Theodor Fontane: Warum Dorfkirchen in der Mark Brandenburg so wichtig sind bzw. sein könnten

Einige Hinweise und Vorschläge von Christian Modehn anläßlich des 200. Geburtstages von Theodor Fontane

1.
Was wäre die Mark Brandenburg ohne ihren „märkischen Wanderer“, ohne Theodor Fontane? Er hat den Menschen dort mehr Selbstbewusstsein, vielleicht sogar Stolz, vermittelt. Die Mark Brandenburg ist für Fontane keine „öde Gegend“ „am Rande der Kultur“. Ihre Orte und Städtchen sind zwar nicht von „überwältigender Schönheit und Pracht“, wie Fontane etwa im Blick auf Italien und Rom bemerkte. Aber es ist die Stille, die Schlichtheit, die Bescheidenheit des Lebens, der Erinnerungen an die Kultur einst, es ist Natur, „diese Landschaft!“, die Fontane so mochte. So dass er – der Sohn von Hugenotten – sagen konnte: Diese auf den ersten Blick eher anspruchlose Mark Brandenburg ist auch meine Heimat, so sehr er an Berlin auch gebunden blieb. Wenn sich heute die (auch „zugereisten“ ) Berliner für die Mark begeistern und sich dort (zeitweise) niederlassen und alte Dörfer „beleben“: Dann wirkt da wohl immer noch unterschwellig die Hochschätzung Fontanes für diese Region weiter. Ohne Fontane also keine „lebens- und liebenswerte Mark Brandenburg“.

2.
In seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, begonnen 1859, in Büchern publiziert von 1862 bis 1889, stehen – neben den Schlössern und „Herrenhäusern“, den Seen und den Klosterruinen – die noch erhaltenen Kirchen im Mittelpunkt vieler Berichte. Und ihre Pastoren sind oft die besten Kenner der Geschichte ihrer Gegend. Davon hat „der Wanderer“ sehr profitiert. Das alte Dorf-Pfarrhaus mit dem oft gebildeten Pastor hat Fontane noch erlebt, auch wenn er – etwa im „Stechlin“ – genau weiß, dass es mehr konservative und nur einige mutige, vorwärts denkende Pastoren gibt: Sie lösen sich langsam aus der Bindung der Kirche an die wilhelminische Monarchie, die ja tatsächlich eine Abhängigkeit vom konservativ – national bestimmten Staat war. Eine Bindung, die über das Ende der Monarchie bis in die Weimarer Republik unerfreulich weiter dominierte!
Man denke auch an die sympathische Gestalt des Pastor Lorenzen im „Stechlin“, der schon Ende des 19. Jahrhunderts mit sozialen, „linken“ Ideen sympathisierte. Er zweifelte an der Gültigkeit der Maxime der Konservativen: „Was einmal galt, soll immer gelten“…Eine neue Zeit bricht an. Ich glaube, eine bessere und glücklichere“, so Pastor Lorenzen im Roman „Der Stechlin“. Der selbst eher dem Konservativen zuneigende Fontane war im Alter eben doch so liberal, dass er voller Sympathie diesen Pastor förmlich zu einer Hauptperson im Roman „Der Stechlin“ machte…

3.
Unter den vielen Themen, die in dem so langen „Fontane-Jahr 2019“ dokumentiert und debattiert wurden, finde ich die Frage wichtig: „Welche Bedeutung haben die Kirchen auf den Dörfern der Mark Brandenburg, für Fontane damals, und vor allem auch für die Gegenwart und Zukunft“ ?

Über „Fontanes Umgang mit alten Kirchen“ hat Prof. Hubertus Fischer, Ehrenpräsident der Theodor Fontane Gesellschaft, einen einführenden Aufsatz verfasst in dem Jahresheft „Offene Kirchen 2019“ (https://www.altekirchen.de/offene-kirchen/broschuere/2019-2/zwischen-barbarei-und-apathie)
Hubertus Fischer zitiert Fontane: “Nur unsere Dorfkirchen stellen sich uns vielfach als Träger unserer ganzen Geschichte dar und die Berührung untereinander zur Erscheinung bringend, besitzen sie und äußern sie den Zauber historischer Kontinuität“ (S.5). Der Autor weist darauf hin, wie sehr Fontane sich kritisch auseinandersetzte mit den Architekten, die alte Dorfkirchen einfach abrissen und neue „Basilika-Kirchen“ bauten. „Sie haben mit der (langen) Vergangenheit gebrochen… sie sind eine Schale ohne Kern“. Fontane denkt dabei an die „Basilika-Kirchen“ in Petzow, Bornstedt, Sakrow, Caputh, Werder usw.. “die das Havelufer auf Geheiß und nach den Ideen Friedrich Wilhelm IV. umstellten“. Der Eindruck des Mittelalterlichen,des Erhabenen, sollte dadurch geweckt werden. Kirchenarchitektur also als Beispiel für Herrschaftsideologien.
Und der aus der reformierten, also eher „bilderfeindlichen“ Tradition stammende Fontane kann es gar nicht verstehen, wie denn aus einem gewissen anti-katholischen Geist Objekte und Gemälde aus den alten, einst ja katholischen Kirchen entfernt werden. „Ein von Borniertheit eingegebener Antikatholizismus ist mir immer etwas ganz besonders Schreckliches gewesen“ (S. 6). Hubertus Fischer erinnert an den Unterschied zwischen einfachen Dorfkirchen und den oft gepflegten und „sehenswerten“ Patronatskirchen: Dies sind Kirchen, die unter der Obhut eines Landesherren oder Grundherren stehen. Die Dorfkirchen sind eher von schlichtester Ausstattung, gekennzeichnet „durch eine Abwesenheit alles Malerischen und Historischen“. In Schmöckwitz (in Berlin, Bezirk Köpenick) erlebte Fontane z.B. „einen tristen Bau“. Obwohl Fontane zurecht weiß: Selbst triviale Dorfkirchen können „noch das Rührendste und Schönste verbergen“. In Schmöckwitz fiel dem Wanderer durch die Mark Brandenburg ein „verstaubter Altar unter den Kanzel“ auf. „Was hier so niederdrückend wirkte, war die melancholische Abwesenheit alles Freien und Selbständigen; die Armut kann poetisch sein, die Armseligkeit nie“.

4.
Nach der Wende wurde erst richtig allgemein bewusst und bekannt, in welchem miserablen baulichen Zustand hunderte von Dorfkirchen in der Mark Brandenburg sind. Dem „Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.“ ist es seit vielen Jahren schon gelungen, Kirchen vor dem Verfall zu bewahren, sie zu renovieren, die Kunstwerke dort zu retten. Auch in den Dörfern selbst haben Initiativen der Bürger, auch der „religiös Nichtgebundenen“, dafür gesorgt, „ihre Kirchengebäude“, oft die einzigen Zeugen für eine Kultur, die „von weit her“ kommt und eigentlich so gar nicht in einen oberflächlichen Alltag passt, vor dem Verfall zu bewahren. So entstanden in renovierten und „umgewandelten“ Kirchen Orte der Begegnung, der Kultur.
Aber: In vielen Dörfern nimmt die Anzahl der Einwohner ständig ab: Wer kümmert sich dann noch um die mit viel Mühe und viel Geld umgewandelten Dorfkirchen? Wer will sie oft nutzen? Wo sollen die TeilnehmerInnen möglicher Veranstaltungen her kommen?
Natürlich gibt es viele Beispiele für Kirchengebäude, die kreativ genutzt werden, als „Hörspielkirche“ etwa oder als „NABU-Kirche oder als Vortragsort. Hinsichtlich der Nutzung umgewandelter Kirchen hat die Phantasie viel Raum, wenn denn das nötige Geld vorhanden ist.

Ganz andere Probleme ergeben sich, wenn man fragt: Was wird langfristig gesehen aus den nun z.T. aufwendig renovierten Kirchen auf den Dörfern, die noch vorwiegend als Stätten des Gottesdienstes, der Meditation, der Segnungen von Ehepaaren, der Bestattungen usw. genutzt werden? Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V.“ hat in der Broschüre „Offene Kirchen 2019“ einen Aufsatz zu dem Thema verfasst. „Das Problem besteht in der Frage, wer in zehn oder zwanzig Jahren überhaupt noch in diese Kirchen hineingeht. Bereits heute gibt es nicht wenige Dorfkirchen in den berlinfernen Regionen, die nicht mehr oder nur äußerst sporadisch gottesdienstlich genutzt werden“ (S. 73). Die Gemeindemitglieder sind sehr oft überwiegend ältere Menschen, die in einer „Diaspora“ leben, wo nur ca.15 Prozent der Bevölkerung evangelisch sind. Die Zahl der Katholiken ist dort noch viel kleiner.
Es wäre eine ziemliche Katastrophe, wenn etwa die mühsam und kostspielig renovierten Dorfkirchen nach etlichen Jahren dem Ungenutztsein, also der Vernachlässigung und damit dem langsamen Verfall (wieder) preisgegeben werden müssten.

5.
Sicher wird man da meiner Meinung nur weiterkommen, wenn man auch theologisch Neues zu denken wagt, selbst wenn dies einigen Konservativen nicht gefällt.

Wie sieht denn die ökumenische Zusammenarbeit aus? Damit meine ich nicht, dass in den evangelischen Dorfkirchen gelegentlich katholische Messen von den wenigen durchreisenden Priestern gelesen werden. Warum ist nicht möglich, die wenigen Katholiken, oft „treue Kirchgänger“, einzuladen, an den evangelischen Gottesdiensten am Sonntag teilzunehmen, dann wäre der Kreis der Gottesdienst-Gemeinde nicht nur größer, es könnte auch ein weiterer Austausch stattfinden. Und Ökumene praktisch werden. Dass da die katholische Kirchenleitung Bedenken hat, ist klar. Aber die Gemeinden könnten sich kreativ über Bedenken und Verbote auch hinwegsetzen… um des Glaubens willen.

Wenn in den Kirchen nicht Bänke, sondern Stühle als Sitzgelegenheiten aufgestellt sind: Könnten IN den Kirchen selbst werktags, vor allem am Wochenende, (Gesprächs)Kreise angeboten werden, mit einem kleinen Café IN der Kirche selbst. Man sollte sich von dem Gedanken befreien, Kirchengebäude nur für „sakrale“ oder „hochkultuelle“ Veranstaltungen (Konzerte etc.) zu gebrauchen. Kirchengebäude sind spirituelle UND menschliche Lebensräume. Wenn es schon keine Gaststätten in vielen Dörfern mehr gibt: Wie wäre es, die Kirche umfassend selbst als „Stätte für Gäste“ zu verstehen?

Warum könnte die Kirchenleitung nicht die „Provinz -“ bzw. „Dorfbegeisterten Berliner gewinnen, „ihre Dorfkirche“ sozusagen zu adoptieren: Warum könnten nicht Künstler und Musiker, Schauspieler und Politiker, sofern sie denn spirituell bewegt und kompetent sind, in „ihren“ adoptierten Dorfkirchen Veranstaltungen organisieren, vielleicht auch spirituelle Übungen, Meditationen, Yoga, Zen, Lektürekurse der Bibel und anderer Schriften? Wenn man sich auf das uralte und überholte Modell fixiert: „Ein Pfarrer und seine Kirche“ (mit dem Gemeindekirchenrat) wird man nicht weiterkommen. Menschen und Gruppen, die ihre Dorfkirche adoptieren, könnten auch Verantwortung übernehmen, wenn sie selbst zumindest am Wochenende in den Dörfern wohnen und diese Kirchen offen halten.

6.
Mit anderen Worten: Nur neue Experimente, also Übertragung von Verantwortlichkeiten an „Laien“ über die Pfarrer hinaus, werden die vielen Kirchengebäude auf den Dörfern „retten“, also als lebendige Gebäude bewahren.
Aber im letzten geht es doch gar nicht um die Kirchen als Gebäude: Es geht um die Bewahrung und Weiterentwicklung der Kultur, auch der Religion, auch der Kirche, auf den Dörfern. Es geht um die Pflege und Entwicklung einer demokratischen Kultur. Auch und gerade in den Kirchen.
Diese Pflege und Entwicklung lassen sich mit dem alten Denken wohl kaum mehr garantieren. Wenn es immer weniger Dorfpfarrer gibt: Warum könnte die Kirche nicht den neuen Beruf eines „Dorf-Moderators“ realisieren, also junge Frauen und Männer, auch Pädagogen, auch arbeitslose Philosophen etc. einladen, auf dem Dorf wohnend für die „Belebung“ der Dorf-Kirchen ihrer Umgebung zu sorgen. Sie könnten in den alten, dann renovierten Pfarrhäusern wohnen und ihre Kirchen spirituell- religiös „bespielen“, wie man so gern sagt.Und dafür natürlich honoriert werden.

Bekanntermaßen sind ca. 70 Prozent der Bewohner in der Mark Brandenburg kirchlich „nicht gebunden“, wie man sagt. Sind sie aber alle kämpferische Atheisten? Wohl kaum. Es sind die kirchlich kaum wahrgenommenen Menschen, die auf eigene Art ihr Leben gestalten, suchend, fragend, wie auch immer. Oder die sich bescheiden mit dem Alltäglichen zufrieden geben, oft resigniert, oft voller Wut…
Mit diesen Menschen gilt es in den Dörfern und IN den DORFKIRCHEN Gespräche und gemeinsame Aktionen zugunsten der Menschen zu inszenieren. Dafür werden diese von mir geforderten neuen „Moderatoren der Dörfer“ gebraucht. Und sie sollen alle diese Menschen, die, oft mit dem Gefühl der Einsamkeit, des Vergessenseins, des Verlorenseins, am Rande der Kirche stehen, einladen: IN diese Kirchen zu kommen als ihre Orte, in dem sie Gemeinschaft finden. Ob getauft oder nicht ist völlig egal. Es gilt allein die „jesuanische Großzügigkeit“. Selbstverständlich sind dann auch Atheisten willkommen, auf der Suche nach Gesprächen, die vernünftig gestaltet werden, also ohne Dogmatismus auf beiden Seiten.
. Nur wenn die Kirche über ihren Schatten springt, den Schatten der Dogmen und des permanenten (finanziellen) Machterhalts, wird sie mit weniger Schatten und weniger Angst den Weg in eine neue Zukunft finden … zugunsten der Menschen auf den Dörfern.

7.
Vielleicht sind also die Dorfkirchen, diese neuen Orte der geistvollen Kreativität, der Ausgangspunkt für eine Kirchenreform…Dies ist natürlich angesichts der real existierenden Kirchen-Behörden eine Utopie. Aber können wir ohne Utopien leben?

8.
Nebenbei gesagt: Theodor Fontane war stets ein kritischer spiritueller Mensch: „Ich persönlich kenne keinen Menschen, habe auch nie einen kennen gelernt, der den Eindruck eines Vollgläubigen auf mich gemacht hätte“. (Maximilian Harden über Theodor Fontane 1898, in : Deutsche Abschiede, München 1984, S. 247.) Theodor Fontane, der sich eher als religiösen Skeptiker sah, der gar nicht dogmatisch im Sinne der Kirchenführung dachte, wäre sicher ein Gast in den lebendigen Dorfkirchen der Mark Brandenburg, den Orten der offenen Spiritualität und Begegnung für „Wanderer“ von weit und breit…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die „Samtene Revolution“ 1989 in der Tschechoslowakei: Nur noch eine ferne Erinnerung?

Gedenken (nicht nur) am 17. November 2019

Einige Hinweise von Christian Modehn

1. Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ lebt in der Dialektik: Religion und/contra/mit Philosophie. Diese beiden Wirklichkeiten gelten auch als Leitlinien für Fragen zur Geschichte, etwa zur „Samtenen Revolution“ in der Tschechoslowakei im November 1989.

2. Einige Hinweise zur Politik:
Am 17. November 1989 gab es in Prag eine Studentendemonstration, bei der einige Menschen von der Polizei verletzt wurden. Dieser Tag gilt als Start der „Samtenen, also gewaltfreien, Revolution“ dort. Der Protest gegen die Herrschaft der Kommunisten wurde dann täglich größer: Am 24. November 1989 versammelten sich 800.000 Menschen auf dem Wenzelplatz in Prag: Vaclav Havel und Alexander Dubcek standen auf dem Podium. Mit dabei auch der langjährige Dissident und katholische Priester Vaclav Maly. Diese drei Männer repräsentierten in diesem Moment in gewisser Weise einen Humanismus über alle konfessionellen Grenzen hinweg. Dass Vaclav Maly in einer Situation drohender Gewalt und der offensichtlichen Spaltung der Gesellschaft in Kommunisten bzw. Mitläufer und in Dissidenten auf dem Wenzelsplatz das „Vater Unser“ anstimmte und etliche dann doch mitsprachen, hat gezeigt: Ein uraltes Gebet, vielen dort noch bekannt, hat den Geist und die Seelen gestärkt, im Kampf um Demokratie nicht nachzulassen.

3. In diesen Tagen wird auch in Tschechien der Samtenen Revolution vor 30 Jahren gedacht. Diese droht aber allmählich in Vergessenheit zu geraten. Staatspräsident Milos Zeman hat nach eigenem Bekennen kein Interesse, dieses große und einschneidende Datum zu würdigen. Was hat er denn Wichtigeres zu tun? Zeman fällt doch immer wieder übel auf durch populistische und fremdenfeindliche Äußerungen. Trump ist sein Freund. Er ist bekannt für eine heftige Abwehr von Flüchtlingen. Und das sollte sich bald ändern!
Das erfolgreiche Aufbegehren so vieler Bürger für die Demokratie 1989 ist ihm offenbar peinlich. So viel Demokratie wollen Zeman und sein Ministerpräsident Andrej Babis ja nicht. Gegen den offenbar korrupten Ministerpräsidenten Babis protestierten im Juni 2019 mehrere hunderttausend Bürger auf dem Letna-Hügel in Prag. Zeman und Babis wollen nicht der jüngsten Aufforderung des Europäischen Gerichtshofes nachkommen, einige tausend Flüchtlinge in Tschechien aufzunehmen. In dieser Abwehr sind diese tschechischen Politiker in bester Gesellschaft mit den katholischen PIS Politikern in Polen und mit den Rechtspopulisten rund um Victor Orban in Ungarn.

4. Zur Religion:
Die „Tschechoslowakische Hussitische Kirche“ hat immerhin in ihrem Bistum Brünn schon vor fast zwei Jahren (am 1. Febr. 2018) eine Erklärung verabschiedet, der sich viele Pfarrer dieser Kirche angeschlossen haben. Darin kritisiert die sich auf den Reformator Jan Hus berufende protestantische Kirche: Dass ihr Staatspräsident Milos Zeman „sich unethisch verhält“: „Zeman und seine Unterstützer haben im Wahlkampf ohne zu zögern gegenüber dem Gegenkandidaten Jiri Drahos bewusste Lügen und Manipulation angewendet, um in der Gesellschaft insbesondere die Angst vor Immigranten zu schüren. Den Gebrauch solcher Methoden im politischen Kampf sehen wir als unethisch an“. Präsident Zeman will die Angst vor „den“ Muslims verbreiten, „er sieht in ihnen nur Gefahren“, so der hussitische Pfarrer Petr Sandera in einem Interview in Brünn am 17. Oktober 2019. Die Erklärung seiner Kirche fand, so Sandera, vor allem nur in der Kirchenpresse ein breiteres Echo. Auch in den Gemeinden sind nicht alle Mitglieder mit der kritischen Position ihrer Pfarrer und Kirchenleitung einverstanden, so Sandera.

Nebenbei: Die hussitische Kirche feiert im Jahr 2020 ihr 100 jähriges Jubiläum. Sie wurde als Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche gegründet, kennt keinen Zölibat der Priester, auch Frauen sind zum Pfarramt zugelassen. Wer befasst sich noch mit diesen frühen Versuchen, das Regime des römischen Katholizismus zu begrenzen? Dies gab ja auch auf den Philippinen. Am 1. Adventssonntag 2019 wird ein hussitischer Gottesdienst live im Fernsehen übertragen, berichtet Pfarrer Sandera. Und am 8.1.2010 findet ein Festgottesdienst in der Prager Nikolauskirche statt,. Sozusagen einer „zentralen Kirche“ dieser hussitischen Gemeinschaft. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, das Christentum für die heutige Zeit neu zu übersetzen“, so Pfarrer Petr Sandera, de früher auch als Bischof in Brünn Verantwortung für die Kirche hatte. „Uns Tschechen fehlt die Erfahrung im Umgang mit anderen Kulturen. Wenn man sagt: Im Flüchtling, also im auch im Moslem, begegnet uns heute Jesus Christus, dann findet diese Überzeugung immer noch viel Ablehnung unter Christen“.

