Der Glaube muss vernünftig sein!

Ein Hinweis auf das wichtige Buch des äthiopischen Philosophen
Zär ´a Yaqob (1599 – 1693).
Von Christian Modehn

Den Versuch, den Glauben unter den Bedingungen des Christentums und der Kirchen vernünftig zu begründen und sich persönlich an diesen vernünftigen Glauben auch zu binden, hat es schon im 17. Jahrhundert gegeben. Nicht etwa nur in Frankreich oder in England, wo die rationalistische Theologie eine gewisse Rolle spielte. Sondern, ein Europäer glaubt es kaum, in Äthiopien: Zär´a Yacob heißt der Autor seiner „Untersuchung“. Dieser Text liegt auf Deutsch vor, er sollte viel mehr beachtet werden, nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen, sondern durchaus auch, weil er ein aktueller spiritueller Impuls ist. Erschienen ist der Text in der Edition Victoria, Wien.
Der Leser ist überrascht, wie modern die Erkenntnisse des äthiopischen Gelehrten sind. Er bietet Elemente der Reflexion für einen Glauben an die göttliche Wirklichkeit, einen Glauben, der ganz elementar ist, möchte man sagen, also ganz einfach, nachvollziehbar ohne Hinweise auf mysteriöse Ereignisse, Wunder, Heiligengestalten usw. Der Autor zeigt, dass die menschliche Beziehung zu Gott eher ein Wissen als ein Glauben im Sinne eines bloßen eher willkürlichen „Für-Wahr-Haltens.
Zär´a Yacob war gründlich ausgebildet in den christlichen Traditionen, vor allem der koptischen Tradition, er kennt die Bibel, vor allem die Psalmen des Alten Testaments. Er zitiert auch Texte des Neuen Testaments, etwa aus dem Johannes-Evangelium. Er lebte zu einer Zeit, als in Äthiopien nicht nur die koptische Kirche stark war und dort Juden und Muslime lebten, sondern auch Katholiken ihre Mission, z.T. erfolgreich im Königshaus betrieben, bis hin zur Etablierung des Katholizismus („Frang“ in Äthiopien damals genannt) als Staatsreligion! In jedem Fall gab es viel Streit vor allem zwischen Kopten und Katholiken. Was ist die Wahrheit des Christentums?
In dieser Situation formuliert Zär´a Yacob seine Vorschläge, die auch dem Frieden in der Gesellschaft dienen sollten. Ihm geht es um eine universelle Wahrheit, die über den Konfessionen steht.

Aber der alles entscheidende Mittelpunkt seiner vernünftigen Theologie oder treffender Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist die Erfahrung der Welt als Schöpfung Gottes. Dies ist die alles entscheidende Basis seines Denkens und seines Lebens. Und zu der Erkenntnis gelangt Zär´a Yacob durch die alte metaphysische Überlegung, dass alles Gegebene dieser Welt endlich ist, also irgendwie gemacht sein muss von einem „Schöpfer“, der selbst nicht seinerseits auch noch geschaffen ist, sondern eben ewig und ungeschaffen.
Die einzige Frage ist: Sind wir bereit, diese Welt als Schöpfung Gottes, um bei dem Symbol-Begriff zu bleiben, zu verstehen? Alle weiteren theologischen Überlegungen ergeben sich dann von selbst. Es sind Überlegungen der Vernunft, die keine weiteren Wunder braucht als eben die Annahme des einen Wunder, dass „es diese Welt gibt“. Es ist die Vernunft des Menschen (als göttliche Schöpfungsgabe), die entscheidet, was vernünftig ist und menschlich. Dogmen werden so selbstverständlich zweitrangig, wenn nicht überflüssig. Auch die üblichen kirchlichen Gebräuche, wie das Leben im Kloster mit dem Verzicht auf gelebte Sexualität oder die rigiden Fastengebote auch im Islam, werden in Sicht Zär´a Yacobs überflüssig und unvernünftig. Er stellt die provozierende und durchaus mutige Frage: „Ist alles wahr, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht“? Und seine Antwort ist: Natürlich ist nicht alles wahr, weil es unvernünftig ist! „Wenn wir mit dem vernünftigen Licht unseres Herzens richtig umgehen, kann es uns nicht in die Irre führen“, schreibt Zär´a Yacob. Und dann folgt der entscheidende Satz: „Denn die Bestimmung dieses Lichts, der Vernunft, die uns unser Schöpfer gab, ist die: uns zu erretten und nicht uns zu verderben. Alles, was das Licht unserer Vernunft uns zeigt, stammt aus der Quelle der Wahrheit“. Das heißt: Die von Gott gegebene Vernunft im Menschen ist selbst rettend, hat also eine erlösende Bedeutung. „Unsere Seele besitzt die Fähigkeit, sich einen Begriff von Gott zu machen und ihn geistig zu erfassen“ (S. 29). Auch die Grundlagen der Ethik sind vernünftig erkennbar, etwa die „Goldene Regel“, die Zär´a Yacob ausdrücklich als Vorbild erwähnt (S. 31).
Darum wundert man sich nicht, wenn von der besonderen Erlösergestalt Jesus von Nazareth in dem kleinen Text keine Rede ist . Zär´a Yacob denkt förmlich dialektisch: Der Mensch erlöst sich selbst kraft seiner Vernunft. Aber es ist die göttliche Gabe Vernunft, die da erlösend tätig ist. Insofern ist also auch Gott der letzte Grund der Erlösung durch die Vernunft und vernünftiges Handeln. Für die Hüter der wahren, weil alten Lehre sind diese Einsichten natürlich ein Skandal, wird doch die alte klerikale Ordnung erschüttert. Aber die Vernunft muss sich von Ketzerei-Vorwürfen nicht verwirren lassen. Was meint Zär´a Yacob? Zu Beginn der Kirchengeschichte waren die reinen Lehren des Evangeliums „nicht schlecht“, meint der Autor. Es war die Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit. Aber mit den machtvollen Konfessionen wurde dann „die vom Evangelium empfohlene Nächstenliebe beiseite geschoben und durch Hass, Gewalt ersetzt. Meine Landsleute haben ihren Glauben bis hinein in seine Grundlagen zerfetzt, sie lehren Eitelkeiten, sie tun Böses, und sie werden fälschlicherweise Christen genannt“ (S. 27)
Angesichts dieser Situation totaler christlicher Verlogenheit rettet nur die Vernunft Religion, meint Zär´a Yacob.

Bezeichnenderweise konnte er diese Gedanken nur in der Einsamkeit, im Rückzug vor den bedrohlich konfessionalistischen Menschen in einer Höhle, entwickeln! Nur weniges, was er dort meditativ erkannte, schrieb er auch auf. Leider! Denn er sah sich bedroht und musste seine Erkenntnisse in der Öffentlichkeit verbergen und verleugnen. Aus dem einfachen Grunde, um nicht als Ketzer ausgelöscht zu werden. Man denke, in einer Parallele, etwa an Abbé Meslier (1664 – 1729) in Frankreich, der als katholischer Priester weiterhin die Messe las und predigte, obwohl er in seiner eigenen Theologie längst zum Atheisten geworden war. Siehe dazu meinen Aufsatz. Wie viele große Denker gab es und gibt es, die es nicht wagen, zu ihrer eigenen Erkenntnis und Konfession öffentlich zu stehen?
Zär´a Yacob hat diesen jetzt vorliegenden Text nur auf Bitten seines Schülers Waldä Heywat geschrieben! Auch von ihm ist in dem Buch ein weiterführender Text veröffentlicht, der allerdings meiner Meinung nach nicht die Radikalität seines Lehrers erreicht.

Das Buch aus der „edition Victoria“ ist 2008 in Wien erschienen und noch immer, Gott sei Dank, im Buchhandel zu haben. Es wurde von Victoria Frysak und Bekele Gutema herausgegeben und hervorragend betreut, auch in der Übersetzung und den erklärenden Kommentaren.
„Zär ´a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung“ ist der Titel des Buches. Es hat 134 Seiten und kostet 16,50 Euro!

Remonstranten und ihre wichtigsten Tugenden

Überlegungen anlässlich des 400 jährigen Bestehens der freisinnigen Kirche der Remonstranten
Hinweise von Christian Modehn

Anlässlich des 400 jährigen Bestehens der Remonstranten Kirche in den Niederlanden in diesem Jahr (2019) werden dort weitere Überlegungen publiziert zur Frage: Was ist den Remonstranten wichtig? Was ist für sie, bei aller Liebe zur eigenen innerkirchlichen Pluralität, entscheidend?
Zu der Frage ist jetzt eine Broschüre publiziert worden von fünf TheologInnen der Remonstranten zu fünf „Arikeln“, also Grundbegriffen, sozusagen „Kernwerten“, im Leben und Denken dieser freisinnigen protestantischen Kirche. Alle fünf Artikel bzw. Grundhaltungen beginnen interessanterweise mit einem V in der niederländischen Sprache. Es handelt sich um Vrijheid, Verdraagzaamheid, Verantwoordelijkheid, Vrede und Vriendschap. Also um Freiheit, Toleranz, Verantwortlichkeit, Friede und Freundschaft.
1.
Freiheit ist schon von der Geschichte der Remonstranten her eine zentrale Haltung/Tugend. Bekanntlich haben die ersten Remonstranten-Theologen stark die freie Mitwirkung des einzelnen Menschen in der Entscheidung für den christlichen Glauben betont! Eine absolut umfassende Vorherbestimmung der Glaubenden durch Gott lehnten sie vernünftigerweise ab und so wurden sie deswegen von der Mehrheit der strengen Calvinisten 1619 durch die Synode von Dordrecht ausgeschlossen, verfolgt und ausgegrenzt.
Ein Wunder, dass diese kleine Kirche über all die Jahre Bestand hatte. Sie ist etwas ganz Besonderes, Wichtiges, wohl auch „Einmaliges“ in der Hinsicht, in der weiten Ökumene, denke ich.
2.
Bei der Freiheit, die fürs theologische Denken typisch und normal ist, hätte man natürlich auch die sehr dringenden heutigen Tugenden Solidarität, Gerechtigkeit, Vielfalt als „Kernwerte“ nehmen können. Aber darüber kann man ja weiter sprechen…Die fünf „V“ als „Kernwerte“ haben natürlich einen eigenen Charme.
3.
Ich kann nur empfehlen, Niederländisch mal vorausgesetzt, diese Broschüre (42 Seiten) zu lesen. Ich will kurze Hinweise geben: Sigrid Coenradie, Theologin in Eindhoven, schreibt über „Freiheit“. Sie kümmert sich dort um Verbindungen von Menschen außerhalb und innerhalb der Kirche, ein neues Dialog – Projekt der Remonstranten. Keine Missionsveranstaltung, sondern eben Dialog! Und sie weist in ihrem Beitrag über die Freiheit auch darauf hin, dass die Remonstranten in der internationalen, interreligiösen Vereinigung IARF (International Association for Religious Freedem) vertreten sind. Zur Freiheit gehört, so Sigrid Coenradie, auch das Eintreten für die Menschen, die heute mit dem etwas seltsam anonymen Kürzel LHBTI beschrieben werden: Also das Eintreten für lesbische Frauen, homosexuelle Männer, Bisexuelle, Transgenders und intersexuelle Personen. Diese Menschen haben selbstverständlich ihren gleichberechtigten Platz in der Remonstranten Kirche.
4.
Koen Holtzappfel, Theologe und Pastor in Rotterdam, stellt in seinem Beitrag über Verantwortlichkeit kritische Fragen: „Fühlen wir uns als (Niederlande), Land verantwortlich für das, was in Srebrenica passierte? …Wie weit reicht unsere Verantwortlichkeit, wenn es um die Frage der Natur und des Naturschutzes geht. Nicht umsonst gehen uns heute Schüler voraus in ihrem Protest gegen die als zu sehr vom Kompromiss bestimmte Klimaverträge“.
5.
Ein Hinweis noch auf den Beitrag des Amsterdamer Theologen und Pastors Joost Röselaars über „Freundschaft ist Bruderschaft“. Er erinnert an den alten Titel der Remonstranten: „Bruderschaft“! Der Titel Bruderschaft wird vielleicht in feministisch geprägtem Denken als problematisch empfunden, deswegen spreche viele eher von Remonstranten – Kirche. Aber aktuell ist die Idee der gelebten „Bruderschaft“ nach wie vor, auch wenn man ihn in Richtung Geschwisterlichkeit weiten sollte. Joost Röselaars erinnert an Martin Luther King, der einmal sagte: “Ich habe einen Traum. Wir werden mit unserem Feind zusammensitzen.Wir sollen mit unserem Feind an einem Tisch, einer Tafel, zusammen sitzen…“ Und Röselaars nennt Beispiele: „Das ist vollkommene Bruderschaft: Der Türke sitzt mit dem Kurden an einem Tisch. Der PVV Anhänger (aus der rechtsextremen Partei von Wilders, CM) sitzt zusammen mit dem Flüchtling an einer Tafel“…
Wahrscheinlich ist die Wiederbelebung des Begriffes und der Realität „Bruderschaft“ auch zentral für die Zukunft der Remonstranten Kirche: Die sehnsucht der meisten Menschen, die noch eine christliche Gemeinde suchen, ist ja auch und oft vor allem dieses emotionale Sichwohlfühlen in der Gemeinde, so sehr man auch die intellektuelle, rationale Debatte pflegt. Kopfarbeit und „Seelenarbeit“ also sollten vielleicht stärker verbunden sein.

Die Remonstranten sind eine Kirche, die den theologischen Pluralismus sehr weit reichend auch für ihre eigenen Gemeinden, also für die Glaubensüberzeugung der einzelnen Freunde und Mitglieder nicht nur zulässt, sondern wünscht. Auf der Basis des kurzen allgemeinen Bekenntnisses: „Die Remonstrantische Bruderschaft ist eine Glaubensgemeinschaft, die – verwurzelt im Evangelium Jesu Christi und getreu der Freiheit und Toleranz – Gott ehren und dienen will“.
Diese innere Pluralität ist selbstverständlich im Alltag nicht immer einfach zu gestalten. Eine Glaubensgemeinschaft mit einer inneren Pluralität ist so selten, dass für die Mitglieder dieser Gemeinschaft der offene Dialog untereinander entscheidend ist. Sigrid Coenradie stellt in ihrem Beitrag dazu kritische Fragen.
Ich frage mich angesichts des Jubiläums, ob die Remonstranten eine fast ausschließlich auf die Niederlande begrenzte Kirche bleiben dürfen. Ist in Europa – und darüber hinaus in einer immer mehr fundamentalistisch werdenden Welt – eine freisinnige Kirche nicht enorm wichtig, selbst mit nur kleinen Stützpunkten, „Aktions-, Studien- und Debattenzentren?
Und ich frage weiter, ob die Remonstranten nicht viel mehr Menschen anderer Kulturen, allochthonen sagt man in Holland, und anderer Religionen und Weltanschauungen als Freunde und Mitglieder einladen und aufnehmen. Erst dann, vermute ich, finden die fünf Vs ihre umfassende Gestalt. Koen Holtzappfel gibt schon die auf Zukunft hin orientierte wichtige Antwort:“ Remonstranten können den Zusammenhalt begünstigen, indem sie ihre Türen öffnen und den anderen begegnen. Sie können ein Platz bieten, wo gleichsam Vögel mit unterschiedlichem Gefieder einander entgegenkommen, lernen Respekt für einander aufzubringen und gemeinsam erleben, wie bereichernd Begegnungen sein können…“

Zum Schluss noch ein Hinweis auf die Monatszeitschrift ADREM der Remonstranten. Da berichtet in der Ausgabe Mai 2019 Janny Harmsen von ihrer Gemeinde in Doesburg: Dort orientiert sich die Gemeinde neu, weil sie sehr bald keine eigene Pastorin mehr haben kann. „Darum haben wir eine liturgische Gruppe ins Leben gerufen, in der ich bis vor kurzem auch Mitglied war. Es ist schön, um out of the box zu denken über Liturgie, aber selbst predigen ist für uns möglich. Wir probieren viel Kunst und Poesie in den Gottesdienst zu bringen“.

Die Praxis, dass die Gemeindemitglieder (Laien oft genannt, sie sind aber keine „Laien“, CM) selbst liturgische Verantwortung übernehmen und predigen, wenn kein Pastor da ist, finde ich großartig, auch für die Zukunft der Kirche. Das ist die Grundidee der Basisgemeinden, von dort kann man noch viele gute Inspirationen holen. So braucht keine noch so kleine Gemeinde nur einmal im Monat Gottesdienste zu haben, wenn eben mal ein Pastor gerade da ist…. Die Gemeinde selbst gestaltet auch die Gottesdienste. Ein Projekt für die Zukunft. Sicher ganz dringend, auch was Bildungsmöglichkeiten für „Laien“ am Institut der Remonstranten an der Freien Universität von Amsterdam angeht.

Die Broschüre „de vijf artikelen van de remonstranten“ ist 2019 erschienen. 42 Seiten. Sie kann bestellt werden im Büro der Remonstranten, Nieuwe Gracht 271, 3512 Utrecht. www.remonstranten.nl

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Forum der Remonstranten Berlin.

Der Theologe Johann Baptist Metz: Ein Hinweis auf das Buch „Theologie in gefährdeter Zeit“.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
1.
147 Professoren, zumeist Theologen, unter ihnen 12 Frauen, haben sich einladen lassen, kurze Beiträge über den „politischen Theologen“ Johann Baptist Metz zu schreiben. Anlass ist der 90. Geburtstag des von den Autoren in den meisten Fällen gelobten, wenn nicht bewunderten Theologen in Münster. Im Jahr 2018 feierte er seinen 90. Geburtstag. Herausgekommen ist also eine Art Metz – Schmöker, ein Buch von 580 Seiten Umfang, erschienen im LIT Verlag in Münster.
Niemand wird wohl in absehbarer Lese-Zeit ein vielschichtiges Opus so vieler Theologen angemessen „besprechen“ können.
Vorweg: Die „einfachen Leute“, die Arbeitslosen, die Obdachlosen, die Überlebenden der Elendsviertel, wird man in dieser „Festschrift“ zugunsten eines sich „politisch“ nennenden Theologen unter den AutorInnen leider vergeblich suchen, auch „Menschenrechtler“ aus NGOs sind nicht dabei, nicht die Mitglieder militanter ÖKO-Gruppen, nicht die schwulen und lesbischen Aktivisten für die Ehe für alle, auch nicht die Leute der ökumenischen Basisgemeinden: Sie alle sind offenbar von der Metzschen Theologie nicht (so stark) berührt, eigentlich erstaunlich, wenn man an die von Metz selbst viel beschworene theologisch-spirituelle Leidenschaft für „die anderen“, die „Ausgestossenen“ bedenkt.
So also ist eher ein zwar theologiegeschichtlich interessantes Buch entstanden, aber ein Buch wohl von Theologen für Theologen; einige wenige jüdische Autoren sind dabei. Soweit ich sehe, ist aber kein buddhistischer oder muslimischer Gelehrter unter den Autoren oder gar ein expliziter Atheist oder Humanist..
Erstaunlich, wie oft Verehrung für Metz aus manchen Beiträgen vornehmlich katholischer Autoren spricht. Die meisten Autorinnen betonen den globalen und großen prophetischen Gestus ihres Anregers, Doktorvaters, „Meisters“. Rühmen seine Sensibilität, uralte katholische theologische Lehren (wie die Apokalyptik) auf politische Verhältnisse zu beziehen, vor allem aber: Die christliche Botschaft selbst im ganzen als politische Provokation zu deuten, etwa im Sinne eines Eintretens für die Opfer; mit der zentralen Frage, die Metz stets wiederholt: Wie kann man Christ sein und katholische Theologie „treiben“ im Angesicht des von Deutschen begangenen Massenmordes an den Juden. Das KZ Auschwitz wird dabei zum viel beschworenen Symbol für alle Juden-Vernichtung der Antisemiten und ihrer Millionen Mitläufer. Dieses Thema ist enorm wichtig, wird immer wichtiger. Gar keine Frage! Aber wer würde leugnen, dass auch viele andere ganz dringende Probleme, wie die Überwindung der Atomkraft heute, die Klimakatastrophen, die Frage der Geburtenkontrolle angesichts des enormen Bevölkerungszuwachses, oder die Schritte zu einer Überwindung des Neoliberalismus unglaublich viel (mehr) Aufmerksamkeit verdienten von den sich politisch nennenden Theologen. Aber diese Themen werden von Metz und seinen in dem Buch präsentiertem „Schülern“ kaum diskutiert. Insofern wirkt die politische Theologie von Metz doch thematisch sehr „eingegrenzt“.
2.
Hans Küng, nicht gerade ein Intimus von Johann Baptist Metz, weist mit Recht in seinem dann doch etwas – wohl ausnahmsweise – ausführlicheren Beitrag darauf hin: Metz hat sich für die innerkirchlichen Kirchenreformen, etwa zum Papsttum, zur synodalen Struktur der Kirche oder gar zum Zölibat kaum geäußert. Ein großer Kirchen-Reformator im engeren Sinne ist er wohl nicht. Er ist ein Mann der Visionen, der globalen Perspektiven, wie etwa sein Text für die längst vergessene und völlig wirkungslose bundesdeutsche Synode in Würzburg. Aufgrund dieser Begrenzung aufs „Globale“, wie die „Gotteskrise“ konnte Metz Gesprächspartner der Hierarchen bleiben, etwa mit dem damaligen Kardinal Ratzinger.
Interessant ist, dass Jürgen Habermas, eigentlich ziemlich wohl gesonnen gegenüber Metz, auf die tiefe emotionale Bindung des Klerikers Metz an die römische Kurie hinweist: Wie Metz also bei einem Besuch von Habermas nervös, offenbar aber durchaus erfreut schien, weil er eine Einladung zu einer gemeinsamen Messe im Vatikan ausgerechnet mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. erhalten hatte (S. 159).
Die Vielfalt der Themen, die in dieser „Festschrift“ angesprochen werden, zeigt: Wahrscheinlich ist die entscheidende Leistung von Metz, neue Fragen in dem damals wie heute ziemlich verkrusteten und ängstlichen katholisch – theologischen Milieu gestellt zu haben. Seine Fragen und Visionen passten auch in die Mentalität der damals Studierenden, weckten die Zuversicht, dass mann/frau als katholische Theologin in moderater Form links sein könne. Obwohl, mit Verlaub gesagt, Metz als politischer Theologe und irgendwie dann ja doch wohl auch linker Theologe sich nie persönlich zu einer sozialistischen Position oder gar Partei bekannt hat. Es wäre wohl nicht so klug gewesen. Es ist auch nicht überliefert, dass Metz aktiv an Friedensdemonstrationen in den achtziger Jahren teilgenommen hat. Aber man kann wohl sagen, im katholischen Milieu herrschte (und herrscht) eine solche Tristesse, dass sich so viele leidenschaftlich an diesen so neuen, kreativen und irgendwie progressiven Denker banden und binden. Dabei bleibt Metz stets der Essayist, der Vortragende, der Herausgeber von Aufsätzen, von Fragen, Provokationen.
3.
Die politische Theologie von Metz hatte vor allem in Lateinamerika theologische und politische Auswirkungen, auch das wird in dem Buch (kurz) deutlich, etwa in dem Beitrag es Brasilianers Alberto da Silva Moreira. Einen Beitrag des Peruaners Gustavo Gutierrez (und Metz – Freundes) habe ich in dem Buch vermisst. Wer den grundlegenden theologischen Wandel eines anderen Metz – Freundes nachvollziehen will, lese den Beitrag des Brasilianers und einst führenden Befreiungstheologen Leonardo Boff: Er hat, endlich möchte man sagen, verstanden, dass es heute auf eine einfache, nicht mehr dogmatisch fixierte Theologie ankommt, sondern auf eine einfache spirituelle Lehre, die alle Menschen darauf aufmerksam macht auf die „Urquelle, aus der alle Menschen leben“ (S. 47). Das ist Weisheit, Theo-logia, in meinem Verständnis, für Menschen aller Religionen und Humanismen offen. Das hat Zukunft. Ob Metz und seine Getreuen da mitgehen, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich werden politische Theologen diese Position von Boff als „liberal-theologisch“ kritisieren…
Einzelne Beiträge finde ich besonders wichtig, wie den Hinweis zur Misere der „katholischen Soziallehre“, verfasst von Hermann-Josef Große-Kracht (S. 154). Ohne einen unmittelbaren Bezug auf Metz ist der Beitrag des Historikers Hans-Ulrich Thamer über den „Nationalsozialismus als politische Religion“ lesenswert. Etwas verstörend und darin doch anregend ist der Beitrag von Hans Conrad Zander über den heutigen „Umgang“ mit Auschwitz…Immerhin fanden sich drei Bischöfe bereit, ein paar Zeilen über Metz zu schreiben. Der Bischof von Münster, Felix Glenn, bekannt sogar: „Ich habe als Student so intensiv (Metz) zugehört, dass ich im Anschluss an die Vorlesung Zeit brauchte, um wieder zu mir kommen“ (S. 144). War es eine politisch-theologische Trance, darf man fragen.
4.
Die Leser werden sich freuen, dass in der 2. Auflage ein kritischer Beitrag des bedeutenden Kenners der Theologie Karl Rahner vertreten ist, nämlich von Albert Raffelt: „Aufgrund eines redaktionellen Versäumnisses fehlte dieser Text in der ersten Auflage“, schreiben die Herausgeber( S. 384). Die Beziehung des Lehrers Rahner zu seinem Schüler Metz und umgekehrt war ja nicht ganz einfach. Rahner sprach in seinem Buch „Bekenntnisse. Rückblick auf 80 Jahre“ (Herold Verlag 1984, S. 37) ziemlich offen von einer gewissen Arroganz des politischen Theologen und Rahner-Schülers Metz ihm gegenüber, ihm, dem „transzendentalen“ (d.h. auch der philosophischen Tradition der Aufklärung verpflichteten) und spekulativen Theologen UND Kirchenreformer. Wahrscheinlich ist die Abwehr der Metaphysik, als „griechisch“ fast denunziert, etwas, was mich am meisten an der politischen Theologie ärgert. Die Gottes-Rede einzig mit der Bibel, und dann noch ziemlich unvermittelt, zu begründen, kann meines Erachtens auch für eine christliche Theologie nicht gelingen. Was nicht heißt, dass ich mich jetzt als Ratzinger-Fan oute.
Da und dort sind noch heute TheologInnen tätig, die sich der Grundintention einer politischen Theologie von Metz in ihrem Denken und Handeln (!) bewusst sind. Wo diese etwas jüngeren TheologoInnen Spuren hinterlassen in ihrer Kritik des weltweiten sexuellen Missbrauchs durch Priester, ist unklar; wo sie Spuren hinterlassen in der exakten politisch-theologischen Recherche und Analyse der reaktionären Bewegungen in der römischen Kirche, ist auch unklar. Wo sie sich von Lobeshymnen auf Papst Franziskus, den „Progressiven“, verabschieden, ist ebenso unklar.
5.
War also politische Theologie im Sinne von Metz, trotz aller in dem Buch versammelten interessanten Denkanstöße, nur ein kurzes, kritisches Wehen? Wahrschienlich nicht! Hat „trotzdem“ die Reaktion in der römischen Kirche gesiegt? Ja. Diesen Sieg der politisch agierenden Reaktion im Katholizismus hat Metz nicht vorausgedacht.
Und ein gravierender Mangel dieser politischen Theologie von Metz und seinen Getreuen ist vor allem ihre polemische Abwehr eines liberal-theologischen Denkens, das eben betont: Viele der überlieferten Dogmen und Glaubenslehren sollten wir heute „als freie Christenmenschen“ beiseite legen, zugunsten eines humanen, Sinn stiftenden Glaubens, der einfach ist. Welche Befreiung wäre das für die Christen, die in einem diffusen Wunderglauben und Heiligenkult noch verhaftet sind? Und immer noch Kirchenbindung mit Bindung an eine göttliche Wirklichkeit verwechseln….
6.
Was wir heute brauchen meiner Meinung nach, ist eine exoterische, d.h.von möglichst vielen Menschen vernünftig nachvollziehbare, einfache Theologie im Dialog mit anderen Religionen und Humanismen. Diese ist, noch einmal tatsächlich vernünftig, also nachvollziehbar,sicher nicht apokalyptisch aufgeladen. Warum sollten denn in christlichen Gottesdiensten nicht auch meditative Texte der Sufi-Tradition, von Laotse, oder Gedichte heutiger Autoren vorgetragen und meditativ erschlossen werden? Der christliche Glaube ist ein offenes, heilsames Geschehen und, wie viele Mystiker sagen, tatsächlich einfach, wahrscheinlich in drei Sätzen vernünftig sagbar und … wegen der inneren Wandlung des einzelnen dann auch politisch. Vielleicht wäre dies eine politische Theologie 2. Teil, selbstverständlich auch außerhalb der bestehenden römischen Kirche formuiert.
Insofern lohnt die Lektüre des Buches in jedem Fall, weil sie auf neue, bislang eher verdrängte, aber sicher produktive Gedanken bringt.

Hans-Gerd Janssen, Julia D.E. Prinz, Michael J. Rainer, „Theologie in gefährdeter Zeit“, Stichworte von nahen und fernen Weggefährten für Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag“.
LIT Verlag Münster, 2. ergänzte Auflage 2019, 580 Seiten, 39,90€.

Geheimnis ein Thema der Philosophie und Theologie: Ein Kapitel philosophischer (Über)Lebenskunst

Hinweise von Christian Modehn

Es folgt, am Ende dieses Beitrags, eine Ergänzung der Künstlerin Ursula SAX, Berlin, die oft an unseren religionsphilosophischen Gesprächen teilnimmt.

Geheimnis ist nichts Mysteriöses. Manche Menschen tun aber geheimnisvoll, um ihre eigene Leere oder „Besonderheit“ zu betonen. Wer ein Geheimnis für sich beansprucht, fühlt sich wichtig. Geheimnisträger gibt es in der Diplomatie. Wie oft haben sie ihre Funktion missbraucht?
Es gilt, den sinnvollen Gebrauch der Rede vom Geheimnis zu erkennen. Da muss man wieder differenzieren: Was sind echte, bleibende Geheimnisse oder bloß neurotisch aufgeladene mysteriöse Dinge? Etwa Spuk oder fliegende Untertassen oder Geister, die in spiritistischen Sitzungen sprechen…
Mit jeder neuen Erkenntnis (der Natur) gibt es neue Fragen. Es gibt neue Probleme, die „gelöst“ werden müssen. Man nennt diese Probleme auch Rätsel. Naturwissenschaftler lösen nicht Geheimnisse, sondern Rätsel. Aber dann entstehen neue Rätsel.
Rätselhaftes ist nichts Geheimnisvolles. Diese Unterscheidung ist für mich grundlegend.
Geheimnisse entziehen sich dem verfügenden Durchblick, der alles umgreifenden Definition. Geheimnis ist etwas, das nie total durchschaut werden kann. Geheimnis berührt die Qualität unserer Beziehung zur Frage: Gibt es etwas Gründendes, Tragendes, Göttliches? Geheimnis ist ein Thema der Philosophie, der Kunst, der Literatur.
Wer vom Geheimnis spricht, der weiß also mit Ludwig Wittgenstein: Auch wenn alle unseren wissenschaftlichen Probleme gelöst sind, bleiben doch die existentiellen Fragen. Und diese kann man nicht endgültig und ein für alle mal begreifend durchschauen: Dass es etwas gibt, ist (nicht nur für Wittgenstein) das entscheidende Geheimnis.
Drei Fragen stehen im Mittelpunkt unseres Salon-Gespräches am 15. 3.2019:
A)Was ist mein eignes, individuelles Lebensgeheimnis?
-Es ist über den Begriff der Intimität zu sprechen. Intimität nicht (nur) auf den erotischen, sexuellen Bereich bezogen. Es gibt eine personale Intimität.
Wir erleben heute total den Verlust der Intimität. Dies ist die freiwillige Preisgabe dessen, was mein Ich ausmacht. Man denke an bestimmte populäre Fernsehshows der „Privatsender“: Diese Shows zielen auf Verlust jeder Intimität: Etwa: „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (oft als Dschungelcamp bezeichnet). Im Januar 2019: 37 % Marktanteil der 19 bis 49 Jährigen. Und ca. 2,7 Millionen Zuschauer.
-Unsere Gesellschaft, regiert von Politikern, die sich auch oft gern „entblössen“, lässt kaum noch Intimität zu: Man denke auch an die Wohnverhältnisse. Man vergesse nicht die Millionen Hütten der Slums, dort kennen die Menschen keine Intimität. Die vielen Kinder schlafen im gleichen Raum wie die Eltern. Das betrifft viele tausend Millionen Menschen.
In Japan weichen Liebenspaare in „Liebeshotels“ aus. Weil die Wohnungen keine Intimität zulassen, es sind die „Love Hotels“. Diese sind nicht Orte der Prostitution.
-Es gibt andererseits eine falsche Tendenz im Verschweigen der Identität. Männer sprechen nicht von sich selbst und ihren „tiefen, verborgenen“ Problemen. Diese Sprechunfähigkeit hat nichts mit der Bewahrung eines Geheimnisses zu tun. Es ist oft schlicht die Unfähigkeit, aus sich herauszugehen, sich zu äußern.
Wann ist die Öffnung meines „Lebensgeheimnisses“ gegenüber Partnern, Freunden, Bekannten sinnvoll, wann eher für mich destruktiv?
Hinzu kommt: Der einzelne kann sich selbst auch nicht total durchschauen. Wir wissen nicht umfassend und total klar, wer wir eigentlich sind.
Aber: Die falsche Zurückhaltung, das je eigene Lebensgeheimnis wenigstens ansatzweise mitzuteilen, führt zu Spannungen und Krisen: Man denke an das Verschweigen der Nazi-Vergangenheit durch die Eltern. Das Verschweigen ist für betroffene Eltern selbst ein Leidensweg.
Dennoch lebt die Kommunikation gerade in der Liebe von einem Sich – Offenbaren, Sich Anvertrauen, das persönliche und je einmalige Gesicht zeigen.
Das Maß der Öffnung und des Verschweigens des je eigenen Geheimnisses zu erkennen, ist die große Lebenskunst. Das Maß der Öffnung des Geheimnisses zu erkennen, ist die große Lebenskunst.
Das Thema führt in die Ambivalenz der reflektierten Daseinsgestaltung im ganzen.
Der total für andere durchsichtige Mensch jedenfalls ist geheimnislos, er kann wie eine durchschaute Maschine benutzt werden. Und wird auch benutzt, etwa bei Wahlen, siehe Trumps Wahlkampf in den USA.
Der Umgang mit dem je eigenen Lebensgeheimnis ist ein ständiges Abwägen, ein Differenzieren, eine Suche nach dem Gleichgewicht.
B: Geheimnis und der Schutz meiner Privatsphäre heute.
Wir leben im Zeitalter der totaler werdenden Transparenz. Wir werden allmählich in der digitalen Welt total durchschaut, in Zeiten der Big Data. Der Imperativ lautet: „Alles muss Daten und Information werden“, so der Philosoph Byung-Chul Han. (in: “Psychopolitik“, S. 80) Er spricht von Dataismus: „Diese digitale Aufklärung, Dataismus, kann in Knechtschaft umschlagen“. D.h. Ich hinterlasse überall Spuren im Netz. Die digitale Welt weiß mehr von meiner Geschichte als Konsument als ich selbst (in meiner Erinnerung). Ich werde so total verfügbar. Dataismus verzichtet auf jeden Sinnzusammenhang. (81) Alle meine Daten werden vermessen und gesammelt und eingesetzt von der Industrie/Werbung/Politik als Diktatur…
Aber: Wir brauchen den Kampf um Transparenz, um die Restbestände von Demokratie zu schützen. Transparenz ist ein hoher politischer Wert.
Es ist soweit gekommen, dass demokratische Organe, etwa Justiz und Polizei, die umfassende Transparenz bereits behindern. Weil sie die Restbestände der Demokratie zerstören wollen.
Sehr beliebt ist in den sozialen Netzwerken, facebook, e-mail usw. die Verwendung der Pseudonyme. Man entscheidet sich – auch aus Angst – gegen die Klarnamen. Dann kann auch alles schreiben, was man will, dumme, gemeine Behauptungen etc. Man will sich verstecken. Aber: Geheimnisse erzeugen kann lebensrettend sein. Die geheime Wahl ist ein absoluter Wert.
Die Fake-News haben ihren festen Platz in der privaten Welt der Geheimnistuerei. Wir leben in einer Welt, in der der Grundsatz gilt: Der Schein trügt. Was du siehst und hörst von anderen, etwa im email Verkehr, stimmt oft wahrscheinlich nicht.
Diktaturen neigen zu Attacken auf die Anonymität, auf das Geheimnis. Aber Diktaturen machen aus diesen ihren eigenen Attacken wiederum ein Geheimnis.
Sie wollen Zensur durchsetzen, damit die Staatsgeheimnisse nicht öffentlich werden.
In China gibt es Zensurfabriken, eine große Mauer der Zensur wird um google, facebook in China gezogen. Es gilt dort nur noch das „innere Netz“.
C: Ein Hinweis zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Theologie:
Geheimnis als der einzig treffende Begriff, wenn wir von einem letzten Grund in unserem Dasein sprechen, einem Nichts oder einem Gott, je nach eigener Weltanschauung: Dieses Letzte, alles Gründende, das wir im Denken und Fühlen berühren, können wir, weil es das Letzte ist, niemals fassen, niemals be—greifen, nie definieren. Aber im konsequenten Denken sind wir dieser Wirklichkeit ausgesetzt. Was ist der tragende Sinn-Grund von allem? Mit dieser Frage erreichen wir das alles gründende Geheimnis.
Es gab einmal die Überzeugung, als würde die Menschheit einer geheimnislosen Zeit entgegen gehen. Der Soziologe Max Weber sprach von der „Entzauberung der Welt,“ in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ von 1919. Darin erklärte er „dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen, unberechenbaren Mächte gebe, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt. ….Und er fährt fort: Man muss nicht mehr, wie der Wilde einst, zu magischen Kräften greifen, um die Geister zu beherrschen…“sondern technische Mittel und Berechnung leisten das“, das heißt, Max Weber verwechselt wissenschaftlich immer zu durchschauendes Rätsel und Geheimnis.
Eine total entzauberte Welt wird es nicht geben. Kann es nicht geben, so lange nach dem alles gründenden Sinn oder je nach Weltanschauung Unsinn gefragt wird. Bloß viele Leute plappern die These von der „entzauberten Welt“ gedankenlos nach.
Und die tiefste und wohl letzte philosophische Frage, die ohne Antwort bleibt, heißt: “Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts?“ (Später dann auch bei Heidegger, Was ist Metaphysik, 1929)
Leibniz hat sich mit dieser Frage befasst, in seiner Schrift „Auf Vernunft gegründete Prinzipien der Natur und der Gnade“ (1714, 1716 ist Leibniz gestorben)

Nach Leibniz muss es also einen Grund geben, warum es etwas und nicht vielmehr nichts gibt, doch muss dies ein Grund sehr spezieller Art sein, „der keines andren Grundes bedarf“ oder der „den Grund seiner Existenz in sich selbst trägt“. „Leibniz nimmt hier eine weit ältere Tradition der westlichen Philosophie wieder auf, denn seit frühester Zeit hat das Rätsel der Existenz die Menschheit zu einem Schöpfer hingetrieben, einem Wesen außerhalb dieser Welt, dessen Handlungen die Welt als Ganzes entstehen ließen“ (Blackburn S. (2011) Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?. In: Die großen Fragen Philosophie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg)

Bei Wittgenstein sollte man vor allem das Spätwerk beachten.
Etwa die „Vermischten Bemerkungen“: Dort ist ein „tiefer Ernst und überzeugende Ehrlichkeit“ zu finden, so Friedo Ricken in „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie“, S. 29.
Es geht nun Wittgenstein um das Durchbrechen der engen Sprachwelt der Wissenshaften. Ricken spricht in dem Zusammenhang, im Sinne von Wittgenstein, von Klaustrophobie: D.h. Wir können in einem engen Raum der Wissenschaften nicht leben. (S. 33 Ricken).

Der späte Wittgenstein bringt uns zu der Einsicht, dass es etwas gibt, das nicht gesagt werden kann. Aber dies wird verstanden: Im Sinne des klaren und eindeutigen Sprechens.
In den „Philosophischen Untersuchungen“ schreibt Wittgenstein, dass es für ihn unmöglich ist, auch nur ein einziges Wort zu sagen, „was die Musik für mich in meinem Leben bedeutet“.
Aber: Er weiß auch: Wir berühren das Unaussprechbare. Und sagen auch, dass es auch unaussprechbar ist. Dann können wir also doch andeutend etwas von dem Unaussprechbaren sagen?
„Das Unaussprechbare, /das, was mir geheimnisvoll erscheint und ich nicht auszusprechen vermag/, gibt vielleicht den Hintergrund, auf dem das, was ich aussprechen konnte, Bedeutung bekommt“ (in Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, Nr. 472).

D: Zur Theologie:

Die katholische Kirche als dogmatische Institution ist die große Geheimnis-Erzeugerin und Geheimnis–Propagandistin: Sie ist die Förderin der Vorstellung, überall gebe es Mysteriöses, Verzaubertes, Zauberhaftes, Grauenhaft – Teuflisches. Aber viele sehen auch heute darin den „Charme“ des Katholizismus…

Die Lehre vom Teufel wird wieder zur Begründung von Verbrechen herangezogen (wie jetzt durch Papst Franziskus im Fall des sexuellen Mißbrauchs durch Priester).

Der Status des Klerikers gilt als erhoben über den anderen Gläubigen, auch dies ist etwas Mysteriöses, also von der Macht der Kirche gemacht. Ähnliches gilt von der Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes.

Es gibt den mysteriösen Kult um Wallfahrtsorte, wo Maria persönlich erschienen ist usw.

E: Einige katholische Theologen zeigen den eigentlichen Geheimnis-Begriff:
Darum: Erinnerung an Karl Rahner. Er ist DER Theologe, der die Rede vom göttlichen Geheimnis im Christentum in den absoluten Mittelpunkt stellte: „Was sagt das Christentum? Was verkündet es? Es sagt trotz des Anscheins einer komplizierten Dogmatik und Moral eigentlich doch nur etwas ganz Einfaches. Ein Einfaches, als dessen Artikulation alle einzelnen Dogmen erscheinen.
Was sagt das Christentum eigentlich? Doch nichts anderes als: Das Geheimnis bleibt ewig Geheimnis. Dieses Geheimnis will sich aber als das Unendliche, Unbegreifliche, als das Unaussagbare, Gott genannt, als sich schenkende Nähe in absoluter Selbstmitteilung dem menschlichen Geist mitten in der Erfahrung seiner endlichen Leere mitteilen.“ (In: Karl Rahner, Lesebuch, S. 20).

Das Göttliche ist IM Menschen, die Konsequenz ist: dann „Wer sich selbst als Mensch annimmt, nimmt das ihn gründende Geheimnis seines Lebens auch schon mit an, er nimmt also indirekt und unthematisch Gott, mit an“. (S. 21).

Rahner: „Gott ist der, hinter den man prinzipiell nicht kommt“. (Lesebuch, S 143). Man kann von Gott nicht „exakt“ reden. Nur stammeln, nur indirekt reden.
Aber man darf von ihm nicht darum schweigen, weil man von ihm nicht „eigentlich“ und exakt reden kann.
Ein Auszug aus „Gott ist keine naturwissenschaftliche Formel,“ (https://www.einjahrzitate.de/?p=787) „Gott ist nicht „etwas„ neben anderem, das mit diesem anderen in ein gemeinsames, homogenes System einbegriffen werden kann. „Gott” sagen wir und meinen das Ganze, aber nicht als nachträgliche Summe der Phänomene, die wir untersuchen, sondern das Ganze in seinem unverfügbaren Ursprung und Grund, der unumfasslich, unumgreiflich, unsagbar hinter, vor und über jenem Ganzen liegt, zu dem wir selbst und auch unser experimentierendes Erkennen gehören. Und in jedem Leben, auch des exakten Naturwissenschaftlers und Technikers, kommen in die Mitte des Daseins zielende Augenblicke, in denen ihn die Unendlichkeit anblickt und anruft. Man kann das Leben, insofern man zwischen diesem und jenem hindurchfinden muss, mit Formeln der Wissenschaft meistern. Wenigstens auf weite Strecken mag das gelingen, und man greift glücklicherweise morgen noch ein gutes Stück weiter. Der Mensch selbst aber gründet im Abgrund, den keine Formel mehr auslotet. Man kann den Mut haben, diesen Abgrund zu erfahren als das heilige Geheimnis der Liebe. Dann kann man es Gott nennen“.
F: Auch der katholische Theologe Edward Schillebeeckx (1914-2009) spricht theologisch vom Geheimnis: Etwa in: Edward Schillebeeckx, „Im Gespräch“, Luzern 1994, S.112).
„Man kann nicht die Existenz Gottes beweisen…SONDERN: „Es geht nur darum zu beweisen, dass es rational begründet ist, von Gott zu sprechen. Man kann nur beweisen, dass es vernünftig sein kann, von Gott zu reden“ (112)
Es gibt ein rationales Fundament für die Beziehung des Menschen zu Gott. Die Rede von Gott ist nicht absurd.
„Der Mensch, der an Gott glaubt, weiß, dass Gottes Schweigen nicht seine Abwesenheit bedeutet“. 112.
Die absolute Gegenwart Gottes ist schweigende Gegenwart. 113. (Man kann also auch das Schweigen Gottes als Gottes Nichtexistenz deuten, so Schillebeeckx, S. 113.)
„Weder der Theismus noch der Theismus können bewiesen werden. Beide sind INTERPRETIERNDE Erfahrung der Wirklichkeit, (S. 113).
„Auch Atheisten sind Glaubende“ (nämlich an das Nichts Glaubende, CM) (S. 114.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Beitrag von URSULA SAX:
Wie wir das Wort Geheimnis landläufig benutzen, ist nicht sehr geheimnisvoll. Es hat doch etwas Verborgenes, hat eine größere Dimension, als wir es kürzlich in den Fokus nahmen.
Wir sprachen von Familiengeheimnissen, z. B., die sind oft verhängnisvoll, für den einzelnen, doch sie sind von der Familie selbst gemacht, aus Scham oder anderen Gründen, sie wollen Umstände / Vorkommnisse verschleiern, zum Beispiel, um einen Image-Verlust zu vermeiden, wenn da etwas bekannt würde, das dem Ansehen der Beteiligten schaden würde.

Ich sehe das Geheimnis unpersönlicher – Universeller. Ist nicht unsere ganze Existenz ein Wunder und ein Geheimnis? Sind wir uns nicht selbst Geheimnis? Es ist mir selbst ein Geheimnis, dass sich bei mir künstlerische Ideen einstellen.
Manchmal völlig fertig, so dass ich sie nur noch zu machen brauche, manchmal schwer erarbeitet, Annäherung über längere, oder lange Zeit. Wir, unser ICH, ist völlig identifiziert mit unserem Körper und kritisiert ihn lieblos oder schämt sich seiner.
Wir behandeln uns oft schlecht, als ob wir uns selbst zu verantworten hätten – vor wem ? Vor den andern, die sich genauso irren in ihrer Person.

Ich war jetzt ein paar Tage lange schwer erkältet und hatte Zeit zum Nachdenken / Nachspüren: Wer bin ich ? Die uralte Frage. Die Antwort: Alles ist Geheimnis!
Ursula Sax am 1.4. 2019.

Der Klerus ist etwas ganz Besonderes: „Kleider machen Priester“

Ein Hinweis von Christian Modehn … zur Absonderung des Klerus durch die „Soutane“

1.Der katholische Klerus ist eine von den übrigen Mitgliedern der Kirche herausgehobene Gruppe. Das wissen wir seit langer Zeit. Diese Erkenntnis wird verstärkt durch die Freilegung des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker: Bischöfe haben die klerikalen Täter geschützt und vor den staatlichen Gerichten bewahrt. Warum? Weil die klerikalen Täter Kleriker sind. Und aufgrund ihres Standes eine Sonderrolle spielen in dieser Kirche und ihren Gesetzen. Kleriker stehen an der Spitze der Hierarchie und verdienen deshalb privilegiert zu werden: So leb(t)en sie förmlich in einem rechtsfreien Raum, der nur von der Eigenwilligkeit des Kirchenrechts bestimmt wird. Dieses Kirchen-Recht ist ja ein Werk, das die Kleriker ohne jede auswärtige Kontrolle oder Mitarbeit für sich selbst geschaffen haben.
Es wird Zeit, die Sonderstellung des Klerus auch in ihrer besonderen Kleidung im Alltag herauszustellen. Dabei sind nicht die Gewänder gemeint, die der Klerus für die rituellen Feiern, etwa der Messe, in der ganzen bunten Pracht verwendet. Man denke bitte bei unserem Thema NICHT an die roten Schuhchen von Papst Benedikt XVI.
Es geht also um die „Kleidung des Klerus im Alltag“, dies ist ein spannendes, meines Wissens leider kaum bearbeitetes historisches oder theologisches Thema, zumindest in Deutschland. Es dient der Aufklärung über den ungebrochenen Sonderstatus des Klerus bis heute. Und die immer deutlicher werdende Bevorzugung der Priesterkleidung (Soutane) auch in der Öffentlichkeit heute ist ein eindringliches Zeichen für die kirchliche Ablehnung des Weltlichen, der Moderne im ganzen: „Wir Kleriker demonstrieren mit der aus Vorzeiten stammenden Kleidung der Soutane unseren Abstand zur laizistischen modernen Welt“. Der französische Theologe und Priester im Dominikanerorden Christian Duquoc schreibt entsprechend 1985: „Das Grundübel, das all dem zugrunde liegt,(für die allgemeinen Probleme des Klerus), besteht in der Trennung des Priesters vom Volk. Der Klerus lebt und erlebt diese Trennung wie eine ekelerregende Krankheit: Sie ist schimpflich und ungerecht“(in: „Die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils“, Patmos Vl. Düsseldorf, 1986, S. 374).

2.Das Thema ist also mehrfach aktuell: Die konservativen Klerus – Gemeinschaften verlangen seit Jahren schon wieder, dass ihre Mitglieder die Soutane oder die Ordensgewänder immer auch in der Öffentlichkeit tragen, selbst in Frankreich ist das üblich. Während etwa ältere, eher liberal gesinnte Welt – und Ordenspriester im grauen Anzug mit Krawatte in der Öffentlichkeit auftreten, oft mit einem kleinen Kreuz am Revers, sehnen sich förmlich die jüngeren Priester nach dem Talar oder dem Ordensgewand. Sie wollen herausgehoben sein, sie wollen auffallen, als „ehrwürdige Brüder“ etc. angesprochen und besonders behandelt werden. Ich erinnere mich noch ein Gespräch mit dem damaligen Bischof von Amiens, Jacques Noyer: Er trug um 1998 einen Anzug und eine Krawatte. Keinen Talar! Unvorstellbar heute! Das Gespräch war von großer Nähe und Freundlichkeit geprägt, man möchte sagen, man konnte mit ihm auf „Augenhöhe“ sprechen. Es ist natürlich klar, dass die von den jeweiligen Vorgesetzten und „Oberen“ festgelegte Kleidergesetzgebung auch ein Schutz sein soll für die jungen Priester, wenn nicht gar eine Art Zwang: Die Priester sollen sich in der Öffentlichkeit nicht an zu „weltliche“, gar verrufene Orte begeben: Welcher Bettelmönch würde in Paris als solcher gekleidet in ein feines Restaurant gehen oder in einem Kino sich einen Film mit allerhand Sex-Szenen ansehen? Jedenfalls haben die Oberen zu ihren Priestern so viel (Miss)trauen, dass sie diese in erkennbar klerikale Gewänder zwängen. Die „Legionäre Christi“ sieht man in Rom immer nur in „Kohorten“, in Soutanen gekleidet, durch Rom eilen, ebenso die vielen jungen sehr konservativen Priester aus dem „Neokatechumenat“ oder die ebnso sehr konservativen Kleriker des Instituts „Christus König und Hoherpriester“ etc.. Es gibt bekanntlich Bilder, auf denen junge Priester Fußball spielen in Soutane oder gar in Polen etwa mit der Soutane Ski fahren…
Dabei ist klar, dass selbst diese konservativen Priester über weltliche Kleidung verfügen: Man denke daran, in welchen prächtigen Anzügen sich der Generalobere des katholischen Ordens „Legionäre Christi“, Pater Marcial Maciel, mit seinen Liebhaberinnen, meist älteren sehr reichen Damen traf. Dazu gibt es hübsche Fotos. Er gab sich bei seinen von Finanzinteressen gesteuerten Liebesbekundungen als „Manager“ aus etc. Und dieser weltliche konservative Klerikale ist alles andere als eine Ausnahme. Klar ist auch: Die Kleriker ziehen ihre Soutane auch gern aus, etwa wenn es zum sexuellen Missbrauch kommt: Da lassen sie selbst ihre klerikalen Gewänder in der Sakristei, neben der Kirche, fallen, wie etwa der australische Kardinal Pell: Er forderte in der Sakristei die Knaben zum Oralverkehr auf. Allerdings, wie er im Prozess kürzlich vor seiner Verurteilung betonte, nur sechs Minuten lang…Und der Ordenschef, im Orden nur „Generaldirektor“ genannt, Pater Marcial Maciel, empfing seine Knaben aus den Schulen oder dem Noviziat gern bereits ausgezogen im Bett und dort um bestimmte Massagen bittend. Das berichteten Betroffene und Opfer des obersten Ordenschefs schon um 1985 dem Vatikan, der darauf selbstverständlich gar nicht reagierte! (Wer sich für Details interessiert, lese das Buch „Marcial Maciel, Historia de un Crimnal“, von Carmen Aristegui, Grijalbo Verlag, 2010, etwa den Beitrag des damals 12 jährigen Maciel-Opfers Alberto Athié, in dem Buch Seite 48).
Jedenfalls zeigen schon die wenigen Beispiele, die endlos verlängert werden könnten: „Der Habit macht noch keinen Mönch“.

3. Ich will hier nur an einige Forschungsergebnisse erinnern, die der Historiker und Kirchenrechter Louis Trichet in seiner Studie „Le Costume du Clergé“ (Paris 1986) vorgelegt hat. Dieses Buch verdient immer noch viel Beachtung, wenn es um ein Verstehen der exklusiven Sonderrolle des Klerus geht. Trichet bezieht sich fast ausschließlich auf Frankreich und dabei auch fast nur auf die Kleidung des Weltklerus. Die Studie basiert vor allem auf ausführlichen Recherchen zum Kirchenrecht zu dem Thema.
Im ersten Teil wird deutlich, dass in den Jahrhunderten vom 300 bis etwa 400 sich der Klerus wie die allgemeine Bevölkerung kleidete.
Vom 6. Bis zum 7. Jahrhundert setzt die Tendenz ein, den Klerus schon durch die Kleidung herauszuheben.
Klar ist, dass in den kleinen Gemeinden in den ersten Jahrzehnten, nach Jesu Tod, die Gemeindeleiter, die Presbyter, sich NICHT von den anderen Gläubigen durch ihre Kleidung unterschieden. Unvorstellbar sich den –angeblich – ersten „Papst“, also den Fischer und Analphabten Petrus, mit einer Soutane zu denken. „Wir Kleriker müssen uns nicht durch unsere Kleidung, sondern durch unseren Lebenswandel unterscheiden“, schrieb Papst Coelistin I. noch im Jahr 428.
Der zweite Teil des Buches bezieht sich auf die Zeit von 1050 bis 1589: Der „ordo“, der Stand des Klerikers, unterscheidet sich von nun an von den anderen Ständen in der Kirche und dem Staat. Das bedeutet noch nicht, dass eine eigene „Klerus“ – Mode etabliert wird, sondern dass nur Empfehlungen von Papst und Bischöfen gelten, bestimmte auffällige Farben (besonders verboten sind die Farben rot und grün) der Kleidung zu meiden. Das Konzil von Milano verfügt dann als einzig gültige Farbe das Schwarze. Aber es gibt schon viele offizielle Regelungen zur klerikalen Kleiderordnung. Damit haben sich die Bischöfe und die Kirchenversammlungen lang und breit befasst.

Der dritte Teil des Buches gilt der Zeit von 1589 bis 1984. Jetzt wird die schwarze Soutane (sotana, in der italienischen Volkssprache, eine Bezeichnung für Unterwäsche für Männer wie für Frauen!) für Priester in der Öffentlichkeit verpflichtend. Das verfügte Papst Sixtus V.: Die Soutane ist ein langes, den Erdboden fast berührendes Gewand. Papst Sixtus V. lehrte explizit, die Priester gehörten ganz dem Herren (Christus) und deswegen müssten sie sich vom Rest des Gottesvolkes, der Kirche, durch eine besondere Kleidung unterscheiden. Wer die Soutane als Priester nicht trägt, dem werden strenge Strafen angedroht (S. 159). Mit der Tonsur wurde dann auch die Soutane überreicht. Die Würde des Priesters wurde die äußerliche Gewandung unterstrichen, wenn nicht gar erst erzeugt. Es war eine Welt des Misstrauens, dass man dem Priester ein nach außen hin moralisches Leben ohne die besondere Soutane nicht zutraute. “Wer die Kleidung des Klerus nicht trägt, hat nicht den Geist Gottes“, so etwa eine Bestimmung aus dem Bistum Alet in Südfrankreich (S. 156).
Die Französische Revolution schaffte –im Rahmen der égalité – das spezielle Klerus-Gewand ab, so wurde in der „Assemblée constituante“ entschieden: Die Priester mussten sich „a la francaise“ kleiden (S. 167). Diese Entscheidung wurde von der nachfolgenden Restauration wieder aufgehoben, und der Klerus musste sich wieder in die Soutane hüllen. Wer damals für die Priesterausbildung zuständig war, wie Pater Olier oder der heilige Vinzens von Paul, sprach sogar von der „heiligen Soutane! Die von Vinzenz von Paul ausgebildeten Priester wurden förmlich gezwungen, die Soutane zu tragen (S. 153).
Gegen den allgemeinen Zwang, diese (immer auch feminin wirkende) Soutane zu tragen, protestierten einige Priester, wie etwa Abbé Maret um 1840. Später wurde Abbé Maret Dekan der theologischen Fakultät der Sorbonne. Er schrieb: „Die Soutane ist nicht zu ertragen! Nicht wegen des Straßenschmutzes und der Beleidigungen, die die Soutane bei der kritischen Bevölkerung hervorruft. Diese Kleidung isoliert den Priester, trennt ihn von der Bevölkerung, sie ist eines der größten Übel der modernen Zeiten“ (S. 11, auch S.180 ). Aber Maret setzte sich – natürlich – nicht durch.
4. Erst Mitte der 1960 Jahre wird offiziell vom Papst der so genannte „Clergyman-Anzug“ erlaubt, also der Anzug mit dem weißen römischen Colar und dem obligaten Kreuz am Revers des Sakkos. Die französischen Arbeiterpriester in den neunzehnhundertfünfziger Jahren waren wie ihre Kollegen gekleidet.
Nebenbei: Es gab und gibt auch Frauenorden, die ihren Schwestern die zivile Kleidung gestatten, aber das ist ein anderes Thema. Heute erlauben Frauen – Ordensgemeinschaften, die theologisch progressiv nennen kann, ihren Schwestern die zivile Kleidung.

Louis Trichet fasst seine Studien zusammen: „Als sich der Klerus zu einer bestimmten Zeit anders als die Laien kleidete, hat er sich wie die „anderen“ sozialen Kategorien verhalten: Denn der Klerus war nun ein organisierter „Corpus“, verschiedenen von den anderen. Die Entscheidung für die Soutane wurde die Regel, sie ist ein „Unfall“ der Geschichte, der von der Institution Kirche erzeugt wurde. (S. 214)

Literaturhinweis: Louis Trichet, Le Costume du Clergé. 243 Seiten, Paris 1986, Editions du Cerf. Das Buch ist antiquarisch für ca. 44 Euro zu haben.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Vom Menschsein und der Religion“: Ein neues Buch von Wilhelm Gräb

WEITER DENKEN: Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb
Die Fragen stellte Christian Modehn
1.Frage:
Ihr neues Buch „Vom Menschen und der Religion“ vermittelt eine zentrale Er-kenntnis von einer geradezu universalen Bedeutung: Jeder Mensch befasst sich auf seine Art mit der Sinnfrage, mit der Frage nach dem Sinn des eigenen Le-bens und „des Ganzen“. Und diese Sinnfrage, so schreiben Sie immer wieder in dem Buch, sollte auch der Mittelpunkt der Theologie, der christlichen Theolo-gie, sein. Das ist eine ungewöhnliche, über alles Kirchliche hinaus in die Weite des Menschlichen führende Aussage. Warum ist gerade diese in meiner Sicht „universale Basis-Theologie“, unter den Bedingungen der „Säkularisierung“ jetzt so entscheidend für Sie?
Dass wir die Zukunft nicht bestehen und die drängenden ökonomischen und vor allem ökologischen Probleme einer stetig wachsenden Weltbevölkerung ohne weitere Fortschritte in Wissenschaft und Technik nicht werden lösen können, scheint allen klar. Auch die Kunst und die Künste gehören selbstverständlich zu den entscheidenden Möglichkeiten, die wir Menschen haben, um unsere kreati-ven Fähigkeiten in die Gestaltung einer lebensdienlichen und entwicklungsoffe-nen Welt einzubringen. Nur die Religion, die doch seit den Anfängen der Menschheitsgeschichte nicht nur die Basis von Wissenschaft und Kunst war, sondern auch sich mit diesen fortschreitend entfaltet hat, erscheint vielen heute als entbehrlich. Sie wird mit den institutionalisierten Religionen und mit den Glaubens- und Morallehren der Kirchen identifiziert. Es wird die gefährliche politische Macht, die die ihre Repräsentanten durch die Berufung auf göttliche Autorität gewinnen können, angeprangert.
Viel zu wenig gesehen wird jedoch, dass die Zukunftsfragen einer das Überle-ben der Menschheit sichernden nachhaltigen Entwicklung eine alles entschei-dende religiöse Dimension bei sich haben. Was das Leben jedes einzelnen letzt-lich trägt, der Glaube an den Sinn des Ganzen, das hält auch die Anstrengungen in Wissenschaft und Technik, Politik, Recht und Bildung in Gang. Gerade dort, wo die Probleme immer drängender werden und globale Fehlentwicklungen, in die wir durch kollektives Versagen hineingeraten sind und die das Zutrauen in die Kräfte lebensdienlicher Zukunftsgestaltung rauben, ist das trotzige Dennoch eines religiösen Glaubens, der Inspiration, Kreativität und Gemeinsinn freisetzen sowie einen hoffungsvollen Lebensmut stärken kann, wichtiger denn je.
Doch dass Religion diese Bedeutung für unser Menschsein hat, dass sie es ist, die uns die Möglichkeiten entdecken lässt, mit denen wir über uns hinauswach-sen, weil sie größer sind als wir selbst um sie und uns in ihnen wissen, ist kaum im Blick. Die Religion ist kein öffentliches Thema in den so dringenden Debat-ten darüber, wie wir leben wollen, wie wir leben sollen, noch gar, was recht ei-gentlich ins Zentrum der Religion gehört, wie wir mit der offenkundigen Tatsa-che zurecht kommen können, dass wir des Insgesamt der Bedingungen unseres Daseins nicht mächtig sind, wir das Gelingen unserer noch so guten Absichten letztlich nie in der Hand haben.
Religion wird als Angelegenheit lediglich der hierzulande offensichtlich immer weniger werdenden „Gläubigen“, der Kirchen- und Religionsangehörigen aufge-fasst. Die anderen, die „Säkularen“, Konfessionslosen, Freigeister, Humanisten, Agnostiker geht sie nicht an. Doch in Wahrheit ist es so, dass wir alle in unserer Vorstellungkraft sehr viel ärmer werden, wenn wir das Bewusstsein von den Grenzen, die unserer Erkenntnis und unserm Wissen gesetzt sind, verkümmern lassen und die Möglichkeiten einer transzendenzoffenen, spirituellen Weltsicht und Sinneinstellung verspielen.
Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben, weil ich meine, dass es dringend an der Zeit ist, in der Religion, wir können auch sagen: Religiosität bzw. Spirituali-tät, eine Haltung dem Leben gegenüber zu sehen, aus der immer wieder neu In-spiration, Mut, Trost und Gemeinsinn erwachsen. Es verdankt sich dieses Reli-gionsverständnis den entscheidenden Impulsen protestantischer (Kultur-)-Theologie, wie sie von Friedrich Schleiermacher über Ernst Troeltsch bis zu Paul Tillich gesetzt wurden.
Ich habe der Rekonstruktion der Gegenwartsbedeutung dieser Theologietraditi-on in meinem Buch breiten Raum gegeben, stelle mich selbst in diese Tradition und führe sie fort, um – heute nun in transreligiöser und transkultureller Absicht – zu diesem anderen Reden über die Religion beizutragen. Religiös zu sein, ist eine der besten Möglichkeiten, die wir Menschen haben, um einen verlässlichen Halt in unserem je individuellen Leben zu haben und dann auch den enormen Herausforderungen begegnen zu können, vor die wir uns im Zeitalter der ökolo-gischen Lebensgefahr gestellt sehen.
2. Frage:
Nun gibt es die bunte Vielfalt von Religionen. Diese aber sind nicht immer und nicht automatisch konstruktiv im Sinne der Menschlichkeit und des Respekts der universalen Menschenrechte. Welches Kriterium haben Sie, um humane Religi-onen von den de facto ins Inhumane abgleitenden Religionen, „Sekten“, Ideolo-gien, zu unterscheiden?

Die Religion, von der ich spreche, ist, um mit Johann Gottlieb Herder zu reden, „in aller Menschen Herz nur eine“. Sie gehört zu unserem vernunftbegabten Menschsein. Zu ihr können alle finden, die einiger Selbstachtung fähig sind. Dann merken sie, dass die schon von den Theologen der Aufklärung als „Ange-legenheit des Menschen“ entdeckte Religion eine transzendenzoffene Sinnein-stellung ist, die aus dem tröstlichen Gefühl einer Gründung unseres Ichs im Göttlichen erwächst.
Mit dem Glauben an Heilige Schriften, kirchliche Dogmen, gar einem Gehorsam religiösen Führern gegenüber hat diese Religion der Humanität, wie ich sie nen-ne, nichts zu tun. Das heißt aber nicht, dass diese Religion der Humanität nicht auch in den Religionen, wie sie als mehr oder weniger verfasste Institutionen, mit ihren Traditionen, ihren Lehren und Ritualen, Symbolen und Lebensregeln existieren, gefunden und praktiziert werden kann. Genau dies dürfte vielmehr weithin der Fall sein, schon deshalb, weil eine gesellschaftliche Kommunikation über diese Religion der Humanität noch nicht entwickelt ist. Das Anregungspo-tential, das die Heiligen Texte der Religionen, ihre Kunstschätze, ihre Theolo-gien und ethischen Reflexionen in sich bergen, ist außerdem immens. Es wäre töricht, wenn die Religion der Humanität, die ich in meinem Buch auch als eine transversalen Religion der Menschenwürde und Menschrechte beschrieben habe, ihre Inspiration nicht auch aus Quellen der großen geschichtlichen Religionen schöpfen würde.
Dennoch ist das Verhältnis der Religion der Humanität zu den religiösen Insti-tutionen, Traditionen und Gemeinschaften ein durchaus kritisches. Ich argumen-tiere entschieden gegen jede Vorweggeltung eines kirchlichen und religionsinsti-tutionellen Autoritätsanspruchs. Es ist nicht schon deshalb etwas heilig und den gläubigen Gehorsam gebietend, weil ein Klerus sich auf höhere Offenbarung, geheiligte Traditionen und göttliche Einsetzung beruft. Ob eine Religion bzw. Elemente in ihr gut oder schlecht sind, entscheidet sich daran, ob dort unsere menschliche Fähigkeit, aus freier Einsicht „glauben“ zu können gefördert wird, oder auf blinden Glaubensgehorsam verpflichtet werden.
Glauben zu können, will dann als Realisierung einer unserer besten menschli-chen Möglichkeiten verstanden sein. Wer aus freier Einsicht glaubt, tut dies im Wissen um die Unverfügbarkeit der Zukunft wie unseres Daseins überhaupt, ein Wissen, das in Glauben übergeht und das den Kern im Grunde jeder Religion darstellt.
3. Frage:
Wichtig ist für sie der „Lebensglaube“, also die Gewissheit, dass mein und unser Leben „im letzten“ einen Sinn hat. Diesen Lebensglauben können, so sagen Sie, auch Kunst, Literatur, Film und Musik vermitteln. Aber warum, wie Sie dann schreiben (S. 318), „befriedigen diese dann doch nicht unsere Sinnbedürfnisse“?
Dieser Lebensglauben, der ein unbedingtes Vertrauen in den Sinn des Ganzen ist, muss immer wieder dem Wissen um die Unbegreiflichkeit dieses Sinns ab-gerungen werden. Sonst wäre es ja kein Glauben, kein grundloses, ins Wagende hinein sich vollziehendes Grundsinnvertrauen. Das eben macht den Unterschied wahren religiösen Glaubens von Ideologien und totalitären religiösen Lehren aus. Doch wer schafft das, so zu glauben?
Letztlich ist dieses sich auf der Grenze bewegende und das menschliche Maß wahrende Glauben, zu dem die Religion der Humanität ermutigt, eine unmögli-che menschliche Möglichkeit. Das hat vernünftig Theologie seit jeher dadurch zum Ausdruck gebracht, dass sie vom Glauben als Gottesgeschenk sprach, als Tat Gottes, mit der dieser den Glauben in uns hervorbringt. Viele religiöse Den-ker sprechen zudem vom Glauben als einem Widerfahrnis, zu dem wir uns nicht entschließen können, sondern das an uns geschieht, so freilich, dass es nur dann für uns wirksam wird, wenn wir es annehmen und uns bewusst dazu verhalten.
Was ich an der von Ihnen zitierten Stelle von der Kunst und den Künsten sage, gilt insofern auch von der Religion. Auch sie befriedigt nicht unsere Sinnbe-dürfnisse, jedenfalls nicht so wie das gemeinhin verstanden wird, als hielte sie eine friedigende Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens bereit. So ist es gerade nicht. Dennoch erweckt die traditionelle Religion oft genau diesen Anschein, als habe sie sie verbindliche Antworten auf die großen Fragen nach dem Woher und Wohin unseres Daseins. Anders die Kunst. Ich sehe ihren Vor-zug und das, was sie für die Religion bedeutet, genau darin, wie ich an anderer Stelle sage, dass „sie die Wunde des Sinns offenhält“.
Gerhard Richter sagt es so: „Die Kunst ist die reine Verwirklichung der Religio-sität, der Glaubensfähigkeit, Sehnsucht nach ,Gott‘. […] Die Fähigkeit zu glau-ben ist unsere erheblichste Eigenschaft, und sie wird nur durch die Kunst ange-messen verwirklicht. Wenn wir dagegen unser Glaubensbedürfnis in einer Ideo-logie stillen, richten wir nur Unheil an.“ (Notizen 1988)
Und früher schon notierte Richter, der einer der bedeutendsten Bildermacher unserer Zeit ist: „Die Kunst ist nicht Religionsersatz, sondern Religion (im Sin-ne des Wortes, ,Rückbindung‘, ,Bindung‘ an das nicht Erkennbare, Übervernünf-tige, Über-Seiende). Das heißt nicht, dass die Kunst der Kirche ähnlich wurde und ihre Funktion übernahm (die Erziehung, Bildung, Deutung und Sinnge-bung). Sondern weil die Kirche als Mittel, Transzendenz erfahrbar zu machen und Religion zu verwirklichen, nicht mehr ausreicht, ist die Kunst, als veränder-tes Mittel, einzige Vollzieherin der Religion, das heißt Religion selbst.“ (Noti-zen 1964-65)
Kunst ist Religion und Religion ist Kunst, ohne dass wir eine Kunstreligion er-finden müssten. Die für die Erfahrung der Kunst offene Religion ist die Religion, die zu uns unruhigen Menschen passt, weil sie unser Verlangen nach dem Voll-kommenen wachhält. Sie befriedigt nicht unsere Sinnbedürfnisse, sondern hält unsere Sehnsucht nach Sinn wach – nach einem Sinn, der endlich verstanden werden kann, sodass wir vielleicht das Gefühl bekommen, doch in diese Welt zu passen, obwohl wir nie ganz in ihr zuhause sind.
Hinweis auf die Neuerscheinung: Wilhelm Gräb, Vom Menschsein und der Religion. Eine praktische Kulturtheologie. 2019.
https://www.mohrsiebeck.com/buch/vom-menschsein-und-der-religion-9783161565649
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin und Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

Pius XII. und sein diplomatisches Schweigen

Einige Hinweise von Christian Modehn am 2.2.2019

Am 2. März 2019 sind es 80 Jahre her, dass Kardinal Eugenio Pacelli zum Papst gewählt wurde. Er nannte sich Pius XII. Es ist klar, dass anlässlich dieses halbwegs „runden Gedenktages“ wieder viele offiziell – katholische apologetische Statements vom Vatikan aus verbreitet werden, Statements und Bücher, die seit 1945 schon dem Motto folgen: „Pius XII. hat es doch so gut gemeint“. Und wieder ist zu erwarten, dass das Theaterstück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth (1963) verantwortlich gemacht wird für diese in vatikanischer Sicht böse Einstellung einer kritischen Öffentlichkeit gegenüber einem Papst, der schon seit 1965 „selig gesprochen“ werden soll. Aber es klappt nicht so recht, diese heilig mäßige Vorbildlichkeit Pius XII. wirklich zu erweisen.

1.Warum ist es wichtig, erneut kritisch an Papst Pius XII. (Papst von 1939 – 1958) zu erinnern? Weil die „Seligsprechung“ dieses Papstes immer noch betrieben wird, er könnte also als „himmlischer Helfer“ und allgemeines Vorbild bald mit offiziellem Segen verehrt werden. Dieser Seligsprechungsprozess wurde bereits 1965 (!) eröffnet. Offenbar tun sich die forschenden Prälaten doch etwas schwer mit der heilig mäßigen Vorbildhaftigkeit des Papstes Pacelli (Pius XII.) Es findet sich halt niemand, der durch die Anrufung des Pacelli Papstes wunderbar gesund wurde, dieses Wunder ist ja eine übliche Voraussetzung für eine Seligsprechung…

2.Warum ist das Thema Pius XII. und die Juden gerade heute so wichtig? Weil am Beispiel Pius XII. deutlich wird, wie eine extreme Fixierung auf das Wohl der Kirche eine humane Katastrophe nicht verhindern kann. Und diese Fixierung auf das Wohl und das Ansehen der „Amtskirche“ ist bis heute oberstes Dogma des Klerus.

3.Die zentrale Frage ist: Wie hat sich Pius XII. in seinem Tun und nicht bloß in seinen diplomatisch moderaten, manche sagen verklausulierten Reden und Botschaften gegenüber den Nazis und den Faschisten, auch in Italien, Kroatien, Spanien etc., de facto verhalten?

4.Nach wie vor muss man wohl sein persönliches Engagement (nicht das mutige Engagement einiger Priester in Rom!) zugunsten der verfolgten Juden, selbst in Rom) tatsächlich als sehr schwach einschätzen. Dies ist wohl allgemeiner Konsens und Erkenntnisstand bei allen, die nicht den apologetischen Schriften aus Vatikan-abhängigen Kreisen folgen. Die Herren im Vatikan wissen wohl genau, warum die „Geheimarchive“ des Vatikans zu Pius XII. für die Zeit nach 1939 immer noch nicht zugänglich sind. Schon 2011 wurde die Zusage verbreitet, dieses Geheimarchiv werde 2015 zugänglich. Ist es aber auch 2019 nicht! So haben spekulative Überlegungen der Apologeten immer noch ihre Blütezeit, wenn sie lang und breit etwa der mit vernünftigen Gründen gar nicht zu klärenden Frage nachgehen: „Was wäre denn passiert, wenn Pius XII. tatsächlich den Judenmord öffentlich und lautstark verurteilt hätte?“ Die Antwort der Apologeten heißt: (dabei missachten sie als Papst-Fans total die herausragende politisch-diplomatische Bedeutung des Papstes): Papst Pius XII. hätte die Verfolgung und Ausrottung der Juden durch seinen öffentlichen Protest noch schlimmer gemacht. 2017 hat sogar noch Papst Franziskus in einem Interview für die Zeitung „La Vanguardia“ (Barcelona) Pius XII. diese allgemeinen Reinwaschungen Pius XII. verbreitet. Franziskus wiederholte: Papst Pius XII, selbst (und nicht etwa einige mutige Priester) hätte Juden in Rom persönlich gerettet; das mag am Beispiel von Castel Gandolfo so sein. Nur waren dies anerkennenswerte caritative Taten zugunsten einzelner Personen. Diese Caritas erschütterte nicht das mörderisches System der Nazis und Faschisten. Papst Franziskus sagte also: „Escondió a muchos en los conventos de Roma y de otras ciudades italianas, y también en la residencia estival de Castel Gandolfo. Allí, en la habitación del Papa, en su propia cama, nacieron 42 nenes, hijos de los judíos y otros perseguidos allí refugiados. No quiero decir que Pío XII no haya cometido errores -yo mismo cometo muchos-, pero su papel hay que leerlo según el contexto de la época“ („Er hat viele (Juden) in den Klöstern von Rom und in anderen italienischen Städten versteckt, und auch in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo. Dort, in der Wohnung des Papstes, in seinem eigenen Zimmer, kamen 42 Kinder zur Welt, Kinder von Juden und Kinder von anderswo Verfolgten. Ich will nicht sagen, dass Pius XII. keine Irrtümer begangen hat – ich selbst begehe auch viele – aber seine Rolle muss verstanden werden im Kontext der damaligen Epoche“) (http://www.alfayomega.es/25413/entrevista-del-papa-en-la-vanguardia-para-mi-la-gran-revolucion-es-ir-a-las-raices)

5.Diese Behauptung, Pius XII. habe persönlich Juden versteckt, wird seit Jahren mit guten Gründen angezweifelt, sie ist klerikale Propaganda. Der Holocaustüberlebende und Publizist Noah Kliger in: NTV 18.1.2010: „Es müssten nur ein „paar kleine Fragen“ beantwortet werden: „Wie viele Juden hat Pius XII gerettet? Hat er sie im Vatikan oder in seinem Sommerpalast versteckt? Was waren ihre Namen? Warum hat kein einziger Überlebender jemals darüber berichtet und auch keiner von deren Angehörigen? Warum geht der Papst nicht auf solche nebensächlichen Fragen ein? Dem Papst Pius XII nahe stehende Personen hätten sich niemals zu dessen vermeintlichen Rettungsaktionen geäußert“.

6.Was macht das Thema „Pius XII. und die Juden“ heute wieder „besonders“ aktuell? Es ging Papst Pius XII. entscheidend darum, zuerst und absolut vor allem darum, das Wohl der Kirche als Institution und das Wohl der Katholiken zu schützen. „Church first“, würde man heute sagen! Nicht etwa „Humanity and human Rights first“ war sein praktisches Leitprinzip. Diese Erkenntnis kann sich auf viele Historiker, wie etwa Saul Friedländer, berufen. Über dessen Buch „Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation. Mit einem aktuellen Nachwort“, 2011, schreibt der katholische Theologe und Historiker Klaus Kühlwein vom Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg i.Br. in der wissenschaftlichen Website https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16575: „In seinem langen Nachwort geht der Autor Saul Friedländer der Frage nach, welche Erklärungen es gibt für die ausgesprochen politische Passivität Pius XII. gegenüber NS-Deutschland und dem Holocaust. Im Wesentlichen sieht Friedländer dafür drei Gründe. Erstens: Pius verteidigte nur die Interessen der Kirche und blieb daher strikt neutral. Zweitens: Pius wollte die Ausbreitung des Kommunismus in Ost- und Mitteleuropa verhindern und drittens: Pius war antisemitisch eingestellt. Alle drei Gründe sind nicht neu – man denke nur an Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ (1963) –, aber sie sind nach wie vor hoch brisant. Das gilt ganz besonders für den Vorwurf des Antisemitismus“.

7.Genau diese Fixierung, einen guten Eindruck von der katholischen Kirche zu erhalten, sie als klerikale Organisation unbedingt in der überlieferten Gestalt zu erhalten, ist bis heute für die Kirchenführer gültig: Diese Theologie wird seit etlichen Jahren deutlich und in Zukunft noch mehr sichtbar in den bischöflichen (und päpstlichen Aktionen) der Verschleierung des sexuellen Missbrauchs durch Priester an Kindern und Jugendlichen. Nicht diese Priester wurden von der Hierarchie bestraft und den (weltlichen) Gerichten übergeben, sondern die Opfer wurden ignoriert und nicht respektiert. Das Schweigen und Verschweigen war auch hier (wie bei Pius XII.) die allgemeine klerikale Haltung.

8.Es ist wohl diese katholische Ursünde, immer zuerst an das äußere Wohl und die Privilegien der Kirche zu denken, die auch Pius XII. wie selbstverständlich lebte. Er war ja „eigentlich“ der so genannte Stellvertreter des Propheten Jesus, der die Humanität über alle religiösen Gesetze stellte. Aber bezeichnenderweise nennt sich ein Papst immer „Stellvertreter Christi“, also Stellvertreter des zu einem Gottmenschen Christus „ummodelierten“ Jesus von Nazareth, der Papst nennt sich nicht „Stellvertreter des Propheten Jesus von Nazareth“. Würde er sich auf Jesus bezogen nennen, wäre er der Menschlichkeit zuerst verpflichtet, eben auch dem Schutz und der öffentlichen Verteidigung der Juden. Aber wir haben es hier mit dem glanzvollen Christus zu tun, in dessen Glanz sich der Klerus „auferbaut“.

9.Im Juli 1933 schloss der Vatikan mit Hitler das (bis heute in der Bundesrepublik geltende) Reichskonkordat. Die Kirchenführer waren froh, dass ihnen Hitler katholischen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach in den Schulen erlaubte; die Existenz der katholischen Vereine sicherte; die Erhebung der Kirchensteuer versprach (von denen ein Teil zum Vatikan fließt). Also „church first“ als volles Programm! Aber die Kirchenführer verpflichteten sich, an Sonntagen und gebotenen Feiertagen „im Anschluss an den Hauptgottesdienst […] für das Wohlergehen des Deutschen Reiches und Volkes“ zu beten (Artikel 30)… Dieses Gebet entfällt heute…

10.Im Kommunismus sah Pius XII. das schlimmste Übel der Weltgeschichte. Wobei noch zu überprüfen wäre, wie stark auch Pius XII. der allgemein verbreiteten bürgerlichen/christlichen Ideologie folgten, „der Marxismus und der Kommunismus seien wesentlich jüdisch geprägt“… Diese absolute und pauschale und dann auch undifferenzierte Ablehnung alles Sozialistischen und Kommunistischen bestimmt das Denken der katholischen Kirchenführung bis heute: Kommunisten wurden von Pius XII. exkommuniziert. Hitler wurde als Katholik nie exkommuniziert, auch keine katholischen Nazis wie Himmler oder Goebbels. Die korrupte, aber hierarchie-hörige Democrazia Cristiana wurde dann in Italien die ewig regierende Klerus Partei.

11.Mit der Abwehr des Kommunismus war ein diplomatisches Jonglieren des Papstes zugunsten Hitlers und damit zuungunsten der Juden verbunden. „Namentlich Nuntius Pacelli wünschte während der Weimarer Republik ein Zusammengehen der katholischen Zentrumspartei mit den deutschnationalen Verfassungsfeinden. Koalitionen von Katholiken mit der Sozialdemokratie waren ihm ein Gräuel“. (Peter Bürger: https://www.heise.de/tp/features/Pius-XII-Ein-Fall-fuer-die-Propaganda-perfidei-3388258.html)

12.Demgegenüber war der Faschismus und das Hitler-Regime für Pius XII. eher nur ein geringeres, „vorübergehendes Übel. Vielleicht hätte – in der Sicht Pius XII. – Hitler dem Todfeind Kommunismus gar Einhalt gebieten können? Dass der Papst bei dieser seiner eher milden Haltung gegenüber den Nazis es hinnahm, dass Millionen Juden durch das Hitler Regime ermordet wurden, deutete er selbst wohl als schlimmen, subjektiv sicher bedauerlichen Nebeneffekt seiner Kirchen-Politik. Weil sich Faschisten gern religiös und sogar katholisch zeigten, fiel das päpstliche Urteil den Faschisten gegenüber immer milde aus. Pius XII. glaubte, in Kooperation mit den Faschisten die Kirche als Institution retten zu können.

Man bedenke nur, wie Pacelli auf das großartige Attentat von Georg Elser inszeniert im Bürgerbräu zu München am 8. November 1938 : „So müssen wir der Vorsehung (!) Gottes dankbar sein, dass der Führer glücklich gerettet wurde“. In diesem Sinne hat auch Kardinal Pacelli von Rom aus durch den Apostolischen Nuntius in Berlin Hitler seine persönlichen Glückwünsche für seine Errettung übermitteln lassen“. (Zit. auf S. 219 in „Auschwitz als Herausforderung für Juden und Christen“. Heidelberg 1980, in dem Beitrag von Hermann Greive. Er bezieht sich auf das Zitat im Buch Gerhart Binder, Irrtum und Widerstand , dort S. 373)

Ein tiefsitzender Antisemitismus bestimmte schon Kardinal Pacelli:

„Es gab in Rom sozusagen ein antisemitisches, katholisches Zentralorgan, die Zeitschrift „Civiltà Cattolica“ unter Leitung der Jesuiten. Diese Zeitschrift wurde von Kardinalstaatssekretär Pacelli ab 1930 redaktionell eng geführt. Was dort gedruckt wurde, bedurfte seiner Zustimmung – nach genauer Lektüre versteht sich. Geradezu gespenstisch mutet etwa ein Beitrag in der Herbstausgabe 1938 an, der die Rassengesetze in Italien kommentierte. In ihm werden die Juden als „fremde Nation“ unter den Nationen bezeichnet.Weiter heißt es: Die Juden wären ein „geschworener Feind“ hinsichtlich des Wohlergehens des christlichen Volkes und gegen das jüdische Volk seien strenge Maßnahmen erforderlich, um es „unschädlich zu machen“. Die Moral des jüdischen Talmud widerspreche „den elementarsten Prinzipien der natürlichen Ethik“. Und in einem Grundsatzartikel („Die jüdische Frage und die Civiltà Cattolica“) warnte Pater Rosa SJ vor den subversiven Umtrieben der Juden, welche die Grundlagen von Gesellschaft und Kirche untergraben würden. In den letzten Jahrzehnten habe sich schon auf vielen Gebieten schmerzvoll gezeigt, wie unheilvoll der verschwörerische Pakt zwischen Juden und Freimaurern im Untergrund wühle und die kulturellen Werte des christlichen Abendlandes zerstöre. Was ist bloß in Kardinalstaatssekretär Pacelli gefahren, dass er solche Äußerungen als halboffizielle Stellungnahme des Vatikans absegnete? Für die üblen Ausfälle gegen Juden und das Judentum in den zahlreichen Artikeln der Civiltà Cattolica entschuldigte sich übrigens der leitende Redakteur De Rosa SJ öffentlich im Rahmen der Feierlichkeiten zum hundertfünfzigjährigen Bestehen der Zeitschrift im Jahre 2000“. (Klaus Kühlwein)

13.Pius XII. war ein Papst, der vieles über die Ermordung der Juden wusste, aber öffentlich und laut und deutlich vernehmbar nicht protestierte, sondern schwieg.

Am 26. Juli 1942 veröffentlichte Kardinal de Jong, Niederlande, einen Hirtenbrief, in dem die niederländischen Bischöfe in aller Deutlichkeit den Mord an den Juden durch die Nazis kritisierten. „Erzbischof de Jong unterrichtete Pius XII. über die Verbrechen an den Juden in den Niederlanden und versuchte, den Papst zu bewegen, die Judenvernichtung öffentlich und offen (nicht nur implizit) zu verurteilen“. (Quelle : wikipedia Kardinal de Jong, mit Hinweis auf eine Studie. Theo Salemink: Die zwei Gesichter des katholischen Antisemitismus in den Niederlanden. Zürich, 2000).

Weder der Papst noch der Nuntius in Holland haben diesen Aufschrei der niederländischen Bischöfe öffentlich unterstützt. Heute wird von Vatikan-Apologeten behauptet: „Dieser Hirtenbrief habe die Verfolgung von Juden in Holland nur verstärkt“. ABER, wenn das denn so eindeutig stimmt: Diese Verfolgung wäre nicht passiert, wenn Pius XII. öffentlich die niederländischen Bischöfe unterstützt hätte? Mit dieser Ausrede des Vatikans „ließe sich am Ende jede Unterlassung rechtfertigen, weil niemand mit Sicherheit vorhersagen kann, welche Folgen ein Wort oder eine Tat zeitigen werden“(Georg Denzler, Widerstand oder Anpassung?, Piper Verlag 1984, S. 69).

Am 16. Juli 1943 wurde dem Papst ein Dokument vorgelegt über die KZs Auschwitz und Treblinka. Eine öffentliche Verurteilung wurde nach der Lektüre vom Vatikan nicht ausgesprochen, der Grund sei gewesen, berichtet der Journalist und Historiker Nino lo Bello, „der Vatikan habe den Wahrheitsgehalt dieser Berichte nicht identifizieren können“. (S. 31, in: Kreuzfeuer, München, 1991). Was für eine Lüge des Vatikans: Kaum eine Institution in Europa war besser über die Verbrechen Hitlers informiert als der Vatikan.

Im Oktober 1943 wurde, so wird immer wieder dokumentiert, „unterhalb der Fenster des Papstes“ die Deportation von über 1000 Juden aus Rom vollzogen.

WER organisierte die katholische Hilfe für verfolgte Juden in Rom? Es waren „einfache“ Priester und „normale katholische Laien“, nicht aber die Herren Kleriker im Vatikan, obwohl nach 1945 von deren Seite alles getan wurde, Pius XII. als den so heilig mäßigen aktiven Judenretter in Rom darzustellen. Dabei hat der deutsche Jesuit Pater Robert Leiber aktiv mitgetan. Er bezeichnete säkulare, jüdische Hilfsorganisationen tatsächlich als päpstliche Hilfsorganisationen, wie Delasem oder Opera di San Raffele, er machte sie zu päpstlichen Initiativen zum Schutz der Juden, was objektiv nicht stimmt (Nino Lo Bello, S. 37). Protestbriefe gegen diesen in der Jesuitenzeitschrift „Civilita Cattolica“ verbreiteten Unsinn durch jüdische Gemeinden wurden selbstverständlich nicht abgedruckt…

14.Es wäre an der Zeit, dass sich Jesuiten heute öffentlich und kritisch mit diesem Jesuitenpater Leiber auseinandersetzen, der zudem in der Debatte um das Theaterstück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth durch polemische und falsche Äußerungen auffiel. Pater Leiber erhielt – wer ahnt es nicht unter den Bedingungen der alten Bundesrepublik – 1960 den Großen Verdienstorden der Bundesrepublik; 1962 auch noch den Bayerischen Verdienstorden.

15.Aktiver Helfer und Beschützer der Juden in Rom war etwa der Kapuziner Pater Maria Benedetto, mit bürgerlichem Namen Pierre Péteul, er galt in Rom, vor allem bei den Juden, nur als der „Judenpriester“. Er hat gesehen, dass vom Vatikan keine Hilfe geleistet wurde, hat dann in seinem Kloster in der Via Sicilia/Via Veneto einen „Festen Stützpunkt der Hilfe“ eingerichtet. 1955 ehren ihn italienische Juden offiziell und öffentlich: “Seine Rettungsaktionen waren ohne Beispiel…“, sagten sie. Der Vatikan bzw. der Papst wurden in der Berichterstattung etwa als „weitere Vorbilder“ schon gar nicht erwähnt. „Die italienischen Juden, praktisch bis zum letzten Mann und der letzten Frau Überlebende des Holocaust, waren und sind fast einhellig der Auffassung, dass sich der Vatikan unmoralisch verhalten hat, als der Krieg zu Ende war und das Lob (der Judenretter zu sein) verteilt wurde. Der Vatikan ließ Pater Benedetto keinerlei Anerkennung zuteil werden, und er starb (1990 in Angers, Frankreich), er war der Welt ein Unbekannter, den Juden ein Held“ (ebd. , S 31). Und es ist, nebenbei, ein Schande, dass viele ultrafromme Katholiken lieber den Kapuziner (und Mussolini Freund) Pater Pio, sogar noch heilig gesprochen, verehren: Er war ein Scharlatan mit seinen selbst gemachten Wundmalen Christi an den Händen. Heute aber kennen die Italiener nicht einmal den Namen des großen Padre Benedetto, des „Priesters der Juden“…Warum wird er nicht heilig gesprochen? Schon möglich, dass eines Tages der Vatikan so unverschämt ist und Padre Benedetto, den Judenpriester, zusammen mit Papst Pius XII. heilig spricht? Zuzutrauen wäre es den Herren im Vatikan schon…

16.Die Sympathien von Pius XII. galten faschistischen Regimen in Kroatien usw.

In dem neu gebildeten Staat Kroatien (von 1941 -1944) herrschten katholische rechtsextreme Fanatiker, sie waren in der Ustascha-Bewegung präsent. Viele tausend orthodoxe Serben, auch Juden, wurden von katholischen Faschisten umgebracht, auch in Konzentrationslagern. Etliche katholische Priester unterstützten heftigst die USTASCHA-Organisation. Branko Bokun (Jugoslawisches Rotes Kreuz) versuchte, persönlich im Vatikan die Kirchenführer, auch den Papst, zu erreichen, um sie auffordern: Sie sollten das Morden der katholischen Faschisten in dem katholischen Land Kroatien verbieten. Das aber geschah nicht. Bokun wurde noch nicht einmal zu Msgr. Montini (dem späteren Paul VI.) vorgelassen. Der Papst ließ die katholisch – faschistischen Mörderbanden gewähren. „Nach dem Ende des Krieges zeigte niemand besonderes Interesse für diese furchtbaren Ereignisse, auch der Vatikan erwähnte das Chaos in Kroatien mit keinem Wort…“( Nino Lo Bello, Der Vatikan und die Juden, S. 27, in: „Kreuzfeuer“, München 1991).

Auh das Pétain-Regime in Frankreich, diese Kollaboration mit den Nazis, wurde von Pius XII. gestützt! Das Vichy-Regime von Pétain, “das Pius XII. dadurch anerkannt hatte, dass er seinen Nuntius (Valerio Valeri) bis zum Ende (1944) nicht zurückzog“ (W.D.Halls, Französische Christen und die deutsche Besatzung, in Kollaboration in Frankreich, 1991 Fischer –Verlag, S 108).

17.Der Antisemitismus von Papst Pius XII: saß tief, wie sollte es anders sein, so dachten die meisten Kleriker.

„Am 24. Dezember 1942, als im Vatikan kein Zweifel mehr an der laufenden Ermordung der europäischen Juden bestehen konnte, klagte Pius XII. in seiner Ansprache vor Kardinälen und Bischöfen über Jerusalems „Weg der Schuld bis zum Gottesmord“. Noch am 29. Juni 1943 predigte der über die Shoa gut unterrichtete Papst dann in seiner Enzyklika „Mystici corporis„, das jüdische Gesetz sei todbringend [sic!] geworden und Israels einstiges Gnadenvlies müsse nunmehr trocken bleiben. (Peter Bürger a.a.O. Sehr lesenswert ist das Buch von Peter Bürger, Pro Judais, bes. S. 26-31, http://friedensbilder.de/projudaeis/buerger-pro-judaeis2009.pdf

18.Viele Juden in Rom waren nach Ende des Krieges gar nicht einverstanden, dass einzelne Juden Papst Pius XII. als den großen Judenretter feierten. Zu den Kreisen gehörte auch der später sehr populäre Rabbiner Pinchas Lapide (siehe seine Lobeshymnen auf Pius XII. in seinem Buch: „The last three popes and the Jews“) oder Golda Meir. Nino Lo Bello schreibt: “Den Propagandisten des Vatikans ist es durchaus gelungen, das Verhalten Pius XII. gegenüber den Juden im Krieg weißzuwaschen“ (a.a.O, S 28).

19.Eine deutliche, man möchte sagen ,ideologische Nähe gab es zwischen den Diktaturen, etwa unter den Faschisten, und der Regierungsform der römischen Kirche zur Zeit Pius XII: In beiden Regierungsformen war die Bindung an Autoritäten allmächtig; das Führerprinzip gilt; Gehorsam und der Wille, sich führen zu lassen, allgegenwärtig; die Unterdrückung einer freien Forschung ebenso, man denke an die Kontrolle der Theologen unter Pius XII.; die Gleichberechtigung der Frauen ließ in beiden Systemen zu wünschen übrig; politisch/theologische Gegner wurden als Feinde betrachtet und ausgeschlossen, verfolgt, exkommuniziert. Die Angst vor neuen Entwicklungen war in beiden Regimen allgegenwärtig. Über das Verbot, bestimmte Bücher zu lesen, stehen sich ja kommunistische Regime und die katholische Kirche sehr nahe: Für die ganze katholische Weltkirche galt bis 1965 die 6.000 Bücher umfassende Liste der verbotenen Bücher: Zu denen auch Lessing, Kant usw. gehörten. Kritische Theologen, wie Pater Chenu oder Pater Congar in Frankreich, erhielten Rede – und Lehrverbot. Der Evolutionsforscher, der Jesuit Pater Teilhard de Chardin wurde förmlich von Rom und seinen Oberen verteufelt, er starb ziemlich einsam in New York und so weiter. Das System Pius XII. war, mit Verlaub, ein religiös folkloristisch aufgebauschtes System geistiger Unterdrückung.

20.Zum Profil Pius XII. gehört weiterhin sein Interesse, mit rechtsradikalen Diktaturen Konkordate abzuschließen, so mit Portugal 1940 (Salazar); mit Spanien 1953 (Franco-Diktatur), mit der blutrünstigen Diktatur von Leonidas Trujillo in der Dominikanischen Republik 1954 usw. Dem Papst war es offenbar egal, in welchen Regimen seine Kirche ihre Privilegien ausbauen konnte: Denn immer ging es (auch um finanzielle) Privilegien für die Kirche. Die Kirchenfixierung, „alles zum Wohl der Kirche(nhierarchie)“, dieses Prinzip bestimmte schon die Politik Pius XII. zur Zeit der Judenausrottung, sie setzte sich fort: Die römische Kirche sollte sich als monolithischer autoritär geführter Block in der „Brandung“ der Moderne erweisen…

21.Über die „Hilfsbereitschaft“ des Vatikans und damit Pius XII. für die Verbrecher des Nazi-Regimes wurde oft berichtet, sie äußerte sich in der Besorgung falscher Pässe für die Nazis auf dem Weg in katholische Staaten Lateinamerikas. Man spricht von der Rattenlinie. Katholische Faschisten aus Kroatien wurden via Rom nach Lateinamerika verfrachtet, mit vatikanischer hilfe. Unter den Nazis gelangten nach Lateinamerika u.a. Klaus Barbie; Adolf Eichmann; Josef Mengele, um nur ganz wenige Nazi-Verbrecher zu nennen. Fest steht, dass Pius XII. und sein enger Mitarbeiter Montini (der spätere Papst Paul VI.) dem faschistischen katholischen Bischof Hudal freie Hand ließen, die Nazis etc. in südamerikanische Gefilde der dortigen Diktatoren zu verfrachten. Auch für Angehörigen der Familie des italienischen Duce Mussolini hat sich der Vatikan eingesetzt, berichtete der deutsche Botschafter „beim heiligen Stuhl“ (also dem Vatikan) Ernst von Weizsäcker schon im Juli 1943.

22.Wer sich dieses hier nur angedeutete Porträt Pius XII. und seiner Regierung betrachtet, kann diese Zeit nur als großes Unglück für die Menschen, vor allem für die Juden, aber auch für etliche nich demokratisch gesinnte Katholiken deuten. Die Herrschaft Pius XII. war eine „bleierne Zeit“, nach außen hin sogar voller Glanz und frommer Folklore bei den Aufzügen des Papstes im Vatikan und im Petersdom. Er inszenierte sich für die vielen naiv Frommen als engelgleiche, makellose Gestalt. Aber er war nicht mehr als ein von Angst getriebener Verteidiger autoritärer, antidemokratischer und antisemitischer und antisozialistischer Prinzipien.

Diese Kritik ist selbstverständlich überhaupt nicht ignorant gegenüber den damaligen Zeitumständen. ABER: Das Bewusstsein selbst eines Papstes um 1940 war soweit entwickelt, dass er in seinem Gewissen, seinem Nachdenken, wohl spürte: Ich könnte auch anders handeln. Aber der ängstliche Pacelli tat es nicht. er war ein Kollaborateur mit den Antidemokraten und mörderischen Antisemiten.

23. Es ist wohl leider nur eine Frage der Zeit, bis dieser Papst selig und dann heilig gesprochen wird. Irgendein notwendiges Wunder für diese Prozedur wird sich schon noch konstruieren lassen. Vielleicht wurde eine alte spanische Nonne von ihrem tief sitzenden Antisemitismus als Geisteskrankheit durch die Fürsprache Pius XII. befreit und geheilt, das als Ironie am Rande… Wäre ja passend. Und es ist wahrscheinlich, dass man in dem „modernen Vatikan“ dann aus Höflichkeit gleichzeitig mit Pius XII. auch den wahrlich großartigen, bescheidenen „Juden-Priester“ Padre Benedetto selig spricht (falls man ihn im Vatikan doch nicht total vergessen hat).

P.S.

Das neue Buch von Michael Hesemann „Der Papst und der Holocaust“ kann man gern übergehen: Das Buch hat stark apologetischen Charakter: Pius XII. habe es doch so gut gemeint mit den Juden…Hesemann ist Mitglied sehr konservativer katholischer Vereine, „pro Papa“ etwa. Hesemann ist Journalist, er wurde früher als Autor parawissenschaftlicher Themen bekannt, etwa über UFOS.

Der Hauptvorwurf gegen dieses Buch, den etwa der Kirchenhistoriker Prof. Jörg Ernesti (Uni Augsburg), vorbringt, heißt: es ist eine pure Reinwascherei von Pius XII. durch Hesemann, sie hat schon deswegen sehr wenig Bedeutung, weil das vatikanische Archiv zu Pius XII. mit Dokumenten ab März 1939 auch heute gar nicht zugänglich ist.

Die Apologeten im gut bezahlten Dienste des Vatikans und der deutschen Kirche werden weiterhin alles tun, um Pius XII. in vollem Glanz der heiligmäßigen Unschuld erscheinen zu lassen. Sie werden nicht auf ihre übliche Polemik verzichten, und etwa den Regisseur Erwin Piscator, der den „Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth als erster 1963 in West-Berlin inszenierte, „einen altgedienten Propagandisten der kommunistischen Sache“ zu nennen (so noch 2009 Ingo Langner, in „Opus Iustitiae Pax“, S. 71). Diese Herren ziehen die Wahrheit des Stückes „Der Stellvertreter“ auch dadurch in Zweifel, dass sie auf die Aufführungen dieses Stückes „im roten Machtbereich“ des Kommunismus (so ebenfalls Langner, S. 71) hinweisen, als wären auch Lessing, Schiller, Brecht von mieser Qualität, bloß weil sie auch auf den Bühnen des „roten Machtbereichs“  aufgeführt werden. Diese Apologeten gehen aber die Argumente aus, weil sie nicht sehen können, was der große Sebastian Hafner schon 1963 schrieb: Er nannte es einen entsetztlichen Skandal, dass Pius PIUS XII. zum Massenmord an den Juden de facto SCHWIEG. Aber es war auch „seine Aufgabe, zu verhindern, das die Christentheit im wörtlichen Sinne zum Teufel ging: Dass mitten in einem Abendland von Christen Satanswerk größten Ausmaßes getan wurde, mit dem die GANZE Christentheit für immer befleckt bleiben wird“. (Das Zitat von Sebastian Hafner: „Summa iniuria“, RORORO, 1963, S. 235)Mit anderen Worten: Der schweigende Pius XII. hat durch sein Schweigen die Christenheit insgesamt innerlich verdorben. Die Christen haben bis heute Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz, Neokolonialismus nicht überwunden… Daran müßten die Kirchenleute arbeiten und sich fragen, warum das ethische humane Niveau der Christen so miserabel ist nach 2000 Jahren Predigt und Gottesdienst, warum Mord und Totschlag auch die christliche Geschichte bis heute bestimmen? Warum? Weil vernünftiger Widerspruch und Widerstand keine zentralen christlichen Tugenden sind und vernünftiger Ungehorsam nicht wichtiger ist als der übliche Gehorsam mit dem immer noch vorhandenen Untertanengeist.

„Die Geschichte wird Pius XII. kennen als einen Papst, der schwieg“. (Sebastian Hafner)

Die Herrschenden im Vatikan haben also ihre Gründe, eine objektive, umfassende Forschung zu Pius XII. ab 1939 nicht zuzulassen. Sie haben Angst. Und fordern – wie immer wieder Papst Franziskus – „Barmherzigkeit“, eine Barmherzigkeit, die auch selbstverständlich ihnen gelten soll, den Klerikern, die eigentlich die angstfreie Menschlichkeit eines Jesus von Nazareth leben müssten. Aber zu Kirchenfunktionären geworden sind.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Brauchen wir ein „Fest der Beschneidung Jesu“ im Kampf gegen den Antisemitismus?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT mit dem Titel „Christ und Welt“ bietet in der Ausgabe vom 1. Januar 2018, Seite 1 und 2, ein Plädoyer für die Wiedereinführung des „Festes der Beschneidung des Herrn“ (Jesus)  am 1. Januar unter DIESEM Titel. Die Forderung wird damit begründet: Wenn wieder in der ganzen Kirche die Beschneidung des Juden Jesus gefeiert würde, könnte dies den zunehmenden Antisemitismus weltweit zurückdrängen. Soll das ernst gemeint sein? Ein katholischer Beschneidungsfeiertag als Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus?

Ich muss gestehen, ich empfinde diesen Beitrag eher als Satire. Denn wie kann man heute im Ernst meinen, ein solches Fest unter diesem Namen könnte den Antisemitismus eindämmen?

Antisemitismus wird überwunden durch umfassende Bildung aller; durch Begegnungen mit Menschen jüdischen Glaubens; durch Erinnerung an den von Deutschen begangenen Massenmord an Juden; durch Widerstand gegen neofaschistische und rechtspopulistische Parteien und Gruppen; durch eine vernünftige Erklärung, was die hebräische Bibel bedeutet; durch gesetzliche Regelungen, die Antisemiten wirksam bestrafen; durch das Schuldeingeständnis der Kirchen, mit-schuldig zu sein an dem Jahrhunderte dauernden tödlichen Antisemitismus  etc…

Aber doch bitte nicht durch Messen am 1. Januar, als dem neuen Festtag der Beschneidung des Herrn, also in Messen mit frommen Worten vor wenigen Gottesdienstbesuchern einen Tag nach Silvester…

Das ist doch lächerlich.

Der Kampf gegen den Antisemitismus auch in katholischen Kreisen muss doch wohl wirksamer gestaltet werden.

Das weiß der Autor wohl auch, trotzdem werden 2 lange schöne Druckseiten für ein in meiner Sicht satirisches Plädoyer verwendet. Diese Druckseiten hätte man mit wichtigeren Themen „füllen“ können, etwa mit einer Auseinandersetzung über das irritierende Motto des Weltjugendtages in Panama und den Einfluss des Opus Dei dabei oder mit einer klaren und endlich einmal objektiven Analysen auch zur spirituellen Gestalt von Rosa Luxemburg, um einmal Beispiele aus dem aktuellen Umfeld des Januar 2019 zu nennen…

Wenn schon wieder ein Fest der Beschneidung am 1. Januar, dann bitte auch mit Einbeziehung der muslimischen Mitbürger, die ja auch heute noch fleißig (und schmerzhaft) beschneiden, leider. Sozusagen als interreligiöses Beschneidungsfest, um einmal die Satire fortzuführen.

Gott sei Dank sagt der Autor selbst, dass Paulus absolut zurecht betonte: Für Christen aus den „heidnischen Völkern“ gibt es keine Beschneidung. Von daher löst sich der Vorschlag wieder in Wohlgefallen auf. Nebenbei: Vielleicht finden sich einige Katholiken, die sich aus Solidarität mit Juden und Muslims ehrenhalber beschneiden lassen…Vielleicht in einer gemeinsamen Beschneidungsfeier im Vatikan?

Die Satire will ich zu Ihrer Ermunterung gern fortführen:

Also: Das Fest „Mariä Lichtmess“ am 2. Februar sollte wieder den uralten Titel „Maria Reinigung“ erhalten. Auch dieser Titel wurde ja mit gutem Grund im Rahmen der Reformen des 2. Vatikanischen Konzils abgeschafft…. Nun sollte man allen Frauen, so die Satire,  doch wieder zeigen, dass Geburt etc. doch etwas „Schmutziges“ etc. ist. Das Fest unter dem alten „Reinigungstitel“ wäre vielleicht auch ein Beitrag gegen den Feminismus usw. Passt ja heute für die Fundamentalisten…

Und vor allem: das „Fest der unschuldigen Kinder“ am 28.12. sollte aktuell als internationaler katholischer Trauertag der Erinnerung an die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester gestaltet werden. Und das wäre schon kein satirischer Vorschlag mehr…

Der Phantasie zur Aktualisierung der katholischen Feste sind keine Grenzen gesetzt: Das Fest des heiligen Pater Pio könnte etwa als Gedenktag aller Priester gefeiert werden, die wie Pater Pio (Kapuziner) dumm und seelisch sehr angeschlagen waren (und sind), aber dann doch glaubhaft machten, Wunder wirken zu können und sich deswegen blutige Hände verschafften. Und das Volk, das an Gott nicht glauben kann, glaubt wenigstens an den Heiligen Scharlatan Pater Pio mit den Stigmata. Immerhin hat diese Scharlatanerie dem Kapuzinerorden und seinem Wohnort viel Geld eingebracht.

Vielleicht sollte auch das „Fest des heiligen Josefs des Arbeiters“ am 1. Mai wieder stärker doch das eigentlich Handwerkliche des heiligen Josefs akzentuieren: Selbst kleine Handwerksbetriebe bleiben unter dem Segen Gottes mit einem göttlichen Kind (Jesus).

Ich hatte übrigens zusammen mit dem protestantischen Theologie Professor Wilhelm Gräb, Berlin, das angekündigte Verbot der Beschneidungen (von Jungen) in Deutschland im Sommer 2012 damals verteidigt. Weil Menschenrechte nun einmal in unserem allgemeinen demokratischen Rechtsempfinden ÜBER religiösen Traditionen stehen und stehen müssen. Wo kämen wir denn hin, wenn auch die Scharia oder das katholische Kirchenrecht in demokratischen Staaten Geltung hätten? (Das katholische Kirchenrecht hat diese Geltung ja manchmal immer noch aufgrund der Konkordate…) Leider haben die obersten Gerichte aus welchen (auch ungenannten) Gründen auch immer dieses Verbot der Beschneidung nicht eingesehen. Trotzdem gilt weiter: Menschenrechte sind wichtiger als religiöse Sondertraditionen, die sich fromme Menschen vor langer Zeit einmal ausgedacht haben…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Thomas Merton gegen die abgehobenen „engelgleichen“ Kleriker

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der bekannte spirituelle „Meister“ und Trappistenmönch Thomas Merton (USA) kritisierte 1965 die abgehobene Welt des „engelgleichen Klerus“… Vielleicht braucht ein Bischof, ein Theologe, im Rahmen der Debatten um den sexuellen Missbrauch durch Priester, ein sehr treffendes Zitat von einem Mönch, der auch ein guter Kenner der klerikalen Psychologie war.

„Der Begriff Trennung von der Welt, in den wir im Kloster haben, erweist sich allzu leicht als eine vollständige Illusion. Als die Illusion, dass wir durch die Tatsache, Gelübde abzulegen, zu einer besonderen Art von Wesen werden, zu Pseudo-Engeln, zu „geistlichen Menschen“, Menschen des inneren Lebens oder was immer dergleichen“.

Siehe: Thomas Merton, Zeiten der Stille. Herder Verlag, 1992, S. 80. Eine Übersetzung – von Bernardin Schellenberger – aus dem Buch von Merton: „Conjectures of a Guilty Bystander“, 1965

„Religion, zum Teufel!“ Das neue KURSBUCH

Das neue „Kursbuch“ (Heft 196) über Religionen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das „Kursbuch“, bekanntlich nach vierjähriger Pause 2012 noch einmal „auferstanden“, wird herausgegeben von dem Soziologen Armin Nassehi und dem Publizisten Peter Felixberger. Sie haben nun 13 Autoren eingeladen, zu den heutigen Erscheinungen der Religionen, vor allem des Christentums und des Islams, mehr Licht, mehr Aufklärung zu bringen. Provozierend vieldeutig der Titel: „Religion, zum Teufel!“

Es ist ja nicht so einfach, zu der allgemeinen und weit diskutierten Überzeugung Neues zu sagen, dass die Religionen nun doch wieder der reflektierenden Bemühung wert sind. Weil sie immer noch und immer stärker in vielen Regionen der Welt existieren. Denn von der einstigen These einer definitiven Säkularisierung sind selbst skeptische, agnostische Geister nicht (mehr) überzeugt.

Da freue ich mich sehr über eine für katholische theologische Verhältnisse ungewöhnlich deutliche und kritische (freilich nicht immer leicht lesbare) Analyse des Salzburger Theologen Gregor Maria Hoff. Er zeigt die – bisher kaum formulierten – Konsequenzen auf, die sich aus dem sexuellen Missbrauch durch katholische Priester weltweit ergeben: Das machtvoll durchgesetzte Verständnis des Priesteramtes als überlegen, höher stehend, gegenüber der „Masse der Gläubigen“ und der demokratischen Rechtsprechung, hat den sexuellen Missbrauch im Klerus begünstigt. Die geschlossene Welt des sich sakral erhobenen Klerus wollte auch diese Untaten unter sich aushandeln und dem Täter vergeben, sozusagen in bewusster Verachtung weltlicher, demokratischer Gesetzlichkeit. Wenn die Verbrechen der Priester besprochen wurden, dann in der Haltung etwa der Bischöfe: Die gesamte Kirche leidet wegen der Untaten. An die Opfer wurde dabei kaum gedacht. Hauptsache: Die Institution Kirche steht „sauber“ (nach außen) da. Die Konsequenz für Hoff ist klar: Die gesamte Plausibilität der gesamten Institution der katholischen Kirche „erodiert“ (S. 38). Das heißt: Die Überwindung des weltweiten sexuellen Missbrauchs kann nur ein vollständiger Umbau, eine Reformation, nicht bloß eine Reform, der römischen Kirche sein. Also: Überwindung der klerikalen Sonderwelt der bevorzugten „Hochwürden“, der Priester. Es ist selbst dem größten Optimisten klar, dass zu dieser Kirchenreformation der gut etablierte und finanziell zumindest in Europa bestens ausgestattete Klerus nicht bereit ist. Reformation wäre Machtverzicht, aber diesen will der herrschende Klerus nicht. Vielleicht aber stirbt er bald in Europa aus, das ist eine wahrscheinlich soziologische Prognose, die im Kursbuch leider nicht dokumentiert wird. Allein schon wegen dieses Beitrags von Gregor Maria Hoff lohnt sich der Kauf, die Lektüre, die Diskussion in Gruppen, des neuen Kursbuches. Es weist in dem Falle tatsächlich „den Kurs“. Die Bischöfe werden diesem Kurs(buch) wohl kaum folgen. Wäre ja ein Ding, wenn bei der nächsten Bischofskonferenz in Fulda alle Bischöfe mit dem Kursbuch in der Hand in den Dom einziehen…

Ich will auch den Beitrag der Freiburger Islamwissenschaftlerin Johanna Pink dringend empfehlen. Sie zeigt, dass der Koran keineswegs der einzige Bezugspunkt im Denken und Handeln der Muslims ist. Eindeutig ist der Koran nicht, er öffnet den Weg in vielfältige Interpretationen. Auch „außerkoranische Normen“ müssen etwa herangezogen werden, wenn Einzelfragen in Rechtsverhältnissen gelöst werden sollen (S. 134). Die Rolle der Hadithe als Interpretationshilfen des Korans haben „den“ Islam entscheidend mitgeprägt. Diese gewisse Relativierung des Korans wird nicht gern gehört, in fundamentalistischen islamistischen Kreisen nicht, (etwa in Saudi-Arabien), und auch nicht in christlich geprägten Gruppen, die gern „den“ Islam und „den“ Koran vor Augen haben wollen, um sich der Auseinandersetzungen mit den vielen Interpretations-Formen des Islams zu entziehen. Wer also heute als Bürger in Deutschland auf der Höhe der intellektuellen Klarheit sein will, übe sich ein in differenzierendes Denken im Blick auf die vielen Formen des Islams. Freilich gab es gegen Ende des 19. Jahrhunderts Tendenzen in islamischen Staaten, die sich gegen den inneren Pluralismus im Islam wehrten, um dadurch gegenüber dem Westen einheitliche Stärke zu demonstrieren (S. 140).

Noch eine etwas ausführlichere Leseempfehlung: Die Leipziger Soziologin Monika Wohlrab – Sahr untersucht seit Jahren die Formen der Säkularität etwa im Osten Deutschlands. Nun geht sie der weiterreichenden, viel diskutierten Frage nach, ob Säkularität, also auch die Trennung von Geistlich und Weltlich, und dann bis hin zu Formen der Religionsfreiheit und des Atheismus, nur in westlichen Gesellschaften Tatsachen sind oder eben auch in muslimischen Gesellschaften. Diese lehnen ja oft Säkularität als Trennung von Geistlich und Weltlich ab. Monika Wohlrab – Sahr zeigt detailliert, dass tatsächlich etwa auch in islamisch beherrschten Ländern und Kulturen ein gewisser Sinn fürs Säkulare vorhanden ist. Sie weist etwa auf die Funktionsunterscheidungen zwischen Kalifat und Sultanat hhin (S. 163). Differenzierungen zwischen weltlich und geistlich(religiös) gab es auch im vormodernen Japan (S. 165). Es geht also darum, wenigstens Elemente des Vergleichbaren freizulegen, des Vergleichbaren von geistlich und weltlich in der westlichen Kultur mit den nicht- westlichen Kulturen und Religionen. Damit wird gezeigt: Die Zielvorstellung auch von weltlich argumentierenden Rechtssystemen und Menschenrechten ist auch in den nichtwestlichen Kulturen und Religionen angelegt und sicher weiter zu fördern, um der Menschen und der Menschenrechte willen. Dies zu fordern ist alles andere als kolonialistisches Herrschenwollen. Die Menschenrechte sind zwar in Europa „entstanden“, aber der europäische Herkunftsort begrenzter Art hat keine Bedeutung für die universale Geltung der Menschenrechte. Nebenbei: Yoga und Formen der Zenmeditation, zwar in Asien entstanden, werden mit Begeisterung im Westen als „allgemein menschlich“ selbstverständlich praktiziert…

PS.: Ich würde mir wünschen, dass das KURSBUCH häufiger Themen der Religionen und Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phien aufgreift. Warum nicht einmal ein KURSBUCH herausgeben über die Vielfalt der wieder aktuellen und häufigen religiösen, politischen, ökonomische, „allgemein-menschlichen“ KONVERSIONEN?

Kursbuch 196: „Religion zum Teufel!“ 191 Seiten. Erschienen im Dezember 2018. 19 Euro. Im Buchhandel zu haben. Siehe auch: www.kursbuch.online

Copyright: Christian Modehn , Religionsphilosophischer Salon Berlin

Von Schleiermacher heute lernen. Ein Hinweis von Prof. Wilhelm Gräb

Von Prof. Wilhelm Gräb, Berlin, November 2018  – anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Schleiermacher

Veröffentlicht im Interview „Religion gefährlich und unentbehrlich“

Friedrich Schleiermacher wird von Theologen und Kirchenleitungen gern der „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ genannt. Es gibt jetzt sogar eine Sonderbriefmarke zu Ehren seines 250.Geburtstages. Als diese im Berliner Dom vor kurzem der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist auch wieder an diesen angeblichen „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ erinnert worden. Doch er wurde dies leider nicht und auch heute müsste sich in unseren Kirchen erst noch enorm viel ändern, bevor Schleiermacher seine Ideen zu einer Kirche, die in die moderne Zeit passt, auch nur einigermaßen verwirklicht sähe.

Gewiss, Schleiermacher ist seiner Zeit selbst auch Kompromisse mit der dem landesherrlichen Kirchenregiment unterstehenden preußischen Kirche eingegangen. Aber er hat sich doch mit dem König, Friedrich Wilhelm III., aufs heftigste angelegt als dieser im sog. Agendenstreit auch noch über die gottesdienstlichen Ordnungen bestimmen wollte. Schleiermachers Ideal war eine sich von unten, durch die Selbsttätigkeit der Gemeinden aufbauende Kirche, die radikale Trennung von Thron und Altar, Kirche und Staat. Er wollte eine christliche Gemeinde, die ihre Angelegenheiten selbst regelt, weil sie durch die Mitbeteiligung aller an einer Verständigung über die alle gleichermaßen betreffenden Belange des Lebens zusammengehalten wird. Die Religion gehörte für ihn essentiell zum Menschsein, weil ihm das Bewusstsein der Gottesbeziehung zugleich der Grund menschlicher Freiheit war. Den religiösen Glauben verstand er als eine unerschöpfliche Quelle der Lebenskraft, als Grund einer allen Menschen mitgegebenen Befähigung zu Autonomie, zur Selbstbestimmung in den religiösen wie in allen anderen Dingen des Daseins.

In seinen „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ (1799), 10 Jahre nach der französischen Revolution, entwickelte Schleiermacher sein bis heute inspirierendes Kirchenideal. Er sprach von der Kirche als einer „vollkommenen Republik“, in der alle wechselseitig aufeinander wirken, Geben und Nehmen allen gleichermaßen eigen, die Unterscheidung zwischen Priestern und Laien aufgehoben ist. Eine Kirche, die dennoch nicht nur ein frommer Zirkel ist, sich nicht aus der Welt zurückzieht, sondern die „Anschauung des Universums“ betreibt, die Suche nach dem Sinn des Ganzen und unseres eigens Dasein zu ihrer Sache macht.

Es braucht Orte und Gelegenheiten in der Gesellschaft, wo wir uns über die existentiellen Fragen des eigenen Lebens und wie über das, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, verständigen können. Dass die Kirche ein solcher Ort in der Gesellschaft sein könnte, das war Schleiermachers Traum. Ich meine seine Impulse sind aktueller denn je!

copyright: Wilhelm Gräb, Berlin.

 

Wird der Katholizismus rechtsextrem vergiftet ?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Immer mehr aktuelle Ereignisse zeigen: Der gegenwärtige Katholizismus wird weltweit von rechtsextremen Führern und damit von rechtsextremen Ideologien durchsetzt. Das wird nicht umfassend genug wahrgenommen, weil das kritische Interesse in der Kirche wie der Öffentlichkeit – zurecht ! – auf die weltweiten Verbrechen des sexuellen Missbrauches durch Priester usw. fixiert ist. Aber es gibt viel mehr Gefährliches…

Leider gibt es seit Jahrzehnten auch rechtsextreme Gruppen in evangelischen bzw. evangelikalen und pfingstlerischen Kreisen. In den USA gehören fundamentalistisch Bibelgläubige zu den leidenschaftlichsten Anhängern des großen Lügen-Propagandisten Trump. In Brasilien haben jetzt auch dort politisch (und in den Medien) einflussreiche Evangelikale den allgemein so bezeichneten Neofaschisten Bolsonaro zum Präsidenten gewählt. Ich habe nirgendwo gehört, dass sich etwa deutsche Evangelikale oder Freikirchler von ihren brasilianischen Freunden distanziert haben. Die katholischen Bischöfe Brasiliens sahen sich außerstande, in einem gemeinsamen Wort ausdrücklich vor der Wahl Bolsonaros zu warnen. Sie zeigten sich zögerlich – sympathisch – neutral, unterstützten also indirekt die Wahl Bolsonaros.

Ergänzung am 15. November 2018 von Christian Modehn: Evangelikale – eine politische Schande für die USA und Brasilien

1.Sehr viele Europäer wussten es schon, nun bestätigen es „Nachwahlbefragungen“ erneut: So genannte praktizierende Christen, vor allem Evangelikale, haben bei den US Kongresswahlen 2018 mehrheitlich (61 %) für Trump und die Republikaner gestimmt.

Aber was heißt „praktizierend“? Sonntags an den Gottesdiensten teilnehmen; pro life Aktionen mit absolutem Eifer unterstützen; den Pastoren viel Geld spenden; die Bibeltexte wortwörtlich lesen, also fern von jeglicher theologischer Kritik. Die sehr konservative website kath.net hat das (am 9.Nov. 2018) berichtet: Atheisten und Christen, die eher selten oder nie Gottesdienste besuchen, haben Demokraten gewählt. Dabei können diese Menschen wohl noch zwischen Götzen, Führern, und Gott unterscheiden… Und sie praktizieren an der politischen Basis oft die Menschenrechte, den Schutz der Flüchtlinge usw. Eine Praxis, die dem Denken Jesu von Nazareth zweifelsfrei sehr nahe steht…Vom Tempel/Gottesdienst-Besuch hielt Jesus von Nazareth bekanntlich nicht  viel… Empathie, Nachdenken, Solidarität waren ihm wichtiger… Bei den US-Katholiken hat jeder Zweite für die Republikaner (Trump) gestimmt…

2.Mit dem Wahn und dem offenkundigen intellektuellen, politischen und theologischen Niveauverlust der Evangelikalen in Brasilien werden sich hoffentlich sehr bald auch in Deutschland Religionswissenschaftler und Soziologen befassen. In Brasilien sind die Evangelikalen die leidenschaftlichsten Unterstützer des neuen Präsidenten Bolsonaro. Darauf habe ich schon mehrfach hingewiesen. Nun wird es im „Tagesspiegel“ durch Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro, erneut bewiesen (am 15. November 2018). Die unflätigen Reden Bolsonaros werden dokumentiert, seine Hasstiraden, seine Politik der Ausgrenzung und Menschenverachtung, oder, wie Beobachter treffend sagen, sein „Neofaschusmus“. „Die Pastoren der konservativen evangelikalen Kirchen beten inbrünstig für Bolsonaro“, so Lichterbeck.

Wann können wir berichten: Die deutschen Evangelikalen (die Evangelikalen in den USA können es ja nicht wegen ihrer Bindung an Bolsonaros Vorbild Trump) distanzieren sich also wenigstens deutsche Evangelikale und Pfingstler explizit von ihren „Glaubensbrüdern“ in Brasilien?

…………………………………….

Der Religionsphilosophische Salon Berlin befasst sich auch zentral mit der Kritik der Religionen und Konfessionen.

Von daher unser Interesse an dem Thema, das ich hier nur für den katholischen Bereich andeuten will. Dies als Aufforderung, wahrzunehmen, was heute katholische Kirchenführer politisch äußern. Etwa zum Ende des 1. Weltkrieges, zur AFD, zur Partei Marine Le Pens, zur FPÖ, zu Italiens Neofaschisten oder Polens Katholiken, besonders zu dem rechtsextrem-katholischen Radiosender Maryja unter dem Redemptoristen Pater Rydzyk, der immer noch seine nationalistischen und antisemitischen Beiträge senden darf, ohne dass etwa Rom diesen rechtsradikalen Priester zum Schweigen bringt. Auch die anhaltende Bemühung um Versöhnung Roms mit den katholischen Traditionalisten der Bewegung Lefèbvre, die gerade in Frankreich oft rechtsextrem orientiert sind, gehört hierher.

Darum der erste und entscheidende Gesamteindruck: Die katholische Kirchenführung duldet rechtsextreme Positionen innerhalb der Kirche sehr viel mehr als – vergleichsweise – linksextreme Positionen. Beide Extreme sind falsch. Aber für den Katholizismus sind spätestens seit den Konkordaten mit Mussolini und Hitler Rechtsextreme bzw. Faschisten irgendwie sympathischer als etwa Kommunisten. Von den widerwärtigen Polemiken etwa Papst Gregor XVI. gegen die Menschenrechte einmal ganz abgesehen….

Diese Bevorzugung des Faschismus sah man auch in der politischen Haltung des polnischen Papstes etwa gegenüber den faschistischen Diktaturen in Chile, Argentinien, Brasilien usw. Und in dem Zerstören angeblich linksextremer Positionen in „der“ Befreiungstheologie durch die Glaubensbehörde unter Ratzinger.

Die römische Kirche hat stets den Rechtsextremen mehr verziehen als den Linksextremen. Aber diese Blindheit der Kirche muss ausführlicher studiert werden. Das liegt daran, dass die Rechtsradikalen und Faschisten eher noch von „Gott“ sprechen als die Kommunisten etwa. Die wollen, so die katholische Kirchenführer, eine antigöttliche Gegenwelt, ein gottloses „Reich Gottes“ aufbauen… Das bloße Gerede von Gott durch Faschisten und Rechtsradikale finden offenbar viele Bischöfe, Prälaten usw. also sympathisch. Man denke an Spanien, an Franco, usw… Dies gilt bis heute.

Im Focus der aktuellen Aufmerksamkeit sollte der us –amerikanische Katholik Steve Bannon stehen. Bannon ist politisch Interessierten bekannt, er war (und ist im Hintergrund?) der Chefstratege von Mister Trump, verbandelt mit US – Milliardär Robert Mercer. Ich habe 2017 schon ein rhetorische Frage gestellt: Sollt der Papst Bannon, wie Mafiabosse bereits auch, exkommunizieren? Denn Bannon ist bekennender Katholik und bemüht sich nun in zahlreichen Treffen in Europa, ein rechtsradikales Netzwerk der rechtsextremen Parteien Europas zu festigen, dieses Netzwerk heißt „The Movement“. Damit will er Einfluss nehmen auf die Europawahl 2019.

In Rom/Vatikan hat sich der rechtsextreme Katholik Bannon etablieren können. Er ist eng mit dem offiziell katholischen Institut „Dignitatis Humanae“ in Rom verbunden. Dieses Institut nennt sich unbescheiden „Denkfabrik“, zum Beirat gehören unter anderen die bekannten sehr konservativen (und Franziskus – feindlichen) Kardinäle des päpstlichen Hofes (curia) Peter Turkson, Robert Sarah und der deutsche Reaktionär Kardinal Walter Brandmüller. Dazu gehört auch der Feind des Papstes, Erzbischof Viganò.

Nun haben diese Herren ein neues Tagungshaus ausbauen können, das wunderschöne, herrlich gelegene ehemalige Karthäuserkloster „Certosa di Trisulti“. Steve Bannon hält – auch per Videoschaltung – dort Vorträge. Der Journalist Thomas Migge (Rom) berichtete im Deutschlandfunk am 25.10. 2018 über dieses rechtsextreme katholische Studienzentrum und er nennt in dem Zusammenhang auch den Priester Don Curzio Nitoglia aus den Traditionalistenkreisen: Er ist davon überzeugt, berichtet Migge, dass das „christliche Europa“ bedroht sei, von den, so der Geistliche, islamischen „Horden“ aus Afrika und von „gottlosen Kapitalisten“ und Juden aus den USA. Don Nitoglia: „Die USA gründen sich auf drei Ideen: das Freimaurertum, den Judaismus und einen liberalistischen Protestantismus. Dann sind da noch die Hochfinanz, die Banken und eben die Juden. Diese Kräfte sind die Feinde der römisch-katholischen Kirche. Sie wollen sie zerstören. Das haben sie schon mehrfach versucht: erst mit dem Proletariat in Russland, dann mit der Studentenbewegung und jetzt versuchen sie es mit den Horden aus Afrika, die das zerstören wollen, was noch vom christlichen Europa übrig geblieben ist.“ Bannon, so wird berichtet, hat sich bereit erklärt, in diesem l ehemaligen Karthäuser – Kloster als rechtsextremem Think – Tank Vorträge zu halten. Mit Italiens Innminister Salvini ist Bannon befreundet…

Befreundet ist Steve Bannon auch mit der Regensburger Prinzessin Gloria von Thun und Taxis und auch mit deren Freund Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem einstigen Bischof von Regensburg und abgesetzten Chef der obersten Glaubensbehörde im Vatikan. Diese drei haben sich, laut Spiegel, getroffen. Die Prinzessin begrüßte, so ist zu hören, die Initiative Bannons, die rechten, gemeint sind die rechtsextremen Parteien in Europa zu bündeln. Dadurch werde der Wahlkampf zur Europa Wahl „spannender und farbiger“. Die Nähe der Frau Thurn und Taxis zur AFD ist bekannt: „Im September 2018 hatte Gloria von Thurn und Taxis zusammen mit der rechtspopulistischen AfD und dem konservativen Bündnis „Ehe-Familie-Leben“ in Regensburg demonstriert. Das Bündnis kritisierte unter anderem den in seinen Augen zu frühen Sexualkundeunterricht von Kindern. Hunderte Regensburger hielten dagegen und traten für „Vielfalt statt Einfalt“ ein“, so die Mittelbayerische Zeitung am 20. Oktober 2018. Kardinal Müller nützt offenbar nun alle Möglichkeiten, gegen Papst Franziskus zu agieren und seine politische Haltung und Sympathie offen zu legen. Denn er weiß genau, wer Bannon ist, als er sich mit ihm traf. Geradezu lachhaft ist in dem Zusammenhang die oft von Müller selbst oft dokumentierte Freundschaft mit dem greisen Befreiungstheologen aus Peru, Gustavo Gutierrez. Kann Müller gleichzeitig Freund von Bannon und Gutierrez sein?

Mit der AFD Stiftung arbeitet auch der ziemlich bekannte, einst bloß als konservativ bekannte Dominikaner Theologe Prof. Wolfgang Ockenfels zusammen, dieser offenbar in Freundschaft wiederum verbunden mit dem einst äußerst kirchenkritischen schwulen Aktivisten, nun aber reaktionär orientierten Laien-Theologen David Berger, der seit langer Zeit mit Kreisen im Dominikanerorden verbandelt ist. Auch David Berger arbeitet mit in der AFD Stiftung zusammen. Es ist absehbar, dass alsbald ein katholischer Arbeitskreis innerhalb der AFD gegründet wird?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Die Angst der katholischen Kirche vor ihren Theologen

Von Christian Modehn am 1.11.2018. (In kürzer Form veröffentlicht in PUBLIK FORUM ONLINE am 22.10.2018)

Ein Motto, veröffentlicht am 11.11.2018: Zitate von Pater Klaus Mertes SJ, in „Die Zeit“, 11. Okt. 2018, Seite 58:

„Die penetrante Selbstsicherheit, mit der Vatikanbeamte in seriöse theologische Lehre und Seelsorge eingreifen, ist bildungsfeindlich“.

Und noch ein verstärkendes Zitat von Pater Mertes, im „Tagesspiegel“, 23. Oktober 2018, Seite : „Das Raumschiff Vatikan beherbergt zu viele Menschen, die sich im Besitz der Wahrheit wähnen. Das gibt ihnen ein Gefühl der Unverwundbarkeit“. Und dann in indirekter Rede: Diese Leute im Vatikan würden getrieben von dem zerstörerischen Wahn der Unverwundbarkeit“.

Mein Text vom 1.11.2018:

Sie entscheiden, was katholische Theologie ist und wer sie lehren darf: Vatikanische Behörden ignorieren Erkenntnisse der historisch-kritischen Bibelwissenschaft und verweigern dem Jesuiten und Bibelwissenschaftler Ansgar Wucherpfennig die Fortsetzung seines Amtes als Leiter der Hochschule St. Georgen. Die römischen Behörden erteilen ihm nicht das für katholische Theologen weltweit immer noch erforderliche »Nihil obstat«, die Unbedenklichkeitserklärung. Dabei hatte Wucherpfennig nur den allgemeinen Stand der Forschung ausgesprochen, als er in einem Interview bereits vor zwei Jahren auf die historische Bedingtheit (und damit sachliche Begrenztheit) biblischer Aussagen zur Homosexualität aufmerksam machte. Das zeigt, wie groß die Angst der Kirche vor der historisch-kritischen Arbeit ihrer Theologen ist. Denn diese Methode müsste eigentlich auch auf ethische und dogmatische Lehren angewendet werden. Und dann würde auch etwa über das Entstehen des Erbsündedogmas oder der Trinität ganz anders nachgedacht werden oder über den Anspruch, der Papst sei in Glaubens – und Sittenfragen unfehlbar. Dann müssten also auch Dogmen korrigiert, möglicherweise aufgehoben werden.

Der Vatikan und die meisten Bischöfe haben deswegen enorme Angst, dass sich die historisch – kritische Forschung umfassend durchsetzt. Darum gibt es die Zurückweisung des Bibelwissenschaftlers Wucherpfennig!

Theologen als Wissenschaftler müssen frei forschen dürfen. Wer letztlich in Deutschland die Theologie bestimmt, demonstriert gerade wieder der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki. Er verhinderte bereits 2016 durch seine Intervention im Ministerium die vorgesehene Berufung des Theologen Joachim Negel an die Universität Bonn. Für Woelki besteht der Auftrag der Theologie nur darin, so wörtlich, »die Glaubenslehre (also die in Rom) wissenschaftlich zu vermitteln«. Dabei müsste Theologie frei und umfassend das plurale Christentum studieren und dann mit der Kirchenführung in ein partnerschaftliches Gespräch eintreten. Laut Katechismus aber sollen Theologen »Helfer« des Lehramtes sein. Die Beamten im Vatikan haben also ihre eigene Theologie, die sie für absolut maßgeblich halten.

Die Hauptfrage ist also: Ist bei dieser Abhängigkeit von der Kirchenleitung katholische Theologie noch freie Wissenschaft? Man stelle sich vor, die Bundesregierung würde bei der Berufung von Politologen das letzte Wort haben! Oder das Landwirtschaftsministerium müsste seine Zustimmung geben für die Berufung von Agrarwissenschaftler und Ökologen.

Die aktuellen Ereignisse sind alles andere als Theologengezänk. Es geht um die Rolle der kritischen Vernunft. Die Forderung ist aus wissenschaftlicher und demokratischer Sicht eindeutig: Das kirchenoffizielle Berufungsverfahren muss um der Freiheit der Theologie willen verschwinden. Aber bis heute gilt das mit Hitler abgeschlossene Reichskonkordat von 1933. Darin wird den Bischöfen alle Leitungskompetenz in der universitären Theologie zugestanden. Wird das Eintreten vieler Theologinnen und Theologen für freie Forschung Erfolg in Rom haben? Wohl kaum.

Man muss also tatsächlich skeptisch bleiben, was die vernünftige Neuordnung des Verhältnisses von Theologie/TheologInnen und Lehramt heute angeht, so sehr auch einzelne Bischöfe in Deutschland jetzt eine verbale Solidarität etwa mit Pater Wucherpfennig andeuten. Würde Kardinal Marx vor die römische, die Ansgar Wucherpfennig strafende Bürokratie im Vatikan zitiert, würde er dann noch entschieden für ihn eintreten? Die eigene gut bezahlte Bischofskarriere geht bekanntlich immer vor allen Entscheidungen zugunsten einer Kirchenreformation!

Zumal: Die übliche Überordnung von Papst und Bischöfen über alle Theologen ist fest verankert im katholischen Rechts – und Lehrsystem, das ja bekanntlich Papst und Bischöfe selbst und zu eigenen Gunsten seit Jahrhunderten geschaffen haben und schaffen. Und diese Strukturen sind weltweit im ganzen Katholizismus und seinen Theologien gewichtiger als das erst in der Zukunft wohl revidierbare Reichskonkordat von 1933 und dem Vatikan für Deutschland. Denn in dem von den Vatikan-Theologen für nahezu unabänderlich gehaltenen »Codex Iuris Canonici« (Kodex des römisch-katholischen Kirchenrecht) heißt es in Kanon 812 deutlich: »Wer an einer Hochschule eine theologische Disziplin vertritt, muss einen Auftrag der zuständigen kirchlichen Autorität haben«. Es ist aber Überzeugung der vatikanischen Glaubenslehrer: Was einmal als Dogma oder wichtige Lehre definiert wurde, darf nicht korrigiert werden. Auch das viel gerühmte Zweite Vatikanische Konzil hat daran nichts geändert! Würde also das »Nihil obstat« als letzte Verfügungsmacht des Lehramtes über allen Theologen vernünftig neu geregelt, also sinnvollerweise um der Wissenschaftlichkeit der Theologie abgeschafft, würde auch das Lehramt der römischen Kirche einer Reformation (nicht bloß Reform!) unterzogen werden müssen. Wäre aber der Macht habende Klerus im Vatikan und anderswo zu diesem Machtverzicht bereit? Wo er doch alles getan hat, zu eigenen Gunsten einige Sätze aus dem Munde Jesu von Nazareth zur Stärkung eigener Macht zu deuten?

Hinzukommt: Dieses bisherige Kontrollsystem der Hierarchie über die Arbeit der Theologen erzeugt eine Ängstlichkeit, einen vorauseilenden Gehorsam unter den TheologInnen. Wer will schon seine gut bezahlte Karriere wegen eines freien Forschens gefährden? Vielleixht sind deswegen katholisch – theologische Publikationen oft so langweilig, voller Wiederhoung, wer kann noch die ins tausende gehenden Studien zählen etwa über die Confessiones des heiligen Augustinus oder die Summa des Thomas von Aquin? Und: Wer will sich schon als schwuler Theologe outen und heiraten, wenn diese normale schwule Lebensform den Herren im Vatikan absolut nicht gefällt? So wird selbst das Menschenrecht auf freie Gestaltung des eigenen Lebens durch die Glaubensbehörden eingeschränkt.

Insofern ist die Debatte um eine freie theologische Wissenschaft von einer gewissen Aussichtslosigkeit.

Der einzige Ausweg wäre meines Erachtens, über den in Deutschland nicht einmal ansatzweise diskutiert wird: Katholische Theologen, die sich als freie Wissenschaftler in einer demokratischen Kultur verstehen, gestalten ihr Fach neu: Sie betreiben eine freie, vom kirchlichen Amt unabhängige »Religionswissenschaft der katholischen Religion« mit allen Themen einer breiten Kulturwissenschaft, um auch der Enge der üblichen theologischen Disziplinen zu entkommen. In den USA und wohl auch in Nijmegen (Holland) gibt es eine solche »Religionswissenschaft katholischer Religion«, und da entstehen zum Beispiel wissenschaftliche Arbeiten von großer Relevanz für Religionen und Gesellschaft. Dann müsste allerdings die Kirchenleitung sehen, wie und wo sie ihre ohnehin wenigen verbliebenen Priesteramtskandidaten ausbildet, vielleicht in den absolut romtreuen konservativen Hochschulen wie Stift Heiligenkreuz im Wienerwald. Dann würde echte Pluralität und damit freie Debatte möglich. Und Menschen, die Katholiken zumal, könnten entscheiden, ob sie den Erkenntnissen einer freien theologischen Forschung folgen oder den Erkenntnissen, die sich aus der Abhängigkeit einiger Theologen von den Leitern der Institution Kirche ergeben.

 

Schleiermachers 250. Geburtstag: „Religion ist etwas Eigenständiges im Leben des Menschen“

An Friedrich Schleiermacher denken: Vor 250 Jahren geboren (21. November 1768 – 12. Februar 1834)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Auseinandersetzung mit dem Werk des protestantischen Theologen, Philosophen, Platon – Übersetzers und Predigers Friedrich Schleiermacher bleibt inspirierend, wichtig für ein Christentum, das sich nicht fundamentalistisch – dogmatisch einschließt, sondern in neuer Sprache die religiösen Fragen zur Diskussion stellt.

Schleiermacher war ein mutiger Theologe, indem er eher vom Unendlichen (und Universum) sprach als den klassischen Begriff „Gott“ zu verwenden.

Vor allem sein Buch „Über die Religion. Reden an die gebildeten unter ihren Verächtern“ von 1799 ist bis heute viel diskutiert, ebenso wichtig ist wohl auch seine Lehre vom Verstehen, der Hermeneutik: Verstehen gibt es nur als schöpferisches Geschehen der Sinndeutung.

Religionsphilosophisch bedeutsam ist seine zentrale These: Religion ist eine eigene Form der Wahrnehmung im Menschen, Religion ist unabhängig von Wissen und Ethik. Religion ist also etwas Eigenes und Eigenständiges im geistigen Leben des Menschen: Sie ist Anschauung und Gefühl. Diese These ist selbstverständlich keine Absage an kritische wissenschaftliche Forschung, keine Freigabe des Glaubens an oberflächliche „Gefühlsduselei“.

Schleiermacher verkehrte in den damals in Berlin sehr beliebten literarischen Salons etwa von Henriette Herz; er war zunächst Pfarrer an der Charité, später (1810) Professor an der Berliner Universität, dann auch beliebter Prediger an der Dreifaltigkeitskirche.

Ich hatte 2010 eine Ra­dio­sen­dung sozusagen als Hinweis zu einigen Aspekten im Denken Schleiermachers verfasst. Diese Zitate als Einladung, sich weiter mit Schleiermacher zu befassen einige Zitate aus der Ra­dio­sen­dung:

Der protestantische Theologe und Schleiermacher Forscher Prof. Wilhelm Gräb, Berlin betont:

„Religion ist ein Vollzug der Einkehr des Menschen in sich selbst. Wobei eben dann diese Fragen auftreten nach dem Woher und Woraufhin des eigenen Lebens, nach dem Grund, in dem ich selbst unbedingt gründe und von dem ich mich gehalten und getragen wissen kann auch in den Krisen des Lebens, die ich machen muss“.

Der Theologe Dr.Martin Schuck, Speyer: „Das religiöse Bewusstsein lebt bei Schleiermacher davon, dass es einen Sinn und Geschmack für das Unendliche gibt und das bezeichnet er später dann in der Glaubenslehre als eine „schlechthinnige Abhängigkeit“. Der Mensch kann für Schleiermacher ohne diese Dimension des Unendlichen im Grunde nicht leben. Für Schleiermacher ist Abhängigkeit von Gott durchaus etwas Positives. Für ihn wäre es im Gegenteil schlimm, wenn es diese Abhängigkeit von Gott nicht gäbe, weil der Mensch dann auf sich selbst gewiesen wäre und dann würde ihm etwas Entscheidendes fehlen. Das ist, finde ich, für die heutige Zeit ein wunderbarer Satz, der sagt: Mensch, denk immer dran, es gibt eine Dimension, die für dich unverfügbar ist und die du immer mit bedenken musst, in deinem Handeln“.

Prof. Wilhelm Gräb über die besondere Idee, Kirche zu leben „Und so hat sich Schleiermacher Kirche vorgestellt: Im Grunde als einen Ort eines religiös – geselligen Verkehrs, religiös geselligen Miteinander-Umgehens, und in Austausch kommen über das, was einzelne als religiöse Erfahrung meinen gemacht zu haben. Und er sagt, dass das uns religiös Bewegende etwas ist, was uns auch menschlicher sein und werden lässt. Und ihm schwebte eben eine offene Kirche vor, des Dialogs.

Es ist die „liberale“ Theologie, die sich von Schleiermacher nach wie vor inspirieren lässt, betont Dr. Martin Schuck: „Natürlich gibt es ein Profil liberaler Theologie, und dieses Profil besteht darin, dass man den Menschen ernst nimmt mit seinen religiösen Fragen und versucht Dinge, die dem heutigen Menschen vielleicht mit einer traditionellen Sprache nicht mehr klar zu machen sind, auf einer anderen Sprachebenen auszusagen. Man versucht die Inhalte zu retten zugunsten einer erneuerten Darstellung“.

Siehe auch auch auf Youtube die kurzen, einführenden Beiträge über Schleiermacher, die der Berliner Theologe Christian Stäblein realisiert hat: https://www.youtube.com/watch?v=kDt1ifOsG2A

Literaturhinweise:

Friedrich Schleiermacher, Reden über die Religion. Reclam Stuttgart, 6 €.

Wilhelm Gräb, Religion als Deutung des Lebens. Perspektiven einer praktischen Theologie gelebter Religion. Gütersloher Verlagshaus, 2006, 206 Seiten, 19,95€

Hermann Fischer, Friedrich Schleiermacher. Becksche Reihe, München 2001, 168 Seite; 12,50

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sexueller Missbrauch, Korruption und ein anderer Katholizismus

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die vielen Beobachter, die sich weltweit kritisch mit dem Zustand der katholischen Kirchenführung heute (Anfang Oktober 2018) befassen, kommen insgesamt zu einem gleich lautenden Urteil: Angesichts der sich immer mehr ausbreitenden Kenntnis der Verbrechen von Priestern und Ordensleuten (inklusive das ebenso gravierende Verschweigen und Vertuschen der Bischöfe und Päpste), kann die römische Kirche in der Form und mit dem traditionellen Inhalt (der Lehre) nicht mehr weiter bestehen, wie sie bisher, etwa 1800 Jahre, gelebt hat: Als hierarchische Kleruskirche, ohne demokratische Kontrolle, mit einem Zölibatgesetz und ohne Frauenpriestertum. So wie diese Kirchenführung bisher „führte“, kann es nicht weitergehen, falls diese Kirche weiter als „Weltkirche“ bestehen will.

Und es wird nicht so weitergehen, weil im Fall der Reformunwilligkeit des Klerus die Gläubigen wegbleiben. So wird es kommen:  Die Laien und einige nachdenkliche Priester werden sich zurückziehen, austreten, vielleicht konvertieren in liberal – theologische protestantische Kirchen; als „Seelenrettung“ hoffentlich auch die individuelle Mystik pflegen.

Die „Kirchenführung“, also die Priester, Bischöfe, Kardinäle und Päpste, müssen auf ihre absolute Macht verzichten, falls die Kirche noch Respekt unter den Menschen, den Gläubigen zumal, verdienen will. Aufgrund eines fundamentalistisch verstandenen Spruches Jesu von Nazareth, glauben diese Herren, „der Fels“ und die „Meister“ der Kirche zu sein, von keinem Gemeindemitglied gewählt, von keiner Synode mit gleich berechtigten Laien bestellt.

All das ist tausende Male gesagt, geschrieben, von manchen förmlich erbettelt worden, von Theologen, die diesen Titel verdienen, von mutigen Ordensleuten, von Journalisten und Gemeindemitgliedern, selbst von ganz wenigen katholischen Bischöfen, die über ihre klerikalen Bindungen hinausgewachsen sind, wie Bischof Jacques Gaillo.

Es geht also um nichts Geringeres als eine Reformation der katholischen Kirche, es geht um wirklich jetzt um eine grundlegende, alles verwandelnde Reformation. Eine neue, eine andere katholische Kirche muss entstehen. Dies ist die Aufgabe. Natürlich können einige klerikale Kreise in ihren Palazzi weiterhin ungerührt Gewohntes, „Ewiges“, propagieren, aber sie erreichen dann ein Niveau wie die traditionalistischen Piusbrüder.

Es ist eine Ironie, dass diese Forderung nach einer radikalen Reformation des römischen Katholizismus genau ein Jahr nach dem großen Reformationsfestival 2017 stattfindet: Da wagte niemand in üblicher ökumenischer Vertrautheit die grundlegende Reformation (nicht Reform, darum geht es gar nicht mehr) des Katholizismus anzusprechen. Nun ist das Thema in der großen Öffentlichkeit.

Die Kommentare in dieser Sache werden kürzer, weil alles gesagt ist. Aber die Kritiker sind de facto mit ihrer Kritik so schwach, man muss sagen, dass sie eigentlich mit ihren Forderungen nichts bewirken können. Die Herren da oben können ja weitermachen wie bisher und dann zum Schluss in ihren Palazzi unter sich jubeln und feiern, dass die Orthodoxie gerettet ist, die alte Lehre, die sie dann noch eine gute Lehre voller wahrer Dogmen nennen.

Es war de facto wohl einfacher, das System des Sowjetkommunismus zu Fall zu bringen als das römische System grundlegend von unten, von der Basis aus, zu umzugestalten. Die Diktatoren in Moskau waren eingebunden in ein dialektisches Verhältnis mit dem Westen. Der hat den Sowjetkommunismus zu Tode gerüstet. Und in der DDR haben sich die Oppositionellen so stark entwickeln können, dass die absolut herrschende Staatspartei SED in den Zusammenbruch kam.

Diese dialektische Spannung gegenüber einer „bedrohlichen“ anderen Seite (wie der Kapitalismus gegenüber dem Sozialismus) gibt in der Krise des Katholizismus nicht. Zumal die Protestanten in ihren klassischen, manchmal liberal -theologischen Kirchen (wie manche Lutheraner etc.) ebenfalls (zahlenmäßig) schwach dastehen gegenüber den Millionen fundamentalistischer Evangelikalen und Pfingstgemeinden. Würden z.B. viele tausend progressive Katholiken in die (wenigen) liberal –theologischen protestantischen Kirchen konvertieren, könnten diese liberal –theologischen Kirchen sogar gestärkt werden und neuen Schwung erhalten…

Nur ein Hinweis noch: Es ist in diesen Debatten über die tiefe Krise des Katholizismus nicht das Stichwort KORRUPTION gefallen. Die Gläubigen in Deutschland haben in gutem Glauben und religiösem Vertrauen über die Kirchensteuer und über ständige Spenden diesen Klerus finanziert. In der Hoffnung, dass dieser Klerus ihnen die religiösen Dienste leistet, die sie als Gläubige wünschen. Dies ist eine Beschreibung der Fakten. Aber: Dieses Vertrauen haben so viele Priester missbraucht, sie haben sich am Geld der Gläubigen erfreut und dann ihre sexuellen Vorlieben einfach ausgelebt, haben Kinder und Jugendliche der den Klerus finanzierenden Gemeindemitglieder missbraucht und damit so viele Menschen, Opfer, seelisch ruiniert. Dieses Verhalten des Klerus ist korrupt. Das Vertrauen ist zerbrochen.

Und das berührt die Frage: Auf welche Weise ist eigentlich das sich jetzt korrupt zeigende Klerussystem mit den Priestern entstanden? Jahrhundertlang war es so:  Sehr viele Kinder wurden als 8 Jährige von ihren kinderreichen Familien im „Kleinen Seminar“ abgegeben, einer Vorbereitungsanstalt fürs Priestertum, oft war dies ein Internat, und dann wurden sie nach dem Abitur weitergeleitet ins Priesterseminar und dann mit 24 Jahren (sic) zum Priester geweiht: Es wäre eine Studie wert, wie die sexuelle Aufklärung in diesen kleinen Seminaren oder später im Priesterseminar aussah! Meiner Meinung wurden sehr viele unaufgeklärte, unreife ältere Knaben zu Priestern geweiht, die dann die ganze Karriere im Klerussystem vor Augen hatten: vom Kaplan zum Pfarrer, dann zum Erzpriester, dann zum Domherrn, dann zum Bischof usw…Sexuelle Energie wurde in die Karriere gesteckt, ins korrekte Verhalten nach außen hin wenigstens. Jeder „Mitbruder“ wusste fast alles über den anderen Mitbruder im Bistum, in der Ordensprovinz usw.: Der eine war eben ein bekannter Homo, der andere auch ein gay, man kannte sich entsprechenden Treffpunkten; der andere war ein Hetero, aber mit fester Freundin und vielleicht einem Kind, für das der Bischof Alimente zahlte. Der andere war ein Trinker, der andere besessen von der Reiselust, der andere faul etc. In diesem klerikalen System der „Mitbrüder“ wagte niemand, Klartext zu sprechen, Wahrheit zu sagen, niemand hatte den Mut, schlimme Vergehen, wie sexuellen Missbrauch, anzuzeigen. Man blieb unter sich, jeder schützte die „Sonderwege“ des anderen.

Dieses System ist korrupt. Es sollte von Soziologen detailliert beschrieben werden.

Dieses System der Priester Rekrutierung besteht bis heute in fast allen Ländern, dieses System ist falsch und pervers: Weil keine Alternativen praktiziert werden: Warum kann man nicht 40- oder 50 jährige Frauen und Männer nach einem Theologiestudium zu Priestern ausbilden, warum müssen es 25 Jährige alte Knaben sein? Diese alternative Modell praktiziert die anglikanische Kirche! Nebenbei: Der Orden, der von einem – so Papst Benedikt XVI. – pädophilen Verbrecher gegründet und mehr als 50 Jahre geleitet wurde, die „Legionäre Christi“, führen trotz aller Skandale über diesen Pater Marcial Maciel immer noch weltweit 20 „kleine Seminare“, jetzt diskret „Apostolische Schulen“ genannt, weiter. Für Buben, wie man so sagt…

Man muss kein Prophet sein: Die Krise, ausgelöst durch den massenhaften sexuellen Missbrauch durch Priester und das Schweigen der verantwortlichen Bischöfe, wird zur größten, zur entscheidenden Überlebensfrage des römischen Katholizismus. Einige Herren der Kirche haben das vielleicht verstanden. Aber sind sie bereit, die persönlichen und vor allem die theologischen Konsequenzen zu ziehen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin