Liebe LeserInnen der Neuigkeiten aus dem Religionsphilosophischen Salon Berlin,
mit herzlichen Grüßen zunächst zwei Daten, die hoffentlich einige von Ihnen wichtig und interessant finden:
Am Freitag, den 28. Juni 2013, findet unser nächster Salon statt, um 19 Uhr in der Galerie Fantom in der Hektorstr. 9 in Berlin-Wilmersdorf. Wir wollen einen zentralen Gedanken Kierkegaards nachvollziehen und besprechen; es geht um die Lebensformen, die sich mehr dem Ästhetischen und mehr dem Ethischen (und dem religiösen) zuwenden. Klingt abstrakt, hat aber tief mit unserer eigenen Lebensorientierung zu tun, denn darum allein geht es ja der (praktischen) Philosophie. Siehe bitte die unten angegebenen Hinweise.
Dann habe ich den Vorschlag, mit einigen TeilnehmerInnen die auf Kierkegaard bezogene Ausstellung im wunderbar gelegenen Haus am Waldsee in Zehlendorf anzusehen, es sind zeitgenössische Künstler aus Schweden und Dänemark vor allem, die sich von Kioerkegaards Werk "Entweder - Oder" inspirieren ließen. Ich kann mich bemühen um eine "Führung", das könnte sein am Sonntag, 30. Juni um 15 Uhr oder am Mittwoch, 3. Juli, um 16.30 (die Ausstellung ist geöffnet bis 18 Uhr). Bitte melden sie sich bis Freitag, 21.6., ob Sie ein Termin interessiert als Anmeldung, dann kümmere ich mich um weiteres, eben die Führung. Was die Präferenz des Datums angeht, wird nach Mehrheits voten entschieden. In jedem Fall könnte nach der Ausstellung noch eine Fortsetzung des Gespräches geben, falls gewünscht. Es ist eine große Chance, einmal Künstler zu erleben, die sich unmittelbar von einem philosophischen Werk inspirieren lassen.
Kierkegaards Werke sind äußerst umfangreich, sie erfordern recht hohe Konzentration. Ich schlage vor, wer sich etwas einstimmen will:
1. Tilo Wesche, "Kierkegaard. Eine philosophische Einführung", Reclam, für ganze 5,80 Euro.
2) "Kierkegaard zum Vergnügen", ebenfalls Reclam, 5 Euro, wobei Vergnügen oft in " --" zu setzen wäre..
Dann noch etwas Wichtiges, das alle interessieren könnte, die auf der Grenze zwischen Glauben und Wissen, Religion und Zweifel sich bewegen (das sind die meisten?) Der Berliner protestantische Theologe der Humboldt Universität, Wilhelm Gräb, hat zugesagt, am Samstag, 20. juli 2013, von 14 bis 18 Uhr eine Art "kleine theologische Sommerschule" zu machen. Prof. Gräb ist Vertreter der sogen. liberalen Theologie, die sich als explizit moderne Theologie der vernunft verpflichtet weiß und traditonelle Dogmen eher skeptisch betrachtet. es können als interessante Stunden des Gesprächs werden, die auch der eigenen Lebensorientierung dienen könnten. Themen etwa: Religiös sein contra Glauben; Gott - wer ist das eigentlich? Was bedeutet Gott angesichts des Elends der Welt, des persönlichen Sinnsuchens? Beitrag: 10 Euro (nur). Ort: Galerie Fantom, Hektorstr. 9. Berlin Wilmersdorf. Ich bitte um Anmeldungen, also festen Zusagen, denn ein bißchen muss ja selbst ein philosophischer Salon planen....
Beste Grüße, Christian Modehn.
Hier zur Einstimmung für unseren Salon am 28.6. einige Hinweise, die hoffentlich weitere Fragen wachrufen:
Kierkegaard spricht immer wieder in seinem Werk von drei Existenzformen, in seinem ersten großen und umfangreichen Werk „Entweder – Oder“ von 1843 nur von zwei Formen, später dann von drei. Wir erleben hier einen Denker der Existenz, der bis an die Wurzeln geistigen Lebens in gleicher weise nuancierten wie radikalen Analysen vordringt. Er ist deswegen bis heute sehr bewegend....
Ich beziehe mich hier auf die grundlegende, jedoch hohe Konzentration fordernde Studie des Kierkegaard Kenners Prof. Thilo Wesche: „Kierkegaard. Eine philosophische Einführung“ (Reclam, 224 Seiten, nur 5, 80 Euro).
Kierkegaard beschreibt da letztlich Erfahrungen misslingenden, scheiternden Leben. Er zeigt, wie im Menschen jeweils auf andere Art eine tiefe, unaufhebbare Ratlosigkeit entsteht, die darin besteht: Nicht zu wissen, „was es heißt, ein Mensch zu sein“.
1. Die erste, die ästhetische Existenzform scheitert:
weil sie aus dem Individualismus, dem Genießen, dem Epikuräismus, nicht herausfindet: „Es gibt für diese Existenz kein allgemein Verbindliches; deshalb verwirklicht der Einzelne nur das, was der eigenen Erfüllung dient“ (Wesche, 51). In „Entweder Oder“ nennt Kierkegaard Beispiele: “Hier haben wir eine Lebensanschauung, die da lehrt: Gesundheit sei das kostbarste Gut, darum alles sich drehe. Die gleiche Anschauung ist, das höchste sei Schönheit“. (Wesche 51).
Warum SCHEITERT dieses Lebensmodell im Sinne Kierkegaards? Man will diesen Lebensinhalt in der eigenen Lebenszeit unbedingt realisieren, „vergisst aber, dass die Erfüllung dieses Wunsches nicht in unserer eigenen Macht liegt“, so „Entweder – Oder“, weil der Mensch nicht Herr der eignen Lebenszeit ist.
2. Der zweite, der ethische Lebensentwurf scheitert:
Der Mensch entspricht den allgemeinen ethischen Geboten, die verheißen: Sie führen den Menschen im Gehorsam den Geboten gegenüber zu einem „höchsten Gut“ (etwa Gott belohnt die Guten im Himmel, weil sie auf Erden keine wirkliche Belohung für ihr Gutsein empfangen können). Aber da wird das letzte Lebensziel also in ein Jenseits verlagert; das lässt den einzelnen hier auch unbefriedigt, insofern scheitert auch dieses Lebensmodell.
3. Der dritte , der religiöse Lebensentwurf scheitert:
Weil er Gott zu einem willkürlich herrschenden Wesen macht, das sich jeglichen Verständnisses vonseiten des Menschen entzieht und nur blinden Glauben verlangt (siehe Abraham gegenüber Isaac).
Die Konsequenz dieses Scheiterns der drei Lebensformen: Dies ist für Kierkegaard die Verzweiflung:
D. h.: Ich erfahre, dass ich - nach der rationalen Reflexion auf die drei Existenzformen - mich selbst nicht bestimmen kann; wer ich bin, bleibt mir unklar und verborgen, wie Kierkegaard sagt. (Wesche S. 41) Ich weiß nicht, was das Leben lebenswert macht.
Diese Verborgenheit des eigenen Lebens, Verborgenheit des Lebenssinns, bezeichnet K. als Verzweiflung. Dabei muss er eingestehen: Die Rationalität muss dabei auch ihre eigene Ohnmacht anerkennen, über kein gesichertes Wissen über das ganze Leben verfügen zu können. (Wesche, 49).
Zur Vertiefung:
„Die Lebenszeit wird ohne das Wissen, was sie lebenswert macht, als ein leeres, auf den natürlichen Lebensvollzug reduziertes Leben gelebt; es ist ein =bloßes= Leben, selbst dann, wenn es gesund ist. Dies beschreibt K. als lebenslanges Sterben, so ist die Verzweiflung die Krankheit zum Tod... “Die Lebenszeit wird als Zeit des Sterbens erfahren“. (Wesche, S. 43). „Es ist die Verzweiflung über ein ungelebtes Leben“: Das ist für Kierkegaard: Grauen und Entsetzen“ (Wesche, S 45). Der „Mensch leidet an der Leere des bloßen Lebens“ (47). Dies ist ein Gefühl der Schwere, „die von der Leere entsteht“.
Mit der Verzweiflung (als Krankheit zum Tode) ist auch die ANGST als eine eigenständige Wirklichkeit gegeben. In der Verzweiflung, die eine Erfahrung der misslingenden Lebensdeutung ist, bedeutet Angst: Ich verberge vor mir selbst dieses Misslingen; ich will nicht wahrhaben, dass mein Leben im Misslingen steht. Ich bewahre also den Schein, die Illusion, gesicherter Lebensdeutung. Diese tiefe Selbst – Täuschung ist für Kierkegaard Angst, über alle alltäglichen Angstformen hinaus ist es die Angst vor einer Daseinsmöglichkeit: „Nicht die Angst vor der Dunkelheit ist ihre Sache, sondern geradezu umgekehrt die Angst, es könne sich die Dunkelheit lichten, eine Dunkelheit, die einem verhüllt, wie und wer man in Wahrheit ist“ (Wesche, s. 61). Angst ist also elementar: Angst vor Selbsterkenntnis. „Sie ist die Flucht vor dem Eingeständnis, dass eine sichere (!) Deutung des Lebens stets misslingt“ (ebd). Davor drückt man sich sozusagen herum. Angst verhindert also eine unbefangene Selbstbetrachtung (Wesche, S. 64).
Verzweiflung und Angst sind für Kierkegaard jedoch nicht (nihilistisch erscheinende) Endpunkte. Kierkegaard zeigt die negativen Seiten des Lebens, um dadurch, auch im Leiden daran, Mut zu machen, neu den eigenen Sinn zu entdecken, und der ist für Kierkegaard der Glaube. „Verzweiflung wird zum Durchgang zum Glauben“ (Wesche zitiert „Krankheit zum Tode“, S. 141.
Also inmitten der Verzweiflung kann es immer noch einen Hinweis auf die Gesundheit (Kierkegaard spricht gar von „Erlösung“) geben. D.h. im Negativen wird die Ahnung des Positiven noch wachgerufen...Das heißt: Ich muss mich dann daran halten, und anerkennen, dass es etwas gibt, das noch über die Erfahrungen des Scheiterns (der 3 Lebensmodelle) hinausgeht. Weil ich ja auch geistig über das Scheitern immer schon hinaus bin.
Kierkegaard empfiehlt, den Sprung zu wagen und in der Lebenspraxis über das Scheitern und die Verzweiflung hinauszugehen. Tilo Wesche spricht da von einem „Dezisionismus“ (S. 148). Schon Platon sprach davon, er nannte es das „schöne Wagnis“. So empfiehlt etwa Sokrates hinsichtlich des Mythos von der Unsterblichkeit, der nicht mehr „beweisbar“ ist, „dass es sich aber lohne zu glauben, es verhalte sich so (mit der Unsterblichkeit)- Siehe Phaidon, bei Wesche 148).
Das heißt: Kierkegaard ist wie Platon der Meinung, dass angesichts der hier angesprochenen Probleme das theoretische Argument an Grenzen stößt! Die Wahrheit muss im Vollzug der Praxis gewagt werden. Der Begriff des Wagnisses – in der Lebenspraxis – d.h. „Ja zum Leben sagen trotz aller Verzweiflung“, ist der bedeutendste Berührungspunkt des Christen Kierkegaard mit dem Griechen Platon.
Copyright: Christian Modehn 17.6.2013.
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