Ein Atheist versteht religiöse Menschen und kritisiert die militanten Neu-Atheisten

Über das Buch von Tim Crane „Die Bedeutung des Glaubens. Religion aus der Sicht eines Atheisten“.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Der britische Philosoph Tim Crane wurde „katholisch erzogen“ (S. 91), er versteht sich aber, offenbar seit längerer Zeit, (Details nennt er nicht), „als Atheist“. Und ihm liegt sogar daran, „den Atheismus voranzubringen“ (174). Aber in seinem neuen Buch wirbt er nicht stolz und besserwisserisch für den „Nichtglauben an Gott“ (28). Ganz anders als die bekanntermaßen heftig missionarisch agierenden „neuen Atheisten“, bzw. „Anti-Theisten“, wie die internationalen Erfolgsautoren Dawkins, Dennett, Sam Harris usw. Tim Crane hat gar nichts übrig für diese Herren. Er spricht etwa von „Dennett und Konsorten“ (24). Der Autor will die Atheisten aller Art belehren, was Glaube religiösen Menschen bedeutet, wer sie eigentlich sind. Dabei betont er, den Atheismus nur „beschreiben“ (28), nicht verteidigen zu wollen. So sollen förmlich Bildungslücken gefüllt werden, die gerade viele Atheisten gegenüber gläubigen Menschen haben. Dies ist das Thema des Buches. Dass dabei auch religiöse Menschen Anregungen erhalten, über ihren eigenen Glauben aus der Sicht eines toleranten Atheisten nachzudenken, ist auch klar. Mit seiner manchmal doch mühsam zu lesenden Studie möchte er als „Minimalziel für Toleranz“ sorgen zwischen Religiösen und Atheisten. Als „Maximalziel“ geht es ihm um einen „Dialog“ der Menschen verschiedener Weltanschauungen in einer demokratischen Gesellschaft (176). Ein gewisses missionarisches Ziel im Sinne eines toleranten und humanen Miteinander hat er also doch!
Die Hauptvorwürfe gegen seine philosophisch-atheistischen Gegner, ausschließlich im Englisch sprechenden Raum, sind seit längerem auch aus anderen Studien anderer kritischer Philosophen bekannt. Crane formuliert die bekannte Kritik in seinem Schlusskapitel: Diese militanten Atheisten haben eine grundlegend falsche Konzeption von Religion. Denn die monotheistischen Religionen haben gar nichts zu tun mit (natur)wissenschaftlichen Hypothesen. Sie sind keine Konkurrenz zu Naturwissenschaften. Religiöse Menschen glauben an die schöpferische Kraft eines „göttlichen Wesens“ (mangels eines besseren Wortes), ohne sich dabei auf alle Details der Naturwissenschaften einzulassen. Diese wissen nämlich auch nicht sehr viel Exaktes und definitiv Genaues über den Ursprung des Kosmos und das Leben.
Religionen sind vielmehr eine eigene, philosophisch berechtigte und insofern auch anzuerkennende Form von Überzeugungen, sie haben ihre eigene Vernunft. Denn ihnen geht es um die notwendige Suche nach einem letzten gründenden Sinn. Über dieses nicht „Greifbare“ muss gesprochen werden, denn es gibt das „kaum Greifbare“ auf andere Weise als die Objekte in dieser Welt. Wer würde es denn wagen, etwa die Liebe mit naturwissenschaftlichen Maßstäben „messen“ zu wollen? Dieses Beispiel bringt Crane leider nicht, denn es könnte eine Brücke sein zu der eigenständigen Kenntnis und absolut gar nicht naturwissenschaftlichen Lebensdeutung, die Religionen verbreiten. Aber auch das wurde schon mehrfach gegen diese Neoatheisten gesagt. Die meisten Leser haben diese richtige Kritik kaum zur Kenntnis genommen, sie halten Dawkins „und Konsorten“ für das Non-plus-Ultra. Dass Religionen in ihrer Vielfalt auch viel Unsinn erzeugen, etwa in Form der Magie etwa, ist Crane auch klar…
Der jetzt in Ungarn („Central European University“, Budapest) lehrende britische Philosoph legt allen Wert darauf, nur die Bedeutung des religiösen Glaubens, nicht aber seine Wahrheit, zu erklären. Ob beides so getrennt werden kann, ist die Frage. Denn was ist schon „Wahrheit“ einer Religion? Doch wohl ihre Lehre, ihre Dogmen. Und davon muss man ja wohl in einer Auseinandersetzung sprechen…
Problematisch in meiner Sicht ist auch das letztlich doch enge Verständnis dessen, was Crane Religion nennt. Warum ist es denn nicht eine Art religiöser Bindung, wenn sich Menschen ihren wichtigsten Mittelpunkt in ihrem Leben wählen (Geld, Sex, Sport, Körper, Arbeit usw…)? Und diesen zentralen Sinn – Mittelpunkt, um dessen willen sie leben, dann auch verehren und ihm auch alles andere opfern: Warum sollte man diesen Mittelpunkt (der kann im Laufe eines Lebens variieren) nicht ihren Gott nennen? Darauf hat ja Luther zurecht schon hingewiesen. Dadurch, dass Crane diese offene Definition der Religionen, die bekanntlich auch von dem bekannten Soziologen Thomas Luckmann unterstützt wird, abweist: Wird eben auch Kommunismus oder der Faschismus oder der Kapitalismus und jede allumfassende Ideologie nicht mehr als religiöse Angelegenheit ganz eigener Art wahrgenommen. Dabei gibt es viele Studien, etwa von „Sowjetologen“, die den Kommunismus als Religion deutlich erklären. Man denke an die Arbeiten des Philosophen Michael Ryklin, Moskau-Berlin.
Crane vertritt also meines Erachtens einen sehr begrenzten, man möchte sagen fast kirchlich geprägten religiösen Glaubensbegriff. Dabei definiert Crane ja „den“ Atheismus selbst als einen Glauben: „Atheismus ist der Nichtglaube an Gott“ (28).
So bleiben also am Ende der Lektüre doch, global gesehen, zwei Glaubensformen als menschliche Daseinsmöglichkeiten: Religiöser Glaube und/oder atheistischer Glaube. Und für Crane sind beide letztlich im Sinne eines offenen Humanismus berechtigt. In seinen manchmal mühsamen Erläuterungen zum Relativismus wird zwar nicht gesagt: Beide Glaubensformen sind relativ wahr. Aber die Tendenz der Aussage geht meines Erachtens doch dahin. Relativ wahr will sagen: In der HINSICHT der Bindung eines einzelnen Menschen an seine (augenblickliche) Wahrheit.
Crane weist ausdrücklich die These der Neuatheisten zurück, alle brutale Gewalt auf Erden sei immer schon vor allem, wenn nicht einzig und allein, der Religion bzw. dem Glauben dieser Übeltäter geschuldet. „Die eigentliche Frage lautet, was genau religiöse Gewalt ist und worin das Potential der Religion besteht, Gewalt in häufig extremer Form zu schüren“ (134). Es muss also differenzierter gedacht werden. Und es gilt auch: Religiöse Gewalt ist bekanntlich nicht nur tötende, brutale, körperliche Gewalt. Sehr viel häufiger ist religiöse Gewalt die Umsetzung einer fundamentalistisch verstandenen religiösen Moral: Etwa die Verachtung, Ausgrenzung und Verfolgung von Homosexuellen in allen monotheistischen Religionen, die Degradierung der Frauen, das Bemühen um Missionierung der “anderen“. Mit anderen Worten: So ganz überzeugt diese Apologie von Tim Crane zugunsten der Religion doch nicht! Er hat für Gläubige mehr Sympathien als für Atheisten. Ist er also ein „unzufriedener Atheist“? Vielleicht.
Nebenbei: Crane hat seine Mühe, Versuche der Atheisten (der atheistischen „Humanisten“ in England) zu akzeptieren, wenn diese sich religiöse Feierlichkeiten konstruieren. Man denke etwa an die auch in Deutschland gescheiterten „Sunday-Assemblies“, dieser Melange aus transzendenzfreiem Ritus, Pop -Songs und lebenskundlichen Vorträgen. Mit Kollekten!

Und noch ein Hinweis: Wenn Crane sagt, die säkularen, areligiösen demokratischen Staaten sollten doch bitte religiöses Verhalten inkorporieren (68), dann ist er sehr eng mit entsprechenden Überlegungen von Jürgen Habermas verbunden. Dieser betont ja ständig, die säkularen Menschen in säkularen Demokratien sollten lernbereit auch auf das hören, was religiöse Menschen an Einsichten und Werten vorzutragen haben. Habermas wird von Crane nicht zitiert. Indirekt aber sind seine Themen vorhanden, wenn Crane sagt: „Man kann ein religiöses Temperament haben, ohne gläubig zu sein“ (56). Habermas nennt sich zwar „religiös unmusikalisch“, kann aber als religiös „Unbegabter“, „Nicht-Talentierter“, Richtiges über Religionen schreiben, siehe etwa sein letztes Opus Magnum „Auch eine Geschichte der Philosophie“.
Vielleicht gehört der ehemalige Katholik Tim Crane zu dieser sicher nicht kleinen Gruppe der Menschen, die „nur“ mit einem gewissen religiösem Temperament ausgestattet sind. Die aber doch tatsächlich glauben, eben an die Nicht-Existenz Gottes. Atheismus treffend als Glaubensform bestimmt, ist auch eine Frage des Temperaments.

Dies ist ein Buch, dessen Thesen hoffentlich bei Atheisten und glaubenden Menschen gleichermaßen diskutiert wird. Die Frage muss mal gestellt werden: Gibt es eigentlich in Deutschland noch Orte, wo Atheisten und Glaubende sich regelmäßig austauschen? Mir ist nicht bekannt, dass etwa die katholischen Akademien in Deutschland den regelmäßigen Austausch mit Atheisten pflegen…
Oder hat man sich nichts zu sagen, hat man sich etwa „alles“ schon gesagt? Der religionsphilosophische Salon Berlin ist ein bescheidener Ort des Austauschs „religiös Verschiedener“.

Tim Crane, Die Bedeutung des Glaubens. Religion aus der Sicht eines Atheisten. Suhrkamp Verlag Berlin 2019. Aus dem Englischen von Eva Gilmer. 188 Seiten. 22 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hölderlin: Über Kirchen und Christentum hinaus… zu den Mythen Griechenlands

Hinweise anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Hölderlin am 20.3.2020

Von Christian Modehn – Siehe auch den Hinweis zum Gedicht „Friedensfeier“ als Anregung für eine „Gemeinde“ der Freunde. LINK.
1.
Viele religiöse Menschen, unter ihnen Christen, erleben, wie der überlieferte christliche, dogmatisch geprägte Glaube für sie selbst ungenügend ist. Wie er ihren Lebenserfahrungen nicht (mehr) entspricht. Warum soll man auch einer fest umrissenen Lehre anhängen, wenn sie das eigene Leben nicht klärt, nicht vertieft, nicht erleuchtet? Das wäre Fremdbestimmung! Deswegen wenden sich viele den Meditationsformen zu oder einem westlich verstandenen Buddhismus. Viele wollen trotzdem mit der christlichen Spiritualität verbunden bleiben. Und ihr Überliefertes mit Neuem verbinden.
2.
Der Dichter Friedrich Hölderlin ist eine Art prominenter Vorläufer für religiöse Menschen, die nach einer weiten Synthese von Christlichem und Nicht-Christlichem suchen. Hier kann nicht die umfassende Hölderlin-Forschung auch zu diesem Thema ausgebreitet werden.
Nur auf einen gewiss zentralen Aspekt soll hier nur hingewiesen werden. Auf die Erfahrung des Ungenügens des Christlichen allein und die Suche nach einer anderen religiösen Welt, die der Griechen. Und dabei wird nicht verschwiegen, dass gerade im 19. Späteren Jahrhundert viele andere, Poeten, Philosophen, Literaten, Musiker, sich zu „multireligiösen“ Menschen entwickelten in einer großen ideologischen Vielfalt, man denke an Richard Wagner, Friedrich Nietzsche, Rudolf Steiner usw… Diese Suche nach einer Überwindung dogmatischer Grenzen gilt für viele Menschen heute. Für Hölderlin stand als „Ausweg“ aus der Enge des dogmatisch Christlichen noch nicht eine asiatische Spiritualität z.B. „zur Verfügung“. Er musste förmlich nach Griechenland ausweichen.
3.
Das Leiden:
Friedrich Hölderlin hat schon als junger Mensch gelitten: Er hat am despotischen System des Herrschers, des Herzogs Karl Eugen von Württemberg (1737 – 1793), gelitten und vor allem an der rigiden, dogmatisch verkrusteten evangelischen Theologie und der meisten ihrer Pfarrer dort.
Zusammen mit seinen Freunden im Tübinger Stift (Hegel, Schelling) lebte er in der Sehnsucht nach freiheitlichen politischen Verhältnissen, ihr Motto zu der Zeit war „Zuerst das Reich Gottes“, also das Leben in einer humanen, Menschliches und Göttliches verbindenden Gesellschaft.
Hölderlin sollte auf Wunsch der frommen Mutter evangelischer Pfarrer werden. Aber er wollte das absolut nicht und suchte die religiöse Weite, die er in der dogmatischen Kirche nicht fand.
Sein leidenschaftliches Interesse an einem „anderen Leben“ in Harmonie, Freiheit, Schönheit, Liebe, führte ihn gedanklich in die alte griechische Welt der Mythen. Hier sieht er, wie der „Gott in uns“ erfahren wurde, und der Gott nicht länger der kirchlich konzipierte despotische Himmelsherr sein musste. In wieweit diese religiöse Überzeugung verstärkt wurde durch das Umkippen der Französischen Revolution in eine Gewaltherrschaft müsste näher untersucht werden. Tatsache ist: Hölderlin (wie Hegel) waren im Tübinger Stift zunächst begeisterte Anhänger der Französischen Revolution und ihrer Ideen. Von 1797 bis 1800 war Hölderlin sozusagen Hegels „Philosophischer Mentor“. Hölderlins Gedanke der Einheit von Göttlichem und Menschlichem wurde von Hegel „übernommen“.
4.
„Alles ist in Gott“ wurde früh schon Hölderlins Leitgedanke: “Es glimmt in uns ein Funke der Göttlichen…“ In der Dichtung glaubte er den Zugang zu dieser Welt der Göttlichen zu finden und darin ein neues, ein humaneres, ein „heiles“ Leben. Hölderlin war überzeugt, dass die Dichter den verlorenen Zusammenhang von Menschen und Göttern wieder aufbauen und zu Leben wecken können. Die philosophische Ästhetik ist für ihn der wichtigste Aspekt der Philosophie!
Nicht eine neue Religion wollte er stiften, sondern das Leben insgesamt geistvoller, freundlicher, humaner werden lassen – durch den Bezug auf die griechischen Mythen und deren Götter. Das Problem für ihn war nur: Innerlich konnten diese Göttergestalten nicht als solche erfahrbar werden! Es blieb beim hymnischen Gesang, es blieb beim Wort des Dichters Hölderlin. Nebenbei: Ist das beim Feiern und Singen und Sagen des christlichen Gottes so anders? Ist dieser Gott als Gott – etwa im Kultus der Gemeinde – erfahrbar? Oder hat nicht Jesus von Nazareth in die richtige Richtung gewiesen: Dass im menschenfreundlichen Leben selbst, im Tun des Guten, des Gerechten, der Nächstenliebe Gott und Göttliches erfahren werden kann.
Im Spätwerk Hölderlins deutet sich ein gewisser Wandel an: Die Christus-Gestalt wird förmlich einbezogen und eingeordnet in die griechische Götter-Welt, ohne dabei eine herausragende Bedeutung Christi leugnen zu wollen, darauf weist Heinrich Buhr in seinem wichtigen Buch „Hölderlin und Jesus von Nazareth“ (1977) hin… In Hölderlins letzten Hymnus, vor seinem geistigen Zusammenbruch, erlebt er Christus als den Versöhnenden, als Friede und als den Unsterblichen, als den Fürsten der „Friedensfeier“.

„Versöhnender, der du nimmer geglaubt
Nun da bist, Freundesgestalt mir
Annimmst, Unsterblicher, aber wohl
Erkenn ich das Hohe
Das mir die Knie beugt…“

Dieser Fürst der Friedensfeier, Jesus Christus, ist kein machtvoller Herrscher, erbringt die „heilige Herrschaft der Liebe“, einen „neuen Frieden“.
Nur in einem dogmatisch nicht fixierten Christentum wird man die poetisch-religiöse Leistung Hölderlins erkennen können, wie man überhaupt selbst als christlicher Theologe Versuche der Menschen respektiert, die ihre eigenen spirituellen Wege einer Synthese unterschiedlicher Religionen und Philosophien suchen. Diese Versuche sollte man nicht, wie Hans Küng (in: Dichtung und Religion, Serie Piper, 1988, Seite 140), so wörtlich „als Ersatzreligion“ abtun. Da klingen sehr uralte und veraltete römisch-katholische Topoi selbst bei Küng an!
5.
Man vergesse nicht, dass der junge Hölderlin an der starren Christenheit litt, „die aus der heiligen lieben Bibel ein kaltes, geist – und herztötendes Geschwätz“ machte. Sie hat „ihn, Christus, den Lebendigen, zum leeren Götzenbilde gemacht“. Hölderlin hat aus der Kraft des Leidens nicht nur bleibende Poesie geformt, er hat das europäische Christentum insgesamt zu weiten versucht.
Der Hölderlin Forscher, der Theologe Heinrich Buhr, schreibt: Es sei falsch zu meinen, dass im Sinne Hölderlins „Christus die alten Götter (Griechenlands) überflüssig mache, verdränge und er (Christus) allein an ihre Stelle trete. Aber so versteht Hölderlin Christus gerade nicht. Er kämpft ja darum, dass er sich des Guten und Schönen, wo immer er es findet, uneingeschränkt freuen kann“ (S. 98).
Christus zerbricht den trennenden Zaun, die Mauer, zwischen den Menschen, zwischen den unterschiedlichen religiösen Menschen, dies ist Hölderlins Überzeugung.
Heinrich Buhr (1912-2001) , der ev. Theologe und Hölderlin Freund und Hölderlin Forscher, hat unter der geistigen Begrenztheit seiner evangelischen Kirche sehr gelitten, „die jede fremde (religiöse) Erfahrung nur ironisierend abtut als Versuch des sich selbst rechtfertigenden, überheblichen natürlichen Menschen“ (S. 103).Gemeint ist die rigide dialektische Theologie im Sinne Karl Barths…
6.
Diese maßlose Überheblichkeit lebt heute in sehr vielen evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen, zumal in Amerika und Lateinamerika, fort; die Kirchengemeinschaften, die alle „anderen“ religiösen und ethischen Lebensformen verdammen und verfolgen (siehe Brasilien unter Bolsonaro), weil sie nicht dem eigenen klein karierten Fundamentalismus entsprechen.
Hölderlin würde sagen: Diese evangelikalen Kirchen verderben das menschenfreundliche Evangelium Jesu Christi.
7.
Und wer klagt noch in der weiten Christenheit darüber, dass diese evangelikalen Machtblöcke sich auch politisch immer mehr durchsetzen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das kalte Herz bestimmt die imperiale Lebensweise

Hinweise von Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 14.2.2020

Zunächst einige Hinweise zum Märchen „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff :

Das Märchen ist auf reale ökonomische und politische Verhältnisse bezogen, die Geschichte spielt nicht im Nordschwarzwald zu einer bestimmten Zeit. Darin werden die Unzufriedenheit, der Neid, die Gier von Peter Munk geschildert. Er will aus seiner Köhlerexistenz herauskommen, mit allen Mitteln. Darum lässt er sich wie die wenigen Wohlhabenden, Erfolgreichen, in seiner Umgebung, ein kaltes Herz einpflanzen: Das Herz ohne Mitgefühl, letztlich ein mörderisches Herz. Das kalte Herz (aus Marmelstein) ermöglicht ihm für damalige Verhältnisse eine herrschende, „imperiale Lebensweise“, mit unermesslich vielem Geld, mit allen materiellen Möglichkeiten. Tatsache ist, dass zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Schwarzwald maßlos „abgeholzt“ wurde, viele Bewohner nach Amerika auswanderten, um einbesseres Lebe zu haben. Aber dieses kalte Herz bringt Peter Munk nur Isolation von seiner vertrauten Umgebung, Langeweile und Überdruss.
Wichtig ist: Das kalte Herz in Peter Munk ist nicht total kalt, verdorben. Nach dem Mord an seiner Frau meldet sich sein Gewissen, es wird treffend „Stimme“ genannt. Er folgt der Stimme und kann sich mit Hilfe des „Glasmännleins“ aus seiner seelisch versteinerten befreien: Er zeigt „Reue“ für seine Untaten. Und lebt schließlich wieder glücklich in seiner alten vertrauten Welt: “Es ist doch besser zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter zu haben und ein kaltes Herz“ heißt die Lebens-Weisheit am Ende der Erzählung.

Den Hinweis auf eine Verbindung des Märchens „Das kalte Herz“ mit der heutigen Lebensform in der reichen Welt (Imperiale Lebensweise genannt) verdanke ich dem Journalisten und Autor Ulrich Grober in seinem Buch „Der leise Atem der Zukunft“ (München 2018), dort das Kapitel „Das kalte Herz Syndrom“.
Damals wie heute herrscht als zentrale Lebensform die Gier, das unbändige Haben-Wollen, die Habsucht. Hier geht es um die Gier in der reichen Welt Europas und Amerikas.
Mit dem Begriff „Imperiale Lebensweise“ ist die Art der Lebensgestaltung gemeint, von Philosophen, Soziologen, Psychologen und Politologen untersucht, die für die meisten Menschen in der reichen Welt, also Europa, USA, aber für die so genannten Eliten in den Ländern des Südens, üblich und schon selbstverständlich geworden ist. Dabei wird im Laufe dieser Hinweise deutlich: Die imperiale Lebensweise hat die Menschen, also auch uns, fest im Griff. Philosophie kann helfen, die jeweilige Gegenwart auf den Begriff zu bringen, die Gegenwart zu verstehen und damit die Existenz des einzelnen zu erhellen.

Zunächst will ich nicht ein Märchen erzählen, sondern von einem Bekenntnis, das einer der besonders „Maßlosen und Gierigen“ öffentlich ausgesprochen hat: Die Rede ist von Thomas Middelhoff. „Maßlos und gierig“ nennt sich Middelhoff im Rückblick selbst, insofern ist er ein Verwandter von Peter Munk im „Kalten Herz“. Unter anderem veröffentlichte PUBLIK FORUM (21/2019, das Interview führte Gaby Herzog) einige selbstkritische Äußerungen des Ex-Millionärs. Thomas Middelhoff, geboren 1953, Chef von Bertelsmann und dann Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor. Obwohl Arcandor einen hohen Verlust von 746 Millionen Euro verzeichnet hatte, verlangte Middelhoff 2,2 Millionen Euro Bonus. Üblich wurde für ihn der Hubschrauber – Flug zwischen Dienststelle und Wohnung. Als der Konzern Insolvenz anmelden musste, wurden Hunderte der Angestellten entlassen. 2014 wurde Middelhoff wegen Untreue und Steuerhinterziehung zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt. Und vorzeitig entlassen! Seitdem ist er eher mittelständisch reich.
Einige Zitate aus einem Interview:
„Damals habe ich das »Ich bin wichtig«-Prinzip gelebt. Ich habe für mich in Anspruch genommen, als erster Passagier an Bord eines Flugzeuges zu gehen und dort in der ersten Reihe zu sitzen, damit niemandem entgehen konnte, wie überaus wichtig ich war.
Später war sogar die Business-Class unter meiner Würde. Da bin ich nur noch im Privatjet unterwegs gewesen. Ich war in meinem Größenwahn kaum noch zu stoppen.
Ich war maßlos und gierig.
Anders als man mutmaßen mag, war meine Gier nach öffentlicher Anerkennung immer stärker als die monetäre Gier.
Für den Verkauf des US-Medienkonzerns AOL habe ich einen Bonus von hundert Millionen Euro kassiert – und das Geld an der Steuer vorbeigeschleust. Das war mein Anfang vom Ende. Diese unfassbare Summe hat meinen Verstand vernebelt. Ich habe in dieser Zeit den Bezug zum normalen Leben verloren… Als ich im Gefängnis war, habe ich mich so geschämt, dass ich mir nicht mehr in die Augen sehen konnte.
Den Narzissmus habe ich gebändigt, indem ich Demut gelernt habe. Das war in meiner Zeit im offenen Vollzug, wo ich in einer Behindertenwerkstatt in Bethel gearbeitet habe. Die Menschen dort klagen nicht, weder über ihre Behinderung noch über ihre Herausforderungen im Alltag. Jetzt bin ich der Meinung, dass ein paar Monate soziale Arbeit zur Ausbildung eines Managers gehören sollten.
Ich traure meiner hundert Fuß langen Yacht und dem 100.000 Quadratmeter Grundstück in St. Tropez nicht nach…Es wurde alles immer größer und absurder. Ich wohne jetzt in einer Dreizimmerwohnung in Hamburg. Das ist völlig ausreichend“ .

Thomas Middelhoff ist zweifellos nur einer von vielen aus den international vernetzten Kreisen der „Top-Manager“ (man denke an die Bankenpleite an der Wallstreet etc.) , manchmal sind diese Herren erwiesenermaßen Verbrecher. Ein bisschen kalt würde ich als Meinungsäußerung das Herz von Herrn Middelhoff immer noch zu nennen wagen. Weil er die Entlassungen so vieler „einfacher“ Karstadt Mitarbeiter auch jetzt richtig findet und nur als „strategische Entscheidung“ einordnet, für die er sich dann doch „schämt“. Was ist da schon Scham? Wie wäre es mit Entschuldigung und Wiedergutmachung? Durch seine Bücher und Fernsehauftritte erzeugt Middelhoff jetzt doch wieder viel Aufmerksamkeit, und er steht endlich doch wieder im gierig begehrten Mittelpunkt…

Die heutige Lebensform des Westens, des reichen Nordens dieser Erde wird zurecht imperial bezeichnet. Der Begriff „Imperiale Lebensweise“ bezeichnet den maßlosen, überproportionalen Zugriff von uns Menschen des globalen, des reichen Nordens dieser Erde, also den Zugriff auf die Natur, die natürlichen Ressourcen und die Arbeitskraft. Reich durch Gier zu sein ist ein allgemeiner, unbefragter zentraler erstrebenswerter Wert bzw. Unwert. Die Gier ist dafür der Motor. Ohne Gier kein Kapitalismus.
1.
In der literarischen, philosophischen und religiösen gibt es den Kontrastbegriff: „Das gute Herz“, steht im Mittelpunkt einer humanen Ethik. Im „Herzen“ wird die Stimme des Gewissens vernehmbar, siehe Kant. „Nur mit dem Herzen sieht man gut“, heißt das berühmte Wort von Saint-Exupéry. Das gute Herz als Inbegriff des guten Menschen wurde vor allem im 19. Jahrhundert viel besprochen und in der Poesie gestaltet. In der katholischen Kirche wurde dann die Verehrung des Herzens Jesu in den Mittelpunkt der Frömmigkeit gestellt. Das gütige Herz Jesu als Inbegriff für gütigen Jesus Christus.

Dabei zeigte und zeigt sich die römische Kirche leider in ihrer Morallehre eher sehr selten gütig zu den Menschen und dem freien Denken freier Menschen. Der Katholizismus ist seit dem 4. Jahrhundert unverzichtbarer Teil des Imperiums und er wurde aufgrund der „Konstantinischen Schenkung“ selbst zum neuen Imperium. Der Katholizismus hat also das römische Imperium abgelöst, er wurde selbst imperiale Macht. Die Gewandung der Bischöfe ist eine treue Fortsetzung kaiserlichen Ornats, etwa mit Stäben, Zepter etc. Um 750 wurde diese Ideologie der Schenkung Kaiser Konstantins an die römische Kirche allgemeine Überzeugung. Sie wurde schon im 15. Jahrhundert von Nikolaus von Cues und dem Humanisten Lorenzo Valla als Fälschung evident nachgewiesen. Aber die Kirchenführung hielt an der gefälschten Schenkungsurkunde fest und verfolgte die Kritiker…

In der Literatur des 20. Jahrhunderts steht das Herz immer wieder Mittelpunkt, man denke an den wichtigen Roman „Das Herz der Finsternis“ von Joseph Conrad, 1902 veröffentlicht. Dieser Roman, er ist auch ein Dokument, ist die Beschreibung des Rassismus europäischer, belgischer Herrenmenschen, Könige, in Afrika .
2.
Die Frage ist: Können heute Menschen ihr kaltes Herz umtauschen zugunsten eines guten Herzens? Oder anders gefragt: Gibt es Veränderung, gibt es Bekehrung?
Die Idee und die Praxis der imperialen Lebensweise als Allein-Herrschaft über die Güter der Welt ist „wie eine Zwangsvorstellung in die Alltagspraxis der Menschen eingeschrieben“, betonen die Autoren des Lexikons „ABC der globalen Unordnung“, Seite 126.
3..
Für diese imperiale Lebensweise im Alltag einige Beispiele, jeder und jede wird da bei ausreichender Selbstkritik seine eigene Gier-Geschichte erzählen können.
Man kann ja schlicht bei dem „heiligen Lebensmittelpunkt“ der Menschen heute beginnen, dem Auto.
In der Studie „Imperiale Lebensweise“ von Ulrich Brand und Markus Wissen (Oekom Verlag, München) wird auf den vom Gir bestimmten Umgang mit dem AUTO hingewiesen.. Ich will nur daran erinnern, dass die zunehmende Auto-Produktion eben auch zunehmend mehr Rohstoffe braucht, etwa ganz wichtig: das Eisenerz. Da ist der Weltmarkt – Preis durch das Diktat der Imperien der reichen Welt gesunken, so dass etwa die Produktionsmenge in den Minen im brasilianischen Mariana gesteigert werden musste: Die Rückhaltebecken für die Abwasser der Bergbaumine wurden deswegen überlastet. Am 5. November 2015 brachen die Dämme der Becken und das toxische Gift verwüstete die ganze Umgebung, der Fluss Rio Doce wurde verseucht, bis hin zum Atlantik; viele Menschen starben, dies ist die schlimmste Umweltkatastrophe Brasiliens… Diese Katastrophe haben schnell die imperialen Menschen aus ihrem verdrängt. Sie reden lieber vom Fußball, von Bayreuth und Wagner oder dem Abgang eines mittelmäßigen Politikers hierzulande als von den von wirklichen Katastrophen der Menschheit. Sich darüber hilflos wenigstens aufzuregen ist normal.
Die Autoren des Buches „Imperiale Lebensweise“ schreiben: „Die Katastrophe im brasilianischen Mariana offenbart die schmutzige Kehrseite der glänzenden Karossen, die auch die Lebensbedingungen von Menschen in Brasilien zerstören und unsägliches Leid produzieren“ (S. 133).
4.
Weitere Beispiele für die imperiale Lebensweise der Menschen der reichen Welt, die Liste ist lang, jeder und jede kann sie ergänzen.
Wir können als Teilhaber der reichen Welt (in die wir ohne Verdienst zufällig geboren wurden) prinzipiell alle Produkte aller Länder, auch der armen Länder, kaufen, und zwar zu Konditionen, die nur wir diktieren: Kirschen aus Chile im Dezember; Mangos aus Burkina Faso, Fisch aus Afrika usw.
Wir „Imperialen“ (oder Imperialisten?) verfügen über so viele Lebensmittel, dass laut „SZ“ vom 28. Dezember 2019, (Seite 11): 1,7 Millionen Tonnen Brot und Backwaren jedes Jahr weggeschmissen werden, das ist etwa ein Drittel der Produktion. Zur gleichen Zeit das Paradox: Den hungernden Menschen etwa in Afrika gönnen wir „Imperialen“ gelegentlich einige bescheidene Spenden, etwa über „Brot für die Welt“. Das Motto vieler Hilfsorganisationen ist: „Mit einem Euro Spende können Sie einer ganzen Familie Reis pro Tag zur Ernährung ermöglichen“.
Wir, die imperialen Herren und Damen, der reichen Welt können reisen, wohin wir wollen. Ein Pass genügt und alle Grenzen stehen uns überall offen. Wir haben die neuen sozialen Medien (IPhones, Internet usw.) 100prozentig zur Verfügung. Ohne die Rohstoffe des Südens kommt unsere High-Tech-Industrie nicht aus. Die seltenen Erden werden im Süden, etwa in Afrika, unter entsetzlichen Arbeitsbedingungen, auch von Sklaven-Kindern, gewonnen. Zusammengebaut werden die Handys, Computer etc. dann wieder in Billiglohnländern. Der Gewinn bleibt freilich den Bewohner der imperialen Welt. Es gibt also, das sagen alle klugen Beobachter, einen digitalen Kolonialismus.
Auch die Kultur dieser „einen“ Welt wird vom Impererium aus bestimmt. Von „Hollywood“ war schon oft die Rede. Und das Wissen, weltweit erreichbar über wikipedia, ist ein Wissen, das vorwiegend von wikipedia Autoren des reichen Nordens verfasst wird: Von 70.000 weltweit aktiven Wikipedia AutorInnen stammen nicht einmal 1000 aus Afrika, insgesamt 14.000 leben mit der ihnen eigenen Perspektive in den Ländern des globalen Südens. Das Internet und das dort verbreitete, allen ständig zugängliche Wissen ist also noch nicht entkolonisiert.
Imperiale Lebensweise beginnt also im Alltag als Prämisse unseres Alltags, als unreflektierte Selbstverständlichkeit.
5.
Grundlegend ist dabei die Hierarchie: Wir sind die Herren, die anderen sind die Untergebenen, die Unterlegenen, die Diener.
Wir als die Herrenmenschen sind wirklich fast immer die Männer! Die Männer sind noch immer, weltweit betrachtet, fast die Alleinherrscher. Etwas pauschal gesagt: Die Frauen kümmern sich um das Leben, das Lebendige, die Männer (nur) ums Geld. Erst wenn die Herrenmenschen Feministen werden, kann sich die imperiale Lebensform verbessern.
6.
Es ist wichtig zu begreifen, dass die heutigen Soziologen die imperiale Lebensweise einen Zwang bzw. eine Zwangsvorstellung nennen, also eine Haltung, der sich kaum ein Mensch hier entziehen kann. Denn die Gier nach Geld wird letztlich um ihrer selbst willen betrieben. Geld als Form des schlichten Tausches in der Gesellschaft ist für die gierigen Banker und Milliardäre völlig uninteressant. Geld ist in sich selbst „Vermögen“, es ermöglicht nämlich angeblich totale Freiheit, siehe den Wahn des Managers Middelhoff. Deswegen geht es allein um die stetige Anhäufung von immer mehr Geld, koste es, sozial und ökologisch gesehen, was es wolle. Diese Haltung ist verbrecherisch. Sie wird leider von gewählten Männern, die sich Politiker nennen dürfen, gestützt, Trump, Bolsonaro usw.
7.
Es hat sich also ein imperiales Subjekt, ein imperialer Menschentyp, herausgebildet. Das anzuerkennen, fällt vielen schwer. Dieses imperiale Subjekt steht in dialektischer Verbundenheit mit den imperialen Strukturen, dem Imperialismus. Darum geht es jetzt:
8.
Imperium und Imperialismus sind uns seit langem bekannte Begriffe, die die objektive Seite der politisch-ökonomischen Verhältnisse beschreiben.
Wir werden jetzt in Deutschland mit Nachdruck endlich erinnert an die deutsche Kolonialherrschaft, betrieben vom Wilhelminischen Kaiserreich, man denke an die von Gier beherrschte Afrika Konferenz in Berlin 1884-1885. Man denke an die Verbrechen der Deutschen (in KZs für „Neger“!) in Deutsch-West-Afrika, heute Namibia. Dieser Massenmord wird jetzt endlich von der deutschen Regierung als Völkermord anerkannt. Aber bislang ohne spürbare Konsequenzen für die Leid tragenden Völker dort. Die Berliner und die evangelische Kirche kommen nicht auf den Gedanken, die zentrale Kirche West-Berlins von dem Namen des maßlosen Kolonialherren, Kaiser Wilhelm I., zu befreien. Diese Kirche heißt nach wie vor Kaiser Wilhelm Gedächtnis Kirche. Erinnerung an diesen Kolonialherren ja; aber bitte nicht länger eine Ehrung eines Kolonialherren als Titel für eine Kirche! Oder will man nur auf die uralte Bindung der Kirche an die Herrschenden, die Kaiser etc. deutlich machen?
9.
Die Tatsache, dass die Menschen in den reichen Ländern der Welt zu Imperien gehören, ist also unbestritten. Man denke an die nahezu absolute ökonomische Vorherrschaft dieser Staaten, an die militärische Vorherrschaft und Willkür, an die Beeinflussung politischer Entscheidungen auch in den armen Ländern, an das Abhängigmachen der Armen (auch der Flüchtlinge) von der Willkür der Reichen. Die Gier der reichen Staaten und der international, global, agierenden Milliardäre ist allumfassend.
10.
Das CREDO dieser Herrschaften lautet: Wirtschafts-Wachstum muss ständig sein: Das heißt, ganz kurz gesagt: Das vorhandene Geld fließt in Investitionen, diese Produkte werden durch Investitionen ermöglicht, so wird die Nachfrage erhöht. Das Geld fließt also weiter in die Kassen der Unternehmen. Diese geben weiter Aktien aus, und die Aktionäre haben die selbstverständliche Erwartung, dass die Aktienkurse steigen, dass also die Unternehmen Gewinn einstreichen. Dadurch sind die Unternehmen schon durch die Aktien-Bindung auch an stetiges Wachstum gebunden. Dies ist die Spirale des Zwanges zum Wachstum ohne Ende; dies wird ermöglicht durch die selbstverständliche Gier nach Gewinn, also Geld. Habgier ist förmlich zur „Tugend“ bzw. treffender zur Untugend in dieser Wirtschaftsform aufgestiegen. So kann der Journalist Christoph Fleischmann (WDR) in seinem empfehlenswerten Buch „Gewinn in alle Ewigkeit“ (Köln, 2010, Seite 237) schreiben: „Heute scheint es der Gesamtheit der Menschen schlicht nicht mehr möglich, anders als habgierig zu handeln, also immer mehr materielle Güter anzuhäufen – ohne Ziel und Ende. Die Habgier, die einstige Todsünde, ist also nicht mehr moralisch zu qualifizieren. Sie ist einfach die der kapitalgetriebenen Wirtschaft entsprechende Haltung“. Der Soziologe Max Weber sagte, im Kapitalismus gebe es nur sachliche, nicht mehr ethisch zu bewertende Erwägungen… Bester Ausdruck dafür sind die Finanzmärkte: Sie funktionieren weithin durch Betrug, Kriminalität und Geldwäsche. Beispiel: CUM-EX: In Kooperation mit Banken vor allem in London: Man lese die durchaus erschütternden, wenn nicht uns revoltierenden Bekenntnisse eines Insiders der großen Investment Bank „Merill Lynch“: https://www.zeit.de/2020/05/cum-ex-files-merrill-lynch-investmentbank-steuerbetrug
Es geht bei diesem merkwürdigen „CUM – Ex“ darum, ganz kurz gesagt, mehrfach Steuererstattung zu erhalten, obwohl man nur einmal Steuern bezahlt hat. Dem deutschen Staat sind dadurch 10 Milliarden Euro Schaden entstanden.
11.
Die Gier der Banken/Bankkunden/Bankmanager und der Konzerne ist grenzenlos und muss wegen des Wachstums grenzenlos sein: Diese Herren haben eine militant agierende Lobby: „Was wir heute haben, ist keine Marktwirtschaft mehr, sondern eine Machtwirtschaft, in der Konzerne und Unternehmensverbände teilweise die Gesetze schreiben, statt dass die Gesellschaft den Rahmen vorgibt“. So Gerhard Schick in „Chrismon,“ 02/2020. S 26. Gerhard Schick von der „Bürgerbewegung Finanzwende“. Die Gier (die imperiale Lebensweise) ruiniert die Seele.
12.
Wir sollten erkennen, was mit uns –seelisch, existentiell, auf dem Spiel steht. Mit aller Klarheit hat Erich Fromm darauf hingewiesen: Es geht um ein Entweder Oder, es geht um die Lebensform des Seins oder um die Lebensform des Habens, der Gier. Die Gier als Lebensform beschreibt der Philosoph und Psychotherapeut Erich Fromm eindringlich, vor allem sein allseits bekannten Werk „Haben oder Sein“ von 1976.
Ich beziehe mich hier nur auf einige zentrale Aussagen, die Fromms engster Mitarbeiter, Rainer Funk, in seinem empfehlenswerten Buch „Mut zum Menschen“, 1978, zusammengestellt hat.
Es gibt für Erich Fromm zwei unterschiedliche Formen, Weisen, der Existenzgestaltung: Die eine folgt dem HABEN, also dem Klammern, Besitzen, der Gier; die andere folgt dem SEIN, der Lebendigkeit, der Lebensfreude, der Solidarität, der Verbundenheit aller Wesen untereinander.
Für das Haben als Existenzform gilt: “Ich bin, was ich habe. Mein Besitz begründet mich und meine Identität“ (312). „Die Gier führt zum Kampf darüber, am meisten zu bekommen, so gibt es Wettkampf und Antagonismus“ (316). Gier ist also dem Wesen nach auf Krieg angewiesen.
Die andere Haltung, die Lebendigkeit, die Freude am Dasein auch der anderen, also die Orientierung am SEIN „vereint und solidarisiert, indem man teilt und mitteilt“ (317).
13.
Nebenbei: Gier war ja schon ein zentraler Begriff der christlichen Moral-Lehre: Gier bzw. Habgier ist dort eine der sieben Todsünden: Wollust, Zorn, Neid, Völlerei, Hochmut, Trägheit und Habgier…Der Mönch Johannes Cassian (360-435, in Frankreich) nennt 8 Hauptsünden, also Laster. Habgier und Zorn verbindet er: Der Zornige will den anderen in seiner Wut förmlich auffressen, vernichten; das verbindet ihn mit dem Gierigen als dem Geld-Gefräßigen. Ob die Herren der Kirche jemals ohne Gier lebten und leben, ist sehr die Frage. Man denke an die Finanz-Spekulationen des Vatikans, oder der Ordensgemeinschaften, an die enormen Waldbesitzungen der Stifte und Klöster in Österreich etc.
14.
Gibt es eine Überwindung der Gier, der mentalen Grundlage des Kapitalismus? Lässt sich der Kapitalismus als Resultat des gierigen Immer mehr Wachsens überwinden oder wenigstens stark einschränken oder, noch etwas bescheidener formuliert, so sehr ankratzen, dass er seinen nach außen gestellten falschen Charme verliert? Ankratzen lässt sich der Kapitalismus durch die vielen Basisbewegungen und NGOs, die von mutigen, reflektierten Menschen betrieben werden hinsichtlich einer besseren Landwirtschaft, oder der humaner Formen des Zusammenlebens, der Solidarität mit den Arm-Gemachten, den Minderheiten, den Flüchtlingen etc.
Den Kapitalismus einschränken: Das kann niemand mehr so recht von der SPD erwarten, die ja eigentlich diese Einschränkung auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Ich meine, auch als Journalist: Die unabhängige kritische Presse ist darum enorm wichtig geworden. Die tief schürfende Recherche der Journalisten erzeugt manchmal Beben in den Regierungen und Lobbyisten-Kreisen. Wir sollten diese freie Presse unterstützen, sei es in Form der gedruckten Zeitungen, etwa der TAZ oder der SZ; oder in Form der Internet-Dienste, wie CAMPACT, Campact e.V, in 27283 Verden / Aller. www.campact.de
15.
Was hat Gier bzw. imperiale Lebensweise mit Spiritualität zu tun? Gier als die wichtigste UN-Tugend im Kapitalismus führt zur Anbetung, d.h. zur Vergöttlichung des Marktes und der Wachstumsökonomie. Darüber hinaus gibt es nicht, heißt das Credo! Der Kapitalismus erzeigt also eine eigene starke Glaubenshaltung. Christen werden diesen ANTI-Gott als solchen bezeichen. Dieser Götzendienst sollte beendet werden. Das IMMER MEHR wollen ist eine versteckte, aber perverse Form des Transzendierens: Als Überschreitung alles Gegebenen in die Unendlichkeit des horizontal Vielfältigen. Wahre Transzendenz aber ist vor allem vertikal, sie führt in eine andere, in eine höhere Qualität im Überschreiten. Religiöse Transzendenz ist noch einmal anders: Sie entdeckt im Geist, in der Seele, in der „Stimme“, wie Hauff schreibt, also im Innern das Transzendente. Da beginnen alle Revolutionen. Da gibt es Ressourcen, Revolutionen human zu gestalten … weil die Gier eingeschränkt wurde.
16.
Ich frage mich, ob wir Menschen als Menschen die Gier völlig überwinden können. Kann die Gier vernünftig gestaltet und eingehegt werden, als ein vitaler humaner Impuls wirken, sozusagen von der Seele und der Vernunft gesteuert? Bei einer milden Form der gier, nämlich der Neugier, mag das gelingen, diese Balance zu finden. Neugier kann auch die berechtigte Sehnsucht nach Kommunikation sein. Als ein interessiertes Streben nach außen, als Suche nach Kontakt mit Menschen und Dingen.
17.
Auswege?
Erstens: Gier wird auch Habgier bzw. noch treffender Hab-Sucht genannt. Die genaue begriffliche Analyse leistet die philosophische Besinnung. Sie wird zur kritischen Phänomenologie der gegenwärtigen Gesellschaft („Imperiale Lebensweise“).
Zweitens: Wenn es sich um eine SUCHT des Habens handelt, dann ist Gier eine Krankheit. Sie muss zur Einschränkung bzw. Heilung psycho-therapeutisch analysiert und behandelt werden. Menschen, die als ihr Lebensideal das Streben nach Geld um des Geldes betrachten, sind also seelisch krank. Ähnlich ist es mit Ruhm-Sucht, Machtgier, Sex-Sucht usw. Alle dies sind Formen der Gier. Und damit wird deutlich, dass unsere westliche, reiche kapitalistische Gesellschaft schwer krank ist. Die Sorge um sich selbst weht sich gegen alle Exzesse, aber auch gegen alle rigide Entsagung, sie sucht immer wieder eine neue Balance. Hoffentlich helfen dabei Therapeuten, die nicht ihrerseits wieder geld-gierig sind.
Drittens müssen kriminell Habgierige von den Justizbehörden bestraft werden. Habgier hat die Tendenz zum Kriminellen.
Viertens: Nur der noch so bescheidene politische Einsatz eines jeden, seinem Gewissen folgend, kann die imperiale Lebensweise ankratzen.
Fünftens muss überlegt werden: Wenn Habgier bzw. die Sucht des Habens therapeutisch eingeschränkt wird und wenn es Lebensfreude („Sein“ im Sinne von Erich Frmm) bereitet, kritisch an der Umgestaltung von Politik und Ökonomie im Sinne der Menschenrechte mitzuwirken: Dann können spirituelle und philosophische Hilfen wichtig werden. Ohne eine Neu/Wieder-Entdeckung der Seele und ihrer spirituellen Kraft werden Habgier und Habsucht nicht eingeschränkt werden können. Es ist der Ruf der Seele, der Peter Munk gerettet hat, weil er dem (Gewissens) Ruf folgte! Um vom Märchen von Wilhelm Hauff noch einmal zu sprechen.
Sechstens: Wer auch das Neue Testament als ein Buch der Weisheit (!) gern mal wieder zur Hand nehmen möchte: Dem empfehle ich die meditative Lektüre im Lukas Evangelium, im 16. Kapitel, die Verse 21 ff. „Die Geschichte vom reichen Prasser und dem armen Lazarus.“ Der bekannte evangelische Theologe Helmut Gollwitzer hat zu dem Thema 1968 ein Buch veröffentlicht: „Die reichen Christen und der arme Lazarus“. Wird antiquarisch noch preiswert angeboten.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Geschichtsphilosophie der Gegenwart – pessimistisch, aber nicht falsch.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum neuen Buch von Vittorio Hösle “Globale Fliehkräfte“

1.
Vittorio Hösle will in seinem neuen Buch die vielfältigen politischen Fakten und Daten der Gegenwart zusammentragen und auf den Begriff bringen. Das bedeutet wohl der merkwürdige, gar nicht philosophische Begriff im Untertitel „Kartierung“. Es handelt sich also um eine „zeitkritische Schrift“ (129), sie soll durchaus dem Titel „Geschichtsphilosophie“ gerecht werden. Dass Geschichtsphilosophie zu den besonders umstrittenen „Abteilungen“ der Philosophie gehört, weiß natürlich Vittorio Hösle. Die ins Totalitäre abrutschende Geschichtsphilosophie des Faschismus oder des Leninismus, Stalinismus usw. hat als Ideologie allgemein tiefe Skepsis gegenüber diesem für Hegel noch so wichtigen Thema „Geschichtsphilosophie“ hervorgerufen.
Dennoch ist es für mich eine beachtliche Leistung des Philosophen Hösle, dass er sich an eine – wie Hegel – von empirischen und politischen Daten „gefütterte“ Philosophie als Verstehen der Gegenwart, eben an eine Geschichtsphilosophie, heranwagt. Also gewissermaßen eine philophierende Gesamtschau der Gegenwart bietet, dabei aber durchaus normativ argumentierend. Denn Hösle, das ist bekannt, vertritt als kritischer Metaphysiker mit aller Deutlichkeit Positionen der ethischen Universalität. Er wehrt sich also kraftvoll gegen die allgemeine Beliebigkeit erzeugende Postmoderne. Hösle weiß zurecht, dass nur die universal geltenden Menschenrechte Widerstandsreserven gegen den heutigen Verfall demokratischen Bewusstseins (Populismus, Neofaschismus) bieten. Wer die Menschenrechte verteidigt, sieht natürlich klar, dass die lautstarken verbalen Verteidiger der Menschenrechte in der politischen Praxis auch absolut gegen den Geist der Menschenrechte agieren, siehe die Politik der USA in den letzten Jahrzehnten. Alle – auch ökonomisch motivierten – Verbrechen wurden und werden mit „Verteidigung der Menschenrechte“ (oder „Reformen“ genannt) kaschiert! Aber dieses Faktum spricht nicht gegen die absolute Gültigkeit der Menschenrechte. Und auch die Tatsache, dass sie in der europäischen Kultur wohl zuerst deutlich formuliert wurden, sagt ja nichts gegen die universale Geltung der Menschenrechte. „Genesis und Geltung müssen unterschieden werden“, schreibt Hösle kurz und wahr in seinem ebenfalls empfehlenswerten Buch „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, München 2013, S.194.
2.
Trotz dieser in gewisser Hinsicht gegebenen Zustimmung zum Grundanliegen des Buches bleibt es für mich erstaunlich bzw. durchaus irritierend, dass die von Hösle beschriebene tiefe Krise der Gegenwart nicht so deutlich mit dem heute allherrschenden Kapitalismus in Verbindung gebracht wird, an dessen Ideologie des ständigen ökonomischen Wachstums praktisch alle teilhaben. Die einen als Akteure bzw. ständigen Gewinner, die anderen, die große Masse der von den Gewinnern Arm-Gemachten! Hösle schreibt am Schluss seines Buches (204), es gehe dringend darum, einen „weltweiten Wertekonsens zu erzielen, der die verschiedenen Kulturen zu einen vermag“. Dieser weltweite Wertekonsens muss aber über die von allen gelebte Anerkennung der universalen Menschenrechte hinaus selbstverständlich auch die Überwindung des Kapitalismus zum Inhalt und Ziel haben oder wenigstens diesen sehr stark und wirksam eingeschränken. Das ist keine Utopie, sondern die Voraussetzung für ein Überleben der Menschheit.
3.
Das sehr dicht geschrieben Buch „Globale Fliehkräfte“ kann in einer eher knappen Rezension nur ansatzweise gewürdigt werden. Hösle selbst nennt Horst Köhler, Theo Waigel (CSU) und Bundesminister Gerd Müller CSU), sie hätten „auf freundlichste Weise“ (17) zu diesem Buch ermuntert. Ich kann nicht verschweigen, dass ich es auch treffend gefunden hätte, wenn auch heutige Grüne- oder SPD- oder gar Linke Politiker den Philosophen Hösle zu diesem Buch Projekt „ermuntert“ hätten, also mit ihm in einem ebenso freundschaftlichen Dialog ständen. Aber vielleicht gibt es einen Graben zwischen (den wenigen) katholischen Philosophen an katholischen Universitäten und Politikern, Autoren etc., die sich mit dem grünen bzw. linken Spektrum verbunden fühlen. Mich freut aber dann doch, dass Vittorio Hösle in seinem Vorwort Greta Thunberg lobend erwähnt, „die in der allgemeinen Verlogenheit die Wahrheit sagt“ (18). Das werden die genannten „Ermunterer“ aus der CSU sicher mit großer Wonne zur Kenntnis nehmen.
4.
Hösle zeigt sich als ein guter Kenner der internationalen politischen Entwicklungen der Gegenwart, dabei kommt ihm zugute, dass er seit 20 Jahren in den USA lebt, er ist Professor für Philosophie an der renommierten katholischen Privatuniversität Notre Dame im Bundesstaat Indiana unter Leitung des katholischen „Ordens vom Heiligen Kreuz“ (CSC). Hösle stellt sich selbst vor als ein Philosoph mit „besonderem Interesse an der politischen Philosophie“ (13). Er nennt sein 224 Seiten umfassendes Buch eher bescheiden einen “Essay“ (15), er wurde in der ersten Hälfte des Jahres 2018 verfasst. Ein Essay, der die Gefährdungen der Gegenwart klar benennt: Der „Liberalismus“ (verstanden als Eintreten für Grundrechte und Demokratie) sei gerade auch in den USA sehr bedroht, der Autor zitiert etwa zustimmend Madeleine Albright, wenn sie von der Gefahr des Faschismus, nicht in ihrer Heimat, den USA, sondern weltweit, spricht. Ein gewisser Pessimismus durchzieht förmlich diese Geschichtsphilosophie Hösles: „Aber nur wer die Gefahren in den Blick nimmt, hat das Recht Optimist zu sein“ (18).
5.
Von den sieben Kapiteln des Buches interessiert mich „vom Philosophischen her“ am meisten das 4.Kapitel „Die Zersetzung politischer Rationalität“ (96 – 136).
Ich nenne nur einige Stichworte, die die Zersetzung des demokratischen Bewusstseins deutlich machen sowie die Abkehr von der kritisch reflektierten Erkenntnis der Idee des Fortschritts: Das Gemeinwohl ist keine leitende politische Vorstellung mehr. Die Lobbyisten setzen sich mit Bravour in den Parlamenten durch, dabei haben die Lobbyisten der Reichen und Mächtigen förmlich eine Allmacht errungen, so dass sie politisch, in der Gesetzgebung machen können, was sie wollen (118). Man denke in Deutschland nur daran, dass es nicht gelingt einen absolut unfähigen Verkehrsminister Scheuer (CSU) aus dem Amt zu jagen. Er ist wohl der von Auto-Lobbyisten abhängigste Politiker, das sage ich als Meinungsäußerung.
6.
Es herrscht für Hösle insgesamt eine Vergiftung des politischen Diskurses, in dem sich die kritischen Bürger eher als die Unterlegenen fühlen. Die Rechtsextremen setzen sich mit aller Bravour durch. Sehr klar sind Hösles Worte über die rechtsextreme Tea-Party-Bewegung in den USA: „Sie repräsentiert auf idealtypische Weise die Ignoranz, Dummheit und Vulgarität von Millionen durchschnittlicher Amerikaner“ (110). Fest steht, dass zu den militanten Anhängern dieser Tea-Party vor allem Evangelikale gehören, die in Blindheit und Dummheit auch Trump gewählt haben und ihn wohl in der beschriebenen Haltung 2020 wieder wählen werden. Mir fehlt bei Hösle in dem Zusammenhang eine ausführliche Darstellung der christlichen Kirchen und des Islams: Wo liegt deren Beitrag für den Niedergang der demokratischer Kultur? Von der unerfreulichen Rolle der Evangelikalen (etwa in den USA) war schon die Rede.
In seinem Schlußkapitel „Auswege aus der Krise“ denkt Hösle dann doch etwas ausführlicher an eine konstruktive Rolle der Religionen zum Schutz und zur Bewahrung der Demokratie. Denn ohne die allseitige Geltung moralischer Prinzipien könne eine Demokratie auf Dauer nicht bestehen. Da seien Religionen vonnöten! „Sofern eine Religion das grundlegende liberale Prinzip der Religionsfreiheit akzeptiert, ist sie in der Regel eher eine Stütze als eine Gefährdung des liberalen demokratischen Staates“ (199). An der Stelle wäre eine Diskussion mit dem in ähnliche Richtung denkenden Jürgen Habermas interessant! Hösle schätzt die prinzipiell mögliche positive Bedeutung der (vernünftigen) Religion höher ein als die Leistungen einiger zeitgenössischer Philosophien. Er spricht etwa von der „naturalistischen Ideologie“ (200), „die den Menschen nur als materielles Zufallsprodukt einer blind und ziellos evolvierenden Natur sieht“. Schon zuvor hatte Hösle den (atheistischen) Naturalismus zurückgewiesen wie auch den postmodernen Konstruktivismus: „Keine wird etwa der Natur moralischer Verpflichtungen gerecht“ (106). Zu den Erkenntnissen könnten sich spannende Debatten entwickeln. Wieweit bestimmte Formen des Islam „eine Stütze der liberalen Demokratie“ sind bzw. werden könnten und sollten, sagt Hösle nicht!
7.
Interessant, wenn auch allgemein bekannt sind dann die Hinweise zur Problematik der so genannten sozialen Medien: Twitter reduzieren die Komplexität (115), schreibt Hösle, so dass die Twitter Leser also auf Dauer sehr schlicht im Denken werden, falls sie es nicht schon sind.
8.
Hösle bietet einen vorsichtigen Versuch, auch einige Erkenntnisse von Oswald Spengler (Untergang des Abendlandes) wieder zu bedenken. Dennoch bleibt Hösle ein von der kritisch reflektierten Fortschritts-Idee doch überzeugter Philosoph. „An der moralischen Verpflichtung am Fortschritt zu arbeiten, ist nicht zu rütteln“ (131). Und Hösle meint gar, dass es einen intellektuellen, moralischen und rechtlichen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte „seit den Griechen“ gegeben habe (131). Ob man da die „Hinsichten“ auf den genannten Fortschritt noch weiter spezifizieren muss, scheint mir eine Notwendigkeit zu sein. Wie sonst will man den Massenmord im Kolonialismus oder den Massenmord an den europäischen Juden philosophisch in einen Fortschritt „einordnen“? Zeigt die Ökokrise, die Klimakatastrophe, das Fehlen von elementaren Gerechtigkeitsstandards weltweit nicht eher, wie wenig Fortschritt politisch faktisch greifbar ist, selbst wenn so viele von Ökokrise, Klimakrise und Gerechtigkeit schwadronieren. Das Bewusstsein der Freiheit ist ja doch noch in einigen Kreisen außerhalb der Herrscher da. Aber dieses Bewusstsein kann und darf nicht politisch real Gestalt werden. Das ist die Schande der Gegenwart. Diese Blockade, dieser Stillstand, diese Egofixierung. Sie wird den Demokraten zugemutet von den sich bloß demokratisch nennenden Herrschern, die sich Präsidenten und Politiker nennen dürfen. Hösle hat recht: Auch dieses Kapitel hinterlässt alles andere als optimistische Gedanken. Hegel konnte noch schreiben, seine Geschichtsphilosophie dürfe nicht mit einem „Misston enden“. Heute müssen leider Geschichtsphilosophen eher mit einem „Misston“ enden. Um die letzten verbliebenen kritischen Geister auf diese Weise anzustacheln, zu ermutigen und zu ermuntern!
9.
Oder ist es doch eher noch der Glaube an die „göttliche Vorsehung“ im Sinne von Leibniz oder der Glaube an die sich duchsetzende „unsichtbare Hand“ im Sinne von Adam Smith, wenn Vittori Hösle in den letzten Zeilen seines Buches schreibt: „Man SOLL für den Fortschritt der Menschheit arbeiten, auch wenn man nicht wissen, sondern nur hoffen kann, dass er sich trotz aller Krisen und Verfallspozesse auf teilweise unvorhersehbaren Wegen durchsetzen wird“ (205). Ohne Glauben kommt also auch Philosophie nicht aus. Und Philosophen glauben daran, dass sie die Wahrheit sagen und recht haben.

Vittorio Hösle, „Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart“. Mit einem Geleitwort von Horst Köhler. Verlag Karl Alber, Freiburg. 2019, 224 Seiten. 24 Euro.

Copyright: Christian Modehn
www.religionsphilosophischer-salon.de

Hegel – eine Biographie

Über ein neues Buch von Klaus Vieweg
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Wird das Jahr 2020 auch zu einem „Hegel-Jahr“? Hoffentlich, wenn auch mit aller verständlichen Bravour schon jetzt das „Beethoven-Jahr“ aller Orten eingeläutet wird und sich durchsetzt. Beethoven feiert am 17. Dezember seinen 250. Geburtstag. Hegel seinen 250. Geburtstag schon am 27. August. Es sind uns also noch einige Wochen „Denkzeit“ gegeben, um dieses Ereignis zu „begehen“. Und das könnte zu lebhaften Debatten im Geiste Hegels führen, in dialektischem Für und Wider selbstverständlich! Nur so ehrt man den letzten spekulativen Metaphysiker, der „das Ganze“ in seinem System der Vernunft auf den Begriff bringen wollte.
2.
Der Hegel Forscher und Professor für Philosophie in Jena, Klaus Vieweg, legte vor wenigen Monaten, im September 2019, eine sehr umfangreiche Hegel-Biographie vor. Sie hat als Untertitel und als Motto: „Der Philosoph der Freiheit“.
Leitend für das Verstehen Hegels ist für Klaus Vieweg die Hochschätzung und man möchte fast sagen liebevolle Verehrung der philosophischen Leistung Hegels. Etwa wenn er Hegels Werk mit einem „Dom-Bau“ (S.193) vergleicht. Hegels „Phänomenologie des Geistes“ nennt Vieweg einen „unschätzbaren Diamanten“ (S.258), „einen diamantenen Angelpunkt“ (304), oder ein „Jahrtausendwerk“ (306). Das Buch „Wissenschaft der Logik“ wertet Vieweg „Buch der Bücher und „ein Meisterstück des menschlichen Geistes“ (361).
In dieser insgesamt sehr wohlwollenden Grundstimung im Hegel-Verstehen folgt Vieweg dem letzten großen Hegel Biographen Karl Rosenkranz, der sein – immer noch lesenswertes Buch – 1844 veröffentlichte (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1971). Rosenkranz gehörte zum Verein der „Freunde des Verewigten“, der seit 1832 bei „Dunkcker und Humblot“ Hegels Werke herausgab…Rosenkranz war übrigens 1830 Mitglied, dies ist kein Witz, in der „Althegelianischen Gesellschaft zum ungelegten Ei“, an. „Althegelianer“ ist identisch mit dem geläufigeren Begriff Rechtshegelianer. Diese sind eher konservativ gesinnte Philosophen, mit strammem Bekenntnis zum preußischen Staat.
3.
Es ist wohl die große Herausforderung der Hegel-Biographie von Klaus Vieweg, dass er zeigen will: Hegel war während seines ganzen Lebens (1770 bis 1831) ein Freund der Republik, er schätzte die große Tat der Freiheit, die mit der Französischen Revolution 1789 begann. Hegel unterstützte in jungen Jahren die Republikaner nicht nur verbal, sondern war hilfsbereit, praktisch. Im reiferen Alter als Professor einer staatlichen Universität definierte Hegel bekanntlich „Freiheit als das Bei sich selbst Sein des Geistes im anderen“. Da wurde aus dem politischen Freiheitsengagement die spekulative Gedanken-Leistung, also die „halbierte Freiheit“ sozusagen wurde gelebt…
In den ersten Jahren der noch politisch-praktisch verteidigten Freiheit hat ihn der Enthusiasmus der Freunde in Tübingen, etwa Hölderlin, Schelling, mitgetragen. Vieweg schreibt: „Hegel stellt sich (in Jena) gegen jeden Restaurationsversuch“ (361). „Vorwärts durch dick und dünn“, schreibt Hegel an seinen Freund Friedrich Immanuel Niethammer (ebd.)
Später musste Hegel angesichts der repressiven politischen Mächte eher verschlüsselt sein Eintreten für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit benennen. Auch die vielzitierte Erkenntnis Hegels aus seiner „Rechtsphilosophie“: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“, ist ein kritischer Satz: Denn betont wird: Nicht alles real und faktisch Existierende ist vernünftig, das gilt für alles faktisch Bestehende in einem Staat…Erst die Prüfung durch die Vernunft kann im Faktischem dann Wirkliches und Vernünftiges wahrnehmen. In Viewegs Interpretation: “Was dem Begriff nicht entspricht, hat keine Wahrheit, ist bloßes Existieren (406).
Ob es Vieweg ingesamt gelungen ist, eine starke links-hegelianische Interpretation von dem insgesamt nun progressiven und staats-kritischen Hegel zu überzeugen, wird sich sicher in den Debatten der folgenden Monate zeigen.
4.
Vieweg breitet viele Fakten und Daten aus dem Leben Hegels aus, der ja bekanntermaßen oft umziehen musste, von Stuttgart nach Tübingen, dann zuerst als Hauslehrer, nach Bern, dann in Frankfurt, dann Jena vor allem und Nürnberg, später als Professor in Heidelberg und dann als Professor in Berlin von 1818 bis zu seinem Tod 1831. Vieweg spricht etwa von dem unehelichen Sohn Ludwig (256), er erwähnt viele Details der Heirat mit der aus der „altehrwürdigen Tucher-Familie“ stammenden Marie Tucher im Jahr 1811, da ist Hegel 41 Jahre alt! Vieweg berichtet etwa auch sehr ausführlich über den recht beachtlichen Wein-Konsum des immer „geselligen“ Hegels, nennt die vielen kontaktierten Weingüter und Lieferanten… Er berichtet auch von den Vorlesungen Hegels in Berlin, wie er, nach Worten suchend, eher schwerfällig und in sich versunken da steht und eher mit sich selbst sprach (565). Trotzdem bewunderten sehr viele Studenten Hegel, und nicht -zur Freude Hegels – den Berliner Konkurrenten Schopenhauer… Deutlich wird vor allem, wie sehr Hegels Denken vor allem zu Beginn im Kontakt mit anderen Philosophen und den Ereignissen der Politik sich herausbildet. Dabei ist Hegels Wille sehr stark, sehr ehrgeizig, etwas ganz Besonderes, Neues, etwa im Gegenüber zu Schelling, zu denken. Daraus ist der „absolute Idealismus“ entstanden, um ein Stichwort zu verwenden.
5.
Jede Station in Hegels beruflich bedingten „Wanderungen“, Umzügen, durch Deutschland“ wird von Vieweg verbunden mit ausführlichen Zusammenfassungen der Werke Hegels, die an diesen Orten von ihm geschrieben und von ihm selbst als Bücher veröffentlich wurden. Die berühmten Veröffentlichungen der Berliner Vorlesungen zur Geschichte, Kunst, Religion und Philosophie sind bekanntlich Mitschriften von seinen treuen Hörern. Diese Bücher werden von Vieweg aber leider eher knapp dargestellt. Die anderen hingegen, die er Hauptwerke nennt, also die „Phänomenologie des Geistes“, die „Enzyklopädie“, die „Logik“ und die „Rechtsphilosophie“ werden von Vieweg in einer Weise vorgestellt, die ich für problematisch halte, also für nicht für „effektiv“ bei den nicht philosophisch schon hoch gebildeten Lesern. Denn Vieweg wiederholt in Hegels Worten, gar nicht so kurz gefasst, den Inhalt der genannten Hauptwerke. Da wäre das Bemühen der Übersetzung der Hegel-Argumente in eine nicht von Hegel wieder geprägte und von ihm bestimmte Sprache dringend und sinnvoll gewesen. Das kennen wir ja auch von Darstellungen des Werkes Martin Heideggers, dass Heideggerianer eben Heideggers ohnehin oft kaum nachvollziehbaren Worte in ihrer Darstellung bloß wiederholen. Der Begriff der ÜBERSETZUNG ist entscheidend. Also hier die Übersetzung Hegels in heutige gebildete und kritische Alltagssprache. Nur dann gelingt Verstehen und Nachvollzug. Dieses Ziel wird von Klaus Vieweg leider nicht erreicht.
6.
Trotz dieser Kritik ist das Buch von Vieweg auch als Nachschlagewerk durchaus empfehlenswert, weil doch viele Grundthemen Hegels gut herausgearbeitet werden:
Etwa die Trennung von Kirche und Staat. Oder: Das Bemühen, allein durch die Vernunft und nicht durch das Gefühl Religion zu verstehen usw. Vieweg hätte da dem Kontrahenten Hegels, dem Theologen Friedrich Schleiermacher, etwas mehr Gerechtigkeit antun können: Dessen immer wieder zitierte Definition der „Religion als unmittelbares Gefühl der Abhängigkeit des Menschen“ ist doch, in dieser Kürze, tausendmal zitiert, irgendwie oberflächlich. Und die Hegelsche Reaktion darauf auch (etwa so: „Nur Hunde sind abhängig“…) ist eher nur polemisch! Gibt es denn nicht eine philosophische Nähe Schleiermachers zu Hegel, wenn der Theologe 1799 schreibt: „Die Offenbarung ist keine von oben her gekommene, außerordentliche Mitteilung, sondern das Bewusstwerden des eigenen innersten Lebens und einer neuen Anschauung des Unendlichen“. Davon habe ich in dem Umfangreichen Buch von Vieweg nichts gefunden. Er ist vielleicht zu sehr Hegelianer, als dass er Mängel im Denken seines hoch verehrten Meisters eingestehen könnte. Interessant ist Hegels Definition des Protestantismus, formuliert in Nürnberg: „Der Protestantismus besteht nicht so sehr in einer besonderen Konfession als im Geistes des Nachdenkens und höherer vernünftiger Bildung“ (334). In den Worten Viewegs: “Die einzige Autorität (der Protestenten), das einzige Heilige ist die intellektuelle und moralische Bildung aller“ (ebd.). Später, in Berlin, hat Hegel durchaus den Sinn des Kultus beschrieben, der freilich „aufgehoben“ werden muss in die Philosophie.
7.
Wenn noch zum Schluss noch einmal von Mängeln des Buches die Rede sein muss: Ich vermisse die ausführliche Auseinandersetzung mit Frage, ob gerade im Spätwerk Hegels eine gewisse Zwanghaftigkeit vorherrscht, bedingt durch seine absolute Ergebenheit gegenüber dem Gesetz der Dialektik. Ich vermisse eine ausführliche Reflexion zur Erkenntnis vieler seiner Schüler: dass eigentlich durch Hegel „alles gesagt“ ist, die Philosophie also an ein Ende gekommen ist. Neues gebe es also kaum noch zu sagen. Marx hat dann ja seine Konsequenzen gezogen… Ich vermisse dann auch speziell bei dem sehr zentralen hegelschen Thema Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie die Auseinandersetzung (oder wenigstens den Hinweis) mit der umfangreichen und großartigen spekulativen Leistung des Berliner Philosophen Michael Theunissen in seinem Buch „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“, Berlin 1970, 460 Seiten!.
Und die immer umstrittene Geschichtsphilosophie Hegels wird von Vieweg mit einigem guten Gründen verteidigt. Aber die kritischen Vorwürfe werden nicht umfassend beantwortet, wie etwa: Der einzelne Mensch innerhalb der Weltgeschichte wird zu einem bloßen verschwindenen Material der sich durchsetzenden Geschichte des absoluten Geistes. Man lese in dem Zusammenhang die kleine, aber sehr inspirierende Studie des ungarischen Philosophen László F. Földényi „Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“ (Berlin, 2008). Da kommt die Geschichtsphilosophie erst mal ins Schleudern!

Klaus Vieweg, Hegel. Biographie. Der Philosoph der Freiheit.
C.H.Beck Verlag, 2019, 824 Seiten. Davon ca. 140 Seiten Anmerkungen und Literaturhinweise. 34 Euro. Auch als e-Book (26,99 Euro)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Nicht gesagt“ Ein Gedicht von Marie Luise Kaschnitz. Eine philosophische Lektüre

Philosophische Hinweise
Von Christian Modehn

Jedes Verstehen und Interpretieren von Gedichten hat einen philosophischen Horizont und eine philosophische Dimension. Diese sind anders als eine literaturwissenschaftliche Lektüre und Interpretation.
Schon der Titel des Gedichtes von Marie Luise Kaschnitz „Nicht gesagt“ fordert zu einer philosophischen Deutung auf.

1.
Was wird alles „nicht gesagt“? Weil es nicht gesagt werden kann oder gesagt werden darf. Oder: Weil es das Objekt das Sagen übersteigt oder den sprechenden Menschen als Menschen überfordert. Der Mensch ist wesentlich endlich, kontingent, in eine begrenzte Lebenszeit eingespannt und von begrenzter Energie. Der Mensch kann einfach NICHT alles sagen. Selbst wenn er spricht, weiß er nicht, ob sein Gesprächspartner die Worte in der gemeinsamen Sprache versteht. Es gibt da immer nur „Annäherungen“ des gemeinsamen Verstehens. Übersetzuen findet bereits in der gemensam geteilten Muttersprache sttat. „Alles Sagen Wollen“ ist also eine Illusion. Niemals kann „alles“ von einem einzelnen Menschen oder selbst von einer Gruppe gesagt werden. Dies ist zugleich eine Kritik an jedem System, dass sich für umfassend, „alles einbeziehend“ hält. Diese Erkenntnis ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Aber sie sollte, um des Verstehens des Menschen willen, immer wieder ausgesprochen werden, auch in der Gestalt eines Gedichtes. Denn alles Sagen bezieht sich nicht nur auf die unüberschaubare Vielfalt des Faktischen und Empirischen.
2.
Marie Luise Kaschnitz spricht in dem Gedicht – in einer ersten Ebene – als Autorin: Was sie alles (in Gedichten, Romanen) NICHT gesagt hat. Sie nennt selbst: Sie hat nicht (umfassend) von der Sonne gesprochen, vom Blitz oder der Liebe. Sie hat das Morgenrot und den Sämann nicht angesprochen und ausgesprochen, also das Erfreuliche, das Lebensstiftende. Sie hat sich nicht für die kleinen schönen Dinge sprechend interessiert, für den Hahnenfuß und das Veilchen. Aber indem sie von diesen Dingen wenigstens begrifflich spricht, deutet sie: Diese Dinge kennt sie eigentlich, übersieht sie aber, verdrängt sie.
Sie nennt ihr eigenes Schreiben und Sagen „Versuche. Gesuche. Misslungen. Ungenaue Beschreibung“. Ein selbstkritisches, aber treffendes, ein wahres Wort der Dichterin. Ihr Schreiben ist ein „Versuch“… „Misslungen“. Wie viele Dichter und Künstler wissen das: Ihre Arbeiten sind nicht perfekt. Misslungen. Sie überarbeiten sie, oder vernichten sie sogar. Immer dieses Gefühl, das Eigentliche nicht in Worten sagen zu können.
3.
Dann wendet sich im Gedicht der Gedanke: Die bisher knappen, eher formelhaften Satzfragmente werden zwar beibehalten. Aber die LeserInnen werden angesprochen: „Euch“ „nicht den Rücken gestärkt“, schreibt Kaschnitz. Sie fühlte sich eher abweisend, kritisch, vielleicht pessimistisch: Denn sie sagt: Sie habe den Verfall NICHT geleugnet und auch nicht die Verzweiflung. Habe also von den „großen“ und allgemeinen Themen gesprochen und die kleinen, konkreten lebendigen Wesen (Veilchen etc.) ignoriert.
Zwar habe sie angesichts des Verfalls und der Verzweiflung nicht gleich den „Teufel an die Wand gemalt“: Denn sie glaubt nicht an den Teufel. Dann sagt sie: Sie habe auch „Gott nicht gelobt“. Weil sie auch an Gott nicht glaubt? Das lässt sie offen. Um zum offenen Schlusssatz zu kommen: „Aber wer bin ich dass“. Dieser Satz reißt ab. Er führt nochmals ins Offene.
Kann man, soll man als LeserIn diesen Satz ergänzen? Wer bin ich, dass ich „Gott loben sollte“? Oder: Wer bin ich, dass „ich mich wegen all dieser NICHT gesagten Sätze bekümmern muss?“
4.
Dieses Gedicht sollte nicht nur als Ausdruck einer kritische Reflexion einer Dichterin zum „Beruf“ der Dichterin gelesen werden: Es ist eine allgemeine, philosophische existentiale Aussage. D.h: Das Gedicht spricht vom Menschen als einem begrenzten Wesen. Und es zeigt, dass es Eingeständnisse des Nicht-Gesagten gibt und geben sollte. Aber, dass der Mensch sich aufgrund seiner Endlichkeit keine Vorwürfe machen sollte, wenn er nicht alles gesagt hat. Er sollte hingegen das Wesentliche gesagt haben! (Siehe Nr. 6)
5.
Andererseits klagt die Dichterin sich an: Sie hat sich offenbar zu stark auf den „Verfall und die Verzweiflung“ konzentriert. Hat eben deswegen nicht mehr die Sonne gesehen und den Sämann und das Veilchen…Sie hat den anderen nicht den Rücken gestärkt. Von „ewiger Seligkeit“ hätte sie deswegen ja nicht gleich sprechen müssen. Das „Nicht Gesagte“ hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Auch Versagen angesichts einer pessimistischen Grundhaltung wird angedeutet.
6.
Es bleibt auch die Erkenntnis: „Alles sagen“ muss sich nicht nur auf die unüberschaubare Vielfalt des Faktischen und Empirischen beziehen. Da kann nicht alles gesagt werden. „Alles sagen“ kann auch bedeuten: Alles für das humane Leben Entscheidende und den Menschen als Menschen Auszeichnende, Wesentliche, sagen. Also: Person, Vernunft, Freiheit, Gewissen, Gerechtigkeit. Davon sprechen! Es gibt also ein „Alles“ qualitativer Art, von dem unbedingt gesprochen werden sollte. Auch in Gedichten. In diesem Fall darf das „Nicht gesagt“ nicht gelten.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Das Gedicht:
Nicht gesagt
Von Marie Luise Kaschnitz (1965)

Nicht gesagt
Was von der Sonne zu sagen gewesen wäre
Und vom Blitz nicht das einzig richtige
Geschweige denn von der Liebe.

Versuche. Gesuche. Mißlungen
Ungenaue Beschreibung

Weggelassen das Morgenrot
Nicht gesprochen vom Sämann
Und nur am Rande vermerkt
Den Hahnenfuß und das Veilchen.

Euch nicht den Rücken gestärkt
Mit ewiger Seligkeit
Den Verfall nicht geleugnet
Und nicht die Verzweiflung

Den Teufel nicht an die Wand
Weil ich nicht an ihn glaube
Gott nicht gelobt
Aber wer bin ich dass

Wer hat Auschwitz möglich gemacht? Zum Auschwitz-Gedenken am 27.1.2020

Philosophische Hinweise
Von Christian Modehn

Erinnern an Auschwitz ist und bleibt unbedingt eine Notwendigkeit. Angesichts des massiven und bösartigen Auftretens rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien in Deutschland und anderen Ländern Europas um so mehr.
Die Frage bleibt nach all den Jahren des z. T. offiziellen Erinnerns: Wird das Er-„Innern“ ins „Innere“ der Seele, des Geistes und der Vernunft der Menschen heute dringen und wirksam werden? Angesichts des neuen Faschismus und damit der neuen/alten Rechtsextremen in Deutschland im Jahr 2020 eine dringende Frage! Der systematische Mord an den europäischen Juden bleibt einzigartig im Sinne der Herrschaft des total Bösen. Diese Herrschaft hat greifbare Namen: Faschismus, Rechtsextremes Denken, NSDAP, christlich motivierter Antisemitismus.

Das KZ Auschwitz steht heute wie ein „Symbol“ auch für alle KZs, für Orte der bürokratisch perfekt geplanten, industriellen Vernichtung der europäischen Juden, für Orte des Ungeheuren, Monströsen, des absolut Grausamen. Orte, errichtet von Deutschen, von Nazis, unterstützt von Teilen der deutschen Industie, der Reichsbahn usw. … und den vielen Mitläufern.
Ermordet wurden in den KZs auch Polen, Russen, Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen, Homosexuelle, Zeugen Jehovas usw.

Auschwitz ist in gewisser Weise das Symbol der totalen Verachtung, der Entmenschlichung und der Ausrottung der „anderen“, also derjenigen Menschen, die den Wahnvorstellungen der Herren-Menschen, der Nazis, nicht entsprachen. Diese Herrenmenschen wollten nur Identität, identische Menschen, fixiert auf Vorstellungen von einer Herren-Rasse.

Historiker sehen deutlich: Die KZs der Nazis haben „Vorläufer-Modelle“. Damit wird die Totalität des Vernichtens der Nazis nicht relativiert, dadurch werden die KZs der Nazis nicht eingeordnet oder irgendwie „eingeebnet“ in eine „allgemeine KZ-Geschichte“ der Menschheit. Es wird auch nicht eine abstrakte Reflexion angestrengt über das „allgemeine Böse“ der Menschen überhaupt, das sich immer wieder in KZs austobte. Und von den sichtbaren Folgen der angeblichen „Erbsünde“ soll auch keine Rede sein.

Es soll nur auf die freien Handlungen der Menschen aufmerksam gemacht und zu denken gegeben werden: Dass konkete Menschen konkrete Taten geplant und selbstbewusst vollbringen, um andere Menschen, durch die ideologische Ausgrenzung zuerst, dann systematisch quälen und töten. Es ist die ideologische Indoktrination, die letztlich tötet; die über viele Jahre betriebene, manchmal kaum wahrnehmbare Gehirnwäsche, die zum Töten der anderen führt.

Dabei soll hier nur an den kolonialistischen Imperialismus der Herrenmenschen in allen Teilen Europas erinnert werden, an einen Imperialismus, der zur Erniedrigung und Auslöschung in den schon damals eingerichteten Lagern, „KZs“, für Afrikaner („Schwarze“, „Einheimische“, Sklaven) führte. Man denke an die Grausamkeit König Leopolds II. von Belgien. Man denke an die Afrika – Konferenz in Berlin (1884 – 1885) unter Kaiser Wilhelm I. und an den Völkermord in der Kolonie Südwestafrika, heute Namibia, zu dem sich die Regierung der BRD endlich offiziell bekennt.
Nebenbei: Und man bedenke dabei, dass die zentrale Kirche in (West-)Berlin am Kurfürsten Damm immer noch immer den Namen dieses Kolonial Herren, Kaiser Wilhelm I., trägt. Und kein Pfarrer, kein Bischof usw. ändert diesen Namen…Diese Gedankenlosigkeit eine Schande zu nennen ist selbstverständlich.

Dieser grausame Ausschluss der anderen, der Fremden, der Befremdlichen, dieses Einsperren in Lager, Gulags usw. hat kein Ende: Man denke jetzt an die Lager in Libyen, in denen sich viele hunderttausend Afrikaner auf der Flucht nach Europa aufhalten, dort gequält werden, vegetieren. Diese Lager werden von kompetenten Kennern immer wieder „heutige Formen von KZs“ genannt. Sie werden mit den Geldern der EU, auch Deutschlands, erhalten, man denke an die libysche „Küstenwache“ und deren Praxis, Aufgegriffene wieder ins Lager zurück zu bringen, falls sie nicht im Meer ertrinken.Lesen Sie diesen ausführlichen Hinweis auf ein wichtiges Buch!LINK

Die Erinnerung an Auschwitz führt also in die Gegenwart des Grausamen, die eine Gegenwart der grausamen Herrscher ist, die sich Politiker, oft noch demokratische Politiker nennen dürfen.
Zu den von diesen Politikern mitverursachten grausamen Zuständen weltweit, nur wenige Beispiele: Das Leiden der Menschen in Yemen, in Zentralafrika und Haiti. Diese Länder haben imperialistische, ökonomisch gut etablierte Staaten in ihrer Nähe, deren Bewohner oft vor Geld förmlich stinken, etwa in Saudi-Arabien, Europa oder in den USA. Aber die imperialen Menschen in diesen Staaten des Wohlstands haben kein Interesse, gezielt und wirksam das Elend ihrer MIT-Menschen in den genannten Ländern Yemen, Zentralafrika oder Haiti zu beseitigen. Diese reichen Staaten „brauchen“ – insgesamt betrachtet – auch aus geostrategischen Interessen das Elend der anderen, auch für die eigene Waffenproduktion …oder um irgendwann billige Arbeitskräfte (Flüchtlinge) ausbeuten zu können.

Nur wer diese aktuellen Stätten des zugelassenen Krepierens von Menschen, also in gewisser Hinsicht diese „KZs“, berücksichtigt, erreicht das heute erforderliche Niveau der Erinnerung. Erinnerung wird dann auch zum Vorausblick: Um das Grausame für die Zukunft zu verhindern. Erst in dieser umfassenden Perspektive ist Erinnerung mehr als ein Ritual.

Der Philosoph Theodor W. Adorno hat einige Hinweise gegeben zu den geistigen, philosophischen Voraussetzungen und Denkmodellen, die zu Auschwitz und den anderen Stätten des Mordens führten. Man darf sich nicht an dem immer wieder zitierten Satz Adornos „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (in „Minima Moralia“, Aphorismus 18) festbeißen. Und den Satz dann falsch interpretieren und meinen: Alles ist falsch, also kann es heute kein richtiges Leben mehr geben.

Diese Interpretation des Adorno Spruches ist unzutreffend: Denn nur weil wir erkennend das falsche Leben als falsches erkennen und es ablehnen, zeigen wir: Dass wir einen Maßstab des guten Lebens sozusagen in unserer Vernunft haben. Wir sind also schon über das falsche Leben „hinaus“.
Adorno will also vorsichtig eine Möglichkeit des guten Lebens „trotz allem“ eröffnen. Es gibt zwar versteinerte, tödliche und erstorbene Lebensverhältnisse, aber ein schwaches Licht der Hoffnung, der wahren Alternative, ist doch nicht totzukriegen. Und dafür bietet Adorno eine grundlegende Analyse des menschlichen Selbstverständnisses, wie es sich in der Philosophie und ihrer Geschichte artikulierte.

Wie konnte es zu Auschwitz kommen? Dafür gibt es viele unterschiedliche Ursachen, die man benennen muss, um Klarheit zu haben. Damit „nie wieder“ keine leere fromme Formel bleibt. Wer das historische Auschwitz zu einer Art „Mysterium“ des Unerklärlichen erklärt und verklärt, entzieht sich der Chance, ein neues totales Auschwitz zu verhindern.

Wir müssen also von Auschwitz „trotz allem“ vernünftig begrifflich sprechen. Nur Poeten können sagen: „Da versagen mir die Worte. Ich will nur stammeln und Geheimnisvolles erahnen“. Alle anderen sollen ihre Vernunft anstrengen und begrifflich klar – trotz allem – sprechen! Und die Akteure nennen, die Auschwitz damals errichteten und die neuen „KZs“ heute ermöglichen.

Das ist philosophisch entscheidend. Adorno weist zunächst innerhalb der neuzeitlichen Philosophie auf die beinahe selbstverständlich gelebte Selbsterhöhung des Subjekts hin.
Dieses Subjekt sieht sich so total erhaben im Weltzusammenhang, dass es sogar das absolut Erste, das Ursprüngliche, umfassend und korrekt zu erkennen meint.

Wenn sich das Subjekt als Herr der Wirklichkeit sieht: Ist es dabei ganz in sich selbst befangen. Es kreist nur in sich selbst. Diese Ego-Struktur ist auch in der heutigen Kultur allgemein.

Dieses Subjekt glaubt, alle Wirklichkeit durch sein Denken in die eigene Begriffswelt zwingen zu können, also letztlich alle Wirklichkeit in eine Allgemeinheit, vor allem in eine grundlegende Identität zu pressen.

Das sich selbst ermächtigte Denken kann dann den anderen, den Fremden, als solchen nicht wahrnehmen. Dieses Herrscher – Subjekt kann das andere als anderes, den anderen als anderen, nicht gelten lassen, will ihn dann konsequenterweise nicht leben lassen. Es muss den anderen auf das eigene Niveau zwingen oder andernfalls vernichten.

Die Vernichtung der anderen, der Minderheit, der Befremdlichen, der Herabgestuften, etwa der Juden, entsteht also in einem Denken, das keine gleichberechtigte Vielfalt innerhalb der Menschheit zulassen kann. Dieses Denken kann sich Ruhe, Glück, Frieden nur in der totalen Identität denken. Die so genannten „Identitären“ folgen dieser Ideologie. Faschisten wollen eine Welt mit Untermenschen, die schon gar nicht mehr gleichwertige Andere sind, sondern auf einer minderer Stufe stehend eingeschätzt werden,

Was wäre dann eine Utopie der Versöhnung und des Friedens, an der es unbedingt – um unserer allgemeinen und universalen Humanität willen – festzuhalten gilt? Utopie ist dabei kein naiver Wunschtraum, sondern ein wirkender Impuls, die gerechte Welt zu gestalten.

Versöhnung ist das Miteinander des Verschiedenen, Kommunikation des Unterschiedenen, wie Adorno sagt.
In einer Zeit, in der sehr viele Menschen in Europa Zuflucht suchen, formulierte Adorno gültige Grundsätze der Menschlichkeit. Ob sich heute Menschen finden, die diese Perspektiven einklagen unter den allzu oft schon selbst nationalistisch bornierten Politikern Europas?

Es kommt also auf „nicht-vereinnahmende Nähe“ an, also auf die Akzeptanz des Besonderen, schreibt Rolf Wiggershaus in seiner Studie „Wittgenstein und Adorno“, Basel 2012, S. 67.

Notwendig wäre auch heute, allen Menschen, „Rechtsextremen“ zumal, reale Begegnungen mit den anderen, den verschiedenen, den Fremden zu ermöglichen, so könnte Nähe und Freundschaft entstehen.
Erst im Respekt der „anderen“, der Fremden, wird das eigene Leben erst umfassend menschlich, befreit sich von dem Wahn der Ego-Fixierung, die den Menschen nur ins Alleinsein führt. Dieses ist tödlich, seelisch, geistig…

In meiner Sicht wären eigentlich christliche Gemeinden zum Beispiel solche Orte des Lernens von anderen, auch der Freude, mit „den Fremden“ zusammen zu sein. Nun verschwinden aber in Deutschland und in Europa immer mehr christliche Gemeinden, weil das Personal (der Klerus) fehlt usw…Die Kirchen haben zudem selbst dafür gesorgt, dass ihr Ruf, ihre Akzeptanz, eher schlecht ist (siehe sexueller Missbrauch, dogmatische Fixierung auf nicht mehr nachvollziehbare Glaubenssätze und Glaubensbilder usw.).

Um eine menschliche Gesellschaft, also um die Überwindung von Rassismus und Antisemitismus, um das Abschaffen heutiger KZs, bemühen sich jetzt zivilgesellschaftliche Gruppen, NGOs, Aktionskreise, Vereine, philosophische Salons, Widerstandgruppen zugunsten der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit usw. Diese Gruppen sollten vom demokratischen Staat unterstützt und finanziell gefördert werden.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Was ist denn neu? Über das Schöpferische

Ein religionsphilosophischer Salon am 9.1.2020
Hinweise von Christian Modehn

Das 1. Motto: Die Frage nach dem Neuen ist eine Frage nach dem Schöpferischen. Das Neue als das neu und schöpferisch Gestaltete, entsteht inmitten der Auseinandersetzung mit dem Bestehenden. Im Wirklichen werden Möglichkeiten entdeckt, die es in der Form und in dem Inhalt noch nicht gegeben hat. Der Philosoph BERGSON sagt: „Das Wirkliche schafft das Mögliche. Und nicht das Mögliche (als bloß Gedachtes) das Wirkliche“.

Das 2. Motto: Wenn das Neue als Neues gestaltet, „gemacht“ wird, dann gilt: „Gelingen ist nun einmal nicht zu machen“ (sagt der Philosoph Martin Seel). Mit anderen Worten: Gelingen ist eine Gabe. im Wirklichen etwas möglich machen ist auf das Gelingen angewiesen.

1.
Wer sich auf das Neue besinnt, wird zuerst vom Denken und von der Phantasie geführt; dort zeigen sich neue Ideen und neue Gedanken. Das sind nicht immer „ganz große, ganz wichtige Gedanken“: Schon das alltägliche Tun ist stets geprägt als Wirkung von einfachen, aber neuen Gedanken, auch wenn vielfach Routine dabei ist. Aber jede routinemäßige Tat ist notwendigerweise neu, weil zu einer anderen Zeit stattfindend, unter anderen Kontexten und Stimmungen etc., anders als die frühere Tat der Routine.
2.
Der neue Gedanke und die neue Idee streben danach, in der Wirklichkeit, „außen“, in der Welt, gestaltet zu werden. Oder in der Gestaltung der eigenen Person, etwa im Sport usw., „plastisch“ zu werden. Das heißt: Jegliche Tat und jegliches Handeln sind insofern neu.
3.
Dieses Neues Denken und dieses Neue setzen, schaffen, realisieren, ist eine schöpferische Tat. Insofern ist dies dann auch eine Schöpfung, weil immer mein Fühlen und Denken beim Realisieren aktiv sind.
4.
Aber man sollte unterscheiden: Zwischen Schöpfung im „eigentlichen“ Sinn und einer Schöpfung im uneigentlichen Sinn.
5.
In der vom einzelnen Handelnden „unbedachten Schöpfung“ tut man nur etwas, ohne den Gesamtzusammenhang des Tuns mit zu bedenken. Zum Beispiel: Man schichtet Steine aufeinander, um etwas zu bauen. Man folgt dabei nur einem üblichen Geschmack oder einer allgemeinen ökonomischen oder statischen Notwendigkeit. Weiterführende Gedanken werden dann meist nicht entwickelt: Was ist eigentlich Schönheit? Oder: Man baut einen Stall für die Tierzucht, denkt dabei nur an den Profit mit der Konsequenz der Massentierhaltung. Worauf läuft diese Kritik an den „unbedacht Schöpferischen“ hinaus: Eigentlich sollten alle, die handeln, also Neues setzen und schaffen, den „Gesamtzusammenhang“ des Lebendigen bedenken und berücksichtigen.
6.
Diesen begrenzten Horizont meine ich, wenn ich von einem naturgemäß begrenzten technischen Tun spreche. Und dieses Tun kann man Machen nennen oder Erfindung: als eine neue Zusammenfügung alter vorhandener Elemente. Sicher ist die Leistung der Naturwissenschaftler, die Entdeckung der Naturgesetze, ein schöpferisches Tun. Einige Erfinder waren Philosophen. Etwa Albert Einstein: Er war Physiker und als Physiker, der etwa nach dem Ursprung, der „Schöpfung“ fragte, ins Philosophische Fragen gekommen.

Andererseits gibt es in der Technik viel Routine: Ein neuer Auto-Typ wird aus alten Elementen erfunden. Aber der Erfinder fragt meist nicht: Woher kommt das alles, was ich da schaffe. Warum kann ich überhaupt –geistig – etwas schaffen? Ist meine Erfindung moralisch gut oder dient sie nur meinem Profit? Man denke an die Erfinder neuer Waffensysteme.
Martin Heidegger hat die nun einmal begrenzte Welt des Technischen ohne Vorwurf, nur als Beschreiung eines Faktums, mit dem viel zitierten Satz benannt: „Die (Natur)-Wissenschaft denkt nicht“. Wobei Heidegger bekanntlich unter Denken sehr emphatisch das Seins-Denken verstand, also das Innewerden des „Gründenden“ von allem Seienden, also Gegenständlichen…Heidegger hat wohl übersehen, dass die Leistung der Naturwissenschaftler, die Entdeckung der Naturgesetze, ein schöpferisches Tun ist..
7.
Damit wird das Thema „eigentliches schöpferisches Handeln“ angesprochen: Bei dieser Handlung weiß der Handelnde, also der Neues Setzende, dass er auf Materialien zurückgreift, die ihm schon vor – gegeben sind. Letztlich weiß er, dass alles Vorfindliche in dieser Welt etwas Gegebenes ist: Es ist eine Gabe. Aber eine Gabe von wem? Damit führt das schöpferische „eigentliche“ Handeln zur Frage und zur Erfahrung des schon Geschaffenen, der schon immer vorliegenden Gabe, etwa der Welt im ganzen. Und der Handelnde erfährt sich selbst auch als gegebenen, als einen Gesetzten, als eine Gabe. Ein solcher Mensch weiß, dass er nicht nur aus sich heraus handelt. Autonomie ist eine gegebene, geschaffene Möglichkeit, innerhalb dieser gegebenen Möglichkeit können wir Autonomie schaffen.
8.
Ich will jetzt die Frage, wer oder was denn der Gebende und alles Schaffende ist, hier nicht weiter vertiefen. Man käme dann in eine Philosophie der Schöpfung. Ich will nur betonen: Der eigentlich Handelnde Mensch, der also Neues denkt und Neues setzt, weiß sich selbst in seinem Tun als Gabe, als „Geschenk“. Er weiß, dass ihm das Entscheidende, der schöpferische „Moment“ zufällt oder einfällt. Diese Erfahrung machen etwa Künstler, Musiker, Schriftsteller in besonders intensiver Art. Sie wissen, dass ihr „Opus“ sich verdankt, als Gelungenes und Schönes nicht allein Resultat eigenes Tuns ist, sondern eben Resultat, Gabe, des Zugefallenen ist. Aber, noch einmal: Prinzipiell ist jeder Mensch schöpferisch „begabt“. Damit wird auch der Kult um „das Genie“ abgewiesen.
9.
Eine philosophische Besinnung auf das Neue führt also in die Tiefen des Selbstverständnisses des Menschen. Dieser Mensch sieht, sich selbst „tief“ verstanden, als Gabe, die weiterhin schöpferisch wirkt. Man könnte sagen, als Fortsetzung des Schöpfungsprozesses. Dort ist der Ursprung einer Spiritualität des Lebendigen, auch der Religion. Dies müsste weiter vertieft werden. Es würde sich eine vernünftige Spiritualität zeigen, die noch vor jeder konfessionellen Dogmatik lebt.
10.
Ich sehe in der Krise der Gegenwart, d.h. in der Oberflächlichkeit, Aggressivität gegeneinander, im Rassismus usw. einen Ausdruck dafür, dass sich die meisten Menschen nicht mehr als Gabe (oder Geschenk) verstehen.
11.
In diese „metaphysischen Fragen“ muss meines Erachtens eine Besinnung auf den Begriff das Neue führen.
12.
Dabei ist auch klar: Selbst das Alte, schon Vorliegende, kann zum Neuen werden: Indem etwa bestimmte Ideen und Vorstellungen von damals vom heutigen Fragen aus aktualisiert und neu gedeutet werden. Das gilt für den medizinischen Bereich (Hildegard von Bingen), fürs philosophische Denken (Aktualität des Kategorischen Imperativs), für die Kunst (Besinnung auf das Bauhaus) usw.: Immer wieder werden Ideen von einst, aber nicht in der Identität des Früheren, wieder belebt, in den aktuellen Horizont gestellt und dadurch verändert. So wird einiges Alte auch das Neue.
13.
Das Neue unterliegt der normativen Überlegung. Kriterium ist die Frage: Ist das Neue zu verantworten vor dem gültigen Maßstab der Menschenrechte, der Rettung des Klimas, der Gerechtigkeit für die Armen etc.
14.
Aber Neues ist nicht immer nur Resultat menschlichen Handelns: Neues ist auch etwas, das auf uns zukommt. Das absolut Neue, im Sinne des absolut Unbekannten, das auf jeden zukommt, ist der Tod. Das Christentum mildert diesen harten Gedanken ab durch die Erkenntnis: Der Tod ist ein Übergang…
Aber: Es kommen auch Menschen auf uns zu, etwa in der Freundschaft, vor allem der Liebe. Auf diese Zukommenden reagieren wir neu: Überrascht, entzückt, verunsichert…
Auch Kunstwerke „kommen auf uns zu“, d.h., sie sprechen uns an, wie man richtig sagt; auch die philosophische Erkenntnis kommt auf uns zu, wird als Gabe erlebt; auch Religion spricht zu uns als neue Einsicht und Aufforderung zum Handeln.
15.
Die philosophische Besinnung auf das Neue muss sich auch mit dem alltäglichen Verständnis des Neuen auseinandersetzen, etwa dem populären Spruch: „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“. Ein Zitat aus dem alttestamentlichen Buch Kohelet, in der Züricher Bibelübersetzung:
Was einmal geschah, wird wieder geschehen, und was einmal getan wurde, wieder getan, und nichts ist wirklich neu unter der Sonne.
Wohl sagt man: Sieh dies an! Es ist neu! – Es war längst schon einmal da, in den Zeiten, die vor uns waren. (Verse 9 und 10)
Dieser Spruch hat recht … und er hat vor allem auch unrecht.
Er hat recht, insofern alle Menschen aller Zeiten von allgemeinen Daseinsstrukturen wie Lieben, Sterben, Arbeiten, Krieg und Frieden usw. sprechen. Siehe die zwanzigtausend Romane, die von Liebe sprechen…
Am schlimmsten ist der banale Satz in diesem Denksystem: „Gestorben wird immer“. (Werbeslogan der Bestatter). Das meint aber auch: Also lassen wir alles aktive Gestalten sein, fliehen wir aus der Welt, eine Maxime der Eremiten und Wüstenväter…
ABER der Satz „Nichts Neues unter der Sonne“ ist grundlegend falsch:
Es gibt im Laufe der Menschheitsgeschichte zwar in der Literatur z.B. immer formal dasselbe Thema; aber es ist jeweils historisch bestimmt und immer in der Konkretheit einmalig. Die Inhalte sind je anders. Warum lesen wir sonst so gern so unterschiedliche Romane, die alle dasselbe Thema haben: Liebe, Arbeit, Alltag, Tod etc.? Warum genügt uns denn nicht die eine einzige Lektüre eines einzigen Buches, etwa der Odyssee. Und auch bei allem Respekt: Platon kann uns philosophisch nicht genügen, jeder Philosoph lebt in neuen Kontexten und entwickelt dem entsprechend Fragen.
Warum gibt es Musik von unterschiedlichen Komponisten. Was hat die griechische Lyra mit Mozarts Violine gemein, außer, dass eben beides eben Musik „erzeugt“.
16.
Noch etwas zur Vermutung, Grundlage der Produktion von Neuem sei die NEUGIER. Ich definiere Neugier als unstillbare Unruhe des menschlichen Geistes. Neugier ist eine Lebensform des Geistes, aber eine zwiespältige Aktivität: Denn Neugier ist eine Art Sucht, immer alles mögliche Neue zu erleben, zu sehen, zu wissen.
Neugier ist Laster und Tugend, wie der Philosoph Martin Seel sagt. Als Tugend: Denn ohne Neugier gibt es keine Wissenschaft.
Neugier kann auch ein Laster sein: Als haltloser Ausfall jeglicher Diskretion zum Beispiel. Totale Neugier ist Orientierungslosigkeit, man sammelt alles Neue ohne Struktur. Martin Seel sagt: „Die haltlose Begierde nach Neuem macht den Sinn für das nachhaltig Neue tendenziell blind“ (in Merkur, Heft 712, S. 829
17.
Falsch ist der populäre Spruch von der „Stunde NULL“, dieser Spruch suggeriert den völligen Zusammenbruch (8. Mai 1945) als den dann absoluten neuen Neubeginn, als „Neugeburt“, mit dem angeblich absoluten Abstoßen alles Vergangenen.
Aber es gibt keine Stunde Null: Weil es z.B. auch politisch vor-geprägte Menschen sind, die die Zukunft von dieser Stunde „Null“ an neu gestalten, diese Menschen bringen sich selbst, also auch ihre Vergangenheit mit im Eintreten in eine neue Zeit.
Diese „neue Zeit“ ist aus alten Elementen neu entworfen. Nebenbei: Die „Trümmerfrauen“ haben alte Steine aus der Nazi Zeit wieder brauchbar gemacht stellt und für den Neubeginn der DDR oder auch der BRD verwendet…
18.
Zum schöpferischen Handeln gehört immer auch die nachträgliche Reflexion, und die erkennt: Jede Neuschöpfung greift auf altes Material zurück. Beethoven z.B. verdankte vieles seinen Vorgängern. Aber er schuf in der „Kombination“ des Alten unglaublich Schönes, also Neues. Aber gerade die Form eines Streichquartetts ist eine Gabe, ist eine Neuschöpfung. Beethoven ist eben keine Variante von Haydn oder gar von Mozart, so sehr er die Arbeiten dieser Komponisten auch kannte und vielleicht kurz zitierte, aber dann schöüferisch in neue Zusammenhänge stellte. Es gibt freilich auch ein Arbeiten am vorgegebenen Material, das eher ein Abschreiben ist, und dann entstehen nur Kopien oder Varianten des Früheren, wahrscheinlich Kitsch.
19.
Zusammenfassend:
Schöpferisch Leben verlangt nach der Reflexion: Man muss die Frage stellen: Woher stammt das alte Material, das ich für das Neue verwende, vor allem woher komme ich, was bin ich für eine Schöpfung?
Auch der menschliche Geist ist etwas Gegebenes: Wir greifen immer auf etwas Geschaffenes zurück. „Wir sind niemals die ersten, immer die Zweiten“, so ein Gedanke des Philosophen Giambattista Vico ( 1668 -1744, S. 352 in „Philosophie in Italien“).
20.
Und dann beginnt die Philosophie als Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie: Die Welt, so der Mythos etwa der Bibel, wurde „durch ein göttliches Wort“ erschaffen. Das ist ein poetisches, aber dem Thema angemessenes Wort. Diese Welt wurde also nicht erfunden und nicht entdeckt!! Sie wurde geschaffen. Creatio! Kreatives Geschehen. Da wird die Frage gestellt: Warum ist etwas und nicht vielmehr Nichts? Diesen Ursprung kann Naturwissenschaft nicht greifen und denken. Sie bleibt vom „Wesen“ her auf das Vorgegebene analytisch fixiert. Dies ist eine Beschreibung, kein Vorwurf!
21.
Wir können den schöpferischen Moment des Neues Schaffen im Menschen nicht definieren. Und das gleiche Eingeständnis gilt auch für den Gedanken an einen Schöpfer „des Ganzen“. Der Literaturwissenschaftler George Steiner sagt: „Wir als Geschaffene sind Teil des Schöpferischen“, „wir haben eine transzendentale Intuition“ als „Adel der Vernunft“ (In: „Grammatik der Schöpfung“, Seite 25).
Wer den „ersten“ und alles in die Existenz setzenden schöpferischen Akt, als den Ursprung des Ganzen, erkennen will, müsste diesen Ursprungt von allem als endlicher Mensch förmlich umgreifen können, begrifflich fassen. Er müsste zum Begreifen hinter den Schöpfer treten… Ein unsinniger Gedanke.
Dennoch müssen wir den Gedanken an eine UR-Schöpfung poetisch – philosophisch denken.
22.
Das Neue tun, das ist das Tun dessen, was wir in unserem Gewissen bereits wissen oder mindestens ahnen. Dieses Geahnte, als das, Utopische, als das hoffnungsvoll Ersehnte: Das, was eigentlich jetzt not – wendig dran ist und gefordert ist: Dieses Neue hat nur ethisch wertvollen Sinn, wenn es das Bessere und Gerechtere ist.
Ich will aus der Fülle der Kommentare und Stellungnahmen, die sich auf das dringend Neue beziehen, das als Neues/als das Gute zu tun ist, nur an einen Text des Historikers Timothy Snyder erinnern: Er ist Professor an der Yale University und Mitarbeiter an dem berühmten Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen. In der SZ vom 23.Dezember 2019, Seite 11, sagt Snyder zur Einschätzung der Demokratie: „In Europa und Amerika glauben viele Menschen nicht mehr, dass die Demokratie tatsächlich notwendig, unvermeidlich ist. Die Demokratie befindet sich auf der Verliererseite. UND: Die Demokratie ist in Gefahr, weil die Zukunft nicht mehr existiert“. D.h. Wir haben den Gedanken an eine gute Zukunft verloren. Dieser grundlegende Gedanke wurde uns zerstört durch die Propaganda der Neoliberalen: „Es gibt keine Alternative“.
Soweit Timothy Snyder: Er insistiert darauf: Wir können uns nicht mehr vorstellen, welcher Zukunftsentwurf besser ist. Uns wird zudem noch eingeredet, es gibt keine Alternative zum Kapitalismus in der bestehenden Form, einem Kapitalismus, der Elend erzeugt, weil er elende Menschen als billigste Arbeitskräfte braucht, einem Kapitalismus, der die Natur nur als Material der Ausbeutung und der technischen Verwendung betrachtet….
23.
Die Welt im ganzen und „sofort“ gerechter machen, das können wir als einzelne und kleine Gruppe oder NGO nicht. Aber jeder an seiner Stelle kann dafür sorgen, das etwas mehr Gerechtigkeit wirklich wird, und dies wahrscheinlich auch nur, um seinem Gewissensspruch zu entsprechen. Um nicht gewissenlos zu leben. Das wäre schon viel. Auch Neues im politischen Sinne hat seinen Ursprung im Gewissen, in der Phantasie, im Mitgefühl, in der Vernunft. Wenn dieses Neue – immer als Plural verstanden – den Normen der Humanität, der Menschenrechte, entspricht, sollte es gestaltet werden, von den Menschen, in denen der Gedanke „aufblitzte“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ohne Emotionen kein Verstehen der Kulturen

Der Philosoph Giambattista Vico grenzt den Verstand ein
Ein Hinweis von Christian Modehn

Gedenktage müssen nicht nur eine kulturpolitische Pflichtübung sein. Zumal dann, wenn man nicht auf die „runden Gedenktage“ fixiert ist, sondern auch die „eckigen Gedenktage“ beachtet, etwa an den Tod des großen italienischen Philosophen Giambattista Vico am 23. 1. 1744 denkt. Es ist wohl zutreffend, wenn man sagt: Vico ist heute – leider – nur in Fachkreisen bekannt. Das sollte sich ändern. Biographische Hinweise bieten Lexika, auch wikipedia. Ich will nur auf zwei zentrale Erkenntnisse seiner Philosophie hinweisen.

Giambattista Vico wurde am 23. Juni 1668 in Neapel geboren; und dort ist er am 23. Januar 1744 gestorben. Er war als vielseitig gebildeter Philosoph auch Professor für Rhetorik, und nebenbei: Angesichts seines Hauptwerkes war er mit einem sehr hohen Selbstbewusstsein ausgestattet… Vielleicht zurecht, denn Vico kann als einer der wichtigsten Philosophen der Hermeneutik gelten.

Bei der Gelegenheit möchte ich gleich das Buch von Thomas Sören Hoffmann empfehlen. Der Titel „Philosophie in Italien. Eine Einführung in 20 Porträts“, erschienen im MARIX Verlag, Wiesbaden. Die meisten Porträts gelten Philosophen der Renaissance. Vico gehört zum Übergang in die Moderne, wesentliche Aspekte seines Denkens werden auf den Seiten 351 bis 367 dargestellt.

Warum also Erinnerung an Vico?
Weil sein Denken eine Alternative zu dem damals völlig im Mittelpunkt stehenden Descartes bietet: Es gibt andere Bereiche, andere Fragestellungen, so Vico, als die von Descartes strengem Rationalismus vorgestellten. Vico wird zum „Gründervater“ der Geistes-Wissenschaften. Diese haben das Ziel, geistige, kulturelle Erscheinungen zu verstehen, und Verstehen ist etwas Anderes als das naturwissenschaftliche Rechnen und Erfinden. Thomas Sören Hoffmann spricht von einer „Frontstellung Vicos gegen die Rationalisierung der Welt“ (S. 354).
„Scienza nuova“ heißt das Hauptwerk Vicos, es vermittelt ein Bild von der sprachlich und geschichtlich geformten Welt. Um das Verstehen der Geschichte geht es. Und die können Menschen selbst in großem zeitlichen Abstand die anderen, die Fremden, verstehen, weil deren Texte Ausdruck des menschlichen Geistes und der Freiheit sind: Der eine allgemeine Geist ist anwesend in den kulturellen Werken, die sich in der Geschichte zeigen. „Die Wahrheit ferner Welten ist uns erreichbar“, schreibt der Philosoph Hoffmann über Vicos zentrale Erkenntnis. „Was von Menschen hervorgebracht worden ist, ist für andere Menschen erkennbar“ (S. 358). Vico schreibt: „Als wahr erkennen wir nur das, weil wir Menschen es selbst gemacht haben“! Eigentlich eine Aussage, die heute eher eine wie eine Selbstverständlichkeit klingt: Aber sie hat nach wie vor höchste Bedeutung, weil total Fremdes in der Menschenwelt ausgeschlossen ist. Keine vergangene wie gegenwärtige Kultur kann gegenüber einer anderen, etwa „unserer“ heutigen, behaupten: Diese ist und bleibt uns fremd.
Fremdheit kann vor allem durch Einfühlen überwunden werden. Einfühlen: Die ist eine Haltung, die nicht nur fürs Verstehen der Historiker gilt. Einfühlen ist eine Haltung, die für jeden Menschen gilt … und die lernbar ist! Gerade in Zeiten eines zunehmenden Rassismus und Antisemitismus. Im Verstehen des Fremden, der fremden Kultur, werden diese in ihrer Fremdheit natürlich nicht total nivelliert, angepasst oder aufgelöst: Sie bleiben „anders“, aber es wird Aspekte geben, für den jetzt Verstehenden hilfreich, wichtig, inspirierend sind.

Irritierend bleibt in Vicos Werk, dass sein Misstrauen gegenüber der autonomen Vernunft des Menschen umfassend wird. Vico spricht sogar von einer „Barbarei der Reflexion“ und dem „Zerstörerischen der Vernunft-Erkenntnis“. Er hält allein die Emotionalität für die Quelle der Kultur. Rationales Denken (der Verstand) sei zerstörerisches Denken: Eine These, die sich dann immer weiter sich bis in unsere Gegenwart durchsetzte, etwa derart, dass die Rationalität sogar zu Auschwitz geführt habe. Aber die Widerlegung dieser These ist ein anderes Thema.
In jedem Fall haben wir Vico zu danken für seine deutliche und aktuelle Aussage: Die Menschen sollten ihre reflektierte Emotionalität pflegen, wenn sie den anderen verstehen wollen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Was heißt christlich glauben?

Hinweise auf eine Lebens-Philosophie
Von Christian Modehn

1.
Was „christlich glauben“ heute bedeuten kann, ist nicht allein den Definitionen der Kirchen und ihren Institutionen zu überlassen. Selbstverständlich kann auch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Vorschläge machen, Hinweise geben.
Hier also, kurz gefasst und für „weite Kreise“ nachvollziehbar, Hinführungen zum christlichen Glauben, Skizzen zum Weiterdenken. „Den christlichen Glauben“ gibt es nur im Plural, verteilt auf unterschiedliche Kirchen, aber auch individuell – auch außerhalb der Kirchen – gedacht und gelebt von unterschiedlichen Menschen, die sich auch in unterschiedlichen Gesprächskreisen, etwa „philosophischen Salons“, treffen.
Dies auch als Beispiel für eine „freisinnige“ Theologie. Sie muss sich gegen die so mächtig wirkende, zerstörerische fundamentalistische Theologie behaupten.
2.
Ich plädiere hier für einen christlichen Glauben als eine Lebens –Philosophie. Das heißt: Der/die einzelne kann für sich selbst im Nachdenken, in der Meditation oder in der aktiven, auch gesellschaftlichen Praxis den Kern des christlichen Glaubens entdecken, erleben, erkennen, zur Sprache bringen, oft auch in der je eigenen Poesie, die man manchmal auch Gebet nennen kann. Dabei bezieht sich dieser „Kern“ des Glaubens auf einige Grundeinsichten Jesu von Nazareth.
3.
In der Frühzeit des Christentums wurden der christliche Glaube selbst als eine philosophische „Schule“ verstanden, auch von den Philosophen und ihren Schulen (Neoplatoniker, Stoiker usw.). Der Austausch der unterschiedlichen philosophischen Schulen endete damit, als sich die Christen als die einzige, die wahre philosophische Schule durchsetzten und die anderen Schulen als eigene, wertvolle Lebensmodelle ignorierten oder unterdrückten. Ich kann hier zur Vertiefung nur auf einen ausführlicheren Beitrag verweisen. LINK
4.
Christen beziehen sich in ihrem religiösen Glauben vor allem zentral auf einen Text, die Bibel. Besonders auf die vielfältigen Texte des Neuen Testaments (NT). Dass darin wiederum je unterschiedliche Interpretationen der Hebräischen Bibel (Altes Testament, AT) erscheinen, kann hier nicht weiter entfaltet werden.
5.
Im Mittelpunkt des Glaubens steht die Gestalt Jesus von Nazareth, der gerade dann, wenn er zentraler Mittelpunkt im Leben sein soll, Jesus als der Christus genannt wird. Christus bedeutet wörtlich übersetzt: der Gesalbte, also der Mensch mit einer besonderen Würde, vor allem der eines Königs. Und „Christus“ heißt für heute übersetzt bedeutet: Dieser Jesus gilt als das wichtige, befreiende und erlösende „Vorbild“.
6.
Jesus von Nazareth selbst, den man zu Lebzeiten auch Propheten und „Menschensohn“ nannte, haben nur relativ wenige Menschen kennen gelernt und nach seinem grausamen Tod auch weiterhin geschätzt, verehrt, geliebt und von ihm gesprochen. Dieser Freundeskreis ist etwa in den Jahren zwischen 40 bis 60 gestorben. Man nennt diese „Anhänger“ Jesu „die JüngerInnen“ bzw. auch „die 12 Apostel“. Und wiederum deren Freunde haben die 4 Evangelien aufgeschrieben, in den Jahren zwischen 60 bis 80. Mit anderen Worten: Was etwa der Apostel Petrus selbst sagte oder der “Lieblingsjünger“ Johannes selbst mitteilte, ist unbekannt. Alle Berichte des NT beziehen sich auf eine vielfältige mündliche Erinnerung an Jesus von Nazareth, die dann die Erzähler selbst wiederum unterschiedlich verwenden. Unmittelbar ist Jesus von Nazareth selbst in den Texten des NT nicht „erreichbar“.
7.
Seit dem Jahr 50 etwa kann man Jesus von Nazareth nur über die Texte des Neuen Testaments, vor allem durch die vier Evangelien, erkennen. Die so genannten apokryphen Evangelien sind in einem noch größeren zeitlichen Abstand zum Leben Jesu verfasst worden, sie bieten viele, von der offiziellen Kirche unterdrückte Legenden aus dem Leben Jesu…
Zentral ist die Erkenntnis: Wer Jesus Christus als Mittelpunkt des Lebens, etwa der eigenen Lebensphilosophie, sucht, ist auf Erzählungen anderer angewiesen. Eine ähnliche Situation gibt es etwa im Falle von Sokrates, dessen authentische Worte nicht überliefert sind, durch Platon wird seine Gestalt lebendig. Von wichtigen religiösen „Vorbildern“ – etwa auch von Buddha – gibt es keine schriftlichen, „authentischen“ Selbstdarstellungen.
8.
Warum aber das Interesse an Jesus? Seine Person soll eine Offenbarung Gottes sein. Die Kirchen lehren: Gott offenbart sich in dem Menschen Jesus von Nazareth. Der Unendliche, der/die Ewige, das absolute Geheimnis, wie auch immer man die alles gründende Wirklichkeit nennt, kann sich über die Gestalt Jesu von Nazareth erschließen.
9.
Gott selbst „spricht“ nicht direkt als solcher. Gott „spricht“ durch die Vermittlung der Erzählungen der Freunde Jesu. Wer christlich glauben will, kann sich also niemals in einem Text direkt auf Gott beziehen. Jede Behauptung: „Dies sagt Gott“. „Dies will Gott“ usw. , ist also in dieser Absolutheit von vornherein unzutreffend. Solche Sätze legen einen Fundamentalismus frei: Dies ist der Wahn einiger bzw. jetzt leider vieler, die da meinen, auf der Seite Gottes zu stehen…
10.
Das Neue Testament ist (als vielfältige Interpretation des Glaubens der ersten Christen) Menschenwort und als solches historisch und kritisch, d. h. wissenschaftlich, zu untersuchen. Damit kann auch die Dimension des Außerordentlichen der Jesus-Gestalt erschlossen werden.
11.
Die Redeweise in den Gottesdiensten der Kirchen: „Sie hören Gottes Wort“ ist also lediglich eine Art poetische Sprache. Treffender müsste es heißen: „Sie hören nun die für uns inspirierende Deutung der göttlichen Wirklichkeit durch die ersten Freunde Jesu von Nazareth“. Das wäre die Wahrheit.
12.
Die entscheidende Frage ist: Kann die innere Bewegtheit, also der Glaube, wie ihn die damaligen Jesus-Freunde (gerade in ihrer, uns zum Teil befremdlichen Sprache) uns vorlegen, auch uns zu „unserer“ spirituellen Bewegtheit führen, zu einer christlichen Lebensphilosophie?
Hinzu kommt noch die Auseinandersetzung (und manchmal die kritische Abwehr) der vorgefundenen Dogmen und Bekenntnisse, die sehr umfangreich seit dem 3. Jahrhundert von der Kirchenführung formuliert wurden.
13.
Wer diese durchaus „spannende“ Mühe des Studiums und des Lernens erlebt, ist aber im „Resultat“ immer frei, auf die je eigene Weise bestimmte Aspekte für die eigene christliche Lebensphilosophie herauszustellen. Man kann etwa die „wunderbaren“ Gleichnisse Jesu für sich selbst in den Mittelpunkt der eigenen Lebensphilosophie stellen oder die anspruchsvolle und verstörende Bergpredigt oder die Erzählungen von der Auferstehung Jesu: Da wird sichtbar: Wie Jesus, der als verstorbener Mensch wie alle Verstorbenen im Grab bleibt, dennoch als „Auferstandener“ gedeutet und erlebt wird. Weil er – als ein „Sohn Gottes“ – vom Ewigen und Göttlichen in sich selbst ausgezeichnet ist. Diese Auszeichnung ist sozusagen die „Kraft“ der Auferstehung. Jesu Überwindung des Todes schließt aber auch die Erkenntnis ein: Alle Menschen sind als Geschöpfe Gottes auch mit dem Ewigen in Einheit verbunden, deswegen haben auch sie Anteil an der Auferstehung. In welcher Weise und Form dies geschieht? Diese Details entziehen sich dem Begreifen des Menschen. In der christlichen Lebensphilosophie wird sozusagen nur ein Türspalt über den Tod hinaus geöffnet, ein Türspalt, in dem das Licht des Ewigen etwas spürbar wird. Mehr nicht. Aber das ist schon viel, zumal für Menschen, die von einer christlichen Lebensphilosophie auch einen Hinweis, wenn nicht eine Antwort auf den Tod oder auf die Angst vor dem Tod (als definitives Verschwinden im Nichts?) erwarten.
14.
Es gibt aber eine weitere, eine andere Möglichkeit, den christlichen Glauben kennen zu lernen und ihn dann möglicherweise als Mittelpunkt des eigenen Lebens anzunehmen:
Zu den überlieferten Worten des Propheten Jesus von Nazareth gehört auch der Vorschlag: Die Liebe soll die alles entscheidende, gestaltende Kraft im Leben, in der Gesellschaft sein. Liebe ist über alles zu stellen: Die Nächstenliebe als universale Form der Liebe. Denn jeder und jede kann der „Nächste“ sein. Diese Nächstenliebe erscheint aber im NT immer als Einheit mit der Gottesliebe. Jesu von Nazareths zentrale, alles andere in den Schatten stellende Erkenntnis und Weisheit heißt: Wer den Nächsten liebt, der liebt Gott. Weil in der Liebe der Sinngrund des Lebens mit bejaht wird, also Gott. Der große katholische Theologe Karl Rahner hat über diese Einheit von Nächstenliebe UND Gottesliebe wichtige Erkenntnisse mitgeteilt.
15.
In einer Lebenspraxis, die von Liebe, Friedfertigkeit, Solidarität, Empathie, Großzügigkeit bestimmt ist, geht dem Menschen inmitten dieser Praxis sozusagen ein Licht auf. Und dieses Licht wird von christlichen Lebensphilosophen als stille Anwesenheit eines überraschend Befreienden, „Beglückenden“, Überraschend – Göttlichen erfahren und ausgesprochen. In gewisser Weise hat wohl sogar der historische Jesus selbst diese Erfahrung beschrieben, als er von dem alles entscheidenden Urteil der göttlichen Wirklichkeit über das gelebte Leben der Menschen sprach: Entscheidend ist allein das Tun, das Tun des Guten und Gerechten. Konkret heißt das: Die Hilfe für Hungernde, das Trösten der Traurigen, der Beistand für die Leidenden usw. Man lese etwa im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums die Verse 34 bis 46.
16.
Wenn eine solidarische Lebenspraxis bereits entscheidend die christliche Lebensphilosophie ist, dann ergeben sich ganz neue Verbindungen unter den Menschen, die diese Lebenspraxis auf je eigene Art leben: Ich möchte hier nur an eine Erkenntnis des Theologen Paul Bolkovac SJ (Hamburg, 1907-1993) erinnern: „Sobald und solange jemand aus sich herausgeht, über sich hinauswächst und auf einen Anderen zugeht, fremde, andere Belange wahrnimmt, im doppelten Sinn des Wortes, dann ist er mit einer solchen Einstellung im Einklang mit Gott… Diese Praxis macht deutlich, wofür oder wogegen der Mensch steht. In der Gottlosigkeit befindet sich jeder, sobald und solange er in seinem privaten und auch kollektiven Egoismus befangen ist und gefangen bleibt“ (in: „Atheist im Vollzug – Atheist durch Interpretation“, in dem Buch „Atheismuskritisch betrachtet“, 1971, S, 22f.). Mit anderen Worten: Christen und Atheisten sind eng verbunden, sind Freunde, wenn sie eine Lebenspraxis der Solidarität (als Überwindung des Egoismus) leben. Und Atheisten (im Sinne des Egoismus) sind jene Christen und sich christlich nennende Politiker, die etwa eine Politik der Respektosigkeit für die Armen leben.
17.
So ist auch eine bestimmte solidarische Lebenspraxis im Respekt für die „anderen“ selbst schon christlicher Glaube. Aber diese richtige Glaubensform wird von den Kirchen so oft als gleichwertig zum „theoretischen Glauben“ übersehen. Wie alle Lebensphilosophie braucht auch diese eben eigene Worte, d.h. eine Poesie, Gebete genannt. Sie wird sich auch mit anderen austauschen und Gottesdienste gestalten, jenseits aller Routine.
18.
An eine dritte Möglichkeit einer christlichen Lebensphilosophie soll noch erinnert werden: Das Suchen und Fragen nach einem tragenden Sinn im Leben kann zu der Erkenntnis werden: Der Mensch ist selbstverständlich alles andere als ein bloßes „Naturwesen“. Er ist durch seinen Geist über alles Endliche „hinaus“ und damit verwiesen auf etwas Unendliches. Man lese Hegel in dem Zusammenhang! Der menschliche Geist ist nicht eingezwängt ins Weltliche, er transzendiert immer schon alles Vorfindliche – Gegebene. Wer achtsam diese Verwiesenheit auf das Unendliche lebt und zur Sprache bringt, kann von da aus einen Zugang auch zum christlichen Glauben finden. Er kann viele zentrale Glaubens-Wirklichkeiten inmitten seines eigenen Lebens erfahren und zur Sprache bringen: Die Erfahrung der Gnade etwa als das Geschehen eines (zu – fälligen) Beschenktwerdens. Oder die Sehnsucht nach einem Vorbild, das nicht (etwa als Guru oder gar als Führer) ausbeuterisch in die Irre führt, sondern zum je eigenen Sein befreit. Dieses immer schon im Geist, in der Seele, gesuchte Vorbild könnte dann in der Gestalt des Jesus von Nazareth entdeckt bzw. wieder-gefunden werden. Oder die berechtigte innere Sehnsucht nach einer heilsamen Gemeinschaft könnte zu einer Vorstellung einer Gemeinschaft oder Gemeinde führen, die im Geist der Offenheit und des Respekts die christliche Lebensphilosophie feiert. Wer dafür eine klassische theologische Begründung wünscht: Sie hat ihr Fundament in der Lehre vom „heiligen Geist“, der in jedem Mensch wirksam und kreativ handelnd und denkend lebt!
19.
Damit will ich sagen: Vom geistigen Leben der Menschen aus ließen sich die Grunderkenntnisse der biblischen Lehren selbst schon erschließen und ansatzweise formulieren. Auch die überlieferten Erzählungen und Lehren des Neuen Testaments sind nichts anderes als Äußerungen, schriftliche „Objektivierungen“, des inneren Erlebens der Autoren dieser Texte. Sie haben ihr eigenes inneres Bewegtsein niedergeschrieben so, wie sich heute Menschen in eigener Poesie ihr eigenes inneres Bewegtsein vom Glauben niederzuschreiben. So entstehen in gewisser Weise auch „heilige Schriften“ im Laufe der Glaubens – und Kirchengeschichte. Sie stehen in einem Dialog miteinander. Wobei den Texten der ersten Freunden (NT) sicher eine besonders zu respektierende Bedeutung zukommen wird.
Es gibt also ein Christentum, das von „unten“, von der seelischen und geistigen Bewegtheit entsteht.
20.
Warum ist hier immer von christlicher „Lebensphilosophie“ die Rede? Weil der christliche Glaube –„Gott sei Dank“ – weit über den kirchlich fixierten christlichen Glauben hinaus weist. Und weil Philosophie alles andere ist als ein abstraktes Theoretisieren. Philosophieren entsteht inmitten der Lebenspraxis und führt – reflektiert – wieder in eine neue, dann veränderte, möglicherweise tiefere, „verbesserte“ Lebenspraxis zurück. Und dann geht die geistige Bewegung erneut weiter. Christliche Lebensphilosophie ist niemals Stillstand, niemals Stagnation, obwohl so viele Kirchen heute immer noch diesen Eindruck hinterlassen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Eine Philosophie des Störenfrieds. Der „puer robustus“.

Ein Hinweis von Christian Modehn
Das hier vorgestellte Buch habe ich schon im Januar 2017 kurz besprochen, aber die Rezension ist dann irgendwie – leider – liegen geblieben. Darum, zwar etwas verspätet, der durchaus empfehlende Hinweis auf das Buch von Dieter Thomä, Professor für Philosophie in St. Gallen, Schweiz.
Der politische Philosoph Thomas Hobbes (17. Jh.) hat die für sein Fach übliche Abstraktheit etwas aufgelockert.: Er erfand das Bild eines Bösewichts, den er „puer rubustus“, das kräftige Kerlchen, nannte. Als Störenfried, Außenseiter und Rebell attackierte er Ordnung und Wohlergehen. Aber solche Erschütterungen braucht das allzu oft träge Dahinleben in der Gesellschaft und anderen Institutionen bzw. Bürokratien. Demokratien leben förmlich von Störenfrieden, von radikal Fragenden, Suchenden, die Diskussion „Aufmischenden“.
Diesen puer robustus hat Dieter Thomä gründlich erforscht und für uns zu neuem Leben erweckt. Er zeigt, wie „dieser Bursche“ in der Geschichte eine Art Gestaltwandel durchmacht. Immer aber neigt er dazu, alle möglichen Grenzen in der Gesellschaft und im Staat zu überschreiten: So sollte eine andere, bessere Welt befördert werden. Abzuweisen sind lediglich fundamentalistische extremistische Störenfriede: Sie wollen nicht stören, sondern zerstören.
Als akzeptable Störenfriede können etwa Rousseau, Diderot, Victor Hugo, Marx, Freud und andere gelten. Der Leser erlebt, dank dieser Symbol-Figur eine anschauliche, eine durchaus fesselnde Geschichte (eine „Abenteuergeschichte“, sagt der Autor) politischer Philosophie. Dabei ist der puer robustus keineswegs nur – wie bei Hobbes – der Egoist, dem Verantwortung völlig egal ist. Der Philosoph Diderot sieht ihn als exzentrischen „genialen Kindskopf“, der falsche Konventionen zum Einsturz bringt. An den Gesetzen im Dienst einer gerechten Ordnung ist der puer robustus von Rousseau interessiert, an ihm werden sich Demokraten abarbeiten. Leider hat der robuste Bursche auch ein schreckliches Gesicht: Es ist der gemeine Schläger, der sich einer menschenverachtenden (fundamentalistischen) Ideologie hingibt. Vorbildlich hingegen bleiben junge Aktivisten, die unserer Gesellschaft kritisch einen Spiegel vorhalten und vor Verirrungen warnen: Solch ein „starker Typ“ ist der etwa mutige Edward Snowden. Heute erleben wir politische Störenfriede lokal und global: Flüchtlinge bei uns sind die „Überraschungsgäste“ von weit her, die oft den Ungeist des schädlichen Nationalismus bloßstellen und mitmenschliche Verantwortung, Demokratie und Menschenrechte wachrufen.

P.S.: Diese Gestalt des PUER ROBUSTUS ließe sich auch lang und breit in der Religionsgeschichte, der Kirchengeschichte, nachzeichnen. Da wurde von der herrschenden Hierarchie den Störenfrieden fast immer der Titel „Ketzer“ angehängt, was oft für die Betroffenen tödlich endete. Es sei denn, diese frommen Störenfriede beugten sich der herrschenden Kirchenordnung und gaben viel Störendes preis. Vielleicht hat sich der eigentlich ja radikale Franziskus von Assisi auch der herrschenden Ordnung gebeugt. Petrus Waldés und die Seinen hingegen beugten sich nicht, die Waldenser leben als kleine Kirche der Rebellen bis heute… Auch die Remonstranten widersetzten sich der großen herrschenden Kirche (den Calvinisten) in Holland im Jahr 1619. Sie leben als freisinnige, humanistische Kirche bis heute.

Dieter Thomä, Puer Robustus. Eine Philosophie des Störenfrieds. von Dieter Thomä. Suhrkamp Verlag, 2016, 715 Seiten, 35 EURO

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die globale Welt verstehen: Ein neues Lexikon.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Dies ist wohl immer noch eine Art „Ideal“ philosophischen Denkens und Arbeitens „Das, was ist, zu begreifen“, wie Hegel sagte. Ein Ideal, dem man auch heute nachstreben sollte, ohne es jemals zu erreichen. Denn die auf ihre Vernunft hin zu überprüfende Wirklichkeit wird immer komplexer: Immerhin gibt es jetzt eine Art „Kleines Lexikon“ wichtiger (und für viele wohl auch neuer) Begriffe aus Politik, Ökonomie und Gesellschaft; ein Buch von 268 Seiten Umfang, das in 126 Stichworten ein „ABC der globalen (UN)Ordnung“, so der Titel, bietet.
Verfasst haben dieses Buch 126 kompetente AutorInnen, Wissenschaftler, Fachjournalisten. Das Buch gehört meines Erachtens auf den Schreibtisch, Nachttisch, Küchentisch, Schultisch, aufs Lese – Sofa…Es sollte konsultiert werden, wann immer in den Medien Stichworte auftauchen, die noch nicht allzu bekannt sind, also von „Anthropozän“ bis „Zivilgesellschaft“, so der Untertitel. Zu jedem Stichwort werden auf zwei Buchseiten Erläuterungen und Kritik (mit knappen Literaturhinweisen) angeboten. Nur einige der besprochenen Stichworte: Künstliche Intelligenz, Fake News, Finanztransaktionssteuer, Extraktivismus, Flexibilisierung, Grundeinkommen, hybride Kulturen, Commons, Freihandel, Rechtspopulismus usw. usw.
Ich finde als Start für ein philosophisches Begreifen unserer Gegenwart in der Allmacht der Globalisierung das Stichwort „Imperiale Lebensweise“ sehr gut geeignet für Gesprächgruppen: Die Frage ist doch: Ist denn nicht der ganze Westen und sind nicht die so genannten Eliten in den Ländern des Südens von einer „imperialen Lebensweise“ bestimmt?
Wer sich angesichts der Globalisierung auch für Religionen interessiert, wird in dem Buch nicht umfassend bedient, das Stichwort Fundamentalismus bietet Hinweise. Auch zur Philosophie im engeren Sinne hätte ein eigenes Stichwort, etwa zur „interkulturellen Philosophie“ (gefördert durch die Zeitschrift POLYLOG, Wien), gut getan.
Aber diese kritischen Hinweise mindern den Wert dieses Buches überhaupt nicht. Und es ist erstaunlich, dass das neue Buch „ABC der globalen Unordnung“ nur 12 Euro kostet!

Claudia von Braunmühl und andere Hg.: „ABC der globalen (UN)Ordnung“. 2019, VSA Verlag Hamburg, 268 Seiten, 12 €.

Das Buch wurde in Kooperation mit der Friedrich Ebert Stiftung, der TAZ und dem wissenschaftlichen Beirat von ATTAC ermöglicht!

Weihnachten und Philosophieren

Was kann Weihnachten philosophisch bedeuten?
Hinweise von Christian Modehn

1.
Wer sich philosophierend mit Weihnachten beschäftigt, wird zunächst kritisch das Umfeld ausleuchten, in dem dieses christliche Fest heute steht. Das Umfeld ist: Kommerz und Konsum, zwanghaftes Schenkenwollen und Sehnsucht nach dem Beschenktwerden, Erinnerungen an die eigene Kindheit, Sehnsucht nach einer Wiedererweckung der Kindheit als kurzfristige Nostalgie… der Wunsch, an diesem Tag ausdrücklich kinderfreundlich zu sein…Das Bedürfnis, gerade an diesem Tag einmal gut und nett zu sein, eine heile Insel im belasteten Alltag zu hegen, mit all dem Streß, der dabei entsteht… Daran kann sich eine empirische „Weihnachtskritik“ abarbeiten…
2.
Es müsste der Begriff der GABE bedacht werden. Es müsste z.B. gefragt werden, ob der Mensch für den anderen wesentlich Gabe ist. Ob die Gaben, die Geschenke, gerade zu Weihnachten, Ausdruck dieser wesentlichen Gabe des Daseins sind oder heute noch sein können. Verdeckt der Konsumismus den Charakter der Gabe?
3.
Weiter muss über die Bedeutung der Gefühle, der Emotionen und Affekte fürs kritische Nachdenken im allgemeinen gesprochen werden. Sind Gefühle der spontane Erstkontakt mit der äußeren Wirklichkeit? Erschließen sie auf eigene, noch unthematische Art das eigene Leben im Kontext mit anderen? Was passiert, wenn Gefühle dann aber tatsächlich reflektiert werden? Dann kommen Gefühle erst zu ihrem wahren Gehalt. Ohne Vernunft sind Gefühle blind, ohne Gefühle ist Vernunft abstrakt und „lebensfern“.
4.
Was bedeutet diese Erkenntnis für Weihnachten? Die einzelnen Gefühle anlässlich von Weihnachten (vor allem: „Heilig Abend“) wären kritisch zu bedenken. Etwa die Sehnsucht nach Nostalgie, nach Eintauchen in die eigene (Weihnachts)–Kindheit. Ist dieses Eintauchen ins angeblich heile Damals eine Flucht, ist es Opium? Oder ist es ein nötiges heilsames Intermezzo, um überhaupt die Routine und Öde und die Ängste des vorherrschenden, „nichtweihnachtlichen“ Alltags zu bestehen? Wie sind die extrem häufigen Teilnahmen an Gottesdiensten gerade zu Weihnachten zu verstehen? Gehört Gottesdienstbesuch zur Nostalgie? Wie kommt es, dass man Weihnachtslieder kitschigen Inhalts und in einer kaum nachvollziehbaren Spiritualität mitsingen kann, dabei auf jeden Gebrauch kritischer Nachdenklichkeit verzichtet, um so das Fremde und ganz Andere („Eigentliche“) des Weihnachtsfestes zu beleben? Sind die Kirchen in der westlichen Welt, sonst am Sonntag zum Gottesdienst immer weniger besucht, etwa längst zu „Weihnachtskirchen“ geworden? Sind die Pfarrer bei ihrer totalen Auslastung zu Weihnachten etwa in gewisser Weise „Weihnachtspfarrer“ geworden? Wenn die „Gottesdienstbesucher“ zu Weihnachten  in der Statistik der „Gottesdienstbesucher pro Jahr insgesamt“ mitgezählt werden, ergibt sich dann noch eine halbwegs realistische Statistik zur „allgemeinen Teilnahme am Sonntagsgottesdienst“? Dieser Frage sollten Religionssoziologen nachgehen.
5.
Philosophisch bleibt die Frage: Gibt es prominente Philosophen, die „Weihnachten“ gedacht haben? Da ist zuerst nicht die radikale Religionskritik gemeint, die im Vorurteil alles Christliche sowieso abwehrt; sondern eine Philosophie, die auch religiöse Texte relevant findet, weil diese Texte Ausdruck menschlichen Selbstverständnisses sind.
6.
An Meister Eckart, den mittelalterlichen Philosophen und gerade nicht (nur) den Mystiker, wie die neueste Studie von Kurt Flasch zeigt, wäre auch zu erinnern, etwa an das Stichwort von der „Gottes Geburt in der Seele“. Dann ist Weihnachten vor allem die Erkenntnis: Jeder Mensch hat Anteil an dem Göttlichen, das in seinem Geist, seiner Seele, lebt als „das Ewige“. Die Geburt Jesu von Nazareth, verstanden als Gott-Mensch, macht nur die allgemeine gott-menschliche Befindlichkeit eines jeden Menschen offenbar.
7.
Bei Hegel kommt Weihnachten als explizites Stichwort meines Wissens nicht vor, hingegen steht die „Sache“ Weihnachten im Mittelpunkt seines Denkens: Es bezieht sich ZENTRAL auf die „Menschwerdung Gottes“ in Jesus Christus. Um dieses Ereignis dreht sich die ganze Geschichtsphilosophie Hegels. Weil da die Einheit von Göttlich und Menschlich sichtbar wird, eine Einheit, die nicht nur auf die einzelne Gestalt Jesus Christus bezogen bleibt, sondern schlechthin ALLE Menschen betrifft. Alle Menschen, im Sinne Hegels und im Sinne des Johannes-Evangeliums, haben Anteil an dem göttlichen Geist, insofern gehören sie als Menschen zu Gott.
Politisch bedeutend ist die Menschwerdung Gottes, weil die absolute Wertigkeit, die göttliche Wichtigkeit, des menschlichen Subjekts,und zwar jedes Menschen, sichtbar wird. Jeder Mensch ist von absoluter Würde. Und, so fügt Hegel hinzu, jeder ist in der Lage, die umfassende Freiheit zu gestalten. Denn in der Menschwerdung Gottes ist die Entfremdung zwischen Göttlich und Menschlich „an sich“ überwunden, da gibt es keine prinzipielle Fremdheit mehr, keinen Gegensatz zwischen Gott und Mensch. Wenn die Beziehung zwischen Unendlichem und Endlichem also „an sich“ bereits eine FREIE Beziehung ist, dann ergibt sich die Möglichkeit, alle anderen, auch weltlichen Fremdheiten und Entfremdungen in freie Verhältnisse auch politisch umzugestalten.
Für Hegel (und für Christen, die wissen, was ihr Bekenntnis bedeutet) ist Weihnachten also ein politisches Fest. Ein Fest, das nicht zum Stillesitzen verführt, sondern zum Eintreten für die Befreiung, für die Menschenwürde, für die Menschenrechte. Und es ist die Frage, ob die zu Weihnachten üblichen Spendenaufrufe diesem umfassenden Projekt entsprechen können, eine gerechte und friedliche Welt zu gestalten.
Wenn die Versöhnung von Gott und Mensch (also Weihnachten,gemeint als die freie Beziehung von Gott und Mensch), im philosophischen Denken Hegels erreicht wird, wenn der Mensch also dieser Erkenntnis „ganzheitlich“ inne wird: Was bedeuten dann noch die Kirchen? Welche Rolle spielt die Gemeinde usw… Hegel sagte ja einmal: „Philosophie ist der wahre Gottesdienst“…Einige Teilnehmer in unserem religions-philosophischen Salon meinten in einer Diskussion zum Thema: Das Innewerden des Göttlichen „in mir“ sei entscheidend… (und ausreichend für eine freie Gottesbeziehung). Hegel jedoch legte allen Nachdruck auf die Gemeinde der Christen, als Ort des Gesprächs, der Feier, auch des Gottesdienstes, um sich wechselseitig der Anwesenheit des göttlichen Geistes zu versichern.
8.
Als Lektüre empfehle ich von G.W.F. Hegel die „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. In der Theorie Werkausgabe des Suhrkamp Verlages im Kapitel „Das Christentum“ , Seite 385ff. Sowie den schönen Text von Joachim Ritter „Subjektivität und industrielle Gesellschaft. Zu Hegel Theorie der Subjektivität, in Joachim Ritter; Subjektivität, Frankfurt a.M. 1974, vor allem Seite 24. Und natürlich das grundlegende Werk „Menschwerdung Gottes“ von Hans Küng. Ausdrücklich und ganz besonders empfehle ich die ausführliche ausgezeichnete Studie des Philosophen und Hegel-Spezialisten Michael Theunissen: „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“.
9.
Auch ein „atheistischer Philosoph“ hat sich unter besonderen Bedingungen positiv zum Ereignis der Geburt Jesu von Nazareth geäußert: Weihnachten 1940 verbrachte JEAN-PAUL SARTRE in deutscher Kriegsgefangenschaft in Trier. Für seine Mitgefangenen schreibt Sartre – auf deren Bitte hin – eine Art „Mysterienspiel“, also eine das „Wunderbare“ darstellende Aufführung von und für „Laien“. Offenbar sind religiöse Gefühle gar nicht abzuweisen in großer Not, selbst bei einem Atheisten…Sartre stellt einen Widerstandskämfer in den Mittelpunkt, sein Name ist Bariona. Er hilft der „Heiligen Familie“ dem Zugriff des Herodes zu entkommen. Und stirbt aber selbst dabei, als er sich für die Flucht des Jesus-Kindes mit seinen Eltern Josef und Maria einsetzt. Das Sartre Stück wurde zu Weihnachten 1941 gleich dreimal von Kriegsgefangenen aufgeführt. Erst 1976 stimmte Sartre der Veröffentlichung seines Theaterstücks im Verlag Gallimard (Paris) zu. Sartre selbst war wohl dieser „fromme Ausrutscher“ in seinem Werk etwas peinlich. Siehe dazu knapp zusammengefasst: Christian Modehn, Religion in Frankreich,Gütersloh 1993, Seite 86 ff.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Modern-katholisch“: Über den großen Theologen Edward Schillebeeckx

Hinweise von Christian Modehn

1.
Über die Biographie und das umfassende Werk von Edward Schillebeeckx kann man sich im Internet informieren, siehe etwa auch die Studie von Ulrich Engel: (http://www.muenster.de/~angergun/nachruf-schillebeeckx.pdf)

Edward Schillebeeckx: Geboren am 12.11.1914 in Antwerpen, lehrte viele Jahre in Nijmegen, Niederlande, dort gestorben am 23.12.2009, vor 10 Jahren.
Gewiss, er ist ein Theologe, der zur letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört. Viele große Probleme des beginnenden 21. Jahrhunderts konnte er gar nicht kennen. Was hätte er etwa zu den apokalyptischen Vorstellungen angesichts der Klima-Katastrophen gesagt? Was zum Niedergang der Demokratien, was zur Zunahme des Rechtsextremismus und Antisemitismus? Dennoch bleiben viele seiner Erkenntnisse zumal über die Machtverhältnisse in der römischen Kirche nach wie vor – leider – aktuell. Und vor allem: Schillebeeckx war ein mutiger, ein frei-mütiger Theologe, wie man ihn im katholischen Bereich sehr selten findet. Deswegen allein ist er schon wegweisend.
Edward Schillebeeckx war ein umfassend gebildeter Theologe. Er kannte als „systematischer Theologe“ sehr gut die Ergebnisse der heutigen Bibelwissenschaften. Und er war bestens mit philosophischen Fragen vertraut. Davon geben seine drei großen, weit verbreiteten Studien der letzten Jahre Zeugnis „Jesus“ (1980), „Christus“ (1980) und „Menschen“ (1990).
Die zentrale Frage für mich ist: Ob sein Denken heute noch lebt? Gelegentlich erscheinen theologische Studien zu seinem Werk, eher bestimmt für Fachkreise. Und einzelne seiner spirituellen Vorschläge werden gewiss noch von einzelnen respektiert: Etwa sein dringender Hinweis: Nur ein menschenfreundlicher Gott verdient es, als Gott der Christen verehrt zu werden. Aber Tatsache ist auch, dass viele seiner Vorschläge von den Kirchenführern nicht nur ins Vergessen gedrängt, sondern auch gezielt unterdrückt wurden. Dabei hat sich Pater Schillebeeckx, Dominikaner, stets als Theologe der Praxis, der Kirchen – Reform verstanden. Er wollte Wirkung haben, so sehr er auch treffend für alle Theologen, auch die in Rom schreibenden, und auch für sich sagte: „Ich schreibe meine Bücher nicht für die Ewigkeit“.
Schillebeeckx war modern-katholisch, nicht römisch-katholisch. Er wusste: Modern-katholisch hat eine große Berechtigung heute, wo es doch so viele mittelalterlich-katholische Herren gibt und immer schon gab oder gar hellenistisch-katholische Theologen (wie Joseph Ratzinger). Und Schillebeeckx ahnte wohl: Angesichts der Machtverhältnisse im Katholizismus hat „modern – katholisch“ letztlich keine Chance. Die Geschichte der katholischen Kirche der Niederlande ist dafür ein Beweis, es ist die Geschichte des Verbots alles Modernen und Katholischen durch Rom…Eigentlich ein Drama.

2.
Edward Schillebeeckx ist einer der großen katholischen Theologen, das ist gar keine Frage: Denn er hat nicht nur die Zeugnisse der ersten Christen (NT) und die Kirchenlehre als Normen des Glaubens angesehen, sondern er fand auch gleichwertig die Lebenserfahrungen moderner Menschen, wenn es um die Bestimmung des Glaubens und die Gestalt der Kirche geht. Für Schillebeeckx gab es also immer zwei gleichberechtigte Quellen des Glaubens: Sozusagen das „Damals“ und das „Heute“.
Nur ein Beispiel: Wenn die Grundüberzeugung vieler, leider nicht aller modernen Menschen demokratisch ist und von Menschenrechten geprägt ist, dann muss auch die katholische Kirche demokratische Strukturen haben und in einem Geist der demokratischen Gleichberechtigung von Laien und Priestern, von Männern und Frauen leben. „Warum sollte die Kirche denn ihr Verwaltungs- und Regierungsmodell nicht demokratisieren können, ohne dabei ihre Unterwerfung unter das Wort Gottes anzutasten? Als ob eine autoritäre Leitung der Unterwerfung der Kirche unter das Wort Gottes besser entspräche als eine demokratisch geführte Regierung…“(E.S., „Menschen – die Geschichte von Gott“, Freiburg, 1990, S. 275).

3.
Das ist besonders wichtig: Schillebeeckx nannte seine Theologie eine Korrespondenz zwischen Bibel und Lebenserfahrung. Theologie und Kirchenlehre/Predigt dürfen für ihn nicht naiv den Anspruch haben Einige vorgegebene Sätze der Bibel einfach „anzuwenden“ für die heutigen Menschen. Diese frontale Methode nannte Schillebeeck „das Vogel, friss oder stirb“, also: Nimm die alten Sprüche der Tradition an, so wie sie gelehrt wurden … oder du bist eben kein Christ mehr.
Vielmehr muss die Lebenserfahrung der modernen Menschen selbst eine Stimme haben, eine inhaltliche Bedeutung haben, wenn es um die Darstellung des Christentums heute geht. Aber Schillebeeckx ging nie so weit wie die heutige liberale Theologie zu sagen: Auch die heutige Lebenserfahrung bietet neue Erkenntnisse zur Gestaltung christlicher Lehre und Praxis. Man könnte ja – liberal theologisch sagen: Die Suche nach den gründenden Lebenssinn ist die Suche nach Gott. Und der gründende Sinn kann Gott genannt werden. Soweit geht Schillebeeckx nicht. Obwohl er klar sagte: Man kann heutige Christen nicht verpflichten, einfach alle überlieferten Auslegungen des Glaubens in der alten Sprache zu glauben. (vgl. E.S. „Menschliche Erfahrung und Glaube an Jesus Christus“, Freiburg, 1979 S. 35.). Schillebeeckx große Leistung war es, eine Haupttendenz modernen Lebens zu benennen: Die Suche nach einer heilen, umfassend menschlichen, gerechten Welt. Darum sagte er: Wenn die Kirche heute von Erlösung oder „Heil“ spricht: Dann meint sie nicht nur „Seelenheil“, sondern vor allem die „Heilmachung“ des ganzen Menschen, in all seinen Aspekten und der Gesellschaft, in der der Mensch lebt“ (ebd. 47).

4.
Nur auf einige grundlegend kritische Äußerungen möchte ich noch hinweisen: Schillebeeckx wollte von Gott nicht „zu viel wissen“, er wollte Gott Gott sein lassen, als ein bleibendes Geheimnis. Darum sagte Schillbeeckx: „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitäts – Theologie fast ein Agnostiker. Ich bekenne die Trinität, aber ich übe gleichzeitig eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Anstrengungen, die Beziehungen zwischen den drei (göttlichen) Personen rational zu erfassen“. („E.S. im Gespräch“, Luzern 1994, S. 107).
Oder:
Gegen Missbrauch der Religion als Opium des Volkes betonte er: „Lieber kein Glaube an das ewige Leben als einen Gott bekennen, der Menschen im Hier und Heute demütigt, also klein hält und politisch erniedrigt mit des Glaubens Blick auf ein besseres Jenseits“ (E.S., „Menschen…“, S. 173)

5.
Philosophisch inspirierend bleibt sein Plädoyer, die Kontrast – Erfahrungen zu respektieren, auch als Orientierung für eine philosophische Lebenshaltung im Alltag. Er meinte: Menschen sind ständig mit Begrenzungen des Lebens konfrontiert, mit Leiden und Schmerzen, mit Ungerechtigkeit und Krieg. Aber, und darauf kommt es an: In der Erkenntnis des Negativen schließen sich die Menschen nicht ein. In ihrem Verlangen, in ihrem Geist, der Vernunft, streben sie über das negativ Erfahrene hinaus. Als Kontrast zum Negativen leuchtet unthematisch stets das „Andere“, das Bessere, das Gerechtere auf. In dieser Erkenntnis folgt Schillebeeckx den Erkenntnissen der Dialektik, vielleicht auch Ernst Bloch. Entscheidend aber ist: In dieser Kontrast – Erfahrung treffen sich Menschen unterschiedlicher religiöser und philosophischer Überzeugungen, Theisten und Atheisten zum Beispiel. Sie können auf der Basis gemeinsamer Kontrast – Erfahrungen zum gemeinsamen Handeln finden. „Weltliche“ NGOs, wie „Ärzte ohne Grenzen“, sind für ihn ein Beispiel eines humanen Handelns von Menschen verschiedener Weltanschauungen. „Wo durch Menschen Gerechtigkeit geschieht, kommt das Reich Gottes“ (Schillebeeckx: „Gott ist jeden Tag neu“, Mainz, 1984, S.77).
An die Gespräche von Schillebeeckx mit Leo Apostel, einem bekannten Atheisten in Belgien, im Jahr 1988, müsste in dem Zusammenhang erinnert werden, Apostel ist Autor des Buches „Atheistische Spiritualiteit“ (Brussel 1998). „Apostel gibt zu, dass eine humanistisch-agnostische Weltanschauung zwar eintritt für die Menschlichkeit des Menschen. Aber dass sie häufig ihre philosophischen Hintergründe und Fundamente ungedacht sein lässt“. (so Jan van de Veken, Leuven).

6.
Schillebeeckx liebte die Öffentlichkeit: In zahlreichen Interviews hat er einige zentrale Einsichten für weite Kreise vorgetragen, etwa in einem großen Interview für die angesehene große Tageszeitung „NRC Handelsblad“ vom 20. November 1999. Es sind solche Interviews, die Schillebeeckx in seiner menschlichen, seiner geistigen und theologischen Freiheit zeigen, auch in seiner Freundlichkeit, in seinem Mut, selbst schwierige Fragen kurz zu beantworten.
So wird in dem genannten Interview von Frénk van der Linden die Frage gestellt, ob für ihn als katholischen Theologen und Spezialisten für die Sakramente Gott vor allem in den Sakramenten (Taufe, Kommunion etc.) erfahren werden kann: „Ich will sagen, dass man Gott nicht allein in den Sakramenten begegnet, sondern überall. Der Kontakt mit Gott ist der Kontakt mit Menschen. In den Sakramenten wird dies neu gefeiert… Gott greift in unsere Welt nicht von oben ein. Er ist immanent in allen Dingen“.
Aber welche Konsequenzen hat das für die Ethik?
In dem genannten Interview sagt Schillbeeckx: „Ethik hat als Basis Menschenwürde und Humanität. Dazu hat jeder etwas zu sagen, nicht nur die Kirche. In Fragen der Ethik kann man sich nicht auf Gott berufen. Ethik ist ein menschlicher Konsens, der nach langem Suchen entsteht. Und was die Homosexualität betrifft: Als Gott die Welt und die Natur geschaffen hat, hat er auch Homosexuelle geschaffen. Homosexualität ist eine gute Schöpfung Gottes“.

7.
Und es bezeichnend für den Freimut, in dem Schillebeeckx denkt und auch öffentlich spricht: Wenn er den damaligen katholischen Bischof von Groningen, Wim Eijk, (heute Kardinal in Utrecht und Opus Dei Mitglied) kritisiert: Eijk hatte Homosexualität als Krankheit bezeichnet, die man heilen kann. Dazu sagt Schillebeeckx in dem genannten Interview: „Dies ist ein Torheit, dieser Mann (also der katholische Bischof) ist ein Narr“. Genauso deutlich ist Schillbeeckx gegenüber dem damaligen Erzbischof Simonis von Utrecht: Es sei Unsinn, wenn der Erzbischof behauptet, dass nur im Sakrament, etwa in der Messe eine Gotteserfahrung sich ereigne. „Faktisch macht die Kirche Unsinn, und man muss den Mut haben, das zu sagen“ („E.S. im Gespräch“, a.a.O., S. 86).
In dem NRC Handelsblad sagte er am 20. November 1999: „Der Papst (Johannes Paul II.) ist ein Alleinherrscher, er beschließt alles selbst. Das ist eine verkehrte `Betriebsleitung`. Er versammelt lauter Ja – Sager um sich“ . Und bezogen auf die autoritäre Durchsetzung konservativster Bischöfe in Holland sagt Schillbeeckx:“ Jetzt kommt alle Weisheit aus Rom und die Leute laufen aus der Kirche weg“.
Schillebeeckx hat übrigens immer sehr deutlich zu den Basisgemeinden in Holland bekannt, er war aktiv bei der „Acht-Mei-Beweging“, die als Protestgruppe gegen den Besuch des Papstes (Johannes Paul II) 1985 entstanden war. Schillebeecks hat Partei ergriffen, das zeichnet ihn aus auch gegenüber deutschen katholischen Universitäts-Theologen.

Es ist dieser Mut zur öffentlichen Kritik an katholischen „Amtspersonen“, der Schillebeckx auszeichnete. Und der ihm das Leben gewiss nicht leichter machte, dennoch nannte er sich oft „einen glücklichen Theologen“. In diesem Freimut ist er sicher tief mit der niederländischen Kultur verbunden. So hat er sich auch gegen konfessionelle Parteien ausgesprochen, wie gegen die CDA in Holland, die etwas verwandt ist mit der deutschen CDU. „Denn die Politik selbst ist autonom, ein innerweltliches Gebiet, darum bin ich gegen konfessionelle Parteien. Aber ich glaube, dass es eine Politik von Christen gibt, die verteidigen politisch die Menschen, die unterdrückt sind. In der Hinsicht ist die Partei „GroenLinks“ (Grün-Links) christlicher als die CDA.“

8.
Mit einigen seiner wichtigen theologischen Vorschläge für eine neue Praxis der Kirche ist Schillebeeckx zweifellos gescheitert: Er trat, theologisch gut begründet, dafür ein: Frauen und Männer aus den Gemeinden, also Laien, sollten aus den Gemeinden berufen werden, die Gemeinde zu leiten und damit auch die Eucharistie zu feiern. Dies war, kurz gesagt, sein Vorschlag, um aus den Irrwegen und Engpässen der alten Klerus-fixierten Priesterkirche herauszufinden. Sein Vorschlag, so hilfreich gerade heute, wurde selbstverständlich möchte ich sagen, von den Kirchenführern in Rom zurückgewiesen. Die niederländischen Dominikaner machten 2007 noch einmal einen ähnlichen Vorschlag für die niederländische Kirche: Es ginge ums Überleben der katholischen Gemeinden, weil der Mangel an zölibatären Priestern immer größer wird. Deswegen sollten Laien die Gemeindeleitung und den Vorsitz in der Eucharistie übernehmen. Dazu wurde sogar in Amsterdam ein Kongress veranstaltet: Aber: Das Vorhaben wurde von Rom verboten und die mutigen Dominikaner mussten sich entschuldigen für ihre ketzerischen Thesen. Auf diesem Niveau befindet sich die römische Lehre und die vatikanische Allmacht.

9.
Schillebeeckx` Motto könnte sein: „Wir müssen vernünftig Glaubende sein, der Fundamentalismus in den Religionen, auch im Christentum, führt zum Obskurantismus, also zur geistigen Verwirrung“. (vgl. „E.S. im Gespräch“, S. 149)

10.
Besonders inspirierend finde ich, zumal für theologisch nicht so umfassend gebildete LeserInnen, die beiden Interviewbücher: „Gott ist jeden Tag neu“ (1984, Mainz) und „Edward Schillebeeckx im Gespräch“, Luzern 1994.
Es ist ein Ausdruck für die zunehmende Irrelevanz großer Theologie heute, dass beide Bücher nur noch zu Spottpreisen antiquarisch zu haben sind. Ich empfehle dringend den Kauf … solange der alte Vorrat reicht…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Katholizismus und Aufklärung: „Verdammtes Licht“!

Das neue Buch des Kirchenhistorikers Hubert Wolf
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Der Titel des neuen Buches von Hubert Wolf (katholischer Theologe und Professor für Kirchengeschichte in Münster) ist gut gewählt – und provokativ: „Verdammtes Licht“, so möchte man zusammenfassen, sagten so viele Päpste, Prälaten und Theologen, die sich von der Philosophie und der Lebenseinstellung der Aufklärung abwandten und diese bekämpften: Diese Führer der katholischen Kirche glaubten, selbst über viel Licht, angeblich göttliches Licht, zu verfügen, um die böse Welt, die sündigen Menschen und die immer heilige Kirche zu führen. Was brauchten die Männer Gottes da noch „weltliches“ Licht, das Licht der Aufklärung? Das Licht, das die moderne Zeit auszeichnet, das Licht, das Hell und Dunkel zeigt, mit der Verpflichtung an jeden Menschen: Denke selber nach, folge nicht blind irgendwelchen Autoritäten. Dass dieses Licht missbraucht wurde, ist klar.
2.
Die Abwehr der Aufklärung durch die römische Kirche, die Abwehr dieses „verdammten Lichtes“ (wie der Aufklärer Christoph Martin Wieland sagte), spürt man bis heute: Man denke an die Zurückhaltung des Klerus, der Bischöfe, der Päpste, den sehr umfassenden, international „verbreiteten“ sexuellen Missbrauch im Klerus zu sehen, wahr-zunehmen und die Betroffenen den staatlichen (!) Richtern zu übergeben. „Bloß nicht zu viel Licht in der Öffentlichkeit, das schädigt das Ansehen der Institution Kirche“, dachten und denken diese Kirchenführer.

In diesem hier nur angedeuteten Zusammenhang, so denkt man, können die 10 Studien stehen, die der Kirchenhistoriker zwischen 2005 und 2016 vorgetragen bzw. publiziert hat. Aber es handelt sich dabei um kirchenhistorische Studien mit einer eher speziellen Thematik, vielleicht doch nur für Fachkollegen interessant: Man denke an die Studien in dem Buch über die Bedeutung des Zentrum – Politikers Ludwig Windhorst oder an die Rolle von Matthias Erzberger und seinen damals sehr ernst gemeinten Vorschlag, den Vatikan als Sitz des Papstes und seines Staates entweder nach Liechtenstein oder nach Mallorca zu verlegen. War dieser Vorschlag Ausdruck von Aufklärung? Auch die Studien über die Enzykliken Pius XI. gegen die Nazis sind wohl in dieser Ausführlichkeit eher für Fachkreise relevant.
3.
So weckt also der Titel „Verdammtes Licht“ mit dem Untertitel „Der Katholizismus und die Aufklärung“ viel zu umfassendere Erwartungen, zumal für philosophisch Interessierte: Denn das Thema Aufklärung ist nun einmal explizit ein philosophisches und philosophiehistorisches Thema. Davon ist nur im 9. Beitrag des Buches etwas ausführlicher die Rede. Von der Unterdrückung des Lichtes der Aufklärung im sexuellen Missbrauch durch Priester ist keine Rede. Darüber hat Hubert Wolf auch in seinem ebenfalls neuen Buch ZÖLIBAT geschrieben…
4
So muss man also als Leser eher im Hintergrund der Texte etwas suchen, wo sich denn diese angekündigten Spuren von Licht, verstanden als kritischer Aufklärung, finden. Leitend ist für den renommierten Kirchenhistoriker Wolf freilich die richtige Erkenntnis:“ Es gab eine Abscheu der Päpste vor der Moderne“ (S. 198). Und sehr treffend als Forschungshorizont die aus liberal-protestantischen Theologien seit langem bekannte Erkenntnis: “Die katholische Kirche ist nicht von Jesus Christus gegründet worden. Auch wenn sie sich auf ihn zurückführt, geht ihre institutionelle Gestalt nicht auf ihn zurück…“ (S. 12 f.) Diese Erkenntnis hilft dem Kirchenhistoriker, kleine, versteckte Spuren der Entwicklung der Lehre, auch der Dogmen, im Laufe der Geschichte zu finden. So kann Hubert Wolf durchaus von einer Pluralität der Katholizismen sprechen. D.h. es gab immer auch liberalere Strömungen. Marginal waren sie, das wird so deutlich nicht gesagt!. Wie lange diese liberalen Strömungen Bestand hatten vor der Verfolgung der Konservativen und Reaktionären, wird nicht so deutlich gezeigt von Hubert Wolf. Man hat manchmal den Eindruck, der Autor will unbedingt das Moderne im Katholizismus doch noch – apologetisch? – freilegen.
5.
Wo also gab es denn einige Licht-Spuren der Aufklärung im Katholizismus: Bei dieser Frage muss man bedenken, wie eng die Themen sind, die Wolf hier wählt. Da wird man eben nicht fündig zu Voltaire oder Kant und deren Beziehungen zur institutionalisierten Religion und Kirche. Nein, da geht es nur um innerkirchliche Fachthemen, etwa zur Gestalt des angeblich oder tatsächlich sehr braun nazigefärbten Bischof Hudal im Vatikan. Vielleicht hat er doch die Ideologie der Nazis deutlicher gesehen als angenommen? Und waren die Bischöfe nicht doch etwas aufgeschlossener, als sie nur mit Widerwillen und aus finanziellen Gründen die Priesterausbildung in den kirchlichen Anstalten, Priesterseminar genannt, organisierten! Und nicht die künftigen Priester an Universitäten studieren ließen? Und sind nicht, so fragt Wolf, in den Dokumenten des 2.Vatikanischen Konzils gewisse Durchbrüche zur Akzeptanz der Aufklärung zu erkennen, etwa in der großzügigen Anerkennung des Menschenrechtes auf Religionsfreiheit, im Jahr 1964! Dass der Vatikan-Staat bis jetzt nicht die Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet hat, wird meines Erachtens in dem Buch nicht erwähnt. So viel Licht hatte doch das 2. Vatikanische Konzil auch nicht!
6.
Vieles ist und bleibt eben auch „verdammt“ dunkel und mysteriös, in der jetzigen katholischen Kirche. Etwa der Teufelsglaube, den Papst Franziskus immer noch predigt, die Beliebtheit der Exorzisten, die Abwehr von Frauen als Priesterinnen, die Zurückweisung einer umfassend synodalen, also demokratischen (aufgeklärten!) Kirche und so weiter. Von all dem ist in dem Buch keine ausführliche Rede.
7.
Darum noch einmal: Ehrlicher wäre für das Buch der Titel: „10 Fachstudien über einige Aspekte der katholischen Kirchengeschichte vor allem im 19. und 20. Jahrhundert“. Und als Untertitel: „Vermischt mit einigen grundsätzlichen Thesen zur Notwendigkeit der Kirchenreform“.

Hubert Wolf, Verdammtes Licht. Der Katholizismus und die Aufklärung
C. H. Beck, München 2019, 314 S. 29,95 €

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin