Kapitalismus als Religion. Zur Diskussion über einen Text von Walter Benjamin

Kapitalismus als Religion?

Von Christian Modehn

In unserem religionsphilosophischen Salon am 15. März 2013 ließen wir uns (19 TeilnehmerInnen) von den Thesen und Vorschlägen inspirieren,  die Walter Benjamin (1892 – 1940) in seinem Fragment „Kapitalismus als Religion“, (geschrieben 1921, veröffentlicht 1985), hinterlassen hat.

Der Berliner Philosoph Dr. Jürgen Große begleitete kritisch unsere Gespräche.

Die Aktualität des Thema wird immer offenkundiger: Am 30. März 2013 z.B. veröffentlichte die „Berliner Zeitung“ ein ausführliches Gespräch mit dem Ökonomen Robert Skidelsky und dessen Sohn, dem Philosophen Edward Skidelsky anläßlich ihres gemeinsamen Buches „Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer Ökonomie des guten Lebens“ (A. Kunstmann Verlag, 2013). Weitere Hinweise am Schluss dieses Beitrags.

Zuerst zu unserem Salon am 15. 3. 2013:

Deutlich wurde, dass allein schon die These „Kapitalismus als Religion“ zu kontroversen Diskussionen führt. Einigen TeilnehmerInnen vermuteten, dass der Begriff der Religion viel zu weit gefasst werde, wenn er auch die „säkulare“ „Wirtschaftsordnung“ des Kapitalismus einbezieht. Religion, so die Meinung, hat nur mit religiösen Gründergestalten, mit einem theistischen System, mit explizit spiritueller Praxis in Gebet und Gottesdienst usw., zu tun.

Aber es besteht bei allen die Offenheit, sich dem Vorschlag Walter Benjamins zu stellen: Der Kapitalismus selbst IST Religion.

Dieser These kann man sich von verschiedenen Seiten nähern:

Etwa von dem Philosophen und Psychologen Erich Fromm (in: „Die Natur des Menschen und sein Charakter“, jetzt in Gesamtausgabe Band II, Seite 35f.) wird der Begriff „Rahmen der Orientierung und Hingabe“ eingeführt, als ein Oberbegriff, der ausdrücklich das Gemeinsame theistischer wie nichttheistischer  (!) (Sinn-) Systeme beschreibt. Erich Fromm sieht deutlich das seelische Bedürfnis des Menschen, über ein „System der Orientierung und Hingabe zu verfügen“ (S. 36). Fromm weist in diesem Aufsatz aus dem Jahr 1947 ausdrücklich darauf hin, dass es „Millionen von Menschen gibt, die sich dem Streben nach Erfolg und Prestige hingegeben haben“, also in dieser Hingabe der religiösen Hingabe ähnlich sind. Und der Psychologe stellt die nur noch rhetorische Frage, ob es nicht auffällig sei, „dass diese weltlichen Ziele (Erfolg, Prestige usw.) mit der gleichen Intensität und dem gleichen Fanatismus verfolgt werden, wie wir es in den Religionen betrachten können?“ Erich Fromm kommt in diesem Aufsatz der These Benjamins nahe, wenn er schreibt, „dass die meisten Menschen sich in unserem Kulturraum zwar zum Monotheismus bekennen, während ihre tatsächliche Hingabe Systemen gilt, die dem Totemismus  (als etwa der Verehrung von Gegenständen, CM) und der Götzenanbetung (also etwa dem Geld, CM) näher stehen als irgendeiner Form des Christentums“ (ebd).

Mit anderen Worten: In der Sicht Erich Fromms ist es faktisch so, dass auch Christen ihre zentrale Lebens – Orientierung in der Bindung an Güter und Geld finden: Kapitalismus als Religion entspringt dann sozusagen einem seelischen Bedürfnis.

Von theologischer Seite wird Religion die alles bestimmende Wirklichkeit genannt, etwa von Rudolf Bultmann und Paul Tillich. Diese Definition entspricht formal der Überzeugung Benjamins, der Kapitalismus sei die alles bestimmende Wirklichkeit: Der durch Geld vermittelte Warenaustausch ist sozusagen alles gründend, er ist universal; das Bedürfnis Profit zu machen, immer mehr Geld zu verdienen, gilt absolut und darf nicht bezweifelt werden. Es soll ein ständiges ökonomisches Wachstum herrschen. Das ist eine Form des Glaubens, der als zentraler „Orientierungsrahmen“ von Menschen im Kapitalismus übernommen wird.

„Kapitalismus als Religion“ heißt: Alle Bereiche des Lebens werden der Geldvermehrung und Kapitalvermehrung unterworfen. Noch bevor man sich auf die einzelnen Hinweise Benjamins einlässt, wird deutlich: Es wird im Kapitalismus nicht für den Gebrauch produziert, sondern für den Tausch, und der soll Gewinn, soll Geld bringen. Und wenn Geld ohne Arbeitskraft, also ohne Menschen erzielt wird, dann wird das auch praktiziert.  Der Soziologe Christoph Deutschmann weist darauf hin, dass Geld nicht nur ein ( hochheiliger) Tauschwert sei, sondern auch ein „Vermögen“: Es schenkt die allumfassende (göttliche) Freiheit.

Darin zeigt sich der Geist des Kapitalismus:

1. Jeder andere Mensch ist auf dem Markt mein potentieller Konkurrent und damit auch mein Gegner, den es zu besiegen gilt. Er kann mich schädigen. Ich muss mich schützen, auch vor denen, die nichts haben. Es entsteht eine feindliche Welt, man schottet sich von einander ab. Misstrauen herrscht vor. Der Mitmensch wird einzig unter der objekthaften Fassade des „Händlers“, der Produzenten oder des Arbeiters gesehen. Der Mensch als Mensch im Sinne von absoluter Personenwürde und „Zweck an sich“ (Kant) kommt nicht vor.

2. Um auf dem Markt sich durchzusetzen und zu bestehen: Muss man „selbst – los“ werden, d.h. ohne ein ausgeprägtes Selbst sich präsentieren, im letzten: Ohne ein eigenes Selbst sein, d.h. totale Flexibilität ist oberstes Gebot. Bindungen an Familie, Heimat usw. spielen keine Rolle; es gilt, dorthin zu gehen, wo es Arbeit (noch) gibt. Dies wird vonseiten der Eigentümer an Produktionsmitteln allen Arbeitern wie ein Dogma eingehämmert, also den Menschen, die nur ihre Arbeitskraft auf den Markt werfen können. Diese Entwicklung  kann man eine neue Form der „Selbst – Verlorenheit“ nennen. Alle Empfehlungen „Sei du selbst“ haben deswegen in der kapitalistischen Ökonomie einen schweren Stand; manche sprechen von einem illusorischen Charakter. „Sei du selbst“, das weckt Hoffnungen, die kaum zu erfüllen sind.

3. Es wird die unbefragte, wie ein Dogma verbreitete Lehre gelehrt: Arbeit ist das wichtigste im Leben. Freie Zeit hat nur Sinn, wenn sie für die Arbeit wieder fit macht. Arbeit ist der absolute Wert, dem sich jeder unterwerfen soll: Selbst die ausgedehnte Waffenproduktion etwa in Deutschland wird damit begründet, Waffenproduktion und Waffenhandel (selbst mit blutigsten Diktaturen in der arabischen Welt) schaffe Arbeitsplätze.

Das Motto ist: Irgendeine Arbeit ist besser als keine Arbeit. Das ist Credo besonders von Parteien, die sich nicht genieren, das C, also das Christliche, in ihrem Namen zu führen. Die absolute Hochschätzung der Arbeit ist DAS Dogma des Kapitalismus, das zudem „alternativlos“ genannt wird.

Es gibt zum Kapitalismus keine Alternative, wird eingeredet, so wie es eigentlich zum Bezogensein auf eine göttliche, transzendente Wirklichkeit keine Alternative gibt: Entweder man ist gläubig und bejaht Gott oder man ist ungläubig und setzt sich negierend vom Bezogensein auf ihn ab. Immer aber bleiben alle auf ihn bezogen, auf den Kapitalismus oder auf Gott.

4. Alles wird der Verwertung unterworfen; auch die Menschen werden als Gegenstände taxiert t und nach ökonomischen Einstellungen gebraucht/mißbruacht. Der um sich greifende und lukrative Menschenhandel ist nur die Spitze des Eisberges. (Jährlich werden im Windschatten der Globalisierung mehr als 2,4 Millionen Menschen wie Ware gehandelt, müssen die schlimmsten Formen wirtschaftlicher Ausbeutung erfahren und brutalste Verletzungen ihrer Menschenrechte hinnehmen. Die Gewinne aus dem Menschenhandel werden weltweit auf 32 Milliarden US-Dollar geschätzt – jährlich, Quelle: http://reset.to/knowledge/handelsware-mensch-menschenhandel-im-21-jahrhundert, gelesen am 17.3.2013).

Damit verbreitet sich die unbefragte Mentalität: Es gibt wertvolle (d.h. ökonomisch relevante Menschen) und unwichtige Menschen. Wer nichts gilt, das sind etwa die alten Menschen, die Kranken und Behinderten, die Roma und Sinti, die (allein erziehenden) Frauen oder die Flüchtlinge. Indische  Computerspezialisten sind begehrt, weil sie unser Wachstum fördern. Man kann sie ja nach erbrachter Leistung wieder rausschmeißen.

5. Die Philosophin Hannah Arendt hat darauf hingewiesen, dass Menschen, die von der Gesellschaft als „Überflüssige“ ausgegrenzt werden, tendenziell zu totalitären Haltungen neigen, wobei die Ausgrenzung selbst schon totalitär, faschistisch ist. Mit anderen Worten: Das kapitalistische System erzeugt Kriege, Bürgerkriege. Z.B. In Ungarn sprechen kluge Beobachter wegen des maßlosen Nationalismus und der Ausgrenzung von Minderheiten von Vorstufen für einen bevorstehenden Bürgerkrieg dort.

Dies sind die Annäherungen, um sich intellektuell aufzuschließen für die These Walter Benjamins „Der Kapitalismus ist Religion“.

Diese Religion, der Kapitalismus, prägt uns ständig und indirekt und unaufgefordert. Sie vermittelt uns von Kindheit an „Werte“:

Durchsetzungskraft, Macht, Gewinn, Quantität sei wichtiger als Qualität, Geld ls oberster Wert, der Freiheit schenkt, Wachstum der Wirtschaft, aus allem materiellen Gewinne ziehen. (Nebenbei: Nach einem Besuch in der Sowjetunion im Jahr 1926 zweifelte Benjamin daran, dass eine „sozialistische Ordnung“ besser sei als die kapitalistische: beide liegen auf der selben Ebene, was die Einschätzung des einzelnen, seine Personenwürde usw. angeht.)

Nun zum Text Walter Benjamins selbst: Es ist ein Fragment, 3 Din A 4 Seiten umfassend; es ist also äußerst knapp und kurz gehalten die Argumentation! Die im Fragment angegeben Literaturhinweise deuten darauf hin, dass eigentlich von Benjamin weiter gearbeitet werden müsste.

Wir können nur auf einige zentrale Erkenntnisse des Fragments hinweisen: Der Soziologe Max Weber, hatte betont, die Wirtschaftsordnung des Kapitalismus sei BEDINGT durch den Protestantismus, vor allem durch pietistische Formen des Calvinismus.

Walter Benjamin geht noch weiter, wenn er sagt: Kapitalismus IST selbst Religion und nicht nur von Religionen bedingt.

Für Benjamin ist klar: Der heute alles bestimmende Kapitalismus dient der Befriedigung derselben Sorgen wie die Religionen, es geht auch dem Kapitalismus, „um Befriedigung von Sorgen, Qualen, Unruhen“. Man denke an den auf Gewinn zielenden Kulturbetrieb, der durchaus Sinn stiftende Vorschläge macht, etwa in der Popkultur, in der Freizeit – Industrie usw.

Für Benjamin ist klar: Der Kapitalismus will den Menschen Befriedigung geben und Sinn stiften wie die (traditionellen) Religionen. Die Frage ist: Wie weit hat der Kapitalismus als Religion bereits die „klassischen“ Religionen, wie die Kirchen, abgelöst, inwieweit bestehen diese nur noch als Strukturen weiter.

Vier zentrale Thesen im Fragment Benjamins sollen erwähnt werden:

1.

Kapitalismus ist eine kultische Handlung. Kultreligion ist für Benjamin eine typisch heidnische Religion.

Dieser Kult – Kapitalismus hat nach Benjamin keine Dogmatik und keine Theologie (was meines Erachtens eine sehr fragwürdig Behauptung ist CM). Der Kult heißt: Nur arbeiten und gewinnen, die Arbeit verehren, um den Profit zu vermehren. Es ist ein Kultus der Ware. Tauschwert und Gewinn werden religiös als absolut verklärt. Die Orte des Handels werden kultisch überformt: Weltausstellungen sind für Benjamin Wallfahrtsorte des Fetischs Ware. Die (Handels) Passagen in Paris wirken auf ihn wie Kathedralen. (Kaufhäuser werden heute oft ohne Ironie Konsumtempel genannt). Am Beispiel der großen Weltausstellungen des 19. und 20. Jahrhunderts hat Benjamin diese Tendenz der modernen Welt in seinem Passagen-Werk untersucht. „Die Weltausstellungen … eröffnen eine Phantasmagorie, in die der Mensch eintritt, um sich zerstreuen zu lassen. Die Vergnügungsindustrie erleichtert ihm das, indem sie ihn auf die Höhe der Ware hebt. Er überlässt sich ihren Manipulationen, indem er seine Entfremdung von sich und den anderen genießt.“ (Benjamin V.1, 50f)

2.

Kapitalismus als Kult kennt keine Pausen; er ist zeitlich allgegenwärtig, auch am Sonntag. An allen Tagen herrscht Konsum. An allen Tagen gilt das Gesetz der Arbeit.

3.

Kapitalismus bringt keine Entsühnung, d.h. keine Erlösung; er ruft ein stetig wachsendes Schuldgefühl hervor. Er bringt Schuld und Schulden. Als Schuldner muss man durchhalten. Kapitalismus lädt allen immer mehr Schulden auf. Den Schulden kann keiner entkommen.

Das erinnert an die Unentrinnbarkeit. Kapitalismus offenbart sich wie eine  Schicksalsmacht! Darin drückt sich auch eine Form der Hoffnungslosigkeit aus. Es macht keinen Sinn, sich um Verbesserungen zu bemühen. Benjamin sagt: „Dass es so weitergeht ist die Katastrophe“

Sehr bedenkenswert ist die Aussage Benjamins:

„Der Kapitalismus ist ein Parasit des Christentums“. D.h. er ist mit dem Christentum groß geworden. Das heißt für Benjamin: Es gibt keine vom Christentum unabhängige Geschichte des Kapitalismus.

Und: An die Stelle des transzendenten Gottes tritt dann der Übermensch.

Nebenbei eröffnen sich interessante historische Belege für das „heilige Geld“ seit dem 19. Jahrhundert vor allem: es sind die Götter- bzw. Göttinnen – Darstellungen auf den Geldscheinen. Auf dem 50 Gulden Schein der herzogl. Landesbank von 1845 sind mehrere Götter abgebildet. Weit verbreitet sich auch Darstellungen von Fruchtbarkeitsgöttinnen auf Geldscheinen. Dies ist wie eine religiöse Verheißung an den Geldscheinbesitzer: Dein Geld bringt Glück. Und es weckt das Gefühl: Ich kann die Götter anfassen. Man wagte es damals nicht, den einen, den absoluten, monotheistischen Gott abzubilden, offenbar aus Angst vor Blasphemie Vorwürfen durch die Kirchenführer.

Was hat diese These Kapitalismus als Religion für Auswirkungen auf die traditionellen monotheistischen Religionen, etwa die Kirchen? Sie müssen, so glauben die meisten Kirchenführer, zum Überleben auf der zum Markt gewordenen Welt, selbst marktkonform sein. Das Gefühl ist allgemein: Religion muss etwas bringen, etwas bewirken, muss mir mein Funktionieren in der Welt erleichtern. Religion wird zum Ausdruck instrumentell agierender Vernunft.

Jetzt erleben wir die Phase des offenbar noch vollkommen ungefährdet herrschenden Kapitalismus. Wie lange wird das noch gelten angesichts der Krisen der Banken, der Milliardenkredite, die nicht den Menschen helfen, sondern den Bankmanagern und den (auswärtigen) Gläubigern?

Kapitalismus als Religion: Was nützt diese Erkenntnis für die Lebensorientierung heute? Darauf wie auf viele andere Fragen konnte unser Salon naturgemäß keine definitiven Antworten finden.

Die Frage bleibt: Kann man in der allmächtigen Religion des Kapitalismus überhaupt noch „unreligiös“ werden? Also zum  Atheisten des Kapitalismus werden?

Das Fragment „Kapitalismus als Religion“ wird uns im religionsphilosophischen Salon weiter beschäftigen. Weitere Themen wäre etwa das Wort Martin Luthers im Großen Katechismus „Worauf du dein Herz hängest… das ist eigentlich dein Gott“. Oder die Rede von der „unsichtbaren Hand“ der modernen Wirtschaft, die (angeblich, so Adam Smith) wie die göttliche Vorsehung den Wohlstand der Nationen befördert. Wer dem Konzept der unsichtbaren Hand folgt, der folgt einem Glauben. D.h. der Kapitalismus ist selbst auf einem Glauben basiert, er verlangt gläubige (und nicht rundum ein  rational begründete) Zustimmung. Weitere Themen sind: Ist politische Stabilität denkbar ohne das permanente Wachstum? Welches Wachstum wäre noch förderlich für die allmählich ausgeplünderte Erde? Was ist das für ein Menschenbild, das die Personen primär als Konsumenten anspricht und in der Werbung mit religiösen Begriffen arbeitet, wie „absolute“ oder Eternity oder himmlisch oder göttlich usw. Der Publizist Christoph Fleischmann weist in seinen Publikationen (empfehlenswert: „Gewinn in alle Ewigkeit“, Kapitalismus als Religion, Zürich 2010)  darauf hin, dass „die Messe vom Ort der Gottesoffenbarung zum Handelsplatz geworden sei, dass der Erlös die christlich verstandene Erlösung ersetzt“ usw. „Begriffe, Vorstellungen und Medien der alten Religion sind von der neuen Religion (dem Kapitalismus) okkupiert und umgedeutet worden (so Christoph Fleischmann in dem Aufsatz „Kapitalismus als Religion“ in „Blätter für deutsche und internationale Politik, 2007).

Für die nächste Zeit heben wir uns im Salon die Frage auf, ob oder auch wie der Kapitalismus in seiner Zwiespältigkeit (Fortschritt und Modernisierung vermittelnd und doch Unterdrückung schaffend) reformiert werden kann. Der „soziale Kapitalismus“ darf dabei wohl nicht als eine zusätzlich „aufgepfropfte Dimension“ künstlicher Art erscheinen. Vielmehr muss wohl an Hegels Rechtsphilosophie angeknüpft werden, in der Hegel die Sittlichkeit als die Basis aller Geschäftsbeziehungen geltend macht, so dass also von der sittlichen Freiheitsbasis aus der Kapitalismus zu reformieren wäre. Wegweisend ist hier das neue Buch von Axel Honneth, „Das Recht der Freiheit“, Suhrkamp, 2012.  Das Buch hat den bezeichnenden Untertitel: „Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit“-

Wir weisen auch auf die allgemein zugänglichen, inspirierenden Texte von Heribert Böttcher hin, er ist als katholischer Theologe Leiter der Pax – Christi – Arbeit in Trier.

Zum Fragment Walter Benjamins empfehlen wir die Aufsatzsammlung „Kapitalismus als Religion“, erschienen im Kulturverlag Kadmos Berlin, 2003. Herausgegeben von Dirk Baecker.

Der Soziologieprofessor Christoph Deutschmann wurde schon kurz erwähnt: Wichtig ist sein Buch „Die „Verheißung des absoluten Reichtums. Zur religiösen Natur des Kapitalismus“. Campus Verlag 2001. Es gibt auch  zahlreiche weitere Publikationen Deutschmanns zum Thema.

Sehr empfehlenswert ist auch die website zur Erforschung des Werkes Walter Benjamins: http://www.walterbenjamin.org/

Eintrag am 1.4.2013: Zu dem oben genannten Buch vom Robert Skidelsky und Edward Skidelsky. Wir bieten nur einige besonders wichtige Zitate:

Edward Skidelsky: „Wenn wir nach dem streben, was andere haben, wir aber nicht, dann liegt das im kapitalistischen System, das uns zur Jagd nach immer mehr verdammt. Der Kapitalismus gießt Öl ins Feuer des menschlichen Verlangens. Politik hat jeden Versuch aufgegeben, die Marktkräfte zu steuern“.

Und der Ökonom Robert Skidelsky ergänzt: „Unsere Politiker haben für die Zielbestimmung der Wirtschaft nichts anderes auf Lager als Wachstum, Wachstum,Wachstum. Derweil kassiert eine habgierige Plutokratie im Westen ab….. dass dieses ganze (kapitalistische) System von innen her moralisch verfault, spricht kaum einer aus…Die schwerreichen Banker und die Milliardäre sind alle Frankensteins auf ihre Art. Sie halten sich für unfehlbar. Sie glauben, sie seine unglaublich wertschöpferisch tätig, was schlicht nicht stimmt. In Wahrheit sind sie Gierhälse, viele von ihnen auch Betrüger. Wir verehren sie wie Götter, aber es es sind falsche Götter – moralisch, ökonomisch, politisch“.

Der Vorschlag des Ökonomen R. Skidelsky und des Philosophen E. Skidelsky heißt: Wir müssen persönlich und in Gruppen deutlicher an dem arbeiten, was GUTES LEBEN für uns heute bedeutet: z.B: Weniger Arbeit, weniger Gier, mehr freie Zeit, mehr Achtsamkeit, mehr Zeit fürs Nachdenken, auch mehr Zeit fürs philosophische Gespräch, für die Kunst, für die Religion. Wobei dieses „mehr“ nicht im Sinne des quantitativen Steigerns gemeint ist… Die Leitidee des guten Lebens, die uns schon mehrfach im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon beschäftigte (zuletzt auch über das Konzept des „buen vivir“ in Eciador und Bolivien) werden wir weiter besprechen. Warum kann ein religionsphilosophischer Salon sich nicht überhaupt unter das Motto stellen:“Für das gute Leben“?.

 

 

Copyright: Christian Modehn

 

 

Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen, die „lebenden Leichname“ und die Überflüssigen

Die Banalität des Bösen: Hannah Arendts Beitrag bleibt aktuell

Von Christian Modehn. Der Beitrag wurde noch einmal erweitert am 8.1.2013

Am 10. Januar 2013 startet der Kino Film „Hannah Arendt“ mit Barbara Sukowa., Regie: Margarethe von Trotta.

Für den Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ein Anlass, erneut zur Lektüre des Werkes von Hannah Arendt (1906 – 1975) zu ermuntern …zur Diskussion. Und dies aus mehreren Gründen:

In einem ihrer Hauptwerke, in „Vita activa“, (1958 in den USA, 1960 auf Deutsch erschienen) erinnert sie daran: Philosophieren sollte viel deutlicher als bisher das Geborenwerden, also den Anfang eines individuellen Lebens, in den Blick nehmen: Bis jetzt wurden viel stärker Sterblichkeit und Sein zum Tode innerhalb einer Ontologie und Anthropologie akzentuiert. Hannah Arendt schätzt in der „Geburtlichkeit“ die Chance, Neues und Unbekanntes, Einmaliges, hervorzubringen. Sie zeigt zudem, dass der Mensch ein aktives, und das heißt ein handelndes Wesen ist. Handeln meint, gemeinsam mit anderen an einem politischen Projekt zu wirken. Erst im Eintreten für das Wohl der Stadt, die „Polis“, verwirklichen die Menschen ihr Sein. Das politische Handeln („Praxis“) ist so etwas wie eine zweite Geburt des Menschen. Dieses aktive politische Handeln ist unterschieden vom Arbeiten und Bewerkstelligen.

Hannah Arendt legt Wert darauf, nicht (nur) als Philosophin (im „klassischen Sinne) zu gelten. Sie verstand sich ausdrücklich eher als Politikwissenschaftlerin, wobei selbstverständlich ihr origineller Blick auf politische Ereignisse und Politiker durchaus philosophische Prägungen (etwa durch die Methode der Phänomenologie) offenbart.

Dieser Blick, unverstellt und ohne ideologische Brille Phänomene zu sehen, wird etwa wirksam in ihrer Beobachtung des Prozesses gegen Eichmann in Jerusalem 1961. Ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ trägt den – gleich nach der Veröffentlichung höchst umstrittenen – Titel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“.  Damit wollte Hannah Arendt – entgegen vielfacher und tief verletzender Polemik – gerade NICHT den Völkermord an den Juden durch die Nazi Herrschaft als banales Geschehen darstellen. Sie wollte lediglich betonen: Einer der Hauptakteure der Vernichtung, Adolf Eichmann, sei eigentlich nicht ein unbeschreibliches Monster oder ein undefinierbarer Teufel oder sonst etwas Mysteriös – Bedrohliches! Sondern Eichmann ist ein banaler Durchschnittstyp, ein auf Gehorsam und Befehle empfangen und Befehle geben fixierter Bürokrat.

Dieser Täter (und andere in der SS Führung) ist banal, und wegen dieser Alltäglichkeit gerade beschreibbar und verstehbar und auf seinem Weg zum Schreibtischtäter nachvollziehbar. Nur wer das Böse „banalisiert“, also in den Alltag des Gewordenseins stellt, kann das Böse auch möglicherweise überwinden oder einschränken. Es müssen die Wege und Stufen beschrieben werden, die einen Menschen langsam zum Schreibtischtäter werden lassen. Das ist Hannah Arendts überzeugendes Argument! Die beispiellosesten Verbrechen der Menschheit werden von den gewöhnlichsten Leuten begangen. Die Philosophin Susan Neiman (Direktorin des Einstein Forums in Potsdam) hält in ihrem Buch „Das Böse denken“ zu recht die Studie Hanna Arendts zur „Banalität des Bösen“ für den wichtigsten philosophischen Beitrag zum Problem des Bösen im 20. Jahrhundert (Neiman, Seite 397, Suhrkamp). 1988 schrieb Ingeborg Bordmann (in: Freibeuter, Heft 36, 1988, S. 86): „Hannah Arendt versucht nicht, Eichmann zu entlarven, also eine verborgene Wahrheit hinter seinen Worten zu finden, sonden sie achtet darauf, wie Eichmann sich verhält, wie er redet, wann er stockt, verstummt oder in plötzliche emphatische Selbstdarstellung verfällt….Er erinnert sich nur an die Situationen, die mit den Wendepunkten seiner Karrriere zusammenfallen“. Eichmann lebt in einer geschlossenen Welt, seine „standardisierten Ausdrucks- und Verhaltensweisen sind nicht korrigierbar durch den Kontakt mit der Realität… Sein Gewissen ist systemkonform“. Hannah Arendts Eichmann Buch ist ein Bekenntnis zur Freiheit des Menschen. Und dieser menschliche Mensch besitzt eigentlich und immer die Fähigkeit, sich zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Bei Eichmann ist diese Fähigkeit der Verantwortung aber in einem langen Prozeß der Indoktrination von autoritären Verhaltensvorschriften Schritt für Schritt getötet worden. Das ist das eigentlich Böse an dieser Gestalt, dass diese Form des Absterbens von Verantwortung und Freiheit eigentlich immer wieder (bei allen Menschen) passieren kann. Das banale Böse ist in Hannah Arendts Sicht eigentlich wiederholbar. Denn es wütet, so ihr Bild, als das extreme Böse „wie ein Pilz auf der Oberfläche, der sich rasant verbreiten kann, wenn man den Pilz nicht ausreißt“, so Hannah Arendt in einem Brief an Gershom Scholem(vgl. Fn. 10 bei Ingeborg Normann, S. 94). Und Hannah Arendt geht noch weiter: Nicht die Zuverlässigen, die Treuen, die Stützen und gehorsamen Bürger sind diejenigen, die dem moralischen Zusammenbruch widerstehen. „Viel verläßlicher sind die Zweifler und Skeptiker, … weil sie daran gewöhnt sind, Dinge zu prüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden…“(S. 92 in Freibeuter)

Und dieser Banalität des Bösen in Form der „Schreibtischtäter“ begegnen wir heute vielfach, in der Kriegsführung, etwa im Einsatz von Drohnen, die ferngesteuert Bomben abwerfen und „eben“ zahllose „Kollateralschäden“ unter der Zivilbevölkerung bewirken. Oder im völlig verantwortungslosen Handeln gewisser Banker, die um ihres egoistischen Profits willen eine ökonomische Katastrophe und damit Schaden für Millionen Menschen in Kauf nehmen: immer sind es brave, ängstliche Männer, die die eigene Karriere für absolut vorrangig halten vor allen ethischen Verantwortlichkeiten…

Ein prominenter Schüler Hannah Arends ist Richard Sennett. In seinem Buch „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ geht es ihm darum aufzuweisen, wie die neue Kultur, die von der New Economy der 1990er Jahre ausgeht, zu tief greifenden Veränderungen auf gesellschaftlicher und individueller Ebene führen. Sennett betont: Man muss darauf hinweisen, dass heute in der Ökonomie und Politik weltweit Massen sozusagen nutzloser Menschen „erzeugt“ werden, man denke heute an junge Arbeitslose zu Millionen in Spanien, Griechenland, Portugal usw. Oder an „Überflüssige“ in den Slums der Großstädte Aftikas und Asiens… Das kapitalistische System erzeugt förmlich permanent die überflüssigen Menschen, die zudem auch wissen, dass sie niemand braucht und vom System noch mit einer Minimalunterstützung manchmal noch gerade am Überleben erhalten werden. Für Hannah Arendt stellten diese überflüssigen Menschen sozusagen die Basis dar, aus der die Mörderbande der Nazis ihre „Mitstreiter“ holten. Eine so genannte demokratische Gesellschaft und ein Staat, die ständig immer mehr „Nutzlose“ erzeugen, gefährden ihre eigene Zukunft.  Auch das ergibt sich aus einer Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Werk. In ihrem Buch „Elemente und Ursprung totaler Herrschaft“ (1951) zeigt sie ausdrücklich, wie „der irrsinnigen Massenfabrikation von Leichen die historisch und politisch verständliche Präparation lebender Leichname vorangeht“. (S. 686, Serie Piper). Damit meint sie: Die lebenden Leichname wurden „produziert“ vom Gesellschaftssystem, es sind die „Millionen Heimatlosen, Staatenlosen, Rechtlosen , wirtschaftlich Überflüssigen und sozial Unerwünschten“ (ebd.). Das totalitäre System des radikal Bösen konnte sich also nur entwickeln, weil so viele „überflüssige“ Menschen „produziert“ wurden. Denn auch die Henker und Täter fühlten sich als Nihilisten, sie lebten in dem Gefühl, dass ihr Leben sinnlos und überflüssig ist. Hannah Arendt warnt: Totalitäre Systeme können wieder „auftreten, wenn wieder hingenommen wird, dass es viele „überflüssige Menschen“ eben geben darf… Die einzige „Therapie“ zur Rettung der wahren Demokratie ist für Hannah Arendt das aktive Leben, also das bewusste kritische und selbstkritische Handeln mit und für die Stadt, die Polis und die Gesellschaft. Wer das aktive Leben meidet, das Engagement gegen die Produzenten der „lebenden Leichen“, verfehlt sein eigenes Leben. So radikal ist die Botschaft Hannah Arends heute.

Über den neuesten Film (2013) von Claude Lanzmann über Rabbiner Murmelstein klicken Sie bitte zu einer ersten Information hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.