverschleißung und Selbstzerfleischung,denn er ist nicht, wie der Aphorismus vielleicht vermuten lässt, darauf aus, die Skepsis zu überwinden“. Cioran gilt für Andreas Urs Sommer „als skeptischer Entschlossenheits- und Selbstvernichtsungsfetischist, (105 in Sommer). Sommer vermutet da eine , so wörtlich, dekadente Haltung der Gesunden, die sich gern mit der Aura der Liebe zur Krankheit umgeben (ebd).

5.Ein Hinweis zur Mystik:   Mystik hat mit Wanderungen des religiösen Suchens, des Glaubens zu tun: Michel de Certeau SJ (1925-1986, Kulturanthropologe und Religionshistoriker der besonderen, der wichtigen Art, schreibt: „Ein Mystiker macht sich nicht zum Sachwalter institutioneller Interessen, er sucht nach Möglichkeiten, wie Religionen in ungeahnten Wirklichkeiten ungeahnt lebendig sind. Mystiker ist, wer nicht aufhören kann zu wandern und wer in der Gewissheit des Fehlens von jedem Ort und von jedem Objekt weiß: Das ist ist es nicht. Er kann nicht hier stehen bleiben und sich mit diesem da zufrieden geben. Das Verlangen drängt voran, weiter, anderswohin. Es wohnt nirgendwo“. (in: de Certeau, La fable mystique, Bd I, S.411.) Die Mystik liest religiöse Traditionen anders und „gegen den Strich. „Mysik ist weniger eine Häresie… als vielmehr ein Arbeitsinstrument, das darauf zielt, innerhalb der Religion eine Wahrheit zu enthüllen, die zuerst Randbemerkungen war, nun aber wieder ins Licht gehoben werden soll“. (Michel de Certeau, Mystique, Encycl. Univers. Bd II. s 526). Über den Zusammenhang von de Certeau und Cioran wäre näher nachzudenken.

6. Ob Cioran als der Grund-Erschütterer eine Zukunft hat auch in den Theologien, selbst wenn er solche Kreise eher gemieden hat, ist offen, aber wünschenswert. Cioran könnte den gegenwärtigen Verfall der christlichen Kirchen in charismatisches Trallala oder dogmatische und fundamentalistische Borniertheit in Frage stellen, wenigstens dies, einmal mehr. Wann also findet der erste Cioran-Kongress im Vatikan statt? Oder in den orthodoxen Kirchen Rumäniens und Moskaus? Grundlegende Zweifel und absolute Skepsis sich selbst gegenüber würden doch Herrn Putin sehr gut tun… Oder zweifelt jemand daran?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon, Christian Modehn.



Das reaktionäre Christentum der AFD: Hinweise zu Beatrix von Storch

28. April 2016 | Von | Kategorie: Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik

Das reaktionäre Christentum der AFD: Einige Hinweise zu Beatrix von Storch und ihrem katholischen Netzwerk

Von Christian Modehn

Die „Alternative für Deutschland“ will eine heftige und undifferenzierte Kritik an „dem“ Islam zu einem Schwerpunkt ihres Parteiprogramms machen. AFD Vizechefin Beatrix von Storch sagte der „FAS“: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland, der Islam ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar“ . Symbole des Islams sollten deswegen aus der Öffentlichkeit verschwinden usw.

Damit werden einige Millionen Menschen islamischen Glaubens, viele von ihnen sind deutsche Staatsbürger (!), zu unerwünschten (eigentlich wertlosen ?) Menschen erklärt. Das erzeugt verständlicherweise Zorn unter Muslims. Genau das will der „IS“ bewirken, dass Europa in einer Art Bürgerkrieg Islam contra Christentum, zerfällt. Die AFD handelt also im Sinne des IS. Die AFD stiftet Unfrieden, schafft Feindbilder mit Sprüchen, die am Stammtisch willkommen sind in der drögen, unreflektierten Sprüchemacherei.

Über die pauschale Islam-Feindlichkeit der AFD und ihrer Gönner und Freunde (auch in der FPÖ, mit der die AFD sich freundschaftlich gut versteht und FPÖ Leute einlädt) wird noch viel diskutiert, hoffentlich im Sinne der Aufklärung.

Wir finden es wichtig darauf hinzuweisen, dass diese Feindbilder-Produktion, diese pauschale Abweisung „des“ Islams eine (von mehreren) Ursachen hat: In dem extrem konservativen christlichen Weltbild der Frau von Storch und ihres ebenso reaktionären christlichen, oft katholischen Netzwerkes, in dem sie lebt.

Es handelt sich um Hinweise, die einer weiteren Recherche bedürfen. Leider wird dieses reaktionäre Bild vom Christentum bei Frau von Storch und anderen AFD Leuten zu selten öffentlich gemacht.

Die „Alternative für Deutschland“ (AFD) sammelt auch jene Menschen, die sich von der philosophischen Aufklärung und den universal für alle Menschen geltenden Menschenrechten verabschieden oder nie davon auch nur gehört haben; denen ein autoritäres Weltbild heilig ist und eben auch ein System von Werten heilig ist, die auf die „wesentliche“ Ungleichheit unter den Menschen setzen. Das Christentum und die humane Botschaft des Neuen Testaments werden zwar zitiert, aber ideologisch missbraucht. Es wird eine inhumane Stimmung erzeugt, die den Respekt lächerlich macht vor der Befreiung der Frauen, den Respekt vor der Gleichstellung homosexueller Menschen, den Flüchtlingen als Menschen, die hier zu einer offenen, humaneren Gesellschaft beitragen. Der AFD-Geist des so genannten Patriotismus liebt die engen Grenzen und die eigene intellektuelle Begrenztheit.

Für diesen Trend, sich aus der europäischen Aufklärung und den Werten der universal geltenden Menschenrechte zu verabschieden, stehen natürlich einige sich intellektuell gebende Führer-Gestalten, die dem Volk die Stichworte und Brüllworte (Pegida) liefern. Dabei sind sie selbst nicht zimperlich. Beatrix von Storch sagte angesichts der damals noch offenen Grenzen für Flüchtlinge und Asylsuchende: Im Fall eines verbotenen Grenzübertritts dieser Menschen, trotz des „Halte-Signals“, sei es erlaubt, auf diese Menschen zu schießen. Später bewies Frau von Storch freundlicherweise so viel Humanität, dass sie sagte: Auf Kinder dürfe man von Europa oder Deutschland/Österreich aus nicht schießen, hingegen auf die Mütter dürfe man durchaus schießen. Es ist merkwürdig, dass diese Aussagen in der Öffentlichkeit schnell in Vergessenheit geraten sind und nicht bei jeder Gelegenheit dieser Frau in Talkshows etc. zunächst einmal, als Opening, vorgehalten werden. Sie ist ja wohl immer noch Abgeordnete im Europa-Parlament, da sind Erinnerungen an faschistoid klingende Äußerungen durchaus wichtig…Nebenbei: Eine Freundin von mir meinte in dem Zusammenhang: Für Frau von Storch hätte es doch reichen müssen, wenn bei unerlaubtem Grenzübertritt nur auf Störche nicht geschossen wird. Aber das ist ein anderes Thema.

Interessant ist, dass die gedankliche und öffentlich formulierte Möglichkeit des Schießens auf Menschen von einer Person gefordert wird, die leidenschaftlich für den Schutz des ungeborenen Lebens eintritt und bei entsprechenden PRO-Life Demonstrationen dabei ist. Man sieht darin die völlig wahnhafte Bedeutung dessen, was Schutz des ungeborenen Lebens und eben konsequenterweise Nicht-Schutz des geborenen Lebens (vor allem der Fremden, Flüchtlinge usw.) bedeutet. Wie überhaupt, etwa in den USA, Pro-Life-Aktivistinnen zu heftigsten körperlichen Attacken greifen, wenn sie etwa Ärzte strafen und misshandeln, die Abtreibungen vornehmen. Diese auch kirchlich geförderte und immer wieder als Vorbild hingestellte „Pro Life Bewegung“ ist also nichts als eine christlich kaschierte Variante eines gewalttätigen Denkens, siehe die Schießempfehlung der pro-life-Aktivistin von Storch. Über Parallelen dieses Denkens zu fundamentalistischen, sich muslimisch nennenden Kreisen der Islamisten, wäre weiter nachzudenken…

Über Frau von Storchs Biografie kann man einige Informationen im Netz lesen. Wir beschränken uns nur auf den Aspekt, dass diese Dame mit ihrem angeblich christlichen Gerede die Botschaft des Christentums verfälscht. Dies ist eine Meinungsäußerung. Ich trete normalerweise nicht für absolute dogmatische Korrektheit ein, ich schätze die große Vielfalt von Glaubensformen im Christlichen. Aber im Falle des AFD – Christentums, so denke ich, sollte rechtzeitig öffentlich ein Nein gesagt werden, bevor noch mehr eher ungebildete Leute in ihrer autoritären Haltung denken: Was die 2. Vorsitzende und 2. Führerin der AFD da sagt über das Christentum, ist doch eigentlich richtig. Darum sollten aufgeklärte Leute diese AFD Christen im öffentlichen Gespräch bloß stellen. Ignorieren bzw. Gesprächsverweigerung – wie jetzt beim Leipziger Katholikentag – nützt nichts.

Einige Hinweise zur Person: In der ultrakonservativen website kath.net wurde schon am 28. Mai 2014 Frau von Storch als, so wörtlich, „engagierte evangelische Christin“ vorgestellt.

Frau von Storch ist mit vollen Namen Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg. Sie entstammt also dem Hochadelsgeschlecht Oldenburg und ist die älteste Tochter des Ingenieurs Huno Herzog von Oldenburg (geb. 1940) und seiner Frau Felicitas (geb.1941), geb. Gräfin Schwerin von Krosigk. Die adlige Dame ist mit dem chilenischen Kaufmann Sven von Storch verheiratet.

Und ab hier wird deutlich, dass die Bedeutung der 2. AFD Vorsitzenden sich nur aus ihrem Eingebundensein in ein weites Netzwerk äußerst konservativer Leute verstehen lässt. Ihr Mann Sven von Storch wurde Direktor des Instituts für Strategische Studien Berlin (ISSB). Er ist Mitgründer der Internet- & Blogzeitung „Die FreieWelt.net“ und seit Dezember 2008 ihr Herausgeber. Herr von Storch ist zudem Mitgründer und Vorsitzender von AbgeordnetenCheck.de und EUCheck.org, sowie seit Dezember 2013 Präsident der NGO, Coalición Ciudadana, in Santiago de Chile. Dies berichtet die Selbstdarstellung in der rechtslastigen „Freie Welt“, einer Art AFD-Organ, das selbstverständlich auch Beiträge von der Gattin Beatrix veröffentlicht (1). Über die Chile-Connection des Herrn von Storch wäre weiter zu forschen, zumal in Chile heute bezeichnenderweise das allerstrengste Abtreibungs-Verbot Lateinamerikas gilt, nicht nur ein Erfolg rigider zölibatärer Prälaten, sondern ein Erfolg dortiger NGOS und Pro Life Leuten…

Wie stark dieses Medium „Freie Welt“ mit ultrakonservativen Kreisen im deutschen Katholizismus verbunden ist, zeigen etwa Interviews mit dem konservativen katholischen Publizisten Manfred Spieker (2). Er ist immer wieder Gastredner des reaktionären „Forum deutscher Katholiken“, einer Gegenveranstaltung zu den Katholikentagen. An diesem Forum deutscher Katholiken hat übrigens früher Kardinal Joseph Ratzinger teilgenommen…

Noch heftiger sind die Äußerungen (in dem blog des Herrn von Storch) von Mathias von Gersdorff, der aus dem Adelsgeschlecht derer von Gersdorff stammt und auch, wie der Gatte von Storch, in Chile geboren wurde. Er äußert sich sehr polemisch und rabiat über den Zustand des deutschen Katholizismus, etwa zum Leipziger Katholikentag 2016: „Das Bild, das die katholische Kirche in Deutschland damit gibt, ist desolat. Eine Kirche, die völlig dabei ist, ihre katholische Identität zu verlieren. Es zeigt sich einmal wieder: Das „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“, der Veranstalter des Katholikentages, trägt dazu bei, den katholischen Glauben in Deutschland zu vernichten“. (3) Typisch ist, dass der deutsche Hochadel in Ablehnung des eher progressiven „Zentralkomitees der deutschen Katholiken“ und seiner Katholikentage ganz auf die reaktionäre Alternativveranstaltung „Forum deutscher Katholiken“ setzt und dort wiederum auf reaktionäre Gruppen wie die „Legionäre Christi“ oder das „Regnum Christi“: Hubert Gindert, der Organisator dieser alternativen „Katholikentage“, sagte mir schon 2006 in einem Interview für den Deutschlandfunk: „Ich würde sagen, nach meiner Beobachtung, dass es eine über proportionale Zahl von katholischen Adeligen in den neuen geistlichen Gemeinschaften sich findet, zum Beispiel also bei Regnum Christi: Fürst Löwenstein, der also immer durch unsere Kongresse führt, der ist also eng verbunden mit Regnum Christi. Christiana von Habsburg Löwenstein, das ist die Schwester von Fürst Löwenstein, die ist also auch Mitglied in Regnum Christi, ja. Ich hab den Eindruck, dass bei diesen Gemeinschaften der Adel verhältnissmäßig stark repräsentiert ist“. Nebenbei: Inzwischen ist der Priester Paul Habsburg aus dem Orden der Legionäre Christi mit dem exakten Namen: Paul Rudolph Joseph Michael Antal Petrus Maria von Habsburg-Lothringen, offizieller Titel ist Paul, Erzherzog von Österreich, geboren 1968, für die Neuevangelisierung Deutschlands tätig. Ein anderer Legionär Christi aus dem Hochadel ist der ehemalige Provinzial für Deutschland und jetzige Generalvikar des Legionärs Ordens in Rom, Pater Sylvester Heeremann, er entstammt dem alten niederländischen Adelsgeschlecht Heereman von Zuydtwyck, sein Vater ist Chef von „Malteser international“…

Der oben erwähnte Mathias von Gersdorff gehört auch insofern zum Netzwerk derer von Storch/Oldenburg, als er das deutsche Büro der sehr extrem traditionalistischen internationalen katholischen Bewegung „Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum“, in Deutschland mit Sitz in Bad Homburg, leitet, zugleich ist er “selbstverständlich“ Aktivist zum Schutz des ungeborenen Lebens. Damit hat er erst mal alle Sympathien vieler katholischer Prälaten und Kardinäle und evangelikaler Führer. Man kann als Reaktionär eben nichts Besseres und diplomatisch/finanziell Wirkungsvolleres tun, als „pro life“ zu sein… Diese Haltung muss man nicht einmal in reaktionären Kreisen begründen. So einfach ist das. Und es ist bezeichnend, dass von Gersdorff sein Buch über den Gründer der weltweiten reaktionären Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum Plinio Correa de Oliveira in der ebenfalls reaktionären Trappistenabtei Mariawald in der Eifel vorstellte, zahlreiche Kardinäle haben sich für dieses Buch über Plinio Correa de Oliveira ausdrücklich bedankt, wie Kardinal Raymond Burke, Walter Brandmüller, Paul Josef Cordes usw… Diesen Plinio Correa de Oliveira folgten zahlreiche Bischöfe, die sich als reaktionäre Gruppe („Coetus internationalis“) auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) sammelten, zu ihnen gehörte der Brasilianer Bischof Geraldo de Proenca Sigaud svd, ein militanter Gegner von Erzbischof Helder Camara, und erwartungsgemäß eben Erzbischof Marcel Lefèbvre gehörte zu diesem reaktionären Club, der den Reformern das Leben sehr schwer machte.

Zum weiten Netzwerk von Beatrix von Storch gehört auch Paul von Oldenburg, auch er ein alter Adliger: Ich zitiere aus wikipedia: „Paul von Oldenburg ist Sohn von Friedrich August von Oldenburg und Marie Cäcilie von Preußen. Die Häuser Oldenburg und Hohenzollern sind protestantisch, aber Paul von Oldenburg ist konvertiert und verheiratet mit María del Pilar Méndez de Vigo y Löwenstein-Wertheim-Rosenberg, mit der er fünf Kinder hat“.

Die Cousine Paul von Oldenburgs ist Beatrix von Storch. Und mit ihr ist er in Brüssel am Kämpfen: Sie für die AFD und er, Paul von Oldenburg, als Lobbyist für die „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“. Diese drei Begriffe sind raffiniert gewählt: Der Tradition entsprechend soll die klassische (Hetero)-Familie mit der üblichen Rolle der Frau-Mutter gepflegt werden und dabei das Privateigentum durch den fleißigen Mann vermehrt werden. Wer die Familie pflegt und das Privateigentum als göttliche Gabe der Fleißigen und Adligen sieht, der will auch sicher sein, dass die Erbschaftsgesetze zugunsten der Reichen so erhalten werden müssen, dass der alte Adel durch Heirat/Familiengründung niemals verarmt. Paul von Oldenburg ist auch aktiv für das „Herz-Jesu-Apostolat – für die Zukunft der Familie“. Diese Kreise finden volle Unterstützung katholischer Hierarchen. Man denke etwa, mit welcher Begeisterung viele französische Bischöfe an Massendemonstrationen gegen die „Homoehe“ teilnahmen und dabei genau dieselben Argumente vertraten wie diese Herz-Jesu-Fanatiker und Freunde von „Tradition, Familie und privateigentum“, die auch in Frankreich vertreten ist.

Der politische Mittelpunkt dieser Bewegung ist die Ablehnung der wesentlichen Gleichheit der Menschen. Natürlich ist jeder einzelne Mensch in seinem Aussehen usw. vom anderen verschieden und eben nicht gleich. Diese Banalität meinen diese Herrschaften natürlich nicht: Sie behaupten, es gibt wesentliche Unterschiede unter den Menschen, sozusagen Abstufungen von Wertvollen und weniger Wertvollen. Darin entsprechen sie ganz der Logik der „Neuen Rechten“, also einer weit verzweigten präfaschistischen Philosophie, die in den 1980 Jahren von Frankreich aus sich weit verbreitete. Das künftige Parteiprogramm der AFD, das die Rechercheplattform www. Correctv.org publiziert hat, ist wohl von diesem Geist der Ungleichheit der Menschen bestimmt. Und das ist der entscheidende Punkt, an dem alle, denen Menschenrechte und Demokratie noch etwas bedeuten, aufwachen und handeln sollten.

