XR: Extinction Rebellion – Dazu ein neues Buch!

Eine weltweite „rebellische Bewegung gegen das Aussterben“
Ein Buchhinweis von Christian Modehn

„Fridays for future“ hat eine Verstärkung: Die ebenfalls international tätige Bewegung „XR:“ Die beiden Buchstaben wird man sich einprägen müssen. Sie sind die nun weltweit verbreitete Kurzformel für „Extinction Rebellion“, also für Gruppen, die sich als „Rebellion gegen das Aussterben“ verstehen: Die AktivisTinnen, unterstützt von zahlreichen Wissenschaftlern, Ökologen, Biologen, Politologen, wollen – in Großbritannien entstanden – den zivilen Ungehorsam wieder praktizieren. Vor allem den Ungehorsam gegen Regierungen, die für den Schutz und die Bewahrung der bedrohten Erde nur halbherzig bzw. „diplomatisch-klug“ Versprechungen machen, wenn sie nicht sogar als Ignoranten (Trump, Bolsonaro) den Klimawandel insgesamt übersehen. Die Aktionsformen von XR sind Die-Ins, Trauermärsche, Blockaden usw. Die Wut der Bürger über das schlaffe und schlappe und offenbar Lobby-gebundene Handeln der Regierungen ist immens. Und auch die Bereitschaft der Aktivisten, persönliche Nachteile (Verhaftungen etc.) in Kauf zu nehmen, ist groß.
Bevor die Boulevard – Massen – Medien, also rechte, konservative und rechtsextreme Druckerzeugnisse über diese wichtige gewaltfreie Aktion „XR“ herfallen und pauschale, falsche Urteile verbreiten, kann man sich nun selbst kundig machen, was „XR“ wirklich ist: Der angesehene Wissenschaftsverlag „Transcript“ in Bielfeld hat gerade jetzt (September 2019) eine Broschüre publiziert mit dem Titel“ Hope dies – Action begins“. Mit dem Untertitel: „Stimmen einer neuen Bewegung“. Dem Verlag ist es sehr zu danken, dass diese Broschüre mit 97 Seiten Umfang nicht nur gedruckt vorliegt (das Buch kostet nur 7,99 Euro), sondern der Verlag bietet das Buch auch als pdf – Datei gratis an. https://www.transcript-verlag.de/media/pdf/ff/d6/ee/oa9783839450703VtiOr85ESZpBz.pdf

Was den religionsphilosophischen Salon Berlin besonders interessiert: Neben etlichen Aktivisten der Bewegung, die in Hannover ihre Gruppe bilden, äußert sich in dem Buch/der pdf – Datei auch der bekannte Philosoph Jürgen Manemann, Hannover. Er ist Mitglied der dortigen „XR Gruppe. Manemann arbeitet in Hannover als „Direktor des Forschungsinstituts für Philosophie“, einer international geschätzten Einrichtung in Trägerschaft der katholischen Kirche. Trotz dieser Bindung, möchte man sagen, ist das philosophische Institut in Hannover ein Ort der freien Forschung. Manemann hatte schon 2014 eine „Kritik des Anthropozäns“ publiziert, als ein „Plädoyer für eine neue Humanökologie“.
Selbstverständlich sind alle Beiträge bzw. Statements der anderen 23 AutorInnen wichtig. Ich möchte bei der gebotenen Kürze dieser Lektüreempfehlung nur auf die Beiträge Manemanns hinweisen, er schreibt u.a.: „Der erste Schritt zu einer radikalen Klimapolitik besteht darin, die Katastrophe als Katastrophe zu erkennen und als solche zu benennen“ (19). „Wer den Klimanotstand ausruft, erkennt, dass er/sie sich nicht in der Situation einer Krise, sondern in der Situation einer Katastrophe befindet“ (27). „Wir brauchen eine neue Sensibilität. Verlangt ist nämlich, dass wir die Katastrophe fühlen…“ (20). Zu den vielfältigen Aktionsformen von XR schreibt Manemann u.a.: „Die Swarming – (Ausschwärm) – Aktionen zielen darauf ab, die Betriebsamkeit und Geschäftigkeit, die uns an Veränderungen hindern, für Momente zu unterbrechen“ (24).
Unterbrechen – hier fällt das entscheidende Stichwort, das Manemann von seinem Lehrer, dem Theologen Johann Baptist Metz, Münster, übernommen hat, aber anders als sein Lehrer eben mit sehr konkretem politischen Inhalt und Tun (!) füllt!
Mir scheint, dass dieses Buch dringend die Bundesregierung lesen sollte, vielleicht sollte der Verlag dem gesamten Kabinett das Buch zusenden, zumal Frau Merkel. Denn sie hatte kürzlich mit freundlichem Lächeln zu den aktuell beschlossenen, aber viel zu schwachen „Maßnahmen“ zum Klimaschutz sehr altbekannt „realpolitisch“ gesagt: “Politik ist für mich eben die Kraft des Möglichen“. Dagegen hält Manemann: „Wenn politisches Handeln nur als Kunst des Möglichen verstanden wird, wird es sich in der Aufrechterhaltung des Status Quo erschöpfen und Möglichkeiten ungenutzt lassen. Das Unmögliche ist nicht das Gegenteil des Möglichen, sondern dessen Bedingung“ (32).
Und Manemann zitiert den Leitsatz alles menschenfreundlichen Handelns, den Theodor W. Adorno sagte: „Nur wenn, was ist, sich ändern lässt, ist das, was ist, nicht alles“ (46). Ob das Frau Merkel und ihr Team in der GROKO versteht und vor allem praktisch respektiert? Ich fürchte, leider, nein. Diese Regierung ist viel zu ängstlich und abhängig von diversen Lobbys. Sie traut den Bürgern nichts zu an neuen Erkenntnissen und neuer Praxis.

Für alle, die beim Wort „rebellisch“ bereits wieder „rot“ sehen: Rebellion ist von Revolution zu unterscheiden. Rebellion ist für den Philosophen Albert Camus DIE menschliche Haltung im Umgang mit Gesellschaft und Staat. Darum lobte Camus z.B. auch den Aufstand am 17. Juni 1953 in Ost-Berlin.

„Hope Dies- Action Begins“. Ein Buch der Gruppe XR Hannover. Erschienen im „transcript Verlag“ und, wie gesagt, auch gratis (!) als pdf zu lesen und auszudrucken. Mit zahlreichen Literaturhinweisen!

https://extinctionrebellion.de/

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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