„Krimineller Wahnsinn“. Wenn religiöser Glaube zur Gefahr für Leib und Leben wird: Denken und Zeiten der Krise, 7. Teil.

Über den aktuellen Wahn bei Evangelikalen, Pfingstlern, ultraorthodoxe Juden, Katholiken usw.
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In der französischen Wochenzeitung „Réforme“ (Paris) hat der protestantische Theologe Jean-Paul Morley am 26.3.2020 heftige und sehr richtige Kritik geübt an einigen Äußerungen und Verhaltensweisen in evangelikalen und pfingstlerischen Kreisen in Zeiten der Corona-Pandemie. Jean-Paul Morley ist Pastor der Vereinigten protestantischen Kirche Frankreichs, diese ist ein Zusammenschluss von Reformierten und Lutheranern.
Diese Stellungnahme ist meiner Meinung nach „dringend“ geboten, weil aufmerksame Zeitungsleser auch in Deutschland ständig von verrückten Beschwichtigungen aus frommen Kreisen zur Gefährlichkeit der Corona-Pandemie lesen.

Jean-Paul Morleys Stellungnahme ist von scharfer Deutlichkeit, er schreibt u.a.: „Ich bin sehr wütend. Sagen wir und schreien wir es hinaus: Gott impft nicht die Gläubigen gegen das Virus. Er heilt auch nicht die Kranken von dieser Krankheit. Hingegen: Gott begleitet die Menschen, dies kann eine Heilung (seelisch) begünstigen. Aber Gott selbst zerstört nicht das Virus, auch nicht die Krebserkrankung. Seien wir ehrlich: Gott hat die Welt erschaffen, damit wir Menschen autonom handeln können…Sich vorstellen: Gott wählt den einen aus, der krank wird und er wählt den anderen aus, der gesund bleibt…bedeutet: Gott verantwortlich zu machen für Krankheiten und Epidemien…. Wer behauptet, und schlimmer noch, dies auch in der Predigt sagt: Dass der Glaube, der Gottesdienst, die Kommunion (im Abendmahl), auch die so genannte brüderliche Umarmung im Gottesdienst, immun macht gegenüber der Ansteckung: Der sagt eine der allerschlimmsten Lüge. Und sie führt zum Tode. Solches zu sagen ist Wahnsinn, das ist krimineller Wahnsinn“.

Die katholische Wochenzeitung „La Vie“ (Paris) hat einige Tage später auf diesen Beitrag ausführlich aufmerksam gemacht und einige Beispiele genannt für diesen Aberglauben, der sich in einigen einflussreichen evangelikalen Kirchen und Pfingst-Kirchen breit macht. So hat sogar die Polizei Brasiliens eingreifen müssen gegen Aktivitäten der „Globalen Kathedrale des Heiligen Geistes“ in Porto Alegre. Dort hatten die Pastoren den Gläubigen versprochen, im Gottesdienst „die siegreiche Macht Gottes gegenüber dem Corona-Virus zu erleben. Ihr sollt also in die Kirche kommen, um die Salbung mit dem Öl zu erleben, dieses Öl wurde geweiht während der Fastenzeit, um uns vor dem Virus zu immunisieren“. Tatsache ist auch, dass die Pastoren bei solchen religiösen Immunisierungen noch, wie üblich, ihr dickes Geld per Kollekte einsammeln, oft von den Armen.
Einer der Großverdiener in diesen obskuren, jetzt sagt man zurecht angesichts der Corona-Epidemie verbrecherischen Kirchen, ist der einflussreiche brasilianische Pastor Silas Malafaia von der großen „Assemblea Deus“ Bewegung. Er ist mit dem ebenfalls dieser obskuren Kirche angehörenden Staats – Präsidenten Bolsonaro verbunden. Dieser Pastor, wörtlich übersetzt „Hirte“, sagte. „Meine Freunde, ängstigt euch nicht wegen des Corona-Virus. Es ist nur eine Taktik des Satans. Er ernährt sich von unserer Angst“. Pastor Malafaia wurde es darauf hin von der er Staatsanwaltschaft in Rio de Janeiro verboten, weiterhin Gottesdienste anzubieten.
Auch in den USA, vor allem in den Megachurches, die Mister Trump nahe stehen, wurde gepredigt: Das Coronavirus sei halb so schlimm. Das wäre ein Thema…. In Uganda hat der Chef der „Revival Church Kawala“, der dort sehr bekannte Pastor Augustine Yiga, schlicht und einfach die Existenz de Covid-19 Virus in Uganda geleugnet. Dieser verbrecherische Pastor soll inzwischen verhaftet worden sein.

Diese Beispiele der totalen Ignoranz in diesen evangelikalen und pfingstlerischen Kreisen weltweit ließen sich fortsetzen. Diese Kirchen sind nicht, wie sonst oft, bloß „Opium des Volkes“. Sie sind jetzt zu einer tödlichen Überdosis an Opiaten geworden. Es wird noch lange dauern, bis sich kritische Theologen des ganzen Ausmaßes dieses tödlichen Unsinns dieser Kirchen annehmen. Dazu fehlt manchen Theologen auch in Europa wohl der Mut, weil diese Kirchen viele Millionen Mitglieder haben und eigentlich schon die zahlenmäßig stärkste Fraktion innerhalb des weltweiten Protestantismus sind.
Wunderglaube und Aberglaube erleben so „beste Zeiten“ in der Tradition der Reformation. Welch eine Schande!
Der kanadische Religionswissenschaftler André Gagné , ein Spezialist für religiösen Fundamentalismus, sagte in Radio Québécoise: „Evangelikale Pastoren sehen das Coronavirus als einen bösen Geist an, über den sie eine gewisse Macht haben und deswegen ihre Gemeinde von diesem Geist in einem Exorzismus befreien können“.

Heute kann fundamentalistischer Bibel – Glaube tatsächlich lebensgefährlich sein.

Das zeigt sich auch in Israel, wo ultraorthodox sich nennende Juden die staatlichen Bestimmungen zum Schutz vor Corona aus ihrem tiefen Glauben radikal ignorieren, wie ausgerechnet (!) Gesundheitsminister Jaakov Litzman: Wie konnte solch einen Typen zum Gesundheitsminister machen, steht das etwa in der Bibel?
Dieser Herr Minister hat sogar führende Leute der Regierung angesteckt. Litzman hat noch vor wenigen Tagen an einem Gottesdienst in seiner ultra-orthodoxen Synagoge teilgenommen. Die angesehene Wiener Tageszeitung „Standard“ schreibt am 3.4.2020: “ Am Freitag hagelte es Rücktrittsaufrufe. Zudem drang eine Anekdote über einen Vorfall an die Öffentlichkeit, der sich vor zwei Wochen am Rande der konstituierenden Sitzung des Parlaments abgespielt hat. Alle dort anwesenden Minister und Abgeordneten wurden einer Fiebermessung unterzogen. Bis auf Litzman – er verweigerte den Test…“

Auch einzelne reaktionäre und konservative katholische Bewegungen und deren Theologen verbreiten mit ihren Glaubenslehren viel gefährlichen Unsinn in diesen Corona Krisen. Stellvertretend für andere nenne ich hier nur den sehr umtriebigen römisch-katholischen Bischof Athansius Schneider, er ist Weih-Bischof in Astana, Kasachstan und Mitglied des umstrittenen Kreuzordens, der wiederum mit dem „Engelwerk“ eng verbunden ist. Katholisches Sektenmilieu also, aber erlaubt, weil die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. diesem Club all ihr Wohlwollen entgegenbrachten. Warum wohl? Weil er streng gläubig sich zeigte….
Diese internationalen Verbindungen führen Bischof Schneider oft nach Europa und Amerika, oft auch in explizit traditionalistische Kreise. In der für reaktionäre katholische Theologen üblichen Argumentation setzte Herr Schneider, wie so oft, katholische Glaubenslehren über staatliche Gesetze, jetzt zum Schutz des Lebens in Corona Zeiten. Was haben diese reaktionären Herren agiert, auch politisch, für das UNGEBORENE Leben. Jetzt wollen sie gern das geborene Leben gefährden. Was für eine Schande, dieser sich och immer noch ein bisschen auf Jesus von Nazareth berufenen Herren. Und der Bischof Schneider aus Kasachstan denkt und handelt nach dem alten Grundsatz: “Die Kirche, Kirche hat immer recht“. Die konservative Website kath.net hat u.a. aktuell über Bischof Schneider dieses verbreitet: „Priester dürfen nicht vergessen, dass sie zuerst und vor allem Hirten unsterblicher Seelen sind. Wenn ein Priester in vernünftigem Ausmaß die nötigen Gesundheitsvorkehrungen beachtet und diskret vorgeht, muss er den Anweisungen seines Bischofs oder der Regierung nicht gehorchen, die Messe für die Gläubigen auszusetzen.“ Solche Anweisungen seien laut Schneider rein menschliches Gesetz. Das oberste Gesetz in der Kirche hingegen sei laut dem Bischof „die Rettung der Seelen“ (und die betreiben ausschließlich die Priester, das sagt Herr Schneider aber nicht). Er fährt fort: „Priester in einer solchen Situation müssen einfach sehr erfinderisch sein, um für die Gläubigen, und sei es für eine kleine Gruppe, die Feier der heiligen Messe und den Empfang der Sakramente zu ermöglichen. Darin bestand das seelsorgliche Verhalten sämtlicher Bekenner- und Märtyrerpriester in Zeiten der Verfolgung“.

Eine ähnliche Position vertritt der mit der offiziellen Kirche jetzt wieder „versöhnte“, einst traditionalistische Prälat Gerald Gösche in seiner St. Afra-Kirche in Berlin. Er ist versöhnt mit Rom, einzig weil er den Papst freundlicherweise anerkennt. Alles andere ist bei Gösche traditionalistisch. Nun will er per Gerichtsbeschluss eine Erlaubnis durchsetzen, die Messe in seiner Kirche mit der gut verteilten Teilnahme der Gläubigen zu feiern. Mal sehen, wie Kirche und Staat in Deutschland noch zusammen arbeiten… Religionskritik ist heute dringend. Und es fällt bei so umfassenden Wahn der sich fromm nennenden Herren, noch für einen vernünftigen Glauben einzutreten. Aber den gibt es. Er ist einfach. Vernünftig! Vergessen wir das nicht angesichts des sich ausbreitenden Wunderglaubens und Aberglaubens. Beobachten wir genau,was die Herren der Kirche und der Religionen jetzt alles so verbreiten….

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

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