Die Ehre – das veräußerliche Leben. Das Gegenteil von Würde.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Warum soll man sich mit dem Begriff und der Wirklichkeit der EHRE und der EHR-ERBIETUNG befassen? Wenn Ehre und Ehr-Erbietung zum Mittelpunkt des Lebens werden, wird das Leben selbst völlig veräußerlicht, oberflächlich, unpersönlich. Nicht alle wollen so leben. Deswegen sollten wir uns mit der Ehre und der Ehrerbietung befassen. Etwas anderes ist hingegen die Ehrfurcht.

1. Würde ist mehr als Ehre
Dem Begriff der Würde eines jeden Menschen steht scheinbar der Begriff der Ehre und des Ehrgefühls nahe. Aber nur scheinbar!
Denn Würde ist eine innere Dimension der menschlichen geistigen personalen Existenz. Sie ist eine (meine, deine, unsere) Dimension, die letztlich von keinem anderen Menschen zerstört werden kann. Denn bekanntermaßen können noch unter unmenschlichen, unwürdigen Bedingungen die Opfer ihre innere Würde bewahren und sich so inmitten der Unmenschlichkeit wenigstens seelisch, menschlich retten. Was nicht bedeutet, nicht gegen unmenschliche Zustände aufzustehen und zu rebellieren!

2. Nur der einzelne selbst kann seine innere Würde verlieren
Die eigene unantastbare Würde kann nur vom einzelnen selbst in seinem eigenen würdelosen Verhalten zu einem gewissen Verschwinden gebracht werden. Ob die „innere Würde“ eines Menschen jemals von ihm zu „töten“ ist, bleibt die Frage. Die KZ-Mörder, ein klassisches Beispiel, wurden im Nazi-System geehrt. Sie haben aber als Menschen, die sie ja waren, jegliche innere Würde verloren. Und diese ist vor allem eine „innere“ Realität, im Geist, in der Seele, im Gewissen zu spüren.

3. Veräußerlichtes Gefühl, „geehrt zu werden“
Ehre und Ehrgefühl des einzelnen sind äußerliche Zuschreibungen anderer. Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist voller Darstellungen dieser „Ehren-Problematik“ bzw. Sucht, als ehrenwerter Mensch angesehen zu werden. Man denken nur an Hermann Broch und vor allem an den ersten Teil seiner „Schlafwandler-Trilogie“.
Das ist typisch: In einer hierarchisch verfassten Gesellschaft bzw. einem hierarchisch geprägten Staat (und diese gibt es immer) werden bestimmte „hohe“ Amtsträger wie automatisch von anderen als „ehrwürdig“ betrachtet und angesprochen. Zum Beispiel: So müssen wohl oder übel die demokratischen Politiker bei Staatsbesuchen etwa bei Mister Trump oder Mister Orban oder bei afrikanischen bzw. arabischen Despoten gewisse „ehrerbietige“ Höflichkeitsregeln befolgen, obwohl die genannten Herren diese Ehre eigentlich nicht verdienen. Aber die Diplomatie schreibt Verlogenheit vor. Aber die Überzeugung, dass es sich bei den Genannten (Trump usw.) um würdelose Wesen handelt, ist doch sehr zurecht angesichts von deren Taten und Worten sehr weit verbreitet. Hinterlässt aber bei der demokratischen kritischen Bevölkerung immer noch Hilflosigkeit.

4. Respekt und Achtung
Achtung gebührt dem (gerechten) Gesetz, wie Kant treffend bemerkte. Und wenn man eine „Amtsperson“ achtet, dann nur wegen des (gerechten) Gesetzes, „wovon jene Person uns das Beispiel gibt“ (Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten).
Respekt bezieht sich auf den Umgang mit anderen Menschen. Dieser Respekt gilt prinzipiell jedem Menschen, darin drückt sich die Anerkennung der Würde, des „Wertvollen im Menschen“, aus; diese Würde ist etwas Unantastbares, einem jeden Menschen „Innerliches“.

5. Der gute Ruf und die bürgerliche Moral
Wer hingegen geehrt werden will, ist bedacht auf seinen (angeblichen) guten Ruf. Er will nach außen hin, bei anderen, „etwas“ gelten, als etwas Besonderes erscheinen. „Mehr Schein als Sein“ ist das unzerstörbare Lebensprinzip dieser „Ehrenvollen“. Man freut sich etwa über Auszeichnungen. Die können im Falle für sportliche oder für künstlerische Leistungen sinnvoll sein; selbst wenn diese Auszeichnungen oft eher durch zufällige (auch parteipolitische) Konstellationen oder „connetions“ zustande kommen. Sehr oft wird bei einer Ehrung nicht die Person als solche hervorgehoben oder gar als Vorbild gepriesen. In der Ehrung wird das von der Person immer noch verschiedene künstlerische, literarische „Werk“, die „Leistung“, geehrt. Ist die Leistung etwa durch Doping betrügerisch erschlichen worden, wird auch die Person eher höchst kritisch betrachtet. Und von der Masse der Enttäuschten geächtet.
Diese Ehrungen in der Kultur, vor allem in der Politik sind oft sehr problematisch, weil übereilt: Man denke an angebliche „Friedenspolitiker“ wie Obama, er erhielt 2009 den Friedensnobelpreis. Man denke auch daran, welche merkwüridgen Gestalten etwa auf die „Ehre der Altäre“ als Heiliggesprochene und ehrenvolle Vorbilder erhoben wurden: Etwa der Scharlatan und Volksheilige Pater Pio in Italien oder der reaktionäre Papst Pius IX. oder der Gründer des katholischen Geheimclubs „Opus Dei“, Pater Escriva y Balaguer… Zu diesen so ehrenvollen Herren sollen also die frommen Katholiken um himmlischen Beistand bitten!

6. Der gute Ruf als Ehre in der Familie
Spielt die Ehre noch im alltäglichen Familienleben eine Rolle? Vielleicht ist das Insistieren auf der Bedeutung der Ehre für die Familie in nicht-muslimisch geprägten Familien West-Europas nicht mehr so groß wie noch vor 60 Jahren: Als etwa die braven, (klein)bürgerlichen Eltern den Kindern extravagante Kleidung oder Rock-Musik oder Formen der sexuellen Freiheit verboten hatten mit dem Argument: Wer das tut, schädigt den guten Ruf, die Ehre der Familie. Wie oft hörte man das Argument: „Was sollen denn dann die Nachbarn denken?“
Die Ehre wird selbst noch in Deutschland heute verteidigt, man denke daran, dass es christlich geprägte Familien für eine Schande halten, wenn der Sohn oder die Tochter sich öffentlich als homosexuell outen.
In muslimisch geprägten Kulturen spielt die Bewahrung der Ehre (also das äußerlich korrekte Verhalten nach den Geboten der Traditionen) eine sehr große Rolle, aber das ist ein eigenes Thema. Ein Stichwort wären: Ehrenmorde. Oder die „arrangierten Ehen“, die die Würde der Mädchen und Frauen verletzen. Ehre zeigt sich hier besonders als Ausdruck einer grausamen „Macho-Religion“.

7. Die Ehre als Mittelpunkt
Die Ehre war vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in Europa eines der „höchsten Güter“. Es war eine Art „symbolisches Kapital“, wie es in der „Geschichte des privaten Lebens“ (Band IV, S. 270) heißt. Je mehr Ehre einem Menschen, einer Familie oder einer Firma zugesprochen wurde, um so bedeutender und erfolgreicher konnte man gelten und leben. Aber dieses Kapital der Ehre war stetst gefährdet, durch üble Nachrede konnte es zerstört werden. Davon handelten die ständigen, heftigen Streitereien der Menschen, etwa schon in Paris des 18. Jahrhunderts. Da gab es die staatlich angestellten „commissaires“, an die sich die Beleidigten wenden konnten, um die verlorene Ehre rechtlich wiederherzustellen.
Man wollte ja schließlich wieder „angesehen“ zur „Gesellschaft“ gehören.

8. Das Duell
Auf die lange Jahrzehnte dauernde, beinahe übliche Praxis des Duells kann hier nur hingewiesen werden, erst nach 1918 wurde das Duell verboten, 1970 gab es noch ein Duell in Uruguay.
Man bedenke aber, dass in dem allgemein bis zum 2. Vatikanischen Konzil verbindlichen „Handbuch der katholischen Moraltheologie“ von Heribert Jone (Paderborn 1953), das Duell noch als erlaubt galt, wenn denn dadurch das Gemeinwohl geschützt werden kann. So in § 216, S. 180 in diesem Buch, das den ganzen Klerus bis ca. 1965 prägte. Hingegen wird das nur aus privaten Gründen praktizierte Duell als schwere Sünde bezeichnet: Wobei unklar bleibt, ob nicht auch das private Duell irgendwie dem Allgemeinwohl dienen kann. Man denke etwa an den Wahn, mit dem sich die katholischen Feinde des (jüdischen) Hauptmanns Alfred Dreyfus ins Duell stürzten, in der Überzeugung, dadurch der Nation Frankreich zu dienen und den Juden Dreyfus zu bekämpfen….Nebenbei: Für diese Moraltheologie von Heribert Jone ist hingegen, so wörtlich, „ein Kampf mit Stöcken und Ruten noch kein Duell“, also erlaubt (S. 180 in Jone). Diese kirchliche Duldsamkeit fürs Schlagen mit Stöcken wurde gelegentlich in kirchlichen und staatlichen „Elite“-Schulen und Internaten angewendet. Schlagen war ja offiziell kirhlich nicht verboten. Man sieht hier die ideologische Abhängigkeit kirchlicher Moralvorstellungen von der herrschenden, aber verblendeten Moral. Der Theologie fiel es immer sehr schwer, selbstkritisch diese ideologischen Bindungen überhaupt zu erkennen. Man hielt das Gesagte oft genug für „Gottes-Wort“.

9. Das 8. Gebot
Die Ehrerbietung, also die Praxis der Ehrenbezeugung, spielt in den Religionen immer noch eine große Rolle.
Dass im 8. Gebot, von Gott an Moses angeblich übergeben, auch die Ehre von Vater und Mutter eine zentrale Rolle spielt, sollte weiter untersucht werden. Wenn man den häufigen Umgang heutiger Söhne und Töchter mit den alten Eltern betrachtet, meint man, in einer gottlosen Zeit zu leben..

10. Der Kult der Ehrerbietungen:
Der Dalai Lama wird auch hierzulande mit „Seine Heiligkeit“ angesprochen. Der Papst wird selbst in weltlichen Medien „Heiliger Vater“ genannt. Wer wagt es schon, etwa im Interview Papst Franziskus einfach und normal mit „Herr Bergoglio“ anzusprechen. Ehrerbietung und Achtung vor dem Amt spielen da fast zwanghaft zusammen. Katholische Pfarrer hießen und heißen in manchen Gegenden immer noch „Hochwürden“, Nonnen werden „ehrwürdige Schwestern“ genannt. Wer sich mit den Katholikentagen der neunzehnhundertfünfziger Jahre befasst, etwa mit dem Berliner Katholikentag 1958, wird immer wieder auf die Anrede „Seine Durchlaucht“ stoßen als Anrede für den obersten katholischen Laien damals, einen gewissen Karl Fürst zu Löwenstein. Ich habe als Kind damals so oft das Wort „Durchlaucht“ gehört und dachte, es handle sich dabei um ein Schiffbrüchigen oder vom Hochwasser Durchspülten
Die Ehre, die für die Frommen einzig dem transzendenten Gott selbst zukommen sollte, wurde und wird also pervertiert angewandt auf Menschen. Nebenbei: Welcher klerikale Hochwürden hat schon einmal einen Armen, der sich durchs Leben recht und schlecht kämpfen muss, wegen seines ungebrochenen Lebenswillens „Hochwürden“ genannt. Der Arme und die Bettlerin hätten diesen Titel verdient.

11. Jesus – der Mensch ohne Ehre
Es kann hier nur daran erinnert werden, dass die Gestalt des Propheten Jesus von Nazareth von den Herrschenden als ehrlose, störende Gestalt gewertet wurde. Aber dieses Lebensmodell Jesu war gerade seine Würde. Sein Tod und die Form seiner Hinrichtung sind das Ehrloseste, das in der damaligen Gesellschaft gab. Christen verehren also zunächst einmal den „Ehrlosen“, der sich dann aber in der Überzeugung der Gemeinde als der Würdevollste, überhaupt zeigte: In dem Selbstbewusstsein der Gemeinde wuchs die Überzeugung: Gerade dieser Mensch Jesus birgt förmlich Göttliches in sich, also Ewiges, das den Tod überdauert. Und dieses Ewige, so wuchs die Überzeugung, gilt für alle Menschen. (Als dringende Buchempflehlung: “Der schwierige Jesus“ von Gottfried Bachl, Tyrolia Verlag 1996. Bachl war Theologieprof. (Dieses Buch, (nur 100 Seiten, ist antiquarisch noch vorhanden. Besonders die Kapitel „Der nackte Jesus“ und „Der hässliche Jesus“ geben zu denken. )

12. Ehrfurcht und Gehorsam geloben
Der Kult um die Ehre und damit die Ehrerbietung der Hierarchen ist ungebrochen im römischen Katholizismus. Das sei allen gesagt, die irgendwie von einem fortschrittlichen, d.h. vernünftig-human gewordenen Katholizismus träumen. Bestes Beispiel, das die seelische Prägung der Priester insgesamt betrifft: Die jungen Männer, die sich im Dom vom Bischof zu Priestern weihen lassen, legen sich als Zeichen der Unterwerfung ganz flach auf den steinernen Boden. Sie sollen förmlich als Nichts, als Untertane, als Staub gelten.
Dann versprechen diese neu geweihten Prister auch dem Bischof, als ihrem Vorgesetzten, ausdrücklich „Ehrfurcht und Gehorsam“: Die Priester, alle Priester des römischen Systems, sollen ihrem Chef, voller Ehrfurcht und voller Gehorsam begegnen. Ob sie das dann de facto auch tun, ist eine andere Frage. Aber: Ehrfurcht, Zuweisung von Ehre und auch Angst vor der Amtsperson gehören zentral ins innere Gefüge der römischen Kirche.
Sicher kennen auch andere große hierarchische Organisationen solchen Zwang zur Ehrerbietung gegenüber dem Chef. Die Untertanen gehen dabei selbst seelisch sozusagen vor die Hunde, weil sie buckeln müssen und ergeben erscheinen müssen. Auch die Mafia kennt solche Bindungen durch Ehrerbietung und Gehorsam. Und sie erzeugt dabei ein tödliches System.

13. EHRFURCHT vor dem Leben
Wie der Begriff schon andeutet, ist in der Haltung der Ehr-Furcht auch die Haltung der FURCHT enthalten. Ob Furcht in Angst übergeht, ist eine andere Frage: Angst vor der zu ehrenden Person, das gibt es ständig: Einer „hohen“ Person soll also dem Begriffe nach voller Furcht begegnet werden, weil sie Macht hat. Man soll förmlich erschaudern vor dieser „Amtsperson“.
Da muss aber wieder die bleibende Einsicht Kants ins Spiel kommen: Nicht die Person wird ehr-fürchtig verehrt, sondern das (gerechte) Gesetz, das sie repräsentiert. Ehrfurcht gegenüber Menschen sollte es also eigentlich nicht geben. Kant sagte ja in seinem berühmten so viel zitierten Satz: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und EHRFURCHT: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir (also der kategorische Imperativ).“
Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht VOR DEM LEBEN“, also vor der Natur als der geschenkten Schöpfung sollen wir uns ehrfürchtig, also nicht herrschsüchtig, nicht destruktiv, verhalten. Ein Beispiel für unsere Welt ohne Ehrfurcht: Das verbrecherische Abholzen etwa der Amazonas Wälder durch den rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro in Brasilien, von evangelikalen Kirchen dort heftig unterstützt, widerspricht total der Ehrfurcht vor dem Leben. Dieser von den Einwohnern gewählte Präsident – Diktator ist würdelos: Er will als Rassist das Leben der indigenen Völker am Amazonas offenbar vernichten und einzig aus ideologischer Verblendung und Frauenfeindlichkeit das „ungeborene Leben“ schützen…Das schon lebende personale Leben ist diesem Rechtsextremen und seinen frommen Anhängern egal. Und die Bewahrung der Natur, „Schöpfung“ eigentlich in seiner religiösen Ideologie, sowieso, solange sie Geld bringt und die reichen Nationen durch das verbrecherische Abholzen der Wälder mit Soja und Rindfleisch versorgt.
Das Motto dieser evangelikal frommen Leute und Diktatoren ist: „Nach uns die Sintflut“. Oder „Sünd-Flut“…Warum ist die demokratische Welt nicht in der Lage, einen solchen Politiker in dauer-hafte Pension zu schicken?

14. FINIS
Woher kommt diese würdelose Hilflosigkeit der Demokraten angesichts der „gewählten würdelosen Diktatoren“?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Würde des Menschen: Im Gehirn angelegt, aber etwas Absolutes im Menschen.

Das Buch „WÜRDE“ von Gerald Hüther
1.
Gerald Hüther, einer der bekanntesten Hirnforscher in Deutchland, argumentiert in seinem Buch über die „Würde“ des Menschen vor allem als Biologe. Zum Thema hat er einen praktischen Vorschlag, begründet in der Erkenntnis des Naturwissenschaftlers: Jeder Mensch kann seine absolut geltende menschliche Würde durch praktische, auch leibliche Erfahrungen, seit der frühen Kindheit, aufbauen und pflegen. Schon Kleinkinder machen Kontrast-Erfahrungen, erleben also Momente, in denen sie spüren: Diese Situation im Umgang mit anderen Menschen sollte es für mich nicht geben. Es gibt also etwas in unserem Gehirn, „das von ganz allein aktiv wird, wenn etwas geschieht, das nicht so ist, wie es sein sollte… Dies ist für Kleinkinder nur eine Empfindung, noch kein Wissen, sondern ein ungutes Gefühl“ (S. 113). Diese Wahrnehmungen werden zum Gehirn geleitet; und dann als Widerspruch zum Menschlichen schon vom Kind gespürt.
2.
Die Menschen-Würde kann im ganzen Leben wieder „aufgeweckt“ werden, wenn sie durch negative Erfahrungen verdeckt wurde. Wenn hingegen ein Mensch positive Erfahrungen in einer Umgebung erlebt, die Geborgenheit und Verbundenheit mit anderen lebendig erfahrbar macht, kann der einzelne seine Autonomie und Gestaltungsfähigkeit, also seine Würde, (wieder)erlangen. Diese Erfahrungen werden „im Gehirn verankert“ (S. 87). Es sind die je neu gestaltbaren „Verschaltungen im Gehirn“, die Würde erlebbar machen. „Jeder Mensch ist in der Lage, ein Gespür für das zu entwickeln, was seine Würde ausmacht. Diese Fähigkeit ist bereits im kindlichen Gehirn angelegt“ (S. 133). Wenn die ersten Erfahrungen mit anderen Menschen negativ sind, also keinen Sinn wecken für die eigene Würde, so kann es doch möglich sein, „dieses tief im Hirn verankerte Empfinden (für die eigene unantastbare Würde, CM) durch spätere, günstigere Beziehungserfahrungen wiederzuerwecken“. Mit anderen Worten: Würde ist selbst noch den lange Zeit würdelos (wie Objekte) behandelten Menschen vermittelbar. Wer seine eigene Menschenwürde kennt und schätzt oder diese Menschenwürde wieder gefunden hat, der hat einen „inneren Kompass“ zur Lebensgestaltung, betont Gerald Hüther. Dass Menschenwürde immer auch mit Rechten (und Pflichten) in Gesellschaft und Staat verbunden ist, wird meines Erachtens zu wenig in dem Buch erörtert. Wie können Menschen in dem reichen Europa heute von ihrer eigenen Menschenwürde noch überzeugt sein, wenn ihre Politik, ihre Ökonomie, zur Würdelosigkeit sehr vieler arm gemachter Menschen in Afrika führt?
3.
Ich finde die letztlich knappen Ausführungen des Biologen Hüther auch philosophisch sehr relevant: Denn so wird die philosophische Erkenntnis etwa zum Gewissen, zum Kategorischen Imperativ oder zur transzendental-notwendigen Bindung an das Gute biologisch „verortet“. Ohne dass dabei naturwissenschaftlich gesagt wird: Diese Bindung an das Gute oder diese Bindung an das Gespür der eigenen Würde, seien „nichts als“ ein materielles und deswegen manipulierbares und sogar auch auslöschbares Nerven-Geschehen. Bekanntlich ist es doch so: Wenn es einen materiellen, leiblichen „Ort“ gibt für die mit dem Menschsein schon immer mitgebrachten neuronalen Verschaltungen, dann sagt diese Herkunft nichts aus über die geistige Qualität des Erlebten, etwa der Würde. Man muss grundsätzlich „Genesis und Geltung“ unterscheiden, wie der Philosoph Vittorio Hösle betont: Mit anderen Worten: Was im Materiellen generiert wird, kann doch eine universale geistige Geltung haben. Gerald Hüther spricht vom „Ende des genetischen Determinismus“ (S. 167).
4.
Diese Erkenntnis Hüthers scheint mir besonders wichtig zu sein: Bei einem Menschen ist keine Haltung definitiv, für immer (negativ), festgelegt: Eine gerechtere, bessere Welt der würdevoll lebenden Menschen ist also möglich und als Ziel auch zu gestalten. Naturwissenschaftlich gesagt: Durch neue, das Bewusstsein der eigenen Würde stärkende Erfahrungen können die alten, negativ stimmenden neuronalen Verknüpfungen „im Gehirn ÜBERFORMT werden“, wie Hüther schreibt (vgl. S. 172).
Dabei deutet der Autor durchaus auch politische Konsequenzen an, wenn er etwa an die friedliche Revolution in Deutschland und an die politische Entwicklung danach erinnert: Die Menschen in Ostdeutschland, „müssen spüren, dass sie in der freiheitlich-demokratischen Ordnung auch von ihren Mitbürgern gesehen, wertgeschätzt und ernst genommen werden. Dass sie nicht weiter zu Objekten gemacht werden. Dass ihnen andere Menschen, auch Politiker, Meinungsmacher, Lehrer usw. so begegnen, dass das Empfinden, die Vorstellung und das Bewusstsein ihrer eigenen Würde gestärkt wird“ (S. 172).
Dabei ist Gerald Hüther realistisch: Dass sich unsere Welt tatsächlich zu einer Welt der in Würde lebenden Menschen entwickelt, ist alles andere als sicher oder gar bloß wahrscheinlich. „Es ist allerhöchste Zeit aufzuwachen“ (S. 160), betont er, und „öffentlich auszusprechen, was man (politisch, ökologisch) nicht länger hinzunehmen bereit ist. Und dafür zu sorgen, dass die Würde von Menschen nicht länger mit Füßen getreten, verletzt und untergraben wird“ (ebd.).
5.
Gerald Hüther äußert sich in dem Buch auch zur Pädagogik und möglichen Reformen der Erziehung. Und er zeigt auch Aspekte seiner Philosophie: Denn für ihn wird in der Verteidigung der Würde des Menschen deutlich: „Es gibt etwas Überzeitliches, Zeitloses, etwas Göttliches, das man nicht vernichten kann“(S. 58). Dieses unterstörbar Göttliche im Menschen ist die Menschen-Würde. Die Gültigkeit dieser Idee kann kein Mensch vernichten, selbst wenn Menschenwürde so selten erfahrbare Realität ist.
6.
Der Philosoph Franz Josef Wetz hat in seinem Aufsatz „Illusion Menschenwürde“ (in „Der Wert der Menschenwürde“, Paderborn 2009, S. 45ff) darauf Wert gelegt, die Menschenwürde gerade NICHT „religiös-metaphysisch“ zu begründen: Einmal, weil diese Begründung zur pluralistischen und säkularen Gesellschaft nicht passe und dann auch wegen des „zunehmend naturwissenschaftlichen Weltbildes“ (S. 61). Dass gerade Naturwissenschaftler wie Gerald Hüther offenbar das Gegenteil behaupten, zeigt nur, dass es eben „die“ Naturwissenschaft nicht gibt. Und auch „die“ „säkulare“ Gesellschaft, von der Wetz spricht, wird von etlichen Philosophen und Religionssoziologen zurecht als „postsäkulare“ Gesellschaft wahrgenommen.
Aber schwerer wiegt meines Erachtens, dass Franz Josef Wetz die Auffassung von menschlicher Würde lediglich und nur als „reinen Gestaltungsauftrag“ (S. 54) definieren will „ohne weltanschauliche Hintergrundannahmen“. Dabei wird überspielt: Dass die Annahmen von Wetz auch weltanschaulich geprägt sind, sie sind alles andere als „neutral“ (S.61). Aber noch entscheidender ist: Wer die Geltung der menschlichen Würde, also die Würde eines jeden Menschen, aus dem Bereich der absoluten Unantastbarkeit (Grundgesetz!) heraushebt und sie lediglich als eher subjektiven „Gestaltungsauftrag“ sieht, gefährdet diese unantastbare Würde. Denn Gestaltungsaufträge können je nach politischer und ökonomischer Konjunktur mal so und mal anders gedeutet und praktiziert werden. Die Menschenwürde ist aber nichts, was der gestalterischen Freiheit und Willkür bestimmter einzelner (Herrscher) überlassen werden darf. Sie ist eben unantastbar. Wetz redet Klartext: (Seite 58): Wenn er die Menschenwürde nur als Gestaltungsauftrag sieht, dann „wird die metaphysisch begründete Vorstellung von der vorgefundenen Wertabsolutheit des Menschen und der unantastbaren Heiligkeit seines Lebens hinter sich gelassen“. Man lese das Grundgesetz, das ist anderer Meinung, Gott sei Dank möchte man fast sagen.
Und: Wer würde denn leugnen, dass mit der Annahme der unendlichen Würde eines jeden Menschen, gültig bereits VOR jeder Anerkennung durch Staat und Gesellschaft, die praktische „Gestaltung“ dieser Würde ausgeschlossen wäre? Die unendliche Würde eines jeden Menschen erfordert gerade die von Wetz geforderte „Gestaltung“. Aber diese Gestaltung gestaltet etwas unantastbar Heiliges eines jeden Menschen. Da darf nicht herum modelliert werden, je nach Laune der Herrschenden oder eines sich zurecht naturalistisch nennenden Philosophen wie Franz Josef Wetz. Dass er Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung ist, soll nur, ohne jede Polemik, der Vollständigkeit halber am Rande bemerkt werden. Franz Josef Wetz hat auch interessante Bücher geschrieben, wie etwa über Schelling…

Gerald Hüther: Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft. Pantheon Verlag, 2019. Taschenbuch. 189 Seiten, 14 EURO.

Nietzsche neu lesen: Er öffnet Denkräume, zersetzt kulturelle Üblichkeiten

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Mit einem erneuerten Verstehen Nietzsche lesen: Das fordert der Philosoph Andreas Urs Sommer (Uni Freiburg i. Br.) in seinem Essay in der Zeitschrift „Information Philosophie“, Ausgabe Dezember 2018. Sommer ist Leiter der „Forschungsstelle Nietzsche-Kommentare“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
Weil Nietzsche vor allem von vielen philosophisch Interessierten oft und viel zitiert sowie mit Schlagwörtern, wenn nicht Klischees, fixiert wird, lohnt es sich, diesen Beitrag von Andreas Urs Sommer besonders zu beachten.
2.
Seine Überlegungen sind bezogen auf seine umfangreichen Studien des „Nietzsche Kommentars“, die selbstverständlich auch die vielen Texte aus dem Nachlass berücksichtigen. Der Beitrag setzt sich mit zwei gegensätzlichen Interpretationslinien der Philosophie Nietzsches auseinander: Die beliebte „inhaltliche“ Position, die in Nietzsches Schriften feste Positionen und Überzeugungen entdeckt. Und diese dann auch auf aktuelle Fragen bezieht, etwa „Tod Gottes“, „Nihilismus“, „Übermensch“. Und dann die eher „textische“ Lektüre, wie Sommer sagt, die Nietzsche nur als Verfasser von literarischen Texten versteht: Die dann von diesen Sprach-Forschern in alle philologischen Nuancen ausgeleuchtet werden.
Der Essay von Andreas Urs Sommer hat den provozierenden Titel „Was von Nietzsche bleibt“. Das ist ein Titel, der auf Abschließendes, Definitives hinweisen könnte. Tatsächlich aber will Sommer eher einen „Denkraum“ eröffnen…
3.
Der Artikel ist für LeserInnen Nietzsches wichtig, weil zentrale Differenzierungen genannt werden. So etwa Nietzsches Umgang mit Kant (S.10, in dem genannten Heft). Nietzsche habe, so Sommer, Kants Werke selbst nicht gelesen. „Nietzsches Kant ist ein Monstrum, von Nietzsche erdacht oder erschrieben als Gegner, an dem man sich messen kann, um sich in ein ablehnendes Verhältnis zu setzen…Nietzsche will einen Waffengefährten oder einen Gegner haben“. Eine Erkenntnis übrigens, die etwa schon der Philosoph Vittorio Hösle im Nietzsche Kapitel seines Buches „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (2013) mitgeteilt hatte (S. 185, auch S.190: „Nietzsche war als Philosoph nie ausgebildet“).
Wer hingegen die ganze große Fülle des Nachlasses berücksichtigen muss, wie Sommer, der wird bei Nietzsche dem stetigen mühevollen Ringen um den treffenden Ausdruck begegnen. Z.B.: „Die vom historischen Subjekt Nietzsche (dann) für publikationswürdig erachteten Aussagen über den =Willen zur Macht= stehen unter Vorbehalt. Sie haben die Gestalt eines Denkexperiments“ (S.12.) Dadurch gelangt man zu einem neuen Verstehen dessen, was Philosophie für Nietzsche bedeutet. “So hat man“, betont Sommer, “in den philosophischen Texten Nietzsches ein Philosophieren in der Hand, als permanentes Fort – und Überschreiben einmal erreichter Standpunkte, nicht als ein festes Gefüge von Gedanken, Überzeugungen, sondern Philosophieren als Prozess, als Bewegung“(S. 13). Philosophieren zeigt sich in Nietzsches Texten als etwas ungewöhnlich anderes, „es unterscheidet sich“, so Sommer, „fundamental von Philosophie im landläufigen Sinne“ (S. 14). Philosophieren widerspricht für Nietzsche den festen Fügungen und letzten Überzeugungen.
4.
Was also bleibt von Nietzsche? Nichts Festes. Schon gar kein Lehrsystem. Sondern Denken als Prozess, als ständiges Aufheben und Überschreiben fester Überzeugungen (Propositionen). Große dogmatische, handlich griffige Lehrgewissheiten sind also aus Nietzsches Schriften nicht zu erzeugen und auch nicht mehr festzuhalten, so Sommer. Es sind bei ihm Denkbewegungen zu finden, bei denen der Leser Unterstützung finden kann in den umfangreichen Kommentaren, die nun von der Forschungsstelle herausgegeben werden. Dadurch wird deutlich: Selbst bei einer Vielzahl möglicher Interpretationen von Nietzsches Texten sind doch nicht alle Deutungen vertretbar. „Nietzsches Philosophie öffnet Denkräume. Es entsteht Weite. Abschließendes gibt es bei Nietzsche nicht. Diese Haltung im Denken hat etwas gegenüber der fixierenden Tradition durchaus „Zersetzendes“, betont Sommer. „Diese Zersetzungskraft rückt den Selbstverständlichkeiten abendländischer Moral – und Weltanschauungskonsense auf den Pelz. Auch das bleibt von Nietzsches Philosophie“ (S. 15).
Wie das zu bewerten ist, bleibt eine offene Frage: Das Tote, d.h. das Unmenschliche einer Kultur, kann ja gern „zersetzt“ werden: Aber wenn es dann doch – gegen Nietzsche – bleibend Gutes und Wahres gibt, warum sollte das nicht erhalten bleiben, etwa die Menschenrechte, die so oft missbraucht, aber trotzdem universal geltend für alle Menschen unersetzlich sind…
Für uns am wichtigsten: Nietzsche fördert bei seinen Lesern den eigenen Denkweg zu suchen, die eigene Praxis zu finden. Die fraglich bleibt und nur in der Bewegtheit des Lebendigen selbst das Bleibende sieht.
5.
Freilich: Bestimmte Grund“überzeugungen“ der Philosophie Nietzsches haben sich öffentlich durchgesetzt, haben sich als Sprüche in den Köpfen festgesetzt. So etwa die Diagnose, die er im Text „Zarathustra“ verbreitet: „Wir haben Gott getötet“. Dieser Satz gibt nach wie vor zu denken: Kann man Gott töten, wenn ja welchen Gott, wer ist „wir“? Über Nietzsches Text „Der Antichrist“ wäre eigens sprechen (erschienen 1895). Darin „verkündet“ Nietzsche doch wohl eine neue, eine explizit antichristliche Moral? Manche Leser haben diesen Eindruck, wenn man das von Nietzsche Geschriebene ernst nimmt. Und auch dies: Die Polemik Nietzsches gegen, so wörtlich, „die Schwachen und Missratnen“, ist nicht nur antichristlich. Sie ist antihuman. Oder muss man auch bei dem Thema das nur „Vorläufige“, wenn nicht „Spielerische“ des Gesagten bedenken?
6.
Man wird also Nietzsche, dann mit den ausführlichen kritischen Kommentaren ausgestattet, sehr vorsichtig, immer mit einem Abstand kritisch lesen müssen und ihn schon gar nicht zu einem „Meisterdenker“ aufwerten. Das gilt sicher schon heute, auch wenn diese großen Kommentare noch nicht vorliegen.

Siehe auch: „Forschungsstelle Nietzsche Kommentar“. 2020 soll z.B. ein Kommentar zum „Zarathustra“ erscheinen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wenn die Rechtspopulisten zornig werden…

Ein neues Buch der Soziologin Cornelia Koppetsch über „Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Den Rechtspopulismus neu verstehen: Das ist das Ziel der umfangreichen Studie der Soziologin Cornelia Koppetsch (Prof. an der TU Darmstadt), ihr Buch aus dem Transcript Verlag ist am 19. Mai 2019 erschienen und hat seitdem viel Aufmerksamkeit in der Presse gefunden.
1.
Das Buch erfordert von den LeserInnen, die nicht professionelle Soziologen oder Politologen sind, eine große Lektüre Anstrengung, weil etwa allein die (langen) Sätze voller Substantive sozusagen „wimmeln“, was bekanntlich jegliche Lesefreude, die einem guten Stil voller Verben verpflichtet ist, sehr erschwert.
2.
Zudem ist das Buch vor dem Mord an dem Regierungspräsidenten Walter Lübcke (Kassel) am 2.Juni 2019 geschrieben worden: Dieser Mord stellt bekanntlich eine nun ganz offensichtliche „Qualität“ der Aktionen sehr rechtslastiger Kreise dar: Mord und Totschlag, sowie Brandattacken, von sehr rechtslastigen Kreisen gelten ab sofort nicht mehr „nur“ den Flüchtlingen und ihren Unterbringungen, von „Heimen“ sollte man angesichts dieser Unterbringen besser nicht reden. Die üblichen verbalen Attacken und Beleidigungen, dieses Schmähen der Demokratie und der Menschenrechte, wird nun offenbar praktisch, d.h. mörderisch. Diese Attacken gelten gezielt demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Politikern. Von bloßem „Rechtspopulismus“, wie der Buchtitel suggeriert, nur zu sprechen, erscheint mir schon deswegen als gar nicht treffend und auch etwas zu wohlwollend für diese Kreise.
3.
Es ist wohl einzig angemessen, auch angesichts der AFD Führer etwa in Thüringen oder Brandenburg, von Rechtsextremismus im Zusammenhang der AFD zu sprechen. Wie dies andere Forscher und kompetente Journalisten, etwa im WDR tun, und nun ihrerseits mit dem Leben bedroht werden. „Der AFD geht es letztlich um einen Bruch mit zentralen Werten des Grundgesetzes“, schreibt nicht etwa Cornelia Koopetsch, sondern Wissenschaftler wie Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges und andere in dem Buch „Rechtspopulisten im Parlament“ sehr richtig.
4.
Von der AFD als einer Gestalt des bloßen Rechtspopulismus zu sprechen, erscheint mir also als überholt, und sogar falsch selbst wenn die Autorin zwischen den radikalen Führern der AFD (Höcke und Co.) und den Mitgliedern bzw. Wählern unterscheidet. Diese Mitglieder und Wähler der AFD hält Cornelia Koppetsch letztlich für konservative Irregeleitete: Wenn diese Kreise aber nur diese Merkmale haben, also noch kritisch reflektieren können, dürfte man konsequenterweise erwarten, dass sie die AFD als Partei Mitglieder verlassen oder diese Partei nicht mehr wählen: Beides tun diese Kreise aber nicht, und zwar wider besseren Wissens über die permanent verbale und oft schon faktische Gewalt einiger Leute aus dem AFD Umfeld. Das wichtige Buch von Andreas Speit, (Hg.) „Das Netzwerk der Identitären“ ist im Oktober 2018 erschienen, es wird von Koppetsch nicht erwähnt. Aber es zeigt: „Die AFD steckt mit den Identitären unter einer Decke“.
5.
Mich freut, wenn die Autorin ganz am Ende ihrer Studie „die Rechtsparteien“ (von Extremisten ist wieder keine Rede) ein so wörtlich „hochwirksames Gift“ nennt, das diese “Rechtsparteien“ „in den Gesellschaftskörper schleusen“ (Seite 258). Sie schreibt anschließend die für mich kryptische, aber irgendwie auch gefährliche Prognose: “Wenn die Zeichen nicht trügen, dann stehen uns konfliktreiche Zeiten bevor. Das muss nicht zwangsläufig eine schlechte Nachricht sein“ (ebd.) Die konfliktreichen Zeiten sind doch längst da, mindestens seit 4 Jahren. Was soll denn an den konfliktreichen Zeiten „keine schlechte“!, also eine gute Nachricht sein, wenn man die Unbelehrbarkeit der AFD Führer bedenkt und die faktische tötende Gewaltbereitschaft. Ich habe den Eindruck, die Professorin Cornelia Koppetsch unterschätzt deutlich die AFD.
6.
Freilich: Die Darstellung dieses „Gifts“, also die AFD, hat schon dadurch ihre erhebliche und sehr bedauerliche Grenze, dass in dem Buch fast ausschließlich nur von der AFD die Rede ist. Als hätten wir nicht in unserer unmittelbaren west-europäischen Nachbarschaft nicht längst hochgiftige, also nicht nur „rechtspopulistische“, sondern eben rechtsextreme Parteien in ihren Aktionen vor Augen: So ist von der von so vielen Beobachtern rechtsextrem genannte FPÖ in dem Buch soweit ich sehe keine Rede. Dieser Mangel ist besonders gravierend, weil die FPÖ seit Jahrzehnten mit widerlichen Hasstiraden die Reste demokratischer Kultur in Österreich zerstört. Die Partei von Marine Le Pen in Frankreich wird ganz kurz im Zusammenhang der „Nouvelle Droite“ erwähnt, von den rechtspopulistischen Parteien in den Niederlanden oder Belgien ist keine Rede, obwohl die AFD sichtbar seit Jahren mit den Parteiführern dieser europäischen so genannten rechtspopulistischen Parteien auch gemeinsam auftritt. Auch von der Beziehung dieser Parteien, auch der AFD, mit PUTIN ist in dem Buch keine Rede.
Nebenbei: Ich empfehle nicht nur der Autorin, sondern allen Lesern dieses Textes die kritische Studie über die FPÖ, die ja bekanntlich heftig verbandelt ist mit der ÖVP( mit Sebastian Kurz und Co). Siehe das Buch von Robert Misik. https://religionsphilosophischer-salon.de/11616_niedergang-der-demokratie-heute-ueber-oesterreich-und-europa_aktuelle-buchhinweise/philosophische-buecher
7.
Was ich an dem Buch von Cornelia Koppetsch noch problematischer finde: Die Autorin schreibt in ihrer „Danksagung“ auf Seite 259: Sie bedanke sich „bei meinen Bekannten aus der AFD, die mir in vielen Diskussionen ihre gesellschaftlichen Sichtweisen dargelegt haben“. Wenn die Autorin also erläuternde „Bekannte“ in der AFD hat, von Freunden ist ja nicht die Rede, warum werden diese nicht ein einziges mal zitiert: Haben die Bekannten der Autoren Angst, genannt zu werden? Dann hätte die Autorin doch wenigstens aus der einschlägigen AFD Presse und den Stellungnahmen der AFD Führer wichtige Zitate bringen und diskutieren können. Man wird aber keinen einzigen O TON aus AFD Kreisen in dem soziologischen (!) Buch über die AFD finden, sondern nur Zitate aus (z.T. älteren) Studien ÜBER die AFD. Das finde ich, gelinde gesagt, für eine soziologische Studie ( „Feldforschung“ ?) etwas seltsam. So wird kein Wort gesagt über das Parteiprogamm der AFD, das bei Lektüre jeglichen Anschein zerstört, als wäre die Partei sozialpolitisch ganz aufseiten der Armen und Ausgegrenzten.
8.
Trotz dieser Kritik an dem Buch lohnt sich die für gebildete Kreise mühsame Lektüre des Buches doch ein bißchen: Es geht ja um eine Erläuterung des „Zorns“, der sich in den AFD Kreisen Ausdruck verschafft. Dabei folgt Koppetsch den Zorn – Analysen von Peter Sloterdijk. Der Kern ihrer Aussage: Vielfältige Kreise der Gesellschaft, nicht nur Menschen aus dem „Prekariat“, sondern auch vor allem konservativ bürgerliche Männer, sind böse und zornig: Weil sie angesichts der Globalisierung nicht nur die dadurch bedingten Umbrüche nicht mehr verstehen. Sondern weil sie sich beruflich, finanziell und existentiell degradiert sehen. Sie fühlen sich förmlich aus der altvertrauten Bahn ihres üblichen Lebens geworfen. Und sie geben für diesen Verlust an innerer wie äußerer vertrauter Heimat den Fremden, den Flüchtlingen, vor allem die Schuld. Und indirekt auch den Politikern, die sie für die „abgehobenen Eliten“ halten und manchmal noch kosmopolitisch und humanistisch denken, wie die Kanzlerin in den ersten Tagen, als 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. .
Diese Zusammenhänge werden von Cornelia Koppetsch sehr ausführlich dargestellt. Zusammenfassend glaubt sie sogar feststellen zu müssen, dass die AFD Wähler „auch nachvollziehbare Gründe für die Zurückweisung liberaler Gesellschaftsbilder, emanzipatorischer Politikmodell und linksliberaler Eliten haben“ (257). Diese rechtspopulistischen Kreise, die ja, wie gesagt, in dem Buch nie rechtsextreme Kreise genannt werden, haben also für Frau Koppetsch subjektiv gute Gründe, antiliberal zu sein. Also damit wohl auch gegen die vom Liberalismus nun einmal formulierten Menschenrechte zu stimmen: Weil diese Rechtspopulisten schlicht und einfach meinen, summarisch gesagt, diese liberalen Kreise seien arrogant, herrschsüchtig, verlogen, kosmopolitisch und empfinden damit anti-heimatlich. Sie werden von den Rechtspopulisten förmlich zu „Volksfeinden“ erklärt.
Der feine Unterschied ist doch der: Diese liberalen oder sozialdemokratischen oder grünen Kreise halten jedenfalls noch sehr viel von den Menschenrechten, auch wenn sie wissen, dass sie den Forderungen der Menschenrechten sehr selten persönlichen ganz entsprechen. Aber sie halten die Menschenrechte immerhin noch hoch und fordern sie von den Politikern. Die AFD Leute setzen sich meines Wissens hingegen nicht subjektiv und auch nicht objektiv in der Politik für die Geltung der universalen für alle Menschen geltenden Menschenrechte ein. Denn: „Wir sind das Volk“, also alles bestimmend. Deswegen: Germany first, USA first: Menschenrechte, wenn überhaupt, ganz zuletzt. Das sind die Unterschiede, die leider Frau Koppetsch bei ihrem Verständnis, ich sage ja nicht versteckte Sympathie für die AFD nicht sieht und auch nicht sagt. Mit der Elite der, Gott sei Dank, noch herrschenden Demokraten sind die Menschenrechte noch einklagbar. Und es gibt noch Menschen bei Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen oder an der lebendigen Basis der Kirchen, die diese Menschenrechte faktisch leben. Mit der AFD Clique ginge das ganz und gar nicht. Schade, dass das Frau Koppetsch nicht sagt.
9.
Mit scheint, dass Cornelia Koppetsch durchgängig die These variiert: Schuld am Aufkommen des Rechtspopulismus sind die liberalen, demokratischen Kreise: Sie grenzen aus, sie ignorieren die alten Werte, sie sind egoistisch. Man lese die immer wieder kehrende Beschreibung, dass sich die Liberalen als Wohlhabende abschotten von den ärmeren Leuten; dass die Liberalen den Kapitalismus faktisch bejahen, selbst wenn sie ihn theoretisch ablehnen. Und vor allem auch dies ist eine wichtige These der Autorin: Sie sind verlogen, weil sie selbst ausländerfeindliche oder flüchtlingsfeindliche Ressentiments haben. Diese aber verstecken und nicht öffentlich zugeben.
10.
Aber immerhin sind die von Frau Koppetsch kritisierten liberal-wohlhabenden Kreise, zu denen sie ja als Professorin selbst gehört, immer noch zur Selbstkritik in der Lage. Sie sind lernbereit. Und auch dies: Sie sind bekanntlich, gerade aus Kirchenkreisen, sehr hilfsbereit. Auch für die Flüchtlinge. Mit ist nicht bekannt, dass auch nur im entferntesten irgendein AFDler aktiv positive Flüchtlingshilfe leistet. Falls ja, bitte melden!
11.
Religionen und Kirchen werden in dem Zusammenhang von der Autorin äußerst marginal erwähnt, sie sind für sie eher eine vergangene Gestalt gesellschaftlicher Präsenz, lediglich die Evangelikalen werden kurz gewürdigt. Bezeichnenderweise ist soweit ich sehe das wichtigste und zitierte Buch über Religionen für die Autorin das Buch von Martin Riesebrodt von 1990.
12.
Was mich am meisten erstaunt, mit welcher Naivität positiv gestimmt die Autorin mit dem Begriff des „Nationalen“ und der „Nation“ umgeht. Sie schreibt: „Die Identifikation mit der Nation war eine progressive, keine regressive Kraft“ (186, ähnlich auch 252). Die Identifikation mit einer Nation war und ist die Hauptursache für Kriege und Aggressionen: Man muss kei Fachhistoriker sein, um dies zu wissen. Erstaunlich, dass eine Soziologin sich zu solcher Verteidigung der Nation hinreißen lassen kann. Vielleicht hat sie etwas zu viel mit ihren Bekannten von der AFD verständnisvoll geplaudert…
13.
Schlimm finde ich auch die eher nebenbei geäußerte Meinung zur Holocaust-Erinnerung: Cornelia Koppetsch schreibt: „Als wenig hilfreich erweist sich auch eine Holocaust-Erinnerung, die in leeren Ritualen und monumentalen Denkmälern und auf das Singuläre (kursiv von Koppetsch) der Gräueltaten von Auschwitz und Treblinka gerichtet ist, während dem bis heute wirksamen kolonialen Rassismus sowie tief verwurzelten islamophoben Einstellungen weitaus weniger Beachtung geschenkt wird“ ( 252 f.). Dass Islamophobie zu wenig kritisiert wird genauso wie die koloniale Rassismus, ist wohl klar. Aber muss man deswegen die Holocaust-Erinnerung herunterspielen und falsch beschreiben, indem die Autorin von „leeren Ritualen“ und monumentalen Denkmälern spricht: Welche monumentalen Denkmäler meint sie eigentlich? Was ist „leer“ an humanen Ritualen, wenn Menschen voller Trauer auf dem Gelände ehemaliger KZs mit den wenigen noch Überlebenden ins Gespräch kommen und gemeinsam laut ein „Nie wieder“ sagen oder schreien?
Angesichts des zunehmenden aggressiven Antisemitismus in Deutschland und Europa (die AFD tut nur so, als wäre sie pro-jüdisch, um dann nur um so mehr anti-islamisch zu sein), sind diese Sätze von Cornelia Koppetsch nicht nur überflüssig, sondern falsch. Hat sie die Äußerungen von Herrn Gauland über die Nazi-Terror-Herrschaft mit der systematischen Ermordung von 6 Millionen Juden vergessen? Als dieser AFD Führer im Juni 2018 (!), also noch zur Zeit der Arbeit an dem Buchmanuskript, sagte: „Die NS Zeit ist nur ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte“.
14.
Auch wenn einige Aussagen, sowie einige gut nachvollziehbare grundlegende Darstellungen etwa über Norbert Elias (206 f.) interessant sind: Abgesehen von der zweifellos zu bedenkenden und manchmal bedenklich arroganten Haltung der Liberalen und der Demokraten sehe ich in dem so ausführlichen Buch keinen bedeutenden Erkenntnisgewinn. Die politische Geschichte in Deutschland (und bei den europäische Nachbarn) ist im Zusammenhang des so genannten Rechtspopulismus und der AFD über die Erkenntnisse dieses Buches längst hinausgegangen, siehe die tiefe historische Zäsur durch den Mord an Walter Lübcke. Dieser Bruch in der Demokratie begann wahrscheinlich schon, als die NSU Morde geschahen und die deutsche Justiz Jahre lang geschlafen hat in der Verfolgung dieser Verbrecher.
15.
Das von Koppetsch angedeutete GIFT des Rechtspopulismus wird bereits heute mehrfach „eingesetzt“. Und zwar tödlich. Und die nun ja auch bereits zum Teil rechtslastige Polizei ist überfordert, angeblich. Und die Richter urteilen im Falle von rechtsextremer Gewalt meist sehr milde.
Das ist unsere Situation. Und da zeigt sich meines Erachtens genauso wichtige ZORN der Demokraten. Sie wollen in ihrem Zorn aber im Unterschied zur AFD eine bessere Demokratie. Und die Geltung der für alle Menschen geltenden Menschenrechte!

Cornelia Koppetsch, Die gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. 283 Seiten, Transcript Verlag im Mai 2019, Taschenbuch 19,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Volksreligionen kritisieren: Über David Hume anläßlich seines Todestages am 25.8.1776

David Hume und die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
David Hume, schreibt der Philosoph Friedo Ricken, „ist der heute in der angelsächsischen Philosophie wahrscheinlich einflussreichste Klassiker der Religionskritik“ (F. Ricken, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, 2003, S. 233). In Deutschland, so mein Eindruck, hat der schottische Philosoph David Hume (7.5. 1711 – 25.8.1776) keine allgemeine Bekanntheit oder Würdigung in „breiteren Kreisen“ gefunden. Vielleicht findet er neue Aufmerksamkeit, weil wieder stärker die Arbeiten seines Freundes Adam Smith, Philosoph und Ökonom, beachtet werden. Bestenfalls kennt man heute Hume als Vertreter des „Empirismus“, der gegen die Metaphysik alles Erkennen auf den Bereich des sinnlich Erfahrbaren begrenzte; einmal abgesehen davon, dass Hume auch als Historiker sowie als Botschaftssekretär in Paris (1763 bis 1765) und Gast der dortigen Salons von Holbach und Diderot zu würdigen ist.
2.
Nebenbei: Gegen die Metaphysik zu rebellieren ist ein hervorstechendes Kennzeichen angelsächsischer Philosophen, Das Erleben der realen Macht der Kirche und ihrer Dogmenwelten war sicher ein dauernder Impuls für den empiristisch denkenden Philosophen David Hume. Kant hat sich mit der Erkenntnistheorie Humes kritisch auseinandergesetzt.
3.
Religionsphilosophisch besonders wichtig sind die beiden Werke „Dialoge über natürliche Religion“ (posthum, 1779) und „Die Naturgeschichte der Religion“ (1757). Die „Dialoge“ sind ein kontroverser theologischer Disput (nach dem Vorbild Ciceros „de natura Deorum“).
Wenn man „Die Naturgeschichte der Religion“ in den Mittelpunkt stellt, dann fällt auf, wie Hume die philosophische Deutung der Religion von der geschichtlichen Entwicklung religiöser Praxis abhängig macht. Weil die Menschen Furcht und Angst in einer bedrohlichen Welt hatten, entstanden Religionen, so meint er, und zwar zuerst in den Gestalten des Polytheismus. Der Monotheismus ist für Hume eine spätere Erscheinung. Auch Religionswissenschaftler haben sich mit dieser historisch wohl zutreffenden Deutung befasst.
Philosophisch bzw. sogar auch theologisch ist in dem Buch das Kapitel über „Aberglaube und Schwärmerei“ besonders interessant, das Buch enthält auch Kapitel über die „Unsterblichkeit der Seele“ und den „Selbstmord“.
3.
Einige Erkenntnisse aus dem Aufsatz „Aberglaube und Schwärmerei“ sind nach wie aktuell. Polytheismus ist für Hume vor allem Aberglaube. Bemerkenswert ist, dass Hume meint, auch diesen Glauben habe „der göttliche Werkmeister seinem Werk (also den Menschen) eingeprägt“. Denn, so meint er, eine „unsichtbare, intelligente Macht gibt es in der Welt“: Diese intelligente Macht ist also auch die Ursache für Aberglaube/Polytheismus, aber auch die Ursache für den Monotheismus. Und auch für den von Hume geschätzten, allein philosophisch erzeugten „Vernunftglauben“. Er nennt diesen auch „natürliche Religion“, die unabhängig von jeder Offenbarung gedacht werden kann.
Es gibt also für Hume einen volkstümlichen Theismus (Monotheismus) UND darüber hinaus einen wertvolleren, philosophisch reflektierten Theismus der Vernunftreligion. Diese Vernunftreligion sieht in den Ereignissen der Natur eben nicht göttliche Kräfte am Wirken; sie erklärt vielmehr alles ohne einen Wunderbegriff, also allein aus natürlichen Ursachen: Deswegen werden philosophisch reflektierte Anhänger der Vernunftreligion verachtet, und vom Volk und der Kirche als Ungläubige behandelt.
4.
Den populären, also unreflektierten Theismus hält Hume sogar für gefährlicher als den alten Polytheismus. Er nennt die Fehlformen des von absoluter Wahrheit besessenen Theismus: Intoleranz, Gewalt, Menschenopfer. Den Polytheismus deutet Hume dann doch vergleichsweise eher positiv: Er führe zu Mut und Freiheitsliebe. Ob das historisch gesehen korrekt ist, bleibt sehr die Frage. Auch heutige Philosophen wie Odo Marquard haben Lobeshymnen auf den Polytheismus angestimmt. Und rechte bzw. rechtsextreme Ideologen geben sich gern als Freunde des Polytheismus und Feinde des angeblich nur intoleranten Monotheismus aus, wie etwa Ideologen der Nouvelle Droite in Frankreich. Insofern wirken jedenfalls die ziemlich pauschalen Polytheismus-Thesen Humes bis heute weiter.
5.
Hume meint: Nur eine kleine Gruppe von Menschen wird sich jemals aus den Verirrungen der populären monotheistischen Religionen befreien können. Es ist die Philosophie als Skepsis, die die verirrten Menschen aus der heillosen Populärreligion befreien kann; etwa dann, wenn sich Menschen in ihrem religiösen Wahn gar nicht an Gott binden, sondern an Zwischenwesen, also Heilige, die sie als Schutzgottheiten (also dann doch wieder in polytheistischer Haltung) verehren.
Die Kritik der theistischen Volksreligion (auch und gerade innerhalb des Christentums und der Kirchen) ist sicher ein Thema, das im Zusammenhang von Hume weiter diskutiert werden sollte. Es sollte also der immer noch stark vorhandene populäre Glaube an Wunder diskutiert werden, also über die Meinung, Gott könne Naturgesetze für einzelne besonders Fromme wunderbar durchbrechen. Und als könnte „die Gottesmutter und Jungfrau Maria“ vom Himmel herabschweben und in zu Menschen sprechen, wie in Fatima oder Lourdes immer noch geglaubt wird.
6.
Und dann wäre zu erörtern, ob philosophisches Welt- und Selbstverstehen jemals ohne das eine und einzige vertretbare Wunder auskommen kann, das sich in dem Erstaunen äußert: „Dass überhaupt etwas ist und nicht nichts“. Dieses ist wohl das einzige Wunder, das Gültigkeit hat. Alle anderen so genannten Wunder sind bestimmte Formen des Volksglaubens, auf die aber viele Menschen einfach nicht verzichten können und wollen, weil sie meinen, in dem Volksglauben bzw. Aberglauben inneren Halt zu finden. Ob man diese die Betroffenen von dieser subjektiven Überzeugung des volkstümlichen Glaubens argumentativ befreien kann und dann auch befreien sollte, ist eine offene Frage. Wahrscheinlich haben sogar die kritischsten Anhänger eines Vernunftglaubens noch einen Restbestand an Volksglauben in sich, und sei es die Beschäftigung mit Astrologie oder Homöopathie usw.
7.
Was Vernunftglauben heute aktuell und neu formuliert bedeuten kann, ist eine aktuelle Herausforderung der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Den alten Vorwurf des „trockenen und abstrakten Begriffssystems“ wird der neue Vernunftglaube überwinden müssen. Der neue Vernunftglaube könnte angesichts des Niedergangs der konfessionellen Kirchen in Europa eine neue Ökumene religiöser und explizit christlicher Menschen erzeugen; dieser Vernunftglaube würde die auch sich stets weiter entwickelnden Menschenrechte in seinen „Grundbestand“ aufnehmen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Glaube muss vernünftig sein!

Ein Hinweis auf das wichtige Buch des äthiopischen Philosophen
Zär ´a Yaqob (1599 – 1693).
Von Christian Modehn

Den Versuch, den Glauben unter den Bedingungen des Christentums und der Kirchen vernünftig zu begründen und sich persönlich an diesen vernünftigen Glauben auch zu binden, hat es schon im 17. Jahrhundert gegeben. Nicht etwa nur in Frankreich oder in England, wo die rationalistische Theologie eine gewisse Rolle spielte. Sondern, ein Europäer glaubt es kaum, in Äthiopien: Zär´a Yacob heißt der Autor seiner „Untersuchung“. Dieser Text liegt auf Deutsch vor, er sollte viel mehr beachtet werden, nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen, sondern durchaus auch, weil er ein aktueller spiritueller Impuls ist. Erschienen ist der Text in der Edition Victoria, Wien.
Der Leser ist überrascht, wie modern die Erkenntnisse des äthiopischen Gelehrten sind. Er bietet Elemente der Reflexion für einen Glauben an die göttliche Wirklichkeit, einen Glauben, der ganz elementar ist, möchte man sagen, also ganz einfach, nachvollziehbar ohne Hinweise auf mysteriöse Ereignisse, Wunder, Heiligengestalten usw. Der Autor zeigt, dass die menschliche Beziehung zu Gott eher ein Wissen als ein Glauben im Sinne eines bloßen eher willkürlichen „Für-Wahr-Haltens.
Zär´a Yacob war gründlich ausgebildet in den christlichen Traditionen, vor allem der koptischen Tradition, er kennt die Bibel, vor allem die Psalmen des Alten Testaments. Er zitiert auch Texte des Neuen Testaments, etwa aus dem Johannes-Evangelium. Er lebte zu einer Zeit, als in Äthiopien nicht nur die koptische Kirche stark war und dort Juden und Muslime lebten, sondern auch Katholiken ihre Mission, z.T. erfolgreich im Königshaus betrieben, bis hin zur Etablierung des Katholizismus („Frang“ in Äthiopien damals genannt) als Staatsreligion! In jedem Fall gab es viel Streit vor allem zwischen Kopten und Katholiken. Was ist die Wahrheit des Christentums?
In dieser Situation formuliert Zär´a Yacob seine Vorschläge, die auch dem Frieden in der Gesellschaft dienen sollten. Ihm geht es um eine universelle Wahrheit, die über den Konfessionen steht.

Aber der alles entscheidende Mittelpunkt seiner vernünftigen Theologie oder treffender Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist die Erfahrung der Welt als Schöpfung Gottes. Dies ist die alles entscheidende Basis seines Denkens und seines Lebens. Und zu der Erkenntnis gelangt Zär´a Yacob durch die alte metaphysische Überlegung, dass alles Gegebene dieser Welt endlich ist, also irgendwie gemacht sein muss von einem „Schöpfer“, der selbst nicht seinerseits auch noch geschaffen ist, sondern eben ewig und ungeschaffen.
Die einzige Frage ist: Sind wir bereit, diese Welt als Schöpfung Gottes, um bei dem Symbol-Begriff zu bleiben, zu verstehen? Alle weiteren theologischen Überlegungen ergeben sich dann von selbst. Es sind Überlegungen der Vernunft, die keine weiteren Wunder braucht als eben die Annahme des einen Wunder, dass „es diese Welt gibt“. Es ist die Vernunft des Menschen (als göttliche Schöpfungsgabe), die entscheidet, was vernünftig ist und menschlich. Dogmen werden so selbstverständlich zweitrangig, wenn nicht überflüssig. Auch die üblichen kirchlichen Gebräuche, wie das Leben im Kloster mit dem Verzicht auf gelebte Sexualität oder die rigiden Fastengebote auch im Islam, werden in Sicht Zär´a Yacobs überflüssig und unvernünftig. Er stellt die provozierende und durchaus mutige Frage: „Ist alles wahr, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht“? Und seine Antwort ist: Natürlich ist nicht alles wahr, weil es unvernünftig ist! „Wenn wir mit dem vernünftigen Licht unseres Herzens richtig umgehen, kann es uns nicht in die Irre führen“, schreibt Zär´a Yacob. Und dann folgt der entscheidende Satz: „Denn die Bestimmung dieses Lichts, der Vernunft, die uns unser Schöpfer gab, ist die: uns zu erretten und nicht uns zu verderben. Alles, was das Licht unserer Vernunft uns zeigt, stammt aus der Quelle der Wahrheit“. Das heißt: Die von Gott gegebene Vernunft im Menschen ist selbst rettend, hat also eine erlösende Bedeutung. „Unsere Seele besitzt die Fähigkeit, sich einen Begriff von Gott zu machen und ihn geistig zu erfassen“ (S. 29). Auch die Grundlagen der Ethik sind vernünftig erkennbar, etwa die „Goldene Regel“, die Zär´a Yacob ausdrücklich als Vorbild erwähnt (S. 31).
Darum wundert man sich nicht, wenn von der besonderen Erlösergestalt Jesus von Nazareth in dem kleinen Text keine Rede ist . Zär´a Yacob denkt förmlich dialektisch: Der Mensch erlöst sich selbst kraft seiner Vernunft. Aber es ist die göttliche Gabe Vernunft, die da erlösend tätig ist. Insofern ist also auch Gott der letzte Grund der Erlösung durch die Vernunft und vernünftiges Handeln. Für die Hüter der wahren, weil alten Lehre sind diese Einsichten natürlich ein Skandal, wird doch die alte klerikale Ordnung erschüttert. Aber die Vernunft muss sich von Ketzerei-Vorwürfen nicht verwirren lassen. Was meint Zär´a Yacob? Zu Beginn der Kirchengeschichte waren die reinen Lehren des Evangeliums „nicht schlecht“, meint der Autor. Es war die Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit. Aber mit den machtvollen Konfessionen wurde dann „die vom Evangelium empfohlene Nächstenliebe beiseite geschoben und durch Hass, Gewalt ersetzt. Meine Landsleute haben ihren Glauben bis hinein in seine Grundlagen zerfetzt, sie lehren Eitelkeiten, sie tun Böses, und sie werden fälschlicherweise Christen genannt“ (S. 27)
Angesichts dieser Situation totaler christlicher Verlogenheit rettet nur die Vernunft Religion, meint Zär´a Yacob.

Bezeichnenderweise konnte er diese Gedanken nur in der Einsamkeit, im Rückzug vor den bedrohlich konfessionalistischen Menschen in einer Höhle, entwickeln! Nur weniges, was er dort meditativ erkannte, schrieb er auch auf. Leider! Denn er sah sich bedroht und musste seine Erkenntnisse in der Öffentlichkeit verbergen und verleugnen. Aus dem einfachen Grunde, um nicht als Ketzer ausgelöscht zu werden. Man denke, in einer Parallele, etwa an Abbé Meslier (1664 – 1729) in Frankreich, der als katholischer Priester weiterhin die Messe las und predigte, obwohl er in seiner eigenen Theologie längst zum Atheisten geworden war. Siehe dazu meinen Aufsatz. Wie viele große Denker gab es und gibt es, die es nicht wagen, zu ihrer eigenen Erkenntnis und Konfession öffentlich zu stehen?
Zär´a Yacob hat diesen jetzt vorliegenden Text nur auf Bitten seines Schülers Waldä Heywat geschrieben! Auch von ihm ist in dem Buch ein weiterführender Text veröffentlicht, der allerdings meiner Meinung nach nicht die Radikalität seines Lehrers erreicht.

Das Buch aus der „edition Victoria“ ist 2008 in Wien erschienen und noch immer, Gott sei Dank, im Buchhandel zu haben. Es wurde von Victoria Frysak und Bekele Gutema herausgegeben und hervorragend betreut, auch in der Übersetzung und den erklärenden Kommentaren.
„Zär ´a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung“ ist der Titel des Buches. Es hat 134 Seiten und kostet 16,50 Euro!

Leszek Kolakowski: Vor 10 Jahren gestorben und lebendig

Ein Hinweis von Christian Modehn auf den „König von Mitteleuropa

„Die kulturelle Funktion der Philosophie besteht nicht darin, die Wahrheit zu verkünden, sondern den ‚Geist der Wahrheit’ herauszuarbeiten. Und das heißt: niemals die Wissbegierde des Verstandes einschlafen zu lassen. Niemals aufzuhören, das zu hinterfragen, was selbstverständlich und endgültig erscheint…“

Was für ein Satz eines Philosophen, der sich der großen Tradition humanistischer und skeptischer Philosophie anschließt: Eine Erkenntnis des polnischen Philosophen Leszek Kolakwoski, an den zu denken und mit ihm zu denken es jetzt allen Anlass gibt: Vor 10 Jahren, am 17. Juli 2009, ist der polnische Philosoph gestorben. Geboren wurde er am 23. 10. 1927 in Radom, einer Industriestadt bei Warschau. Er war als junger Mann in die Kommunistische Partei eingetreten, weil er dort hoffte, nach dem Grauen des 2. Weltkrieges und dem Wahn des Nationalismus (Nationalsozialismus) universale Werte der Menschheit gestalten zu können. Ein Irrglaube, von dem er sich auch als Professor für Philosophie kontinuierlich befreite. Ein Schlüsselerlebnis war die Freilegung der Verbrechen und Massenmorde von Stalin. In der umfangreichen Studie „Hauptströmungen des Marxismus“ wirft er dem ihm bekannten Marxismus “Selbstvergötterung des Menschen“ vor.
Biographische Details lassen sich leicht im Internet finden.

Inspirierend bleiben Kolakowskis Bücher bis heute. Um nur das einleitende Zitat aus dem Buch „Narr und Priester, Ein philosophisches Lesebuch“ fortzusetzen: „Die kulturelle Funktion der Philosophie besteht darin, immer wieder zu vermuten, dass es auch die ‚Kehrseite’ dessen geben könnte, was wir als sicher annehmen, und niemals zu vergessen, dass es Fragen gibt, die jenseits
des legitimen Horizonts der Wissenschaft liegen und dennoch für das Überleben der Menschheit, wie wir sie kennen, bedeutend sind.
“ (Kolakowski, „Ende der Utopie aufs Neue erwogen“, in: ders: Narr und Priester. Ein philosophisches Lesebuch, hrsg. von Gesine Schwan, Frankfurt/M. 1995, S. 236 – 259).
Da spricht Kolakowski von seiner zentralen, für manche unbequemen Einsicht: Es gibt lebenswichtige Fragen jenseits der Wissenschaften, es gibt also unabweisbare, immer existentiell wichtige und bleibende Fragen nach der Transzendenz, dem Mythos, der Religionen. Es gibt für Kolakowski unbedingte geistige Wirklichkeiten wie Wahrheit, Wert, Sein… Mit dem Thema befasste sich Kolakowski in seinem Exil in Kanada und England ständig; unbequem war er, manche nannten ihn etikettierend „konservativ“. Bewahren wollte er eine moderne Form der Transzendenz, ist das konservativ? Auch hat er leicht nachvollziehbare Einführungen ins Denken „großer“ Philosophen der Vergangenheit verfasst.
Nicht zu vergessen: Jürgen Habermas schätzte Kolakowski sehr und wollte ihn gern 1970 als Nachfolger von Adorno auf dem Lehrstuhl in Frankfurt am Main sehen; was die „Fachschaft“ ablehnte.
In einem seiner letzten Interviews erinnerte Kolakowski daran, dass sich die heutige Welt der Grenzen des eigenen Wohlstandes bewusst sein sollte. Es komme sogar darauf an, die eigenen so selbstverständlichen Wünsche um des Überlebens der Menschheit zurückzustellen. Man könnte das auch VERZICHTEN nennen. Aber das werde nur gelingen, wenn die Menschen ein religiöses Bewusstsein pflegen bzw. neu entdecken.
Sonst werde alles, so Kolakowski, „in furchtbarer Frustration und Aggression enden, was katastrophische Ausmaße annehmen könnte. Der Grad von Frustration und Aggression hängt dabei nicht vom Grad einer absoluten Befriedigung ab, sondern von der Lücke, die zwischen den Wünschen und ihrer wirkungsvollen Befriedigung klafft. Die religiöse Tradition hat uns Beschränkung gelehrt. Alle großen religiösen Traditionen haben uns über Jahrhunderte gelehrt, uns nicht an eine Dimension allein zu binden – die Akkumulation von Reichtum und die ausschließliche Beschäftigung mit unserem gegenwärtigen materiellen Leben. Sollten wir die Fähigkeit verlieren, diese Distanz zwischen unseren Wünschen und Bedürfnissen aufrechtzuerhalten, wäre das eine kulturelle Katastrophe. Das Überleben unseres religiösen Erbes ist die Bedingung für das Überleben der Zivilisation“. Das Interview mit Nathan Gardels hatte den Titel „Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes“ (https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article4455514/Ich-rechne-nicht-mit-dem-Tod-Gottes.html)
Kolakowski war ein vielseitiger Autor, auch begabt im Erzählen und Erfinden phantastischer Zusammenhänge, man denke an sein Buch „Gespräche mit dem Teufel“. Er hat sich auch vielfach mit theologischen Fragen befasst, etwa, so ein Beitrag von Christian Modehn, mit der Bedeutung bzw. Nicht-Bedeutung der Philosophie für die Reformatoren Luther und Calvin. Oder eben mit kurzen Einführungen wie „Mini-Traktate über Maxi-Themen“, Reclam Verlag, Leipzig 2000, Taschenbuch, 108 Seiten. Philosophisch inspirierend sind die Beiträge, die in dem Buch „Geist und Ungeist christlicher Traditionen“ (1971) zusammengestellt sind. Darin auch der Beitrag „Der philosophische Sinn der Reformation“ sowie sehr lesenswert: „Erasmus und sein Gott“.
Der Leichnam Leszek Kolakowskis wurde mit einem Flugzeug der polnischen Luftwaffe nach Warschau transportiert, von Polens Außenminister Sikorski am Flughafen mit militärischen Ehren in Empfang genommen und auf dem Powszki-Friedhof in einem Staatsbegräbnis beigesetzt. „Polen in Trauer“ titelte die Tageszeitung „Gazeta Wyborczka“ ihren Nachruf und krönte Kołakowski posthum zum „König von Mitteleuropa“.
Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Giorgio Agamben: Was ist Philosophie ?

Ein Buch aus dem S. Fischer Verlag. 188 Seiten. 18 €
Ein Hinweis von Christian Modehn

Philosophie gibt es nur im Plural. Darum ist der Titel irreführend: Der italienische Philosoph bietet in 5 Essays einige Hinweise zu seinem eigenen Denken. Diese zum Teil älteren Aufsätze sind hochkomplex, reflektieren Zeitloses und esoterisch Wirkendes. Sie handeln von „Elementarem“, von der Stimme und dem Sprechen, dem Sagbaren und der Möglichkeit, überhaupt philosophisch zu schreiben. Aber dies interessiert wohl nur den Kreis derer, die sich bereits in das Werk des viel-schreibenden Philosophen vertieft haben. Etwas aktuell-politisch wirkt der Aufsatz über das „Erfordernis“, also über die Vorstellung, dass sich etwas Dringend-Gebotenes in alle seine Möglichkeiten entfalten können sollte. Aber auch dies bleibt für den Autor nur eine „Idee“. Man spürt, dass Agamben beim späten Heidegger studiert hat und dessen allgemeine Abgehobenheit (um nicht zu sagen Esoterik) des philosophischen Denkens hier fortführt. Wer Einführungen ins philosophische Denken sucht, sollte sich anderswo umsehen.

Gregor Dotzauer schreibt in seinem Beitrag über Agamben im „Tagesspiegel“ (14. Juni 2019, Seite 19) sehr treffend: Dass Agamben wohl auch sehr das poetische Denken liebt, „das Schärfe und Unschärfe zwischen den Textgattungen vereint“. Und an anderer Stelle: „Abstraktion und vermeintliche Konkretion gehen (bei Agamben) eine raunende Liaison ein“. Siehe Heidegger. Alles werde „dunkel“. Im ganzen nennt Dotzauer sehr treffend vieles von Agamben Publizierte ein „Vorgehen, das die Würde von Philosophie und Poesie gleichermaßen beschädigt“. Warum? Weil hier Philosophie wie eine Obskur-Wissenschaft betrieben wird, sage ich. Philosophie lebt aber prinzipiell vom Dialog, und Dialog ist nur möglich ohne obskures Raunen. Es gibt ja einen philosophischen Begriff des Geheimnisses, aber der bezieht sich einzig und allein auf die Frage: „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Dies ist das einzige „Geheimnisthema“ der Philosophien.
Und man darf sich doch wohl wundern, warum so viele Menschen diesem Geheim-Obscur-Philosophen Agamben nacheifern und ihm – hoffentlich verstehend- zuhören. Es darf doch wohl noch philosophische Philosophen-Kritik geben, ohne dass der Kritiker als Banause hingestellt wird!
Vielleicht lesen dieselben Agamben Freunde auch alsbald wieder den späten Heidegger, etwa „Vom Ereignis“: Dann beginnt hoffentlich das Sein sich ihnen zuzusprechen, falls sie hörend und gehorsam sind und zu Hirten und Horchern des Seins bzw., sorry, des Seyns bzw. Sein (kreuzweise durchgestrichen) werden. Oder vielleicht gleich die „Schwarzen Hefte“ des Schwarzwald-Philosophen lesen und be—denken.
copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Jürgen Habermas wird 90. Sein Thema: Welche Religionen können heute noch hilfreich sein für die säkulare Gesellschaft und den Staat?

Hinweise zu Habermas Vorschlägen zu Religion und Philosophie
Von Christian Modehn

Mein Hinweis zum 85. Geburtstag von Jürgen Habermas, publiziert am 15. Juni 2014, ist nach wie vor als eine Art Einführung interessant.

Dennoch: Zum 90. Geburtstag des Soziologen und Philosophen noch einmal einige weiter führende Hinweise und Fragen. Es werden die Grenzen der auf Religion bezogenen Äußerungen herausgestellt.

Seit der „Spätphase“ seines Denkens, also ab 2001, setzt sich Jürgen Habermas mit der Bedeutung der Religionen für das säkulare Bewusstsein, die säkulare Gesellschaft und den bleibend säkularen Staat auseinander. Er nennt die heutige westliche Gesellschaft „postsäkular“. So, als wäre die Definition mit dem bislang üblichen Prädikat „säkular“ nicht mehr gültig angesichts der unerwarteten Präsenz der Religionen in den Staaten und Gesellschaften. Ob damit auch eine neue Praxis des Glaubens/der Glaubenden geschieht, ist eine andere, von Habermas nicht beantwortete Frage.

Habermas empfindet es als ungewiss, dass angesichts der globalen Herausforderungen der Gegenwart „die Ressourcen einer unverlierbaren (!), aber nur schwach motivierenden Vernunftmoral … ausreichen“ ( „Politik und Religion“, hg. Friedrich Wilhelm Graf und Heinrich Meier, München 2013, s. 299). Er spricht sogar davon, dass „in der (modernen Aufklärungs-) Philosophie selbst ein Defätismus der Vernunft brütet“ (S. 300). Ist die säkulare Vernunft vielleicht stark angekränkelt? Das sagen ja auch andere, gar nicht so progressiv Gesinnte.
Es ist also für Habermas die Schwäche der Vernunft und damit der Demokratie, die nach einem Dialog mit den Religionen förmlich ruft. Habermas befürchtet ohne die vernünftige Anwesenheit der Religionen ein „Entgleisen der Gesellschaften“. Ein Grund dafür: Die neuzeitlichen Rationalisierungsprozesse sind gar nicht so rational und menschenfreundlich, wie man ursprünglich hoffte.

So kommen in seiner Sicht den Religionen heute konstruktive Beiträge zum Überleben der Demokratien zu, indem sie die Philosophie und den säkularen Staat an religiöse Ressourcen erinnern, die weder die neuzeitliche Philosophie noch der säkulare Staat zur Verfügung haben. Gemeint sind religiöse Lehren, Mythen, Weisheiten.
Aber diese können selbstverständlich nicht unmittelbar geltend gemacht werden als Gestaltungsprinzipien innerhalb der säkularen Staaten. Habermas sagt klipp und klar: “Der liberale Staat ist mit religiösem Fundamentalismus unvereinbar“ (ebd., S. 291) Vielmehr müssen die religiösen Inhalte, so Habermas, in säkulare Sprache übersetzt werden. An welche religiös relevanten Inhalte er dabei denkt, wird von ihm meines Wissens nicht erörtert. Es wird also nicht gesagt, welche bestimmten religiösen Weisheiten auch universal gültige Wahrheiten sein können oder gar sind oder welche der liberale Staat etwa tolerieren sollte
Habermas denkt sozusagen nur an eine offene Einladung zum Dialog. Bei dem aber eigentlich die religiösen Menschen in ihren Glaubenshaltungen auch lernen sollten: Auch da werden meines Erachtens keine Beispiel genannt. Er spricht lediglich davon, dass religiöse Bürger sich an die universal geltenden, also säkularen Gesetze der Demokratie zu halten haben. Man denke aber etwa an die Debatte um Beschneidung von Knaben im Judentum und Islam: Diese Beschneidung wird von etlichen demokratischen Menschen als unerlaubter Übergriff wegen der Geltung der Menschenrechte und der Selbstbestimmung eines jeden abgewiesen. Die Gerichte in Deutschland haben aber dann letztlich zugunsten der Religionen (Judentum, Islam) entschieden. Wer diese Entscheidung falsch fand, wurde schnell als laizistisch oder atheistisch abgefertigt, was so pauschal nicht stimmt.

Zusammenfassend: Habermas mutet dem religiösen Bürger zu, seine religiösen Lehren, wenn sie denn politisch relevant sein sollen, in säkulare Sprache zu „übersetzen“.
Und: Er mutet den säkularen, religionsdistanzierten Bürgern zu, „in der artikulierten Sprache religiöser Stellungnahmen und Äußerungen gegebenenfalls Resonanzen eigener verdrängter Intuitionen wieder zu erkennen, darin also potentielle Wahrheitsgehalte zu entdecken, die in eine öffentliche, religiös ungebundene Argumentation eingebracht werden können“ (ebd. S 293).

Zum Islam in seiner ganzen Vielfalt, die von eher kleinen, demokratisch orientierten reformbereiten Gemeinden reicht bis zu Fundamentalismen äußert sich Habermas nicht; genauso wenig äußert er sich konkret zu den vielen extrem konservativen katholischen Gruppen (Opus Dei, Legionäre Christi, Neokatechumenale) bzw. den starken evangelikalen/pfingstlerischen evangelischen Glaubensgemeinschaften, von den reaktionären orthodoxen Kirchen ist keine Rede. Insofern sind die Vorschläge von Habermas abstrakt, allgemein und nicht mehr auf der Höhe der aktuellen Debatten von 2019. Die zerstörerische politische Kraft etwa evangelikaler Gruppen sieht man heute in Brasilien oder in Nigeria: Dort herrschen entsprechend fundamentalistische Politiker, wie Bolsonaro in Brasilien. Welche Bedeutung könnte dort die Religions“theorie“ von Habermas haben? Man hat eher den Eindruck, global gesehen, dass die religiösen Fundamentalismen in allen Religionen immer stärker werden und sich auch politisch als solche durchsetzen können. Insofern ist Religionskritik eine der obersten philosophischen Beschäftigungen – um der Menschenrechte und der Demokratie willen. Man denke auch an die scharfen Abtreibungsverbote in vielen lateinamerikanischen (katholischen!) Staaten oder in einigen Bundesstaaten der USA sowie in Polen usw. Überall, wo der politische katholische Klerikalismus die Macht hat, setzt er sich mit seinem absoluten ersten aller Gebote durch: Keine Freiheit für Frauen hinsichtlich der Abtreibung.
Diese Themen berührt Habermas nicht. Und seine Schriften wurden zu einer Zeit geschrieben, als das Vertrauen in die religiöse und grundsätzlich humane Kraft der Kirchen noch relativ ungebrochen war. Seit den vielen Missbrauchsskandalen in der römischen Kirche weltweit ist es schwer, mit Habermas noch von den „konstruktiven Ressourcen der Kirchen“ für die Gestaltung Europas zu sprechen. Die Kirchen sind ja selbst hilflos, auch wenn es etwa um das Massensterben der Flüchtlinge im Mittelmeer geht; sie sind hilflos, wenn in den Großstädten die Mieten explodieren und immer mehr Arme „erzeugt“ werden; die Kirchen sind hilflos, wenn die reiche und satte Welt auf die arm gemachten Millionen Menschen des Südens schaut und dabei seit Jahrhunderten keine anderen Ideen hat, als „bitte schön“ zu spenden.
Mit anderen Worten: Die religiösen Ressourcen, und das sind im Sinne Jesu von Nazareth humane Ressourcen, mit einer prophetischen Dringlichkeit, scheinen aufgebraucht zu sein. Vielleicht sind sie in mystischen Traditionen noch vorhanden, aber welcher Mystiker wird schon politisch? Oder sie sind in kleinen vernünftigen, also liberal-theologischen protestantischen Kirchen noch lebendig! Und manche Beobachter haben den Eindruck, die Gesellschaft mag zwar mit allerhand Folklore , Kirchentagen, Heilig-Abend-Gottesdiensten etc. noch religiös erscheinen. Vom biblisch- prophetischen Glauben der Gerechtigkeit für alle und des nicht bloß verbalen Kampfes für diese Gerechtigkeit, sind die Kirchen weithin weit entfernt.
Insofern sind die Äußerungen von Jürgen Habermas zu Religion noch interessant für weitere Diskussionen. Aber, sie sind leider bis jetzt nicht relevant geworden. Nicht praktisch geworden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Lesenswert ist der Beitrag von Michael Kühnlein über Jürgen Habermas in dem Buch „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“, Suhrkamp, 2018, S. 862 ff.

Niedergang der Demokratie in Österreich. Ein Buch von Robert Misik

Über ein neues Buch von Robert Misik, Wien
Ein Hinweis von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht im April 2019, erneut publiziert am 19.5.2019.

In Österreich wird es Neuwahlen geben, nachdem die faschistoiden Äußerungen von Hans-Christian Strache FPÖ, bis zum 18.5.2019 Außenminister Österreichs, bekannt wurden, etwa zur Überwindung der Pressefreiheit und zum Aufbau eines antidemokratischen Systems im Sinne Orbans. Aus diesem Anlass ein erneuter Hinweis auf das neue Buch von Robert Misik, Wien.

Der neue rechte bzw. rechtsextreme Populismus in Europa hat sich früher als anderswo in Österreich öffentlich bemerkbar gemacht, etwa, als die FPÖ schon im Januar 1993 ein „Ausländervolksbegehren“ mit dem Titel „Österreich zuerst“ startete. Mit geringem Erfolg anfangs, aber bei den Nationalratswahlen 1994 stimmten mehr als eine Million Österreicher dann doch für die FPÖ. Österreich ist seitdem ein Staat mit einer starken rechtsextremen Partei geblieben. Bei den Wahlen 2017 erhielt die FPÖ 26% aller Stimmen. Sie ist in der Regierung vertreten, unter Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP), und erhielt 6 von 14 Ministerien, darunter das Innenministerium.
„Österreich zuerst“: Diese Forderung ist heute politisches Prinzip zumal in der Ausländer und Flüchtlingspolitik; es wird – in der werbenden Selbstdarstellung – in den gefälligen Slogan „Genussland Österreich“ übersetzt: Allerorten und in allen Zusammenhängen wird mit „Genuss“ geworben für das, nun ja, von der Natur her tatsächlich meist schöne und von der Kultur her oft interessante Österreich. Nur soll dieses (gastronomisch gemeinte) „Genussland Österreich“nicht allen dort lebenden Menschen zur Verfügung stehen, schon gar nicht den Flüchtlingen, den Asylanten, den Muslims oder gar den Armen, die in der Polemik der FPÖ und der ÖVP jetzt nur als „Nutznießer des Sozialsystems“ verstanden und auch öffentlich so bezeichnet werden.
Wer sich für den aktuellen Zustand des Genusslandes „Österreich First“ interessiert, sollte zu dem neuen, wichtigen Buch des Publizisten und bekannten Buchautors Robert Misik greifen: „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen“ ist der Titel seiner von ihm selbst so bezeichneten „Streitschrift“, die wie ein Aufschrei wirkt angesichts der Zerstörung demokratischer Kultur durch die jetzigen populistischen Regierungen in Europa, zumal in Österreich. Ein Buch, das den Willen stärken sollte, die Demokratie und die Menschenrechte zu retten in unserem Europa.
Aber was jetzt an Zerstörung der humanen demokratischen Umgangsformen beschrieben wird, ist mehr als ein österreichisches Problem. Es ist ein europäisches Problem! Und das macht Misiks Buch deutlich: Erschienen ist das sehr inspirierende Buch Anfang 2019 im Picus Verlag in Wien. Es hat 143 Seiten und kostet 15 Euro!
Robert Misik ist als Journalist in Wien u.a. für die Wochenzeitung „Falter“, die Tageszeitung „Standard“, das Magazin „Profil“ und die deutsche TAZ tätig, er hat zahlreiche Bücher, auch zur Religionskritik, veröffentlicht.
Zentral ist seine Erkenntnis: In Österreich wird mit aller Bravour eine „konservative Revolution“ betrieben, die letztlich auf einen Umbau der bisherigen demokratischen Verhältnisse hinausläuft: Der Titel „konservative Revolution“ wird heute in allen europäischen Ländern prominent unterstützt: In Deutschland hat sich der Chef der CSU im Bundestag Alexander Dobrindt ausdrücklich für diese „konservative Revolution der Bürger“ ausgesprochen. Der Titel erinnert an die Propaganda rechter Philosophen und Autoren in den neunzehnhundertdreißiger Jahren, wie Carl Schmitt oder Ernst Jünger. Nach der konservativen Revolution setzte sich der Faschismus durch…

Die erste Hälfte des Buches von Robert Misik ist stark auf Österreich bezogen, was ja kein Nachteil ist für deutsche Leser, die etwa als Touristen immer wieder mit dem „Genussland“ konfrontiert sind. Misik spricht eine deutliche Sprache: Nur einige Zitate:
„Österreich hat jetzt eine national autoritäre Regierung“ (28). „Die Regierung will, dass „die Opposition nicht opponieren sollte“.
„Opposition und Zivilgesellschaft sollen nicht mehr aufmucken“ (20).
Die Sprache der führenden verantwortlichen Regierungspolitiker sei von „Rohheit“ bestimmt, „der Zynismus ist an der Macht“ (27). Der Kanzler Sebastian Kurz „ist das Geschöpf einer Zeit, in der die Welt als Kampf aller gegen alle empfunden wird und noch der hilfsbedürftigste arme Schlucker als Konkurrent um knapper werdende Ressourcen gilt – und dies in einer Welt, in der Solidarität, das schlicht Humanitäre, die leise Stimme der Vernunft und Rationalität, aber auch ein Geist des Fortschritts einen schweren Stand hat (51).
In dieser Situation des Kampfes aller gegen alle entsteht die „Sehnsucht danach, dass Gewalt ausbreche,… dass das Elementare einbreche in die Langeweile des Systems…Von dieser Sehnsucht lebt der radikale rechte Neokonservatismus seit jeher“ (81). Explizit werden diese Untergangswünsche und Visionen etwa von dem Katholiken Steve Bannon (USA, mit Einfluss auf Europas Rechtsextreme) propagiert. Jetzt geht es, so schreibt Misik in seinem neuen Buch, diesen Leuten erst einmal darum, die demokratischen Strukturen langsam zu zersetzen; kritische Publizistik, auch in Österreich, wird marginalisiert und mundtot gemacht (76), kritische NGOs werden dort finanziell ausgetrocknet, den Kirchen und ihrer Caritas/Diakonie wird eine übertriebene „Hypermoral“ vorgeworfen, weil sie „Asylbusiness“ (was für ein Unwort der Politiker) betreiben….(131). Politiker in Österreich entwickeln, so Misik, ihre eigenen „Fake-News-Schleudern“ (ebd.).
Es geht letztlich darum, die Demokratie „mit kleinen Schritten in eine wackelige Fassade ihrer selbst zu verwandeln“ (77).Misik zitiert den Schriftsteller Peter Turrini, der bezogen auf Österreich von „einem Staatstreich in Zeitlupe“ spricht (28).
Diese Aussagen versteht Robert Misik als Beschreibung des gegenwärtigen Zustandes. Dabei klagt er die Führer und Ideologen der rechtsextremen Politiker an, nicht aber pauschal viele der irritierten Wähler der FPÖ oder auch der AFD: Zu den AFD Wählern zitiert Misik eine Studie, die zeigt: Viele dieser AFD Sympathisanten sind, so empirische Studien (103), beklagen den Verlust von sozialen Netzwerken in ihrer Lebenswelt, beklagen, dass sich die Politik aus ihren Vierteln zurückgezogen hat, dass sie as Gefühl haben: niemand interessiert sich mehr für sie“(104). „Nicht dass Migranten geholfen wird, regt die Leute, Wähler der AFD, primär auf, sondern dass sie das Gefühl haben, dass ihnen niemand zuhört, dass sich für sie niemand interessiert, dass da niemand ist, der in der Nähe erreichbar wäre“ (ebd.) Dies ist der „psycho-politische Gefühlscocktail“, so Misik sehr treffend (104).
Der Autor will keineswegs das allgemeine Wehklagen der Demokraten befördern, er will mit seiner heftigen Analyse Mut machen, die Demokratie, die Menschenrechte, die Menschenwürde, noch zu retten, TROTZ aller FPÖ Politiker und Orbans und erzkatholischen Populisten(Nationalisten) in Polen usw. „Haltet euch mit Empörung nicht zurück“, fordert Robert Misik (142). Und er zitiert zum Schluss Robert „Bobby“ Kennedy: “Jedes mal, wenn ein Mensch für ein demokratisches Ideal eintritt oder handelt, um das Los anderer zu verbessern oder gegen Ungerechtigkeit aufsteht, sendet er eine winzige Welle der Hoffnung aus, die sich wiederum mit vielen Millionen anderer Energien und Kühnheiten kreuzt. Und zusammen bauen diese kleine Wellen eine Woge auf, die die mächtigsten Mauern der Unterdrückung hinwegspülen“. (Nebenbei: Man könnte, religionsphilosophisch, in diesen Worten einen guten Ansatz sehen für ein Verständnis von „Auferstehung“ zu Ostern). Wer noch konkretere Formen des vernünftigen demokratischen Widerstands gegen den rechtsextremen Populismus wünscht, lese die Zeilen, die der Autor von dem Sozialexperten der evangelischen Diakonie in Wien, Martin Schenk, übernimmt (135f).
Überhaupt hätte ich mir gewünscht, dass die Stellung der Kirchen, auch der offiziellen Kirchenleitungen, gegenüber der „Herrschaft der Niedertracht“ aussehen. Gibt es Pfarrer und Bischöfe, die noch zur FPÖ halten? Bischof Krenn, St. Pölten, gestorben 2014, war ja ein Freund von Jörg Haider FPÖ… Und wie lebt die jüdische Gemeinschaft in Österreich, wie fühlen sich Muslime fühlen in dieser Angst erzeugenden Situation…

PS: Das Buch wurde geschrieben, bevor einmal mehr deutlich wurde, wie stark die internationalen Verflechtungen der „Identitären“ in Österreich sind. Diese militante Gruppe ist bekanntlich mit der FPÖ eng verbunden. Kanzler Kurz wurde in dem Zusammenhang nun einmal sehr emotional, als er die nun bekannt gewordene finanzielle Unterstützung zugunsten der österreichischen „Identitären“ durch den Massenmörder in Neuseeland (Christchurch, Mitte März 2019) „abscheulich“ fand. Ob es nun zum Koalitionsbruch mit der FPÖ (und der in ihr starken auf Identität eingeschworenen Gruppen) kommen wird, ist wohl eher unwahrscheinlich. Es wird wohl alles nur eine scheinbare Aufregung sein, die bald wieder vergessen wird, weil die brutale Abwehr der Flüchtlinge im Mittelmeer dieser populistischen Regierung z.B. viel dringender erscheint …

Robert Misik, „Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen“, 2019, Picus Verlag Wien, 15 Euro.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Hässliches Sehen. Ein neues Buch der Philosophin Bettina Stangneth

Ein Hinweis von Christian Modehn

Bettina Stangneth, inzwischen weltweit bekannte Philosophin und Historikerin in Hamburg und Interpretin der (religionsphilosophischen) Werke Immanuel Kants, hat ein eher knappes Buch mit dem Titel „HÄSSLICHES SEHEN“ vorgelegt. Es fällt mit 142 Seiten viel kürzer aus als ihre früheren Bücher über das Lügen und das Böse. Wobei die Autorin in ihrem neuesten Buch pragmatisch gesteht: “Dass sich das Böse, die Lüge und das Hässliche leichter an den Leser bringen lässt als das Gute, Wahre und Schöne … habe ich erst durch die Praxis gelernt“ (S. 142). Dies wäre ein Thema, ob sich ein Philosoph diesem Trend anpassen sollte, um wahrgenommen zu werden. Ich bezweifle das.
Was mir mehr Mühe bereitet ist der irgendwie zwiespältige Titel: HÄSSLICHES SEHEN. Im Buchumschlag selbst sind beide Begriffe immer groß gedruckt, so dass man zuerst erwartet, dass tatsächlich „Objekte“ mit Hässliches gemeint sind. Aber auf Seite 75 wurde ich irritiert, weil da „hässlich“ offenbar als Qualität des Sehens selbst gemeint ist. „Wer moralisch zu bessern versucht, indem er die Menschen das hässliche („hässliche“ klein geschrieben, CM) Sehen lehrt, erteilt die Lizenz zu hassen…“ Wie kann das Sehen selbst hässlich sein? So eine Art böser Blick? Etwas „Verhextes“ im Blick selbst? Aber kann man diese hässliche Qualität des Sehens „lehren“? Oder liegt da ein Druckfehler vor? Offenbar nicht. Denn „hässliches Sehen“ (hässlich wieder klein geschrieben) kommt auf Seite 66 noch einmal vor.
Mühe macht vor allem die erwartete eher stringente Argumentation zum Thema; alles ist dicht geschrieben, konzentriert, über einzelne schöne (!) Sätze könnte man lange meditieren. Aber es sind meines Erachtens eher 14 in sich stehende Essays in dem Buch enthalten, die das Denken der Philosophin selbst in einer gewissen Unmittelbarkeit des Ringens zeigen. Das ist schon interessant. Aber das Thema Hässliches Sehen (oder auch das hässliche Sehen) erschließt sich nicht unmittelbar überall, so sehr auch manche Reflexionen zur Erkenntnistheorie, zur Verteidigung der Aufklärungsphilosophie im Sinne Kants, zu Fragen der Identität irgendwie damit zu tun haben.
Oft ist auch vom „dialogischen Denken“ die Rede. Aber Dialoge im unmittelbaren Sinne mit mehreren gleichberechtigten Gesprächspartnern kommen jedenfalls nicht vor; gemeint ist mit „dialogisch“ wohl der innere Dialog der Philosophierenden selbst.
Aber warum ist die Beschäftigung mit dem Sehen des Hässlichen denn so wichtig, um es einmal bei dieser Objektbezogenen Eingrenzung des „Hässlichen“ zu belassen. Damit wir im Angesicht des Hässlichen aus der so einfachen und so schnellen Haltung der aufgespreizten, wichtigtuerischen und egozentrischen Empörung herauskommen. Und warum ist diese Empörungs-Haltung so falsch? Sie bleibt äußerlich, meint Bettina Stagneth, führt nicht zur kritischen Selbstreflexion und damit zur menschlichen Reife, sage ich in meinen Worten.
Aber ist das wirklich immer so? Waren denn die erfolgreichen Plädoyers von Stephane Hessel für die Empörung so unsinnig? Haben sie nicht viele tausend Empörte, Indignados in Spanien usw., vereint? Natürlich sind auch AFD Leute und andere Unvernünftige empört. Also gibt es treffende, nach vorne weisende Empörung zugunsten besserer Demokratie und eben auch reaktionäre Empörung zur Abschaffung der Demokratie. Irgendwie hätte ich in dem Buch mehr Konkretes, Politisches, gewünscht. Der Text ist eben zu kurz! Zu schnell? Ist denn die Einschätzung von etwas als Hässlichem so eindeutig? Sind die Kunst – Objekte von Joseph Beuys etwa nicht bewusst etwas Hässliches, aber gerade darin eben erstaunliche Kunst?
Gewiss, viele einzelne Hinweise von Bettina Stagneth geben zu denken, etwa der Kult um Vorbilder, die Sehnsucht nach Helden. Aber das sind nicht hässliche Gestalten. Und: Aber warum sehen so viele Menschen gern und so oft objektiv Grausames, also Hässliches, also Mord und Krieg und Waffen und Gemetzel? Ich hätte gern nachvollziehbar gelesen, ob der Anblick von ca. 100 Leichen pro Fernsehabend in der Distanz des Zuschauers als abstoßend, als so Hässliches, erlebt werden, dass man sich dann ekelerregt hochherzig dem Guten und Schönen zuwendet? Oder stärken diese ca. 100 Leichen pro Fernsehabend, trotz schauspielerischer Glanzleitungen manchmal, auch den Trend, sich selbst auf den Weg des Hässlichen zu begeben, weil ja da Hässliches und Böses in eins fallen. Hat das internalisierte Hässliche, also das hässliche Ästhetische, die Kraft, ins Böse, ins Böses-Tun, umzuschlagen? Wenn ich etwa bei google den Suchbegriff „Mord nach einem Vorbild im Fernsehen“ eingebe, erhalte ich am 14.5.2019 1.060.000 Ergebnisse, u.a auch zu „Columbine“ ! Indem die ja wohl manchmal hübsch anzusehenden Waffen tatsächlich nach Mord und Totschlag als hässlich gedeutet werden, weil mörderisch, kippt das Ästhetische ins Moralische, ins Böse, um.
Interessant, dass die Religionsphilosophin Stangneth auch ganz knappe Hinweise bietet zum Kreuz Jesu, an dem sich ein „allein gelassener Mann … unter Schmerzen windet“ (S. 100). Wie können fromme Christen solch ein hässliches Bild wertvoll finden, fragt Bettina Stangneth? Die Antwort ist: Weil diese gebildeten Frommen die ganze Lebensgeschichte dieses Jesus von Nazareth kennen und wissen, dass er wegen seiner radikalen Menschenfreundlichkeit umgebracht, ans Kreuz gehängt wurde. Sie sehen also im Gekreuzigten den ganzen historischen Menschen. Übrigens haben die ersten Christen das Kreuz als Symbol für Jesus gar nicht gekannt, sie verwendeten eher das Symbol des Fisches, ICHTHYS auf Griechisch, aber das ist ein anderes Thema. Der sehr originelle Salzburger Theologe Gottfried Bachl ist übrigens einer der wenigen, die sich mit dem Thema „der hässliche Jesu“ explizit auseinandersetzten, in seinem lesenwerten Buch „Der schwierige Jesus“ (Tyrolia Verlag, 1966, dort S. 77 ff.)
So eröffnet das Buch „Hässliches Sehen“ viele weitere Fragen, die einer ausführlicheren Reflexion noch bedürfen. Aber ist das nicht schon ein schönes Prädikat für ein philosophierendes Buch?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Für eine demokratische, republikanische Kirche: Erinnerungen an Abbé Grégoire

Hinweise von Christian Modehn
Erinnerungen an einen ungewöhnlichen Priester: Er war als Politiker aktiv seit dem Beginn der Französischen Revolution und ein glühender Verteidiger der humanen Werte der Revolution: Sein Name Abbé Grégoire. In Deutschland sollten wir mehr von ihm wissen: Als Ausnahmegestalt eines demokratischen organisierten Katholizismus, der aber diese Kirche, als Hort des Konservativen und damals heftig Reaktionären, nicht verändern konnte. Aber er hatte doch Erfolge, als Verteidiger der Menschenrechte, vor allem auch zugunsten der Juden und der „Schwarzen“ in den Kolonien.

Der katholische Priester Abbé Grégoire heißt mit vollständigem Namen Henri Jean-Baptiste Grégoire. Er war der berühmte „Priester-Bürger“, „citoyen par excellence“, schreibt der Historiker Bernard Plongeron (Concilium, 1969, Heft 1, Seite 31, französische Ausgabe).
Abbé Grégoire ist eine Ausnahme – Gestalt in dem damaligen antirepublikanischen, antidemokratischen und reaktionären Katholizismus, repräsentiert im Vatikan. Aber er hat dafür gesorgt, dass sich mindestens für ein paar Jahre die Ideen des katholischen Glaubens mit den richtigen Ideen der Französischen Revolution versöhnen konnten. Er ist die entscheidende Gestalt unter den Abgeordneten des revolutionären Parlaments, der die rechtliche Gleichberechtigung der Juden durchsetzte sowie auch die Abschaffung der Sklaverei. Die Bevölkerung der Republik Haiti, die erste unabhängige Republik in den damaligen südamerikanischen Kolonien, hat ihn hoch verehrt! Und bei seinem Tod 1831 mehrere Tage eine Staatstrauer begangen.
Er hat für die Eingliederung des katholischen Klerus in die Verfassung der Republik gestimmt („Constitution civile du Clergé“): „Alle Bischöfe und Pfarrer müssen von nun an von den Bürgern gewählt werden“. Der Papst wurde dann lediglich von der Wahl benachrichtigt. Alle Priester sollten – wie er auch es ganz entschieden tat – auf die Verfassung der Republik schwören. Seit der Zeit ist der französische Klerus der Revolutionsepoche gespalten, republikanisch oder königstreu und dem Papst absolut ergeben. Abbé Gregoire hat niemals darauf verzichtet, an dieser Konzeption einer Art „nationalen“, also weithin von Rom unabhängigen katholischen Kirche festzuhalten. Deswegen hatte der Erzbischof von Paris auch verboten, dass ein Priester ihn in seinen letzten Stunden besucht, der Erzbischof hatte sogar eine kirchliche Bestattung verboten.
Geboren wurde Grégoire am 4. Dezember 1750 in Vého bei Luneville in Lothringen, einer Region, in der sich unterschiedliche philosophische und aufklärerische Bewegungen versammelten. Er war zuerst Pfarrer und Theologe, bevor er als Abgeordneter ins Pariser Parlament kam. Als Dorfpfarrer setzte er sich entschieden für die Bildung der Bauern ein, er stellte seine private Bibliothek allen Interessierten zur Verfügung, er hat entschieden gegen den „Obskuratismus“ gekämpft, also gegen die übliche Mischung von Glauben und Aberglauben unter Katholiken. Er sprach drei Fremdsprachen, auch etwas Deutsch. Seine befreundeten Rabbiner empfahlen ihm die Lektüre philosophischer, aufklärerischer Zeitschriften in Berlin.
In seinen Lebenserinnerungen („Mémoires“) schreibt Abbé Grégoire: „Nachdem ich die Zweifel förmlich verschlungen hatte durch die Lektüre so genannter philosophischer Werke, habe ich alles neu geprüft und bin nun Katholik, nicht etwa, weil meine Eltern katholisch waren, sondern weil mich die Vernunft, unterstützt von der göttlichen Gnade, zur Offenbarung (der Bibel) geführt hat“.
Viele theologischen Impulse bezog er auch aus dem Studium der alten, der ursprünglichen Kirche („ecclesia antiquior“). Er verfasste zahlreiche politische und theologische Studien, 427 Titel von ihm sind bis jetzt zusammengetragen und tausende von Briefen: Ein Intellektueller und ein Verteidiger der Menschenrechte, und das alles ab 1789, zu einer Zeit, als die Päpste die Menschenrechte und die Freiheit verfluchten. Abbé Grégoire ließ sich nicht unterkriegen. Dabei hatte er gar nichts gegen die Dogmen der Kirche, er wollte nur die menschlichen Verhältnisse in Staat und Kirche grundlegend durch vernünftige Gesetze verbessern.
Er fand es normal, dass man katholische Bischöfe wählte: Er selbst wurde etwa zum Bischof von Blois gewählt. Er setzte es durch, dass Französisch die Sprache in katholischen Messen wurde; er organisierte Synoden als Orte des freien katholischen Disputs. Er setzte sich für eine Versöhnung der römischen mit der orthodoxen Kirche ein.
Natürlich, möchte man sagen, wurde dies alles vom Vatikan verboten, untersagt, zerschlagen. Die zerstörerische Kraft alles Lebendigen und Neuen war im Vatikan immer schon sehr groß. Aber Abbé Grégorie ließ sich nicht in die Verzweiflung treiben, er kämpfte für die Menschenrechte, für die Befreiung der “Schwarzen“. Michelet sagte von ihm: „Abbé Grégoire hat zwei Gottheiten gehabt, Christus und die Demokratie. Beide vermischten sich seiner Meinung nach zu einer einzigen Überzeugung, denn beide haben dasselbe Ideal, die Gleichheit und die Brüderlichkeit“ (Histoire et dictionnaire de la Révolution Francaise, Robert Laffont, 1987, Seit 860)
1950, zum 200. Gedenken an die Geburt dieses freien, republikanischen Priesters, Bischofs und Politikers war es ausgerechnet der vietnamesische Politiker Ho-chi-Minh, der seiner gedachte: Er nannte ihn einen „Apostel der Freiheit der Völker“.
Am 28. Mai 1831 ist Abbé Grégoire in Paris verstorben. An seiner Bestattung auf dem Friedhof Montparnasse, Paris, nahmen 2.000 Studenten und Arbeiter teil, berichtet Bernard Plongeron (ebd., S. 43).
Ein der Hierarchie gegenüber kritischer Priester (Abbé Guillon) war dann noch bereit, eine kirchliche Bestattung zu feiern.
1989, im Rahmen der Feiern „200 Jahre Französische Revolution“, erhielt dieser republikanische, demokratische Priester endlich ein Ehrengrab im berühmten Pariser Panthéon. Die französischen Bischöfe, immer noch im Zorn auf ihren großen republikanisch-katholischen Vorgänger, nahmen selbstverständlich NICHT an den Feiern im Panthéon teil. Lediglich der progressive Außenseiter unter den Bischöfen damals, Jacques Gaillot, Bischof von Evreux, war – für Gaillot selbstverständlich – bei den von Staatspräsident Francois Mitterrand geleiteten Zeremonien im Panthéon dabei.
Es wird Zeit, in Deutschland umfassender an Abbé Grégoire zu erinnern. Leider sind seine Werke in deutscher Sprache nicht verfügbar. In Frankreich gibt es förmlich einen Boom an Grégoire – Forschung, siehe etwa die entsprechende französische website von wikipedia.
Ich finde diesen Mangel an deutschsprachigen Büchern über Abbé Gregoire in gewisser Weise typisch: Wie viele Bücher wurden in den frommen Verlagen über die Karmeliter-Nonne Theresia vom Kinde Jesu in Lisieux oder über den angeblichen Mystiker, den Pfarrer von Ars publiziert? Und eben nicht über einen revolutionären, republikanischen Priester und Bischof, einen Kämpfer für die Menschenrechte und eine demokratisch verfasste Kirche!

Es gibt ein kleines Abbé Grégoire Museum in Emberménil, Département Meurthe-et-Moselle, in der Region Grand Est.
https://musee-abbe-gregoire.fr/un-musee

Über „Haiti und Abbé Grégoire“ gibt es etliche differenzierende Studien, etwa: https://www.persee.fr/doc/outre_0300-9513_2000_num_87_328_3804

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Be

Misstrauen – Vom Wert eines so genannten Unwertes

Ein Religionsphilosophischer Salon am 3.5.2019
Hinweise zur Einführung von Christian Modehn

Ich beziehe mich auch auf einige Vorschläge und Einsichten, die Florian Mühlfried in seinem Buch „Misstrauen. Vom Wert eines Unwertes“ (Reclam, 2019) nennt.

Es geht also um die Erkenntnis: Misstrauen ist in gewisser Hinsicht (!) ein Wert. Und Vertrauen ist in gewisser Hinsicht (!) ein Unwert. Die strikte Trennung, das absolute Gegeneinander von Misstrauen und Vertrauen, ist philosophisch also Unsinn: Tugenden können Laster sein und umgekehrt. Darauf hat etwa der Philosoph Martin Seel in seinem Buch „111 Tugenden – 111 Laster“ (Frankfurt 2011) hingewiesen.
1.
Misstrauen steht begrifflich nahe zur Skepsis. Sie ist meist identisch mit einer Haltung, einer ziemlich umfassenden Lebensform, dem Skeptizismus.
Dieser Skeptizismus als Lebensform, (beschrieben von Sextus Empiricus, bezogen auch auf Pyrrhon) lehrt: Der Mensch sollte sich aller Urteile enthalten, denn alle Dinge und alle Erkenntnisse sind gleichwertig. Keine Bevorzugung für angeblich Wahres und Falsches. Diese Haltung wird praktiziert, um zur individuellen Seelenruhe als dem Ziel des menschlichen Lebens zu kommen. Die Haltung, die dahin führt, ist das ständige Fragen, besonders das Zweifeln an allem.
Skepsis ist aber in sich widersprüchlich: Denn Skepsis wird vom Skeptiker als Wahrheit empfunden, also bevorzugt. Und: Allen Dingen kann der Skeptiker auch nicht gleichgültig gegenüberstehen: Etwa dem eigenen Schmerz. Als Ausweg kann man Skepsis als eine private Überzeugung gelten lassen, wie dies Montaigne tat.
Skepsis und Zweifeln als Aktivität des Geistes sind eng verbunden. Methodisches Zweifeln in der Wissenschaft soll gerade zu sicherer Erkenntnis führen, wenigstens vorübergehend.
Misstrauen ist mehr emotional strukturiert. Zweifeln mehr intellektuell.
2.
„Misstrauen“, darauf weist Florian Mühlfried zurecht nachdrücklich hin, ist ein politisch aktuelles Thema: Ich konkretisiere diese Einsicht: Etwa jetzt im Umfeld der Europa Wahlen im Mai 2019, wo von den Populisten so viel Unwahres, so viele Fakes, verbreitet werden, dass eine tiefe Irritation erzeugt werden soll unter den Bürgern. Bestimmte extrem rechte Parteien, wie die AFD, fordern z.B. die Schüler auf, misstrauisch gegen ihre Lehrer zu sein und bei „linken“ Äußerungen der Lehrer diese anzuzeigen. Die FPÖ will die Pressefreiheit behindern (siehe den Kampf um die Pressefreiheit im ORF).
Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen und Werten wird von populistischen Parteien verbreitet. Damit wird das Vertrauen als Basis des Miteinanders erschüttert. Lügen sind nicht nur auf den engeren intellektuellen Bereich bezogen; sie haben eine globale zerstörerische Kraft. Dies will Mister Trump. Und den Bürgern gelingt es bis jetzt nicht, dieser Herrschaft ein Ende zu setzen… Wie kann Demokratie so schwach sein???
Das Paradoxe ist ja heute: Demokraten müssen ebenfalls Misstrauen entwickeln gegenüber gewählten Politikern, etwa Trump, Orban, FPÖ Leuten, Polnischen Herrschern, etc, die ebenfalls Misstrauen verbreiten als ihre politische Strategie zur Zerstörung von Demokratie. Der Unterschied ist: Diese genannten Politiker wollen eine ganze andere politische Ordnung, letztlich außerhalb der Menschenrechte. Die misstrauischen Bürger hingegen kämpfen um eine bessere Gestalt der Demokratie und der Geltung der Menschenrechte.
Wir wollen mit unserem Misstrauen, unserer Skepsis, unserer Pflege der unabhängigen Medien etc., die Menschenrechte weiter beleben und die liberale und soziale Demokratie.
Ohne Misstrauen kann keine Demokratie bestehen. Die Politiker sollten froh sein, wenn misstrauische Bürger ihnen beim „Politikersein“ zusehen und Einspruch erheben, Widerstand leisten. Nur das ist Demokratie. Am schlimmsten wird es, wenn die Opposition erlahmt, schweigt oder gar von der Regierung, wie der FPÖ in Österreich, letztlich als überflüssig betrachtet wird. Das ist das Ende einer noch so bescheiden gewordenen Demokratie.
Schlimm sind die Regime, die keine institutionelle Opposition zulassen. Und darauf noch stolz sind. Man denke an den Vatikan, der stolz darauf ist, keine (!) Demokratie mit der umfassenden Geltung der Menschenrechte zu sein. Hans Küng nannte dieses Regime treffend „Diktatur“.
3.
Florian Mühlfried versteht Misstrauen als aktive Tätigkeit: Weil man in seinen Planungen nicht automatisch mit einem guten Ende rechnet, denkt man auch ein Scheitern, überlegt also Alternativen. Misstrauen hat also sehr viel mit Zukunftsplanung zu tun.
Misstrauen löst Handlungen aus. Misstrauen kostet etwas, kostet Nerven und Geld.
Diplomaten sind Menschen, die einander mit Misstrauen und skeptischer Vorsicht begegnen. Nur selten gelingen „vertrauensbildende Maßnahmen“ der politischen Feinde.
Das diplomatische Taktieren, immer wieder bloß die halbe Wahrheit sagen, hat sich wohl auch in die persönlichen Umgangsformen „eingeschlichen“: Sind wir im Miteinander der Gemeinschaften und Gesellschaft längst nur noch diplomatisch-misstrauische „Bekannte“ und diplomatisch sich benehmende „Freunde“ und „Verwandte“ geworden? Kann also Misstrauen auch das gesellschaftliche Miteinander vergiften?
4.
Das Misstrauen als Grundhaltung der Menschen in der Gegenwart zeigt sich an vielen Beispielen:
Es gibt eine Art Boom der Versicherungen. Der Sicherung von Häusern und Villen, „gatend cities“, wird immer üblicher. Mit dem Sicherheitswahn als Ausdruck eines total werdenden Misstrauens geht die Militarisierung der Gesellschaft voran, auch der Klassenkampf, die Missachtung der Menschenrechte. Man denke, wie viele hundert Menschen etwa in Rio de Janeiro in diesen Kämpfen um Gerechtigkeit und Lebensmöglichkeit für alle täglich in diesen Tagen erschossen werden, von paramilitärischen und offiziellen militärischen Organisationen. Absolutes Misstrauen als Herrschaftsform ist tödlich. Der gewählte Präsident Brasiliens, ein Freund von Mister Trump, wird von vielen klugen Beobachtern als prä-faschistisch bezeichnet. Höchstes Misstrauen ist also angesagt: Doch die Holzhändler und Rinderzüchter Imperien werden ihn, weil gewissenlos, bei dieser Abholzung des Amazonas-Waldes, also einem Verbrechen, unterstützen. Auch aus Europa? Aber gewiss doch. Wir protestieren zwar, aber es bewirkt nichts. Wir werden müde gemacht von diesen Herren.
5.
Misstrauen ist die Haltung des total gewordenen Individualismus: Ich vertraue nur noch mir, vertraue nur noch meiner Leistung, meinem Gewinn, dieses alles muss ich gegen andere schützen und verteidigen.
Das ist üblich geworden in der Kommunikation: Sich nur durch Pseudonyme äußern. Aber: Weiß ich zum Schluss noch, wie viele Pseudonyme ich habe? Wer bin denn „real“?
6.
Waren die Menschen im Mittelalter weniger misstrauisch? Waren sie nicht vielmehr auch und noch mehr von Angst zerfressen, siehe das Buch „Angst im Abendland“ von Jean Delumeau. Es ist wohl ein Märchen, dass wir jetzt und erst jetzt in einer „Risikogesellschaft“ leben. Aus dem Misstrauen und der Lebensangst flüchteten sich die Menschen im Mittelalter in einen von Aberglauben durchsetzten Glauben. Er baute die Kathedralen etc.
7.
Misstrauen als –begrenzte – Tugend im privaten Leben: Misstrauen hat eine Art reinigende Wirkung, wenn wir uns selbst gegenüber misstrauisch verhalten und uns selbst gegenüber skeptisch fragen: Folgen wir in unserem Leben immer dem Trend der Zeit? Mode, Religionen, Bestseller-Kultur, die „besten Filme (aus Hollywood) herrschenden Ideologie?
Wie können wir also uns selbst gegenüber misstrauisch sein? Misstrauisch gegen sich selbst ist nur eine Variante der tieferen Befragung des Selbst in Situationen der Entscheidung.
8.
Aber Misstrauen kann es nur geben, weil VERTRAUEN der Rahmen, die Basis, im menschlichen und geistigen Leben ist. Nur auf „dem Boden“ des Vertrauens hat Misstrauen einen Platz. Vertrauen ist also das Erste, die Basis. Vertrauen eine emotionale und reflektierte Lebens-Haltung. Vertrauen ist kein Affekt, also keine punktuelle Gefühlswallung, kurzfristige Freude, Jauchzen, aber schnell aufbrechender Hass.
Vertrauen ist eine dauernde Haltung.
Die dümmste, leider weit verbreitete „Lebensweisheit“ ist: „Vertrauen ist gut, Kontrolle besser“. Der Autor heißt Lenin. Es wird unterstellt, als könnte jemand, oder eine Institution, uns alle so total kontrollieren, dass Vertrauen „überflüssig“ wird. Die Stasi der DDR ist in diesem Kontrollwahn letztlich gescheitert. Auch Stalin, der absolut Misstrauische, wurde überwunden. Ob die jetzigen Regime mit ihrer neuen, umfassenden totalen Kontrolle der Bewohner (etwa in China) scheitern, ist eine andere Frage. Gegen den Kontrollwahn gilt es, sich mit allen Mitteln zu wehren.
9.
Aber: Auch IM Vertrauen sollte eine gute „Dosis“ Misstrauen stets anwesend sein: Blindes Vertrauen ist, wie der Name sagt, kein erstrebenswertes Lebensziel. Blindes Vertrauen ist naiv, vielleicht Ausdruck der Verzweiflung und der Sehnsucht, nun endlich den Heilsbringer, politisch, emotional, erotisch usw. gefunden zu haben. Kein Mensch und keine Institution sind so perfekt, das man ihnen blind (also unkritisch, mit Ausschaltung des Nachdenkens) vertrauen darf und soll.
Diktaturen verlangen absolutes Vertrauen, oft Loyalität genannt ,als Maßnahme der Einschüchterung.
Liebesbeziehungen wachsen und reifen, wenn in ihnen kritisches Nachfragen als Ausdruck wohlwollenden Vertrauens lebendig ist.
10.
Misstrauen und Vertrauen sind also eng miteinander verbunden. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Die Frage ist: Werden wir in diesem stets schaukelnden Verhältnis von Vertrauen und Misstrauen verbleiben und sozusagen beide Haltungen gleich wichtig finden?
Ich bin der philosophischen, beweisbaren Überzeugung, dass Vertrauen die Basis ist für das dialektische Miteinander, Verschränktsein, von Misstrauen und Vertrauen.
Vom Urvertrauen wäre zu sprechen. Manche nennen es auch Gott-Vertrauen als eine Art „Netz“, „unzerstörbare Basis“, des geistigen Lebens. Wie viele Menschen haben es noch? Wie lässt es sich wieder gewinnen? Dass wird diese geistige Basis brauchen, ist wohl keine Frage. Ist sie nicht vorhanden, spricht etwa Nietzsche von Nihilismus. Man lese seine Reden (Zarathustras Reden) vom „Tod Gottes“.
11.
Menschliches Dasein gestalten wir in der ständigen Spannung von Vertrauen und Misstrauen. Für das gesuchte Gleichgewicht innerhalb dieser Spannung gibt es keine allgemeine Regel für alle und immer.
Das Dasein ist also eine ständige Bewegtheit und ständige Suche auf dem „Boden“ des Vertrauens, des Urvertrauens?
12.
Der Soziologe Niklas Luhmann hat 1968 eine Studie, leider für die vielen zu hochkomplex, geschrieben, zum Thema Vertrauen. Wichtig ist seine Erkenntnis: Wer Vertrauen lebt, nimmt Zukunft vorweg, handelt so, als ob er der Zukunft sicher wäre. Ein Thema, das vertieft werden sollte. Auch das Misstrauen ist auf Zukunft angelegt, man will misstrauisch Schlimmes für die Zukunft verhindern.
13.
Es wäre nachzudenken, warum ausgerechnet die USA als Inbegriff des Kapitalismus auf ihre Münzen und Geldscheine den Spruch gesetzt haben: IN GOD WE TRUST. Sollte damit vielleicht selbstkritisch gegenüber dem Kapitalismus gesagt werden: Aufs Geld vertrauen wir doch nicht so stark, sondern auf Gott. Oder war vielleicht mit „God“ eher das Geld selbst als (der biblische) Gott gemeint? Ich vermute eher dieses.
14.
Sollte in der religiösen Beziehung, auch im christlichen Glauben, das Misstrauen eine Rolle spielen? Ich meine JA!
Den Texten des Neuen Testaments nach zu urteilen jedoch offenbar nicht!
Beispiele:
Der „ungläubige Apostel Thomas“ wird im Johannes Evangelium NICHT als Vorbild dargestellt. Jesus sagt zu ihm: „Selig, die nicht sehen, (also nicht misstrauisch, skeptisch, prüfen) und doch glauben“.
Dabei wird implizit gesagt: Das Fragen und Zweifeln hat im Glauben keinen Platz.
Ich halte diese These für falsch, sie ist bereits Ausdruck einer sich dogmatisch einschließenden Kirche, wo einige Apostel vorschreiben, was Glauben ist. Warum soll denn eine Gottesbeziehung nicht sehen dürfen, nicht vernünftig sein dürfen? Glauben ist doch kein diffuses Fürwahrhalten…
Weitere Beispiele:
Philipperbrief: 2,14: „Tut alles ohne Murren und ohne Zweifel.
Römerbrief 4, 20: Da ist auch von Abraham die Rede: „Er zweifelte nicht im Unglauben an der Verheißung Gottes“. (d.h. Zweifel und Unglauben sind identisch gesetzt).
1 Timothus 2,8: Da heißt es zu der Frage, wie Männer beten sollen: „Ohne Zorn und Zweifel“.
Jakobus Brief,1,8 : „Ein Zweifler ist unbeständig auf allen seinen Wegen“.
In der katholischen so gen. Einheits-Übersetzung heißt es: „Ein Zweifler ist ein Mann mit zwei Seelen“.
15.
Ich betone: Christlich glauben heißt: Fragend nach dem Göttlichen (dem „Sinngrund“) suchen und dieses Fragen bereits als Gabe des Göttlichen an uns verstehen. D.h. dieses glaubende Fragen ist vom Göttlichen selbst „begründet“.
Glaube ist diese Suche nach dem geliebten Gott/Göttin, Göttlichen, den, die, wir gelegentlich sehen, ahnen, „berühren“ im Denken und Fühlen. Wer sucht, hat schon gefunden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

Leben in schwierigen Zeiten. Ein inspirierendes philosophisches Buch

Ein Hinweis von Christian Modehn

Auf wenigen Seiten gibt ein neues Buch zu denken, fordert auf zum Weiterdenken und Debattieren, wie man die große Krise der Gegenwart, die ökologische, die politisch-populistische Katastrophe und die von fake-news vergiftete Kommunikation verstehen und hoffentlich noch überwinden kann. Knappe Formeln zur Lösung werden nicht geboten, dafür Einsichten von 15 PhilosophInnen und Soziologen, die dann noch inspirieren, selbst wenn sie auf mich befremdlich wirken.
Warum sind die Zeiten, so der Titel des Herausgebers, schwierig? Weil die einzelnen Menschen den Kontakt zur Welt, zur Natur, zur Gesellschaft verloren haben. Die „Welt sei flüchtig“ geworden, betont erneut der kürzlich verstorbene große Soziologe Zygmunt Bauman: Die Menschen fühlen sich nicht (mehr) geborgen in der Welt, fühlen sich fremd und entfremdet von der Realität der „Außenwelt“. Bauman ist einer von 15 Gesprächspartnern, die sich Florentijn van Rootselaar, Redakteur des Magazins „Filosofie“ (Amsterdam) ausgewählt hat, um von der Analyse der „flüchtligen Welt“ zu möglichen Auswegen, vielleicht noch zu denkenden Therapien zu finden. Der Herausgeber hat seinem niederländischen Buch den treffenden Untertitel „leven in barre Tijden“, also „Leben in harten, in schlimmen Zeiten“ gegeben. Das Buch ist ein Ausdruck dafür, wie viel Begeisterung für philosophische Fragen in den Niederlanden besteht, das Magazin „Filosofie“ ist dafür der beste Ausdruck. Einmal im Jahr, immer im April, findet ja bekanntlich im ganzen Land der „maand van filosofie“ mit zahlreichen Veranstaltungen statt. Dazu hat sich kein Philosophie-Magazin in Deutschland bisher aufraffen können. Das Interesse wäre da!
Schlimm sind unsere Zeiten, weil etwa die fake news zur allgemeinen Gewohnheit geworden sind. Die Lüge breitet sich aus und zerstört den menschlichen Zusammenhalt. Das wollen wohl auch so diejenigen (Politiker), die mit fake news Verwirrung stiften. Dazu äußert sich im Buch die Philosophin Susan Neiman (sie lehrt und lebt in Potsdam). Der Herausgeber schreibt (59): „ Neimans Ansicht nach hat die Postmoderne zur Demontage des Glaubens beigetragen, dass neben dem Marktwert auch andere Werte bestehen…Alles wurde relativ, News waren im Grunde doch nur Fake News“. Ihr Hauptanliegen: „Wir dürfen nicht die Idee der Wahrheit aufgeben, die Idee der universellen Menschlichkeit“ (61). Als US Amerikanerin nennt sie den gegenwärtigen Präsidenten gar nicht beim Namen: „Er ist ein Ausdruck aller Ideologien, die uns bestimmen“ (62).
Susan Neiman ist eine hervorragende Kennerin der Werke von Kant, sie ist sozusagen auch die Verteidigerin des universal geltenden Kategorischen Imperativs, der sich letztlich auch gegen die absolut geltende Maxime des Nationalismus wehrt.
Gerade davon aber spricht überraschenderweise die US-Philosophin Martha Nussbaum. Florentijn van Rootselaar schreibt (26): „Nussbaum schlägt vor, den Nationalismus wiederzubeleben, ein Gedanke, der mich nicht anspricht“. Nussbaum verteidigt sich mit dem Hinweis auf die angebliche Angewiesenheit auf eine „große Erzählung“, die ein Staat nun einmal brauche, also den Patriotismus. Offenbar bekommt die eigentlich hoch angesehene Philosophin (etwa ihre Forschungen zur Aristoteles) dann doch Angst vor ihrer eigenen Courage: „Die Nation muss natürlich die richtigen Werte ins Zentrum stellen. Diese müssen unabhängig mittels philosophischer Diskussionen gerechtfertigt werden“ (30). Ob sich daran Steve Bannon oder Herr Orban oder die polnischen Herrscher der PIS Partei oder die AFD Leute halten? Das ist philosophische Träumerei, würde ich sagen. Ähnlich verwegen sind die Ideen des französischen Philosophen Alain Finkielkraut, der einst Emmanuel Lévinas bestens verteidigte wegen dessen Hochschätzung des Respekts für „den anderen“. Nun ergeht sich Finkielkraut im Schwadronieren vom „ewigen Frankreich“, das angeblich jetzt wehrlos den zahlreichen „Immigranten aus außereuropäischen Ländern“ ausgesetzt sei. Gott sei Dank waren Finkielkrauts Eltern bloß Immigranten aus dem europäischen Polen, möchte man fast sagen. Er kritisiert das „sehr romantisch gefärbte Willkommenheißen des Anderen“ (36), da fällt das zentrale Stichwort des großen Philosophen Lévinas, „der Andere“! Aber seinen biblisch fundierten jüdischen Meister erwähnt Finkielkraut (der ja ebenfalls die hebräische Bibel gelesen hat) schon nicht mehr.
Es macht den Reiz dieses Buches aus, dass man sich über die Pluralität der ausgewählten Interviewpartner – bei aller Irritation der beiden genannten – doch freut: Peter Sloterdijk nennt Florentijn van Rootselaar zwar einen „Denktitanen“ (14), der Herausgeber scheut sich aber nicht, in deutlich spürbarer, vornehmer Ironie diesen „Titanen“ zu beschreiben: Wie er sich in seinem Mercedes der S Klasse in hohem Tempo chauffiieren lässt, die Rückbank aus Leder gestaltet…Oder wie er sich mit seiner „neuen Freundin“ (90) ein prächtiges Mittagessen in romantischer Landschaft ganz glücklich gönnt.. Sloterdijk zeigt sich in dem Interview als Schüler des späten Heidegger, der ja auch vom Hören auf das Sein ständig sprach: Sloterdijk will auch auf die Stimme der Welt hören, die den Ruf der neuen Ethik erschallen lässt, einen Ruf, den bisher noch niemand wahrnimmt (96). Darin sieht sich Sloterdijk selbst, unbescheiden, in der Rolle „eines Propheten“ (97). „Ich bin bloß jemand, der die Stimme weiterleitet und das tue ich auf meine Art“. Stimmen weiterleiten – das hat ja bekanntlich der späte Heidegger (seit 1933) auch ständig getan, schließlich hat es in ihm und wohl auf ihn von oben zu –so wörtlich – ja auch „gegöttert“.
Etwas amusanter wirkt das Interview mit Charles Foster, dem Ethiker und Philosophen und vielseitigen Autor aus Oxford, dessen umfangreiches, auch religionskritisches Werk, bislang nicht in deutscher Sprache vorliegt. Das ist wohl ein großer Fehler. Foster wird in dem Buch kurz vorgestellt, wie er einige Zeit lang sich bemühte, im Wald wie ein Dachs zu leben, „Er verließ die zivilisierte Welt und näherte sich der Erde, indem er wie ein Tier lebte“ (99). Er wollte in dieser ungewöhnlichen Lebensform neue Verbundenheit erleben mit den Tieren, der Natur, dem Wald. „Wenn man so etwas Extravagantes unternimmt, wie sich in einen Dachs hineinzuversetzen, steigert man sein Empathievermögen…“(104): Empathie – absolut notwendig, um aus der Krise herauszufinden…
Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen anderen, in Deutschland ebenfalls nahezu unbekannten Philosophen: Tu Weiming ist sein Name, er lebt wieder in Peking, hat lange Zeit auch an der Harvard Universität gelehrt, vor allem zu Konfuzius und der Aktualität seines Denkens. Für ihn ist die „immanente Transzendenz“ (131) entscheidend für das menschliche Leben, verstanden als ständiges geistiges Wachsen. So sind für ihn auch Veränderungen (in Staat und Gesellschaft) nur möglich, „wenn wir eine Verbindung mit etwas Höherem eingehen“ (131). Wie die gegenwärtigen Machthaber in Peking darüber denken, verrät das Buch nicht. Aber: Jeder Mensch, jedes „Geschöpf“ (der Mensch ist für den chinesischen Konfuzianer eine Kreatur, ein Geschöpf!) trägt – für Tu Weiming – zudem „aktiv zur Schöpfung des Kosmos bei. Der Mensch ist ein Mitschöpfer“. Wenn man auf dieser Linie weiterdenkt, ist die Fähigkeit der Transzendenz im Menschen tatsächlich eine Gabe des „Schöpfers“… „Menschen, vom Himmel gesegnet, sind für die Lösung von Problemen zuständig“ (136).
Ich möchte fast behaupten: Allein schon wegen dieses Interview mit Tu Weiming lohnt es sich, das Buch zu kaufen und zu lesen.
Das Buch enthält darüber hinaus Interviews mit Jacques Rancière, Michael Sandel, Hartmut Rosa, Bernhard Stiegler, Bruno Latour, Roger Scruton, Terry Eagleton („Der Marxist (und Katholik!), der noch an den Sinn der Welt glaubt“), Michael Puett (über Tao) ….

Florentijn van Rootselaar: Leben in schwierigen Zeiten. Wissenschaftliche Buchgesellschaft-Theiss. 144 Seiten. 20 €

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Buchmesse Leipzig 2019: An den Philosophen Milan Machovec erinnern

„Es gibt Jesus ähnliche Menschen unter den Marxisten“ (Machovec)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Hat er sich dem Marxismus zugewandt, weil er die Lehren der katholischen Kirche ablehnte? Sicherlich. Hat er als Marxist die Herrschafts-Ideologie der Kommunisten abgelehnt und dann die Bedeutung Jesu von Nazareth für unersetzlich gehalten: Wahrscheinlich ist auch das so!
Die dialektische Spannung hat das Leben des Prager Philosophen Milan Machovec ausgezeichnet. Es wird Zeit, sich an ihn wieder zu erinnern. Nicht (nur) deswegen, weil er sich seit dem Prager Frühling 1968 entschieden von der herrschenden Marx-Ideologie der Kommunisten abwandte. Und auch nicht (nur) deswegen, weil er dann die Jesus-Gestalt schätzte: Es ist vielmehr diese Bewegtheit in seinem Leben selbst, sein dauerndes Unzufriedensein mit fix und fertigen Ideologien, heißen sie nun Kommunismus oder Katholizismus, die den Philosophen Machovec so wertvoll machen. Seine Bücher sind Ausdruck für dieses Suchen nach einem möglichst herrschaftsfreien Menschsein in Freiheit und Gerechtigkeit. Machovec ist ein Humanist im umfassenden Sinn. Darum sollten philosophisch und religiös Interessierte ihn wieder beachten. Denn die Zeit der alles erklärdenden, „totalen“ Ideologien ist vorbei: Der marxistisch sich nennende Kommunismus ist vorbei, und die dogmatische Institution der katholischen Kirche besteht zwar noch als (üppiges) Gerippe. Aber wer würde nicht auch sagen: Diese Institution in der jetzigen Form ist am Verschwinden? Falls sie sich nicht zu einer Refomration (nicht bloß Reform !) entschließt.

Geboren wurde Milan Machovec am 23.8.1925 in einer streng -katholischen Familie in Prag, er besuchte das Gymnasium der Benediktiner Mönche, studierte, noch kurz vor der Herrschaft der KP, von 1945 bis 1948 Philosophie und katholische Theologie, obwohl ihn eigentlich auch die Musik sehr faszinierte. Er wendet sich dem Marxismus zu, wird 1953 Dozent für Philosophie an der Prager Karls-Universität, 1968 wird er zum Professor ernannt, aber wegen kritischer Äußerungen zum Kommunismus seines Amtes enthoben. Er engagiert sich zuvor schon im christlich – marxistischen Gespräch, unter anderen mit dem katholischen Theologen Karl Rahner. Danach, als „Dissident“, lebt er unter sehr bescheidenen und bedrückenden Verhältnissen. Als Organist in einer katholischen Kirche Prags kann er etwas Geld verdienen, er gehört zur Charta 77. Erst nach der Wende 1989 kann er frei als Philosophie-Professor arbeiten.
Über sein Leben und seine auch auf Deutsch noch vorliegenden antiquarisch erreichbaren Bücher kann man sich detaillierter informieren.
Ich will hier an den Aufsatz „Die Sache Jesu und marxistische Selbstreflexion“ erinnern, an einen Beitrag, den Machovec für das Buch „Marxisten und die Sache Jesu“ geschrieben hat, das er zusammen mit Iring Fetscher 1974 auf Deutsch (Kaiser-Verlag, Grünewald-Verlag) veröffentlichte.

Warum lohnt es sich, diesen Aufsatz von 17 Seiten noch einmal zu lesen und mit anderen zu diskutieren? Weil da ein Philosoph das Faszinierende des Denkens von Marx (das ja, noch einmal, etwas anderes ist die bolschewistische Ideologie) und das Faszinierende der „Sache Jesu“ (die ja bekanntlich etwas anderes ist als die offizielle Kirchenlehre) konfrontiert. Und zwar auch so, wie sie lebensmäßig von den jeweils Gläubigen „umgesetzt“ werden.
In dem Aufsatz von 1974 sieht sich Machovec immer noch als Marxisten, vom Kommunismus ist keine Rede. Er ist Marxist geworden und geblieben, um es einmal auf eine Formel zu bringen, weil ihm das nette Almosengeben der Christen als Hilfe für die Leidenden absolut nicht ausreicht. Dieser ins „Strukturelle“ reichende, humane Impuls ist bei ihm entscheiden! Er sieht im Marxismus eine Art Leitidee, für die Unterdrückten auf Dauer Humanität zu erreichen. Dabei meint Machovec provozierend: Marxisten seien eigentlich überzeugt, die humanen Forderungen Jesu „besser zu verwirklichen“ (S. 86). Also: Nicht spirituelles kirchliches Schwärmen von der Barmherzigkeit, sondern alles tun, dass die klassenlose Gesellschaft Gestalt annimmt. Man bedauert in dem Zusammenhang, dass Machovec offenbar die lateinamerikanische Theologie der Befreiung nicht kannte.
Machovec kritisiert das kommunistische System, die Kleinkariertheit der Bürokraten, die Verlogenheiten, die Zensur, die Unterdrückung, die Inquisition: Und er zeigt, wie bekannt, wie ähnlich manche Verhältnisse in der katholischen Kirche, und nicht nur in dieser Kirche, sind.
Einen Ausweg aus der inneren Krise des Marxismus als Staats-Kommunismus sieht Machovec kaum: Es sind die „geschlossenen Herrschaftskreise“ (S.97), die im Kommunismus wie im Katholizismus das freie geistige Leben ersticken, so sah das Machovec im Jahr 1974. Ob das heute in der Kirche besser ist?
Aber Machovec schreibt, als ein authentischer Marxist, darin genauso wie ein authentischer Christ oder ein Philosoph (Sokrates): „Lieber sterben, als den Sinn für die Wahrheit und seine Brüder zu verraten“ (S. 100).
Es ist keine Frage: In dem Beitrag zeigt der marxistische (nicht kommunistische!) Philosoph Machovec seine tiefe Sympathie für die Jesus-Gestalt, und das ist bemerkenswert. Die letzten Sätze in dem genannten Aufsatz heißen: „Aber falls ich in einer Welt leben sollte, die die Sache Jesu absolut vergessen könnte, dann möchte ich gar nicht mehr leben…Es scheint mir, dass in einer solchen Welt ohne die Sache Jesu auch der richtig verstandene Sieg der Sache von Karl Marx unmöglich wäre“ (S. 102).
Also: Ohne die Pflege jesuanischer Traditionen wird es auch heute keinen Gedanken mehr geben, dass eigentlich diese verrückte Welt mehr Gerechtigkeit, vielleicht eine klassenlose Gesellschaft als Ziel bräuchte. Für eine humane Revolution brauchen wir also den jesuanischen Geist. Und dies ist, nebenbei gesagt, wiederum ein Gedanke, der heute von Jürgen Habermas auf mildere Weise formuliert wird („Ohne das Christentum entgleist die Gesellschaft“ usw.)… Schon 1972 hatte Machovev ähnliche Gedanken in seinem Buch „Jesus für Atheisten“ vorgelegt. Mit einem präzisen,auch theologisch kenntnisreichen Verständnis der Gestalt Jesu will der Marxist Machovec zeigen: Jesus ist nicht etwa (nur) ein Sozialrevolutionär, sondern seine umfassende Forderung heißt:“Der ganze Mensch soll sich wandeln“: „Jesus reißt den Menschen mit, weil er die gelebte Zukunft (des umfassend menschlichen Reiches Gottes) mit seinem ganzen Wesen verkörpert“ (S. 103). Sogar über das Gebet Jesu schreibt Machovev:“Es ist das Vermögen ganz bei sich selbst, bei seinem eigenen Ich, zu sein“ (S. 104). Auch eine Philosophie des Dialogs hat Machovec vorgelegt: In seinem Buch „Vom Sinn des menschlichen Lebens“ (1971) erklärt er: Der Dialog mehr ist als ein oberflächlicher Meinungsaustausch, sondern ein Geschehen, in dem sich die Gesprächspartner voll und ganz selbst einbringen, also auch Menschen zum existentiellen Wandel bereit sind. Es ist traurig, dass die Bücher von Machovec in den Antiquariaten allein noch erreichbar sind. Liegt dies daran, dass den Verlegern die Beziehungen dieser Texte auf den Marxismus obsolet erscheinen? Aber wer sagt denn, dass nicht wichtige Grundideen von Marx (wie Machovec sie präsentiert) „vorbei“ und nicht aktuell mehr hilfreich sind? Dann müssten ja auch die neutestamentlichen Texte über Jesus vorbei und wenig hilfreich sein, bloß weil sich die Kirchen(führer) in ihrer Geschichte bis heute total blamieren, was die Lebensgestaltung und Kirchengestaltung aus dem Geiste Jesu angeht…

Ist dieser zentrale Gedanke Machovecs von der humanen Notwendigkeit der Sache Jesu heute verloren gegangen? Man könnte das sicher meinen. In der Tschechischen Republik (und nicht nur dort) verschwindet der jesuanische Geist wahrscheinlich auch mit dem Niedergang und Tod der kirchlichen Institutionen, die diese Sache Jesu eigentlich noch aussagen sollten. Und selbst der kritische Marxismus ist ebenfalls total marginal. Ist es die totale flache Mentalität der Konsumenten, die in Tschechien nach der Samtenen Revolution von 1989 sich durchgesetzt hat? Wo sind die Bewegungen für ein anderes, „alternatives“ Leben?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.