Der reaktionäre Papst Gregor XVI. (1831-1846 als Papst) wird in diesen Kreisen gern erwähnt, er sagte im Sinne der „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“: „Es gibt eine von Gott gewollte Ungleichheit im Recht, Besitz, in der Macht“. Wer für die absolute und heilige Bedeutung des Privateigentums (contra Gemeinwohl) eintritt, will eine hierarchische Gesellschaft der Ungleichen.

In welchen Kreisen also bewegen sich Frau von Storch und ihr Cousin? Gustavo A. Solimeo zum Beispiel ist Mitglied der us-amerikanischen „Bewegung für Tradition, Familie und Privateigentum“, er sagt: „Ungleichheit der Menschen ist ein Naturgesetz. Gott erschuf alles mit Ungleichheit. In allen Bereichen der Schöpfung gibt es Ungleichheit. Nur soziale Ungleichheit erlaubt sozialen Fortschritt: Je mehr Abstufungen es auf einer Gesellschaftsstufe gibt, desto leichter ist es, voranzukommen und gesellschaftlich aufzusteigen“.

Die bestens vernetzte Clique um Beatrix von Storch will ein anderes, nicht mehr so menschenrechtsfreundliches  Deutschland (dies ist meine begründete Meinungsäußerung!), und auch ein anderes, eben ein autoritäres Europa, und das wird nach außen hin taktisch geschickt, im Namen des Christentums gefordert. Deswegen auch die freundschaftliche Verbindung mit der FPÖ. Die europäische Flüchtlingspolitik heute ist bereits eine Angst-Reaktion auch der deutschen Regierung auf die „Macht“ der rechtslastigen und rechtsextremen Populisten, auch von der AFD. Sie bestimmen bereits indirekt die Politik.

Wir sollten nicht zulassen, dass diese Kreise mit ihrer umfassenden Lobby und ihrem Geld auch das Gesicht des Christlichen immer weiter prägen. Und das Christliche förmlich vergiften, weil sie es von universaler Menschenfreundlichkeit „befreien“. Dass es de facto AFD nahe Positionen in den Kirchen gibt, und seit langem schon gibt, ist eine Tatsache, siehe eben die Höherschätzung des ungeborenen Lebens vor dem geborenen Leben etwa der Flüchtlinge, die aufgrund heftigster unmenschlicher Politik Europa etwa in Ideomeni, an der Grenze zum abgeriegelten Mazedonien, jetzt krepieren. Es wird eine kalte Politik des alten europäischen Egoismus betrieben, weil viele Politiker vor dieser AFD Partei Angst haben bzw. auch Angst haben, wegen der Erfolge dieser AFD Partei den eigenen Job zu verlieren. Es geht um die Angst, die Angst vor dem Verlust des „Eigenen“, des Besitzes, der angeblich eigenen Kultur, wenn man sie denn überhaupt hat. Nur deswegen sind ja auch die „Wahlerfolge der AFD oder der Le Pen Partei oder der FPÖ oder des Katholiken Wilders (PVV) in Holland zu erklären.

Die Kirchen sollten beginnen, sich von dem AFD – Geist in ihren eigenen Reihen zu befreien. Nur dieser enge, theologisch auch dumme Ungeist in den Kirchen selbst hat ja die AFD-Erfolge mit möglich gemacht.

(1) http://www.freiewelt.net/autor/?tx_ttnews[swords]=sven%20von%20storch

(2) http://www.freiewelt.net/interview/ehe-und-familie-sind-fuer-politik-ein-blinder-fleck-10065130/

(3) Dieser Beitrag ist erschienen auf mathias-von-gersdorff.blogspot.de

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Camilo Torres lebt: Seine Bedeutung 50 Jahre nach seinem Tod.

29. März 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Religionskritik

Camilo Torres lebt: 50 Jahre nach seinem Tod

Ein Interview mit Juan Camilo Biermann López. Er ist Wissenschaftler am „Centro de Pensamiento Camilo Torres Restrepo de la Universidad Nacional de Columbia“.

Ein Vorwort von Christian Modehn am 29.3. 2016: Angesichts der schwierigen und immer wieder scheiternden Friedensverhandlungen zwischen der kolumbianischen Regierung und der Guerilla dort ist es wichtig, an einen Priester, Theologen und Soziologen zu erinnern, der in Kolumbien 1966 als Mitglied einer damals noch ganz anderen „Befreiungsbewegung“ von Regierungstruppen erschossen wurde. Camilo Torres Restrepo gilt heute bei denen, die sich um eine objektive Sicht bemühen, als wichtiger Soziologe und als Befreiungstheologe, der mit der Allmacht eines konservativen Systems in Kirche und Staat zu kämpfen hatte. Camilo Torres war ein Intellektueller, der dem Evangelium gemäß die Armen über alles liebte und sich deswegen den Zorn einer reaktionären Kirchenführung zuzog. Dass er sich einst auch in Berlin aufhielt, darauf haben wir – danke der Hinweise von Juan Camilo Biermann Lopez – schon hingewiesen. Wir sind dankbar für das Exklusiv-Interview mit dem jungen kolumbianischen Historiker Juan Camilo Biermann Lopez.

Die Fragen stellte Christian Modehn, Berlin.

Anlässlich des 50. Todestages von Camilo Torres gibt es jetzt ein breites Interesse unter den KolumbianerInnen an seiner Person und seinem Denken? Gibt es möglicherweise eine neue, nicht-polemische Einschätzung seiner Person?

Jede Dekade der Erinnerung an den Tod von Camilo Torres Restrepo (im folgenden wird der Name der Einfachheit halber oft mit den Buchstaben CTR abgekürzt) führt zu einer Zunahme des Interesses an seinem Leben und Werk. (In der Fußnote wird eine Übersicht geboten, mit der man gut einschätzen kann, wie viele Zeitschriften-Beiträge außerhalb und innerhalb Kolumbiens über CTR geschrieben wurden. In dieser Übersicht kann auch man erkennen, dass sich in den Gedenk-Jahren 1976, 1986, 1996 und 2006 die Zahl der Publikationen über ihn ständig vermehrt hat. Diese Daten entnehme ich einem Buch, das kürzlich unter dem Titel „ Bibliografía general sobre Camilo Torres Restrepo“, veröffentlicht wurde, verfasst von Professor Alberto Parra Higuera von der Universität Hamburg). Aber in dieser Geschichte der Erinnerungen ist das Gedenken an den Tod von CTR vor 50 Jahren durchaus größer als zuvor. Der erste, eher oberflächliche Grund für das große Interesse an CTR ist, dass es jetzt nun einmal um die Erinnerung an den Tod vor genau 50 (!) Jahren geht. Jetzt sind die Menschen, die ihn kannten und seiner Generation angehörten, schon gestorben oder eben sehr alt. Diese Tatsache erleichtert es, dass man jetzt Themen behandeln kann, die vorher noch Groll erweckten oder von einigen Bereichen der kolumbianischen Gesellschaft als Störung empfunden wurden. Ein noch wichtigerer Grund für die Erinnerung an CTR jetzt ist die Tatsache, dass die kolumbianische Regierung und die Guerilla der FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Columbia) einen Ausweg suchen, indem man über den bewaffneten Konflikt verhandelt. Obwohl die FARC und der ELN (Ejército de Liberación Nacional; zum ELN gehörte CTR am Ende seines Lebens, der Übers.) zwei verschiedene Guerilla-Organisationen sind. So haben diese Friedensdialoge die Frage nach einem möglichen Dialog zwischen der Regierung und dem ELN aufgeworfen. So kommt der Gestalt von CTR von neuem eine Bedeutung zu, da er ja die intellektuell bedeutendste Figur des ELN war. Und sein politisches Projekt, das reflektiert wurde in „Plataforma del Frente Unido del Pueblo“ kann die Basis sein, um die Verhandlung zu beginnen. Einen dritten Grund für das starke Interesse an CTR ist darin zu sehen, dass seine sterblichen Überreste noch immer verschwunden sind. Das aber ist ein Verbrechen der Menschlichkeit und es gibt einen Gerichtsprozess, der international gültig ist. Und der hat die kolumbianische Regierung verpflichtet, nach den sterblichen Überresten von CTR zu suchen, um diese dann den Verwandten zu übergeben. Jedoch haben die Kommunikationsmedien ein wenig diese Tatsche verdreht, sie haben behauptet, dass der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos die Überreste von CTR suchen lässt wie in einer Art freundschaftlichen Geste gegenüber dem ELN.

Jede neue Erinnerung bringt neue Interpretationen und Forschungen über Leben und Werk von CTR mit sich. Es ist sehr schwierig, dass in eine Land, das mehr als 50 Jahre den Krieg erlebt, nun mit Leichtigkeit erkannt wird: Camilo Torres Restropo war mehr als ein Guerillero. Es gibt viele Sektoren, auf der Linken wie auf der Rechten, die das Bild von Camilo Torres als einem Guerilla-Priester aufrechterhalten wollen, obwohl klar ist: Priester sein und Guerillerosein bedeuten heute etwas anderes als vor 50 Jahren, als CTR sich der ELN anschloss. Vonseiten verschiedener Universitäten und religiöser und akademischer Kollektive haben wir versucht, neue Erkenntnisse anzubieten, damit CTR nicht nur als Guerilla-Priester gesehen wird. Vielmehr soll man auch anerkennen, dass er Beiträge geliefert hat etwa zu Themen der Stadt-Soziologie. Wichtig ist seine christliche Solidarität mit den Ärmsten der Armen, seine akademische Arbeit mit dem Ziel, die Gesellschaft zu verändern usw. Trotzdem, das wiederhole ich, haben es diese Erkenntnisse schwer, anerkannt zu werden. Denn die Gesellschaft ist sehr polarisiert. Und wenn man dann anerkennt, dass Camilo Torres mehr ein sozialer und politischer Führer war denn ein Guerillero: Dann kann man seinen Tod nicht mehr als einen Sieg des kolumbianischen Militärs über „die Guerillas“ betrachten. Dann kann man Camilo Torres Tod eher interpretieren als ein Beispiel mehr für die Tatsache, dass sich der kolumbianische Staat der bewaffneten Gewalt zuwandte als einer Antwort auf die Gruppen, die politische Veränderungen herbeiführen wollten zugunsten der marginalisierten Gruppen.

Haben die Führer der Katholischen Kirche in Kolumbien die theologische und hohe menschliche Qualität von Camilo Torres inzwischen anerkannt?

Bevor ich diese Frage direkt beantworte, ist es wichtig sich daran zu erinnern, dass CTR sein Priesteramt aufgab, weil die hohe Hierarchie zu der Zeit (damals geleitet von Kardinal Luis Concha Cordoba) ihn verpflichtete, zwischen der priesterlichen Tätigkeit und der politischen Aktivität zu wählen. Es ist schon komisch: Eine Figur wie Monsignore Angel Builes Gomez hat in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versichert: „Liberale zu töten ist keine Sünde“, er hat vonseiten der Kirche konservative gewalttätige Gruppen unterstützt. Und jetzt ist dieser Prälat ein Kandidat für die Kanonisierung, also die Heiligsprechung im Vatikan. Hingegen gilt CTR nach wie vor als eine Art „outsider“ der katholischen Kirche in Kolumbien. Mehr Informationen über Builes und seine Heiligsprechung bietet: http://www.las2orillas.co/el-obispo-mas-violento-de-colombia-puede-terminar-de-santo/ )

Das zeigt, dass die katholische Kirche in Kolumbien verbunden war mit den Gruppen, die an der politischen Macht waren und die nicht interessiert waren, auf ihre Privilegien zu verzichten.

Trotzdem und über diese Tatsachen hinaus, gibt es doch einige Gestalten in der kolumbianischen Kirche von heute, die versuchen, das Vermächtnis von CTR zu befreien, neu zu lesen, und neu zu sehen, indem man ihn als einen engagierten Christen präsentiert, engagiert für die ganz armen Menschen. Das beste Beispiel dafür ist Bischof Jesus Dario Monsalve aus der Stadt Cali. Er hat nicht nur von der Regierung verlangt, dass sie sich um die sterblichen Überreste von CTR kümmert und diese ausliefert, er hat auch zahlreiche Events gestaltet um dessen Andenken zu ehren. Das hat dazu geführt, dass Bischof Monsalve Drohungen erhalten hat und dass er von der Rechten als ein Freund der Guerilla qualifiziert wurde, was in Kolumbien schon etwas sehr Schwerwiegendes bedeutet.

Dann beantworte ich also die Frage: Es fehlt noch ziemlich viel an Einsicht, dass die hohe Hierarchie in Kolumbien die Leistungen und die hohen menschlichen Qualitäten von Camilo Torres anerkennt. Sie tut das deswegen nicht, weil dies bedeuten würde: Dass die Kirche eben auch Fehler und Fehleinschätzungen begangen hat und dass sie nicht verstanden hat, was CTR damals als Thema aufwarf, das noch immer gültg ist, nämlich die Solidarität der Kirche mit den Ärmsten der Armen. Hingegen ist das Bild von CTR anerkannt von den Basisgemeinden, das sind Gruppen von Christen, die ihn verehren und in ihm einen „Martyrer“ sehen.

Ist der Gedanke der Hingabe für das leidende Volk DAS Lebensmotiv von Camilo Torres? Ist sein Eintreten für die ELN ein Akt der Verzweiflung gewesen?

Ich glaube das Lebensmotiv bzw. die zentrale Idee seines Lebens war die „amor eficaz“, also die wirksame Liebe. Und die ist sehr viel umfassender als nur die Sorge um die Menschen, die leiden. Diese wirksame Liebe ist die Basis seiner Haltung als Christ, als Akademiker, als Priester, als politischer Führer und … endlich auch als Mensch! Das ist sehr wichtig, da nur dieses Verständnis es erlaubt, in CTR nicht einen Marxisten zu sehen. Sondern er hat begriffen, dass der Marxismus helfen kann, die christliche Liebe eben als eine wirksame Liebe zu gestalten, und zwar dank einer wissenschaftlichen Methode, die das Verständnis und die Umformung der Gesellschaft garantiert zugunsten der breiten Mehrheit.

Wenn man von der wirksamen Liebe ausgeht, dann bietet CTR drei große Aufrufe bzw. Appelle.

Es ist der Aufruf zur Einheit der Volksklasse (clase popular), also der armen Bevölkerung. Es ist der Aufruf zur Solidarität mit dieser Klasse. Und der Aufruf, diese Klasse zu organisieren. Wenn CTR von dieser clase popular sprach, bezog er sich auf die Armen auf dem Land und in den Städten. Es handelt sich um einen sehr weiten Begriff, er ist ein bisschen zwiespältig, denn CTR benutzte zu seiner Zeit diesen Begriff, um von der großen Mehrheit der Leute damals verstanden zu werden. Und dann wollte er damit auch den Unterschied zwischen der Volksklasse und der herrschenden Klasse etablieren, diese herrschende Klasse wurde auch die Oligarchie genannt.

Diese drei Aspekte und Aufrufe fassen sehr gut zusammen, was seine politische Arbeit in den letzten 2 oder 3 Jahren seines Lebens betrifft. Im übrigen suchte er mit diesen drei Appellen alle Parteien, die nicht so mächtig waren und alle Menschen innerhalb der herrschenden Macht-Parteien (also der liberalen und der konservativen Partei) zu vereinen. Er wollte diese Menschen vereinigen ringsum eine „Frente Unido del Pueblo“, eine vereinte Front des Volkes. Aus verschiedenen Gründen fand diese Koalition von Parteien keinen großen Erfolg, vor allem deswegen, weil die Idee verteidigt wurde, nicht an den Wahlen teilzunehmen (man nennt das Absentismus). Und das in einem Moment, als die Präsidentschaftswahlen näher rückten und es Parteien gab (wie die Kommunisten oder die Christlichen Demokarten), die sehr interessiert waren, an diesen Wahlen teilzunehmen.

Ich glaube nicht, dass Camilo Torres Entscheidung dem ELN beizutreten aus Verzweiflung geschah. Ich glaube, es war eine Entscheidung, die er unter großem Druck getan hat, da es ja bekannt ist, dass er im Jahr 1965 zahlreiche Todes-Drohungen erhalten hat. Es ist wichtig, um besser seine Entscheidung zu verstehen, im ELN mitzumachen: Zu dieser Zeit damals war die sozialistische Revolution als nahe bevorstehend erwartet worden. Der Triumph der Revolution in Cuba überzeugte viele, dass sie glaubten: Der bewaffnete Weg sei tauglich, um an die Macht zu kommen, besonders in Ländern wie Kolumbien, wo die Oligarchie überhaupt nicht bereit war, irgendetwas von der eigenen Macht anderen Gruppen der Gesellschaft zu überlassen.

Woran man sich immer erinnern muss ist: Die Idee der Guerilla in den 1960 Jahren ist sehr verschieden von der aktuellen Guerilla!! In der Dekade der 1960 Jahre hatte die Guerilla überhaupt keine Verbindung mit dem Drogenhandel. Zudem, auch wenn der sowjetische sozialistische Block existierte, gab es keine ideologische Rechtfertigung, um die bewaffnete Revolution zu verteidigen. Aber alle diese Zusammenhänge haben sich geändert. Das Problem heute ist: Viele Forscher und vor allem viele Massenmedien präsentieren die Guerilla der 1960 Jahre so, als wäre sie identisch mit der Guerilla von heute. So wird die Gestalt von Camilo Torres falsch verstanden und stigmatisiert!

Ist der ELN, der sich Camilo Torres angeschlossen hatte, überhaupt vergleichbar mit heutigen „Guerilla-Bewegungen“ in Kolumbien?

Es sind wenige Dinge, die noch heute mit dem ELN zur Zeit von CTR gemeinsam sind. Ich glaube, ein Element, das sich durchgehalten hat, ist die Verachtung für den Geistige (la intelectual). Die Guerilla des ELN ist eine solche, die vor allem von Campesinos geformt ist, die ohne große ideologische Bildung sind. Sie entscheiden sich, beim ELN mitzumachen, nicht nur, um „die Revolution zu machen“, sondern um etwas zum Leben zu haben. Ich beziehe mich nicht darauf, dass der ELN ein irreguläres Söldner Heer ist. Ich beziehe mich auf eine ideologische Schwäche, sie hält sich im ELN. Wenn der ELN noch Personen anzieht, dann wegen der Möglichkeit, sich vor den Misständen der Regierung zu verteidigen und um die Territorien zu kontrollieren, zu denen das Militär der Regierung nicht viel Zugang hat.

Kann die Beschäftigung mit der „ganzen“ Person von Camilo Torres ein Beitrag sein, dass Kolumbien zum inneren Frieden und zur Gerechtigkeit findet?

Es wäre geradezu ideal , wenn die Gestalt des Camilo Torres mehr Berücksichtigung fände in der aktuellen politischen Debatte in Kolumbien. Trotzdem: Es ist schwierig. Denn die großen Massenmedien und die katholische Kirche Kolumbiens stellen ihn nicht so dar, dass er mehr ist als einn „Guerilla-Pfarrer“. Man darf auch nicht vergessen, dass CTR in einer reichen kolumbianischen Familie geboren wurde und dass er in seinem Leben nicht nur ein großes Interesse und eine Sorge für die Armen hatte, sondern dass er auch die die Oligarchie attackiert hat. Deswegen wird er von vielen wie ein Verräter betrachtet.

Ich glaube, dass Camilo Torres eine Persönlichkeit ist aus der Generation der 1960 Jahre. Diese Generation suchte die Veränderung Kolumbiens. Es gibt mehrere andere auch, die wie CTR dachten. In diesem Sinne glaube ich, dass man damit beginnen muss, sich nicht nur auf Camilo Torres zu konzentrieren. Man sollte ihn hingegen als Mitglied einer Generation sehen (einer Generation, die für viele als gescheitere Generation gilt)… Diese Generation suchte die Veränderung, die Gerechtigkeit, die Gleichheit. Und noch heute sind seine Ideen gültig, weil er zeigte: Der Konflikt in Kolumbien wird von strukturellen Ursachen bestimmt, und diese Ursachen verpflichten uns auch …zu strukturellen Veränderungen.

Copyright: Juan Camilo Biermann López und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Siehe auch das Dokument: Publicaciones sobre CTR 1957-2015.doc

 



Spotlight – der Film. Und über das Fehlen des investigativen Journalismus zu Kirchenthemen in Deutschland

5. März 2016 | Von | Kategorie: Perspektiven und Probleme, Religionskritik

SPOTLIGHT: Der Film.

Über die gute Macht der kritischen Presse und das Fehlen des Recherche-Journalismus in Deutschland….

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der große Spielfilm SPOTLIGHT (eigentlich auch ein „gespielter Dokumentarfilm“) beweist: Wenn der politische, der demokratische Wille bei Journalisten geweckt und dann tatsächlich auch gelebt wird, kann durch journalistische Recherche unglaublich Wichtiges und Wertvolles geleistet werden. Das Investigativ-Team der Zeitung „Boston Globe“ (USA) hat allen Einschüchterungen und Angstmachereien der „großen Herren“ ,vor allem in der römischen Kirche von Boston, widerstanden; die Journalisten haben in diesem Umfang sicher als die ersten (2002) der Welt gezeigt: Es gibt einen weit verbreiteten Missbrauch von Kindern durch Priester im Erzbistum Boston. So wurde die Wahrheit frei gelegt, die mit aller Macht zugedeckt und verschwiegen wurde von den Vorgesetzten, also den kirchlichen Bürokraten an der Spitze. Sie werden ja oft „Verantwortliche“ und „Elite“ genannt, ein seltsamer Titel angesichts ihrer Kumpanei, die eigenen Leute, die Kleriker, unter allen Umständen zu schützen. Diese Tatsache erschüttert genauso wie das Leiden der Opfer Mitgefühl weckt und Schmerz. Dass in der Kirche zuerst der Schutz des Klerus gilt, selbst im Falle von Vergehen, Verbrechen oder Mitwisserschaft, trifft noch immer zu, ist eine Tatsache: Allein die Anwesenheit des damals (2001) alles vertuschenden Kardinals Law aus Boston nun in Rom spricht Bände:

„Im Dezember 2002 verließ Law Boston nach Rom und entging somit einer bereits erlassenen Vorladung des Staatsanwalts zum Vorwurf der Beihilfe zum sexuellen Missbrauch von Kindern.(Wikipedia). Der Spotlight Artikel erschien in „The Boston Globe“ Anfang Januar 2002. Von 2004 bis 2011 war Law verantwortlicher Priester in berühmten Kirche Santa Maria Maggiore in Rom.

Man denke auch daran, dass der Nuntius der Dominikanischen Republik, Erzbischof Wesolowski, Kinder in Santo Domingo missbrauchte, nach der Aufdeckung seiner Taten (2013) aber nicht den Behörden der Dominikanischen Republik übergeben wurde, sondern eben schnell nach Rom flog und sich dann im Vatikan versteckte bzw. dort im Hausarrest festgehalten wurde. Er soll, so wird behauptet, eines normalen Todes, Herzstillstand, vor seinem Prozess im Vatikan am 27.8.2015 gestorben sein…Auch dem australischen Kardinal George Pell wird Vertuschung von pädophilen Untaten der dortigen Priester mit vielen Gründen vorgeworfen. Er lebt jetzt im Vatikan, kein Geringerer als Papst Franziskus ernannte ihn am 24.2.2014 zum Leiter der päpstlichen Wirtschaftsbehörden. Das kirchliche Motto des Kardinal heißt bezeichnenderweise: „Nolite timere, fürchtet euch nicht!“

Über den Film SPOTLIGHT ist mit gutem Grund sehr vieles Lob geschrieben worden; wunderbar, dass er einen Oscar in der Kategorie Bester Film erhielt. Selbst die Tageszeitung des Papstes, der Osservatore Romano, empfiehlt den Film oder auch der Erzbischof von La Valetta, Malta, Charles Scicluna. Er fordert sogar, alle Klerikern, sie sollten sich unbedingt den Film anzusehen. (siehe La Croix, Paris, 1.3.2016).

Im Religionsphilosophischen Salon wollen wir nur aus unserer religionskritischen Perspektive (und der journalistischen auch !) einige weiterführende Fragen stellen:

Gibt es heute überhaupt Recherche-Teams unter Journalistinnen und Journalisten, die für kirchliche Medien arbeiten? Gehört unabhängige Recherche zum Profil eines Journalisten, der in einem der kirchlichen Blätter arbeitet? Wollen die Herausgeber, also die Kirchenleitungen, überhaupt investigativen Journalismus? Wir kennen die Szene als Journalisten auch von Innen her recht gut, und geben uns selbst die Antwort: Nein, investigativen Journalismus gibt es in kirchen-abhängigen Medien nicht, zumindest nicht in Deutschland. Wie ist das zu deuten? Ist Kirchenpresse eine milde Form von Propaganda? Sicher spielt das eine Rolle, und auch die Angst vor der Freiheit des Wortes.

Gibt es investigativen Journalismus in Deutschland zum Thema Religionen und Kirchen in der übrigen, der nicht kirchlich bestimmten Presse? Da könnte sicher mehr geschehen, viele große Zeitungen bearbeiten das Thema Religionen und Kirchen eher nebenbei, abgesehen jetzt von den Reportagen zum Islam… Aber welches Blatt wagt sich an das Thema „Trennung von Kirche und Staat in Deutschland“ wirklich mit einer großen Stoy? Welches Blatt wagt sich mit einer großen Story also über mehrere Seiten an die Frage: Welches Niveau haben heute eigentlich die zahlreichen katholisch-theologischen Fakultäten und Hochschulen? Darf man nach der (gesellschaftlichen und praktisch-kirchlichen) Relevanz vieler der dort geschriebenen Doktorarbeiten fragen? Ist das Kirchliche Gesetzbuch, der Codex, jetzt nicht endgültig vorwärts und rückwärts für den Dr. Theol. durchgebetet, Verzeihung, durchgeackert worden? Oder ein anderes tolles Recherche-Thema: Wie viel Geld verdienen tatsächlich Erzbischöfe und Bischöfe in Deutschland? Und wie viel Grundbesitz und wie viel Vermögen haben die sich arm nennenden katholischen Ordensgemeinschaften in Deutschland?

Darüber sagen die „armen Ordensleute“ naturgemäß nichts. Sie erläutern auch nicht, warum die frommen Leute angesichts des Reichtums der Orden immer noch weiter brav für sie spenden sollen.

Wann werden sich investigative Journalisten an dieses Themen wagen: Den – vielfach so zurecht bezeichneten – Orden der Milliardäre, also den Orden der Legionäre Christi? Wann wird als Fortsetzung zu SPOTLIGHT ein Film, ein dokumentarischer Spielfilm, über den Gründer der Legionäre Christi, Pater Marcial Maciel gedreht, den sogar Papst Benedikt XVI. einen Verbrecher nannte.

Tatsache ist: Von sich aus leistet die katholische Kirche keine umfassende Aufklärung zu den drängenden Fragen, die gesellschaftlich relevant sind. Fehlt es an investigativem Journalismus, dann gibt es auch keine Aufdeckung verdrängter Wahrheiten. Das ist die traurige Wahrheit. So kann, um ein Wort Jesu zu zitieren, die Wahrheit gar nicht freimachen, weil es keinen unabhängigen, ausdauernden und Widerstands-bereiten investigative Journalismus gibt.

Heute sind fähige und tatsächlich auch vom Fach her qualifizierte Journalisten (also Theologen und Religionswissenschaftler oder Philosophen) in Festanstellung (nur die haben die Zeit und das Geld, sich um diese Themen zu kümmern) offenbar kaum noch zu finden … oder sie sind mit Arbeit überlastet.

Wir finden es traurig, dass der verdienstvolle Dominikaner Pater Thomas P. Doyle, der in den USA seit langer Zeit für die Missbrauchsopfer eintritt, in Deutschland nahezu unbekannt ist bzw. unbekannt „gehalten“ wird.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon



Sineb El Masrar: „Emanzipation im Islam“. Ein Gastbeitrag von Monika Herrmann

1. März 2016 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Religionskritik

Probleme benennen statt zu verschweigen. Über das neue Buch von Sineb El Masrar: „Emanzipation im Islam“.

Ein Gespräch mit der Autorin.

Die Fragen stellte Monika Herrmann.

Eine junge Muslima schreibt ein Buch und kritisiert darin ihre eigene Community, ihre Glaubenschwestern ganz besonders. Grund: „Weil sie das unterdrückerische System der Männer im Islam einfach übernehmen und akzeptieren“. Sineb El Masrar fordert Muslimas auf, mal nachzudenken, sich zu wehren. Schonungslos benennt sie die Gewaltstrukturen im Islam, die immer mehr Frauen akzeptieren. Die Folge: Viele von ihnen schließen sich radikalen Gruppen an.

Frage: In Ihrem Buch reden Sie Klartext und kritisieren nicht nur die Männer im Islam, sondern auch das Verhalten der Frauen. Haben Sie nicht Angst, dass Sie sich damit viele Feinde machen?

Sineb El Masrar: Nein, überhaupt nicht, ich stelle ja keine Behauptungen auf, sondern belege im Buch die Tatsachen ganz offen. Also das, was wirklich passiert. Punkt. Wie die Akteure das dann wahrnehmen, wird man sehen.

Trotzdem: Es geht im Buch knallhart gegen muslimische Männer, die keine Scheu haben, Gewalt gegen Frauen auszuüben. Und viele lassen sich das auch gefallen. Was läuft da eigentlich?

Ja, das frag ich mich natürlich auch. Aber es gibt bei vielen Muslimas eben diese sozialen Zwänge, Abhängigkeiten, wenig Selbstbewusstsein. Anders sind diese teilweise debilen und unterwürfigen Positionen der Frauen nicht zu erklären. Ich sage deshalb: irgendwo müssen diese Frauen, die das alles erdulden, wohl auch psychische Traumata erlebt haben, wenn sie sagen: Ja, ich erdulde alles und befolge das, was die Männer mir vorgeben.

Es gibt Muslimas, die diese Unterdrückung nicht mitmachen, die sich wehren. Haben sie gar keinen Einfluss auf ihre Schwestern, die anders ticken?

Das Problem: Es gibt wenig Solidarität unter diesen Frauen. Aber das ist wie in der Frauenbewegung oder in der Familie überhaupt. Selbst unter Feministinnen ist frau sich nicht immer einig. Bei muslimischen Frauen ist das nicht anders. Ihr sozialer Hintergrund spielt oft eine große Rolle.

Im Buch heißt es, dass viele muslimische Männer der Meinung sind: Gewalt gehöre zum Islam, eben auch Gewalt gegen Frauen. Die Männer begründen das mit Inhalten im Koran.

Diesen Schwachsinn geben die Herren tatsächlich von sich. Wir sollten allerdings fragen, warum sie den Koran so interpretieren. Was liegt da vielleicht auch psychisch bei ihnen im argen, in der Erziehung, in der Sozialisation? Wie war die Beziehung zur Mutter, in der eigenen Community? Da liegt, glaube ich, der Hund begraben. In diese Richtung müssen die Fragen gestellt werden, warum diese Männer so sind wie sie sind und warum bestimmte junge Frauen ihren Verhaltensweisen folgen.

Sie sagen, dass selbst gebildete Frauen, oft nicht den Mut haben, sich zu wehren. Auch jene, die in Westeuropa, in Deutschland aufgewachsen sind, übernehmen vielfach die Vorgaben der Männer.

Genau. So ist es. Viele Frauen wünschen sich Anerkennung von Männern. Aber: Wenn ihnen ein Mann sagt, sie sollen das und das machen, weil Allah sie bei Verweigerung verfluchen würde, dann frag ich mich schon, warum diese Frauen nicht mal an die Urquellen ihrer Religion gehen. Dort würden sie nämlich diese Drohung nicht finden. Aber die meisten Frauen forschen eben nicht nach und vertrauen der falschen Sicht der Männer, die sich als Tradition durchgesetzt hat, aber deshalb nicht unhinterfragt bleiben muss.

Es gibt eine Stelle im Koran, die das Schlagen der Frauen erlaubt.

Ja, aber Koranverse sind manchmal auch widersprüchlich und interpretierbar. Im Koran wird auch dazu aufgefordert, den Verstand, den wir von Gott bekommen haben, zu benutzen. Interessant ist nun, dass bestimmte Männer und Gelehrte im Islam zu den Schlussfolgerungen kommen, Frauen zu kontrollieren, zu unterdrücken. Interessant auch, dass andere Gelehrte, die viel frauenfreundlicher waren und sind, gerne mal ignoriert oder gar angegriffen werden.

Die Ereignisse in Köln haben dazu geführt, von einem sehr radikalen Islamverständnis im arabischen Raum zu sprechen. Männer mit diesen Wurzeln stehen mit ihrem frauenfeindlichen Verhalten besonders in der Kritik.

Frauenrechte sind nicht in allen arabischen Staaten selbstverständlich. Besonders schwierig ist es in Afghanistan, Pakistan oder in Saudi Arabien. In Marokko gab es vor vielen Jahren eine Reform des Familienstands-Gesetzes. Im Moment wird dort das Erbrecht reformiert. Hintergrund: Frauen sollen mehr Rechte bekommen. Das zeigt, dass in einigen arabischen Staaten auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Situation der Frauen stattfindet. Aber bis dieses Denken auch in jede Ecke der Länder durchdringt, das braucht Zeit. Die sozialpolitischen und gesellschaftlichen Zustände in diesen Ländern sind einfach nicht mit europäischen Verhältnissen zu vergleichen.

Stimmt mein Eindruck, dass nach den Silvesterereignissen in Köln über Männergewalt, Frauenunterdrückung auch in der muslimischen Welt mehr und kritischer geredet wird, vielleicht auch mutiger?

Viele Muslime haben immer schon die religiös begründete Gewalt innerhalb des Islam kritisiert. Was in Köln passierte, hängt jetzt nicht unbedingt mit der Religion der Männer zusammen. Diese Männer haben das getan, weil sie ohnehin mit Frauen respektlos umgehen, vielleicht unter Drogen- und Alkoholeinfluss standen. Das war einfach eine sehr aggressive Truppe von Männern, die keinerlei Respekt vor Frauen haben. Man kann dann natürlich fragen, ob es eine Legitimation für solches Verhalten im Islam gibt.

Und – gibt es die?

Natürlich nicht. Doch es gibt auch Prediger oder Gelehrte, die sagen: Wenn eine Frau zu später Stunde rausgeht und sich nicht verhüllt, darf sie sich nicht wundern, dass sie angegriffen und belästigt wird. Ich sage da: Stopp, selbst eine Frau, die nackt rausgehen würde , ist nicht einfach verfügbar.

Auch in Flüchtlingsunterkünften gibt es Übergriffe. Frauen werden von Männern angemacht, sexuell belästigt. Es heißt, die vielen allein reisenden jungen Männer toben sich jetzt aus.

Ich behaupte, dass diese Männer auch in ihren Herkunftsländern Frauen belästigen und erniedrigen. Das gibt es dort überall und zu jeder Stunde. Hierzulande ebenso, nur oftmals nicht so plump. Man muss jetzt mit solchen Männern ernsthaft sprechen, ihr Verhalten verurteilen. Auch die muslimische Gemeinschaft muss sich damit auseinandersetzen. Wichtig ist mir zu sagen: Ja, es gibt diese Männer. Die tun das, weil sie keinen Respekt vor Frauen haben. Aber es gibt eben auch eine sehr große Zahl von muslimischen Männern, die das verurteilen und sich sofort dagegen positionieren, wenn sie so etwas mitbekommen. Also ich differenziere da, was nicht bedeutet, über die Schieflage nicht zu reden. Deshalb habe ich auch das Buch geschrieben. Und mir war auch wichtig, im Buch Namen zu nennen, damit nicht wieder alle Muslime über einen Kamm geschert werden.

Was können und sollten die Islamverbände tun, die es in Deutschland gibt?

Ehrlich gesagt, von ihnen erwarte ich momentan nicht viel. Ich finde, die Verbände stecken Muslime eher in einem zwanghaften Korsett, das sie an der Integration hindert. Sie wollen nicht das verbindende, sondern eher das trennende. Es ist aus meiner Sicht auch nicht hilfreich sie in die Integrationsarbeit mit Flüchtlingen einzubinden. Ich bin der Meinung, dass die Islamverbände sich selbst erst finden und integrieren müssen, bevor sie andere integrieren. Sie verbreiten ein Islamverständnis, das genau das Gegenteil von Versöhnung, Pluralismus, Integration und Demokratie ist. Sie verbreiten einen Islam, der zum großen Teil nicht nur konservativ, sondern auch islamistisch und salafistisch ist.

Sie informieren im Buch auch über die Muslim-Schwestern, die mit den radikalen Muslim-Brüdern zusammenarbeiten. Was passiert da?

Sie verbreiten gemeinsam mit den Männern ein radikales Islamverständnis. In Deutschland sympathisieren viele von ihnen oft unbewusst mit dieser Ideologie, weil sie auf der Suche nach Identität sind. Frauen verhüllen sich mit der so genannten Niqab. Problematisch ist aber, dass ihre islamistischen Positionen nicht immer offen gelegt werden und deshalb oft unkritisiert bleiben. In unserer deutschen Gesellschaft gibt es da viel Aufklärungsbedarf. Denn inzwischen konvertieren ja auch Nicht-Muslime zum Salafismus und sympathisieren auch mit den Rechtspopulisten.

Deshalb vergleichen sie im Buch den Nationalsozialismus mit dem Salafismus und dem Dschihadismus. Ziemlich gewagt. Welche Parallelen sehen Sie?

Es gibt im Salafismus und Dschihadismus einen sehr starken Antisemitismus, übrigens auch bei der Muslimbruderschaft. also eine Erscheinung, die es auch bei den Nazis gab und bei den heutigen Rechten. Ihr gemeinsames Motto: Man muss Feindbilder aufbauen, um sich über andere zu erhöhen und um Menschen zu mobilisieren. Ein faschistoides Gedankengut – eindeutig. Aber man muss das benennen. Wir leben in einer Demokratie, wo Pluralismus und Religionsfreiheit, aber auch die Freiheit nicht religiös zu sein, gewährleistet sein muss. Wenn man das als ein Problem nicht darstellt, dann hat unsere Gesamtgesellschaft ein Problem.

Bedeutet das, dass Pegida-Anhänger und AFD-Mitglieder den Salafisten sehr nahe stehen?

Gewissermaßen ja. Es gibt viele Muslime, die die AFD Positionen zu Familie, Medien und Erziehung eigentlich gut finden und sie auch wählen und unterstützen würden, wenn sie nicht so Anti-Islam wären. Sie finden ihr Familienmodell gut, aber auch den Aufruf zur Schließung der Grenzen. Sie sind gemeinsam gegen Homosexualität und bevorzugen alte konservative Rollenmodelle. Der Salafismus ist ja an sich rassistisch, weil er sagt, wir haben das einzig richtige Islamverständnis und alle anderen Rechtsschulen im Islam lehnen Salafisten ab. Also ein Salafist ist bereits ausgrenzend innerhalb der eigenen muslimischen Vielfalt.

Ein ziemliches Horrorbild. Wie wird die Zukunft aussehen? Droht ein Religionskrieg?

Ich will keine Panik verbreiten. Aber die Dinge, die im Buch nachzulesen sind, müssen einfach mal offengelegt werden, um die Menschen zum Nachdenken zu bringen. Auch die Muslime. Die meisten von ihnen wollen ja einfach nur gute Gläubige sein. Aber viele Akteure missbrauchen das. Ich will deutlich machen: Hier gibt es ein Problem und darüber müssen wir reden. Wenn wir uns alle damit auseinander setzen, wird es auch keinen Religionskrieg geben. Wir dürfen einfach keine Angst davor haben, alles zu hinterfragen. Wenn wir das nicht tun, nehmen wir allerdings diejenigen in Schutz, die nichts Gutes wollen.

Sineb El Masrar, Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden, Herder, 320 Seiten, 24,99 €

Sineb El Masrar (34) wurde als Tochter marokkanischer Einwanderer in Hannover geboren. Sie lebt und arbeitet heute in Berlin, ist Journalistin und Autorin und leitet das Online-Magazin Gazelle.



Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

10. Februar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Legionäre Christi - Kritische Studien, Religionskritik, Termine

Mexiko: Das Land der Legionäre … Christi

Ein Hinweis von Christian Modehn

Eine Lektürempfehlung für alle, die Spanisch lesen können: Ein Beitrag (2014 publiziert)  von dem berühmten Recherche-Journalisten Raul Olmos (Mexiko)  über das Finanzimperium der Legionäre Christi, klicken Sie hier, auch mit hübschen Fotos.

Papst Franziskus besucht vom 12. bis 18. Februar 2016 Mexiko, sicher mit wichtigen Begegnungen in der Drogen-Stadt Ciudad Juarez oder in Chiapas, wo die Indigenas heftigsten Verfolgungen der Regierungen ausgesetzt waren. Und der „Indio-Bischof“ Ruiz vom Vatikan bedrängt, wenn nicht verfolgt wurde. Aber Papst Franziskus besucht auch das Land, das die Opfer des sexuellen Mißbrauchs in der römischen Kirchewelt stets im Kopf und in der verwundeten, zerstörten Seele haben, das Land, in dem der immer noch existierende Orden „Legionäre Christi“ von dem mexikanischen jungen Mann Marcial Maciel vor 60 Jahren gegründet wurde. Fehlt nur noch, dass der Papst an Legionärs-Geburtstagsparties in Mexiko-Stadt, etwa an der edlen Privatuni des Ordens, teilnimmt.

Der Ordensgründer Marcial Maciel wurde selbst von dem eher feinsinnigen und moderaten Papst Benedikt XVI. als unwürdiges Geschöpf und gar als Verbrecher bezeichnet, zu lang ist die Liste seiner Jahrzehnte langen Verbrechen an Knaben, zu lang die Liste seiner Betrügereien, seiner grenzenlosesten Habgier .. und die Liste seiner dem Anschein nach frommen Bücher usw. Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat über die Gestalt Pater Maciels, eines ganz dicken Freundes von Papst Johannes Paul II. und etlicher Kurien-Kardinäle, seit 10 Jahren berichtet.

Wir weisen anläßlich der Reise des Papstes nach Mexiko, förmlich DAS Legionärsland immer noch, auf ein wichtiges Buch über den Milliarden Dollar-reichen Orden eines mexikanischen TOP-Journalisten hin…. und fragen uns, warum denn eigentlich kein Verlag deutscher Sprache, kein ARD Sender, kein kompetenter Regisseur wie etwa Ulrich Seidl sich dieses Themas annimmt. Nirgendwo ist die Korruption im römischen System deutlicher mit Händen zu greifen als bei den Legionären Christi. Der mexikanische Recherche-Journalist Raul Olmos hat inzwischen (2015) eine umfangreiche Studie als e book über das Finanzimperium der Legionäre Christi publiziert. Bisher hat sich kein Verlag in Deutschland für diese Studie interessiert…Wir erinnern noch einmal daran, dass schon 2001 der spanische Journalist Alfonso Robles Torres in seiner Studie („La prodgiosa aventura de los Legionarios de Cristo, Madrid FOCA) darauf hinwies, dass der mexikanische (aus dem Libanon stammende) MultiMILLIARDÄR Carlos Slim und seine Familie mit dem korrupten Ordensgründer Marcial Maciel eng freundschaftlich verbunden war, „como el sacerdote de cámara de la familia Slim“, Seite 51, also „wie ein Hausgeistlicher der Familie Slim“. Das Vermögen der mexikanischen Familie Slim wird auf 60 Milliarden Dollar (2008) geschätzt, so die Pariser Zeitschrift aus dem Haus Le Monde, „Manière de voir“, Juin 2008, Seite 45).

Für weitere Informationen klicken Sie bitte hier.



Der Moskauer Patriarch Kyrill, Profil eines Putin-Theologen

10. Februar 2016 | Von | Kategorie: Religionskritik, Remonstranten Forum Berlin, Termine

Der Moskauer Patriarch Kyrill, Profil eines Putin-Theologen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 12. Februar 2016 treffen sich Papst Franziskus und das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, in Havanna. Der Papst macht eine Zwischenlandung auf dem Weg nach Mexiko, der Patriarch hält sich zu  einer Art Freundschaftsbesuch bei den Brüdern Castro auf. Für Rom ist seit Jahren das sehr dringende Verlangen bekannt, doch endlich einmal eine Begegnung des Papstes mit dem Chef der russischen Orthodoxie zu arrangieren. Es soll der heftige Wunsch schon Papst Johannes Paul II. gewesen sein, einmal in Moskau den Patriarchen zu treffen. Nun klappt es also wenigstens in Cuba… so sehr ziert sich der Herr Patriarch, er hat verhindert, dass der alte Feind aus Rom doch bitte nicht in Moskau auftaucht… CUBA entspricht, so möchte man mit leichtem ironischen Ton bemerken, einmal mehr seinem selbstverständlich „allseits“ hoch geschätzten Ruf als „Land der Begegnung und Völkerfreundschaft“.

Falls es einige LeserInnen interessiert: Der Religionsphilosophische Salon Berlin hat sich seit etlichen Jahren mit der engsten Nähe des Putin-Regimes und des Moskauer Patriarchats befasst, vor allem wurde immer wieder auf die ausgezeichneten Beiträge der Philosophen Michael Ryklin in der stets empfehlenswerten Zeitschrift „LETTRE international“ hingewiesen, Prof. Ryklin lebt in Berlin und Moskau.

Wir möchten einen Beitrag noch mal zur Lektüre empfehlen, der 2012 bzw 2014 über Patrirach Kyrill und seine Freunde im Kreml veröffentlicht wurde: Klicken Sie zur Lektüre bitte hier und fragen Sie sich, wie wir im Religionsphilosophischen Salon Berlin, welche kritischen Themen denn mit einem solchen Putin-Patriarchen besprochen werden können und sollten.



Der Leichnam Pater Pios im Petersdom ausgestellt: Eine Scharlatanerie?

30. Januar 2016 | Von | Kategorie: Religionskritik, Termine

Der Leichnam Pater Pios (1887-1968) wird im Petersdom ausgestellt: Eine Scharlatanerie?

Ein Hinweis von Christian Modehn. Was Papst Franziskus zu Pater Pio sagt und wie groß der Ansturm der Pio-Fans ist: Dazu Informationen, publiziert am 6.2.2016, weiter unten.

Wie der Philosoph G.W.F. HEGEL den Reliquienkult deutet, lesen Sie hier.

Es ist ein merk-würdiges und bedenkenswertes Zusammentreffen zweier Ereignisse: Beide dokumentieren auf verschiedenen Ebenen in unserer Sicht die unvernünftig erscheinende Glaubenspraxis im Vatikan: Am 30.1. 2016 gibt es Massendemontrationen in Italien gegen das Vorhaben der Regierung, auch in diesem Land endlich – sozusagen als Schlußlicht in Europa bei diesem Thema – die eingetragene Partnerschaft von Homosexuellen gesetzlich zu ermöglichen. Der Vatikan ist mit üblichen Argumenten sozusagen der Lieferant ideologischer, religiöser Weisheiten. Aus der schlichten Beschreibung im Alten Testament „Als Mann und Frau schuf Gott die Menschen“ (Genesis, 1,27) wird gefolgert: Also kann es deswegen nur eine Ehe von Frau und Mann geben. Von der einzig möglichen Heteroehe ist in diesem Bibel-Verslein (verfasst ca. 500 vor Christus) keine Rede. Aber der Vatikan entnimmt der Bibel seine Weisheiten, wie es ihm, demVatikan, gefällt.

An dieses Thema traut sich kein katholischer Theologe „ran“: Die merkwürdige angeblich wundertätige Gestalt des süditalienischen Kapuziner-Paters Pio ist für katholische Theologen tabu. Wovor haben diese gut bezahlten Uni-Professoren Angst? Mit diesem angeblich stigmatisierten Kapuziner, der, empirisch erwiesen, in Italien auch heute noch mehr Verehrung findet als Christus oder Maria,  befassen sich „nur“  Soziologen, Historiker oder Kunsthistoriker, wie etwa Urte Krass, Stigmata und yellow press. Die Wunder des Pater Pio“. Bibliographische Hinweise am Ende dieses Beitrags. Wichtig ist das Buch des Historikers Sergio Luzzatto, das nun nach der italienischen Erstausgabe auch in Frankreich publiziert wurde: „Padre Pio. Miracles et politique à l age laic“, erschienen bei Gallimard (!), 528 Seiten, 30 €. Das Buch setzt die Gestalt dieses Kapuziners in den historischen Kontext, in dem es das Bedürfnis gab, einen Heiligen zu „schaffen“; es beschreibt auch die Anstrengungen derer, die Pater Pio – sicher aus finanziellen Gründen – in die Gestalt eines zweiten Christus erhöhen wollten. 150 Hotels gibt es in San Giovanni Rotondo, wo die Leiche Pater Pios normalerweise ausgestellt wird. Der Autor zeigt, wie die Faschisten sich der Gestalt Pater Pios bemächtigten.

Der Religionsphilosophische Salon als Ort der Religionskritik hat sich mit Pater Pio schon seit Jahren mehrfach befasst. Diesmal ein aktueller Hinweis:

Man glaubt es kaum, schon gar nicht bei dem angeblich progressiven Papst Franziskus: Da wird der Leichnam (im Glaskasten) Padre Pios, des Volksheiligen aus Süditalien und Idols u.a. aller Taxifahrer und Mafia-Bosse, aus Süditalien in den Petersdom umgebettet und vom 8. bis 14. Februar 2016 ausgestellt, anläßlich des so genannten Heiligen Jahres der Barmherzigkeit. Reliquien, ein einbalsamierte Leiche,  soll also den Gedanken der Barmherzigkeit befördern. Auf welchem theologischen Niveau bewegen sich die Herren des Vatikans eigentlich? Oder geht es nur um Werbung für die Kunstschätze des Vatikans und Roms im Heiligen Jahr? Um mehr Geld in den Kassen des Vatikans und der römischen Hotelbetriebe, zu denen bekanntermaßen heute sicher hundert Klöster gehören. Die Klöster stehen leer, und werden in komfortable 4 bis 5 Sterne Herbergen verwandelt, die Augustiner, die Nachbarn des Papstes, taten es in Rom, die römsichen Franziskaner (die bei dem Projekt pleitegingen)  und viele viele andere…Mit Pater Pio, bei vielen sehr schlichten und weniger schlichten, frommen Gemütern, lässt sich Geld machen…

Religionsphilosophen fragen sich, hat mit dieser Darbietung eines Leichnams in der katholischen Hauptkirche die Vernunft nun endgültig den Vatikan verlassen? Muss der Papst sich so populistisch geben und vielleicht dabei noch konservativere Leute dort versöhnen, dass er den Leichnam Padre Pios, sichtbar und zentral im Petersdom ausstellt? Um was zu bewirken? Dass die naiv gemachten und von ihren Pfarrern ungebildet gehaltenen Frommen dort vor der Leiche beten, den Heiligen bitten und anflehen, seine jetzt nicht mehr blutenden Wunden betrachten und vergessen… dass dieser Mann ein Scharlatan war? Davon sprechen viele Studien, selbst einst die Päpste.

Manche Beobachter fragen: Wie lange will der Vatikan heute eigentlich noch die Nerven der Protestanten strapazieren mit solchen irrigen Kulten um einen heilige Scharlatan? Ist alles Reden von Ökumene im Vatikan nichts als Gerede, indem man genau die Dinge heute ausdrücklich wieder tut, die Martin Luther zurecht verurteilte, wie das Ablasswesen (die „heilige Pforte durchschreiten“ usw)., denn auch der Ablass ist bekanntlich wieder so beliebt und eben den Kult um angeblich heilige Leichname bzw. Skelette fördert. De facto sind sich die getrennten Kirchen offenbar bis heute nicht näher gekommen. Das sagt auch jetzt Kardinal Müller, der oberste Glaubenshüter in Rom, wenn er sich die Einheit der Christen nur als Rückkehr zum Papst vorstellen kann. Kurz und gut, warum wagt es kaum jemand zu sagen: Die Ökumene ist nichts als ein schöner, frommer „Schein“? Vielleicht eine Art theologischer Zeitvertreib? Hübsch, wenn man sich zu Konferenzen mit den ewig selben Themen trifft usw. Es geht letztlich unausgesprochen, aber sichtbar im Handeln im Vatikan, nur um die pure Vorherrschaft Roms, eines Roms, som, wie es eben „immer schon war“.

Wir haben schon vor einigen Jahren auf diesen merkwürdigen „Volksheiligen“, der als Priester kaum ein vernünftiges Wort predigen konnte, angeblich mit den Wunden Christi ausgestattet,  aufmerksam gemacht. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier.   

Interessante Hinweise, etwa zur Kritik der Päpste an diesem Scharlatan, bietet auch ein Beitrag aus Stuttgarter Zeitungvon 2015, klicken Sie hier.

Wir empfehlen die Lektüre des Beitrags von Urte Krass, „Stigmata und yellow press. Die Wunder des Pater Pio“ in dem Sammelband aus dem Suhrkamp Verlag (2011), hg von Alexander C.T.Geppert und Till Kössler, dort Seite 383-394. Diese Studie von Urte Krass (München) sollte jedem Besucher der wundertätigen Leiche Pater Pios im Petersdom als Pflicht-Lektüre überreicht werden. Geld genug dafür haben ja die Kapuziner mit ihrem „Wunderpriester“, der auch über seinen Tod hinaus für eine wunderbare Geldvermehrung der völlig naiven Frommen seit Jahrzehnten sorgt.

Die Protestanten sollten im Umfeld des Reformationsgedenken 2017 (und des „Ökumenischen Kirchentages“ 2017) diese Studie lesen, um sich einen Eindruck zu machen, was heute so alles wichtiggefunden wird in der katholischen Volksspiritualität, mitten im Petersdom, mitten in Italien… Diese total irrationale Volksfrömmgkeit wird amtlich, päpstlich,  gefördert …. weil sie soviel Geld-Segen bringt. Bekanntlich hat ja das riesige Krankenhaus in San Giovanni Rotondo und die dortige „wunderbar-große“ Kirche des Stararchitekten Renzo Piano viele Millionen verschlungen…

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ergänzungen am 6.2.2016: Was sagt der (angeblich progressive) Papst Franziskus von Pater Pio: Ein Zitat aus kath.net: „Nachdem am gestrigen Freitag (5.2.2016) die Reliquien von Pater Pio und Leopold Mandic in Prozession in die Petersbasilika gebracht wurden, wo sie bis zum 11. Februar bleiben werden, begrüßte Papst Franziskus die Gebetsgruppen des heiligen Pio in einer Audienz auf dem Petersplatz.
In seiner Ansprache an die Zehntausenden von Pilgern unterstrich der Papst, dass Pater Pio ein „Diener der Barmherzigkeit gewesen sei. Durch das „Apostolat des Hörens, den Dienst der Beichte, sei Pater Pio eine „lebendige Liebkosung des Vaters“ gewesen, der die Wunde der Sünde heile und das Herz mit seinem Frieden aufrichte. Der heilige Pio habe dies tun können, da er immer mit der Quelle verbunden gewesen sei. Er habe ständig seinen Durst am gekreuzigten Jesus gestillt und sei so zu einem „Kanal der Barmherzigkeit“ geworden“. Er habe das Geheimnis des Schmerzes gelebt, den er aus Liebe aufgeopfert habe. So sei sein kleiner Tropfen zu einem großen Fluss der Barmherzigkeit geworden“.

Nebenbei: Wer mag wohl diese Äußerungen dem religiösen Bewußtsein des 21. Jahrhunderts entsprechend finden?

Quelle kath. Net gelesen am 6.2.2016. Wir zitieren – ausnahmsweise – aus dieser sehr konservativen website, weil diese Kreise am ehesten zur Verehrung Pater Pios umfassend berichten.

Und der Fluss der Barmherzigkeit strömt nach Rom zur Leiche Pater Pio, berichtet ebenfalls kath.net am 6.2.2016: „Pilgeransturm zur Reliquie übertrifft Erwartungen. Fünf Stunden Schlangestehen für fünf Sekunden bei der Pater-Pio-Reliquie. Zehntausende nehmen dies auf sich. Von Stefanie Stahlhofen (KNA) 450 Kilometer hat Filomena für diesen Augenblick hinter sich gebracht. Aus Lagonegro in der Basilikata ist die 65-jährige nach Rom gekommen, um die Reliquie des Heiligen Pater Pio (1887-1968) zu sehen. Dreieinhalb Stunden lang stand sie in der Schlange, andere sollen fünf Stunden gewartet haben. Egal. Filomenas Augen strahlen. «Seelenruhe» habe Pater Pio ihr gegeben, sagt sie. Der Glassarg ist kaum zu sehen vor lauter Menschen. Sie hinterlassen Blumenschmuck und kleine Zettel, pressen einen Schal, eine Hand mit oder ohne Rosenkranz, ein Heiligenbild gegen den Schrein. Sie knipsen Fotos mit dem Handy, murmeln ein Gebet. Vor ihnen der Anblick von Pios Leichnam in der typischen Kutte, die schwarz gewordene Hand über der Brust gefaltet. Eine Silikonmaske verdeckt das Gesicht. Sie verleiht dem Heiligen mit dem grauen Bart einen friedlichen Gesichtsausdruck“.

Nebenbei: Da können sich also die Hoteliers und Restaurants und Andenken-Verkäufer in der Heiligen Stadt freuen: Der Euro rollt wieder dank des Heiligen mit der Sikonmaske…. Und der Ablass wird fleißig gewonnen. Leben wir erneut zu Luthers Zeiten, oder was ist los im Vatikan des Jahres 2016? Stellen protestantische Theologen diese Fragen heiute noch? CM.

Quelle:  kath. Net gelesen am 6.2.2016

 

 



Der Übermensch ist wieder da. Ein Hinweis zum Mentalitätswandel in Deutschland

21. Januar 2016 | Von | Kategorie: Religionskritik

Der Übermensch ist wieder da.

Ein Hinweis zum Mentalitätswandel in Deutschland, anlässlich einer Schrott-Mail zum Thema Feindesliebe.

Von Christian Modehn

„Der Übermensch“ ist wieder da und wird (wie in der Nazi-Zeit) als Vorbild und Ideal beschworen. Jene höchst umstrittene Symbol-Gestalt der Philosophie Nietzsches, die so selten im Sinne Nietzsches verstanden wird, aber so oft “populistisch“ mit Herrschaft des Stärkeren, mit Rücksichtslosigkeit „der weißen Rasse“, identifiziert wurde und wird. Weil bestimmte Leute hierzulande meinen, diesen Übermenschen als Alternative zum liebenden, toleranten, friedfertigen Menschen (im Sinne der authentischen Lehren Jesu oder Buddhas und vor allem im Sinne der Erklärung der Menschenrechte) durchsetzen zu müssen.

Dieser hässliche, absolut egoistische Herren- und Übermensch ist also wieder da! Explizit, sichtbar. Und er taucht plötzlich zwischen den Zeilen auf, in Hass und- Schrott-emails, die z.B. geschrieben werden auf einen Beitrag in unserer website zum Thema Feindesliebe im Sinne Jesu. Da schreibt ein offenbar hoch nervöser, das sieht man an der Orthografie, aber offenbar nicht verwirrter älterer Mann dem Redakteur dieser website zum genannten Beitrags zur Feindesliebe: Ich zitiere jetzt wörtlich, und diese Worte sollte man trotz ihrer hässlichen und beleidigenden Polemik einmal wahrnehmen als einen Ausdruck für heutiges Denken in Deutschland im Jahr 2016: „Ich bin nur noch enttäuscht von so einer Antwort. Feinedsliebe, das ich nicht lache. Diese widerwärtigen Asylanten, die unsere Freiheit, Gewalt ausüben, Frauen verachten,  bedrohen auch noch lieben ?!. Das ist schizophren. Da liebe ich eher Zarathustra“. Soweit also die Auslassung eines Herrn, der mit Vornamen HJ. unterzeichnet, der vollständige Name ist der Redaktion bekannt.

Zarathustra ist im Sinne Nietzsches, wie jeder weiß, der Lehrer des Übermenschen. Wir wollen hier die manchmal widersprüchlichen Hinweise zum Übermenschen in der philosophischen Poesie Nietzsches nicht weiter ausführen, es ist bekannt, dass Nietzsche schon in „Jenseits von Gut und Böse“ vom Übermenschen spricht. Nur ein Hinweis des Nietzsche Spezialisten Giorgio Penzo in „Nietzsche Handbuch“, Metzler Verlag, 2000, Seite 342: „Der Übermensch kann als die Chiffre für die authentische Dimension des Menschen angesehen werden“. Also: „Der“ Übermensch ist keineswegs im Sinne Nietzsches das absolute Herrscherwesen eines europäischen Egoismus. Als ein solcher geistert er in den Köpfen und Seelen jener herum, die damit ihre Vorurteile gegen Toleranz und universale Menschlichkeit kaschieren und ideologisch ausschmücken.

Aber um die Nietzsche-Interpretation geht es hier nicht: Es geht um den Wechsel der Werte: Nicht mehr der tolerante, friedfertige selbstkritische, Notleidenden (Flüchtlingen) helfende Mensch steht als Ideal vor Augen, sondern eben der Übermensch, die Herrschergestalt, die ein Oben und ein Unten kennt. Und wertvolle von nicht-so-wertvollen Menschen unterscheidet. Und wer für biblische Werte, wie Feindesliebe, eintritt, wird von diesen Leuten diskriminiert…

copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin



„Ich bin Charlie Hebdo“. Meinen sie wirklich, was sie da sagen?

5. Januar 2016 | Von | Kategorie: Religionskritik, Termine

„Ich bin Charlie“: „Je suis Charlie“.   Meinen sie wirklich, was sie sagen?

Zur Lektüre  empfohlen, ein Jahr nach der Ermordung der Journalisten und Künstler von „Charlie Hebdo“.

Veröffentlicht am 6 .1. 2016.  Zum ersten Mal veröffentlicht am 8.1.2015.

Von Christian Modehn

„Je suis Charlie“: Mit diesem Bekenntnis sind viele tausend Menschen in Frankreich seit dem Abend des 7.Januar auf die Straße gegangen. Sie wollen sich in aller Deutlichkeit solidarisieren mit den Journalisten und Künstlern der Wochenzeitung „Charlie Hebdo“, die einem grauenhaften Mord (treffender wäre das Wort „Abschlachten“) zum Opfer fielen. Das Bekenntnis „Je suis Charlie“ wird jetzt auch außerhalb Frankreichs öffentlich gebraucht: Sogar die „Berliner Morgenpost“ aus dem Hause Springer (!) setzte diesen Spruch am 8.1. auf ihre erste Seite. Will Springer den Geist der Charlie Hebdo „übernehmen“?

Natürlich ist es bewegend und großartig, wenn sich so viele Menschen und Medien mit den Hinterbliebenen und den noch lebenden Mitarbeitern der Zeitschrift solidarisieren, wenn sie sich sogar selbst mit der Zeitschrift Charlie identifizieren. Denn das ist doch wohl auch gemeint: Ich bin „Charlie Hebdo“, also: In mir lebt –sozusagen – „Charlie Hebdo“ weiter.

Wenn dieses Bekenntnis mehr sein soll als eine plötzlich aufwallende, aber alsbald wieder verschwindende Form von verwandelter Trauer und Wut, dann müssen doch die Konsequenzen eines so beachtlich-schönen Bekenntnisses deutlich werden und den Bekennern auch explizit bewusst gemacht werden:

Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt und sich mit dem Geist dieser Zeitung identifiziert, der/die

– bekennt sich zur radikalen Form der Religionskritik, die sich öffentlich äußert und angesichts der Überflutung durch die Medien eben drastisch und auffällig zeigen muss, eben wie es Charlie Hebdo tat und wohl weiterhin auch machen wird. Religionskritik in „Charlie Hebdo“ war provozierend, aber klug, sie befreite von Tabus, schuf Raum für neues Denken.

– bekennt sich zur Möglichkeit, selbst bis an die Grenze der Gotteslästerung Religionskritik zu üben. Denn leitend für die Leute von Charlie ist die Überzeugung: Den Gott als Gott (wenn es ihn denn gibt, in der Sicht der Journalisten dort) kann kein Mensch „lästern“. Gotteslästerung ist nur eine andere, zugespitzte Form, allzu menschliche Gottesbilder und allzu menschliche, d.h. schon korrupte und politisch instrumentalisierte Frömmigkeitsformen zu kritisieren. Für diese Kritik sollten auch die Frommen dankbar sein, weil sie auf den Weg eines tieferen und selbstkritischen Glaubens geführt werden. Die meisten Frommen haben bisher dafür wenig Verständnis. Selbst die Christen können nicht mit Humor auf ihre eigenen fehlgeleiteten religiösen Praktiken schauen. Sie können z.B. über ihr eigenes frommes Tun und Gehabe nicht laut lachen. Welcher Bischof lacht schon, wenn er seine Mitra aufsetzt, den Ring ansteckt und dann betulich durch die Kirche schreitet? Verärgerte Katholiken ziehen angesichts der „Lästerungen“ oft vors Gericht. Meist scheitern sie dort. Nicht weil die Rechtsprechung in einer Demokratie „atheistisch“ ist, sondern weil man weiss: So furchtbar tief beleidigt sind die religiösen Menschen von Karikaturen doch nicht. Vor zwanzig Jahren haben katholische Fanatiker noch Kinosäle in Paris in Brand gesetzt, in denen der religionskritische Film „Je vous salue Marie“ gezeigt wurde. Aber die Zeit dieser christlichen Gewalt in Westeuropa ist wohl vorbei…Gewalttätig sind die Christen nur noch „geistig“, d.h. ungeistig mit rigiden sexual-ethischen Verboten.

Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt und sich mit dem Geist dieser Zeitung identifiziert, der/die

– bekennt sich zu der Erkenntnis, dass wichtiger als konkrete Religion, wichtiger als alle Dogmen und Gebote, wichtiger als alle so genannten heiligen Schriften die MENSCHLICHKEIT ist, die uns Menschen, so unterschiedlich wir auch sind, VERBINDET und zur Gestaltung einer offenen, toleranten und demokratischen Gesellschaft aufruft. Religion und Dikatatur welcher Art auch immer sind nicht vereinbar: Auch das ist die Botschaft von „Charlie Hebdo“.

– bekennt sich zu der Aufgabe und Pflicht: Pflegen wir alle Formen der Menschlichkeit, also der Toleranz und des Respekts vor dem Leben eines jeden an erster Stelle und legen wir doch bitte einmal für mindestens 10 Jahre alle dogmatischen Streitigkeiten („Ist Gott dreifaltig oder nur einer, ist die Bibel und ist der Koran eine heilige, unantastbare Schrift“ usw) beiseite. Lassen wir doch mal den religiösen Eifer etwas ruhen! Und planen wir stattdessen eher gemeinsame Veranstaltungen zur Entwicklung der Menschlichkeit.

Wer sich zu Charlie Hebdo bekennt, „ich bin Charlie“ sagt und sich mit dem Geist dieser Zeitung identifiziert, der/die

– bekennt sich zu einer staatlichen Ordnung, in der die Menschenrechte an oberster Stelle stehen, in der die Religionen und ihr Einfluss an zweiter Stelle stehen.

– bekennt ich zu dem Auftrag, die Menschen in dieser Weise zu bilden.

– bekennt sich zu der Einsicht, dass jeder seine persönliche Frömmigkeit, so unterschiedlich auch immer, bitte eher privat oder in religiösen Räumen vor allem pflegen sollte. Immer von der Frage geleitet: Ist meine Frömmigkeit kompatibel mit den Menschenrechten, ist sie kompatibel mit der Grundtendenz des heiligen Textes, den ich verehre? Für Christen wie für Juden und Muslime könnte doch die gemeinsame Erkenntnis gelten: Unser jeweiliger Gott will vor allem Frieden auf Erden. Diese Erkenntnis ist bekannt und tausendmal theologisch belegt. Es gilt sich an diese unzweifelhafte Erkenntnis zu halten.

– bekennt sich zu dem Prinzip: Wichtiger als so genannte Gottesgesetze und Kirchengebote sind die sich ständig weiter entwickelnden Menschenrechte, die Ausdruck der Vernunft sind.

„Je suis Charlie“ bedeutet: Nehmt das gemeinsame Menschliche wichtiger als das Religiöse, indem ihr auch die Geschichtlichkeit der so genannten heiligen Bücher erkennt. D.h.: Gott als Gott kann nicht sprechen. Diese Erkenntnis sollte sich in allen Religionen durchsetzen. Alle heiligen Bücher sind Menschenwerk! Und kein Mensch, auch kein Mörder im Namen Gottes, kann beanspruchen, auf der Seite Gottes zu stehen.

„Je suis Charlie“ bedeutet also: Kümmern wir uns zuerst und immer um die bessere, gerechtere Welt und Gesellschaft. Lesen wir, wenn wir uns auf Frankreich beziehen, doch bitte wieder mal Voltaire und die anderen Philosophen des siècle des lumières: Lassen wir uns den Geist der Aufklärung nicht schlecht reden von Leuten, die oft anstelle des Lichtes (Lumière = Aufklärung!) eher die schummrige Finsternis der etablierten Machthaber lieben. Die hingerichteten Journalisten von Charlie Hebdo sind ihren Weg der Aufklärung gegangen, unermüdlich, trotz aller Drohungen, aller ständigen Belastungen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein kurzes Nachwort:

Wird die große Mehrheit sich an das spontane Bekenntnis halten: „Je suis Charlie“? Schon wenige Stunden nach dem Morden gibt es Stimmen aus dem rechtsextremen Lager, die die Untaten für eigene politische Zwecke nützen wollen: Der alte „Ehrenpräsident“ des FN, Jean Marie Le Pen, spricht von einem Krieg, den die Islamisten angezettelt haben in Frankreich, und auf den man selbstverständlich reagieren müsse (Siehe Fußnote 1). Und die FN-Chefin,Tochter Marine aus der Familie des Parteiführers, möchte gar die Todesstrafe wieder einführen.

Aus dem rechten, rechtsextremen katholischen Milieu kommen Stimmen, dass doch die Zeitung „Charlie Hebdo“ und ihr Eintreten etwa für die so genannte Homo-Ehe nichts als „Zeugnis einer erschreckenden Verdorbenheit“ ist; also die Zeitung sei eigentlich moralisch und ethisch von Übel. Diese These wird ausführlich ausgebreitet in den Publikationen der katholisch-sehr konservativen Studiengruppe „Lepanto“ in Rom. Einer der dort publizierenden Autoren ist Giuseppe Nardi, mit guten Beziehungen zum Vatikan Benedikt XVI., wie Peter Wensierski 2012 im „Spiegel“ schrieb, klicken Sie hier. In der Zeitschrift von „Lepanto“ schreibt auch der deutsche Philosoph Robert Spaemann. Im Lepanto Zentrum arbeiten Leute, die die katholisch formulierten Gottesgesetze zu allgemeinen Gesetzen machen möchten, zur Rettung Europas vor dem „Gift des demokratischen Relativismus“, vor dem auch schon der Heilige Papst Johannes Paul II. mehrfach warnte. (Siehe Fußnote 2).

So treffen sich also die „Verteidiger der Gottesgesetze“ und letztlich die Gegner der liberalen Demokratie aus verschiedenen Religionen nach dem 7.1. 2015 in trauter partieller (!) Gemeinschaft wieder.

Nebenbei: Ein Hinweis zum Titel des katholischen Studienzentrums in Rom: Bei der Schrift von LEPANTO besiegten die Katholiken im Jahr 1571 die Muslime.

Zur weiteren Information über Charlie Hebdo und die Beziehung zu einer katholischen Zeitschrift klicken Sie hier.

Fußnote 1: Aus einem Interview mit dem Ehrenpräsidenten des Front National Jean Marie Le Pen, in „Le Figaro“ am 8.1. 2015 publiziert:  J.M. Le Pen: Dieses Attentat ist wahrscheinlich der Beginn eines Anfangs (des Krieges). Dies ist ein Teil eines Krieges, den uns der Islamismus bereitet. Die Blindheit und Taubheit unserer Führer (Politiker) seit Jahren ist wahrscheinlich verantwortlich für diese Art von Attentaten.

Frage:
Etliche Stimmen fordern jetzt die nationale Einheit. Werden Sie sich daran beteiligen?

J.M. Le Pen: Ich würde zuerst gern wissen, welches die Grenzen dieser nationalen Einheit sind. ..Normalerweise sind wir stillschweigend ausgeschlossen von dem, was man republikanische Einheit nennt… Ich habe keine Lust, die Aktion der Regierung zu unterstützen. Sie ist unfähig und nicht kohärent gegenüber dem Problem, das, evidenterweise von nahem betrachtet, die massive Immigration betrifft, worunter unser Land seit 40 Jahren leidet.

Fußnote 2: Hier ein Auszug aus einer (in unserer Sicht unsäglichen) Stellungnahme dieser rechten Katholiken, veröffentlicht in: Katholisches.info  Dieses“ Magazin für Kirche und Kultur“ bietet am 8.1. 2015  eine Zusammenfassung eines Beitrags von Giuseppe Nardi vom Studienzentrum „Lepanto“ in Rom:

„Charlie Hebdo“ ist eine Zeitung, in der seit ihrer Gründung die Satire in den Dienst einer anarchischen und libertinen (sic, CM) Lebensphilosophie gestellt wurde. Sie kann als extreme, aber letztlich kohärente Ausdrucksform des zeitgenössischen Relativismus des Westens gesehen werden…. Eine Solidarisierung mit den Opfern ist gebotene Pflicht… Die Stiftung warnt jedoch vor einer Solidarisierung mit der Ideologie, die von den Opfern vertreten wurde. Europa dürfe sich nicht vor den falschen Karren spannen lassen….Dann fasst der Infodienst „Katholisches“ die Botschaft des Studienzentrums LEPANTO (Autor Giuseppe Nardi) zusammen:„Die Terrorgruppe, die am 7. Januar 2015 die Redaktion von „Charlie Hebdo“ massakriert hat, könne ihrerseits als extreme, aber letztlich kohärente Ausdrucksform der islamischen Welt gesehen werden. Sie habe in ihrem Mordwahn den Hass sichtbar gemacht, den der Islam gegen den Westen hege, so die Stiftung. Die schreckliche Tat nehme das Schicksal vorweg, das den Westen erwarte. Ein Westen, der unfähig sei, dem Islam die eigenen spirituellen und moralischen Ressourcen entgegenzusetzen, und der sich der Illusion hingebe, daß die Gefahren, „die sich über unserer Zukunft zusammenbrauen, dadurch abgewendet werden könnten, indem man sich dem relativistischen Denken hingibt und dem Islam mit offenen Armen begegnet“.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Kardinal Gerhard L. Müller in Rom: Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos. Zu einem Interview in „Die Zeit“.

2. Januar 2016 | Von | Kategorie: Befreiung, Benedikt XVI. - Kritische Hinweise, Religionskritik

Er hat die Wahrheit. Er verteidigt sie kompromisslos: Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Vatikan.

Zu einem Interview in „Die Zeit“ mit Evelyn Finger vom 30. Dezember 2015, Seite 54.

Hinweise von Christian Modehn

Grundsätzliches zur Erinnerung: Lebendige Philosophie muss –wegen des Zustandes der Religionen heute – auch Religionskritik sein.

Ergänzt am 2.3.2016: Inzwischen hat Pater Klaus Mertes SJ in einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ (am 1.3.2016) den Rücktritt von Kardinal Gerhard Müller gefordert, wegen dessen offenkundiger  Verschleierungspraxis im Umgang mit  sogenannen pädophilen Tätern zu einer Zeit, als Müller Bischof in Regensburg war (Die Opfer: Etliche „Domspatzen“). Es bleibt abzuwarten, wie der oberste Chef der Glaubensbehörde mit dem berechtigten Hinweis von Pater Mertes umgehen wird.  Die entscheidende Passage aus dem Interview können Sie am Ende dieses Beitrags lesen. 

Das Interview mit Kardinal Gerhard Ludwig Müller in „Die Zeit“ offenbart die Denkweisen und damit auch die Art, mit Gläubigen umzugehen, die in der Glaubensbehörde im Vatikan heute gültig sind. Leider ist zu befürchten, dass sie nach dem Tod von Papst Franziskus verstärkt fortgeführt werden.

Es lohnt sich, aus dem Text in der „ZEIT“ einige Behauptungen Müllers der Deutlichkeit wegen herauszustellen. Sie offenbaren den geistigen, den theologischen Zustand des römischen Katholizismus im Vatikan. Sie zeigen, wie dort eine von mehreren theologischen Überzeugungen zu „der“ Lehre „des“ Katholizismus hochgespielt werden, ungeachtet jeglicher theologischer Sensibilität für andere, bessere und wissenschaftlichere Formen des Denkens. Müllers Theologie soll als katholische Welt-Theologie gelten.

Zum Titel des Beitrags: Ein Zitat von Kardinal Müller: „Die Kirche ist kein Philosophenclub“.

Ich meine: Wäre die römische Kirche wenigstens annährend auch so etwas wie ein Philosophenclub, würden die Fragen und die Fraglichkeit, das Suchen und das Zweifeln, also die elementare Lebendigkeit des Geistes und der Vernunft, nicht unterdrückt werden wie in einem vatikanischen Club, der sich der absoluten Wahrheit total gewiss ist und diese Gewissheit einem einzelnen Herrn, dem Kardial Müller, zu schützen anvertraut hat. Ohne Fragen gibt es kein geistiges Leben! Das wussten schon die antiken Philosophen. Es gab frühchristliche Theologen, die die Kirche zurecht als „philosophische Schule“ verstanden. Man denke an Clemens von Alexandrien. Und man lese nur die Bücher des großen Philosophen und Philosophiehistorikers Pierre Hadot.

Kardinal Müller muss sich von Amts wegen, so wörtlich in „Die Zeit“, um die „Delikte gegen den Glauben oder die Heiligkeit der Sakramente kümmern“.

Ich frage: Was heißt das nette, das caritative Wort „kümmern“? Bis heute werden katholische Theologen von Müllers Behörde, besonders gern auch Theologinnen, angeklagt wegen Irrlehren… Dann aber ohne offenen, menschenwürdigen Prozess, sie werden abgesetzt und ins Abseits gedrängt. Das bedeutet also „kümmern“. Müller spricht von „Delikten“ gegen den Glauben und gegen die Sakramente. Ich meine: Delikte begehen Verbrecher. Sind denn jene Theologen Verbrecher, die gegen die totalitäre Sprachgewalt der Dogmatik rebellieren? Sind sie Verbrecher, weil sie wissen, dass diese römische Dogmatik in ihren Formulierungen schon fast steinzeitmäßig veraltet ist?

Wie kommt eigentlich jemand dazu, sich als absoluter Herr „der“ Wahrheit aufzuführen?

Irritierend ist ferner, dass Müller davon spricht, für beide Päpste, also Benedikt XVI. und Franziskus, „die Arbeit zu koordinieren“, das Wort koordinieren wird im Präsenz, als Gegenwart, verwendet. Das heißt: Müller koordiniert auch noch die Arbeit des pensionierten Papstes Benedikt XVI., den – geografisch gesehen – Nachbarn von Franziskus im Vatikan. Welche dogmatischen Fragen werden zwischen den Freunden Müller und Ratzinger besprochen?

Die 20.000 Euro, die vatikanische Ermittler, keineswegs also Polizisten Italiens, in Müllers Büro in einer Wiener – Würstchen-Büchse kürzlich entdeckten, werden von Müller als „Fantasterei der Yellowpress“ abgetan. Interessant, wie der oberste vatikanische Wahrheitshüter (der gegen „Delikte“ vorgeht) mit Wahrheit umgeht, wenn sie ihn bzw. sein Büro selbst betrifft. „Die Fahnder hätten daraufhin im Schreibtisch von Müllers Verwaltungsleiter Monsignore Mauro Ugolini 20 000 Euro Bargeld gefunden, versteckt hinter einer alten Dose Wiener Würstchen. Das Geld sei beschlagnahmt, der Verwaltungsleiter vorübergehend suspendiert worden“. So die SZ am 9.Dezember 2015. „Vatikansprecher Federico Lombardi wies allerdings eine Verwicklung Müllers zurück. Lombardi erklärte am Mittwoch, es seien vor einiger Zeit „einige Unregelmäßigkeiten“ in der Verwaltung der Glaubenskongregation festgestellt worden“, so die „Rheinische Post“ am 9.Dezember 2015. Als Chef der Büros ist dann aber Müller doch mit-betroffen, verantwortlich für solche Delikte. Aber offenbar zählen im Vatikan dogmatische Delikte mehr als finanzielle. Sind SZ und „Rheinische Post“ „Yellowpresses“? Dann ist der „Osservatore Romano“ Super-Yellow.

Kardinal Müller identifizert sich als Chef der Glaubenskongregation, einst die Heilige Inquisition“, offenbar völlig mit dieser Behörde: „Als wir im Jahre 1542 entstanden…“ Mit „Wir“ meint Müller die Heilige Inquisition, heute Glaubenskongregation genannt. Er reiht sich gern ein in diese grausige Tradition.

Schwerwiegender und für alle ökumenischen Initiativen bedrückend ist die Aussage des Glaubenshüters Müllers in “Die Zeit“: „Volle Einheit der Kirche ist nach katholischem Verständnis nur mit dem Bischof von Rom als Nachfolger Petri möglich“. Also: Die protestantischen Kirchen müssen den Papst anerkennen. Welchen Sinn hat dann noch die Ökumene als Weg zur Anerkennung der verschiedenen Kirchen in ihrer Verschiedenheit? Welchen Sinn hat dann noch die Einladung des Papstes nach Wittenberg anlässlich der Reformationsfeiern 2017? Wann werden das die Manager des Protestantismus in Deutschland begreifen? Offenbar denkt Müller genauso wie Ratzinger, der sich auch als Kardinal schon die Einheit der getrennten Kirchen nur vorstellen konnte, wenn alle Kirchen den Papst anerkennen.

„Der“ Glaube wird von Müller verteidigt: Die Lektüre der Bibel durch die Vatikan-Behörden gilt als die einzige mögliche. Für den Theologieprofessor, der Müller einmal war an staatlichen Fakultäten (die, von Steuergeldern bezahlt, eigentlich der kritischen Forschung dienen sollten), gilt: Es gibt nur „das objektive“ vorgegebene Wort Gottes, wie eine Art feste Gesteinsmasse, die ewig unveränderlich im Vatikan ruht und nur angeschaut werden muss, um ewige Antworten zu bekommen. Diese objektivistische Sicht „des“ „Wortes Gottes“ ist ein Hohn auf alle theologische Forschung der letzten Jahrzehnte.

Dem entspricht, wenn Müller sagt, dass „Jesus der einzige Retter der Welt ist“. Wie wenig ist eigentlich der Theologe Müller von den Erkenntnissen moderner Theologen weltweit berührt, die Gott nicht so klein-römisch machen wollen, dass er nur in Jesus Christus die Welt retten will? Kann man Glaubenschef einer Weltkirche sein, ohne die Vielfalt der Theologien heute auch annähernd zu kennen? Das sind die Tatsachen, gegen selbst die progressiven Katholiken nichts, aber auch gar nichts bewirken können. Sie stehen dem System absolut rechtlos gegenüber. Wie Luther, damals.

Die hymnenähnlich Preisung der Hetero-Ehe durch Kardinal Müller ist etwas zum Schmunzeln: „Die Begegnung von Mann und Frau als höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens“ usw., Sprüche, die man schon tausendmal gehört in Rom und bischöflichen Residenzen hat. Die Frage ist nur: Warum verzichtet Gerhard Ludwig Müller persönlich auf diese höchste Verwirklichungsform, wo doch dann, nach den Gesetzen der Logik, der Zölibat etwas Zweitklassiges gegenüber dieser höchsten Verwirklichungsform ist? Warum wählt Herr Müller das Zweitklassige, den Zölibat, den doch eigentlich Paulus für etwas Besonderes hielt? Warum lässt er, warum lässt nicht auch der Papst, verheiratete Männer als Priester zu, die, so heißt es, die höchste Verwirklichungsform des Schöpferwillens in der Hetero-Ehe leben? Es ist der Wille, die klerikale Macht der „Zölibatären“ unter allen Umständen zu verteidigen und bewahren. Diese Überzeugung wurde seit dem Mittelalter grundgelegt. Sie ist die Basis des römischen Systems.

Zur Freundschaft Kardinal Müllers mit dem prominenten Befreiungstheologen, Gustavo Gutierrez aus Peru: Über diese Freundschaft ist eigentlich bisher wenig in der theologischen Literatur geschrieben worden.

Müller präsentiert sich gern, offenbar von Gutiérrez inspiriert, als Förderer der (armen) Gemeinden in Peru. Und Müller verdient Respekt, wenn er, wie er berichtet, als Theologieprofessor damals über 15 mal in Peru „pastoral“ tätig war. Es ist erstaunlich, dass Müller in seinem Buch „Armut. Die Herausforderung für den Glauben“ (München 2014) betont, wie prägend die Begegnungen mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez seit 1988 für ihn gewesen sein sollen. Da spielte sich für ihn, den europäischen Theologen, wörtlich „eine Umkehrung des Denkens“ ab. Gemeint ist dabei ausdrücklich, dass in der Befreiungstheologie drei „Schritte“ entscheidend sind: Nämlich zuerst das Sehen, unvoreingenommen als Wahrnehmung der Wirklichkeit. Diese umfassende Wahrnehmung wirkt sich dann (zweitens) auch aufs theologische Urteilen aus, will man denn wirklich und wahrhaftig zeitbezogen, „sehend“ und „wahrnehmend“ theologisch argumentieren. Und aus dieser zeitbezogenen, die heutige soziale, kulturelle und politische Realität wahrnehmenden Haltung folgt dann (drittens) das Handeln, das Handeln der Kirchen, der Gemeinden, bezogen auf die wahrgenommene Realität. (Siehe dazu in dem genannten Buch die Seite 35 f.)

Es muss bezweifelt werden, dass Müller als Chef der Glaubensbehörde diesen ersten, alles entscheidenden Schritt des Sehens, der Wahrnehmung der Menschen, auch heute leistet. Dass er also die vielfältigen Situationen der Menschen (etwa im Blick auf die Vielfalt der zu respektierenden Formen der Liebe und Ehe) überhaupt als solche wahr-nehmen kann und will. Das muss auch nach der Lektüre des Zeit-Interviews bezweifelt werden. Mit anderen Worten: Was Müller angeblich in Peru seit 1988 gelernt haben will, hat keine sichtbaren Auswirkungen auf seine Stellungnahmen als römischer Glaubens-Chef. Da wird viel frommer Nebel verbreitet, die Gläubigen sollen staunen über ihren Kardinal Müller…

In seinem politischen Denken wurde Müller, wohl durch die Erfahrungen unter den Armen in Peru, zu einer deutlichen Kritik am Kapitalismus geführt, davon spricht er in einem Interview mit dem Magazin „alle Welt“ von Missio Österreich (siehe: https://www.missio.at/fileadmin/media_data/xx/sonstiges/Presse/Kardinal_Mueller/interview_kardinal_mueller_alle_welt.pdf).   Darin sagt Müller im Blick auf den Kampf der Armen, also der von den USA und Europa arm gemachten Klassen in Lateinamerika: „Der Klassenkampf entspringt aus dieser Konfliktsituation, aus der Kluft zwischen Arm und Reich. Dass große Teile der Gesellschaft so elend sind, hängt auch damit zusammen, dass die Besitzenden und politisch Mächtigen ihre Macht und ihren Besitz zur Selbstbereicherung ausnützen. So entstehen Hass- und Neidkomplexe oder die Abwehrhaltung der Reichen gegenüber den Armen. Sowohl die Struktur wie die Mentalität müssen hier verändert werden, damit ein Solidaritätsbewusstsein entstehen kann“.

Auffällig ist, dass im Zeit-Interview davon keine Rede ist. Müller gibt sich völlig unpolitisch. Interessanter noch ist, dass eine Glaubensbehörde, die sich als Hüterin „der“ Wahrheit sieht, eine Tatsache nicht wahrnimmt: Sie selbst steht aufseiten der herrschenden westlichen kapitalistischen Gesellschaft. Diese offizielle römische Theologie lässt z.B. die Pluralität indischen, japanischen, afrikanischen katholischen Theologie und Liturgien nicht gelten, sie zeigt sich darin als Teil der herrschenden „wahren“ westlichen Kultur. Indem Müllers Behörde sich als Hort „der“ Wahrheit definiert, also der europäischen Wahrheit, und sich, so wörtlich, um Delikte gegen den Glauben kümmert, verbleibt sie selbst, diese Behörde, befangen im europäischen Machtdenken. Man hat den Eindruck, dass die von Kardinal Müller viel beschworene Freundschaft mit dem Gründer der Befreiungstheologie, Gustavo Gutierrez, etwas „Abgespaltenes“ bleibt. Es fehlt bei Müller auch der Mut, Kardinal Juan Luis Cipriani, offen zugegeben Opus-Dei-Mitglied, und reaktionärer Erzbischof von Lima, auch nur zu erwähnen, das ist bezeichnend: Cipriani ist und war es, der dem Müller-Freund Gutiérrez das Leben sehr schwer gemacht hat. Manche sagen, seinetwegen habe sich Gutierrez in hohem Alter in den Dominikanorden als Mitglied „geflüchtet“.

Gustavo Gutiérrez hat sich merkwürdigerweise bis jetzt gar nicht, für mich bis jetzt nicht auffindbar, zur Freundschaft mit Müller geäußert. Wer entsprechende Freundschaftsbekenntnisse von Gutierrez findet, möge sich bitte melden.

Nachtrag am 21. 1. 2016: Nun wurde mir berichtet, dass sich Gutiérrez kurz und knapp zu Müller, so wörtlich, „als einem guten, als einem sehr guten Freund“ geäußert hat, klicken Sie hier. Wer die wenigen Zeilen liest, stellt fest: Die Äußerungen von Gutiérrez zu dieser Freundschaft sind sehr allgemein, eigentlich nichts-sagend. Gutierrez erläutert nicht, in welcher Weise sich denn nun Müller für ihn und darüberhinaus für die in Peru hoch bedrohte Befreiungsthologie einsetzt oder eingesetzt hat. Man hat den Eindruck, dass Gutiérrez den Schutz durch „Freund“ Kardinal Müller immer noch braucht, wahrscheinlich hat er eine furchtbare Angst vor dem maßlos konservativen Kardinal von Lima, Cipriani, erklärtermaßen Opus Dei-Mitglied. Ich halte diese Freundschaftsbekundung von Gutiérrez für eine Taktik; falls das nicht der Fall ist, sondern echte tiefe Sympathie von „Herz zu Herz“, von einem armen peruanischen Mönch und einem bestens ausgestatteten Kurien-Kardinal, dann weiß Gutiérrez nicht oder will nicht wissen, was sein Freund Herr Müller alles so „Hübsches“ in Regensburg als Bischof mit der „Basis“ gemacht hat.  Ich finde, Gutierrez spricht in dem „Freundschafts-Interview“ höchst moderat, wenn nicht ängstlich, er entschließt sich sogar zu einer für einen kritischen Theologen seltsamen Aussage: „pero la teología no es sinónimo de la doctrina cristiana, simplemente es una manera de tratar sobre ella“. Er meint also, dass die „christliche Lehre“, wie sie im Vatikan vertreten wird, nicht ihrerseits selbst eine Variante von Theologie ist. Wenn also Rom und Müller „die“ christliche Lehre vertreten und lehren in der Sicht von Gutiérrez, dann kann doch Müller nur happy sein über diesen peruanischen Befreiungs-Freund.

Nebenbei:Die Süd-Anden Region in Peru ist kirchlich fest in reaktionärer Hand („Soldalitium“, Opus Dei, Neokatechumenale, der Dialog mit den indigenen Religionen sehr bedroht), dagegen konnte (und wollte) der Freund Müller offenbar nichts tun. Nicht thematisiert wird auch von Gutérret, welche Theologie denn Freund Müller im Priesterseminar von Cuzco bei seinen „Gastauftritten“ dort gelehrt hat? Die Befreiungstheologie oder die in den hübschen Studierstuben von München und Regensburg niedergeschriebene und publizierte mehrbändige Dogmatik?

Soweit ein Exkurs in die aktuelle Religionskritik, bedingt durch den Zustand der Religionen. Dieser Zustand wird sich wahrscheinlich alsbald nicht bessern. Darum wird Religionskritik dringend nötig bleiben. Und sie wird viel zu selten betrieben.

Noch zwei Ergänzungen:

1. Über die Wohnung Kardinal Müllers in Rom berichtete der Journalist Gianluigi Nuzzi:

„Müller beteuert, er lebe in Rom bescheiden, so wie seine Eltern, die aus Mainz-Finten stammen – bis auf die Bibliothek, die ein Uni-Professor eben habe. Wer allerdings die jüngste Veröffentlichung des Vatikan-Insiders Gianluigi Nuzzi liest, kann daran durchaus zweifeln. Demnach bewohnt Müller laut internen Dokumenten eine knapp 300 Quadratmeter große Wohnung im Zentrum Roms. Sie ist dem Leiter der Glaubenskongregation vorbehalten und gehört dem Vatikan. Für viele dieser Wohnungen ist keine oder geringe Miete fällig.  Quelle: http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regensburg/regionales/Nach-Wuerstchendosen-Affaere-im-Vatikan-Lebt-Kardinal-Mueller-auf-300-Quadratmetern-;art1172,344162vom 30.12.2015

In dem von Müller und Gutiérrez gemeinsam herausgegebenen Buch „Armut – Die Herausforderung für den Glauben“ (2014!, siehe hinweise weiter oben) heißt es in einem Text, den, soweit ersichtlich, Josef Sayer offenbar verfasst hat: Dass Müller in den Anden wochenlang arm lebte, so dass dies „zu einem äußerst einfachen, elementaren Lebensstil anleitet“ (Seite 103). Eben auch in Rom…

2.Über die Umgangsformen Müllers mit kritischen Laien im Bistum Regenburg, das Müller von 2002-2012 leitete, siehe z.B. die Auseinandersetzung mit dem Laien-Vertreter Johannes Grabmeier: http://www.sueddeutsche.de/muenchen/katholische-kirche-gespaltenes-bistum-regensburg-1.930270      vom 19. Mai 2010

Aus dem KÖLNER STADTANZEIGER am 1. 3. 2016: Müller soll zurücktreten, fordert Pater Klaus Mertes SJ.

Strafe müsse weh tun, haben Sie mit Blick auf die Höhe der Opferentschädigung gefordert.

MERTES: Die Strafe muss den Tätern, aber auch ihren Beschützern und der dahinter stehenden Institution weh tun. Das ist bei den Entschädigungen bis heute nicht der Fall. Aber Geld ist nicht alles, und darum gilt  auch für die disziplinarischen Folgen: Sie dürfen nicht auf die Täter im engeren Sinn beschränkt bleiben.

Sondern?

MERTES: Bischöfe, die an Vertuschungen beteiligt waren, sollten ihr Amt verlieren oder zurücktreten. Aber stattdessen klettert ein Bischof Müller, der in Regensburg an höchster Stelle vertuscht und  vernebelt hat,  mir nichts dir nichts auf der römischen Karriereleiter nach oben.

Gerhard Ludwig Müller ist heute Präfekt der Glaubenskongregation und wird demnächst Kardinal.

MERTES: Da sitzt er als Nummer drei im Vatikan und fabuliert immer noch ständig von irgendwelchen „böswilligen Pressekampagnen“ gegen die katholische Kirche. Von Reue keine Spur, und erst recht nicht von der Bereitschaft, sich auf Strukturprobleme der Kirche im Zusammenhang mit Missbrauch einzulassen. Müller macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Er tut so, als hätte es da halt ein paar böse Kleriker gegeben, aber sonst wäre in der Kirche alles in Ordnung und könnte so bleiben, wie es immer war.  Ich halte das für unerträglich. Unerträglich vor allem auch für die Opfer. Wie will dieser Mann ausgerechnet als Chef der Behörde, die ja nicht zuletzt für das Thema Missbrauch zuständig ist, eigentlich je wieder glaubwürdig sein

 

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 



Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

18. Dezember 2015 | Von | Kategorie: Denken und Glauben, Religionskritik

Das neue Polen (PiS) und die alte klerikale Macht: Wenn Nation und Katholizismus verschmelzen

Hinweise von Christian Modehn

Die klerikale Macht ist wieder da: Mitten in Europa. Einige wenige Kilometer von Berlin entfernt: In Polen. Seitdem Jaroslaw Kaczynski als Führer der Partei PiS die Politik in Polen jetzt bestimmt, „der mächtigste Mann in Polen“ (SZ 18.12.2015), gilt: „Rechtsstaatlichkeit und Gewaltenteilung, das war gestern. Auch die Medien werden gerade auf PIS-Linie gebracht…“ So Barbara Oertel in der „TAZ“ vom 18. Dezember 2015, Seite 1. Dieses treffende Urteil wird geteilt von der Presse in Europa, auch von dem früheren Staatspräsidenten und Solidarnosc-Gründer Lech Walesa. Er sagte, „wenn Jaroslav Kaczynski nicht die Angriffe auf die Unabhängigkeit des Verfassungsgerichts einstelle, werde ich mich noch einmal an die Spitze des Protestes stellen und den Kampf anführen“, so die SZ vom 18. Dezember 2915, Seite 4. Ob Herr Walesa alles demokratisch-liberal besser machen würde, sei dahingestellt. Aber immerhin: Er wehrt sich gegen seinen „Erzfeind“ Kaczynski.

Das neue Regime, gegen das sich erste Massenproteste in Polen organisieren, hat eine in Polen altbewährte ideologische und kaum einzuschüchternde machtvollste Stütze: Die katholische Kirche. Auch wenn die Säkularisierung als Kirchendistanz der Jugend dort zunimmt: „Polnisch ist identisch mit katholisch“. Zumindest am Stammtisch und an Wallfahrtsorten gelten solche Sprüche … und am Wahltag.

Die Trennung von Kirche und Staat, diese große und unaufgebbare Errungenschaft der europäischen Aufklärung, soll in Polen offenbar wieder verschwinden. Reaktionäres wird offen als Bekenntnis aufgesagt, Formulierungen werden üblich, die vor der Französischen Revolution von Macht versessenen Klerikern propagiert wurden: Konkret: Die Lehren der Kirche, der römischen, sollen über die Nation und die Politik bestimmen. „Das Fundament des Polentums sind die Kirche und ihre Lehre“, so der Parteichef von PiS, Jaroslaw Kaczynski kürzlich. Und Ronald Düker berichtet darüber in „Die Zeit“ (vom 17.Dezember 2015, Seite 47), er zitiert den PIS Chef: „Wer seine Hand gegen die Kirche erhebe, dem solle die Hand verdorren“.

„Wer seine Hand gegen den Koran und den Propheten erhebt, dem soll die Hand verdorren“, heißt es in Saudi-Arabien; dem wird dort sogar die Hand sehr oft abgeschlagen. Kacznyski von PIS orientiert sich in seinem politischen Denken offenbar am saudischen, iranischen,am IS-Vorbild usw. „Bravo“, fundamentalistischer Islamismus ist nun in gewisser Weise in einer römisch-katholischen Variante zu haben. In Polen. Nur noch dort ist das in Europa noch möglich. Das einst ebenso ultra-katholische Irland ist inzwischen – nach der Vielzahl pädophiler Verbrechen durch dortige Priester – zur Vernunft, d.h. zur kritischen Demokratie gekommen, ohne Kircheneinfluss!

Was ist passiert in Europa, dass Politiker in Polen so viel Hetze und so viel Schwachsinn sagen dürfen? Natürlich, auch die Vorgänger-Regierung hat wie üblich vieles versprochen und fast nichts gehalten. So ist die Frustration groß. Aber muss man deswegen anti-demokratisch wählen?

Wann wacht Europa auf und sagt: Lieber PIS Chef, du gehörst nicht mehr zur Gemeinschaft der Europäer dieses 21. Jahrhunderts. Du hast dich im Jahrhundert geirrt, geh zurück in dein 13. Jahrhundert. Verschwinde in einem dunklen Kloster der Trappisten oder Karthäuser. Dort heißt die Ordenregel: „Schweige“.

Was der PIS Chef jetzt sagt, ist das Resultat Jahre langer Infiltration, wenn nicht von Gehirnwäsche, durch den in volkstümlichen Kreisen allmächtigen offiziellen römisch-katholischen Radiosender MARYJA, der sich inzwischen ein umfangreiches Medien-Imperium zugelegt hat, bis hin zu den auch anderswo immer beliebten katholischen Journalisten-Schulen. Dieses MARYJA Imperium ist antisemitisch, homophob, anti-ökumenisch, das sagen alle wissenschaftlichen Untersuchungen, auch im freien „Teil“ Polens, Radio Maryja wehrt sich gegen die liberale Demokratie. Es folgt darin den ständig wiederholten Urteilen des polnischen Papstes Johannes Paul II., der immer wieder sagte: Der Kommunismus sei genauso gefährlich wie die moderne, westliche liberale Demokratie, die in der Sicht dieses Papstes angeblich nur relativistisch und damit nicht kirchen-hörig sei. Große Verteidiger der westlichen liberalen Demokratie waren selbst die Päpste nach dem 2. Vatikanischen Konzil nie, man denke nur daran, dass im offiziellen Römischen Katechismus, den Kardinal Joseph Ratzinger verfasste (1994), kein Wort zur DEMOKRATIE vorkommt. Auf mehr als 800 Seiten wird von allen möglichen Themen (etwa Naturrecht, natürlich Jungfrauengeburt seitenweise) gesprochen, nur nicht von Demokratie. Hat man das jemals wahrgenommen? Haben die Religionskritiker sich nicht die Mühe gemacht, den Katechismus zu lesen? Dort ist die Theologie Ratzingers offizielle römische Lehre geworden.

In Polen hat man jedenfalls das gesehen, diese Leerstellen zu Demokratie im Katechismus. Und davon profitiert. Pater Tadeusz Rydzyk aus dem Redemptoristen Orden (also dem Erlöser-Orden!) hat als Chef des Maryja-Imperiums sehr wohl verstanden, dass Katholizismus sich nicht mit liberaler Demokatie reimen darf. Seine polemischen Sendungen, seine Zeitungen und Fernsehberichte, sie alle haben für das klerikale Macht-System plädiert, für den Volkskatholizismus, der keinen Verstand braucht, sondern nur Wallfahrten und Marien-Lieder. Der PIS Chef glaubt das alles und seine vielen PIS Getreuen ebenso. Herr Kaczynski, Chef der möchtgen PIS-Partei, sagt: „Ohne Pater Rydzik von Radio Maryja hätte PIS die Wahl nicht gewonnen“. Kann klerikale Macht deutlicher sein?

Es gab immer wieder zaghafte Versuche von einigen wenigen noch demokratisch-klugen polnischen Bischöfen, gegen das MARYJA Imperium vorzugehen. Nur am Rande, um zu zeigen, dass schon vor 10 Jahren, heftigste und gut begründete Kritik an dem HETZ-Sender Radio Marya vorgetragen wurden. Ich habe in einer Radiosendung für NDR INFO 2006 einige Aspekte dokumentiert: Der polnische Redemptoristen-Pater Rydzyk hat im schwäbischen Immenstadt, bei dem Katholischen Sender Radio Horeb, das Journalistenhandwerk gelernt! Jetzt findet Radio Maryja die ganze Gunst der ultrakonservativen Regierung, bezogen auf das Jahr 2006 der Sendung: Die polnisch-deutsche Politologin Katharina Stankiewicz beobachtet Radio Maryja seit einigen Jahren: Sie sagte im Jahr 2006:

„Wenn man sich den Sender anhört und die Sendungen anhört, dann hört man sehr radikale Aussagen. Man hört regelmäßig antisemitische Aussagen. Nun ist es nicht so leicht, dem Sender direkt vorzuwerfen, er würde antisemitisch eingestellt sein. Das ist so, weil es in den Sendungen einen ganz breiten Raum für die Hörer gibt, die eben regelmäßig anrufen und sehr viel Zeit haben, um eben zu sprechen. Und antisemitische Äußerungen werden eben als solche stehen gelassen, werden auch mit dem Gebet eingeleitet und auch gutgeheißen, also ich finde das insgesamt doch sehr problematisch“. Inzwischen hat sich (2006) Marek Edelman, der einzige Überlebende Kommandant des Jüdischen Aufstands im Warschauer Getto in einem Offenen Brief gegen Radio Maryja gewandt: „Einige Sendungen unterscheiden sich nicht vom Niveau der Nazizeitung „Der Stürmer“. Der Sender verbreitet Fremdenhass und Antisemitismus“.

Auch die polnischen Bischöfe wollten überlegen, wie sie Radio Maryja zur Vernunft rufen können. Erzbischof Henryk Muszynski hat die irrige Propaganda von Radio Maryja erkannt, er sagte 2006 als Erzbischof von Gnesen: : „Man kann nicht das Problem von Radio Maryja wegwischen, wegdiskutieren. Meine Meinung ist ganz klar, wir brauchen ein religiöses Radio. Aber man sollte Religion und Politik trennen“… Was aber nicht passierte!

Die Ordensleitung der Redemptoristen in Rom wurde eingeschaltet, sie sollte den „Mitbruder“ bremsen, sogar der Vatikan sollte den Macht besessenen Pater zur Raison bringen. Alles umsonst. Der reaktionäre Rydzyk kann weiter hetzen gegen alle demokratischen Kräfte. Entscheidend für Papst und Bischöfe ist ja: Dieser Pater verteidigt die offizielle katholische Lehre, die rigide Moral, den alten Glauben, dann soll er doch weitermachen. Antidemokratischer Geist ist doch nicht so wichtig bei so viel korrekter Frömmigkeit! Solange Radio Maryja die meisten Polen katholisch bestärkt, ist der Sender eben gut und nützlich für die Kirche und die Macht der Kirche. Darum kann dieser Hetz-Sender weiter exstieren. Kirchliche Interessen gehen wieder einmal vor den Interessen der Menschenrechte!

Jetzt sieht man beim Sieg der PIS Leute 2015, was Hochwürden Pater Rydzyk alles bewirkt hat…

Noch stehen wir am Anfang, die offensichtliche klerikale Macht in Polen zu beobachten. Dank sei der „Zeit“, dass sie als eine der ersten großen Medien in Deutschland auf diese Zusammenhänge aufmerksam machte. Wann werden sich die deutsche Bischöfe melden und wenigstens pro Forma fragen bei den polnischen Bischofskollegen: Na, wie wollt ihr denn die Demokratie in Polen retten? Werden die deutschen Bischöfe das tun? Dann würden sie Demokratie wichtiger nehmen als volkstümliche, antisemitische usw. Frömmigkeit a la Rydzyk…

Es ist eine Schande, dass sich jetzt in Europa eine Kulturrevolution vollzieht, in reaktionärstem katholischen Geist. Man lese bitte den ganzen Artikel in „Die Zeit“: Die Hauptaussage: Es findet in Polen eine kulturelle Säuberung statt!

Eine Schande, dass der Katholizismus 50 Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil eine solche Fratze zeigt. Die katholischen Polen um PIS (wo bitte sind die anderen, die demokratischen Katholiken, zeigen sie sich, haben sie Angst) tun nichts für die Flüchtlinge. Sie lassen Deutschland in gewisser Weise allein. Diese polnischen Regierungen und das polnische Volk haben Milliarden Euro von Westeuropa erhalten. Ohne die Zahlungen stände Polen heute ökonomisch sehr erbärmlich da. Wäre nicht wenigstens solidarische Dankbarkeit eine katholische Tugend? Wo man doch jetzt in PIS Kreisen so viel von katholischen moralischen Tugenden spricht. Aber es ist einfacher, an Marienwallfahrtsorten Marien-Lieder zu schmettern als dem Ruf der alttestamentlichen Propheten zu entsprechen: „Tut Recht den Armen. Helft den Leidenden, den Fremden“. Der PIS – Katholizismus ist eine reaktionäre, politisch befangene gefährliche Ideologie. Vom biblischen Glauben ist dort offenbar nichts vorhanden. Alles ist frommes Getue zu politischen Zwecken, der Stärkung der Nation, der Abgrenzung, der Freund-Feind-Bilder, der Verdummung der Bürger.

Der Religionsphilosophische Salon ist vom Thema her sozusagen verpflichtet, Religionskritik zu üben. Damit diese nicht aus der Öffentlichkeit verschwindet.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 



Ethik oder Religion? Eine Radiosendung im RBB Kulturradio am 22.November 2015 um 9.04 Uhr

23. November 2015 | Von | Kategorie: Religionskritik, Termine

GOTT UND DIE WELT am 22. November 2015, RBB Kulturradio, von 9.04 bis 9.3o Uhr,

Ethik oder Religion?     Das Manuskript können Sie bei Interesse bestellen: religion@rbb-online.de

Was den Frieden fördert. Mit Beiträgen von Prof. Karl-Josef Kuschel, Tübingen, Prof. Wilhelm Gräb Berlin; Prof. Anne Eusterschulte, Berlin; Prof. Mouhanad Khorchide, Münster und anderen.

Von Christian Modehn

Nehmt die Religion nicht so wichtig, betont der Dalai Lama in seinem neuesten Buch: „Für ein friedliches Zusammenleben kommt es vor allem auf die Ethik an, sie gilt für alle, auch für Atheisten“. Aber eine universale Ethik der Menschenrechte ist heute nicht selbstverständlich. Damit sie sich durchsetzt, sollten auch die Religionen ihren Beitrag leisten und sich auf hilfreiche Traditionen religiöser Moral besinnen. Denn die enthält jede Religion – keine basiert im Kern auf Hass und Gewalt. Zugleich geht Religion über ethische Weisungen hinaus und lässt sich nicht durch eine rein humanistische Ethik ersetzen. Ihre Spiritualität weckt das Gespür fürs Transzendente und Göttliche. Dadurch wird der „absolute Wert“ eines jeden Menschen betont, auch das ist ein Beitrag für eine gerechtere Welt.

 



DIE Rede Kermanis in der Paulskirche. Alle beten für die Ermordeten, Verfolgten, Verschwundenen in der islamischen Welt

18. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Alternativen für eine humane Zukunft, Religionskritik

Alle beten für die Ermordeten, Verfolgten, Verschwundenen in der islamischen Welt

Die Rede Navid Kermanis: Analyse, Appell, Gedenken und … Gebet

Ein Hinweis von Christian Modehn am 18.10.2015 um 14.15 Uhr

In der Frankfurter Paulskirche wurde wieder einmal gebetet. Nicht in einem konfessionellen Gottesdienst, sondern in einer der ganz großen kulturellen, „weltlichen“ Feierstunden, bei der Verleihung des „Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ am 18. Oktober 2015 an den großen Navid Kermani. Und alle Anwesenden folgten der Gebets-Einladung des gläubigen Muslims Navid Kermani und erhoben sich – zu stiller Meditation, zum Gebet und – wer das alles nicht so mag – eben zu einem säkularen Wünschen, dem Wünschen des Guten, für die bedrohten und verfolgten und verschleppten und ermordeten Christen in Syrien. Ausdrücklich dem Gebet anempfohlen wurde von Navid Kermani der befreundete verschleppte Jesuitenpater Paolo dall Oglio. Alle Menschen können gemeinsam in tiefer Not angesichts der Weltlage beten und Gutes wünschen, also sich sammeln, auf das Herz hören und der Stimme der Vernunft folgen. Ein solches Ereignis real zu erleben, ist schon, sagen wir es ruhig, ein Wunder. Ein Geschenk des (heiligen, sagen religiöse Menschen) Geistes.

Und daran wird man sich in Deutschland lange erinnern: Da werden die Säkularen und die Christen und die in der Paulskirche wohl nicht sehr zahlreich anwesenden Muslime und Juden aufgefordert, einmal nicht dem üblichen routionierten Applaus am Ende des Vortrags zu folgen, sondern diese eingeschliffene Routine zu unterbrechen, und etwas ganz anderes, ganz Ungewöhnliches, zu tun, eben zu Gott dem Barmherzigen zu beten oder eben Gutes zu wünschen. Die aufgeschlossenen Theologen werden später zurecht zeigen, wie nahe beide Haltungen einander stehen.

Das stille gemeinsame Beten und Gutes Wünschen in Zeiten des globalen Welt-Krieges („denn wir leben bereits im Krieg“, sagte Kermani) erinnerte mich an die Krisenzeit in Prag, an das Ende der kommunistischen Herrschaft, als der katholische Priester und Dissident Vaclav Maly auf dem Wenzelsplatz im November 1989 vor einer halben Million Menschen, die meisten sehr säkular-denkend, wenn nicht kommunistisch, das Vater-Unser anstimmte und einige, die den Text noch ein bisschen kannten, tatsächlich auch mitbeteten. Da wurde nicht Magie betrieben, da wurde kein Wundergott auf die Erde herabgezaubert, die Atheisten mögen sich bitte beruhigen, da wurde die Üblichkeit des alltäglichen Denkens, das oft so dumm und wahnhaft ist, unterbrochen. Eine geistvolle Pause trat ein. Eine Stille, die wie eine Ewigkeit empfunden wurde.

Es war ja auch die Rührung bei Kermani selbst zu beobachten, als er vom Ende der großen muslimischen Kultur fast in der gesamten arabischen Welt sprach, von der Geistlosigkeit der stinkend-reichen ÖL-Staaten, die von Europa in ihrer verbrecherischen Haltung gestützt werden, bloß weil sie ökonomisch dem Westen Profit bringen. Der gemeinsame Gott, so möchte man die Rede Kermanis fortsetzen, ist unter den arabischen Verbrecher-Regierungen wie in den westlichen Kommerz-Regierungen auf je andere Weise eben doch der gemeinsam Gott, das Geld. Wenn die eigene Kasse für die wenigen Privilegierten immer voller wird, dann ist der Respekt vor den Menschenrechten sekundär. Die Anklage Kermanis gegenüber der eher dummen bzw. bloß geldgierigen westlichen Politik gegenüber den arabischen Staaten werden sich hoffentlich die Politiker und die Bürger, die diese Politiker immer wieder „brav“ und unpolitisch denkend wählen, hoffentlich gut merken.

Zurück zu Kermani selbst: Deutschlands Kultur verändert sich, das zeigt dieser Tag deutich, und das ist immerhin ein Lichtblick: Ein weit denkender, frommer Muslim, den Sufis nahe stehend, das Christentum gut verstehend, wenn nicht liebend, ein exzellenter Kenner der islamischen Kulturen von einst, ein solcher Intellektueller hat die Chance, ganz vorn in Deutschland wahrgenommen zu werden. Man wünscht sich dringend, immer wieder und wieder Navid Kermani zu hören und zu lesen. Das philosophische Thema wird uns noch stärker als bisher befassen müssen, nach dieser Rede: Wie braucht die säkulare Kultur tatsächlich auch die religiöse Weisheit? Wie wirkt sie in die Routinen des Alltäglichen befreiend und inspirierend hinein? Man möchte die These aufstellen: Die säkulare Kultur der Vernunft der Menschenrechte braucht doch öfter die Stimme des religiösen Herzens. Aber eben nicht mehr konfessionell-dogmatisch eingesperrt. Man braucht die religiöse Weisheit von weit her, wenn denn diese Stimme so authentisch, so freundlich vermittelt und übersetzt wird, wie von Navid Kermani.

Leider ist der Redetext Kermanis in der Paulskirche erst ab Dienstag abrufbar, der Himmel weiß warum, eigentlich sehr schade,  wo wir doch jetzt alle die Rede nachlesen wollen:

www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 



Nichts als Polemik und Hass. Absonderliche Stellungnahmen des aus Guinea stammenden Kurien- Kardinals Robert Sarah auf der Römischen Bischofssynode

17. Oktober 2015 | Von | Kategorie: Religionskritik, Theologische Bücher

Nichts als Polemik und Hass.

Absonderliche Stellungnahmen des aus Guinea stammenden Kurien- Kardinals Robert Sarah auf der Römischen Bischofssynode (Oktober 2015)

Ein Hinweis von Christian Modehn

„Die Gender-Ideologie und der islamische Staat teilen beide denselben dämonischen Ursprung. Was der Nazismus und der Kommunismus im 20. Jahrhundert waren, das ist heute die westliche Homosexualität, die Abtreibungs-Ideologie und der islamische (!) Fanatismus“.

Diese „freundlichen“ Worte  sagte dieser Tage, offenbar ohne lautstarken Protest, einer der führenden Kardinäle des päpstlichen Hofes, also der Curia, der aus Guinea stammende Kardinal Robert Sarah.

Was es mit diesen nicht sehr hübschen Worten eines der engsten Mitarbeiter des Papstes auf sich hat, erklärt der folgende Beitrag, der sich der Aufklärung und der Religionskritik verpflichtet weiß.

In der Tageszeitung LE MONDE, Paris, informiert Cécile Chambraud am 17. Oktober 2015, Seite 6, über Details der Welt-Bischofssynode in Rom. Da diskutieren ja bekanntlich im Oktober ca. 260 katholische Bischöfe über das „weite Feld“ der Familien, auch über Sexualität, auch über Homosexualität.

Die afrikanischen katholischen Bischöfe zeigen sich auf der Römischen Bischofssynode als leidenschaftliche und polemische Verteidiger der alten Moral- (Un)- Ordnung. Ihr gemeinsames Motto: „Es darf keinen Wandel, keine Erneuerung der katholischen Ethik zur Ehescheidung oder zur Homosexualität geben“. Die Bischöfe Afrikas wollen den ethisch-konservativen Status quo aus dem 19. bzw. 20. Jahrhundert erhalten, wollen unbedingt das bewahrt sehen, was ihnen die europäischen Missionare einst eingeschärft hatten. Sie sind also nach wie vor die kaum selbst-denkenden, treuen Schüler der Missionare von damals.

Wie schon in der Anglikanischen Welt-Kirche sind auch in der Römischen Kirche die Bischöfe Afrikas die Bewahrer der uralten moralischen Normen. Bei den Anglikanern droht eine Kirchenspaltung, weil sich die modernen Anglikaner in Europa und in den USA ihren eigenen Glauben von den, sagen wir es salopp, „Alt-Gläubigen“  Afrikanern nicht nehmen lassen. Und was ist schon schlimm, wenn die „Alt-Gläubigen“ ihre eigene Kirche aufmachen? Schlimm ist es in gewisser Weise für sie dann nur, wenn nicht mehr die westlichen Gelder für die „Afrika-Mission“ und die wahrscheinlich nicht so furchtbar bescheidenen Wohnungen, Residenzen, der Bischöfe fließen… Aber zur Spaltung institutioneller Art wird es im Katholizismus wohl nicht kommen. Denn da denken selbst die allermeisten Bischöfe Europas doch nicht so modern, wie die Afrikaner von diesen behaupten. Eine ganz andere, reale Kirchenspaltung besteht im Katholizismus ja ohnehin schon, zwischen der modernen Basis (incl. einiger Ordensleute) und der Hierarchie…Aber das ist ein anderes Thema im Zeichen des Gedenkens „500 Jahre Reformation 2017“.

Wichtig ist die Erkenntnis, die den afrikanischen Bischöfen nicht so vertraut ist: Die Ehe, die heute als die katholische Ehe hingestellt und verteidigt wird, ist die in der Forschung so genannte „Liebes-Ehe“. Sie hat sich erst im 19. Jahrhundert entwickelt, als bürgerliche „Anstalt“ zur Pflege der Lust, der Zeugung von Nachkommenschaft und des Erhalts der guten Sitten im Obrigkeitsstaat (Mätressen neben der Ehefrau durften sich bekanntlich nur die sehr katholischen Könige, etwa in Frankreich, ohne jeglichen kirchlichen Einspruch „halten“). Welcher Theologe kann diese Ehe des 19. Jahrhunderts noch im Ernst als DIE katholische Ehe verteidigen?

Wie auch immer: Wenn die Argumente ausgehen, pflegen die Konservativen, auch die entsprechenden Herren der römischen Kirche, eben üblicherweise die Polemik, neuerdings blinden Hass, als Zeichen einer hochgradigen geistigen Verwirrtheit. Einer der einflußreichsten Kardinäle am päpstlichen Hofe, der Kurie, ist Robert Sarah, er stammt aus Guinea aus einer „heidnischen Familie“, also aus einer Familie, die den Naturreligionen folgte, wie er selbst sagt. Und er ist, man glaubt es kaum, zuständig für alle, aber auch alle Fragen der Gottesdienstgestaltung in der weltweiten römischen Kirche.

Dieser Herr sagt also, ich zitiere noch einmal aus dem genannten Beitrag in „Le Monde“: „Die Gender-Ideologie und der islamische Staat teilen beide den selben dämonischen Ursprung. Was der Nazismus und der Kommunismus im 20. Jahrhundert waren, das ist heute die westliche Homosexualität, die Abtreibungs-Ideologie und der islamische (!) Fanatismus“. Dabei brandmarkte Kardinal Sarah, berichtet „Le Monde“ wörtlich zitierend, „die zwei apokalyptischen wilden Tiere (also aus dem Neuen Testament, Buch der Apokalypse des Johannes), das erste Tier ist die Vergötterung der menschlichen Freiheit; das andere Tier ist der islamische Fundamentalismus“. Und weiter: „Alle Öffnung der Ehemoral ist irregulär“! Damit will der Kurienkardinal sagen: Ist der etwas aufgeschlossene Papst Franziskus vielleicht selbst ein Ketzer? Kann man menschliche Freiheit vergöttern? Diese Frage hat man schon Immanuel Kant gestellt, und er entschieden und begründet Nein gesagt. Die Freiheit selbst ist ein Gottesgeschenk. Das hat sich in Rom noch nicht so herumgesprochen.

Jedenfalls hat der offenbar etwas sehr verwirrte Kardinal Sarah jetzt noch einen Beitrag in einem Sammelband afrikanischer Bischöfe schreiben können: „L Afrique nouvelle, patrie du Christ“, also „Afrika, das neue Vaterland, die neue Heimat, Christi“. Darauf läuft die Haltung Sarahs und der anderen afrikanischen Bischöfe hinaus. Sie fühlen sich als Retter der Kirche, als die Bewahrer der reinen Lehre, nur in Afrika wird Christus weiterleben. Es ist nicht ohne Ironie, dass die vor kurzem von Europa Missionierten sich nun als die besseren Katholiken aufspielen, sich also ihrerseits machtvoll-intolerant, also kolonialistisch verhalten. Wird eigentlich schon darüber diskutiert, dass man Herren die Geldspenden für ihre Bistümer, in Milliarden Euros seit Jahren, einfach mal ein bißchen sperrt? Und wissen die europäischen Missionsfreunde eigentlich, welchen Bischöfen sie da in Afrika ihre Spenden überlassen? Und gibt es denn keinen einzigen afrikanischen Bischof, der noch den Mut hat, in aller Öffentlichkeit NEIN zu sagen zu diesem Wahn der Konservativen? Warum wird das von kirchlicher offizieller Pressearbeit verschwiegen. Es muss doch auch einen Bischof Jacques Gaillot in Afrika geben?

Papst Franziskus kann es sich mit der afrikanischen Kirche nicht verderben: Denn die Katholische Kirche in Afrika wächst zahlenmäßig äußerst schnell, kein Wunder, nebenbei, wenn die „Pille“ erstens verboten und zweitens unerschwinglich teuer ist für katholische Ehepaare irgendwo im Busch…Es sind die Afrikaner, die die römische Kirche statistisch stärker machen als den Islam, ein für religiöse Machtpolitker wichtiger Gedanke.

Aber Franziskus will wohl auch aus seiner Sicht Afrikas Bischöfe nicht kritisieren, hat er doch die Sprache der afrikanischen Bischöfe selbst schon übernommen, als er etwa im Januar 2015 auf den Philippinen sagte: „Es gibt einen ideologischen Kolonialismus, der versucht die Familie (also das uralte Familienbild) zu zerstören“, so Le Monde, siehe oben.

Kardinal Sarah jedenfalls hat vor kurzem ein voluminöses Buch veröffentlicht mit Titel, der gut seine absolute Anti-Haltung ausdrückt: „Gott oder Nichts“, erschienen im (kleinen, sehr konservativen) „Fe-Verlag“ in Kißlegg 2015. Das Vorwort schrieb der explizite Sarah Freund Erzbischof Georg Gänswein; einen zustimmenden Brief zum Buch hat Papst emeritus Benedikt XVI. verfasst. Der ja eigentlich sehr gebildete Papst hat, so wörtlich, das Buch von Sarah „mit großem geistigen Gewinn“ gelesen. Von den knapp 400 Seiten handeln ca. 250 von Sarahs Leben in Afrika. Spannend und theologisch wichtig sind erst die letzten Seiten, etwa wenn der römische Chef aller katholischen Gottesdienste, eben Kardinal Sarah, eine durchaus fundamentalistische Haltung vertritt, die man auch aus dem Mund etlicher Islamisten gehört hat. Sara sagt auf Seite 389: „Für einen Christen muss der Glaube die Form, die Gussformform sein GESAMTES privates und ÖFFENTLICHES, persönliches und soziales Leben werden“. Also: Aus dem Glauben sollte unmittelbar der Staat regiert werden? Ist das mit „Gussform“ gemeint?

Sein eigenes theologisches Denken in Bezug auf den Gottesdienst deutet Sarah mit seiner expliziten Vorliebe für die alte lateinische Messe an (Seite 386 f.). Er betont: „Dass wir in der Messfeier nach dem alten Messbuch (also aus dem 16. Jahrhundert) besser verstehen, dass die Messe ein Akt Christi und nicht der Menschen ist“. In der Messe feiert sich also Christus selbst… verstehe es wer kann.

Ihn verbindet, so betont Sarah, mit Papst Franziskus,  die Einschätzung der Gefährlichkeit des Teufels (Seite 383). Tatsächlich spricht ja Papst Franziskus in seinen Predigten in Santa Martha dauernd vom Teufel…

Und eine neue Ökumene deutet Kardinal Sarah an, ausgerechnet mit den Muslimen, mit denen er „eigentlich keinen theologischen Dialog sieht“ (192), hingegen froh ist, dass „die verschiedenen Autoritäten des Islam wie die Kirche mit Nachdruck die neue Genderideologie ablehnen“. Man würde sich fast wünschen, dass entsprechend denkende Imame auch auf der Bischofssynode in Rom jetzt die afrikanischen Bischöfe in ihrem Endkampf gegen alles europäisch-Böse unterstützen. Und im Vatikan das Gesamt-Afrikanische, Muslimische – Katholische – vielleicht auch Pfingstlerisch-Fundamentalistische NEIN zur Gender—„Ideologie“ und vor allem ihren Hass auf Homosexuelle aussprechen.

Die Auslassungen des Herrn Sarah, eines der wichtigsten Männer im Vatikan, der sogar schon als „papabile“ bezeichnet wird, zeigen, wie tief eigentlich das Niveau im Vatikan gesunken ist. Das sagen wir mit Bedauern, weil es 1. heute dringendere Themen gäbe als diese Familien- und Sex-Themen und 2. weil die katholische Kirche als „Welt-Kirche“ tatsächlich mit mehr Geist und Selbstkritik entschieden und gestaltend diese verrückte Welt etwas heilen könnte, natürlich immer im Sinne Jesu, also im Sinne der Humanität, der Güte, der Toleranz. Die Auslassungen von Herrn Sarah und so vieler anderer Bischöfe aus Afrika sind eine Katastrophe für die humane und freie Entwicklung  dieser Welt insgesamt.

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