Katholische Theologie an der Humboldt Universität Berlin: Ist katholische Theologie bei der Abhängigkeit vom Vatikan überhaupt eine freie Wissenschaft?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.3. 2019

1.
Nun haben sich also Staat und Kirche in Berlin in treuer Verbundenheit festgelegt: Ab Wintersemester 2019 wird es ein „Institut für katholische Theologie“ an der Humboldt Universität geben.
2.
In der am 29.3. 2019 verbreiteten Presse-Erklärung heißt es: „Das Studium soll für Tätigkeiten im Schuldienst, in der außerschulischen Bildungsarbeit in religiösen Organisationen, Verbänden, Medien und in der Wissenschaft qualifizieren und beruht auf einem modernen Konzept, das auch die pluralistische und säkulare Situation in Berlin einbezieht. Es verfolgt zudem eine globalgeschichtliche Perspektive, die es ermöglicht, den Blick über Europa und die westliche Welt hinaus auszuweiten“.
3.
Klingt verheißungsvoll, so etwa, könnte man denken, dass nun die Ursachen der so genannten „Säkularisierung“ (nicht nur in Berlin) und damit die Mitverantwortung der Kirche an diesem Säkularisierungs-Prozess vorbehaltlos untersucht werden. Oder es klingt verheißungsvoll, dass im „Blick über Europa hinaus“ auch die Theologie der Befreiung in Lateinamerika objektiv dargestellt wird, mit all den wohlwollenden Bindungen, die einst der Vatikan mit Präsident Reagan und mit den lateinamerikanischen Militärregimen pflegte, um Befreiungstheologen auszugrenzen, kaputt zu machen und selbständige Basisgemeinden zu zerschlagen. All das sind Fakten, tausendfach belegt, man muss nur die objektiven Studien zu dem Thema heranziehen. Aber die Vergesslichkeit ist groß! Und gewollt!
4.
Damit sind wir beim Hauptproblem: Die katholische Theologie, so wie sie bis jetzt weltweit und auch in Deutschland (seit dem Konkordat 1933 mit Hitler-Deutschland bestens geregelt zugunsten der Kirchenführung) an den staatlichen Unis betrieben werden kann, ist keine freie und unabhängige Wissenschaft. Soweit bekannt, wurde in Berlin über diese Fragen jetzt nicht diskutiert, denn dann hätte der Senat oder die Universitätsleitung ein katholisch-theologisches Institut nicht zulassen können. Nicht ohne Schmunzeln liest man, dass ein paar Tage später, im April 2019, an der HU eine Tagung über „Freiheit der Wissenschaft“ stattfindet. Der Vatikan als „Hort der Freiheit der Wissenschaft“ wird nicht erwähnt, Feinde sind einzig wohl Diktaturen weltweit…
Diese Bindung einer frei forschenden Wissenschaft an die oberste Leitung einer Institution ist ein Skandal, wie im Fall der katholischen Theologie. Wie wäre es, wenn bestimmte Bauernverbände die Professoren für Landwirtschaft mitbestimmen dürfen, oder Theater-Direktoren mitbestimmen, wer Theaterwissenschaftler an einer Uni wird etc. ?
5.
Bis heute ist die Abhängigkeit der katholischen Theologie vom Vatikan, vom Papst und seinen Behörden sowie von den Bischöfen absolut Realität. Dort werden die Weisungen letztlich gegeben, was als wissenschaftliche Forschung gelten darf, dort wird bestimmt, wer als Professor an einer deutschen Universität lehren darf. Immer geht es um das berühmte „Nihil obstat“ aus päpstlichem Munde: „Nichts steht entgegen“ bei der Berufung eines Theologen an eine Universität. Aber wehe, dieser bewährt sich nicht so, wie es die geistlichen Führer wollen: Dann wird ihm das nihil obstat eben, wie im Absolutismus einst, meist ohne lange Begründung, entzogen. Man denke an den Fall des Jesuiten Prof. Wucherpfennig, der – kürzlich – als Bibelwissenschaftler nicht mehr Rektor der Hochschule St. Georgen sein durfte, weil er sich positiv über homosexuelles Leben und Lieben auch in der römischen Kirche geäußert hatte. Erst ein gewaltiger medialer Aufschrei von Professoren und einer breiten Öffentlichkeit bewegte die Herren in Rom dann doch, das nihil obstat dem Jesuitenpater wieder zu gewähren. Es lag sicher auch an dem Thema, der Homosexualität, dass einfach vernünftige Menschen und vernünftige Theologen jegliche Degradierung homosexueller Menschen nicht mehr hinnehmen wollen. Zumal, wie jetzt soziologische Untersuchungen zeigen, es in den vatikanischen Behörden von Homosexuellen nur so wimmelt… Diese Herren können doch gegenüber Menschen ihrer eigenen „Präferenz“ nicht so böse werden, oder? Gerade sie sind aber nach außen hin die schlimmsten „Homohasser“, hat Martel erkundet! Siehe dazu das großartige Buch des Soziologen Fréderic Martel, Paris, mit dem Titel „Sodoma“. Das Buch, Ergebnis vier Jahre dauernder Forschung, wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Leider noch nicht ins Deutsche. https://www.rtl.fr/actu/debats-societe/sodoma-livre-enquete-frederic-martel-homosexualite-vatican-7796955681
6.
Die Liste ist lang, die all die Namen umfasst, die in den letzten Jahrzehnten aus dem Kreis der päpstlich genehmen katholischen Theologen rausgeschmissen worden. Prominente Beispiele sind Hans Küng, Leonardo Boff oder in Berlin Michael Bongardt. Dieser hatte als Theologieprofessor an der FU die „Unverschämtheit“ begangen zu heiraten: Darauf durfte Bongardt durch bischöfliche Verfügung (Sterzinsky) nicht mehr katholische Theologie an der FU lehren. Der Staat musste dann dafür sorgen, dass ihm – wie schon im Falle von Küng – ein von den Kirchen unabhängiger eigener Lehrstuhl eingerichtet wurde. Es sind die Steuerzahler, die alle Launen der Kirchenleitung bezahlen müssen, wenn mal ein Theologe „unangenehm“ wird. Und der Staat muss das alles mitmachen in der treuen herzlichen Verbindung mit der Kirche.
7.
Man könnte denken, dass sich unter dem angeblich so progressiven Papst Franziskus alles zum Guten, also zum Offenem, zum Ja zu einer freien Forschung geändert hätte. Aber Irrtum! Einige einleitende Sätze des Lehrschreibens „Veritatis gaudium“ (2017) sprechen die Sprache der Offenheit. Aber die uralte Gesinnung schlägt dann schließlich doch durch, schreibt der an der Universität Erfurt lehrende katholische Theologe
Prof. Benedikt Kraneman:
Quelle: https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/veritatis-gaudium-professor-fordert-anlaufstelle-fur-theologen)
„Der zweite Teil (des päpstlichen Textes), die Normen, hingegen sind von anderem Kaliber. Sie sprechen von Abhängigkeit wissenschaftlich-theologischer Einrichtungen von der Kirche. Ein Nihil obstat Dekane wird eingeführt (Art. 18), was nichts anderes bedeuten würde, als dass eine neu gewählte Leitung einer Fakultät durch Rom bestätigt werden müsste. Die römische Bildungskongregation ist offensichtlich für alle Änderungen von Statuten und Studienordnungen der Fakultäten einzubeziehen. Die Liste von Vorschriften ist lang, bei denen die Kontrolle der Theologie im Vordergrund steht. Es wird sogar ein Zeugnis über die „sittliche Lebensführung“ der Studenten verlangt (Art. 31). Man fragt sich als kritischer Leser, wie frei die Theologie wirklich ist, wenn sie dieser Konstitution unterworfen wird. Der katholisch-theologische Fakultätentag hat zurecht eine ‚Kultur des Gehorsams‘ beklagt, die hier eingefordert werde. So wird von der Theologie tatsächlich eine „Haltung der Ergebenheit gegenüber dem Lehramt der Kirche“ gefordert (Art. 38 §1. 2° b). Dass eine Wissenschaft sich durch „Ergebenheit“ gegenüber wem auch immer auszeichnet, ist schon eine merkwürdige Erwartung. Eine Theologie, die im Modus der Ergebenheit arbeitet, ist nach heutigem Wissenschaftsverständnis völlig unakzeptabel. Würde das wirklich umgesetzt, würde es die Theologie aus der Welt der Wissenschaft herauskatapultieren. Auch wenn mit Absprachen zu rechnen ist, die dieses Dokument für die deutschen Verhältnisse anpassen: Der Geist, der sich in diesem Normen äußert, ist das Problem, und daran wird sich nichts ändern lassen“.
Papst Franziskus spricht in seinen Predigten, etwa im Haus St. Martha, ständig von der Macht des Teufels, darin sehr treu, die uralten Begiffen der Bibel heute ohne weiteres zu übernehmen. Über dieses problematische theologische Niveau des Jesuiten Papst Franziskus schreibt sein Mitbruder, der Jesuit Klaus Mertes, sehr treffend:“Lass das Reden vom Teufel. Sowie du es tust, verbindest du einige Dinge falsch, wie deine Vorgänger auch schon. Der Effekt ist verwirrend. Du lenkst ab…“ Schon bemerkenswert, dass ein Jesuit einen anderen, ziemlich prominenten Jesuiten, den Papst, so öffentlich kritisiert! Pater Mertes zeigt nur das de facto gelebte theologische Niveau des Papstes,dieses kann verschieden sein von offiziellen Statements etc. (Zit. in „Die Zeit“, 14.3.2019, S. 52)
8.
Es gibt in Deutschland 11 katholisch-theologische Fakultäten und ca. 30 weitere katholisch-theologische Institute. Wie groß ist der Beitrag dieser wissenschaftlichen Einrichtungen zum Verständnis der Gegenwart, der großen Probleme der Menschheit? Ist die Zahl der StudenTinnen so gewaltig groß, dass nun auch in Berlin ein katholisch-theologisches Institut eingerichtet werden muss, also wieder ein übliches Institut, wie man es seit 1948 allüberall kennt. Ist das nur der Prestige-Ehrgeiz der katholischen Kirchenführung, eben ein bisschen auch hauptstädtisch wissenschaftlich mitzureden? Der etwa 60 Millionen teure und von vielen als sinnlos bezeichnete Umbau der St. Hedwigs-Kathedrale jetzt reicht nicht als Prestige-Projekt, das übrigens treu vom Staat mit finanziert wird..
9.
Warum aber wagt man nicht etwas Neues, ein großes freies religionswissenschaftliches Forschungs – Institut, auch unter anderen mit der religionswissenschaftlichen Erforschung der katholischen Religion? Warum kein Mut, warum immer dieselbe Leier? So langweilig alles. Will man wirklich die 1000. Dissertation über den Heiligen Augustinus hier produzieren oder die 500. Promotion über den Begriff der Seele beim späten Ignatius? All das und Ähnliches, Relevantes, wird doch tausendfach durchgekaut an den katholisch-theologischen Fakultäten, vor allem in Rom. Man schaue sich nur um, was die Themen der Doktorarbeiten sind! Sind denn die theologischen Forschungen an den religionswissenschaftlich orientierten Fakultäten etwa in Nijmegen (Holland) oder in den USA so furchtbar unergiebig? Für Rom vielleicht ja, nicht aber für die Entwicklung der Religionswissenschaften.
Wie Priester predigen und wie sie Gottesdienste, Messen, Maiandachten etc. würdevoll und im römischen Sinne korrekt (!) halten, muss man ja nicht an einer staatlichen Universität lernen…
10.
Nun gibt es seit vielen Jahren in Berlin-Biesdorf ein speziell nur (!) für Priesterkandidaten einer bestimmten katholischen Gemeinschaft reserviertes Priesterseminar: Es heißt „Redemptoris Mater“ und gehört der sehr konservativen Bewegung „Neokatechumenat“, ihr Motto: „Der Katechismus ist unsere Theologie“. Dies gefällt den Herren in Rom natürlich sehr! Die Dozenten für Biesdorf werden z.T. aus Rom eingeflogen. Diese dort in „abgeschottetem Raum“ ausgebildeten Priester werden dann zur „Freude“ der Katholiken in die Gemeinden entsandt. Viele dieser neokatechumenalen Priester verlassen nach Protest der Gemeinden schnell wieder die Gemeinden… Es ist nicht bekannt, ob diese jungen Neokatechumenalen auch der HU ausgebildet werden. Zu wünschen wäre es fast, weil sie dann wenigstens noch etwas modernen Lebensstil und modernes Leben an einer Universität mitbekämen…
11.
Man lese zur Vertiefung die ausgezeichnete Studie des katholischen Bibelwissenschaftlers Theologen Georg Schelbert SMB, so der Titel, über „Diffamierung der historisch-kritischen Methode in der Bibelwissenschaft“ in der katholischen Kirche. Er zeigt mutig: Grauenhaft, wie unter Kardinal Ratzinger als Chef der römischen Glaubensbehörde noch die historisch-kritische Methode verteufelt wurde, dies zeigt Schelbert. Auf die Lehre von den Dogmen, etwa zur Erbsünden-Ideologie, wird die historisch – kritische Methode gar nicht erst angewendet. Da gilt: Was die Kirchenführung einmal, und sei es im Jahre 430 beschlossen hat, gilt für immer und ewig… Der Beitrag von Georg Schelbert wurde in dem Piper-Buch „Katholische Kirche wohin?“ 1986 veröffentlicht, s 141 ff. Man lese ihn!
12.
Die Idee, eine spezielle Hochschule der Orden in Berlin zu errichten, ist dann wohl erst mal „gestorben“. Über diese Ordenshochschule in Berlin wurde ja von den Dominikanern P. Thomas Eggensper und Pater Ulrich Engel mehrfach berichtet, etwa in der Zeitschrift „Kontakt“ 2017, S. 44 ff. Auch die Kapuziner in Münster hatten sich dafür ausgesprochen, die sehr wenigen noch verbliebenen jungen Ordensleute verschiedener Orden an der Hochschule in Berlin auszubilden. Aber für die wenigen wird wohl eine eigene Hochschule nicht mehr not- wendig sein.
13.
In jedem Fall hat sich Frau Annette Schavan(CDU) und bisherige Botschafterin beim Heiligen Stul dann doch (etwas) durchgesetzt: Sie hatte sogar acht „gut ausgestattete Professuren“ gefordert, schon im Frühling 2017! Sie hat sich auch durchgesetzt in der Abwehr des Neuen, etwa einer interrreligiösen Fakultät der Theologien“. Plural lieben ja Katholiken im Dogmatischen nicht, deswegen empfahl Frau Schavan, dieses kreative, neue Projekt erst mal zu verschieben. So wunschgemäss geschehen. Damit die alte altbekannte Leier weitergeht.
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Der Tagesspiegel berichtet heute, am 30.3. 2019, dass sich Erzbischof Koch an diesem neuen katholisch-theologischen Zentrum der HU als Student einschreiben will. Er möchte, so wörtlich, die Säkularisierung studieren…Die Feinheiten religionssoziologischer Säkularisierungsforschung sind tatsächlich ergiebig. Sie zeigen u.a., dass Menschen, die etwa aus der katholischen Kirche in Deutschland ausgetreten sind, sich keineswegs automatisch als Atheisten verstehen. Sie können nur vor ihrem Gewissen einfach keine längere Mitgliedschaft in der römischen Kirche rechtfertigen. Und haben dann ihre je eigene Spiritualität entwickelt, von der die offizielle Kirche so wenig weiss. Ein Freund schrieb mir in dem Zusammenhang sehr treffend: „Wenn Erzbischof Koch säkularisierte Menschen kennen lernen will, in Berlin sind das mindestens ca. 60 % der Bevölkerung: Dann muss er sich nur oft in Orte des säkularen, städtischen und nicht mehr nur „katholischen (Gemeinde-)Lebens“ begeben, also in die Cafés und Kneipen, in die verschiedenen „Bürgerintiativen“ und NGOs, in die Frauenhäuser und Kinderläden, in Schwulen Kneipen und in literarische Debatten oder in die zahlreichen Treffpunkte des humanistischen Verbandes HVD und so weiter: Da sind doch so viele Menschen anzutreffen, die sich säkular nennen. Da kann ein Bichof vieles lernen, an Lebenserfahrungen, an Ängsten, spirituellem Suchen, Kritik an der Kirche etc. Vorausgesetzt ist natürlich: Weniger Pontifikalämter mit Weihrauch und Te Deum feiern, dafür mehr menschlichen Dialog mit Säkularen“.
Pontifex heißt übrigens Brückenbauer.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Theologe Johann Baptist Metz: Ein Hinweis auf das Buch „Theologie in gefährdeter Zeit“.

Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin
1.
147 Professoren, zumeist Theologen, unter ihnen 12 Frauen, haben sich einladen lassen, kurze Beiträge über den „politischen Theologen“ Johann Baptist Metz zu schreiben. Anlass ist der 90. Geburtstag des von den Autoren in den meisten Fällen gelobten, wenn nicht bewunderten Theologen in Münster. Im Jahr 2018 feierte er seinen 90. Geburtstag. Herausgekommen ist also eine Art Metz – Schmöker, ein Buch von 580 Seiten Umfang, erschienen im LIT Verlag in Münster.
Niemand wird wohl in absehbarer Lese-Zeit ein vielschichtiges Opus so vieler Theologen angemessen „besprechen“ können.
Vorweg: Die „einfachen Leute“, die Arbeitslosen, die Obdachlosen, die Überlebenden der Elendsviertel, wird man in dieser „Festschrift“ zugunsten eines sich „politisch“ nennenden Theologen unter den AutorInnen leider vergeblich suchen, auch „Menschenrechtler“ aus NGOs sind nicht dabei, nicht die Mitglieder militanter ÖKO-Gruppen, nicht die schwulen und lesbischen Aktivisten für die Ehe für alle, auch nicht die Leute der ökumenischen Basisgemeinden: Sie alle sind offenbar von der Metzschen Theologie nicht (so stark) berührt, eigentlich erstaunlich, wenn man an die von Metz selbst viel beschworene theologisch-spirituelle Leidenschaft für „die anderen“, die „Ausgestossenen“ bedenkt.
So also ist eher ein zwar theologiegeschichtlich interessantes Buch entstanden, aber ein Buch wohl von Theologen für Theologen; einige wenige jüdische Autoren sind dabei. Soweit ich sehe, ist aber kein buddhistischer oder muslimischer Gelehrter unter den Autoren oder gar ein expliziter Atheist oder Humanist..
Erstaunlich, wie oft Verehrung für Metz aus manchen Beiträgen vornehmlich katholischer Autoren spricht. Die meisten Autorinnen betonen den globalen und großen prophetischen Gestus ihres Anregers, Doktorvaters, „Meisters“. Rühmen seine Sensibilität, uralte katholische theologische Lehren (wie die Apokalyptik) auf politische Verhältnisse zu beziehen, vor allem aber: Die christliche Botschaft selbst im ganzen als politische Provokation zu deuten, etwa im Sinne eines Eintretens für die Opfer; mit der zentralen Frage, die Metz stets wiederholt: Wie kann man Christ sein und katholische Theologie „treiben“ im Angesicht des von Deutschen begangenen Massenmordes an den Juden. Das KZ Auschwitz wird dabei zum viel beschworenen Symbol für alle Juden-Vernichtung der Antisemiten und ihrer Millionen Mitläufer. Dieses Thema ist enorm wichtig, wird immer wichtiger. Gar keine Frage! Aber wer würde leugnen, dass auch viele andere ganz dringende Probleme, wie die Überwindung der Atomkraft heute, die Klimakatastrophen, die Frage der Geburtenkontrolle angesichts des enormen Bevölkerungszuwachses, oder die Schritte zu einer Überwindung des Neoliberalismus unglaublich viel (mehr) Aufmerksamkeit verdienten von den sich politisch nennenden Theologen. Aber diese Themen werden von Metz und seinen in dem Buch präsentiertem „Schülern“ kaum diskutiert. Insofern wirkt die politische Theologie von Metz doch thematisch sehr „eingegrenzt“.
2.
Hans Küng, nicht gerade ein Intimus von Johann Baptist Metz, weist mit Recht in seinem dann doch etwas – wohl ausnahmsweise – ausführlicheren Beitrag darauf hin: Metz hat sich für die innerkirchlichen Kirchenreformen, etwa zum Papsttum, zur synodalen Struktur der Kirche oder gar zum Zölibat kaum geäußert. Ein großer Kirchen-Reformator im engeren Sinne ist er wohl nicht. Er ist ein Mann der Visionen, der globalen Perspektiven, wie etwa sein Text für die längst vergessene und völlig wirkungslose bundesdeutsche Synode in Würzburg. Aufgrund dieser Begrenzung aufs „Globale“, wie die „Gotteskrise“ konnte Metz Gesprächspartner der Hierarchen bleiben, etwa mit dem damaligen Kardinal Ratzinger.
Interessant ist, dass Jürgen Habermas, eigentlich ziemlich wohl gesonnen gegenüber Metz, auf die tiefe emotionale Bindung des Klerikers Metz an die römische Kurie hinweist: Wie Metz also bei einem Besuch von Habermas nervös, offenbar aber durchaus erfreut schien, weil er eine Einladung zu einer gemeinsamen Messe im Vatikan ausgerechnet mit dem polnischen Papst Johannes Paul II. erhalten hatte (S. 159).
Die Vielfalt der Themen, die in dieser „Festschrift“ angesprochen werden, zeigt: Wahrscheinlich ist die entscheidende Leistung von Metz, neue Fragen in dem damals wie heute ziemlich verkrusteten und ängstlichen katholisch – theologischen Milieu gestellt zu haben. Seine Fragen und Visionen passten auch in die Mentalität der damals Studierenden, weckten die Zuversicht, dass mann/frau als katholische Theologin in moderater Form links sein könne. Obwohl, mit Verlaub gesagt, Metz als politischer Theologe und irgendwie dann ja doch wohl auch linker Theologe sich nie persönlich zu einer sozialistischen Position oder gar Partei bekannt hat. Es wäre wohl nicht so klug gewesen. Es ist auch nicht überliefert, dass Metz aktiv an Friedensdemonstrationen in den achtziger Jahren teilgenommen hat. Aber man kann wohl sagen, im katholischen Milieu herrschte (und herrscht) eine solche Tristesse, dass sich so viele leidenschaftlich an diesen so neuen, kreativen und irgendwie progressiven Denker banden und binden. Dabei bleibt Metz stets der Essayist, der Vortragende, der Herausgeber von Aufsätzen, von Fragen, Provokationen.
3.
Die politische Theologie von Metz hatte vor allem in Lateinamerika theologische und politische Auswirkungen, auch das wird in dem Buch (kurz) deutlich, etwa in dem Beitrag es Brasilianers Alberto da Silva Moreira. Einen Beitrag des Peruaners Gustavo Gutierrez (und Metz – Freundes) habe ich in dem Buch vermisst. Wer den grundlegenden theologischen Wandel eines anderen Metz – Freundes nachvollziehen will, lese den Beitrag des Brasilianers und einst führenden Befreiungstheologen Leonardo Boff: Er hat, endlich möchte man sagen, verstanden, dass es heute auf eine einfache, nicht mehr dogmatisch fixierte Theologie ankommt, sondern auf eine einfache spirituelle Lehre, die alle Menschen darauf aufmerksam macht auf die „Urquelle, aus der alle Menschen leben“ (S. 47). Das ist Weisheit, Theo-logia, in meinem Verständnis, für Menschen aller Religionen und Humanismen offen. Das hat Zukunft. Ob Metz und seine Getreuen da mitgehen, wage ich zu bezweifeln. Wahrscheinlich werden politische Theologen diese Position von Boff als „liberal-theologisch“ kritisieren…
Einzelne Beiträge finde ich besonders wichtig, wie den Hinweis zur Misere der „katholischen Soziallehre“, verfasst von Hermann-Josef Große-Kracht (S. 154). Ohne einen unmittelbaren Bezug auf Metz ist der Beitrag des Historikers Hans-Ulrich Thamer über den „Nationalsozialismus als politische Religion“ lesenswert. Etwas verstörend und darin doch anregend ist der Beitrag von Hans Conrad Zander über den heutigen „Umgang“ mit Auschwitz…Immerhin fanden sich drei Bischöfe bereit, ein paar Zeilen über Metz zu schreiben. Der Bischof von Münster, Felix Glenn, bekannt sogar: „Ich habe als Student so intensiv (Metz) zugehört, dass ich im Anschluss an die Vorlesung Zeit brauchte, um wieder zu mir kommen“ (S. 144). War es eine politisch-theologische Trance, darf man fragen.
4.
Die Leser werden sich freuen, dass in der 2. Auflage ein kritischer Beitrag des bedeutenden Kenners der Theologie Karl Rahner vertreten ist, nämlich von Albert Raffelt: „Aufgrund eines redaktionellen Versäumnisses fehlte dieser Text in der ersten Auflage“, schreiben die Herausgeber( S. 384). Die Beziehung des Lehrers Rahner zu seinem Schüler Metz und umgekehrt war ja nicht ganz einfach. Rahner sprach in seinem Buch „Bekenntnisse. Rückblick auf 80 Jahre“ (Herold Verlag 1984, S. 37) ziemlich offen von einer gewissen Arroganz des politischen Theologen und Rahner-Schülers Metz ihm gegenüber, ihm, dem „transzendentalen“ (d.h. auch der philosophischen Tradition der Aufklärung verpflichteten) und spekulativen Theologen UND Kirchenreformer. Wahrscheinlich ist die Abwehr der Metaphysik, als „griechisch“ fast denunziert, etwas, was mich am meisten an der politischen Theologie ärgert. Die Gottes-Rede einzig mit der Bibel, und dann noch ziemlich unvermittelt, zu begründen, kann meines Erachtens auch für eine christliche Theologie nicht gelingen. Was nicht heißt, dass ich mich jetzt als Ratzinger-Fan oute.
Da und dort sind noch heute TheologInnen tätig, die sich der Grundintention einer politischen Theologie von Metz in ihrem Denken und Handeln (!) bewusst sind. Wo diese etwas jüngeren TheologoInnen Spuren hinterlassen in ihrer Kritik des weltweiten sexuellen Missbrauchs durch Priester, ist unklar; wo sie Spuren hinterlassen in der exakten politisch-theologischen Recherche und Analyse der reaktionären Bewegungen in der römischen Kirche, ist auch unklar. Wo sie sich von Lobeshymnen auf Papst Franziskus, den „Progressiven“, verabschieden, ist ebenso unklar.
5.
War also politische Theologie im Sinne von Metz, trotz aller in dem Buch versammelten interessanten Denkanstöße, nur ein kurzes, kritisches Wehen? Wahrschienlich nicht! Hat „trotzdem“ die Reaktion in der römischen Kirche gesiegt? Ja. Diesen Sieg der politisch agierenden Reaktion im Katholizismus hat Metz nicht vorausgedacht.
Und ein gravierender Mangel dieser politischen Theologie von Metz und seinen Getreuen ist vor allem ihre polemische Abwehr eines liberal-theologischen Denkens, das eben betont: Viele der überlieferten Dogmen und Glaubenslehren sollten wir heute „als freie Christenmenschen“ beiseite legen, zugunsten eines humanen, Sinn stiftenden Glaubens, der einfach ist. Welche Befreiung wäre das für die Christen, die in einem diffusen Wunderglauben und Heiligenkult noch verhaftet sind? Und immer noch Kirchenbindung mit Bindung an eine göttliche Wirklichkeit verwechseln….
6.
Was wir heute brauchen meiner Meinung nach, ist eine exoterische, d.h.von möglichst vielen Menschen vernünftig nachvollziehbare, einfache Theologie im Dialog mit anderen Religionen und Humanismen. Diese ist, noch einmal tatsächlich vernünftig, also nachvollziehbar,sicher nicht apokalyptisch aufgeladen. Warum sollten denn in christlichen Gottesdiensten nicht auch meditative Texte der Sufi-Tradition, von Laotse, oder Gedichte heutiger Autoren vorgetragen und meditativ erschlossen werden? Der christliche Glaube ist ein offenes, heilsames Geschehen und, wie viele Mystiker sagen, tatsächlich einfach, wahrscheinlich in drei Sätzen vernünftig sagbar und … wegen der inneren Wandlung des einzelnen dann auch politisch. Vielleicht wäre dies eine politische Theologie 2. Teil, selbstverständlich auch außerhalb der bestehenden römischen Kirche formuiert.
Insofern lohnt die Lektüre des Buches in jedem Fall, weil sie auf neue, bislang eher verdrängte, aber sicher produktive Gedanken bringt.

Hans-Gerd Janssen, Julia D.E. Prinz, Michael J. Rainer, „Theologie in gefährdeter Zeit“, Stichworte von nahen und fernen Weggefährten für Johann Baptist Metz zum 90. Geburtstag“.
LIT Verlag Münster, 2. ergänzte Auflage 2019, 580 Seiten, 39,90€.

Die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen

Ein Hinweis zu Karfreitag und Ostern von Christian Modehn

1. Diese Hinweise sind ein Vorschlag, selbstständig nachzudenken über eines der wichtigen Themen unseres Lebens: Sterben und Tod und dann…? Es wird auch hier ein Vorschlag gemacht, besonderer Art, die Oster-Texte des Neuens Testaments zu verstehen, also auch denkend und damit in einer gewissen Weise vernünftig zu deuten. Die Sprache hier ist nüchtern. Es gilt die Überzeugung: Auch die Klarheit der Worte, ohne Überschwang, kann spirituelle Wirkungen haben, sogar tröstend sein…Ohne klares Verstehen kein Verstehen des Daseins. Und wohl auch kein Trost, der währt!
2. Diese Hinweise sind wichtig in diesen Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen von den Kirchen abwenden, sei es aus Frustration über den immer noch vorherrschenden Dogmatismus etwa in evangelikalen und katholischen Kreisen. Sei es, weil so viele Menschen, die sich irgendwie „noch“ als Christen verstehen, ohne anregende argumentierende Denk-Hilfe allein gelassen werden in ihrer Suche nach einer nachvollziehbaren, also vernünftigen Antwort auf die eben genannten „wichtigen Themen unseres Lebens, Sterben und Tod“…
3. Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist zweifellos die zentrale, alles bestimmende Überzeugung der Christen. Von dieser Überzeugung leben sie ja, oder zumindest einige, die sich Christen nennen. Aber sie ist eine Überzeugung, die sich nur schwierig argumentativ erschließen lässt. Aber wer die grundlegende, aber vielleicht existenziell noch diffuse Überzeugung hat, als sterblicher Mensch von der Auferstehung Jesu betroffen zu sein, sollte sich auch in der Klarheit des Denkens, Sprechens und Bekennens ausdrücken. Wie sonst könnte die Auferstehung einen zentralen Platz in der Lebensgestaltung haben, die insgesamt wert darauf legt, auch nachvollziehbar für sich selbst und für andere, also mit Argumenten, „Rechenschaft“ von dieser Haltung zu geben. Kein mysteriöses Wundergerede also im Zusammenhang der Auferstehung! Sie lässt sich begründet aussprechen. Diese Erkenntnis „Gnosis“ zu nennen, ist das übliche Todschlagargument der so genannten „Orthodoxen“ aller Konfessionen.
4. Dabei ist angesichts der Bedeutung des Themas klar, dass sich viele verführen lassen, in Enthusiasmus oder im frommen Wahn, mysteriöse Auferstehungs-Erzählungen in vielen Formen im Anschluss an die Evangelien zu verbreiten: Etwa: Jesus sei leibhaftig aus dem Grab auferstanden. Sein Grab müsse leer gewesen sein. Er sei leibhaftig der Gemeinde erschienen. Oder er sei gar nicht gestorben, sondern nach der Kreuzigung noch irgendwohin geflüchtet… Der religiösen Phantasie sind bei dem Thema keine Grenzen gesetzt, zumal, wenn man die Auferstehungsberichte der Evangelisten in einem wörtlichen Sinne eben falsch deutet und oberflächlich diese Texte liest wie Informationen über ein historisches, greifbares Ereignis. Dabei sind die vielfachen und unterschiedlichen Erzählungen über den Auferstandenen in den vier Evangelien nur ausschmückende Bilder für eine Erfahrung und damit für eine neue Einsicht, die den Jüngern Jesu nach dessen Tod geschenkt wurde. Und diese aus der Einsicht folgende Überzeugung für eine christliche Lebenshaltung, die man auch Lebensphilosophie nennen könnte, wie es die ersten Christen taten, ist eigentlich sehr einfach:
5. Wer in aller Kürze den Inhalt der Überzeugung der Jünger Jesu wissen will: Dieser Jesus von Nazareth hatte in seinem Leben schon eine tiefe Verbundenheit mit dem, was er die göttliche Wirklichkeit nannte; er hatte Anteil an diesem göttlichen, ewigen Leben. Und die Auferstehung Jesu bedeutet: Diese innige Verbundenheit mit Gott führt ihn über den Tod hinaus in die ewige Gegenwart Gottes. Diese eine entscheidende Überzeugung lebt in der Gemeinde der Jünger. Sie meinen dann sagen zu können: Dieser Jesus lebt. Entscheidend ist auch: Sie entdecken dabei durch die Erinnerung an Jesus: Auch wir Menschen haben Anteil an dieser ewigen göttlichen Präsenz, die unser inneres geistiges, seelisches Wesen bestimmt. Diese Erkenntnis der Verbindung der Menschen mit dem Ewigen wird den Jüngern einige Zeit nach dem Tod Jesu geschenkt. Auferstehung bedeutet also: Das Ewige, Göttliche, im Menschen überwindet den Tod. Das war bei dem Menschen Jesus von Nazareth so, das ist so bei allen Menschen. Warum? Weil alle Menschen „Kinder Gottes“ sind. Der Gedanke an eine Schöpfung durch Gott ist also ganz zentral. Wenn dann von „leiblicher“ Auferstehung die Rede ist, dann nur um zu zeigen: Dieses Ewige, Göttliche, im Menschen, ist eine Art einmalige Prägung, so wie jedes menschliche Geschöpf auch eine einmalige Prägung hat.
6. Aber spätestens, als die Kirchen im 20. Jahrhundert nach langen theologischen Reifungsprozessen offiziell die Kremation erlaubten, wussten sie: Der irdische Leib dieses irdischen Menschen ist vergänglich, ist Staub. Lebendig bleibt das Ewige im Menschen, und dieses ist, wie der Geist und die Seele etwas Unsichtbares. Der Geist als Geist des Menschen, die Seele als Seele im Menschen, sind als solche unsichtbar, aber dennoch wirklich. Und deswegen verstehbar und in vernünftigen Worten sagbar.
7. Manchmal sind es Arbeiten von Künstlern, die an ein nachvollziehbares Verstehen der Auferstehung Jesu erinnern: Zur Zeit (vom 1.3. bis 30.6. 2019) wird in der „Gemäldegalerie der staatlichen Museen zu Berlin“ die Ausstellung der Renaissance-Künstler „Mantegna und Bellini“ gezeigt. Ich möchte auf ein vom Format her eher kleines, aber religionsphilosophisch und theologisch sehr wichtiges Bild von Andrea Mantegna (1431-1506) hinweisen; es hängt leider eher am Rande der Ausstellung, im Umfeld der Darstellungen vom Tod Marias, der Mutter Jesu. Die Frage ist für Mantegna: Wie wird die verstorbene Mutter Jesu Anteil haben an dem, was in christlicher Lehre allgemein „das ewige Leben“ genannt wird? Der italienische Meister Andrea Mantegna hat darauf eine ungewöhnliche Antwort: Er zeigt auf einem kleinen Gemälde auf Holz (aus dem Jahr 1461): Christus steht im Himmel, von Engeln umgeben, und hält in seinen Händen so etwas wie eine Art kleine Statue: Sie steht senkrecht, und zeigt eine kleine Gestalt, weiß gekleidet: Dies ist die sinnliche Anschaulichkeit der Seele Marias. Darum wählte Mantegna auch als Titel für seine Arbeit: „Christus mit der Seele Marias“: Mantegna will sagen: Die Seele Marias ist nach ihrem Tod im Himmel. Christus hält diese Seele eng bei sich. Die Seele der verstorbenen Maria lebt weiter: Dies ist die Auferstehungsbotschaft des Malers Andrea Mantegna. Warum hören spirituelle Menschen nicht so oft auf die spirituellen Einsichten der Künstler? Darin ist Mantegna als Künstler der Renaissance – zweifellos inspiriert von klassischen philosophischen Vorstellungen. Aber warum soll nicht ein lernbereites Gespräch zwischen griechischer Antike und Bibel auch im 15. Jahrhundert stattfinden?
8. Die Auferstehung wird also gedeutet als ewiges, „himmlisches“ Fortleben der individuellen Seele: Dies muss für dogmatische Kreise in der Kirche schon damals eher eine Provokation gewesen sein, wird doch bis heute immer wieder betont: Es gebe nach dem Tod ein ganzheitliches, auch leibliches Weiterleben: Darum ist auch die Vorstellung populär bis heute, es gebe ein himmlisches Wiedersehen der Verstorbenen im Himmel: Sie findet noch heute ihren Ausdruck in Todesanzeigen in katholischen Wochenblättern, etwa es wenn bei der Todesnachricht eines Katholiken in Berlin- Reinickendorf heißt: „Wir freuen uns auf ein Wiedersehen im Himmel“. Wird da die fromme Spekulation nicht übertrieben?
9. Bescheidener und nachvollziehbarer ist die Überzeugung von einer ewigen Seele, die den Tod überlebt. Mehr lässt sich wohl über das „nach dem Tode, danach…“ nicht sagen. Aber dieses wenige ist schon viel. Vorausgesetzt wird lediglich, dass die Welt und damit die Menschheit Ausdruck und „Werk“ einer unendlich schöpferischen Kraft sind, die man mit dem alten Symbol – Begriff Gott nannte und nennt. Gott wird in diesem Bild als eine eher personal zu deutende Urkraft gesehen, als Schöpfer des Himmels und der Erde. Alle Bilder, welche die schöpferische ewige Urkraft als Baumeister, Handwerker usw. deuten, sind zu banal, sie missachten den Grundsatz der Analogie in allem Reden vom Göttlichen. Wenn Gott als „Schöpfer der Welt“ handelt, dann muss jeder Anthropomorphismus vermieden werden. Dieses Thema kann hier nicht umfassend diskutiert werden, dass dabei selbstverständlich die Evolution eine entscheidende Rolle spielt, ist klar: Gott, wenn man so will, schafft eine in einer Evolution sich entfaltende Welt. Eine theologische Einsicht zur „Schöpfung der Welt“ ist darum der zentrale Mittelpunkt aller Auferstehungstheologie! „Das Bekenntnis zum Schöpferott stellt das Fundament aller weiteren Glaubensaussagen dar„, schreiben Karl Löning und Erich Zenger in ihrem Buch „Als Anfang schuf Gott“(Patmos Verlag, 1997, S. 13). Der katholische Theologe Leonardo Boff nennt den Gott, der die Welt als seine Schöpfung will, „die Urquelle, aus der alle Wesen stammen„. (in: Theologie in gefährdeter Welt, Münster, 2019, S. 47).
10. Es ist religionsphilosophisch wichtig, dass dieses Verstehen der Auferstehung Jesu als des Eintritts in die ewige göttliche Welt von dem Philosophen Hegel unterstützt wird. In den „Vorlesungen über die Philosophie der Religion“ (Band II dieser Vorlesungen in der Suhrkamp Werkausgabe 1969). Da heißt es auf Seite 291: “Gott erhält sich in diesem Prozess (des Sterbens Jesu). Und dieser Prozess ist nur der Tod des Todes. Gott steht wieder auf zum Leben: Es (das Sterben, der Tod) wendet sich somit zum Gegenteil“. Damit wehrt sich Hegel gegen eine auch in Kirchenliedern verbreitete Überzeugung, am Karfreitag sei „Gott selbst tot“. Dieses sie „der höchste Schmerz, dass alles Ewige, alles Wahre nicht ist“.
11. Aber darauf legt Hegel in der Deutung der Auferstehung Jesu Christi allen Nachdruck: „Der Verlauf bleibt aber hier nicht stehen, sondern es tritt eine Umkehrung ein, Gott erhält sich selbst in diesem Prozess…“Nebenbei: Die häufig geäußerte Meinung, Hegel sei mit dem Zitat „Gott selbst ist tot“ aus dem Kirchenlied „O Traurigkeit, o Herzeleid“ (von Johann Rist, 1607-1667) zu einer Art Verkünder des Todes Gottes geworden im Sinne einer nihilistischen Auslöschung des Gottesgedankens, der irrt. Hegel ist kein Nihilist! Sondern: Mit dem Tode des Gottmenschen Jesus Christus, so Hegel, wird zwar die göttliche Dimension des Gottmenschen Jesus Christus in den Tod zwar hineingezogen, aber das Göttliche übersteht den Tod, besiegt den Tod. In den Gemälden von Bellini und Mantegna wird zudem deutlich, wie Jesus Christus nach seinem Tod in die Vorhölle hinabsteigt und dort die Toten zum Leben erweckt. Der verstorbene Christus ist also aktiv, das Göttliche lebt weiter ihn.
12. Aber das ist nur die eine Seite: Denn durch die Auferstehung Jesu Christi wird den Menschen bewusst, dass sie alle (und nicht nur die Kirchenmitglieder die Getauften) „Kinder Gottes sind“: Und das ist die Erkenntnis: Wegen dieser universalen „Kindschaft Gottes“ in jedem Menschen ist die „Versöhnung an und für sich vollbracht“ (S. 318). Mit Versöhnung meint Hegel die Erlösung, die eben darin besteht, Gott nicht als etwas Fremdes, sondern als Teil der eigenen Seele und des eigenen Geistes zu begreifen. Nun muss der Mensch diese „an und für sich vollbrachte Versöhnung“ für sich selbst setzen und gestalten: Das heißt, er muss die versöhnte Welt fördern und befördern. Hegel meinte zu seiner Zeit um 1830, die wahre Versöhnung als Folge der Auferstehung realisiere sich „im Feld der Wirklichkeit“, d.h. in dem sittlichen und rechtlichen Staatsleben. (S. 332).
13. Man ist geneigt, angesichts dieser Überlegungen, die eine weitere Unterstützung etwa in der Mystik Meister Eckarts findet oder sogar in einigen Aspekten der Theologie Karl Rahners, zu sagen: Die Erkenntnis von der Auferstehung Jesu und der Auferstehung aller Menschen ist eigentlich etwas einfaches, wenn man sich denn der Überzeugung von der Schöpferkraft Gottes anschließt: Gott setzt die Welt sich gegenüber, sagt Hegel, aber diese Welt bleibt nicht außerhalb Gottes: Diese Welt und die Menschen sind selbständig, aber im Innern, in der Seele, im Geist, ist doch der Unendliche und Ewige anwesend. Damit wird ein neuer nachvollziehbarer Weg vorgeschlagen, die Auferstehung und damit den Tod zu verstehen: Wenn die Seele das Ewige im Menschen, dann ist der Tod, wie man früher treffend sagte, die Heimkehr der individuellen Seele in die göttlichen Wirklichkeit. Mehr lässt sich denkend und vernünftig nicht sagen.
14. Man könnte diese Überlegungen als spekulative Metaphysik abtun. Aber jeder Gedanke, der sich mit der Frage „Was ist mit dem Menschen nach seinem Tod ?“ befasst, ist immer spekulativ und metaphysisch. Selbst die Aussage: „Nach dem Tod alles aus, da könnt ihr meine Asche in die Mülltonne werfen,“ wie dies berühmte Modemacher Karl Lagerfeld einmal sagte, ist eben auch eine metaphysische Aussage; ob sie vernünftig ist, bleibt eine andere Frage.
15. Der Hauptvorwurf bei diesem „einfachen Verstehen der Auferstehung“ ist: Die hier entwickelten Gedanken seien völlig unpolitisch: Dabei ist klar: Diese hier entwickelte Lehre von der Auferstehung ist tatsächlich politisch, weil sie eindeutig den absoluten und bleibenden göttlichen Wert eines jeden Menschen deutlich hervorhebt. Diese Überzeugung ist politisch auch, weil sie die Erkenntnis des „Ewigen, des Göttlichen“ im Menschen gerade zum Handeln auffordert: Etwa einzutreten für die Unterdrückten, denen die Menschenwürde entzogen wird in Diktaturen. „Wer an die Auferstehung glaubt, ist außer Stande, zu einer Gesellschaft, die die Armen zum Tode verurteilt (also vor Hunger sterben lässt) Ja zu sagen“. Protest und Widerstand sind also die politische Haltung derer, die die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen. (Siehe den Befreiungstheologen Gustavo Gutierrez, „Aus der eigenen Quelle trinken. Spiritualität der Befreiung, 1986, S. 131).
16. Nur noch ein Hinweis zum Umgang der Kirchen mit dem schon genannten Lied „O Traurigkeit, o Herzeleid“.
Der ursprüngliche Text heißt:
O große Not!
Gott selbst ist tot,
Am Kreuz ist er gestorben,
Hat dadurch das Himmelreich
Uns aus Lieb‘ erworben.
Diese entscheidende 2. Zeile wurde wohl später als zu anstößig empfunden und umgedichtet und heißt nun: O große Not, Gotts Sohn liegt tot….(Evangelisches Gesangbuch Nr. 80).
Im Katholischen Gesangbuch „Gotteslob“ (Nr. 188) kommt diese 2. Strophe in dieser sprachlichen Form gar nicht mehr vor, ein anderer Text wird nun dem Jesuiten Friedrich von Spee zugeschrieben! Es heißt da: „O höchstes Gut, unschuldigs Blut, wer hätt dies mögen denken, dass der Mensch seinen Schöpfer sollt an das Kreuz aufhenken“.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Buchmesse Leipzig 2019: An den Philosophen Milan Machovec erinnern

„Es gibt Jesus ähnliche Menschen unter den Marxisten“ (Machovec)

Ein Hinweis von Christian Modehn

Hat er sich dem Marxismus zugewandt, weil er die Lehren der katholischen Kirche ablehnte? Sicherlich. Hat er als Marxist die Herrschafts-Ideologie der Kommunisten abgelehnt und dann die Bedeutung Jesu von Nazareth für unersetzlich gehalten: Wahrscheinlich ist auch das so!
Die dialektische Spannung hat das Leben des Prager Philosophen Milan Machovec ausgezeichnet. Es wird Zeit, sich an ihn wieder zu erinnern. Nicht (nur) deswegen, weil er sich seit dem Prager Frühling 1968 entschieden von der herrschenden Marx-Ideologie der Kommunisten abwandte. Und auch nicht (nur) deswegen, weil er dann die Jesus-Gestalt schätzte: Es ist vielmehr diese Bewegtheit in seinem Leben selbst, sein dauerndes Unzufriedensein mit fix und fertigen Ideologien, heißen sie nun Kommunismus oder Katholizismus, die den Philosophen Machovec so wertvoll machen. Seine Bücher sind Ausdruck für dieses Suchen nach einem möglichst herrschaftsfreien Menschsein in Freiheit und Gerechtigkeit. Machovec ist ein Humanist im umfassenden Sinn. Darum sollten philosophisch und religiös Interessierte ihn wieder beachten. Denn die Zeit der alles erklärdenden, „totalen“ Ideologien ist vorbei: Der marxistisch sich nennende Kommunismus ist vorbei, und die dogmatische Institution der katholischen Kirche besteht zwar noch als (üppiges) Gerippe. Aber wer würde nicht auch sagen: Diese Institution in der jetzigen Form ist am Verschwinden? Falls sie sich nicht zu einer Refomration (nicht bloß Reform !) entschließt.

Geboren wurde Milan Machovec am 23.8.1925 in einer streng -katholischen Familie in Prag, er besuchte das Gymnasium der Benediktiner Mönche, studierte, noch kurz vor der Herrschaft der KP, von 1945 bis 1948 Philosophie und katholische Theologie, obwohl ihn eigentlich auch die Musik sehr faszinierte. Er wendet sich dem Marxismus zu, wird 1953 Dozent für Philosophie an der Prager Karls-Universität, 1968 wird er zum Professor ernannt, aber wegen kritischer Äußerungen zum Kommunismus seines Amtes enthoben. Er engagiert sich zuvor schon im christlich – marxistischen Gespräch, unter anderen mit dem katholischen Theologen Karl Rahner. Danach, als „Dissident“, lebt er unter sehr bescheidenen und bedrückenden Verhältnissen. Als Organist in einer katholischen Kirche Prags kann er etwas Geld verdienen, er gehört zur Charta 77. Erst nach der Wende 1989 kann er frei als Philosophie-Professor arbeiten.
Über sein Leben und seine auch auf Deutsch noch vorliegenden antiquarisch erreichbaren Bücher kann man sich detaillierter informieren.
Ich will hier an den Aufsatz „Die Sache Jesu und marxistische Selbstreflexion“ erinnern, an einen Beitrag, den Machovec für das Buch „Marxisten und die Sache Jesu“ geschrieben hat, das er zusammen mit Iring Fetscher 1974 auf Deutsch (Kaiser-Verlag, Grünewald-Verlag) veröffentlichte.

Warum lohnt es sich, diesen Aufsatz von 17 Seiten noch einmal zu lesen und mit anderen zu diskutieren? Weil da ein Philosoph das Faszinierende des Denkens von Marx (das ja, noch einmal, etwas anderes ist die bolschewistische Ideologie) und das Faszinierende der „Sache Jesu“ (die ja bekanntlich etwas anderes ist als die offizielle Kirchenlehre) konfrontiert. Und zwar auch so, wie sie lebensmäßig von den jeweils Gläubigen „umgesetzt“ werden.
In dem Aufsatz von 1974 sieht sich Machovec immer noch als Marxisten, vom Kommunismus ist keine Rede. Er ist Marxist geworden und geblieben, um es einmal auf eine Formel zu bringen, weil ihm das nette Almosengeben der Christen als Hilfe für die Leidenden absolut nicht ausreicht. Dieser ins „Strukturelle“ reichende, humane Impuls ist bei ihm entscheiden! Er sieht im Marxismus eine Art Leitidee, für die Unterdrückten auf Dauer Humanität zu erreichen. Dabei meint Machovec provozierend: Marxisten seien eigentlich überzeugt, die humanen Forderungen Jesu „besser zu verwirklichen“ (S. 86). Also: Nicht spirituelles kirchliches Schwärmen von der Barmherzigkeit, sondern alles tun, dass die klassenlose Gesellschaft Gestalt annimmt. Man bedauert in dem Zusammenhang, dass Machovec offenbar die lateinamerikanische Theologie der Befreiung nicht kannte.
Machovec kritisiert das kommunistische System, die Kleinkariertheit der Bürokraten, die Verlogenheiten, die Zensur, die Unterdrückung, die Inquisition: Und er zeigt, wie bekannt, wie ähnlich manche Verhältnisse in der katholischen Kirche, und nicht nur in dieser Kirche, sind.
Einen Ausweg aus der inneren Krise des Marxismus als Staats-Kommunismus sieht Machovec kaum: Es sind die „geschlossenen Herrschaftskreise“ (S.97), die im Kommunismus wie im Katholizismus das freie geistige Leben ersticken, so sah das Machovec im Jahr 1974. Ob das heute in der Kirche besser ist?
Aber Machovec schreibt, als ein authentischer Marxist, darin genauso wie ein authentischer Christ oder ein Philosoph (Sokrates): „Lieber sterben, als den Sinn für die Wahrheit und seine Brüder zu verraten“ (S. 100).
Es ist keine Frage: In dem Beitrag zeigt der marxistische (nicht kommunistische!) Philosoph Machovec seine tiefe Sympathie für die Jesus-Gestalt, und das ist bemerkenswert. Die letzten Sätze in dem genannten Aufsatz heißen: „Aber falls ich in einer Welt leben sollte, die die Sache Jesu absolut vergessen könnte, dann möchte ich gar nicht mehr leben…Es scheint mir, dass in einer solchen Welt ohne die Sache Jesu auch der richtig verstandene Sieg der Sache von Karl Marx unmöglich wäre“ (S. 102).
Also: Ohne die Pflege jesuanischer Traditionen wird es auch heute keinen Gedanken mehr geben, dass eigentlich diese verrückte Welt mehr Gerechtigkeit, vielleicht eine klassenlose Gesellschaft als Ziel bräuchte. Für eine humane Revolution brauchen wir also den jesuanischen Geist. Und dies ist, nebenbei gesagt, wiederum ein Gedanke, der heute von Jürgen Habermas auf mildere Weise formuliert wird („Ohne das Christentum entgleist die Gesellschaft“ usw.)… Schon 1972 hatte Machovev ähnliche Gedanken in seinem Buch „Jesus für Atheisten“ vorgelegt. Mit einem präzisen,auch theologisch kenntnisreichen Verständnis der Gestalt Jesu will der Marxist Machovec zeigen: Jesus ist nicht etwa (nur) ein Sozialrevolutionär, sondern seine umfassende Forderung heißt:“Der ganze Mensch soll sich wandeln“: „Jesus reißt den Menschen mit, weil er die gelebte Zukunft (des umfassend menschlichen Reiches Gottes) mit seinem ganzen Wesen verkörpert“ (S. 103). Sogar über das Gebet Jesu schreibt Machovev:“Es ist das Vermögen ganz bei sich selbst, bei seinem eigenen Ich, zu sein“ (S. 104). Auch eine Philosophie des Dialogs hat Machovec vorgelegt: In seinem Buch „Vom Sinn des menschlichen Lebens“ (1971) erklärt er: Der Dialog mehr ist als ein oberflächlicher Meinungsaustausch, sondern ein Geschehen, in dem sich die Gesprächspartner voll und ganz selbst einbringen, also auch Menschen zum existentiellen Wandel bereit sind. Es ist traurig, dass die Bücher von Machovec in den Antiquariaten allein noch erreichbar sind. Liegt dies daran, dass den Verlegern die Beziehungen dieser Texte auf den Marxismus obsolet erscheinen? Aber wer sagt denn, dass nicht wichtige Grundideen von Marx (wie Machovec sie präsentiert) „vorbei“ und nicht aktuell mehr hilfreich sind? Dann müssten ja auch die neutestamentlichen Texte über Jesus vorbei und wenig hilfreich sein, bloß weil sich die Kirchen(führer) in ihrer Geschichte bis heute total blamieren, was die Lebensgestaltung und Kirchengestaltung aus dem Geiste Jesu angeht…

Ist dieser zentrale Gedanke Machovecs von der humanen Notwendigkeit der Sache Jesu heute verloren gegangen? Man könnte das sicher meinen. In der Tschechischen Republik (und nicht nur dort) verschwindet der jesuanische Geist wahrscheinlich auch mit dem Niedergang und Tod der kirchlichen Institutionen, die diese Sache Jesu eigentlich noch aussagen sollten. Und selbst der kritische Marxismus ist ebenfalls total marginal. Ist es die totale flache Mentalität der Konsumenten, die in Tschechien nach der Samtenen Revolution von 1989 sich durchgesetzt hat? Wo sind die Bewegungen für ein anderes, „alternatives“ Leben?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Geheimnis ein Thema der Philosophie und Theologie: Ein Kapitel philosophischer (Über)Lebenskunst

Hinweise von Christian Modehn
Geheimnis ist nichts Mysteriöses. Manche Menschen tun aber geheimnisvoll, um ihre eigene Leere oder „Besonderheit“ zu betonen. Wer ein Geheimnis für sich beansprucht, fühlt sich wichtig. Geheimnisträger gibt es in der Diplomatie. Wie oft haben sie ihre Funktion missbraucht?
Es gilt, den sinnvollen Gebrauch der Rede vom Geheimnis zu erkennen. Da muss man wieder differenzieren: Was sind echte, bleibende Geheimnisse oder bloß neurotisch aufgeladene mysteriöse Dinge? Etwa Spuk oder fliegende Untertassen oder Geister, die in spiritistischen Sitzungen sprechen…
Mit jeder neuen Erkenntnis (der Natur) gibt es neue Fragen. Es gibt neue Probleme, die „gelöst“ werden müssen. Man nennt diese Probleme auch Rätsel. Naturwissenschaftler lösen nicht Geheimnisse, sondern Rätsel. Aber dann entstehen neue Rätsel.
Rätselhaftes ist nichts Geheimnisvolles. Diese Unterscheidung ist für mich grundlegend.
Geheimnisse entziehen sich dem verfügenden Durchblick, der alles umgreifenden Definition. Geheimnis ist etwas, das nie total durchschaut werden kann. Geheimnis berührt die Qualität unserer Beziehung zur Frage: Gibt es etwas Gründendes, Tragendes, Göttliches? Geheimnis ist ein Thema der Philosophie, der Kunst, der Literatur.
Wer vom Geheimnis spricht, der weiß also mit Ludwig Wittgenstein: Auch wenn alle unseren wissenschaftlichen Probleme gelöst sind, bleiben doch die existentiellen Fragen. Und diese kann man nicht endgültig und ein für alle mal begreifend durchschauen: Dass es etwas gibt, ist (nicht nur für Wittgenstein) das entscheidende Geheimnis.
Drei Fragen stehen im Mittelpunkt unseres Salon-Gespräches am 15. 3.2019:
A)Was ist mein eignes, individuelles Lebensgeheimnis?
-Es ist über den Begriff der Intimität zu sprechen. Intimität nicht (nur) auf den erotischen, sexuellen Bereich bezogen. Es gibt eine personale Intimität.
Wir erleben heute total den Verlust der Intimität. Dies ist die freiwillige Preisgabe dessen, was mein Ich ausmacht. Man denke an bestimmte populäre Fernsehshows der „Privatsender“: Diese Shows zielen auf Verlust jeder Intimität: Etwa: „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (oft als Dschungelcamp bezeichnet). Im Januar 2019: 37 % Marktanteil der 19 bis 49 Jährigen. Und ca. 2,7 Millionen Zuschauer.
-Unsere Gesellschaft, regiert von Politikern, die sich auch oft gern „entblössen“, lässt kaum noch Intimität zu: Man denke auch an die Wohnverhältnisse. Man vergesse nicht die Millionen Hütten der Slums, dort kennen die Menschen keine Intimität. Die vielen Kinder schlafen im gleichen Raum wie die Eltern. Das betrifft viele tausend Millionen Menschen.
In Japan weichen Liebenspaare in „Liebeshotels“ aus. Weil die Wohnungen keine Intimität zulassen, es sind die „Love Hotels“. Diese sind nicht Orte der Prostitution.
-Es gibt andererseits eine falsche Tendenz im Verschweigen der Identität. Männer sprechen nicht von sich selbst und ihren „tiefen, verborgenen“ Problemen. Diese Sprechunfähigkeit hat nichts mit der Bewahrung eines Geheimnisses zu tun. Es ist oft schlicht die Unfähigkeit, aus sich herauszugehen, sich zu äußern.
Wann ist die Öffnung meines „Lebensgeheimnisses“ gegenüber Partnern, Freunden, Bekannten sinnvoll, wann eher für mich destruktiv?
Hinzu kommt: Der einzelne kann sich selbst auch nicht total durchschauen. Wir wissen nicht umfassend und total klar, wer wir eigentlich sind.
Aber: Die falsche Zurückhaltung, das je eigene Lebensgeheimnis wenigstens ansatzweise mitzuteilen, führt zu Spannungen und Krisen: Man denke an das Verschweigen der Nazi-Vergangenheit durch die Eltern. Das Verschweigen ist für betroffene Eltern selbst ein Leidensweg.
Dennoch lebt die Kommunikation gerade in der Liebe von einem Sich – Offenbaren, Sich Anvertrauen, das persönliche und je einmalige Gesicht zeigen.
Das Maß der Öffnung und des Verschweigens des je eigenen Geheimnisses zu erkennen, ist die große Lebenskunst. Das Maß der Öffnung des Geheimnisses zu erkennen, ist die große Lebenskunst.
Das Thema führt in die Ambivalenz der reflektierten Daseinsgestaltung im ganzen.
Der total für andere durchsichtige Mensch jedenfalls ist geheimnislos, er kann wie eine durchschaute Maschine benutzt werden. Und wird auch benutzt, etwa bei Wahlen, siehe Trumps Wahlkampf in den USA.
Der Umgang mit dem je eigenen Lebensgeheimnis ist ein ständiges Abwägen, ein Differenzieren, eine Suche nach dem Gleichgewicht.
B: Geheimnis und der Schutz meiner Privatsphäre heute.
Wir leben im Zeitalter der totaler werdenden Transparenz. Wir werden allmählich in der digitalen Welt total durchschaut, in Zeiten der Big Data. Der Imperativ lautet: „Alles muss Daten und Information werden“, so der Philosoph Byung-Chul Han. (in: “Psychopolitik“, S. 80) Er spricht von Dataismus: „Diese digitale Aufklärung, Dataismus, kann in Knechtschaft umschlagen“. D.h. Ich hinterlasse überall Spuren im Netz. Die digitale Welt weiß mehr von meiner Geschichte als Konsument als ich selbst (in meiner Erinnerung). Ich werde so total verfügbar. Dataismus verzichtet auf jeden Sinnzusammenhang. (81) Alle meine Daten werden vermessen und gesammelt und eingesetzt von der Industrie/Werbung/Politik als Diktatur…
Aber: Wir brauchen den Kampf um Transparenz, um die Restbestände von Demokratie zu schützen. Transparenz ist ein hoher politischer Wert.
Es ist soweit gekommen, dass demokratische Organe, etwa Justiz und Polizei, die umfassende Transparenz bereits behindern. Weil sie die Restbestände der Demokratie zerstören wollen.
Sehr beliebt ist in den sozialen Netzwerken, facebook, e-mail usw. die Verwendung der Pseudonyme. Man entscheidet sich – auch aus Angst – gegen die Klarnamen. Dann kann auch alles schreiben, was man will, dumme, gemeine Behauptungen etc. Man will sich verstecken. Aber: Geheimnisse erzeugen kann lebensrettend sein. Die geheime Wahl ist ein absoluter Wert.
Die Fake-News haben ihren festen Platz in der privaten Welt der Geheimnistuerei. Wir leben in einer Welt, in der der Grundsatz gilt: Der Schein trügt. Was du siehst und hörst von anderen, etwa im email Verkehr, stimmt oft wahrscheinlich nicht.
Diktaturen neigen zu Attacken auf die Anonymität, auf das Geheimnis. Aber Diktaturen machen aus diesen ihren eigenen Attacken wiederum ein Geheimnis.
Sie wollen Zensur durchsetzen, damit die Staatsgeheimnisse nicht öffentlich werden.
In China gibt es Zensurfabriken, eine große Mauer der Zensur wird um google, facebook in China gezogen. Es gilt dort nur noch das „innere Netz“.
C: Ein Hinweis zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Theologie:
Geheimnis als der einzig treffende Begriff, wenn wir von einem letzten Grund in unserem Dasein sprechen, einem Nichts oder einem Gott, je nach eigener Weltanschauung: Dieses Letzte, alles Gründende, das wir im Denken und Fühlen berühren, können wir, weil es das Letzte ist, niemals fassen, niemals be—greifen, nie definieren. Aber im konsequenten Denken sind wir dieser Wirklichkeit ausgesetzt. Was ist der tragende Sinn-Grund von allem? Mit dieser Frage erreichen wir das alles gründende Geheimnis.
Es gab einmal die Überzeugung, als würde die Menschheit einer geheimnislosen Zeit entgegen gehen. Der Soziologe Max Weber sprach von der „Entzauberung der Welt,“ in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ von 1919. Darin erklärte er „dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen, unberechenbaren Mächte gebe, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt. ….Und er fährt fort: Man muss nicht mehr, wie der Wilde einst, zu magischen Kräften greifen, um die Geister zu beherrschen…“sondern technische Mittel und Berechnung leisten das“, das heißt, Max Weber verwechselt wissenschaftlich immer zu durchschauendes Rätsel und Geheimnis.
Eine total entzauberte Welt wird es nicht geben. Kann es nicht geben, so lange nach dem alles gründenden Sinn oder je nach Weltanschauung Unsinn gefragt wird. Bloß viele Leute plappern die These von der „entzauberten Welt“ gedankenlos nach.
Und die tiefste und wohl letzte philosophische Frage, die ohne Antwort bleibt, heißt: “Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts?“ (Später dann auch bei Heidegger, Was ist Metaphysik, 1929)
Leibniz hat sich mit dieser Frage befasst, in seiner Schrift „Auf Vernunft gegründete Prinzipien der Natur und der Gnade“ (1714, 1716 ist Leibniz gestorben)

Nach Leibniz muss es also einen Grund geben, warum es etwas und nicht vielmehr nichts gibt, doch muss dies ein Grund sehr spezieller Art sein, „der keines andren Grundes bedarf“ oder der „den Grund seiner Existenz in sich selbst trägt“. „Leibniz nimmt hier eine weit ältere Tradition der westlichen Philosophie wieder auf, denn seit frühester Zeit hat das Rätsel der Existenz die Menschheit zu einem Schöpfer hingetrieben, einem Wesen außerhalb dieser Welt, dessen Handlungen die Welt als Ganzes entstehen ließen“ (Blackburn S. (2011) Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?. In: Die großen Fragen Philosophie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg)

Bei Wittgenstein sollte man vor allem das Spätwerk beachten.
Etwa die „Vermischten Bemerkungen“: Dort ist ein „tiefer Ernst und überzeugende Ehrlichkeit“ zu finden, so Friedo Ricken in „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie“, S. 29.
Es geht nun Wittgenstein um das Durchbrechen der engen Sprachwelt der Wissenshaften. Ricken spricht in dem Zusammenhang, im Sinne von Wittgenstein, von Klaustrophobie: D.h. Wir können in einem engen Raum der Wissenschaften nicht leben. (S. 33 Ricken).

Der späte Wittgenstein bringt uns zu der Einsicht, dass es etwas gibt, das nicht gesagt werden kann. Aber dies wird verstanden: Im Sinne des klaren und eindeutigen Sprechens.
In den „Philosophischen Untersuchungen“ schreibt Wittgenstein, dass es für ihn unmöglich ist, auch nur ein einziges Wort zu sagen, „was die Musik für mich in meinem Leben bedeutet“.
Aber: Er weiß auch: Wir berühren das Unaussprechbare. Und sagen auch, dass es auch unaussprechbar ist. Dann können wir also doch andeutend etwas von dem Unaussprechbaren sagen?
„Das Unaussprechbare, /das, was mir geheimnisvoll erscheint und ich nicht auszusprechen vermag/, gibt vielleicht den Hintergrund, auf dem das, was ich aussprechen konnte, Bedeutung bekommt“ (in Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, Nr. 472).

D: Zur Theologie:

Die katholische Kirche als dogmatische Institution ist die große Geheimnis-Erzeugerin und Geheimnis–Propagandistin: Sie ist die Förderin der Vorstellung, überall gebe es Mysteriöses, Verzaubertes, Zauberhaftes, Grauenhaft – Teuflisches. Aber viele sehen auch heute darin den „Charme“ des Katholizismus…

Die Lehre vom Teufel wird wieder zur Begründung von Verbrechen herangezogen (wie jetzt durch Papst Franziskus im Fall des sexuellen Mißbrauchs durch Priester).

Der Status des Klerikers gilt als erhoben über den anderen Gläubigen, auch dies ist etwas Mysteriöses, also von der Macht der Kirche gemacht. Ähnliches gilt von der Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes.

Es gibt den mysteriösen Kult um Wallfahrtsorte, wo Maria persönlich erschienen ist usw.

E: Einige katholische Theologen zeigen den eigentlichen Geheimnis-Begriff:
Darum: Erinnerung an Karl Rahner. Er ist DER Theologe, der die Rede vom göttlichen Geheimnis im Christentum in den absoluten Mittelpunkt stellte: „Was sagt das Christentum? Was verkündet es? Es sagt trotz des Anscheins einer komplizierten Dogmatik und Moral eigentlich doch nur etwas ganz Einfaches. Ein Einfaches, als dessen Artikulation alle einzelnen Dogmen erscheinen.
Was sagt das Christentum eigentlich? Doch nichts anderes als: Das Geheimnis bleibt ewig Geheimnis. Dieses Geheimnis will sich aber als das Unendliche, Unbegreifliche, als das Unaussagbare, Gott genannt, als sich schenkende Nähe in absoluter Selbstmitteilung dem menschlichen Geist mitten in der Erfahrung seiner endlichen Leere mitteilen.“ (In: Karl Rahner, Lesebuch, S. 20).

Das Göttliche ist IM Menschen, die Konsequenz ist: dann „Wer sich selbst als Mensch annimmt, nimmt das ihn gründende Geheimnis seines Lebens auch schon mit an, er nimmt also indirekt und unthematisch Gott, mit an“. (S. 21).

Rahner: „Gott ist der, hinter den man prinzipiell nicht kommt“. (Lesebuch, S 143). Man kann von Gott nicht „exakt“ reden. Nur stammeln, nur indirekt reden.
Aber man darf von ihm nicht darum schweigen, weil man von ihm nicht „eigentlich“ und exakt reden kann.
Ein Auszug aus „Gott ist keine naturwissenschaftliche Formel,“ (https://www.einjahrzitate.de/?p=787) „Gott ist nicht „etwas„ neben anderem, das mit diesem anderen in ein gemeinsames, homogenes System einbegriffen werden kann. „Gott” sagen wir und meinen das Ganze, aber nicht als nachträgliche Summe der Phänomene, die wir untersuchen, sondern das Ganze in seinem unverfügbaren Ursprung und Grund, der unumfasslich, unumgreiflich, unsagbar hinter, vor und über jenem Ganzen liegt, zu dem wir selbst und auch unser experimentierendes Erkennen gehören. Und in jedem Leben, auch des exakten Naturwissenschaftlers und Technikers, kommen in die Mitte des Daseins zielende Augenblicke, in denen ihn die Unendlichkeit anblickt und anruft. Man kann das Leben, insofern man zwischen diesem und jenem hindurchfinden muss, mit Formeln der Wissenschaft meistern. Wenigstens auf weite Strecken mag das gelingen, und man greift glücklicherweise morgen noch ein gutes Stück weiter. Der Mensch selbst aber gründet im Abgrund, den keine Formel mehr auslotet. Man kann den Mut haben, diesen Abgrund zu erfahren als das heilige Geheimnis der Liebe. Dann kann man es Gott nennen“.
F: Auch der katholische Theologe Edward Schillebeeckx (1914-2009) spricht theologisch vom Geheimnis: Etwa in: Edward Schillebeeckx, „Im Gespräch“, Luzern 1994, S.112).
„Man kann nicht die Existenz Gottes beweisen…SONDERN: „Es geht nur darum zu beweisen, dass es rational begründet ist, von Gott zu sprechen. Man kann nur beweisen, dass es vernünftig sein kann, von Gott zu reden“ (112)
Es gibt ein rationales Fundament für die Beziehung des Menschen zu Gott. Die Rede von Gott ist nicht absurd.
„Der Mensch, der an Gott glaubt, weiß, dass Gottes Schweigen nicht seine Abwesenheit bedeutet“. 112.
Die absolute Gegenwart Gottes ist schweigende Gegenwart. 113. (Man kann also auch das Schweigen Gottes als Gottes Nichtexistenz deuten, so Schillebeeckx, S. 113.)
„Weder der Theismus noch der Theismus können bewiesen werden. Beide sind INTERPRETIERNDE Erfahrung der Wirklichkeit, (S. 113).
„Auch Atheisten sind Glaubende“ (nämlich an das Nichts Glaubende, CM) (S. 114.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Die Katholische Kirche ist am Ende“: Nicht nur wegen des „Missbrauchs“. Sie klammert sich an ein vergangenes Weltbild

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2019

Am 1.3. 2019: Die zentrale Erkenntnis dieses etwas ausführlicher geschriebenen Hinweises ist: Die Verfassung, also die Gesetzgebung (Codex Juris Canonici) wie die dogmatischen Lehren der katholischen Kirche erlauben es nicht, dass der allherrschende Klerus selbst grundlegend kritisch mit den eigenen Untaten umgehen kann. Gelegentlich veranstalten diese Herren eine gewisse „Show“, um die Gemüter etwas zu besänftigen. Man sollte deswegen keinerlei tiefgreifende Reformen, schon gar nicht eine einzig hilfreiche grundlegende Reformation von den de facto und dejure allherrschenden Klerikern erwarten. Alles Reden von „Mitbestimmung der Laien“ gilt ja bekanntlich nur für belanglose Fragen, diese „Mitbestimmung der Laien“ ist eine Geste der Besänftigung. Und die lassen sich immer noch besänftigen!
Also, lasst -nur in der Hinsicht – alle Hoffnung fahren, auch in dem Zusammenhang einer wirklichen Neuorientierung, Umkehr der Kirchenleitung zugunsten der Opfer sexueller Gewalt durch Priester: Diese Neuorientierung, Umkehr, Reformation bestände vor allem darin: Den unseligen Zölibat endlich abzuschaffen und Frauen zu Priestern zu weihen sowie eine synodale, demokratische Kirchenordnung zu schaffen. Aber das wäre ein Machtverzicht des Klerus. Welche Herrscher verzichten schon freiwillig auf absolute Macht? Auch der angeblich progressive, aber bekanntermaßen sehr Teufels-gläubige Papst Franziskus wird es nicht tun wollen und tun können.
Wer noch einen vertiefenden, aber immer noch gültigen Beitrag zum Thema Hierarchie (aus dem Jahr 2009) lesen möchte: Dann verweise ich auf meinen Beitrag für den WDR mit vielen O Tönen, vor allem von dem großen Theologen Otto Hermann Pesch. Hier klicken.

Der Hinweis:
Es kam so, wie es kritische Beobachter erwarteten: Die alles entscheidende Rede des Papstes am Ende des „Gipfels“ über den sexuellen Missbrauch durch Priester und Bischöfe ist eher eine allgemein gehaltene kulturkritische Predigt über das furchtbare Geschehen des Missbrauchs von Kindern im allgemeinen, mit dem unverbindlich und unkonkret gegebenen Versprechen, dass sich die Kirche in dieser Sache „reinigen“ will.
Im ganzen also: Diese in finanzieller Hinsicht aufwändige, in medialer Hinsicht von Erwartungen überladene, in einigen Statements (besonders der Opfer und von Frauen,Nonnen) doch noch denkwürdige Konferenz ist insgesamt ein Fiasko. Denn das letzte Wort hat nun einmal der Papst in den Strukturen der Kirche. Und der denkt gar nicht daran, mögliche Ursachen des Missbrauchs zu bekämpfen, wie den Pflicht-Zölibat abzuschaffen oder auch Frauen ins Priesteramt zu lassen…Alles wie gehabt, also. Was soll nur dieser Aufwand? Man wollte ein gutes Image der Kleruskirche wiederherstellen. Selbst diese pure Äußerlichkeit der „Schminke“ ist nicht gelungen.
Und das für mich erstaunlich: Dieser „Gipfel“, manche sprachen gar von „Synode“, wird nun im Titel der Papst-Predigt zum allgemeinen „Kinderschutz-Gipfel“ umbenannt wurde: Diese allgemein kulturelle Öffnung des Themas erlaubt es dem Papst, relativ wenig vom kirchlichen Missbrauch und den nötigen Veränderungen IN der Kirche zu sprechen.
Diese frommen Worte des Papstes Franziskus (manche nannten ihn ja einst progressiv) zeigen ihn befangen in der klerikalen Sonderwelt. Dieser Papst, das zeigt sich immer mehr, ist nun den Konservativen verpflichtet. Er will, kann und darf aus der Welt der Privilegien der Kleriker nicht heraustreten. Man bedenke: Der Klerus glaubt bis heute allen ernstes „in der Person Christi des Hauptes der Kirche zu handeln“ (Katechismus, § 1549). Der katholische Priester ist förmlich der zweite Christus. Und in diesem all-verbindlichen Katechismus von 1993 ist sogar „der Bischof Abbild des Vaters (Gott-Vaters)“. Wer so in der Nähe Gottes lebt, kommt da nicht mehr raus und will das auch nicht: Was für ein Vorteil, auf der Seite Gotteszu stehen. Dies sind maßlose Ansprüche, die keine Reform, sondern nur eine neue Reformation abwenden könnte.
Im ganzen gesehen haben sich angesichts dieser frommen – im letzten belanglosen – Worte des Papstes die reaktionären Kräfte im Vatikan durchgesetzt, jene machtvollen Kleriker, die sich ständig gegen Aufklärung, Vernunft und tief greifende Reformen aussprechen.
Nach diesen frommen Worten des Papstes bleibt die katholische Kirche also in der selbst gewählten Sackgasse. Und wer sich aus ihr noch befreien kann, wird es nach Kräften tun. Gerade jetzt.

Aber: Eine weiter in die Tiefe gehende Reflexion ist nötig:
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist jetzt oft Religionskritik, d.h. auch Kirchenkritik. Soziologen kommen in ihren Studien und Interviews in Rom zu dem Ergebnis: „Der Vatikan ist eine verrückte Welt“ oder: „Die Kirche ist eine Organisation der Lüge, ihre Repräsentanten lügen pausenlos über alles“, so der Soziologe Frédéric Martel in einem Interview mit der Wochenzeitung „Christ und Welt“ (21.2. 2019, S.5). Martel ist als Soziologe Autor der großen, jetzt international verbreiteten Studie „Sodoma“. Entscheidend ist Martels Einsicht: „Wir erleben das Ende eines Systems“ (ebd.)

Die Frage, die dann auch philosophisch interessant ist: Welches System, welches geistige System, das die römische Kirche darstellt, ist denn am Ende? Vom Ende des Katholizismus ist bekanntlich nicht nur in einer kritischen Theologie, sondern in der Religionssoziologie die Rede, man denke unter vielen Beispielen an Danièle Hervieu-Légers Werk „Catholicisme, La Fin d un Monde“(Paris 2003), die Autorin ist eine der bekanntesten religionssoziologischen Wissenschaftlerinnen.

Finanziell ist diese katholische Kirche allerdings noch nicht am Ende. Allein der Immobilienbesitz des Vatikans könnte, in Geld umgewandelt, ganze Hungersnöte in Afrika auf Dauer abwenden. Und auch personell ist diese Kirche nicht ganz am Ende, in Europa hingegen gewiss, wenn man an das Fehlen so genannt zölibatär lebender Priester denkt. Aber in Afrika und Asien ist die „Priesterkarriere“ immer noch sehr beliebt bei jungen Männern, die darin auch den sozialen Aufstieg erleben! Und etliche Laien auch in Europa halten formal nach außen hin noch treu zur Kirche, sprechen fleißig die kaum verständlichen apostolischen Glaubensbekenntnisse in der Messe nach. Sie sind noch Kirchenmitglieder, so wie einst „unerschütterliche“ Kommunisten/Stalinisten zur KP hielten…Schließlich sind viele tausend Katholiken auch heute in katholischen Strukturen (Schulen, Caritas usw.) angestellt, also finanziell von der sich „Mutter“ nennenden Kirche abhängig. Am Rande: In Frankreich sagte man um das Jahr 2000: „Die KP Frankreichs wird nur noch von Angestellten der Parteiorganisationen gewählt…“
Die katholische Kirche ist aber de facto am Ende, also innerlich gelähmt, todkrank. Sie kann sich kaum noch kreativ bewegen, kann sich nicht grundlegend strukturell erneuern. Die Rede des Papstes am Ende des großen „Missbrauchsgipfels“ am 23.2.2019 zeigt dies in aller Deutlichkeit. Um den sexuellen Missbrauch in der Kirche und der Gesellschaft zu erklären, verwendet der Papst noch einen Begriff wie „Teufel“, dies nur ein Hinweis auf die Bindung des klerikalen Denkens bis heute an eine uralte Welt des Mythos. Die Kirche könnte sich nur erneuern, wenn sie sich von dieser Bindung befreit. Nur in diesem mythischen Denken kann von der exklusiven, gottnahen Sonderrolle des Priesters überhaupt die Rede sein.
Diese Kirche kann sich aufgrund des eigenen Selbstverständnisses nicht grundlegend erneuern. Denn etwa im Fall des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker müssten sich die Täter bei diesem Kirchenrecht selbst bestrafen. Wer macht das schon? Das Kirchenrecht kennt keine Gewaltenteilung, nicht einmal den Ansatz von Demokratie, bemerkenswert für eine weltweit agierende Organisation. Nebenbei: Die Ähnlichkeiten kommunistischer Diktaturen mit den Strukturen bzw. den Jahrhunderte alten Unterdrückungsmechanismen der Kirche (wie Zensur, Kontrolle, Bestrafung der Dissidenten, Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, keine Gewaltenteilung etc.) sind evident und allseits bekannt.

Aber es wäre zu oberflächlich, wie so viele Journalisten es tun, bei diesen strukturellen Äußerlichkeiten stehen zu bleiben. Und es ist eher naiv zu meinen, die Probleme dieser Kirche könnten mit strukturellen Veränderungen allein gelöst werden. Eine Reformation, die nötig wäre für die römische Kirche, ist nie nur eine Strukturfrage. Denn diese Strukturen werden vom Klerus deswegen nicht geändert, (sie sind ja die einzigen, die tatsächlich „ändern“ könnten, wenn sie es denn wollten), weil diese Strukturen eben in den großen geistigen, theologischen bzw. ideologischen Rahmen eingebunden sind, die das Selbstverständnis der katholischen Kirche bestimmen. Es ist also die alles beherrschende Ideologie, die verstanden werden muss, um zu begreifen, warum diese „Kirche am Ende ist“, wie Frédéric Martel und andere erkannt haben.
Es handelt sich darum, endlich wahrzunehmen: Die Kirche ist in ihrer zentralen Lehre von Gott und der Deutung der Offenbarung, der Lehre von der Kirche noch in einer durch die Moderne längst überwundenen Kultur zu Hause ist. Man könnte sagen: Sie steckt noch fest im mittelalterlichen geozentrischem Weltbild. Sie ignoriert die bleibenden, die guten Errungenschaften der Moderne. Für konservative und reaktionäre Kreise ist es ja üblich, „die“ Aufklärung, „die“ Moderne pauschal zu verurteilen.
Diese tiefe ideologische Bindung an ein uraltes Weltbild ließe sich an vielen Beispielen festmachen: Am Ausschluss von Frauen vom Priesteramt; an der Missachtung elementarer Menschenrechte INNERHALB der Kirche; an der unbezweifelt vom Klerus hingenommenen Überordnung des Klerus über die Laien; an der Unfähigkeit, die historisch-kritische wissenschaftliche Forschung auch in der eigenen Dogmatik anzuwenden; an der Abwehr, Theologie als freie, d.h. von der Kirchenleitung unabhängige Wissenschaft zu betreiben. Überhaupt der ganze Lebensstil des Klerus in der Kurie, in den Palästen, in den Privatgemächern der Kardinäle, mit dem Prunk in den Büroräumen, all das erschlägt förmlich schon jeden modernen Gedanken.
Das ist allseits bekannt. Und es muss nur noch einmal gesagt werden: Dass die Reformen oder Reförmchen, die sich der Klerus etwa im 2. Vatikanischen Konzil (1961-65) gönnte, nur oberflächliche Veränderungen sind: Selbst wenn die lateinische Sprache aus der Messe weithin verschwand: Die lateinische Sprache und ihre herrschaftliche antike Redeweise des 4. Jahrhunderts wie „Der Herr sei mit euch“, „Erhebet die Herzen“ usw. wurde eins zu eins, also wortwörtlich in die jeweiligen aktuellen Sprachen übersetzt: Aber wer versteht schon heute in Berlin oder Kinshasa oder Kyoto diese aus dem Lateinische stammende eher esoterische Sprache? Vor dem Kommunionempfang heißt es etwa: „Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach…“ Unter welches Dach geht eigentlich die Hostie ein?
Das 2.Vatikansche Konzil ALS Konzil des Klerus (!) hat den katholischen Laien eine gewisse Mitsprache erlaubt, aber keine wesentlich neuen Rechte zugestanden, als Laien in kirchlich – zentralen Belangen tatsächlich mit zu entscheiden. Das letzte Wort hat nach wie vor immer der Klerus. Auch am Missionsgedanken („Bekehrung aller Völker“) wird ungebrochen festgehalten ebenso an der besonderen herausragenden Stellung der römischen Kirche über allen anderen christlichen Kirchen usw…

Diese Hinweise genügen, um zum Kern der Problematik zu kommen:
Die Hierarchie gehört in die längst überwundene, sagen wir „geozentrische Welt“ des Mittelalters. Natürlich gibt es auch Hierarchien in der Wirtschaft noch heute, aber es sind solche, die stets demokratisch verändert werden können und müssen. Der Gedanke an eine absolut in der Hierarchie-Spitze unkontrolliert agierende Herrschaft ist für die Moderne ausgeschlossen, selbst wenn solche Herrschaftsformen de facto noch vorkommen. Der Klerus als Spitze der Hierarchie ist in gewisser Weise der kirchliche Adel, der in der Kirche besteht; bekanntlich war es den Päpsten im frühen Mittelalter nicht gelungen, den Adel und dessen Bevorzugung im Staat abzuschaffen. Das war wohl der furchtbare Preis, den Päpste und Bischöfe zahlen mussten, damit die einst „heidnischen Stämme“ dem Christentum, d.h. der Kirche beitraten. Die von Jesus von Nazareth überlieferte Lehre der Gleichheit und Brüderlichkeit wurde abermals verraten.
Es ist also der anti-moderne und vor-moderne Geist, der die römische Kirche zutiefst durchdringt.
Zentrum ist aus dieser vormodernen Zeit stammende unbefragte Anerkennung der Hierarchie: Die da oben, der Klerus, haben ihre eigenen Gesetze, die ihnen niemand in der Kirche nehmen kann.
Und auch die Gesellschaft und der moderne Staat werden von diesen Hierarchen eigentlich verachtet. Man denke nur an die Verurteilungen des politischen Liberalismus, verstanden als Idee der Demokratie und der Menschenrechte, durch den polnischen Papst Johannes Paul II. Man denke daran, dass die Kirchen-Hierarchie immer noch meint, nicht nur für die Interpretation des Evangeliums absolut zuständig zu sein, sondern eben auch für das, was sie Naturrecht nennt: Was sich für den Menschen als Menschen gehört im ethischen Bereich, das will die Hierarchie bestimmen. Die katholische Kirche sieht sich förmlich als Verteidigerin des alten Naturrechts: und das heißt: Abwehr und Verachtung der gelebten Homosexualität, das Verbot der künstlichen Geburtenregelung, das Verbot jeglicher Form einer Suidzidhilfe für Schwerstkranke, die absolute Liebe zum ungeborenen Leben: Katholisch sein heißt ja oft „Pro-Life“ sein. „Pro-Life“ in der militanten Form ist das ethische Grunddogma der katholisch-konservativen Kirche! Aber dieses „Reinreden“ der Kirche auch in Sachen Naturrecht wird allmählich von demokratischen Staaten in Frage gestellt. Nach dieser Konferenz in Rom sicher noch mehr. Der Klerus tobt zwar, dass ihm dieser Teil seiner „Mission“ genommen wird. Aber nur noch autoritäre Regime folgen in der Hinsicht dem Vatikan, leider auch viele konservativ geführte Staaten in Lateinamerika.
Dies alles ist der Geist des Mittelalters, den ich mit dem Bild des „geozentrischen Weltbildes“ umschreibe, wobei jeder Kleriker stolz erwidert, dass die Kirche doch vor etwa 50 Jahren auch Galilei anerkennt habe. Wie hübsch! Aber diese unglaublich verspätete Anerkennung ist äußerlich, der Gedanke der Evolution der Schöpfung ist auch nicht gerade beliebt im Klerus.
Aber mit dieser Bindung an das überholte und als falsch zurückgewiesene Weltbild des Mittelalters ist auch eine ideologische Bindung gemeint:
Die Bibel wird vom Klerus und dem Papst allein letztgültig interpretiert. Und da werden Bibelverse, die dem Klerus gut ins Geschäft passen, zugunsten des Klerus wortwörtlich übernommen. Andere Worte Jesu etwa, „Nennt euch nicht Meister“ etc. werden als bloß historisch relativiert. Weil der herrschende Klerus glaubt, von Jesus und letztlich von Gott berufen zu sein, entscheidend die Bibel zu deuten. Das ist sozusagen ein „circulus vitiosus“ der klerikalen Hermeneutik: Die Herrschenden haben sich den Text förmlich angeeignet. Solange dies so bleibt, wird sich klerikale Macht fortsetzen.
Weil der Klerus hinsichtlich der Theologie allein entscheidend ist und Querdenker eben bestraft, mundtot macht, einst verbrannte, deswegen kann sich die römische Kirche auch nicht von der erdrückenden Fülle von dogmatischen Aussagen befreien. Es wäre ja ein Eingeständnis, dass es Überholtes, historisch Überwundenes, Relatives gibt in der Lehre der Kirche. Aber der Klerus, vom Heiligen Geist geleitet, macht bekanntlich keine Fehler. Der offizielle römische Katechismus, der für alle Katholiken die zu respektierende Lehre aufführt, umfasst mehr als 800 Seiten.
In dem Opus, Katechismus genannt, wird der Klerus in himmlische Höhen gehoben: Denn der Priester vollzieht mit seinen sauberen Händen (Lavabo!) immer wieder das unblutige Opfer Jesu Christi am Altar: Der Priester steht förmlich auf Gottes Seite. Und da kann in dem uralten Denken nur ein Mann stehen, denn die Frauen sind diesem Denken entsprechend unrein und minderwertig.
Und so werden höchst widersprüchliche, überholte Lehren noch eingeschärft, wie etwa das Dogma von der Erbsünde: Diese „Erbsünde“ wird im sexuellen Akt (der wesentlich schmutzig ist in diesem uralten Denken) übertragen: Und nur die Kirche kann durch ihre Taufe die Menschen von dieser ewig übertragenen Erbsünde befreien. Die Macht der Kirche über das Böse soll sich da zeigen, bis heute werden übrigens Teufelsaustreibungen praktiziert, selbstverständlich durch Priester…Das uralte mythische Denken hat im Katholizismus völlig überlebt, man denke an den Glauben, dass Maria höchstpersönlich erscheinen kann, in Lourdes, Fatima und anderswo. Man denke an die Zumutun, dass einzelne Fromme an ihren Händen die Wundmale Jesu, zeigen, wie Pater Pio oder Therese Neumann von Konnersreuth; allen Ernstes glaubt auch der angeblich progressive Papst Franziskus an den Ablass. Es ist ein Gott, mit dem man rechnen kann, über den die Kirche verfügt, was für eine Schande. An der Realität von Wundern wird festgehalten, so, als ob Gott persönlich mal die von ihm geschaffenen Naturgesetze unterbricht zugunsten einiger Erwählter und zu Ungunsten der meisten „normalen Gläubigen“.
Es ist der Glaube an eine „verzauberte Welt“, die dem Katholizismus noch Zuspruch bietet; ein Glaube, dass „Gott im Himmel“ diese katholische Kirche, so, wie sie de facto ist, will; dass also Gott im Himmel diesen Klerus so will. Nur wer das glaubt, hat Chancen, katholisch zu bleiben.
Wer jetzt noch von einer Reformation der katholischen Kirche heute träumt, sich sogar für Reformen einsetzt, hat für mich etwas „Masoschistisches“. Kann man ja aus einer gewissen Lust machen, ist aber wahrscheinlich Zeitverschwendung.

Was bleibt heute für religiöse Menschen zu tun? Die Religionskritik fortsetzen. Und eine individuelle Gestaltung der je persönlichen Beziehung zum Unendlichen weiter entwickeln. Das kann z. B. auch in den wenigen tatsächlich protestanisch-progressiven Kirchen geschehen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sexueller Missbrauch durch Priester wird viel milder bestraft als die Missachtung der Kirchengesetze

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich des „Sonder-Gipfels“ der Bischöfe im Vatikan vom 21.bis 24.Februar 2019
Siehe auch den Beitrag: Auf Bittschriften reagiert der Vatikan nicht. LINK

Was hat dieser folgende Bericht mit dem sexuellen Missbrauch durch Kleriker zun tun? Schärfer werden vom Vatikan Priester bestraft, die gegen die formalen Kirchengebote des Vatikans verstoßen, als solche, die gegen die Menschlichkeit verstoßen. Diese werden „nur“ laisiert; die anderen, die sich vom Vatikan absetzen und vom Papst, werden mit der schlimmsten Strafe bestraft, der Exkommunikation. Das sagt alles über das klerikale System.

Erzbischof und Kardinal Edgar McCarrick (emerit. Erzbischof von Washington DC) wurde nach einem Strafprozess im Vatikan jetzt in den Laienstand versetzt. Ihm werden und wurden schon vielfache „Verstöße gegen das 6. Gebot“ vorgeworfen…Die entsprechenden Einzelheiten wurden und werden in der Presse verbreitet.
Diese Bestrafung eines sehr hohen Klerikers soll ein Signal sein zum Auftakt der großen Beratungen über sexuellen Missbrauch durch Kleriker. Der Papst will förmlich „urbi et orbi“ zeigen, wie ernst er es meint im Umgang mit „Tätern“ in der Kirche. Diese Beratung der Leiter der Bischofkonferenzen aller Länder vom 21.bis 24. Februar 2019 im Vatikan soll Klarheit schaffen hinsichtlich des zahlreichen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker. Noch ist kein Ende abzusehen, in welchen Ländern von den Belästigungen und Untaten noch ausführlich berichtet wird, vielleicht endlich in Polen etwa oder Indien oder auf den Philippinen usw. Auch die Tatsache, dass dieser „bischöfliche Sonder-Gipfel“ im Vatikan weitgehend eher eine interne Sache der Kleriker bleibt unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit, soll hier nicht weiter vertieft werden. Auch von den immensen Kosten dieser bloßen Debatten-Veranstaltung, alle Bischöfe reisen mit dem Flugzeug an, soll nicht weiter erläutert werden…

Hier geht es um eine entscheidende Nuance im katholischen Kirchenrecht, die zu verstehen alles andere als esoterisches Wissen ist.

1.Erzbischof McCarrick wird also als Kleriker in den Laienstand versetzt. Und dies gilt für den Papst und die Bischöfe als Strafe, also als Degradierung, als Verlust hervorragender klerikaler Auszeichnungen und Privilegien.
Diese Strafe ist Ausdruck des hierarchischen Denkens der katholischen Kirche: Kleriker sind „auserwählte“ Amtsträger in Leitungsfunktionen, eigentlich von Christus persönlich gerufen und ausgewählt.
Aber die Frage muss gestellt werden: Warum ist es schlimm, Laie zu werden? Warum gilt das als Strafe, Laie zu sein? Dies wird nur verständlich, wenn man das immer noch gültige Konzept der Hierarchie, die Überordnung des Klerus über den Laien, berücksichtigt. Die Strafe, als Ex-Kleriker nun Laie zu sein, bedeutet vor allem auch oft eine Verschlechterung der äußeren, materiellen Lebensumstände. Ein Laie muss meistens von seiner Hände Arbeit leben, also auch ein in den Laienstand versetzter Kleriker. Für den 88 Jährigen – jetzt Mister – McCarrick wird diese Form der „Handarbeit“ wohl jetzt nicht mehr in Frage kommen. Aber er bleibt eben in der Kirche und der kirchlich denkenden Gesellschaft ein „Gezeichneter“, einer, den man eher meidet.
Es ist also das immer noch vorhandene hierarchische Denken, das in dem Falle wieder deutlich wird, also das Zweiklassensystem, hier die auserwählten und privilegierten Kleriker, dort die minderen Laien. Diese innerkirchliche Klassenspaltung ist prinzipiell, nicht immer faktisch, in protestantischen Kirchen aufgehoben.

2.Genauso wichtig ist die Erkenntnis: Kleriker, die gegen Kirchengebote und Kirchengesetze verstoßen, werden vom Vatikan viel drakonischer bestraft: Sie werden exkommuniziert, also aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen. Das ist für die Betreffenden viel heftiger, als in den Laienstand versetzt zu werden. Wer exkommuniziert ist, darf nicht mehr an den Sakramenten der römischen Kirche teilnehmen, falls er dies noch wünschen sollte.
Aber entscheidend ist: Exkommuniziert werden Kleriker, nicht etwa, wenn sie gegen die Menschenwürde von Kindern und Jugendlichen verstoßen haben. Also etwa sexuellen Missbrauch begangen haben. Die Attacken gegen das Humane sind eher zweitrangig. Da urteilt die Kirchenführung milder. Sehr viel verbrecherischer ist es in vatikanischer Sicht, wenn diese Kleriker etwa unerlaubt Bischöfe weihen, wie dies der traditionalistische, aber zu dem Zeitpunkt immer noch römisch-katholische Erzbischof Marcel Lefèbvre 1988 tat und sich die Freiheit nahm, 1988 vier von ihm ausgebildete Priester OHNE ERLAUBNIS des Papstes zu Bischöfen zu weihen. Diese Weihen sind ja nach dem Kirchenrecht gültig, wenn auch unerlaubt. Die Konsequenz in Rom war: Lefèbvre wurde exkommuniziert. An der obersten Autorität der Kirche zu rütteln ist ein viel schlimmeres Verbrechen, als Kinder sexuell zu missbrauchen, was das Strafmaß angeht.
Darum merke: Vergehen gegen die Kirchengebote werden bei Klerikern stärker bestraft als Vergehen gegen die Menschlichkeit.
Man denke auch daran, dass der katholische Theologe Gotthold Hasenhüttl vom Bischof von Trier exkommuniziert wurde, weil Hasenhüttl aus der Kirche als gesellschaftlicher Organisation (nicht als Glaubensgemeinschaft) ausgetreten war.
Kürzlich wurde noch ein Priester in Palermo (Alessandro Minutella) exkommuniziert, weil er im Rahmen seiner traditionalistischen Theologie Papst Franziskus heftigst kritisierte.
Schon in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatten die französischen Arbeiterpriester unter heftigsten Schikanen zu leiden: Der Papst wollte nicht, dass Priester in den Fabriken als Arbeiter unter Arbeitern tätig sind, er drohte mit der Exkommunikation, wenn diese Tätigkeit nicht eingestellt wird. Warum? Weil die Arbeiterpriester die strikte Trennung von Klerus und Laie verwischten. Priester sollten etwas ganz Besonderes, Herausgehobenes, bleiben.

3.Heute erlebt die Welt, wie schon früher auch, dass so viele dieser „herausgehobenen“ Kleriker alles andere als herausgehobene Vorbilder der Heiligkeit sind.
Das Image des Klerus ist definitiv dahin. Da kann auch keine „Sondersynode“ wie jetzt in Rom Abhilfe schaffen.
Die einzige Abhilfe wäre, die bevorzugte und privilegierte Sonderstellung des Klerus abzuschaffen und nur noch gleichgestellte und gleich wertvolle Christen in der Kirche zu haben, mit unterschiedlichen Aufgaben zwar, aber eben ohne Hierarchie.

4.Aber um dahin zu kommen (äußerst unwahrscheinlich bei der Macht im Vatikan), muss die Bibel kritisch gelesen werden. Vor allem muss die Ideologie abgebaut werden, Jesus von Nazareth, ja selbst der liebe Gott, hätte den Klerikerstand gewollt. Auch der offizielle universelle Katechismus müsste umgeschrieben werden, wird doch da –entgegen aller theologisch-kritischen Forschung- in § 874 noch betont: “Christus selbst ist der Urheber des Amtes in der Kirche“ . Und alle Reformations – Hoffnungen werden zu Schanden, wenn man in § 765 lesen muss: “Der Herr Jesus gab seiner Gemeinschaft eine Struktur, die bis zur Vollendung des Reiches (sic) bleiben wird. An erster Stelle steht die Wahl der Zwölf (Apostel) mit Petrus als ihrem Haupt (sic), sie repräsentieren die zwölf Stämme Israels ….usw. usw. Der Katechismus geht noch weiter und versteigt sich dann zu der These, in § 760: „Die Kirche – schon seit dem Ursprung der Welt vorausgestaltet“ (Man könnte also denken: Adam der erste Priester und Eva, die erste verführerische Laiin) Und in § 761 f. heißt es sehr christlich – herrscherlich: „Die Kirche – im Alten Bund vorbereitet“, unter Kirche ist selbstverständlich immer die römische zu verstehen. Also gab es die ersten Katholiken schon (heimlich ?) unter den Juden im Volk Israel?
Aus dieser klerikalen (und im Blick auf die ganze Weltgeschichte und Israel durchaus imperialen!) Theologie gibt es kein Entkommen mit Reformen und Reförmchen. Da hilft vielleicht nur eine neue Reformation… Aber – siehe Luther –der Klerus klammert sich mit aller Gewalt gegen Reformationen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auf Bittschriften reagiert der Vatikan nicht. Eingaben der Gläubigen sind sinnlos!

Ein Hinweis von Christian Modehn. am 10.2.2019

Gibt es eine Petition, eine Eingabe, einen Aufruf, eine Unterschriftensammlung usw. von katholischen Laien, Priestern und Theologen, die auch nur den leisesten Schimmer von Erfolg hatten bei den höchsten amtlichen Leitern der katholischen Kirche, also dem Papst und seinem Bischofskollegium.

Wie viele Unterschriftensammlungen („Wir sind Kirche“), wie viele Bittbriefe, wie viele Reformvorschläge wurden von der „Basis“ der herrschenden Kleriker-Spitze übergeben: Alles war vergeblich. Und es musste vergeblich sein, und wird vergeblich sein. Das ist eine nüchterne Einsicht, der sich aber alle Unterschriftensammler und „Eingaben-Schreiber“ widersetzen. Sie wissen es, aber ignorieren die Erkenntnis: Die katholische Kirche in ihren gottgewollten, ewigen Strukturen und Gesetzen wird einzig von den bestimmenden herrschenden Klerikern definiert. Wenn diese nicht eine noch so geringe Veränderung wollen, passiert gar nichts! Da können millionenfach Bittschriften im Vatikan landen. Denn einzig Papst und Bischöfe verfügen über die Interpretation der Texte des Neuen Testaments, und behaupten dabei sehr machtbewusst, Jesus Christus persönlich habe dies so gewollt. Sie lesen also diese neu-testamentlichen Texte in der Form, als hätten letztlich nur sie, Papst und Bischöfe, von Christus den Auftrag erhalten, „in seinem Namen und in seiner Vollmacht zu lehren, zu heiligen und zu leiten“ (so der offizielle, weltweit für alle Katholiken geltende „Katechismus der katholischen Kirche“, 1993, § 873).

Noch einmal: „Der Klerus allein lehrt, heiligt“ (was immer das aktuell in den Skandalen um den sexuellen Missbrauch durch Priester bedeuten mag) „und leitet“. Wer diese angeblich gottgewollten Verhältnisse als Laie, als „Basis“ der Kirche, nicht akzeptiert, läuft gegen die viele Meter hohen Mauern, die den Vatikan von der Welt trennen.

Ist das für die Petitionsschreiber so schwer zu verstehen? Offenbar! Sie vergeuden ihre wertvolle Lebenszeit mit solchen Bittbriefen, Bettelbriefen: „Lieber Herr Kardinal, seien Sie doch mal treu dem Evangelium und nicht den Kirchengeboten, hören Sie uns doch bitte mal…“ Das ist der ewige Grundtenor der Bettelbriefe. Sie wirken irgendwie kindlich. Es sind die „Schäfchen, die ihre Hirten anbetteln“. Sie können bestenfalls das Gewissen von Päpsten und Bischöfen etwas ankratzen. Aber Reformen sind von Päpsten und Bischöfen nicht zu erwarten, geschweige denn eine wahrlich Reformation! Denn das würde ihre Macht reduzieren und sicher auch ihren finanzielle guten Status.

Selbst das so genannte Reformkonzil des 20. Jahrhundertes, also das 2. Vatikanische Konzil, hat an der Allmacht des Klerus nichts geändert. Diese ist eine Art feste und fixe DNA-Struktur des Katholizismus, sagte sehr treffend der Bischof von Hildesheim, Dr. theol. Heiner Wilmer.

Papst und Bischöfe sind, was die Kirchenstrukturen und die dogmatischen Lehren angeht, also allmächtig. Sie können de facto ungeniert machen, was sie wollen: Etwa Pfarr-Gemeinden gegen den Widerspruch der Gläubigen zusammenlegen, einzig deswegen, weil der Klerus fehlt. Auf den Gedanken, Laien, Nonnen oder verheirateten Priestern diese Gemeinden als Leiterinnen anzuvertrauen, wollen die Herren nicht kommen. Und wenn im Februar 2019 in Rom diese führenden Herren Bischöfe über sexuellen Missbrauch ihrer lieben, so oft vor den Gerichten geschützten Mitbrüder debattieren, bleiben diese Herren weitgehend unter sich, ohne die ständige Anwesenheit und Mitsprache der Vertreter von Organisationen der Opfer. Selbst die Beschlüsse von Synoden der katholischen „Landes“-Kirchen, etwa einst in Holland oder der Bundesrepublik usw. haben überhaupt keine Bedeutung, sie sind für die Herren der Kirche bestenfalls interessante Hinweise. Diese Synoden waren und sind immer wieder im Blick der römischen Prälaten nette Beschäftigungstherapien und Papierfluterzeugungen…

Freundlicherweise hat der genannte offizielle Katechismus in § 907 aber dann doch (klein gedruckt ) nicht auf den Hinweis einer gewissen Mitwirkung der Laien verzichten wollen. Denn in diesem Paragraphen wird den Laien das „Recht und bisweilen die Pflicht“ zugestanden, ihre Meinung zu dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen“. Über die tatsächliche Bedeutung oder gar Wirkung dieser Mitteilungen (manche Laien sind ja froh, wenn ihre Bittschriften überhaupt gelesen werden, wie etwa die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester) bei den „geistlichen Hirten“ wird im Katechismus gar nichts gesagt. Hingegen werden dort, im § 907, die mitteilenden Laien ermahnt, bei diesen ihren Schreiben auf die „Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht (sic) gegenüber den Hirten“ zu achten! Also bitte nett und höflich bleiben und immer brav-gehorsam…

Außerdem sollen die mitteilenden Laien den „allgemeinen Nutzen“ ihrer Schreiben beachten und die Würde der Personen achten“… Was soll dieser § mit allen seinen Einschränkungen? „Haltet den Mund ihr Laien, eure Schreiben sind so wieso irrelevant für uns Herren der Kirche“. Das ist belegbare historische Erfahrung seit Jahrhunderten. Und auch der jetzige Text der wenigen Petitionsschreiber um Pater Mertes (von Anfang Februar 2019) hat doch eher noch den milden Bittsteller Ton. So reden Verängstigte und Gehorsame gegenüber ihren hohen Autoritäten. Warum schreiben sie nicht: Wir werden uns gewaltfrei, aber wirksam Einlass suchen bei euren Bischofsdebatten zum sexuellen Missbrauch. Wir werden die Eingangstüren des Versammlungsraumes blockieren, so wie einst Wiener Katholiken dem reaktionären Weihbischof und Ratzinger Intimus Kurt Krenn den Zugang in den Wiener Stephansdom versperrten“. So sieht geistlicher Widerstand aus, er hat mit den ewigen netten Petitionen nichts zu tun.

Aber: Warum werden dennoch Petitionen etc. von Laien, von Priestern und Theologen der „Basis“ nach Rom oder an Leiter von Bischofskonferenzen permanent geschrieben: Weil diese armen Laien und Priester der Basis offenbar keine andere Möglichkeit sehen, überhaupt noch ihre Wut irgendwohin zu kanalisieren. Austreten wollen sie nicht, können sie nicht, dazu sind sie zu gehemmt, zu gehorsam. Das Hauptproblem ist ein Glaubensproblem: Tatsächlich wird der Glaube bei Katholiken immer auf den Glauben an diese vorgegebene Kirchenordnung umgelenkt. ABER: Die Kirche ist ein weltlich Ding, das wagt kaum ein Katholik zu denken, geschweige denn danach zu leben. Gerade den Priestern wurde es eingeimpft, dass diese Kirche des allen herrschenden Klerus der liebe Gott so will! Was für eine Gotteslästerung. Oder ist man immer noch so naiv und hofft auf bessere Zeiten, „bei diesem Papst Franziskus“, sagt man dann mit schwärmerischem Blick in ferne Zukunft.

Auf andere Gedanken kommen diese zornig – hilflosen Katholiken der Basis nicht: Ist diese Frage wirklich so abwegig: Man könnte ja durch eine Konversion von sehr vielen Tausend Katholiken in die Lutherische Kirche oder die Reformierte oder progressive liberale und freisinnige (natürlich nicht die evangelikalen oder pfingstlerischen Gemeinschaften) protestantische Kirchen spirituell bereichern! Oder die ewig unzufriedenenKatholiken könnten unabhängige progressive christliche Gemeinden gründen, siehe etwa die Gemeinde Dominikus oder Studentenecclesia (Huub Oosterhuis) in Amsterdam

Dann würde dieses katholische Syndrom aufhören, dass der Glaube sich letztlich erschöpft in einem Sichärgern über die Kircheninstitution.

Christentum gibt es ohnehin nur in Pluralität! Und diese katholische Kirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern kann ohnehin nicht länger auf allen Kontinenten das gleiche Gesicht, die gleiche Liturgie, die gleichen Ämter haben. Warum soll man nicht eine katholische Kirche Afrikas, eine katholische Kirche Lateinamerikas mit eigenen Ordnungen etc. haben. Der alte römische Zentralismus passte vielleicht noch ins 19. Jahrhundert. Er ist heute in der Praxis eine Katastrophe. Das würde selbstverständlich zu einem Ende der jetzigen Form des Papsttums führen, es gäbe dann mehrere „Ober-BischöfInnen“ auf allen Kontinenten, die synodal – demokratisch diese plurale katholische Kirche leiten. Erst dann hätte diese Kirche angesichts der kulturellen Vielfalt den Namen „katholisch“ verdient…Aber das ist absoluteste Zukunftsmusik, ein ferner Traum, denn eher werden die klerikalen Greise in Rom an allem Bestehenden festhalten und dies mit ihrer dogmatischen Gewalt verteidigen.

Und das wäre am wichtigsten: Nicht nur die Amtsstrukturen müssen dringend Richtung Demokratie, Synode etc. verändert werden. Vor allem muss die dogmatische Lehre seit Jahrhunderten mit den ewig selben Formeln und Floskeln entrümpelt werden. So viele dogmatische Sprüche versteht kein Mensch mehr. Gott sei Dank! Ein einfacher, jesuanischer Glaube in Offenheit für andere Religionen und Spiritualitäten, in politischer Verantwortung für diese zerrissene Welt wäre dann lebendig. Also: Entrümpelt auch die Dogmen, schreibt einen Katechismus, der nicht wie der jetzige 816 Seiten umfasst, sondern nur 8 bis 10 Seiten. Der ganze christliche Glaube ließe sich auf den wenigen Seiten als VORSCHLAG und EINLADUNG formulieren. Die katholischen Theologen sollten es doch mal probieren. Oder haben sie als gehorsame Schäfchen auch noch Angst, dass ihnen die vatikanische Lehrerlaubnis entzogen wird. Aber das wäre in der Tat eine Befreiung für eine freie katholische Theologie-Wissenschaft. Weiterarbeiten ohne vatikanische Kontrolle, welch ein Gewinn für die Theologie, die freie Wissenschaft sein will.

Zusammenfassend: Nicht ein paar freundlich gewährte Reformen sind nötig, sondern eine neue Reformation der römischen Kirche ist geboten! Und: Jeder religiöse und fragende und zweifelnde Mensch sollte wissen: Um die je eigene Beziehung zu Gott, zum Göttlichen, zu leben, braucht man nicht autoritäre Kirchen. Die je eigene Mystik wird die Antwort der Zukunft sein, für Menschen, die, trotz der Kirchenmisere, ihren je eigenen Glauben pflegen und in kleinen Kreisen besprechen und feiern.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Katastrophen abwenden: Zur Aktualität des russischen Philosophen Nikolaj Berdjajew

Ein Hinweis von Christian Modehn
In diesen Monaten wird der Revolutionen gedacht, der russischen, sowie jetzt der Revolution in Deutschland 1918/1919.
1.An einen aus Russland stammenden Philosophen sollte man sich in dem Zusammenhang erinnern, an Nikolaj Berdjajew. Er lebte nach seiner Vertreibung durch die Kommunisten 1922 etwa zwei Jahre in Berlin, danach bis zu seinem Tod am 23. März 1948 in Frankreich, vor allem in Paris.
2.Russische Philosophen in der Mitte des 20. Jahrhunderts – das ist ein Thema, das in Deutschland wenig beachtet wird. Alles Interesse galt (und gilt ?) dem Marxismus, dem Leninismus, Stalinismus in diesen Jahrzehnten. Dabei werden die auch dem Zarenregime oppositionellen Philosophen eher vergessen.
3.Dabei ist eine Gestalt wie Nikolaj Berdjajew herausragend, zweifellos ein „Russe im westlichen Exil“. Aber er ist keineswegs wie so andere „Russen im westlichen Exil“ ein Reaktionär, er ist kein Philosoph, der den radikalen sozialen und politischen Wandel überflüssig und falsch findet.
4.Man sollte sich an Berdjajew erinnern, weil er einen anderen Stil von Philosophie pflegte: Der die Philosophie in kleineren „Kreisen“, in „Zirkeln“, lebendig werden ließ, also in Orten, die sich außerhalb des (staatlich reglementierten) Universitätsbetriebes befanden. Zu diesen eher privaten „Kreisen“, schon seit etwa 1840 eine Realität, gehörten auch Dichter und Schriftsteller, im 19. Jahrhundert etwa auch Dostojewski. Dichtung, Poesie, und Philosophie waren eng verbunden! Wilhelm Goerdt nennt diese „Kreise“ in seiner großen empfehlenswerten Studie „Russische Philosophie“ (Freiburg/München 2002, S. 63) „Laboratorien des Geistes“. „Hier pulsiert das philosophische Leben“.
Diese „Kreise“ existierten in Russland zum Teil, immer bedroht, sogar nach dem Sieg der Bolschewisten bis 1922. Berdjajew gründete eine „Freie Geisteskultur“ im Jahr 1918 in Moskau, Treffpunkte waren zu der Zeit manchmal sogar noch offizielle (staatliche) Bildungsstätten, “weil in diesen Jahren der Totalitarismus des Sowjetstaates noch nicht endgültig vom ganzen Leben Besitz ergriffen hatte“ (schreibt Wilhelm Goerdt, S. 78).
Nach der Niederwerfung des Ungarnaufstandes 1956 gab es in Leningrad sogar einen „Kreis“, der sich auf den inzwischen in Paris verstorbenen Berdjajew berief und sein Werk studieren wollte! Mit viel Mühe gelang es einigen Mutigen, die von den Kommunisten unter strengem Verschluss gehaltenen Werke Berdjajews zu erreichen und einiges mit der Hand abzuschreiben (vgl. Goerdt, S. 91). Dieser freie philosophische Lesekreis wurde „selbstverständlich“ vom KGB aufgelöst und verboten. Unter Stalin wurde selbst ein minimaler Pluralismus innerhalb der parteilichen Sowjetphilosophie verboten.
5.Es ist also diese bis 1922 gültige „Doppelstruktur“ russischer Philosophie, ihre Präsenz in „Kreisen“ UND an Universitäten, die wichtig und „typisch“ ist. In wieweit die philosophischen Salons (Diderot usw.) im Vorfeld der Französischen Revolution als Vorbild dienten, wäre zu untersuchen.
6.Nikolaj Berdjajew – aus „aristokratischem“ Hause stammend, geboren am 6.3.1874 in Kiew, Russisches Kaiserreich – bekannte sich schon in den 1890 Jahren zum Marxismus, er wurde deswegen vom alten Regime deswegen verhaftet und verbannt. Als sich radikale Kräfte in der revolutionären Bewegung, die Bolschewiki, mit Gewalt durchsetzen, geht er auf Distanz zum parteipolitisch organisierten Marxismus. Nikolaj Berdjajew wird 1922 von Kommunisten des Landes verwiesen. Die Revolution hält er nach wie vor für notwendig. Auch unter den russischen Emigranten hält er daran fest.
In Berlin und dann in Paris gründet er wieder philosophische Gesprächskreise, „Kreise“, philosophische „Salons“. In Berlin ist dies die „russische religionsphilosophische bzw. religiös –philosophische Akademie“. In Paris lädt er in seiner Wohnung zu einem philosophischen Gesprächskreis ein.
7.Zum philosophischen Denken Berdjajews nur einige Hinweise: Er stellt den Gedanken der Krise und der sich aus Krisen entwickelnden Katastrophen in den Mittelpunkt. Das Ende der Welt der Menschen ist möglich, aber auch abzuwenden: Inmitten der Krise, so Berdjajew, können schöpferische, positive Kräfte wach werden.
Freiheit und Nonkonformismus bestimmen sein geschichtsphilosophisches Denken. Östliches (russisches) und westliches Denken sollten sich angesichts der Krise versöhnen und vereinen: Eine geistige Grundlage für ein versöhntes Europa sieht er in einer neuen, universalen, ökumenischen Kirche. Deswegen sein Interesse am Austausch mit katholischen und protestantischen Theologen und Philosophen.
8.Die kritische Auseinandersetzung mit dem Sowjet-Kommunismus bleibt Berdjajews Thema: Nicht das Kollektiv, sondern der freie Mensch, die Persönlichkeit, muss gefördert werden, betont er. Nur eine freie Persönlichkeit kann die Gesellschaft menschlich gestalten. Persönlichkeit, so schreibt er, ist der Sieg des Geistes über die Natur, der Freiheit über die Notwendigkeit. Knechtschaft darf es niemals geben, auch nicht in der Beziehung zu Gott. Das ist Berdjajews spekulative Leistung: „Freiheit gründet im Urgrund“, „uranfänglich“, eine Vorstellung, die an Jacob Böhme erinnert.
Die wahre klassenlose Gesellschaft achtet jeden Menschen als Persönlichkeit, sie hat Respekt vor der Gewissensentscheidung eines jeden. Der in der Sowjetunion etablierte Kommunismus ist für Berdjajew eine (falsche) „politische Religion“, also der Glaube an die Machbarkeit einer vollkommen gerechten Gesellschaft in der Zukunft. Dieser Glaube ersetzt förmlich den alten russisch-orthodoxen Glauben. Berdjajew sieht in der Begeisterung vieler Russen für den Kommunismus eine Aktualisierung des alten Glaubens an eine messianische Sendung des orthodoxen Russlands (Moskau als 3. Rom).
9.Mit dem sozialistischen Theologen und Slavisten Fritz Lieb aus der Schweiz verbindet Berdjajew eine intensive Freundschaft, Lieb besucht Berdjajew 1933 nach Clamart, bei Paris. Sie geben unter vielen Schwierigkeiten eine neue Folge der Zeitschrift „Orient und Occident“ heraus. Beide interessieren sich für die geistige Verbindung von biblischer Weisheit und den Lehren von Karl Marx.
10.In seinem wichtigsten Buch gegen Ende seines Lebens: „Selbsterkenntnis. Versuch einer philosophischen Autobiographie“, Paris 1949) schildert Berdjajew seine menschliche, seine philosophische Entwicklung. Leider ist auch dieses Buch in deutscher Sprache schwer erreichbar!
Philosophie war für ihn stets mit den eigenen Lebens-Erfahrungen verbunden, nie bloß akademische Lehre von Philosophen für Berufsphilosophen. Autobiographie ist “ein Akt existentieller philosophischer Selbsterkenntnis“.
Berdjajew – ein Denker, der stets Außenseiter sein wollte, der niemals einen Konformismus unterstützte, der deswegen auch seine Konflikte mit der orthodoxen Kirchenleitung hatte: So war für ihn (gar nicht der orthodoxen Lehre gemäß !) göttliche Gnade bzw. göttliche Erlösung keine einseitige Tat Gottes, sondern immer auch aktive Tat, freie Entscheidung, des Menschen. Eine weiter zu bedenkende moderne Theologie!
11.Als Motto für Berdjajew könnte seine Aussage gelten:
„Den allergrößten Wert lege ich auf Unabhängigkeit und auf meine Freiheit als Denker. Und so passe ich in kein Lager hinein“ (zit. in Goerdt, S. 79)

Und vor allem: Er glaubte daran, „dass sich der freie Gedanke unterirdisch in Russland (während des Stalinismus) verbreitet und dass er lebendig bleibt“ (ebd.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ordentliche Orden? Neue sehr konservative Ordensgemeinschaften im Katholizismus

Ordentliche Orden? Es gibt immer mehr Ordensgemeinschaften, die kritische Theologie ablehnen.

Hinweise von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht am 27.3. 2015. Im Jahr 2019 weiter aktualisiert, weil die reaktionären Ordensgemeinschaften weiterhin blühen und Anlass bieten für religionskritische Hinweise…

Ergänzung am 24.1.2019: Das neue Buch von Doris Wagner, „Spiritueller Missbrauch“ (Herder Verlag 2019) lenkt das allgemeine Interesse wieder einmal auf die Welt der katholischen Ordensgemeinschaften und so genannten „geistlichen Gemeinschafen“ innerhalb der römischen Kirche.

In dem Zusammenhang ist es wichtig wahrzunehmen, wie viele sehr konservative Orden und geistliche Gemeinschaften in den letzten Jahrzehnten tatsächlich entstanden sind. Von einem „Aussterben der Orden“ kann also nur differenziert berichtet werden: Viele Orden sterben in Westeuropa aus, neue werden gegründet mit einem theologischen Background, den man schlicht reaktionär nennen muss. Die Kirchenführung stört das weiter nicht: Sie ist froh, dass wieder Menschen zölibatär leben wollen und als Männer dann auch die klerikale Priesterkirche weiter stützen. Ich habe auf dieser website ausführlich über die Legionäre Christi berichtet, die Neokatechumenalen, dem Engelwerk mit seinem „Kreuzorden“, dem Instititut des Inkarnierten Wortes usw… andere haben das Opus Dei dokumentiert. Man vergesse nicht, dass Kardinal Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation eng mit den Schwestern der Gemeinschaft DAS WERK verbandelt war, die Damen führten ihm den Haushalt… Diese Dokumentation biete ich an, um der immer notwendigen Religionskritik heute ein greifbares Format zu geben. Damit ist freilich nicht gesagt, dass sich reaktionäres Denken nur in den „neu gegründeten Orden“ etc. finden lässt. In den mit Rom versöhnten Klöstern der Traditionalisten wird die sehr konservative Theologie gepflegt, wie in Le Barroux, bei Avignon,  oder in den nach Benedikt XVI. benannten theologischen Hochschule der Zisterzienser in Heiligenkreuz im Wiener Wald…Zur ausführlichen Dokumentation des „rechtslastigen Benedikt XVI.“ klicken Sie„Sodalitium christianae vitae“, also mit dem neutral klingenden Titel „Vereinigung des christlichen Lebens“. Ihr Gründer ist der Peruaner Luis Fernando Figari, in kirchenrechtlicher Sicht ein Laie, der jetzt wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wird. Gegründet wurde diese Gemeinschaft 1971 von Mitgliedern der peruanischen Mittel – und Oberschicht mit dem erklärten Ziel, die Theologie der Befreiung und alle linken „Basisgemeinden“ zu bekämpfen, vor allem aber, um die Inkulturation des christlichen Glaubens unter den Indigenas im Süden Perus zu bekämpfen. Es ist bezeichnend, dass diese „Soladicio“, wie man auf Spanisch sagt, von dem nicht gerade linkslastigen polnischen Papst Johannes Paul II. offiziell anerkannt wurde! Er fand bekanntermaßen alle Katholiken toll und heiligmäßig, die theologisch–reaktionär und ebenso politisch absolut anti-links waren. Dafür gibt es tausend Belege…Aber er ist ein „heiliger Papst“…
Aber schon 2016, nach dem Tod des polnischen Papstes, wurde dieser konservative „Club“ von vatikanischen Sonderbeauftragten untersucht. Einzelne intensive Recherchen zu den Soladicio – Leuten haben Parellelen zu sektenähnlichen, stramm autoritären Gruppen gesehen, etwa zu „colonia Dignidad“ in Chile.
Der des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Herr Figari versteckt sich wohl zur Zeit in Rom. „Peruanische Abgeordnete und mit dem Fall befasste Journalisten fordern die peruanische Regierung auf, darauf zu bestehen, dass der Vatikan die Rückkehr von Figari nach Peru anordnet, damit er der peruanischen Justiz und einer Untersuchungskommission des Parlaments Rede und Antwort stehen müsse. Ein Aspekt dabei sei auch die Untersuchung wirtschaftlicher Machenschaften; das Vermögen von Sodalicio wird auf ca. 800 Millionen US-Dollar geschätzt“, so der empfehlenswerte Bericht von Heinz Schulze, den die Infostelle Peru in Freiburg im Breisgau herausgegegen hat: : http://www.infostelle-peru.de/web/die-unheiligen-machenschaften-des-sodalicio-in-peru/
……..

Sie prägen das Gesicht der katholischen Kirche, die 1 Million Ordensfrauen und Ordenmänner. (a). Unter 1,2 Milliarden Katholiken bilden sie eine Minderheit. Aber sie sind Avantgarde, wenn es etwa um Menschenrechte oder theologische Forschung geht. Heute haben die Orden vor allem in Europa und Nordamerika Mühe, ihre radikale „Ganzhingabe an Jesus Christus“, wie sie sagen, verständlich zu machen. Manch eine Nonne fragt, gar nicht so witzig, wer denn als Letzte im Kloster das Licht ausmacht. 2013 bereiteten sich in Deutschland insgesamt 62 Novizinnen auf ihren Dienst in einem „aktiven Frauenorden“ vor. 60 Jahre zuvor gab es noch 3.500 Novizinnen (1). Das Durchschnittsalter der Jesuiten in den deutschsprachigen Ordens-Provinzen beträgt 65 Jahre (2) Die meisten anderen Gemeinschaften haben einen noch höheren Altersdurchschnitt. Einige Orden, wie die Unbeschuhten Karmeliter, können in Deutschland nur durch den Zuzug von Mönchen aus Indien bestehen. Die Augustiner haben in den letzten 20 Jahren 11 Klöster in Deutschland aufgegeben … und einen Konvent neu gegründet (3). Der Theologe Ulrich Engel OP fasst die Stimmung zusammen: „Die Lage scheint hoffnungslos und die Zeit der Orden hierzulande vorbei. So zumindest macht der statistische Überblick glauben“ (4)

Papst Franziskus hat 2015 zum „Jahr der Orden“ erklärt. In Deutschland werden die üblichen Veranstaltungen organisiert: Tage der Offenen Tür, Wochenenden der Besinnung, spirituelle Kurse usw. (5) Ein öffentlicher Kongress rund um das Ordensleben hätte im Mai in Berlin eine kritische Bestandsaufnahme leisten können. Die Tagung wurde unvermittelt abgesagt, aus „organisatorischen Gründen“ sagen die Oberen. Aber sie „haben Angst vor der eigenen Courage bekommen“, meint der Dominikaner Pater Ulrich Engel (6). Denn bei dem Kongress wäre mehr Transparenz, mehr Aufklärung, eingefordert worden. Große Orden, wie die Jesuiten, Franziskaner oder Steyler Missionare, können insgesamt nur noch ihr zahlenmäßig hohes Niveau halten, weil viele hundert Inder, Philippinos oder Indonesier in diese Gemeinschaften eintreten. Drängend ist die Frage, welche Bedeutung das Armutsgelübde in einer Umgebung hat, in der Millionen Einwohner bettelarm sind. Wird das Armutsgelübde in den Ländern des Elends zur Farce? Ist das Ordensleben – wie in Europa im 19. Jahrhundert – ein Sprung in die „Mittelklasse? Durchaus, meint heute der Benediktiner Pater Ghislain Lafont aus Frankreich „Unser Leben als Mönch ist doch sehr auf dem Niveau der Mittelklasse, von einer wirklich armen Kirche sind wir weit entfernt“.(c)

Viele traditionell fromme Katholiken lehnen die „bürgerlichen Orden“ ab und wenden sich neu gegründeten Reformorden zu. Dieses Thema ist für die anderen peinlich, es wird theologisch nicht bearbeitet. Da gibt es die „Franciscan Friars of the renewal“: Sie spalteten sich 1987 vom Kapuzinerorden ab und sind mit 120 Mitgliedern bereits weltweit tätig. Sie vertreten eine sehr konservative Theologie und legen allen Wert darauf, stets das Ordensgewand zu tragen. (d). Von den Minoriten hat sich 1970 der Orden der „Franziskaner-Immakulaten“ abgespalten, heute mit über 300 Mitgliedern. Päpstlich anerkannt, sind diese Franziskaner stark ins traditionalistische Milieu abgedriftet. Diese Mentalität findet sich bei vielen anderen neuen, stark wachsenden Orden, wie dem „Institut vom inkarnierten Wort“ (400 Priester weltweit) oder dem „Institut Christus König und Hoher Priester“, 1990 gegründet, heute 150 Mitgliedern. Die Titel dieser und vieler anderer so genannter neuer Reformorden drücken eine Spiritualität aus, die aus dem 19. Jahrhundert stammt.. Mit diesen Gemeinschaften wächst ein extrem konservativer Klerus heran, der nur darauf wartet, den progressiven Konzils-Klerus zu ersetzen. Diese Gemeinschaften verändern das Gesicht des Katholizismus. Richtung Fundamentalismus eigener Art?

Verdrängt wird insgesamt die Frage: Können die drei klassischen Ordensgelübde überhaupt heute noch gelebt werden, sind sie eine seelische Überforderung?

Über das Gelübde der Keuschheit wird seit vor 5 Jahren diskutiert, seit zahlreiche Missbrauchsfälle in Ordensschulen und Internaten offen gelegt wurden. Das römische Verbot, offen homosexuelle Männer in die Orden aufzunehmen, besteht immer noch. Einzelne Orden gehen –aus Angst stillschweigend – einen anderen Weg. Und noch nie wurde offen besprochen, ob lesbische Frauen in den Klöstern ausdrücklich willkommen sind.

Relativ harmlos erscheint heute das Ordensgelübde des Gehorsams. Bei dem Mangel an Personal kann sich heute jedes Ordensmitglied die Arbeit aussuchen, die ihm gefällt und zu ihm passt. Fordert ein Ordensoberer ein Mitglied auf, eine bestimmte Arbeit zu übernehmen, „dann ist der einzelne so frei, sich ganz oder teilweise oder auch gar nicht darauf einzulassen“, schreibt Pater Thomas Eggensperger OP (7). Aus dem Gehorsamsgelübde wird also eine Art „freie Wahl“.

Wirklich brisant wird es beim Ordensgelübde der Armut. Da bieten die Orden keine Transparenz, sie sind nicht bereit, präzise Auskunft zu geben zum Vermögen einer Ordensprovinz oder eines selbständigen Klosters. Arnulf Salmen von der Zentrale der Deutschen Ordensoberen (Bonn) begründet diese Haltung: „Ordensgemeinschaften erhalten keine eigenen Kirchensteuermittel und müssen für ihren Lebensunterhalt, ihre Altersversorgung sowie für die Finanzierung ihrer sozialen und pastoralen Projekte Sorge tragen. Der Deutschen Ordensobernkonferenz liegen keine Erkenntnisse über die Etats ihrer Mitglieder vor“. (13)

Tatsache aber ist: Die Orden profitieren von der Kirchensteuer: „Etwa 70 Prozent der Ordenspriester sind mit so genannten Gestellungsverträgen in den Diensten der Diözesen tätig“, berichtet Pater Ulrich Engel. (8) Das heißt: Ordensprovinzen sind Nutznießer der von Laien bezahlten Kirchensteuern! Hinzukommt: Die Ordensprovinzen sind „Körperschaften des öffentlichen Rechts“, genießen also einige Steuervorteile. Warum ist dann Aufklärung unerwünscht? Sind Orden also doch eine „Familie“, wie sie gern sagen, die sich abschottet? Wer etwa bei der deutschen Jesuitenprovinz nachfragt, erhält die Auskunft: „Die Jesuiten wissen selbst nicht genau, wie viel Vermögen der ganze Orden in Deutschland hat“ (e). Da stellt sich die Frage: Weil die Orden nun einmal offiziell als arm gelten wollen, haben sie Angst, ihre reale Armut bzw. ihren realen Reichtum zu dokumentieren. Dabei hatte der oberste Leiter des vatikanischen „Ordensministeriums“ Kardinal Joao de Aviz, 2014 gefordert: „Das Zeugnis des Evangeliums verlangt eine absolut transparente Verwaltung der Werke…“ (9).

Einen Hauch von Transparenz bieten einige der großen Klöster in Österreich. Die Prämonstratenser in Schlägl beziffern ihren Waldbesitz mit 6.500 Hektar (also 65 Quadratkilometer). Einnahmen bietet ihnen auch die Brauerei, ein Hotel, und die Produktion von Ökostrom in Wasserkraftwerken usw.(9b) Das Augustiner-Chorherren-Stift Klosterneuburg nennt selbst als Eigentum 8000 Hektar Wald! Es hat 108 Hektar Weinanbau, 700 Wohnungen und 4.000 Pachtverträge für Immobilien. Natürlich kostet der Erhalt des prachtvollen Kloster-Palastes viel Geld, allerdings hilft bei Renovationen kräftig der österreichische Staat. Das sehr wohlhabende Klosterneuburg hat 2013 15.000 Euro für Hochwasseropfer gespendet, auch der Armen in Rumänien wird mit Spenden gedacht (9a).

Wie kann ein einzelnes Ordensmitglied arm sein in finanziell gut ausgestatteten Klöstern und Ordensprovinzen? Wenn der Orden reich ist, warum kann sich ein armer Ordensmann nicht sein Privatauto leisten oder eine eigene Kreditkarte? Jeder Mönch und jede Nonne lebt in einem finanziell absolut sicheren Netz. „Wir geloben die Armut“, sagt mir ein Ordensmann, „aber die Armut leben die anderen, etwa die allein erziehenden Mütter“.

Aber manchmal können die Ordensleitungen nicht mehr verheimlichen, über welches Vermögen sie verfügten. So musste der Generalobere der Franziskaner, P. Anthony Perry, Ende 2014 zugeben (10): Die Ordenszentrale der Franziskaner in Rom sei pleite, weil sich ihr Ökonom, P. Giancarlo Lati, mit vielen Millionen Euro, verspekuliert hat: Er hat in das luxuriöse Hotelprojekt „Il Cantico“ in Rom fehl investiert und in der Schweiz dubiose Anlagen, zum Teil im Rüstungsbereich, gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen, so wörtlich, wurde der Mitbruder entlassen. Nicht erwähnt wurde von dem obersten Chef der „Minderbrüder“, aus welchen Quellen den Bettelmönchen diese (nicht genau bezifferten) Millionen überhaupt zur Verfügung stehen.

Seine guten Geschäftsbeziehungen zu dubiosen Managern, wie die italienische Presse vorsichtig sagt, wollte sich der Generalobere des Kamillianerordens, Pater Renato Salvatore, nicht nehmen lassen. Um sein Neubauprojekt bei Neapel mit dem Geschäftspartner Paolo Oliveiro durchzuziehen, ließ er einfach zwei kritische Mitbrüder im Orden verhaften, von falschen Polizisten. So hoffte er ohne deren Stimme noch einmal zum Ordensgeneral wiedergewählt zu werden. Pater Salvatore war gern gesehener Teilnehmer auf Synoden und vatikanischen Tagungen. Diese Schmierenkomödie ums Geld eines „armen Ordens“ endete zunächst mit der Verhaftung des Ordenschefs. Auch die „Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder des heiligen Franziskus“ in Düsseldorf hat 7, 2 Millionen – Spenden durch Spekulation verloren (12) Und der ohnehin steinreiche Orden der Legionäre Christi hat Teile seines Vermögens in der Finanzoase Panama bei einer fingierten Briefkastenfirma plaziert, wurde auf einem Kongress lateinamerikanischer Journalisten von berichtet. (14)

Selbst wenn diese Beispiele zur gelebten Ordensarmut die Ausnahmen sein sollten: Die Orden können ihr Ansehen nur wiedererlangen, wenn sie Transparenz zu einer ihrer höchsten Tugenden machen. Vielleicht wäre ein viertes Gelübde, das der Transparenz, angebracht?

Fußnoten.

(a) http://www.k-l-j.de/katholische_kirche_zahlen.htm

 

  1. In HK 2015, Seite 66.

2 (https://www.jesuiten.org/wir-jesuiten/der-orden/zahlen.html;)

3 eigene Recherche: Es handelt sich um die Augustinerklöster:

Messelhausen, Walldürn, Weiden, Regensburg, München Maria v. g. Rat in München; Neu Ulm, Bielefeld, Würzburg Pfarrgemeinde, Dülmen, Zwiesel, Stuttgart,

neu gegründet: Erfurt.

4. HK 2015, 66).

www.orden.de

c: http://www.la-croix.com/Religion/Actualite/P.-Ghislain-Lafont-et-F.-Jacques-Benoit-Rauscher-L-un-des-maitres-mots-de-la-vie-religieuse-c-est-l-humanite-2015-02-02-1275830,   2.2.2015

d: http://franciscanfriars.com/

6 HK S 68

7 Pater Eggensperger OP in: Kontakt, Miteilungen der Dominikaner, 2013, Seite 59.

8 HK s 66.

( e) Mitgeteilt an Modehn vom Pressesprecher der Jesuiten Thomas Busch.

9.

Zu Transparenz: Quelle http://www.dbk-shop.de/media/files_public/mntyhcpvoyq/DBK_2198.pdf

9a Klosterneuburg:

Spenden des Klosterneuburg:

http://www.stift-klosterneuburg.at/suche/

9b

Schlägl: Der Waldbesitz beträgt derzeit ca. 6500 ha. Damit liegt das Stift auf dem 6. Rang der Stifte Österreichs.

In: http://www.stift-schlaegl.at/prodon.asp?peco=&Seite=373&UID=&Lg=1&Cy=1

10-

http://www.ilfattoquotidiano.it/2014/12/19/crac-ordine-francescani-investimenti-in-societa-legate-traffici-droga-armi/1288136/

 

Quelle: http://www.panorama.it/news/urbi-et-orbi/francescani-sullorlo-bancarotta/

 

11.

Zu kamillianer [Esplora il significato del termine: confratelli, padre Rosario Messina e padre Puca] confratelli, padre Rosario Messina e padre Puca http://www.corriere.it/cronache/14_gennaio_07/parlamentari-boss-prelati-nell-archivio-segreto-fiscalista-a567a07e-7763-11e3-823d-1c8d3dcfa3d8.shtml

Mit Mafia:

In realtà – come accerta il Ros – si tratta di Paolo Oliverio. Un tipo che di mestiere fa il commercialista, traffica con l’ordine dei Camilliani, e che ha come clienti, tra gli altri, uomini della P3 e che verrà arrestato dalla Finanza nel gennaio scorso. Mettendogli le manette, il Gico scoprirà che

Quelle: http://www.repubblica.it/cronaca/2014/12/08/news/mafia_capitale_diotallevi-102386631/ 8.Dez. 2014.

 

http://www.giornalettismo.com/archives/1204773/padre-renato-salvatore-il-superiore-dei-camilliani-arrestato/

 

Arme Brüder:

 

http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article124742300/Arme-Brueder-verlieren-wohl-7-2-Millionen-Euro.html

 

13 Arnulf Salmen in einer mail an Christian Modehn

14

http://www.lenversdudecor.org/Legionnaires-du-Christ-Panama-la-route-de-l-argent.html

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brauchen wir ein „Fest der Beschneidung Jesu“ im Kampf gegen den Antisemitismus?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT mit dem Titel „Christ und Welt“ bietet in der Ausgabe vom 1. Januar 2018, Seite 1 und 2, ein Plädoyer für die Wiedereinführung des „Festes der Beschneidung des Herrn“ (Jesus)  am 1. Januar unter DIESEM Titel. Die Forderung wird damit begründet: Wenn wieder in der ganzen Kirche die Beschneidung des Juden Jesus gefeiert würde, könnte dies den zunehmenden Antisemitismus weltweit zurückdrängen. Soll das ernst gemeint sein? Ein katholischer Beschneidungsfeiertag als Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus?

Ich muss gestehen, ich empfinde diesen Beitrag eher als Satire. Denn wie kann man heute im Ernst meinen, ein solches Fest unter diesem Namen könnte den Antisemitismus eindämmen?

Antisemitismus wird überwunden durch umfassende Bildung aller; durch Begegnungen mit Menschen jüdischen Glaubens; durch Erinnerung an den von Deutschen begangenen Massenmord an Juden; durch Widerstand gegen neofaschistische und rechtspopulistische Parteien und Gruppen; durch eine vernünftige Erklärung, was die hebräische Bibel bedeutet; durch gesetzliche Regelungen, die Antisemiten wirksam bestrafen; durch das Schuldeingeständnis der Kirchen, mit-schuldig zu sein an dem Jahrhunderte dauernden tödlichen Antisemitismus  etc…

Aber doch bitte nicht durch Messen am 1. Januar, als dem neuen Festtag der Beschneidung des Herrn, also in Messen mit frommen Worten vor wenigen Gottesdienstbesuchern einen Tag nach Silvester…

Das ist doch lächerlich.

Der Kampf gegen den Antisemitismus auch in katholischen Kreisen muss doch wohl wirksamer gestaltet werden.

Das weiß der Autor wohl auch, trotzdem werden 2 lange schöne Druckseiten für ein in meiner Sicht satirisches Plädoyer verwendet. Diese Druckseiten hätte man mit wichtigeren Themen „füllen“ können, etwa mit einer Auseinandersetzung über das irritierende Motto des Weltjugendtages in Panama und den Einfluss des Opus Dei dabei oder mit einer klaren und endlich einmal objektiven Analysen auch zur spirituellen Gestalt von Rosa Luxemburg, um einmal Beispiele aus dem aktuellen Umfeld des Januar 2019 zu nennen…

Wenn schon wieder ein Fest der Beschneidung am 1. Januar, dann bitte auch mit Einbeziehung der muslimischen Mitbürger, die ja auch heute noch fleißig (und schmerzhaft) beschneiden, leider. Sozusagen als interreligiöses Beschneidungsfest, um einmal die Satire fortzuführen.

Gott sei Dank sagt der Autor selbst, dass Paulus absolut zurecht betonte: Für Christen aus den „heidnischen Völkern“ gibt es keine Beschneidung. Von daher löst sich der Vorschlag wieder in Wohlgefallen auf. Nebenbei: Vielleicht finden sich einige Katholiken, die sich aus Solidarität mit Juden und Muslims ehrenhalber beschneiden lassen…Vielleicht in einer gemeinsamen Beschneidungsfeier im Vatikan?

Die Satire will ich zu Ihrer Ermunterung gern fortführen:

Also: Das Fest „Mariä Lichtmess“ am 2. Februar sollte wieder den uralten Titel „Maria Reinigung“ erhalten. Auch dieser Titel wurde ja mit gutem Grund im Rahmen der Reformen des 2. Vatikanischen Konzils abgeschafft…. Nun sollte man allen Frauen, so die Satire,  doch wieder zeigen, dass Geburt etc. doch etwas „Schmutziges“ etc. ist. Das Fest unter dem alten „Reinigungstitel“ wäre vielleicht auch ein Beitrag gegen den Feminismus usw. Passt ja heute für die Fundamentalisten…

Und vor allem: das „Fest der unschuldigen Kinder“ am 28.12. sollte aktuell als internationaler katholischer Trauertag der Erinnerung an die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester gestaltet werden. Und das wäre schon kein satirischer Vorschlag mehr…

Der Phantasie zur Aktualisierung der katholischen Feste sind keine Grenzen gesetzt: Das Fest des heiligen Pater Pio könnte etwa als Gedenktag aller Priester gefeiert werden, die wie Pater Pio (Kapuziner) dumm und seelisch sehr angeschlagen waren (und sind), aber dann doch glaubhaft machten, Wunder wirken zu können und sich deswegen blutige Hände verschafften. Und das Volk, das an Gott nicht glauben kann, glaubt wenigstens an den Heiligen Scharlatan Pater Pio mit den Stigmata. Immerhin hat diese Scharlatanerie dem Kapuzinerorden und seinem Wohnort viel Geld eingebracht.

Vielleicht sollte auch das „Fest des heiligen Josefs des Arbeiters“ am 1. Mai wieder stärker doch das eigentlich Handwerkliche des heiligen Josefs akzentuieren: Selbst kleine Handwerksbetriebe bleiben unter dem Segen Gottes mit einem göttlichen Kind (Jesus).

Ich hatte übrigens zusammen mit dem protestantischen Theologie Professor Wilhelm Gräb, Berlin, das angekündigte Verbot der Beschneidungen (von Jungen) in Deutschland im Sommer 2012 damals verteidigt. Weil Menschenrechte nun einmal in unserem allgemeinen demokratischen Rechtsempfinden ÜBER religiösen Traditionen stehen und stehen müssen. Wo kämen wir denn hin, wenn auch die Scharia oder das katholische Kirchenrecht in demokratischen Staaten Geltung hätten? (Das katholische Kirchenrecht hat diese Geltung ja manchmal immer noch aufgrund der Konkordate…) Leider haben die obersten Gerichte aus welchen (auch ungenannten) Gründen auch immer dieses Verbot der Beschneidung nicht eingesehen. Trotzdem gilt weiter: Menschenrechte sind wichtiger als religiöse Sondertraditionen, die sich fromme Menschen vor langer Zeit einmal ausgedacht haben…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Panama: Weltjugendtage des Papstes. Kritische Hinweise

Hinweise von Christian Modehn zum Weltjugendtag in Panama vom 22. – 27.1.2019

Wer weiß: Vielleicht werden bald neue „Panama Papers“ veröffentlicht. Diesmal geht es um theologisch – politische (und dann auch finanzielle) Enthüllungen. Die so schwer eigentlich gar nicht freigelegt werden können. Sie werden in aller Ausführlichkeit im Umfeld der katholischen „Weltjugendtage in Panama“ veröffentlicht, falls es Journalisten gibt, die sich bei dem Kirchen-Thema für objektive, also kirchenunabhängige Recherche und umfassende Investigation interessieren. Dass die äußerst wohlhabende katholische Ordensgemeingemeinschaft „Legionäre Christi“ schon im Dezember 1984 drei OFF-shore Unternehmen in Panama gründete, kann hier nur zum vertiefenden Studium empfohlen werden (8).

Die katholischen, vom Papst und den Bischöfen inspirierten und offiziell vom „Amt“ auch geleiteten internationalen „Weltjugend-Tage“ finden zum 34. Mal in Panama statt. Es war der polnische Papst, der diese Weltjugendtage „erfand“, wohl auch, um zu demonstrieren: Die katholische Kirche hat zumal in den neuen geistlichen, aber sehr konservativen Bewegungen wie den Neokatechumenalen, den Focolarini, dem Opus Dei, dem Regnum Christi etc. doch noch junge Leute vorzuweisen. Sie kann also noch die Jugend „mobilisieren“, die sich von der männlichen Kirchenführung gern leiten lässt. Beim letzten Treffen in Krakau (im Juli 2016) kamen etwa 3 Millionen junge Katholiken zusammen. In Panama rechnen die Veranstalter mit 200.000 TeilnehmerInnen aus etwa 150 Ländern.

Welche Themen müssen in den neuen „Panama –Papers“ kritisch untersucht werden?

Zunächst die neuerbaute luxuriöse Residenz des Botschafters des Vatikans in Panama, dort wohnt der Papst. Man kann sich den Palast des Nuntius im Link ansehen,in einem Land, in dem die überwiegende Zahl der Menschen in Armut lebt, jeder Vierte sogar  „unterhalb der Armutsgrenze“… An dem Beispiel  zeigt sich, was das päpstliche Reden von der „Kirche für die Armen“ bedeutet: Sie ist bloß für die Armen, zynisch gesagt: Sollen sich diese noch an den Luxustempeln des Klerus erfreuen…

Es ist das offizielle Motto dieses Welt- Jugendtreffens in Lateinamerika, das tiefe Irritationen hervorruft, selbst unter fest- angestellten Mitarbeitern der Kirche. Die ihre Kritik natürlich nicht, wie üblich, nach außen hin öffentlich machen können/wollen.

Das Motto dieses Weltjugendtreffens ist ein Zitat, das wie immer bei solchen Treffen dem Neuen Testament entnommen ist. Diesmal ist es ein Wort der Jungfrau Maria, wie es das Lukas – Evangelium übermittelt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lukas, 1, 38).

Das heißt: Der biblischen Erzählung, dem „Mythos“, folgend, wird das Mädchen Maria von einem Engel besucht. Und der kündigt ihr als Jungfrau eine Jungfrauengeburt an, also die Geburt ihres Sohnes Jesus, der nicht von ihrem Gatten bzw. Lebenspartner Josef gezeugt ist. Maria ist vorbildlich gehorsam, sie sieht sich ausdrücklich als Magd „des Herrn“, und sie stimmt dieser „wunderbaren“ Empfängnis zu („unbefleckte Empfängnis“ sagte früher die katholische Theologie !, der Titel auch ein Hinweis zum Umgang mit Sexualität in der Kirche: „Befleckung“…)

Ich halte dieses Motto der Weltjugendtage in der Lebenswelt heutiger (junger) Menschen zumal in Lateinamerika und der arm gemachten Bevölkerung weltweit für eine „ideologische Katastrophe“. Denn wer als jugendlicher „Nicht-Theologe“ nur diesen Satz des gehorsamen Mädchens Maria hört und liest, wird förmlich ermuntert, den Gehorsam als entscheidend zu deuten. Gehorsam wird also von der Kirche verlangt! Und vor allem Frauen und Mädchen mögen doch bitte wie Maria gehorsam sein. Also konkret: Den Männern gehorchen.

Die Unterdrückung der meisten Frauen und Mädchen in Lateinamerika ist himmelschreiend: In den meisten lateinamerikanischen Ländern sind dank des politischen Einflusses der römischen Kirche fast alle Formen der Geburtenregelung und des Schwangerschaftsabbruchs gesetzlich verboten. Wie viele tausend Mädchen sterben bei „Kurpfuschern“, die reichen Damen fliegen nach Nordamerika zur medizinisch korrekten Abtreibung. Lediglich Uruguay ist in Lateinamerika eine vorbildliche Ausnahme. Warum? Weil die römische Kirche dort wenig Einfluss hat. Eben ein laizistischer Staat.

Hinzu kommt die ständige Bedrohung junger Menschen, vor allem der Mädchen, die wie Objekte für Vergewaltigungen missbraucht werden, in Zentralamerika, aber letztlich in ganz Lateinamerika: In Zentralamerika herrscht, abgesehen von Costa Rica, die totale Gewalt der Jugendbanden, der so genannten Maras. Diese rekrutieren als brutale männliche Verbrecher eben auch Mädchen. (1) Und die finden nur die Mitgliedschaft bei einer der „Familien“ der Maras, wenn sie sich vorher vergewaltigen lassen. Warum ist es dem so genannten Heiligen Vater nicht bekannt, dass beim Frauenmord, den Femiziden, die Gewalt gegenüber Frauen in ganz Lateinamerika erschreckend hoch ist? (2) Was soll in einer solchen Misere der Mythos von der gehorsamen Maria, die dem HERRN (!) gehorsam folgt und alles annimmt, was der HERR über einen Engel vermittelt ihr da zumutet.

Noch einmal: Diesen Satz aus dem Mythos des Lukas Evangeliums als Motto zu wählen, ist ein skandalöser Fehlgriff.

Die Entscheidung für das Motto soll der angeblich progressive Papst Franziskus selbst getroffen haben: Er und die anderen Herren im Vatikan hätten nur ein paar Verse im Lukas-Evangelium weiter lesen müssen, dann hätten sie DAS wegweisende Motto für die arm gemachten Millionen Menschen gefunden. Da spricht Maria in dem berühmten, sehr politischen Gebet, Magnificat genannt, diese revolutionären Worte:

„Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“. (Verse 52 und 53).

Hätte man diese Worte als Motto gewählt, würden vielleicht ganz andere Jugendliche in Scharen zu den Weltjugendtagen in Panama kommen, nicht unbedingt Mitglieder frommer, eher fundamentalischer Gruppen, sondern eben politisch wache Leute, die Gerechtigkeit fordern und nicht Gehorsam gegenüber den „Herren“. Aber auch für den Vatikan und den Papst selbst wäre dieses Motto gefährlich, möchte er wirklich als Mächtiger im Sinne Marias „vom Thron gestürzt“ werden? Das hat Luther leider vergeblich schon versucht…Das fromme Motto zugunsten der gehorsamen Frau in einer brutalen Macho-Kultur gefällt sicher auch dem Präsidenten Panamas, dem Herrn Juan Carlos Varela Rodriguez (3). Er bekennt von sich selbst, in enger Verbundenheit mit der katholischen Geheimorganisation OPUS DEI zu leben.

Er ist nach außen hin ein sehr eifriger Katholik, er reist gern in den Vatikan mit seiner Familie, er folgt unmittelbar den Reisen des Papstes, wie etwa nach Krakau, zum letzten Weltjugendtreffen der Katholiken. Als engster Freund des Opus Dei hat er sich sogar seine Wahlkampagne vom Opus Dei mitfinanzieren lassen, mindestens 3 Millionen US Dollar hat er von dieser katholischen Geheimorganisation erhalten (4).

Der Opus Dei Staatspräsident Varela und sein Stab mit Verbindungen zur römischen Opus Die Zentrale üben eine großen Einfluss aus, was die Gestaltung der Weltjugendtage im Januar 2019 betrifft. Bei einem seiner Besuche in Rom hat Varela in einem Opus Dei Zentrum förmlich die Leitlinien des Weltjugendtreffens im Januar besprochen (5).

Staatspräsident Varela ist zudem mit dem Erzbischof von Panama Stadt eng befreundet und auch eng liiert mit dem Kardinal Jose Luiz Lacunza, Bischof der Stadt David in Panama. Beide sind mit einem Augustiner Orden verbunden. Sie haben sich zu feierlichen Pontifikal-Ämtern mit Opus Dei Leuten bereit gefunden und dem Staatspräsidenten dadurch viel Freude gemacht. Zahlreiche Dokumente aus der Presse belegen dies!

Über weitere Details wäre zu berichten, über die die noch halbwegs freie Presse Panamas berichtet:So wurde etwa ein roter Teppich für die Begrüßung des Papstes am Flughafen angefertigt, Kostenpunkt: 14.000 US Dollar.

Die Regierung hat in den ersten 19 Monaten ihrer Amtszeit mehr als 16,7 Millionen Dollar für die Kirchen, vor allem die katholische, ausgegeben. Selbst wenn dabei Renovierungen alter Kirchengebäude eingeplant waren: Die Bevorzugung der katholischen Kirche durch den Staat ist schon auffällig, meint etwa der Historiker Ricardo Rios Torres (6):

Die „Neue Panama Papers“ hätten also genug Material, etwa auch zur neu erbauten und luxuoriös ausgestatteten Nuntiatur in Panama – Stadt, wo ja bekanntlich der Reichtum nur in den wenigen monumentalen Türmen der Neoliberalen sichtbar ist und in den entsprechenden Wohnvierteln. Denn die meisten Menschen in Panama leben in Armut, da passt ein luxuriöses Gebäude des päpstlichen „Botschafters“ gut ins Bild: Die Leute wissen, wo Papst und Kirche sich wohlfühlen… Ob Papst Franziskus dort wohnen wird, ist noch unbekannt. (7). Sogar eine offizielle Publikation des katholischen Hifswerkes ADVENIAT erwähnt in „Blickpunkt Latenamerika“, Ausgabe 4, 2018, auf Seite 16, die neue Residenz des päpstlichen Botschafters in Panama, also des Nuntius: „Dieser moderne Prachtbau wurde gerade für mehrere Millionen US Dollar luxuriös saniert und steht deswegen stark in der Kritik“. Ob der Papst als Verkünder der Option FÜR die Armen in der Residenz wohnen wird, ist laut offiziellen Meldungen wahrscheinlich. Über die vorherrschende Gewalt im Land, zumal in der Stadt Colon, berichtet in dem Heft Gaby Herzog: „Kriminaliät gehört bei uns in Panama zum Alltag… Die Straßen werden in Colón von Banden regiert. Die Regierung hat keinen richtigen Plan, wie sie der Gewalt begegnen kann“, sagt der Interviewpartner Yithzak Gonzalez, ein Mitarbeiter von Adveniat in Panama. „Und zu oft schlägt sich die Regierung auf die falsche Seite, lässt Wohnungen abreißen und an die Stelle moderne Wohn – und Geschäftshäuser bauen“….(ebd.)

Panama wird ständig von Korruptionsskandalen erschüttert: 2015 wurden mehrere Ex – Minister verhaftet, der ehemalige Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes wurde wegen Urkundenfälschung zu 5 Jahren Haft verurteilt usw.

Man wird in diesem „Sumpf“ den Eindruck nicht los: Das bewusst gewählte,tatsächlich bei den Macho – Verhältnissen  verrückte Motto dieses Weltjugendtages und das Zusammenspiel von Papst Franziskus und dem Opus Dei Staatspräsidenten wecken schlimme Ahnungen … in diesem seit langem bekannten Land der Korruption. Hoffentlich kommen die 200.000 frommen Jugendlichen wie Maria „unbefleckt“ daraus wieder nach Hause.

Zudem werden sich die kritischen Beobachter fragen:

Wie progressiv, um diese etwas abgegriffene Bezeichnung noch mal zu verwenden, ist Papst Franziskus wirklich, wenn er ein solches absurdes Motto für den Weltjugendtag in der von Gewalt geprägten katholischen Kultur Lateinamerikas durchsetzt?

Wie verbunden ist Papst Franziskus, um des eigenen Überlebens willen, mit dem Opus Dei?

Ich meine: Papst Franziskus jongliert hin und her, aber wesentlich ist: Im Grunde aber ist er ein sehr konservativer Theologe. Man lese nur seine Predigten im Haus Santa Marta! Und ein Befreiungstheologe ist er schon gar nicht, auch wenn er von der „Option FÜR (!) die Armen spricht, also von der caritativen Geste „der“ Kirche FÜR die Armen. Und eben nicht MIT ihnen in gleichberechtigter demokratischer Partnerschaft.

–Wie wird des 1971 ermordeten Sozialpriesters Hector Gallego gedacht? Er wurde verschleppt, gefoltert und von Militärs aus einem Hubschrauber  ins Meer geworfen. Gallego organisierte – sozusagen als einer der ersten Begreiungstheologen – arme Landarbeiter. Staat und Kirche nannten ihn in ihrer gemeinsamen Verblendung wie üblich einen Kommunisten. Eine ideologische Redeweise, der sich auch Papst Johannes Paul II. und Ratzinger gern bedienten, um Befreiungstheologen mundtot und dann auch mit staatlicher, d.h. rechtsextremer diktatorischer Hilfe, „tot zu machen“… Siehe Erzbischof Romero etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Quellenangaben:

(1)https://de.globalvoices.org/2016/02/14/die-gefahrliche-und-komplexe-wirklichkeit-der-frauen-in-banden-in-zentralamerika/

(2)

https://www.boell.de/sites/default/files/geschlechtergerechtigkeit_in_zentralamerika_2014.

(3)

http://elpostantillano.net/politica/17912-2016-08-08-15-56-08.html

(4)

https://www.panamaamerica.com.pa/nacion/campana-de-varela-recibe-financiamiento-del-opus-dei-911321

(5) https://www.prensa.com/mundo/Varela-todavia-entendido-impacto-JMJ_0_4996000362.html

(6)

Gobierno de Panamá dona millones de dólares a la Iglesia católica

(7)

http://laestrella.com.pa/panama/nacional/bella-residencia-donde-hospedara-papa-francisco/23965851

(8)

En Panamá, por ejemplo, el propio Marcial Maciel estableció el 6 de diciembre de 1984 tres empresas offshore: First Fountain, Dawn Development Company y Southwest International, Inc., con el auxilio del despacho International Legal Advisors, competidor con Mossack Fonseca en la creación de compañías ‘fachada’ en paraísos fiscales.

Quelle: https://contralacorrupcion.mx/web/paradisepapers/legionarios/      Von   RAÚL OLMOS

 

 

Thomas Merton gegen die abgehobenen „engelgleichen“ Kleriker

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der bekannte spirituelle „Meister“ und Trappistenmönch Thomas Merton (USA) kritisierte 1965 die abgehobene Welt des „engelgleichen Klerus“… Vielleicht braucht ein Bischof, ein Theologe, im Rahmen der Debatten um den sexuellen Missbrauch durch Priester, ein sehr treffendes Zitat von einem Mönch, der auch ein guter Kenner der klerikalen Psychologie war.

„Der Begriff Trennung von der Welt, in den wir im Kloster haben, erweist sich allzu leicht als eine vollständige Illusion. Als die Illusion, dass wir durch die Tatsache, Gelübde abzulegen, zu einer besonderen Art von Wesen werden, zu Pseudo-Engeln, zu „geistlichen Menschen“, Menschen des inneren Lebens oder was immer dergleichen“.

Siehe: Thomas Merton, Zeiten der Stille. Herder Verlag, 1992, S. 80. Eine Übersetzung – von Bernardin Schellenberger – aus dem Buch von Merton: „Conjectures of a Guilty Bystander“, 1965

Wie könnten Christen Weihnachten noch feiern? Abschied von der „Stillen Nacht“: Weil „alles schläft“!

Ein Kommentar und Diskussions-Beitrag

Von Christian Modehn am 29.Dezember 2018

Einige Freundinnen haben mich gefragt: Was denn der „Hintergrund“ für diesen Kommentar sei.

Meine Antwort: Weihnachten ist weltweit so ein zentrales Ereignis, dass man sich auch außerhalb der Weihnachtstage mit dem Ereignis befassen sollte. Und vor allem: Weil die bisher üblichen Weihnachtsfeiern/Gottesdienste der Kirchen nicht den gewünschten „Erfolg“ zeigen, und dies seit Jahrhunderten: Weihnachten als viel besprochenes „Fest des Friedens“ etwa ist eine reine Farce. Wer Jahre lang an Weihnachtsgottesdiensten teilnahm, der ist, soweit man das empirisch feststellen kann, eben nicht friedlicher geworden: D.h.:Die Welt ist trotz der üblichen vielen Weihnachtsgottesdienste eben nicht besser, „erlöster“, „geretteter“ geworden. Man denke nur daran, dass in dem „katholischen Kontinent“ Lateinamerika die tötende Gewalt, die Korruption, die Verbrechen gegen die Menschenwürde alltäglich sind und immer mehr zunehmen. Haben diese Verbrecher nicht oft an (Weihnachts-)Messen, die so hübsche Krippe verehrt und an Wallfahrten und Prozessionen teilgenommen? Haben sie nicht die „heilige Jungfrau“ so oft singend gepriesen, bevor sie zu Massenvergewaltigungen sich entschieden haben? Kann eine Kirche so viele „spirituelle Erfolglosigkeit“ auf Dauer ertragen? Ist das nicht alles für die Kirche furchtbar blamabel? Warum sollte man angesichts dieses spirituellen wie politischen Desasters nicht fragen: Dann sollen die Christen und Kirchen z.B. endlich beginnen, radikal anders Weihnachten zu feiern. In unserem religionsphilosophischen Salon am 14. Dezember 2018 hatten wir uns auch schon auf dieses Thema eingelassen. Zu wenig Beachtung findet auch in diesem Text leider die totale Ökonomisierung des Weihnachtsfestes. Weihnachten ist eben total Weihnachts-MARKT geworden. Und die Kirchen machen diesen Trubel und Konsumrausch mit.

Es ist naturgemäß verwegen, die Kirchen in Europa, auch in Deutschland, aufzufordern: Weihnachten in der bisherigen Form nicht mehr zu feiern. Das wäre ein dringendes Thema für die nächsten 12 Monate in 2019.

Denn, so sagen die zahllosen kirchlichen Weihnachtsfreunde: Die Gottesdienste sind doch gut besucht, wenn nicht überfüllt. Die Leute singen halt so furchtbar gern „Stille Nacht“ und „Zu Bethlehem geboren“ in den Kirchen bei Kerzenschein usw. Die Kindern staunen dann auch über die (meist kitschigen) Krippen. Einige gute Summen an Spenden werden gesammelt, für „Brot für die Welt“ und „Adveniat“. Wobei niemand wagt, diese ca. 70 Millionen Spenden in ein Verhältnis zu setzen zu den Milliarden Ausgaben zu Weihnachten für Geschenke. (Von den sinnlos verschleuderten, die Umwelt schädigenden Millionen fürs Herumballern zu Silvester ganz zu schweigen). Hinzu kommt: Die Predigten der Bischöfe und Pfarrer zu Weihnachten werden auch nicht kritisch – theologisch untersucht auf einen nachvollziehbaren Inhalt hin für die heutigen, weithin säkularisierten Weihnachtsgottesdienst-Besucher. Viele Predigten sind nur eine Wiederholung der Weihnachtsmythen der Evangelien. Und wenn es politisch wird, dann immer staatstragend moderat: Dass zu der Zeit, wo „Stille Nacht“ gesungen wird, viele Flüchtlinge in der stillen Nacht des Mittelmeeres herumirren auf ihren Kähnen, wird kaum gesagt, genauso wenig, dass so viele Menschen hierzulande eben keinen Gänsebraten verzehrten, weil die Ungerechtigkeit, d.h. die Armut, so groß ist. Nur Tierschützer können sich über diesen aufgezwungenen Gänsebraten- Verzicht freuen.

Wenn Weihnachtspredigten einen Hauch von Politik, und das heißt Politik-Kritik haben, dann sind sie allgemein, unverbindlich, in den Aussagen eben nicht „hart“ formuliert. Dass Geldspenden nur eine äußerst hilflose Art der Solidarität mit den arm gemachten Menschen in Afrika usw. ist, wagt kein Prediger zu sagen: Er müsste nämlich von einem Umbau unseres kapitalistischen Wirtschaftssystem sprechen. Wer will das schon hören?

Die Menschen verlassen die Gottesdienste der überbeschäftigten Weihnachtspastoren in dem schon von der Großmutter überlieferten kindlichen Wissen: „Christus ist erschienen, uns zu versühnen“, wie es im Lied altmodisch heißt. Oder: „Der Erlöser, der Retter, ist da. Alleluja“. Aber keiner weiß, was das bedeutet: Der Erlöser ist da? Wie bitte? Hier bei uns, in Afrika, bei Mister Trump und Putin und den übrigen so furchtbaren inhumanen Politikern wie in Syrien, Brasilien oder auf den Philippinen. Weihnachten, so der Gesamteindruck, bestätigt nur unverstandenes Geraune: „Der Erlöser ist da“, „Maria geht durch einen Dornwald“, „Tochter Zion freue dich…“ Und so weiter.

Weihnachten ist das Fest der Christen, das einerseits viel populäre Beliebtheit hat und andererseits in seinem Inhalt kaum verstanden wird.

Es ist populär beliebt, weil es mit dem Kaufrausch verbunden ist. Darum wird es auch in Japan gefeiert: Dort sagt man sich: Endlich irgend so ein europäisches Fest, das uns mit bestem Gewissen maßlos konsumieren lässt.

Aber: Der Inhalt wird auch hier in einem einst kirchlichen Europa nicht verstanden: Und der wesentliche Inhalt lässt sich in drei Worten sagen: „Weihnachten ist das Fest der „Vergöttlichung der Menschen“. Man denke an den Mystiker Angelus Silesius: „Wäre Jesus Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest dann verloren“. Weihnachten also heißt: Alle Menschen sind absolut wertvoll, das Ewige wohnt in ihnen; alle Menschen, aber auch alle, haben deswegen ein göttliches Anrecht, umfassend – menschlich zu leben. Weihnachten ist also ganz modern, sehr säkulär und nachvollziehbar für alle Vernünftigen gesagt: Das Fest der Menschenrechte.

Natürlich mag es in dieser zerrissenen Welt für einige hübsch und beruhigend sein, zu Weihnachten in infantile Phasen zurück zu gleiten, Kindheitserinnerungen zu pflegen, „vom Himmel hoch“ zu singen, zu Tränen gerührt zu sein über die sympathischen Heiligen Drei Könige etc. Aber alles das hat mit Weihnachten als dem göttlichen Fest der Menschenrechte nichts zu tun. Wobei Menschenrechte als ideale, aber bindende Forderung verstanden wird, viele verbrecherische Politiker, die Waffenhändler, die „Reformer“ der neoliberalen Wirtschaft usw. berufen sich schamlos auf die Menschenrechte, das ist leider Realität, spricht aber nicht gegen die absolute Geltung der Menschenrechte.

Fordern wir also –aussichtslos, aber deutlich – eine Unterbrechung kirchlicher Weihnachtsgottesdienste der alten, „ewig“ wiederholten Art? Ja! Eindeutig!

Warum also nicht zu Weihnachten Alternativen pflegen: die Kirchen öffnen, dort nachvollziehbare Dialoge führen mit Menschen, die auf der Suche nach einem Lebenssinn sind, vernünftig von Jesus von Nazareth sprechen, von seiner Familie, von seinen Geschwistern, seiner späteren Rebellion; dann etwas Musik hören, still sitzen, Kunst betrachten, miteinander Kleinigkeiten essen, Wein trinken, einander kennenlernen, Freundschaften bei solch einem Weihnachtsfest in den Kirchen schließen, Verabredungen treffen, also endlich mal in einer Kirche lebendig werden…

Mal sehen, wie dann die alten Weihnachtsfreunde reagieren, wie sie an den Kirchentüren klopfen und bitten: Erklärt uns doch endlich mal, was Weihnachten wirklich ist. Was die Geburt dieses armen Propheten Jesus von Nazareth eigentlich bedeutet? Gibt es für uns Erlösung, Heil, Rettung? Wenn ja: Wo und wie? Und die Antwort heißt: Erlösung gibt es nur, wenn wir den Vorschlägen und Vorschriften der Menschenrechte praktisch folgen. Und nur das ist der wahre Gottesdienst (im Sinne Jesu). Und dann kann man noch manchmal, aber sehr leise, ein bisschen schamhaft, „Stille Nacht“ singen, dann, wenn die Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet sind und die vielen tausend Menschen im Jemen nicht mehr krepieren und die Milliardäre weltweit endlich angemessene, also gerechte Steuern zahlen müssen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Religion und Religionskritik – das große Thema der Philosophen.

Zum neuen Handbuch „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“ von Michael Kühnlein (Hg)

Eine Buchempfehlung von Christian Modehn

Um einmal persönlich zu beginnen:

Endlich haben wir in unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ überhaupt keinen Grund mehr, uns bei der Zuspitzung unseres philosophischen Interesses irgendwie einsam oder marginal zu fühlen. Das war immer dann der
Fall, wenn fundamentalistisch Fromme aus allen Konfessionen und Religionen die kritische und freie Betrachtung des Religiösen, der Transzendenz, des Unendlichen, des Göttlichen und des atheistischen Nichts als störend für den
(naiven) Glauben (und störend für die selbstsicheren Institutionen vor allem!) abgewiesen haben.

Nun also liegt ein wichtiges Buch über „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“ vor, der Titel in dieser Zusammenstellung ist glücklich gewählt: Denn immer geht es auch um Religionskritik.

Das Buch enthält 80 Beiträge zu religionsphilosophischen Texten von Platon bis Charles Taylor, wobei 47 Beiträge auf Autoren des 20. bzw. 21. Jahrhunderts bezogen sind! Deutlicher kann die breite Aktualität re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Überlegungen kaum dokumentiert werden. Die oft vorausgesagte totale Säkularisierung als Verzicht auf „transzendenzoffene Situationen“ (M. Kühnlein) ist also im Denken (und damit auch im Leben der europäisch geprägten Kulturen) nicht eingetreten.

Jedes Kapitel stellt einzentrales Werk eines Philosophen vor. Nach sehr knappen biografischen Hinweisen wird der Kontext des jeweiligen Buches/Textes gewürdigt, dann folgt im 3.Schritt die ausführliche Darstellung des Werkes, es folgen dann Hinweise zur Rezeption und zusammenfassende Überlegungen, bevor die wichtigsten Quellen und Interpretationen genannt werden. Der Herausgeber, der Philosoph Michael Kühnlein (Frankfurt/M.), bedauert selbst, dass einige große Autoren fehlen (müssen – aufgrund des begrenzten Umfangs des Buches). Wer das Inhaltsverzeichnis studiert, wird etwa Lessing vermissen oder Hamann oder Troeltsch oder Martha Nussbaum oder Erich Fromm. Und er wird sehr bedauern, dass Religionsphilosophen aus dem asiatischen, afrikanischen oderlateinamerikanischen Raumvöllig fehlen! Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist heute ein weltweites Thema. Vielleicht wäre dies ein Thema für einen Fortsetzungsband. Auch wenn nordamerikanische Religionsphilosophen wie Taylor gewürdigt werden,das Buch ist eben doch noch euro-zentrisch angelegt.

Aber sein Wert liegt in der meistens wohl doch noch für philosophisch Nicht-Promovierte Leser meistens erreichbaren und mitvollziehbaren Lektüre. Ich habe alle Beiträge bisher nicht lesen können, mir fällt nur auf, dass etwa der hoch aktuelle Philosoph Meister Eckart („Opus tripartitum“) in einem leider sehr fachwissenschaftlich orientierten Duktus vorgestellt wird, so, als wollte man damit unter Eckart Spezialisten glänzen, wobei der Autor, Dietmar Mieth, ja durchaus allgemein zugängliche Texte zu Eckart schon anderswo geschrieben hat. Dieser Beitrag weckt dann doch wieder die Befürchtung, dass die Texte eher Fachphilosophen und Hauptfach Studenten hilfreich sein sollen,. Dabei ist etwa der Text über Ludwig Feuerbach (Das Wesen des Christentums) sehr zugänglich, verfasst von Ursula Reitemeier. Philosophieren und Philosophie sollte nach meinem Verständnis immer „Sache aller sein“. Man freut sich, dass Holger Zaborowski die vom Umfang her eher kleine (und nicht so viel beachtete) Schrift „Phänomenologie und Theologie“ (1927) von Martin Heidegger zugänglich macht, selbst wenn ich persönlich eher eine Interpretation der späteren Werke Heideggers, etwa „Vom Ereignis“ (1936), unter re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Sicht gewünscht hätte. Aber da hätte man auf die Nazi-Verquickung im Denken Heideggers eingehen müssen…

Wie weit das Verständnis von Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie bei Michael Kühnlein als Herausgeber reicht, zeigt sich deutlich an der Auswahl der Autoren des 20. Jahrhunderts, da werden etwa die Theologen Metz und Moltmann als religionsphilosophisch relevante Autoren verstanden. Auch der äußerst schwierige, explizit katholische Jean Luc Marion ist im Buch vertreten.

Diese Hinweise machen einmal mehr deutlich, dass Religion ein ganz breites Thema ist in der Philosophie sowie der Religionssoziologie (Peter L. Berger) und Psychologie (Freud).

„Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“. Ein Handbuch, hg. von Michael Kühnlein. 946 Seiten. Suhrkamp Taschenbuch, 2018, 36 €.

Christian Modehn Berlin