5.
Vaclav Maly, geboren 1950, ist einer der bekanntesten tschechischen Dissidenten, er unterzeichnete 1977 die „Charta 77“, er saß deswegen ein Jahr im Gefängnis; die Kommunisten untersagten ihm seine Tätigkeit als Pfarrer, er durfte nur noch Laternen anzünden in Pilsen… Inzwischen ist er „Hilfsbischof“ in Prag, sein bischöflicher Wahlspruch heißt „Demut und Wahrheit“. Dieses Motto erinnert an Vaclv Havels Grundsatz: „In der Wahrheit leben“. Aber nach Maly eben „bescheiden…“
Maly ist in Tschechien auch Autor bzw. Interviewpartner zahlreicher Bücher, die leider nicht ins Deutsche übersetzt wurden.
Im Radio CZ wurde er vor 5 Jahren nach seiner Einschätzung der Wende in der CSSR gefragt: „ Unsere Gesellschaft ist sehr passiv. Tschechen und Slowaken haben nicht um die Freiheit gekämpft – im Unterschied zu den Polen oder zu den Ungarn. Die Freiheit ist uns sozusagen in den Schoß gefallen. Das muss man aufrichtig zugeben. Deswegen wird die Freiheit nicht hoch geschätzt. Wir sagen manchmal, dass sie unser Verdienst sei, aber das stimmt nicht. Es ist vor allem ein Verdienst der Polen, der veränderten internationalen Lage und ein Verdienst der kleinen Gruppierungen, die vor der Wende in der ČSSR gewirkt haben. Das ist kein Lob oder Stolz, das ist die Konstatierung der Lage.“ Quelle.Radio CZ
https://www.radio.cz/de/rubrik/schauplatz/bischof-vaclav-maly-moderator-der-massendemonstrationen-von-1989
Und zur Verharmlosung der Mitgliedschaft in der tschechischen Stasi, dem StB in der heutigen Gesellschaft und im Staat, sagte Maly: „Es ist sehr schlimm, zu vergessen. Es geht mir nicht um Rache. Es geht nicht um Vergeltung. Aber ihre Taten waren schlimm und eine schlimme Tat muss man benennen. Das hilft auch in der Gegenwart. Vergessen ist kein guter Ratgeber. Darin steckt auch eine persönliche Entschuldigung der Mehrheit der Bevölkerung: ´Wir sind auch mitschuldig, also halten wir uns davon fern´.
„Malý besteht darauf, dass die Europäische Union ein Projekt für die Sicherheit und die Demokratie auch seines Landes ist. Mit seiner Forderung nach „einem offenen Herzen für Migranten“, steht er gegen die verbreitete öffentliche Meinung. „Wenn unsere Politiker sagen, wir verteidigen unseren Staat und deshalb wollen wir praktisch keinen Flüchtling“, dann nennt das der Bischof „eine Schande“. Regelmäßig besucht Malý, der an der Spitze der tschechischen Kommission von „Justitia et Pax“ – Gerechtigkeit und Frieden – steht, Länder, in denen die Menschenrechte nicht respektiert werden, zuletzt Süd-Sudan und Sudan, Uganda und Indien. „Damals habe ich aus dem Westen selbst viel Hilfe und Solidarität erhalten. Heute gebe ich das zurück. Ich fühle mich verpflichtet, diese schikanierten und leidenden Menschen zu besuchen und sie zu ermutigen: Bitte, haltet aus! Ich bin kein Retter, nur ein ganz normaler tschechischer Bürger, der unterdrückt wurde und der weiß, was Kampf für Menschenrechte bedeutet. Ich besuche nicht nur Kirchen, sondern auch die Familien der politischen Gefangenen.“ Quelle: http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/prag-1968/274335/menschen-die-1968-praegte?p=all am 20.8. 2018
Inzwischen wurde gut dokumentiert, dass der heutige tschechische Ministerpräsidenten (und Multimillionär) Andrej Babis einst Mitglied in der tschechischen Staatssicherheit StB war, was Babis wie üblich in diesen Kreisen bestreitet. Außerdem ist er vielen Korruptionsvorwürfen ausgesetzt…Gegen ihn richtete sich die (hilflose) Wut der Bürger bei den Massenprotesten im Juni 2019. Babis ist immer noch an der Macht.
Vaclav Maly wurde im Radio gefragt, wie er denn besser für die strafrechtliche Verfolgung der Mitarbeiter der Staatssicherheit hätte sorgen können: „In den ersten Tagen (der samtenen Revolution) habe ich vor allem darauf gedrängt, dass diejenigen bestraft werden, die Verbrechen gegen die Humanität verübt hatten, die etwas Schlimmes gemacht hatten. Doch das ist nicht passiert. Dadurch wurde das Rechtsempfinden der Bevölkerung geschwächt. Das war einer der damaligen Hauptfehler. Dass etwa die Angehörigen des Geheimdienstes StB nicht bestraft wurden. Dabei gab es konkrete Beweise, dass sie inhuman gehandelt, Unschuldige verfolgt, schikaniert und geschlagen haben.“
Was werden die Veranstaltungen am 17. November 2019 in Prag, Pilsen und Brünn bringen? Es sind vor allem junge Leute, die sich aus der politischen Passivität befreien? Im Stadtviertel Albertov wird das Festival Studentský Albertov organisiert, es soll erinnern an den „Tag der Freiheit und Demokratie“ und den „Internationalen Tag der Studentenschaft“. Ein Programmhöhepunkt in Albertov ist die Rekonstruktion der Kundgebung im Jahr 1989.
6.
Wenn von Religion in Tschechien die Rede ist im Umfeld der Samtenen Revolution: Dann muss an die katholische Untergrundkirche zur Zeit des Kommunismus erinnert werden. Sie ist heute, 2019, schon weithin vergessen. Für dieses Vergessen hat auch der Vatikan nach 1989 gesorgt. Ihm war diese Untergrundkirche aus dogmatischen Gründen peinlich.
Der Kampf der tschechischen Kommunisten gegen die Katholische Kirche war grausamer als etwa in der DDR. Einige tschechoslowakische Katholiken wagten zur Rettung ihres Glaubens und der Kirche für katholische Verhältnisse Ungeheuerliches: Sie weihten Priester und Bischöfe, und dies ohne Zustimmung des Vatikans, der war ohnehin weit weg. Und sie weihten auch Frauen zu PriesterInnen. Nach dem Erfolg der Samtenen Revolution 1989 hatte die offizielle klerikale Kirche kein Interesse, diese mutigen katholischen PriesterInnen in die offizielle Kirche einzugliedern. Sie wurden verstoßen. Viele nachdenkliche Kritiker empfinden das als Skandal. Die Kirchenführung hatte viel mehr Interesse, um die Rückgabe ihrer uralten Besitzungen an Land, Wald, Häusern wieder zu kämpfen. Letztlich war Geld dem Klerus am wichtigsten. Dabei versäumte es die katholische Hierarchie, in neuer Sprache auf die vielen „unreligiösen“ Menschen zuzugehen. Die theologische Fakultät in Prag wurde zum Hort reaktionären Denkens. Man lese die entsprechende Kritik an diesen Zuständen in den Büchern des Priesters und Philosophen Tomas Halik. So etwa in dem Buch „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ (Herder, 2012, S. 174f.). Die Theologische Fakultät „siechte“, so Halik, unter dem Druck eines kontra-aufklärerischen, vulgarisierten Neo-Thomismus vor sich hin“. Noch deutlicher sind die Äußerungen Haliks, dieses tschechischen Intellektuellen und katholischen Priesters, auf S. 224 dieses insgesamt lesenswerten Buches.

7.
PHILOSOPHIE:
Ich will hier nur erinnern an den großen Dissidenten, den leider in Deutschland nicht mehr sehr bekannten Philosophen Jan Patocka:Er, der internationale hoch geschätzte Philosoph, war ein Sprecher der Charta 77. Er wurde von den Kommunisten verhört und dabei „zu Tode verhört“. „Patocka stirbt nach mehreren Verhören durch die Staatspolizei an einem Hirnschlag. An seinem Begräbnis nehmen trotz Überwachung und Kontrolle durch die Staatssicherheit über 1000 Trauernde teil“…In einer der geheim gehaltenen Vorlesungen im Jahre 77 betonte er: „Wo ändern sich die Welt und die Geschichte? Im Innern, besser gesagt, im Leben des Einzelnen.“

Ich will auch hinweisen auf den sehr ungewöhnlichen marxistischen Philosophen Milan Machovec, der als Dissident innerhalb (!) des Prager Kommunismus/Stalinismus immer noch viel Beachtung verdient, zumal sein Buch: Jesus für Atheisten. Machovec war aktiv im christlich-marxistischen Dialog in den 1970 Jahren, zusammen mit dem katholischen Theologen Karl Rahner und Johann B. Metz.

Ich will auch hinweisen auf die große Tradition philosophischen Denkens, die schon in der Gestalt Tomas Garrigue Masaryks sichtbar wird. Zu Masaryk, dem ersten Philosophen- Präsidenten der Republik, habe ich einige Hinweise notiert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

Meinungsfreiheit neu definieren!

Hinweise aus philosophischer Sicht.
Von Christian Modehn
1.
Über die Meinungsfreiheit innerhalb eines demokratischen Rechtsstaates wie der Bundesrepublik Deutschland muss heute endlich umfassend debattiert werden. Die Meinungsfreiheit wird hier und heute missbraucht. Das ist kein Zweifel! Die Gesellschaft der freien Meinungen gerät in den Strudel der Beliebigkeit, des Hasses, der Zerstörung. Freie Meinungen kaschieren sich nur als frei; sie sind aber tatsächlich unreflektierte, zerstörerische Ergüsse einzelner, vor allem in den so genannten sozialen Medien verbreitet. Diesen Missbrauch des Wertes „freie Meinungsäußerung“ nutzen rechtspopulistische und rechtsextreme Parteien und Gruppen in Deutschland und ganz Europa. Leider bedienen sich einzelne demokratisch gewählte Politiker, wie Mister Trump, auch ihrer konfusen subjektiven Ergüsse, um sich des Rechtes der freien Meinungsäußerung zu bedienen.
Die normative Frage: Was ist eine freie (d.h. als freie immer auch vernünftige) Meinungsäußerung muss neu gestellt werden.
Denn Meinungsfreiheit in der Demokratie ist keineswegs eine fixierte, festgelegte Selbstverständlichkeit. Meinungsfreiheit ist eines der wichtigsten Menschenrechte überhaupt. Demokratie lebt von der Meinungsfreiheit, siehe Grundgesetz Art. 5, Abs.1. Und dies gilt es heute zu verteidigen, aber auch neu zu definieren. Die Feinde der Demokratie am Rande, „rechts außen“, müssen als solche benannt und politisch bekämpft werden.
2.
Das Menschenrecht der Meinungsfreiheit muss heute neu bestimmt werden. Die rechtsextremen Kreise profitieren von der demokratischen Meinungsfreiheit auf eine perfide Art, um die übergeordneten Rechte, also die Menschenrechte und die Werte der Demokratie, langsam aber systematisch zu zerstören. Rechtspopulistische und rechtsextreme Kreise leben bewusst im Selbstwiderspruch: Sie bedienen sich der Meinungsfreiheit, um einen autoritären Staat zu errichten. Solche Agitatoren nannte man früher „Totengräber der Demokratie, der Republik“. In Kreisen der AFD Führer wird diese Ideologie verbreitet: Sie behaupten: Die Bundesrepublik sei eine Diktatur, die überwunden werden muss, so wie 1989 die Diktatur der DDR überwunden wurde.
3.
Meinungen sind Worte, auch Taten sind (sichtbare) Worte: Etwa die 169 rassistisch motivierten Mord-Taten seit 1990, wahrscheinlich sind es mehr Morde. Kaum zu zählen ist die Menge der Aggressionen körperlicher und verbaler Art ebenfalls aus rechtspopulistischen und rechtsextremen Kreisen. Viele dieser Verbrechen werden nicht umfassend verfolgt und bestraft, weil die Polizei, die Richter, der Verfassungsschutz in unserer der Demokratie versagen, weil sie die Gefahr von Rechtsaußen üblicherweise unterschätzten.
4.
Die rechtsextreme Gewalt (eine Form von Meinungsäußerung!) nimmt auch zahlenmäßig zu. Sie wird durch den Gebrauch der „sozialen Medien“ inspiriert. Man denke an den Massenmord durch Anders Breivik, Oslo; an den Anschlag auf die Synagoge in Halle; an den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke; an den Massen-Mord in den Moscheen von Christchurch, Neuseeland usw.
Über den Zusammenhang von Nutzung sozialer Medien und Gewalt müsste noch umfassender geforscht werden. Diese Notwendigkeit kritischer Forschung gilt auch der Anonymisierung der Autoren von Hasstexten. Ist die Demokratie hilflos einem Schwarm von Wahn und Hass ausgesetzt?
5.
Die demokratischen Verfassungen, der Rechtstaat und die universal geltenden Menschenrechte, sind Resultate der politischen Kämpfe vernünftiger Menschen seit der Aufklärung. Diese Resultate müssen heute wieder verteidigt und entwickelt werden.
Man muss erkennen: Der entsprechende Artikel 5 des Grundgesetzes wurde vier Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschlossen, zu einer Zeit, als nicht so viele nach dem Ende des Hitler-Faschismus sich vorzustellen wagten: Es käme noch einmal eine Epoche, wie in Weimar, wo Propaganda-Hetze der Nazis die Demokratie zerrütteten.
Angesichts dieser Erfahrungen wissen heute Demokraten: Sie dürfen niemals mehr schlafen, wenn ein Rechtstaat von reaktionären und populistischen Bewegungen auf das Niveau von Diktatur, Einheitspartei und Nationalismus bzw. – damit identisch – Kriegstreiberei, zurückgetrieben wird. Anfänglich geschieht das durch Propaganda-Sprüche und öffentliche Hetz-Hass-Tiraden. Später dann durch das Vernichten demokratischer Grundrechte. Man denke an die Geschichte der Weimarer Republik und den in ihr entstandenen Hitler-Faschismus. Gegen diesen Rückschritt, gegen diese Abkehr von der Humanität, muss sich die Demokratie, müssen sich die Bürger der Republik verteidigen. Das gilt für die heutige Situation in Deutschland, vor allem, aber auch in Österreich, Frankreich, Holland, Italien usw. In Polen und Ungarn sind die jetzigen politischen Verhältnisse schon viel schlimmer…
6.
In den sozialen Medien wie im unmittelbaren Gespräch in sichtbaren, „leibhaftigen“ Gruppen: Immer ist impliziert der Schritt in die Öffentlichkeit: Ich will mich als Redner vernehmbar sprechend dem Disput der anderen stellen. D.h.: Ich setze als Sprechender im Akt des Sprechens schon das Gespräch mit anderen voraus. Man will im Gespräch die eigenen Erkenntnisgrenzen überwinden. Demokratie ist ein Lernprozess, in dem niemand von vornherein Recht hat und etwa behaupten kann, nur „er wäre das Volk“. Dies ist eine Haltung, die nur in eine Diktatur passt.
7.
Philosophisch grundlegend ist: Meinungen eines einzelnen oder Überzeugungen einer Gruppe oder Partei können niemals mit dem Anspruch auftreten, in jeder Hinsicht und für alle gültig zu sein. Es sind immer „meine, unsere Meinungen“, die sich aufgrund meiner subjektiven Verfassung und der immer gegebenen Perspektivität meines Erfahrens und deswegen begrenzten Erkennens ergeben.
Das heißt: Meine Meinungsäußerung als einzelner, als Gruppe, Partei, Kirche etc. ist immer begrenzt. Sie stammt von in jeder Hinsicht endlichen, begrenzten Menschen. Diese Begrenztheit kann niemand abwerfen, loswerden, keine Partei, keine Kirche hat „immer recht“. Lediglich die allgemeine Basis der universalen Menschenrechte ist unaufgebbar!
8.
Kein Demokrat denkt daran, die Meinungsfreiheit einzuschränken. Kein Demokrat denkt daran, die Vielfalt der Meinungen, typisch für die Demokratie, zu verbieten. Kein Demokrat denkt daran, Zensur auszuüben. Das ist die klassische und wahre Überzeugung der vernünftigen Menschen, sie verteidigen die liberalen Freiheitsrechte. Und diese Verteidigung ist kein persönliches, bloß zweitrangiges Hobby, sondern ein Beitrag für die Bewahrung des humanen Lebens der Menschheit, wenigstens in diesem Teil der Welt.
9.
Demokraten sind keine Masochisten. Sie wollen sich von den neuen Rechtsextremen nicht bedrängen und quälen lassen. Sie nehmen es nicht gelassen hin, wenn Feinde der Demokratie die Regeln der Demokratie ausnutzen, um die große reaktionäre Wende und Kehre zurück anzustreben. Demokraten als Verteidiger der Menschenrechte treten deswegen gegen die Gewalttäter an, gegen die Akteure und Ideologen des Antisemitismus und Rassismus, der Homophobie, des ANTI-Feminismus usw.
Dafür brauchen die Demokraten wirksame demokratische Gerichte, demokratisch orientierte Richter und demokratische denkende Polizisten. Dazu gibt es vielfach heftige Forderungen nach dringender „Verbesserung“… Manche wünschen sich bereits, dass wenigstens die bestehenden Gesetze voll umfänglich angewendet würden im Umgang mit Rechtsextremen.
10.
Ein philosophischer Hinweis:
Subjektive Überzeugungen sind absolut anzuerkennen. Es gibt die plurale Breite der politischen demokratischen Meinungsäußerungen, auch in der Kunst, der Literatur…
Subjektive Überzeugungen sind keine naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, keine mathematische Ableitungen, auch nicht Fakten, etwa derart, dass die Erde um die Sonne kreist. Aber subjektive Überzeugungen, sind ihrerseits bestimmt von objektiv gültigen Kriterien, die ihre Wahrheit überprüfen. Kann denn eine rassistische Überzeugung sich Humanismus nennen? Ist Antisemitismus etwa nur eine beliebige Variante ideologischer Überzeugungen? Philosophisch – ethisch gesehen absolut nicht!
11.
Es gibt also allgemein gültige Erkenntnisse der Philosophie, diese sind sozusagen „Fakten-Erkenntnisse“ eigener Art sind. Und sie sind als Menschenrechte von universeller Bedeutung. Es gibt eine allgemein gültige Erkenntnis von dem, was die Würde eines jeden Menschen ist. Es gibt die allgemeine Erkenntnis des „kategorischen Imperativs“. Wie müssen sich Demokraten zu Menschen verhalten, die die gleiche Würde der Menschen ablehnen? Man muss sie überzeugen, im Gespräch der Argumente, auch in der Anerkenntnis der immer zu verbessernden Demokratie… Es gilt diese Menschen auf die Ebene der Vernunft und ihrer demokratischen Freiheiten zurückholen.
12.
Der Artikel 5 des Grundgesetzes muss heute als ein Impuls zur umfassenden Verteidigung der Meinungsfreiheit verstanden werden. Als Aufruf, diese jetzt bedrohte Meinungsfreiheit nicht nur als große „Errungenschaft“ zu preisen, sondern politisch zu schützen und zu verteidigen. Die Meinungsfreiheit muss um ihrer selbst willen begrenzt werden. Nicht jeder Feind der Demokratie darf in einer Demokratie allen Wahn verbreiten. Es ist schwer, für liberal gestimmte Menschen, dies anzuerkennen. Aber die bedrängende Situation verlangt diese Einschränkung um der Menschlichkeit willen.

Lektüreempfehlungen:
Wichtig ist die Studie des Literaturwissenschaftlers Prof. Heinrich Detering, „Was heißt hier wir?“ (Reclam 2019). Darin wird gezeigt: Unter „wir“ versteht sich die AFD exklusiv als „das“ Volk“. Das Volk, das sind nur „wir“, die Rechtsextremen: D.h: „Wir“ grenzen die anderen, die Fremden, die Flüchtlinge, die Minderheiten aus. Diese Ideologie muss in einer Demokratie praktisch, politisch und gesetzlich zurückgewiesen werden.

Man lese auch noch einmal das schon 1993, also kurz nach der „Wende“, herausgegebene Buch „Deutsche Zustände“(Rowohlt Verlag, hg. von Bahman Nirumand): Von besonderer aktueller Bedeutung sind die vor über 25 Jahren (!) veröffentlichten Beiträge von Asher Reich (Tel Aviv) „Der Nazismus ist nicht tot – er schläft nur“ und Hans Joachim Schädlich (Berlin) „Für Gewalt der Demokratie gegen die Gewalt der Nazis“.

Es wären weiter zu debattieren über die Studien des Soziologen Emile Durkheim, die sich auf die notwendige staatsbürgerliche Moral in der Gesellschaft beziehen. Sie sind unter dem Titel „Physik der Sitten und des Rechts“ als Vorlesungen aus dem Jahre 1896 erschienen. Der Frankfurter Philosoph Axel Honneth bezieht sich in seinem Buch „Das Recht der Freiheit“ (Suhrkamp Verlag 2011) auf diese Studie Durkheims (dort S. 494 f.) und erinnert an ähnliche Überlegungen des Philosophen John Dewey (S. 497).
Unter „staatsbürgerlicher Moral“ versteht Durkheim, so berichtet Axel Honneth, „die geschriebenen und ungeschriebenen Moralnormen, deren Einhaltung die Mitglieder eines demokratischen Staatswesens dazu befähigt, sich trotz der wechselseitigen Respektierung ihrer individuellen Unterschiede an der gemeinsamen Beratschlagung und Aushandlung von allgemeinverbindlichen Grundsätzen staatlichen Handelns zu beteiligen“ (S. 494).
Ob rechtspopulistische und rechtsextreme Kreise und Parteien an einer gemeinsamen „Beratschlagung“ überhaupt interessiert und in der Lage sind, wäre eine Frage.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Buchmesse: Norwegen – ein religiöses Land ?

Über den „Ehren-Gast“ der Buchmesse in Frankfurt 2019
Ein Hinweis von Christian Modehn

Wird man auf der Buchmesse auch explizit über Religion(en) in Norwegen sprechen? Der religionsphilosophische Salon Berlin kann hinsichtlich der eigenen Interessen nicht darauf verzichten: Und weist zur weiteren Diskussion auf einige interessante Fragen zu „Religion in Norwegen“ hin.

1.
Edvard Munch war nicht nur ein guter Interpret allgemein – menschlicher Ängste, sondern wahrscheinlich ein Künstler, der auch heute noch das „innere Leben“, die Ängste der Seele des heutigen Norwegen, d.h. der Norweger, zum Ausdruck bringt. Und dies trotz oder wegen des umfassenden Wohlfahrtssystems und der Ölmilliarden? Man denke an das Massaker auf der Insel Utoya, an den Massenmörder Anders Breivik und seine rassistische Ideologie; an die „Black-Metal-Jünger“ und ihren Nihilismus; an die Zerstörer, die Brandstifter von Kirchen vor einigen Jahren: Transparenz und Demokratie und Reichtum, „typisch norwegische Eigenschaften“, stehen im Schatten von Katastrophen. Wird die Lust an den stets zahlreicher werdenden norwegischen Kriminalromanen da hilfreich sein? Und: Falls die Welt einmal untergehen sollte, gibt es wenigstens in Nordnorwegen, in der Stadt Mo i Rana, eine umfassende und bleibende Sammlung von Literatur und Musik…

2.
Eine interessante These: Edvard Munch sah, „entdeckte“, schon die Klimakatastrophe. Lassen sich seine Gemälde mit dem Titel „Der Schrei“ nicht auch in der Hinsicht interpretieren? Für Munch ist die Landschaft ein Spiegel der gar nicht lebensfreundlichen, der unbehausten, der fremden (Um)Welt. „Der Schrei“, so sehr auch Ausdruck der Angst des einzelnen, findet vor einer unerträglich erlebten Landschaft statt. Diese ist förmlich selbst der Schrei: Die Umgebung, das Meer und der Himmel sind erfüllt vom Schrei. Munch schreibt: „Ich ging die Straße hinunter, als die Sonne unterging. Und sich der Himmel plötzlich blutrot färbte. Ich blieb stehen, lehnte mich todmüde an das Geländer… und ich fühlte, dass ein unendlicher Schrei durch die Natur ging.“ Der Freund Munchs, der Dichter August Strindberg, meint: Der Maler hörte den Schrei der Natur, „und des Entsetzens der Natur, die vor Zorn errötet und sich anschickt durch Sturm und Donner zu den törichten kleinen Wesen zu sprechen, die sich einbilden, Götter zu sein, ohne ihnen zu gleichen“.
Der Kunsthistoriker und Theologe Horst Schwebel betont: „Der Schrei“ (1893) ist das stärkste religiöse Bild des 19. Jahrhunderts“ (in: „Die Kunst und das Christentum“, Beck-Verlag, 2002, S. 90).

3.
Edvard Munch, geboren am 12. Dezember 1863, wächst bei seinem Vater in einem von Angst erfüllten pietistischen Glauben auf. Edvard wurde gleich nach der Geburt, wie man sagte, „notgetauft“, aus Angst, es könne sterben, ohne durch das Sakrament der Taufe von der Erbsünde befreit zu sein. Denn so meinten die lutherischen Pfarrer, ohne Taufe droht den Neugeborenen nach ihrem plötzlichen Tod eine Art Hölle. „Krankheit, Wahnsinn und Tod hielten wie schwarze Engel Wache an meiner Wiege. Sie haben mich mein ganzes Leben begleitet“, schreibt Edvard Munch. Die Mutter stirbt früh an Tuberkulose, sie hat einen Abschiedsbrief geschrieben, aus dem immer wieder den Kindern vorgelesen wird mit den schauerlichen Kommentaren: „Mutti hört im Himmel zu und beobachtet uns“.
Edvard Munch wächst in einem Christentum auf, in dem das ganze Leben von Angst zerfressen ist. Er selbst bleibt sein Leben lang davon seelisch belastet. Ein Mittel, die Angst zu bearbeiten, wird für ihn die Kunst. „Ebenso musste er den Tod malen, um persönliche böse Erinnerungen loszuwerden“, schreibt Ragna Stang in ihrem großen Buch „Edvard Munch – der Mensch und der Künstler“ (1979, Königstein im Taunus, S. 121).

4.
Sehr bekannt sind die fünf um 1894 entstandenen Gemälde mit dem Titel „Madonna“. Diese Madonna, wenn sie denn auch auf Maria, die Mutter Jesu, bezogen werden kann, könnte auch als eine Pietá interpretiert werden: Sie ist vom Leiden, vom Tod, gezeichnet, hat dabei aber auch eine erotische Ausstrahlung bewahrt. Auch die Madonna der Renaissance hat in ihrer blühenden Leiblichkeit erotische Züge. „Liebendes Weib“ nannte Munch diese Madonna, vielleicht ein Titel, der die Spannung zwischen Hingabe bis zum Tod andeuten will. Vielleicht auch ein Werk, das seinen eigenen starken erotischen Leidenschaften Ausdruck gibt. Eine Ausstellung seiner Bilder musste wegen der Proteste des angeblich moralischen Publikums geschlossen werden.

5.
Viermal (1893, 1895) hat Munch „Der Schrei“ gemalt, inzwischen längst eine Ikone, weltweit verbreitet und wie ein Kultbild verehrt und als Massenware missbraucht. Munchs seelisches Erleben und Erschaudern bleibt inspirierend bis heute. Sein Freund Janes Thiis hielt Munch für einen metaphysisch begabten Menschen: „Er gab in seiner Kunst Ausdruck vom Wunder des Lebens“. Munch selbst bekannte: „Gott ist in uns und wir leben innerhalb von Gott, einem ursprünglichen und originalen Licht von überall her“. Und er betonte: „Aus allen (meinen) Reden wird man sehen, dass ich ein Zweifler bin, aber niemals die Religion verleugne oder verspotte“ (ebd. S 123). Diese alle Dogmen der Kirche überwindende, mystische oder „pantheistische“ Spiritualität spricht in Munchs Werken. Sie ist ein Hoffnungsschimmer, auch in den Bildern der Verzweiflung.
1909 war Munch nach längeren Aufenthalten etwa in Deutschland, vor allem Berlin, nach Norwegen zurück gekehrt.
Edvard Munch ist am 23. Januar 1944 auf Ekely/ Oslo gestorben.

6.
Die Staatskirche in Norwegen
Luthertum und Staatskirche haben sich historisch sehr oft als Einheit verschmolzen. In Norwegen wurde der lutherische Glaube den Menschen aufgezwungen, als das Land im Zuge der Reformation um 1550 Teil des dänischen Königreiches wurde. Das Kirchengut wurde vom dänischen König übernommen: Reformation war auch ein kommerzieller Gewinn. Die lutherische Kirche Norwegens wurde als „nationale Kirche“ offiziell Staatskirche mit dem König als dem Oberhaupt der Kirche!
Es gab lange mühsame Debatten über die Trennung von Kirche und Staat. Die synodalen (demokratischen) Strukturen der Kirchenleitung wurden erst langsam Realität, am 21.5. 2012 gab es eine Verfassungsänderung: Der König ist nicht mehr formelles Kirchenoberhaupt.
Ob diese Staatsnähe der Kirche auch verantwortlich ist für die zunehmende Entfremdung der Norweger von der lutherischen Kirche, wäre als These zu untersuchen: 2016 waren nur noch 73 % der Norweger Mitglieder der Kirche; am Sonntagsgottesdienst nehmen laut Angaben der Kirche selbst 2 bis 3 Prozent der Mitglieder teil. Nur 58 % der neugeborenen Kinder werden getauft. Ob sich junge Menschen auch eher abgestoßen fühlen von den immer noch starken pietistischen Kreisen, wäre ebenfalls zu untersuchen: Nur etwa die Hälfte der Jugendlichen wird konfirmiert. Siehe auch:
https://kirken.no/nb-NO/die-norwegische-kirche/
Die Sehnsucht nach Gemeinschaft auch außerhalb der Kirchengemeinden ist offenbar groß: Die eher atheistisch eingestellten „Humanisten“ Norwegens haben beachtlich viele Mitglieder: etwa 90.000!
Die religiöse, weltanschauliche Pluralität ist längst Tatsache: Es gibt eine Verbindung von „Extreme Metal“ und sich selbst explizit nennendem Heidentum. So wurden kleine germanisch-neuheidnische Gruppen von der Regierung als Glaubensgemeinschaft anerkannt: Etwa 1996 die Åsatrosamfundet Bifrost, sie kann rechtlich wirksame Zeremonien wie Eheschließungen abhalten.
Die katholische Kirche war bis zum Jahr 200 etwa eine kleine Minderheiten-Kirche, erst als viele (polnische) Arbeitsmigranten nach Norwegen kamen stieg die Zahl der Katholiken den Bischöfen zufolge rasant an: Die Bischöfe sprechen heute von 200.000 Katholiken in Norwegen. Es wurde der Vorwurf gemacht, die Katholiken manipulierten die Zahl der Katholiken in Norwegen, um auf diese Weise hohe staatliche Zahlungen zu erhalten, indem man kurzerhand Einwanderer automatisch als katholisch deklarierte. (https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/kriminalitaet/norwegens-bischof-bernt-eidsvig-betrugsverdacht-13457343.html)

7.
Bischöfe im Widerstand
In der norwegischen lutherischen Staatskirche gab es rebellische Bischöfe: Im besetzten Norwegen herrschte seit 1940 eine pro-nazistische Regierung unter Ministerpräsident Vidkun Quisling. Er war mit dem dort tätigen NS „Reichskommissar“ Josef Terboven eng verbunden. Quisling war Führer der faschistischen norwegischen „Nasjonal Samling“.
Gegen die Praxis der Besatzungsmacht und gegen Quilsling und seine Nazis traten am 1. März 1942 alle sieben Bischöfe der lutherischen Staatskirche zurück. D.h.: Sie blieben zwar geistliche Leiter ihrer Kirche, hatten aber keine amtlichen, sozusagen politischen Funktionen innerhalb der Staatskirche. Dies war vielleicht schon eine kurzzeitige, vorweggenommene Trennung von Kirche und Staat! Dabei hatten kirchliche Kreise die Partei von Quisling bis 1935 durchaus unterstützt, sie war nationalistisch und antikommunistisch.
Am 2. April 1942 wurde der Bischof von Oslo, Eivind Berggrav, von der Nazi-Regierung unter Hausarrest gestellt. Darauf legten auch die meisten Pfarrer in Verbundenheit mit ihrem Bischof und im Protest gegen die Nazis ihre offiziellen, staatsbezogenen Ämter nieder. Weite Teile der norwegischen Kirche verweigerten sich der Besatzungsmacht und „waren zu Streik und Sabotageaktionen bis hin zu direktem Widerstand bereit“ (Sabine Dramm, Orientierung Zürich, 2005, Seite 165). Der berühmte deutsche Theologe und Nazi-Feind Dietrich Bonhoeffer besuchte Mitte April 1942 Oslo, er hatte auch Kontakte zu der rebellischen Kirchenführung! Bischof Berggrav hatte schon 1941 zu zivilem Ungehorsam aufgerufen!
Bonhoeffer ermunterte die Christen, ihre Pfarrer und Bischöfe weiterhin zum Widerstand. „Er dürfte sich an seine eigenen – vergeblichen Hoffnungen auf Pfarrerstreik und Amtsniederlegungen vor neun Jahren (1933) in Deutschland erinnert haben. In jedem Fall versuchte er, die norwegischen Protestanten zu überzeugen, in ihrem Protest nicht nachzulassen und den neuen Weg, die sie eingeschlagen hatten, nicht gegen einen glatteren, gefügigeren preiszugeben“. (Sabine Dramm, a.a.O, S.166) Sabine Dramm schreibt, dass der Osloer Bischof Breggrav am 16. April 1942 aus dem Gefängnis entlassen und in einer Waldhütte bis zur Befreiung von den Nazis interniert wurde.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Ehre – das veräußerliche Leben. Das Gegenteil von Würde.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Warum soll man sich mit dem Begriff und der Wirklichkeit der EHRE und der EHR-ERBIETUNG befassen? Wenn Ehre und Ehr-Erbietung zum Mittelpunkt des Lebens werden, wird das Leben selbst völlig veräußerlicht, oberflächlich, unpersönlich. Nicht alle wollen so leben. Deswegen sollten wir uns mit der Ehre und der Ehrerbietung befassen. Etwas anderes ist hingegen die Ehrfurcht.

1. Würde ist mehr als Ehre
Dem Begriff der Würde eines jeden Menschen steht scheinbar der Begriff der Ehre und des Ehrgefühls nahe. Aber nur scheinbar!
Denn Würde ist eine innere Dimension der menschlichen geistigen personalen Existenz. Sie ist eine (meine, deine, unsere) Dimension, die letztlich von keinem anderen Menschen zerstört werden kann. Denn bekanntermaßen können noch unter unmenschlichen, unwürdigen Bedingungen die Opfer ihre innere Würde bewahren und sich so inmitten der Unmenschlichkeit wenigstens seelisch, menschlich retten. Was nicht bedeutet, nicht gegen unmenschliche Zustände aufzustehen und zu rebellieren!

2. Nur der einzelne selbst kann seine innere Würde verlieren.
Die eigene unantastbare Würde kann nur vom einzelnen selbst in seinem eigenen würdelosen Verhalten zu einem gewissen Verschwinden gebracht werden. Ob die „innere Würde“ eines Menschen jemals von ihm ganz zu „töten“ ist, bleibt die Frage. Die KZ-Mörder, ein klassisches Beispiel, wurden im Nazi-System geehrt. Sie haben aber als Menschen, die sie ja waren, fast ganz ihre innere Würde – durch eigene Tat – verloren. Und diese Würde ist vor allem eine „innere“ Realität, im Geist, in der Seele, im Gewissen zu spüren. Vielleicht kann eine gewisse Fürsorge der KZ Mörder noch für die eigenen Kinder als ein kleiner Restbestand von eigener Menschenwürde deuten. Das würde meiner These entsprechen, dass kein Mensch seine Würde total verlieren kann. Dies ist auch ein Argument gegen die Todesstrafe: Man hofft immer noch auf eine gewisse Resozialisierung selbst de Mörders…

3. Veräußerlichtes Gefühl, „geehrt zu werden“
Ehre und Ehrgefühl des einzelnen sind äußerliche Zuschreibungen anderer. Die Literatur des 20. Jahrhunderts ist voller Darstellungen dieser „Ehren-Problematik“ bzw. Sucht, als ehrenwerter Mensch angesehen zu werden. Man denken nur an Hermann Broch und vor allem an den ersten Teil seiner „Schlafwandler-Trilogie“.
Das ist typisch: In einer hierarchisch verfassten Gesellschaft bzw. einem hierarchisch geprägten Staat (und diese gibt es immer) werden bestimmte „hohe“ Amtsträger wie automatisch von anderen als „ehrwürdig“ betrachtet und angesprochen. Zum Beispiel: So müssen wohl oder übel die demokratischen Politiker bei Staatsbesuchen etwa bei Mister Trump oder Mister Orban oder bei afrikanischen bzw. arabischen Despoten gewisse „ehrerbietige“ Höflichkeitsregeln befolgen, obwohl die genannten Herren diese Ehre eigentlich nicht verdienen. Aber die Diplomatie schreibt Verlogenheit vor. Aber die Überzeugung, dass es sich bei den Genannten (Trump usw.) um würdelose Wesen handelt, ist doch sehr zurecht angesichts von deren Taten und Worten sehr weit verbreitet. Hinterlässt aber bei der demokratischen kritischen Bevölkerung immer noch Hilflosigkeit. Diktatoren lieben das Ostentative, die Monumentalität etwa in ihren Bauvorhaben. Dieses sollen die Ehre, das Prestige erhöhen. So nimmt etwa Erdogans Palast das Vierfache des Schlosses von Versailles ein und das Fünfzigfache des Weißen hauses in Washington. Bezogen auf Erdogan, Türkei, schreibt der Philosoph Marcel Hénaff: „In vielerlei Hinsicht konnte man diese Art Pathologie (des Monumentalen-Wahns) bereits im Monumentalismus bei den Nationalsozialisten, Faschisten und Stalinisten beobachten“ (Lettre International, Frühjahr 2018, S. 77).

4. Respekt und Achtung
Achtung gebührt dem (gerechten) Gesetz, wie Kant treffend bemerkte. Und wenn man eine „Amtsperson“ achtet, dann nur wegen des (gerechten) Gesetzes, „wovon jene Person uns das Beispiel gibt“ (Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten).
Respekt bezieht sich auf den Umgang mit anderen Menschen. Dieser Respekt gilt prinzipiell jedem Menschen, darin drückt sich die Anerkennung der Würde, des „Wertvollen im Menschen“, aus; diese Würde ist etwas Unantastbares, einem jeden Menschen „Innerliches“.

5. Der gute Ruf und die bürgerliche Moral
Wer hingegen geehrt werden will, ist bedacht auf seinen (angeblichen) guten Ruf. Er will nach außen hin, bei anderen, „etwas“ gelten, als etwas Besonderes erscheinen. „Mehr Schein als Sein“ ist das unzerstörbare Lebensprinzip dieser „Ehrenvollen“. Man freut sich etwa über Auszeichnungen. Die können im Falle für sportliche oder für künstlerische Leistungen sinnvoll sein; selbst wenn diese Auszeichnungen oft eher durch zufällige (auch parteipolitische) Konstellationen oder „connetions“ zustande kommen. Sehr oft wird bei einer Ehrung nicht die Person als solche hervorgehoben oder gar als Vorbild gepriesen. In der Ehrung wird das von der Person immer noch verschiedene künstlerische, literarische „Werk“, die „Leistung“, geehrt. Ist die Leistung etwa durch Doping betrügerisch erschlichen worden, wird auch die Person eher höchst kritisch betrachtet. Und von der Masse der Enttäuschten geächtet.
Diese Ehrungen in der Kultur, vor allem in der Politik sind oft sehr problematisch, weil übereilt: Man denke an angebliche „Friedenspolitiker“ wie Obama, er erhielt 2009 den Friedensnobelpreis. Man denke auch daran, welche merkwüridgen Gestalten etwa auf die „Ehre der Altäre“ als Heiliggesprochene und ehrenvolle Vorbilder erhoben wurden: Etwa der Scharlatan und Volksheilige Pater Pio in Italien oder der reaktionäre Papst Pius IX. oder der Gründer des katholischen Geheimclubs „Opus Dei“, Pater Escriva y Balaguer… Zu diesen so ehrenvollen Herren sollen also die frommen Katholiken um himmlischen Beistand bitten!

6. Der gute Ruf als Ehre in der Familie
Spielt die Ehre noch im alltäglichen Familienleben eine Rolle? Vielleicht ist das Insistieren auf der Bedeutung der Ehre für die Familie in nicht-muslimisch geprägten Familien West-Europas nicht mehr so groß wie noch vor 60 Jahren: Als etwa die braven, (klein)bürgerlichen Eltern den Kindern extravagante Kleidung oder Rock-Musik oder Formen der sexuellen Freiheit verboten hatten mit dem Argument: Wer das tut, schädigt den guten Ruf, die Ehre der Familie. Wie oft hörte man das Argument: „Was sollen denn dann die Nachbarn denken?“
Die Ehre wird selbst noch in Deutschland heute verteidigt, man denke daran, dass es christlich geprägte Familien für eine Schande halten, wenn der Sohn oder die Tochter sich öffentlich als homosexuell outen.
In muslimisch geprägten Kulturen spielt die Bewahrung der Ehre (also das äußerlich korrekte Verhalten nach den Geboten der Traditionen) eine sehr große Rolle, aber das ist ein eigenes Thema. Ein Stichwort wären: Ehrenmorde. Oder die „arrangierten Ehen“, die die Würde der Mädchen und Frauen verletzen. Ehre zeigt sich hier besonders als Ausdruck einer grausamen „Macho-Religion“.

7. Die Ehre als Mittelpunkt
Die Ehre war vor allem im 18. und 19. Jahrhundert in Europa eines der „höchsten Güter“. Es war eine Art „symbolisches Kapital“, wie es in der „Geschichte des privaten Lebens“ (Band IV, S. 270) heißt. Je mehr Ehre einem Menschen, einer Familie oder einer Firma zugesprochen wurde, um so bedeutender und erfolgreicher konnte man gelten und leben. Aber dieses Kapital der Ehre war stetst gefährdet, durch üble Nachrede konnte es zerstört werden. Davon handelten die ständigen, heftigen Streitereien der Menschen, etwa schon in Paris des 18. Jahrhunderts. Da gab es die staatlich angestellten „commissaires“, an die sich die Beleidigten wenden konnten, um die verlorene Ehre rechtlich wiederherzustellen.
Man wollte ja schließlich wieder „angesehen“ zur „Gesellschaft“ gehören.

8. Das Duell
Auf die lange Jahrzehnte dauernde, beinahe übliche Praxis des Duells kann hier nur hingewiesen werden, erst nach 1918 wurde das Duell verboten, 1970 gab es noch ein Duell in Uruguay.
Man bedenke aber, dass in dem allgemein bis zum 2. Vatikanischen Konzil verbindlichen „Handbuch der katholischen Moraltheologie“ von Heribert Jone (Paderborn 1953), das Duell noch als erlaubt galt, wenn denn dadurch das Gemeinwohl geschützt werden kann. So in § 216, S. 180 in diesem Buch, das den ganzen Klerus bis ca. 1965 prägte. Hingegen wird das nur aus privaten Gründen praktizierte Duell als schwere Sünde bezeichnet: Wobei unklar bleibt, ob nicht auch das private Duell irgendwie dem Allgemeinwohl dienen kann. Man denke etwa an den Wahn, mit dem sich die katholischen Feinde des (jüdischen) Hauptmanns Alfred Dreyfus ins Duell stürzten, in der Überzeugung, dadurch der Nation Frankreich zu dienen und den Juden Dreyfus zu bekämpfen….Nebenbei: Für diese Moraltheologie von Heribert Jone ist hingegen, so wörtlich, „ein Kampf mit Stöcken und Ruten noch kein Duell“, also erlaubt (S. 180 in Jone). Diese kirchliche Duldsamkeit fürs Schlagen mit Stöcken wurde gelegentlich in kirchlichen und staatlichen „Elite“-Schulen und Internaten angewendet. Schlagen war ja offiziell kirhlich nicht verboten. Man sieht hier die ideologische Abhängigkeit kirchlicher Moralvorstellungen von der herrschenden, aber verblendeten Moral. Der Theologie fiel es immer sehr schwer, selbstkritisch diese ideologischen Bindungen überhaupt zu erkennen. Man hielt das Gesagte oft genug für „Gottes-Wort“.

9. Das 8. Gebot
Die Ehrerbietung, also die Praxis der Ehrenbezeugung, spielt in den Religionen immer noch eine große Rolle.
Dass im 8. Gebot, von Gott an Moses angeblich übergeben, auch die Ehre von Vater und Mutter eine zentrale Rolle spielt, sollte weiter untersucht werden. Wenn man den häufigen Umgang heutiger Söhne und Töchter mit den alten Eltern betrachtet, meint man, in einer gottlosen Zeit zu leben..

10. Der Kult der Ehrerbietungen:
Der Dalai Lama wird auch hierzulande mit „Seine Heiligkeit“ angesprochen. Der Papst wird selbst in weltlichen Medien „Heiliger Vater“ genannt. Wer wagt es schon, etwa im Interview Papst Franziskus einfach und normal mit „Herr Bergoglio“ anzusprechen. Ehrerbietung und Achtung vor dem Amt spielen da fast zwanghaft zusammen. Katholische Pfarrer hießen und heißen in manchen Gegenden immer noch „Hochwürden“, Nonnen werden „ehrwürdige Schwestern“ genannt. Wer sich mit den Katholikentagen der neunzehnhundertfünfziger Jahre befasst, etwa mit dem Berliner Katholikentag 1958, wird immer wieder auf die Anrede „Seine Durchlaucht“ stoßen als Anrede für den obersten katholischen Laien damals, einen gewissen Karl Fürst zu Löwenstein. Ich habe als Kind damals so oft das Wort „Durchlaucht“ gehört und dachte, es handle sich dabei um ein Schiffbrüchigen oder vom Hochwasser Durchspülten
Die Ehre, die für die Frommen einzig dem transzendenten Gott selbst zukommen sollte, wurde und wird also pervertiert angewandt auf Menschen. Nebenbei: Welcher klerikale Hochwürden hat schon einmal einen Armen, der sich durchs Leben recht und schlecht kämpfen muss, wegen seines ungebrochenen Lebenswillens „Hochwürden“ genannt. Der Arme und die Bettlerin hätten diesen Titel verdient.

11. Jesus – der Mensch ohne Ehre
Es kann hier nur daran erinnert werden, dass die Gestalt des Propheten Jesus von Nazareth von den Herrschenden als ehrlose, störende Gestalt gewertet wurde. Aber dieses Lebensmodell Jesu war gerade seine Würde. Sein Tod und die Form seiner Hinrichtung sind das Ehrloseste, das in der damaligen Gesellschaft gab. Christen verehren also zunächst einmal den „Ehrlosen“, der sich dann aber in der Überzeugung der Gemeinde als der Würdevollste, überhaupt zeigte: In dem Selbstbewusstsein der Gemeinde wuchs die Überzeugung: Gerade dieser Mensch Jesus birgt förmlich Göttliches in sich, also Ewiges, das den Tod überdauert. Und dieses Ewige, so wuchs die Überzeugung, gilt für alle Menschen. (Als dringende Buchempflehlung: “Der schwierige Jesus“ von Gottfried Bachl, Tyrolia Verlag 1996. Bachl war Theologieprof. (Dieses Buch, nur 100 Seiten, ist antiquarisch noch vorhanden. Besonders die Kapitel „Der nackte Jesus“ und „Der hässliche Jesus“ geben zu denken.)

12. Ehrfurcht und Gehorsam geloben
Der Kult um die Ehre und damit die Ehrerbietung der Hierarchen ist ungebrochen im römischen Katholizismus. Das sei allen gesagt, die irgendwie von einem fortschrittlichen, d.h. vernünftig-human gewordenen Katholizismus träumen. Bestes Beispiel, das die seelische Prägung der Priester insgesamt betrifft: Die jungen Männer, die sich im Dom vom Bischof zu Priestern weihen lassen, legen sich als Zeichen der Unterwerfung ganz flach auf den steinernen Boden. Sie sollen förmlich als Nichts, als Untertane, als Staub gelten.
Dann versprechen diese neu geweihten Prister auch dem Bischof, als ihrem Vorgesetzten, ausdrücklich „Ehrfurcht und Gehorsam“: Die Priester, alle Priester des römischen Systems, sollen ihrem Chef, voller Ehrfurcht und voller Gehorsam begegnen. Ob sie das dann de facto auch tun, ist eine andere Frage. Aber: Ehrfurcht, Zuweisung von Ehre und auch Angst vor der Amtsperson gehören zentral ins innere Gefüge der römischen Kirche.
Sicher kennen auch andere große hierarchische Organisationen solchen Zwang zur Ehrerbietung gegenüber dem Chef. Die Untertanen gehen dabei selbst seelisch sozusagen vor die Hunde, weil sie buckeln müssen und ergeben erscheinen müssen. Auch die Mafia kennt solche Bindungen durch Ehrerbietung und Gehorsam. Und sie erzeugt dabei ein tödliches System.

13. EHRFURCHT vor dem Leben
Wie der Begriff schon andeutet, ist in der Haltung der Ehr-Furcht auch die Haltung der FURCHT enthalten. Ob Furcht in Angst übergeht, ist eine andere Frage: Angst vor der zu ehrenden Person, das gibt es ständig: Einer „hohen“ Person soll also dem Begriffe nach voller Furcht begegnet werden, weil sie Macht hat. Man soll förmlich erschaudern vor dieser „Amtsperson“.
Da muss aber wieder die bleibende Einsicht Kants ins Spiel kommen: Nicht die Person wird ehr-fürchtig verehrt, sondern das (gerechte) Gesetz, das sie repräsentiert.
Ehrfurcht gegenüber Menschen sollte es also eigentlich nicht geben. Kant sagte ja in seinem berühmten so viel zitierten Satz: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und EHRFURCHT: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir (also der kategorische Imperativ).“
Albert Schweitzer sprach von der „Ehrfurcht VOR DEM LEBEN“, also vor der Natur als der geschenkten Schöpfung sollen wir uns ehrfürchtig, also nicht herrschsüchtig, nicht destruktiv, verhalten. Ein Beispiel für unsere Welt ohne Ehrfurcht: Das verbrecherische Abholzen etwa der Amazonas Wälder durch den rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro in Brasilien, von evangelikalen Kirchen dort heftig unterstützt, widerspricht total der Ehrfurcht vor dem Leben. Dieser von den Einwohnern gewählte Präsident – „Diktator“ ist schon fast würdelos: Er will wie ein Rassist das Leben der indigenen Völker am Amazonas offenbar vernichten und einzig aus ideologischer Verblendung und Frauenfeindlichkeit das „ungeborene Leben“ schützen…Das schon lebende personale Leben ist diesem Rechtsextremen und seinen frommen Anhängern egal. Und die Bewahrung der Natur, „Schöpfung“ eigentlich in seiner religiösen Ideologie, sowieso, solange sie Geld bringt und die reichen Nationen durch das verbrecherische Abholzen der Wälder mit Soja und Rindfleisch versorgt.
Das Motto dieser evangelikal frommen Leute und Diktatoren ist: „Nach uns die Sintflut“. Oder „Sünd-Flut“, als Flut unserer Sünden ? …
Warum ist die demokratische Welt nicht in der Lage, einen solchen Politiker in dauer-hafte Pension zu schicken?

14.
Ehre und Würde sind doch gelegentlich verbunden
Tzvetan Todorov schreibt in „L Honneur“ (Paris 1991, S. 221 ff.) über den Aufstand im Warschauer Getto 1943 und der Stadt Warschau 1944: Immer wieder betonen dort die Widerstandskämpfer, sie wollten in Ehre sterben. Ehre heißt: Kämpfen bis zum Ende. Sich nicht wie geduldige Schafe töten lassen“. Selbst an den Häuserwänden im Getto stand: „Sterben in Ehre, ehrenvoll sterben“. Ehre hieß: Das Aussichtslose tun.
Ehre erscheint als einziger Wert in dieser Situation:
Ehre ist hier auch bezogen auf die Wahrnehmung anderer: Sie sollten, wenigstens später, nach dem Grauen, sehen, dass Juden sich wehrten.
Aber hier ist dieser „Ehr- Begriff“ auch stark verbunden mit der Würde: Diese Widerstandskämpfer wollten in ihrem Tun ihre menschliche Würde bewahren. .

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Richtig falsch. Philosophische Impulse für ein richtiges, ein humanes Leben

Hinweise zu einem neuen Buch von Michael Hirsch.
Von Christian Modehn

1.
Das oft zitierte und weit verbreitete Buch von Theodor W. Adorno „Minima Moralia“ (verfasst 1944) hat den Untertitel „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Der Untertitel legt nahe zu denken, also aus einem „bloß“ „beschädigten“ Leben und nicht aus einem total zerstörten und hoffnungslos korrupten Leben. Das gilt vor allem wohl, wenn man den besonders häufig nachgesprochenen Satz aus „Minima Moralia“ hört: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ( S. 43, in: Gesammelte Schriften, Suhrkamp). Kann also in einem insgesamt falschen Leben, etwa in einem falschen System, auch mein und unser Leben insgesamt nur falsch sein? Wahres humanes Leben ist dann offenbar unmöglich.

2.
Gegen diese eher defätistische Interpretation des Adorno – „Spruches“ wendet sich in seinem neuen Buch „Richtig falsch“ der Philosoph und Politikwissenschaftler Michael Hirsch: Er hat ein überaus anregendes philosophisches Buch ganz eigener Art verfasst: 123 kurze Essays oder „längere Aphorismen“ lassen sich von diesem Satz Adornos inspirieren, sie umkreisen ihn förmlich und kritisieren und korrigieren ihn. Und diese Leistung finde ich sehr hilfreich! Denn Michael Hirsch weitet das Denken insgesamt. Für mich sind manche Beiträge philosophische Meditationen, Texte zum Innehalten. Zu einer neuen Form des Umgangs mit philosophischen Erkenntnissen wird man förmlich aufgefordert.

3.
Das Buch, so wird vom Autor betont, wendet sich an „linke Intellektuelle“. Auf diese Gruppe bezieht er sich kritisch, auch mit neuen Vorschlägen. Zum Trost für die sich nicht als „Intellektuelle“ verstehenden LeserInnen: Man sollte den Begriff „Intellektuelle“ sicher nicht zu eng verstehen und bedenken: Jeder Mensch, der selbstkritisch umfassend reflektiert, ist in gewisser Hinsicht ein Intellektueller. Insofern sind Intellektuelle jene, die unter den widerwärtigen Verhältnissen der Gesellschaft, Rassismus, Ausgrenzung, Ungleichheit etc. leiden und doch noch reflektierend in der Praxis Auswege suchen. Die Grundüberzeugung ist: Es darf jedenfalls nicht so weiter gehen wie bisher. „Es reicht“ (26).

4.
Bei allem differenzierten Wohlwollen für Adorno wird der „berühmte Adorno – Spruch“ kritisch betrachtet. Der Autor meint explizit, Adorno sei dabei im Irrtum: „Der Einzelne kann nicht nicht nach einem guten Leben suchen – unter welch schlechten und falschen Bedingungen auch immer“ (38, auch 34). Auf Seite 165 spricht er von Adornos Obsession, überall nach Falschem und nach Schuldzusammenhängen zu suchen…Und das sei sein Fehler…“Wir müssen die kleinen Spuren des Richtigen festhalten und genießen“ (165). Andererseits hat der Spruch doch noch die Möglichkeit eines dialektischen Sprungs: „Dort, wo das Ganze, wie Adorno sagt, als das Unwahre erscheint, dort schlägt Erkenntnis in die Möglichkeit messianischer Rettung um“ (141). Diese „messianische Rettung“ ist eine „Grundmelodie“ im Buch von Hirsch.
Der Autor bietet Hinweise dafür, dass die als falsch erlebte Gesellschaft gerettet werden könnte: Wenn die Menschen wieder imstande wären, auch zu „empfangen“ (sic!) und nicht nur zu „machen“. Diese Haltung wäre die „Außerkraftsetzung der Herrschaft, der Hierarchien der bestehenden Ordnung. Darin konvergieren emphatisches philosophisches Denken und Religion“,
Die große Veränderung, der wahre Fortschritt (!) der Gesellschaft „hängt nicht nur von uns ab, steht nicht ganz in unserer Macht.“ (S. 141) Wir stehen vielmehr im Zusammenhang „eines göttlichen Elements der Rettung“ (ebd.) Die religionsphilosophischen Thesen beziehen sich auf ein sozusagen konfessionsfrei formuliertes „Göttliches“!

5.
Ich finde es jedenfalls erstaunlich, mit welcher Intensität der Autor in diesen doch knappen Kapiteln Themen religiöser Traditionen aktualisiert, vor allem auch im III. Kapitel: Dort wird im Gedenken an Kafka auch vom Gebet gesprochen. Wobei Michael Hirsch von der im Gebet geschehenden „Magie des Rufens und Herbeirufens“ (des Göttlichen) spricht, und dann betont: „Das Heil oder das Heile muss nicht neu erfunden oder erschaffen werden, sondern es ist immer schon da, es liegt irgendwo verborgen…Unsere Aufgabe ist es, diese Herrlichkeit des Lebens zu suchen, immer wieder und immer von neuem“ (71f.) Allerdings finde ich Hirschs Qualifizierung des Betens als „Magie“ unzutreffend. Wenn man philosophisch Gebet als „göttliche“ Poesie versteht, ist sie eine freie Leistung des Menschen, der seine ihm gegebene (!) schöpferische geistige Kraft lebendig werden lässt. Dann ist Gebet keine Magie mehr. Man staunt eher über die gegebenen (!), also geschaffenen geistigen Möglichkeiten…

6.
Das Buch bietet viele weitere, der Form des Buches entsprechend knapp formulierte Anregungen, Impulse, die zu denken „GEBEN“. Nur noch ein Beispiel: Zum Umgang mit der Arbeit: Diese wird heute als Zwang zur Selbstvermarktung erlebt und entsprechend erlitten. Gemeint ist das unternehmerische Selbst. „Handle unternehmerisch, heißt der Imperativ“. Damit wird umfassende Selbstverwirklichung, Muße, Zeithaben, politisch Aktivsein usw .fast ausgeschlossen. Das ist „Kapitalismus pur“.

7.
Interessant ist, dass Hirsch Denkmotive Heideggers aufgreift, etwa wenn von der „Fülle des Seins“ die Rede ist, in der „uns alles zufällt“ (167), als Gabe. Hirsch spricht wie Heidegger vom „Geheimnis einer Existenz, die als Öffnung, als Da des Seins erscheint“ (158). Auch wenn man den Heidegger der „Schwarzen Hefte“ ablehnt: Die Aussagen Heideggers aus „Sein und Zeit“ haben eine Gültigkeit.
Das von Hirsch präsentierte Denken und denkende Leben setzt sich ab von einer passiven, zuwartenden Existenzform. Sondern tritt ein für das politische Handeln. Ideen haben für Hirsch entschieden „Gebrauchswerte“ (171). „Denken hat eine verändernde Kraft“ (174). Und die Veränderung gilt der Beförderung der Menschenwürde für alle und der Überwindung einer neoliberalen Welt der Herrschaft der Privilegierten und der so genannten Eliten.
Wichtig ist: Wir haben „das Begehren“ in uns, jene unstillbare geistige Leidenschaft, für eine wahre, humane Welt. Bei einer noch so klugen bloß theoretischen Analyse des Elends darf es also nicht bleiben. Das Elend des Ichs, der Gesellschaft, der Welt ist kein Schicksal. Noch einmal: Denn wir leben immer schon inmitten der Utopie des wahren Lebens: Sie spendet das Licht der Erkenntnis. „Diese Utopie lehrt uns, dass wir noch unendlich weit entfernt sind von unseren wahren Möglichkeiten. Das ist die Wahrheit, von der wir ausgehen“ (167).

8. Ich würde mir wünschen, dass bald ein weiteres Buch von Michael Hirsch folgt, in dem seine angedeuteten religionsphilosophischen Hinweise vertieft werden. Und in dem auch die aktuellen Fragen der Natur, der Ökologie, des Klimas und die vielleicht noch mögliche Rettung der Welt einbezogen werden … sowie die Gleichheit aller Menschen, auch der Flüchtlinge (in Deutschland und weltweit).

Michael Hirsch, „Richtig falsch“. „Es gibt ein richtiges Leben im Falschen“. TEXTEM Verlag, Hamburg, 2019, 192 Seiten. 16 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Würde des Menschen. Thesen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 30.8.2019

Von Christian Modehn
Diese Thesen sind Einladungen zum Weiterdenken und Diskutieren.

1. Das ist evident: Wir sind Teil einer Welt, in der die Würde des Menschen ständig verletzt wird. Viele fühlen sich hilflos und total frustriert in dieser Welt. Dass das würdelose Leben früher auch so war, etwa in der Sklaverei, dem Kolonialismus, der totalen Unterdrückung der Frauen und Homosexuellen, ist keine Entschuldigung dafür, dass die Würdelosigkeit heute auch in der angeblich „aufgeklärten“ und so reichen westlichen Welt noch besteht. Und vor allem in vielen Ländern außerhalb Europas sowieso.

2. Um nur an gewählte, so genannte demokratische Politiker zu denken: Trump oder Bolsonaro: Politiker, die ihre eigene menschliche Würde als Politiker preisgeben. Sie sind offenbar auf diese ihre allgemein wahrgenommene Würdelosigkeit noch stolz. Weitere Politiker könnten genannt werden.

3. Wir erleben AFD Politiker nicht nur im Wahlkampf, die ohne jeden Respekt demokratische Politiker und deren Leistungen in den Dreck ziehen. Und viele AFD Fans jubeln über so viel Verhetzung.

4. Dies führt zu zwei zentralen Fragen: Was ist Menschenwürde? Und: in welcher Weise können Menschen ihre Menschenwürde verlieren? Im reflektierten Erleben der Würdelosigkeit (anderer) „blitzt“ die Idee der Würde des Menschen inhaltlich – konkret (etwas) auf. In dieser Kontrast – Erfahrung des Nicht-Vorhandenen (der Würde) zeigt sich implizit das „Anwesende“, es zeigt sich als Utopie, als Ziel, als Ideal: das Gesuchte, die Menschenwürde.

5. Was ist Menschenwürde? Da werden wir als Philosophierende uns selbstverständlich an die grundlegenden Erkenntnisse von Immanuel Kant halten. Nur kurz gesagt: Für Kant ist Menschenwürde etwas Gegebenes, allerdings nicht sinnlich Greifbares: Denn die Würde des Menschen und aller Menschen ist deren Vernunft und damit deren Freiheit. Im Vollzug der Vernunft entdeckt der Mensch in sich das moralische (universale) Gesetz: den Kategorischen Imperativ. In der Entdeckung der Vernunft durch den Menschen wird also deutlich, dass er „etwas Heiliges“ in sich hat. Etwas, das den Menschen zum „Selbstzweck“ macht. Der Mensch hat niemals einen Preis. Niemand ist austauschbar wie ein Gegenstand.
Noch einmal: Diese in mir zu entdeckte „Gegebenheit“ der moralischen Selbstgesetzgebung und Freiheit macht meine Würde aus, und es ist niemals nur „meine“ Würde. Diese Würde teile ich sozusagen mit der Würde der ganzen Menschheit, und diese Menschheit lebt in allen Individuen. Wenn Individuen also im Sinne Kant würdevoll sind und Respekt verdienen, dann: Weil sie Teil der an sich würdevollen Menschheit sind.

