Verlassene Kirchen: Aufgegeben. Verfallen. Christentum im Übergang

Meditative Foto – Studien von Francis Meslet.
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Ein kultureller Bruch ist in ganz Europa sichtbar: Immer mehr „Gotteshäuser“, wie Katholiken sagen, in denen noch gebetet und Gottesdienste gefeiert werden, verschwinden allmählich. Eine alt gewordene Kirche und Konfession zeigt auf diese Weise ihre Altersschwäche, im Verfall von Kirchengebäuden, Kapellen, Klöstern. Noch stehen diese verlassenen Gebäude, noch. Es ist jetzt die Zeit des Übergangs, vom einst Lebendigen zum Verschwindenden, dann zu Verschwundenen, zum Toten.
2.
Der Enthusiasmus der Frommen einst schuf „heilige Gebäude“ in Hülle und Fülle, in strahlender Schönheit oder in merkwürdigem Kitsch. Seit Jahrzehnten ist dieser Enthusiasmus in Europa dahin, entschwunden, aufgegeben. Neue Kirchen werden nur selten gebaut, manchmal von so genannten Stararchitekten, wie Mario Botta. Aber in wie vielen neuen Stadtvierteln werden heute noch Kirchen gebaut? Äußerst selten, man sehe sich nur einmal in Berlins Neubauvierteln um.
Verlassene Kirchen als Zeugnisse des Übergangs. Spiritualität lebt (wahrscheinlich) anderswo. Aber die alten und nun ehemaligen christlichen „Gotteshäuser“ bleiben noch in der Landschaft stehen, Ruinen sind es ja nicht, die Mauern sind noch stabil. Nur der Schutt und Dreck überall im Raum, die zerstörten Heiligenfiguren, die zertrümmerten Sitz-Bänke, die verwahrloste Orgel deuten an: Bald werden die verlassenen Kirchengebäude verschwunden sein, zerfallen als Ruinen oder sie werden abgerissen. So wird auch das kulturelle Gedächtnis eingegrenzt. Das kulturelle und religiöse Gedächtnis braucht Sichtbarkeiten. Noch sind die verlassenen und langsam verfallenden Kirchen da. Schauen wir sie an, als Zeugen einer untergehenden Epoche. Auch einer untergehenden religiösen und kirchlichen Kultur? Wahrscheinlich ist das so. Die heutigen vielen katholischen Ultra – Mega-großen – Pfarreien werden sich um eine oder zwei große Kirchen gruppieren, so wollen es die Bischöfe, die sich nur mit einem (hoffentlich zölibatären) Priester eine Gemeinde und damit eine gepflegte Kirche vorstellen können. So werden die Bischöfe und ihr mittelalterliches Kirchenrecht mit der Klerus–Fixierung mittelfristig dafür verantwortlich sein, dass es immer mehr verlassene und dann abgerissene Kirchen geben wird.
3.
Es ist ein großes Verdienst des französischen Fotografen und Fotokünstlers Francis Meslet, dass er in einem neuen Buch sein Können zeigt und sich die Mühe machte, verlassene, aufgegebene Kirchen vor dem definitiven Verschwinden und Einebnen zu fotografieren. Er hat zu seinem umfangreichen Fotobuch (das in mehreren Sprachen erschienen ist) eine Einführung geschrieben über seinen persönlichen Weg zu dem Thema. Er betont ausdrücklich, dass die vielen fotografisch dokumentierten verfallenen Kirchen nicht mit Ortsangaben ausgestattet sind. So soll ein möglicher „Ansturm“ von interessierten Touristen verhindert werden, sie könnten den Verfall beschleunigen…Francis Meslet hat einige französische Autoren eingeladen, anlässlich der Fotos zu jeweils einer verlassenen Kirche Meditationen oder Beobachtungen oder poetische Bemerkungen zu verfassen. Die Titel zu den einzelnen Fotos regen die Phantasie an, manche sind verstörend, viele sehr treffend. Religionssoziologische Studien oder theologische Reflexionen darf man in dem Buch nicht erwarten. Francis Meslet weist aber (S.7) darauf hin, dass es in Frankreich eine staatliche „Beobachtungsinstitution für das religiöse Erbe“ gibt, das „Observatoire du Patrimonie religieux“, OPR, in Paris. Auf dessen Website werden ständig lange Listen aktuell bedrohter Kirchen genannt, also alte Gotteshäuser, die als ganze oder hinsichtlich bestimmter Bauteile vom Verfall oder Einsturz bedroht sind. Allein für den Monat Oktober 2020 werden 20 Kirchen genannt, darunter auch 2 protestantische, die als „édifices menacés/fermés“ genannt werden. Für Kirchengebäude, die vor dem Jahr 1905 errichtet wurden, ist der französische Staat verantwortlich, jedenfalls für das äußere Mauerwerk, nicht aber für Gestaltung im Innern, so schreibt es das Gesetz zur Trennung von Kirche und Staat vor.
Francis Meslet weist darauf, dass auch Kirchen von aktuellen Vandalismus angegriffen und zerstört wurden und werden. Vandalismus gegen Kirchen ist bekanntlich vor allem in Frankreich ein weit verbreitetes Vergehen extrem fundamentalistischer oder krimineller Kreise. Der Fotograf erinnert auch an Gemälde, die den Kirchenabriss vor langer Zeit dokumentieren, etwa ein Gemälde aus dem Jahr 1800 mit dem Titel „Abriss der Kirche von Saint-Jean-en-Grève“, gemalt von Hubert Robert, es ist im Pariser Musée Carnavalet zu sehen. Dieser Hinweis ist wichtig: Viele Kirchen wurden im Umfeld der sich radikalisierenden Französischen Revolution, der „Entkirchlichung“, geplündert und zerstört.
4.
Die Fotoserien in dem Buch „Verlassene Kirchen“ beziehen sich auf 37 verschiedene Kirchengebäude aus unterschiedlichen Epochen (vom 11. bis in 19. und sogar 20. Jahrhundert: Diese verlassenen „Gotteshäuser“ – nun, in diesem Zustand, auch von Gott verlassen? – entdeckte Francis Meslet vor allem in Frankreich, aber auch in Italien, Portugal, Belgien und 2 Kirchen sogar in Deutschland.
Oft sind bis zu 10 verschiedene Fotos auf ein Gebäude bezogen. Und wie gesagt, die manchmal poetischen Texte der Einstimmung lassen der Phantasie der Leser freien Raum. Abgesehen von den zahlreichen Texten von Francis Meslet schätze ich besonders die Beiträge des Historikers und Autors Christian Montesinos: Sie sind oft auf aktuelle, letztlich auch religiöse oder sogar theologische Fragen bezogen. Nebenbei: Es ist schon bemerkenswert, dass Francis Meslet keinen Theologen als „Kommentator“ zu seinem Buch eingeladen hat, ist das etwa „typisch französisch“ für die „laicité“?
In seinem Hinweis zu einer Kirche aus dem 16. Jahrhundert in Burgund erinnert Christian Montesinos eher nebenbei daran, dass im 19. Jahrhundert in Frankreich mehr Kirchen neu gebaut wurden „als in allen Jahrhunderten zuvor“. Ich ergänze: In der politischen Restauration nach der Revolution blühte förmlich der katholische Glaube wie eine Art Volksreligion auf, er zeigte förmlich eine Leidenschaft fürs Bauen und fürs Klosterleben.
5.
Die Betrachtung der großen, ganzseitigen Fotos (im Querformat) weckt die Stimmung der Melancholie, besonders bei denen, die den Verfall nur als Verlust deuten. Wichtig sind die Bemerkungen von Sylvie Robic zu einer verlassenen Kirche in Okzitanien aus dem 19.Jahrhundert: „Mit Blick auf das Meer“ ist der Titel. Diese Kirche kannte die Autorin persönlich gut, selbst nachdem gar keine Gottesdienste mehr stattfanden zog es sie dorthin. „Wenn ich mich recht erinnere, ging das so bis zu dem großen Sturm 1977, als so viele Boote nicht zurückkehrten. Wir fühlten uns verraten. Ja, es muss 1977 gewesen sein, als das Dorf die Kapelle aufgab“ (S. 72). Mit anderen Worten: Die Fischer sind mit ihren Booten im Meer versunken. Und die Gemeinde, die Pfarrer, fanden keine passenden Worte des Trostes. Auch deswegen verfallen Kirchengebäude! Die Fotos bestätigen die Aussage: Der kleine 2. Altartisch steht noch, den man nach dem 2. Vatikanischen Konzil brauchte, damit der Priester die Messe dem Volk zugewandt lesen konnte. Voller Staub und Spinnweben zwar stehen auch noch die Bänke. Dazu die ironische (?) Bildunterschrift „Es ist nie zu spät“… Wird diese Kirche noch einmal genutzt werden für Gottesdienste? Wohl kaum. Sie ist wie viele andere Kirchen in diesem Buch aufgegeben worden – auch weil die Gemeinde den Glauben verlor, weil ihnen eine religiöse Lehre vorgesetzt wurde, die kaum noch jemand verstand, die auch das Herz nicht berührte. Mein Eindruck: An den verlassenen Kirchen ist auch die Kirchenführung schuld.
6.
Jetzt stehen die beschädigten Gipsfiguren der Heiligen wie kleine banale Ruinen da, Zeugnisse einer Zeit, als die Kirche mit allerlei Volksfrömmigkeit und Kitsch und grellen Wandgemälden meinte, religiöses Bewusstsein zu fördern, das den Geist der Menschen prägt.
7.
Über dieses Buch, seine hervorragenden Fotos, seine inspirierenden Texte, sollten theologische Debatten und Vorlesungen veranstaltet werden, auch in Kirchengebäuden bzw. katholischen oder evangelischen Akademien. Immer auch unter der Frage: Sind die Gebäude, in denen wir jetzt noch sitzen, in einigen Jahren auch verlassene Kirchen und verlassene Kirchengebäude? Die Antwort heißt wohl mit JA – mindestens sehr wahrscheinlich. Werden die Kirchen heute zu solchen Debatten, etwa anlässlich des Buches „Verlassene Kirchen. Kultstätten im Verfall“, den Mut haben?

Francis Meslet, „Verlassene Kirchen. Kultstätten im Verfall“. Editions Jonglez, Versailles. 2020. 224 Seiten, viele ganzseitige meisterhafte Fotos. 35 Euro. In Deutschland erreichbar unter Mairdumont in Ostfildern bzw.:buchcontact@buchcontact.de
Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Theologisches Denken gelingt nur im Miteinander

„Theologie aus Beziehung“ – ein neues Buch der Theologin Hadwig Müller
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
So war es Jahrhunderte lang: Die (Lehr)Bücher der katholischen Dogmatik, der Moraltheologie oder des Kirchenrechts usw. wurden an Schreibtischen verfasst, in Klöstern oder in Studierstuben von Priesterseminaren oder bischöflichen oder vatikanischen Palästen. Theologie, als Rede von dem Gott der Kirchen, entstand auf diese Weise in Europa. Und Europa war absolut, für alle Welt, maßgebend! Und es waren Männer, die „den“ Glauben „der“ Kirche den anderen „zum persönlichen Glauben“ vorsetzten. Katholische Theologie hatte, global betrachtet, im monologischen Denken einzelner oder gleichgesinnter Kleriker- Gruppen, ihren Ursprung und ihre Mitte. Das änderte sich nach 1970, also nach dem Ende des 2. Vatikanischen Konzils. Da fühlten sich auch Laientheologen berufen, ihre Ethikbücher oder ihre Fundamentaltheologie zu schreiben, meist aber auch als einzelne am Schreibtisch. Oft hatten die Autoren die Fragen ihrer Studenten noch im Hinterkopf.
Ich erinnere mich noch an eine zufällige Begegnung unterwegs in München – Schwabing mit dem mir bekannten ökumenisch aufgeschlossenen, also dialogfreudigen katholischen Laientheologen (und Ex-Dominikaner) Otto Hermann Pesch. Er erklärte mir stolz, er schreibe gerade an seiner katholischen Dogmatik. Als ich fragte, ob diese Dogmatik denn von München oder Bayern und den Menschen dort geprägt sei, sagte er mir eher verlegen: „Na ja, irgendwie schon“.
Die Bindung ans Universelle und die Methode des Monologischen überwiegt bei Theologen bis heute. Da und dort gab es früher wenigstens Vorbesprechungen der Sonntagspredigt von Pfarrern und Laien. Aber dafür haben die wenigen verbliebenen Priester keine Zeit mehr. Die Beispiele monologischer Theologie sind uferlos. Den nur mit einer monologischen Theologie glaubte die katholische Kirche viele Jahrhunderte lang ihre „Einheit“ zu retten.
Aber, wie gesagt, allmählich ändern sich die Verhältnisse – seit etwa 1970: Katholische TheologInnen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien melden sich mit eigenen Studien zu Wort, nicht immer zur Zufriedenheit der vatikanischen Glaubens-Behörde. Die Liste der Bestrafungen und Schreibverbote von TheologInnen aus den genannten Kontinenten ist lang. Einheit kann also Rom nur als Einheitlichkeit verstehen.
2.
Nur wenn man diese Situation vor Augen hat, kann man verstehen, welche Bedeutung die theologische Arbeit von Hadwig Müller hat, gerade dann, wenn sie ihrem neusten Buch den sehr knappen, wie ein Programm gemeinten Titel gibt „Theologie aus Beziehung“. Also, einmal ausführlicher formuliert heißt das: „Theologie als Versuch, von Gott zu sprechen, aber erlebt, erfahren, gedacht und formuliert aus Begegnungen und Dialogen … und nach Begegnungen und Dialogen und Auseinandersetzungen. Und erst danach geschrieben, aber voller Verunsicherung und Infragestellung des eigenen Lebens. Theologie also geprägt von der Anwesenheit der oft befremdlich Anderen“.
3.
Hadwig Müller meint in ihrem Buch immer die konstruktiven theologischen Beziehungen, die zwar auch konfliktreich sein können, die aber nicht in ein Verhältnis der Herrschaft und Willkür ausarten. Schließlich hatten die viele Priester, die des sexuellen Missbrauchs angeklagt wurden und werden, auch „Beziehungen“. Und auch die Beziehungen sind nicht gemeint, wenn Posten an theologischen Fakultäten oder Akademien nur aufgrund von „Beziehungen“ erreicht werden können.
4.
Theologie aus Beziehung also, entstanden im Dialog, im Hinhören und auch Miteinanderschweigen: Dies ist das Motto wie ein Programm eigentlich für alle, die aus dem anstudierten und angelernten, dogmatisch exakten Floskelhaften des Sprechens von dem Göttlichen, von Gott, dem Ewigen, herausfinden wollen. 20 Aufsätze aus zwei Jahrzehnten hat Hadwig Müller unter diesem Titel versammelt. Wer genau in der Bibliographie (S. 327 – 342) hinschaut, wird auf viele weitere, aktuelle Aufsätze, Studien und Bücher verwiesen. Die meisten Beiträge in dem Buch „Theologie aus Beziehung“ sind aus Begegnungen als Lernprozessen in Brasilien entstanden oder in Frankreich. Nach ihrer theologischen Promotion über Lacan zog es Hadwig Müller erst einmal vor, Deutschland zu verlassen, und sich den Fremden, den anderen, auszusetzen, eben in Brasilien, dort lebte sie von 1983 – 1993 vor allem in Basisgemeinden. Sie wird förmlich hineingestoßen in die reale Lebenserfahrung, wie die Armen ihren Gott erleben, als eine Wirklichkeit, die allem Elend zum Trotz Sinn stiftet und Mut macht, die Misere der totalen Ungerechtigkeit zu überwinden. Hadwig Müller sagt von ihren brasilianischen Freunden und Freundinnen, es seien „Menschen, die mich leben lehrten“ (49). Die Gemeinschaft der Unterdrückten – also eine Schule des Lebens: Nicht, um sich in diesem Zustand zu fixieren, sondern um die Gerechtigkeit für alle Wirklichkeit werden zu lassen. Die Autorin erkennt während ihrer Gespräche mit Ausgegrenzten und Armen in Sao Paulo und in Crateus (Nordostbrasilien) in Gemeinschaft mit dem wegweisenden Bischof Antonio Fragoso: „Armut ist geraubtes Leben – und ich war nicht auf der Seite der Beraubten“ (29). Das führt zu weiteren Fragen, die eigentlich das herrschende System einer reichen Kirche erschüttern: „Die Kirche ruft Gläubige dazu auf, die Lebensbedingungen de Armen zu verbessern. Aber sie schweigt meistens darüber, wie sich ihre Beziehung zu den Armen auf ihre Identität als Kirche Jesu Christi auswirkt“ (51f.). Ein Bischof, der als single in einem Palast lebt (wie so viele „Oberhirten“ in Deutschland usw.) und dann von der kirchlichen Solidarität mit Armen schwafelt, ist natürlich aprioi unglaubwürdig. Zu einem solchen Satz kann sich Hadwig Müller allerdings nicht aufraffen… Sie schreibt eleganter, aber nicht minder radikal: „Die Option für die Armen verlangt von den Reichen selbst ein anderes Bewusstsein: sich als Bedürftige zu wissen, die selbst aufs Empfangen angewiesen sind und die um nichts anderes als die Armut der Armen“ (55). Was das nun wieder in einer katholischen Kirche in Deutschland bedeutet, die ein Kirchensteueraufkommen im Jahr 2018 von 6,25 MILLIARDEN Euro hat, wird leider nicht erwähnt oder gar ausgebreitet. Dabei hatte ich immer geglaubt, dass durch die Befreiungstheologie sozusagen die Aufmerksamkeit auf die Gelder und Reichtümer der Kirche geschärft wird auch hierzulande…
Sehr eindringlich ist ihr Essay „Der Hunger nach Brot – das Begehren des anderen“. Im Hungern wie im Begehren äußert sich die gleiche Sehnsucht und Angewiesenheit, “nicht ohne andere“ leben zu können. Die viel besprochene Option der Kirche für die Armen ist für die Autorin das „Herzstück der Befreiungstheologie“ (58), aber sicher auch der Mittelpunkt jeder Theologie.
5.
Es wäre für ein weiterführendes Gespräch vielleicht interessant, wenn man auch kritisch die Befreiungstheologen befragen könnte, inwieweit sie in vielen ihrer Aussagen der Bibel fundamentalistisch, im Sinne von wortwörtlich, verstehen. Und inwieweit die einzelnen Verhaltensweisen und Lebensregeln Jesu von Nazareth zu unmittelbar als relevant für die (auch politische) Gegenwart eingesetzt werden. Diese Kritik wird nicht vorgebracht, um die Theologien der Befreiung zu diskreditieren, sondern um andere befreiungstheologische Möglichkeiten aufzuzeigen, die weniger im Verdacht des biblischen Fundamentalismus stehen. Alternativ wäre zu denken und mit den Betroffenen zu besprechen: etwa die Erfahrung und die daraus entstehende Weisheit, dass Gott Mensch wird in Jesus von Nazareth, wie er erlebt wird, dass nun alle Menschen göttliche Würde erhalten! Das ist – ultrakurz gefasst – auch ein Gedanke Hegels und der christlichen Mystiker, etwa Meister Eckarts. Von da aus ließe es sich auch sehr gut eintreten für eine politische Neu-Ordnung, die die Menschenrechte als oberstes „göttliches“ Gestaltungsprinzip anerkennt. Da wäre mehr vernünftige Argumentation möglich als im unvermittelten Verweis darauf, dass Jesus ein armer Handwerker war „wie wir“, dass er solidarisch war und die Frauen und die Armen liebte…Aus solchen biographischen Elemente wird dann unmittelbar geschlossen: „Also sollten wir auch solidarisch sein etc…“. Wenn hingegen jeder Mensch von unendlichem göttlichen Wert ist, kann viel besser argumentativ und vernünftig auch eine mögliche „Revolution“ zugunsten und mit den Armen eingeleitet werden.
6.
Nach Deutschland zurückgekehrt, konnte sich Hadwig Müller u.a dem deutsch-französischen Dialog widmen, aber immer unter der kaum beachteten, aber wichtigen Perspektive der Religion und der katholischen Kirche. Die Autorin hat u.a. die hochinteressanten und durchaus – leider – einmaligen Entwicklungen im Erzbistum Poitiers genau kennengelernt. Sie erlebte dort eine Kirche, die, wie bekannt, auch von dem zunehmenden Mangel an Priestern bestimmt ist. Die aber daraus, geleitet von ihrem mutigen Bischof Albert Rouet, neue Konsequenzen zog: Teams von Laien werden in den Dörfern – und Stadt-Gemeinden ohne Priester zu verantwortlichen Animateuren der Gemeinde. Deutsche Pfarreien, das weiß ich, haben sich das Projekt in Poitiers angeschaut, aber meines Wissens nichts davon als Modell für Deutschland „übernommen“. Die Fixierung auf den Klerus ist also in Deutschland nicht zu brechen. Und das Modell von Poitiers macht eben auch viel Arbeit – bei den Hauptamtlichen…
7.
Diese hier besprochenen Themen erscheinen sicher vielen philosophisch Interessierten, etwa in Berlin, der säkularen Stadt, wie Einblicke in eine ferne noch kirchlich bestimmte Welt. Aber deutlich wird: Wenn sich TheologInnen auf das Zuhören, das geduldige Mitsein, den Dialog einlassen, und sich dabei in Frage stellen lassen: Dann gibt es neue, ungeahnte Einsichten. Das gilt ja auch für die Philosophien.
8.
Ein gewisses Hemmnis für säkular, „bloß“ philosophisch Interessierte ist sicher der Untertitel des Buches: „Missionstheologische und pastoraltheologische Beiträge“. Diese speziellen Zuordnungen gelten wohl dem zweifellos begrenzten Lesepublikum innerhalb der Kirchenorganisation, die mit diesen Begriffen noch etwas anfangen kann. So aber werden mit diesen Begriffen förmlich sprachliche Barrieren aufgerichtet, die verhindern, dass säkulare und „bloß“ philosophisch Interessierte dieses Buch aufschlagen und einiges lesen. Aber das Thema „Theologie aus Beziehung“ ist bleibend inspirierend: Eine ganze Buchserie könnte unter diesem Titel erscheinen aus Beziehungen von Theologen mit Arm-Gemachten hierzulande oder mit Schwulen und Lesben und deren neuen Familien oder mit Flüchtlingen oder mit Opfern rechtsextremer Gewalt. In jedem Fall werden nun vermehrt Menschen fragen: Spricht da ein Bischof aus Beziehung mit anderen Menschen, spricht er aus dem Leben als Begegnung, der Verantwortung, der Irritation durch andere? Und man wird sicher in Zukunft noch mehr theologische Bücher beiseite legen, die nur altbekannte Begriffe dreimal hin- und herwenden und den Eindruck bestärken, vom einsamen Schreibtisch aus eine zeitgemäße Spiritualität oder Theologie entwickeln zu können. Falls diesen meinen Hinweis Theologinnen lesen, bin ich gespannt, wie sie mir plausibel machen, dass nicht allein Hadwig Müller Theologie aus wirklichen Beziehungen, Begegnungen und Lernbereitschaft gestaltet…

Hadwig Ana Maria Müller, „Theologie aus Beziehung. Missionstheologische und pastoraltheologische Beiträge“. 351 Seiten. Grünewald-Verlag, Ostfildern, 2020, 38 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

(Nebenbei: Das Thema Befreiungstheologie bewegt mich seit vielen Jahren: Ich habe 1973 in der Philos.-Theolog. Hochschule St. Augustin bei Bonn die erste große Tagung über die Befreiungstheologie in Deutschland organisiert. 1975, also zu Beginn der Debatten über die Befreiungstheologie in Deutschland, habe ich einen kleinen Essay als Broschüre veröffentlicht „Der Gott, der befreit“. 1977 habe ich zusammen mit Karl Rahner und Hans Zwiefelhofer das Buch „Befreiende Theologie“ herausgegeben…)

Meinungsfreiheit und damit auch Blasphemie als Kunst sind normal in einer Demokratie! Und die Menschenrechte sind etwas „säkulares Heiliges“

Gott oder ein Prophet lässt sich von Menschen überhaupt nicht ärgern. Woher sollten Menschen das auch wissen?

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
In Frankreich, meint Prof. Thomas Römer, Direktor des „College de France“ (Paris) in einem Interview mit der Neuen Züricher Zeitung vom 9.11.2020, könnten jetzt „Glaubenskriege“ ausbrechen: Also gewalttätige Auseinandersetzungen fundamentalistischer, völlig unberechenbar agierender „Islamisten“ gegen die absolute Mehrheit der Franzosen und ihre Republik. Zu dieser Mehrheit der Franzosen gehören sicher auch die vielen moderaten Muslime, einzelne Imame, wie in Drancy oder Bordeaux haben sich explizit zur Republik und ihren Werten bekannt.
Die tödliche Gewalt islamistischer Kreise in Europa und anderswo hat viele Ursachen. Eine Ursache ist sicher begründet in ihrer Unfähigkeit dieser (nach außen hin) Frommen, satirische künstlerische Darstellungen des Propheten in französischen Zeitungen eben als Satiren wahrzunehmen. Diese Mörder geben an, ihr Glaube an Gott und den Propheten sei verletzt. Und. „Gott selbst will Rache“. Manche kritischen Beobachter sagen zurecht, dass auf diese Weise die Verbrecher ihre tötende Gewalt förmlich religiös entschuldigen. Und von den eigentlichen mörderischen Motiven ablenken.
Die meisten Franzosen (wie wohl die meisten Menschen in Europa) können doch wohl unterscheiden: Handelt es sich bei den satirischen Darstellungen um künstlerische Kritik gegen einzelne, heute lebende Personen? Solche satirischen Darstellungen sind abzulehnen! ODER: Handelt es sich um allgemein gehaltene Satiren gegen bloß ideale Wesen wie Gott/Göttin/Ewiges bzw. Personen der Vergangenheit, wie etwa Propheten oder Politiker oder Päpste. Im französischen recht ist es so, dass es rechtlich möglich ist, eine Religion als solche, ihre Gestalten und ihre Symbole satirisch zu beleidigen, hingegen ist es verboten, konkreter Anhänger/Mitglieder einer Religion persönlich zu beleidigen (vgl.: https://www.institutmontaigne.org/blog/le-blaspheme-en-france-et-en-europe-droit-ou-delit).
Die Kultur der Satire gibt im guten Sinne zu denken, zu fragen, zu relativieren usw.. Man muss dann erkennen, dass die meisten Menschen diese Unterscheidungsgabe („Kritik der Urteilskraft“ würde Kant sagen) hinsichtlich des Phänomens Blasphemie wohl erworben haben.
Noch einmal: Wenn also Künstler oder Satiriker ein höchstes Wesen, Gott genannt, kritisieren, wird dieses höchste Wesen als solches, Gott, eben NICHT verletzt, sondern nur die immer relativen und oft albernen Bilder des höchsten Wesens werden in Frage gestellt, zugunsten eines besseren Verstehens! Die Unterscheidung zwischen „Gott an und für sich“ und dem Gott, den Göttern, in immer neuen, relativen Bildern setzt natürlich ein bestimmtes Niveau der Bildung und der Reflexion voraus. Auch viele Christen, so muss man leider sagen, haben dieses Niveau nicht erreicht. Man denke an die orthodoxen Kirchen und ihre Kirchenführer, die Satire in der genannten Form der Blasphemie pauschal für eine Lästerung Gottes selbst halten. Diese Herren Patriarchen in Moskau z.B. meinen im Ernst, der Ewige würde sich durch endliche Menschen beleidigen lassen und so richtig böse werden. Theologie haben diese Herren leider nicht umfassend studiert, aber trotz ihrer Unbildung hohe kirchliche Funktionen erreicht und politischen Einfluss leider erlangt.
Ähnliche Entwicklungen hin zu Fanatismus gibt es bekanntermaßen auch im Judentum oder im Islam oder im Buddhismus…
Es sei also ein für alle Mal, als evidente Erkenntnis, die es selten auch in der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gibt, gesagt: Das höchste Wesen, der himmlische Gott, der Ewige, der Absolute, wie auch immer man „Gott“ hilflos nennt, kann gar nicht von menschlicher Seite beschädigt werden,

2.
Zurück zu Frankreich heute: Der Hass so vieler Muslime in Frankreich auf Frankreich, das sie als ein nach außen hin christliches Land oder einen säkularen Staat verstehen, ist auch durch die soziale und damit auch politische Ausgrenzung von Bürgern muslimischen Glaubens bedingt. Die heutige Gewalt islamistischer Kreise und der befürchtete „Krieg“ sind also nicht nur explizit religiös im engeren Sinn begründet! Zu diesem Thema wurden geschätzte 1000 soziologische, politologische oder psychologische Studien verfasst. Wer dabei tatsächlich kritisch forschte, musste zu der inzwischen allgemein geteilten Erkenntnis kommen: So sehr es auch zahlreiche erfolgreiche und damit reiche Geschäftsleute, Künstler, Autoren, Ärzte etc. mit einem muslimischen Hintergrund in Frankreich gibt: Die meisten Menschen mit arabischen oder , türkischen oder „schwarzafrikanischen“ Wurzeln sind diskriminiert. Diskriminiert in der Qualität ihrer Bildung, ihrer Wohnung, der Wahl ihrer Berufe usw. Und dies gilt auch, wenn die genannten Muslime die französische Staatsangehörigkeit haben. Nebenbei: Auch Christen aus „Schwarzafrika“ oder Haiti werden auch in Frankreich diskriminiert. Mit anderen Worten: Die viel gepriesenen Werte der Französischen Republik (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) gelten vorwiegend für weiße Franzosen oder Hochbegabte oder finanziell bestens Ausgestattete aus den „anderen“ Regionen und Religionen der Welt.
Es sei also, ein für allemal, als evidente Erkenntnis gesagt: Das höchste Wesen, kann nicht beleidigt werden.

3.
Die meisten Franzosen sind nicht bereit, auf Errungenschaften ihrer demokratischen Kultur zu verzichten, dazu gehört die Satire und die Freiheit der Meinung und die Freiheit der Kunst! Diese demokratischen Werte wurden von den Europäern, auch den Franzosen, mit Mühe von den autoritären Machthabern im eigenen Lande erkämpft! Das darf man nie vergessen: Die große richtige Errungenschaft der Meinungsfreiheit und damit auch im letzten der Blasphemie wurde von Franzosen errungen in einem Jahrzehnte langen Kampf gegen dunkle und dumpfe, auch klerikale Mächte im eigenen Land. Man denke an Voltaire, Rousseau, Diderot usw., an die vielen große Denker, die die Französische Revolution in gewisser Weise vorbereiten. Jenes weltgeschichtliche Ereignis also, das mit viel Mühe und langfristig unter vielen Kämpfen die universal geltenden Menschenrechte formulierte und letztlich (!) die Republik über die autoritäre Regierung einzelner Machthaber siegen ließ.
Die demokratischen Bürger haben diese Wahrheit errungen, und diese wollen sie sich nicht von niemandem mehr nehmen lassen. Das hat nichts mit fundamentalistischem Eigensinn zu tun: Die Werte der Demokratie sind als Werte, die selbstverständlich weiterentwickelt, verbessert werden müssen, Ausdruck der Vernunft: Diese Werte garantieren prinzipiell das humane Zusammenleben von Menschen, autoritäre Regime mit ihren Willkürgesetzen hingegen garantieren eben das nicht. Da hat der einzelne überhaupt keine Menschenrechte, die er einklagen kann.

4.
Darum empfinden es heute viele Franzosen als einen Rückschlag, wenn jetzt etwa in Kreisen katholischer Kleriker gefordert wird: Eigentlich sollten wir Katholiken angesichts der abscheulichen Mordtaten und Abschlachtungen der letzten Wochen auf unsere Freiheit der Kritik, auch der Religionskritik und Satire etwa in Charlie – Hebdo verzichten.
Das ist der Ernst der Kleriker (dokumentiert etwa in DIE ZEIT vom 12.11.2020, „Glauben und Zweifeln“) ? Soll man also auf die eigene Kultur der Freiheit, auch der Meinungsfreiheit, verzichten? Würde man damit nicht schon jetzt den Mördern und Schlächtern nachgeben und ihnen sogar recht geben? Wäre der Verzicht auf die Kultur der Meinungsfreiheit und der umfassenden Religionskritik ein Dienst am Frieden in der Gesellschaft? Würden das Morden und Abschlachten dann aufhören? Oder würden sich die genannten fundamentalistischen Kreise andere Objekte ihres Hasses in unserer Gesellschaft suchen, harmloser dem Anschein nach als die bisherigen mörderischen Ziele, eben die Kirchen und Christen, Journalisten und Caféhaus-oder Bar Besucher und die Redakteure einer Satire-Zeitschrift.
Vielleicht würden demnächst diese mörderischen Kreise sich Damenunterwäsche, „Dessous“ – Abteilungen in Kaufhäusern oder Fachgeschäfte für Wein und Whisky aussuchen für ihr mörderisches Tun.

5.
Damit will ich sagen: Um des angeblich lieben Friedens willen mit Islamisten können und dürfen Europäer auf wichtige Inhalte ihrer Kultur nicht verzichten. Die Frage ist nur: Kann man den fundamentalistischen Islam zur Vernunft bringen? Das würde voraussetzen, dass es einen vernünftigen islamischen Glauben gibt, etwa in der allgemein gewordenen Einschätzung, dass sich der Koran nur in der historisch-kritischen Forschung erschließt. In den Moscheen müsste also, wenn es religiös – vernünftig zuginge, gelehrt werden: „Wir Muslime in Europa treten für die Werte der Republik ein. Unser muslimischer Glaube ist unsere private Überzeugung. Sie ist für den einzelnen im privaten Leben, bei Essensvorschriften etwa, gültig, sie kann aber niemals das Zusammenleben der Menschen in Staat und Gesellschaft bestimmen“. Diese Erkenntnis ist natürlich auch für Christen und Juden gültig.

6.
Die Beispiele brutaler Herrschaft und mörderischer Unterdrückung gegenüber den angeblich feindlichen „Anderen“ in „anderen Kulturen“ (Indios, Afrikaner, Asiaten, Juden usw.) durch Christen und ihre Kirchenführer sind so überwältigend, das nur noch die Erkenntnis bleibt: Der Umgang mit den „heiligen Texte“ durch die jeweiligen Frommen bleibt auf den privaten Bereich und der Gottesdienste begrenzt.

7.
Worauf läuft diese vernünftige Begrenzung religiöser Macht hinaus? Ich meine, auf eine Art von Mystik, die weiß: Das Wesentliche im Zusammenhang von Gott und Mensch spielt sich im Geist, in der Seele, des Menschen ab! Pflegt also eure Mystik, möchte man philosophisch als Empfehlung geben. Sucht nicht fundamentalistische Einpeitscher auf, sondern weise Lehrer, selbstkritische und an euren Finanzen desinteressierte Meister der Mystik. Und lasst Staat und Gesellschaft mit euren religiösen Prinzipien aus angeblich heiligen Büchern in Ruhe: Der Staat ist und bleibt weltlich, er ist also allein den Menschenrechten verpflichtet und keinem religiösen Buch.
8.
Und wenn Fromme selbstverständlich als Bürger eines demokratischen Staates politisch und gesellschaftlich aktiv werden, dann immer stets in der selbstkritischen Haltung, mit der Frage: Folge ich jetzt meinen begrenzten religiösen Weisheiten oder tatsächlich den vorrangigen Menschenrechten? Religiöse Menschen haben in der Politik wie alle anderen keinen anderen Auftrag, als die Menschenrechten zur universalen Geltung zu bringen. Der Traum von einer kirchlich beherrschten Gesellschaft, von einem vom Koran oder von der Bibel oder den Weisheitsreden Buddhas oder den Weisheitslehren der Upanishaden bestimmten Staat kann nur als Wahn bewertet werden. Das ist evident. So viel Klarheit hat Philosophie, sie ist kein postmodernes permanentes „Sowohl als auch“. Es gibt letzte Evidenzen auch in der praktischen Philosophie.
9.
Und,theologisch betrachtet, sind die Menschenrechte etwas säkulares „Heiliges“. Demokraten entwickeln sie weiter. Und haben – einmal pathetisch gesagt – kein dringenderes Verlangen, als dass die Menschenrechte politisch und ökonomisch gelten, praktisch gelten. Allen frommen Diktatoren, allen antidemokratischen Präsidenten etc. zum Trotz. Die Menschenrechte sind zwar vernünftig betrachtet evident. Aber die Menschen müssen auch an sie glauben. Nur so, mit diesem emotionalen Impuls auch der Empathie, gelangen wir zur Praxis der Menschenrechte.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Kamala Harris – die „multireligiöse“ Vizepräsidentin der USA

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Präsident Jo Biden ist gläubiger und praktizierender Katholik, das hat sich allmählich herumgesprochen. Einige katholische Bischöfe der USA haben aber Jo Biden noch in letzter Zeit sein „Katholischsein“ abgesprochen und davor gewarnt, dass Katholiken ihn wählen. Mit „Erfolg“:62 Prozent der Katholiken haben dann als gehorsame Gläubige tatsächlich TRUMP gewählt. Wollten die Bischöfe also behaupten: Jo Biden sei ein verkappter Atheist? Von wegen. Er hat nur die Ursünde für viele konservative und reaktionäre Katholiken begangen, und eben nicht die „Pro Life Bewegung“ zu seinem obersten Gott erklärt, wie es eben die genannten Kreise, auch evangelikaler Prägung, vor allem tun. Für sie ist sozusagen der Kampf für Pro Life der militante Glaubenskampf seit Jahren. Und die Grundsätze von „Pro Life“ sind das oberste Glaubensbekenntnis.
Jo Biden ist hingegen ein gläubiger Katholik, für den der Kampf um die Demokratie und Menschenrechte und Menschenwürde für alle an oberster Stelle steht. Das sind ja ohnehin die einzig möglichen humanen und demokratischen Positionen! Mit religiösen Prinzipien und Sprüchen aus heiligen Schriften lässt sich bekanntlich kein demokratischer Staat machen.
2.
Und was bedeutet der religiöse Glaube der Vizepräsidentin Kamala Harris? Diese Frage zu stellen ist in den USA normal, obwohl offiziell Kirchen und Staat getrennt sind. Aber im Unterschied zur radikaleren Laizität in Frankreich: Dort ist es eher ungehörig wissen zu wollen, was glaubt dieser oder jene Mensch, Nachbar, Kollege, Politiker, welcher Konfession gehört er an, geht er zur Kirche, zur Synagoge, zur Moschee etc…? So etwas darf man und will man in Frankreich, durch die Verfassung festgelegt, gar nicht wissen, darum gibt es auch keine präzise Religionsstatistik in Frankreich!
3.
Und das ist nun wirklich hoch interessant für alle religionswissenschaftlich oder auch theologisch Interessierten: Eine multireligiös lebende höchstrangige Politikerin in den USA: Diese Situation ist kein Wunschtraum mehr, sondern Realität: Was Prof. Perry Schmidt-Leukel in Deutschland oder die Theologin Manuela Kalsky in den Niederlanden (Amsterdam) seit Jahren fordern und selbst leben: Die multireligiös Religiöse: Das ist Wirklichkeit – bei Kamala Harris, der US Vizepräsidentin. Dieser Aspekt ist natürlich nur einer von vielen Aspekten, die wichtig sind, um Kamala Harris zu verstehen.
4.
Die Mutter von Kamala Harris , Shyamala Gopalan Harris, gestorben 2009, stammt aus Indien (Chennai, Madras), sie war eine gläubige Frau gemäß hinduistischer Spiritualität – auch als sie in den USA
lebte…und für die Menschenrechte kämpfte. Während ihrer Reisen in Indien nahm Kamala Harris an Riten in hinduistischen Tempeln teil.
Der Vater Donald Harris stammt aus Jamaica und war mit der Baptistenkirche verbunden. Kamala Harris Ehemann Dougles Emhoff ist mit jüdischen Gemeinden verbunden, und sie bekennt „mit dem ich die Traditionen und Feiern des Judentums teile“, berichtet die Tageszeitung La Croix, Paris.
In San Francisco ist Kamala Harris eng verbunden mit der Bapistengemeinde von Pastor Amos C. Brown. Er sagte über Kamala Harris in der Zeitschrift „Sojourners“: „In meiner Sicht verkörpert sie einen Satz aus dem Jakobus-Brief des Neuen Testaments, dort heißt es: „Ein Glaube ohne Taten und Werke ist tot“ (Jak. 2,26). Ein erstaunliches, sehr treffendes Wort eines berühmten US-Theologen und Kämpfers für die Menschenrechte, ist doch der Jakobus Brief von Martin Luther aufs heftigste kritisiert und abgewiesen worden, gerade weil im Jakobus Brief das TUN so betont wird als Weg der Erlösung. Dieser irrigen Interpretation Luthers folgen leiden heute immer noch viele Protestanten, aber dies ist ein anderes Thema. Kamala Harris bestätigt die Aussage ihres Pastors: „Ich habe schon in der Jugend in der Baptistenkirche von Oakland damals gelernt: Den Glauben haben bedeutet: Er ist eine Aktion. Wir müssen ihn leben und in Taten verleiblichen“. Im Pressedienst „Protestinte“ sagte sie: „Der Gott, an den ich glaube, ist der Gott der Liebe. Er will, dass wir den anderen dienen und im Namen derer sprechen, die weder reich noch mächtig sind. Dabei ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ganz zentral für mich“. Kamala Harris geht soweit, sich öffentlich auch zum privaten Gebet zu bekennen, „um Kraft und Schutz zu erbitten, gute Entscheidungen zu treffen“…
5.
Kamala Harris lebt außerhalb rigider religiöser Identitäten. Dies kann eine gute Voraussetzung sein, um ein Land, das ideologische Barrieren und religiöse Eindeutigkeiten über alles pflegt, etwas mehr zu versöhnen, d.h. zur Vernunft zu bringen, Vernunft ist bekanntlich etwas den Menschen Gemeinsames und Allgemeines. Nur sie, verbunden mit Empathie, kann eine Demokratie aufbauen. Und es ist keine Frage: Wer sich in diesem durch Mr. Trump verwüsteten Land verändern muss, sind zu allererst die meisten Republikaner. Ihre führenden Politiker und Parteimitglieder haben 4 Jahre zugesehen, offenbar aus eigenem finanziellen Interesse, wie dieser korrupte Mann, Mr.Trump, die demokratischen Werte zerstörte und die Lügen zur allgemeinen Unkultur zu etablieren suchte. Die Versöhnung der Menschen in den USA wird heftig werden. Auch die Kirchen sind innerlich politisch zerrissen. Wo sind die neutralen Vermittler, die Mediatoren?

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de
Dieser Hinweis verdankt einige Information der Tageszeitung La Croix, vom 9.11.2020, dort der Beitrag von Claire Lesegretain.

Was hält uns am Leben? Ein Interview in Zeiten der Krise mit dem Theologen Prof. Wilhelm Gräb

Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Berlin
Von Christian Modehn

1.
Manche meinen mit vielen Gründen zurecht: Die Krise der Mensch-heit sei heute ziemlich total: Um nur krasse Beispiele zu nennen: Die Klimakatastrophe, die Zunahme autoritärer Systeme, Kriege, Flücht-lingselend … und Corona. Bleiben wir bei der Corona-Pandemie: Da wird Abstandhalten, also körperliche Distanz, „bloß nicht berühren oder umarmen“, als Schutz vor Ansteckungen – zurecht – genannt. Das bedeutet: „Meidet die leibliche Nähe!“ Sollte man daraus sinn-vollerweise schließen: Steigern wir unsere geistigen Kräfte, Sprache, Vernunft, Mitgefühl? Sollte man sich und anderen förmlich als Trost sagen: Auch wenn die körperliche Kommunikation momentan sehr reduziert sein muss, fördern wir um so mehr unser geistiges Mitei-nander? Und: Wie kann das gelingen?

Natürlich ist es für alle eine große Belastung, dass wir jetzt schon so lange diese Kontaktbeschränkungen erleiden müssen. Im Moment werden die Maßnahmen, die uns voneinander fernhalten, erneut ver-schärft. Die Politik bereitet uns bereits auf ein „einsames Weihnach-ten“ vor. Da fällt es gewiss nicht leicht, aus dieser Not eine Tugend zu machen und darauf zu verweisen, dass wir ja doch die fehlende kör-perliche Nähe durch gesteigerte geistige Verbundenheit ersetzen könnten. Gerade wenn wir an die Menschen in den Krankenhäusern und Seniorenheimen denken, aber auch an die vielen Menschen, die allein leben und sich jetzt vielleicht in besonderer Weise einsam und verlassen fühlen!

Und doch, so denke ich, haben Sie Recht, dass wir dieser Pandemie ebenso wenig hilflos ausgeliefert sind, wie all den anderen Bedro-hungen, Krisen und moralischen Katastrophen, die Sie ansprechen. Das genau ist es, was für uns Menschen den Unterschied ausmacht, angesichts unserer natürlich-organischen Verfassung, die wir mit al-len anderen Lebewesen teilen. Es ist das, was wir „Geist“ nennen. Mit „Geist“ meinen wir die Fähigkeit, die uns von anderen Tieren unter-scheidet, obwohl sie uns nur in Verbindung mit unserer natürlich-organischen Verfassung zur Verfügung steht. Aber unsere Geistbega-bung sorgt dafür, dass wir auf überlegte Weise, sinn- und zielorien-tiert, damit auch ethisch verantwortlich, mit den Herausforderungen, vor die wir uns gestellt sehen und mit den Krisen, in die wir geraten, umgehen können. Wir können uns auf bewusste Weise zu dem ver-halten, was uns betrifft, bewegt und belastet, herausfordert und nie-derdrückt, erfreut oder traurig macht, ängstigt oder gar in die Ver-zweiflung treibt.

Statt vom Geist, der uns Menschen in besonderer Weise qualifiziert, kann man auch davon sprechen, dass es die Vernunft ist, die uns aus-zeichnet. Aber die Rede vom Geist bringt besser die transzendente Dimension zum Ausdruck, in die unsere Geistbegabung uns versetzt. Die Vernunft ist ein unseren Selbst- und Weltumgang qualifizierendes Vermögen. Der Geist ist eine Kraft, die uns zwar auch individuell zu-kommt, aber doch nur dann, wenn sie über uns kommt und uns, von jenseits unserer selbst her, ergreift.

Wo der Geist uns erfüllt, sind wir voll Begeisterung bei einer Sache und zugleich bei denen, die unsere Begeisterung mit uns teilen. Geis-tesgegenwärtig sind wir ganz bei uns selbst wie bei der Aufgabe, die unseren Einsatz fordert. Zugleich fühlen wir die Verbundenheit mit anderen, die unser Engagement teilen. Wir suchen die Nähe zu de-nen, die desselben Geistes sind, mit denen wir uns verstehen, die für die gemeinsame Sache streiten. Das gilt, so möchte man schnell hin-zufügen, leider in jeder Hinsicht. Auch für Hassbotschaften, Ver-schwörungsmythen und faschistische Ideologien. Auch der Ungeist menschenverachtender Bewegungen sucht in diesen Zeiten, in denen wir weitgehend auf soziale Kontakte in leiblicher Präsenz verzichten müssen, gesteigert danach, sich weltweit zu vernetzen.

Die internetbasierte Kommunikation durch die „sozialen Medien“ schafft Verbundenheit und soziale Nähe, was eine ambivalente Ange-legenheit bleibt. Aber auch viele gute Erfahrungen können gerade jetzt durch die virtuelle Kommunikation gemacht werden. Menschen teilen z.B. ihre Trauer über Twitter oder Facebook mit. Sie bekom-men daraufhin viel mehr Anteilnahme selbst von entfernten Bekann-ten als dies sonst zu erwarten gewesen wäre. Die weltweite Jugend-bewegung zur Durchsetzung der Klimawende „Fridays for Future“ wäre ohne das Internet ebenfalls nicht vorstellbar.

Die Digitalisierung schafft die Voraussetzungen für virtuelle und d. h. eben von körperlicher Präsenz unabhängige Kommunikation. Wir se-hen, dass technische Mittel zur Verfügung stehen, die helfen, die Kommunikation, in die der uns erfüllende Geist drängt, auch zu ver-wirklichen. Der Geist schafft Verbundenheit! Und bei Licht besehen ist alles, was Verbundenheit schafft, geistiger Natur: Liebe und Ver-trauen, Glauben und Wissen, Angst und Hoffnung. Allerdings auch Hass und Hybris, Egoismus und Feindschaft.

Deshalb ist, sofern wir auf die Steigerung der Verbundenheit im Geist setzen, zugleich die Unterscheidung der Geister so wichtig! Auch sie aber setzt Kommunikation voraus und ist nur durch diese möglich. Die Verbundenheit im Geist ist nie nur eine private Angelegenheit. Sie sucht die Öffentlichkeit – und sie geschieht heute vor allem durch die sozialen Medien, durch Podcasts oder auch Internetauftritte wie sie der „Religionsphilosophische Salon“ und viele Initiativen zur Er-möglichung von Kommunikation über das uns als Zeitgenossen gleichermaßen Betreffende und zum Handeln Herausfordernde reali-sieren. Sobald wir an dieser virtuellen Kommunikation teilnehmen, sehen wir, wie sehr wir einander brauchen, gerade in der Suche nach Lösungen für die Probleme, die Sie zu Beginn ihrer Frage angespro-chen haben.

Es ist vollkommen klar, dass uns viel Lebensqualität verloren geht durch die Kontaktbeschränkungen, die wir pandemiebedingt in Kauf nehmen müssen. Aber richtig ist auch, wie Sie sagen, dass wir gestei-gert die Kräfte zum Einsatz bringen können, die uns als Menschen zur Verfügung stehen – und das ist nicht zuletzt die Offenheit und Emp-fänglichkeit für die Geistbegabung.

2.
Wenn man also den Krisen zum Trotz auf die „Trotzmacht“ des Geis-tes“ setzt (wie der Therapeut Viktor E. Frankl sagt), muss man ja nicht in die uralte Falle des Dualismus stolpern, der da vorgibt: Das Materielle, Leibliche, sei bedeutungslos gegenüber dem Geist. So sind doch wohl auch nicht die Weisheiten im Neuen Testament zu verstehen, wo es heißt: „Der Geist macht lebendig“ (Joh. 6.63) oder „Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig“ (2 Kor.3,6)? Die Fra-ge ist entscheidend: Wie können wir dieses lebendig machenden Geistes innewerden?

Viktor Frankls treffliche Rede von der „Trotzmacht des Geistes“ weist darauf hin, dass der uns Menschen ergreifende und in glücklichen Momenten ganz erfüllende Geist höher ist als unsere menschliche Vernunft. Der Geist ist es, der uns dazu befähigt, auch noch gegen ei-ne bedrückende und niederschlagende Wirklichkeit anzugehen, im Glauben daran, dass sie nie schon das Ganze und nicht unsere Be-stimmung ist. Der Geist bewahrt uns davor, in eine letzte Verzweif-lung zu geraten, er lässt uns immer noch auf eine Wende zum Guten hoffen. Der Geist macht es, dass die Liebe nicht aufhört, selbst dort nicht, wo der Hass und die Bosheit unter den Menschen uns den Glauben an die Menschlichkeit rauben wollen. Der Geist ist die uns Menschen über alles Trennende hinweg verbindende Kraft. Das ist er, weil er uns Menschen nicht nur untereinander, sondern zugleich mit dem göttlichen Ursprung unseres Daseins verbindet. In der Sprache des christlichen Glaubens ist dies so ausgedrückt, dass alle Menschen Gottes Geschöpfe, ja, seine geliebten Kinder sind.

Wir können die über uns Menschen hinausreichende und ins Dasein rufende Macht des Göttlichen selbst nur als geistig verfasst denken. So ist dann Gott der unendliche Geist, der uns Menschen an seinem Geist Anteil gibt. Die Bibel redet immer wieder, wie Sie schon zitiert haben, von dem uns lebendig machenden und lebendig erhaltenden Geist Gottes. Der Geist, der es macht, dass wir uns zu uns selbst, zu unseresgleichen wie zur Welt auf verantwortliche, sinn- und zielori-entierte Weise verhalten können, ist Geist von Gottes Geist.
Gottes Geist ist umfassender und höher als unser menschlicher Geist, aber gerade deshalb befähigt uns unsere Teilhabe an Gottes Geist zu dieser „Trotzmacht“ unseres menschlichen Geistes. Dazu, dass wir in der Kraft unseres Geistes uns einsetzen für das Gelingen des Lebens, das Gott mit der Schöpfung der Welt im Sinn hatte – auch dann und dort noch, wo wir angesichts der Größe der Aufgabe und der Wider-stände, die sich in den Weg stellen, resignieren möchten.

Die Frage bleibt jedoch, wie das zugeht, dass wir mit dieser Geistes-kraft erfüllt werden. Dazu braucht es ganz offensichtlich dies, wie Sie selbst sagen, dass wir der uns erfüllenden Kraft des göttlichen Geistes innewerden. Wir müssen zur Einsicht finden, dass unser endlicher, begrenzter menschlicher Geist tatsächlich Geist von Gottes Geist ist, wir an Gottes unendlichem Geist teilhaben. Genau daraus erwächst uns die Fähigkeit, unserer Begrenztheit und Endlichkeit, unserem Versagen und allen Widerständen zum Trotz, doch im Glauben, in der Hoffnung und in der Liebe zu bleiben – und, ja, das auch, nach univer-sal geltenden, alle Menschen gleichermaßen in ihrer unverletzlichen Würde anerkennenden und ihnen gerecht werdenden Prinzipien zu handeln.

Ich will den Bibelstellen, die Sie schon genannt haben, noch ein mir sehr wichtiges Wort aus dem Johannesevangelium hinzufügen: „Gott ist Geist, und die ihn anbeten, die müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4, 24) Hier ist dies zum Ausdruck gebracht, nicht nur, dass wir uns Gott als Geist zu denken haben, auch nicht nur, dass er uns an seinem Geist Anteil gibt, sondern auch, dass wir, um in dieses Geistgeschehen aktiv einbezogen zu werden, uns zu diesem ins Verhältnis setzen müssen. In der Wahrheit erst, im Eingeständnis also dessen, wie es um uns in Wirklichkeit steht, im Eingeständnis unserer Endlichkeit und Begrenztheit, unserer Schwachheit und Bedürftigkeit, unserer Fehlbarkeit und unseres Versagens, gewinnt die Bitte um den Geist ihre Kraft. Dann erst, wenn wir selbst leer werden, will und kann der Geist uns ganz erfüllen. Dann erst gewinnen wir den Mut, aus der Kraft des Geistes zu leben. Dann erst finden wir in diese an-dere Einstellung dem Leben gegenüber. Dann erst geben wir das ei-gene Leben und er recht die krisengeschüttelte Welt auf keinen Fall verloren.

3.
Wenn man also in Krisenzeiten besonders auf den Geist, die Vernunft, setzt, sollte dann nicht immer auch der kritische politische Geist ge-meint sein, den es zu pflegen gilt? Also der Geist im emphatischen Sinne, der sich den universalen Menschenrechten verpflichtet weiß? Wie kann es gelingen, dass wir in diesen „Corona – Zeiten“ nicht nur auf uns (in Deutschland, Europa) schauen, sondern die Weite des Mitgefühls finden mit den Leidenden weltweit?

Ja, „der Geist hilft unserer Schwachheit auf“ (Römer 8, 26), um noch einmal den Apostel Paulus zu zitieren (und die wunderbare Mottete von Johann Sebastian Bach zu assoziieren). Die Pandemie fordert alle unsere Kräfte. Sie ist nicht nur mit Kontaktbeschränkungen, sondern für viele auch mit harten ökonomischen Verlusten verbunden. Da kommt es leider viel zu oft vor, dass die Not derer, die in den Flücht-lingslagern, an den Rändern Europas oder in den Kriegs- und Krisen-gebieten des Nahen und Mittleren Ostens und in vielen Ländern Afri-kas um ihre Existenz kämpfen, aus unserem Blick gerät.

Umso dringender brauchen wir den Geist, diese unwahrscheinliche Kraft, die uns untereinander und mit dem Göttlichen über alles Tren-nende hinweg verbindet, ja, der recht eigentlich diese zerrissene Welt doch immer noch im Innersten zusammenhält. Unsere Bitte um diesen Geist, unser Ruf „Veni Creator Spiritus!“, dass er doch unsere Schwachheit vertreiben und über uns kommen möge, der schöpferi-sche, uns zum Handeln befähigende Geist, er verbindet uns zugleich mit all denen, die um ihr Lebensrecht betrogen werden. Er treibt uns dazu, ein europäisches Grenzregime anzuklagen, dass die Menschen-rechte allenfalls für diejenigen, die über einen europäischen Pass verfügen, gelten lässt.

Dieser Geist, der unserer Schwachheit aufhilft, ist politisch, eine öf-fentlich wirksame Kraft des Protestes gegen die Missachtung der für alle gleichermaßen geltenden Menschenrechte – in der Sprache des Geistes genau deshalb für alle geltend, weil alle Geschöpfe Gottes und seine geliebten Kinder sind.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Leo Tolstoi als Philosoph. Anläßlich seines Todestages am 20. November 1910

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Ist Leo Tolstoi (1828–1910) ein Philosoph? Was für eine Frage! Sie kann nur mit einem Nein beantworten, wenn als Philosoph nur gelten kann, der an einer Universität oder Hochschule lehrt und ein möglichst perfektes Denk – System errichtet. Aber, unnötig zu betonen: Philosophie ist zunächst Philosophieren, lebendiges, selbstkritisches Frgen. Und diese Praxis des kritischen Denkens und Zweifelns findet überall statt, z.B. auch in der Literatur, unter den Schriftstellern.
Natürlich ist Leo Tolstoj ein Philosoph, der in seinem äußerst umfangreichen Werk sich voller philosophischer Vorschläge äußert, selbst wenn er Philosophie sozusagen als „wissenschaftliche und strenge Disziplin“ dann doch eng findet.
2.
Immerhin widmet Wilhelm Goerdt in seinem umfangreichen Buch „Russische Philosophie“ (Karl Alber Verlag, Freiburg, 2002, 686 Seiten) fünf Seiten dem „Philosophen Tolstoi“ (S. 534 ff.). Goerdt betont gleich am Anfang, dass man die politischen und sozialen Überzeugungen Tolstois in die Nähe des Anarchismus stellen könnte. Tolstois zentrale Einsicht ist: Gewalt(herrschaft) verschwindet nicht, wenn neue Gewalttäter die Herrschaft übernehmen. Die Erneuerung des „inneren Menschen“, also die Veränderung des Bewusstseins in Richtung Liebe und Gewaltverzicht, ist die Voraussetzungen einer gelingenden humanen Welt.
Tolstoi hat sich mit vielen Lebensentwürfen auseinandergesetzt, z.B. mit dem Glauben an den Fortschritt oder dem Glauben an die dogmatischen Kirchenlehren oder dem populären Glauben der einfachen Bauern: Übrig bleibt für ihn nach all dem Suchen die Frage: Wozu ist das alles sinnvoll? Und für Tolstoi die entscheidende Frage: Was ist der Tod, was kommt nach dem Tod?
3.
In Tolstois Leben und Denken geht es darum: Das beständige Hinterfragen zu üben, das Verlassen vertrauter Positionen, die Bindung an Eigentum, an Wohlstand, es geht ihm um das ewige Weitersuchen, das Misstrauen gegen schnelle Lösungen…Letztlich, so Tolstoi, muss die wahre, das ist die an allem zweifelnde Philosophie, ihr Nichtwissen eingestehen. Hier deutet sich an, dass Tolstoi in eine Haltung gerät, die man nur Glauben nennen kann. Aber es ist ein Glaube, der in sich selbst die Kraft der Vernunft bewahrt. Mit der Vernunft verwirft Tolstoi die Lehren der Kirche, die Macht der Kirche bekämpft er ohnehin. Übrig bleibt bei der vernünftigen Religionskritik die Hochschätzung der Bergpredigt Jesu (Siehe dazu etwa Tolstois Werk „Worin besteht mein Glaube, 1883, auf deutsch: https://www.projekt-gutenberg.org/tolstoi/glaube/chap001.html)
4.
Wichtig ist der Text: „Das Reich Gottes ist in euch!“ Damals in Russland verboten, 1894 in Deutschland erschienen, meines Wissens leider auf deutsch jetzt nicht greifbar. Hier wird wohl die Mitte seines christlichen Denkens erreicht, freilich in einer wörtlichen Interpretation der Bibel-Texte. Aber diese bezieht sich auf die politisch relevanten Texte des Neuen Testaments. Auf andere Weise meinte Tolstoi wohl kaum, die umstürzlichere, die „anarchistische“ Kraft des Evangeliums deutlich machen zu können, oder besser: praktisch werden zu lassen. Sein Buchtitel bezieht sich auf das Lukas Evangelium, Kap. 17, Vers 21. Die Orthodoxe Kirche deutete Tolstoi richtig als Staatskirche, die nichts für den Frieden tut und die jesuanische Forderung der Gewaltlosigkeit ignoriert.
Tolstois Grundsätze heißen: „Du sollst nicht zürnen. Du sollst deine Frau nicht verlassen. Du sollst nie, nichts und niemandem schwören. Du sollst dem Bösen nicht gewaltsam Widerstand leisten. Du sollst Menschen anderer Völker nicht für deine Feinde halten“.
5.
Gandhi kannte dieses Buch Tolstois: „1908 schrieb Tolstoi einen Leserbrief an eine indische Zeitung (A Letter to a Hindu), in dem er die Meinung vertrat, dass das indische Volk die britische Kolonialherrschaft nur durch passiven Widerstand auf der Basis von Nächstenliebe zu Fall bringen könne. Im Jahr darauf schrieb Gandhi an Tolstoi mit der Bitte um Rat und für die Genehmigung, A Letter to a Hindu in seiner eigenen Sprache Gujarati zu veröffentlichen. Tolstoi antwortete und es folgte eine andauernde Korrespondenz bis zu seinem Tod im Jahr 1910. Die Briefe enthalten unter anderem praktische und theologische Anwendungen der Gewaltlosigkeit.[4] Tolstois Idee wurde schließlich durch Gandhis Organisation landesweiter gewalt freier Streiks und Proteste in den Jahren 1918–1947 realisiert“ (wikipedia, gelesen am 19.10.2020). Tatsache ist, dass Tolstoi Gandhi hochschätzte, wenn nicht bewunderte. (vgl.: https://www.asthabharati.org/Dia_Oct%20010/y.p..htm)
6.
Zentral bleibt für den freien Denker und Philosphen Tolstoi: Er war trotz – oder wegen – seiner Vorliebe für einzelne Aussagen des Neuen Testaments (das er auch auf Altgriechisch lesen konnte) ein Kritiker der Kirche, er lehnte die verfasste Institution Kirche ab. „Die kirchlichen Riten wurden in Tolstoijs Beschreibung zur Farce, zu einer Lüge, auf der das gesamte menschenfresserische System gründete“ (Lew Tolstoj, Rowohlt Monographie, 2010, S. 111). Und er lebte seine eigene Spiritualität, wobei er traditionelle Dogmen (wie die „Göttlichkeit Jesu“) ablehnte.
7.
Tolstoi hatte schon als junger Mann im Jahr 1855 in sein Tagebuch geschrieben, was er als seine Lebensaufgabe ansehen will: „Die Idee ist die Gründung einer neuen Religion, die der Entwicklung der Menschheit zum Segen gereicht, eine Religion Christi, die jedoch gereinigt ist von Aberglaube und Geheimnis, eine praktische Religion, die nicht künftiges Heil verspricht, sondern Heil auf Erden zu geben vermag“ (zit. in „Lew Tolstoj“, Rowohlts Monographie, von Ursula Keller und Natalja Sharandak, S. 69).

Hinweise zu „Tolstoi und der christliche Anarchismus“ finden sich auch in dem Sammelband „Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung“, hg. on Sebastian Kalicha, Verlag Graswurzelrevolution, 2013, 192 Seiten.

Copyright: Christian Modehn.www.Religionsphilosophischer-Salon.de

Jesus oder Christus? Eine Dialektik, die zu denken gibt.

Eine Dialektik, die zu denken gibt … und eine vernünftige Spiritualität fördert
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Jesus oder Christus? Ein Titel, der provozieren will, der also ein neues Nachdenken fördern möchte. Es geht um eine kritische Reflexion auf ein selbstverständlich daher gesprochenes Bekenntnis, der Einheit von Jesus (von Nazareth) und Christus in einer zusammen geschlossenen Formel „Jesus Christus“.
Dieses Thema sollte nicht nur spirituelle Menschen interessieren. Es bestimmt unsere europäische Kultur/Religions-Geschichte, es ist daher von grundlegender Bedeutung.
Es muss also diese übliche, aber oft gedankenlos gesprochene Synthese „Jesus Christus“ auseinandergenommen werden. Denn diese von den Kirchen schon in frühesten Zeiten definierte Formel „Jesus Christus“ führt letztlich, im Ganzen betrachtet, zur Bevorzugung der Christus-Gestalt und des Christus-Bildes. Dabei ist „Christus“ nur ein Titel! „Christus“ ist als solcher keine bestimmte Person, sondern ein Ehren-Titel, der dann mit der besonderen Qualität dieses Menschen Jesus von Nazareth in eins gesetzt wurde. Später hat die Kirche offiziell Jesus z.B. auch den Titel „König“ gegeben und von „Christ – König“ gesprochen. Abstrakt und nur allein für sich verwendet ist also eigentlich „Christus“ sinnvoll gar nicht sagbar. Aber das geschieht indirekt und unbewusst ständig. Damit ist eine inhaltliche Fixierung auf diesen Titel Christus
Gegeben. Und dann wird doch im zweiten Schritt ein „Christus“ auch inhaltlich konstruiert, der die unabweisbare Bindung an den einmaligen Menschen Jesus von Nazareth (und seine Lebensform, seine humane Praxis etc.) verdeckt. Dieser sozusagen dann halbierte Christus ist in der kirchlichen Dogmatik der Herrscher, der Thronende (siehe die entsprechende Ikonographie, Ravenna et.), der Gott, der logos, die Zweite Person der Trinität usw. Konsequent wird auch dies als Dogma gelehrt: Christus als Gott, man denke an die Gebete in der offiziellen Liturgie etwa der katholischen Kirche, in denen von Christus als „unserem Herrn und Gott“ immer wieder die Rede ist.
Bei der Freilegung dieser Dimension wird erneut bewusst, dass das Christentum als Christus-Religion – trotz aller internen Pluralität – eine ganz und gar eigene Religion ist, die aus dem Judentum herausgewachsen ist. Darum ist die häufige Verwendung des Begriffspaares „christlich-jüdisch“ in christlichen Kreisen eher eine Verschleierung; die tatsächliche Nähe und Verbundenheit mit der jüdischen Religion ist bei dieser Christus-Religion fraglich. Aber das ist ein Thema, das eigens diskutiert werden müsste. Jüdische Theologen sind da deutlicher, sie wissen von der tiefen Differenz von Judentum und Christentum als zwei verwandter, aber verschiedener Religionen….
Nur dies noch: Wenn Christus, sozusagen abstrakt als solcher im Mittelpunkt steht, dann wird auch aus Jesu Mutter Maria folgerichtig die „Gottes-Mutter“ oder die „Mutter Gottes“ in der dogmatischen Welt der Orthodoxie und des Katholizismus genannt. Natürlich wurde den Dogmatikern, die den Christus – Herrscher seit der frühen Kirche verteidigten, etwas blümerant zumute, wenn sie im Rahmen ihrer Definiersucht von Christus „einfach so“ als Gott und von Maria als der Gottes Mutter sprachen. Und sie haben deswegen leichte Nuancen eingeführt, etwa die Lehre von den zwei Naturen Christi, einer menschlichen und einer göttlichen usw.
Aber es ist nicht zu leugnen: Letztlich hat sich in den meisten hierarchischen Kirchen und Staatskirchen die Vorstellung von Christus durchgesetzt, also von Christus ohne Jesus von Nazareth, das gilt für die Sprache, die Liturgie, die Volksfrömmigkeit. Kunsthistoriker könnten zeigen, wie in der Darstellung Jesu Christi sehr deutlich die Christus – Gestalt herausgestellt wurde. Wenn moderne Künstler sehr deutlich die Jesus von Nazareth Person in den Mittepunkt stellten, wurden sie kirchlicherseits ignoriert oder diffamiert.
Aber ist einmal die übliche Verbindung Jesus Christus auseinander genommen, dann eröffnen sich weite und neue Perspektiven: Sie führen in die (Geschichte der) Philosophie, der Literatur, der Kunst usw. Da wird eine Bevorzugung des Menschen Jesus von Nazareth deutlich. Die kann bis heute inspirieren.
Auch die persönliche Lebensgestaltung ist davon berührt: Welches Vorbild ist maßgeblich? Klar ist auch: Über Jesus von Nazareth wissen wir historisch wirklich einiges, selbst wenn einzelne seiner Denkformen wenig inspirierend sind, wie das alsbaldige Ende der Welt und seine „Wiederkunft“. Diese Vorstellung ist nur aufgrund von Jesu Einbindung als Mensch in die damaligen religiösen Vorstellungen zu verstehen.
2.
Wer als spirituell interessierter Mensch Jesus von Nazareth als zentrale „Bezugsperson“ verteidigt, setzt auf persönliche Freiheit in seinem Glauben, auf Pluralität der Deutungen und Haltungen im Umgang mit dem Initiator des Christentums. Wer hingegen Christus gewisser Weise als Mittelpunkt sieht, bevorzugt die dogmatische Fixierung, das Starre, das Herrschende. Man denke nur an die Christus-Darstellungen der Basiliken. Oder, als Gegensatz: Man denke an die frühen Jesus Darstellungen in den Katakomben in Rom, die „Jesus als guter Hirt“ zeigen. Die Tradition der Kreuzweg-Andachten oder die Tradition der „semana santa“ in Spanien sind extrem populäre Beispiele für eine Bevorzugung Jesu im „Volk“. Und man bedenke vor allem: Die Päpste nennen sich bis heute bezeichnenderweise „Stellvertreter Christi“, dieser anspruchsvolle Hoheits – Titel wird in dieser Formulierung im offiziellen römischen Katechismus von 1993 mit Bezug auf das 2. Vatikanische Konzil bis heute verbreitet. Päpste vertreten Christus, den Herrscher, selbst wenn ein Papst Jesuit (Mitglied des Jesuitenordens) ist. Aber auch dieser Orden (der sich als einziger Männerorden in seinem Titel direkt auf Jesus bezieht und nicht bloß etwa nur auf sein heiliges „Herz“) hat im Laufe seiner Geschichte entschieden nur aufseiten der Stellvertreter Christi gestanden und die Inquisition (und die Ausarbeitung des Index der verbotenen Bücher) unterstützt. Der jesuanische Geist setzt sich erst in neuester Zeit durch, etwa in den Aktivitäten des Ordens zugunsten der Flüchtlinge…
3.
Das ist schon komisch: Ein Papst, der sich „Nachfolger des armen Jesus von Nazareth“ nennen würde, ist eigentlich undenkbar. Er müsste sofort seine Allmacht, Unfehlbarkeit, aufgeben und den Vatikan mit seinen Palästen verlassen. Und sich mit einem schlichten Anzug bekleiden. Es wäre historisch sehr reizvoll zu fragen: Inwiefern die große Hochschätzung der Päpste für den eigenen Kirchen – Staat (bis heute) auch in einer einseitigen Christus- (König) Bindung zu tun hatte und hat. Ein Papst als Stellvertreter Jesu von Nazareth, wenn denn diese Formel überhaupt noch Sinn macht, bräuchte keinen Vatikan – Staat. Wenn er sachlich kompetent wäre, würde er wohl trotzdem zur UNO oder ins Europaparlament eingeladen werden. Ob dieser Papst noch Nuntien in allen Ländern bräuchte, die sozusagen auch Spione der jeweiligen Ortskirchen arbeiten, ist noch mal eine andere Frage.
4.
Noch einmal: Es gibt die Bekenntnis-Formel „Jesus Christus“, sie ist weit verbreitet. Aber der rebellische Jesus hatte bei dieser Formel keine Chance, inhaltlich bestimmend zu werden, also nicht der Jesus als Freund der Frauen oder als Freund der Armen, auch nicht der Jesus, der mit einer Anzahl von Geschwistern bescheiden in Nazareth als Tischler lebte (übrigens ein damals hoch angesehener Beruf, der große intellektuelle Fähigkeiten verlangte.) Wer Jesus in den Mittelpunkt stellt, muss immer an Jesus als den Juden denken. An einen Lehrer und Propheten im damals schon pluralen Judentum, der tätiges Tun der Liebe, Praxis, viel wichtiger fand als das bekennende, aber gedankenlos plappernde „Herr – Herr – Sagen“, das Jesus von Nazareth verachtete.
Christus ist immer der in die griechische Philosophie eingerückte „logos“…und auch eine Art Objekt, das man katholischerseits kniend in der Hostie anbetet und diese Anbetung eines Stückchens Brot als Christus in einer goldenen Monstranz dann als wichtige Glaubenspraxis versteht. Unvorstellbar, dass man in diesen goldenen Rahmen irgendein Stückchen des armen Jesus von Nazareth, den Propheten, setzen würde.
5.
Jesus oder Christus ist also alles andere als eine harmlose Alternative: Sie berührt den Anspruch der Kirche(n), machtvoll als Institutionen zu bestehen mit einem aller heiligsten „Objekt“, Christus, das nur entfernt mit Jesus, dem aus dem Judentum stammenden Initiator der christlichen „Bewegung“, zu tun hat. Man bedenke ferner, dass die aktuellen caritativen und diakonischen Hilfen der Kirchen/Christen sich auf Ereignisse, Taten, Erzählungen Jesu von Nazareth beziehen, man denke nur an die Geschichte vom „Barmherzigen Samariter“. Auf den Christus – Imperator, Christ – König, können sich bestenfalls Imperatoren, Kaiser, Könige beziehen.
Eine „Jesus-Kirche“ wäre ganz anders als die übliche machtvoll herrschende Christus-Kirche. Das gilt natürlich nicht nur für die römisch-katholische Kirche, sondern auch für die durch und durch institutionalisierte und damit bürokratisierte evangelische Kirche in Deutschland. Man zähle einmal, wie viele Kirchenräte und Oberkirchenräte es in Deutschland gibt und frage ich, wofür so viele Leiter von Behörden gebraucht werden.Bei den Milliarden-Kirchensteuer – Aufkommen immer noch ist dies kein Wunder. Das gilt auch für die Orthodoxie, die in ihrer, so wörtlich, göttlichen Liturgie eben eine Christus-Liturgie absolviert (in unverständlichen, uralten Sprachen zudem auch die Metropoliten und Patriarchen, etwa der in Moskau, sind eher bestens finanziell ausgestattete Herrscher (und Putin-Ideologen) als Nachfolger des armen Jesus von Nazareth. Das hat in anderer Form schon Tolstoi geschrieben…
6.
Die Tradition der „Jesuaner“ ist keineswegs etwas „Sektiererisches“, abgesehen davon, dass immer die Herrschenden definieren, wer Sektierer ist und wer nicht. Niemals werden sich die machtbesessenen Verwalter der reinen Lehre selbst Sektierer nennen, obwohl sie – theoretisch wie praktisch oft – weit entfernt sind von dem, was Jesus etwa in seiner Bergpredigt lehrte. In der Hinsicht sind also diese Herren Sektierer, Abweichler. Aber das ist ein anderes Thema.
7.
Mir geht es hier vor allem nur darum, an einige Personen, Philosophen, Theologen, Literaten zu erinnern, die in dem Christus geprägten Kirchensystem immer wieder an Jesus von Nazareth erinnerten. Dieses Vorhaben ist naturgemäß umfassend und ist nur interdisziplinär zu leisten, also unter Literaturwissenschaftlern, Religionswissenschaftlern, Philosophen, spirituellen Meistern, ob auch katholische Theologen dazu gehören können, wage ich angesichts der immer noch gegebenen Gehorsams-Bindung dieser Theologen an das offizielle Lehramt zu bezweifeln.
8.
Zunächst nenne ich – vielleicht als „aufmunternden“ Impuls zum Thema – Friedrich Nietzsche, und zwar sein letztes, noch bei geistiger Gesundheit verfasstes Buch „Der Antichrist“. Das Manuskript wurde von seiner Schwester dann verfälscht herausgegeben, und erst in den neunzehnhundertfünfziger Jahren korrekt ediert.
Es fällt auf, dass Nietzsche in dem „Antichrist“ ab Kapitel 27 sehr viel Zuneigung zu Jesu von Nazareth zeigt, in früheren Werken hat sich Nietzsche nie so positiv über Jesus geäußert. „Nietzsche jahrelange Verwerfung Jesu als der Verkörperung alles Hassenswerten am Christentum zerfällt lautlos“, schreibt Heinrich Detering in seiner Studie „Der Antichrist und der Gekreuzigte“, Göttingen 2020, S. 95. Detering hat sehr ausführlich diese in weiten Kreisen eher unbekannte späte Jesus- Zuneigung Nietzsche interpretiert. Es ist immer typisch für den Umgang mit der Jesus – Gestalt, dass jeder und jede sich berechtigterweise die Freiheit, seinen/ihren Jesus zu zeichnen, oft ist dabei die Auseinandersetzung mit den Quellen im Neuen Testament gründlich oder nicht. Nietzsche jedenfalls setzt sich von dem damals populären Jesusbild des französischen Religionsphilosophen Ernest Renans ab. Nietzsche sieht Jesus als einen Menschen, der ganz in der Gegenwart, der dauernden Gegenwart, lebt, jeder Augenblick ist ihm heilig, die innere Regung für das Menschliche…Der Gedanke an die Zukunft spielt keine entscheidende Rolle in Nietzsches Jesus – Deutung. Nietzsche geht soweit, Jesus einen freien Geist zu nennen, „die höchste Auszeichnung, die Nietzsche für einen Menschen zu vergeben hat“ (Detering, S. 52). Aber: Dieser Jesus stirbt am Kreuz und mit ihm stirbt seine Botschaft, das Evangelium. Es folgt nämlich, so Nietzsche, die Kirche, die alles daransetzt, diesen „freien Geist Jesus“ auszulöschen. In dieser spirituellen Lehre danach wird Raum geschaffen für den Antichristen, der eine neue Wertordnung setzt, die leider von den humanen Impulsen Jesu nichts mehr übriglässt. Es wäre darum, Nietzsche folgend, zu diskutieren, wie gerade die Kirche als Institution nicht nur Jesus und sein Evangelium verrät und fallenlässt, sondern auch: Wie die Kirche indirekt dadurch schuld ist an der Durchsetzung des Antichristen….
9.
Genau an dieser Stelle wäre von Leo Tolstoi zu sprechen und seiner Bindung an Jesus von Nazareth, an die Vorliebe des russischen Dichters für die Bergpredigt und die heftigste Kritik an der offiziellen russisch-orthodoxen Kirche und ihrer machtvollen Hierarchie. Es ist der Jesus – Impuls, der das Werk Tolstois bestimmt. „Die kirchlichen Riten etwa die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, wurden in Tolstois Beschreibung zur Farce, zu einer Lüge, auf der das gesamte, so wörtlich, menschenfressende System gründete . Deswegen wurde er im Jahr 1901 von dieser Kirche exkommuniziert. Tolstoi schrieb in dem Zusammenhang einen sehr viel beachteten Text: “Ich glaube, dass Gottes Wille ganz klar und verständlich ausgedrückt ist in den Lehren des Menschen Jesus, den als Gott zu betrachten und anzubeten ich für die größte Gotteslästerung halte…“ Der Kampf Tolstois gegen das verbrecherische Regime des Zaren ist bestimmt von seiner Vorliebe für den vorbildlichen Menschen Jesus von Nazareth. (https://www.grundrisse.net/grundrisse44/Anarchismus_und_Christentum.htm).
Selbst in seinen letzten Stunden wünschte Tolstoi keine Versöhnung mit dieser allmächtigen, Christus und nicht Jesus feiernden Staatskirche (Leo Tolstoi, Rowohlt Monographie, Reinbek 2010, S.111 und 136)
10.
Und dieser Jesus – Impuls bricht auf unter marxistischen Intellektuellen, etwa Karl Kautsky oder Ernst Bloch und später dann Milan Machovec oder Leszek Kolakowski bis zu den anarchistischen Philosophen wie Fürst Peter Kropotkin (1842 – 1921). „Peter Kropotkin – einer der wichtigsten Vertreter des kommunistischen Anarchismus und sicher weit davon entfernt ein christlicher Anarchist zu sein – gesteht dem Christentum zum Beispiel zu, dass es erst durch die Institutionalisierung korrumpiert worden ist, wenn er das Christentum als „die Empörung gegen das kaiserliche Rom“ beschreibt, das „durch dasselbe Rom“ besiegt wurde, indem es „dessen Maximen, Sitten und Sprache an[nahm]“ und so „römisches Recht“ wurde. Er ging sogar noch weiter und schrieb, dass es „in der christlichen Bewegung […] zweifellos ernstzunehmende anarchistische Elemente“ gegeben habe. Der „anarchistische[.] Gehalt“, den er in den „Anfängen“ des Christentums verortete, verschwand für ihn aber, als „diese Bewegung [allmählich] zu einer Kirche [entartete]“.
Diese Argumentation unterscheidet ihn von vielen christlich-anarchistischen TheoretikerInnen de facto nicht. Kropotkin war es auch, der in seinem Anarchismus-Artikel für die Encyclopædia Britannica (eleventh ed.) die frühen Hussiten, die Anabaptisten (Wiedertäufer) und den Theologen Hans Denck im positiven Sinne für erwähnenswert erachtete“.(Aus einem Beitrag von Sebastian Kalicha: https://www.grundrisse.net/grundrisse44/Anarchismus_und_Christentum.htm
11.
Von Albert Camus und Jesu wäre zu sprechen: Für Camus ist Jesus eine Art Verleiblichung des Dramas der Menschheit: „Er ist nicht der Gott – Mensch, sondern der „Mensch-Gott“, schreibt Camus. Er ist begeistert von einem Gott mit menschlichem Antlitz, ein Gott, der in Jesus sichtbar wird. In dem Roman Die Pest erscheint dieses Gesicht des Menschen-Gottes im Bild des unschuldig Leidenden, in dem Kind, das im Sterben liegt. Camus nimmt sich natürlich alle Freiheit, seinen Jesus zu zeichnen, der als Gottverlassener am Kreuz eine absurde Erfahrung macht, der sich aber vorher gegen Unrecht aufgelehnt hat.
Erst wenn Menschen frei und unzensiert ihr Jesus – Bild beschreiben können und selbstverständlich auch bei ihrer Position bleiben dürfen, wird der spirituelle Dialog reicher.
12.
Bei unserem Thema kann man auf einen Blick auf Hegel nicht verzichten: In der Philosophie seiner früheren Jahre hat er sich deutlich auf die Gestalt Jesu von Nazareth bezogen. Später, vor allem in Berlin, in den Vorlesungen über die Philosophie der Religion spricht er nur von Christus. Aber dies ist nicht die Herrscher – Gestalt, sondern die Person, die allen Menschen deutlich macht: Jeder Mensch ist mit dem göttlichen Geist begabt. Dies ist keine fromme Behauptung, sondern im Rahmen seiner Logik eine Erkenntnis, die hier nicht weiter erläutert werden kann. Wichtig ist nur: Wenn der Mensch mit göttlichem Geist ausgestattet ist, dann bedeutet dies: Göttlicher Geist ist Vernunft, und dieser verlangt die vernünftige Gestaltung der Wirklichkeit, selbstverständlich der politischen. Wenn also Hegel Christus in den Mittelpunkt stellt und diesen umfassend und adäquat nur in der Philosophie verstehen kann, dann ist damit auch ein praktisches Lebensverhältnis eröffnet, ein politisches, die Forderung zur vernünftigen Umgestaltung der Welt ist in dieser Christus – Bindung Hegels offensichtlich. Christus wird förmlich zum philosophischen Symbol einer humanen Gestaltung der Wirklichkeit. Hegel sah in diesem vernünftigen Christus-Bild eine Chance für die Moderne, weil dadurch auf religiösen Fundamentalismus verzichtet wird zugunsten der Frage: Wie kann die Wirklichkeit vernünftig (und eben nicht den Geboten einer Religion entsprechend) gestaltet werden
Nicht alle Beziehungen zu Christus sind also von dogmatischer Starre geprägt.
13.
Wo also lebt der jesuanische Geist – heute?
Ich möchte eine Dialektik vorschlagen: Der jesuanische Geist als Idee und Tat, inspiriert von der Weisheit des Propheten Jesus von Nazareth, lebt heute vor allem bei vielen Mitgliedern der NGOs, der „Ärzte ohne Grenzen“, der „Reporter ohne Grenzen“, also der Menschenrechtsbewegungen, der feministischen Bewegungen, der „friday for future“, der Anti-Atom-Bewegungen usw. In der Erinnerung lebt Jesus weiter in den „Samariter-Hilfsdiensten“, bekanntlich bezogen auf Jesu Erzählung vom „barmherzigen Samariter“.
Und Christus? Der gilt sehr viel bei den Dogmatikern, den Menschen, die (nur) schöne lateinische Liturgien lieben, aber Ungläubige verachten, Homosexuelle verfolgen (siehe Polen usw.) und Frauen keine Gleichberechtigung in der Kirche geben, weil eben „ihr“ Jesus als ihr Christus nur Männer als Apostel wollte oder: die Protestanten vom Abendmahl ausschließen usw.
Die Dialektik ist klar: Lebendigkeit, Pluralität, Kritik und Selbstkritik, letztlich demokratische Mentalität, sind bei den direkt oder anonym sich auf Jesus beziehenden Menschen zu finden. Die andere Seite der Dialektik ist klar…
Ob sich noch einmal eine wahrhafte Synthese von „Jesus (von Nazareth) Christus“ finden lässt? Ich bezweifle das. Die Wege der Dialektik haben sich getrennt. Das heißt ja nicht, dass innerhalb der „Christus“ – Kirche einige jesuanische Menschen leben. Aber sie haben keine prägende Stimme in der Institution, sie sind Außenseiter, bestenfalls geduldet. Man denke, um nur drei aktuelle Beispiele zu nennen, an Bischof Casaldaliga (Brasilien) oder Bischof Gaillot (Frankreich) oder auch an Abbé Pierre (Frankreich)…
14.
Ich bin mir bewusst, dass man heute von Jesus von Nazareth nicht naiv fundamentalistisch sprechen darf. Das will ich überhaupt nicht. Ich meine nur, dass heute durchaus einige Kennzeichen des Mannes aus Nazareth ziemlich deutlich sind. Und die allein genügen schon, eine Dialektik gegenüber dem machtvollen Herrscher Christus aufzubauen.
Dialektik strebt für Hegel bekanntlich immer zu einer Versöhnung. Diese kann nur daran bestehen: Immer genau zu sagen: Wir meinen den „Jesus von Nazareth als Christus“. Und dieser Jesus ist, noch einmal, bei aller nun einmal geschichtlichen Begrenztheit seines individuellen Lebens, nicht nur der Menschenfreund, sondern der Verteidiger der Armen, der Zukurzgekommenen, der von Gesetzen Unterdrückten. „Brüderlichkeit“, also „Geschwisterlichkeit“, ist nur mit Jesus von Nazareth erreichbar, nicht mit Christus als dem Symbol der Herrschenden. Es wäre ausführlich zu zeigen, wie etwa die ersten Revolutionäre ab 1789 in Frankreich sich auf Jesus (!) bezogen haben und welche Rolle Jesus spielte 1848 oder in der Pariser Kommune 1871.
15.
Wenn man also noch einmal die kirchlichen Welten betrachtet, dann gilt: Die übliche Formel „Jesus Christus“ weiterhin zu sprechen, reicht nicht mehr! Und diese Formel ist eine ideologische Irreführung. Meines Erachtens kommt eine wirkliche spirituelle und damit menschliche Lebendigkeit erst dann, wenn darauf verzichtet wird, an erster Stelle den Christus (das Herrschaftssymbol) zu verehren, selbst wenn dann noch das Beiwort Jesus gedankenlos mitgesagt wird.
Dieser Christus ist der Gott der Herrschenden und Dogmatiker (Päpste, Patriarchen, Metropoliten, Oberkirchenräte usw.). Christus verlangt Anbetung, Jesus humane Praxis!
16.
Jesus von Nazareth ist ein freier Geist, wie Nietzsche richtig sagte, an ihm kann man sich orientieren, wenn man auch religiös frei, vernünftig und human leben will. Und wenn man als Mensch solidarisch und mit Empathie leben will, ob man nun konfessionell ist oder nicht. Das ist „im Sinne Jesu“ wahrlich egal (vgl. Matthäus, 25, 31-46). Jesus verlangt keine Anbetung, er lehrt, so fragmentarisch auch immer seine Lehre wirkt, eine Philosophie des Lebens als der praktischen Lebensgestaltung.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mystik als Betrug? Die populäre katholische Seherin Marthe Robin (Frankreich) wird vom glorreichen Sockel gestürzt.

Über ein mittleres Erdbeben in der frommen katholischen Welt.
Ein Hinweis von Christian Modehn

Da lebte eine schwer kranke Frau ans Bett gefesselt. Geboren 1902, gestorben 1981, ernährte sie sich – angeblich – seit 1930 von nichts anderem als der täglichen Hostie; sie erhielt himmlische Visionen, sie soll die Wundmahle Christi an ihrem Körper gehabt haben; wurde deswegen zur Attraktion für Fromme aus aller Welt, die zu Tausenden zu ihr strömten in ihr Haus in Chateuneuf-de-Galaure im Département Drome. Es wurden in ihrem Geist „Heime der Liebe“ („Foyers de Charité“) errichtet. Sie sind weltweit zu finden, auch in Österreich, sowie in Gunzenbach bei Aschaffenburg, aber sehr viele in Frankreich (etwa in Ottrott, Alsace) und Afrika und Lateinamerika. Die neuen geistlichen Gemeinschaften, wie die Charismatiker (Gemeinschaft Emmanuel) oder die weltweit tätigen „Johannesbrüder“ verehren diese so genannte Mystikerin über alles…

Diese Seherin und Autorin viel gelesener mystischer Bücher heißt Marthe Robin. Ihre vielen VerehrerInnen setzten sich natürlich für die Seligsprechung ihrer Marthe ein, Papst Franziskus hatte ihr sogar schon einen „heroischen Tugendgrad“ bescheinigt. Nun sollte es bald so weit sein, dass sie vom Vatikan selig gesprochen werde, sozusagen als heiligmäßiges Vorbild auf die Höhe der Altäre gehoben, wie man so in katholischen Kreisen sagt.

Aber daraus wird nun nichts. Zumal auch die Priester, die so eng mit der Seherin verbunden waren, sexuellen Missbrauch praktiziert haben sollen: Der spirituelle „Vater“ der angeblichen Mysterikerin, Abbé Georges Finet, soll bei der Beichte die armen Sünder, vorwiegend Jugendliche, sexuell belästigt haben. Auch der Priester, der die Seligsprechung im Vatikan voranbringen sollte, Bernard Peyrous, musste erst mal zurückstecken, weil auch er angeklagt wird wegen der „gestes gravement désordonnés“, der schwer ungeordneten Verhaltensweisen also, im sexuellen Bereich, vermutlich.

Bislang war rund um Marthe Robin alles hübsch mit einem Heiligenschein umgeben. Nun kommt die große Ernüchterung: Und Beobachter sprechen von einem neuen, schweren Skandal, der in den kommenden Oktobertagen 2020 einmal mehr die katholische Kirche erschüttern wird: „Paris Match“ hat sich für den 8.Oktober schon mal exklusive Vorabdruck Rechte gesichert, berichtet die Pariser katholische Wochenzeitung „Témoignage Chrétien“,Paris, am 24.9.2020.
Am frühesten hat, ökumenisch sehr mutig, die bekannte protestantische Wochenzeitung „Réforme“ (Paris) am 20.9.2020 über die falsche Mystikerin berichtet. Und der Autor, Philippe Clanché, hat völlig recht, wenn er schreibt: „Die Mehrzahl der neuen spirituellen katholischen Bewegungen, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden, sind heute beschmutzt (souillés) durch die Freilegung des Autoritarismus oder des abweichenden sexuellen Verhaltens (also des Missbrauchs) ihrer Gründer.“ Ich habe diese vielfältigen Verirrungen dieser von Papst Johannes Paul so hoch verehrten neuen geistlichen Gemeinschaften auf der website religionsphilosophischer-salon.de dokumentiert. Diese Kreise sollten die so genannte „neue Evangelisierung“ befördern, haben aber oft nur Probleme und Irritationen geschaffen.
Der Autor der Wochenzeitung „Réforme“ fährt fort: „Und wir erfahren heute, dass eine der am meisten populären Heldinnen des frommen Frankreich nun offenbar von ihrem Sockel gestürzt wird“: Marthe Robin, die Betrügerin, umgeben von einem Kreis von Betrügern, die die Seherin hoch puschten, zur Heldin machten …um davon zu profitieren.

Am 8. Oktober 2020 soll also in dem angesehenen Verlagshaus „Editions du Cerf“ in Paris, das von den Dominikanern geleitet wird, ein Enthüllungsbuch erscheinen, über das bisher sehr wenig enthüllt ist: Nur so viel: Die hoch verehrte Mystikerin Marthe Robin (1902 -1981) aus Frankreich war eine Betrügerin. Ihre bewunderten und so außergewöhnlichen Visionen, die sie niederschreiben ließ und die als Bücher erschienen, sind tatsächlich keine außergewöhnlichen himmlischen Einsichten, sondern ganz banal und etwas raffiniert: Eben Plagiate! Abschriften von spirituellen Texten aus dem 19. Jahrhundert. In mühevoller Jahrelanger Arbeit hat das Prof. Conrad de Meester aus Belgien herausgearbeitet, er ist im Dezember 2019 gestorben. Er war ein angesehener Fachmann für Fragen der Mystik und Mitglied in dem auf Mystik sozusagen spezialisierten Orden der Unbeschuhten Karmeliten. Das Manuskript dieses Buches fand man in seinem Kloster in Belgien post mortem in seinem Schreibtisch.
Prof. de Meester zeigt in seinem umfangreichen Buch, dass die angeblich seit Jugendzeit ans Bett gebundene, kranke Marthe Robin doch wohl nicht gelähmt war, wie ihre VerehrerInnen glauben: Der Professor hat z.B. die Hausschuhe von Marthe Robin untersucht, und da zeigten sich „usures inexplicables“, unerklärliche Gebrauchsspuren.
Sehr viel mehr hat „Réforme“ bisher mangels Kommunikation mit dem Verlag nicht publizieren können, lediglich vom Verlag du Cerf wurde für einige Tage eine Pressenotiz im Internet sehr bedeutungsvoll verbreitet: „Dies ist eines der Investigations/Forschungs- Büchern, deren Erkenntnisse ein davor und ein danach markieren. Denn dieses Buch enthüllt eine etablierte Lüge, indem es jedes geheim gehaltene Urteil („raison“) demontiert, auseinandernimmt und auch jedes versteckte Netzwerk freilegt, weil es dessen Autoren, Komplizen und den Opfern die Masken abreißt („démasquer“).
Bemerkenswert ist, dass diese Pressemeldung des Verlages du Cerf noch am 22.9. 2020 auf der Website des Verlages von mir gelesen wurde. Heute, am 24.9.um 15 Uhr, ist diese Pressemeldung von der Verlagswebsite verschwunden! Es kann schon sein, dass gegen dieses monumentale Buch (von ca. 400 Seiten) gerichtlich vorgegangen wird oder dass es in einem nicht-katholischen Verlag erscheinen muss, weil die Dominikaner mit der Angst zu tun bekamen.

Denn Marthe Robin zu entthronen, bedeutet: Mystik als Betrug: Das ist schon „ein Skandal“, den viele kritische Beobachter schon bei dem heiligen Scharlatan Pater Pio oder der Seherin Therese Neumann von Konnersreuth entdeckten. Aber die katholische Kirchenführung hält wider besseren theologischen Wissens an diesem Wunderglauben, diesen Stigmatisierungen und Visionen etc., fest. Die Kirche glaubt mit diesem „Zeug“ die Spiritualität, den Glauben, in der säkularen Welt retten zu können. Aber die Menschen wollen Argumente für Gott, nicht spinöse Wundermärchen und Lügen.
Klar ist schon jetzt: Ein ganzes Werk, diese „foyers de charité“, erscheint in anderem, finsteren Licht von Betrug und Machenschaften…
Und die Menschen nehmen hoffentlich Abstand von einem mysteriösen Glauben, der mysteriös aufgebauscht wurde.

Das Interesse an einer authentischen Mystik, die gibt es ja noch manchmal (!), dieses Interesse bleibt. Meister Eckart oder Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz wird man wohl nicht des Betrugs überführen. Dafür sind ihre Texte echt.

Conrad de Meester, „La fraude mystique de Marthe Robin“. Editions du Cerf, Paris, soll, so Gott und der Vatikan wollen, am 8.10. 2020 erscheinen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Über die Unendlichkeit. Zum neuen Film von Roy Andersson.

Hinweise zum Unendlichen, das die Endlichkeit und das Endliche in sich umfasst. Inspiriert von Hegel und (am Schluss) mit einem Zitat des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy.

Von Christian Modehn

Der neue Film von Roy Andersson „Über die Unendlichkeit“ ist nun „endlich“ auch in den Kinos hierzulande zu sehen. Und der Film erscheint schon ganz groß in der Werbung, bleibt zu hoffen, dass er trotz der Corona – Pandemie viel Aufmerksamkeit findet und ins Nachdenken führt. Denn die Bilder von Roy Andersson prägen sich bekanntermaßen ein, sie fördern das meditative Denken. Auch der neue Film ist eine philosophische „Lehrstunde“, sie wird das „Kino – Erlebnis“ überdauern!

„Über die Unendlichkeit“ zeigt Szenen aus dem Alltag. Eigentlich sind es „stehende“ Bilder, und dieser Alltag ist, wie aller Alltag, ein endlicher, begrenzter, auch vom Sterben und Leiden umfangener Alltag. Nur haben „wir“ das vor Corona oft vergessen und glaubten in unserem Wahn, mit einer fast ewigen Lebensdauer ausgestattet zu sein. So denken viele in den privilegierten, den reichen Regionen dieser insgesamt von Armen und Hungernden bevölkerten Welt…

Noch einmal: Der Titel „Über die Unendlichkeit“ ist ein philosophischer Titel. Und ich möchte wissen, wie sich Roy Andersson dazu – etwa in seiner Heimat in Schweden – geäußert hat. Denn dass der Filmautor Andersson ein Philosoph ist, das haben seine früheren großartigen Filme schon bewiesen.

Die Sache des Films soll hier im Zusammenhang der Philosophie Hegels reflektiert werden. Hegels ist DER Denker des Verbundenseins von Endlichem und Unendlichem.

Dieses Endliche ist das Geschaffene, Begrenzte, Sterbliche, Zerstörbare, auf andere Verwiesene und von Anderen Abhängige. Der Mensch fühlt sich manchmal autonom; dabei weiß der endliche Mensch, dass er nicht aus eigener Kraft entstanden ist, dass er etwa die körperlichen Funktionen im eigenen Leib nicht wirklich selbst bestimmen und steuern kann, dass er nicht nur nicht sein Geborenwerden bestimmt hat noch – wahrscheinlich – die Stunde des eigenen Sterbens kennen wird.
Menschliche Autonomie gibt es, „Gott sei Dank“, aber sie ist doch sehr begrenzt. Und dennoch wissen wir endliche Wesen manchmal, dass wir über das Endliche hinausreichen, in einer Art geistigen Dynamik, die uns Grenzen und Begrenzungen, also Endliches, überschreiten lässt.

Schon in der „Differenzschrift“ Hegels, verfasst in jungen Jahren, 1801 in Jena, geht es in dem ersten Kapitel um die Überwindung des üblichen „alltäglich geglaubten“ Gegeneinanders von Endlichem und Unendlichem, ein Thema, das Hegel sein ganzes Leben beschäftigt. In der „Differenzschrift“ heißt es (zitiert nach der Suhrkamp Ausgabe, Band 2, Seite 21): “Das Unendliche, insofern es dem Endlichen entgegengesetzt wird, …drückt für sich nur das Negieren des Endlichen aus“.

Damit will Hegel sagen: Ein Unendliches, das sich nur im permanenten Negieren des Endlichen zeigt, ist das, wie er sagt, „unwahre Unendliche“. Wie kommt Hegel zu dieser Erkenntnis?
Wir überscheiten im Denken ständig das Endliche, „negieren“ es, schreiten von einem Endlichen zum nächsten Endlichen, das wir dann wieder überwinden. Das ist gerade in den Naturwissenschaften ein normaler Vorgang, der grenzenlos erscheinende, deswegen unendlich genannte Weg von einem Endlichen zum anderen. Wie auf einer Linie ohne Ende schreitet förmlich das Denken von einem zum anderen, dem besser Erkannten. Gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, erleben wir, wie die Forschung sich langsam von einer Erkenntnis zu nächsten vortastet. Diese Forschung ist, indem sie immer alte endliche Erkenntnisse negiert, ein unendlicher Prozess, und es ist gut, dass ihn Forscher betreiben.

Aber ist dieser unendliche Weg der Überwindung einer Endlichkeit zu einer anderen Endlichkeit schon eine Erfahrung der Unendlichkeit? Ist Unendlichkeit Grenzenlosigkeit auf einer horizontalen Linie, auf der wir von einer endlichen Erfahrung zur nächsten gehen?

Hegel sagt dazu entschieden Nein, so sehr er auch die oben beschriebene Forschung als Fortgang von einem Endlichen zum nächsten schätzt und für notwendig hält.

Die wahre Unendlichkeit zeigt sich erst, wenn der Mensch in seinem Geist diese gerade beschriebene ständige Überwindung des Endlichen noch einmal reflektiert und fragt, wie ist sie eigentlich möglich? Welche innere geistige Kraft treibt mich über jedes Endliche hinweg zum nächsten Endlichen?
Und dabei wird entdeckt: Es lebt eine Kraft im menschlichen Geist, die diese Dynamik des Lebens im Endlichen (auch im Forschen des Endlichen) sozusagen ständig belebt und ermöglicht. Schon 1801 in der genannten „Differenzschrift“ (S. 25) schreibt Hegel: „Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, das Endliche IN das Unendliche als Leben zu setzen“.
Das heißt: Das Endliche, also auch der Mensch, ist in das Unendliche hineingesetzt, als Bedingung der Möglichkeit seines geistigen Lebens.
Das wahre Unendliche im Sinne Hegels ist die im Inneren des menschlichen Geistes anwesende, sozusagen „vertikal“ ins Innere gelagerte Unendlichkeit, dies ist für Hegel der unendliche Geist, man könnte im Sinne Hegels sagen: Das Göttliche, Gott.

Diese Erkenntnis mag für einige heute ungewöhnlich sein:
Hegel betont: Es ist die Anwesenheit des unendlichen Geistes (als des Geistes des Unendlichen, also Gottes), die das geistvolle Leben, dieses ständige Suchen nach dem Unendlichen ermöglicht. DIESE Unendlichkeit drückt sich in der Wirklichkeit aus, wenn der Mensch, künstlerisch, schöpferisch tätig ist, voller Phantasie, die den Alltag überschreitet. Der Mensch formt sich dann auch Religionen, schafft sich in bunten Erzählungen die heiligen Schriften (Bibel, Koran usw.). Der endliche Mensch liebt den und die anderen, dabei schwingt er manchmal aus sich heraus; er steigert sein Selbstgefühl.

Der Mensch ist das transzendierende, d.h. die eigene Endlichkeit überschreitende Wesen.

Das (schöpferische) Unendliche umfängt förmlich als innere Struktur im Endlichen das Endliche, ohne dieses in seiner Freiheit und Tätigkeit einzuschränken. So wird das Endliche, also der endliche Mensch, nicht nur zum Überschreiten jeglicher Endlichkeit aufgefordert, er weiß zudem, dass er gleichzeitig mit dem unendlichen Geist verbunden ist. So gibt es also eine wahre Einheit von Endlichem und Unendlichem.

Was hat das alles mit dem Film „Über die Unendlichkeit“ zu tun? Die vielen Beispiele des Verstricktseins in die Endlichkeit, in das Leiden der Menschen, werden wenigstens gedanklich versöhnt, weil im Nein zu diesen endlichen Situationen ein Licht der Anwesenheit des Unendlichen aufleuchtet. Dieses Licht bleibt, es kann von Menschen übersehen, totgeschwiegen, aber nicht „abgeschaltet“ werden. Der Geist lässt sich nicht töten!

Diese Erfahrung der wahren Unendlichkeit inmitten des (Schreckens des) Endlichen kann man ein Aufleuchten von Transzendenz nennen.

Insofern ist der neue Film von Roy Andersson „Von der Unendlichkeit“ nicht nur ein philosophischer, sondern ein leiser Film schwacher religiöser Sehnsucht.
Aber diese Sehnsucht nach dem Unendlichen ist nicht ein Spleen, schon gar nicht ein Wahn, diese Sehnsucht ist vielmehr selbst „geistgewirkt“, sie weckt eine begründete Hoffnung, nicht in der Endlichkeit zu versinken.

Das ist der praktische Sinn, wenn Hegel auf die wahre Unendlichkeit hinweist: Die unwahre, also die bloß horizontale und immer endliche Unendlichkeit bleibt ja bestehen, und sie muss zum Beispiel als Gestalt der endlosen Forschung bestehen bleiben.

Aber erst wenn auch die wahre Unendlichkeit erkannt und bewusst erlebt wird, auch als die innere Ermöglichung der endlosen, horizontalen Unendlichkeit, findet der menschliche Geist seine Erfüllung, man möchte sagen seine seelische Harmonie und lebendige Beruhigung, ja auch dies: seinen Frieden, trotz aller Katastrophen, die nun einmal in den vielen Endlichkeiten auftreten.

Ein Zitat von Jean-Luc Nancy: „Wir sind unendlich. Unendlich sein heißt nicht, unendlich lange zu leben. Es heißt, dass es etwas in uns gibt, was nicht von der Zeit abhängig ist. Etwas, das über die Zeiten trägt, das uns nicht auf unsere kurze Lebenszeit reduzieren lässt“. (Aus einem Gespräch, das Michael Magercord mit Jean-Luc Nancy geführt hat).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Mit Hegel über Hegel hinausdenken – Für eine vernünftige christliche Spiritualität.

Ein Hinweis von Christian Modehn, veröffentlicht am 20.9.2020

(Dieser Hinweis ist eine Zusammenfassung eines Vortrags, den ich kürzlich in Berlin gehalten habe)

Ein Vorwort:
Warum sollen wir uns heute mit Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie befassen und von ihr Inspirationen erwarten für unser Leben? Diese Frage lässt sich nicht in einem Halbsatz beantworten.
Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, wie sie u.a. in seinen Berliner Vorlesungen zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie deutlich wird, „entspringt“ einem praktischen „Bedürfnis“, also einer aus dem Leben selbst stammenden Fraglichkeit, wie er selbst immer wieder betont.
Hegel hatte die damalige religiöse Situation (also im ersten Drittel des 19.Jahrhunderts) im sich christlich nennenden Europa vor Augen. Diese Religiosität war bestimmt von einer ganz aufs Gefühl setzenden Frömmigkeit, die über alles das Diffuse, Beliebige, Subjektivistische, Verschrobene, Esoterische liebte und deswegen den „begriffsfeindlichen“, also den nachvollziehbare Argumentationen ablehnenden Glauben empfahl. So wurde der christliche Glaube auch gesellschaftlich und politisch hilflos, weil er ohne Argumente dastand gegenüber der Allmacht der sich immer mehr durchsetzenden reaktionären Politik im „Vormärz“. Auch die heutige „religiöse Situation“ wird als postmoderne Beliebigkeit, als Sieg des Charismatischen und Evangelikalen, der wortwörtlichen, also gedankenlosen Wiederholung von Sprüchen der Bibel oder des Koran beschrieben.
In einer unserer Situation also in gewisser Hinsicht verwandten Problematik entwickelt Hegel seine Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie.

Und gleich zu Beginn dieser Überlegungen muss betont werden: Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie zeigt uns einen „einfachen“, aufs „Wesentliche“ befreiten, vernünftigen, also wissenden christlichen Glauben. Darum sollten wir uns mit Hegel befassen!
Dieser Glaube, wie Hegel ihn zeigt, ist eine Entwicklung der Tatsache, dass der Mensch im Unterschied zu den Tieren wesentlich vom Geist bestimmt ist. Dieser Begriff des menschlichen Geistes „ist eben selber das Göttliche im Menschen“, wie der Hegel – Forscher Walter Jaeschke in seinem Buch „Hegels Philosophie“ (Hamburg, 2020, Seite 285) schreibt. Eine Grundeinsicht, die sozusagen zum Standard jeglicher Hegel Lektüre gehört … und diese Grundeinsicht Hegels ist keineswegs obsolet geworden ist… Die philosophisch sich gebenden Propagandisten, die „Naturalisten“ oder „Materialisten“ , werden kaum noch philosophisch ernst genommen.

Das heißt: Ohne den Mitvollzug der Erkenntnis, dass der Mensch für Hegel wesentlich Geist ist und dieser Geist die Teilhabe am göttlichen Geist ist, bleiben die folgenden Hinweise unverständlich. Dass der Mensch Geist ist und dieser mit dem göttlichen Geist in gewisser Hinsicht eins ist, hat Hegel in der „Phänomenologie des Geistes“, der „Enzyklopädie“ und der Logik gezeigt. Dies wird hier vorausgesetzt.

Und grundlegend ist auch: Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie als „Rettung der Vernunft des Christentums“ ist alles andere als eine „christliche Philosophie“, wie sie von Friedrich Schlegel und anderen damals entwickelt wurde. Diese „christliche Philosophie“ wollte die Sprüche der Bibel nicht nur, wörtlich verstanden, als Leitlinien des individuellen Lebens propagieren, sondern auch unmittelbar der staatlichen Ordnung als Prinzip vorsetzen. Solche unmittelbare Geltung religiöser Texte kam für Hegel nicht in Frage!

1.
Die Erkenntnis nach Hegels Tod war für seine Schüler verwirrend und wohl erschütternd, aber vorauszusehen: „Eigentlich hat Hegel mit seiner Philosophie alles gesagt, was er in (s)einer Philosophie sagen konnte“. Das gilt, selbst wenn er es noch vorhatte, einige seiner Vorlesungen etwa über Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie selbst zu publizieren oder schon veröffentlichte Werke mit neuen Vorworten zu versehen. Dazu kam Hegel nicht mehr wegen seines plötzlichen Todes 1831.
2.
Wenn man nur die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels betrachtet, die ja bekanntlich eine zentrale Dimension seines Denkens überhaupt ist, dann ergeben sich aus der Beobachtung: „Alles hat Hegel eigentlich gesagt“, doch noch weitere Perspektiven … und mit Hegel denkend über Hegel hinaus.
Diese Perspektiven können hier nur skizziert werden. Das Problem ist: Wenn von Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie die Rede ist, dann muss, seinem Denken folgend, notwendigerweise auch von Gott die Rede sein, ein Name, ein Begriff, der damals noch selbstverständlich war, wenn denn von dem Unendlichen, dem Ewigen, dem schlechthin Schöpferischen philosophisch gesprochen werden sollte. Hegel wusste, wie viele Philosophen auch heute wissen, dass von dieser Dimension des Ewigen im geistvollen Leben gesprochen werden muss, wenn denn das Leben als geistiges Leben umfassend erkannt
werden soll.
3.
Grundlegend für alles ist die Erkenntnis Hegels: Gott ist Geist. Gott als Geist: Was denn sonst sollte Gott sein, wenn man denn den Begriff Gott ernst nimmt? Hegel hat nie religiöse Menschen vergangener Zeiten verachtet, die ihren Gott in den Bäumen, in Naturgewalten usw. sahen oder Bildnisse der Götter als deren reale Repräsentanten über alles verehrten. Hegel wusste aber: Diese Formen der Gottesverehrung waren „nur“ notwendige Entwicklungsschritte hin zu einem Gottesbegriff, der in dem Begriff (und damit für Hegel in der Wirklichkeit) absoluter Geist seinen unübertrefflichen Ausdruck findet. Das Höchste kann nur Geist sein. Noch einmal: Was denn sonst? Denn selbst wenn man, nur einmal spielerisch angenommen, eine chemische Substanz für das Höchste und alles Begründende hält, wäre diese als solche in dieser Bedeutung doch wieder über den Geist erkennend und seine Begriffe vermittelt. D.h. ohne den Geist und seine Begriffe gäbe es diese chemische Substanz als solche gar nicht.
4.
Zu diesem göttlichen Geist steht der Mensch als Wesen des Geistes nicht nur in Verbindung, sondern er ist mit dem göttlichen Geist – bei bleibender Differenz – eins. Diese Erkenntnis wird in Hegels Werken lang und breit entwickelt und braucht hier nicht wiederholt zu werden.
Entscheidend ist das Wissen: Jeder Mensch ist durch seinen Geist eins mit Gott. Im Geist ist diese Einheit da.
Hegel erschließt mit dieser Erkenntnis ja nicht etwas „bloß Philosophisches“, also etwas eher „gedanken-spielerisch Spekulatives“. Seine ganze Philosophie ist vielmehr eine Antwort auf „praktische Probleme im Leben“, auf die Zerrissenheit des modernen Menschen, den Bruches zwischen religiöser Welt und Alltagswelt, die Herrschaft der abstrakten Verstandes-Kategorien.
5.
Wenn Hegel betont: Der Mensch ist mit Gott – in gewisser Hinsicht – identisch: Dann erschließt diese Erkenntnis auch etwas Spirituelles, „Hilfreiches“. Der Mensch weiß sich hineingenommen in den absoluten Geist, also hineingenommen in Gott. Dies hat Konsequenzen für die ganze Lebensgestaltung, weil der Geist Vernunft ist und diese Vernunft ist Freiheit.
(Dieser Zusammenhang ist zentral, hier nur einige Hinweise: Die menschliche Vernunft bezieht sich auf sich selbst, weiß sich selbst in dem Selbstbewusstsein, das immer zugleich auch Bewusstsein des anderen (in der Welt der Objekte) ist. Darin weiß sich die Vernunft frei, weil sie immer auch bezogen ist auf mögliche andere Objekte und sich dabei immer auch frei weiß in der Beziehung auf sich selbst. In dem Zusammenhang entwickelt die Vernunft Begriffe, die sich auf die Objektwelt beziehen. Diese Begriffe haben für Hegel -bei der Identität von Denken und Sein – keinen unbestimmten Inhalt, sondern sie haben auch, etwa bei dem Begriff Mensch, Gesellschaft, Staat, Religion, Kirche usw., einen normativen Inhalt. Nicht jeder Staat ist von vorherein schon ein wahrer Staat, bloß weil er den Begriff Staat für sich selbst verwendet; ein den Menschrechten entsprechender Staat z.B. als Norm muss erst noch entwickelt werden… Insofern also kann man sagen: Geist ist Vernunft, und Vernunft ist Freiheit)
Freiheit als Freiheit des Menschen hat nur Sinn, wenn sie Freiheit aller Menschen ist, sanktioniert in den universal zur Geltung zu bringenden Menschenrechten.
6.
Wer also bewusst im Zusammenhang des göttlichen Geistes lebt, ist ständig mit der Freiheit befasst und aufgerufen, für die politische Freiheit wie für die individuellen Selbstbestimmung einzutreten. Dieser Zusammenhang war Hegel sehr deutlich! Dieser Zusammenhang, also die Verbindung von ewigem, göttlichen Geist und Geist im Menschen, hat viel mit der Frage zu tun hat: Was ist nach dem/meinem Tod – angesichts der Einheit mit dem Ewigen.
7.
Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie hat den Anspruch, begriffliche Erkenntnis also Wissen von Gott zu sein. Dadurch wird die Frage: Was ist Glauben? neu beantwortet: Die Beziehung zu Gott, zum Göttlichen, wird eher in der Form des Wissens erreicht, wobei diese Beziehung eine bestimmte Praxis verlangt, siehe den 5. Hinweis. Und dieses Wissen kann zwar seinen Ausgang nehmen in (religiösen) Gefühlen, die aber nur dann ernst genommen werden, also allgemein erhellend sein können, wenn diese aus der Unklarheit und Diffusität befreit und zur Sprache gebracht, also begrifflich gefasst werden. (Nebenbei: Psychotherapien sind ja erst dann hilfreich, wenn nach Freilegung der Gefühle diese sprachlich gefasst werden).
8.
Und dieses Wissen von Gott ist eigener Art: Es ist nicht das herrschaftliche, selbstherrliche Wissen als Verfügen über die Dinge, etwa sogar über einen als ein „Ding“, „Objekt“, interpretierten Gott. Dieses Wissen von der Einheit mit dem Göttlichen weiß sich selbst als ein verdanktes Wissen: Es verdankt sich letztlich dem alles „gründenden“ unendlichen Göttlichen, dem Gott als Geist. Diese Geist -Philosophie, das muss nicht eigens betont zu werden, ist keine spinöse „Geister-Philosophie“, nichts Esoterisches, sondern Resultat von Argumenten und Beweisen. Hegels Philosophie ist eine Analyse und eine Kritik des Endlichen, also der Dinge der Welt, die der Geist des Menschen als Endliche erkennt. Und dabei weiß der endliche, aber stets über das Endliche hinaus denkende Geist: Der Geist geht über das Endliche stets hinaus, und diese Qualität ist darin begründet, dass das Unendliche selbst wirksam ist in ihm, dem Endlichen. Es ist also der unendliche Geist, der alles Endliches als endlich erkennt und es je neu überschreitet…Es geht also zentral um den unendlichen Gott, „immanent“ im Endlichen.
9.
Das Wissen vom Christentum ist für Hegel vor allem ein Wissen von den Grundlagen der christlichen Lehre. Die historischen und zufälligen Details der biblischen Geschichten stehen nicht im Mittelpunkt seines Interesses. Hegel will diese Lehren des Christentums, die sich sozusagen als objektiver Geist literarisch verfestigt haben, in philosophische Begriffe überführen, in Begriffe, von denen Hegel meinte, dass sie allgemein verstanden werden und die deswegen das Christentum als relevant für die Moderne erweisen. So glaubte er, das Christentum aus der Nische der esoterischen Abgesondertheit, der Welt nur der frommen Gemüter, befreien zu können und zur Sache aller und damit zur weltgestaltenden vernünftigen Kraft zu machen.
10.
Damit vollzieht Hegel eine Konzentrierung der Fülle der christlichen Lehren (etwa im Neuen Testament und im Alten Testament) auf wenige zentrale Begriffe, diese sind Geist Gottes, Geist Gottes im Menschen, die Menschwerdung Gottes in Jesus Christus, Kreuz, Auferstehung und Sendung des Geistes als ein einziges Geschehen.
11.
So ist auch klar, dass Hegel in seinen Berliner Zeiten sich ganz auf diese genannten Begriffe (von den Kirchen als Dogmen verstanden) bezieht und damit die sich irgendwie biographisch gebende Vielfalt der Erzählungen, etwa vom „irdischen Leben“ Jesu von Nazareth, beiseite legt. Diese Abwehr des Historischen, Individuellen, Persönlichen, etwa bei Jesus oder den Gestalten des Alten Testaments, mag heute problematisch erscheinen, weil ja für viele die sehr persönliche Lebensgeschichte Jesu von Nazareth faszinierend sein kann, sofern man denn viele Details als historisch bezeugt überhaupt erkennt. Man lässt sich halt von einer konkreten Person und deren Lebensschicksal eher berühren als von der philosophischen begrifflichen Einsicht: Dass in diesem Jesus als dem Gottmenschen die Einheit Gottes mit dem Menschen sichtbar wurde.
12.
Aber diese Einsicht Hegels kann auch „berühren“ und „bewegen“, weil sie, wie er meint, allgemein nachvollziehbar begründet ist, und nicht mehr abhängig ist von einzelnen Wundergeschichten oder einzelnen Ereignissen im Alltag Jesu. Dass dabei aber auch Hegel auf eine Art politisches Porträt des Menschen Jesus von Nazareth verzichten muss, ist auf den ersten Blick klar. Oder doch nicht? Denn, wie schon betont, führt das Wissen von der Einheit des Menschen mit dem Göttlichen in der einen gemeinsamen Vernunft auch zu politischem Einsatz zugunsten der Freiheit aller…
13.
Welche praktischen Hinweise für eine christliche Spiritualität ergeben sich aus der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie Hegels? Die folgenden Überlegungen, sozusagen Konsequenzen aus seinem Denken, können hier nur angedeutet werden:
Das Wesentliche ist und bleibt die Erkenntnis für den einzelnen: Er/sie ist mit dem göttlichen Geist verbunden.
14.
Was wäre eine Gemeinde?
Eine Gemeinde ist die Versammlung der Menschen, die sich auf diesen göttlichen Geist gesprächsweise und feiernd beziehen und im praktischen Tun zugunsten der Freiheit /der Menschenrechte/ sich verabreden, als Engagement in der Gesellschaft und im Staat. Dabei werden, wie schon einmal betont, nicht unmittelbar religiöse Prinzipien durchgesetzt, sondern allgemein geltende, vernünftige.
In dieser christlichen Gemeinde selbst, in ihrer inneren Gestaltung, ist selbstverständlich die Gleichheit aller Mitglieder. „Es gibt keine Hierarchie“, wird von Hegel mehrfach betont. In der heutigen Zeit ist damit auch die völlige Gleichberechtigung der Frauen gemeint.
15.
Damals wie heute aktuell ist die heftige Kritik Hegels am Katholizismus, als einer letztlich im mittelalterlichen Geist fixierten und insofern „stehen gebliebenen“ christlichen Kirche. Hegel nennt viele Grundsätze des Katholizismus wesentlich korrupt.
16.
Über den „Kultus“, also die Gottesdienste der Gemeinde, hat Hegel gesprochen, aber immer in Bezug auf die real bestehenden lutherischen Gemeinden.
Hegel hat weitere Konsequenzen nicht beschrieben, wie denn Gemeinden, die sich aufgrund der Verbundenheit mit dem göttlichen Geist versammeln, sich weiter praktisch gestalten.
Man könnte meinen:
Diese Gemeinden aber haben alle Freiheit, auch religiöse Traditionen von einst reflektiert mit zu vollziehen, sofern sich diese Gemeinden nicht an die alten Bräuche klammern oder diese gar für wesentlich halten: Also etwa Wallfahrten, die meditative Spaziergänge, sind kommunikativ wichtig, aber nicht mehr „heilswirkende“ Unternehmungen. Oder das Hören von alten, warum nicht auch lateinischen Messen als Form der „Erhebung“ zum Göttlichen kann anregend sein oder die Feier von Brot und Wein als Form der sinnlichen Gegenwart Jesu von Nazareth (die er selbst empfohlen hat) usw.
17.
Und das Gebet? Es ist ein auch sprachliches Sichbeziehen auf den umfassenden göttlichen Geist. Es ist eine Form des Innewerdens, auch in der Form des sprachlichen Austausches mit anderen. Aber Bittgebete im klassischen Sinn werden überflüssig, weil sich der glaubende Mensch in dem göttlichen Geist bereits geborgen weiß (und diese Geborgenheit meditativ pflegt) und gar nicht egozentrisch um besondere Wunder Gottes zu des eigenen, individuellen Nutzens erbittet.
Gebete sind dann Ausdruck meiner spirituellen Poesie, in die meine Lebensgeschichte einfließt. Diese explizite Poesie kann mir selbst Klarheit über mich selbst bringen. Gebet ist auch das geistige Verbundenheit mit anderen, den Freunden, den Menschen in Not usw: Gebet ist dieses DENKEN AN DICH/EUCH, das keine Wunder bewirkt bei den anderen. Das aber das Wunder des Betenden/Meditierenden/Sprechenden/ wirkt, aus der Verkapselung des Ego herauszutreten.
18.
Was also ist eine Spiritualität, die sich von Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie inspirieren lässt?
Es ist eine einfache Spiritualität, die die Macht der großen Kirchen-Institutionen nicht mehr als zentral einschätzt und sich an der oft nur noch sinnlos erscheinenden Reform der großen „Volkskirchen“ (des Katholizismus zumal) auch nicht mehr abarbeitet. Diese Spiritualität hat Sinnvolleres zu tun, als etwa gegen die Mauern des Vatikans ad aeternum anzurennen.
19.
Diese hier nur skizzierte „einfache“, philosophische Spiritualität, inspiriert von Hegel, hat Chancen, eine Spiritualität der Zukunft sein, weil sie auch Menschen aus „anderen“ Religionen anzusprechen vermag. Und vor allem, weil sie von der Last und dem Ballast der Berge von Dogmen und kirchlichen Vorschriften befreit. Nur die geistvollen, freien und befreienden Impulse des Christentums werden für die Moderne gerettet. Und die Menschen werden eingeladen, Wesentliches zu leben: Dies ist die Beziehung zu Gott als dem die Menschheit, alle Menschen, verbindenden einen, gemeinsamen Geist. Und die Verbundenheit mit anderen Menschen, mit der Pflicht, für die Freiheit und Gleichheit aller einzutreten… und die Welt vor der drohenden Klimakatastrophe, wenn es denn noch möglich ist, zu retten…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Poesie und Literatur als Theologie: Über die Suche nach dem Ewigen. Der Theologe Jean –Pierre Jossua, Paris

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich des 90. Geburtstages von J.P. Jossua am 24. 9. 2020

Ein französischer Theologe hat sich viele Jahre seines akademischen Lebens und Lehrens mit der Suche nach dem Unendlichen, dem Sinnvollen, dem Göttlichen befasst, aber, eben anders als die vielen anderen, gewöhnlichen, möchte man fast sagen. Jean Pierre Jossua hat das Unendliche, Gott, das Göttliche, in der modernen Literatur gesucht und auf ungeahnte Weise gefunden. Pater Jossua ist Dialogpartner für Dichter und Schriftsteller, er will sie nicht belehren, nicht bekehren, sondern das Gesagte verstehen und mit ihnen das Ungesagte entziffern
Der Dominikaner Pater Jean – Pierre Jossua (Jahrgang 1930) ist also eine Ausnahme-Gestalt, die leider in Deutschland weithin unbekannt ist: Und das gibt zu denken: Wie weit ist Theologie in Frankreich selbst unter deutschen Theologen „entfernt“ uns fremd? Lediglich in der internationalen theologischen Zeitschrift CONCILIUM hat Jean Pierre Jossua einige auf Deutsch erreichbare Aufsätze publizieren können. Die Liste seiner Arbeiten auf Französisch ist lang. Eine ausführliche biographische und theologische Würdigung wäre angebracht und dringend geboten, man fragt sich: Warum machen das eigentlich die Dominikaner in Deutschland nicht?
Jossuas Motto heißt: „Als Theologe die Literatur lesen. Und als Theologe literarisch schreiben…“ Beide Forderungen hat er in seinem umfangreichen Werk erfüllt.
Jean Pierre Jossua wurde am 24.9. 1930 in Paris in einer jüdischen Familie geboren, die ursprünglich aus Saloniki, Griechenland, stammt. Jean Pierre Jossua gelingt unter der Naziherrschaft die Flucht nach Argentinien, sein Vater wird in Auschwitz von Deutschen ermordet.
Nach einem Medizinstudium konvertiert Jean Pierre Jossua zum Katholizismus und tritt 1953 in den Orden der Dominikaner ein, der sich damals in Frankreich vieler theologisch progressiver Mitglieder rühmen konnte (konservativer auch), erwähnt seien nur die progressiven Patres Chenu oder Pater Congar, die beim 2. Vatikanischen Konzil von Bedeutung waren. Sie hatten eine Leidensgeschichte hinter sich, etwa wegen ihres mutigen Eintretens für die Arbeiterpriester, dieses „Experiment“ hat Papst Pius XII. dann verboten. Den üblichen vatikanischen geistigen Terror mussten sie aushalten, mit Schreibverboten etc. Wie und warum haben das Intellektuelle damals nur mit sich geschehen lassen? Vielleicht, weil sie die an katholische Kirche doch noch als eine „göttliche Stuftung“ glaubten?
Pater Jossua hat sich als Theologe UND Kenner der Literatur und Poesie vor allem dem Dialog mit den Schriftstellern und Poeten gewidmet. Sozusagen innerhalb der Theologie eine Art Nischenthema,leider.
Ich konnte 2011 mit Pater Jossua in Paris, im Dominikanerkloster St. Jacques im 13. Arrondissement führen. Das große Kloster und die einstige renommierte theologische Fakultät „Le Saulchoir“ ist heute eine bescheidene theologische Bildungsstätte des Ordens.
Pater Jossua hat auf die enge Verbindung von Poesie und Spiritualität hingewiesen: „Die Poesie ist für unglaublich viele Menschen, und darunter sicher die besten, eine Form spiritueller Bewegung geworden. Poesie könnte für sie sogar die Religion ersetzen, die ihnen sonst wie tot vorkommt. Poesie könnte als ein Weg zu Gott, zum Absoluten, erscheinen. Tatsächlich möchte ich sagen: Die Poesie hat die Funktion des Gebets angenommen. Und das Gebet kann nur gewinnen, wenn es wieder die Form poetischer Qualität entdeckt“.
Schon 1970, beim internationalen Kongress der internationalen Zeitschrift „Concilium“ deutetd Pater Jossua seine besonderen, vom „Üblichen“ abweichenden theologischen Interessen an: „Streng genommen ist die Idee von einem Berufstheologen eine Blasphemie, steckt doch hinter dieser Idee der Gedanke, dass es im Christentum Fachmänner für Gott gibt“ (S. 54)… Am Ende seiner Vortrags in Brüssel zeigte der damals noch junge Theologen Jossua, welche Interessen ihn bewegen: Er sprach hochschätzend von „Charismatikern“ (geisterfüllten Menschen) „der Schwelle“, von Schriftstellern und Philosophen, die von außen das theologische Leben beobachten. Diese nannte Jossua durchaus auch Theologen,, „die“, so wörtlich, „kein kirchlicher Maßstab messen kann. Ich denke an Menschen wie Bergson, Simone Weil und viele andere“. (in: „CONCILIUM. Die Zukunft der Kirche“. S. 59, Benziger und Grünewald Verlag 1970).
Über diese Theologen der Schwelle“ hat Jossua seine „théologie littéraire“ entwickelt und regelmäßig davon über viele Jahre berichtet, abgesehen von zahlreichen eigenen Studien zum Thema. (https://www.cairn.info/revue-des-sciences-philosophiques-et-theologiques-2016-2-page-313.htm)
Von den zahlreichen Studien Jossuas soll hier nur erwähnt werden: „La passion de l infini: Littérature et théologie“. Nouvelles recherches. Paris 2011, Editions du Cerf.
Eines seiner letzten Bücher hat den für Jossua bezeichnenden Titel: „Chercher jusqu à la fin“, „Suchen bis zum Ende“.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Glauben ist die Lust zu denken! Sowie: „Hegel und der Rassismus“

Von Christian Modehn

Veröffentlicht in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM am 28.08.2020

Vor 250 Jahren wurde der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren. In seinem umfassenden Werk sind die Religionen zentrales Thema. Kann Hegel auch eine christliche Spiritualität für heute inspirieren?

Der christliche Glaube ist wie ein Sprung, hinein ins göttliche Mysterium«. Diese Weisheit wird viel zitiert und prominent verteidigt, etwa von dem Philosophen Søren Kierkegaard oder den Theologen Karl Barth und Joseph Ratzinger. Letzterer schreibt in seiner »Einführung in das Christentum«: »Immer schon hat der Glaube etwas von einem Sprung an sich.« Das Gegenteil betont der Philosoph Hegel: »Jeder Mensch wird durch seine Vernunft, also im Denken, Schritt für Schritt zu Gott geführt. Was wäre auch sonst der Mühe wert zu begreifen, wenn Gott unbegreiflich ist?«
Hegel hat nie geleugnet, dass seine Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie nicht nur sehr anspruchsvoll, sondern auch anstößig ist. Als Philosoph will er wesentliche Überzeugungen des Christentums für die moderne Welt nicht nur darstellen, sondern geradezu »retten«. Hegels Vorschläge für eine zeitgemäße christliche Spiritualität befreien von der Last, sich an »Wundersames«, »Mysteriöses« zu binden. Hegels Spiritualität hat einen praktischen Zweck: Sie zeigt, wie Menschen versöhnt mit sich selbst und friedlich mit anderen in einem Staat leben können, der den Menschenrechten entspricht. Hegel als Lehrer philosophischer Spiritualität zu begreifen ist ein Wagnis. Denn als Mensch des 19. Jahrhunderts ist er in die damalige Welt eingebunden. Aber warum sollen seine Erkenntnisse zur Spiritualität weniger wert sein als die der »großen Mystiker« aus dem 16. Jahrhundert oder dem Mittelalter? Friedrich Nietzsche, der Gottesleugner, hat schon recht, wenn er in seiner »Fröhlichen Wissenschaft« Hegels Leistung beschreibt: »Er hat den Sieg des Atheismus noch einmal verzögert, und zwar par excellence.«

Hegel wurde am 27. August 1770 in Stuttgart geboren. Philosophie und Theologie hat er in Tübingen studiert, unter den Kommilitonen sind Hölderlin und Schelling seine inspirierenden Freunde. Die damalige Theologie erlebt er entweder als eine abstrakte und spröde Ideologie oder als Ausdruck überschwänglicher Charismatiker und Pietisten. Davon distanzierte er sich immer. Hingegen bleibt ihm die Gestalt Jesu Christi seit seiner Studentenzeit wichtig. Aber später, als »reifer Philosoph«, interessiert er sich immer weniger für alle Details der »Biografie Jesu«: Entscheidend wird ihm die Gestalt des Gottmenschen Jesus Christus: Sie deutet er philosophisch als den Höhepunkt der nach den Prinzipien des Geistes verlaufenden Religionsgeschichte. Jesus wird so zur maßgeblichen Verkörperung der Einheit von Göttlichem und Menschlichem! Jesus als historische Glaubensgestalt wird »aufgehoben«, das heißt: »verändert bewahrt«, in einem nun für alle zugänglichen Denken. Hegel bezieht sich also auf überlieferte Glaubensinhalte, aber er übersetzt sie ins begriffliche Denken. Das ist seine spirituelle Provokation für die Moderne. Gott und Mensch im Geiste eins.
Nach dem Studium muss er als Hauslehrer seinen Unterhalt verdienen, später arbeitet er als Zeitungsredakteur, schließlich als Direktor eines protestantischen Gymnasiums in Nürnberg. Dort heiratet er Maria Tucher »aus gutem Hause«, zwanzig Jahre jünger als er … Erst als Professor in Heidelberg kann er sich ganz auf die Philosophie konzentrieren. In Berlin lehrt er von 1818 bis zu seinem Tod 1831 mit großem öffentlichen Interesse und viel Widerspruch. Kein anderer Philosoph hat einen so vielfältigen Schüler-Kreis hinterlassen. Prominent sind Feuerbach und Marx. Und kein anderer Philosoph hat wie Hegel durch sein Werk Weltgeschichte mitgestaltet. Immer ist seine Philosophie verbunden mit den Problemen seiner Zeit. Er kritisiert die Allmacht reaktionärer Politiker, wenn sie die Menschenrechte ignorieren, er weist die Ansprüche des katholischen Klerus zurück, die das Gewissen der Gläubigen bestimmen oder kirchliche Gebote bei der Gestaltung eines Rechtsstaates durchsetzen wollen. In Berlin hält sich Hegel, der Republikaner, in Distanz zum königlichen Hof: Als gut situierter Bürger liebt er die Oper, die Matthäuspassion von Bach lernt er schätzen. Er ist gern gesehen in den damals beliebten literarisch-philosophischen Salons. Zu den protestantischen Theologen an der Universität hält er einen polemischen Abstand. Ein eifriger Kirchgänger ist der Lutheraner Hegel nicht gewesen, aber seine Kinder lässt er konfirmieren. Hegel geht seinen eigenen Weg, er lebt in einer »Frömmigkeit des Denkens«. Diese ist die Basis seiner philosophischen Spiritualität, wie er sie in seiner »Phänomenologie des Geistes« und in seiner »Logik« entwickelt: Der menschliche Geist, so zeigt er, kann sich in mühevollen Reflexionen zum göttlichen Geist erheben. Hegel ist überzeugt: »Der Mensch gehört dem göttlichen Wesen an.« Gott und Mensch sind wesentlich eins. Zwar weiß sich der Mensch immer auch als eine endliche, begrenzte Person, aber als Geschöpf Gottes handelt er wesentlich mit Gottes Geist verbunden. Böse wird der Mensch, wenn er egozentrisch diese Verbundenheit aufgibt … und dadurch sich selbst und andere schädigt. Das gilt auch für die Geschichte der Menschheit. Auch sie ist vom Zusammenwirken göttlichen und menschlichen Geistes als einem einzigen Geist bestimmt. Hegel spricht vom »Weltgeist«, im Detail betrachtet sicher einer seiner umstrittensten Begriffe. Wenn er von den großen Individuen spricht, etwa Napoleon, bewundert er ihn nicht nur, sondern nennt ihn auch »Koloss«, der dann endlich gestürzt wurde. Es ist letztlich eine zwiespältige Bewertung. Im Hinblick auf die Spiritualität heißt es provozierend: Die ganze Weltgeschichte ist vom Geist bestimmt. Negatives, wie Kriege oder auch Schmerzen und Leiden der Einzelnen, leugnet Hegel überhaupt nicht! Leitend ist aber die heilsame Erkenntnis: Menschen sollen in allen negativen Situationen wissen, dass der Geist, der göttlich-menschliche, trotz allem die stärkste Kraft ist. »Nur die philosophische Einsicht kann den Geist mit der Weltgeschichte und der Wirklichkeit versöhnen, dass das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur nicht ohne Gott geschieht, sondern wesentlich das Werk seiner selbst ist.«

Diese eine Frage lässt Hegel nicht los: Wer also ist der Gott der Christen? Seine Antwort befreit von allen Begrenzungen anschaulicher Bilder: »Gott ist Geist, absoluter ewiger Geist.« Als allumfassendem Geist gehört auch das Andere seiner selbst, also Welt und Menschen, zu ihm. Wären Welt und Mensch außerhalb des Göttlichen, dann wäre Gott, so Hegel, nicht mehr allumfassend. Er hätte dann sozusagen »natürliche Konkurrenten«. Aber das Verhältnis dieser grundlegenden Einheit bei aller Verschiedenheit ist ein Verhältnis der Liebe der Verschiedenen Einen. So weit geht die philosophische Spekulation!

Wo also hat der Glaube seinen alles entscheidenden Mittelpunkt? In der Selbsterfahrung des Geistes, der heilig ist: »Denn wir Menschen wissen im Geist unmittelbar von Gott. Dies ist die Offenbarung Gottes in uns«, sagt Hegel 1830 in einer Vorlesung. Natürlich sind Christen auch mit Weisheiten und Lehren konfrontiert, die ihnen von außen, etwa von der Institution Kirche, begegnen. »Aber diese religiösen Lehren kann der Mensch nur ernst nehmen, weil sie den eigenen Geist treffen, »erregen«, wie Hegel sagt. Alle Religionen sind zudem selbst nichts anderes als sich immer deutlicher entwickelnde Produkte des Geistes. Diese Entwicklung findet im Christentum ihren Höhepunkt, weil nur hier Gott als Geist gewusst und verehrt wird! Darüber sollten sich heute Religions-Theologen streiten … Hegel spitzt seine Spiritualität der Einheit von Gott und Mensch noch weiter zu, wenn er provozierend sagt: »Die Philosophie ist der wahre Gottesdienst«. Er weiß aus eigener Erfahrung: Wenn der Mensch sich auf seine Vernunft bezieht, dann erhebt er sich aus seiner engen, begrenzten Welt, er verbindet sich mit der Unendlichkeit Gottes und kann nur staunen über diese ihm zugänglichen Dimensionen. Und dieses Erleben ist der entscheidende »Dienst an Gott«, also Gottesdienst. Um dahin zu gelangen, plädiert Hegel für eine Askese, eine geistige Übung, also eine Art privater Andacht: »Gott ist nur für den denkenden Menschen, wenn der sich still für sich zurückhält«: Das heißt: Der sich zurückziehen kann, aber auch sein eigenes Ego »zurückhält«. Von der Einheit von Gott und Mensch haben früher schon Mystiker gesprochen. Daher schätzt Hegel den Dominikanermönch Meister Eckhart oder den schlesischen Denker Jakob Böhme. Aber er meint durchaus unbescheiden: Erst seine eigene Philosophie zeige begrifflich klar: Gott und Mensch sind füreinander keine Fremden. In diesem einen göttlichen Geist lebt alles und sind alle – bei bleibendem Unterschied – geborgen. Das ist kein »Pantheismus«, für den alles ohne Unterschied göttlich ist, sondern sehr nahe am Apostel Paulus. Dieser schreibt im ersten Korintherbrief: »Uns aber hat Gott die Weisheit Gottes enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.« Das könnte Hegel nicht besser sagen. Als lebendiger Geist ist Gott Liebe. Auch dies sagt Hegel ausdrücklich. Gott zeigt sich Menschen wie ein Freund, der seine Sonderstellung, seine »abstrakte Ferne« aufgibt und sich mit dem anderen im Geist vereint. Sogar über den Tod hinaus. Hegel selbst hielt es für egozentrisch, an die eigene leibliche Auferstehung zu glauben. Von der Unsterblichkeit der Seele war er jedoch überzeugt: »Der Tod hat den Sinn, dass das Menschliche abgestreift wird und die göttliche Herrlichkeit hervortritt.« Denn Gott habe als absoluter Geist die Negativität des Todes besiegt, das werde in der Auferweckung Jesu von Nazareth sichtbar und gelte für alle. Hegel macht es als spiritueller Lehrer den Christen auch heute nicht einfach, weil er auch die Kirchen nach den Maßstäben seiner Vernunft bewertet. Grundsätzlich hält er die Prinzipien der protestantischen Kirche besser geeignet, die Lehre von der Einheit Gottes mit dem Menschen zu akzeptieren. Denn schon Luther habe alle Bindungen der Christen an »äußerliche Frömmigkeit« aufgegeben, die Wallfahrten und die Heiligenverehrung, die Verehrung von Reliquien und die Leidenschaft, Wunder zu erleben. Der protestantische Glaube kenne prinzipiell (!) die Hochschätzung der Innerlichkeit. Und er passt in die Zeit der sich mühevoll durchsetzenden Menschenrechte, weil er die wesentliche Gleichheit aller Kirchenmitglieder lehrt: »Laien« gibt es nicht im Protestantismus. Ebenso wenig einen Klerus, der das »Heil« vermittelt. Hegel geht so weit zu sagen: »Der Protestantismus ist wesentlich Bildung des Geistes, seine wahren Tempel sind Schulen und Universitäten.« Die katholische Lehre fördere dagegen nicht den reifen, selbstbewussten Glauben, sondern die Haltung von Untertanen. Der Katholizismus ist für Hegel, trotz mancher Reformen im 16. Jahrhundert, auf dem geistigen Niveau des Mittelalters stehen geblieben. Sonst würde man nicht die Hierarchie so sehr in den Mittelpunkt stellen, die Menschenrechte für eine Irrlehre erklären und nach wie vor am Ablass festhalten. Trotzdem hat Hegel nie für Übertritte zum Protestantismus geworben. Hellsichtig sah er, dass es auch dort Widersprüche zwischen dem Ideal und der Realität gab. Letztlich, so Hegel, rettet allein die Philosophie eine vernünftige Spiritualität.

Hegel hat darunter gelitten, dass er als Philosoph naturgemäß vom Allgemeinen, vom Wesentlichen, sprechen muss und viel zu wenig vom bunten Leben der vielen einzelnen Menschen sprechen konnte. Aber er tröstet sich und seine Leser: Der einzelne Mensch ist immer auch im allgemeinen Menschen. Insofern ist auch eine Spiritualität hilfreich, die sich aus der Reflexion des allen Menschen gemeinsamen göttlichen Geistes ergibt!

…………………………………………………………….
Von Sklaven und Afrikanern
Von Christian Modehn (PUBLIK FORUM vom 28.08.2020)

Obwohl Hegel Sklaverei vehement verurteilte, hat er sich dem Rassismus seiner Zeit nicht ganz entzogen.

Hegels Philosophie ist von der Hochschätzung der Französischen Revolution bestimmt. Er hat sie »als herrlichen Sonnenaufgang« gepriesen, weil »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« nun grundsätzlich als höchste Prinzipien für jede staatliche Ordnung gelten sollen. Aber sein republikanischer Enthusiasmus wird gebremst durch die Erfahrung der Gewaltexzesse seit Robespierre und auch durch reaktionäre Ideologien, die in Preußen seit 1818 die freie Meinungsäußerung einschränken.

In der Hochzeit des Kolonialismus war Rassismus allgemeine Ideologie, die auch an den Universitäten Einzug hielt. Die »Schädellehre«, »Cranioskopie«, wollte wegen der Größe des Kopfes die »Weißen« zu den wertvolleren Menschen erklären. Als einer der wenigen widersprach der Anthropologe Johann Blumenbach. Seiner Kritik schloss sich Hegel an und schrieb in seiner »Rechtsphilosophie«: »Das Sein des Geistes ist doch kein Knochen.« Auch zum Thema Sklaverei äußert sich Hegel pointiert. Über den Aufstand der Sklaven auf »Saint Domingue«, heute Haiti, war er gut informiert. Seine Sympathie galt der ersten Republik der einstigen Sklaven, die die Kolonialherrschaft bereits 1804 überwunden hatten. Als die neuen Herrscher dann aber ebenfalls blutige Gewalt ausüben, modifiziert Hegel seine Meinung. Die Befreiung von Sklaverei sollte nur moderat, schrittweise, geschehen. Dennoch sieht er klar: »Sklaverei ist an und für sich Unrecht. Denn das Wesen des Menschen ist die Freiheit. Der Besitz an einer anderen Person ist ausgeschlossen. Dass keine Sklaverei sei, ist eine sittliche Forderung.« 1822 schreibt er: »Was den Menschen zum Menschen macht, Freiheit und Vernunft, daran haben alle Menschen gleiches Recht.« Gegen Ende seines Lebens passt sich Hegel allerdings doch der allgemeinen, rassistischen Ideologie an – vielleicht weil die staatlichen Repressionen ihm gegenüber immer größer werden. In seinen »Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte« nennt er Afrika einen Kontinent der »Wildheit und Unbändigkeit«, der keine Bedeutung für den Fortschritt in der Weltgeschichte habe. »Hegel wird – in politischer Hinsicht – dümmer«, meint die Philosophin Susan Buck-Morss.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ludwig Feuerbach: „Der Mensch ist dem Menschen Gott“

Die große philosophische Wende, 10 Jahre nach Hegels Tod
Ein Hinweis von Christian Modehn

Gleich nach Hegels Tod ereignet sich eine Art Bruch in der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, also auch hinsichtlich der Vorstellung von Gott eine Umkehrung dessen, was für Hegel zentral und wichtig war: Nicht mehr Gott wird als die schöpferische Kraft von allem, auch vom Geist des Menschen, erkannt und anerkannt, sondern Gott wird zum Geschöpf des Menschen erklärt. Der bekannteste Philosoph, der diese „Umstülpung“ dieses philosophischen Grundsatzes leicht zugänglich ausbreitete und verbreitete, ist Ludwig Feuerbach: Am 28. Juli 1804 in Landshut geboren, studierte er zunächst Theologie, wechselte dann aber zur Philosophie, hörte 1824/25 in Berlin bei Hegel auch dessen Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie; Feuerbach wurde Privatdozent in Erlangen. Diese Stellung wurde ihm nach seiner provozierenden Schrift von 1830 „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ wieder genommen, so dass er bis zu seinem Tod am 13.9.1872 (in Rechenberg bei Nürnberg) als freischaffender philosophischer Publizist und Religionskritiker – zum Teil sehr bescheiden – lebte, von 1868 an als Mitglied der SPD von seiner Partei unterstützt wurde.
Mit seinem ersten großen Buch „Das Wesen des Christentums“ von 1841 erreichte er weiteste Kreise. Seine Thesen wurden förmlich intellektuelles Allgemeingut und sie wurden wie Slogans verbreitet: „Das Geheimnis der Theologie ist die Anthropologie“, anstelle von „Gott ist die Liebe“ muss es heißen „Die Liebe ist göttlich“, „religiöse Vorstellungen sind nichts anderes als Projektionen des Menschen“: „Nicht Gott schafft den Menschen, sondern der Mensch schafft sich seinen Gott“. Karl Marx hat diese zentrale Thesen Feuerbachs gekannt und auf seine Art ins Soziale und Ökonomische erweitert. Ebenso Max Stirner, Friedrich Engels und viele andere wurden durch Feuerbach zur Ablehnung einer eigenständigen göttlichen Wirklichkeit geführt. Sigmund Freud schreibt in „Zur Psychologie des Alltagslebens“ im Sinne Feuerbachs: „Ich glaube in der Tat, dass ein großes Stück der mythologischen Weltauffassung, die weit bis in die modernsten Religionen hineinreicht, nichts anderes ist, als in die Außenwelt projizierte Psychologie“.

Religion ist freilich für Feuerbach kein Wahn, der nur ein Übel bedeutet. Vielmehr muss der Mensch auf dem langen geschichtlichen Weg zur Selbsterkenntnis sein eigenes Wesen außer sich selbst setzen, indem er Göttliches produziert. „Der Mensch – dies ist das Geheimnis der Religion – vergegenständlicht sein Wesen und macht dann wieder sich zum Objekt dieses vergegenständlichten Wesens“.

Ludwig Feuerbach, theologisch gut gebildet, beruft sich für seine philosophischen Thesen auf die christliche Lehre von der Menschwerdung Gottes: Diese „Inkarnation“ Gottes in dem Menschen Jesus von Nazareth wird in der klassischen Theologie bis heute als „Beweis der Liebe Gottes zum Menschen“ gedeutet. Für Feuerbach ist dieser Mensch werdende Gott der Liebe aber keine selbständige Wirklichkeit mehr. Vielmehr liebt der Mensch, wenn er auf dieses Bild der Menschwerdung des liebenden Gottes schaut, nur die Liebe, „und zwar die Liebe zum Menschen“. Der Inhalt der christlichen Religion ist also die Liebe unter den Menschen. Daraus macht Feuerbach ein politisch-religiöses Programm: “ Sein Prinzip ist: Der Glaube an den Menschen als die letzte und höchste Bestimmung des Menschen und ein diesem Glauben gemäßes Leben…“ „Wer also den Menschen um des Menschen willen liebt, der ist Christ, der ist Christus selbst“. Ein Wort Feuerbachs, das heute jeder reflektierte Theologe unterschreiben würde. ABER: Feuerbach, der religiöse Religionskritiker, will dem Leben selbst eine religiöse Bedeutung geben…und nur dem Leben. Naiv und problematisch erscheint sein ethisches Prinzip „Der Mensch ist dem Menschen ein Gott“, „homo homini Deus“. „Dies ist der Wendepunkt der Weltgeschichte“ (“Das Wesen des Christentums“, Reclam Verlag, Stuttgart, 1971, S.401)

Für ein philosophisches Gespräch mit Ludwig Feuerbach scheint mir die grundsätzliche Frage wichtig zu sein: Woher hat der Mensch die Kraft und die Begabung, aus seinem menschlichen Geist sich Gott/Göttliches/Absolutes zu schaffen und zu projizieren? Mit anderen Worten: Der Mensch als endlicher und begrenzter Geist ist aufgrund seiner geistigen Struktur in der Lage, über sich selbst hinaus zu gehen, über sich hinaus zu denken, seine Grenzen zu überschreiten, um einen Gott etc. zu setzen, zu projizieren. Man könnte dann wieder mit Hegel die Frage stellen: Ist diese Kraft, ist diese Begabung des Schöpferischen IM Menschen nicht eine Gabe eines unendlichen Schöpfers oder eines schöpferischen Prinzips. Insofern führt dann die Anthropologie dann doch wieder zu einer philosophischen Theologie als der Voraussetzung dieser Leistungen der Anthropologie. So dass man sagen kann: Der schöpferische Gott schafft den schöpferischen Menschen, der mit seinem von Gott als dem Schöpfer gegebenen Geist eben auch Gott schafft: Aber dieses Gottschaffen und damit Religionhaben ist letztlich als Tat (und „Wunsch“) des schöpferischen Gottes gemeint. Gott will sozusagen, dass die Menschen für sich Gott schaffen…Die Offenbarung Gottes, sein Sprechen zu den Menschen, ist dann nicht unmittelbar Tat Gottes, nicht Sprechen Gottes als Gott, sondern Tat des Menschen, Bibel also Menschenwort, „Werk des Menschen“, aber: Ein Werk der von Gott geschaffenen Menschen…So ist Religion also Tat des Menschen UND Gottes! Um es mit Hegel zu sagen: Der Geist des Menschen ist auch ein und derselbe Geist Gottes.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Pfarrer begleiten Patienten in der Euthanasie. Beobachtungen in Holland

Abschied nach dem Vaterunser
Kirchliche Begleitung für Menschen, die aktive Sterbehilfe wünschen
Ein Bericht aus Holland
Von Christian Modehn

Der folgende Beitrag erschien vor fast zwanzig Jahren, am 23. 3. 2001, in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM. Einige LeserInnen wollen diesen Text jetzt noch einmal lesen und diskutieren, zumal Landesbischof Ralf Meister (Hannover) in einem Interview mit der Zeitschrift „Christ und Welt“ vom 27. August 2020 die aktive Sterbehilfe – auch gegenüber den immer noch heftigen kirchlichen Bedenken – mit guten Gründen verteidigt.

Insofern zeigt mein Beitrag von 2001 auch die unglaublich langsame und eher marginale Öffnung von Christen in Deutschland zu diesem wichtigen Thema. Schon Mitte Juli 2014 hatte der damalige Ratsvorsitzende der EKD, Nikolaus Schneider, zum Thema aktive Sterbehilfe konstruktiv Stellung genommen.
Tatsache aber ist weltweit: Christen setzen sich vehement und leidenschaftlich für das ungeborene Leben ein („Pro Life“), das förmlich für viele (in den USA) zum absoluten Mittelpunkt des Glaubens geworden ist. Deswegen wählen sie auch Trump wieder… Aber nicht einmal ansatzweise setzen sich diese Pro-Life Christen (wie Bolsonaro und andere Evangelikale) so deutlich ein für jene schwerst leidenden Menschen ein, die sich den „milden Tod“ als aktive Sterbehilfe wünschen.

Ich hatte 2014 geschrieben:

Wir weisen darauf hin, dass dieser folgende Beitrag zwar im Jahr 2001 erschienen ist, aber als Dokument von Interesse bleibt, weil deutlich ist: Es gibt durchaus Christen, Theologen und Pfarrer in Holland, die bereit sind, Menschen zu begleiten, die dort um die gesetzlich erlaubte Euthanasie bitten. Wir haben auf dieser website auch auf das entsprechende Plädoyer des hoch angesehenen Bestatters Fritz Roth, Bergisch Gladbach, hingewiesen. Wir haben auf dieser Website auch an unseren Freund, Herman Verbeek (Groningen NL) erinnert, der als katholischer Priester, Theologe, Poet und Politiker der Partei „Grün-Links“ durch die Hilfe der Euthanasie im Jahr 2013 sterben konnte. In ihrem Buch „Vrije Rituelen“ (Freie Rituale), Meinema Verlag 2007, hat eine Theologin der Remonstranten Kirche in Holland, Christiane Berkvens-Stevelinck, ein eigenes Kapitel verfasst zum Thema Rituale angesichts von Euthanasie. Das Buch wurde nicht ins Deutsche übersetzt.

Der folgende Text aus Publik Forum wurde in kürzerer Fassung auch als Radiobeitrag für den Saarländischen Rundfunk gesendet (Red. Norbert Sommer). Für diese Sendung erhielt der Autor einen Preis der DGHS (Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben), Augsburg.

Hier also der Beitrag aus PUBLIK FORUM, 2001:

„Pieter B. wollte nicht qualvoll sterben und bat um den milden Tod. Beobachtungen in Holland“

In den Niederlanden ist Euthanasie, die aktive Sterbehilfe, gesetzlich jetzt (2001) erlaubt. Unter genau beschriebenen Bedingungen können Ärzte auf ausdrücklichen Wunsch von schwer kranken Patienten das aussichtslose Leiden beenden. Damit geht die etwa 15 Jahre dauernde Phase der »Duldung« des »Todes auf Verlangen« zu Ende. Für deutsche Verhältnisse ein ungewöhnliches Ereignis! Hier findet in den Grauzonen medizinischen Handelns, verschleiert und unter anderem Titel, so etwas wie aktive Sterbehilfe statt, wobei der Patient jedoch nicht aktiver Mitgestalter dieses Prozesses ist wie nun in Holland. In Deutschland ist die Diskussion über das Thema Euthanasie auf Grund der Nazizeit besonders belastet. Dabei haben die Nazis hilflose Menschen getötet, die niemals den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe geäußert hätten. Dass nun in Holland Euthanasie gesetzlich erlaubt wurde, bezeichnen deutsche Beobachter als einen »gefährlichen ethischen Dammbruch«. Doch die meisten niederländischen Pfarrer aller Konfessionen sind bereit, Patienten auch im Fall von Euthanasie seelsorgerlich zu begleiten. Pfarrer Hans Günther aus Amsterdam: „Ich habe erlebt, wie dieser Mensch gelitten hat. Das war nicht mehr zum Ansehen. Der hatte einen Krebs, wo ihm vom Ohr bis in den Hals und die Speiseröhre und die Organe daneben alles unter großen Schmerzen wegfaulte. Der arme Mann konnte kaum noch reden und essen sowieso nicht. Das war so etwas Entsetzliches, sagen wir ruhig, so ein „viehisches Leiden“, menschenunwürdig, dass ich bei meinem Besuch dachte: Wenn ich das bloß verhindern könnte, wenn ich diesem Elend ein Ende machen könnte, dann würde ich das unmittelbar tun; am besten wäre es, den Menschen zu heilen, aber das war aussichtslos.«
Hans Günther berichtet von einem Krankenbesuch. Er ist lutherischer Pfarrer in der Rivierenbuurt von Amsterdam, einem bürgerlichen Wohnviertel im Südosten der niederländischen Hauptstadt. Ihm liegt an einer zeitgemäßen Theologie: Für die Predigt am Sonntagmorgen wendet er etliche Stunden auf. Darum ist ihm auch das Bibelgespräch so wichtig. Zusammen mit den Gemeindemitgliedern möchte er die uralte Botschaft des Glaubens für die heutige Zeit neu buchstabieren. Viele Stunden verbringt er damit, ältere oder kranke Gemeindemitglieder zu Hause zu besuchen. Vor einigen Monaten hatte ihn Anne B. angerufen: »Kommen Sie doch mal wieder zu meinem schwer kranken Mann«, hatte sie am Telefon gesagt. Da saß er nun am Bett des Sterbenskranken. Die Frau berichtete ihm: »Für meinen Mann gibt es überhaupt keine Aussicht auf Heilung: Das haben uns zahlreiche Ärzte vor Wochen schon gesagt. Und sie mussten uns auch die schreckliche Wahrheit mitteilen, dass die großen Schmerzen noch stärker werden. Am schlimmsten war es, als der Hausarzt sagte: Eines Tages werde der Tod durch qualvolles Ersticken eintreten.« Nach ausführlichen Beratungen hatte sich Pieter B. entschieden, um Euthanasie zu bitten. Schon einige Jahre zuvor hatte er eine Patientenverfügung unterschrieben: Dort bekundete er seinen Willen, unter keinen Umständen einem langsamen, qualvollen Sterben ausgeliefert zu werden. Über diese Zusammenhänge war Pfarrer Günther längst informiert: Bei seinem Besuch erfuhr er nun, dass der Termin bereits feststand, an dem die Medizin, das tödliche Euthanaticum, verabreicht werden sollte. Pieter B. hatte noch den dringenden Wunsch, die letzten Tage vor dem selbst gewählten Ende mit geistlichem Beistand zu verbringen: »Über einen Zeitraum von drei Wochen bin ich ziemlich oft dort gewesen. Und das Gespräch verlief so, dass ich versucht habe, deutlich zu machen: Was ihr tut, wenn ihr den Arzt um Euthanasie fragt, bedeutet nicht das Beenden des Lebens. Euer Arzt wird nicht zum Mörder. Sondern ihr nehmt die Möglichkeit wahr, um das Ende des Lebens, das deutlich ist, das logisch und absehbar ist, nicht zu einer menschenunwürdigen Qual werden zu lassen. Also das Ziel des Euthanasieprozesses, wenn man das so sagen will, ist nicht das Töten eines Menschen in dieser Situation! Sondern Sie gebrauchen die Möglichkeiten, die die Medizin uns bietet, um doch ein menschenwürdiges Sterben und einen menschlichen Abschied zu erreichen.«
Der Tag des Sterbens rückte näher. In einer Klinik sollte die Spritze gegeben werden: Die Eheleute hatten sich darauf verständigt, dass sie diesen Termin den »Tag der Operation« nannten: Während der Mann sehnsüchtig auf diesen Moment wartete, hatte die Frau doch viel Mühe, sich mit dem Gedanken vertraut zu machen: »Mein Mann wird in meinen Armen sterben; seine Qual wird auf eigenen Wunsch ein Ende haben.« In dieser spannungsreichen Situation von Erwartung und Angst besuchte Pfarrer Günther das Ehepaar ein paar Stunden vor dem endgültigen Abschied: »Ich war an dem Tag zuvor bei ihm. Und wir haben ein Gebet gesprochen. Das hat Pieter B. noch hören können, er war bei vollem Bewusstsein, reden konnte er nicht mehr. Ich sprach ein Gebet, was ich frei formuliert habe. Ich habe dann auch Gebetsformeln gebraucht, die der Frau bekannt waren; das Vaterunser haben wir miteinander gebetet, und danach, ja, da haben wir uns endgültig verabschiedet.«
Ein paar Stunden später wurde Pieter B. ins Krankenhaus gebracht: Nur seine Frau sollte dabei sein, wenn der Arzt zuerst das Schlafmittel, und dann, nach zehn Minuten, das Euthanaticum spritzt. Sanft und friedlich ist Pieter B. entschlafen. »Ein milder Tod«, sagte die Frau nachher, nicht ohne Erleichterung. Pfarrer Günther kümmerte sich um die Witwe in ihrer Trauer: »Ich bin ein paar Tage später wieder dort gewesen, und auch ein paar Wochen noch ab und zu vorbeigegangen bei der Frau. Ich habe den Eindruck, dass sie es ganz gut verkraftet hat; dass sie den Frieden damit hatte, würde ich mal sagen.«
Pfarrer Günther verteidigt nicht pauschal die Euthanasie; er meint, niemals dürfte der sanfte Tod als die beste Methode angepriesen werden. Euthanasie ist etwas für »Ausnahmefälle«. Der Amsterdamer Seelsorger ist aber auch überzeugt: Die palliative Therapie, die umfassend von Schmerzen befreit, sollte noch viel mehr praktiziert werden. Denn viele Patienten leben wieder auf, wenn sie trotz schwerer Krebserkrankung schmerzfrei auf den Tod warten können. Aber längst nicht in allen Fällen hilft die palliative Therapie. Und das ist eine entscheidende Erkenntnis, die oft unterschlagen wird: Für Pieter B. zum Beispiel war Euthanasie der einzige Ausweg, den grässlichsten Leiden, dem Verfaulen bei lebendigem Leib, zu entkommen. Darum verteidigt Pfarrer Günther die Euthanasie, so wie sie in Holland möglich und erlaubt ist: »Ich finde, sie ist ein Vorteil, auch für die Frau, die ihren Mann verliert. Wo es natürlich eine Rolle spielt, auf welche Weise sie ihn verliert. Sagen wir mal: Wenn er schreiend sterbend in seinem Bett zu Hause umkommt. Oder ob sie ihn im Krankenhaus einschlafen sieht und seine Hand dabei halten kann, und das geschieht in Ruhe. Das ist ganz wichtig für die Zukunft dieser Frau. Das, finde ich, ist ein Fortschritt. Aber ja!«
Bisher war der »milde Tod« nur »gedoogt«, wie man in Holland so gern sagt, »er wurde nur geduldet«. Ärzte, die auf dringenden Wunsch ihrer Patienten die Euthanasie anwendeten und dies den Behörden meldeten, wurden strafrechtlich nicht verfolgt. In einigen seltenen Fällen mussten sich die Gerichte mit der Frage befassen, ob tatsächlich alle strengen Vorschriften beachtet wurden. Aber noch nie ist ein Arzt sozusagen »wegen Tötung« verurteilt worden! (Stand 2001, CM) Jetzt ist aus der Duldung eine gesetzlich klar umschriebene Möglichkeit geworden. Mit überwältigender Mehrheit hat das Parlament in Den Haag für die gesetzliche Regelung der Euthanasie gestimmt, und manche Beobachter in Deutschland und anderswo meinen, dass diese Politiker allesamt dem Morden Tür und Tor öffneten. Doch sie wollten den Tod möglichst aus den »Grauzonen« medizinischen Handelns herausholen und dem Patienten selbst das letzte Wort über sein Schicksal zugestehen. Die wichtigste Vorschrift der neuen Gesetze heißt: Einzig und allein der Patient darf die Bitte um Euthanasie äußern; also Verwandte oder Freunde des Betreffenden haben in diesem Fall nichts zu bestimmen. Mehrfach und über einen längeren Zeitraum muss der Euthanasie-Wunsch besprochen werden, alle anderen Möglichkeiten ärztlichen Handelns müssen erwogen werden. Schließlich beraten mehrere Ärzte über jeden einzelnen Fall. Wie bei jeder gesetzlichen Regelung gibt es auch die Möglichkeit des Missbrauchs. Aber die meisten Holländer sehen in der gesetzlich erlaubten Euthanasie eher einen Vorteil für die Patienten als einen Nachteil. Die zum Tode führenden Euthanatica verabreichen meist die Hausärzte; Euthanasie ist sozusagen der Tod in einem stillen, privaten Rahmen. Viele Beobachter sehen auch darin durchaus eine positive Entwicklung: Das bewusst gesetzte Ende kann im Alltag erlebt werden kann. »Manchmal haben diese Abschiede zugleich eine stoische Ruhe und eine gläubige Geborgenheit«, so ist immer wieder zu hören. Aber auch in den Kliniken ist Euthanasie schon fast eine gewisse Alltäglichkeit geworden“, sagt Rob Mascini, er ist katholischer Klinikpastor in Haarlem: Ihn rufen vor allem Patienten, die noch mit der katholischen Kirche verbunden sind. Und auch sie wünschen immer wieder »den milden Tod«. »Die meisten Patienten haben Gott befragt. Und das sagen sie dann auch mir: Ich kann nicht glauben, dass der liebe Gott mir diese Schmerzen gibt. Und er möchte nicht, dass ich so leide. Und er ruft mich schon so lange, sagt man meistens. Aber die Menschen wollen nicht, dass ich in den Himmel gehe. Die Menschen, die Ärzte, halten mich hier fest. Warum muss ich noch bleiben, wenn Gott mich ruft? Ich will freiwillig aus dem Leiden heraustreten.« Niederländische Katholiken haben keine Schwierigkeit, ihre Bitte um Euthanasie mit dem eigenen Glauben zu verbinden. Deswegen hat Pastor Mascini auch keine Vorbehalte, diesen Patienten in der letzten Stunde beizustehen: »Wenn ein Mensch zu einer solchen Entscheidung kommt in einer Lage, die so schmerzvoll ist, dann muss ich als Seelsorger bei diesem Menschen bleiben und Respekt haben, Ehrfurcht haben vor der Überzeugung, dass es gut ist, Euthanasie anzuwenden. Dann bitten die Patienten um die heilige Kommunion, oder sie fragen nach der Krankensalbung. Oder sie bitten um ein Gebet oder einen Segen. Dann denke ich: Wer bin ich, um diesen Menschen das Gebet zu enthalten und den Segen von Gott zu enthalten in solch einer entscheidenden Angelegenheit?«
Pastor Mascini und die meisten holländischen Klinikseelsorger orientieren ihre Hilfe und Begleitung am konkreten Bedürfnis der Patienten. Der leidende Mensch steht im Mittelpunkt, nicht ein theologisches Prinzip oder eine kirchenrechtliche Vorschrift. Auch der katholische Krankenhauspastor André Zandbelt in Haarlem wird immer wieder gerufen, wenn Patienten auf die Euthanasie warten: »Wenn Euthanasie beispielsweise mittags stattfinden soll, dann gehe ich schon morgens zum Gespräch mit dem Patienten; ich rede auch mit dessen Angehörigen. Wenn der Patient gläubig ist, bete ich auch mit ihm und feiere kleine Rituale, damit er sich gut Gott anheim geben kann. Aber wenn dann mittags wirklich das Euthanaticum gespritzt wird, dann bin ich zwar dabei, aber dann tue ich von meiner Seite aus nichts mehr.« Manchmal können Klinikpfarrer noch in den letzten Minuten den Menschen nahe sein, die auf die Euthanasie warten. Pastor Mascini erinnert sich: »Da gab es eine Frau, sie war in der Vergangenheit katholisch, aber sie ging nicht mehr zur Kirche und wollte auch nichts mehr mit Gott zu tun haben. Und doch habe ich sie immer wieder auf ihren eigenen Wunsch hin besucht. Einmal komme ich ins Zimmer und frage sie: „Wie geht’s“ Da sagt sie: „Sehr gut, um drei wird es passieren.“ „Was wird passieren“. Ja, dann gehe ich weg. Dann sagte ich: Euthanasie „Ja“. Dann bin ich weg. „Kann ich noch etwas für sie tun, habe ich nach einer Weile gefragt. „Nein, war die Antwort. Sie können nichts mehr für mich tun. „Kann ich um Drei zur Kapelle gehen und eine Kerze anzünden und beten?“ Und da fängt die Frau schrecklich an zu weinen, in diesem Moment kommen alle Emotionen hoch. Und ich konnte dieser Frau noch ein bisschen helfen, in ihren letzten Stunden auch diese Seite von ihrer Emotion zu bearbeiten.«
Die offizielle katholische Glaubenslehre verurteilt Euthanasie aufs Schärfste. Im »Katechismus der Katholischen Kirche« wird Euthanasie als »unannehmbar« bezeichnet. Von prinzipieller Strenge sind auch die Dokumente der niederländischen Bischofskonferenz; sie hat mehrfach in öffentlichen Erklärungen betont: „Euthanasie kann niemals geduldet werden. Sie widerspricht dem grundlegenden Schutz des Lebens. Es kommt zu einem Bruch in unserer Kultur, wenn Euthanasie sogar noch legalisiert wird.“ Diese Position sei ethisch rigoros, aus der Distanz formuliert, zu prinzipiell und zu allgemein, sie sei sozusagen am grünen Tisch geschrieben, sagen die meisten niederländischen Christen, die für Euthanasie Verständnis haben: Sie wollen ja in keiner Weise den Suizid fördern; sie wollen einzig und allein unerträgliches Leiden beenden helfen. Laut Umfrage bejahen 70 Prozent der Katholiken die Möglichkeit, Euthanasie in Ausnahmefällen anzuwenden. Bei den Protestanten findet Euthanasie eine ähnlich hohe Zustimmung. Im Unterschied zu anderen europäischen Ländern denken die Pfarrer Hollands genauso wie die Laien in den Gemeinden: So auch Pastor Mascini: »Nichts ist heiliger in unserer Kirche als unser eigenes Gewissen. Natürlich müssen wir unser Gewissen auch orientieren an dem, was uns vorgegeben wird. Aber wenn ein Mensch vor dem Angesicht von Gott zur Entscheidung kommt, Euthanasie sei gut für ihn, dann müssen wir das respektieren und diesem Menschen nicht unser Gebet und unseren Segen enthalten!« Über die Erfahrungen mit der Euthanasie wird in den Kirchen Hollands immer wieder öffentlich diskutiert: In Utrecht zum Beispiel wurde anlässlich des »Forums für Kirchenreform« von der kritischen »8. Mai-Bewegung« eine Großveranstaltung über Euthanasie und Seelsorge angeboten. Jetzt hat die 8. Mai-Bewegung sogar ein eigenes Papier zur Euthanasie publiziert: »In Notfällen sinnvoll und möglich«, ist der Grundton dieses Textes. Auch in den Pfarrgemeinden ist die freie Entscheidung für den eigenen Tod ein Thema der Bildungsveranstaltungen. In einigen protestantischen Kirchenkreisen gibt es Pfarrer, die sozusagen als Spezialisten für Euthanasie gelten und sogar eigene Abschiedsriten entwickeln, wie der Amsterdamer Pfarrer Wim van der Sluis. Immer ist in Holland Euthanasie mit dem Begriff »freiwillig« verbunden.
Sozusagen als Lobbyisten in dieser Sache arbeitet in Holland nun schon seit 17 Jahren der »Verein für freiwillige Euthanasie« mit dem Kürzel NVVE. Der Verein vermittelt allerdings nicht Ärzte, die zur Euthanasie bereit sind, und auch der Versand von »Sterbepillen« ist ausgeschlossen. Er versteht sich lediglich als Informationszentrum über alle Fragen von Sterben und Tod. Der NVVE verschickt auch die so genannten Lebenstestamente: Dort können Menschen bei klarem Verstand, sozusagen noch jung an Jahren und bei guter Gesundheit, festlegen, welche medizinischen Eingriffe sie noch im Falle von schwerster Erkrankung wünschen. Die Mitgliederzahlen steigen, momentan gehören 100 000 Niederländer dazu, nichtreligiöse Menschen wie auch Kirchenmitglieder. Auch Anhänger der Christlich Demokratischen Partei (CDA) sind dabei.
Die Autonomie – die Selbstbestimmung – der Patienten steht im Mittelpunkt der »Philosophie des NVVE«: Menschen, die ihr ganzes Leben in eigener Freiheit und Verantwortlichkeit gestaltet haben, wollen nicht die letzten Tage und Wochen ihres Lebens dem Reglement der Ärzte (und der Power von Maschinen) überlassen bleiben. Pastor Zandbelt kann sich als Holländer mit dem Prinzip der Autonomie, diesem grundlegenden philosophischen Ideal der Patienten, durchaus anfreunden. Im praktischen Alltag spielen für ihn noch andere Motive eine Rolle: »Ich kann mich an meine Erfahrungen in der Klinik gut erinnern, dass Euthanasie wie eine Erlösung wirkt für die Patienten. Dabei spielt natürlich Selbstbestimmung immer eine Rolle. Ich muss sagen, der Gedanke der freien Selbstbestimmung tritt doch oft zurück vor der viel wichtigeren Erkenntnis: Euthanasie ist eine medizinische Tat, die dem Erbarmen entspringt, dem Mitleid, wenn alle anderen Auswege blockiert sind.« Im Umgang mit der Euthanasie entdecken niederländische Christen auch ein neues Gottesbild: Das aussichtslose Leiden unter starken Schmerzen wurde einst als eine Art mystischer Weg zu Gott gedeutet. »Wen Gott liebt, den züchtigt er«, heißt eine alte Glaubensweisheit, die man noch heute im ganzen deutschsprachigen Raum hören kann. Holländer denken da anders: Für sie ist Gott kein Sadist, der Freude hat am Leiden seiner Geschöpfe. Pastor Mascini: »Ich bin überzeugt: Gott kann das schwere Leiden unter grässlichen Schmerzen nicht ertragen. Das will Gott nicht! Und wenn dann ein Mensch in seinem Gespräch mit Gott in Freiheit entscheidet, dass Euthanasie ein Ausweg ist, dann glauben diese Menschen, dieser menschenfreundliche Gott wird mich in Barmherzigkeit empfangen. Bei solchen Gedanken müssen wir Pastoren und Theologen schweigen.« Der neue, der freie Umgang mit dem eigenen Tod verändert das religiöse Denken: Früher hatten die niederländischen Christen noch in ihre Glaubensbücher geschrieben: »Gott hat dem Menschen das Leben als Geschenk gegeben, deswegen darf der Mensch nicht von sich aus das Leben beenden und damit des Geschenks unwürdig werden.« Mit diesem Bild können sich holländische Theologen und christliche Ethiker heute nicht mehr so recht anfreunden. Darf denn der Beschenkte nicht eigentlich mit dem Geschenk machen, was er will? Darf der Schenkende denn bestimmen, was mit dem Geschenk passiert? Der protestantische Ethiker Evert van Leeuwen aus Amsterdam sagt dazu: »Es gibt in der Theologie eine sehr schwierige Debatte über das Leben, die immer noch nicht zu Ende geführt wurde. Kann man das Leben zurückgeben, dürfen wir das? Und ich glaube: das Leben ist nicht so etwas wie Objekt, das man geben und zurückgeben darf. Gott hat uns vielmehr die Freiheit gegeben: So können wir in einem bestimmten Moment uns zu Gott bekennen und sagen: Es ist genug, es reicht jetzt aus. Dann dürfen wir unser Leiden beenden.« Im Dialog mit Gott dürfe sich der Mensch die Freiheit nehmen, sein Leben Gott zurückzugeben. Die Rückgabe des Lebens an Gott entspreche genau der Freiheit, die Gott ihm gegeben habe. Von allen Theologen hat sich der protestantische Theologe, Professor Harry Kuitert, seit den siebziger Jahren am nachdrücklichsten mit dieser Frage befasst, er ist sozusagen ein theologischer Vordenker: »Ich glaube, dass das Leben das Ziel des Schöpfers ist. Und dass wir dem Schöpfer folgen, wenn wir einander das Leben geben und schützen. Und doch gehört der Tod so sicher zum Leben, dass wir auch mit dem Tod fertig werden sollten mitten im Leben. Wir können meines Erachtens unsere persönliche Freiheit auch dem Tod gegenüber gestalten. Wir dürfen unter den Bedingungen großen Leidens selbst bestimmen, wenn es so weit ist, aus dem Leben zu scheiden. Das kann man vor Gott verantworten, glaube ich.«

copyright: christian modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Voices: Max Richters neuestes Werk: Vom musikalisch – seelischen Erleben der Menschenrechte!

Ein Hinweis von Christian Modehn

Max Richter hat kürzlich sein neuestes Werk vorgelegt: „Voices“. Ein eher schlichter Titel für ein anspruchsvolles Werk mit anspruchsvollem Inhalt: In dieser Musik will Richter die Menschenrechte (in ihrer Erklärung von 1948) nicht nur als immer und überall gültiges Programm der globalen Menschheit feiern. Er will musikalisch beitragen, dass die HörerINNen die Menschenrechte als Grundlage nicht nur der Politik, sondern förmlich als den Geist ihrer humanen Seele wahrnehmen. Das kann nicht besser gelingen als … durch die Musik. Die eingesprochenen Texte der Menschenrechtserklärung gehören nicht nur als Hintergrund zu dieser Musik. Die Worte öffnen den Raum des Verstehens von „Voices“.

Wenn man nun Musik wieder einmal hilflos in Worte übersetzen muss: Dann entwickelt sie sich von einer eher melancholischen Dimension hinaus in eine eher verhalten lichtvolle Atmosphäre. Je nachdem, wie die Hörer dieser CD gestimmt sind: Sie werden „Voices“ als den zwar stillen, aber möglichen Sieg der Humanität deuten oder noch als schwebendes Suchen nach dem lichtvollen Sinn und Ziel des Ganzen, also der Humanität. Und ich meine, wir sollten diese neue Musik von Max Richter, wie so oft bei ihm, guten Gewissens „gebrauchen“, immer wieder hörend, als eine Ermunterung, das Leben zu bestehen. Musik gehört als „Hilfe“ mitten ins Leben. Die universalen Menschenrechte gelten „prinzipiell“ in fast allen Staaten, (nur nicht im Staat „Vatikanstadt“ ), aber sie sind nur selten auch nur annähernd politische, kulturelle und ökonomische Realität. Dies ist unser Leben: Das Gespanntsein zwischen der Sehnsucht nach wahrem Leben und den Fakten der nur sehr mäßig verwirklichten Menschlichkeit.
Max Richters Musik erlebe ich als Aufforderung, weiterzugehen … in die Richtung der Menschlichkeit. Sie ist insofern Ermunterung… die verzweifelte Lage der Menschheit nicht zu vergessen. Insofern ist seine Musik politisch.

Mit dem Titel „Gebrauchsmusik“ kann der Komponist Max Richter durchaus etwas anfangen, bekennt er in einem Interview mit der TAZ am 5.1.2013. Endlich jemand, der sich aus der lange währenden „l art pour l art“ – Gefangenschaft der Kunst befreit oder aus der postmodernen Beliebigkeit heraustritt,
Max Richter weiß sich in großer Tradition: Denn die von ihm unterstützte Qualität, „Musik zum Gebrauche“, also zur hilfreichen Inspiration für Menschen im Alltag, galt schon für die Musik der Barockzeit: „Mir gefällt diese Idee der zweckmäßigen Musik“, sagt er in dem Interview.
Und was für eine Musik der Komponist Max Richter uns immer wieder bietet! In keinem Fall solche, die man „nach Gebrauch“ beiseite legt oder gar schnell wieder vergisst.
Über Max Richter ist viel geschrieben worden, und Details zu seiner Biographie findet man vieles im Netz. Für uns ist bemerkenswert, in welcher Offenheit er sich zu religiösen Dimensionen und spirituellen Aspekten seiner Arbeiten bekennt. Der Komponist lebt und bewegt sich in der Musik, aber gerade dabei und darin erlebt er Religiöses, das musikalisch seinen Ausdruck findet: „Wenn Sie Musiker sind, dann leben Sie auch in der Musik. Für manche ist es wie eine Religion. Man trägt die Musik halt immer mit sich herum.“
Schon anlässlich seines Werkes „Sleep“ (das mehr als acht Stunden dauert) wurde bemerkt: Diese Musik von Richter führt weiter, hinaus, ins Freie, aber durchaus auch ins mystisch Dunkle, in die Trance, aus der der Hörer aber wieder herausfindet … ins Licht.
Max Richter wird von Kritikern mit einer Etikette versehen und als „Neo-Klassizist“ bezeichnet. Wunderbar, meine ich, warum nicht zurückgreifen auf alte, immer aber gegenwärtige Traditionen? Wenn sie helfen, auch den Vorgriff auf die bessere Zukunft, die Geltung der Menschenrechte, zu vermitteln? Und, nebenbei gefragt: Warum soll nicht endlich einmal die so genannte zeitgenössische Musik auf diese Weise auch weite Kreise erreichen?
Mich hat gewundert, dass in dem Interview (für die TAZ) Max Richter den ziemlich weltberühmten Berliner Club „Berghain“ einen „religiösen Ort“ nennt, dort wurde seine Neuschöpfung der „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi aufgeführt: Dieser zweifelsfrei auch erotisch lebendige Musikclub als ein religiöser Ort: Das wäre ein Thema für Religionsphilosophen und vielleicht auch noch für Theologen, die endlich verstehen wollen, wie und wo Religion außerhalb der Kirchenmauern in Berlin lebt.
Jetzt aber wäre mein Vorschlag: Man sollte VOICES in den Kirchen aufführen, auch über den gut eingerichteten Klang einer CD, und zwar gerade anstelle der üblichen und immer gleichen Liturgien in den Sonntagsgottesdiensten. Dies ist keine Vereinnahmung von Kunst, sondern sozusagen das Geltendmachen von „Fremdprophetie“, also von Kunst, für die religiöse Welt.
Dies ist ein Vorschlag, wie mir scheint, dringend geboten, um nicht nur die ewige Bach-Musik oder Mozart aufzuführen und als „wahrhaft“ religiös wahrzunehmen. Max Richters „Voices“ ist – dem Geist der universalen, „ökumenischen“ Menschenrechte entsprechend überkonfessionell…
Hören wir also seine Musik. Sie bietet den Eintritt in eine andere Welt, eröffnet uns Räume zum meditativen Verweilen und Nach-Denken. Und zieht damit die übliche Definition in Zweifel, Musik wäre eigentlich nichts anderes als eine von vielen Sprachen, eben „nur“ eine „andere Sprache“. Nein, Musik ist nicht eins zu eins in die sonstigen, verbalen Sprachen übersetzbar, so wie man einfach einen Text aus dem Deutschen in die englische Sprache überträgt.
Musik ist eine eigene Welt, in die wir eintreten können, und dabei erleben: Es gibt mehr als unsere allmählich flach und banal gewordene Sprech – und Schreibwelt der so üblich gewordenen Kurzmitteilungen.
Musik befreit vom Verfall ins Alltägliche, führt woanders hin, sicher ins Erleben der Seele.
„Voices“. Von Max Richter. Double CD Album. DECCA Records Release, 2020, Product code 0898651.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin