Kann die Kunst unser Leben verändern? Denken in Zeiten der Krise. 8.Teil

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zugleich eine Buch-Empfehlung!

Wie viele hektische Besuche von Galerien und Besichtigungen in Museen haben wir schon absolviert? „Bloß nichts verpassen“, ist die Devise. Wie oft haben wir intensiver die ultra-kurz gefassten historischen Erläuterungen unterhalb der Gemälde gelesen als die Kunstwerke selbst betrachtet? Wie viele Kunstbücher und Ausstellungskataloge ruhen nicht beachtet und nicht betrachtet in unseren Bücherregalen?
Damit soll nun Schluss sein. Zu einer Kehrtwende in einem oberflächlichen Kunst-„Konsum“ ermuntert ein (relativ) neues Buch des bekannten Philosophen Alain de Botton: „Wie Kunst Ihr Leben ändern kann“ ist der Titel. Das Buch hat de Botton gemeinsam mit dem Philosophen und Kunsthistoriker John Armstrong verfasst. Erschienen ist es 2017 im Suhrkamp Verlag. Der englische Titel ist deutlicher: “Art as therapy“.
Denn darum geht es den Philosophen: Kunstwerke sollten wir um einer besseren Lebensgestaltung betrachten und sie wirklich gebrauchen lernen und sogar wie eine Medizin, als Therapie, „verwenden“, als Heilung für unsere zerrissene Seele und den verwirrten Geist.
Diese Perspektive der Kunstinterpretation ist natürlich eine Provokation, bei allen, die immer noch an eine „L art pour l art“ glauben. Oder bei Philosophen, die einen Übergang von ästhetischen Erfahrungen und Einsichten zu ethischen Einsichten und entsprechender Praxis ablehnen. Alain de Botton plädiert hingegen sehr entschieden für den praktischen Wert der Kunst, also jener Objekte, die im Rahmen der Ästhetik diskutiert werden. Kierkegaard wäre als widersprechender Gesprächspartner hier wichtig, er wird in dem Buch leider nicht erwähnt.

Alain de Botton hatte auch in seinen früheren Publikationen stets vom Nutzen, man möchte sagen praktischen Gebrauchswert, von Religion und Philosophie gesprochen. Nun also auch von der Kunst. In dem Buch „Wie Kunst ihr Leben verändern kann“ stellt er Kunstwerke unterschiedlicher Epochen in einer überraschenden Vielfalt auch als (kleine) Farbdrucke (141 insgesamt) vor, immer von der Frage geleitet: Wie könnte dieses Bild, dieses Kunstwerk, uns helfen, dass wir uns wieder richtig erinnern, dass wir die Hoffnung wieder entdecken oder mit dem Leiden sinnvoll umgehen usw.
Ich finde besonders das erste Kapitel hilfreich hinsichtlich der therapeutischen Funktion von Malerei und Skulpturen: Wie kann Kunst vor Pessimismus und Schwarzmalerei bewahren? Wie können wir Ermutigung im Leben sehen und durch Kunst-Berachtung auch wieder finden? De Botton zeigt das etwa an den „Tänzern“ von Matisse (von 1909). Es besitzt „so viel Anmut und Liebreiz, dass es uns für einen Augenblick das Herz zerreißt“ (13). Die Betroffenheit kann paradox sein: „Unsere Tränen kommen nicht, weil das Bild so traurig ist, sondern weil es so hübsch ist“ (17).

In der Interpretation von Richard Serras Objekt mit dem Titel „Fernando Pessoa“ betonen die Autoren, wie dieses Kunstwerk wirkt. Es ist benannt nach dem portugiesischen Dichter und Poeten Fernando Pessoa: Wir werden durch dieses Objekt förmlich dazu gedrängt, Leiden und Schmerzen auch als Momente der Würde im Leben anzunehmen. Es geht darum, im meditativen Blick auf Kunst „unser seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen“ (29). Voraussetzung ist natürlich, dass der meditative oder kontemplative Kunst-Betrachter um die eigene Befindlichkeit, wenigstens als Frage und Suche, schon etwas weiß. Diese Voraussetzung scheint mir in dem Buch nicht ausreichend reflektiert zu werden. Oder ist das Erschüttertwerden oder gar das „Umgeworfenwerden“ durch Kunst das entscheidende, unerwartete Erlebnis, das uns in die Tiefe unseres Lebens führt? Dann wäre ein erschütterndes Kunsterlebnis einer religiösen Erfahrung mit Gott/dem Göttlichen vergleichbar. Und Kunst könnte die Funktion des Religiösen übernehmen…Ein umstrittenes Thema…

Die elementare Bedeutung der Kunst für eine menschliche Ethik steht den Autoren außer Frage: „Dabei liegt es auf der Hand, dass viele der besten Kunstwerke …eindeutig einen moralischen Anspruch haben, nämlich die Intention, uns durch verschlüsselte Botschaften zu ermahnen oder zu warnen und so das Gute in uns zu fördern“ (33). Kunstwerke regen also an, „das Beste aus uns herauszuholen“ (34), heißt es pragmatisch, fast ratgebermäßig. Aber wer sich in die Geschichte der Kunst vertieft, wird wohl sehr oft diesen „das Gute in uns fördernden Aspekt“ erkennen. Man denke nur an die Genre-Malerei der Niederländer. Brouwer oder Steen malen Wirtshausszenen nicht um ihrer selbst willen, sondern um versteckt, aber für die Zeitgenossen damals und auch für uns unübersehbar vor einem allzu ausgelassenen Lebenswandel zu warnen. Diese Bilder (etwa „Singende Trinker“, von Adriaen Brouwer, 1635) sollen auch und vor allem „Abscheu und Ekel erregen“ (so im „Katalog von Frans Hals bis Vermeer“, Berlin 1984, Seite 128). Und die vielen Marien-Darstellungen, diese vielen Pietas: Sind sie doch bewusst geschaffene Bilder des Trostes nicht nur für Mütter in trostlosen Zeiten.

Ich empfehle das Buch „Wie Kunst ihr Leben verändern kann“, gerade in diesem Zeiten, in denen einige doch hoffentlich längere Zeiten fürs Lesen und Betrachten (Kontemplation) frei haben. Schauen Sie sich als erstes das (mir bis dahin) unbekannte Bild von Jean-Baptiste-Siméon Chardin an, mit dem schlichten Titel „Dame beim Tee“ (von 1735). „Der Raum ist bewusst schlicht gestaltet. Und doch hat das Bild etwas Glamouröses. Es glorifiziert diese alltägliche Situation und das schlichte Mobiliar… Es regt den Betrachter an, (nach dem Museumsbesuch) nach Hause zu gehen und seinen eigenen Lebensentwurf zu gestalten… Die Kunst hat die Macht, den schwer zu definierenden, aber dennoch vorhandenen Wert des normalen Lebens zu würdigen… Die Kunst kann in uns ein neues Bewusstsein wecken für die wahren Vorzüge des Lebens, das wir nun einmal gezwungen sind zu leben“ (56 f.)

Natürlich unterscheiden die Autoren genau, was Kunst ist und was sich nur Kunst zu nennen wagt, was also Kitsch ist. Sie denken etwa an die verblödenden populären TV-Serien, „die uns genau das liefern, was wir haben wollten“ (156). Sie beleidigen die Menschen, weil sie nicht zeigen, „wozu wir als Menschen eigentlich in der Lage sind“ (157). Die Autoren kritisieren den dummen Wahn der Reichen, diese „Klasse der obszön Reichen“ (157), die ihre totale Ahnungslosigkeit und blöde Geschmacksverirrung auch künstlerisch, etwa in ihrer Architektur ihrer pompösen Villen ausdrücken müssen (zwei Beispiele auf Seite 156 und 158).

Den Autoren liegt es fern, nur den einzelnen durch Kunst heilen zu wollen. Die einzelnen sollten „die Werte, die die Kunst repräsentiert, in der realen Welt umsetzen… Die wahre Ehrfurcht vor der Kunst besteht darin, das Gute, was in einem Kunstwerk kraftvoll dargestellt ist, aktiv in Umlauf zu bringen“ (225).

Zu diesen Zitaten und den Hinweisen: Im Hintergrund steht als Kriterium des „Ändern des eigenen Lebens“ durch die Kontemplation der Kunst ein bestimmtes Menschenbild: Der Mensch als ein Dasein, das sich im Laufe seines Lebens inmitten vieler Krisen und Widersprüche entfaltet, das sich geistig entwickelt, zu sich selbst kommt, sich selbst und andere lieben lernt … und die Solidarität hoch schätzt.

Alain de Botton und John Armstrong, Wie Kunst Ihr Leben verändern kann“, Suhrkamp Verlag, 2017, Taschenbuch, 240 Seiten. Nur 17,95 EURO!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wenn Ungläubige von Gläubigen (etwas) lernen wollen: Entwicklungen im Atheismus

Wenn Ungläubige von Gläubigen (etwas) lernen wollen
Entwicklungen im Atheismus
Von Christian Modehn

Zu den Interessen des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ gehört zentral die Auseinandersetzung mit philosophischen Haltungen und Lehren, die sich „atheistisch“ nennen. Es ist deutlich, dass der organisierte Atheismus ein sehr vielfältiges Bild zeigt: Das Spektrum reicht weit hinaus über die etablierten, „klassischen“ (oftmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründeten) Gruppen wie Freidenker oder „Rationalisten“. Sie sind in vielen Ländern organisiert und haben häufig in ihren eigenen Reihen eine Pluralität philosophischer Überzeugungen: Es gibt dort rigorose, dogmatische und kämpferische Atheisten, die Horst Groschopp vom Humanistischen Verband Deutschlands einmal „Krawallatheisten“ nannte (es gibt bekanntermaßen auch „Krawall – Religiöse“ weltweit); es gibt Agnostiker, säkulare Humanisten oder einfach nur solche, die, ohne lange nachzudenken, Atheismus „normal“ finden, wie zahlreiche Interviews im Osten Deutschlands belegen.
Neu ist heute, dass es einige Bildungszentren und Akademien explizit atheistischen Interesses gibt: Etwa das große Zentrum „School of life“, das der (moderate) Atheist, der Philosoph und Autor Alain de Botton, in London begründet hat. Filialen dieser „School of life“ gibt es inzwischen auch in Deutschland, etwa in Hamburg. Da hätten die Kirchen mal drauf kommen sollen, ihre eigenen Zentren anstelle von Pfarreien etwa mit dem lebendig klingenden Namen „school of life“ auszustatten. Auch die „atheistische Kirche“ (mit einem eigenen Gebäude) in London ist wohl im Umfeld der Anregungen Alain de Bottons entstanden.
Sein neues Buch mit dem Titel „Religion für Atheisten“ verdient viel Aufmerksamkeit, auch bei Menschen, die sich nicht als Atheisten bezeichnen. Es ist kulturell gesehen in unseren Breiten doch so: Wer den Glauben an Gott (entschieden) ablehnt, fühlt sich ja oft auf der richtigen, der intellektuell „korrekten“ Seite: Die Naivität des Kinderglaubens hat der Atheist abgelegt, die Wissenschaften will er vollständig respektieren, er ist also mündig… und die anderen, die Religiösen, gelten dann, mit Verlaub gesagt, als dumm. Diese überhebliche Haltung will der Philosoph Alain de Botton überwinden. Er meint: Ohne die uralten Weisheitslehren der Religionen könne kein moderner Mensch leben, auch kein Gottloser. Aber die religiösen Menschen haben nun keinen Grund, sich sofort als Sieger im Streit um Gott zu wähnen. Denn Alain de Botton, ein bekennender Atheist, will vor allem den begrenzten Horizont seiner ungläubigen Freunde erweitern. Deswegen hat er sein neues Buch „Religion für Atheisten“ genannt. Aber auch religiöse Menschen können aus dem Buch viele Anregungen empfangen.
Alain de Botton, 54 Jahre alt, ist in der Schweiz groß geworden. Wenn er als Kind nach dem lieben Gott fragte, reagierten seine Eltern empört. Solche Fragen gehörten sich nicht in einer gebildeten, atheistischen Familie. Alain de Botton lebt heute in London als freischaffender philosophischer Schriftsteller, Provokationen, im Sinne von „Herausrufen“ aus unbefragten Traditionen, liebt er über alles. Wer das Religiöse pauschal ablehnt, so betont er, sei in Gefahr, seine umfassende Menschlichkeit zu ignorieren. Denn jeder, der die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, wird über alles Irdische hinaus verwiesen; er gelangt staunend zum Geheimnis des Lebens und sollte meditative Übungen der Stille und Achtsamkeit schätzen lernen. De Botton schreibt: „Wenn Gott tot ist, laufen die Menschen Gefahr, sich für den Mittelpunkt der Welt zu halten, was ihnen ganz und gar nicht gut tut. Sie bilden sich ein, Herr ihres eigenen Schicksals zu sein und ignorieren den Tod“.
Philosophie ist für Alain de Botton keine abstrakte Spekulation, sondern konkrete Lebenshilfe mit einem klaren Programm: Die Atheisten, Agnostiker sowie die Skeptiker und Zweifler sollen die religiösen Traditionen aus der herkömmlichen Verbindung mit dem Göttlichen herauslösen, also förmlich Religiöses ohne Gott genießen. „Indem wir den religiösen Aberglauben ablehnen, sollten wir aufpassen, dass wir nicht in Versuchung geraten, unsere Sehnsüchte zu ignorieren, die von den Religionen erkannt wurden und denen würdevoll Rechnung getragen wird. Denn in den Religionen ist so vieles enthalten, was schön, anrührend und weise ist“.
Der Philosoph zeigt also ganz pragmatisch, wie sich die Atheisten der Traditionen des Judentums, Christentums und des Buddhismus, so wörtlich, „bedienen“ können. Darin ist er durchaus verwandt religiösen Menschen, die sich eine „Patchwork“ Spiritualität selbst „zusammenbauen“, „Patchwork Religion“ als Titel ist längst alles andere als ein negativ gefärbter Begriff.. De Botton weiß genau, dass auch religiöse Menschen ihren Glauben als nützlich fürs Leben einsetzen. Niemals existiert Religion um ihrer selbst willen! Warum sollten sich Atheisten da anders verhalten? So lobt de Botton etwa die Gemeinden der Frommen: Er deutet sie als Orte kommunikativen Miteinanders über alle sozialen und kulturellen Grenzen hinweg. Und genau solche Gemeinden fehlen den Atheisten, betont er. Deswegen sollten z.B. neue Arten von Restaurants eröffnet werden, in denen die Gäste direkt aufgefordert werden, mit fremden Menschen dort ins Gespräch zu kommen; so könnte Solidarität und Freundschaft entstehen. Selbst der katholischen Marienverehrung mit ihren zahllosen Darstellungen der lächelnden Mutter mit dem lieblichen Kind kann der Atheist etwas abgewinnen: „Es geht darum, was uns die Jungfrau Maria über die menschliche Natur verrät, was uns dabei über unsere emotionalen Bedürfnisse enthüllt wird. Maria im Christentum oder Isis im Alten Ägypten kanalisieren unsere Erinnerungen an frühkindliche Geborgenheitsgefühle. Sie sind eine Antwort auf die Bedürfnisse der menschlichen Seele“.
De Botton versteht sich, durchaus anspruchsvoll, als eine Art Reformer des kulturellen Lebens: Kultur muss für ihn prinzipiell Lebenshilfe und Orientierung sein. Die Gemälde und Skulpturen sollten uns beispielsweise nicht nur unter kunsthistorischen Gesichtspunkten interessieren: Sie sollten uns seelisch berühren und spirituelle Impulse freisetzen, genauso wie die Werke der großen Literatur: Sie können uns genauso wie die Bibel trösten und Sinnangebote bieten. Und die Kunstmuseen möchte de Botton als säkulare Heiligtümer deuten. „Deshalb kann man oft hören, dass Kunstmuseen unsere neuen Kirchen geworden sind… Überdies scheinen die Stunden, die wir in Museen zubringen, einen fast ähnlichen seelischen Nutzen zu bringen wie der Besuch eines Gottesdienstes“.
Eher selten hat ein bekennender atheistischer Philosoph den religiösen Traditionen so viele Inspirationen abgewinnen können. Alain de Botton ist von einem grenzenlosen, manchmal überschwänglichen Enthusiasmus geprägt, wenn er das eher feindselige Gegeneinander von Glaubenden und Unglaubenden überwinden will. So stehen sich dann nur noch Gläubige gegenüber: die einen mit Gott, die anderen ohne Gott. Vielleicht entsteht dann eine neue, eine friedlichere Kultur. Religiöse Menschen werden sich vielleicht an die alte theologische Lehre erinnern, die da heißt: Wer sich in seinem praktischen Alltagsleben an alte religiöse Weisheiten hält, wird beinahe wie von selbst in eine spirituelle Welt geführt, in der Gott nicht mehr fern ist. Zum Buch: Alain de Botton, „Religion für Atheisten“. Vom Nutzen der Religion für das Leben. S. Fischer Verlag Frankfurt M., 2012, 320 Seiten, 21,99 Euro.
Von dem umfassenden philosophischen Werk des Franzosen Michel Onfray ist auch in Deutschland oft die Rede. Er hat (Jahrgang 1959) als freier Philosoph und Autor vieler internationale verbreiteter Bücher vor einigen Jahren die „Université Populaire de Caen“ (Normandie) gegründet. Dort bietet er seit vielen Jahren für inzwischen viele tausend Teilnehmer grundlegende philosophische Kurse, die alle auf die philosophische Grundthese (Grunddogma) Onfrays hinauslaufen, der strikten Ablehnung des Göttlichen und des (göttlichen) Geheimnisses; so wiederum ganz aktuell in einem Interview mit der empfehlenswerten Zeitschrift „Philosophie Magazine“, Eté 2013, Paris, Seite 63. „Es gibt keine Gottheit, weil es keine Transzendenz gibt, und auch keine andere Welt als diese hier. Ich setze mich auch vom Agnostizismus ab; ich wage zu versichern, dass es nicht ein „Danach“ (Jenseits) gibt“ (ebd). Onfray hat nichts dagegen, wenn man ihn einen dogmatischen Atheisten nennt; er selbst bezeichnet sich als einen „radikalen Atheisten“. Wie tragfähig diese Position auch philosophisch ist, steht noch dahin; denn es gilt ja nun zu beweisen, dass es Gott (welchen Gott nimmt er eigentlich an als Grund der Ablehnung?) eben nicht gibt… Eine solche Haltung schließt aber nicht aus, dass Onfray im Bereich menschlicher Weisheit durchaus einige wertvolle Anregungen bietet, etwa im Umfeld der Interpretation von Epikur: „Als Schüler Epikurs lobe ich seine Askese, die darin besteht, den elementaren Dingen zu gehorchen. Wenn man ein Dach hat, etwas zu essen und sich zu wärmen, braucht man da wirklich noch mehr? Entscheidend bleibt für mich, wir brauchen vor allem den Willen, um glücklich zu sein“ (ebd. 61).
In dem genannten Beitrag des Magazine Philosophie kommt übrigens der in Deutschland nahezu unbekannte Autor und Initiator zahlreicher ökologischer Bewegungen Pierre Rabhi zu Wort. Rabhi, 1938 in Algerien geboren, ist in muslimischer Tradition groß geworden, seit 1954 lebt er in Frankreich; er ist einer der deutlichsten Förderer eines alternativen, d.h. eines bescheidenen Lebensstils. Pierre Rabhi, der spirituelle Meister eines anderen Lebens, betont: “Im Moment der erlebten Gegenwart gibt es eine Ewigkeit“ (ebd. 63). Onfray hält nichts davon…
Nun wird der militante Atheismus auch durch den erfolgreichen Rapper Baba Brinkman (USA, geb. in Kanada) verbreitet. Er ist stolz darauf, in seinem umfassenden Glauben an den Naturwissenschaftler Charles Darwin das Genre „Atheistenrap“ geschaffen zu haben, er ist der Texter, den Sound macht Jamie Simmonds, GB. Baba Brinkman meint im Ernst, Charles Darwin sei nicht nur ein Naturwissenschaftler mit bestimmten Hypothesen; sondern er sei ein umfassender Lehrmeister für das ganze menschliche Leben, daraus schließt er: „Man könnte mich als philosophischen Naturalisten bezeichnen, der findet, alles hat eine faktische Ursache… Jetzt bin ich nicht mehr Agnostiker, jetzt bin ich Atheist, umgestimmt durch Darwins Theorie, sie war einfach am überzeugendsten, weil sie schlüssige Gründe für unser Verhalten findet“. Dass die Evolutionstheorie von Darwin doch nicht ganz so allumfassend und rundherum Lebens
orientierend sein kann, gesteht dann Brinkman (in einem empfehlenswerten Interview mit Evelyn Finger in: DIE ZEIT vom 14. August 2103, Seite 56) ein: „Die Evolutionstheorie handelt im Grunde nur (!) von Fortpflanzung und Überlebenskampf. Darum kommt so viel Sex in meiner Show vor“. Deutlich wird, dass der atheistische Entertainer, wie so viele andere auch, offenbar doch starke finanzielle Interessen hat: “Meine Nische ist unverschämtes, intellektuelles Entertainment. Vielleicht wird aus meiner Nische mal was Großes… Geist und Witz zählen ja auch im Überlebenskampf der Stärksten (fittest)“ (ebd).
Die drei Beispiele zeigen einmal mehr, wie weit der religiöse Wandel – selbst in den USA – reicht. Atheistisches Entertainment wird wohl bald zum Teil der gängigen Unterhaltungskultur gehören. Wenn religiöse Menschen nicht die Kraft haben, argumentativ mit den so vielfältigen Vertretern des Atheismus ins Gespräch zu kommen, wird es bei einem ignoranten, bis feindlichen Gegeneinander unterschiedlicher Lebensentwürfe bleiben. Voraussetzung für ein sinnvolles Gespräch wäre: Keine Position hat von vornherein recht. Es geht einzig darum, „den Menschen“, seine Strukturen, seine Verhaltensweisen und Sehnsüchte nach Orientierung bzw. Sinn angemessen zu verstehen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.