Die Verhüllung des Arc de Triomphe sollte weitergehen. Die französische Nationalhymne muss „verhüllt“ werden!

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. Der „Arc de Triomphe“ in Paris, der „Bogen des Triumphes“ ist nicht der Bogen des „Triomphe de l ésprit, des Geistes, sondern des französischen Militärs. Und der ist jetzt verhüllt. Wunderbar! Leider dauert diese Verhüllung nur bis zum 3. Oktober 2021. Christo hat sein letztes großes Meisterwerk geschaffen. Ihm ist es gelungen, mit seiner Kunst das Symbol des Militarismus und der Kriege, also den Inbegriff des Nationalismus, in gewisser Weise zum Verschwinden zu bringen. Napoléons Geist und der aller Feldherren wird förmlich versteckt von einfachen Elementen der Kunst Chistos. In höchsten Tönen wird die Verhüllung des „Arc de Triomphe“ gerühmt, im Tagesspiegel ist gar von religiösen Anmutungen die Rede… Ein Kunstwerk wird zum Weltereignis. Alle staunen. Sind begeistert. Zurecht.

2. Aber darf man bei dieser durchaus spirituellen Begeisterung so vieler für Christos Werk einfach wieder in den gleichen Politikbetrieb zurückkehren und verzückt oder angewidert vor diesem imposanten Siegerdenkmal der Generäle stehen und staunen? Staunen darüber, dass so viele tausend Soldaten wie üblich als Kanonenfutter ihr Leben lassen mussten. Der säkulare Kult des „ewigen Lichtes“ für den unbekannten Soldaten im Innern des „Arc de Triomphe“ hat bekanntlich die Militärs und ihre Politiker bis heute nicht erleuchtet. Die Hinterbliebenen aus den Schlachten werden von diesem angeblich ewigen Licht nicht getröstet. Für die abgeschlachteten Soldaten ist nichts „glorreich“, wie dieses Monument verspricht. Es ist ein Monument nationalistischer Siegergeschichte. Im 21. Jahrhundert eigentlich blamabel, sich damit noch aufzuwerten, mindestens in Staaten, die sagen, den Menschenrechten verpflichtet zu sein.

3. Eine erste Erleuchtung als Konsequenz von Christos Tat wäre es, wenn die Franzosen auf ihre kriegerische und blutige Nationalhymne verzichteten. Aber nicht ganz: Sie könnten diesen unsäglichen Text, so oft von geistvollen Franzosen kritisiert und abgelehnt, „verhüllen“. Ja, man kann auch Gesang und Musik VERHÜLLEN, indem man die unsäglichen, verbrauchten und unmenschlichen Texte verhüllt, sozusagen ins Nichts überführt, und nur die Melodie bewahrt. Die klingt zwar  auch kriegerisch, ist aber ohne Text langfristig gesehen erträglich.. Also  die Konsequenz wäre: Im Falle von irgendwelchen staatlichen Feierlichkeiten nur noch die Melodie zu summen, welch ein Wohlklang könnte am 14. Juli, dem Nationalfeiertag, entstehen, wenn viele tausend Bürger summend bei einander stehen, wenn sie erbauliche Reden mehr oder weniger erbaulicher Politiker anhören.

4. Übrigens gibt es eine enge historische Verbindung zwischen dem Arc de Triomphe und der Marseillaise, der Nationalhymne. Auf der Seite der Champs-Elysées blickend, gehört zu diesem Monument eine große Skulptur, die den „Auszug der französischen Armee 1792“ darstellt, bekannt unter dem Namen „Marseillaise“.  Wenn schon nicht diese und die anderen Skulpturen, Verherrlichungen von Kriegen und Siegen, verhüllt bleiben. Dann könnte wenigstens musikalisch eine „Text-Verhüllung“ die kriegerischen Geister, bekanntlich immer noch vorhanden, etwas besänftigen. Und die Menschen könnten sich schuldbewusst eingestehen: Was für einen verrückten Text haben wir eigentlich so viele Jahre gesungen. Summen ist doch viel schöner..

Nebenbei: Von der traditionsreichen Nationalhymne Deutschlands wird auch nur noch eine Strophe (mit Text) gesungen. In der DDR hat man auf den Text der Hymne, ebenfalls aus politischen Gründen, verzichtet und in den letzten Jahren nur noch die Melodie der Hymne  „Auferstanden aus Ruinen…“ gespielt. Es gibt für Frankreich also Vorbilder…

Befremdlich ist nach wie vor, dass der eigentlich hoch geschätzte Autor Stefan Zweig 1927 in seinem Buch „Sternstunden der Menschheit“ unter den Erzählungen auch eine Art Lobeshymne auf den Erfinder der „Marseillaise“, Rouget de Lisle., veröffentlichte.  Der Titel dieser kriegsbegeisterten Hymne von Stefan Zweig ist „Das Genie einer Nacht. Die Marseillaise, 25.April 1792“.  Diese begeisterte Verklärung dieses Mord-und Totschlag Liedes durch Stefan Zweig bleibt sehr befremdlich, selbst wenn jetzt seine politischen Äußerungen ihn in ein erfreuliches, fast pazifistisches Licht rücken. Man möchte angesichts dieses hymynischen Textes meinen, Stefan Zweig, im Ersten Weltkrieg bekanntlich kriegsbegeistert, habe die Ereignisse des Tages 25.April 1792 zum Anlass genommen, seine große Kunst der einfühlsamen, stilistisch feinen Erzählung erneut zu beweisen…Ästhetik und ästhetischer Genuss (des Autors selbst) ging also vor historischem Wissen und moralischem Gewissen?

Ich habe schon früher auf den verrückten Blut- und Kriegs- Text der nationalistischen Nationalhymne Frankreichs hingewiesen: LINK 

Der Text des Kriegsliedes, Marseillaise genannt:

Es lohnt sich, den Text aufmerksam zu lesen. Und sich dabei zu fragen: In welcher Welt leben wir eigentlich, dass solche Worte noch als offizielle Hymne in einer Republik gesungen und … eingepaukt werden!

Auf, auf Kinder des Vaterlands!
Der Tag des Ruhmes, der ist da.
Gegen uns wurde der Tyrannei
Blutiges Banner erhoben. (zweimal)
Hört ihr im Land
Das Brüllen der grausamen Krieger?
Sie kommen bis in eure Arme,
Eure Söhne, Eure Gefährtinnen zu erwürgen!
Refrain:
Zu den Waffen, Bürger!
Formt Eure Schlachtreihen,
Marschieren wir, marschieren wir!
Bis unreines Blut
unserer Äcker Furchen tränkt!
(zweimal)
Was will diese Horde von Sklaven,
Von Verrätern, von verschwörerischen Königen?
Für wen diese gemeinen Fesseln,
Diese seit langem vorbereiteten Eisen? (zweimal)
Franzosen, für uns, ach! welche Schmach,
Welchen Zorn muss dies hervorrufen!
Man wagt es, daran zu denken,
Uns in die alte Knechtschaft zu führen!
Refrain
Was! Ausländische Kohorten
Würden über unsere Heime gebieten!
Was! Diese Söldnerscharen würden
Unsere stolzen Krieger niedermachen! (zweimal)
Großer Gott! Mit Ketten an den Händen
Würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.
Niederträchtige Despoten würden
Über unser Schicksal bestimmen!
Refrain
Zittert, Tyrannen und Ihr Niederträchtigen
Schande aller Parteien,
Zittert! Eure verruchten Pläne
Werden Euch endlich heimgezahlt! (zweimal)
Jeder ist Soldat, um Euch zu bekämpfen,
Wenn sie fallen, unsere jungen Helden,
Zeugt die Erde neue,
Die bereit sind, gegen Euch zu kämpfen
Refrain
Franzosen, Ihr edlen Krieger,
Versetzt Eure Schläge oder haltet sie zurück!
Verschont diese traurigen Opfer,
Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen. (zweimal)
Aber diese blutrünstigen Despoten,
Aber diese Komplizen von Bouillé,
Alle diese Tiger, die erbarmungslos
Die Brust ihrer Mutter zerfleischen!
Refrain
Heilige Liebe zum Vaterland,
Führe, stütze unsere rächenden Arme.
Freiheit, geliebte Freiheit,
Kämpfe mit Deinen Verteidigern! (zweimal)
Unter unseren Flaggen, damit der Sieg
Den Klängen der kräftigen Männer zu Hilfe eilt,
Damit Deine sterbenden Feinde
Deinen Sieg und unseren Ruhm sehen!
Refrain
Wir werden des Lebens Weg weiter beschreiten,
Wenn die Älteren nicht mehr da sein werden,
Wir werden dort ihren Staub
Und ihrer Tugenden Spur finden. (zweimal)
Eher ihren Sarg teilen
Als sie überleben wollen,
Werden wir mit erhabenem Stolz
Sie rächen oder ihnen folgen.
Refrain

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.