Sandra Maischberger ist inkompetent: Im Gespräch mit Frau von Thurn und Taxis (in der Sendung „Maischberger“ am 22.1.2020).

Ein Hinweis von Christian Modehn, Journalist und Theologe

Man sollte sich als Moderatorin sehr gut vorbereiten, wenn man mit Frau von Thurn und Taxis spricht! Die Moderatorin sollte wissen, dass diese Dame aus Regensburg seit Jahren nicht nur zum konservativem, sondern zum reaktionären, militanten, alles Progressive verunglimpfenden Flügel des Katholizismus in Deutschland gehört! Und zudem nachweislich AFD nahe ist. LINK
Diese Dame aus Regensburg ist bekannt dafür, permanent in diesem Geist polemische, falsche Äußerungen zu verbreiten. Was mag der Redaktion bloß eingefallen sein, ausgerechnet diese Dame aus Regensburg zur aktuellen Zölibats-Diskussion zu befragen? Da muss eine Moderatorin auch deutlich und vernehmbar widersprechen, wenn die Dame aus Regensburg Unsinn redet. Das tat Frau Maischberger aber nicht. Ich hatte den starken Eindruck, sie freute sich sogar riesig über diesen Gast aus Regensburg.

Für das, was Frau Thurn und Taxis an Unsinn, wenn nicht Frechheiten, verbreitete nur einige Beispiele: Von den haarsträubenden Äußerungen zum Klimaschutz will ich kein Wort verlieren. So verblendet wie diese Person kann nur noch Mister Trump sein.

Zur Kirche:
1. Kardinal Sarah aus dem Vatikan ist bezeichnenderweise ihr Freund. Ihn aber „reizend“ zu nennen, trifft diese gehässige Person gar nicht. Man lese nur das Buch von Sarah „Gott oder Nichts“. LINK

2.Es ist eine ungeheure Frechheit, die evangelische Kirche bloß eine „politische Vereinigung“ zu nennen, wie dies die Dame aus Regensburg tut. Dagegen sollte die evangelische Kirche rechtliche Schritte einleiten. Kein Widerspruch aus dem Munde der Moderatorin war zu vernehmen!

3. Es ist totaler Unsinn zu behaupten, die Abschaffung des Pflichtzölibates sei eine Forderung allein der Kirche in Deutschland. Weltweit fordern das Bischöfe, Theologen Laien seit Jahrzehnten etc. So ignorant darf man auch als Fürstin aus Regensburg gar nicht sein. Das ist ein Blamage! Und genauso blamabel: Da kam kein inhaltlicher Widerspruch von der Moderatorin. Die Dame aus Regensburg durfte so viel ungesteuert Unsinn verbreiten. Ist das Journalismus? Dienst das der Aufklärung? Nein!

4. Welcher deutsche Bischof will denn die Kirche zerstören, wie Frau Thurn und Taxis behauptet. Woher nimmt sich die Forstwirtin aus Regensburg die Kompetenz, die Theologie des Zölibates im Fernsehen zu erklären und alle hören brav zu. Sandra Maischberger sagte etwa eher unpräzise: Verheiratete Priester dürften dann „predigen“. Darum geht’s gar nicht: Sie dürfen die Messe als Priester wie alle zölibatären Priester leiten und die „Wandlung“ vollziehen! Und genau dieses Privileg will sich der so genannte zölibatäre Klerus sichern!

5.Am schlimmsten: Die ungehörigen Attacken der Dame aus Regensburg gegen den allseits verdienten und international geehrten Bischof Erwin Kräutler vom Amazonas. Er wurde wegen seines Einsatzes für die Menschenrechte und das Evangelium dort mehrfach von mit dem Leben bedroht. Sollte die Dame aus Regensburg doch mal in die mörderischen Regionen Brasiliens reisen.

Solche Sendungen wie die genannte haben die Zuschauer nicht verdient. Sie klären nicht auf, sie bestätigen nur Vorurteile. Sind bestenfalls nette Unterhaltung! Und wer sich als Moderatorin auf das Thema Religion und Kirche einlässt, sollte kompetent sein in den Fragen und im vernehmbaren Widerspruch zu unsinnigen, gemeinen Statements.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon. de (Berlin)

Was heißt christlich glauben?

Hinweise auf eine Lebens-Philosophie
Von Christian Modehn

1.
Was „christlich glauben“ heute bedeuten kann, ist nicht allein den Definitionen der Kirchen und ihren Institutionen zu überlassen. Selbstverständlich kann auch Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Vorschläge machen, Hinweise geben.
Hier also, kurz gefasst und für „weite Kreise“ nachvollziehbar, Hinführungen zum christlichen Glauben, Skizzen zum Weiterdenken. „Den christlichen Glauben“ gibt es nur im Plural, verteilt auf unterschiedliche Kirchen, aber auch individuell – auch außerhalb der Kirchen – gedacht und gelebt von unterschiedlichen Menschen, die sich auch in unterschiedlichen Gesprächskreisen, etwa „philosophischen Salons“, treffen.
Dies auch als Beispiel für eine „freisinnige“ Theologie. Sie muss sich gegen die so mächtig wirkende, zerstörerische fundamentalistische Theologie behaupten.
2.
Ich plädiere hier für einen christlichen Glauben als eine Lebens –Philosophie. Das heißt: Der/die einzelne kann für sich selbst im Nachdenken, in der Meditation oder in der aktiven, auch gesellschaftlichen Praxis den Kern des christlichen Glaubens entdecken, erleben, erkennen, zur Sprache bringen, oft auch in der je eigenen Poesie, die man manchmal auch Gebet nennen kann. Dabei bezieht sich dieser „Kern“ des Glaubens auf einige Grundeinsichten Jesu von Nazareth.
3.
In der Frühzeit des Christentums wurden der christliche Glaube selbst als eine philosophische „Schule“ verstanden, auch von den Philosophen und ihren Schulen (Neoplatoniker, Stoiker usw.). Der Austausch der unterschiedlichen philosophischen Schulen endete damit, als sich die Christen als die einzige, die wahre philosophische Schule durchsetzten und die anderen Schulen als eigene, wertvolle Lebensmodelle ignorierten oder unterdrückten. Ich kann hier zur Vertiefung nur auf einen ausführlicheren Beitrag verweisen. LINK
4.
Christen beziehen sich in ihrem religiösen Glauben vor allem zentral auf einen Text, die Bibel. Besonders auf die vielfältigen Texte des Neuen Testaments (NT). Dass darin wiederum je unterschiedliche Interpretationen der Hebräischen Bibel (Altes Testament, AT) erscheinen, kann hier nicht weiter entfaltet werden.
5.
Im Mittelpunkt des Glaubens steht die Gestalt Jesus von Nazareth, der gerade dann, wenn er zentraler Mittelpunkt im Leben sein soll, Jesus als der Christus genannt wird. Christus bedeutet wörtlich übersetzt: der Gesalbte, also der Mensch mit einer besonderen Würde, vor allem der eines Königs. Und „Christus“ heißt für heute übersetzt bedeutet: Dieser Jesus gilt als das wichtige, befreiende und erlösende „Vorbild“.
6.
Jesus von Nazareth selbst, den man zu Lebzeiten auch Propheten und „Menschensohn“ nannte, haben nur relativ wenige Menschen kennen gelernt und nach seinem grausamen Tod auch weiterhin geschätzt, verehrt, geliebt und von ihm gesprochen. Dieser Freundeskreis ist etwa in den Jahren zwischen 40 bis 60 gestorben. Man nennt diese „Anhänger“ Jesu „die JüngerInnen“ bzw. auch „die 12 Apostel“. Und wiederum deren Freunde haben die 4 Evangelien aufgeschrieben, in den Jahren zwischen 60 bis 80. Mit anderen Worten: Was etwa der Apostel Petrus selbst sagte oder der “Lieblingsjünger“ Johannes selbst mitteilte, ist unbekannt. Alle Berichte des NT beziehen sich auf eine vielfältige mündliche Erinnerung an Jesus von Nazareth, die dann die Erzähler selbst wiederum unterschiedlich verwenden. Unmittelbar ist Jesus von Nazareth selbst in den Texten des NT nicht „erreichbar“.
7.
Seit dem Jahr 50 etwa kann man Jesus von Nazareth nur über die Texte des Neuen Testaments, vor allem durch die vier Evangelien, erkennen. Die so genannten apokryphen Evangelien sind in einem noch größeren zeitlichen Abstand zum Leben Jesu verfasst worden, sie bieten viele, von der offiziellen Kirche unterdrückte Legenden aus dem Leben Jesu…
Zentral ist die Erkenntnis: Wer Jesus Christus als Mittelpunkt des Lebens, etwa der eigenen Lebensphilosophie, sucht, ist auf Erzählungen anderer angewiesen. Eine ähnliche Situation gibt es etwa im Falle von Sokrates, dessen authentische Worte nicht überliefert sind, durch Platon wird seine Gestalt lebendig. Von wichtigen religiösen „Vorbildern“ – etwa auch von Buddha – gibt es keine schriftlichen, „authentischen“ Selbstdarstellungen.
8.
Warum aber das Interesse an Jesus? Seine Person soll eine Offenbarung Gottes sein. Die Kirchen lehren: Gott offenbart sich in dem Menschen Jesus von Nazareth. Der Unendliche, der/die Ewige, das absolute Geheimnis, wie auch immer man die alles gründende Wirklichkeit nennt, kann sich über die Gestalt Jesu von Nazareth erschließen.
9.
Gott selbst „spricht“ nicht direkt als solcher. Gott „spricht“ durch die Vermittlung der Erzählungen der Freunde Jesu. Wer christlich glauben will, kann sich also niemals in einem Text direkt auf Gott beziehen. Jede Behauptung: „Dies sagt Gott“. „Dies will Gott“ usw. , ist also in dieser Absolutheit von vornherein unzutreffend. Solche Sätze legen einen Fundamentalismus frei: Dies ist der Wahn einiger bzw. jetzt leider vieler, die da meinen, auf der Seite Gottes zu stehen…
10.
Das Neue Testament ist (als vielfältige Interpretation des Glaubens der ersten Christen) Menschenwort und als solches historisch und kritisch, d. h. wissenschaftlich, zu untersuchen. Damit kann auch die Dimension des Außerordentlichen der Jesus-Gestalt erschlossen werden.
11.
Die Redeweise in den Gottesdiensten der Kirchen: „Sie hören Gottes Wort“ ist also lediglich eine Art poetische Sprache. Treffender müsste es heißen: „Sie hören nun die für uns inspirierende Deutung der göttlichen Wirklichkeit durch die ersten Freunde Jesu von Nazareth“. Das wäre die Wahrheit.
12.
Die entscheidende Frage ist: Kann die innere Bewegtheit, also der Glaube, wie ihn die damaligen Jesus-Freunde (gerade in ihrer, uns zum Teil befremdlichen Sprache) uns vorlegen, auch uns zu „unserer“ spirituellen Bewegtheit führen, zu einer christlichen Lebensphilosophie?
Hinzu kommt noch die Auseinandersetzung (und manchmal die kritische Abwehr) der vorgefundenen Dogmen und Bekenntnisse, die sehr umfangreich seit dem 3. Jahrhundert von der Kirchenführung formuliert wurden.
13.
Wer diese durchaus „spannende“ Mühe des Studiums und des Lernens erlebt, ist aber im „Resultat“ immer frei, auf die je eigene Weise bestimmte Aspekte für die eigene christliche Lebensphilosophie herauszustellen. Man kann etwa die „wunderbaren“ Gleichnisse Jesu für sich selbst in den Mittelpunkt der eigenen Lebensphilosophie stellen oder die anspruchsvolle und verstörende Bergpredigt oder die Erzählungen von der Auferstehung Jesu: Da wird sichtbar: Wie Jesus, der als verstorbener Mensch wie alle Verstorbenen im Grab bleibt, dennoch als „Auferstandener“ gedeutet und erlebt wird. Weil er – als ein „Sohn Gottes“ – vom Ewigen und Göttlichen in sich selbst ausgezeichnet ist. Diese Auszeichnung ist sozusagen die „Kraft“ der Auferstehung. Jesu Überwindung des Todes schließt aber auch die Erkenntnis ein: Alle Menschen sind als Geschöpfe Gottes auch mit dem Ewigen in Einheit verbunden, deswegen haben auch sie Anteil an der Auferstehung. In welcher Weise und Form dies geschieht? Diese Details entziehen sich dem Begreifen des Menschen. In der christlichen Lebensphilosophie wird sozusagen nur ein Türspalt über den Tod hinaus geöffnet, ein Türspalt, in dem das Licht des Ewigen etwas spürbar wird. Mehr nicht. Aber das ist schon viel, zumal für Menschen, die von einer christlichen Lebensphilosophie auch einen Hinweis, wenn nicht eine Antwort auf den Tod oder auf die Angst vor dem Tod (als definitives Verschwinden im Nichts?) erwarten.
14.
Es gibt aber eine weitere, eine andere Möglichkeit, den christlichen Glauben kennen zu lernen und ihn dann möglicherweise als Mittelpunkt des eigenen Lebens anzunehmen:
Zu den überlieferten Worten des Propheten Jesus von Nazareth gehört auch der Vorschlag: Die Liebe soll die alles entscheidende, gestaltende Kraft im Leben, in der Gesellschaft sein. Liebe ist über alles zu stellen: Die Nächstenliebe als universale Form der Liebe. Denn jeder und jede kann der „Nächste“ sein. Diese Nächstenliebe erscheint aber im NT immer als Einheit mit der Gottesliebe. Jesu von Nazareths zentrale, alles andere in den Schatten stellende Erkenntnis und Weisheit heißt: Wer den Nächsten liebt, der liebt Gott. Weil in der Liebe der Sinngrund des Lebens mit bejaht wird, also Gott. Der große katholische Theologe Karl Rahner hat über diese Einheit von Nächstenliebe UND Gottesliebe wichtige Erkenntnisse mitgeteilt.
15.
In einer Lebenspraxis, die von Liebe, Friedfertigkeit, Solidarität, Empathie, Großzügigkeit bestimmt ist, geht dem Menschen inmitten dieser Praxis sozusagen ein Licht auf. Und dieses Licht wird von christlichen Lebensphilosophen als stille Anwesenheit eines überraschend Befreienden, „Beglückenden“, Überraschend – Göttlichen erfahren und ausgesprochen. In gewisser Weise hat wohl sogar der historische Jesus selbst diese Erfahrung beschrieben, als er von dem alles entscheidenden Urteil der göttlichen Wirklichkeit über das gelebte Leben der Menschen sprach: Entscheidend ist allein das Tun, das Tun des Guten und Gerechten. Konkret heißt das: Die Hilfe für Hungernde, das Trösten der Traurigen, der Beistand für die Leidenden usw. Man lese etwa im 25. Kapitel des Matthäus-Evangeliums die Verse 34 bis 46.
16.
Wenn eine solidarische Lebenspraxis bereits entscheidend die christliche Lebensphilosophie ist, dann ergeben sich ganz neue Verbindungen unter den Menschen, die diese Lebenspraxis auf je eigene Art leben: Ich möchte hier nur an eine Erkenntnis des Theologen Paul Bolkovac SJ (Hamburg, 1907-1993) erinnern: „Sobald und solange jemand aus sich herausgeht, über sich hinauswächst und auf einen Anderen zugeht, fremde, andere Belange wahrnimmt, im doppelten Sinn des Wortes, dann ist er mit einer solchen Einstellung im Einklang mit Gott… Diese Praxis macht deutlich, wofür oder wogegen der Mensch steht. In der Gottlosigkeit befindet sich jeder, sobald und solange er in seinem privaten und auch kollektiven Egoismus befangen ist und gefangen bleibt“ (in: „Atheist im Vollzug – Atheist durch Interpretation“, in dem Buch „Atheismuskritisch betrachtet“, 1971, S, 22f.). Mit anderen Worten: Christen und Atheisten sind eng verbunden, sind Freunde, wenn sie eine Lebenspraxis der Solidarität (als Überwindung des Egoismus) leben. Und Atheisten (im Sinne des Egoismus) sind jene Christen und sich christlich nennende Politiker, die etwa eine Politik der Respektosigkeit für die Armen leben.
17.
So ist auch eine bestimmte solidarische Lebenspraxis im Respekt für die „anderen“ selbst schon christlicher Glaube. Aber diese richtige Glaubensform wird von den Kirchen so oft als gleichwertig zum „theoretischen Glauben“ übersehen. Wie alle Lebensphilosophie braucht auch diese eben eigene Worte, d.h. eine Poesie, Gebete genannt. Sie wird sich auch mit anderen austauschen und Gottesdienste gestalten, jenseits aller Routine.
18.
An eine dritte Möglichkeit einer christlichen Lebensphilosophie soll noch erinnert werden: Das Suchen und Fragen nach einem tragenden Sinn im Leben kann zu der Erkenntnis werden: Der Mensch ist selbstverständlich alles andere als ein bloßes „Naturwesen“. Er ist durch seinen Geist über alles Endliche „hinaus“ und damit verwiesen auf etwas Unendliches. Man lese Hegel in dem Zusammenhang! Der menschliche Geist ist nicht eingezwängt ins Weltliche, er transzendiert immer schon alles Vorfindliche – Gegebene. Wer achtsam diese Verwiesenheit auf das Unendliche lebt und zur Sprache bringt, kann von da aus einen Zugang auch zum christlichen Glauben finden. Er kann viele zentrale Glaubens-Wirklichkeiten inmitten seines eigenen Lebens erfahren und zur Sprache bringen: Die Erfahrung der Gnade etwa als das Geschehen eines (zu – fälligen) Beschenktwerdens. Oder die Sehnsucht nach einem Vorbild, das nicht (etwa als Guru oder gar als Führer) ausbeuterisch in die Irre führt, sondern zum je eigenen Sein befreit. Dieses immer schon im Geist, in der Seele, gesuchte Vorbild könnte dann in der Gestalt des Jesus von Nazareth entdeckt bzw. wieder-gefunden werden. Oder die berechtigte innere Sehnsucht nach einer heilsamen Gemeinschaft könnte zu einer Vorstellung einer Gemeinschaft oder Gemeinde führen, die im Geist der Offenheit und des Respekts die christliche Lebensphilosophie feiert. Wer dafür eine klassische theologische Begründung wünscht: Sie hat ihr Fundament in der Lehre vom „heiligen Geist“, der in jedem Mensch wirksam und kreativ handelnd und denkend lebt!
19.
Damit will ich sagen: Vom geistigen Leben der Menschen aus ließen sich die Grunderkenntnisse der biblischen Lehren selbst schon erschließen und ansatzweise formulieren. Auch die überlieferten Erzählungen und Lehren des Neuen Testaments sind nichts anderes als Äußerungen, schriftliche „Objektivierungen“, des inneren Erlebens der Autoren dieser Texte. Sie haben ihr eigenes inneres Bewegtsein niedergeschrieben so, wie sich heute Menschen in eigener Poesie ihr eigenes inneres Bewegtsein vom Glauben niederzuschreiben. So entstehen in gewisser Weise auch „heilige Schriften“ im Laufe der Glaubens – und Kirchengeschichte. Sie stehen in einem Dialog miteinander. Wobei den Texten der ersten Freunden (NT) sicher eine besonders zu respektierende Bedeutung zukommen wird.
Es gibt also ein Christentum, das von „unten“, von der seelischen und geistigen Bewegtheit entsteht.
20.
Warum ist hier immer von christlicher „Lebensphilosophie“ die Rede? Weil der christliche Glaube –„Gott sei Dank“ – weit über den kirchlich fixierten christlichen Glauben hinaus weist. Und weil Philosophie alles andere ist als ein abstraktes Theoretisieren. Philosophieren entsteht inmitten der Lebenspraxis und führt – reflektiert – wieder in eine neue, dann veränderte, möglicherweise tiefere, „verbesserte“ Lebenspraxis zurück. Und dann geht die geistige Bewegung erneut weiter. Christliche Lebensphilosophie ist niemals Stillstand, niemals Stagnation, obwohl so viele Kirchen heute immer noch diesen Eindruck hinterlassen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Weihnachten und Philosophieren

Was kann Weihnachten philosophisch bedeuten?
Hinweise von Christian Modehn

1.
Wer sich philosophierend mit Weihnachten beschäftigt, wird zunächst kritisch das Umfeld ausleuchten, in dem dieses christliche Fest heute steht. Das Umfeld ist: Kommerz und Konsum, zwanghaftes Schenkenwollen und Sehnsucht nach dem Beschenktwerden, Erinnerungen an die eigene Kindheit, Sehnsucht nach einer Wiedererweckung der Kindheit als kurzfristige Nostalgie… der Wunsch, an diesem Tag ausdrücklich kinderfreundlich zu sein…Das Bedürfnis, gerade an diesem Tag einmal gut und nett zu sein, eine heile Insel im belasteten Alltag zu hegen, mit all dem Streß, der dabei entsteht… Daran kann sich eine empirische „Weihnachtskritik“ abarbeiten…
2.
Es müsste der Begriff der GABE bedacht werden. Es müsste z.B. gefragt werden, ob der Mensch für den anderen wesentlich Gabe ist. Ob die Gaben, die Geschenke, gerade zu Weihnachten, Ausdruck dieser wesentlichen Gabe des Daseins sind oder heute noch sein können. Verdeckt der Konsumismus den Charakter der Gabe?
3.
Weiter muss über die Bedeutung der Gefühle, der Emotionen und Affekte fürs kritische Nachdenken im allgemeinen gesprochen werden. Sind Gefühle der spontane Erstkontakt mit der äußeren Wirklichkeit? Erschließen sie auf eigene, noch unthematische Art das eigene Leben im Kontext mit anderen? Was passiert, wenn Gefühle dann aber tatsächlich reflektiert werden? Dann kommen Gefühle erst zu ihrem wahren Gehalt. Ohne Vernunft sind Gefühle blind, ohne Gefühle ist Vernunft abstrakt und „lebensfern“.
4.
Was bedeutet diese Erkenntnis für Weihnachten? Die einzelnen Gefühle anlässlich von Weihnachten (vor allem: „Heilig Abend“) wären kritisch zu bedenken. Etwa die Sehnsucht nach Nostalgie, nach Eintauchen in die eigene (Weihnachts)–Kindheit. Ist dieses Eintauchen ins angeblich heile Damals eine Flucht, ist es Opium? Oder ist es ein nötiges heilsames Intermezzo, um überhaupt die Routine und Öde und die Ängste des vorherrschenden, „nichtweihnachtlichen“ Alltags zu bestehen? Wie sind die extrem häufigen Teilnahmen an Gottesdiensten gerade zu Weihnachten zu verstehen? Gehört Gottesdienstbesuch zur Nostalgie? Wie kommt es, dass man Weihnachtslieder kitschigen Inhalts und in einer kaum nachvollziehbaren Spiritualität mitsingen kann, dabei auf jeden Gebrauch kritischer Nachdenklichkeit verzichtet, um so das Fremde und ganz Andere („Eigentliche“) des Weihnachtsfestes zu beleben? Sind die Kirchen in der westlichen Welt, sonst am Sonntag zum Gottesdienst immer weniger besucht, etwa längst zu „Weihnachtskirchen“ geworden? Sind die Pfarrer bei ihrer totalen Auslastung zu Weihnachten etwa in gewisser Weise „Weihnachtspfarrer“ geworden? Wenn die „Gottesdienstbesucher“ zu Weihnachten  in der Statistik der „Gottesdienstbesucher pro Jahr insgesamt“ mitgezählt werden, ergibt sich dann noch eine halbwegs realistische Statistik zur „allgemeinen Teilnahme am Sonntagsgottesdienst“? Dieser Frage sollten Religionssoziologen nachgehen.
5.
Philosophisch bleibt die Frage: Gibt es prominente Philosophen, die „Weihnachten“ gedacht haben? Da ist zuerst nicht die radikale Religionskritik gemeint, die im Vorurteil alles Christliche sowieso abwehrt; sondern eine Philosophie, die auch religiöse Texte relevant findet, weil diese Texte Ausdruck menschlichen Selbstverständnisses sind.
6.
An Meister Eckart, den mittelalterlichen Philosophen und gerade nicht (nur) den Mystiker, wie die neueste Studie von Kurt Flasch zeigt, wäre auch zu erinnern, etwa an das Stichwort von der „Gottes Geburt in der Seele“. Dann ist Weihnachten vor allem die Erkenntnis: Jeder Mensch hat Anteil an dem Göttlichen, das in seinem Geist, seiner Seele, lebt als „das Ewige“. Die Geburt Jesu von Nazareth, verstanden als Gott-Mensch, macht nur die allgemeine gott-menschliche Befindlichkeit eines jeden Menschen offenbar.
7.
Bei Hegel kommt Weihnachten als explizites Stichwort meines Wissens nicht vor, hingegen steht die „Sache“ Weihnachten im Mittelpunkt seines Denkens: Es bezieht sich ZENTRAL auf die „Menschwerdung Gottes“ in Jesus Christus. Um dieses Ereignis dreht sich die ganze Geschichtsphilosophie Hegels. Weil da die Einheit von Göttlich und Menschlich sichtbar wird, eine Einheit, die nicht nur auf die einzelne Gestalt Jesus Christus bezogen bleibt, sondern schlechthin ALLE Menschen betrifft. Alle Menschen, im Sinne Hegels und im Sinne des Johannes-Evangeliums, haben Anteil an dem göttlichen Geist, insofern gehören sie als Menschen zu Gott.
Politisch bedeutend ist die Menschwerdung Gottes, weil die absolute Wertigkeit, die göttliche Wichtigkeit, des menschlichen Subjekts,und zwar jedes Menschen, sichtbar wird. Jeder Mensch ist von absoluter Würde. Und, so fügt Hegel hinzu, jeder ist in der Lage, die umfassende Freiheit zu gestalten. Denn in der Menschwerdung Gottes ist die Entfremdung zwischen Göttlich und Menschlich „an sich“ überwunden, da gibt es keine prinzipielle Fremdheit mehr, keinen Gegensatz zwischen Gott und Mensch. Wenn die Beziehung zwischen Unendlichem und Endlichem also „an sich“ bereits eine FREIE Beziehung ist, dann ergibt sich die Möglichkeit, alle anderen, auch weltlichen Fremdheiten und Entfremdungen in freie Verhältnisse auch politisch umzugestalten.
Für Hegel (und für Christen, die wissen, was ihr Bekenntnis bedeutet) ist Weihnachten also ein politisches Fest. Ein Fest, das nicht zum Stillesitzen verführt, sondern zum Eintreten für die Befreiung, für die Menschenwürde, für die Menschenrechte. Und es ist die Frage, ob die zu Weihnachten üblichen Spendenaufrufe diesem umfassenden Projekt entsprechen können, eine gerechte und friedliche Welt zu gestalten.
Wenn die Versöhnung von Gott und Mensch (also Weihnachten,gemeint als die freie Beziehung von Gott und Mensch), im philosophischen Denken Hegels erreicht wird, wenn der Mensch also dieser Erkenntnis „ganzheitlich“ inne wird: Was bedeuten dann noch die Kirchen? Welche Rolle spielt die Gemeinde usw… Hegel sagte ja einmal: „Philosophie ist der wahre Gottesdienst“…Einige Teilnehmer in unserem religions-philosophischen Salon meinten in einer Diskussion zum Thema: Das Innewerden des Göttlichen „in mir“ sei entscheidend… (und ausreichend für eine freie Gottesbeziehung). Hegel jedoch legte allen Nachdruck auf die Gemeinde der Christen, als Ort des Gesprächs, der Feier, auch des Gottesdienstes, um sich wechselseitig der Anwesenheit des göttlichen Geistes zu versichern.
8.
Als Lektüre empfehle ich von G.W.F. Hegel die „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. In der Theorie Werkausgabe des Suhrkamp Verlages im Kapitel „Das Christentum“ , Seite 385ff. Sowie den schönen Text von Joachim Ritter „Subjektivität und industrielle Gesellschaft. Zu Hegel Theorie der Subjektivität, in Joachim Ritter; Subjektivität, Frankfurt a.M. 1974, vor allem Seite 24. Und natürlich das grundlegende Werk „Menschwerdung Gottes“ von Hans Küng. Ausdrücklich und ganz besonders empfehle ich die ausführliche ausgezeichnete Studie des Philosophen und Hegel-Spezialisten Michael Theunissen: „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“.
9.
Auch ein „atheistischer Philosoph“ hat sich unter besonderen Bedingungen positiv zum Ereignis der Geburt Jesu von Nazareth geäußert: Weihnachten 1940 verbrachte JEAN-PAUL SARTRE in deutscher Kriegsgefangenschaft in Trier. Für seine Mitgefangenen schreibt Sartre – auf deren Bitte hin – eine Art „Mysterienspiel“, also eine das „Wunderbare“ darstellende Aufführung von und für „Laien“. Offenbar sind religiöse Gefühle gar nicht abzuweisen in großer Not, selbst bei einem Atheisten…Sartre stellt einen Widerstandskämfer in den Mittelpunkt, sein Name ist Bariona. Er hilft der „Heiligen Familie“ dem Zugriff des Herodes zu entkommen. Und stirbt aber selbst dabei, als er sich für die Flucht des Jesus-Kindes mit seinen Eltern Josef und Maria einsetzt. Das Sartre Stück wurde zu Weihnachten 1941 gleich dreimal von Kriegsgefangenen aufgeführt. Erst 1976 stimmte Sartre der Veröffentlichung seines Theaterstücks im Verlag Gallimard (Paris) zu. Sartre selbst war wohl dieser „fromme Ausrutscher“ in seinem Werk etwas peinlich. Siehe dazu knapp zusammengefasst: Christian Modehn, Religion in Frankreich,Gütersloh 1993, Seite 86 ff.

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Modern-katholisch“: Über den großen Theologen Edward Schillebeeckx

Hinweise von Christian Modehn

1.
Über die Biographie und das umfassende Werk von Edward Schillebeeckx kann man sich im Internet informieren, siehe etwa auch die Studie von Ulrich Engel: (http://www.muenster.de/~angergun/nachruf-schillebeeckx.pdf)

Edward Schillebeeckx: Geboren am 12.11.1914 in Antwerpen, lehrte viele Jahre in Nijmegen, Niederlande, dort gestorben am 23.12.2009, vor 10 Jahren.
Gewiss, er ist ein Theologe, der zur letzten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehört. Viele große Probleme des beginnenden 21. Jahrhunderts konnte er gar nicht kennen. Was hätte er etwa zu den apokalyptischen Vorstellungen angesichts der Klima-Katastrophen gesagt? Was zum Niedergang der Demokratien, was zur Zunahme des Rechtsextremismus und Antisemitismus? Dennoch bleiben viele seiner Erkenntnisse zumal über die Machtverhältnisse in der römischen Kirche nach wie vor – leider – aktuell. Und vor allem: Schillebeeckx war ein mutiger, ein frei-mütiger Theologe, wie man ihn im katholischen Bereich sehr selten findet. Deswegen allein ist er schon wegweisend.
Edward Schillebeeckx war ein umfassend gebildeter Theologe. Er kannte als „systematischer Theologe“ sehr gut die Ergebnisse der heutigen Bibelwissenschaften. Und er war bestens mit philosophischen Fragen vertraut. Davon geben seine drei großen, weit verbreiteten Studien der letzten Jahre Zeugnis „Jesus“ (1980), „Christus“ (1980) und „Menschen“ (1990).
Die zentrale Frage für mich ist: Ob sein Denken heute noch lebt? Gelegentlich erscheinen theologische Studien zu seinem Werk, eher bestimmt für Fachkreise. Und einzelne seiner spirituellen Vorschläge werden gewiss noch von einzelnen respektiert: Etwa sein dringender Hinweis: Nur ein menschenfreundlicher Gott verdient es, als Gott der Christen verehrt zu werden. Aber Tatsache ist auch, dass viele seiner Vorschläge von den Kirchenführern nicht nur ins Vergessen gedrängt, sondern auch gezielt unterdrückt wurden. Dabei hat sich Pater Schillebeeckx, Dominikaner, stets als Theologe der Praxis, der Kirchen – Reform verstanden. Er wollte Wirkung haben, so sehr er auch treffend für alle Theologen, auch die in Rom schreibenden, und auch für sich sagte: „Ich schreibe meine Bücher nicht für die Ewigkeit“.
Schillebeeckx war modern-katholisch, nicht römisch-katholisch. Er wusste: Modern-katholisch hat eine große Berechtigung heute, wo es doch so viele mittelalterlich-katholische Herren gibt und immer schon gab oder gar hellenistisch-katholische Theologen (wie Joseph Ratzinger). Und Schillebeeckx ahnte wohl: Angesichts der Machtverhältnisse im Katholizismus hat „modern – katholisch“ letztlich keine Chance. Die Geschichte der katholischen Kirche der Niederlande ist dafür ein Beweis, es ist die Geschichte des Verbots alles Modernen und Katholischen durch Rom…Eigentlich ein Drama.

2.
Edward Schillebeeckx ist einer der großen katholischen Theologen, das ist gar keine Frage: Denn er hat nicht nur die Zeugnisse der ersten Christen (NT) und die Kirchenlehre als Normen des Glaubens angesehen, sondern er fand auch gleichwertig die Lebenserfahrungen moderner Menschen, wenn es um die Bestimmung des Glaubens und die Gestalt der Kirche geht. Für Schillebeeckx gab es also immer zwei gleichberechtigte Quellen des Glaubens: Sozusagen das „Damals“ und das „Heute“.
Nur ein Beispiel: Wenn die Grundüberzeugung vieler, leider nicht aller modernen Menschen demokratisch ist und von Menschenrechten geprägt ist, dann muss auch die katholische Kirche demokratische Strukturen haben und in einem Geist der demokratischen Gleichberechtigung von Laien und Priestern, von Männern und Frauen leben. „Warum sollte die Kirche denn ihr Verwaltungs- und Regierungsmodell nicht demokratisieren können, ohne dabei ihre Unterwerfung unter das Wort Gottes anzutasten? Als ob eine autoritäre Leitung der Unterwerfung der Kirche unter das Wort Gottes besser entspräche als eine demokratisch geführte Regierung…“(E.S., „Menschen – die Geschichte von Gott“, Freiburg, 1990, S. 275).

3.
Das ist besonders wichtig: Schillebeeckx nannte seine Theologie eine Korrespondenz zwischen Bibel und Lebenserfahrung. Theologie und Kirchenlehre/Predigt dürfen für ihn nicht naiv den Anspruch haben Einige vorgegebene Sätze der Bibel einfach „anzuwenden“ für die heutigen Menschen. Diese frontale Methode nannte Schillebeeck „das Vogel, friss oder stirb“, also: Nimm die alten Sprüche der Tradition an, so wie sie gelehrt wurden … oder du bist eben kein Christ mehr.
Vielmehr muss die Lebenserfahrung der modernen Menschen selbst eine Stimme haben, eine inhaltliche Bedeutung haben, wenn es um die Darstellung des Christentums heute geht. Aber Schillebeeckx ging nie so weit wie die heutige liberale Theologie zu sagen: Auch die heutige Lebenserfahrung bietet neue Erkenntnisse zur Gestaltung christlicher Lehre und Praxis. Man könnte ja – liberal theologisch sagen: Die Suche nach den gründenden Lebenssinn ist die Suche nach Gott. Und der gründende Sinn kann Gott genannt werden. Soweit geht Schillebeeckx nicht. Obwohl er klar sagte: Man kann heutige Christen nicht verpflichten, einfach alle überlieferten Auslegungen des Glaubens in der alten Sprache zu glauben. (vgl. E.S. „Menschliche Erfahrung und Glaube an Jesus Christus“, Freiburg, 1979 S. 35.). Schillebeeckx große Leistung war es, eine Haupttendenz modernen Lebens zu benennen: Die Suche nach einer heilen, umfassend menschlichen, gerechten Welt. Darum sagte er: Wenn die Kirche heute von Erlösung oder „Heil“ spricht: Dann meint sie nicht nur „Seelenheil“, sondern vor allem die „Heilmachung“ des ganzen Menschen, in all seinen Aspekten und der Gesellschaft, in der der Mensch lebt“ (ebd. 47).

4.
Nur auf einige grundlegend kritische Äußerungen möchte ich noch hinweisen: Schillebeeckx wollte von Gott nicht „zu viel wissen“, er wollte Gott Gott sein lassen, als ein bleibendes Geheimnis. Darum sagte Schillbeeckx: „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitäts – Theologie fast ein Agnostiker. Ich bekenne die Trinität, aber ich übe gleichzeitig eine gewisse Zurückhaltung gegenüber Anstrengungen, die Beziehungen zwischen den drei (göttlichen) Personen rational zu erfassen“. („E.S. im Gespräch“, Luzern 1994, S. 107).
Oder:
Gegen Missbrauch der Religion als Opium des Volkes betonte er: „Lieber kein Glaube an das ewige Leben als einen Gott bekennen, der Menschen im Hier und Heute demütigt, also klein hält und politisch erniedrigt mit des Glaubens Blick auf ein besseres Jenseits“ (E.S., „Menschen…“, S. 173)

5.
Philosophisch inspirierend bleibt sein Plädoyer, die Kontrast – Erfahrungen zu respektieren, auch als Orientierung für eine philosophische Lebenshaltung im Alltag. Er meinte: Menschen sind ständig mit Begrenzungen des Lebens konfrontiert, mit Leiden und Schmerzen, mit Ungerechtigkeit und Krieg. Aber, und darauf kommt es an: In der Erkenntnis des Negativen schließen sich die Menschen nicht ein. In ihrem Verlangen, in ihrem Geist, der Vernunft, streben sie über das negativ Erfahrene hinaus. Als Kontrast zum Negativen leuchtet unthematisch stets das „Andere“, das Bessere, das Gerechtere auf. In dieser Erkenntnis folgt Schillebeeckx den Erkenntnissen der Dialektik, vielleicht auch Ernst Bloch. Entscheidend aber ist: In dieser Kontrast – Erfahrung treffen sich Menschen unterschiedlicher religiöser und philosophischer Überzeugungen, Theisten und Atheisten zum Beispiel. Sie können auf der Basis gemeinsamer Kontrast – Erfahrungen zum gemeinsamen Handeln finden. „Weltliche“ NGOs, wie „Ärzte ohne Grenzen“, sind für ihn ein Beispiel eines humanen Handelns von Menschen verschiedener Weltanschauungen. „Wo durch Menschen Gerechtigkeit geschieht, kommt das Reich Gottes“ (Schillebeeckx: „Gott ist jeden Tag neu“, Mainz, 1984, S.77).
An die Gespräche von Schillebeeckx mit Leo Apostel, einem bekannten Atheisten in Belgien, im Jahr 1988, müsste in dem Zusammenhang erinnert werden, Apostel ist Autor des Buches „Atheistische Spiritualiteit“ (Brussel 1998). „Apostel gibt zu, dass eine humanistisch-agnostische Weltanschauung zwar eintritt für die Menschlichkeit des Menschen. Aber dass sie häufig ihre philosophischen Hintergründe und Fundamente ungedacht sein lässt“. (so Jan van de Veken, Leuven).

6.
Schillebeeckx liebte die Öffentlichkeit: In zahlreichen Interviews hat er einige zentrale Einsichten für weite Kreise vorgetragen, etwa in einem großen Interview für die angesehene große Tageszeitung „NRC Handelsblad“ vom 20. November 1999. Es sind solche Interviews, die Schillebeeckx in seiner menschlichen, seiner geistigen und theologischen Freiheit zeigen, auch in seiner Freundlichkeit, in seinem Mut, selbst schwierige Fragen kurz zu beantworten.
So wird in dem genannten Interview von Frénk van der Linden die Frage gestellt, ob für ihn als katholischen Theologen und Spezialisten für die Sakramente Gott vor allem in den Sakramenten (Taufe, Kommunion etc.) erfahren werden kann: „Ich will sagen, dass man Gott nicht allein in den Sakramenten begegnet, sondern überall. Der Kontakt mit Gott ist der Kontakt mit Menschen. In den Sakramenten wird dies neu gefeiert… Gott greift in unsere Welt nicht von oben ein. Er ist immanent in allen Dingen“.
Aber welche Konsequenzen hat das für die Ethik?
In dem genannten Interview sagt Schillbeeckx: „Ethik hat als Basis Menschenwürde und Humanität. Dazu hat jeder etwas zu sagen, nicht nur die Kirche. In Fragen der Ethik kann man sich nicht auf Gott berufen. Ethik ist ein menschlicher Konsens, der nach langem Suchen entsteht. Und was die Homosexualität betrifft: Als Gott die Welt und die Natur geschaffen hat, hat er auch Homosexuelle geschaffen. Homosexualität ist eine gute Schöpfung Gottes“.

7.
Und es bezeichnend für den Freimut, in dem Schillebeeckx denkt und auch öffentlich spricht: Wenn er den damaligen katholischen Bischof von Groningen, Wim Eijk, (heute Kardinal in Utrecht und Opus Dei Mitglied) kritisiert: Eijk hatte Homosexualität als Krankheit bezeichnet, die man heilen kann. Dazu sagt Schillebeeckx in dem genannten Interview: „Dies ist ein Torheit, dieser Mann (also der katholische Bischof) ist ein Narr“. Genauso deutlich ist Schillbeeckx gegenüber dem damaligen Erzbischof Simonis von Utrecht: Es sei Unsinn, wenn der Erzbischof behauptet, dass nur im Sakrament, etwa in der Messe eine Gotteserfahrung sich ereigne. „Faktisch macht die Kirche Unsinn, und man muss den Mut haben, das zu sagen“ („E.S. im Gespräch“, a.a.O., S. 86).
In dem NRC Handelsblad sagte er am 20. November 1999: „Der Papst (Johannes Paul II.) ist ein Alleinherrscher, er beschließt alles selbst. Das ist eine verkehrte `Betriebsleitung`. Er versammelt lauter Ja – Sager um sich“ . Und bezogen auf die autoritäre Durchsetzung konservativster Bischöfe in Holland sagt Schillbeeckx:“ Jetzt kommt alle Weisheit aus Rom und die Leute laufen aus der Kirche weg“.
Schillebeeckx hat übrigens immer sehr deutlich zu den Basisgemeinden in Holland bekannt, er war aktiv bei der „Acht-Mei-Beweging“, die als Protestgruppe gegen den Besuch des Papstes (Johannes Paul II) 1985 entstanden war. Schillebeecks hat Partei ergriffen, das zeichnet ihn aus auch gegenüber deutschen katholischen Universitäts-Theologen.

Es ist dieser Mut zur öffentlichen Kritik an katholischen „Amtspersonen“, der Schillebeckx auszeichnete. Und der ihm das Leben gewiss nicht leichter machte, dennoch nannte er sich oft „einen glücklichen Theologen“. In diesem Freimut ist er sicher tief mit der niederländischen Kultur verbunden. So hat er sich auch gegen konfessionelle Parteien ausgesprochen, wie gegen die CDA in Holland, die etwas verwandt ist mit der deutschen CDU. „Denn die Politik selbst ist autonom, ein innerweltliches Gebiet, darum bin ich gegen konfessionelle Parteien. Aber ich glaube, dass es eine Politik von Christen gibt, die verteidigen politisch die Menschen, die unterdrückt sind. In der Hinsicht ist die Partei „GroenLinks“ (Grün-Links) christlicher als die CDA.“

8.
Mit einigen seiner wichtigen theologischen Vorschläge für eine neue Praxis der Kirche ist Schillebeeckx zweifellos gescheitert: Er trat, theologisch gut begründet, dafür ein: Frauen und Männer aus den Gemeinden, also Laien, sollten aus den Gemeinden berufen werden, die Gemeinde zu leiten und damit auch die Eucharistie zu feiern. Dies war, kurz gesagt, sein Vorschlag, um aus den Irrwegen und Engpässen der alten Klerus-fixierten Priesterkirche herauszufinden. Sein Vorschlag, so hilfreich gerade heute, wurde selbstverständlich möchte ich sagen, von den Kirchenführern in Rom zurückgewiesen. Die niederländischen Dominikaner machten 2007 noch einmal einen ähnlichen Vorschlag für die niederländische Kirche: Es ginge ums Überleben der katholischen Gemeinden, weil der Mangel an zölibatären Priestern immer größer wird. Deswegen sollten Laien die Gemeindeleitung und den Vorsitz in der Eucharistie übernehmen. Dazu wurde sogar in Amsterdam ein Kongress veranstaltet: Aber: Das Vorhaben wurde von Rom verboten und die mutigen Dominikaner mussten sich entschuldigen für ihre ketzerischen Thesen. Auf diesem Niveau befindet sich die römische Lehre und die vatikanische Allmacht.

9.
Schillebeeckx` Motto könnte sein: „Wir müssen vernünftig Glaubende sein, der Fundamentalismus in den Religionen, auch im Christentum, führt zum Obskurantismus, also zur geistigen Verwirrung“. (vgl. „E.S. im Gespräch“, S. 149)

10.
Besonders inspirierend finde ich, zumal für theologisch nicht so umfassend gebildete LeserInnen, die beiden Interviewbücher: „Gott ist jeden Tag neu“ (1984, Mainz) und „Edward Schillebeeckx im Gespräch“, Luzern 1994.
Es ist ein Ausdruck für die zunehmende Irrelevanz großer Theologie heute, dass beide Bücher nur noch zu Spottpreisen antiquarisch zu haben sind. Ich empfehle dringend den Kauf … solange der alte Vorrat reicht…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der katholische Theologe Johann Baptist Metz ist gestorben: Wie politisch war der „politische Theologe“ eigentlich?

Johann Baptist Metz war viele Jahre Theologe an der Universität Münster. Am 2. Dezember 2019 ist er gestorben, geboren wurde er am 5.8. 1928 in Franken.
Metz gilt als einer der wichtigen Theologen des 20. Jahrhunderts, zumal er mit einer eigenen neuen Idee von sich reden machte: Die „neue politische Theologie“, die viele Studenten begeisterte. Und viele Katholiken ermunterte, die Hoffnung auf Reformen in der römischen Kirche nicht zu verlieren und doch noch in der katholischen Kirche auszuharren.
Es ist nicht übertrieben, Metz einen weltweit einflußreichen Theologen (bis nach Lateinamerika vor allem) zu nennen. Er war eher kritisch gegenüber bestimmten traditionellen Auffassungen der Theologie als kritisch gegenüber der Institution der katholischen Kirche. Da war er lange Zeit eher zurückhaltend, wahrscheinlich ein Grund, dass ihn 1998 sein theologischer Gegner, Kardinal Joseph Ratzinger, in Münster besuchte und ehrte.
Wer sich mit der Theologie von Johann Baptist Metz befassen will, dem empfehle ich, zumindest die Rezension, ein umfangreiches Buch seiner Freunde und Schüler, erschienen 2018. Der LINK.

Die heutige liberale Theologie: „Ein Appell zum Selberdenken“

Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb
Die Fragen stellte Christian Modehn

Sie haben kürzlich als einer der wichtigen Theologen, die die heutige „liberale Theologie“ vertreten, gesagt: „Die liberale Theologie hat es heute besonders schwer“.
Bevor ich nach den Gründen für diese Aussage frage: Was ist denn – kurz gefasst – eine heutige, moderne liberale Theologie?

Liberale Theologie denkt von der Religion der Menschen her. Sie ist die Explikation eines Denkens, das ein Sich – Befassen mit den existentiellen, letztlich auf den Sinn des Ganzen gehenden Grundfragen des Lebens ist. Liberale Theologie behauptet jedoch gerade nicht, auf diese Fragen eine abschließende Antwort zu haben. Sie beruft sich weder auf das biblische Offenbarungszeugnis, noch auf die Lehren und das Bekenntnis der Kirche. Sie appelliert an die Fähigkeit zum Selbst-Denken in Verbindung mit dem Empfinden, dass das Leben immer wieder dazu nötigt, zu fragen, was ihm Bedeutung gibt, wie ich mich selbst und mein Dasein in der Welt verstehe.
Diese Sinnfragen sind religiöse Fragen, die zur Theologie, d.h. in ein Gott-Denken führen. Nichts in dieser Welt ist von der Art, dass es nicht auch erschüttert werden und zerbrechen könnte. Auch mit der Rede von Gott und seinem Handeln in der Welt verbindet liberale Theologie dann aber nicht das Versprechen einer unerschütterlichen Sinn- und Heilsgewissheit. Genau dadurch steht sie im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Denkungsart. Sie gibt die Vorläufigkeit, Relativität, Endlichkeit menschlichen Seins und Denkens, auch dann und dort zu, wo es sich auf Gott bezieht. Gott steht der liberalen Theologie für den Unbegreiflichen Sinn des Ganzen und der Glaube, bzw. das Vertrauen auf ihn für die menschliche Fähigkeit, diese Unbegreiflichkeit aushalten und in Lebensenergie umsetzen zu können.
Mit liberaler Theologie müssen wir keine absoluten Wahrheitsbehauptungen aufstellen, nicht unbedingt auf unserem Recht beharren. Dann können wir die Vielfalt der Meinungen und die Unterschiedlichkeit der Lebensformen wie auch der religiösen Tradition und Positionen ohne Gefahr eines Verlustes der eigenen Identität anerkennen und aushalten. Darin liegt der Freiheitsgewinn liberaler Theologie. Das macht sie allerdings auch unbequem. Sie verlässt sich nicht auf kirchliche oder staatliche Autoritäten. Sie ist kritisch gegenüber Machtansprüchen, die von dort ausgehen. Sie bietet damit allerdings auch keine absolute Sicherheit.

Was hat denn heutige liberale Theologie zu sagen, wenn Gläubige bekennen: „Jesus Christus ist der Erlöser“. Dies ist ja eine Formel, die etwa im Umfeld von Weihnachten oft gesprochen wird…

Das Bekenntnis des christlichen Glaubens, zu dem die Aussage gehört: dass von dem Menschen Jesus ein erlösender, von der Sünde befreiender, d.h. die Trennung von Gott überwindender Impuls ausgegangen ist und ausgeht, versteht liberale Theologie nicht als einen Inhalt bzw. Gegenstand des Glaubens – wie es in der kirchlichen Theologie der Fall ist. Liberale Theologie versteht die Aussagen des christlichen Bekenntnisses bzw. Dogmas als Anregung zur religiösen Selbstdeutung. Von Jesus, so sagt die liberale Theologie, kann deshalb eine erlösende Wirkung ausgehen, weil er Gott auf die Erde geholt hat. Gott, so wie Jesus ihn von Anfang an zeigt, in seinem Leben, bis hin zum Tod am Kreuz, ist nicht der machtvolle Herrschergott. Er ist die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Gott ist der, der als der Abwesende anwesend ist, die ohnmächtige Macht der Liebe.
Wenn ich mich zu dem in Christus Mensch gewordenen Gott bekenne, heißt das also, dass ich mich selbst als zur Freiheit bestimmt verstehe, keiner höheren Autoritäten verpflichtet als dem Anspruch, den ich an mich selbst stelle: Nämlich ein Mensch zu sein, ein menschlicher Mensch, d.h. der „Menschheit“ in mir, also der Idee der Humanität verpflichtet. So ist Gott da, so ist er in allen da, sofern sie sich nur der Kraft bewusst werden, die in ihnen ist – und sich auf diese Kraft verstehen. Ein Kinderlied zu Weihnachten bringt diese liberaltheologische Deutung von Weihnachten gut zum Ausdruck: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind…“, wo es in der letzten Strophe heißt: „ist auch dir zur Seite, still und unerkannt, dass es treu dich leite an der lieben Hand“.

Auch in Ihrem neuen Buch „Vom Menschsein und der Religion“ haben Sie betont: Für eine heutige liberale Theologie ist die Verbindung der Menschen mit der grund-legenden Sinnfrage entscheidend. Da öffnen Sie einen weiten Raum, der über die dogmatische Gottesfrage hinausführt: So dass auch Menschen ihre religiöse Spiritualität wahrnehmen können, die gar nicht kirchlich sind, aber nach dem grundlegenden Sinn suchen. Ist dieses Denken nicht ein großes weites, durchaus „ökumenisches“ Angebot?

Die dogmatischen Inhalte des christlichen Glaubens sagen nichts über eine andere Wirklichkeit aus, sondern über andere Möglichkeiten des uns selbst Verstehens, was für uns unser Leben bedeutet, worin wir seinen Sinn finden und was uns darauf hoffen lässt, nicht vergeblich zu leben. Liberale Theologie zeigt diese Möglichkeit des Umgangs mit der Verschiedenheit der Konfessionen und Religionen auf. Sie weist darauf hin, dass mit und in den Konfessionen und Religionen andere Möglichkeiten unseres Selbstverständnisses gefunden werden können, und damit andere Möglichkeiten auch zu einer Deutung des Sinns unseres Lebens, dessen Unbegreiflichkeit zum Trotz.

Wäre diese theologische Weite nicht auch eine Basis für ein inter-religiöses Gespräch etwa mit Buddhisten und auch für ein Gespräch mit Humanisten, die von der Sinnfrage bewegt sind?

Natürlich, die Gegenstände bzw. Inhalte des Glaubens beschreiben ja keine objektive, unabhängig von uns Menschen, unserem Selbst- und Weltverständnis, gegebene Wirklichkeit. Die Inhalte des christlichen Glaubensbekenntnisses drücken aus, wie ein Christ sich in seinem Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt versteht. Die Lehren des Buddha tun das auf ihre Weise. Ein Humanist entfaltet heute sein Selbst – und Weltverständnis am ehesten, indem er auf Formulierungen der Menschenrechtserklärungen Bezug nimmt. Das legt sich heute auch einem Christen nahe, dem es bei manchen Aussagen des christlichen Glaubensbekenntnisses schwer fällt, diese als Ausdruck seines Selbstverständnisses zu lesen.

Nun dann doch zu der zentralen Frage: Warum wird diese große Weite liberal – theologischen Denkens heute nicht wahrgenommen, nicht geschätzt und auch „offiziell“ kirchlich nicht empfohlen und gefördert?

Den Kirchen-Institutionen geht es zumeist nicht um das Christentum, nicht um den religiösen Sinn, den das Christentum den Menschen anbietet. Den Kirchen geht es um ihre Selbsterhaltung. Die, so meinen sie, hängt an der Geltung der Lehren, Bekenntnisse und moralischen Appelle, für die sie eintreten. Diese Auffassung von kirchlicher Autorität führt dazu, dass die liberaltheologische Freiheit zum Selbst-Denken, auch in religiösen Fragen, sowie auch die Reduktion des Bekenntnisses auf einen Ausdruck menschlichen Selbstverständnisses, als Bedrohung eben dieser Autorität erscheinen. Deshalb wird diese liberal-theologische Freiheit nicht geduldet, sondern sie wird abgelehnt und als Weg in die Beliebigkeit denunziert.

Ist also die Ablehnung der heutigen liberalen Theologie auch ein Hinweis auf die tief sitzende Angst vieler Menschen, die nur Sicherheit suchen, auch hundertprozentige eindeutige Sicherheit in ihrer Religiosität?

Das wird man so sehen müssen. Nur, so denke ich, es ist den meisten Menschen bewusst, dass es keine absolute Sicherheit gibt und auch die Religion ihr Konto heillos überzieht, wenn sie diese verspricht. Worauf es doch ankommt, ist, angesichts all der Unsicherheiten und permanenter Kontingenzanfälligkeit dennoch den Lebensmut nicht zu verlieren und hoffnungsfroh bleiben zu können. Lebensmut und hoffnungsfrohe Zuversicht entstehen aber nicht aus fundamentalistischer Rechthaberei. Die macht lediglich borniert. Sie entstehen und erneuern sich immer wieder z.B. dadurch, dass Menschen sich selbst nicht nur als ein Zufallsprodukt der Natur, sondern inmitten allen Lebens, das leben will, sich als ebenso absichtsvolle wie unendlich geliebte Geschöpfe Gottes verstehen.

Sollte man als liberaler Theologie heute diese falsche Sicherheit, manche sprechen von Sicherheitswahn, kritisieren und dabei helfen, diese Mentalität zu überwinden?

Ja, gerade die Theologie sollte es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben begreifen, deutlich zu machen, dass der religiöse Glaube keine Sicherheit schafft, sondern dazu befähigt, mit den unvermeidlichen Unsicherheiten besser, d. h. rational und zugleich mutig, die Angst ernst nehmend, aber zugleich hoffnungsstark umzugehen. Gerade im Zeitalter der ökologischen Lebensgefahr ist diese Aufgabe von der Theologie energisch wahrzunehmen. Weder eine religiös-fundamentalistische Leugnung der Gefahr hilft weiter, noch sind hysterische Panikreaktionen angebracht. Was es braucht, sind langfristig wirksame Strategien des Umbaus der Industriegesellschaft wie auch gravierende Änderungen des Konsumverhaltens. Dazu ist ein langer Atem nötig, wie er vielleicht doch am ehesten auch aus einem risikosensiblen und zur Selbstzurücknahme ermutigenden Gottvertrauen kommt.

Zum Schluss: Hat es dieser liberalen Theologie und ihren wenigen Gemeinden bzw. Kirchen an einer Emotionalität und Gemeinschaftserfahrung gefehlt? Wie lässt sich die nun einmal rationale liberale Theologie und Emotionalität versöhnen?

Es mag sein, dass dort, wo eine liberale Theologie gesucht und betrieben wird, eine Theologie, die aufs Selbst-Denken auch in den Fragen der Religion und des Glaubens ausgeht, die emotionale und affektive Dimension der Religion manchmal zu kurz kommt. Im Grund ist das aber ein Missverständnis. Denn, da es liberaler Theologie gerade nicht um die Anerkenntnis der objektiven „Wahrheit“ von Glaubensinhalten ankommt, sondern um deren das je eigene Selbstverständnis transformierende Bedeutung, zielt sie nicht nur auf den Verstand, sondern immer auch auf Herz und Gemüt. Vielleicht sind aber auch Gemeinden, die eine liberale Theologie betreiben, was die Praxis ihrer Gottesdienste anbelangt, in ästhetischen Formen gefangen, die heutige Menschen emotional nicht mehr ansprechen.

Ist die Kritik am heutigen „Niedergang“ der vom Ursprung her „liberalen Demokratie“ auch ein Thema heutiger liberaler Theologie?

Ich weiß gar nicht, ob wir vom Niedergang „liberaler Demokratien“ sprechen sollten. Der Begriff des Liberalen, so wie ich ihn jetzt in Bezug auf die liberale Theologie gebraucht habe, verträgt sich ja weder mit Parteiungen, noch beschreibt er einen Vorgang, den man historisch als irgendwann einmal gegeben oder erreicht bezeichnen könnte. Ob in der Religion oder der Politik, Liberalität beschreibt sowohl eine Haltung wie eine Aufgabe, die solange nicht erledigt sind, als es sich der Fundamentalisten und Extremisten von Rechts wie von Links zu erwehren gilt.

Sollte man vielleicht in Zukunft eher von liberal-sozial oder sozial-liberal sprechen?

Es hat in Deutschland bekanntlich mal eine „sozial-liberale Koalition“ gegeben. Das war nicht das schlechteste. Aber weil diese Bezeichnung an Parteien denken lässt, würde ich sie eher vermeiden wollen. Das Liberale ist sozial, allein schon deshalb, weil das Selbstdenken, zu dem es den Einzelnen auffordert, immer in sozialen Beziehungen verortet, kommunikativ ist und ausgerichtet auf das Wohl aller.

Zur Vertiefung wird noch einmal auf das neue Buch von Wilhelm Gräb empfehlend hingewiesen: „Vom Menschsein und der Religion“, dazu auch das einführende Interview auf dieser website!

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Theologe in Berlin
Und Religionsphilosophischer Salon Berlin. Veröffentlicht am 27.11.2019

Die Apokalypse des Johannes: Unsinn und Sinn. Grenzen und Größe.

Der religionsphilosophische Salon am 22. 11. 2019
Hinweise von Christian Modehn

1.
Die Begriffe „apokalyptisch“ und „Apokalypse“ sind jetzt en vogue. Man möchte meinen: Es sei beinahe chic, in einer um sich greifenden depressiven Stimmung des Untergangs, diese Worte zu verwenden. Als Bewertung des „Endzustandes“ unserer Welt.

Philosophisch ist es wichtig, modische Begriffe, wie das Apokalyptische, gerade wenn sie aus dem religiösen Bereich stammen, zu verstehen und zu hinterfragen.
Die vielen heftigen Schreckensbilder, die das Buch der Apokalypse des Johannes im Neuen Testament schon der oberflächlichen Lektüre bereit stellt, werden heute bewusst oder unbewusst sehr breit rezipiert: Und es sind nur diese wilden und wüsten Bilder der Welt-Zerstörung, die aus dem gesamten Text der Johannes-Apokalypse förmlich heraus gebrochen werden. Sie werden als (aus dem Gesamt-Text isoliertes „Horror-Material“) zur Illustration der eigenen aktuellen Meinungen verwendet und ersetzen als Bilder oft die genaue Analyse der Verhältnisse.
Z.B:.In Venedig war angesichts der riesigen Überschwemmungen im November 2019 von Apokalypse die Rede. Dabei war die Nachlässigkeit der Menschen auch Schuld an dieser angekündigten Katastrophe. Apokalyptisch soll das (offenbar) gar nicht mehr zu stoppende „Bevölkerungswachstum“ sein. Der Umgang mit der Atomkraft, den Endlagern, vor allem mit den Atomwaffen ist zweifelsfrei apokalyptisch. In Brasilien sind die ständig brennenden und gerodeten Urwälder am Amazonas, zugelassen von dem rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro, eine aus Geldgier geschaffene Apokalypse. Bolsorano ist ein enger Freund von Mister Trump.

2.
Apokalypse wird heute populär verstanden als Untergang, als Katastrophe, und damit als totale Hilflosigkeit, als absolutes Ende der Welt.
Wer dem Reden von Apokalypse in dieser Weise folgt, will die Propaganda verbreiten: „Es gibt eigentlich keine Alternative mehr“. Im Bild gesprochen: Die Welt rast förmlich gegen eine unbezwingbare Mauer. Dann ist totales Ende. Dann ist definitiv Schluss mit allem und allen. Danach kommt nichts mehr. Keine gerechtere Gesellschaft, erst recht kein Himmel, keine Transzendenz. Dieses Verständnis von Apokalypse passt sehr gut in die vorherrschende, populäre, philosophische Mentalität, die da überzeugt ist: Der Mensch ist in eine totale Endlichkeit eingeschlossen, er ist ein Wesen ohne Transzendenz, der menschliche Geist hat nicht mehr mit „Ewigem“, Göttlichen, Messianischen zu tun.

3.
Im Text der Johannes-Apokalypse wird eine ganz andere Vorstellung vom endgültigen Ende vorgeschlagen: Der Prophet Johannes will die Einsicht verbreiten: Es ist allein eine transzendente Realität, die wir kurz gefasst Gott nennen, der das Ende der Welt bereitet. Aber dieses Ende der Welt ist nicht das definitive Aus: Es ist nur der Übergang in einen „neuen Himmel und eine neue Erde“.
Dieser Vorschlag, „es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben“, stammt zwar aus „alter Zeit“ (aus dem Jahr 95 n. Chr.). Aber ist er deswegen veraltet? Wer sagt denn, dass die gegenteilige Meinung wahr ist: Nach dem Ende dieser Welt sei alles „aus“, finito, basta, Ende…Diese Überzeugung ist bekanntlich nichts als eine Glaubenshaltung, alles andere als Wissenschaft. Und es müsste diskutiert werden, wie sich die Spuren des Ewigen, der neuen Erde und des neuen Himmels, im Selbstbewusstsein der Menschen und deren ethischer Praxis zeigen. Von der Hoffnung und der Bedeutung der Utopie wäre auch zu reden, um mit der Glaubenshaltung „Mit dem Ende der Welt ist alles total zu Ende“ in ein tieferes Gespräch zu kommen.

4.
Es muss noch zu Beginn dieser Überlegungen an die unübersehbare Vielfalt der Rezeption der Johannes-Apokalypse im NT erinnert werden:
Nur einige, eher beliebig ausgewählte Beispiele:
Die „Apokalypse von Angers“, dargestellt an den riesigen Wandteppichen.
Die „Antichrist-Darstellung“ im Dom von Orvieto, Italien.
In der Kathedrale von Autun in Burgund zeigt das Tympanon das Jüngste Gericht des Meisters Gislebertus.
In der Literatur:
Man denke an die Tragödie (in 5 Akten und 220 Szenen !) von Karl Kraus mit dem Titel: „Die letzten Tage der Menschheit“,
Das Drama endet in einer apokalyptischen Szene, es ist die Auslöschung der Menschheit. Der letzte Satz wird von Gott gesprochen: „Ich habe es nicht gewollt“. Dies wohl als eine Anspielung auf ein gleich lautendes Statement von Kaiser Wilhelm II.
Günter Anders: „Die Antiquiertheit des Menschen“.
„Der Name der Rose“ von Umberto Eco.
In der Musik:
Einmal ganz abgesehen von den Requien und dem „Dies Irae“:
Man denke an die 6. Sinfonie von Gustav Mahler „mit ihrer apokalyptischen Grundstimmung“.
Man denke auch an den großen Film: „Apokalypse now“ von Coppola. Auf die vielen „Horrorfilme“ will ich nur hinweisen: Sie zeigen das Abscheuliche, wie es in die bürgerliche Welt einbricht, und wie die Katastrophe übelster Art dann am Ende steht.
5.
Zum Text der Apokalypse des Johannes im NT einige Hinweise:

Apokalyptisches Denken bezieht sich grundlegend auf den Glauben der ersten Christen. Sie waren nach dem Tod Jesu von Nazareth überzeugt: Dieser Jesus lebt unter uns auf neue Weise „anders“ weiter, sie nannten diese Erfahrung: Auferstehung Jesu. Und dieser „auferstandene Lebendige“ wird wieder kommen auf diese Erde, um die Gläubigen in die Auferstehung, also das nicht mehr endliche, das ewige Leben zu geleiten.
Diese Erwartung des wiederkehrenden Jesus ist prägend bis ins Jahr 95, als der Autor Johannes auf Patmos seinen Text schrieb. Im heutigen Erleben der meisten Christen und ihrer Theologie spielt diese „Naherwartung“ des bald wiederkommenden auferstandenen Jesus Christus keine große Rolle mehr. Man glaubt an eine allgemeine Auferstehung, hält sich aber vernünftigerweise mit Detail-Beschreibungen zurück.
Die Apokalypse des Johannes ist ein Text, eine Predigt, ein Brief, eine Prophetie, wie auch immer: Darin wird den von Verfolgung durch den römischen Staat bedrängten Christen gesagt: Ihr seid „letztlich“ geborgen in dem lebendigen Jesus Christus. Ihr seid, modern formuliert, trotz aller Leiden getragen von einem positiven Sinn-Grund. Ihr seid bestimmt von einer Hoffnung auf eine gerechte Erde und einen neuen Himmel, diese Hoffnung ist größer als alles Leiden unter dem römischen Imperium.
Der Text der Apokalypse will also vor allem betonen: Die göttlichen Kräfte sind stärker als das brutale Imperium mit seinen Allmachtsansprüchen und seiner religiösen Intoleranz gegenüber der Minderheit der Christen.
Insofern ist das Buch Apokalypse des Johannes auch ein politischer Text: Ein Text des Protestes, der Freilegung der imperialen Macht Roms. Und in der Weise wird er vor allem in Lateinamerika heute unter Befreiungstheologen gelesen: Das Imperium der Diktatoren, auch das Imperium des neoliberalen Systems, auch das Imperium der USA, haben nicht das letzte Wort.

6.
Aber ob man diesen Text des Propheten Johannes einen Text des Widerstandes nennen sollte, ist meines Erachtens falsch. Widerstand ist aktives Handeln gegen ein Unrechtsregime, dazu waren die wenigen verfolgten Christen in Kleinasien gar nicht in der Lage. Sie konnten von Johannes, dem Autor des Briefes, der sich an sie wendet, nur zum Durchhalten aufgefordert werden, ja auch zum Erleiden, zum Tod. Diese Empfehlung ist keine Aufforderung zum Widerstand.
Die Apokalypse des Johannes bedeutet also Freilegung, Offenbarung, Entbergung der wahren Verhältnisse inmitten des Imperiums Rom. Das ist die formale Seite.
Aber diese Freilegung geschieht in einer Sprache, die unglaublich verschlüsselt ist und geheimnisvoll, nur für Insider damals verständlich, um die Gemeinden in Kleinasien, also der heutigen westlichen Türkei, zu schützen vor dem Zugriff des Imperiums der Kaiser in Rom.

7.
Aber das ist entscheidend: Das Buch der Apokalypse ist ein Buch für eine ganz bestimmte Zeit, für ganz bestimmte Leute, die sich zudem auskannten in Symbolen etc. Die Aussagen der Apokalypse, vor allem ihre Aufforderung, mit Zahlen und Daten zu arbeiten, um irgendwelche historischen Berechnungen des Endes und der Erretteten zu erreichen, sind zeitgebunden. Den Fehler des unmittelbaren Verstehens der Apokalypse im wortwörtlichen Sinne begehen religiöse Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas, die Mormonen, die Adventisten und andere…Sie müssen ständig die von ihnen berechneten Daten des Weltuntergangs korrigieren und verzichten nun angesichts der falschen Ankündigungen überhaupt auf Datenberechnungen des Untergangs, insofern haben diese Gemeinschaften doch einen Teil der vernünftigen Reflexion in ihre Spiritualität übernommen… Nebenbei: Auch in der katholischen Kirche gibt es Orte und Gruppen, die stark im apokalyptischen Denken verwurzelt sind, also in der Vorstellung, bald droht das Ende, und so werden Drohungen an die Menschheit verbreitet: Etwa im Wallfahrtstort Fatima, Portugal, oder im Wallfahrtsort La Salette, Frankreich; oder es gibt Gruppen, wie das katholische „Engelwerk“
und den Kreuzorden, die immer an einem Verbot durch den Vatikan vorbei „geschrammt“ sind…

8.
Warum finde ich den Text „Apokalypse des Johannes“ im NT problematisch?
Der Text enthält seitenweise Bilder des Schreckens, die mit einer Symbolik arbeiten, die heute kein Leser versteht. Das heißt: Dieses Buch der Bibel ist ohne einen dicken Kommentar gar nicht zu verstehen. Das mag für andere Texte des NT auch gelten, aber da sind doch auch Erzählungen enthalten, wie die vielen schönen Gleichnis Reden Jesu, die sich einem unmittelbaren Verstehen erschließen.
Die Apokalypse des Johannes hingegen ist hoch komplex, und manche Symbole, wie die Zahl 666 im Buch, ist selbst für gediegene Forscher, wie die Bibelwissenschaftlerin Prof. Schüssler Fiorenza, nicht mehr „entzifferbar“.
Aber das ist noch das geringste Problem, das ich mit dem Text habe:
Das Denken des Autors Johannes ist von absoluten Gegensätzen geprägt: Es gibt die Guten und die Bösen, es gibt keine Mischformen: Es gibt die Hure Babylon, sie steht der heiligen Stadt Jersusalem gegenüber.
In den 7 Gemeinden in Kleinasien, an die sich Johannes mit seinem Brief wendet, gibt es unterschiedlichen Formen im Umgang mit der römischen Herrschaft: Aber da duldet der Autor keine Kompromisse: Entweder sollen die Menschen heiß oder kalt sein, die Mischform lau wird nicht geduldet. Kompromisse sind ausgeschlossen. Abweichler vom offiziellen Glauben werden verdammt. Wer sich nicht verfolgen und töten lassen will vom Imperium, ist in der Sicht des Johannes kein guter Christ.
Immerhin gibt es in der Geschichte der Interpretation und Rezeption des 20. Kapitels der Johannes Apokalypse eine Möglichkeit, doch aktiv tätig zu werden: Da ist die Rede vom „1000jährigen Reich“. Der Engel Gottes wird Satan für 1000 Jahre wirkungslos machen. Dieses 1000jährige Reich wurde dann als die große Heilszeit gedacht. Die Gerechten stehen wieder auf aus dem Tod, es gibt ein neues Glück auf Erden. Das Tausendjährige Reich als Bild wurde dann auch wieder politisch missbraucht, wie überhaupt dieser mysteriöse Text der Apokalypse zu wilden Spekulationen Anlass bietet, die vielleicht in der Seele der Menschen ohnehin angelegte Ängste und Untergangsstimmungen bestätigt.
Schon die ersten Christen sahen das Buch der Johannes Apokalyse als problematisch an. Und sie wollten es nicht in den Kanon des NT aufnehmen. Noch im 3. Jahrhundert war man nicht bereit, die Apokalypse in den offiziellen Kanon aufzunehmen.!
Etwa im Jahr 367 wurde der NT-Kanon festgelegt. In der Ostkirche wurde die Apokalypse noch bis ins 17. Jahrhundert verworfen! (Dazu mehr bei Albert Schweitzer, „Werke aus dem Nachlass,“ Straßburger Vorlesungen).
9.
Es ist das Gottesbild des Buches der Apokalypse, das von mir abgelehnt wird: Gott kann fürchterlich und grausam auf dieser Welt agieren, ehe er für einige Erwählte die Rettung bringt. Und vor allem dies: Gott findet das meiste und die meisten in dieser seiner eigenen Schöpfung schlecht und zur Zerstörung bestimmt. Hat Gott also eine missratene Schöpfung geschaffen?
Erst eine totale Neuschöpfung mit dem Untergang der bösen alten Welt ist die Erlösung. Auch diese Vorstellung hat sich populär durchgesetzt, auch politisch bei Rechtsextremen, die erst nach einer totalen Zerstörung (dem Endkampf) das „Heil“ für möglich halten. Da sieht man die untergründigen Wirkungsgeschichten dieses biblischen Textes. Er stiftet auch politisch Verwirrung und lähmt viele Gutwillige Leute, noch aktiv vernünftig gestaltend zu handeln.
Also auch politisch wird das Buch der Apokalypse missbraucht: Etwa in der Rede vom Armageddon. Dazu gibt es massenhaft Bücher, vor allem in den USA. Die These der rechtsextremen Evangelikalen ist: Erst wenn Israel stark ist, kann der Messias kommen. Weil die vielen Feinde Israel, gerade weil es stark, zerstören werden. Dies gilt diesen Christen als der Beginn der Endzeit, bei der nur die bekehrten Juden Rettung finden….Man lese dazu die Studie des Religionswissenschaftlers Prof. Hans G. Kippenberg (Bremen-Erfurt) „Außenpolitik und heilsgeschichtlicher Schauplatz. Die USA im Nahostkonflikt“ in dem Buch „Apokalyptik und kein Ende“, Göttingen 2007, 7 Euro!) auf Seite 290 zitiert Kippenberg entsprechende kritische Äußerungen von jüdischen Forschern zu diesem sich pro-Israel gebenden Konzept, das tatsächlich aber verdeckt antisemitisch ist.
Man kann auch zur Erstinfirmation wikipedias Stichwort „Reich des Bösen“ lesen; darin wird u.a. deutlich: „Die verkaufsstarken Romane von Hal Lindsay oder Timothy LaHaye sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es den evangelikalen Eliten gelang, apokalyptische Vorstellungen aus den Kirchen in die Populärkultur zu transportieren. Lindsay verbreitete Anfang der 1970er Jahre sein Buch „The Late Planet Earth“ (Titel in deutscher Übersetzung von 1971: „Alter Planet Erde wohin? Im Vorfeld des Dritten Weltkrieges“), das bis 1990 in 91 Auflagen erschien, in Supermärkten und Flughäfen auslag, über 28 Millionen Mal verkauft wurde und bis in die höchsten Regierungskreise der Reagan-Administration Einfluss entfaltete.
Auch von Steve Bannon, Katholik und (EX)-Berater von Trump wäre zu reden, der meint, erst eine totale Zerstörung der Welt kann einen Neuanfang bringen….

10.
Die Apokalypse hat meiner Meinung nach mentale Schäden angerichtet. Und man hat auch heute oft den Eindruck, die Menschen befassten sich mehr mit der Apokalypse und ihren diffusen Bildern lieber als mit Bergpredigt und den Gleichnissen Jesu.
Mit dem Buch der Apokalypse lässt sich keine menschenfreundliche Spiritualität und Theologie gestalten. Von dem z.T. grausamen Gottesbild und der offenbar missratenen Schöpfung Gottes war schon die Rede.
Aktuell hat das Buch Apokalypse des Johannes keine größere Relevanz. Der Appel bis zum Tod durchzuhalten hat allenfalls für die wenigen Christen in Nordkorea Sinn.
Sonst sollten Christen wo auch immer zugunsten der Gerechtigkeit handeln und sich niemals einreden lassen „Es gibt keine Alternative“.

11.
Noch ein Hinweis zu den Christenverfolgungen in den ersten drei Jahrhunderten: Sie verliefen in unterschiedlichen Phasen von unterschiedlicher Grausamkeit.
Die Juden wurden im römischen Imperium nicht verfolgt, sie waren eine bekannte, „andere“, nicht heidnische, also monotheistische Religionsgemeinschaft.
Die ersten Christen waren noch Mitglieder der römischen Synagoge. Dann konnten Juden diese Gruppe der Christen in der Synagoge nicht mehr ertragen. Paulus selbst wurde im Jahr 53 aus der Synagoge in Ephesus rausgeschmissen und fand dann erfreulicherweise Zuflucht bei dem dortigen Philosophen Tyrannus und seiner Schule!
Der Staat sah also in den Christen zurecht eine eigenständige kleine, aber staatskritische religiöse Gruppe.
Der Text der Johannes-Apokalypse ist bezogen auf die Christenverfolgungen unter Kaiser Domitian, um 95. Und in Erinnerung an Kaiser Nero… Damals schon sagten Historiker: „Diese Christen sind gefährlich“. Das sagten Tacitus, auch Sueton, später auch Kelsus: Christen seien eine Stimme des Aufruhrs; Christen reißen sich von anderen Menschen los, machen nicht mit im „System“ der Herrschenden. Weil sie den Kaiser nicht für göttlich hielten, wuden die ersten Christen „atheoi“, also Atheisten, genannt. Ein hübscher, nachdenkenswerter Titel – auch heute? Gegen welche Götter sind denn heutige Christen? Ist z.B. die westliche Wachstumsideologie ein Gott, gegen Christen und Kirchen und Bischöfe entschieden kämpfen?

Aber interessant ist doch die Pluralität der Theologie schon in der frühen Kirche: Was hatte da doch Paulus in seinem Römerbrief etwa 30 Jahre vorher gesagt: «Jedermann ordne sich den staatlichen Behörden unter, die Macht über ihn haben. Denn es gibt keine staatliche Behörde, die nicht von Gott gegeben wäre, die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt.» (Römer 13, 1)
Diese Pluralität der Theologien ist bemerkenswert: Sie zeigt, wie unterschiedliche Theologen auf gegebene Verhältnisse reagieren…

12.
Für die eigene Lebensphilosophie bleibt angesichts dieser Überlegungen die Frage:
Gibt es auch eine persönliche, individuelle Apokalypse? Diese Frage wird vor allem deswegen interessant, wenn man den Begriff des Gerichts durch Gott in eine philosophische – anthropologische Überlegung übersetzt: Wie beurteile ich mich, durch mein Gewissen, durch meine Selbstkritik, wie beurteile ich mein Leben? Das muss ja nicht am Ende des Lebens geschehen. Es geschieht wahrscheinlich sowieso oft inmitten des Lebens, als Impuls zur Korrektur, zum neuen Beginnen und zum Eingeständnis von Schuld. Über diese Frage der individuellen Apokalypse als philosophisches Thema müsste weiter nachgedacht werden. Wahrscheinlich werden wir dabei nicht auf Einsichten von Immanuel Kant verzichten können.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Katholizismus und Aufklärung: „Verdammtes Licht“!

Das neue Buch des Kirchenhistorikers Hubert Wolf
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Der Titel des neuen Buches von Hubert Wolf (katholischer Theologe und Professor für Kirchengeschichte in Münster) ist gut gewählt – und provokativ: „Verdammtes Licht“, so möchte man zusammenfassen, sagten so viele Päpste, Prälaten und Theologen, die sich von der Philosophie und der Lebenseinstellung der Aufklärung abwandten und diese bekämpften: Diese Führer der katholischen Kirche glaubten, selbst über viel Licht, angeblich göttliches Licht, zu verfügen, um die böse Welt, die sündigen Menschen und die immer heilige Kirche zu führen. Was brauchten die Männer Gottes da noch „weltliches“ Licht, das Licht der Aufklärung? Das Licht, das die moderne Zeit auszeichnet, das Licht, das Hell und Dunkel zeigt, mit der Verpflichtung an jeden Menschen: Denke selber nach, folge nicht blind irgendwelchen Autoritäten. Dass dieses Licht missbraucht wurde, ist klar.
2.
Die Abwehr der Aufklärung durch die römische Kirche, die Abwehr dieses „verdammten Lichtes“ (wie der Aufklärer Christoph Martin Wieland sagte), spürt man bis heute: Man denke an die Zurückhaltung des Klerus, der Bischöfe, der Päpste, den sehr umfassenden, international „verbreiteten“ sexuellen Missbrauch im Klerus zu sehen, wahr-zunehmen und die Betroffenen den staatlichen (!) Richtern zu übergeben. „Bloß nicht zu viel Licht in der Öffentlichkeit, das schädigt das Ansehen der Institution Kirche“, dachten und denken diese Kirchenführer.

In diesem hier nur angedeuteten Zusammenhang, so denkt man, können die 10 Studien stehen, die der Kirchenhistoriker zwischen 2005 und 2016 vorgetragen bzw. publiziert hat. Aber es handelt sich dabei um kirchenhistorische Studien mit einer eher speziellen Thematik, vielleicht doch nur für Fachkollegen interessant: Man denke an die Studien in dem Buch über die Bedeutung des Zentrum – Politikers Ludwig Windhorst oder an die Rolle von Matthias Erzberger und seinen damals sehr ernst gemeinten Vorschlag, den Vatikan als Sitz des Papstes und seines Staates entweder nach Liechtenstein oder nach Mallorca zu verlegen. War dieser Vorschlag Ausdruck von Aufklärung? Auch die Studien über die Enzykliken Pius XI. gegen die Nazis sind wohl in dieser Ausführlichkeit eher für Fachkreise relevant.
3.
So weckt also der Titel „Verdammtes Licht“ mit dem Untertitel „Der Katholizismus und die Aufklärung“ viel zu umfassendere Erwartungen, zumal für philosophisch Interessierte: Denn das Thema Aufklärung ist nun einmal explizit ein philosophisches und philosophiehistorisches Thema. Davon ist nur im 9. Beitrag des Buches etwas ausführlicher die Rede. Von der Unterdrückung des Lichtes der Aufklärung im sexuellen Missbrauch durch Priester ist keine Rede. Darüber hat Hubert Wolf auch in seinem ebenfalls neuen Buch ZÖLIBAT geschrieben…
4
So muss man also als Leser eher im Hintergrund der Texte etwas suchen, wo sich denn diese angekündigten Spuren von Licht, verstanden als kritischer Aufklärung, finden. Leitend ist für den renommierten Kirchenhistoriker Wolf freilich die richtige Erkenntnis:“ Es gab eine Abscheu der Päpste vor der Moderne“ (S. 198). Und sehr treffend als Forschungshorizont die aus liberal-protestantischen Theologien seit langem bekannte Erkenntnis: “Die katholische Kirche ist nicht von Jesus Christus gegründet worden. Auch wenn sie sich auf ihn zurückführt, geht ihre institutionelle Gestalt nicht auf ihn zurück…“ (S. 12 f.) Diese Erkenntnis hilft dem Kirchenhistoriker, kleine, versteckte Spuren der Entwicklung der Lehre, auch der Dogmen, im Laufe der Geschichte zu finden. So kann Hubert Wolf durchaus von einer Pluralität der Katholizismen sprechen. D.h. es gab immer auch liberalere Strömungen. Marginal waren sie, das wird so deutlich nicht gesagt!. Wie lange diese liberalen Strömungen Bestand hatten vor der Verfolgung der Konservativen und Reaktionären, wird nicht so deutlich gezeigt von Hubert Wolf. Man hat manchmal den Eindruck, der Autor will unbedingt das Moderne im Katholizismus doch noch – apologetisch? – freilegen.
5.
Wo also gab es denn einige Licht-Spuren der Aufklärung im Katholizismus: Bei dieser Frage muss man bedenken, wie eng die Themen sind, die Wolf hier wählt. Da wird man eben nicht fündig zu Voltaire oder Kant und deren Beziehungen zur institutionalisierten Religion und Kirche. Nein, da geht es nur um innerkirchliche Fachthemen, etwa zur Gestalt des angeblich oder tatsächlich sehr braun nazigefärbten Bischof Hudal im Vatikan. Vielleicht hat er doch die Ideologie der Nazis deutlicher gesehen als angenommen? Und waren die Bischöfe nicht doch etwas aufgeschlossener, als sie nur mit Widerwillen und aus finanziellen Gründen die Priesterausbildung in den kirchlichen Anstalten, Priesterseminar genannt, organisierten! Und nicht die künftigen Priester an Universitäten studieren ließen? Und sind nicht, so fragt Wolf, in den Dokumenten des 2.Vatikanischen Konzils gewisse Durchbrüche zur Akzeptanz der Aufklärung zu erkennen, etwa in der großzügigen Anerkennung des Menschenrechtes auf Religionsfreiheit, im Jahr 1964! Dass der Vatikan-Staat bis jetzt nicht die Erklärung der Menschenrechte unterzeichnet hat, wird meines Erachtens in dem Buch nicht erwähnt. So viel Licht hatte doch das 2. Vatikanische Konzil auch nicht!
6.
Vieles ist und bleibt eben auch „verdammt“ dunkel und mysteriös, in der jetzigen katholischen Kirche. Etwa der Teufelsglaube, den Papst Franziskus immer noch predigt, die Beliebtheit der Exorzisten, die Abwehr von Frauen als Priesterinnen, die Zurückweisung einer umfassend synodalen, also demokratischen (aufgeklärten!) Kirche und so weiter. Von all dem ist in dem Buch keine ausführliche Rede.
7.
Darum noch einmal: Ehrlicher wäre für das Buch der Titel: „10 Fachstudien über einige Aspekte der katholischen Kirchengeschichte vor allem im 19. und 20. Jahrhundert“. Und als Untertitel: „Vermischt mit einigen grundsätzlichen Thesen zur Notwendigkeit der Kirchenreform“.

Hubert Wolf, Verdammtes Licht. Der Katholizismus und die Aufklärung
C. H. Beck, München 2019, 314 S. 29,95 €

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Widerstand und Ergebung“ (Dietrich Bonhoeffer): Einige vorläufige, aber zentrale Thesen.

Notizen für das Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 27.9.2019
Von Christian Modehn

1.
Voraussetzung ist: Bonhoeffer hat in „Widerstand und Ergebung“ keine umfassende Theologie vorgelegt. Seine Notizen und Briefe sind Fragmente. Aber als solche, in großer Not im Gefängnis der Nazis geschrieben, sind sie von besonderer Bedeutung. Sie sind für die Kirchen inspirierend. Aber sie inspirieren tatsächlich in den Kirchen als Institutionen in Staatsnähe wenig. Bonhoeffer wird offiziell noch verehrt, aber in der Kirchenpraxis hat er fast keine Bedeutung.
Darum ist es heute wichtig, an Dietrich Bonhoeffer zu erinnern, vor allem an seine zwei letzten Lebensjahre im Gefängnis der Nazis in Berlin. Dort schrieb Bonhoeffer zahlreiche Briefe, die eine bis heute radikale spirituelle, philosophische und theologische Brisanz offenbaren: Bonhoeffer ist einer der „großen, viel zitierten und viel studierten Theologen. Anfangs konservativ in seinem Denken: Aber, im Gefängnis der Nazis, in einer Extremsituation tiefer existentieller Gefährdungen, nahe der Hinrichtung, erlebt er eine spirituelle und theologische Radikalisierung. Und dieses radikale Denken, bezogen auf das Wesentliche des Christentums, auf das, was bleibt für heute und morgen, ist für uns als Anfrage wichtig.
2.
Bonhoeffer ist insofern ein Beispiel für eine persönliche, mit dem eigenen Leben verbundene Spiritualität, die jeder und jede – zumindest unthematisch – lebt und entwickelt.
Bonhoeffer ist ein Beispiel, dass Spiritualität und Theologie inmitten des Lebens, ich möchte sagen „situationsbezogen“ wächst und entsteht und sich wandelt, ohne dabei die Situation zum Maßstab zu machen. Da werden alle gewöhnlichen theologisch ausgelaugten Floskeln abgeworfen. Da entsteht inmitten des Lebens neues Denken.
Diese Gefängnisbriefe Dietrich Bonhoeffers wurden 1951 als Buch publiziert unter dem Titel „Widerstand und Ergebung“. Ein merkwürdiger Titel, vielleicht wäre „Widerstand und Hingabe“ treffender gewesen….
Das Buch hat weiteste internationale Beachtung gefunden. Bonhoeffer ist heute ein international geachteter Autor. Sein Freund Eberhard Bethge hat diese Briefe herausgegeben. Die Details der Biographie kann man nach lesen, etwa auch kurz und knapp in wikipedia.
3.
Dietrich Bonhoeffer ist hoch begabt, er studiert evangelische Theologie an der Berliner Universität Unter den Linden, der heutigen Humboldt Universität. Schon 1927 verfasst er, 1906 geboren, seine theologische Doktorarbeit. Seine Habilitationsschrift hat den philosophischen Titel „Akt und Sein“.
Ihn beschäftigt auch die alte ethische Frage des Tyrannenmordes, die der katholische Theologe Thomas von Aquin im Mittelalter schon formulierte und positiv beantwortete. Im konkreten Fall, bezogen auf Hitlers Mord-Regime, ist die Antwort Bonhoeffers ebenso klar: Auch Hitler sollte als Tyrann ermordet werden. Dabei formuliert Bonhoeffer durchaus seine seelische Erschütterung zum Thema.
4.
Seit 1933 nimmt er öffentlich Stellung gegen die Judenverfolgung, am 1.2.1933 hält er eine Rundfunk-Ansprache gegen den Führerkult, diese Sendung wird unterbrochen, abgeschaltet. Er schließt sich ab 1938 dem Widerstandskreis um Wilhelm Franz Canaris an. Bonhoeffer war nicht unmittelbar an den Hitlerattentaten beteiligt, er war eine Art Verbindungsmann mit internationalen Kontakten etwa auch nach Norwegen. Bonhoeffer wurde der Abwehrstelle München des Militärs zugeordnet. Und dort wegen Wehrkraftzersetzung „enttarnt“.
Er wird am 5. April 1943 in seinem Eltern – Haus in der Marienburger Allee in Belin Neu-Westend verhaftet.
Das Strafverfahren am Volksgerichtshof wurde nicht eröffnet, weil höhere Beamte dort das Verfahren gegen ihn in die Länge ziehen konnten, wie etwa der damals noch nicht verhaftete Heeresrichter Karl Sack.
Zuerst verbrachte er etliche Monate im Gefängnis Tegel; ab 8. Oktober 1944 wurde er in die Gestapo Zentrale in der Prinz Albrecht Str. gebracht. Dort schrieb er noch das viel zitierte Gebet/Lied „Von guten Mächten treu und still umgeben…“ Man achte darauf: Mitten im Zentrum der Gestapo-Macht, der tödlichen Macht, wagt es Bonhoeffer, an die guten Mächte, die göttlichen Mächte als die letztlich stärkeren zu glauben. Dieses populäre Lied ist ein Lied gegen die ungerechten, weltlichen Mächte.
Als er 1945 ins KZ Flossenbürg transportiert wurde, war evident: Dies bedeutet sein Ende. Sein britischer Mitgefangener Payne Best, den er in Buchenwald kennen gelernt hatte, notierte diese Worte Bonhoeffers:
„Sagen Sie dem befreundeten englischen Bischof Bell von Chichester, so sagte Bonhoeffer, dass dies für mich das Ende, aber auch der Anfang ist. Mit ihm glaube ich an das Prinzip unserer universellen christlichen Brüderlichkeit, die über alle nationalen Interessen hinausgeht, und dass unser Sieg sicher ist.“
Zusammen mit Canaris, Hans Oster, Karl Sack und Ludwig Gehre wurde Bonhoeffer am 8. April 1945 zum Tode durch Strang verurteilt. Der Mord geschah am Morgen des 9. April 1944 unter widerwärtigsten Bedingungen.
5.
Es gab keine Zeugen für die Hinrichtung. Die offiziellen Nazi-Mörder-Richter blieben unter sich. Es waren Otto Thorbeck und Walter Huppenkothen. Sie behaupteten, die Urteile seien korrekt nach dem damals geltenden Recht, dem Nazi-(Un) Recht, ausgesprochen worden. Aber der Skandal ist: Sie wurden in der sehr rechtslastigen BRD Justiz zu milden Strafen verurteilt. Huppenkothen arbeitete anschließend in einer Versicherung in Mannheim, dann in Mülheim/Ruhr und später in Köln. Der FDP Politiker Achenbach schützte und unterstütze ihn, weil er selbst, wie damals etliche in der FDP, einst Nazi war. Huppenkothen starb am 5. April 1978 in Lübeck.
6.
Zur Theologie und Philosophie Bonhoeffers: Ab Mitte 1944 wird Bonhoeffer radikaler, dies wird in „Widerstand und Ergebung“ deutlich: Diese Gefängnisbriefe haben zwei Abteilungen: Briefe an die Eltern und Briefe an seinen Freund Eberhard Bethge. Die wichtigsten theologischen Vorschläge und Erkenntnisse finden sich in den Briefen an Bethge. Bonhoeffer darf am Anfang nach unzensiert im Gefängnis schreiben. Er wird etwas besser behandelt als die übrigen Gefangenen. Er darf sich von seinen Eltern viele Bücher wünschen. Er liest Romane, historische Studien und befasst sich mit Theologie. Er liest ständig in der Bibel und versucht sie unter den neuen Bedingungen zu verstehen. Die Widerholung biblischer Texte hilft ihm, zu überleben. Er klagt kaum über die Lebensbedingungen im Gefängnis. Jedoch einmal schreibt er: „Die Welt wird mir zum Ekel. Und zur Last. Wer bin ich eigentlich, der unter diesen grässlichen Dingen hier immer wieder sich windet…Man kennt sich weniger denn je über sich selbst aus“. (WE, 91).ABER: Er tröstet eher dennoch seine Familie und seinen Freund, die „draußen“ leben müssen, sorgt sich mehr um sie als um sich selbst. Sagt aber, dass er sich Gelassenheit noch immer sich erobern muss. (WE, 104).
7.
Im Gefängnis hat Bonhoeffer Zeit, das System der ihm bestens vertrauten Theologie und der Glaubenslehre, das System der Religion mit Ritus und Dogma und Institutionen, in Frage zu stellen: Und zwar von einem Standpunkt der Lebens – Erfahrung: Im Erleben der Qualen, der Niedertracht, der Bösartigkeit des Nazi Systems. Schon 1942 schrieb Bonhoeffer an seinen Freund Eberhardt Bethge (am 25. Juni 1942): „Ich spüre, wie in mir der Widerstand gegen alles „Religiöse“ wächst. Oft bis zu einem instinktiven Abscheu, was sicher auch nicht gut ist. Ich bin keine religiöse Natur. Aber an Gott, an Christus muss ich immerfort denken, an Echtheit, an Leben, an Freiheit und Barmherzigkeit liegt mir sehr viel. Nur sind mir die religiösen Einkleidungen so unbehaglich. Verstehst Du? Das sind alles gar keine neuen Gedanken und Einsichten, aber da ich glaube, dass mir jetzt hier ein Knoten platzen sollte, lasse ich den Dingen ihren Lauf und setze mich nicht zur Wehr. In diesem Sinne verstehe ich eben auch meine jetzige Tätigkeit auf dem weltlichen Sektor.“
8.
Auf diesem spirituellen Weg kann dann Bonhoeffer 1944 Wesentliches zu seinem neuen Verhältnis zu Gott schreiben: Die weltliche Welt ist sein Ausgangspunkt. D.h.: Die Eigengesetzlichkeit, die Autonomie, muss anerkannt werden. Gott spielt da als ein Element in dieser Welt keine Rolle. Darum kann er sagen:„Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“.
Das heißt: In der Welt kommt Gott als Objekt nicht vor.
Gott kommt in der Welt als Gegenstand nicht vor. Er ist kein Lückenbüßer.
„Wir können nicht redlich sein, ohne zu erkennen, dass wir in der Welt leben müssen – etsi deus non daretur, auch wenn es keinen Gott gäbe – Und eben dies erkennen vor Gott. Gott selbst zwingt uns zu dieser Erkenntnis. So führt unser Mündigwerden zu einer wahrhaftigeren Erkenntnis unserer Lage vor Gott…. (WE 192).

9.
Daraus ergibt sich eine neue Form der Gottesbeziehung:
„Unser Verhältnis zu Gott ist kein ,religiöses‘ zu einem denkbar höchsten, mächtigsten, besten Wesen – dies ist keine echte Transzendenz –, sondern unser Verhältnis zu Gott ist ein neues Leben im ,Dasein-für-andere’“ (Widerstand und Ergebung: DBW 8, Gütersloh 1998, 558).
Im Leben für andere, im Verpflichtetsein den anderen gegenüber: Darin sieht Bonhoeffer nicht nur eine ethische Aufgabe: Sondern im Anderen, dem Leidenden, wird ihm das Gesicht Gottes zugänglich. „Der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente. Gott in Menschengestalt“ (DBW 8, 558).
Gottes „Antlitz“, möchte man mit Emmanuel Lévinas sagen, ist das des bedrohten Anderen, und ein anderes „Sein“ Gottes gibt es nicht – es wäre Produkt religiöser Phantasie und Projektion. Darum hat Bonhoeffer vom „leidenden Gott“ gesprochen, dem Gegenbild all dessen, was die „Religiösen“ von Gott erwarten. Ein im Leiden geschärfter, nicht-religiöser Glaube war es, aus dem er die künftige Theologie, Spiritualität und christliche Praxis hervorgehen sah – ein Grund, weshalb Befreiungstheologen wie Gustavo Gutiérrez oder Frei Betto ihn als einen der ihren betrachteten. (so sagt es der katholische Theologe Tiemo Peters). Über die vielfältige, auch widersprüchliche Rezeption der Theologie Bonhoeffers in der Kirche der DDR wäre zu sprechen, vor allem über Bonhoeffers Schüler, den späteren DDR Bischof Albrecht Schönherr. Er gab die missverständliche Parole aus von der „Kirche im Sozialismus“.

10.
Bonhoeffers Vision für das Christentum heute:
„Wir müssen anfechtbare Dinge sagen, wenn dadurch nur lebenswichtige Fragen aufgerührt werden. Ich fühle mich als ein moderner Theologe, der doch noch das Erbe der liberalen Theologie in sich trägt, verpflichtet, diese Fragen anzuschneiden“. (WE, 201).
KONKRET: Bonhoeffer spricht von religionslosem Christentum. D.h.: Für ihn ist Religion immer auch institutionelle Macht, die sich um ihren Selbsterhalt sorgt. Religion ist immer auch Apparat, System, Dogmen, Lehren. Das gilt für ihn nicht mehr!
Religionslos heißt dann: Es kommt auf je meinen individuellen Glauben an, mein einfacher Glaube.
Bonhoeffer schreibt: „Wie dieses religionslose Christentum aussieht, welche Gestalt es annimmt, darüber denke ich nun viel nach…“(WE, 143) „Nicht nur mythologische Begriffe, die Wunder, Himmelfahrt etc sind problematisch, sondern die religiösen Begriffe schlechthin“. Diese Übersetzung uralter mythologischer Begriffe fällt den Kirchen bis heute sehr schwer. Sie sprechen (und singen! ) nach wie vor alte Formeln und Floskeln des Glaubens, die kein Mensch von heute mehr verstehen kann. Trotzdem tun dies die Kirchen, mit einer unglaublichen Ignoranz, als hätte es Bonhoeffer nicht gegeben.

11.
Die Aufgabe heißt für ihn darum: Nicht religiöse Interpretation biblischer und theologischer Begriffe. Also: Verständlich für alle muss man sagen: Was bedeutet Erlösung
Man sollte nicht Gott aufgeben, sondern den Gott der Religion aufgeben. „Vor und mit Gott leben wir ohne Gott.“ Offenbar setzt Bonhoeffer hier zwei unterschiedliche Bedeutungen von Gott an: Der Gott der Religion, den er aufgibt; und den Gott als das Geheimnis des Lebens, „vor und mit dem“ er lebt.

12.
Worauf es im letzten ankommt: BETEN UND TUN DES GERECHTEN ( WE 157). „Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun“.
Wer fragt, was ist eigentlich das Wichtigste im christlichen Glauben: Es ist Beten und Tun des Gerechten. Dabei muss Bonhoeffer die Weisheit des AT loben: „Ist nicht die Gerechtigkeit und das Reich Gottes auf Erden der Mittepunkt von allem ? (WE 144).
Noch einmal:
Beten heißt für uns heute: reflektieren, meditieren, die eigene religiöse Poesie pflegen. Und das Gerechte (was mehr ist als das Recht!) tun!
„Gott ist mitten in unserem Leben jenseitig. Die Kirche steht nicht dort, wo das menschliche Vermögen versagt, an den Grenzen, sondern mitten im Dorf“. (WE, 142).
Es gibt also für Bonhoeffer den Gott der alten Religion, der Metaphysik, den es zu überwinden gilt. Und den wahren Gott der Mystik, das „absolute Geheimnis“.

13.
Der katholische Theologe und Bonhoeffer-Forscher Tiemo R. Peters, (+), Uni Münster, schreibt::
Einen Gott, den ,es gibt‘, gibt es nicht, Gott ist im Personbezug“ (DBW 2, München 1988, 112). In den Gefängnisbriefen wurde der Gedanke weiter zugespitzt und vertieft: „Der jeweils gegebene erreichbare Nächste ist das Transzendente. Gott in Menschengestalt“ (DBW 8, 558). Gottes „Antlitz“, möchte man mit Emmanuel Lévinas sagen, ist das des bedrohten Anderen, und ein anderes „Sein“ Gottes gibt es nicht – es wäre Produkt religiöser Phantasie und Projektion. Darum hat Bonhoeffer vom „leidenden Gott“ gesprochen, dem Gegenbild all dessen, was die „Religiösen“ von Gott erwarten. Ein im Leiden geschärfter, nicht-religiöser Glaube war es, aus dem er die künftige Theologie, Spiritualität und christliche Praxis hervorgehen sah – ein Grund, weshalb Befreiungstheologen wie Gustavo Gutiérrez oder Frei Betto ihn als einen der ihren betrachteten“. Über die Inspiration, die Bonhoeffer für einige Befreiungstheologen hat: Sie das Buch von Paul Gerhard Schoeborn, „Studien zu Dietrich Bonhoeffer“, Münster 2012.

14.
„Religionslose Christen“: Mit dieser These nähert sich Bonhoeffer einem Gedanken des jüdischen Philosophen Franz Rosenzweig an: „Die Sonderstellung von Judentum und Christentum besteht gerade darin, dass sie, sogar wenn sie Religion geworden sind, in sich selber die Antriebe finden, sich von dieser Religionshaftigkeit zu befreien und (…) wieder in das offene Feld der Wirklichkeit zurückzufinden“ (Rosenzweig: Das neue Denken, Gesammelte Schriften III, Den Haag 1984, 154)

15.
Der TEXT Bonhoeffers „Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943“ (also noch VOR der Verhaftung am 5.4.1943) ist online GRATIS zu lesen: https://sumsinagro.de/nach_zehn_jahren

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kardinal Woelki, Köln: Wie reaktionär ist seine Theologie?

Ein Hinweis von Christian Modehn: Über den Führer der konservativen Bischöfe in Deutschland

Leider muss sich Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie immer wieder mit institutionellen Machtkämpfen innerhalb der römisch-katholischen Kirche befassen. Wir würden gern sehr viel wichtigere Themen der Menschen in dieser zerrissenen Welt diskutieren…. Aber: „Die Herren dieser Kirche drehen allmählich wirklich wieder einmal durch“, sagt mein amerikanischer Freund treffend, in ihrem Wahn, die rechte und einzig wahre Interpretation der Lehre des armen Jesus von Nazareth in ihrem Sinne durchzuboxen. Stichwort: „Synodaler Prozess in Deutschland“. Und diese Herren rauben dabei die Lebenszeit vielen Menschen, vor allem den noch vorhandenen Katholiken in Europa. Indem sie diese Leute dazu zwingen, sich mit der klerikalen Ideologie zu befassen. Als gäbe es nicht sehr viel dringendere Themen als etwa dieses total ausdiskutierte Thema des priesterlichen Pflichtzölibats. Von der so gen. „Homo – Ehe“ ganz zu schweigen, eigentlich ja auch relevant für die vielen homosexuellen Priester und ihre Freunde… Aber die Katholiken brauchen eben ihre eigene Ablenkung vom Wesentlichen, sie brauchen ihren Masochismus. Vielleicht sogar ihre erwünschte Ablenkung von Gott und dem armen Jesus von Nazareth und seiner Botschaft…indem man übereifrig und erhitzt von der Kirche redet und nichts anderes mehr kennt. Was für eine Schande!

Einige LeserInnen dieser website haben mich einmal mehr nach Kardinal Rainer Maria Woelki in Köln gefragt: Welche Theologie er denn so vertritt, wollten sie wissen. Dieser Führer der sehr Konservativen…
Ich kann dabei nur, aber doch erhellend gültig, auf einige ältere, grundlegende Texte verweisen, vor allem auf Woelkis Doktorarbeit an der Opus Dei Universität in Rom mit dem hübschen, ultra allgemeinen Titel „Die Pfarrei“. Ich habe damals darauf hingewiesen, dass man nicht Opus Dei Mitglied sein muss, um wie diese Geheimorganisation zu denken, wie im Falle Woelkis. Was vielleicht, wer weiß, so stimmen mag. Mitglied ist Woelki laut eigener Behauptung nicht, aber… Einer seiner Weihbischöfe (Ansgar Puff) stammt aus dem ebenso reaktionären Club der Neokatechumenalen…

Diese Texte können also für Interessierte zum Thema Rainer Maria Woelki, Kardinal zu Köln, wichtig sein; zu Woelki, der nebenbei, wie sei Vorgänger Meisner mindestens 11.500 Euro monatlich verdient.

Über die Ökumene mit Kardinal Woelki

Mit Woelki ins Getto:

Zu Woelkis theologischer Doktorarbeit an der Opus Dei-Universität in Rom, mit besonderer Berücksichtgung der totalen Ignoranz Woelkis für den großen modernen Theologen Karl Rahner.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der 1. September 1939: Katholiken und der Zweite Weltkrieg

Einige Hinweise zur Rolle der katholischen Kirche vor dem Krieg , während des Krieges und danach…
Von Christian Modehn

1.
Die Erinnerung, das Gedenken, das Forschen und Fragen anlässlich des 1.September 1939 kann sich überhaupt nicht punktuell nur auf das Datum allein beziehen. Es gilt, die lange Vorkriegsgeschichte zu beachten (wann beginnt sie?) und den Krieg selbst als Tat der Deutschen, vor allem der deutschen Nationalsozialisten und ihres verbrecherischen Führers Adolf Hitler bis zur Nachkriegszeit. Also zur restaurativen Entwicklung in der BRD unter der CDU/CSU und zur Entwicklung des „Sozialismus“ in der DDR.

2. Eine knappe Zusammenfassung zum Thema als grundlegende Orientierung:
Der Katholizismus in Europa war bis weit in die Mitte des 20. Jahrhunderts national und nationalistisch geprägt. Es war eher normal, um nur bei dem Bild zu bleiben, dass ein katholischer Franzose einen katholischen Deutschen an der Front erschoss. Die Bindung an das beiden gemeinsame Evangelium (Bergpredigt) war nicht mehr als ein subjektiver Spruch; viel bedeutungsloser als die Bindung an die Nation. Das galt schon im 1. Weltkrieg. Eine gemeinsame pazifistische europäische katholische Haltung war undenkbar. Ist sie heute denkbar? Wo sind die anti-nationalistischen katholischen Organisationen in Deutschland, Polen, Frankreich, Irland usw.?

3.
Der Katholizismus als durch und durch autoritär gestaltetes und autoritär von meist alten Herren geführtes Kirchensystem (ohne jede Form demokratischer Mit-Bestimmung, man spricht von vatikanischer „Wahlmonarchie“) stand den autoritären faschistischen Systemen a priori nahe. Man fühlte förmlich ähnlich, was Zuverlässigkeit, Ordnung, Unterordnung, Gehorsam angeht… Dies gilt zumal, wenn die faschistischen Führer irgendwas Religiöses oder gar Pro-Katholisches von sich gaben. Und etwa den Bestand der katholischen Privatschulen zu sichern versprachen.
Der Faschismus, vor allem auch die Herrschaft Hitlers, wurde katholischerseits gegenüber dem Sozialismus und Kommunismus (auch in der Sowjetunion) als das geringere Übel behandelt. Der Faschismus, auch Hitler, so glaubten die obersten Kleriker und die ihm hörigen katholischen Massen, seien sogar ein gutes, geeignetes Mittel, den allergrößten Todfeind der Katholiken, den Kommunismus, zu besiegen. Der Kommunismus galt als Konkurrenz zum Katholizismus, als eine irdische Ersatzreligion, die die Erlösung der Menschen hier auf Erden bewirken will. Dass diese Faschisten Juden verfolgten und ermordeten, wurde letztlich billigend in Kauf genommen und vielleicht noch stillschweigend mit uralten christlich-antisemitischen Vorurteilen begründet. Es war katholischerseits offenbar nicht möglich, gleichzeitig den Faschismus wie den Bolschewismus (Stalin) zu verurteilen und zur bekämpfen. Dann hätte die Kirche demokratisch werden müssen und die Menschenrechte respektieren müssen. Aber nein, der Katholizismus blieb und bleibt autorität. Und begründet die Ablehnung einer demokratisch gestalteten katholischen Kirche sogar noch heute mit dem angeblichen Willen Gottes: Ein Gott, der für seine eigene Organisation im 20. und 21. Jahrhundert keine Demokratie will, ist schon ein komischer Gott.

4.
Ein Aspekt, aber sicher kein marginales Thema, ist Bedeutung der Päpste in dieser Zeit, ferner die Rolle, die die deutschen Bischöfe vor dem 2. Weltkrieg und im 2. Weltkrieg spielten in ihrer Beziehung zum Hitler Regime. Und dann die schwache katholische Basis, die sich etwa im „Friedensbund deutscher Katholiken“ sammelte.
Zu den genannten Themen, umfassend wie sie sind, können hier nur Hinweise gegeben werden. Sozusagen Impulse und Forschungsmöglichkeiten.

5.
Es sollte viel stärker die Bedeutung von Papst Benedikt XV. (1914-1922) beachtet werden und zwar im Blick auf seinen verbalen Pazifismus. Dieser Papst sollte hinsichtlich seines Friedensengagements viel mehr beachtet werden. Aber das blieb wirkungslos: Pater Franzismus Stratmann hat darauf hingewiesen: „Von einer begeisterten Gefolgschaft der Mehrzahl der Katholiken hinter ihrem obersten Hirten (Benedikt XV.) kann keine Rede sein“. (In: „Hermes Handlexikon: Die Friedensbewegung“. ECO Taschenbuch, 1983, S. 219).

6.
Über die Rolle Papst Pius XII. im Umgang mit den Faschisten Italiens, mit dem Hitler-Regime und der Juden-Ausrottung ist vieles geschrieben worden. Es gibt wohl einen Trend in der historischen Forschung, der das sehr zögerliche Verhalten des Papstes Pius XII. gegenüber dem Schutz der Juden aufzeigen. Ob mehr Klarheit nach der nun endlich angekündigten Öffnung der vatikanischen Archive in dieser Frage möglich wird, ist natürlich offen: Welche Dokumente sind noch vorhanden, welche können unabhängige Historiker lesen etc.? Einige interessante Aspekte bietet mein Beitrag auf dieser Website. Hier klicken.

7.
Über das Verhalten der deutschen Bischöfe 1939 und zum Hitler Regime hat jetzt der kürzlich verstorbene Theologe und Kirchenhistoriker Prof. Heinrich Missalla (Essen) einen „offenen Brief“ an die heutigen Bischöfe in Deutschland verfasst. Missalla war ein Spezialist für diese Fragen, was er schreibt in dieser Kürze, ist für die allermeisten Kirchenführer damals eine politische und moralische Katastrophe. Nur ein kleiner Auszug aus dem wichtigen Beitrag Missallas:
„Nach dem Überfall auf Polen übernahm der Bischof von Münster von Galen die offizielle Version vom Angriff der feindlichen Mächte auf das friedliebende Deutschland; unsere Soldaten erkämpften „einen Frieden der Freiheit und Gerechtigkeit für unser Volk“. Für Bischof Machens von Hildesheim wurde der Krieg „gegen das Recht des deutschen Volkes auf seine Freiheit“ geführt. Bischof Berning von Osnabrück ließ die Gläubigen „beten, daß Gott uns den Sieg verleihe“. Vier Tage nach dem Angriff auf die Sowjetunion wussten und lehrten die deutschen Bischöfe, dass die Soldaten mit ihrer Pflichterfüllung „nicht nur dem Vaterland dient(en)“, sondern sie wagten sogar zu behaupten, dass sie damit „auch dem heiligen Willen Gottes folgt(en)“. Der Bischof von Münster nannte den Krieg jetzt einen „neuen Kreuzzug“, in dem „der Soldatentod des gläubigen Christen in Wert und Würde ganz nahe dem Martertod um des Glaubens willen (steht,) der dem Blutzeugen Christi sogleich den Eintrittin die ewige Seligkeit öffnet.“ (Quelle: Heinrich Missalla_ Brief_an DBK_80 Jahre Kriegsbeginn pdf.)_

8.
Die katholische Friedensbewegung in Deutschland war in der Weimarer Republik sehr schwach: Es war der Friedensbund der deutschen Katholiken, (FDK), repräsentiert vor allem von dem Dominikanerpater Franziskus Stratmann (1883-1971). Der Friedensbund hatte 45.000 Mitglieder (Zit. in Hermes Handlexikon a.a.O, S 221). Die Tragik war, dass diese katholische Friedensorganisation fast ausschließlich an die katholische Zentrumspartei gebunden war, die ja auch einen schwachen demokratischen-republikanischen Flügel hatte (J. Wirth z.B.). Es gab auch Versuche, den FDK an die einzige pazifistische Partei, die „Christlich-Soziale Reichspartei“ (CSRP), zu binden, aber das brachte keinen Durchbruch hinsichtlich der Massenwirkung des FDK. Unter dem starken antipazifistischen Druck der CDU/CSU löste sich der „Friedensbund der deutschen Katholiken“ 1951 auf. Es folgte die katholische Organisation PAX CHRISTI, die sich zunächst als Gemeinschaft derer betrachtete, die für den Frieden betet oder individuelle freundschaftliche Verbindungen etwa zwischen Deutschen und Franzose förderte.

9.
An Pater Stratmann sollten sich Katholiken dieser Tage besonders erinnern: Er war als Theologe und Publizist hochbegabt, er wandte sich gegen die damalige theologische Ideologie, der Krieg sei eine Folge der Erbsünde und Ausdruck menschlicher Unvollkommenheit. Dagegen betonte er die vernünftige Erkenntnis: Irgendeine greifbare, friedenspolitische Bedeutung muss die Erlösung durch Jesus Christus doch wohl haben. 1933 wurde Stratmann verhaftet, er konnte über Rom in die Niederlande fliehen, wo er sich in Klöstern versteckte. Stratmann war u.a für den gewaltfreien Widerstand gegen den verbrecherischen Staat, er forderte einen starken Völkerbund (vgl. den kurzen Hinweis im genannten „Hermes Handlexikon, Die Friedensbewegung, S. 378).
Zu den Gründungsmitgliedern des FDK gehörte uch der katholische Pfarrer Max Josef Metzger, auch mit dem Internationalen Versöhnungsbund war er eng verbunden. Er verfasste eine Denkschrift zur Friedenspolitik, wurde daraufhin von Freisler, Chef des Volksgerichtshofes, als „Pestbeule“ bezeichnet, die man „ausmerzen“ muss: Am 17.4 1944 wurde er im Gefängnis in der Stadt Brandenburg enthauptet. Was mag er wohl von den anpasslerischen und „Mitläufer-Bischöfen in Deutschland gedacht haben, er, der mit gefesselten Händen ein halbes Jahr im Gefängnis noch gequält wurde….

10.
Heute ist das Thema Friedenspolitik, Abrüstung, Kritik am Waffenexport alles andere als ein Hauptthema des deutschen oder des europäischen Katholizismus. So dringend und absolut wichtig die Aufklärung des sexuellen Missbrauchs durch Priester auch ist: Diese Beschäftigung und die mit den üblichen Kircheninterna (Zölibat, Aufhebung der Gemeinden zugunsten der monumentalen Groß-Pfarreien usw.) bindet die ohnehin schwächer werdende Energie des Katholizismus.
Politische Gestaltung der Gesellschaft und der Welt im ganzen im Sinne der universalen Menschenrechte ist NICHT Mittelpunkt katholischen Denkens und katholischer Arbeit. Denn diese würde zur Kritik an den sich oft noch christlich nennenden Parteien führen, zu neuen auch außerkirchlichen Bündnispartnern, würde zur Distanz gegenüber dem Staat führen … und die Einbindung der Kirche in das kapitalistische System freilegen. Aber davor haben die Bischöfe Angst. Und so ist der deutsche Katholizismus auch 80 Jahre nach Kriegsbeginn keine Avantgarde des Friedens, der Abrüstung, der Gerechtigkeit unter den Völkern. Das alles überlässt man kleinen Sonderorganisationen wie Pax Christi oder den Hilfswerken, die vor allem eins wollen: Spenden sammeln. Und so ein ruhiges Gewissen beschaffen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

…………….
Literaturhinweise und Empfehlungen:
IN KOOPERATION MIT DEM ÖKUMENISCHEN INSTITUT FÜR FRIEDENSTHEOLOGIE:

1. DIE SEELEN RÜSTEN – Zur Kritik der staatskirchlichen Militärseelsorge.
Herausgegeben von Rainer Schmid, Thomas Nauerth, Matthias-W. Engelke und Peter Bürger. (edition pace 8.) Norderstedt 2019.
[ISBN: 9783749468041; Seitenzahl: 456; zahlreiche farbige Abbildungen; Preis 15,99 Euro].

2. Im Sold der Schlächter – Texte zur Militärseelsorge im Hitlerkrieg.
Herausgegeben von Rainer Schmid, Thomas Nauerth, Matthias-W. Engelke & Peter Bürger.
(edition pace 6). Norderstedt 2019.
[ISBN 9783748101727; Seitenzahl: 440; fünfzehn farbige Abbildungen; Preis 14,99 Euro] https://www.bod.de/buchshop/im-sold-der-schlaechter-9783748101727
(Leseprobe mit Inhaltsverzeichnis oben links abrufbar)
Mit einer Direktbestellung bei BoD fördern Sie die Friedensbibliothek der edition pace; das Werk ist auch überall vor Ort im Buchhandel bestellbar.
BUCHVORSTELLUNG IM NETZ:
https://www.lebenshaus-alb.de/magazin/012393.html

Jahrzehntelang wurden die Abgründe der staatskirchlichen Kriegsbeihilfe 1939-1945 verschleiert. Die vorliegende Dokumentation erschließt Forschungsbeiträge, Quellentexte, Interviews und Kommentare zur Militärseelsorge der beiden großen Kirchen in Hitlers Vernichtungsfeldzug. Die Richtlinien (24.5.1942) fielen denkbar eindeutig aus: „Die Feldseelsorge ist eine dienstliche Einrichtung der Wehrmacht. […] Der siegreiche Ausgang des nationalsozialistischen Freiheitskampfes entscheidet die Zukunft der deutschen Volksgemeinschaft und damit jedes einzelnen Deutschen. Die Wehrmachtseelsorge hat dieser Tatsache eindeutig Rechnung zu tragen.“ Durch die Vermittlung eines neuen Forschungsstandes wird deutlich, wie bereitwillig evangelische wie römisch-katholische Militärseelsorge dieser Vorgabe zur Kollaboration beim Völkermord Folge geleistet haben. Nach Kriegsende warfen auch Soldaten den Militärgeistlichen vor, sie hätten als gutbezahlte Offiziere „im Solde derer gestanden, die uns zur Schlachtbank geführt haben“.
Dieses Buch enthält Beiträge von Christian Arndt, Holger Banse, Dieter Beese, Peter Bürger, Matthias-W. Engelke, Ulrich Finckh, Ulrike Heitmüller, Hartwig Hohnsbein, Herbert Koch, Dietrich Kuessner, Antonia Leugers, Heinrich Missalla, Kristian Stemmler, Erika Richter, Dieter Riesenberger und Martin Röw.
Herausgegeben in Kooperation mit dem Ökumenischen Institut für Friedenstheologie

3. „Gewaltfrei leben“
John Dear: Gewaltfrei leben. Aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler, herausgegeben von Thomas Nauerth (editionpace 7) Norderstedt 2019. ISBN 9783749451791; Seitenzahl: 192; Preis: 8,90 €.
Ohne Portozuschlag direkt bestellbar bei BoD:
https://www.bod.de/buchshop/gewaltfrei-leben-john-dear-9783749451791

Nach dem Sammelband „Ein Mensch des Friedens und der Gewaltfreiheit werden“ (2018) liegt jetzt auch der das Buch „The Nonviolent Life“ des US-amerikanischen Friedenstheologen und gewaltfreiem Aktivisten John Dear unter dem Titel „Gewaltfrei leben“ dank der Übersetzerin Ingrid von Heiseler als deutschsprachige Ausgabe vor.
„Machen wir die aktive Gewaltfreiheit zu unserem Lebensstil.“ Dazu rief Papst Franziskus 2017 in der Botschaft zum Weltfriedenstag auf. Vom „Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens“ spricht der Ökumenische Rat der Kirchen. John Dear übersetzt diese Aufrufe und Appelle in einen dreifachen persönlichen Weg, den jeder und jede zu gehen vermag; er spricht von einer spirituellen Lebensreise, auf der drei Dinge zu lernen sind: Gewaltfreiheit im Umgang mit sich selbst; Gewaltfreiheit im Umgang mit allen Mitmenschen und Gewaltfreiheit leben, indem wir uns der globalen Basisbewegung der Gewaltfreiheit anschließen. „Um Menschen der Gewaltfreiheit zu sein, müssen wir alle drei Dimensionen gleichzeitig praktizieren, denn nur in dem Fall können wir Gewaltfreiheit authentisch ausüben“.
Mit großer Eindringlichkeit, großem Pathos und in unbeirrbarer Hoffnung wirbt Dear für diesen dreifachen Weg: „Das können wir tun. Wir können ein gewaltfreies Leben führen. Wir können Gottes Gabe des Friedens in uns, unter uns und in der Welt willkommen heißen. Wir haben mehr Macht, als wir denken. Wir alle haben die Macht des Gottes des Friedens in uns, wenn wir an diesem Glauben festhalten und ihm gemäß zu handeln wagen. Wir können den Frieden zu unserer Heimat machen und dazu beitragen, dass die Erde für alle in eine Heimat des Friedens verwandelt wird.“
Das Buch ist erwachsen aus Besinnungs- und Einkehrtagen, die John Dear als katholischer Priester und ehemaliger Jesuit, in den letzten Jahren zahlreich gegeben hat. Von daher hat es nicht den Anspruch, ein wissenschaftliches theologisches Werk zu sein. Das kommt der Lesbarkeit sehr zugute. Gleichwohl können nicht nur einfache Christenmenschen, sondern wohl auch Theologen einiges von diesem Buch lernen. Denn es ist ein tief religiöses, ein spirituelles und zugleich ein eminent politisches Buch, das mit einem Gebet eröffnet und abgeschlossen wird. Die Politik wird aber nicht auf der Ebene der Mächtigen gesucht, sondern sie wird im täglichen Einsatz für eine gerechtere und gewaltfreiere Welt, im täglichen Widerstand gegen die herrschenden Mächte gesucht und gefunden. John Dear ist überzeugt, dass wir dabei auch Gott selbst neu entdecken: „Wenn wir Gott in dieser Arbeit für den Frieden entdecken, vertiefen wir unsere spirituellen Wurzeln und finden neue Kraft, Gnade und Hoffnung, unser Leben lang für Gerechtigkeit und Abrüstung zu kämpfen.“
John Dear hat Leser und Leserinnen vor Augen, die nicht alleine lesen. Nach jedem Buchteil finden sich „Fragen als Anstoß für persönliche Überlegungen und für Gespräche in Kleingruppen“. Insofern ist dieses Buch gut geeignet auch für Gemeinden und Gemeinschaften, die sich, wie das in Deutschland heißt, „auf den Weg zu einer Kirche des gerechten Friedens“ begeben haben.
https://www.bod.de/buchshop/gewaltfrei-leben-john-dear-9783749451791

Diese Buchhinweise sind von peter bürger
kiefernstr. 33
d-40233 düsseldorf
phone 0211-678459
mail peter@friedensbilder.de
www.friedensbilder.de
www.sauerlandmundart.de

Katholische Akademien: Orte des freien Austauschs oder nur noch Hüter von Evangelium und katholischer Tradition?

Über die Krise einer etablierten Institution: Wird sie die Freiheit hochschätzen lernen?
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Katholische Akademien gehören, wie der Name sagt, zu einem besonderen „Segment“ der Gesellschaft, sie ziehen schon im Titel gewissermaßen enge Grenzen. Unvorstellbar, welche Lebendigkeit eine katholisch inspirierte, (katholisch im Sinne von „für alle“) Akademie hätte, wenn sie sich etwa „Forum für Sinnfragen“ oder „Agora der Religionen“ nennen und dies auch praktisch einlösen würde. Diese neuen Titel für einen neuen, einen reformierten Geist würden darüber hinaus dem Stand gegenwärtiger theologischer, philosophischer und religionswissenschaftlicher Erkenntnisse entsprechen und sicher auch eine andere Clientele interessieren. Wer hingegen „Innerkirchliches“ erfahren will oder die offizielle Sicht der Bibelinterpretation kennen möchte, kann in den Gemeinden informiert werden.
2.
Eine historisch-kritische Analyse des Titels „Katholische Akademie“ wäre reizvoll, er wurde schon einige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, in Zeiten des „Wiederaufbaus“, erfunden. Reizvoll auch, wenn man ihn mit dem Begriff der Akademie im Sinne Platons und der späteren Rezeption in der Renaissance konfrontieren würde.
3.
Nun findet in der nur für Abonnenten der Wochenzeitung „Die Zeit“ zugänglichen Wochenzeitung „Christ und Welt“ eine Diskussion statt über die Frage: Welche Rolle spielen eigentlich die 23 in Deutschland vertretenen, im Titel, wie gesagt, auf Identität und Kirchlichkeit abhebenden „Katholischen Akademien“? Sind sie in der Krise, sind sie vielleicht doch kreativ und provokativ? So wird zu recht, von Patrick Schwartz, dem geschäftsführenden Redakteur der ZEIT, in einem Beitrag gefragt.
4.
Diese Debatte ist kein marginales Sonderthema. Sondern es bewegt doch viele, die sich mit dem geistigen Leben und der Kommunikation von Menschen unterschiedlicher Lebenswelten in der Großstadt, etwa in Hamburg oder Berlin, befassen. Und dringend Orte des vorbehaltlosen, offenen intellektuellen Austauschs, des Dialogs, wichtig finden. Dass nicht nur ich diese großen (katholischen) Akademien mit den fast immer üblichen Frontal-Vorträgen vor einem Publikum von 50 bis 100 Personen für überholt halte, hinsichtlich des Lernerfolges oder wichtiger noch der Kommunikation aller, ist ein anderes Thema. Es wäre wohl sinnvoller, die Teilnehmer lesen zwei Seiten eines Statements vorher zuhause und treten dann ins Gespräch mit dem „Spezialisten“. Aber nein: Da setzen sich hingegen mehrheitlich ältere Herrschaften in einen großen Saal und lauschen eine gute Stunde dem manchmal nicht leicht nachvollziehbaren Vortrag und dürfen dann zum Schluss einige Fragen an den Referenten stellen: Das ist Erwachsenenbildung auf dem Stand von 1960. Und dies in der üblichen hierarchischen Sitzordnung: Die zu Belehrenden schauen nach vorn auf den Herrn, die Dame, den Lehrer. Warum nicht ein egalitäre Kreis-Runde? Erst bei einem Glase Wein „danach“ lernt man sich etwas kennen und spricht miteinander. Dieses Miteinander war ja eine Grundidee der Akademie Platons.
5.
Ich meine: Viele kleine philosophisch – theologische Salons über die Stadt verstreut, wären für die Kommunikation in den so oft zu recht beschriebenen „anonymen“ Lebensverhältnissen der Großstadt hilfreicher und wichtiger. Diese vielen Gespächs-Salons, selbstverständlich außerhalb der Kirchengemeinden organisiert, könnten in Kunstgalerien, Bibliotheken, Cafés ein Zuhause finden und ein weites, auch junges Publikum interessieren.
6.
Aber die Kirche setzt nun immer noch auf repräsentative Macht, die sich in großen Gebäuden äußert, die dann im Unterhalt so teuer werden, dass man die Räume permanent an wohlhabende Kreise aus Politik und Wirtschaft vermieten muss. Es gibt tatsächlich im deutschsprachigen Raum 26 Katholische Akademien, von den jeweils eine in Italien, Österreich und der Schweiz sich befindet.

Ich sehe in den Beiträgen von „Christ und Welt“ zum Thema Katholische Akademien keine exakten Informationen: Wie viele Teilnehmer hat etwa pro Jahr hat die Katholische Akademie in Berlin oder Hamburg? Was lässt sich über den Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen sagen? Wie viele „junge Leute“, zwischen 25 und 40, nehmen an den Veranstaltungen teil? Macht man entsprechende Umfragen unter den TeilnehmerInnen? Und vor allem: Wie hoch ist der Etat einer katholischen Akademie, etwa in Berlin. Wie viel Geld kommt vom Staat? Darüber gibt die jährliche Finanzstatistik des Erzbistums Berlin explizit keine Auskunft, was der Pressereferent des Erzbistums bestätigt und auf Nachfrage darauf verweist, diese Akademie sei ein „e.V“. Wer finanziert also diese katholische Akademie? Und wie hoch ist der Jahresetat? Und vor allem: Ist die Differenz zwischen finanziellem „Input“ und auf Teilnehmer bezogenem Output ökonomisch und moralisch vertretbar?
7.
In der Ausgabe von „Christ und Welt“ vom 25.Juli 2019 stellen die Direktoren der Katholischen Akademien in Hamburg und Berlin ihre theologischen Grundlagen, ihr Konzept, vor. Während Stephan Loos, der Hamburger Akademie Direktor, voller Elan und Mut für die offenen „Spielräume“ eintritt, die diese Akademie lebt bis hin zum „kritischen Dialog“ auch über Themen, die für die Kirchenführung unbequem sein könnten: Er nennt das Beispiel der Homosexuellen in der katholischen Kirche, er spricht explizit von einer „Schmerzgrenze“, meint wohl auch die Abweisung etwa von Segnungen homosexueller Paare/Ehepaare. Tiere, Handys und Autos werden bekanntlich katholischerseits feierlich von Priestern öffentlich gesegnet. Das bringt mehr Freude im populären kleinbürgerlichen Milieu als die Segnung von „Homo-Ehen“. Es ist für einen Protestanten ein erfreuliches Signal, wenn Stephan Loos der „Freiheit den Vorrang“ gibt in seiner Arbeit.
8.
Ganz anders empfinde ich als – vom Studium her – katholischer Theologe und Journalist die Ausführungen des Berliner Akademiedirektors Joachim Hake. Er hat nach dem Übergang seiner Gattin Susanna Schmidt ins CDU geleitete Bildungsministerium (Schavan-Connection) sozusagen in familiärer Fortsetzung im Jahr 2007 die Leitung der Berliner Akademie übernommen. Aber diese „Kontinuität“ ist ein anderes schon früher diskutiertes Thema.
Mein Gesamteindruck des Beitrags von Joachim Hake Beitrag in „Christ und Welt“ ist: Katholische Akademien sind für ihn „keine Kanzeln für Vordenker“, haben also nicht den Ehrgeiz, Neues, Kritisches, Provokatives zu sagen. Freiheit zuerst, wie sein aufgeschlossener Hamburger Kollege sagt, ist bei Hake also nicht so zentral. Hingegen bei ihm immer wieder der Hinweis auf das Katholische, „die Kirche“ (also die Amtskirche), die Tradition. Das Wort Ökumene habe ich in seinem Beitrag nicht gelesen, auch zum interreligiösen Dialog keine Hinweise, geschweige denn von einem Hinweis auf Veranstaltungen mit und für die „Unkirchlichen“, die bekanntlich in Berlin 60 % der Bevölkerung darstellen.
Hake spricht kryptisch von Ambiguitätstoleranz, also wohl von der Überzeugung, dass so eindeutig klar die Lehren der Kirche und ihrer Tradition doch nicht sind. Er will also „Ambilvalenzen und Widersprüche“ bloß aushalten. Bloß welche Widersprüche genau? Etwa dass das Zölibatsgesetz existiert, aber dass sich so wenige daran halten können und wollen? Mit anderen Worten: Hake will sich nicht positionieren. Er will das Image (gibt es noch ein gutes?) der Amtskirche pflegen. Diese vorgebliche Neutralität dient aber letzlich immer dem Erhalt der bestehenden Herrschaftsstrukturen, das gilt allgemein, aber auch für die Kirche.
9.
Man sehe sich deswegen einmal das Programm der Katholischen Akademie in Berlin an. Das kontrastreich andere, bessere Programm in Hamburg oder im „Haus am Dom“ in Franfurt am Main, sollte man selbst im Internet aufrufen.

Ich will nur erinnern: Im Berliner Programm für den Rest des Jahres 2019 stehen Kirchenführungen in Berlin und Leipzig zahlenmäßig im Mittelpunkt. Ich frage mich als gebürtiger Berliner, der einst, noch als Katholik, alle diese doch eher schlichten Kirchengebäude besucht hat: Was ist denn an diesen Kirchenbauten aus dem Ende des 19. Jahrhunderts oder Beginn des 20. Jahrhunderts so bemerkenswert, etwa an der eher an einen Kitschpalast erinnernden St. Ludwigskirche. Interessanterweise findet in der katholischen Akademie allen Ernstes eine Tagung statt über den „Kirchbau im faschistischen Italien“. Ob Innenminister Minister Salvini, der von vielen, sicher richtig, als Faschist eingeschätzt wird, dabei sein wird, ist wohl noch unklar. Dann aber bitte auch gleich auf europäischer Ebene fortfahren und etwa die Kirchenbauten des faschistischen Generalissimo Franco, auch sein von ihm und für ihnbestimmtes Kirchen-Mausoleum, studieren. Also, im Ernst, Architektur des Faschismus in den kommenden Monaten in der katholischen Akademie Berlin. Nichts aber auch gar nichts ist bis heute (27.7.2019) zur Ökologie angekündigt… Kann ja noch kommen, wenn sich die Katholische Akademie mit den jungen Leuten in Berlin und Brandenburg von „Fridays for future“ solidarisiert und diese in ihre Räume einlädt. Davon habe ich kürzlich geträumt: Alte Katholken treffen sehr lebendige, besorgte Jugendliche! War aber ein Traum.

Auch über die St. Hedwigskathedrale in Berlin wurde 2019 diskutiert, aber nicht über den leider gescheiterten Widerstand gegen diesen sinnlosen und umstrittenen Umbau, der 60 Millionen Euro, auch von Steuermitteln, verschlingen wird. Nein, die Tagung handelte von der Gestalt der Kathedrale im 19. Jahrhundert.Wie aktuell.
Man könnte das alles lang und breit belegen: Über die großen drängenden Themen der Menschen in Berlin wird nicht oder kaum gesprochen: Über das Wohnen und Mieten; über den zunehmenden Rechtradikalismus oder über die weithin gescheiterte und etwas gelungene Integration der Flüchtlinge in Berlin, nichts über das aktuelle Europa, das zusieht, wie aufgrund eigener Politik, von C- Parteien auch betrieben, Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken. Ich finde es bezeichnend, dass die katholische Akademie Berlin im Umfeld der Wahlen zum Europa Parlament nicht etwa eine Tagung über die aktuellen Bemühungen der Kirchen in Brüssel machte oder wichtiger noch über die rechtsradikale ultra-katholische Position der PIS Regierung in Polen oder über das Schweigen der Bischöfe Ungarns zur rassistischen Politik des Herrn Orban… Nein, nichts davon: Man macht in Berlin, als würde man auf dem Monte Cassino leben, zur Europa-Wahl eine Tagung über den Schutzpatron Europas, den Heiligen Benedikt und seinen Orden. Nebenbei: Über Afrika, Lateinamerika und Asien, selbst über die dortigen Kirchen dort, finden fast gar keine Veranstaltungen stattt.
Diese katholische Akademie in der (tatsächlichen) WELTSTADT Berlin igelt sich förmlich ein, mit der Pflege des altvertrauten Milieus. Man macht also brav Tagungen über Fontane oder Thomas Mann, bedenkt die Aktualität ungarischer Melancholie-Forschung oder die Ewigkeit im Alltag, sowie die Höllenfurcht im Islam. So tatsächlich die Themen der Katholischen Akademie in Berlin in den letzten Monaten. Traditionalistischer, also bewusstes Ignorieren dessen, was den Menschen auf den Fingern oder in der Seele brennt, kann man sich das kaum denken. Ich warte förmlich, dies als sanfte Ironie, auf eine Tagung über den heiligen Papst Pius X. oder die Aktualität der Seherkinder von Fatima.
Eigentlich hätte selbst diese zahlenmäßig kleine, immer aber ängstliche und theologisch ohnehin phantasielose katholische Kirche in Berlin etwas Besseres verdient als diese Akademie, um der Stadt, der Menschen willen. Warum macht man nicht eine gemeinsame christliche Akademie? Warum noch dieser Konfessionalismus?
Dieser enge Geist ist erstickend. Auch deswegen treten Jahr für Jahr Katholiken in Berlin aus dieser letztlich traditionalistischen Kirche aus.
10.
Eine katholische Akademie, die nicht Partei ergreift für die aktuellen Fragen der Menschen in Berlin und darüber hinaus, wird zum Hort des Esoterischen. Sie ist letztlich belanglos. Und überlebt langfristig nur, wenn sie ihre Räumlichkeit „fremd vermietet“. So können wenigstens die guten Gehälter der Angestellten bezahlt werden…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Den Zölibat abschaffen. Hubert Wolf schreibt 16 Thesen über den Zölibat: Die sexuelle Liebe und die Ehe sind verboten.

Das neue Buch von Hubert Wolf „Zölibat. 16 Thesen“

Ein Hinweis von Christian Modehn. Dieser Text fiel etwas länger aus, weil auf grundsätzliche, aber kaum diskutierte Probleme hingewiesen werden musste.

Und dem Text ist ein Motto vorangestellt, von Christian Pfeiffer, Kriminologe, der den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Deutschlands untersuchen sollte, aber wegen eines Konflikts mit den alles bestimmenden Bischöfen seine Arbeit beendete. Er sagt:
Das Verbieten von Sexualität (für Priester) ist ein Grundfehler und hat massiv zum Missbrauch beigetragen. Die ständige Lüge von der Enthaltsamkeit vergiftet die Kirche von innen her“. (Die ZEIT, 17.4.2019, Seite 48).Und weiter: „Nirgends wurde bislang nur ansatzweise eine solch hohe Quote mutmaßlicher Täter erreicht wie Priestern“. (ebd.).

Wie schon oft gesagt: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie muss sich auch mit dem realen Zustand der Religionen und Kirchen heute befassen, um zu erkennen, zu welchen Verirrungen auch Religionen/Kirchen neigen. Das Zölibatsgesetz für Priester in der römischen Kirche ist dafür ein heftiges Beispiel. Es ist ein Symbol für Herrschaft des Klerus, Engstirnigkeit und vor allem: Bindung an ein Weltbild, das spätestens mit der Aufklärung überwunden wurde.

Über das Zölibatsgesetz für den römisch-katholischen Klerus und die Ordensleute dieser Kirche sind nach meinem theologischen Gefühl mindestens 100 Bücher in den letzten 50 Jahren erschienen. Wenn diese Bücher dem Anspruch kritischer Wissenschaft verpflichtet sind, heißt ihr eindeutiges Urteil: Das Zölibatsgesetz ist kein „ewiges“ Dogma der Kirche. Es könnte deswegen im Grunde sofort aufgehoben werden, durch einen Papst, der noch Mut hat und Verantwortung für die Zukunft dieser Kirche kennt. Und keine Angst hat vor den Cliquen der Kardinäle, der offiziellen, aber nicht immer auch faktischen Zölibatsfreunde, die den Vatikan beherrschen.
Aber die Abschaffung des Zölibates geschieht nicht, obwohl Umfragen zeigen: Die so genannten Laien wollen gern mehrheitlich verheiratete Priester in ihren Gemeinden erleben. Warum wird dieses Zölibatsgesetz nicht rigoros und sofort abgeschafft? Weil für den zölibatären Klerus als den Herrschern über diese Kirche der Zölibat als eine angebliche „Wesenseigenschaft“ ihrer Kirche erscheint. Und weil diese Herren selbst vom Zölibat als ihrer angeblich herausragenden Lebensform gegenüber dem Plebs, dem Volk Gottes, also den Laien, profitieren. Auch finanziell, und vom Lebensstil her. Sie haben eine extravagante Sonderrolle und profitierten, mindestens bis jetzt, etwa von der eigenen Rechtssprechung der Kirche, die sie, bis vor kurzem noch, von staatlicher Bestrafung im Falle von sexuellem Missbrauch befreite. Als „ehrwürdige Patres und hochwürdige Pfarrer“, mit demütigem Knicks ängstlich verehrt, und als Eminenzen und Exzellenzen mit dem Kuss des Ringes, dem so genannten „anulus (!) pontificalis“, förmlich ins Himmlische gehoben.

Der bekannte und vielfach prämierte Kirchenhistoriker Hubert Wolf, katholischer Priester und auch Mitglied im offiziellen „Zentralkomitee der deutschen Katholiken“, (ZdK), ist Professor an der theologischen Fakultät der Universität Münster, er legt jetzt in 16 Thesen noch einmal auf knappen 190 Seiten die alte Erkenntnis dar: Das Zölibatsgesetz könnte abgeschafft werden. Es ist nicht teil der „göttlichen Offenbarung“ Jesu Christi, sondern Menschenwerk, d.h. für diese Kirche eben immer: Kleruswerk. Dieses Gesetz stört nicht nur die weitere Entwicklung der Gemeinden, die immer mehr mit dem Mangel an zölibatär lebendem Klerus konfrontiert sind, sondern vor allem: Weil das Zölibatsgesetz für die betreffenden Priester meistens wie ein zwanghaftes Korsett wirkt, das eine normale seelische Entwicklung der Betroffenen meistens verhindert.
Vieles, was Hubert Wolf schreibt, ist also bekannt und wie gesagt, tausendmal ergebnislos gegenüber der allmächtigen Zentralgewalt im Vatikan vorgebracht worden. Wichtig ist in Hubert Wolfs Studie die umfangreiche historische Dokumentation zum Thema, auch dadurch wird das Buch besonders lesenswert. Tatsache ist: Selbst einzelne Bischöfe sind offiziell gegen das Zölibatsgesetz, aber dieses ihr „mutige“ Geplaudere ist wirkungslos. Sollten sie doch selbst heiraten und mit gutem Beispiel vorangehen. Macht aber niemand dieser „Mutigen“, die finanzielle großartige Versorgung ist wichtiger als die theologische Ereknntnis…

Der Reiz dieses Buches sind, wie gesagt, die vielen historischen Details zum Thema: Treffend für heute zitiert der Autor den einflussreichen Kurien Kardinal Lazzaro Opizio Pallavicini aus dem Jahre 1783: „Wenn man den Geistlichen die Ehe gestattet, so ist die römisch-päpstliche Hierarchie zerstört, das Ansehen und die Hoheit des römischen Bischofs verloren; denn verheiratete Geistliche werden durch das Band mit Weibern und Kindern an den Staat gefesselt, hören auf, Anhänger des römischen Stuhls zu sein“ (S. 146).
Hubert Wolf sagt es mit seinen treffllichen Worten: “Der Zölibat ermögliche die Sozialkontrolle, und die Priester könnten von den Bischöfen „wie Figuren auf dem kirchlichen Schachbrett“ hin und her geschoben werden“ (ebd.).
Interessant ist auch, dass noch im 19. Jahrhundert Priester, die homosexuelle Handlungen begangen hatten oder sexuellen Missbrauch an Kindern, Knaben, getan hatten, in so genannte kirchliche „Korrektionshäuser“ verbracht wurden, auch „Demeritenhäuser“ genannt, also so genannte „Priestergefängnisse“ der Kirche, so wurden sie vor der Justiz des Staates entzogen (S. 129).
Die 16 Thesen gegen das Zölibatsgesetz sind klar formuliert und einleuchtend, sie könnten Pflichtlektüre in allen Gemeindekreisen und Priesterkonferenzen werden. Der Verlag oder der Autor sollten so großzügig sein und jedem deutschsprachigen Bischof das Buch zusenden.
Meine Kritik: Ich hätte mir noch ein paar weitere Thesen gewünscht:
Etwas ausführlicher zu den „Priesterkindern“ (und den Priester-Freundinnen), die ihr Leben lang unter der Verschwiegenheit gelitten haben, weil sie kaum öffentlich bekennen konnten: „Mein Vater ist ein Pater“ oder: „Mein „Mann steht sonntags am Altar“. Man hätte sich nur umsehen müssen, etwa unter den Krankenhausseelsorgern der siebziger Jahre: Da waren doch viele Väter als Patres tätig. Selbst der berühmte Jesuit Rupert Lay, einst Philosophie Professor an der Hochschule Sankt Georgen und anerkannter Autor zahlreicher theologischer und philosophischer Studien, hat 1996 in einem Beitrag für die Wochenzeitung „Die Zeit“ gestanden, einen Sohn, Rupert Dietrich, zu haben, „mein Mündel“, wie der Jesuit sagte. Pater Rupert Lay ist bis heute Mitglied des Jesuitenordens, er wohnt aber „wonders“, wie die Website des Ignatiushauses der Jesuiten in Frankfurt am Main lapidar mitteilt. Es ist also möglich, als Priester zu zeugen und trotzdem Priester und Mitglied einer Ordensgemeinschaft zu bleiben. Das ist doch eine erstaunliche Liberalität…Wie es auch viele Witwer, ehemalige Priester, gibt, die nun nach dem Tod der Gattin wieder als Priester arbeiten dürfen. Die Phase ihrer „sexuellen Verunreinigung durch den Verkehr mit Frauen und den Samenerguß“, ist ja nun wohl vorbei, um einmal die klassische Begrifflichkeit der Kirche zu zitieren, über die auch Hubert Wolf kritisch schreibt.
Inzwischen haben sich die französischen Bischöfe im Juni 2019 zum ersten Mal mit „Priesterkindern“ ganz offiziell getroffen. Deren Organisation hat etwa 70 Mitglieder, aber die Anzahl der Betroffenen liegt bei mindestens 1000. Die katholische Tageszeitung La Croix und France Culture berichteten darüber. In Deutschland hätte sich doch wenigstens die Nachfrage gelohnt, wie viele tausend Euros Alimente die Bistümer und Ordensgemeinschaften jährlich zahlten oder zahlen.
Ich hätte mir mehr empirische Belege gewünscht: Etwa zur Tatsache, dass, nach etlichen Berichten von Theologen in Lateinamerika, behauptet wird. Die (Welt)Priester seien de facto verheiratet. Prima, denke ich. Und die Gemeinden sind wohl glücklich! Über den Begriff und die tatsächliche Bedeutung der „Haushälterin“ von Pfarrern wäre auch historisch – kritisch nachzudenken. In München wurde etwa in den siebziger Jahren ein bekannter „Stadtpfarrer“, der Jahre lang mit seiner Freundin im Pfarrhaus bekanntermaßen zusammenlebte (und nebenbei noch eine Haushälterin hatte), sogar noch mit dem Titel „Dekan“ und „Geistlicher Rat“ ausgezeichnet. Welche Anerkennung!

Noch einmal zum Buch selbst: Ich hätte mir mehr also tatsächlich empirische Belege gewünscht, auch für das seelische Leiden der zölibatären Priester, etwa im Rahmen einer Alkoholerkrankung, die etwa den Klerus in Polen heftig betrifft.
Ich hätte mir mehr Informationen gewünscht, wie durch die Krankheit AIDS viele hundert Priester in Europa und den USA gestorben sind. Die Zeitung „The Star“ in Kansas City hatte z.B. im Januar 2000 berichtet, dass „hunderte katholischer Priester in den USA in aller Stille“, so wörtlich, „an AIDS gestorben sind“. „Hohe Würdenträger der amerikanischen Katholiken bestritten die Ergebnisse nicht. Es zeige, dass Priester auch nur Menschen sind, deute allerdings auf schwere Versäumnisse bei der Sexualerziehung der Priester hin, hieß es“. Wenn Priester aber auch „nur Menschen sind“, warum verbietet man ihnen dann die Sexualität, und im Falle von AIDS, die selbstverständliche Verwendung von Kondomen. Wie viele Priestet könnten noch leben, hätten sie Kondome verwenden wollen und dürfen…

Selbst wenn in absehbarer Zeit das Zölibatsgesetz aufgehoben wird: Wie geht man dann mit den Priestern um, die nicht heiraten wollen, sich also nicht mit einer Frau verheiraten wollen? Einige wenige werden sicher als besonders begabte Zölibatäre gelten können. Aber die anderen: Sie werden, zumal die jüngeren Priester, als homosexuell gelten, was nach neuesten Schätzungen sicher zutrifft: Mehr als 50 Prozent des jüngeren Klerus sind homosexuell. Wird der Vatikan ihnen auch die Homo-Ehe erlauben? Das wäre ja großartig, ist aber eher ein Thema etwa fürs Jahr 2200.

Noch viel wichtiger ist das theologische Argument, ob man diese Gestalt der Priester, ob zölibatär oder nicht, überhaupt für eine christliche Gemeinde braucht. Priester bleiben immer in diesem Denken „Mittlerwesen“ zwischen Gott und den Menschen. Sie sind die angeblich einzig kompetenten Mittler, die Brot und Wein auf „wunderbare Weise“ in den Leib und das Blut Christi verwandeln. Das zeichnet sie aus, ob zölibatür oder nicht. Aber ist diese merkwürdige, vernünftig kaum noch vermittelbare Funktion des „Irdisches in Göttliches wandelnden Priesters“ theologisch und biblisch notwendig? Nur wenn man in diesen Kategorien denkt, bleibt auch die Eucharistiefeier, wie ständig vom Klerus und seinen Dienern eingehämmert, „absoluter Mittelpunkt der Gemeinde“. Man macht die Eucharistiefeier absolut wichtig, um an der absoluten Bedeutung des Priesters festhalten zu können. Darüber sollte doch mal diskutiert werden!
Sollten nicht heute dringend anstelle der ewig gleichen Gestalt der Messe (überall die gleiche, z.T.langweilige Form in unverständlicher Floskel-Sprache des Mittelalters) neue Formen der religiösen Zusammenkunft, „Gottesdienst“, praktiziert werden: Gespräche ohne hierarchische Führung, Meditationen, Austausch, Musik, Tanz, Lektüre der Bibel und anderer humaner (religiöser) Texte… und eben auch manchmal das Teilen von Brot und Wein als Ausdruck dafür, dass Menschen vom Teilen wesentlich leben. Welch eine politische Deutlichkeit würde davon ausgehen. Diese Fixierung auf die absolute Bedeutung der „wandelnden“ Eucharistie stärkt nur die Rolle des Priesters, ob zölibatär oder nicht. Diese Fixierung auf die herausragende Rolle des Priesters verhindert das wirkich gelebte allgemeine Priestertum aller Glaubenden und aller Menschen. Leiter der Gottesdienste können prinzipiell alle werden, eine gewisse theologische Kompetenz und psychologische Bildung vorausgesetzt. Da würde Kreativität wieder in die christlichen Gemeinden einziehen und viele würden sich angesprochen fühlen, weil es in diesen Feiern tatsächlich um ihr Leben geht und nicht um die Teilnahme, das Absolvieren, an einer fernen Floskelsprache, die entstanden ist, weil man wortwörtlich aus dem Lateinischen die Gebete und Sprüche in die jeweilige Landessprache übersetzt hat.

Früher hatte doch mal ein kluger Theologe den richtigen Satz formuliert: „Salus animarum suprema lex“, d.h. „Das Heil der Seelen, der Menschen, ist das oberste Gebot für die Kirche“.
Angesichts des fortbestehenden Zölibatsgesetzes wird dieses oberste Gesetz der Kirche von den Herrschern dieser Kirche absolut missachtet. Dies eine Schande zu nennen, sollte normal sein unter Theologen, die das Prädikat kritisch noch für sich gelten lassen. Mit anderen Worten: Wenn hoffentlich alsbald eine 2. Auflage des Buches des Priesters und Theologen Hubert Wolf erscheint, wünsche ich mir noch mehr kritische und angesichts des nun offenkundigen Zölibats-Gesetz-Unsinns (Wahns) noch mehr Deutlichkeit. Es gilt einen Wahn zu kritisieren, von einer Krankheit zu befreien…
Die Welt hat, nebenbei gesagt, ganz andere Probleme…

PS.
1. Man muss kein Eugen-Drewermann-Fan sein, aber erstaunlich ist: Hubert Wolf zitiert und bearbeitet nicht die große Drewermann Studie „Kleriker. Psychogramm eines Ideals“ (1989). Diese Nichtbeachtung Drewermanns ist ein Fehler meines Erachtens.
2. Viele Reaktionäre sagen: „Aber das Zölibatsgesetz wird doch freiwillig übernommen“. Dem Anschein nach stimmt das. Aber: Wer tatsächlich Priester werden will als wirkliche Berufung, MUSS das Gesetz übernehmen. Es gibt keinen anderen Weg. Dies ist eine Einschränkung des Menschenrechts der freien Berufswahl.

Hubert Wolf, „Zölibat. 16 Thesen“, 190 Seiten. C.H.Beck Verlag München. 2019. 14,95 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Volksreligionen kritisieren: Über David Hume anläßlich seines Todestages am 25.8.1776

David Hume und die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
David Hume, schreibt der Philosoph Friedo Ricken, „ist der heute in der angelsächsischen Philosophie wahrscheinlich einflussreichste Klassiker der Religionskritik“ (F. Ricken, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, 2003, S. 233). In Deutschland, so mein Eindruck, hat der schottische Philosoph David Hume (7.5. 1711 – 25.8.1776) keine allgemeine Bekanntheit oder Würdigung in „breiteren Kreisen“ gefunden. Vielleicht findet er neue Aufmerksamkeit, weil wieder stärker die Arbeiten seines Freundes Adam Smith, Philosoph und Ökonom, beachtet werden. Bestenfalls kennt man heute Hume als Vertreter des „Empirismus“, der gegen die Metaphysik alles Erkennen auf den Bereich des sinnlich Erfahrbaren begrenzte; einmal abgesehen davon, dass Hume auch als Historiker sowie als Botschaftssekretär in Paris (1763 bis 1765) und Gast der dortigen Salons von Holbach und Diderot zu würdigen ist.
2.
Nebenbei: Gegen die Metaphysik zu rebellieren ist ein hervorstechendes Kennzeichen angelsächsischer Philosophen, Das Erleben der realen Macht der Kirche und ihrer Dogmenwelten war sicher ein dauernder Impuls für den empiristisch denkenden Philosophen David Hume. Kant hat sich mit der Erkenntnistheorie Humes kritisch auseinandergesetzt.
3.
Religionsphilosophisch besonders wichtig sind die beiden Werke „Dialoge über natürliche Religion“ (posthum, 1779) und „Die Naturgeschichte der Religion“ (1757). Die „Dialoge“ sind ein kontroverser theologischer Disput (nach dem Vorbild Ciceros „de natura Deorum“).
Wenn man „Die Naturgeschichte der Religion“ in den Mittelpunkt stellt, dann fällt auf, wie Hume die philosophische Deutung der Religion von der geschichtlichen Entwicklung religiöser Praxis abhängig macht. Weil die Menschen Furcht und Angst in einer bedrohlichen Welt hatten, entstanden Religionen, so meint er, und zwar zuerst in den Gestalten des Polytheismus. Der Monotheismus ist für Hume eine spätere Erscheinung. Auch Religionswissenschaftler haben sich mit dieser historisch wohl zutreffenden Deutung befasst.
Philosophisch bzw. sogar auch theologisch ist in dem Buch das Kapitel über „Aberglaube und Schwärmerei“ besonders interessant, das Buch enthält auch Kapitel über die „Unsterblichkeit der Seele“ und den „Selbstmord“.
3.
Einige Erkenntnisse aus dem Aufsatz „Aberglaube und Schwärmerei“ sind nach wie aktuell. Polytheismus ist für Hume vor allem Aberglaube. Bemerkenswert ist, dass Hume meint, auch diesen Glauben habe „der göttliche Werkmeister seinem Werk (also den Menschen) eingeprägt“. Denn, so meint er, eine „unsichtbare, intelligente Macht gibt es in der Welt“: Diese intelligente Macht ist also auch die Ursache für Aberglaube/Polytheismus, aber auch die Ursache für den Monotheismus. Und auch für den von Hume geschätzten, allein philosophisch erzeugten „Vernunftglauben“. Er nennt diesen auch „natürliche Religion“, die unabhängig von jeder Offenbarung gedacht werden kann.
Es gibt also für Hume einen volkstümlichen Theismus (Monotheismus) UND darüber hinaus einen wertvolleren, philosophisch reflektierten Theismus der Vernunftreligion. Diese Vernunftreligion sieht in den Ereignissen der Natur eben nicht göttliche Kräfte am Wirken; sie erklärt vielmehr alles ohne einen Wunderbegriff, also allein aus natürlichen Ursachen: Deswegen werden philosophisch reflektierte Anhänger der Vernunftreligion verachtet, und vom Volk und der Kirche als Ungläubige behandelt.
4.
Den populären, also unreflektierten Theismus hält Hume sogar für gefährlicher als den alten Polytheismus. Er nennt die Fehlformen des von absoluter Wahrheit besessenen Theismus: Intoleranz, Gewalt, Menschenopfer. Den Polytheismus deutet Hume dann doch vergleichsweise eher positiv: Er führe zu Mut und Freiheitsliebe. Ob das historisch gesehen korrekt ist, bleibt sehr die Frage. Auch heutige Philosophen wie Odo Marquard haben Lobeshymnen auf den Polytheismus angestimmt. Und rechte bzw. rechtsextreme Ideologen geben sich gern als Freunde des Polytheismus und Feinde des angeblich nur intoleranten Monotheismus aus, wie etwa Ideologen der Nouvelle Droite in Frankreich. Insofern wirken jedenfalls die ziemlich pauschalen Polytheismus-Thesen Humes bis heute weiter.
5.
Hume meint: Nur eine kleine Gruppe von Menschen wird sich jemals aus den Verirrungen der populären monotheistischen Religionen befreien können. Es ist die Philosophie als Skepsis, die die verirrten Menschen aus der heillosen Populärreligion befreien kann; etwa dann, wenn sich Menschen in ihrem religiösen Wahn gar nicht an Gott binden, sondern an Zwischenwesen, also Heilige, die sie als Schutzgottheiten (also dann doch wieder in polytheistischer Haltung) verehren.
Die Kritik der theistischen Volksreligion (auch und gerade innerhalb des Christentums und der Kirchen) ist sicher ein Thema, das im Zusammenhang von Hume weiter diskutiert werden sollte. Es sollte also der immer noch stark vorhandene populäre Glaube an Wunder diskutiert werden, also über die Meinung, Gott könne Naturgesetze für einzelne besonders Fromme wunderbar durchbrechen. Und als könnte „die Gottesmutter und Jungfrau Maria“ vom Himmel herabschweben und in zu Menschen sprechen, wie in Fatima oder Lourdes immer noch geglaubt wird.
6.
Und dann wäre zu erörtern, ob philosophisches Welt- und Selbstverstehen jemals ohne das eine und einzige vertretbare Wunder auskommen kann, das sich in dem Erstaunen äußert: „Dass überhaupt etwas ist und nicht nichts“. Dieses ist wohl das einzige Wunder, das Gültigkeit hat. Alle anderen so genannten Wunder sind bestimmte Formen des Volksglaubens, auf die aber viele Menschen einfach nicht verzichten können und wollen, weil sie meinen, in dem Volksglauben bzw. Aberglauben inneren Halt zu finden. Ob man diese die Betroffenen von dieser subjektiven Überzeugung des volkstümlichen Glaubens argumentativ befreien kann und dann auch befreien sollte, ist eine offene Frage. Wahrscheinlich haben sogar die kritischsten Anhänger eines Vernunftglaubens noch einen Restbestand an Volksglauben in sich, und sei es die Beschäftigung mit Astrologie oder Homöopathie usw.
7.
Was Vernunftglauben heute aktuell und neu formuliert bedeuten kann, ist eine aktuelle Herausforderung der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Den alten Vorwurf des „trockenen und abstrakten Begriffssystems“ wird der neue Vernunftglaube überwinden müssen. Der neue Vernunftglaube könnte angesichts des Niedergangs der konfessionellen Kirchen in Europa eine neue Ökumene religiöser und explizit christlicher Menschen erzeugen; dieser Vernunftglaube würde die auch sich stets weiter entwickelnden Menschenrechte in seinen „Grundbestand“ aufnehmen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

„Paradies Glaube“ – Zum Film von Ulrich Seidl

„Paradies Glaube“: Ein Film von Ulrich Seidl.

Einige theologische und philosophische Hinweise zu einem wichtigen Film von Ulrich Seidl
Von Christian Modehn.

Am 14. Juli 2019 wurde im Ersten um 0.30 Uhr noch einmal der Film „Paradies Glaube“ von Ulrich Seidl gesendet. Wer den Film nicht gesehen hat oder noch anderweitig sehen will: Hier ein theologischer Kommentar zu dem wichtigen Film, verfasst schon 2012, aber immer noch aktuell … und gültig.  
Mit der Verirrungen eines fundamentalistischen, d.h. unkritisch gelebten christlichen Glaubens müssen sich religionsphilosophisch Interessierte intensiv befassen, man denke -etwa 2012 – auch an die Ausstellung der Leiche des umstrittenen Paters Pio (er hatte angeblich die Wundmale Jesu an seinen Händen) im Petersdom.

Über den 2. Teil der Trilogie „Liebe – Glaube – Hoffnung“  des österreichischen Filmemachers Ulrich Seidl ist viel geschrieben worden. Leider hat man den Film „Paradies Glaube“ oft den schwächsten der drei Filme genannt. Das mag auf das Gesamtwerk Seidls bezogen eigens geprüft werden wie auch auf die Regieleistung in diesem Film selbst.

Der Religionsphilosophische Salon ist jedoch der Meinung, dass der Film sehr wichtig und sehr inspirierend ist, weil er keineswegs nur eine marginale oder gar nur konstruierte, sozusagen imaginäre katholische (Film) Welt zeigt. „Paradies Glaube“ ist alles andere als eine unterhaltsame Satire. Maria Hofstätter spielt als aufdringlich missionarisch werbende und total katholischer Frömmigkeit hingegebene Anna Maria keineswegs eine „religiöse Irrläuferin“ einer monströsen und unwirklichen Glaubenshaltung. Für sie ist ihre extreme Form katholischer Frömmigkeit, mit einer Art erotischen Bindung an das Kreuz und den Corpus des toten Christus,  wichtiger als die liebevolle Verbindung mit ihrem schwer kranken Ehemann. Religiöser Glaube ist wichtiger als Menschlichkeit: Man möchte sagen, das ist ein typisches Krankheitssyndrom, bis heute in unterschiedlichen fundamentalistischen Kreisen verbreitet: In den so genannten Sekten wie in evangelikalen Gruppen oder katholischen neo-katechumenalen Gemeinschaften usw.

Anna Maria ist in Wien förmlich getrieben von dem Gedanken, eine Marienstatue in die Wohnungen ihrer Meinung nach besonders ungläubiger Menschen zu bringen. Sie drängt den Menschen diese in Dutzendware produzierte Marien- Figur förmlich auf. Denn sie ist überzeugt: Mit dieser Maria kommen Rettung, Heil und Erlösung in das Leben dieser – ihrer Meinung  nach – gescheiterten Menschen, oft sind es „Ausländer“.

Das greifbare Heil, sozusagen die materielle Gestalt der Erlösung,  in die Häuser tragen: Diese Praxis ist in der katholischen Volksfrömmigkeit durchaus üblich, sie beginnt bei der jährlichen Wohnungssegnung, geht über die Pflege privater Hausaltäre bis zum Brauch der  „Herbergssuche“ von (Kitsch) Figuren Marias und Josefs in der Adventszeit. Da verweilen diese Figuren einen Tag oder eine Woche in einer Familie. Das Abirren einer Frömmigkeit, die die Ikone für die dargestellte Heilige selbst nimmt, wird in dem Film deutlich gezeigt. Man sehe sich aber auch in Marienwallfahrtsorten (Lourdes, Fatima, La Salette usw) um, wie dort die Darstellungen (!) Marias selbst höchste Verehrung genießen; die Berührung heiliger Objekte (etwa der schon fast abgeküsste Zeh der Petrus – Statue im Petersdom) gehört auch dazu. Anna Maria küsst mit Vorliebe Christus Bilder oder das Kreuz, in einer deutlich erotisch anmutenden Haltung.

Es ist im Katholizismus immer noch üblich, Reliquien auf Wanderschaft zu schicken: Man denke etwa an die Weltreisen der Reliquien der heiligen Theresia vom Kinde Jesu, die von Lisieux aus rund um den Globus geschickt wurden in den letzten Jahren. Man denke an die Leiche Pater Pios Anfang Februar 2016 ausgestellt im Petersdom…Warum? Damit die Reliquien als solche ihre heilsame, wundertätige Wirkung „vor Ort“ ausüben können. Man denke weiter an die Flut von Pater Pio Bildern in allen Autos, Kneipen und Wohnungen Italiens: Dieser angeblich stigmatisierte, aber schon von Pius XII. unter dem Verdacht der Scharlatanerie kritisch begutachtete Kapuzinerpater ist sozusagen als Ikone das leibhaftige Heil in den Wohnungen usw.

Kurz: Anna Marias Verhalten ist zwar filmisch zugespitzt, aber durchaus verwurzelt im katholischen Milieu.  In der privaten Gebetsrunde ihrer Vereinigung zu Ehren des Herzens Jesu wird gebetet und geschworen, dass Österreich wieder katholisch werde. Was das heißen mag, wird an Anna Marias Verhalten gegenüber ihrem (schwerkranken) muslimischen Ehemann deutlich: Von den geringsten Spuren der Toleranz und des Mitgefühls ist nichts zu spüren. Von einem Respekt vor dem muslmischen Glauben ihres Mannes kann keine Rede sein. Sie hat etwa im Wohnzimmer das Bild aus Mekka verdeckt und verhangen. Mekka passt nicht zu Christus und Maria, denkt sie.

Anna Marias Gebetsrunden werden tatsächlich in weiten offiziell – katholischen Kreisen praktiziert; es gilt doch, die „Neuevangelisierung Europas“ voranzubringen, wie es Benedikt XVI. so sehnlich wünschte. Bezeichnenderweise werden ja auch ganze Städte und Länder wieder Maria oder einem Heiligen geweiht. Was Anna Maria in ihrer Gruppe betend vollzieht, ist also üblich.

Bei den „missionarischen Hausbesuchen“ mit der Gipsmadonna im Köfferchen fällt auf, wie ausschließlich Anna auf die helfende Wirkung des Gebetes allein setzt. Da spielt der Wunderglaube an die Allmacht des Gebets eine entscheidende Rolle; aber das hat Anna Maria in der Kirche so gelernt, so wird sie in der offiziellen Lehre vertreten! Angesichts menschlicher Probleme vermag Anna Maria allein mit frommen Sprüchen und Floskeln zu reagieren, auch das ist ja nicht nur ein Hinweis, wie stark die religiöse Indoktrination alle menschliche Reflexion, von kritischer Reflexion ganz zu schweigen, töten kann.

Im Umgang mit ihrem schwerkranken muslimischen Mann (auch er ist sicher nicht Inbegriff der Liberalität) sieht man zudem, wie sogar die Gefühle der Menschlichkeit ignoriert werden aufgrund katholischer Indoktrination. Als ihr muslimischer Mann fragend und protestierend in die Gebetsrunde seiner Frau hineingerät, spricht man nicht etwa mit ihm. Sondern man betet gemeinsam, sozusagen um den Teufel fernzuhalten, das apostolische Glaubensbekenntnis.

Anna Maria ist eine Frau, die einzig nur aus der katholischen Religion lebt; schon zum Frühstück hört sie das durchaus in Wien real existierende katholische Radio Maria, entsprechende Werbung schmückt auch ihr Auto. Und die Sprüche, wie „Kein Tag ohne Gebet“, mit denen Anna Maria eines ihrer Zimmer tapeziert hat, gibt es in dieser Form und in diesem Format tatsächlich. Sie sind in vielen österreichischen oder bayerischen Kirchen etwa am Eingang oder Ausgang oder auf Infotafeln zu finden. (Radio Maria Österreich: http://www.radiomaria.at/index.php?nID=254)

Es muss also nachdrücklich darauf hingewiesen werden, dass die Frömmigkeit Anna Marias durchaus eine gewisse Breitenwirkung hat und in Österreich, Süddeutschland oder in den romanischen Ländern zum Alltag an der Basis etlicher Pfarreien gehört. Dort gibt es die zahlreichen neuen geistlichen Gemeinschaften mit ihren entsprechenden Verlagen, die derartige Frömmigkeit praktizieren und empfehlen, ohne dass ein Bischof einschreitet. Das ultra konservative „Radio Maryja“ in Polen, mit ihrem Leiter, dem Redemptoristen Pater Rydzik, ist selbst den ohnehin konservativen polnischen Bischöfen zu extrem. Aber sie schaffen es nicht, und auch die Päpste schaffen es auch nicht, dieses aufhetzende antisemitische katholische Programm zu verbieten. Daran sieht man, die Hierarchie will das „tief fromme“ Volk nicht verprellen. Viele Wähler der jetzt herrschenden, autoritären PIS-Partei sind Freunde von Radio Maryja.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt sehr früh schon, wie Anna Maria sich vor dem Kruzifix -sündenbewusst – auspeitscht und später auch mit einer Art „Geißel – Gürtel“ ausstattet. Dieses „fromme Sichauspeitschen“ hat bekanntlich Tradition in einer der mächtigsten katholischen Organisationen mit ca.80.000 Mitgliedern, dem Opus Dei; Anna Maria befindet sich in solcher Sühne  – Aktion sozusagen in offizieller, in „bester Gesellschaft“.

Überhaupt der Sühnegedanke: Anna Maria ist besessen davon, für die Sünder anderer (und auch die eigenen Versagen) Sühne zu leisten, also durch eigene religiös anstrengende Praxis Gott zu versöhnen und zu beschwichtigen. Über das naive Gottesbild eines solchen Verhaltens wäre eigens zu sprechen. Bei Anna Maria heißt Sühneleisten auch das schmerzhafte Herumrutschen auf den Knien in der eigenen Wohnung, um den ganzen Rosenkranz zu beten, immerhin sind das 50 laut gesprochene Ave Maria. Im Katechismus wird ausdrücklich das Sühnegebet empfohlen. In Kirchen vieler deutscher Großstädte finden immer noch Sühne – Gebetsnächte statt, oft veranstaltet von der Gemeinschaft des „Neokatechumenalen Weges“ (Informationen über diese überaus einflussreiche, weltweit agierende, offiziell anerkannte Bewegung: http://www.relinfo.ch/nk/info.html#suende ). Es sind viele dieser so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, die extreme Formen der Frömmigkeit praktizieren…

Die Reinheit ist oberstes Gebot für Anna Maria: Nicht nur das über – korrekte Putzen des Hauses wird gezeigt, auch ihre Abscheu vor „schmutziger“, praktizierter Sexualität wird deutlich: Nachdem sie überraschenderweise nachts Sex im Park beobachtet (!) hat, fühlt sie sich sofort gedrängt, sich gründlich in der Badewanne zu säubern. Sexuelle Lust ist für sie apriori  schmutzig, das hat man sie ja auch so gelehrt. Aber selbst mit ihrem Mann lehnt sie Sex ab, hingegen holt sie sich nachts ihr allzu geliebtes Kruzifix ins Bett… Diese künstlerisch sehr konsequente und deswegen wichtge Szene wurde übrigens von der katholischen, ultrakonservativen italienischen Bewegung NO 194 (siehe: http://no194.org/) zum Anlass genommen, den Regisseur wegen Blasphemie anzuklagen.

Der Film „Paradies Glaube“ zeigt nicht, wie SPIEGEL – Online  meinte,  „religiöses Hinterwäldlertum, das vielleicht folkloristische Züge besitzt, der gegenwärtigen Glaubensdoktrin wohl kaum entspricht“. Tatsächlich dokumentiert Ulrich Seidl eine Haltung, die weite Verbreitung hat im heutigen Katholizismus. Verurteilen wird man die vielen Menschen, die so sind wie Anna Maria, natürlich nicht. Aber man wird sich fragen, wie in Europa die theologische Bildung eigentlich greift angesichts dieser religiösen Praxis, die eher einem Wahn gleicht.  Wem Jahre lang eingeredet wird und es auch innig glaubt, außerhalb der katholischen Kirche gebe es kein  Heil, der greift schnell zu seinem Köfferchen mit der Madonna, um die Welt zu retten, „heil zu machen“. Dass alles Gnade ist, wie Paulus sagt, also von Gott abhängt, ist bei diesem Aktionismus vergessen.

Copyright: Christian Modehn.