6. Diese Erkenntnisse Kants in dieser formalen universalen Allgemeinheit sind auch inspirierend für die Autoren des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland gewesen. Sie hatten (obwohl vielfach Nazi-Mitläufer) die Gräuel der Nazi-Herrschaft vor Augen: Da sahen sie, und sie erlebten es ja auch auf die eine oder andere Weise: Die Menschenwürde kann sehr stark der Vernichtung ausgesetzt sein, wenn auch nicht auf Dauer definitiv ausgelöscht werden: Etwa in den KZs und in der Juden-, Sinti-Roma-Auslöschung, der Verfolgung und Ermordung der Homosexuellen und der Euthanasie Morde durch die Nazis als großem Teil des deutschen Volkes.
Tatsache ist: Die Menschenwürde als in jedem Menschen prinzipiell gegebene Struktur des Geistes kann nie total ausgelöscht werden, aber sie ist prinzipiell auch sehr bedroht, etwa auch in der „Gehirnwäsche“….

7. Das Grundgesetz sagt allgemein formuliert: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Also: Diese Würde ist unantastbar für andere wie für den einzelnen Menschen selbst. Was heißt UNANTASTBAR: Der andere Mensch darf den unantastbaren anderen nicht manipulieren, nicht total instrumentalisieren (denn begrenzte und rechtlich kontrollierte Instrumentalisierung gibt es ständig: Beruflich lassen wir uns partiell z.B. notgedrungen „instrumentalisieren“…). Ausgeschlossen ist totale Instrumentalisierung, die den anderen zum Objekt macht; es darf keine Gehirnwäsche geben, keine Übergriffigkeit.

8. Kann der einzelne durch sich selbst, durch sein Tun, seine Würde korrumpieren, wenn nicht fast ausschalten? Ich meine, das passiert. Der einzelne kann zu einem würdelosen „Subjekt“ werden. Restbestände der Würde als geistige Freiheit und etwas Autonomie gibt es aber immer, man denke an die KZ Mörder, die doch noch so taten als wären sie liebevolle Väter. Aber dieser Restbestand an Würde hatte keine Wirkung der umfassenden Humanität mehr!

9. Der demokratische Rechtsstaat glaubt an Restbestände der Würde auch bei Schwerverbrechern, deswegen gibt es in einem Rechtsstaat keine Todesstrafe. Deswegen auch die Anstrengung und Hoffnung, dass eine „Resozialisierung“ im Knast möglich sein könnte.

10. Es gibt eine andere traditionsreichere Begründung der Menschenwürde in der biblischen Tradition.
Sie lehrt: Der Mensch ist ein Abbild, ein Ebenbild, Gottes selbst. „Gott schuf den Menschen als sein Ebenbild“, heißt es im Buch Genesis, Kapitel 1, Vers 27. Dieser Text stammt von Autoren, die um 600 lehrten und schrieben. Man nennt diesen Text die „Priesterschrift“. Ebenbild heißt: Der Mensch ist in gewisser Weise so „heilig“ wie Gott heilig ist. Eine detaillierte Beschreibung des „Gesichtes“ Gottes ist natürlich nicht gemeint.
Diesem Text schließt sich gleich an im Buch Genesis, also dem 1. Buch Moses, die viel ältere Schöpfungslehre, die 3000 Jahre alt sein soll, die so genannte Jahwistische Schöpfungslehre. Dort ist keine Rede von der Gott – Ebenbildlichkeit. Es ist die Rede davon, dass der Mensch vom Lebensatem Gottes lebt. Beim Jahwisten wird der Mensch, der Mann zuerst, von Gott aus der Erde, vom Ackerboden, geschaffen. Und dann heißt es: „Gott blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigem Wesen“ (Genesis, 2, 7f.)
Eine interessante Perspektive: Der Mensch lebt vom Lebensatem Gottes. Mensch und Gott sind also wesentlich im Atem, im Atmen, verbunden.
Leider wurden diese Perspektiven später verdeckt durch die kirchliche theologische These: Der Mensch sei wesentlich Sünder. Auch haben die Kirchen aus dieser Lehre der so wertvollen Gott- Ebenbildlichkeit des Menschen keine politischen Konsequenzen gezogen. D.h. Sie haben die Menschenrechte nicht erfunden und nicht verteidigt.

11. Es gibt neue philosophische Debatten über die Menschenwürde. Einige Autoren halten die Menschenwürde nicht für etwas Innerliches, allen Menschen von vornherein Gegebenes. Menschenwürde sei vielmehr etwas jeweils erst zu Gestaltendes. Der Philosoph Franz Josef Wetz behauptet (in: Der Wert der Menschenwürde, Paderborn 2009, Seite 61): „Menschenwürde ist nur ein Gestaltungsauftrag, nicht jedoch ein Wesensmerkmal des Menschen“. Menschenwürde ist also nicht, wie Kant sagt, etwas allen Menschen schon Vor-Gegebenes. Sondern etwas, das nur durch Anstrengungen der Menschen überhaupt erst existiert.
Meine Meinung: Anstrengungen zur Entwicklung der Menschenwürde sind ja richtig, aber sie beziehen sich auf etwas Vorgebenes, vielleicht „Schlummerndes“, das in der Tat wachgerufen wird. Wetz meint hingegen, es gebe keine „vorgefundene Wertabsolutheit des Menschen und der unantastbaren Heiligkeit des menschlichen Lebens, dies müsse man hinter sich lassen (S. 58).
Ich halte diese Überzeugung für falsch und politisch (im Sinne der universalen Menschenrechte) für gefährlich. Der australische Philosoph Peter Singer etwa hält – allen Ernstes – in seinen Publikationen die Würde eines Menschenaffens für schützenswerter als die Würde eines schwerstbehinderten Babys. Dieses zu behaupten ist nicht nur grober Unfug, sondern politisch – ethisch desaströs.

12. Menschenwürde ist von „Ehre“ unterschieden. Ehre ist etwas Äußerliches und Veräußerlichtes. Ehrenvoll leben heißt nicht automatisch würdevoll leben. So viele „Ehrwürden“ oder gar klerikale „Hochwürden“ waren und sind alles andere als voller Würde. Da werden Leute im Rahmen eines bestimmten (falschen?) Wertesystems geehrt, die dies eigentlich, moralisch, gar nicht verdient hätten. Nicht jeder Geehrte ist auch würdig. Oder wird voreilig geehrt, wie etwa einige Preisträger… Andererseits leisten etwa Widerstandskämpfer gegen Diktaturen (um ihres öffentlichen Nachlebens wegen) ihren Widerstand oft explizit „aus Gründen der Ehre“. Sie meinen aber tatsächlich ihre Würde.
Die meisten Ehrendenkmäler und Heldengedenkstätten sind überflüssig, sie dienen nur der Propagierung des Krieges. Und dienen dem Wahn des Nationalismus.

13. Würde der Menschen ist etwas, das verteidigt werden MUSS! Deswegen gehört zu einer philosophischen Reflexion automatisch die Frage: Was tue ich, um die Würde der Milliarden Würdeloser und Entwürdigter Menschen zu verteidigen und schützen? Ich kann immer nur einzelne Entwürdigte schützen und verteidigen. Aber jeder und jede sollte als notwendige Konsequenz dieser Überlegungen für Würdelose und Entwürdigte eintreten, durch Informationen, Korrespondenzen, Kontakte, und auch dies: materielle Hilfe. Dieser Hinweis hat nichts mit „Moralin“ zu tun, sondern mit der Aufforderung, der eigenen Würde zu enstprechen. Die es auch zu schützen gilt.

14. Über das Buch von Gerald Hüther, Würde, 2019, habe ich schon früher einen Hinweis geschrieben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Philosophische Stadtführer: Ein Buch über Bamberg

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das hat es bisher noch nicht gegeben, auf dem wachsenden Markt der „Reiseführer“: Bücher, die speziell die Vergangenheit und Gegenwart der Philosophie in einer Stadt anschaulich beschreiben und auch speziell „philosophische Spaziergänge“ anbieten: Dabei hat es doch einen ungewöhnlichen Charme, auf den Spuren von Philosophen und philosophierenden Künstlern oder Schriftstellern durch eine Stadt zu wandeln … einiges zu lesen, unter kompetenter Begleitung zu Debattieren und ins Reflektieren zu kommen.

Für Bamberg ist vor kurzem ein „Stadtphilosophischer Lehrpfad“ erschienen: Meines Wissens in dieser Form ein Novum! Das Buch der Philosophen Andreas Reuß und Matthias Scherbaum verdient also Beachtung nicht nur bei denen, die sich für diese Stadt als „Weltkulturerbe“ interessieren, sondern auch bei allen, hoffentlich bei Verlegern, die „Philosophie und Stadt“ bzw. noch spezieller „Philosophie und Tourismus in der Stadt“ in Büchern gestalten wollen. Bekanntlich sind spezielle Reiseführer zur jüdischen Geschichte und zum jüdischen Leben sehr erfolgreich, wie auch Reiseführer „auf den Spuren von Künstlern, Literaten und Dichtern“. Nun also könnte eine neue Dimension von Reiseführern entstehen, zumal die Philosophien und damit auch etliche Philosophen heute aus der engen Welt der Universität herausgefunden haben.

Der philosophische Stadtführer zu Bamberg beschreibt viele Orte in der Stadt, die eine philosophische Vergangenheit für die Gegenwart sichtbar machen: Dabei wird nicht nur an den Aufenthalt Hegels in der Stadt erinnert und bei der Gelegenheit einiges Wesentliche über dessen philosophischen Ansatz vermittelt. Immerhin hat ja Hegel sein erstes ganz großes Werk „Die Phänomenologie des Geistes“ im Jahr 1807 in Bamberg veröffentlicht. Er arbeitete dort übrigens als Chefredakteur der „Bamberger Zeitung“, ein Job, der ihm gar nicht gefiel. Und von journalistischer Leichtigkeit und Zugänglichkeit ist seine „Phänomenologie“ jedenfalls nicht geprägt. Aber das Buch hat trotzdem bis heute „Geschichte gemacht“. Leider fehlt es offenbar an Orten und philosophischen Salons in Bamberg, wo Interessierte, auch Touristen, über die „Phänomenologie des Geistes“ oder Hegel „überhaupt“ ins Gespräch kommen könnten.
Vor Hegel hatte schon sein Studienfreund Schelling Bamberg besucht und naturphilosophische Vorlesungen gehalten, im Zusammenhang auch mit dem berühmten Arzt und vorbildlichen Klinikgründer Dr. Marcus. Auch der Philosoph Ludwig Feuerbach hat Beziehungen mit Bamberg: Er ging hier zur Schule. Schwer zu sagen, ob er sich angesichts der Überfülle von Kirchen und katholischen Traditionen damals (heute eher etwas marginaler) gerade deswegen zu einem Religionskritiker entwickelt hat.
Natürlich werden in dem Buch die großen Bamberger Kirchen auch philosophisch gewürdigt, etwa der Dom und der Domplatz oder das Karmeliterkloster mit seinem berühmten Kreuzgang. Philosophen und Theologen des Mittelalters begegnen dem Leser und Stadtbesucher etwa auf dem Michelsberg, die Autoren bieten einige Hinweise zu den „Lehren“ der jeweiligen Philosophen, diese Hinweise wirken manchmal etwas lexikalisch und „abstrakt“. Auch der Begründer des „Gregorianischen Kalenders“, der Jesuit Christophorus Clavius (1538 – 1612) ist, weil in Bamberg geboren, in dem Buch erwähnt.
Und das ist wohl gut so: Denn ein philosophischer Stadtführer, bestimmt „für viele“, muss den Begriff der Philosophie eher weit fassen und auch Forscher, Schriftsteller, Dichter und Künstler einbeziehen: Denn auch sie inspirieren zum philosophischen Reflektieren. So wird etwa E.T.A. Hoffmann in dem Buch „Stadtphilosophischer Lehrpfad Bamberg“ zwar erwähnt, für mich leider viel zu kurz. Und der „Lehrpfad“ selbst führt leider nicht zu seinem Wohnhaus, das heute ein kleines, aber feines Museum ist.

Was könnte ein philosophischer Reiseführer alles bieten, etwa über Berlin: Leibniz, Fichte, Hegel auch und Schelling, Kierkegaard, Marx, Schleiermacher, Guardini, sie alle und viele andere, etwa die Kantianer oder philosophisch gebildeten protestantischen Theologen hatten in Berlin ihre Orte, Benjamin auch in Grunewald … und all die Künstler, auch die Russen, die in Berlin (kurz) lebten, etwa der russische Philosoph Berdjajew: Was für ein prächtiges philosophisch und sicher auch unterhaltsames Buch könnte entstehen, auch ein Gedenken an den philosophierenden König Friedrich II, den „Alten Fritz“, der, tolerant wie er war, den Katholiken in Berlin die St. Hedwigskathedrale baute im Stil des römischen Pantheons. Ein solches Buch, das Philosophieren in die jeweiligen Lebensbedingungen der Stadt platzierend, und mit Adressen gegenwärtiger philosophischer Orte (Salons z.B.), könnte Menschen in die Philosophie führen. Es wäre ein Projekt, selbstverständlich mit entsprechenden Büchern über München, Frankfurt, Heidelberg, Paris, Amsterdam usw. für junge journalistisch begabte PhilosophInnen…

„Stadtphilosophischer Lehrpfad Bamberg“. Von Andreas Reuß und Matthias Scherbaum. Erich Weiss Verlag, Bamberg 2018. 168 Seiten.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

PS: Der Obertitel für die hier empfohlene Buchreihe könnte heißen: „Denk-Städte“. Diesen Titel reserviere ich mit copyright: 16.8.2019 Christian Modehn

Die freien Geister und Freigeister suchen ihre eigene Spiritualität: Über ein Buch von Lorenz Marti

Ein Buch – Hinweis von Christian Modehn

Das neue Buch von Lorenz Marti hat den Titel „Türen auf“. Natürlich sind damit auch die massiven Kirchenportale und schweren Eichentüren der Kathedralen gemeint, die, wie z.B. in Deutschland, so oft verschlossen sind. In „heiligen Tempeln“ sollte hingegen immer, bei offenen Türen, frischer Wind wehen. Davor haben aber bestimmte Herren (der Kirchen) Angst. Sie mögen den alten Staub und den leicht muffigen Geruch.
Also: „Türen auf“. Und dies ist vor allem eine Forderung an den einzelnen, sich selbst zu öffnen und Verpanzerungen abzulegen. Entscheidend für die Lektüre dieses anregenden Buches von Lorenz Marti ist der Untertitel „Spiritualität für freie Geister“. Auf Spiritualität kommt es an, nicht auf Dogmen, nicht auf religiöse Institute, „Religionen“. Sondern auf die ungebrochene und niemals zu kontrollierende Lebendigkeit des Geistes, des „spiritus“, der alle Menschen auszeichnet in allem Fragen, Forschen und religiösem Suchen. Also ist jeder und jede „irgendwie“ spirituell. Lorenz Marti legt Wert darauf, sich an „freie Geister“ zu wenden. Man möchte meinen, wohl auch an „Freigeister“, an Menschen also, die alte Verklammerungen an überlieferte Dogmen aufgegeben haben. Und zum Beispiel aus der Kirche ausgetreten sind. Die also aus der Sicherheit des „Gott-Habens“ ausbrechen mussten aufgrund eigener Lebenserfahrungen. Und die nun Ausschau halten, experimentieren, fragen, das neue Eigene suchen, das ihnen vielleicht vorübergehend eine Basis im Leben sein kann. Eine solche Spiritualität ist in Zeiten der „Kirchenaustritte“ förmlich eine Notwendigkeit!

Lorenz Marti, Publizist und früher Journalist beim Schweizer Radio DRS in Bern, wendet sich also an die vielen Menschen, die in den Kirchen „spirituell heimatlos“ geworden sind. Aber doch einige Einsichten und Weisheiten des Christentums (und anderer Religionen) für sich bewahren wollen. Diese zunehmend große Gruppe der vielen tausend Menschen in Europa bezeichnet die Religionssoziologie als „Konfessionslose“, definiert sie also über einen Verlustbegriff „ – lose“. So, als hätten sie nichts mehr an Spiritualität. Dabei sind diese vielen Menschen doch gar nicht „ohne“ oder „-los“. Sie bilden oft ihre eigenen spirituelle Haltungen. Sie sind also, institutionell meist nicht mehr organisiert, freie Geister. Ob sie neue Orte des Gesprächs suchen und wollen, wäre eine Frage. Marti erwähnt als seinen Gewährsmann zu recht den Theologen Friedrich Schleiermacher: Für ihn war ja Kirche auch ein „Ort geselligen Miteinanders und des Zusammenseins“ unterschiedlicher Menschen. Solche neuen offenen Gemeinden, warum nicht als „offene Salons“ gestaltet, bräuchten vielleicht einige der „freien Geister“ zum Austausch. Warum nicht auch dies: Zum Lernen als Neues Entdecken.

Und genau sie werden von Lorenz Marti in seinem Buch zum Mitdenken und vor allem zum Weiterdenken eingeladen in insgesamt 46 kurzen Essays, die nie mehr als drei bis vier Buchseiten beanspruchen. So ist förmlich eine Art „Brevier“ für den Alltag entstanden: Ich würde fast den praktischen Rat geben: Man lese jeden Tag einen Beitrag und verwende mindestens die doppelte Zeit noch einmal zur Reflexion, wenn nicht zur Meditation. Manche Beiträge bieten grundsätzliche Reflexionen, etwa über „Gott“: „Ein unmögliches Wort“ (S. 144), andere Essays orientieren sich an Dichtern, wie Rilke, Gertrude Stein oder Mascha Kaleko.
Diese Essays sind unter neun Kapiteln zusammengefasst, die sich auf zentrale Haltungen und Werte beziehen: Aufbruch, Freiheit, Sinn, Vertrauen, Verbundenheit, Gelassenheit, Wahrheit, Offenheit, Zuversicht. Und zum Schluss noch der schöne Text „Eine Kerze anzünden“.
Was an den Essays fasziniert, ist auch die persönliche Sprache. Da spricht ein „Ich“, das selbst als freier Geist doch bewegt ist von einigen Weisheiten des Christentums, andererseits doch die Last der dogmatischen Lehren nicht mehr mit sich herumschleppen will. So plädiert der Autor in „sanfter Argumentation“, möchte man sagen, ruhig, nie arrogant, nie belehrend, für eine Unterscheidung der eigenen Geister, die in jedem Menschen auch religiös drängen und drängeln. Lorenz Marti plädiert letztlich für eine „Religion in ihrem humanistischen Gewand“. Und er weiß, was das reformierte Christentum, der Protestantismus, „eigentlich“ sein könnte, wenn er den liberalen Theologen Ulrich Barth (Halle an der Saale) zitiert: „Protestantismus heißt der Traum einer Religion für freie Geister“ (S. 50). Diese freien Geister wissen von ihren Grenzen, verzichten aber nicht aufs Hoffen: “Ein japanisches Sprichwort: Fällst du sieben Mal um, so stehe achtmal auf. Das ist Gnade… und dafür sage ich Danke“ (S. 112). Und dann wird der offene Geist als solcher deutlich formuliert: „Vielleicht hat dieses Danke eine konkrete Adresse, vielleicht aber auch nicht…“ Suche also jede Leserin, jeder Leser, ob er eine konkrete Adresse finde für sein „Danke fürs Dasein“. Es ist diese wohlwollende Offenheit, die keinen theologischen oder ideologischen Denk-„Zwang“ ausübt, dies macht die Lektüre des Buches so erfreulich … und hilfreich.
Was mir besonders gefallen hat? Vor allem dieser Satz: “Das Feuer hüten und nicht die Asche bewahren. Der Geist der Rebellion darf nicht erlöschen“ (S. 95).

Lorenz Marti, „Türen auf. Spiritualität für freie Geister“. Herder Verlag, August 2019, 192 Seiten. 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Würde des Menschen: Im Gehirn angelegt, aber etwas Absolutes im Menschen.

Das Buch „WÜRDE“ von Gerald Hüther
1.
Gerald Hüther, einer der bekanntesten Hirnforscher in Deutchland, argumentiert in seinem Buch über die „Würde“ des Menschen vor allem als Biologe. Zum Thema hat er einen praktischen Vorschlag, begründet in der Erkenntnis des Naturwissenschaftlers: Jeder Mensch kann seine absolut geltende menschliche Würde durch praktische, auch leibliche Erfahrungen, seit der frühen Kindheit, aufbauen und pflegen. Schon Kleinkinder machen Kontrast-Erfahrungen, erleben also Momente, in denen sie spüren: Diese Situation im Umgang mit anderen Menschen sollte es für mich nicht geben. Es gibt also etwas in unserem Gehirn, „das von ganz allein aktiv wird, wenn etwas geschieht, das nicht so ist, wie es sein sollte… Dies ist für Kleinkinder nur eine Empfindung, noch kein Wissen, sondern ein ungutes Gefühl“ (S. 113). Diese Wahrnehmungen werden zum Gehirn geleitet; und dann als Widerspruch zum Menschlichen schon vom Kind gespürt.
2.
Die Menschen-Würde kann im ganzen Leben wieder „aufgeweckt“ werden, wenn sie durch negative Erfahrungen verdeckt wurde. Wenn hingegen ein Mensch positive Erfahrungen in einer Umgebung erlebt, die Geborgenheit und Verbundenheit mit anderen lebendig erfahrbar macht, kann der einzelne seine Autonomie und Gestaltungsfähigkeit, also seine Würde, (wieder)erlangen. Diese Erfahrungen werden „im Gehirn verankert“ (S. 87). Es sind die je neu gestaltbaren „Verschaltungen im Gehirn“, die Würde erlebbar machen. „Jeder Mensch ist in der Lage, ein Gespür für das zu entwickeln, was seine Würde ausmacht. Diese Fähigkeit ist bereits im kindlichen Gehirn angelegt“ (S. 133). Wenn die ersten Erfahrungen mit anderen Menschen negativ sind, also keinen Sinn wecken für die eigene Würde, so kann es doch möglich sein, „dieses tief im Hirn verankerte Empfinden (für die eigene unantastbare Würde, CM) durch spätere, günstigere Beziehungserfahrungen wiederzuerwecken“. Mit anderen Worten: Würde ist selbst noch den lange Zeit würdelos (wie Objekte) behandelten Menschen vermittelbar. Wer seine eigene Menschenwürde kennt und schätzt oder diese Menschenwürde wieder gefunden hat, der hat einen „inneren Kompass“ zur Lebensgestaltung, betont Gerald Hüther. Dass Menschenwürde immer auch mit Rechten (und Pflichten) in Gesellschaft und Staat verbunden ist, wird meines Erachtens zu wenig in dem Buch erörtert. Wie können Menschen in dem reichen Europa heute von ihrer eigenen Menschenwürde noch überzeugt sein, wenn ihre Politik, ihre Ökonomie, zur Würdelosigkeit sehr vieler arm gemachter Menschen in Afrika führt?
3.
Ich finde die letztlich knappen Ausführungen des Biologen Hüther auch philosophisch sehr relevant: Denn so wird die philosophische Erkenntnis etwa zum Gewissen, zum Kategorischen Imperativ oder zur transzendental-notwendigen Bindung an das Gute biologisch „verortet“. Ohne dass dabei naturwissenschaftlich gesagt wird: Diese Bindung an das Gute oder diese Bindung an das Gespür der eigenen Würde, seien „nichts als“ ein materielles und deswegen manipulierbares und sogar auch auslöschbares Nerven-Geschehen. Bekanntlich ist es doch so: Wenn es einen materiellen, leiblichen „Ort“ gibt für die mit dem Menschsein schon immer mitgebrachten neuronalen Verschaltungen, dann sagt diese Herkunft nichts aus über die geistige Qualität des Erlebten, etwa der Würde. Man muss grundsätzlich „Genesis und Geltung“ unterscheiden, wie der Philosoph Vittorio Hösle betont: Mit anderen Worten: Was im Materiellen generiert wird, kann doch eine universale geistige Geltung haben. Gerald Hüther spricht vom „Ende des genetischen Determinismus“ (S. 167).
4.
Diese Erkenntnis Hüthers scheint mir besonders wichtig zu sein: Bei einem Menschen ist keine Haltung definitiv, für immer (negativ), festgelegt: Eine gerechtere, bessere Welt der würdevoll lebenden Menschen ist also möglich und als Ziel auch zu gestalten. Naturwissenschaftlich gesagt: Durch neue, das Bewusstsein der eigenen Würde stärkende Erfahrungen können die alten, negativ stimmenden neuronalen Verknüpfungen „im Gehirn ÜBERFORMT werden“, wie Hüther schreibt (vgl. S. 172).
Dabei deutet der Autor durchaus auch politische Konsequenzen an, wenn er etwa an die friedliche Revolution in Deutschland und an die politische Entwicklung danach erinnert: Die Menschen in Ostdeutschland, „müssen spüren, dass sie in der freiheitlich-demokratischen Ordnung auch von ihren Mitbürgern gesehen, wertgeschätzt und ernst genommen werden. Dass sie nicht weiter zu Objekten gemacht werden. Dass ihnen andere Menschen, auch Politiker, Meinungsmacher, Lehrer usw. so begegnen, dass das Empfinden, die Vorstellung und das Bewusstsein ihrer eigenen Würde gestärkt wird“ (S. 172).
Dabei ist Gerald Hüther realistisch: Dass sich unsere Welt tatsächlich zu einer Welt der in Würde lebenden Menschen entwickelt, ist alles andere als sicher oder gar bloß wahrscheinlich. „Es ist allerhöchste Zeit aufzuwachen“ (S. 160), betont er, und „öffentlich auszusprechen, was man (politisch, ökologisch) nicht länger hinzunehmen bereit ist. Und dafür zu sorgen, dass die Würde von Menschen nicht länger mit Füßen getreten, verletzt und untergraben wird“ (ebd.).
5.
Gerald Hüther äußert sich in dem Buch auch zur Pädagogik und möglichen Reformen der Erziehung. Und er zeigt auch Aspekte seiner Philosophie: Denn für ihn wird in der Verteidigung der Würde des Menschen deutlich: „Es gibt etwas Überzeitliches, Zeitloses, etwas Göttliches, das man nicht vernichten kann“(S. 58). Dieses unterstörbar Göttliche im Menschen ist die Menschen-Würde. Die Gültigkeit dieser Idee kann kein Mensch vernichten, selbst wenn Menschenwürde so selten erfahrbare Realität ist.
6.
Der Philosoph Franz Josef Wetz hat in seinem Aufsatz „Illusion Menschenwürde“ (in „Der Wert der Menschenwürde“, Paderborn 2009, S. 45ff) darauf Wert gelegt, die Menschenwürde gerade NICHT „religiös-metaphysisch“ zu begründen: Einmal, weil diese Begründung zur pluralistischen und säkularen Gesellschaft nicht passe und dann auch wegen des „zunehmend naturwissenschaftlichen Weltbildes“ (S. 61). Dass gerade Naturwissenschaftler wie Gerald Hüther offenbar das Gegenteil behaupten, zeigt nur, dass es eben „die“ Naturwissenschaft nicht gibt. Und auch „die“ „säkulare“ Gesellschaft, von der Wetz spricht, wird von etlichen Philosophen und Religionssoziologen zurecht als „postsäkulare“ Gesellschaft wahrgenommen.
Aber schwerer wiegt meines Erachtens, dass Franz Josef Wetz die Auffassung von menschlicher Würde lediglich und nur als „reinen Gestaltungsauftrag“ (S. 54) definieren will „ohne weltanschauliche Hintergrundannahmen“. Dabei wird überspielt: Dass die Annahmen von Wetz auch weltanschaulich geprägt sind, sie sind alles andere als „neutral“ (S.61). Aber noch entscheidender ist: Wer die Geltung der menschlichen Würde, also die Würde eines jeden Menschen, aus dem Bereich der absoluten Unantastbarkeit (Grundgesetz!) heraushebt und sie lediglich als eher subjektiven „Gestaltungsauftrag“ sieht, gefährdet diese unantastbare Würde. Denn Gestaltungsaufträge können je nach politischer und ökonomischer Konjunktur mal so und mal anders gedeutet und praktiziert werden. Die Menschenwürde ist aber nichts, was der gestalterischen Freiheit und Willkür bestimmter einzelner (Herrscher) überlassen werden darf. Sie ist eben unantastbar. Wetz redet Klartext: (Seite 58): Wenn er die Menschenwürde nur als Gestaltungsauftrag sieht, dann „wird die metaphysisch begründete Vorstellung von der vorgefundenen Wertabsolutheit des Menschen und der unantastbaren Heiligkeit seines Lebens hinter sich gelassen“. Man lese das Grundgesetz, das ist anderer Meinung, Gott sei Dank möchte man fast sagen.
Und: Wer würde denn leugnen, dass mit der Annahme der unendlichen Würde eines jeden Menschen, gültig bereits VOR jeder Anerkennung durch Staat und Gesellschaft, die praktische „Gestaltung“ dieser Würde ausgeschlossen wäre? Die unendliche Würde eines jeden Menschen erfordert gerade die von Wetz geforderte „Gestaltung“. Aber diese Gestaltung gestaltet etwas unantastbar Heiliges eines jeden Menschen. Da darf nicht herum modelliert werden, je nach Laune der Herrschenden oder eines sich zurecht naturalistisch nennenden Philosophen wie Franz Josef Wetz. Dass er Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung ist, soll nur, ohne jede Polemik, der Vollständigkeit halber am Rande bemerkt werden. Franz Josef Wetz hat auch interessante Bücher geschrieben, wie etwa über Schelling…

Gerald Hüther: Würde. Was uns stark macht – als Einzelne und als Gesellschaft. Pantheon Verlag, 2019. Taschenbuch. 189 Seiten, 14 EURO.

Nietzsche neu lesen: Er öffnet Denkräume, zersetzt kulturelle Üblichkeiten

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Mit einem erneuerten Verstehen Nietzsche lesen: Das fordert der Philosoph Andreas Urs Sommer (Uni Freiburg i. Br.) in seinem Essay in der Zeitschrift „Information Philosophie“, Ausgabe Dezember 2018. Sommer ist Leiter der „Forschungsstelle Nietzsche-Kommentare“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften.
Weil Nietzsche vor allem von vielen philosophisch Interessierten oft und viel zitiert sowie mit Schlagwörtern, wenn nicht Klischees, fixiert wird, lohnt es sich, diesen Beitrag von Andreas Urs Sommer besonders zu beachten.
2.
Seine Überlegungen sind bezogen auf seine umfangreichen Studien des „Nietzsche Kommentars“, die selbstverständlich auch die vielen Texte aus dem Nachlass berücksichtigen. Der Beitrag setzt sich mit zwei gegensätzlichen Interpretationslinien der Philosophie Nietzsches auseinander: Die beliebte „inhaltliche“ Position, die in Nietzsches Schriften feste Positionen und Überzeugungen entdeckt. Und diese dann auch auf aktuelle Fragen bezieht, etwa „Tod Gottes“, „Nihilismus“, „Übermensch“. Und dann die eher „textische“ Lektüre, wie Sommer sagt, die Nietzsche nur als Verfasser von literarischen Texten versteht: Die dann von diesen Sprach-Forschern in alle philologischen Nuancen ausgeleuchtet werden.
Der Essay von Andreas Urs Sommer hat den provozierenden Titel „Was von Nietzsche bleibt“. Das ist ein Titel, der auf Abschließendes, Definitives hinweisen könnte. Tatsächlich aber will Sommer eher einen „Denkraum“ eröffnen…
3.
Der Artikel ist für LeserInnen Nietzsches wichtig, weil zentrale Differenzierungen genannt werden. So etwa Nietzsches Umgang mit Kant (S.10, in dem genannten Heft). Nietzsche habe, so Sommer, Kants Werke selbst nicht gelesen. „Nietzsches Kant ist ein Monstrum, von Nietzsche erdacht oder erschrieben als Gegner, an dem man sich messen kann, um sich in ein ablehnendes Verhältnis zu setzen…Nietzsche will einen Waffengefährten oder einen Gegner haben“. Eine Erkenntnis übrigens, die etwa schon der Philosoph Vittorio Hösle im Nietzsche Kapitel seines Buches „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (2013) mitgeteilt hatte (S. 185, auch S.190: „Nietzsche war als Philosoph nie ausgebildet“).
Wer hingegen die ganze große Fülle des Nachlasses berücksichtigen muss, wie Sommer, der wird bei Nietzsche dem stetigen mühevollen Ringen um den treffenden Ausdruck begegnen. Z.B.: „Die vom historischen Subjekt Nietzsche (dann) für publikationswürdig erachteten Aussagen über den =Willen zur Macht= stehen unter Vorbehalt. Sie haben die Gestalt eines Denkexperiments“ (S.12.) Dadurch gelangt man zu einem neuen Verstehen dessen, was Philosophie für Nietzsche bedeutet. “So hat man“, betont Sommer, “in den philosophischen Texten Nietzsches ein Philosophieren in der Hand, als permanentes Fort – und Überschreiben einmal erreichter Standpunkte, nicht als ein festes Gefüge von Gedanken, Überzeugungen, sondern Philosophieren als Prozess, als Bewegung“(S. 13). Philosophieren zeigt sich in Nietzsches Texten als etwas ungewöhnlich anderes, „es unterscheidet sich“, so Sommer, „fundamental von Philosophie im landläufigen Sinne“ (S. 14). Philosophieren widerspricht für Nietzsche den festen Fügungen und letzten Überzeugungen.
4.
Was also bleibt von Nietzsche? Nichts Festes. Schon gar kein Lehrsystem. Sondern Denken als Prozess, als ständiges Aufheben und Überschreiben fester Überzeugungen (Propositionen). Große dogmatische, handlich griffige Lehrgewissheiten sind also aus Nietzsches Schriften nicht zu erzeugen und auch nicht mehr festzuhalten, so Sommer. Es sind bei ihm Denkbewegungen zu finden, bei denen der Leser Unterstützung finden kann in den umfangreichen Kommentaren, die nun von der Forschungsstelle herausgegeben werden. Dadurch wird deutlich: Selbst bei einer Vielzahl möglicher Interpretationen von Nietzsches Texten sind doch nicht alle Deutungen vertretbar. „Nietzsches Philosophie öffnet Denkräume. Es entsteht Weite. Abschließendes gibt es bei Nietzsche nicht. Diese Haltung im Denken hat etwas gegenüber der fixierenden Tradition durchaus „Zersetzendes“, betont Sommer. „Diese Zersetzungskraft rückt den Selbstverständlichkeiten abendländischer Moral – und Weltanschauungskonsense auf den Pelz. Auch das bleibt von Nietzsches Philosophie“ (S. 15).
Wie das zu bewerten ist, bleibt eine offene Frage: Das Tote, d.h. das Unmenschliche einer Kultur, kann ja gern „zersetzt“ werden: Aber wenn es dann doch – gegen Nietzsche – bleibend Gutes und Wahres gibt, warum sollte das nicht erhalten bleiben, etwa die Menschenrechte, die so oft missbraucht, aber trotzdem universal geltend für alle Menschen unersetzlich sind…
Für uns am wichtigsten: Nietzsche fördert bei seinen Lesern den eigenen Denkweg zu suchen, die eigene Praxis zu finden. Die fraglich bleibt und nur in der Bewegtheit des Lebendigen selbst das Bleibende sieht.
5.
Freilich: Bestimmte Grund“überzeugungen“ der Philosophie Nietzsches haben sich öffentlich durchgesetzt, haben sich als Sprüche in den Köpfen festgesetzt. So etwa die Diagnose, die er im Text „Zarathustra“ verbreitet: „Wir haben Gott getötet“. Dieser Satz gibt nach wie vor zu denken: Kann man Gott töten, wenn ja welchen Gott, wer ist „wir“? Über Nietzsches Text „Der Antichrist“ wäre eigens sprechen (erschienen 1895). Darin „verkündet“ Nietzsche doch wohl eine neue, eine explizit antichristliche Moral? Manche Leser haben diesen Eindruck, wenn man das von Nietzsche Geschriebene ernst nimmt. Und auch dies: Die Polemik Nietzsches gegen, so wörtlich, „die Schwachen und Missratnen“, ist nicht nur antichristlich. Sie ist antihuman. Oder muss man auch bei dem Thema das nur „Vorläufige“, wenn nicht „Spielerische“ des Gesagten bedenken?
6.
Man wird also Nietzsche, dann mit den ausführlichen kritischen Kommentaren ausgestattet, sehr vorsichtig, immer mit einem Abstand kritisch lesen müssen und ihn schon gar nicht zu einem „Meisterdenker“ aufwerten. Das gilt sicher schon heute, auch wenn diese großen Kommentare noch nicht vorliegen.

Siehe auch: „Forschungsstelle Nietzsche Kommentar“. 2020 soll z.B. ein Kommentar zum „Zarathustra“ erscheinen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wenn die Rechtspopulisten zornig werden…

Ein neues Buch der Soziologin Cornelia Koppetsch über „Rechtspopulismus im globalen Zeitalter“

Ein Hinweis von Christian Modehn

Den Rechtspopulismus neu verstehen: Das ist das Ziel der umfangreichen Studie der Soziologin Cornelia Koppetsch (Prof. an der TU Darmstadt), ihr Buch aus dem Transcript Verlag ist am 19. Mai 2019 erschienen und hat seitdem viel Aufmerksamkeit in der Presse gefunden.
1.
Das Buch erfordert von den LeserInnen, die nicht professionelle Soziologen oder Politologen sind, eine große Lektüre Anstrengung, weil etwa allein die (langen) Sätze voller Substantive sozusagen „wimmeln“, was bekanntlich jegliche Lesefreude, die einem guten Stil voller Verben verpflichtet ist, sehr erschwert.
2.
Zudem ist das Buch vor dem Mord an dem Regierungspräsidenten Walter Lübcke (Kassel) am 2.Juni 2019 geschrieben worden: Dieser Mord stellt bekanntlich eine nun ganz offensichtliche „Qualität“ der Aktionen sehr rechtslastiger Kreise dar: Mord und Totschlag, sowie Brandattacken, von sehr rechtslastigen Kreisen gelten ab sofort nicht mehr „nur“ den Flüchtlingen und ihren Unterbringungen, von „Heimen“ sollte man angesichts dieser Unterbringen besser nicht reden. Die üblichen verbalen Attacken und Beleidigungen, dieses Schmähen der Demokratie und der Menschenrechte, wird nun offenbar praktisch, d.h. mörderisch. Diese Attacken gelten gezielt demokratischen, den Menschenrechten verpflichteten Politikern. Von bloßem „Rechtspopulismus“, wie der Buchtitel suggeriert, nur zu sprechen, erscheint mir schon deswegen als gar nicht treffend und auch etwas zu wohlwollend für diese Kreise.
3.
Es ist wohl einzig angemessen, auch angesichts der AFD Führer etwa in Thüringen oder Brandenburg, von Rechtsextremismus im Zusammenhang der AFD zu sprechen. Wie dies andere Forscher und kompetente Journalisten, etwa im WDR tun, und nun ihrerseits mit dem Leben bedroht werden. „Der AFD geht es letztlich um einen Bruch mit zentralen Werten des Grundgesetzes“, schreibt nicht etwa Cornelia Koopetsch, sondern Wissenschaftler wie Christoph Butterwegge, Gudrun Hentges und andere in dem Buch „Rechtspopulisten im Parlament“ sehr richtig.
4.
Von der AFD als einer Gestalt des bloßen Rechtspopulismus zu sprechen, erscheint mir also als überholt, und sogar falsch selbst wenn die Autorin zwischen den radikalen Führern der AFD (Höcke und Co.) und den Mitgliedern bzw. Wählern unterscheidet. Diese Mitglieder und Wähler der AFD hält Cornelia Koppetsch letztlich für konservative Irregeleitete: Wenn diese Kreise aber nur diese Merkmale haben, also noch kritisch reflektieren können, dürfte man konsequenterweise erwarten, dass sie die AFD als Partei Mitglieder verlassen oder diese Partei nicht mehr wählen: Beides tun diese Kreise aber nicht, und zwar wider besseren Wissens über die permanent verbale und oft schon faktische Gewalt einiger Leute aus dem AFD Umfeld. Das wichtige Buch von Andreas Speit, (Hg.) „Das Netzwerk der Identitären“ ist im Oktober 2018 erschienen, es wird von Koppetsch nicht erwähnt. Aber es zeigt: „Die AFD steckt mit den Identitären unter einer Decke“.
5.
Mich freut, wenn die Autorin ganz am Ende ihrer Studie „die Rechtsparteien“ (von Extremisten ist wieder keine Rede) ein so wörtlich „hochwirksames Gift“ nennt, das diese “Rechtsparteien“ „in den Gesellschaftskörper schleusen“ (Seite 258). Sie schreibt anschließend die für mich kryptische, aber irgendwie auch gefährliche Prognose: “Wenn die Zeichen nicht trügen, dann stehen uns konfliktreiche Zeiten bevor. Das muss nicht zwangsläufig eine schlechte Nachricht sein“ (ebd.) Die konfliktreichen Zeiten sind doch längst da, mindestens seit 4 Jahren. Was soll denn an den konfliktreichen Zeiten „keine schlechte“!, also eine gute Nachricht sein, wenn man die Unbelehrbarkeit der AFD Führer bedenkt und die faktische tötende Gewaltbereitschaft. Ich habe den Eindruck, die Professorin Cornelia Koppetsch unterschätzt deutlich die AFD.
6.
Freilich: Die Darstellung dieses „Gifts“, also die AFD, hat schon dadurch ihre erhebliche und sehr bedauerliche Grenze, dass in dem Buch fast ausschließlich nur von der AFD die Rede ist. Als hätten wir nicht in unserer unmittelbaren west-europäischen Nachbarschaft nicht längst hochgiftige, also nicht nur „rechtspopulistische“, sondern eben rechtsextreme Parteien in ihren Aktionen vor Augen: So ist von der von so vielen Beobachtern rechtsextrem genannte FPÖ in dem Buch soweit ich sehe keine Rede. Dieser Mangel ist besonders gravierend, weil die FPÖ seit Jahrzehnten mit widerlichen Hasstiraden die Reste demokratischer Kultur in Österreich zerstört. Die Partei von Marine Le Pen in Frankreich wird ganz kurz im Zusammenhang der „Nouvelle Droite“ erwähnt, von den rechtspopulistischen Parteien in den Niederlanden oder Belgien ist keine Rede, obwohl die AFD sichtbar seit Jahren mit den Parteiführern dieser europäischen so genannten rechtspopulistischen Parteien auch gemeinsam auftritt. Auch von der Beziehung dieser Parteien, auch der AFD, mit PUTIN ist in dem Buch keine Rede.
Nebenbei: Ich empfehle nicht nur der Autorin, sondern allen Lesern dieses Textes die kritische Studie über die FPÖ, die ja bekanntlich heftig verbandelt ist mit der ÖVP( mit Sebastian Kurz und Co). Siehe das Buch von Robert Misik. https://religionsphilosophischer-salon.de/11616_niedergang-der-demokratie-heute-ueber-oesterreich-und-europa_aktuelle-buchhinweise/philosophische-buecher
7.
Was ich an dem Buch von Cornelia Koppetsch noch problematischer finde: Die Autorin schreibt in ihrer „Danksagung“ auf Seite 259: Sie bedanke sich „bei meinen Bekannten aus der AFD, die mir in vielen Diskussionen ihre gesellschaftlichen Sichtweisen dargelegt haben“. Wenn die Autorin also erläuternde „Bekannte“ in der AFD hat, von Freunden ist ja nicht die Rede, warum werden diese nicht ein einziges mal zitiert: Haben die Bekannten der Autoren Angst, genannt zu werden? Dann hätte die Autorin doch wenigstens aus der einschlägigen AFD Presse und den Stellungnahmen der AFD Führer wichtige Zitate bringen und diskutieren können. Man wird aber keinen einzigen O TON aus AFD Kreisen in dem soziologischen (!) Buch über die AFD finden, sondern nur Zitate aus (z.T. älteren) Studien ÜBER die AFD. Das finde ich, gelinde gesagt, für eine soziologische Studie ( „Feldforschung“ ?) etwas seltsam. So wird kein Wort gesagt über das Parteiprogamm der AFD, das bei Lektüre jeglichen Anschein zerstört, als wäre die Partei sozialpolitisch ganz aufseiten der Armen und Ausgegrenzten.
8.
Trotz dieser Kritik an dem Buch lohnt sich die für gebildete Kreise mühsame Lektüre des Buches doch ein bißchen: Es geht ja um eine Erläuterung des „Zorns“, der sich in den AFD Kreisen Ausdruck verschafft. Dabei folgt Koppetsch den Zorn – Analysen von Peter Sloterdijk. Der Kern ihrer Aussage: Vielfältige Kreise der Gesellschaft, nicht nur Menschen aus dem „Prekariat“, sondern auch vor allem konservativ bürgerliche Männer, sind böse und zornig: Weil sie angesichts der Globalisierung nicht nur die dadurch bedingten Umbrüche nicht mehr verstehen. Sondern weil sie sich beruflich, finanziell und existentiell degradiert sehen. Sie fühlen sich förmlich aus der altvertrauten Bahn ihres üblichen Lebens geworfen. Und sie geben für diesen Verlust an innerer wie äußerer vertrauter Heimat den Fremden, den Flüchtlingen, vor allem die Schuld. Und indirekt auch den Politikern, die sie für die „abgehobenen Eliten“ halten und manchmal noch kosmopolitisch und humanistisch denken, wie die Kanzlerin in den ersten Tagen, als 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. .
Diese Zusammenhänge werden von Cornelia Koppetsch sehr ausführlich dargestellt. Zusammenfassend glaubt sie sogar feststellen zu müssen, dass die AFD Wähler „auch nachvollziehbare Gründe für die Zurückweisung liberaler Gesellschaftsbilder, emanzipatorischer Politikmodell und linksliberaler Eliten haben“ (257). Diese rechtspopulistischen Kreise, die ja, wie gesagt, in dem Buch nie rechtsextreme Kreise genannt werden, haben also für Frau Koppetsch subjektiv gute Gründe, antiliberal zu sein. Also damit wohl auch gegen die vom Liberalismus nun einmal formulierten Menschenrechte zu stimmen: Weil diese Rechtspopulisten schlicht und einfach meinen, summarisch gesagt, diese liberalen Kreise seien arrogant, herrschsüchtig, verlogen, kosmopolitisch und empfinden damit anti-heimatlich. Sie werden von den Rechtspopulisten förmlich zu „Volksfeinden“ erklärt.
Der feine Unterschied ist doch der: Diese liberalen oder sozialdemokratischen oder grünen Kreise halten jedenfalls noch sehr viel von den Menschenrechten, auch wenn sie wissen, dass sie den Forderungen der Menschenrechten sehr selten persönlichen ganz entsprechen. Aber sie halten die Menschenrechte immerhin noch hoch und fordern sie von den Politikern. Die AFD Leute setzen sich meines Wissens hingegen nicht subjektiv und auch nicht objektiv in der Politik für die Geltung der universalen für alle Menschen geltenden Menschenrechte ein. Denn: „Wir sind das Volk“, also alles bestimmend. Deswegen: Germany first, USA first: Menschenrechte, wenn überhaupt, ganz zuletzt. Das sind die Unterschiede, die leider Frau Koppetsch bei ihrem Verständnis, ich sage ja nicht versteckte Sympathie für die AFD nicht sieht und auch nicht sagt. Mit der Elite der, Gott sei Dank, noch herrschenden Demokraten sind die Menschenrechte noch einklagbar. Und es gibt noch Menschen bei Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen oder an der lebendigen Basis der Kirchen, die diese Menschenrechte faktisch leben. Mit der AFD Clique ginge das ganz und gar nicht. Schade, dass das Frau Koppetsch nicht sagt.
9.
Mit scheint, dass Cornelia Koppetsch durchgängig die These variiert: Schuld am Aufkommen des Rechtspopulismus sind die liberalen, demokratischen Kreise: Sie grenzen aus, sie ignorieren die alten Werte, sie sind egoistisch. Man lese die immer wieder kehrende Beschreibung, dass sich die Liberalen als Wohlhabende abschotten von den ärmeren Leuten; dass die Liberalen den Kapitalismus faktisch bejahen, selbst wenn sie ihn theoretisch ablehnen. Und vor allem auch dies ist eine wichtige These der Autorin: Sie sind verlogen, weil sie selbst ausländerfeindliche oder flüchtlingsfeindliche Ressentiments haben. Diese aber verstecken und nicht öffentlich zugeben.
10.
Aber immerhin sind die von Frau Koppetsch kritisierten liberal-wohlhabenden Kreise, zu denen sie ja als Professorin selbst gehört, immer noch zur Selbstkritik in der Lage. Sie sind lernbereit. Und auch dies: Sie sind bekanntlich, gerade aus Kirchenkreisen, sehr hilfsbereit. Auch für die Flüchtlinge. Mit ist nicht bekannt, dass auch nur im entferntesten irgendein AFDler aktiv positive Flüchtlingshilfe leistet. Falls ja, bitte melden!
11.
Religionen und Kirchen werden in dem Zusammenhang von der Autorin äußerst marginal erwähnt, sie sind für sie eher eine vergangene Gestalt gesellschaftlicher Präsenz, lediglich die Evangelikalen werden kurz gewürdigt. Bezeichnenderweise ist soweit ich sehe das wichtigste und zitierte Buch über Religionen für die Autorin das Buch von Martin Riesebrodt von 1990.
12.
Was mich am meisten erstaunt, mit welcher Naivität positiv gestimmt die Autorin mit dem Begriff des „Nationalen“ und der „Nation“ umgeht. Sie schreibt: „Die Identifikation mit der Nation war eine progressive, keine regressive Kraft“ (186, ähnlich auch 252). Die Identifikation mit einer Nation war und ist die Hauptursache für Kriege und Aggressionen: Man muss kei Fachhistoriker sein, um dies zu wissen. Erstaunlich, dass eine Soziologin sich zu solcher Verteidigung der Nation hinreißen lassen kann. Vielleicht hat sie etwas zu viel mit ihren Bekannten von der AFD verständnisvoll geplaudert…
13.
Schlimm finde ich auch die eher nebenbei geäußerte Meinung zur Holocaust-Erinnerung: Cornelia Koppetsch schreibt: „Als wenig hilfreich erweist sich auch eine Holocaust-Erinnerung, die in leeren Ritualen und monumentalen Denkmälern und auf das Singuläre (kursiv von Koppetsch) der Gräueltaten von Auschwitz und Treblinka gerichtet ist, während dem bis heute wirksamen kolonialen Rassismus sowie tief verwurzelten islamophoben Einstellungen weitaus weniger Beachtung geschenkt wird“ ( 252 f.). Dass Islamophobie zu wenig kritisiert wird genauso wie die koloniale Rassismus, ist wohl klar. Aber muss man deswegen die Holocaust-Erinnerung herunterspielen und falsch beschreiben, indem die Autorin von „leeren Ritualen“ und monumentalen Denkmälern spricht: Welche monumentalen Denkmäler meint sie eigentlich? Was ist „leer“ an humanen Ritualen, wenn Menschen voller Trauer auf dem Gelände ehemaliger KZs mit den wenigen noch Überlebenden ins Gespräch kommen und gemeinsam laut ein „Nie wieder“ sagen oder schreien?
Angesichts des zunehmenden aggressiven Antisemitismus in Deutschland und Europa (die AFD tut nur so, als wäre sie pro-jüdisch, um dann nur um so mehr anti-islamisch zu sein), sind diese Sätze von Cornelia Koppetsch nicht nur überflüssig, sondern falsch. Hat sie die Äußerungen von Herrn Gauland über die Nazi-Terror-Herrschaft mit der systematischen Ermordung von 6 Millionen Juden vergessen? Als dieser AFD Führer im Juni 2018 (!), also noch zur Zeit der Arbeit an dem Buchmanuskript, sagte: „Die NS Zeit ist nur ein Vogelschiss in der deutschen Geschichte“.
14.
Auch wenn einige Aussagen, sowie einige gut nachvollziehbare grundlegende Darstellungen etwa über Norbert Elias (206 f.) interessant sind: Abgesehen von der zweifellos zu bedenkenden und manchmal bedenklich arroganten Haltung der Liberalen und der Demokraten sehe ich in dem so ausführlichen Buch keinen bedeutenden Erkenntnisgewinn. Die politische Geschichte in Deutschland (und bei den europäische Nachbarn) ist im Zusammenhang des so genannten Rechtspopulismus und der AFD über die Erkenntnisse dieses Buches längst hinausgegangen, siehe die tiefe historische Zäsur durch den Mord an Walter Lübcke. Dieser Bruch in der Demokratie begann wahrscheinlich schon, als die NSU Morde geschahen und die deutsche Justiz Jahre lang geschlafen hat in der Verfolgung dieser Verbrecher.
15.
Das von Koppetsch angedeutete GIFT des Rechtspopulismus wird bereits heute mehrfach „eingesetzt“. Und zwar tödlich. Und die nun ja auch bereits zum Teil rechtslastige Polizei ist überfordert, angeblich. Und die Richter urteilen im Falle von rechtsextremer Gewalt meist sehr milde.
Das ist unsere Situation. Und da zeigt sich meines Erachtens genauso wichtige ZORN der Demokraten. Sie wollen in ihrem Zorn aber im Unterschied zur AFD eine bessere Demokratie. Und die Geltung der für alle Menschen geltenden Menschenrechte!

Cornelia Koppetsch, Die gesellschaft des Zorns. Rechtspopulismus im globalen Zeitalter. 283 Seiten, Transcript Verlag im Mai 2019, Taschenbuch 19,99 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Die Kraft des Vergebens. Eva Kor vergibt dem SS Arzt Mengele

Im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon“ berichten auch KorrespondenTinnen über Erfahrungen, Begegnungen, Einsichten. Diesmal Monika Herrmann, Berlin, über eine Begegnung mit der Jüdin Eva Kor. Ihre Botschaft: Verzeihen ist eine Fähigkeit, die den Menschen befreit; er kann sich aus den angeblich ewigen negativen Gefühlen aus Haß und Verachtung lösen. Der dunkle Horizont im Leben lichtet sich im Akt der Vergebung, er ist ein Zeichen der Größe.

Vergebung bedeutet Freiheit
Über den Mut einer ungewöhnlichen Frau berichtet Monika Herrmann, Berlin, zuerst veröffentlicht am 17.9.2010

Eva Kor ist am 4. Juli 2019 gestorben. Eine großartige Frau. Ein Mensch, der vergeben kann (ohne dabei zu vergessen). Vor fast 10 Jahren veröffentlichten wir einen Beitrag von Monika Herrmann, als Erinnerung an Eva Kor.

Dass sie müde ist, lässt Eva Mozes Kor sich nicht anmerken. Die 76-jährige alte Dame mit der blond gefärbten Kurzhaarfrisur sitzt in der Berliner Martha-Kirche und erzählt ihre Geschichte: Rund 100 Zuhörer sind gekommen. Es ist die Geschichte eines Holocaust-Opfers, das seinen Peinigern vergeben hat.
Eva war ein kleines jüdisches Mädchen als sie und ihre Zwillingsschwester Miriam für so genannte Rassen-Experimente von Josef Mengele missbraucht wurden, von jenem SS-Arzt, der im Auftrag der Nationalsozialisten Menschenversuche an KZ-Insassen durchführte. Eva ist eines seiner Opfer; aber sie hat ihre Opferrolle verlassen. „Ich habe Mengele und all den anderen Nazis vergeben“, erklärt sie an diesem Abend in der Kreuzberger Kirche. Kann man das überhaupt?, fragen sich viele Zuhörer? Muss man nicht Menschen wie Mengele hassen? Und zwar für immer?
Seit rund 50 Jahren lebt Eva Mozes Kor in den USA. Aber Deutschland, das Land der Täter, ist immer wieder Ziel ihrer Reisen. Auch Berlin besucht sie dann. „Ich liebe diese Stadt, die Menschen sind sehr nett“, sagt sie höflich. Manchmal, wenn ihr beim Reden der Ärmel des hellblauen Kostüms ein wenig nach oben rutscht, wird die Häftlingsnummer sichtbar, die sie in Auschwitz eintätoviert bekam: A-7063 steht da noch immer lesbar auf ihrem rechten Arm.
Eva und Miriam werden 1934 im rumänischen Portz in einer jüdischen Familie geboren. Als 10-jährige werden sie mit ihren Eltern und den älteren Schwestern in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert. „Als wir aus dem Waggon getrieben wurden, sah ich den grauen Himmel und den Stacheldraht. Miriam und ich wurden dann sofort von der übrigen Familie getrennt. Wir haben uns nie wieder gesehen“, erzählt Eva Kor. Die kleinen Mädchen begreifen erst allmählich, dass sie gebraucht werden für medizinische Experimente, die Mengele im Rahmen seiner Rassenforschung in Auschwitz an Zwillingspaaren macht. „Miriam und ich erfuhren von Gaskammern und Krematorien, wir lebten von da an mit dem Sterben der Menschen. Wir sahen ausgemergelte Kinderleichen und schliefen zwischen Ratten und Mäusen. In diesem Moment beschloss ich, zu überleben“, erklärt die alte Dame. Mehrmals pro Woche werden sie und Miriam von Mengele und seinen Assistenten für Versuchszwecke missbraucht. Weit über tausend Zwillingspaare haben unter diesen Versuchen in Auschwitz gelitten. Sie bekommen Tropfen in die Augen und Injektionen mit der Folge von hohem Fieber, manchmal reagieren sie mit Ausschlag am ganzen Körper. Es sind Chemikalien und Krankheitserreger, deren Wirkung im Körper getestet werden soll. Manche Kinder werden dabei ohnmächtig oder sterben.
Am 29. Januar 1945 wird Auschwitz von sowjetischen Soldaten befreit. „Wir hatten überlebt und waren endlich frei“. Wenn Eva Mozes Kor heute diesen Satz sagt, schwingt ein Hauch von Stolz mit in ihrer Stimme. Und dann erklärt die alte Dame, woher sie die Kraft zum Weiterleben nahm: Dass es immer Dinge in ihrem Leben gab, die ihr wichtiger waren als die Opferrolle. Dass sie Michael Mozes geheiratet und Kinder bekommen hat. In den USA führte sie eine Immobilienfirma, auch eine Hilfsorganisation für Kinder, die den Holocaust überlebt haben, hat sie gegründet. Eigentlich das ganz normale Leben einer emanzipierten Frau, Familienmutter und Unternehmerin. Ihre Schwester Miriam lebt inzwischen in Israel. Sie leidet an ihrer schweren Nierenerkrankung. 1992 spendet Eva ihre eine ihrer Nieren, um ihr Leben zu retten. Doch Miriam stirbt. Auch Eva Mozes Kor erkrankt an Tuberlose. Sind es die Spätfolgen der Versuche in Auschwitz? Sie vermutet es und weiß, dass die damalige IG-Farben-Pharmazeutika die Giftcocktails für die Versuche geliefert hat. Deshalb verklagt Eva Mozes Kor zusammen mit anderen Opfern die Nachfolgefirma BAYER. Sie fordern eine Entschädigung, die bisher nicht gezahlt wurde.
Als Eva Mozes Kor 1993 von einem amerikanischen Filmproduzenten gefragt wird, ob sie an einer Dokumentation über die Mengele-Experimente mitwirken möchte, sagt sie zu. „Es wäre schön, wenn sie einen ehemaligen SS-Arzt mitbringen könnten“, bittet sie der Filmemacher. Eva Mozes Kor findet Hans Münch, jenen Naziarzt, der mit Mengele zusammen gearbeitet hat. Sie besucht ihn in seinem Haus in Bayern. Münch, der Nazitäter, berichtet freimütig von Gaskammern und Krematorien in Auschwitz. Er gibt zu, dass er derjenige war, der die Totenscheine im Lager unterzeichnet hat. Eva Mozes Kor ist beeindruckt von seiner Offenheit und bittet ihn, mit ihr gemeinsam nach Auschwitz zu reisen. Münch soll dort – so will sie es – öffentlich die Existenz der Vernichtungsmaschinerie der Nazis erklären. Der ehemalige Lagerarzt stimmt zu und Eva Mozes Kor bedankt sich bei ihm dafür, indem sie ihm vergibt. Ein Freund stellt ihr schließlich die Frage, ob sie bereit wäre, auch Josef Mengele zu vergeben? Eva Mozes Kor sagt, dass sie dazu innerlich sofort bereit gewesen sei. „Warum sollte ich das nicht tun“? fragt sie sich und beschließt, diesen Akt der Vergebung öffentlich und in Auschwitz zu vollziehen. „Ich fühlte, dass ich dazu die Kraft hatte“.
Es ist der 50. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz als Eva Mozes Kor, begleitet von einem Kamerateam und ihrer Familie auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslager steht. Auch der Täter Hans Münch ist gekommen und verliest seine Erklärung, die bestätigt: Ja es gab Auschwitz, lautet seine Botschaft, die Eva Mozes Kor wichtig war. „Es gab ja immer noch die vielen Holocaustleugner, die nun endlich von einem ehemaligen Täter die Wahrheit erfuhren“. Dann geht sie selbst ans Mikrophon: „Ich vergebe Josef Mengele und allen Nazis, die an der Ermordung der Juden beteiligt waren“, lautet ihre Amnestie-Deklaration. In diesem Moment sei die Bürde des Schmerzes von ihren Schultern gefallen, sagt die alte Dame. „Ich fühlte mich frei, glücklich und vor allem nicht mehr als Opfer. Ich war keine Gefangene meiner tragischen Vergangenheit mehr“.
Wenn sie heute gefragt wird, wie ihre Vergebungsbotschaft bei anderen überlebenden Juden angekommen ist, wird ihre Stimme deutlich leiser. „Ich bin sehr traurig, dass die meisten Überlebenden meine Haltung nicht teilen“, sagt sie. „Aber so einen Schritt zu tun, erfordert sehr viel Kraft und jeder muss für sich selbst entscheiden, ob er diese Kraft hat“. Die meisten der noch lebenden Opfer hätten ihre Haltung gegenüber den Nazitätern nicht geändert. „Sie denken gar nicht über eine Vergebung nach, sie hängen vielmehr an ihrem Schmerz, und schweigen lieber über ihre Leiden und ihren Hass unf geben all das weiter an die nächsten Generationen! Damit werden sie dann selbst zu Tätern. Dabei bedeutet Vergebung auch Heilung der Seele“. Eva Mozes Kor wird nicht müde, immer wieder zu betonen, dass ihr Schritt ein ganz persönlicher war und ist. Sie verschweigt auch nicht, dass es in ihrem Leben immer wieder Phasen gab, in denen sie zornig und wütend war auf alle Naziverbrecher. „Aber nur in der Vergebung, können die Opfer überhaupt weiterleben“, daran hält sie fest und stellt klar, dass ihre Art der Vergebung nicht religiös motiviert sei. „Ich bin keine fromme Jüdin“. Eva Mozes Kor will auch nicht die Erinnerung und das Vergessen verdrängen. Sie sagt, dass sie ihren Schritt der Vergebung letztendlich für die Opfer getan habe und nicht den Tätern damit helfen wollte.
Solche Sätze irritieren und provozieren auch. Und die alte Dame wird deswegen oft missverstanden, ja sogar angefeindet, sie erhält bitterböse Briefe, Anrufe und Emails. Denn die Filmdokumentation läuft immer wieder im amerikanischen und auch im israelischen Fernsehen. Gerade ist die Fassung ins Deutsche übersetzt worden. In der Kreuzberger Martha-Kirche war der Film Teil der Veranstaltung. Darin finden sich auch kritische Sätze. Die von Jana Laks beispielsweise. Sie ist auch ein überlebender „Mengele Zwilling“. Eva Mozes Kor’s Vergebungsakt bezeichnet sie als „unanständig“ und erklärt, dass man nicht etwas verzeihen könne, was Millionen Juden angetan wurde. Eva Mozes Kor hält solche Art von Kritik und Anfeindung aus. „Ich spreche für mich und nur für mich“, sagt sie immer wieder. An diesem Abend lautet ihre Botschaft: „Vergebung ist doch ganz einfach und kostet kein Geld, deshalb kann das auch jeder“.
Der Berliner Rabbiner Andreas Nachama sagt, dass eine Auschwitz-Überlebende natürlich Mengele und all den anderen Naziverbrechern vergeben könne. „Sie kann es nicht im Namen aller Opfer tun, aber wenn sie das für sich selbst so entscheidet und nur für sich spricht, ist es OK“. Der „reformierte Rabbiner“ will Eva Mozes Kor Vergebung nicht kritisieren. Auch in der Kreuzberger Martha-Kirche findet sie viel Zustimmung. Kritik gibt es an diesem Abend nicht, eher Verständnis. Schließlich spiele Vergebung auch in der Bibel eine wesentliche Rolle, meint ein Zuhörer. Eine Frau im mittleren Alter sagt, dass die Praxis der Vergebung tatsächlich ein großes Geschenk für denjenigen sei, der vergibt. Eva Mozes Kor ist in die USA zurückgekehrt. Aber sie hat versprochen wiederzukommen.
Copyright: Monika Herrmann

Die Hedwigs – Kathedrale in Berlin wird jetzt umgebaut: Mindestens 60 Millionen Euro nur für Steine…

Ein Hinweis von Christian Modehn

Alle Kritik, alle Debatten, sogar der Gerichts-Prozess haben nichts genützt. Die Hedwigskathedrale in Berlin-Mitte wird jetzt definitiv umgebaut. Die Arbeiten haben begonnen, meldet die „erzbischöfliche Pressestelle“. Wie hat doch Erzbischof Koch treffend schon am 1.11.2016 geschrieben: Er habe entschieden: „Die Umgestaltung der Kathedrale in ANGRIFF ZU NEHMEN“.

Es ist wirklich ein Angriff, diese Entscheidung für den Umbau, ein Angriff auf die Vernunft in mehrfacher Hinsicht. Nicht nur, wenn man dringend den Erhalt dieses kunsthistorisches Denkmals fordert. Darüber ist inzwischen das meiste gesagt worden.
Erinnern sollte man sich in den kommenden Jahren an die Worte des Richters Marcus Rau vom Verwaltungsgericht, der die Klage im Januar 2018 zugunsten des Erhalts dieser Form der Kathedrale zurückgewiesen hatte. Er nahm in seiner Entscheidung FÜR den Umbau explizit Rücksicht auf die „Selbstbestimmung der Kirche“. „Ginge es um eine normale unter Denkmalschutz stehende Immobilie, könnte die Entscheidung durchaus anders ausfallen“, berichtete die Presse, etwa auch die „Berliner Morgenpost“. Das heißt: Die doch wohl unabhängige Justiz in Deutschland nimmt im Fall der Hedwigskathedrale also Rücksicht auf den rechtlichen Sonderstatus der Kirche. Kann man besser belegen, dass es nicht nur keine Trennung von Kirche und Staat in Deutschland gibt? Sondern auch, dass die Rechtssprechung, angeblich neutral, die kirchlichen Eigenwelten und Eigengesetze voll respektiert. Wofür braucht die Kirche noch eine staatliche Rechtsprechung?

Wichtiger scheint mir aber: Es sind bis jetzt (die Summe wird sicher noch größer, wie üblich bei Bau-Maßnahmen) 60 Millionen Euro für den Umbau der Kathedrale und die Neugestaltung des benachbarten Bernhard Lichtenberg-Hauses geplant. Dort wird auch eine Wohnung für den Erzbischof und seinen Haushalt renoviert bzw. neu errichtet, dieses Detail erwähnt die Pressemeldung vom 1.7.2019 nicht.
Und es ist Ausdruck des prächtigen Zusammenarbeitens von Kirche und Staat, dass 12 Millionen Euro vom Bund und 8 Millionen Euro vom Land Berlin für die Umgestaltung der Kathedrale stammen.

Armes Land, arme Republik, die so viel Geld in ein sinnloses Umbauprojekt vergeuden. Denn eine maßvolle, bescheidene Renovierung der Kirche und damit das Belassen im alten Zustand, hätte, so sagen Fachleute, nicht mehr als 10 Millionen gekostet. Und die hätte die Kirche ja durch Spenden aufbringen können.

So werden mindestens 60 Millionen Euro in Steine „gesteckt“. Bloß damit der Klerus seine Messen und Pontifikalämter etwas dichter an der Gemeinde steht, also an einem neu eingerichteten Altar, die ewig selbe Liturgie zelebrieren kann. Als würde dadurch eine neue Nähe zwischen Laien und Klerus erzeugt! Nachdenkliche Laien haben sich ohnehin von diesem, die Steine und die eigene Herrschaft liebenden Klerus abgesetzt und „à Dieu Kirche!“ gesagt. Meint der Klerus im Ernst, eine teuer umgebaute Kathedrale würde die Zustimmung zum (Berliner) Katholizismus insgesamt erhöhen, wie die offizielle Pressemeldung suggeriert….

40 Millionen stellt nun die Kirche selbst zur Verfügung. Sie hat ja ohnehin Geld wie Mist , obwohl sie ständig um Spenden bettelt. Denn die Katholiken treten zwar in Scharen aus der Kirche aus, aber die Kirchensteuern fließen noch heftig hinein in den bekannten Milliarden Euro –Bereich.

Warum so viel Phantasielosigkeit in dieser Klerus Kirche? Was hätte denn die Kirche tun können, wenn sie sich an ihre eigenen Worte erinnert hätte, von dem armen Propheten Jesus von Nazareth und seinem Lebensentwurf ganz zu schweigen: Also, allzu viele Predigten tönen doch vollmundig so: Zuerst den Menschen nahe sein. Eine Kirche für die Armen sein, wie dies Papst Franziskus ständig fordert und nicht durchsetzt: Bekanntlich werden Bischofspaläste nach wie vor großzügig errichtet. Und vom Verkauf einiger Immobilien des Vatikans in Rom hat man auch nichts gehört. Alles frommes Gerede also, diese „Option für die Menschen, besonders die Armen“. .
Um noch einmal, und für uns zum letzten Mal in dieser Sache, um die christliche Phantasie in Gang zu bringen: Nur einige Beispiele: Die Kirche hätte doch bei einer bescheidenen Renovierung die übrig gebliebenen 50 Millionen für Bildungsprogramme ausgeben können, auf dem Land, in Brandenburg, um die „Ursünde“ des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und des Antisemitismus zu bekämpfen. Oder: Sie hätte viele kleine Bildungshäuser für ökologische Aktionen einrichten können, hätte zwei kaum noch genutzte große Kirchen zu Wohnungen für Familien und Flüchtlinge umbauen können; sie hätte so genannte Laien, Frauen und Männer, ausbilden können, die in den zunehmend „priesterlosen Gemeinden“ verantwortlich das Gemeindeleben wieder in Schwung bringen und selbstverständlich Gottesdienste und Eucharistie feiern. Sie hätte offene kleine Treffpunkte des Gesprächs mieten können für den Dialog der Berliner untereinander, über Gott und die Welt. Um dem langweiligen Programm der katholischen Akademie Berlin einen Gegenakzent zu setzen…
Die Kirche hätte also in Menschen „investieren“ können und damit öffentlich gesagt: Diese umfassende Neugestaltung der Kathedrale ist uns überhaupt nicht so wichtig. Wichtiger sind uns die Menschen. Die Stärkung der Kommunikation, der Friede in der Stadt usw….
Die Hedwigs- Kathedrale ist auch ihrem Gründer und Bauherrn in gewisser Weise verpflichtet: Dem Philosophenkönig Friedrich II.! Für ihn war die religiöse Toleranz entscheidend wichtig. An den Geist ihres Baumeisters denkt kaum noch ein Katholik im positiven Sinne! Den Geist der Toleranz zu verbreiten, wäre jetzt möglich gewesen, wenn man die 50 Millionen für einen Total-Umbau eingespart hätte – zugunsten der Menschen.
Vielleicht hätten dann bei dieser Großzügigkeit die Menschen Beifall gespendet und endlich mal Bravo zu dieser Kirche gesagt, die in der Korruption des Missbrauchs förmlich erstickt und deswegen zurecht den allgemeinen „Vertrauensschwund“ beklagt-

Aber nein: Der Klerus und die wenigen ihm noch gehorsamen Laien lieben mehr die Steine, die neuen Granitplatten in der Hedwigs – Kathedrale und sonstiges Gestein: Ein Jammer ist das und ein theologischer Skandal.
Und jetzt ist man so hartnäckig und wird wohl zu jeder Kleinigkeit des Umbaus zu einem Fototermin eingeladen, Start ist die Abnahme der Pfeifen, der Orgelpfeifen, in der Kathedrale am 3.7.2019. Und dann gehen die Foto Termine sicher weiter. Wer will sich diese Bilder noch ansehen?

Copyright: Christian Modehn, Journalist und Theologe. Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die rechten Populisten und Rechtsextremen sind Flüchtlinge

Ein Kommentar zum Weltflüchtlingstag am 20.6.2019
Von Christian Modehn

Der Beitrag unten hat bei einigen LeserInnen Fragen hervorgerufen, das ist gut so und der Sinn dieser Beiträge auf dieser Website. Aber auch Irritationen und Missverständnisse zu diesem Hinweis wurden mitgeteilt.

Ich will deswegen noch einmal, am 23.6.2019, in aller Kürze den Gedankentag meines Beitrags deutlich machen.

Der Beitrag ist anlässlich des Welttages der Flüchtlinge (20.6. 2019) geschrieben worden. Darauf liegt der Focus.

Die zentrale These ist darauf bezogen: Es gibt zunehmend in Deutschland (und in ganz Europa) Menschen, die ihre politische Einstellung, ja ihre Lebenseinstellung im ganzen, vor allem über ihre Ablehnung der jetzt hier schon lebenden oder noch kommenden Flüchtlinge, etwa aus Afrika, definieren.
Diese Menschen lehnen die Flüchtlinge als „wesensfremd“, also auch als „gefährlich“ für unsere hiesige Gesellschaft ab. Sie wollen und können sich kein gerechtes Miteinander der Kulturen in Deutschland und Europa vorstellen. Diese Kreise werden im allgemeinen Sprachgebrauch rechtspopulistisch oder manchmal auch rechtsextrem genannt. Gelegentlich sind sie gewalttätig.

Ich schlage vor: Diese erklärten Gegner, wenn nicht Feinde der Flüchtlinge hier, sind selbst Flüchtlinge.
Das heißt: Rechtspopulisten und Rechtsextreme sind aus dem demokratischen, freiheitlichen, den Menschenrechten unbedingt verpflichteten Werten geflohen
.

In einer mehr formalen, allgemeinen Definition sind Flüchtlinge bekanntlich Menschen, die eine Gesellschaft, Gemeinschaft, einen Staat verlassen, freiwillig oder unter dem Druck der für sie subjektiv nicht mehr akzeptablen Verhältnisse.

Diese rechtspopulistischen Flüchtlinge geben als subjektiven Grund ihrer „inneren“, ideologischen Flucht an: Wir wollen mit allen Mitteln raus aus dieser Demokratie. Ein Grund dafür: Die Angst, den eigenen Wohlstand angesichts der „anderen“, also der Flüchtlinge aus Afrika und späteren Mitbürger hier, zu verlieren. Es ist die Angst vor einer gerechteren, demokratischen Gestaltung dieser Welt voller Ungleichheit.

Man könnte diese Flüchtlinge auch also als eine neue Form von Wirtschaftsflüchtlingen bezeichnen: D.h.: Sie leben in der Angst, dass Fremde, auch Flüchtlinge etwa aus Afrika, ihnen ihren Besitz und ihre Privilegien in Deutschland wegnehmen. Deswegen hassen eine demokratische Ordnung, die eine gewisse Gerechtigkeit für alle Menschen noch wünscht und auch fördern will.

Die Arroganz der Rechtsradikalen kann mindestens intellektuell gebrochen werden, wenn die Mehrheitsgesellschaft sie als Flüchtlinge im eigenen Land betrachtet und behandelt und als solche anspricht. Diese Leute sind aus der demokratischen Mehrheitsgesellschaft förmlich selbst „heraus gefallen“. „Flüchtlinge im eigenen Land“ gibt es ja in vielfacher Form, etwa in Kolumbien.
Nur ist es so, dass die Flüchtlinge im eigenen Land, in Deutschland, sich förmlich selbst vertrieben haben aus der Kultur dieses Landes, sie wurden zu Flüchtlingen, weil sie die Demokratie nicht mehr ertragen konnten und wollten.

D.h.: Diese Kreise sollten also, aufgrund dieser ihrer nicht zu akzeptierenden Ideologie, gründlich gebildet und informiert werden über die demokratische Kultur und ihre Gesellschaft. So, wie hierzulande die Flüchtlinge aus den muslimischen Staaten, manchmal fundamentalistisch orientiert, hier gründlich gebildet werden und mit der demokratischen Kultur der Menschenrechte vertraut gemacht werden. Dies als Voraussetzung für einen weiteren Aufenthalt in unserer Kultur.

Die rechtspopulistischen Flüchtlinge in Deutschland verlassen aber „nur“ geistig, „nur“ ideologisch, „nur“ politisch unser Land, unsere Kultur. De facto leben sie weiterhin in dem Land, der Kultur, der Gesellschaft, die sie eigentlich ablehnen. Und ihr Ziel ist: Dass dieses Land, aus dem sie ideologisch geflohen sind (auch wenn sie leibhaftig hier noch ihre Präsenz heftig zeigen), nach ihren Normen umgestaltet wird, Normen, die sie durchsetzen wollen: Diese Normen widersprechen dem Geist der Menschenrechte. Mit anderen Worten: Diese Leute als rechtsextreme Flüchtlinge unter uns haben das Ziel: Dass dieses Land die demokratischen Werte aufgibt, also die absolute Bindung an die Menschenrechte.

Der jetzt folgende, etwas längere Beitrag, wurde schon zum Welttag der Flüchtlinge am 20.6. 2019 verfasst. Er umschreibt die hier mitgeteilten Thesen noch einmal auf andere Weise. Und empfiehlt u.a. den geduldigen Dialog mit diesen Kreisen.

Dies ist der Beitrag, der am 18.6. 2019 zum Welttag der Flüchtlinge veröffentlich wurde:

Die rechten Populisten und ihre rechtsextremen Freunde sind Flüchtlinge.
Dies ist keine ironische Behauptung, sondern eine Tatsache. Diese sich lautstark und ständig unverschämt äußernden sehr rechten Kreise soll man also ganz stark einbeziehen, wenn man die umfassende Bedeutung des „Weltflüchtlingstages“ bedenkt. Damit soll der Ernst dieses „Welttages“ im Blick auf die materiell leidenden und seelisch tief verletzten und oft rechtlosen Flüchtlinge etwa aus Afrika überhaupt nicht geschmälert werden.
Es wird nur an die Tatsache erinnert, dass die Rechtspopulisten und Rechtsextremen fliehen oder geflohen sind: Sie sind Flüchtlinge aus der demokratischen Welt und ihres grundlegenden Prinzips: Und das sind die Menschenrechte. Diese können eben nur absolut und universal gelten, selbst wenn sie von den Demokratien allzu oft leider ignoriert werden. Aber an der absoluten Gültigkeit der Menschenrechte können und wollen Demokraten gar nicht rütteln.
Diese Rechtspopulisten und Rechtsextremen sind also aus der demokratischen Welt geflohen, weil sie diese nicht ertragen konnten, nicht verstehen konnten oder verstehen wollten, weil sie ihnen keine unmittelbaren ökonomischen Vorteile zu bringen schien , weil sie sich von herrschsüchtigen Agitatoren verführen ließen, weil sie eigensinnig und störrisch ihre begrenzte nationale bzw. kleinbürgerliche Weltanschauung heilig sprachen und sprechen. Und zunehmend zur Gewalt neigen bis hin zum Mord an Politikern. Diese rechtsradikalen Flüchtlinge aus der Menschlichkeit und aus den Menschenrechten müssen dann bestraft werden…
Rechtspopulisten und Rechtsradikale lehnen als Flüchtlinge aus der Demokratie die demokratischen Prinzipien ab. Sie lehnen den Rechtsstaat ab, die Unabhängigkeit der Gerichte, den Pluralismus, die Pressefreiheit usw. Noch einmal: Die rechten, populistischen und rechtsextremen Kreise und Parteien haben also als Flüchtlinge diese Lebensgrundlage einer humanen Ordnung verlassen. Sie sind geflohen in die z.T. altbekannte Ideologie mit ihrer katastrophalen (kriegerischen) Auswirkungen: Diese Ideologie setzt sich zusammen aus Ressentiments, Rassismus und offenem bzw. verstecktem Antisemitismus, Nationalismus („Deutschland zuerst“): Die einzige Moral dieser Herren ist der Egoismus als unbedingte Verteidigung des eigenen Luxus, den andere, Arme, erzeugt haben: Dahinter steht die Ideologie: Es gibt Herrenmenschen und Untermenschen.
Mit diesem Gebräu aus ideologischen Versatzstücken leben sie nun als Flüchtlinge unter uns: Und diese Flüchtlinge sind alles andere als untätig: Sie wollen ganz öffentlich und unverschämt diese demokratische Ordnung langsam in Richtung „illiberales“ Herrschaftssystem umbauen, im Rahmen einer „rechten Revolution“, von der diese Flüchtlinge schwadronieren. Und sie haben schon „Erfolge“ vorzuweisen: Unter diesen rechtsradikalen Flüchtlingen sind Gefährder, das ist deutlich, aber wissen das alle Mitglieder der Polizei, alle Richter, alle Bürgermeister etc.? Wahrscheinlich nicht.

Wie sollen Demokraten mit diesen rechtsextremen Flüchtlingen in ihrem eigenem Land umgehen? Indem man sie mit den demokratischen Werten und Lebensformen energisch und heftig vertraut macht als der Bedingung, unter der sie als Flüchtlinge eben hier leben dürfen und sich neu orientieren können. Mit einem Dialog sollten es Demokraten immer wieder versuchen. Die allgemeine universale Vernunft hat ja diese Menschen nicht verlassen, denke ich. Aber klar ist das Ziel dieser Schulung und Bildung klar: Lebendige Anerkennung der Menschenrechte auch in der eigenen LebensPRAXIS durch diese sonderbaren Flüchtlinge. Es ist ein Skandal, dass einfach so eher nebenbei berichtet wird, es gebe so und so viele hundert rechtsextreme Gefährder etwa in Brandenburg: Diese Leute müssen beobachtet und gebildet, meinetwegen: zur Demokratie erzogen werden.
Das ist ja bekanntlich eine Forderung, die sich an alle Flüchtlinge, zumal aus muslimischem, besonders extremistischen Kontext, richtet. Also nicht nur gründliche Umschulung ist angesagt, auch strafrechtliche Verfolgung bei Untaten vonseiten dieser rechtsextremen Flüchtlinge.

Hilfreich ist es, diese „rechtsextremen Flüchlinge aus der Demokratie“ mit den leidenden Flüchtlingen aus Afrika und Syrien hier ins Gespräch zu bringen, vielleicht sogar unmittelbar Freundschaft unter diesen so unterschiedlichen Flüchtlingen zu stiften. Vielleicht ist aber auch am Anfang Polizeischutz für die Flüchtline aus Afrika bei solchen Begegnungen nötig? Aber die Aggressionen der Rechtsextremen werden wohl geringer, wenn sie das reale Leben der Flüchtlinge direkt, „von Angesicht zu Angesicht“, kennen lernen und die Menschlichkeit dieser Menschen schätzen lernen… Wo sind nur bloß die Orte der Begegnung? Die Kirchengemeinden verschwinden bekanntlich gerade in den Regionen, wo diese rechtsextremen Flüchtlinge sich ziemlich stark aufhalten, etwa in den neuen Bundesländern. Die Demokraten bereiten ihr eigenes Ende vor, wenn es etwa Jugend“arbeit“ nur von den rechtsextremen Flüchtlingen auf den Dörfern z.B. gibt.
Und wenn die rechtsradikalen Flüchtlinge nicht mitmachen bei ihrer „Re-Demokratisierung“? Da gilt der Vorschlag: Sicherlich bietet Herr Orban Ungarischkurse oder Herr Kaczynski von seiner PIS Partei Polnisch Kurse für diese Flüchtlinge aus Deutschland an! Sie werden bei dieser rechtsextremen Gesinnung der Herrscher in Ungarn oder Polen sicher nicht abgewiesen, zumal doch auch der „Bevölkerungsschwund“ in Ungarn und Polen nachweislich sehr beträchtlich ist. Vielleicht aber kehren diese Flüchtlinge nach einiger Zeit aus Polen und Ungarn wieder lernbereit und voller Sehnsucht nach Demokratie wieder nach Deutschland zurück… weil sie unter den Bedingungen der illiberalen Systeme in Polen und Ungarn doch etwas zur Vernunft gekommen sind?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin