„Die Katholische Kirche ist am Ende“: Nicht nur wegen des „Missbrauchs“. Sie klammert sich an ein vergangenes Weltbild

Ein Hinweis von Christian Modehn am 24.2.2019

Am 1.3. 2019: Die zentrale Erkenntnis dieses etwas ausführlicher geschriebenen Hinweises ist: Die Verfassung, also die Gesetzgebung (Codex Juris Canonici) wie die dogmatischen Lehren der katholischen Kirche erlauben es nicht, dass der allherrschende Klerus selbst grundlegend kritisch mit den eigenen Untaten umgehen kann. Gelegentlich veranstalten diese Herren eine gewisse „Show“, um die Gemüter etwas zu besänftigen. Man sollte deswegen keinerlei tiefgreifende Reformen, schon gar nicht eine einzig hilfreiche grundlegende Reformation von den de facto und dejure allherrschenden Klerikern erwarten. Alles Reden von „Mitbestimmung der Laien“ gilt ja bekanntlich nur für belanglose Fragen, diese „Mitbestimmung der Laien“ ist eine Geste der Besänftigung. Und die lassen sich immer noch besänftigen!
Also, lasst -nur in der Hinsicht – alle Hoffnung fahren, auch in dem Zusammenhang einer wirklichen Neuorientierung, Umkehr der Kirchenleitung zugunsten der Opfer sexueller Gewalt durch Priester: Diese Neuorientierung, Umkehr, Reformation bestände vor allem darin: Den unseligen Zölibat endlich abzuschaffen und Frauen zu Priestern zu weihen sowie eine synodale, demokratische Kirchenordnung zu schaffen. Aber das wäre ein Machtverzicht des Klerus. Welche Herrscher verzichten schon freiwillig auf absolute Macht? Auch der angeblich progressive, aber bekanntermaßen sehr Teufels-gläubige Papst Franziskus wird es nicht tun wollen und tun können.
Wer noch einen vertiefenden, aber immer noch gültigen Beitrag zum Thema Hierarchie (aus dem Jahr 2009) lesen möchte: Dann verweise ich auf meinen Beitrag für den WDR mit vielen O Tönen, vor allem von dem großen Theologen Otto Hermann Pesch. Hier klicken.

Der Hinweis:
Es kam so, wie es kritische Beobachter erwarteten: Die alles entscheidende Rede des Papstes am Ende des „Gipfels“ über den sexuellen Missbrauch durch Priester und Bischöfe ist eher eine allgemein gehaltene kulturkritische Predigt über das furchtbare Geschehen des Missbrauchs von Kindern im allgemeinen, mit dem unverbindlich und unkonkret gegebenen Versprechen, dass sich die Kirche in dieser Sache „reinigen“ will.
Im ganzen also: Diese in finanzieller Hinsicht aufwändige, in medialer Hinsicht von Erwartungen überladene, in einigen Statements (besonders der Opfer und von Frauen,Nonnen) doch noch denkwürdige Konferenz ist insgesamt ein Fiasko. Denn das letzte Wort hat nun einmal der Papst in den Strukturen der Kirche. Und der denkt gar nicht daran, mögliche Ursachen des Missbrauchs zu bekämpfen, wie den Pflicht-Zölibat abzuschaffen oder auch Frauen ins Priesteramt zu lassen…Alles wie gehabt, also. Was soll nur dieser Aufwand? Man wollte ein gutes Image der Kleruskirche wiederherstellen. Selbst diese pure Äußerlichkeit der „Schminke“ ist nicht gelungen.
Und das für mich erstaunlich: Dieser „Gipfel“, manche sprachen gar von „Synode“, wird nun im Titel der Papst-Predigt zum allgemeinen „Kinderschutz-Gipfel“ umbenannt wurde: Diese allgemein kulturelle Öffnung des Themas erlaubt es dem Papst, relativ wenig vom kirchlichen Missbrauch und den nötigen Veränderungen IN der Kirche zu sprechen.
Diese frommen Worte des Papstes Franziskus (manche nannten ihn ja einst progressiv) zeigen ihn befangen in der klerikalen Sonderwelt. Dieser Papst, das zeigt sich immer mehr, ist nun den Konservativen verpflichtet. Er will, kann und darf aus der Welt der Privilegien der Kleriker nicht heraustreten. Man bedenke: Der Klerus glaubt bis heute allen ernstes „in der Person Christi des Hauptes der Kirche zu handeln“ (Katechismus, § 1549). Der katholische Priester ist förmlich der zweite Christus. Und in diesem all-verbindlichen Katechismus von 1993 ist sogar „der Bischof Abbild des Vaters (Gott-Vaters)“. Wer so in der Nähe Gottes lebt, kommt da nicht mehr raus und will das auch nicht: Was für ein Vorteil, auf der Seite Gotteszu stehen. Dies sind maßlose Ansprüche, die keine Reform, sondern nur eine neue Reformation abwenden könnte.
Im ganzen gesehen haben sich angesichts dieser frommen – im letzten belanglosen – Worte des Papstes die reaktionären Kräfte im Vatikan durchgesetzt, jene machtvollen Kleriker, die sich ständig gegen Aufklärung, Vernunft und tief greifende Reformen aussprechen.
Nach diesen frommen Worten des Papstes bleibt die katholische Kirche also in der selbst gewählten Sackgasse. Und wer sich aus ihr noch befreien kann, wird es nach Kräften tun. Gerade jetzt.

Aber: Eine weiter in die Tiefe gehende Reflexion ist nötig:
Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist jetzt oft Religionskritik, d.h. auch Kirchenkritik. Soziologen kommen in ihren Studien und Interviews in Rom zu dem Ergebnis: „Der Vatikan ist eine verrückte Welt“ oder: „Die Kirche ist eine Organisation der Lüge, ihre Repräsentanten lügen pausenlos über alles“, so der Soziologe Frédéric Martel in einem Interview mit der Wochenzeitung „Christ und Welt“ (21.2. 2019, S.5). Martel ist als Soziologe Autor der großen, jetzt international verbreiteten Studie „Sodoma“. Entscheidend ist Martels Einsicht: „Wir erleben das Ende eines Systems“ (ebd.)

Die Frage, die dann auch philosophisch interessant ist: Welches System, welches geistige System, das die römische Kirche darstellt, ist denn am Ende? Vom Ende des Katholizismus ist bekanntlich nicht nur in einer kritischen Theologie, sondern in der Religionssoziologie die Rede, man denke unter vielen Beispielen an Danièle Hervieu-Légers Werk „Catholicisme, La Fin d un Monde“(Paris 2003), die Autorin ist eine der bekanntesten religionssoziologischen Wissenschaftlerinnen.

Finanziell ist diese katholische Kirche allerdings noch nicht am Ende. Allein der Immobilienbesitz des Vatikans könnte, in Geld umgewandelt, ganze Hungersnöte in Afrika auf Dauer abwenden. Und auch personell ist diese Kirche nicht ganz am Ende, in Europa hingegen gewiss, wenn man an das Fehlen so genannt zölibatär lebender Priester denkt. Aber in Afrika und Asien ist die „Priesterkarriere“ immer noch sehr beliebt bei jungen Männern, die darin auch den sozialen Aufstieg erleben! Und etliche Laien auch in Europa halten formal nach außen hin noch treu zur Kirche, sprechen fleißig die kaum verständlichen apostolischen Glaubensbekenntnisse in der Messe nach. Sie sind noch Kirchenmitglieder, so wie einst „unerschütterliche“ Kommunisten/Stalinisten zur KP hielten…Schließlich sind viele tausend Katholiken auch heute in katholischen Strukturen (Schulen, Caritas usw.) angestellt, also finanziell von der sich „Mutter“ nennenden Kirche abhängig. Am Rande: In Frankreich sagte man um das Jahr 2000: „Die KP Frankreichs wird nur noch von Angestellten der Parteiorganisationen gewählt…“
Die katholische Kirche ist aber de facto am Ende, also innerlich gelähmt, todkrank. Sie kann sich kaum noch kreativ bewegen, kann sich nicht grundlegend strukturell erneuern. Die Rede des Papstes am Ende des großen „Missbrauchsgipfels“ am 23.2.2019 zeigt dies in aller Deutlichkeit. Um den sexuellen Missbrauch in der Kirche und der Gesellschaft zu erklären, verwendet der Papst noch einen Begriff wie „Teufel“, dies nur ein Hinweis auf die Bindung des klerikalen Denkens bis heute an eine uralte Welt des Mythos. Die Kirche könnte sich nur erneuern, wenn sie sich von dieser Bindung befreit. Nur in diesem mythischen Denken kann von der exklusiven, gottnahen Sonderrolle des Priesters überhaupt die Rede sein.
Diese Kirche kann sich aufgrund des eigenen Selbstverständnisses nicht grundlegend erneuern. Denn etwa im Fall des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker müssten sich die Täter bei diesem Kirchenrecht selbst bestrafen. Wer macht das schon? Das Kirchenrecht kennt keine Gewaltenteilung, nicht einmal den Ansatz von Demokratie, bemerkenswert für eine weltweit agierende Organisation. Nebenbei: Die Ähnlichkeiten kommunistischer Diktaturen mit den Strukturen bzw. den Jahrhunderte alten Unterdrückungsmechanismen der Kirche (wie Zensur, Kontrolle, Bestrafung der Dissidenten, Unterdrückung der freien Meinungsäußerung, keine Gewaltenteilung etc.) sind evident und allseits bekannt.

Aber es wäre zu oberflächlich, wie so viele Journalisten es tun, bei diesen strukturellen Äußerlichkeiten stehen zu bleiben. Und es ist eher naiv zu meinen, die Probleme dieser Kirche könnten mit strukturellen Veränderungen allein gelöst werden. Eine Reformation, die nötig wäre für die römische Kirche, ist nie nur eine Strukturfrage. Denn diese Strukturen werden vom Klerus deswegen nicht geändert, (sie sind ja die einzigen, die tatsächlich „ändern“ könnten, wenn sie es denn wollten), weil diese Strukturen eben in den großen geistigen, theologischen bzw. ideologischen Rahmen eingebunden sind, die das Selbstverständnis der katholischen Kirche bestimmen. Es ist also die alles beherrschende Ideologie, die verstanden werden muss, um zu begreifen, warum diese „Kirche am Ende ist“, wie Frédéric Martel und andere erkannt haben.
Es handelt sich darum, endlich wahrzunehmen: Die Kirche ist in ihrer zentralen Lehre von Gott und der Deutung der Offenbarung, der Lehre von der Kirche noch in einer durch die Moderne längst überwundenen Kultur zu Hause ist. Man könnte sagen: Sie steckt noch fest im mittelalterlichen geozentrischem Weltbild. Sie ignoriert die bleibenden, die guten Errungenschaften der Moderne. Für konservative und reaktionäre Kreise ist es ja üblich, „die“ Aufklärung, „die“ Moderne pauschal zu verurteilen.
Diese tiefe ideologische Bindung an ein uraltes Weltbild ließe sich an vielen Beispielen festmachen: Am Ausschluss von Frauen vom Priesteramt; an der Missachtung elementarer Menschenrechte INNERHALB der Kirche; an der unbezweifelt vom Klerus hingenommenen Überordnung des Klerus über die Laien; an der Unfähigkeit, die historisch-kritische wissenschaftliche Forschung auch in der eigenen Dogmatik anzuwenden; an der Abwehr, Theologie als freie, d.h. von der Kirchenleitung unabhängige Wissenschaft zu betreiben. Überhaupt der ganze Lebensstil des Klerus in der Kurie, in den Palästen, in den Privatgemächern der Kardinäle, mit dem Prunk in den Büroräumen, all das erschlägt förmlich schon jeden modernen Gedanken.
Das ist allseits bekannt. Und es muss nur noch einmal gesagt werden: Dass die Reformen oder Reförmchen, die sich der Klerus etwa im 2. Vatikanischen Konzil (1961-65) gönnte, nur oberflächliche Veränderungen sind: Selbst wenn die lateinische Sprache aus der Messe weithin verschwand: Die lateinische Sprache und ihre herrschaftliche antike Redeweise des 4. Jahrhunderts wie „Der Herr sei mit euch“, „Erhebet die Herzen“ usw. wurde eins zu eins, also wortwörtlich in die jeweiligen aktuellen Sprachen übersetzt: Aber wer versteht schon heute in Berlin oder Kinshasa oder Kyoto diese aus dem Lateinische stammende eher esoterische Sprache? Vor dem Kommunionempfang heißt es etwa: „Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach…“ Unter welches Dach geht eigentlich die Hostie ein?
Das 2.Vatikansche Konzil ALS Konzil des Klerus (!) hat den katholischen Laien eine gewisse Mitsprache erlaubt, aber keine wesentlich neuen Rechte zugestanden, als Laien in kirchlich – zentralen Belangen tatsächlich mit zu entscheiden. Das letzte Wort hat nach wie vor immer der Klerus. Auch am Missionsgedanken („Bekehrung aller Völker“) wird ungebrochen festgehalten ebenso an der besonderen herausragenden Stellung der römischen Kirche über allen anderen christlichen Kirchen usw…

Diese Hinweise genügen, um zum Kern der Problematik zu kommen:
Die Hierarchie gehört in die längst überwundene, sagen wir „geozentrische Welt“ des Mittelalters. Natürlich gibt es auch Hierarchien in der Wirtschaft noch heute, aber es sind solche, die stets demokratisch verändert werden können und müssen. Der Gedanke an eine absolut in der Hierarchie-Spitze unkontrolliert agierende Herrschaft ist für die Moderne ausgeschlossen, selbst wenn solche Herrschaftsformen de facto noch vorkommen. Der Klerus als Spitze der Hierarchie ist in gewisser Weise der kirchliche Adel, der in der Kirche besteht; bekanntlich war es den Päpsten im frühen Mittelalter nicht gelungen, den Adel und dessen Bevorzugung im Staat abzuschaffen. Das war wohl der furchtbare Preis, den Päpste und Bischöfe zahlen mussten, damit die einst „heidnischen Stämme“ dem Christentum, d.h. der Kirche beitraten. Die von Jesus von Nazareth überlieferte Lehre der Gleichheit und Brüderlichkeit wurde abermals verraten.
Es ist also der anti-moderne und vor-moderne Geist, der die römische Kirche zutiefst durchdringt.
Zentrum ist aus dieser vormodernen Zeit stammende unbefragte Anerkennung der Hierarchie: Die da oben, der Klerus, haben ihre eigenen Gesetze, die ihnen niemand in der Kirche nehmen kann.
Und auch die Gesellschaft und der moderne Staat werden von diesen Hierarchen eigentlich verachtet. Man denke nur an die Verurteilungen des politischen Liberalismus, verstanden als Idee der Demokratie und der Menschenrechte, durch den polnischen Papst Johannes Paul II. Man denke daran, dass die Kirchen-Hierarchie immer noch meint, nicht nur für die Interpretation des Evangeliums absolut zuständig zu sein, sondern eben auch für das, was sie Naturrecht nennt: Was sich für den Menschen als Menschen gehört im ethischen Bereich, das will die Hierarchie bestimmen. Die katholische Kirche sieht sich förmlich als Verteidigerin des alten Naturrechts: und das heißt: Abwehr und Verachtung der gelebten Homosexualität, das Verbot der künstlichen Geburtenregelung, das Verbot jeglicher Form einer Suidzidhilfe für Schwerstkranke, die absolute Liebe zum ungeborenen Leben: Katholisch sein heißt ja oft „Pro-Life“ sein. „Pro-Life“ in der militanten Form ist das ethische Grunddogma der katholisch-konservativen Kirche! Aber dieses „Reinreden“ der Kirche auch in Sachen Naturrecht wird allmählich von demokratischen Staaten in Frage gestellt. Nach dieser Konferenz in Rom sicher noch mehr. Der Klerus tobt zwar, dass ihm dieser Teil seiner „Mission“ genommen wird. Aber nur noch autoritäre Regime folgen in der Hinsicht dem Vatikan, leider auch viele konservativ geführte Staaten in Lateinamerika.
Dies alles ist der Geist des Mittelalters, den ich mit dem Bild des „geozentrischen Weltbildes“ umschreibe, wobei jeder Kleriker stolz erwidert, dass die Kirche doch vor etwa 50 Jahren auch Galilei anerkennt habe. Wie hübsch! Aber diese unglaublich verspätete Anerkennung ist äußerlich, der Gedanke der Evolution der Schöpfung ist auch nicht gerade beliebt im Klerus.
Aber mit dieser Bindung an das überholte und als falsch zurückgewiesene Weltbild des Mittelalters ist auch eine ideologische Bindung gemeint:
Die Bibel wird vom Klerus und dem Papst allein letztgültig interpretiert. Und da werden Bibelverse, die dem Klerus gut ins Geschäft passen, zugunsten des Klerus wortwörtlich übernommen. Andere Worte Jesu etwa, „Nennt euch nicht Meister“ etc. werden als bloß historisch relativiert. Weil der herrschende Klerus glaubt, von Jesus und letztlich von Gott berufen zu sein, entscheidend die Bibel zu deuten. Das ist sozusagen ein „circulus vitiosus“ der klerikalen Hermeneutik: Die Herrschenden haben sich den Text förmlich angeeignet. Solange dies so bleibt, wird sich klerikale Macht fortsetzen.
Weil der Klerus hinsichtlich der Theologie allein entscheidend ist und Querdenker eben bestraft, mundtot macht, einst verbrannte, deswegen kann sich die römische Kirche auch nicht von der erdrückenden Fülle von dogmatischen Aussagen befreien. Es wäre ja ein Eingeständnis, dass es Überholtes, historisch Überwundenes, Relatives gibt in der Lehre der Kirche. Aber der Klerus, vom Heiligen Geist geleitet, macht bekanntlich keine Fehler. Der offizielle römische Katechismus, der für alle Katholiken die zu respektierende Lehre aufführt, umfasst mehr als 800 Seiten.
In dem Opus, Katechismus genannt, wird der Klerus in himmlische Höhen gehoben: Denn der Priester vollzieht mit seinen sauberen Händen (Lavabo!) immer wieder das unblutige Opfer Jesu Christi am Altar: Der Priester steht förmlich auf Gottes Seite. Und da kann in dem uralten Denken nur ein Mann stehen, denn die Frauen sind diesem Denken entsprechend unrein und minderwertig.
Und so werden höchst widersprüchliche, überholte Lehren noch eingeschärft, wie etwa das Dogma von der Erbsünde: Diese „Erbsünde“ wird im sexuellen Akt (der wesentlich schmutzig ist in diesem uralten Denken) übertragen: Und nur die Kirche kann durch ihre Taufe die Menschen von dieser ewig übertragenen Erbsünde befreien. Die Macht der Kirche über das Böse soll sich da zeigen, bis heute werden übrigens Teufelsaustreibungen praktiziert, selbstverständlich durch Priester…Das uralte mythische Denken hat im Katholizismus völlig überlebt, man denke an den Glauben, dass Maria höchstpersönlich erscheinen kann, in Lourdes, Fatima und anderswo. Man denke an die Zumutun, dass einzelne Fromme an ihren Händen die Wundmale Jesu, zeigen, wie Pater Pio oder Therese Neumann von Konnersreuth; allen Ernstes glaubt auch der angeblich progressive Papst Franziskus an den Ablass. Es ist ein Gott, mit dem man rechnen kann, über den die Kirche verfügt, was für eine Schande. An der Realität von Wundern wird festgehalten, so, als ob Gott persönlich mal die von ihm geschaffenen Naturgesetze unterbricht zugunsten einiger Erwählter und zu Ungunsten der meisten „normalen Gläubigen“.
Es ist der Glaube an eine „verzauberte Welt“, die dem Katholizismus noch Zuspruch bietet; ein Glaube, dass „Gott im Himmel“ diese katholische Kirche, so, wie sie de facto ist, will; dass also Gott im Himmel diesen Klerus so will. Nur wer das glaubt, hat Chancen, katholisch zu bleiben.
Wer jetzt noch von einer Reformation der katholischen Kirche heute träumt, sich sogar für Reformen einsetzt, hat für mich etwas „Masoschistisches“. Kann man ja aus einer gewissen Lust machen, ist aber wahrscheinlich Zeitverschwendung.

Was bleibt heute für religiöse Menschen zu tun? Die Religionskritik fortsetzen. Und eine individuelle Gestaltung der je persönlichen Beziehung zum Unendlichen weiter entwickeln. Das kann z. B. auch in den wenigen tatsächlich protestanisch-progressiven Kirchen geschehen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Sexueller Missbrauch durch Priester wird viel milder bestraft als die Missachtung der Kirchengesetze

Ein Hinweis von Christian Modehn anlässlich des „Sonder-Gipfels“ der Bischöfe im Vatikan vom 21.bis 24.Februar 2019
Siehe auch den Beitrag: Auf Bittschriften reagiert der Vatikan nicht. LINK

Was hat dieser folgende Bericht mit dem sexuellen Missbrauch durch Kleriker zun tun? Schärfer werden vom Vatikan Priester bestraft, die gegen die formalen Kirchengebote des Vatikans verstoßen, als solche, die gegen die Menschlichkeit verstoßen. Diese werden „nur“ laisiert; die anderen, die sich vom Vatikan absetzen und vom Papst, werden mit der schlimmsten Strafe bestraft, der Exkommunikation. Das sagt alles über das klerikale System.

Erzbischof und Kardinal Edgar McCarrick (emerit. Erzbischof von Washington DC) wurde nach einem Strafprozess im Vatikan jetzt in den Laienstand versetzt. Ihm werden und wurden schon vielfache „Verstöße gegen das 6. Gebot“ vorgeworfen…Die entsprechenden Einzelheiten wurden und werden in der Presse verbreitet.
Diese Bestrafung eines sehr hohen Klerikers soll ein Signal sein zum Auftakt der großen Beratungen über sexuellen Missbrauch durch Kleriker. Der Papst will förmlich „urbi et orbi“ zeigen, wie ernst er es meint im Umgang mit „Tätern“ in der Kirche. Diese Beratung der Leiter der Bischofkonferenzen aller Länder vom 21.bis 24. Februar 2019 im Vatikan soll Klarheit schaffen hinsichtlich des zahlreichen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker. Noch ist kein Ende abzusehen, in welchen Ländern von den Belästigungen und Untaten noch ausführlich berichtet wird, vielleicht endlich in Polen etwa oder Indien oder auf den Philippinen usw. Auch die Tatsache, dass dieser „bischöfliche Sonder-Gipfel“ im Vatikan weitgehend eher eine interne Sache der Kleriker bleibt unter weitgehendem Ausschluss der Öffentlichkeit, soll hier nicht weiter vertieft werden. Auch von den immensen Kosten dieser bloßen Debatten-Veranstaltung, alle Bischöfe reisen mit dem Flugzeug an, soll nicht weiter erläutert werden…

Hier geht es um eine entscheidende Nuance im katholischen Kirchenrecht, die zu verstehen alles andere als esoterisches Wissen ist.

1.Erzbischof McCarrick wird also als Kleriker in den Laienstand versetzt. Und dies gilt für den Papst und die Bischöfe als Strafe, also als Degradierung, als Verlust hervorragender klerikaler Auszeichnungen und Privilegien.
Diese Strafe ist Ausdruck des hierarchischen Denkens der katholischen Kirche: Kleriker sind „auserwählte“ Amtsträger in Leitungsfunktionen, eigentlich von Christus persönlich gerufen und ausgewählt.
Aber die Frage muss gestellt werden: Warum ist es schlimm, Laie zu werden? Warum gilt das als Strafe, Laie zu sein? Dies wird nur verständlich, wenn man das immer noch gültige Konzept der Hierarchie, die Überordnung des Klerus über den Laien, berücksichtigt. Die Strafe, als Ex-Kleriker nun Laie zu sein, bedeutet vor allem auch oft eine Verschlechterung der äußeren, materiellen Lebensumstände. Ein Laie muss meistens von seiner Hände Arbeit leben, also auch ein in den Laienstand versetzter Kleriker. Für den 88 Jährigen – jetzt Mister – McCarrick wird diese Form der „Handarbeit“ wohl jetzt nicht mehr in Frage kommen. Aber er bleibt eben in der Kirche und der kirchlich denkenden Gesellschaft ein „Gezeichneter“, einer, den man eher meidet.
Es ist also das immer noch vorhandene hierarchische Denken, das in dem Falle wieder deutlich wird, also das Zweiklassensystem, hier die auserwählten und privilegierten Kleriker, dort die minderen Laien. Diese innerkirchliche Klassenspaltung ist prinzipiell, nicht immer faktisch, in protestantischen Kirchen aufgehoben.

2.Genauso wichtig ist die Erkenntnis: Kleriker, die gegen Kirchengebote und Kirchengesetze verstoßen, werden vom Vatikan viel drakonischer bestraft: Sie werden exkommuniziert, also aus der Kirchengemeinschaft ausgeschlossen. Das ist für die Betreffenden viel heftiger, als in den Laienstand versetzt zu werden. Wer exkommuniziert ist, darf nicht mehr an den Sakramenten der römischen Kirche teilnehmen, falls er dies noch wünschen sollte.
Aber entscheidend ist: Exkommuniziert werden Kleriker, nicht etwa, wenn sie gegen die Menschenwürde von Kindern und Jugendlichen verstoßen haben. Also etwa sexuellen Missbrauch begangen haben. Die Attacken gegen das Humane sind eher zweitrangig. Da urteilt die Kirchenführung milder. Sehr viel verbrecherischer ist es in vatikanischer Sicht, wenn diese Kleriker etwa unerlaubt Bischöfe weihen, wie dies der traditionalistische, aber zu dem Zeitpunkt immer noch römisch-katholische Erzbischof Marcel Lefèbvre 1988 tat und sich die Freiheit nahm, 1988 vier von ihm ausgebildete Priester OHNE ERLAUBNIS des Papstes zu Bischöfen zu weihen. Diese Weihen sind ja nach dem Kirchenrecht gültig, wenn auch unerlaubt. Die Konsequenz in Rom war: Lefèbvre wurde exkommuniziert. An der obersten Autorität der Kirche zu rütteln ist ein viel schlimmeres Verbrechen, als Kinder sexuell zu missbrauchen, was das Strafmaß angeht.
Darum merke: Vergehen gegen die Kirchengebote werden bei Klerikern stärker bestraft als Vergehen gegen die Menschlichkeit.
Man denke auch daran, dass der katholische Theologe Gotthold Hasenhüttl vom Bischof von Trier exkommuniziert wurde, weil Hasenhüttl aus der Kirche als gesellschaftlicher Organisation (nicht als Glaubensgemeinschaft) ausgetreten war.
Kürzlich wurde noch ein Priester in Palermo (Alessandro Minutella) exkommuniziert, weil er im Rahmen seiner traditionalistischen Theologie Papst Franziskus heftigst kritisierte.
Schon in den vierziger und fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatten die französischen Arbeiterpriester unter heftigsten Schikanen zu leiden: Der Papst wollte nicht, dass Priester in den Fabriken als Arbeiter unter Arbeitern tätig sind, er drohte mit der Exkommunikation, wenn diese Tätigkeit nicht eingestellt wird. Warum? Weil die Arbeiterpriester die strikte Trennung von Klerus und Laie verwischten. Priester sollten etwas ganz Besonderes, Herausgehobenes, bleiben.

3.Heute erlebt die Welt, wie schon früher auch, dass so viele dieser „herausgehobenen“ Kleriker alles andere als herausgehobene Vorbilder der Heiligkeit sind.
Das Image des Klerus ist definitiv dahin. Da kann auch keine „Sondersynode“ wie jetzt in Rom Abhilfe schaffen.
Die einzige Abhilfe wäre, die bevorzugte und privilegierte Sonderstellung des Klerus abzuschaffen und nur noch gleichgestellte und gleich wertvolle Christen in der Kirche zu haben, mit unterschiedlichen Aufgaben zwar, aber eben ohne Hierarchie.

4.Aber um dahin zu kommen (äußerst unwahrscheinlich bei der Macht im Vatikan), muss die Bibel kritisch gelesen werden. Vor allem muss die Ideologie abgebaut werden, Jesus von Nazareth, ja selbst der liebe Gott, hätte den Klerikerstand gewollt. Auch der offizielle universelle Katechismus müsste umgeschrieben werden, wird doch da –entgegen aller theologisch-kritischen Forschung- in § 874 noch betont: “Christus selbst ist der Urheber des Amtes in der Kirche“ . Und alle Reformations – Hoffnungen werden zu Schanden, wenn man in § 765 lesen muss: “Der Herr Jesus gab seiner Gemeinschaft eine Struktur, die bis zur Vollendung des Reiches (sic) bleiben wird. An erster Stelle steht die Wahl der Zwölf (Apostel) mit Petrus als ihrem Haupt (sic), sie repräsentieren die zwölf Stämme Israels ….usw. usw. Der Katechismus geht noch weiter und versteigt sich dann zu der These, in § 760: „Die Kirche – schon seit dem Ursprung der Welt vorausgestaltet“ (Man könnte also denken: Adam der erste Priester und Eva, die erste verführerische Laiin) Und in § 761 f. heißt es sehr christlich – herrscherlich: „Die Kirche – im Alten Bund vorbereitet“, unter Kirche ist selbstverständlich immer die römische zu verstehen. Also gab es die ersten Katholiken schon (heimlich ?) unter den Juden im Volk Israel?
Aus dieser klerikalen (und im Blick auf die ganze Weltgeschichte und Israel durchaus imperialen!) Theologie gibt es kein Entkommen mit Reformen und Reförmchen. Da hilft vielleicht nur eine neue Reformation… Aber – siehe Luther –der Klerus klammert sich mit aller Gewalt gegen Reformationen…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Auf Bittschriften reagiert der Vatikan nicht. Eingaben der Gläubigen sind sinnlos!

Ein Hinweis von Christian Modehn. am 10.2.2019

Gibt es eine Petition, eine Eingabe, einen Aufruf, eine Unterschriftensammlung usw. von katholischen Laien, Priestern und Theologen, die auch nur den leisesten Schimmer von Erfolg hatten bei den höchsten amtlichen Leitern der katholischen Kirche, also dem Papst und seinem Bischofskollegium.

Wie viele Unterschriftensammlungen („Wir sind Kirche“), wie viele Bittbriefe, wie viele Reformvorschläge wurden von der „Basis“ der herrschenden Kleriker-Spitze übergeben: Alles war vergeblich. Und es musste vergeblich sein, und wird vergeblich sein. Das ist eine nüchterne Einsicht, der sich aber alle Unterschriftensammler und „Eingaben-Schreiber“ widersetzen. Sie wissen es, aber ignorieren die Erkenntnis: Die katholische Kirche in ihren gottgewollten, ewigen Strukturen und Gesetzen wird einzig von den bestimmenden herrschenden Klerikern definiert. Wenn diese nicht eine noch so geringe Veränderung wollen, passiert gar nichts! Da können millionenfach Bittschriften im Vatikan landen. Denn einzig Papst und Bischöfe verfügen über die Interpretation der Texte des Neuen Testaments, und behaupten dabei sehr machtbewusst, Jesus Christus persönlich habe dies so gewollt. Sie lesen also diese neu-testamentlichen Texte in der Form, als hätten letztlich nur sie, Papst und Bischöfe, von Christus den Auftrag erhalten, „in seinem Namen und in seiner Vollmacht zu lehren, zu heiligen und zu leiten“ (so der offizielle, weltweit für alle Katholiken geltende „Katechismus der katholischen Kirche“, 1993, § 873).

Noch einmal: „Der Klerus allein lehrt, heiligt“ (was immer das aktuell in den Skandalen um den sexuellen Missbrauch durch Priester bedeuten mag) „und leitet“. Wer diese angeblich gottgewollten Verhältnisse als Laie, als „Basis“ der Kirche, nicht akzeptiert, läuft gegen die viele Meter hohen Mauern, die den Vatikan von der Welt trennen.

Ist das für die Petitionsschreiber so schwer zu verstehen? Offenbar! Sie vergeuden ihre wertvolle Lebenszeit mit solchen Bittbriefen, Bettelbriefen: „Lieber Herr Kardinal, seien Sie doch mal treu dem Evangelium und nicht den Kirchengeboten, hören Sie uns doch bitte mal…“ Das ist der ewige Grundtenor der Bettelbriefe. Sie wirken irgendwie kindlich. Es sind die „Schäfchen, die ihre Hirten anbetteln“. Sie können bestenfalls das Gewissen von Päpsten und Bischöfen etwas ankratzen. Aber Reformen sind von Päpsten und Bischöfen nicht zu erwarten, geschweige denn eine wahrlich Reformation! Denn das würde ihre Macht reduzieren und sicher auch ihren finanzielle guten Status.

Selbst das so genannte Reformkonzil des 20. Jahrhundertes, also das 2. Vatikanische Konzil, hat an der Allmacht des Klerus nichts geändert. Diese ist eine Art feste und fixe DNA-Struktur des Katholizismus, sagte sehr treffend der Bischof von Hildesheim, Dr. theol. Heiner Wilmer.

Papst und Bischöfe sind, was die Kirchenstrukturen und die dogmatischen Lehren angeht, also allmächtig. Sie können de facto ungeniert machen, was sie wollen: Etwa Pfarr-Gemeinden gegen den Widerspruch der Gläubigen zusammenlegen, einzig deswegen, weil der Klerus fehlt. Auf den Gedanken, Laien, Nonnen oder verheirateten Priestern diese Gemeinden als Leiterinnen anzuvertrauen, wollen die Herren nicht kommen. Und wenn im Februar 2019 in Rom diese führenden Herren Bischöfe über sexuellen Missbrauch ihrer lieben, so oft vor den Gerichten geschützten Mitbrüder debattieren, bleiben diese Herren weitgehend unter sich, ohne die ständige Anwesenheit und Mitsprache der Vertreter von Organisationen der Opfer. Selbst die Beschlüsse von Synoden der katholischen „Landes“-Kirchen, etwa einst in Holland oder der Bundesrepublik usw. haben überhaupt keine Bedeutung, sie sind für die Herren der Kirche bestenfalls interessante Hinweise. Diese Synoden waren und sind immer wieder im Blick der römischen Prälaten nette Beschäftigungstherapien und Papierfluterzeugungen…

Freundlicherweise hat der genannte offizielle Katechismus in § 907 aber dann doch (klein gedruckt ) nicht auf den Hinweis einer gewissen Mitwirkung der Laien verzichten wollen. Denn in diesem Paragraphen wird den Laien das „Recht und bisweilen die Pflicht“ zugestanden, ihre Meinung zu dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen“. Über die tatsächliche Bedeutung oder gar Wirkung dieser Mitteilungen (manche Laien sind ja froh, wenn ihre Bittschriften überhaupt gelesen werden, wie etwa die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester) bei den „geistlichen Hirten“ wird im Katechismus gar nichts gesagt. Hingegen werden dort, im § 907, die mitteilenden Laien ermahnt, bei diesen ihren Schreiben auf die „Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht (sic) gegenüber den Hirten“ zu achten! Also bitte nett und höflich bleiben und immer brav-gehorsam…

Außerdem sollen die mitteilenden Laien den „allgemeinen Nutzen“ ihrer Schreiben beachten und die Würde der Personen achten“… Was soll dieser § mit allen seinen Einschränkungen? „Haltet den Mund ihr Laien, eure Schreiben sind so wieso irrelevant für uns Herren der Kirche“. Das ist belegbare historische Erfahrung seit Jahrhunderten. Und auch der jetzige Text der wenigen Petitionsschreiber um Pater Mertes (von Anfang Februar 2019) hat doch eher noch den milden Bittsteller Ton. So reden Verängstigte und Gehorsame gegenüber ihren hohen Autoritäten. Warum schreiben sie nicht: Wir werden uns gewaltfrei, aber wirksam Einlass suchen bei euren Bischofsdebatten zum sexuellen Missbrauch. Wir werden die Eingangstüren des Versammlungsraumes blockieren, so wie einst Wiener Katholiken dem reaktionären Weihbischof und Ratzinger Intimus Kurt Krenn den Zugang in den Wiener Stephansdom versperrten“. So sieht geistlicher Widerstand aus, er hat mit den ewigen netten Petitionen nichts zu tun.

Aber: Warum werden dennoch Petitionen etc. von Laien, von Priestern und Theologen der „Basis“ nach Rom oder an Leiter von Bischofskonferenzen permanent geschrieben: Weil diese armen Laien und Priester der Basis offenbar keine andere Möglichkeit sehen, überhaupt noch ihre Wut irgendwohin zu kanalisieren. Austreten wollen sie nicht, können sie nicht, dazu sind sie zu gehemmt, zu gehorsam. Das Hauptproblem ist ein Glaubensproblem: Tatsächlich wird der Glaube bei Katholiken immer auf den Glauben an diese vorgegebene Kirchenordnung umgelenkt. ABER: Die Kirche ist ein weltlich Ding, das wagt kaum ein Katholik zu denken, geschweige denn danach zu leben. Gerade den Priestern wurde es eingeimpft, dass diese Kirche des allen herrschenden Klerus der liebe Gott so will! Was für eine Gotteslästerung. Oder ist man immer noch so naiv und hofft auf bessere Zeiten, „bei diesem Papst Franziskus“, sagt man dann mit schwärmerischem Blick in ferne Zukunft.

Auf andere Gedanken kommen diese zornig – hilflosen Katholiken der Basis nicht: Ist diese Frage wirklich so abwegig: Man könnte ja durch eine Konversion von sehr vielen Tausend Katholiken in die Lutherische Kirche oder die Reformierte oder progressive liberale und freisinnige (natürlich nicht die evangelikalen oder pfingstlerischen Gemeinschaften) protestantische Kirchen spirituell bereichern! Oder die ewig unzufriedenenKatholiken könnten unabhängige progressive christliche Gemeinden gründen, siehe etwa die Gemeinde Dominikus oder Studentenecclesia (Huub Oosterhuis) in Amsterdam

Dann würde dieses katholische Syndrom aufhören, dass der Glaube sich letztlich erschöpft in einem Sichärgern über die Kircheninstitution.

Christentum gibt es ohnehin nur in Pluralität! Und diese katholische Kirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern kann ohnehin nicht länger auf allen Kontinenten das gleiche Gesicht, die gleiche Liturgie, die gleichen Ämter haben. Warum soll man nicht eine katholische Kirche Afrikas, eine katholische Kirche Lateinamerikas mit eigenen Ordnungen etc. haben. Der alte römische Zentralismus passte vielleicht noch ins 19. Jahrhundert. Er ist heute in der Praxis eine Katastrophe. Das würde selbstverständlich zu einem Ende der jetzigen Form des Papsttums führen, es gäbe dann mehrere „Ober-BischöfInnen“ auf allen Kontinenten, die synodal – demokratisch diese plurale katholische Kirche leiten. Erst dann hätte diese Kirche angesichts der kulturellen Vielfalt den Namen „katholisch“ verdient…Aber das ist absoluteste Zukunftsmusik, ein ferner Traum, denn eher werden die klerikalen Greise in Rom an allem Bestehenden festhalten und dies mit ihrer dogmatischen Gewalt verteidigen.

Und das wäre am wichtigsten: Nicht nur die Amtsstrukturen müssen dringend Richtung Demokratie, Synode etc. verändert werden. Vor allem muss die dogmatische Lehre seit Jahrhunderten mit den ewig selben Formeln und Floskeln entrümpelt werden. So viele dogmatische Sprüche versteht kein Mensch mehr. Gott sei Dank! Ein einfacher, jesuanischer Glaube in Offenheit für andere Religionen und Spiritualitäten, in politischer Verantwortung für diese zerrissene Welt wäre dann lebendig. Also: Entrümpelt auch die Dogmen, schreibt einen Katechismus, der nicht wie der jetzige 816 Seiten umfasst, sondern nur 8 bis 10 Seiten. Der ganze christliche Glaube ließe sich auf den wenigen Seiten als VORSCHLAG und EINLADUNG formulieren. Die katholischen Theologen sollten es doch mal probieren. Oder haben sie als gehorsame Schäfchen auch noch Angst, dass ihnen die vatikanische Lehrerlaubnis entzogen wird. Aber das wäre in der Tat eine Befreiung für eine freie katholische Theologie-Wissenschaft. Weiterarbeiten ohne vatikanische Kontrolle, welch ein Gewinn für die Theologie, die freie Wissenschaft sein will.

Zusammenfassend: Nicht ein paar freundlich gewährte Reformen sind nötig, sondern eine neue Reformation der römischen Kirche ist geboten! Und: Jeder religiöse und fragende und zweifelnde Mensch sollte wissen: Um die je eigene Beziehung zu Gott, zum Göttlichen, zu leben, braucht man nicht autoritäre Kirchen. Die je eigene Mystik wird die Antwort der Zukunft sein, für Menschen, die, trotz der Kirchenmisere, ihren je eigenen Glauben pflegen und in kleinen Kreisen besprechen und feiern.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Katastrophen abwenden: Zur Aktualität des russischen Philosophen Nikolaj Berdjajew

Ein Hinweis von Christian Modehn
In diesen Monaten wird der Revolutionen gedacht, der russischen, sowie jetzt der Revolution in Deutschland 1918/1919.
1.An einen aus Russland stammenden Philosophen sollte man sich in dem Zusammenhang erinnern, an Nikolaj Berdjajew. Er lebte nach seiner Vertreibung durch die Kommunisten 1922 etwa zwei Jahre in Berlin, danach bis zu seinem Tod am 23. März 1948 in Frankreich, vor allem in Paris.
2.Russische Philosophen in der Mitte des 20. Jahrhunderts – das ist ein Thema, das in Deutschland wenig beachtet wird. Alles Interesse galt (und gilt ?) dem Marxismus, dem Leninismus, Stalinismus in diesen Jahrzehnten. Dabei werden die auch dem Zarenregime oppositionellen Philosophen eher vergessen.
3.Dabei ist eine Gestalt wie Nikolaj Berdjajew herausragend, zweifellos ein „Russe im westlichen Exil“. Aber er ist keineswegs wie so andere „Russen im westlichen Exil“ ein Reaktionär, er ist kein Philosoph, der den radikalen sozialen und politischen Wandel überflüssig und falsch findet.
4.Man sollte sich an Berdjajew erinnern, weil er einen anderen Stil von Philosophie pflegte: Der die Philosophie in kleineren „Kreisen“, in „Zirkeln“, lebendig werden ließ, also in Orten, die sich außerhalb des (staatlich reglementierten) Universitätsbetriebes befanden. Zu diesen eher privaten „Kreisen“, schon seit etwa 1840 eine Realität, gehörten auch Dichter und Schriftsteller, im 19. Jahrhundert etwa auch Dostojewski. Dichtung, Poesie, und Philosophie waren eng verbunden! Wilhelm Goerdt nennt diese „Kreise“ in seiner großen empfehlenswerten Studie „Russische Philosophie“ (Freiburg/München 2002, S. 63) „Laboratorien des Geistes“. „Hier pulsiert das philosophische Leben“.
Diese „Kreise“ existierten in Russland zum Teil, immer bedroht, sogar nach dem Sieg der Bolschewisten bis 1922. Berdjajew gründete eine „Freie Geisteskultur“ im Jahr 1918 in Moskau, Treffpunkte waren zu der Zeit manchmal sogar noch offizielle (staatliche) Bildungsstätten, “weil in diesen Jahren der Totalitarismus des Sowjetstaates noch nicht endgültig vom ganzen Leben Besitz ergriffen hatte“ (schreibt Wilhelm Goerdt, S. 78).
Nach der Niederwerfung des Ungarnaufstandes 1956 gab es in Leningrad sogar einen „Kreis“, der sich auf den inzwischen in Paris verstorbenen Berdjajew berief und sein Werk studieren wollte! Mit viel Mühe gelang es einigen Mutigen, die von den Kommunisten unter strengem Verschluss gehaltenen Werke Berdjajews zu erreichen und einiges mit der Hand abzuschreiben (vgl. Goerdt, S. 91). Dieser freie philosophische Lesekreis wurde „selbstverständlich“ vom KGB aufgelöst und verboten. Unter Stalin wurde selbst ein minimaler Pluralismus innerhalb der parteilichen Sowjetphilosophie verboten.
5.Es ist also diese bis 1922 gültige „Doppelstruktur“ russischer Philosophie, ihre Präsenz in „Kreisen“ UND an Universitäten, die wichtig und „typisch“ ist. In wieweit die philosophischen Salons (Diderot usw.) im Vorfeld der Französischen Revolution als Vorbild dienten, wäre zu untersuchen.
6.Nikolaj Berdjajew – aus „aristokratischem“ Hause stammend, geboren am 6.3.1874 in Kiew, Russisches Kaiserreich – bekannte sich schon in den 1890 Jahren zum Marxismus, er wurde deswegen vom alten Regime deswegen verhaftet und verbannt. Als sich radikale Kräfte in der revolutionären Bewegung, die Bolschewiki, mit Gewalt durchsetzen, geht er auf Distanz zum parteipolitisch organisierten Marxismus. Nikolaj Berdjajew wird 1922 von Kommunisten des Landes verwiesen. Die Revolution hält er nach wie vor für notwendig. Auch unter den russischen Emigranten hält er daran fest.
In Berlin und dann in Paris gründet er wieder philosophische Gesprächskreise, „Kreise“, philosophische „Salons“. In Berlin ist dies die „russische religionsphilosophische bzw. religiös –philosophische Akademie“. In Paris lädt er in seiner Wohnung zu einem philosophischen Gesprächskreis ein.
7.Zum philosophischen Denken Berdjajews nur einige Hinweise: Er stellt den Gedanken der Krise und der sich aus Krisen entwickelnden Katastrophen in den Mittelpunkt. Das Ende der Welt der Menschen ist möglich, aber auch abzuwenden: Inmitten der Krise, so Berdjajew, können schöpferische, positive Kräfte wach werden.
Freiheit und Nonkonformismus bestimmen sein geschichtsphilosophisches Denken. Östliches (russisches) und westliches Denken sollten sich angesichts der Krise versöhnen und vereinen: Eine geistige Grundlage für ein versöhntes Europa sieht er in einer neuen, universalen, ökumenischen Kirche. Deswegen sein Interesse am Austausch mit katholischen und protestantischen Theologen und Philosophen.
8.Die kritische Auseinandersetzung mit dem Sowjet-Kommunismus bleibt Berdjajews Thema: Nicht das Kollektiv, sondern der freie Mensch, die Persönlichkeit, muss gefördert werden, betont er. Nur eine freie Persönlichkeit kann die Gesellschaft menschlich gestalten. Persönlichkeit, so schreibt er, ist der Sieg des Geistes über die Natur, der Freiheit über die Notwendigkeit. Knechtschaft darf es niemals geben, auch nicht in der Beziehung zu Gott. Das ist Berdjajews spekulative Leistung: „Freiheit gründet im Urgrund“, „uranfänglich“, eine Vorstellung, die an Jacob Böhme erinnert.
Die wahre klassenlose Gesellschaft achtet jeden Menschen als Persönlichkeit, sie hat Respekt vor der Gewissensentscheidung eines jeden. Der in der Sowjetunion etablierte Kommunismus ist für Berdjajew eine (falsche) „politische Religion“, also der Glaube an die Machbarkeit einer vollkommen gerechten Gesellschaft in der Zukunft. Dieser Glaube ersetzt förmlich den alten russisch-orthodoxen Glauben. Berdjajew sieht in der Begeisterung vieler Russen für den Kommunismus eine Aktualisierung des alten Glaubens an eine messianische Sendung des orthodoxen Russlands (Moskau als 3. Rom).
9.Mit dem sozialistischen Theologen und Slavisten Fritz Lieb aus der Schweiz verbindet Berdjajew eine intensive Freundschaft, Lieb besucht Berdjajew 1933 nach Clamart, bei Paris. Sie geben unter vielen Schwierigkeiten eine neue Folge der Zeitschrift „Orient und Occident“ heraus. Beide interessieren sich für die geistige Verbindung von biblischer Weisheit und den Lehren von Karl Marx.
10.In seinem wichtigsten Buch gegen Ende seines Lebens: „Selbsterkenntnis. Versuch einer philosophischen Autobiographie“, Paris 1949) schildert Berdjajew seine menschliche, seine philosophische Entwicklung. Leider ist auch dieses Buch in deutscher Sprache schwer erreichbar!
Philosophie war für ihn stets mit den eigenen Lebens-Erfahrungen verbunden, nie bloß akademische Lehre von Philosophen für Berufsphilosophen. Autobiographie ist “ein Akt existentieller philosophischer Selbsterkenntnis“.
Berdjajew – ein Denker, der stets Außenseiter sein wollte, der niemals einen Konformismus unterstützte, der deswegen auch seine Konflikte mit der orthodoxen Kirchenleitung hatte: So war für ihn (gar nicht der orthodoxen Lehre gemäß !) göttliche Gnade bzw. göttliche Erlösung keine einseitige Tat Gottes, sondern immer auch aktive Tat, freie Entscheidung, des Menschen. Eine weiter zu bedenkende moderne Theologie!
11.Als Motto für Berdjajew könnte seine Aussage gelten:
„Den allergrößten Wert lege ich auf Unabhängigkeit und auf meine Freiheit als Denker. Und so passe ich in kein Lager hinein“ (zit. in Goerdt, S. 79)

Und vor allem: Er glaubte daran, „dass sich der freie Gedanke unterirdisch in Russland (während des Stalinismus) verbreitet und dass er lebendig bleibt“ (ebd.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ordentliche Orden? Neue sehr konservative Ordensgemeinschaften im Katholizismus

Ordentliche Orden? Es gibt immer mehr Ordensgemeinschaften, die kritische Theologie ablehnen.

Hinweise von Christian Modehn, zuerst veröffentlicht am 27.3. 2015. Im Jahr 2019 weiter aktualisiert, weil die reaktionären Ordensgemeinschaften weiterhin blühen und Anlass bieten für religionskritische Hinweise…

Ergänzung am 24.1.2019: Das neue Buch von Doris Wagner, „Spiritueller Missbrauch“ (Herder Verlag 2019) lenkt das allgemeine Interesse wieder einmal auf die Welt der katholischen Ordensgemeinschaften und so genannten „geistlichen Gemeinschafen“ innerhalb der römischen Kirche.

Ergänzung am 26.4.2019: Viel mehr kritische Beachtung in Deutschland verdient die aus Peru stammende neue geistliche (Ordens-und Laien-) Gemeinschaft Sodalicium Vitae Christianae, in Lateinamerika nur sodalicio genannt, dort stark verbereitet, sehr reaktionäre Theologie, Insidern in Peru haben die Korruption, den sexuellen Mißbrauch usw. nachgewiesen. Selbst Bischöfe in Peru fordern eine vom Vatikan ausgehende Auflösung dieser Vereinigung. Vor allem Bischof Eguren von Piura, Peru, sodalicio Mitglied, ist sehr umstritten. Siehe den LINK.

In dem Zusammenhang ist es wichtig wahrzunehmen, wie viele sehr konservative Orden und geistliche Gemeinschaften in den letzten Jahrzehnten tatsächlich entstanden sind. Von einem „Aussterben der Orden“ kann also nur differenziert berichtet werden: Viele Orden sterben in Westeuropa aus, neue werden gegründet mit einem theologischen Background, den man schlicht reaktionär nennen muss. Die Kirchenführung stört das weiter nicht: Sie ist froh, dass wieder Menschen zölibatär leben wollen und als Männer dann auch die klerikale Priesterkirche weiter stützen. Ich habe auf dieser website ausführlich über die Legionäre Christi berichtet, die Neokatechumenalen, dem Engelwerk mit seinem „Kreuzorden“, dem Instititut des Inkarnierten Wortes usw… andere haben das Opus Dei dokumentiert. Man vergesse nicht, dass Kardinal Joseph Ratzinger als Chef der Glaubenskongregation eng mit den Schwestern der Gemeinschaft DAS WERK verbandelt war, die Damen führten ihm den Haushalt… Diese Dokumentation biete ich an, um der immer notwendigen Religionskritik heute ein greifbares Format zu geben. Damit ist freilich nicht gesagt, dass sich reaktionäres Denken nur in den „neu gegründeten Orden“ etc. finden lässt. In den mit Rom versöhnten Klöstern der Traditionalisten wird die sehr konservative Theologie gepflegt, wie in Le Barroux, bei Avignon,  oder in den nach Benedikt XVI. benannten theologischen Hochschule der Zisterzienser in Heiligenkreuz im Wiener Wald…Zur ausführlichen Dokumentation des „rechtslastigen Benedikt XVI.“ klicken Sie„Sodalitium christianae vitae“, also mit dem neutral klingenden Titel „Vereinigung des christlichen Lebens“. Ihr Gründer ist der Peruaner Luis Fernando Figari, in kirchenrechtlicher Sicht ein Laie, der jetzt wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt wird. Gegründet wurde diese Gemeinschaft 1971 von Mitgliedern der peruanischen Mittel – und Oberschicht mit dem erklärten Ziel, die Theologie der Befreiung und alle linken „Basisgemeinden“ zu bekämpfen, vor allem aber, um die Inkulturation des christlichen Glaubens unter den Indigenas im Süden Perus zu bekämpfen. Es ist bezeichnend, dass diese „Soladicio“, wie man auf Spanisch sagt, von dem nicht gerade linkslastigen polnischen Papst Johannes Paul II. offiziell anerkannt wurde! Er fand bekanntermaßen alle Katholiken toll und heiligmäßig, die theologisch–reaktionär und ebenso politisch absolut anti-links waren. Dafür gibt es tausend Belege…Aber er ist ein „heiliger Papst“…
Aber schon 2016, nach dem Tod des polnischen Papstes, wurde dieser konservative „Club“ von vatikanischen Sonderbeauftragten untersucht. Einzelne intensive Recherchen zu den Soladicio – Leuten haben Parellelen zu sektenähnlichen, stramm autoritären Gruppen gesehen, etwa zu „colonia Dignidad“ in Chile.
Der des sexuellen Missbrauchs beschuldigte Herr Figari versteckt sich wohl zur Zeit in Rom. „Peruanische Abgeordnete und mit dem Fall befasste Journalisten fordern die peruanische Regierung auf, darauf zu bestehen, dass der Vatikan die Rückkehr von Figari nach Peru anordnet, damit er der peruanischen Justiz und einer Untersuchungskommission des Parlaments Rede und Antwort stehen müsse. Ein Aspekt dabei sei auch die Untersuchung wirtschaftlicher Machenschaften; das Vermögen von Sodalicio wird auf ca. 800 Millionen US-Dollar geschätzt“, so der empfehlenswerte Bericht von Heinz Schulze, den die Infostelle Peru in Freiburg im Breisgau herausgegegen hat: : http://www.infostelle-peru.de/web/die-unheiligen-machenschaften-des-sodalicio-in-peru/
……..

Sie prägen das Gesicht der katholischen Kirche, die 1 Million Ordensfrauen und Ordenmänner. (a). Unter 1,2 Milliarden Katholiken bilden sie eine Minderheit. Aber sie sind Avantgarde, wenn es etwa um Menschenrechte oder theologische Forschung geht. Heute haben die Orden vor allem in Europa und Nordamerika Mühe, ihre radikale „Ganzhingabe an Jesus Christus“, wie sie sagen, verständlich zu machen. Manch eine Nonne fragt, gar nicht so witzig, wer denn als Letzte im Kloster das Licht ausmacht. 2013 bereiteten sich in Deutschland insgesamt 62 Novizinnen auf ihren Dienst in einem „aktiven Frauenorden“ vor. 60 Jahre zuvor gab es noch 3.500 Novizinnen (1). Das Durchschnittsalter der Jesuiten in den deutschsprachigen Ordens-Provinzen beträgt 65 Jahre (2) Die meisten anderen Gemeinschaften haben einen noch höheren Altersdurchschnitt. Einige Orden, wie die Unbeschuhten Karmeliter, können in Deutschland nur durch den Zuzug von Mönchen aus Indien bestehen. Die Augustiner haben in den letzten 20 Jahren 11 Klöster in Deutschland aufgegeben … und einen Konvent neu gegründet (3). Der Theologe Ulrich Engel OP fasst die Stimmung zusammen: „Die Lage scheint hoffnungslos und die Zeit der Orden hierzulande vorbei. So zumindest macht der statistische Überblick glauben“ (4)

Papst Franziskus hat 2015 zum „Jahr der Orden“ erklärt. In Deutschland werden die üblichen Veranstaltungen organisiert: Tage der Offenen Tür, Wochenenden der Besinnung, spirituelle Kurse usw. (5) Ein öffentlicher Kongress rund um das Ordensleben hätte im Mai in Berlin eine kritische Bestandsaufnahme leisten können. Die Tagung wurde unvermittelt abgesagt, aus „organisatorischen Gründen“ sagen die Oberen. Aber sie „haben Angst vor der eigenen Courage bekommen“, meint der Dominikaner Pater Ulrich Engel (6). Denn bei dem Kongress wäre mehr Transparenz, mehr Aufklärung, eingefordert worden. Große Orden, wie die Jesuiten, Franziskaner oder Steyler Missionare, können insgesamt nur noch ihr zahlenmäßig hohes Niveau halten, weil viele hundert Inder, Philippinos oder Indonesier in diese Gemeinschaften eintreten. Drängend ist die Frage, welche Bedeutung das Armutsgelübde in einer Umgebung hat, in der Millionen Einwohner bettelarm sind. Wird das Armutsgelübde in den Ländern des Elends zur Farce? Ist das Ordensleben – wie in Europa im 19. Jahrhundert – ein Sprung in die „Mittelklasse? Durchaus, meint heute der Benediktiner Pater Ghislain Lafont aus Frankreich „Unser Leben als Mönch ist doch sehr auf dem Niveau der Mittelklasse, von einer wirklich armen Kirche sind wir weit entfernt“.(c)

Viele traditionell fromme Katholiken lehnen die „bürgerlichen Orden“ ab und wenden sich neu gegründeten Reformorden zu. Dieses Thema ist für die anderen peinlich, es wird theologisch nicht bearbeitet. Da gibt es die „Franciscan Friars of the renewal“: Sie spalteten sich 1987 vom Kapuzinerorden ab und sind mit 120 Mitgliedern bereits weltweit tätig. Sie vertreten eine sehr konservative Theologie und legen allen Wert darauf, stets das Ordensgewand zu tragen. (d). Von den Minoriten hat sich 1970 der Orden der „Franziskaner-Immakulaten“ abgespalten, heute mit über 300 Mitgliedern. Päpstlich anerkannt, sind diese Franziskaner stark ins traditionalistische Milieu abgedriftet. Diese Mentalität findet sich bei vielen anderen neuen, stark wachsenden Orden, wie dem „Institut vom inkarnierten Wort“ (400 Priester weltweit) oder dem „Institut Christus König und Hoher Priester“, 1990 gegründet, heute 150 Mitgliedern. Die Titel dieser und vieler anderer so genannter neuer Reformorden drücken eine Spiritualität aus, die aus dem 19. Jahrhundert stammt.. Mit diesen Gemeinschaften wächst ein extrem konservativer Klerus heran, der nur darauf wartet, den progressiven Konzils-Klerus zu ersetzen. Diese Gemeinschaften verändern das Gesicht des Katholizismus. Richtung Fundamentalismus eigener Art?

Verdrängt wird insgesamt die Frage: Können die drei klassischen Ordensgelübde überhaupt heute noch gelebt werden, sind sie eine seelische Überforderung?

Über das Gelübde der Keuschheit wird seit vor 5 Jahren diskutiert, seit zahlreiche Missbrauchsfälle in Ordensschulen und Internaten offen gelegt wurden. Das römische Verbot, offen homosexuelle Männer in die Orden aufzunehmen, besteht immer noch. Einzelne Orden gehen –aus Angst stillschweigend – einen anderen Weg. Und noch nie wurde offen besprochen, ob lesbische Frauen in den Klöstern ausdrücklich willkommen sind.

Relativ harmlos erscheint heute das Ordensgelübde des Gehorsams. Bei dem Mangel an Personal kann sich heute jedes Ordensmitglied die Arbeit aussuchen, die ihm gefällt und zu ihm passt. Fordert ein Ordensoberer ein Mitglied auf, eine bestimmte Arbeit zu übernehmen, „dann ist der einzelne so frei, sich ganz oder teilweise oder auch gar nicht darauf einzulassen“, schreibt Pater Thomas Eggensperger OP (7). Aus dem Gehorsamsgelübde wird also eine Art „freie Wahl“.

Wirklich brisant wird es beim Ordensgelübde der Armut. Da bieten die Orden keine Transparenz, sie sind nicht bereit, präzise Auskunft zu geben zum Vermögen einer Ordensprovinz oder eines selbständigen Klosters. Arnulf Salmen von der Zentrale der Deutschen Ordensoberen (Bonn) begründet diese Haltung: „Ordensgemeinschaften erhalten keine eigenen Kirchensteuermittel und müssen für ihren Lebensunterhalt, ihre Altersversorgung sowie für die Finanzierung ihrer sozialen und pastoralen Projekte Sorge tragen. Der Deutschen Ordensobernkonferenz liegen keine Erkenntnisse über die Etats ihrer Mitglieder vor“. (13)

Tatsache aber ist: Die Orden profitieren von der Kirchensteuer: „Etwa 70 Prozent der Ordenspriester sind mit so genannten Gestellungsverträgen in den Diensten der Diözesen tätig“, berichtet Pater Ulrich Engel. (8) Das heißt: Ordensprovinzen sind Nutznießer der von Laien bezahlten Kirchensteuern! Hinzukommt: Die Ordensprovinzen sind „Körperschaften des öffentlichen Rechts“, genießen also einige Steuervorteile. Warum ist dann Aufklärung unerwünscht? Sind Orden also doch eine „Familie“, wie sie gern sagen, die sich abschottet? Wer etwa bei der deutschen Jesuitenprovinz nachfragt, erhält die Auskunft: „Die Jesuiten wissen selbst nicht genau, wie viel Vermögen der ganze Orden in Deutschland hat“ (e). Da stellt sich die Frage: Weil die Orden nun einmal offiziell als arm gelten wollen, haben sie Angst, ihre reale Armut bzw. ihren realen Reichtum zu dokumentieren. Dabei hatte der oberste Leiter des vatikanischen „Ordensministeriums“ Kardinal Joao de Aviz, 2014 gefordert: „Das Zeugnis des Evangeliums verlangt eine absolut transparente Verwaltung der Werke…“ (9).

Einen Hauch von Transparenz bieten einige der großen Klöster in Österreich. Die Prämonstratenser in Schlägl beziffern ihren Waldbesitz mit 6.500 Hektar (also 65 Quadratkilometer). Einnahmen bietet ihnen auch die Brauerei, ein Hotel, und die Produktion von Ökostrom in Wasserkraftwerken usw.(9b) Das Augustiner-Chorherren-Stift Klosterneuburg nennt selbst als Eigentum 8000 Hektar Wald! Es hat 108 Hektar Weinanbau, 700 Wohnungen und 4.000 Pachtverträge für Immobilien. Natürlich kostet der Erhalt des prachtvollen Kloster-Palastes viel Geld, allerdings hilft bei Renovationen kräftig der österreichische Staat. Das sehr wohlhabende Klosterneuburg hat 2013 15.000 Euro für Hochwasseropfer gespendet, auch der Armen in Rumänien wird mit Spenden gedacht (9a).

Wie kann ein einzelnes Ordensmitglied arm sein in finanziell gut ausgestatteten Klöstern und Ordensprovinzen? Wenn der Orden reich ist, warum kann sich ein armer Ordensmann nicht sein Privatauto leisten oder eine eigene Kreditkarte? Jeder Mönch und jede Nonne lebt in einem finanziell absolut sicheren Netz. „Wir geloben die Armut“, sagt mir ein Ordensmann, „aber die Armut leben die anderen, etwa die allein erziehenden Mütter“.

Aber manchmal können die Ordensleitungen nicht mehr verheimlichen, über welches Vermögen sie verfügten. So musste der Generalobere der Franziskaner, P. Anthony Perry, Ende 2014 zugeben (10): Die Ordenszentrale der Franziskaner in Rom sei pleite, weil sich ihr Ökonom, P. Giancarlo Lati, mit vielen Millionen Euro, verspekuliert hat: Er hat in das luxuriöse Hotelprojekt „Il Cantico“ in Rom fehl investiert und in der Schweiz dubiose Anlagen, zum Teil im Rüstungsbereich, gemacht. Aus gesundheitlichen Gründen, so wörtlich, wurde der Mitbruder entlassen. Nicht erwähnt wurde von dem obersten Chef der „Minderbrüder“, aus welchen Quellen den Bettelmönchen diese (nicht genau bezifferten) Millionen überhaupt zur Verfügung stehen.

Seine guten Geschäftsbeziehungen zu dubiosen Managern, wie die italienische Presse vorsichtig sagt, wollte sich der Generalobere des Kamillianerordens, Pater Renato Salvatore, nicht nehmen lassen. Um sein Neubauprojekt bei Neapel mit dem Geschäftspartner Paolo Oliveiro durchzuziehen, ließ er einfach zwei kritische Mitbrüder im Orden verhaften, von falschen Polizisten. So hoffte er ohne deren Stimme noch einmal zum Ordensgeneral wiedergewählt zu werden. Pater Salvatore war gern gesehener Teilnehmer auf Synoden und vatikanischen Tagungen. Diese Schmierenkomödie ums Geld eines „armen Ordens“ endete zunächst mit der Verhaftung des Ordenschefs. Auch die „Ordensgemeinschaft der Armen-Brüder des heiligen Franziskus“ in Düsseldorf hat 7, 2 Millionen – Spenden durch Spekulation verloren (12) Und der ohnehin steinreiche Orden der Legionäre Christi hat Teile seines Vermögens in der Finanzoase Panama bei einer fingierten Briefkastenfirma plaziert, wurde auf einem Kongress lateinamerikanischer Journalisten von berichtet. (14)

Selbst wenn diese Beispiele zur gelebten Ordensarmut die Ausnahmen sein sollten: Die Orden können ihr Ansehen nur wiedererlangen, wenn sie Transparenz zu einer ihrer höchsten Tugenden machen. Vielleicht wäre ein viertes Gelübde, das der Transparenz, angebracht?

Fußnoten.

(a) http://www.k-l-j.de/katholische_kirche_zahlen.htm

 

  1. In HK 2015, Seite 66.

2 (https://www.jesuiten.org/wir-jesuiten/der-orden/zahlen.html;)

3 eigene Recherche: Es handelt sich um die Augustinerklöster:

Messelhausen, Walldürn, Weiden, Regensburg, München Maria v. g. Rat in München; Neu Ulm, Bielefeld, Würzburg Pfarrgemeinde, Dülmen, Zwiesel, Stuttgart,

neu gegründet: Erfurt.

4. HK 2015, 66).

www.orden.de

c: http://www.la-croix.com/Religion/Actualite/P.-Ghislain-Lafont-et-F.-Jacques-Benoit-Rauscher-L-un-des-maitres-mots-de-la-vie-religieuse-c-est-l-humanite-2015-02-02-1275830,   2.2.2015

d: http://franciscanfriars.com/

6 HK S 68

7 Pater Eggensperger OP in: Kontakt, Miteilungen der Dominikaner, 2013, Seite 59.

8 HK s 66.

( e) Mitgeteilt an Modehn vom Pressesprecher der Jesuiten Thomas Busch.

9.

Zu Transparenz: Quelle http://www.dbk-shop.de/media/files_public/mntyhcpvoyq/DBK_2198.pdf

9a Klosterneuburg:

Spenden des Klosterneuburg:

http://www.stift-klosterneuburg.at/suche/

9b

Schlägl: Der Waldbesitz beträgt derzeit ca. 6500 ha. Damit liegt das Stift auf dem 6. Rang der Stifte Österreichs.

In: http://www.stift-schlaegl.at/prodon.asp?peco=&Seite=373&UID=&Lg=1&Cy=1

10-

http://www.ilfattoquotidiano.it/2014/12/19/crac-ordine-francescani-investimenti-in-societa-legate-traffici-droga-armi/1288136/

 

Quelle: http://www.panorama.it/news/urbi-et-orbi/francescani-sullorlo-bancarotta/

 

11.

Zu kamillianer [Esplora il significato del termine: confratelli, padre Rosario Messina e padre Puca] confratelli, padre Rosario Messina e padre Puca http://www.corriere.it/cronache/14_gennaio_07/parlamentari-boss-prelati-nell-archivio-segreto-fiscalista-a567a07e-7763-11e3-823d-1c8d3dcfa3d8.shtml

Mit Mafia:

In realtà – come accerta il Ros – si tratta di Paolo Oliverio. Un tipo che di mestiere fa il commercialista, traffica con l’ordine dei Camilliani, e che ha come clienti, tra gli altri, uomini della P3 e che verrà arrestato dalla Finanza nel gennaio scorso. Mettendogli le manette, il Gico scoprirà che

Quelle: http://www.repubblica.it/cronaca/2014/12/08/news/mafia_capitale_diotallevi-102386631/ 8.Dez. 2014.

 

http://www.giornalettismo.com/archives/1204773/padre-renato-salvatore-il-superiore-dei-camilliani-arrestato/

 

Arme Brüder:

 

http://www.welt.de/regionales/duesseldorf/article124742300/Arme-Brueder-verlieren-wohl-7-2-Millionen-Euro.html

 

13 Arnulf Salmen in einer mail an Christian Modehn

14

http://www.lenversdudecor.org/Legionnaires-du-Christ-Panama-la-route-de-l-argent.html

COPYRIGHT: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Brauchen wir ein „Fest der Beschneidung Jesu“ im Kampf gegen den Antisemitismus?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Die Beilage der Wochenzeitung DIE ZEIT mit dem Titel „Christ und Welt“ bietet in der Ausgabe vom 1. Januar 2018, Seite 1 und 2, ein Plädoyer für die Wiedereinführung des „Festes der Beschneidung des Herrn“ (Jesus)  am 1. Januar unter DIESEM Titel. Die Forderung wird damit begründet: Wenn wieder in der ganzen Kirche die Beschneidung des Juden Jesus gefeiert würde, könnte dies den zunehmenden Antisemitismus weltweit zurückdrängen. Soll das ernst gemeint sein? Ein katholischer Beschneidungsfeiertag als Beitrag zum Kampf gegen den Antisemitismus?

Ich muss gestehen, ich empfinde diesen Beitrag eher als Satire. Denn wie kann man heute im Ernst meinen, ein solches Fest unter diesem Namen könnte den Antisemitismus eindämmen?

Antisemitismus wird überwunden durch umfassende Bildung aller; durch Begegnungen mit Menschen jüdischen Glaubens; durch Erinnerung an den von Deutschen begangenen Massenmord an Juden; durch Widerstand gegen neofaschistische und rechtspopulistische Parteien und Gruppen; durch eine vernünftige Erklärung, was die hebräische Bibel bedeutet; durch gesetzliche Regelungen, die Antisemiten wirksam bestrafen; durch das Schuldeingeständnis der Kirchen, mit-schuldig zu sein an dem Jahrhunderte dauernden tödlichen Antisemitismus  etc…

Aber doch bitte nicht durch Messen am 1. Januar, als dem neuen Festtag der Beschneidung des Herrn, also in Messen mit frommen Worten vor wenigen Gottesdienstbesuchern einen Tag nach Silvester…

Das ist doch lächerlich.

Der Kampf gegen den Antisemitismus auch in katholischen Kreisen muss doch wohl wirksamer gestaltet werden.

Das weiß der Autor wohl auch, trotzdem werden 2 lange schöne Druckseiten für ein in meiner Sicht satirisches Plädoyer verwendet. Diese Druckseiten hätte man mit wichtigeren Themen „füllen“ können, etwa mit einer Auseinandersetzung über das irritierende Motto des Weltjugendtages in Panama und den Einfluss des Opus Dei dabei oder mit einer klaren und endlich einmal objektiven Analysen auch zur spirituellen Gestalt von Rosa Luxemburg, um einmal Beispiele aus dem aktuellen Umfeld des Januar 2019 zu nennen…

Wenn schon wieder ein Fest der Beschneidung am 1. Januar, dann bitte auch mit Einbeziehung der muslimischen Mitbürger, die ja auch heute noch fleißig (und schmerzhaft) beschneiden, leider. Sozusagen als interreligiöses Beschneidungsfest, um einmal die Satire fortzuführen.

Gott sei Dank sagt der Autor selbst, dass Paulus absolut zurecht betonte: Für Christen aus den „heidnischen Völkern“ gibt es keine Beschneidung. Von daher löst sich der Vorschlag wieder in Wohlgefallen auf. Nebenbei: Vielleicht finden sich einige Katholiken, die sich aus Solidarität mit Juden und Muslims ehrenhalber beschneiden lassen…Vielleicht in einer gemeinsamen Beschneidungsfeier im Vatikan?

Die Satire will ich zu Ihrer Ermunterung gern fortführen:

Also: Das Fest „Mariä Lichtmess“ am 2. Februar sollte wieder den uralten Titel „Maria Reinigung“ erhalten. Auch dieser Titel wurde ja mit gutem Grund im Rahmen der Reformen des 2. Vatikanischen Konzils abgeschafft…. Nun sollte man allen Frauen, so die Satire,  doch wieder zeigen, dass Geburt etc. doch etwas „Schmutziges“ etc. ist. Das Fest unter dem alten „Reinigungstitel“ wäre vielleicht auch ein Beitrag gegen den Feminismus usw. Passt ja heute für die Fundamentalisten…

Und vor allem: das „Fest der unschuldigen Kinder“ am 28.12. sollte aktuell als internationaler katholischer Trauertag der Erinnerung an die vielen Opfer sexuellen Missbrauchs durch Priester gestaltet werden. Und das wäre schon kein satirischer Vorschlag mehr…

Der Phantasie zur Aktualisierung der katholischen Feste sind keine Grenzen gesetzt: Das Fest des heiligen Pater Pio könnte etwa als Gedenktag aller Priester gefeiert werden, die wie Pater Pio (Kapuziner) dumm und seelisch sehr angeschlagen waren (und sind), aber dann doch glaubhaft machten, Wunder wirken zu können und sich deswegen blutige Hände verschafften. Und das Volk, das an Gott nicht glauben kann, glaubt wenigstens an den Heiligen Scharlatan Pater Pio mit den Stigmata. Immerhin hat diese Scharlatanerie dem Kapuzinerorden und seinem Wohnort viel Geld eingebracht.

Vielleicht sollte auch das „Fest des heiligen Josefs des Arbeiters“ am 1. Mai wieder stärker doch das eigentlich Handwerkliche des heiligen Josefs akzentuieren: Selbst kleine Handwerksbetriebe bleiben unter dem Segen Gottes mit einem göttlichen Kind (Jesus).

Ich hatte übrigens zusammen mit dem protestantischen Theologie Professor Wilhelm Gräb, Berlin, das angekündigte Verbot der Beschneidungen (von Jungen) in Deutschland im Sommer 2012 damals verteidigt. Weil Menschenrechte nun einmal in unserem allgemeinen demokratischen Rechtsempfinden ÜBER religiösen Traditionen stehen und stehen müssen. Wo kämen wir denn hin, wenn auch die Scharia oder das katholische Kirchenrecht in demokratischen Staaten Geltung hätten? (Das katholische Kirchenrecht hat diese Geltung ja manchmal immer noch aufgrund der Konkordate…) Leider haben die obersten Gerichte aus welchen (auch ungenannten) Gründen auch immer dieses Verbot der Beschneidung nicht eingesehen. Trotzdem gilt weiter: Menschenrechte sind wichtiger als religiöse Sondertraditionen, die sich fromme Menschen vor langer Zeit einmal ausgedacht haben…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Panama: Weltjugendtage des Papstes. Kritische Hinweise

Hinweise von Christian Modehn zum Weltjugendtag in Panama vom 22. – 27.1.2019

Wer weiß: Vielleicht werden bald neue „Panama Papers“ veröffentlicht. Diesmal geht es um theologisch – politische (und dann auch finanzielle) Enthüllungen. Die so schwer eigentlich gar nicht freigelegt werden können. Sie werden in aller Ausführlichkeit im Umfeld der katholischen „Weltjugendtage in Panama“ veröffentlicht, falls es Journalisten gibt, die sich bei dem Kirchen-Thema für objektive, also kirchenunabhängige Recherche und umfassende Investigation interessieren. Dass die äußerst wohlhabende katholische Ordensgemeingemeinschaft „Legionäre Christi“ schon im Dezember 1984 drei OFF-shore Unternehmen in Panama gründete, kann hier nur zum vertiefenden Studium empfohlen werden (8).

Die katholischen, vom Papst und den Bischöfen inspirierten und offiziell vom „Amt“ auch geleiteten internationalen „Weltjugend-Tage“ finden zum 34. Mal in Panama statt. Es war der polnische Papst, der diese Weltjugendtage „erfand“, wohl auch, um zu demonstrieren: Die katholische Kirche hat zumal in den neuen geistlichen, aber sehr konservativen Bewegungen wie den Neokatechumenalen, den Focolarini, dem Opus Dei, dem Regnum Christi etc. doch noch junge Leute vorzuweisen. Sie kann also noch die Jugend „mobilisieren“, die sich von der männlichen Kirchenführung gern leiten lässt. Beim letzten Treffen in Krakau (im Juli 2016) kamen etwa 3 Millionen junge Katholiken zusammen. In Panama rechnen die Veranstalter mit 200.000 TeilnehmerInnen aus etwa 150 Ländern.

Welche Themen müssen in den neuen „Panama –Papers“ kritisch untersucht werden?

Zunächst die neuerbaute luxuriöse Residenz des Botschafters des Vatikans in Panama, dort wohnt der Papst. Man kann sich den Palast des Nuntius im Link ansehen,in einem Land, in dem die überwiegende Zahl der Menschen in Armut lebt, jeder Vierte sogar  „unterhalb der Armutsgrenze“… An dem Beispiel  zeigt sich, was das päpstliche Reden von der „Kirche für die Armen“ bedeutet: Sie ist bloß für die Armen, zynisch gesagt: Sollen sich diese noch an den Luxustempeln des Klerus erfreuen…

Es ist das offizielle Motto dieses Welt- Jugendtreffens in Lateinamerika, das tiefe Irritationen hervorruft, selbst unter fest- angestellten Mitarbeitern der Kirche. Die ihre Kritik natürlich nicht, wie üblich, nach außen hin öffentlich machen können/wollen.

Das Motto dieses Weltjugendtreffens ist ein Zitat, das wie immer bei solchen Treffen dem Neuen Testament entnommen ist. Diesmal ist es ein Wort der Jungfrau Maria, wie es das Lukas – Evangelium übermittelt: „Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lukas, 1, 38).

Das heißt: Der biblischen Erzählung, dem „Mythos“, folgend, wird das Mädchen Maria von einem Engel besucht. Und der kündigt ihr als Jungfrau eine Jungfrauengeburt an, also die Geburt ihres Sohnes Jesus, der nicht von ihrem Gatten bzw. Lebenspartner Josef gezeugt ist. Maria ist vorbildlich gehorsam, sie sieht sich ausdrücklich als Magd „des Herrn“, und sie stimmt dieser „wunderbaren“ Empfängnis zu („unbefleckte Empfängnis“ sagte früher die katholische Theologie !, der Titel auch ein Hinweis zum Umgang mit Sexualität in der Kirche: „Befleckung“…)

Ich halte dieses Motto der Weltjugendtage in der Lebenswelt heutiger (junger) Menschen zumal in Lateinamerika und der arm gemachten Bevölkerung weltweit für eine „ideologische Katastrophe“. Denn wer als jugendlicher „Nicht-Theologe“ nur diesen Satz des gehorsamen Mädchens Maria hört und liest, wird förmlich ermuntert, den Gehorsam als entscheidend zu deuten. Gehorsam wird also von der Kirche verlangt! Und vor allem Frauen und Mädchen mögen doch bitte wie Maria gehorsam sein. Also konkret: Den Männern gehorchen.

Die Unterdrückung der meisten Frauen und Mädchen in Lateinamerika ist himmelschreiend: In den meisten lateinamerikanischen Ländern sind dank des politischen Einflusses der römischen Kirche fast alle Formen der Geburtenregelung und des Schwangerschaftsabbruchs gesetzlich verboten. Wie viele tausend Mädchen sterben bei „Kurpfuschern“, die reichen Damen fliegen nach Nordamerika zur medizinisch korrekten Abtreibung. Lediglich Uruguay ist in Lateinamerika eine vorbildliche Ausnahme. Warum? Weil die römische Kirche dort wenig Einfluss hat. Eben ein laizistischer Staat.

Hinzu kommt die ständige Bedrohung junger Menschen, vor allem der Mädchen, die wie Objekte für Vergewaltigungen missbraucht werden, in Zentralamerika, aber letztlich in ganz Lateinamerika: In Zentralamerika herrscht, abgesehen von Costa Rica, die totale Gewalt der Jugendbanden, der so genannten Maras. Diese rekrutieren als brutale männliche Verbrecher eben auch Mädchen. (1) Und die finden nur die Mitgliedschaft bei einer der „Familien“ der Maras, wenn sie sich vorher vergewaltigen lassen. Warum ist es dem so genannten Heiligen Vater nicht bekannt, dass beim Frauenmord, den Femiziden, die Gewalt gegenüber Frauen in ganz Lateinamerika erschreckend hoch ist? (2) Was soll in einer solchen Misere der Mythos von der gehorsamen Maria, die dem HERRN (!) gehorsam folgt und alles annimmt, was der HERR über einen Engel vermittelt ihr da zumutet.

Noch einmal: Diesen Satz aus dem Mythos des Lukas Evangeliums als Motto zu wählen, ist ein skandalöser Fehlgriff.

Die Entscheidung für das Motto soll der angeblich progressive Papst Franziskus selbst getroffen haben: Er und die anderen Herren im Vatikan hätten nur ein paar Verse im Lukas-Evangelium weiter lesen müssen, dann hätten sie DAS wegweisende Motto für die arm gemachten Millionen Menschen gefunden. Da spricht Maria in dem berühmten, sehr politischen Gebet, Magnificat genannt, diese revolutionären Worte:

„Gott stürzt die Mächtigen vom Thron, und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen“. (Verse 52 und 53).

Hätte man diese Worte als Motto gewählt, würden vielleicht ganz andere Jugendliche in Scharen zu den Weltjugendtagen in Panama kommen, nicht unbedingt Mitglieder frommer, eher fundamentalischer Gruppen, sondern eben politisch wache Leute, die Gerechtigkeit fordern und nicht Gehorsam gegenüber den „Herren“. Aber auch für den Vatikan und den Papst selbst wäre dieses Motto gefährlich, möchte er wirklich als Mächtiger im Sinne Marias „vom Thron gestürzt“ werden? Das hat Luther leider vergeblich schon versucht…Das fromme Motto zugunsten der gehorsamen Frau in einer brutalen Macho-Kultur gefällt sicher auch dem Präsidenten Panamas, dem Herrn Juan Carlos Varela Rodriguez (3). Er bekennt von sich selbst, in enger Verbundenheit mit der katholischen Geheimorganisation OPUS DEI zu leben.

Er ist nach außen hin ein sehr eifriger Katholik, er reist gern in den Vatikan mit seiner Familie, er folgt unmittelbar den Reisen des Papstes, wie etwa nach Krakau, zum letzten Weltjugendtreffen der Katholiken. Als engster Freund des Opus Dei hat er sich sogar seine Wahlkampagne vom Opus Dei mitfinanzieren lassen, mindestens 3 Millionen US Dollar hat er von dieser katholischen Geheimorganisation erhalten (4).

Der Opus Dei Staatspräsident Varela und sein Stab mit Verbindungen zur römischen Opus Die Zentrale üben eine großen Einfluss aus, was die Gestaltung der Weltjugendtage im Januar 2019 betrifft. Bei einem seiner Besuche in Rom hat Varela in einem Opus Dei Zentrum förmlich die Leitlinien des Weltjugendtreffens im Januar besprochen (5).

Staatspräsident Varela ist zudem mit dem Erzbischof von Panama Stadt eng befreundet und auch eng liiert mit dem Kardinal Jose Luiz Lacunza, Bischof der Stadt David in Panama. Beide sind mit einem Augustiner Orden verbunden. Sie haben sich zu feierlichen Pontifikal-Ämtern mit Opus Dei Leuten bereit gefunden und dem Staatspräsidenten dadurch viel Freude gemacht. Zahlreiche Dokumente aus der Presse belegen dies!

Über weitere Details wäre zu berichten, über die die noch halbwegs freie Presse Panamas berichtet:So wurde etwa ein roter Teppich für die Begrüßung des Papstes am Flughafen angefertigt, Kostenpunkt: 14.000 US Dollar.

Die Regierung hat in den ersten 19 Monaten ihrer Amtszeit mehr als 16,7 Millionen Dollar für die Kirchen, vor allem die katholische, ausgegeben. Selbst wenn dabei Renovierungen alter Kirchengebäude eingeplant waren: Die Bevorzugung der katholischen Kirche durch den Staat ist schon auffällig, meint etwa der Historiker Ricardo Rios Torres (6):

Die „Neue Panama Papers“ hätten also genug Material, etwa auch zur neu erbauten und luxuoriös ausgestatteten Nuntiatur in Panama – Stadt, wo ja bekanntlich der Reichtum nur in den wenigen monumentalen Türmen der Neoliberalen sichtbar ist und in den entsprechenden Wohnvierteln. Denn die meisten Menschen in Panama leben in Armut, da passt ein luxuriöses Gebäude des päpstlichen „Botschafters“ gut ins Bild: Die Leute wissen, wo Papst und Kirche sich wohlfühlen… Ob Papst Franziskus dort wohnen wird, ist noch unbekannt. (7). Sogar eine offizielle Publikation des katholischen Hifswerkes ADVENIAT erwähnt in „Blickpunkt Latenamerika“, Ausgabe 4, 2018, auf Seite 16, die neue Residenz des päpstlichen Botschafters in Panama, also des Nuntius: „Dieser moderne Prachtbau wurde gerade für mehrere Millionen US Dollar luxuriös saniert und steht deswegen stark in der Kritik“. Ob der Papst als Verkünder der Option FÜR die Armen in der Residenz wohnen wird, ist laut offiziellen Meldungen wahrscheinlich. Über die vorherrschende Gewalt im Land, zumal in der Stadt Colon, berichtet in dem Heft Gaby Herzog: „Kriminaliät gehört bei uns in Panama zum Alltag… Die Straßen werden in Colón von Banden regiert. Die Regierung hat keinen richtigen Plan, wie sie der Gewalt begegnen kann“, sagt der Interviewpartner Yithzak Gonzalez, ein Mitarbeiter von Adveniat in Panama. „Und zu oft schlägt sich die Regierung auf die falsche Seite, lässt Wohnungen abreißen und an die Stelle moderne Wohn – und Geschäftshäuser bauen“….(ebd.)

Panama wird ständig von Korruptionsskandalen erschüttert: 2015 wurden mehrere Ex – Minister verhaftet, der ehemalige Vorsitzende des Obersten Gerichtshofes wurde wegen Urkundenfälschung zu 5 Jahren Haft verurteilt usw.

Man wird in diesem „Sumpf“ den Eindruck nicht los: Das bewusst gewählte,tatsächlich bei den Macho – Verhältnissen  verrückte Motto dieses Weltjugendtages und das Zusammenspiel von Papst Franziskus und dem Opus Dei Staatspräsidenten wecken schlimme Ahnungen … in diesem seit langem bekannten Land der Korruption. Hoffentlich kommen die 200.000 frommen Jugendlichen wie Maria „unbefleckt“ daraus wieder nach Hause.

Zudem werden sich die kritischen Beobachter fragen:

Wie progressiv, um diese etwas abgegriffene Bezeichnung noch mal zu verwenden, ist Papst Franziskus wirklich, wenn er ein solches absurdes Motto für den Weltjugendtag in der von Gewalt geprägten katholischen Kultur Lateinamerikas durchsetzt?

Wie verbunden ist Papst Franziskus, um des eigenen Überlebens willen, mit dem Opus Dei?

Ich meine: Papst Franziskus jongliert hin und her, aber wesentlich ist: Im Grunde aber ist er ein sehr konservativer Theologe. Man lese nur seine Predigten im Haus Santa Marta! Und ein Befreiungstheologe ist er schon gar nicht, auch wenn er von der „Option FÜR (!) die Armen spricht, also von der caritativen Geste „der“ Kirche FÜR die Armen. Und eben nicht MIT ihnen in gleichberechtigter demokratischer Partnerschaft.

–Wie wird des 1971 ermordeten Sozialpriesters Hector Gallego gedacht? Er wurde verschleppt, gefoltert und von Militärs aus einem Hubschrauber  ins Meer geworfen. Gallego organisierte – sozusagen als einer der ersten Begreiungstheologen – arme Landarbeiter. Staat und Kirche nannten ihn in ihrer gemeinsamen Verblendung wie üblich einen Kommunisten. Eine ideologische Redeweise, der sich auch Papst Johannes Paul II. und Ratzinger gern bedienten, um Befreiungstheologen mundtot und dann auch mit staatlicher, d.h. rechtsextremer diktatorischer Hilfe, „tot zu machen“… Siehe Erzbischof Romero etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Quellenangaben:

(1)https://de.globalvoices.org/2016/02/14/die-gefahrliche-und-komplexe-wirklichkeit-der-frauen-in-banden-in-zentralamerika/

(2)

https://www.boell.de/sites/default/files/geschlechtergerechtigkeit_in_zentralamerika_2014.

(3)

http://elpostantillano.net/politica/17912-2016-08-08-15-56-08.html

(4)

https://www.panamaamerica.com.pa/nacion/campana-de-varela-recibe-financiamiento-del-opus-dei-911321

(5) https://www.prensa.com/mundo/Varela-todavia-entendido-impacto-JMJ_0_4996000362.html

(6)

Gobierno de Panamá dona millones de dólares a la Iglesia católica

(7)

http://laestrella.com.pa/panama/nacional/bella-residencia-donde-hospedara-papa-francisco/23965851

(8)

En Panamá, por ejemplo, el propio Marcial Maciel estableció el 6 de diciembre de 1984 tres empresas offshore: First Fountain, Dawn Development Company y Southwest International, Inc., con el auxilio del despacho International Legal Advisors, competidor con Mossack Fonseca en la creación de compañías ‘fachada’ en paraísos fiscales.

Quelle: https://contralacorrupcion.mx/web/paradisepapers/legionarios/      Von   RAÚL OLMOS

 

 

Thomas Merton gegen die abgehobenen „engelgleichen“ Kleriker

Ein Hinweis von Christian Modehn

Der bekannte spirituelle „Meister“ und Trappistenmönch Thomas Merton (USA) kritisierte 1965 die abgehobene Welt des „engelgleichen Klerus“… Vielleicht braucht ein Bischof, ein Theologe, im Rahmen der Debatten um den sexuellen Missbrauch durch Priester, ein sehr treffendes Zitat von einem Mönch, der auch ein guter Kenner der klerikalen Psychologie war.

„Der Begriff Trennung von der Welt, in den wir im Kloster haben, erweist sich allzu leicht als eine vollständige Illusion. Als die Illusion, dass wir durch die Tatsache, Gelübde abzulegen, zu einer besonderen Art von Wesen werden, zu Pseudo-Engeln, zu „geistlichen Menschen“, Menschen des inneren Lebens oder was immer dergleichen“.

Siehe: Thomas Merton, Zeiten der Stille. Herder Verlag, 1992, S. 80. Eine Übersetzung – von Bernardin Schellenberger – aus dem Buch von Merton: „Conjectures of a Guilty Bystander“, 1965

Wie könnten Christen Weihnachten noch feiern? Abschied von der „Stillen Nacht“: Weil „alles schläft“!

Ein Kommentar und Diskussions-Beitrag

Von Christian Modehn am 29.Dezember 2018

Einige Freundinnen haben mich gefragt: Was denn der „Hintergrund“ für diesen Kommentar sei.

Meine Antwort: Weihnachten ist weltweit so ein zentrales Ereignis, dass man sich auch außerhalb der Weihnachtstage mit dem Ereignis befassen sollte. Und vor allem: Weil die bisher üblichen Weihnachtsfeiern/Gottesdienste der Kirchen nicht den gewünschten „Erfolg“ zeigen, und dies seit Jahrhunderten: Weihnachten als viel besprochenes „Fest des Friedens“ etwa ist eine reine Farce. Wer Jahre lang an Weihnachtsgottesdiensten teilnahm, der ist, soweit man das empirisch feststellen kann, eben nicht friedlicher geworden: D.h.:Die Welt ist trotz der üblichen vielen Weihnachtsgottesdienste eben nicht besser, „erlöster“, „geretteter“ geworden. Man denke nur daran, dass in dem „katholischen Kontinent“ Lateinamerika die tötende Gewalt, die Korruption, die Verbrechen gegen die Menschenwürde alltäglich sind und immer mehr zunehmen. Haben diese Verbrecher nicht oft an (Weihnachts-)Messen, die so hübsche Krippe verehrt und an Wallfahrten und Prozessionen teilgenommen? Haben sie nicht die „heilige Jungfrau“ so oft singend gepriesen, bevor sie zu Massenvergewaltigungen sich entschieden haben? Kann eine Kirche so viele „spirituelle Erfolglosigkeit“ auf Dauer ertragen? Ist das nicht alles für die Kirche furchtbar blamabel? Warum sollte man angesichts dieses spirituellen wie politischen Desasters nicht fragen: Dann sollen die Christen und Kirchen z.B. endlich beginnen, radikal anders Weihnachten zu feiern. In unserem religionsphilosophischen Salon am 14. Dezember 2018 hatten wir uns auch schon auf dieses Thema eingelassen. Zu wenig Beachtung findet auch in diesem Text leider die totale Ökonomisierung des Weihnachtsfestes. Weihnachten ist eben total Weihnachts-MARKT geworden. Und die Kirchen machen diesen Trubel und Konsumrausch mit.

Es ist naturgemäß verwegen, die Kirchen in Europa, auch in Deutschland, aufzufordern: Weihnachten in der bisherigen Form nicht mehr zu feiern. Das wäre ein dringendes Thema für die nächsten 12 Monate in 2019.

Denn, so sagen die zahllosen kirchlichen Weihnachtsfreunde: Die Gottesdienste sind doch gut besucht, wenn nicht überfüllt. Die Leute singen halt so furchtbar gern „Stille Nacht“ und „Zu Bethlehem geboren“ in den Kirchen bei Kerzenschein usw. Die Kindern staunen dann auch über die (meist kitschigen) Krippen. Einige gute Summen an Spenden werden gesammelt, für „Brot für die Welt“ und „Adveniat“. Wobei niemand wagt, diese ca. 70 Millionen Spenden in ein Verhältnis zu setzen zu den Milliarden Ausgaben zu Weihnachten für Geschenke. (Von den sinnlos verschleuderten, die Umwelt schädigenden Millionen fürs Herumballern zu Silvester ganz zu schweigen). Hinzu kommt: Die Predigten der Bischöfe und Pfarrer zu Weihnachten werden auch nicht kritisch – theologisch untersucht auf einen nachvollziehbaren Inhalt hin für die heutigen, weithin säkularisierten Weihnachtsgottesdienst-Besucher. Viele Predigten sind nur eine Wiederholung der Weihnachtsmythen der Evangelien. Und wenn es politisch wird, dann immer staatstragend moderat: Dass zu der Zeit, wo „Stille Nacht“ gesungen wird, viele Flüchtlinge in der stillen Nacht des Mittelmeeres herumirren auf ihren Kähnen, wird kaum gesagt, genauso wenig, dass so viele Menschen hierzulande eben keinen Gänsebraten verzehrten, weil die Ungerechtigkeit, d.h. die Armut, so groß ist. Nur Tierschützer können sich über diesen aufgezwungenen Gänsebraten- Verzicht freuen.

Wenn Weihnachtspredigten einen Hauch von Politik, und das heißt Politik-Kritik haben, dann sind sie allgemein, unverbindlich, in den Aussagen eben nicht „hart“ formuliert. Dass Geldspenden nur eine äußerst hilflose Art der Solidarität mit den arm gemachten Menschen in Afrika usw. ist, wagt kein Prediger zu sagen: Er müsste nämlich von einem Umbau unseres kapitalistischen Wirtschaftssystem sprechen. Wer will das schon hören?

Die Menschen verlassen die Gottesdienste der überbeschäftigten Weihnachtspastoren in dem schon von der Großmutter überlieferten kindlichen Wissen: „Christus ist erschienen, uns zu versühnen“, wie es im Lied altmodisch heißt. Oder: „Der Erlöser, der Retter, ist da. Alleluja“. Aber keiner weiß, was das bedeutet: Der Erlöser ist da? Wie bitte? Hier bei uns, in Afrika, bei Mister Trump und Putin und den übrigen so furchtbaren inhumanen Politikern wie in Syrien, Brasilien oder auf den Philippinen. Weihnachten, so der Gesamteindruck, bestätigt nur unverstandenes Geraune: „Der Erlöser ist da“, „Maria geht durch einen Dornwald“, „Tochter Zion freue dich…“ Und so weiter.

Weihnachten ist das Fest der Christen, das einerseits viel populäre Beliebtheit hat und andererseits in seinem Inhalt kaum verstanden wird.

Es ist populär beliebt, weil es mit dem Kaufrausch verbunden ist. Darum wird es auch in Japan gefeiert: Dort sagt man sich: Endlich irgend so ein europäisches Fest, das uns mit bestem Gewissen maßlos konsumieren lässt.

Aber: Der Inhalt wird auch hier in einem einst kirchlichen Europa nicht verstanden: Und der wesentliche Inhalt lässt sich in drei Worten sagen: „Weihnachten ist das Fest der „Vergöttlichung der Menschen“. Man denke an den Mystiker Angelus Silesius: „Wäre Jesus Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du wärest dann verloren“. Weihnachten also heißt: Alle Menschen sind absolut wertvoll, das Ewige wohnt in ihnen; alle Menschen, aber auch alle, haben deswegen ein göttliches Anrecht, umfassend – menschlich zu leben. Weihnachten ist also ganz modern, sehr säkulär und nachvollziehbar für alle Vernünftigen gesagt: Das Fest der Menschenrechte.

Natürlich mag es in dieser zerrissenen Welt für einige hübsch und beruhigend sein, zu Weihnachten in infantile Phasen zurück zu gleiten, Kindheitserinnerungen zu pflegen, „vom Himmel hoch“ zu singen, zu Tränen gerührt zu sein über die sympathischen Heiligen Drei Könige etc. Aber alles das hat mit Weihnachten als dem göttlichen Fest der Menschenrechte nichts zu tun. Wobei Menschenrechte als ideale, aber bindende Forderung verstanden wird, viele verbrecherische Politiker, die Waffenhändler, die „Reformer“ der neoliberalen Wirtschaft usw. berufen sich schamlos auf die Menschenrechte, das ist leider Realität, spricht aber nicht gegen die absolute Geltung der Menschenrechte.

Fordern wir also –aussichtslos, aber deutlich – eine Unterbrechung kirchlicher Weihnachtsgottesdienste der alten, „ewig“ wiederholten Art? Ja! Eindeutig!

Warum also nicht zu Weihnachten Alternativen pflegen: die Kirchen öffnen, dort nachvollziehbare Dialoge führen mit Menschen, die auf der Suche nach einem Lebenssinn sind, vernünftig von Jesus von Nazareth sprechen, von seiner Familie, von seinen Geschwistern, seiner späteren Rebellion; dann etwas Musik hören, still sitzen, Kunst betrachten, miteinander Kleinigkeiten essen, Wein trinken, einander kennenlernen, Freundschaften bei solch einem Weihnachtsfest in den Kirchen schließen, Verabredungen treffen, also endlich mal in einer Kirche lebendig werden…

Mal sehen, wie dann die alten Weihnachtsfreunde reagieren, wie sie an den Kirchentüren klopfen und bitten: Erklärt uns doch endlich mal, was Weihnachten wirklich ist. Was die Geburt dieses armen Propheten Jesus von Nazareth eigentlich bedeutet? Gibt es für uns Erlösung, Heil, Rettung? Wenn ja: Wo und wie? Und die Antwort heißt: Erlösung gibt es nur, wenn wir den Vorschlägen und Vorschriften der Menschenrechte praktisch folgen. Und nur das ist der wahre Gottesdienst (im Sinne Jesu). Und dann kann man noch manchmal, aber sehr leise, ein bisschen schamhaft, „Stille Nacht“ singen, dann, wenn die Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet sind und die vielen tausend Menschen im Jemen nicht mehr krepieren und die Milliardäre weltweit endlich angemessene, also gerechte Steuern zahlen müssen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Religion und Religionskritik – das große Thema der Philosophen.

Zum neuen Handbuch „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“ von Michael Kühnlein (Hg)

Eine Buchempfehlung von Christian Modehn

Um einmal persönlich zu beginnen:

Endlich haben wir in unserem „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ überhaupt keinen Grund mehr, uns bei der Zuspitzung unseres philosophischen Interesses irgendwie einsam oder marginal zu fühlen. Das war immer dann der
Fall, wenn fundamentalistisch Fromme aus allen Konfessionen und Religionen die kritische und freie Betrachtung des Religiösen, der Transzendenz, des Unendlichen, des Göttlichen und des atheistischen Nichts als störend für den
(naiven) Glauben (und störend für die selbstsicheren Institutionen vor allem!) abgewiesen haben.

Nun also liegt ein wichtiges Buch über „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“ vor, der Titel in dieser Zusammenstellung ist glücklich gewählt: Denn immer geht es auch um Religionskritik.

Das Buch enthält 80 Beiträge zu religionsphilosophischen Texten von Platon bis Charles Taylor, wobei 47 Beiträge auf Autoren des 20. bzw. 21. Jahrhunderts bezogen sind! Deutlicher kann die breite Aktualität re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Überlegungen kaum dokumentiert werden. Die oft vorausgesagte totale Säkularisierung als Verzicht auf „transzendenzoffene Situationen“ (M. Kühnlein) ist also im Denken (und damit auch im Leben der europäisch geprägten Kulturen) nicht eingetreten.

Jedes Kapitel stellt einzentrales Werk eines Philosophen vor. Nach sehr knappen biografischen Hinweisen wird der Kontext des jeweiligen Buches/Textes gewürdigt, dann folgt im 3.Schritt die ausführliche Darstellung des Werkes, es folgen dann Hinweise zur Rezeption und zusammenfassende Überlegungen, bevor die wichtigsten Quellen und Interpretationen genannt werden. Der Herausgeber, der Philosoph Michael Kühnlein (Frankfurt/M.), bedauert selbst, dass einige große Autoren fehlen (müssen – aufgrund des begrenzten Umfangs des Buches). Wer das Inhaltsverzeichnis studiert, wird etwa Lessing vermissen oder Hamann oder Troeltsch oder Martha Nussbaum oder Erich Fromm. Und er wird sehr bedauern, dass Religionsphilosophen aus dem asiatischen, afrikanischen oderlateinamerikanischen Raumvöllig fehlen! Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist heute ein weltweites Thema. Vielleicht wäre dies ein Thema für einen Fortsetzungsband. Auch wenn nordamerikanische Religionsphilosophen wie Taylor gewürdigt werden,das Buch ist eben doch noch euro-zentrisch angelegt.

Aber sein Wert liegt in der meistens wohl doch noch für philosophisch Nicht-Promovierte Leser meistens erreichbaren und mitvollziehbaren Lektüre. Ich habe alle Beiträge bisher nicht lesen können, mir fällt nur auf, dass etwa der hoch aktuelle Philosoph Meister Eckart („Opus tripartitum“) in einem leider sehr fachwissenschaftlich orientierten Duktus vorgestellt wird, so, als wollte man damit unter Eckart Spezialisten glänzen, wobei der Autor, Dietmar Mieth, ja durchaus allgemein zugängliche Texte zu Eckart schon anderswo geschrieben hat. Dieser Beitrag weckt dann doch wieder die Befürchtung, dass die Texte eher Fachphilosophen und Hauptfach Studenten hilfreich sein sollen,. Dabei ist etwa der Text über Ludwig Feuerbach (Das Wesen des Christentums) sehr zugänglich, verfasst von Ursula Reitemeier. Philosophieren und Philosophie sollte nach meinem Verständnis immer „Sache aller sein“. Man freut sich, dass Holger Zaborowski die vom Umfang her eher kleine (und nicht so viel beachtete) Schrift „Phänomenologie und Theologie“ (1927) von Martin Heidegger zugänglich macht, selbst wenn ich persönlich eher eine Interpretation der späteren Werke Heideggers, etwa „Vom Ereignis“ (1936), unter re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Sicht gewünscht hätte. Aber da hätte man auf die Nazi-Verquickung im Denken Heideggers eingehen müssen…

Wie weit das Verständnis von Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie bei Michael Kühnlein als Herausgeber reicht, zeigt sich deutlich an der Auswahl der Autoren des 20. Jahrhunderts, da werden etwa die Theologen Metz und Moltmann als religionsphilosophisch relevante Autoren verstanden. Auch der äußerst schwierige, explizit katholische Jean Luc Marion ist im Buch vertreten.

Diese Hinweise machen einmal mehr deutlich, dass Religion ein ganz breites Thema ist in der Philosophie sowie der Religionssoziologie (Peter L. Berger) und Psychologie (Freud).

„Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Religionskritik“. Ein Handbuch, hg. von Michael Kühnlein. 946 Seiten. Suhrkamp Taschenbuch, 2018, 36 €.

Christian Modehn Berlin

 

Papst Franziskus schafft einen Paragraphen 175 für den Klerus

Ein aktueller Hinweis von Christian Modehn am 2.12.2018 Am 3. Dezember 2018 erscheint als Buch, weltweit, ein Interview, das der spanische Priester Fernando Prado mit Papst Franziskus führte. Das Interview bezieht sich auf die so genannten geistlichen Berufungen, also auf Priester und Ordensleute. Erwartungsgemäß spricht der Papst auch wieder von Homosexuellen, das heißt hier von homosexuellen Priestern und Ordensleuten (offenbar denkt er nur an Männer, lesbische Nonnen sind bislang noch nicht im päpstlichen Visier, kommt wohl noch).Was bisher als Auszug aus dem neuen Buch vorliegt, ist schlicht ein Skandal. Es hinterlässt bei gebildeten Lesern die  schon von Freunden in Spanien gestellte Frage: Dreht der Papst jetzt durch? Was sagt der Papst? Die Kirche muss „anspruchsvoll sein“, deswegen hätten bekennende Homosexuelle im Klerus nichts zusuchen. Anspruchsvoll soll bedeuten: Homosexuelle Priester vermindern das Niveau des Katholizismus… Denn diese schwulen Priester können ein  „Doppelleben führen“. Wenn das so ist, so der Papst, sollten homosexuelle Priester besser, „das Priesteramt und das geweihte Ordensleben verlassen“. Also Rausschmiss und vorher die Bespitzelung durch treue Spione. In Zeiten des § 175 war es auch nicht anders: Schwule wurden von den Nazis mindestens aus ihren Ämter und angesehenen Berufen entfernt. Man kann also sagen: In der katholischen Kirche soll der § 175 fortbestehen. Papst Franziskus hat so viel Mut, sein sexualwissenschaftliches Niveau zu dokumentieren, indem er tatsächlich, so wörtlich, meint, „Homosexualität sei in Mode“. Als würden sich homosexuelle Menschen aus einer modischen Laune heraus diese ihre Sexualität wählen. So viel Unsinn hat man schon im zurückliegenden 20. Jahrhundert kaum noch unter ernstzunehmenden Leuten gelesen. Der Papst empfiehlt zudem erneut, wie religiöse und rechtslastige Fundamentalisten aller Couleur, dass Homosexuelle wieder „psychologisch  und affektiv gesund“ werden sollten. Homosexualität also als Krankheit: Man glaubt zu träumen, wie ungebildet sind eigentlich diese geistlichen Herren im Vatikan? Der Papst empfiehlt eine tief schürfende Analyse der Priesterkandidaten hinsichtlich ihrer Homosexualität. Dabei, so wörtlich, „sollte man auf die erfahrene Stimme DER Kirche hören“. Seit wann hat DIE Kirche (also die Hierarchie ist immer gemeint, wenn von DIE Kirche die Rede ist) auch nur die geringste Ahnung von dem, was Sexualitäten heute betrifft? Was weiß DIE Kirche von Gender, von Feminismus, von sexueller (normaler) Vielfalt? Der Text des Papstes ist ja der beste Beleg fürs Nichtwissen. Der Papst gibt zu, dass Bischöfe aufgrund mangelnder Kenntnis völlig irritiert sind, wenn sich in ihrem  Klerus Priester als homosexuell zeigen. Ja, ja, so muss der Papst eingestehen, „auch im Ordensleben gibt es keinen Mangel an Fällen“. Mit „Fällen“ meint der oberste Hirte der Kirche homosexuelle Menschen. Sie sind „Fälle“! Die Verwendung dieses Wortes auf Menschen nannte man nach der Nazi –Zeit die „Sprache des Unmenschen“, aber das am Rande. Selbst wenn dem Papst ein Ordensoberer sagt, es gebe halt eine Zuneigung zwischen Männern, hält der Papst dies, so wörtlich, für einen Fehler. Der Papst denkt wohl: Priester sind bessere Maschinen, die ohne jede noch so leise Form von Erotik, von Nähe und Freundschaft auskommen müssen. Der Papst und die oberste Clique im Vatikan wollen also Priester als neutrale Wesen, als Funktionäre. Der Papst ist verlogen: Er verschweigt, dass viele heterosexuelle Priester ja doch auch Erotik erleben und Kinder zeugen, die sie meistens dann verbergen und verleugnen, die Alimente zahlt der Bischof oder die Ordensleitung. Das sind beträchtliche Summen an Kirchensteuern etwa… An die verstoßenen Frauen und an die Kinder, die ihren Vater nicht kennen, nicht nennen dürfen, denken die wenigsten hohen Klerus-Funktionäre. Sie zahlen ja, das ist alles. Das System bleibt erhalten… Ein regelrechter Hass auf Homosexuelle zeigt sich erneut in der römischen Kirche bis hinauf zu diesem Papst, den einige einst noch für akzeptabel aufgeschlossen hielten, bloß weil er ein paar linke Thesen zur Ökonomie unters Volk brachte oder Obdachlosen die Füße wusch oder Erzbischof Romero heilig gesprochen hat. Nun zeigt Papst Franziskus, dass er ins reaktionäre Lager abgerutscht ist. Vielleicht aus Angst vor den machtvollen, noch „reaktionäreren“ Prälaten in der päpstlichen Kurie… Mal sehen, was er alles verbreiten wird beim Weltjugendtreffen in Panama im Januar 2019. Kondome werden bestimmt nicht offiziell verteilt, und es wird das ungeborene Leben erneut aufs höchste verteidigt und nicht das geborene Leben im Elend und der Gewalt Zentralamerikas. Dass der unsägliche Machismus auch gewalttätig, tötend, anti—schwul ist, weiß jeder Gebildete. Wird es einen päpstlichen, kirchlichen Aufstand in Panama geben gegen den Machismus – Wahn? Wohl kaum, denn dann müsste die Kirche die Frauen endlich absolut gleichberechtigt und gleichwürdig behandeln, also etwa zum Priesteramt zulassen… Noch einmal: Der Papst schießt sich erneut auf die Homosexuellen ein, weil dies wohl auch eine Besänftigungsgeste ist bei den, sorry, völlig reaktionären Kardinälen, die so dumm sind und nicht wissen: Wer sich als Schwulen-Hasser etabliert, ist selbst schwul. Das wissen allmählich schon die Oberschüler. Der Papst empfiehlt also dringend, wie einst schon der Ratzinger – Papst, Männer mit homosexueller Neigung nicht in den Dienst des Priestertums oder der Orden aufzunehmen. Wird diese Weisung befolgt, sind die Priesterseminare und Ordenshäuser bald völlig leer oder nur bewohnt von Lügnern, die als Schwule ihre tiefe Zuneigung zu Frauen bekennen müssen (auch diese Zuneigung dürfen sie dann ja auch nicht ausleben). Die römische Kirche ist eine Kirche, die es sch erlaubt, sich auf Jesus zu berufen, auf den Mann, den Liebhaber, den Freund (etwa zum Lieblingsjünger Johannes), die aber Liebe als erotische Liebe für ihre Priester und Ordensleute verbietet. Kann man sich etwas Unmenschlicheres in dieser Welt vorstellen: Du darfst nicht lieben als oberstes Gebot für Seelsorger! Die römische Kirche sollte sich vom Zölibat befreien. Das wurde millionenfach seit Jahrhunderten gesagt von klugen Theologen und klugen Psychologen. Sie sollte sich der Wissenschaft und den Lebenserfahrungen reflektierter Menschen anschließen und lehren: Homosexualität ist eine ganz normale Variante menschlicher Sexualität. Basta! Und die Bischöfe und der Papst sollten die Gemeinden befragen, ob sie denn so furchtbar leiden unter homosexuellen Priestern. Wahrscheinlich ist dies eher nicht der Fall. Ich kannte –als ehemaliges Mitglied eines Ordens-  tatsächlich sehr viele homosexuelle Priester und Ordensleute, sehr viele, die waren und sind wahrlich alles andere als Ungeheuer. Die Gemeinden leiden wohl mehr unter der Raffgier und den Machtgelüsten heterosexueller Priester und Bischöfe. Das ganze System der römischen Kirche ist krank. Das ist eine Tatsache. Nicht Reformen, eine neue Reformation ist die einzige Hilfe für alle, die noch mit der römischen Kirche irgendwie (auch beruflich –finanziell) verbandelt sind. Zu diesem Kreis und zu dieser Kirche gehöre ich seit Jahren (als Theologe) nicht mehr. Ich beobachte nur aus der Ferne diese Entwicklung, weil diese machtvolle Irrlehre des Papstes meinen vielen homosexuellen Brüdern (auch den christlichen, auch den muslimischen, auch den jüdischen) weltweit das Leben schwermacht. Was soll denn ein verfolgter katholischer Homosexueller etwa in Uganda und anderswo sagen, wenn selbst der Papst Homosexualität de facto für minderwertig hält?  Der Staat kann diese armen Menschen verfolgen, quälen, alles mit gutem Gewissen: Der Papst hat doch auch sehr viel gegen Schwule, heißt es dann Der Papst betreibt Homophobie. Und diese ist eine Form des Rassismus. Der Vatikan setzt die Politik des § 175 fort. Es könnte die Zeit sehr bald kommen, wo etwa katholische Homosexuelle, die dermaßen diskriminiert werden von Papst und Co., zahllose Namen nennen von homosexuellen Priestern und Ordensleuten und Bischöfen und Päpsten, so dass deutlich wird: Eigentlich ist dieser Klerus immer schon schwul gewesen, er hat sich nur selbst gehasst,  weil er der offiziellen unmenschlichen Kirchen – Ideologie/Moral dann doch entsprochen hat. Und, dies sehen wir heute: Weite Kreise des Klerus sind wegen dieser Unterwürfigkeit seelisch krank geworden. Kranke Priester sind also die Seelsorger der Gemeinden… Quelle: https://www.aciprensa.com/noticias/papa-francisco-un-homosexual-no-puede-ser-sacerdote-ni-consagrado-89755 Papa Francisco. La fuerzade la vocación. La vida consagrada hoy. Una conversación con Fernando Prado(Publicaciones Claretianas) Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Von Schleiermacher heute lernen. Ein Hinweis von Prof. Wilhelm Gräb

Von Prof. Wilhelm Gräb, Berlin, November 2018  – anlässlich des 250. Geburtstages von Friedrich Schleiermacher

Veröffentlicht im Interview „Religion gefährlich und unentbehrlich“

Friedrich Schleiermacher wird von Theologen und Kirchenleitungen gern der „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ genannt. Es gibt jetzt sogar eine Sonderbriefmarke zu Ehren seines 250.Geburtstages. Als diese im Berliner Dom vor kurzem der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, ist auch wieder an diesen angeblichen „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“ erinnert worden. Doch er wurde dies leider nicht und auch heute müsste sich in unseren Kirchen erst noch enorm viel ändern, bevor Schleiermacher seine Ideen zu einer Kirche, die in die moderne Zeit passt, auch nur einigermaßen verwirklicht sähe.

Gewiss, Schleiermacher ist seiner Zeit selbst auch Kompromisse mit der dem landesherrlichen Kirchenregiment unterstehenden preußischen Kirche eingegangen. Aber er hat sich doch mit dem König, Friedrich Wilhelm III., aufs heftigste angelegt als dieser im sog. Agendenstreit auch noch über die gottesdienstlichen Ordnungen bestimmen wollte. Schleiermachers Ideal war eine sich von unten, durch die Selbsttätigkeit der Gemeinden aufbauende Kirche, die radikale Trennung von Thron und Altar, Kirche und Staat. Er wollte eine christliche Gemeinde, die ihre Angelegenheiten selbst regelt, weil sie durch die Mitbeteiligung aller an einer Verständigung über die alle gleichermaßen betreffenden Belange des Lebens zusammengehalten wird. Die Religion gehörte für ihn essentiell zum Menschsein, weil ihm das Bewusstsein der Gottesbeziehung zugleich der Grund menschlicher Freiheit war. Den religiösen Glauben verstand er als eine unerschöpfliche Quelle der Lebenskraft, als Grund einer allen Menschen mitgegebenen Befähigung zu Autonomie, zur Selbstbestimmung in den religiösen wie in allen anderen Dingen des Daseins.

In seinen „Reden über die Religion an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ (1799), 10 Jahre nach der französischen Revolution, entwickelte Schleiermacher sein bis heute inspirierendes Kirchenideal. Er sprach von der Kirche als einer „vollkommenen Republik“, in der alle wechselseitig aufeinander wirken, Geben und Nehmen allen gleichermaßen eigen, die Unterscheidung zwischen Priestern und Laien aufgehoben ist. Eine Kirche, die dennoch nicht nur ein frommer Zirkel ist, sich nicht aus der Welt zurückzieht, sondern die „Anschauung des Universums“ betreibt, die Suche nach dem Sinn des Ganzen und unseres eigens Dasein zu ihrer Sache macht.

Es braucht Orte und Gelegenheiten in der Gesellschaft, wo wir uns über die existentiellen Fragen des eigenen Lebens und wie über das, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, verständigen können. Dass die Kirche ein solcher Ort in der Gesellschaft sein könnte, das war Schleiermachers Traum. Ich meine seine Impulse sind aktueller denn je!

copyright: Wilhelm Gräb, Berlin.

 

Wird der Katholizismus rechtsextrem vergiftet ?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Immer mehr aktuelle Ereignisse zeigen: Der gegenwärtige Katholizismus wird weltweit von rechtsextremen Führern und damit von rechtsextremen Ideologien durchsetzt. Das wird nicht umfassend genug wahrgenommen, weil das kritische Interesse in der Kirche wie der Öffentlichkeit – zurecht ! – auf die weltweiten Verbrechen des sexuellen Missbrauches durch Priester usw. fixiert ist. Aber es gibt viel mehr Gefährliches…

Leider gibt es seit Jahrzehnten auch rechtsextreme Gruppen in evangelischen bzw. evangelikalen und pfingstlerischen Kreisen. In den USA gehören fundamentalistisch Bibelgläubige zu den leidenschaftlichsten Anhängern des großen Lügen-Propagandisten Trump. In Brasilien haben jetzt auch dort politisch (und in den Medien) einflussreiche Evangelikale den allgemein so bezeichneten Neofaschisten Bolsonaro zum Präsidenten gewählt. Ich habe nirgendwo gehört, dass sich etwa deutsche Evangelikale oder Freikirchler von ihren brasilianischen Freunden distanziert haben. Die katholischen Bischöfe Brasiliens sahen sich außerstande, in einem gemeinsamen Wort ausdrücklich vor der Wahl Bolsonaros zu warnen. Sie zeigten sich zögerlich – sympathisch – neutral, unterstützten also indirekt die Wahl Bolsonaros.

Ergänzung am 15. November 2018 von Christian Modehn: Evangelikale – eine politische Schande für die USA und Brasilien

1.Sehr viele Europäer wussten es schon, nun bestätigen es „Nachwahlbefragungen“ erneut: So genannte praktizierende Christen, vor allem Evangelikale, haben bei den US Kongresswahlen 2018 mehrheitlich (61 %) für Trump und die Republikaner gestimmt.

Aber was heißt „praktizierend“? Sonntags an den Gottesdiensten teilnehmen; pro life Aktionen mit absolutem Eifer unterstützen; den Pastoren viel Geld spenden; die Bibeltexte wortwörtlich lesen, also fern von jeglicher theologischer Kritik. Die sehr konservative website kath.net hat das (am 9.Nov. 2018) berichtet: Atheisten und Christen, die eher selten oder nie Gottesdienste besuchen, haben Demokraten gewählt. Dabei können diese Menschen wohl noch zwischen Götzen, Führern, und Gott unterscheiden… Und sie praktizieren an der politischen Basis oft die Menschenrechte, den Schutz der Flüchtlinge usw. Eine Praxis, die dem Denken Jesu von Nazareth zweifelsfrei sehr nahe steht…Vom Tempel/Gottesdienst-Besuch hielt Jesus von Nazareth bekanntlich nicht  viel… Empathie, Nachdenken, Solidarität waren ihm wichtiger… Bei den US-Katholiken hat jeder Zweite für die Republikaner (Trump) gestimmt…

2.Mit dem Wahn und dem offenkundigen intellektuellen, politischen und theologischen Niveauverlust der Evangelikalen in Brasilien werden sich hoffentlich sehr bald auch in Deutschland Religionswissenschaftler und Soziologen befassen. In Brasilien sind die Evangelikalen die leidenschaftlichsten Unterstützer des neuen Präsidenten Bolsonaro. Darauf habe ich schon mehrfach hingewiesen. Nun wird es im „Tagesspiegel“ durch Philipp Lichterbeck, Rio de Janeiro, erneut bewiesen (am 15. November 2018). Die unflätigen Reden Bolsonaros werden dokumentiert, seine Hasstiraden, seine Politik der Ausgrenzung und Menschenverachtung, oder, wie Beobachter treffend sagen, sein „Neofaschusmus“. „Die Pastoren der konservativen evangelikalen Kirchen beten inbrünstig für Bolsonaro“, so Lichterbeck.

Wann können wir berichten: Die deutschen Evangelikalen (die Evangelikalen in den USA können es ja nicht wegen ihrer Bindung an Bolsonaros Vorbild Trump) distanzieren sich also wenigstens deutsche Evangelikale und Pfingstler explizit von ihren „Glaubensbrüdern“ in Brasilien?

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Der Religionsphilosophische Salon Berlin befasst sich auch zentral mit der Kritik der Religionen und Konfessionen.

Von daher unser Interesse an dem Thema, das ich hier nur für den katholischen Bereich andeuten will. Dies als Aufforderung, wahrzunehmen, was heute katholische Kirchenführer politisch äußern. Etwa zum Ende des 1. Weltkrieges, zur AFD, zur Partei Marine Le Pens, zur FPÖ, zu Italiens Neofaschisten oder Polens Katholiken, besonders zu dem rechtsextrem-katholischen Radiosender Maryja unter dem Redemptoristen Pater Rydzyk, der immer noch seine nationalistischen und antisemitischen Beiträge senden darf, ohne dass etwa Rom diesen rechtsradikalen Priester zum Schweigen bringt. Auch die anhaltende Bemühung um Versöhnung Roms mit den katholischen Traditionalisten der Bewegung Lefèbvre, die gerade in Frankreich oft rechtsextrem orientiert sind, gehört hierher.

Darum der erste und entscheidende Gesamteindruck: Die katholische Kirchenführung duldet rechtsextreme Positionen innerhalb der Kirche sehr viel mehr als – vergleichsweise – linksextreme Positionen. Beide Extreme sind falsch. Aber für den Katholizismus sind spätestens seit den Konkordaten mit Mussolini und Hitler Rechtsextreme bzw. Faschisten irgendwie sympathischer als etwa Kommunisten. Von den widerwärtigen Polemiken etwa Papst Gregor XVI. gegen die Menschenrechte einmal ganz abgesehen….

Diese Bevorzugung des Faschismus sah man auch in der politischen Haltung des polnischen Papstes etwa gegenüber den faschistischen Diktaturen in Chile, Argentinien, Brasilien usw. Und in dem Zerstören angeblich linksextremer Positionen in „der“ Befreiungstheologie durch die Glaubensbehörde unter Ratzinger.

Die römische Kirche hat stets den Rechtsextremen mehr verziehen als den Linksextremen. Aber diese Blindheit der Kirche muss ausführlicher studiert werden. Das liegt daran, dass die Rechtsradikalen und Faschisten eher noch von „Gott“ sprechen als die Kommunisten etwa. Die wollen, so die katholische Kirchenführer, eine antigöttliche Gegenwelt, ein gottloses „Reich Gottes“ aufbauen… Das bloße Gerede von Gott durch Faschisten und Rechtsradikale finden offenbar viele Bischöfe, Prälaten usw. also sympathisch. Man denke an Spanien, an Franco, usw… Dies gilt bis heute.

Im Focus der aktuellen Aufmerksamkeit sollte der us –amerikanische Katholik Steve Bannon stehen. Bannon ist politisch Interessierten bekannt, er war (und ist im Hintergrund?) der Chefstratege von Mister Trump, verbandelt mit US – Milliardär Robert Mercer. Ich habe 2017 schon ein rhetorische Frage gestellt: Sollt der Papst Bannon, wie Mafiabosse bereits auch, exkommunizieren? Denn Bannon ist bekennender Katholik und bemüht sich nun in zahlreichen Treffen in Europa, ein rechtsradikales Netzwerk der rechtsextremen Parteien Europas zu festigen, dieses Netzwerk heißt „The Movement“. Damit will er Einfluss nehmen auf die Europawahl 2019.

In Rom/Vatikan hat sich der rechtsextreme Katholik Bannon etablieren können. Er ist eng mit dem offiziell katholischen Institut „Dignitatis Humanae“ in Rom verbunden. Dieses Institut nennt sich unbescheiden „Denkfabrik“, zum Beirat gehören unter anderen die bekannten sehr konservativen (und Franziskus – feindlichen) Kardinäle des päpstlichen Hofes (curia) Peter Turkson, Robert Sarah und der deutsche Reaktionär Kardinal Walter Brandmüller. Dazu gehört auch der Feind des Papstes, Erzbischof Viganò.

Nun haben diese Herren ein neues Tagungshaus ausbauen können, das wunderschöne, herrlich gelegene ehemalige Karthäuserkloster „Certosa di Trisulti“. Steve Bannon hält – auch per Videoschaltung – dort Vorträge. Der Journalist Thomas Migge (Rom) berichtete im Deutschlandfunk am 25.10. 2018 über dieses rechtsextreme katholische Studienzentrum und er nennt in dem Zusammenhang auch den Priester Don Curzio Nitoglia aus den Traditionalistenkreisen: Er ist davon überzeugt, berichtet Migge, dass das „christliche Europa“ bedroht sei, von den, so der Geistliche, islamischen „Horden“ aus Afrika und von „gottlosen Kapitalisten“ und Juden aus den USA. Don Nitoglia: „Die USA gründen sich auf drei Ideen: das Freimaurertum, den Judaismus und einen liberalistischen Protestantismus. Dann sind da noch die Hochfinanz, die Banken und eben die Juden. Diese Kräfte sind die Feinde der römisch-katholischen Kirche. Sie wollen sie zerstören. Das haben sie schon mehrfach versucht: erst mit dem Proletariat in Russland, dann mit der Studentenbewegung und jetzt versuchen sie es mit den Horden aus Afrika, die das zerstören wollen, was noch vom christlichen Europa übrig geblieben ist.“ Bannon, so wird berichtet, hat sich bereit erklärt, in diesem l ehemaligen Karthäuser – Kloster als rechtsextremem Think – Tank Vorträge zu halten. Mit Italiens Innminister Salvini ist Bannon befreundet…

Befreundet ist Steve Bannon auch mit der Regensburger Prinzessin Gloria von Thun und Taxis und auch mit deren Freund Kardinal Gerhard Ludwig Müller, dem einstigen Bischof von Regensburg und abgesetzten Chef der obersten Glaubensbehörde im Vatikan. Diese drei haben sich, laut Spiegel, getroffen. Die Prinzessin begrüßte, so ist zu hören, die Initiative Bannons, die rechten, gemeint sind die rechtsextremen Parteien in Europa zu bündeln. Dadurch werde der Wahlkampf zur Europa Wahl „spannender und farbiger“. Die Nähe der Frau Thurn und Taxis zur AFD ist bekannt: „Im September 2018 hatte Gloria von Thurn und Taxis zusammen mit der rechtspopulistischen AfD und dem konservativen Bündnis „Ehe-Familie-Leben“ in Regensburg demonstriert. Das Bündnis kritisierte unter anderem den in seinen Augen zu frühen Sexualkundeunterricht von Kindern. Hunderte Regensburger hielten dagegen und traten für „Vielfalt statt Einfalt“ ein“, so die Mittelbayerische Zeitung am 20. Oktober 2018. Kardinal Müller nützt offenbar nun alle Möglichkeiten, gegen Papst Franziskus zu agieren und seine politische Haltung und Sympathie offen zu legen. Denn er weiß genau, wer Bannon ist, als er sich mit ihm traf. Geradezu lachhaft ist in dem Zusammenhang die oft von Müller selbst oft dokumentierte Freundschaft mit dem greisen Befreiungstheologen aus Peru, Gustavo Gutierrez. Kann Müller gleichzeitig Freund von Bannon und Gutierrez sein?

Mit der AFD Stiftung arbeitet auch der ziemlich bekannte, einst bloß als konservativ bekannte Dominikaner Theologe Prof. Wolfgang Ockenfels zusammen, dieser offenbar in Freundschaft wiederum verbunden mit dem einst äußerst kirchenkritischen schwulen Aktivisten, nun aber reaktionär orientierten Laien-Theologen David Berger, der seit langer Zeit mit Kreisen im Dominikanerorden verbandelt ist. Auch David Berger arbeitet mit in der AFD Stiftung zusammen. Es ist absehbar, dass alsbald ein katholischer Arbeitskreis innerhalb der AFD gegründet wird?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Zur Aktualität der Schrift „Die Anweisung zum seligen Leben“ (1806). Von Johann Gottlieb Fichte.

Ein Gastbeitrag von Wolfram Chemnitz, Hannover

Johann Gottlieb Fichtes „Die Anweisung zum seligen Leben“ ist wohl die Schrift aus der klassischen Moderne, die über das Verhältnis von Philosophie und Lebenshilfe am gründlichsten Auskunft gibt. Lebenshilfe erinnert an die Bedürftigkeit des Menschen. Fichtes Schrift ist der Versuch, aus der Philosophie heraus dem Menschen in seiner Gratwanderung zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe nicht allein zu lassen. Es ist wohl hier der Ort, an dieses großartige Werk zu erinnern.

Von Kant herkommend hatte es Fichte zunächst abgelehnt, dessen Lehre von einer „Welt an sich“ zu übernehmen. Zu einer unerkennbaren „Welt an sich“ kann der Mensch nicht in ein freies Verhältnis eintreten. Der Bruch zwischen Mensch und Welt bleibe nach Kant fixiert. Dies sei unvereinbar mit der Freiheit, zumal nach Fichte alles, was mit dem Ich geschieht, eine Sache seines eigenen Tuns sein muss. So gibt es zunächst nur das „absolute Ich“.

Das „Ich“ bedarf aber, um sich selbst zu erkennen, eines anderen Ichs. Das freie Ich kann sich nur in einem ebenfalls freien Ich wiederentdecken. So bleibt das Ich in der Differenz bei sich selbst.

Der späte Fichte erkennt, dass auch die Idee der Freiheit einer Schranke bedarf, um da sein zu können. Im Ruf des Gewissens wird der Mensch gewahr, dass Freiheit nicht Beliebigkeit heißt. Der Ruf des Gewissens ist die stete Erinnerung, dass die Besonderung eigentlich nicht sein soll. An die Stelle des absoluten Ichs tritt der absolute Gott als das uneingeschränkte Allgemeine. Dies ist der ideengeschichtliche Ort, aus dem Fichtes Schrift „Die Anweisung zum seligen Leben“ hervorgegangen ist.

Hier sind Leben, Liebe und Seligkeit eigentlich dasselbe. Jedes Leben ist bewegt von einem Ziel oder Telos, in welchem es seine Erfüllung findet. Der Gedanke eines unseligen Lebens enthält einen Widerspruch, denn unselig ist nur der Tod, mithin der Stillstand jedweder Bewegtheit. Die Liebe teilt das an sich unbewegte, tote Sein in ein zweifaches Sein, zumal Liebe heißt: im Anderen bei sich selbst sein. Die Liebe ist von der Sehnsucht bewegt, im Gegenüber sich selbst anzuschauen und von sich zu wissen. So schafft die Liebe ein Ich oder selbst, in welchem die Wurzel seines Lebens ruht. Ohne Liebe würde das Ich sich nur kalt und ohne alles Interesse anschauen. Das durch die Liebe bewegte Leben ist selig in der Freude des Wiederentdeckens.

Nicht alles, was als lebendig erscheint, ist selig. Das Unbewegte ist allein auf sich selbst zurückgeworfen. Es ist fixiert auf die Eigenliebe und so ausschließend. Allein in der Sehnsucht, sich mitzuteilen, ist es noch mit der Welt verbunden. Das natürliche menschliche Dasein existiert in dem Streit zwischen Eigenliebe und Nächstenliebe. Es bleibt so notwendig unvollkommen. Die wahre Individualität im Sinne Fichtes gibt sich wohl einen ausschließenden Charakter; diese Besonderheit besteht aber in dem, was jeweils als liebenswert oder erstrebenswert angesehen wird: „Offenbare mir, was du wahrhaftig liebst, was du mit deinen ganzen Sinnen suchest und anstrebest, wenn du den wahren Genuss deiner selbst zu finden hoffest – und du hast mir dadurch dein Leben gedeutet.“

Das vermeintlich unbewegte Sein wird Lebendiges in der bewussten Individuation. Die Individuation geschieht, indem wir uns selbständig und selbsttätig dem zuwenden, was wir lieben.

Fichte unterscheidet das einfache, unveränderliche und ewig sich gleichbleibende Sein von dem im unaufhörlichen Wechsel zwischen Werden und Vergehen stehenden Dasein. Dem wahrhaftigen Leben ist die Liebe der Mittelpunkt; die Liebe, wie sie in dem Wechselhaften das Gleichbleibende sucht. Die Fixierung auf das Vergängliche ist ein bloßes Scheinleben, welches notwendig unselig ist, zumal ihm die Freude der Wiederentdeckung des eigentlichen Selbst verwährt bleibt.

„Jener geliebte Gegenstand des wahrhaftigen Lebens ist dasjenige, was wir mit der Benennung Gott meinen, oder wenigstens meinen sollten; der Gegenstand der Liebe des nur scheinbaren Lebens, das Veränderliche, ist dasjenige, was uns als Welt erscheint und was wir also nennen.“

Die Negation des Göttlichen ist empfindbar in der Sehnsucht und in der Reue. Indem sie bloß gefühlt wird, ist sie noch nicht verstanden. Worin die Glückseligkeit zu finden ist, wird oft nicht gewusst. Es geht hier um die Frage, wie kommt der je individuierte Mensch in ein Verhältnis zu Gott als dem uneingeschränkten Allgemeinen. Der Mensch ist sowohl denkend als auch fühlend. Im Gefühl kann jeder zufällige Inhalt sein: Gutes und Schlechtes. Entscheidend ist der Inhalt; diesen aber bringt der Gedanke hervor. Den Gegensatz von individuierter Besonderheit und Alleinheit vermag nur der Geist in der Form des Gedankens zugleich zur Einheit zu bringen. In der Natur sind die Gegensätze nacheinander. Aus dem Samen entsteht die Pflanze, aus dieser die Blüte, aus dieser die Frucht. Der Mensch aber ist Geist und Persönlichkeit, insofern er den Gegensatz von Trieb und Vernunft oder Eigenliebe und Nächstenliebe zugleich zur Einheit führt. Für Fichte ist das Element, die substantielle Form des wahrhaftigen Lebens der Gedanke.

Den seligen Gedanken einer Einheit des Menschlichen und Göttlichen vermag nur eine seiner selbst bewusste Persönlichkeit hervorzubringen und zu genießen.

Das frühe Christentum machte den Glauben zur ausschließenden Bedingung des seligen Lebens und dieser Glaube ist für Fichte dasselbe wie der hier erörterte Gedanke. Erst nach dem Verschwinden des Glaubens hatte man die Bedingung des seligen Lebens in die Tugend gesetzt „und so auf wildem Holze edle Früchte gesucht.“ Die uralte Frage, ob Seligkeit das Resultat eines Verdienstes oder einer Gnade ist, kommt hier zur Sprache.

Fichte erörtert ausführlich den Prolog zum Johannes-Evangelium: „Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott.“ Somit war das Wort oder die Form vor aller Zeit.

In der Kraft zur Unterscheidung, also im Ur-teilen, sind wir selbständig und frei; wie Gott. Es ist mithin das menschliche Bewusstsein, in welchem sich die göttliche Kraft zur Unterscheidung offenbart. Das menschliche Bewusstsein ist so die Offenbarung Gottes als Logos oder sinnhafter Kosmos.

Fichte tritt der Aussage der Genesis entgegen, in welcher es heißt: „Am Anfang schuf Gott …“ Mit der Lehre von der Schöpfung wird, so Fichte, ein Ursache/ Wirkungsmechanismus behauptet. Das, was eigentlich ein überzeitliches Geschehen ist, wird als zeitliche Abfolge angesehen. Die zeitliche Kausalität, welche der menschliche Erkenntnisapparat zu seiner Orientierung in der Welt benötigt, wird hier unzulässig auf die Ewigkeit übertragen. Mit der Unterscheidung von Schöpfer und Geschöpf wird ein unüberwindbarer Bruch zwischen Gott und Mensch fixiert. Allein der Gedanke, dass das Wort oder die Form sowohl am Anfang der Zeit als auch in der überzeitlichen Ewigkeit, also bei Gott, ist, kann das Zugleichsein scheinbar Entgegengesetzter fassen.

Die Lehre vom allmächtigen Schöpfergott sei geeignet, so sinngemäß Fichte, als Folie für die Legitimation von Herrschaftsstrukturen gebraucht zu werden.

Die Liebe ist die Form, in welcher die Einheit des Seins (Gott) sich in das Dasein übersetzt. Diese Form war bei Gott, also schon vor der Zeit. Das menschliche Bewusstsein als der Ort der göttlichen Offenbarung bringt die Welt und in ihr Menschen, Tiere unmd Pflanzen nach der überzeitlichen Form der Liebe hervor. So wird unser reflektiertes Handeln zu einem Werkzeug der Einheit des Seins. Das Sollen ist hier nicht eine äußerliche Pflichtenlehre, sondern das Handeln entfließt still und ruhig in der Liebe. Johannes sagt: „Wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm.“

Copyright: Wolfram Chemnitz

 

Bolsonaro, Brasilien, wird von fundamentalistisch frommen Christen gewählt. …Wenn das „Opium des Volkes“ politisch wirkt.

Ein Hinweis von Christian Modehn zu der Tatsache: Dass fundamentalistische Kirchen die Politik vergiften.

Für die Arbeit des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons Berlin ist, wie der Name sagt, auch wichtig: Die Rolle der Religionen und Kirchen in der Gesellschaft, damals und heute, zu studieren und zu dokumentieren. Und Klartext zu reden. Auch über Religionen, die nicht auf dem Niveau der Menschenrechte agieren!

Und zum Wahlsieg von Jair Messias (sic!) Bolsonaro in Brasilien müssen einige, leider in Deutschland selten ausführlich dokumentierte, Erkenntnisse mitgeteilt und zur Diskussion gestellt werde.

Dabei geht es zentral um die Rolle fundamentalistisch orientierter evangelikaler Kirchen in Brasilien, die Bolsonaro, zwar nicht als die einzigen, aber sicher entscheidend die Herrschaft ermöglicht haben. Klar ist auch, es gibt sicher Minderheiten sozial engagierter und politisch reflektierter Evangelikaler und Pfingstler, etwa auch in den vielen Elendsvierteln. Nicht alle Evangelikaen haben Bolsonaro gewählt, aber eben doch eine absolute Mehrheit, angetrieben von den einflussreichen Führern (genannt Prediger).

1.Religionskritik ist also die entscheidende philosophische Reflexion. Theologie hilft bei der Kritik der Konfessionen nicht weiter. Denn die Theologie ist viel zu befangen und abhängig von den Weisungen der Chefs dieser Kirchen.

2.Bolsonaro wird übereinstimmend, international, in der demokratischen und auf Menschenrechte verpflichteten Presse, als Rassist, als Faschist, als Neofaschist oder als Wegbereiter einer Militärdiktatur in Brasilien bezeichnet. Dies sind Titel, die aus den unsäglichen Hasstiraden, dem Verhalten und dem Parteiprogramm Bolsonaros begründet entnommen werden.

  1. Noch einmal: Die Evangelikalen und Pfingstler in Brasilien haben ganz entscheidend zum Sieg Bolsonaros beigetragen. Schon im ersten Wahlgang haben fast zwei Drittel dieser fundamentalistisch Frommen Bolsonaro gewählt. Man muss sagen: Diese angeblich so Bibel treuen Frommen ermöglichen mit ihrer Bindung an Bolsonaro eine neue Ära rechtsextremer Gewalt und rechtsextremer Bündnisse in Lateinamerika und den USA vor. Religionspsychologen würden wohl von frommer Dummheit ohne Sinn für Demokratie sprechen.

4.Diese evangelikalen Kreise in Brasilien unterstützen Bolsonaro, weil ihr Wertesystem getrimmt ist auf den Schutz des ungeborenen (!) Lebens, auf das rigide Verbot von Abtreibung, auf die klassische Familie, auf die Abwehr des Feminismus, den Hass auf Homosexuelle usw. Diese Christen zeigen deutlich: Die Pflege der Menschenrechte ist nicht ihre Sache. Ob man in evangelikalen Kreisen Deutschland eine öffentliche und deutliche Distanzierung von den Glaubensbrüdern in Brasilien erlebt?

5.Diese theologisch fundamentalistisch denkenden Evangelikalen in Brasilien lieben es, wenn Bolsonaro „Gott über alles stellt“, nachdem er kurz zuvor „Brasilien über alles“ (dem Beispiel von Mister Trump folgend) predigt.

  1. Diese theologisch fundamentalistisch (d.h. unaufgeklärt denkenden Evangelikalen) sind also nicht primär an den Werten der Demokratie und der Menschenrechte interessiert. Sie sind durch die Bibellektüre und die einpeitschenden Predigten ihrer sich ständig bereichernden Chefs, „Prediger“ genannt, so verblendet, dass sie eine rassistische Führergestalt, Bolsonaro, unterstützen.

Die wortwörtliche Bibeldeutung dieser Kreise entspricht genau der wortwörtlichen also fundamentalistischen Bibeldeutung der portugiesischen Kolonialherren vom 15. bis ins 19. Jahrhundert. Die heutigen Evangelikalen und Pfingstler dort sind also die theologische Fortsetzung des Kolonialismus. Was für eine Schande, die diesen Leuten selbst wohl kaum bewusst ist. Mit Bolsonaro wird auch das kolonialistische Verhalten gegenüber den indianischen Völkern fortgesetzt werden, indem zugunsten des Profits der weißen Kapitalisten der Lebensraum dieser armen Menschen rund um den Amazonas eingeschränkt und zerstört wird.

7.Mit anderen Worten: Diese evangelikalen Menschen sind sozusagen aufgrund ihrer Religiosität politisch völlig desorientiert, wenn man die demokratischen Werte als Norm ansetzt. Dabei spielen natürlich für sie auch ökonomische Interessen mit, etwa das Versprechen der in den Kreisen üblichen Theologie des Wohlstands, die Überwindung der Gewalt in den Städten usw.

  1. Sie meinen, der Rassist Bolsonaro und seine Militärs könnte mit massivster Gewalt die bestehende Gewalt in den Städten und auf dem Land ausrotten. Diese Christen meinen auf eine Vernunft geleitete Gesellschaftsanalyse verzichten zu können, um Gewalt zu beenden, also durch Umverteilung des Reichtums, durch humane Ökologie, durch bessere Bildung für alle, würdige Wohnungen für alle usw. Dieses Projekt kann auch in Brasilien nur gelingen, wenn die Reichen sich zur Gerechtigkeit bekehren. Aber daran denken nur wenige dieser fundamentalistisch frommen Massen. Anstelle der Vernunft werden Emotionen, Hass, Neid, dumme Sprüche der Herrschenden hochgeschätzt.

9.Den evangelikalen Kreisen hat es sehr gefallen, dass der getaufte Katholik Bolsonaro offenbar aus taktischen Gründen 2017 nach Israel reiste und sich von Predigern der reaktionären, aber auch in denMedien mächtigen Pfingstkirche „Assemblies of God“ taufen ließ. Der sehr einflussreiche evangelikale Pastor Silas Malafaia sagte über seinen Freund Bolsonaro: „In Brasilien haben wir einen Macho wie ihn nötig, der alle Normen und Werte der christlichen Familie verteidigt“.

10.Die Brasilianer haben sich bereits zu mindestens 30 Prozent diesen evangelikalen und pfingstlerischen Gemeinschaften zugewendet. Brasilien ist längst nicht mehr das „stärkste“ katholische Land der Welt. Das hat Gründe. Vor allem die Zurückweisung einer echten Autonomie der katholischen Basisgemeinden durch den Vatikan, vor allem unter Ratzinger und den polnischen Papst hat für den massenhaften Exodus aus dem Katholizismus gesorgt. Die Befreiungstheologie wurde von allen reaktionären Medien, auch den katholischen, verunglimpft und wie üblich als marxistisch bzw. kommunistisch missverstanden und diffamiert. Dies reaktionären klerikalen Machthaber in Rom und Brasilien haben rigoros verboten, dass ausgebildete Laien, Frauen und Männer, in den Basisgemeinden offiziell als PriesterINNen arbeiten können, also Gemeinde bilden und die Messe feiern. Die katholischen Gemeinden verödeten also. Schuld daran ist eindeutig die katholische Kirchenführung. Und jetzt jammert man in Rom, dass Brasilien nicht mehr katholisch ist…Rom ist also mitschuldig am Sieg des Rassismus, Faschismus usw. in Brasilien jetzt.

11.Die katholische Kirchenführung begeht nun aber seit Jahren den Fehler: sie empfiehlt aus taktischen Gründen sozusagen evangelikale und pfingstlerische Elemente innerhalb der katholischen Kirche, um diese fest und fixierte Kirchen-Institution förmlich zuretten, etwa in der Bewegung der katholischen Charismatiker oder der politisch völlig uninteressierten Neokatechumenalen.

  1. Die katholische Kirchenführung kann ohnehin selbst nicht umfassend glaubwürdig für Demokratie und Menschenrechte eintreten, weil sie selbst in ihrer eigenen Verfassung und Struktur weder Demokratie praktiziert noch die Menschenrechte umfassend für alle Mitglieder respektiert (etwa am Beispiel der umfassenden Gleichberechtigung von Frauen, der Ehe von Homosexuellen). Im übrigen folgen reaktionäre Katholiken der Vorstellung, das ungeborene Leben zu schützen sei absolut wichtiger als den vor Hunger sterbenden Armen beizustehen und für eine gerechte und humane Gesellschaft zu sorgen. Ich bin ja kein Feind des Lebens, wenn ich von einem fundamentalistischen Wahn für den absolutesten Schutz des ungeborenen Lebens spreche…
  2. Die katholische Kirche in Brasilien ist nicht nur unglaubwürdig in ihrer Praxis und Lehre. Sie ist auch mitschuldig, dass so viele fromme Leute in den Wahn eines naiven, unreifen und Menschen unwürdigen fundamentalistischen Bibel-Glaubens abdriften … und nun konsequenterweise eben Bolsonaro wählen.
  3. Ein Problem ist auch, dass die brasilianischen Bischöfe überhaupt nicht mit einer einzigen gemeinsamen und dadurch massiven Stimme vor der Wahl von Bolsonaro gewarnt haben! Im Fall dieser höchsten Not hätten sie die Katholiken sozusagen einmal explizit und mit der ihnen vertrauten Macht auffordern müssen, NICHT Bolsonaro zu wählen. Diese präzisen Wahlempfehlungen sind normalerweise in demokratischen (!) Staaten völlig überflüssig und theologisch höchst problematisch. Aber in Brasilien ging es jetzt darum, wie ein Journalist schreibt, zwischen Schnupfen und der Pest zu wählen. Die Bischöfe haben die Pest mit ihrer angeblich neutralen Haltung nicht verhindert, vielleicht denken einige Bischöfe ohnehin sehr autoritär und Frauen-feindlich und Schwulen-feindlich wie Bolsonaro. Die katholische Kirche Brasiliens wird wohl sich alsbald mit sexuellem Missbrauch durch Priester auseinandersetzen müssen. Vielleicht hilft Bolsonaro dann den Bischöfen, die Fakten möglichst zu verschleiern. Denn auch den katholischen Bischöfen muss er ja dankbar sein, haben sie doch so hübsch neutral und nur in Gemeinplätzen sprechend sich letztlich doch für ihn, den Rechtsextremen und Rassisten, eingesetzt.

Nebenbei: Man stelle sich vor: Anstelle des Neofaschisten Bolsonaro wäre ein kommunistischer Kandidat an die Macht gekommen: Die gesamte katholische Weltkirche hätte einen Sturm der Entrüstung losgedonnert, wie üblich hält die katholische Kirchenführung Faschismus für weniger schlimm als den Kommunismus. Auch Bolsonaro spricht ja so viel vom lieben Gott….

  1. Diese frommen Fundamentalisten werden also erleben, wie die Grundrechte verschwinden, Oppositionelle erschossen, die Indigenas unterdrückt, die Wälder abgeholzt werden etc.
  2. Nur wenn man den Mut hat, innerhalb der weiten christlichen Ökumene auch von katastrophalen fundamentalistischen Wahngebilden zu sprechen, kann ernsthaft eine Wahrhaftigkeit entstehen. Und vielleicht noch in letzter Minute sich die Vernunft durchsetzen.
  3. Wer sich heute noch Christ nennt, muss sich oft schämen über diese verblendeten antidemokratischen Mit“christen“, wie jetzt in Brasilien. Das ganze Phänomen drückt eine unglaubliche intellektuelle und moralische Schwäche des so genannten christlichen Glaubens in dieser zerrissenen modernen Welt aus.

18.Es ist bezeichnend, dass der Meister der Lügen, Mister Trump, einer der ersten „Prominenten“ war, der seinem Schüler Bolsonaro, auch er ein Spezialist für Lügen und ein Profi für alle Unverschämtheiten, gratuliert hat. Auch die konservativen Regierungschefs in Chile, Kolumbien und Argentinien gratulierten dem Faschisten. Es bildet sich ein neuer brauner Block in Südamerika, wie einst, um 1970 bis ca. 1990.

  1. Wie die zahlreichen Mitglieder der afrobrasilianischen Candomblé Kulte gewählt haben, ist noch unbekannt; werden sie der Vernunft gefolgt sein oder den dort üblichen Emotionen? Wie haben die zahlreichen Atheisten gewählt und die dort zahlreichen Anhänger des Spiritismus? Auch das ist noch unbekannt…

Ein Literaturhinweis: Die Journalistin Lamia Oualalou hat in ihrer Studie über Kirchen in Brasilien mit dem Titel „Jésus t’aime !: La déferlante évangélique“ (Editions du Cerf, Paris, 2018) dokumentiert, wie Pastor Josué Valandro aus Rio des Janeiro seine Gläubigen um Geld bittet: „In der Bibel steht es: Gott wird seine Pforten dem öffnen, der spendet“. 500 Jahre nach Luthers The­sen­an­schlag sind es Pfingstler, die den Ablass wieder einführen.

COPYRIGHT: Christian Modehn,Religionsphilosophischer Salon Berlin