Die allgemeine Impfpflicht muss kommen: Denn: „Meine Freiheit“ ist immer „unsere Freiheit“.

Eine Evidenz in „einfacher Sprache“, also für  alle verständlich formuliert.

Ein Hinweis von Christian Modehn.

1. Freiheit muss man verstehen, reflektieren.

Die Auseinandersetzungen um die „Impf-Pflicht für alle“ haben auch in Deutschland zu heftigen Debatten über die Freiheit geführt, und damit die Freiheit des einzelnen im Zusammenhang der Freiheit der anderen. Wir müssen also Freiheit verstehen lernen!

2. Der pure Egoismus.

Dabei ist vor allem eine Voraussetzung explizit geworden: Viele Menschen verstehen Freiheit ausschließlich als „ihre“ Freiheit, als „ihre eigene und nur sie persönlich betreffende“ Freiheit. Das Ich als Ich weiß sich frei und will diese Einsicht und den Inhalt der eigenen subjektiven Freiheit auch gesellschaftlich und politisch als MEIN RECHT durchsetzen: Ich als Ich und nur Ich will recht haben und seine Ich-Rechte durchsetzen. Freiheit wird also nur als „mein Recht“ verstanden.

3. Die Diktatur der Egoisten.

An dieser Erkenntnis ist richtig, dass jeder Mensch als Mensch, als „Wesen der Vernunft“, in sich selbst und für sich selbst frei ist und frei sein soll. Diese eigene Freiheit des Ich ist von hohem Wert. Sie macht die Würde des Menschen, aller Menschen, aus. Darin ist die Meinungsfreiheit begründet oder die Religionsfreiheit. Und daraus folgt der Anspruch, in einem Staat zu leben, der die Freiheit schützt, meine Freiheit …aber in gleicher Weise auch die Freiheit aller anderen.

Würde ein Ich beanspruchen, dass der Staat nur seine eigene Ego-Freiheit schützt oder diese vorrangig gegenüber den anderen behandelt, lebte dieses Ego-Ich in einer Art Diktatur: Einige Leute, extreme Freiheits-Freunde des je eigenen Ich, setzten sich durch und verfügten dann über den Staat und bestimmten/missachteten seine Gesetze.

Diese Ego-Überzeugung von nur „meiner Freiheit“ muss in einem demokratischen Rechtsstaat zurückgewiesen und bekämpft werden.

4. Meine Freiheit gibt es nur mit der Freiheit und dem Leben ! der anderen.

Elementar ist also die Evidenz: Meine Freiheit kann nur realisiert werden im Respekt für die Freiheit der anderen. Dafür einzutreten, ist meine PFLICHT! Nur eine Gesellschaft und ein Staat, in dem alle Bürger in gleicher Weise frei sind, verdient den Namen, ein demokratischer Rechtsstaat zu sein, sondern auch ein humaner Staat, also keine Diktatur mit der Privilegierung einiger. Aber es kann Situation der Ausnahme, der höchsten Not, geben, in der “meine Freiheit” nur in Verantwortung für das Gemeinwohl gelebt werden kann.

5. Ich verdanke meine Freiheit immer den anderen!

Es müsste philosophisch genau gezeigt werden, dass meine Freiheitserfahrung und das Erlebnis meiner Freiheit nur möglich werden durch den Zuspruch, die Zuwendung anderer Menschen, die mich in ihrer Freiheit ansprachen und förmlich wachriefen, als ein freier Mensch zu leben und sich so zu verstehen. Vom Ursprung her ist meine Freiheit immer auf andere bezogen, z.B. eine von anderen Menschen wachgerufene Freiheit. Ich brauche andere Menschen als Gleichberechtigte, um selbst frei leben zu können. Dies ist kein funktionales Verhältnis! Sondern ich verdanke meine Freiheit den anderen, so wie diese ihre Freiheit auch der Freiheit der anderen verdanken. Freiheit ist immer auch unsere (!) Freiheit.

