Liebe FreundInnen des Religionsphilosophischen Salon Berlin, liebe Abonnentinnen unserer „neuen Berichte“ …
Diesmal sind unsere Hinweise etwas ausführlicher als sonst, aber vielleicht haben einige Interesse an der hoffentlich anregenden/aufregenden Lektüre.
Es ist kein Jammern, sondern Beschreibung unserer menschlichen Situation jetzt: Es ist sehr dunkel überall und wir suchen Inspirationen, die uns Wege ins vernünftige, d.h. humane Leben zeigen. Am 10. Dezember wird an die universale Geltung der Menschenrechte erinnert: Vor 75 Jahren wurde dieses wichtigste Dokument der Menschheit von der UN in Paris veröffentlicht. LINK. Eine Orientierung für den Aufbau einer humanen, gerechten Welt. Aber die Menschenrechte wurden und werden von PolitikerInnen wie schöne Floskeln oder als ideologisches Versteck für de facto unmenschliche Politik verwendet. Der vielfältige Missbrauch der Erklärung der Menschenrechte ist absolut kein Grund, die Menschenrechte zugunsten der üblichen Herrschaft des Stärkeren beiseite zu legen.
Für religiös und religionsphilosophisch Interessierte bleiben die aufs politische Geschehen bezogenen Beiträge von Kirchenführern und sehr vielen Theologen immer höchst fraglich: Sie empfehlen nach wie vor, angesichts dieser Kriegen und der Katastrophen aller Orten: Wir sollten beten, also Bittgebete sprechen: Und einen personal gedachten „himmlischen Vater“ - Gott bitten, doch einzugreifen und Frieden zu schaffen. Soweit wir empirisch - historisch wahrnehmen, hat dieser Gott nie als solcher eingegriffen und in Kriegszeiten etwa für eine Seite als Gott Partei ergriffen und diese gestärkt. Er hat auch jetzt nicht den üblen Kriegstreiber, den Moskauer Patriarchen Kyrill I., in sein himmlisches Reich (oder die Hölle?) berufen. Bittgebete in dieser klassischen, oder besser: kindlich - naiven Gestalt sind hilflose Versuche von Päpsten und Kirchenführern und Pastoren, irgendwie das angeblich „Eigene“ zu wahtren und damit zu glämnzen. Aber welche poetische, humane Bedeutung können Bittgebete noch haben? Eine für offizielle Kreise ketzerische Frage mit einer ketzerischen, aber richtigen Anregung, Aufregung. LINK.
Natürlich hat Weihnachten immer schon auch religionsphilosophisch Interesse geweckt, viel beachtet wurde unser Beitrag „Weihnachten und Philosophie“, auch als Anregung für PfarrerInnen, die nach vernünftigen Aussagen zum Jubel und Trubel des Heiligen Abends suchen, als Alternativen zum üblich verkündeten Fundamentalismus. LINK.
Zur Philosophie im „engeren Sinne“: Im nächsten Jahr wird der 300. Geburtstag von Immanuel Kant gefeiert, hoffentlich in seinem Sinne gedacht, mit dem Vorteil vielleicht sogar, dass niemand nach Königsberg reisen wird, reisen darf, um Äußerlichkeiten zu Kants Leben dort zu bewundern. Kant als Lehrer der Weisheit ist ein neues Thema, das der Philosoph Pierre Hadot vorschlägt: LINK. Und für uns genauso wichtig: Kant als Lehrer einer universalen, nicht mehr dogmatischen Kirche, großartig diese Idee. LINK.
Zur Philosophie gehört immer noch und immer mehr auch Karl Marx, wie sollte man denn ohne ihn den absolut herrschenden Kapitalismus überwinden? Jetzt ist ein Buch erschienen, das das übliche herrschende und falsche Marx-Bild korrigiert! Und Marx nun als ökologisch engagierten Denker vorstellt, eine ziemlich sensationelle Entdeckung, die nur möglich wurde aufgrund neuer Studien zu bisher unbeachteten Notizen und Studien von Marx zum Thema Ökologie und Umwelt. Philosophische Forschung bringt durchaus neues Licht ins Denken, zerstört übliche Klischees, hoffentlich! LINK.
Kolonialismus wird endlich ausführlicher studiert. Weniger Beachtung findet der Zusammenhang von Kirchen bzw. „Welt-Mission“ und Kolonialismus. Dieses Thema berührt eines unserer Interessen seit vielen Jahren. Deswegen haben wir einige Thesen notiert zum Thema: „Die Allmacht des europäischen Christentums“, sicher nicht nur für Leute interessant, denen Kirchenthemen wichtig sind. „Mission und Kolonialismus“ als totale Europäisierung ist auch ein kulturell wichtiges Thema. LINK
Kulturell wichtig: Genau das trifft auch zu, wenn man an die neueste religionssoziologische Studie über die Kirchenbindung in Deutschland denkt: Zusammenfassend gesagt: In Deutschland nimmt die innere (Seelische, religiöse) wie äußere Bindung an die einstigen „Volkskirchen“ rasant ab. Und Schuld daran sind sicher auch die Kirchenleitungen und Kirchenbürokratien, auch die versteinerte Sprache der Gottesdienste, die vielen Dogmen und Moralvorschriften, die geringe Glaubwürdigkeit von Klerus und PfarrerInnen…Man sollte nur beachten: Verschwinden die Kirchen in Deutschland und Europa, dann verschwindet auch eine kulturelle Präsenz, sichtbar durch Kirchengebäude, Klöster, religiöse, kirchliche Treffpunkte usw. Dieses Verschwinden kann auch als kultureller Bruch gedeutet und auch bedauert werden. LINK.
Wir wünschen Ihnen in dieser unfriedlichen Weihnachtszeit viele lange Momente der Stille, der Zurückgezogenheit als der Voraussetzung fürs kritische Nachdenken und Selber - Denken, wir wünschen Ihnen intensive Gespräche im freundlichen Miteinander (vielleicht in einem kleinen privaten „Salon“)…
Falls einige von Ihnen unsere Texte lesen und dazu Stellung nehmen wollen, dann senden Sie diese bitte an: christian.modehn@berlin.de Wir veröffentlich dann gern ihre Stellungnahmen.
Herzlich, Christian Modehn und Hartmut Wiebus.
Kein PS: Sondern wichtig:
Wie Gebete als humane Poesie gestaltet sein können, zeigte immer wieder der niederländische Poet, Theologe und Gründer einer freien ökumenischen Gemeinde in Amsterdam HUUB OOSTERHUIS. Wir haben über sein ausgezeichnetes Werk vielfach publiziert, Oosterhuis ist in diesem Jahr 2023 am Ostersonntag verstorben: LINK.
Vielleicht interessiert Sie ein Lied gegen den Krieg, das Huub Oosterhuis anläßlich des "Vietnamsonntags" in den Niederlanden am 29. Okt 1972 (!) schrieb und das von mehreren prominenten Komponisten seitdem vertont wurde für den Chor. Er hat eine führende Rolle in allen Gottesdiensten der Gemeinde, sie heißt ECCLESIA Amsterdam und sie trifft sich im Kulturzentrum"de rode hoed".
Das Lied, Gebet, die Poesie von Huub Oosterhuis:
Wir, die wir mit eigenen Augen
die Welt zerrissen sehn,
doch blind und unbarmherzig
verleugnen, was geschieht:
dass Krieg die Welt verwaltet
und keiner Frieden sinnt,
dass Menschen Menschen töten,
dass wir es selber sind.
Wir, die noch leben dürfen
in Hoffnung und in Furcht,
den Mächten ausgeliefert
mehr als der eigenen Schuld,
wir, die weiß Gott wie lang noch
bis heute unversehrt:
dass wir nie anerkennen
das Recht von Faust und Schwert.
Dass wir doch nicht vergessen,
woraufhin wir gemacht,
dass tief in unsren Herzen
ein neues Licht erwacht.
Der Geist, der überdauert,
erstehe in uns neu,
dass unsre liebe Erde
noch nicht verloren sei.
Die Übersetzung aus dem Niederländischen in: „Du Atem meiner Lieder“. S 182. Herder 2009.
In den Niederlanden gibt es zu diesem Lied von oosterhuis einen eigenen wikipedia Eintrag!
https://kerkliedwiki.nl/Wij_die_met_eigen_ogen
"Het lied is niet zonder meer een aanklacht tegen de oorlog maar ook een aanklacht tegen onszelf: wij zijn medeschuldig, wij zien het en ontkennen het. De vraag waarom wij onze verantwoordelijkheid niet aankunnen (durven, willen) hoort thuis in het lied van de gemeente.
Het lied is oorspronkelijk geschreven voor de Vietnamzondag van 29 oktober 1972 en gepubliceerd in een actiekrant onder de titel Een nieuw volkslied tegen de derde wereldoorlog op de melodie van het Wilhelmus."
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