Christian Wolff – zur Aktualität eines Philosophen der Aufklärung

Eine Biographie von Hans-Joachim Kertscher
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.Wir leben bekanntlich noch nicht in „aufgeklärten“ Zeiten, sondern immer noch in einer „modernen“ Welt, die um Aufklärung als Prinzip der Gestaltung von Gesellschaft, Staat, Religionen, Kirchen usw. ringt. Das heißt: Die universale Vernunft der Menschenrechte ist noch immer ein fernes Ideal, kein dauerhafter „Zustand“. Wir leben in einem 21. Jahrhundert, das von wahnhaftem Nationalismus bestimmt ist, geführt von wahnhaften Politikern und Präsidenten, die so verrückt sein könnten, die Menschheit ins Verderben zu stürzen.
Darum ist es vielleicht ein kleiner Trost, sich immer wieder mit Gründergestalten der Aufklärung, auch der mühsamen Aufklärung in Deutschland, zu befassen. Wahrscheinlich ist die Geschichte der Aufklärung in Deutschland eine Geschichte des immer wieder neuen Scheiterns der Aufklärung…
2.Seit November 2018 liegt endlich eine ausführliche, vom Autor durchaus als zugänglich, d.h. „populär-wissenschaftlich“ verstandene Biographie des großen Philosophen der Aufklärung (und Universalgelehrten) Christian Wolff vor. Er lehrte in Halle und Marburg. Riesig ist der Umfang seiner Schriften. Wichtig ist auch, dass Wolff einer der ersten war, der die deutsche Sprache in seinen Vorlesungen und Publikationen verwendete und nicht mehr, wie damals üblich, der lateinischen Sprache unbedingt folgte! Viele philosophische Begriffe der deutschen Sprache wie Bewusstsein, Wesen, Eigenschaft, Wirklichkeit usw. hat Wolff in die deutsche Philosophie eingeführt. Eine großartige Leistung, darin folgte er Christian Thomasius! Später hat Wolff noch lateinische Werke verfasst, nur so konnte ein Philosoph damals international bekannt werden und außerordentliche Wirkung erzielen. „Wolff hat den Deutschen die Möglichkeit verschafft, sich ihrer Muttersprache in philosophischen Fragestellungen zu bedienen“, so der Autor des Buches, der Literaturwissenschaftler Prof. Hans-Joachim Kertscher in seiner umfangreichen, 312 Seiten umfassenden Biographie (das Zitat auf S. 104). Das Buch hat den Titel „Er brachte Licht und Ordnung in die Welt. Christian Wolff- eine Biographie“, erschienen im “Mitteldeutschen Verlag“.
3.In dem Buch werden exakt, mit vielen Zitaten (diese sind zum großen Teil leider oft, eher schwer lesbar, in der „alten“ deutschen Sprache des frühen 18. Jahrhunderts wiedergegeben) die verschiedenen Etappen in Wolffs Leben chronologisch beschrieben: Seine Kindheit und Jugend in Breslau (geboren 27.1.1679), sein Studium u.a. der Theologie in Jena. Danach hielt er Vorlesungen in Leipzig… Leibniz lernte Wolff 1707 kennen (S. 98)
Ab 1706 lehrte der Philosoph an Halles Universität vor allem Mathematik und eine Vielzahl anderer Gebiete (wie Meteorologie, Medizin, Ernährung). In Halle kommt es zu heftigen Auseinandersetzungen mit den sehr frommen Pietisten, die Wolff dann pauschal und unberechtigt des Atheismus beschuldigen. Sie sehen darin wie so oft eine Bedrohung der politischen Ordnung. Kein Wunder, dass der preußische König Friedrich Wilhelm I. den Verleumdern glaubt. Er verfügt brutal, wie er ist, die schnellst mögliche Ausweisung von Christian Wolff aus Halle, ein Skandal ohne Gleichen, der in der damaligen Welt der Intellektuellen entsprechend kommentiert wird. Die Vertreibung Wolffs ist ein Sieg der Pietisten, der Frommen, die eine vernünftige Philosophie und Theologie nicht akzeptieren wollen… Wolf schrieb „Vernünftige Gedanken über Gott“, natürlich wie alle Philosophie ein begrenztes Unternehmen, aber eben nicht falsch, sondern immer gültig, dass man über Gott eben vernünftig reden sollte. Selbst unvernünftige Charismatiker bedienen sich ja für ihre Schilderungen noch der vernünftigen Grammatik… Leider werden entsprechende Verbindungen zur Gegenwart (Muslimische Fundamentalisten, Macht der Evangelikalen in der Politik der USA und in Brasilien usw.) vom Autor nicht gezogen. Gerade solche aktuellen Beziehungen hätten die Leser erfreut und dem Buch und damit Wolff einen großen „Schub an Aktualität“ verliehen….
So wurde also Wolff 1723 aus Halle vertrieben. Er lebte und lehrte dann bis 1740 in Marburg. Friedrich II., der „Alte Fritz“, rief Wolff nach Halle zurück. Dort starb am 9.4. 1754.
Als wichtiger Aufklärungsphilosoph in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird er später von Kant gelobt, von Hegel positiv erwähnt, wenn auch mit entsprechenden Einschränkungen, Wolff sei doch noch einer oberflächlichen „Verstandesmetaphysik“ verhaftet geblieben. Die Beziehungen zu Leibniz bleiben bedeutend, vor allem schließt sich Wolff auf seine Weise der Leibnizschen Überzeugung an, Gott habe als Gott die beste aller möglichen Welten erschaffen.
4.Für unsere Interessen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin ist die Auseinandersetzung Christians Wolffs mit der chinesischen Philosophie, vor allem mit Konfuzius, sehr wichtig. Dieses Thema wird meiner Meinung nach viel zu kurz von Hans-Joachim Kertscher dargestellt: Er erwähnt zwar die so genannte „Sineser-Rede“ (also die China – Rede Wolffs) aus dem Jahr 1721: Darin lobt Wolff die Sittlichkeits-Idee der Philosophie des Konfuzius, durchaus auch als ein „Muster für das christliche Europa“ (S. 135), solche religiöse Lernbereitschaft von einer „heidnischen Philosophie“ war den frommen Pietisten natürlich unerträglich. Sie wollten die absolute Sonderstellung des Christentums und der Kirche und ihrer Ethik festhalten. Ich meine, diese Konfuzius Rezeption ist eine der zentralen Leistungen von Wolff, darin durchaus einer gewissen „China-Mode“ (etwa in der Kunst, Tapeten etc. ) folgend! Ich empfehle zum Thema Christian „Wolff und China bzw. der autonomen Moral“ den Beitrag der chinesischen Religionswissenschaftlerin Julia Ching (Toronto, Kanada, gestorben 2001) in dem Hans Küng gewidmeten Buch „Gegenentwürfe“ (Piper Verlag, 1988, S. 187 bis 196), sie zeigt u.a. auch, wie durch die Lektüre der Übersetzungen des Jesuiten Francois Noel (1651 – 1729) der Philosoph Christian Wolff schon 1711 mit chinesischer Philosophie vertraut wurde, Julia Ching zeigt, wie die beiden Werke Wolffs über China viel Aufmerksamkeit in katholischen Kreisen fanden (dort S. 194), sogar die strenge Inquisition des Papstes veröffentlichte einen China-Text von Wolff, dies geschah ohne Zustimmung von Wolff, um so größer war die Aufregung! „Die Literatur, die im Laufe der lang anhaltenden Kontroverse (wegen Konfuzius!) zwischen Wolff und den Pietisten entstand, ist wirklich voluminös“, so Julia Ching, S. 194.
5.Der Gesamteindruck: Hans-Joachim Kertscher zeichnet das Bild des Philosophen Christian Wolff, der im Vertrauen auf die Wirkungen der Vernunft lebte, durchaus in einem elementaren Optimismus. Er war überzeugt, dass die Philosophie doch vieles beitragen kann für die Gewinnung der „Glückseligkeit“ in dieser Welt für alle Menschen.

Hans-Joachim Kertscher, „Er brachte Licht und Ordnung in die Welt: Christian Wolff – eine Biographie“. Mitteldeutscher Verlag Halle, 2018, 312 S., zahlreiche Fotos, 25€. (Herausgegeben von der Christian-Wolff-Gesellschaft für die Philosophie der Aufklärung in Halle/Saale)
Sehr empfehlenswert ist auch die so interessant gestaltete Ausstellung im „Wolff-Haus“ von Halle: Große Märkerstraße 10, 06108 Halle (Saale)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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