6. Das reflektierte Abwägen lernen.

Zur Corona-Pandemie: Alle Welt, die Wissenschaftler, die Mediziner, auch vernünftige Politiker, sprechen treffend von einer Pandemie: Und Pandemie bedeutet: Eine weltweite, alle Länder, alle Menschen, betreffende möglicherweise für sehr viele Millionen Menschen tödliche Epidemie.

In diesem total gefährlichen Geschehen der Pandemie muss ethisch abgewogen werden, also die Urteilskraft der Vernunft eingesetzt werden. Da gilt es zu prüfen: Was gilt in einer totalen Gefahrensituation mehr: Meine Ego-Überzeugung auch im gesundheitlichen Bereich? Oder hat diese Einsicht absoluten Vorrang: Impfstoffe, die diese totale Gefahr der Pandemie besser bewältigen, müssen an alle (!, auch in Afrika etc.) verabreicht werden; dieses Impfen ist wichtiger als die Geltung einzelner, subjektiver Gesundheitsüberzeugungen von Impfgegnern. Diese subjektiven Überzeugungen zu eigenen Gesundheitspflege haben in normalen Situationen ihr volles Recht, niemand muss sich bei seinem Lungenkrebs operieren lassen, das ist seine Entscheidung.

In einer konkreten Pandemie und nur in diesem Fall, gelten subjektive Gesundheits-Ideen nicht vorrangig. Da gilt der Schutz der Menschheit, also der Schutz meiner Gesundheit genauso wie der Schutz aller anderen. Und diesen Schutz bietet das Impfen gegen das Virus entschieden mehr als das Beharren auf der eigenen Therapie gegen die Pandemie ,etwa durch homöopathische Präparate oder durch den einen esoterisch-religiösen Glauben, als Frommer und Erwählter „besonders un exklusiv behütet zu sein“.  Wer dieses Spinöse für wahr hält und sich deswegen nicht impfen lässt, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern die anderen, er/sie  steckt die anderen an. Esoterik ist gefährlich heute, für den Esoteriker selbst wie für die Vernünftigen.

7. Auch Impfverweigerer wollen bald  in Intensivbetten gepflegt werden, oder nicht?

Vor allem: Die Nicht-Geimpften blockieren im Falle ihrer eigenen absehbaren Covid-Erkrankung die Intensiv-Betten, sie sind also als impfverweigerer nicht nur Egoisten, sondern sie beschädigen die übliche Gesundheitsfürsorge in den Kliniken, etwa auch schwierige Operationen vorzunehmen außerhalb einer Corona-Erkrankung. Mit anderen Worten: Indem die Impfverweigerer beanspruchen, bei eigener Corona-Erkrankung in einem Intensiv-Bett gepflegt zu werden, nehmen sie förmlich, um es drastisch und klar zu sagen, anderen Schwerkranken die entsprechende Pflege im Intensivbett weg.

8. Die Macht der Dummheit

Die Impfverweigerer sind also philosophisch und ethisch gesehen, das muss man wohl so sagen: Egoisten. Andere meinen, nicht ganz falsch: Sie sind Dummköpfe, die sich den Einsichten der Wissenschaften verweigern. Selbst wenn das Impfen keine absolute Sicherheit bringt (wo gibt es das in diesem Leben überhaupt ?), so bringt das Impfen doch bis jetzt empririsch nachgewiesen einen hohen Gesundheitsschutz für einen selbst wie für andere. Sich dem zu verweigern aus Eigensinn und  (religiöser, poliischer) Esoterik ist eigentlich eine Untat.

9. Impfen schützt, rettet Leben. Das steht fest!

Das Freiheitsverständnis der Impfverweigerer ist also philosophisch, d.h. vor den Forderungen der allgemeinen Vernunft: falsch und es ist ethisch widersprüchlich. Denn klar ist: Bisher hat nachweislich das Impfen sehr viel mehr vor dieser Pandemie geschützt als die Impfverweigerung.

10. Beim Autofahren Anschnallen: Eine selbstverständliche Pficht für alle!

Die Impfverweigerer sollten wissen: Sie haben als Bürger immer schon aus eigener einsicht schon selbstverständlich Zwänge und Pflichten respektiert, die der demokratische Rechtsstaat in einigen Fällen gesetzlich auferlegt hat. Man denke an die Verpflichtung, sich bei der Auto-Fahrt anzuschnallen. Mit der Gurt-Pflicht schützt man sich selbst und andere. Diese Pflicht, im Auto mit einem Anschnallgurt zu fahren, ist keine bloß den Körper, als etwas bloß “Äußeres” betreffende Aktion zu verstehen, wie Impfgegner gern vorhalten: Das Sich-Anschnallt im Auto führt zu einer gewissen ganzheitlichen Ruhe und Konzentration des Autofahrers: Er/sie ist sich bewusst, dass er/sie eine Verantwortung hat im Straßenverkehr.

11.Es ist eine Pflicht, Menschen in Not Hilfe zu leisten

An andere Pflichten und sinnvolle Zwänge wäre zu erinnern: An die Schulpflicht z.B., die selbst bei Verweigerern der staatlichen Schule gilt. Denn sie zwingt die Eltern dann, privat ihren Kindern zu Hause, auf den entlegenen Berghütten und wo immer, das Einmaleins beizubringen.

Ebenso gibt es die Pflicht der Hilfeleistung für andere in Gefahr und Not, siehe das Strafgesetzbuch § 323c: Unterlassene Hilfeleistung; Behinderung von hilfeleistenden Personen: „(1) Wer bei Unglücksfällen oder gemeiner Gefahr oder Not nicht Hilfe leistet, obwohl dies erforderlich und ihm den Umständen nach zuzumuten, insbesondere ohne erhebliche eigene Gefahr und ohne Verletzung anderer wichtiger Pflichten möglich ist, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft. (2) Ebenso wird bestraft, wer in diesen Situationen eine Person behindert, die einem Dritten Hilfe leistet oder leisten will“.

Die wichtigsten Rechte und Pflichten sind leicht nachvollziehbar zusammengestellt: https://www.unserac.de/fileadmin/unserac/media/downloads/BST-Grundrechte-DE.pdf)

12. Eine philosophische Gesamteinschätzung: Impfgegner und ihre Bejahung der Demokratie?

Unter den Verweigerern des Impfens angesichts der Corona-Pandemie und den Feinden der allgemeinen und für alle (mit ganz wenigen begründeten Ausnahmen) geltenden Impf-Pflicht gibt es unterschiedliche Typen. Vielen ist gemeinsam, sozusagen als der unausgesprochene Hintergrund: Die Verachtung der Demokratie in Deutschland und überhaupt die Zurückweisung eines auf universalen Menschenrechten orientierten Regierungssystems. Daraus folgt das Misstrauen, der Verdacht, von der ohnehin pauschal verachteten demokratischen Regierung betrogen zu werden. Der verrückte Hass auf die Gesetze der Demokratie dieser meist sehr rechtslastigen Leute endet aber dann, wenn sie von diesem eigentlich verhassten System dann doch die Pflege der eigenen Gesundheit beanspruchen.  Oder wenn die Freiheit der Meinungsäußerung in der Demokratie von den Extremisten gern genutzt wird, um ihre eigene Ideologie zu verbreiten.

13. Impfgegner sind mitschuldig am Zusammenbruch des Gesundheitssystems.

Die Corona-Pandemie hat die tiefen Brüche in unserer Gesellschaft freigelegt. Schuldig an dieser Misere, etwa den immer noch zu viel geringen „Impfquoten“ in Deutschland, ist der egoistische Starrsinn einer Minderheit. Diese ist aber in ihrem Starrsinn immer noch eine Gefahr für die allgemeine Gesundheit in Deutschland. Diese Leute blockieren in ihrem Starrsinn den Aufbau von relativ freien und kommunikativen Verhältnissen in Deutschland „nach Corona“, sie fördern durch ihr dummes und egozentrisches Verhalten die Verlängerung der Pandemie.

14. Politiker haben Angst, Impfgegner klar anzuklagen.

Diese Evidenz wird leider selten von PolitikerInnen genannt. Sie haben wohl inzwischen Angst vor dem Hass der Impfgegner. Angst vor Esoterikern und (Rechts)-Extremen…

15. Der Theologe, Pater Klaus Mertes SJ,  behauptet: “Im Haus Gottes, also in der Kirche, seien (beim Gottesdienst, bei der Messe in Pandemie-Zeiten etc.) alle willkommen.” Das heißt doch wohl auf die Pandemie bezogen: Ob geimpft oder nicht geimpft, sie sind alle willkommen und werden hinsichtlich ihres Impfstatus auch nicht überprüft.. Und  weiter erzählt Mertes in einem Interview mit der ZEIT vom 9.12.2021. Seite 80: „Ich habe ein Problem mit 2G bei Gottesdiensten, weil ich es nicht zusammenkriege mit dem Evangelium. Jesus unterscheidet nicht zwischen so genannten Gerechten und so genannten Sündern, er ist für alle da“.  Wer sollen denn die Gerechten und so genannten Sünder sein im Zusammenhang des Impfens? Diese Frage bleibt offen. Pater Mertes meint wohl: Weil Jesus alle liebt, brauchen wir als Kirche nicht die Regel 2G im Gottesdienst!

Mertes verteidigt die Praxis einer für alle offenen Gottesdienst-Gemeinschaft, was prinzipiell richtig ist, aber nicht in Pandemie-Zeiten gelten kann.  Diese Verteidigung einer offenen Kirche mit gemeinsamem Gottesdienst für alle in Pandemie Zeiten, ohne zu fragen: “Bist du geimpft oder nicht?”, ist ethisch gesehen falsch und gesundheitlich schädlich!

Diese Haltung eines an sich vernünftigen Theologen überrascht , und sie ist zurückzuweisen. Denn diese von Mertes verteidigte Haltung setzt ein theologisches Prinzip (“die offene Kirche für alle”) über das viel wichtigere universale ethische Prinzip des Lebensschutzes für alle. Ethik und Sorge um das Gemeinwohl stehen selbstverständlich über nun einmal immer begrenzten religiösen, konfessionellen Prinzipen. Das ist evident.

Man nennt diese hier von Pater Mertes SJ indirekt ausgesprochene Überordnung theologischer Prinzipien über die ethischen Prinzipien eine Form von religiösem Fundamentalismus.  Man stelle sich vor, Imame oder Rabbiner würden nach diesem von Mertes verteidigten theologischen Prinzip handeln! Also: In der Moschee oder der Synagoge würde nicht nach dem Impfstatus gefragt, was für einen berechtigten  Aufschrei gäbe es!

So also wird einmal mehr deutlich. Es gibt auch heute, in Zeiten der Pandemie, versteckten Fundamentalismus in der römischen Kirche.

Mertes stört es in dem Interview mit der ZEIT auch, dass mit dem Impfen einige Menschen eine “Heilserwartung”  verbinden, die “schon eine religiöse Dimension hat.”  Das formuliert Mertes vorwurfsvoll, man sollwhl denken, als wäre christliches Heilsverständnis (nur)  eine rein ontologische und nur geistige und seelische Wirklichkeit!  Warum kann denn Impfen gegen die schreckliche Pandemie theologisch betrachtet nicht auch ein leibliches Heil (Gesundheit) bewirken, das zugleich ein Vorschein des umfassenden “Heils” ist? Seit wann ist denn in einer sich kritisch und modern nennenden Theologie die Erlösung, das “Heil”, völlig vom irdischen, gesundheitlichen und gesellschaftichen Wohlbefinden getrennt?  Schwierig und skandalös ist es nur, dass die Impfstoffe nicht gerecht verteilt weden und den Armen im Süden meist nicht zur Verfügung stehen. Jedenfalls ist doch die Chance, die Gesundheit zu retten, auch religiös zu deuten. Für die Befreiungstheologie, die Pater Mertes kennt, ist religiöses “Heil”, “Erlösung” immer auch materiell, leiblich, gesellschaftlich vermittelt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

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