Evangelikale sind ein politisches Problem!

Ein Hinweis von Christian Modehn.

Wenn wenigstens 3 oder 4 Millionen Evangelikale in den USA als Wähler von Trump sich ihrer kritischen Vernunft bedienen würden, könnten sie Trump, den Psychopathen, bei den Wahlen 2020 verhindern. Sind sie dazu bereit um des Friedens willen? Oder siegt bei ihnen wieder mal die Bindung an fromme Sprüche?

Dieser Hinweis versteht sich auch als Aufforderung, endlich viel umfassender die Evangelikalen und Pfingstler wahrzunehmen und kritisch zu studieren und diese Studien weit zu publizieren. Damit die Öffentlichkeit begreift, was heute fundamentalistische christliche Kirchen, also Evangelikale und Pfingstler, für einen politischen Schaden anrichten! Der christliche Glaube gerät durch diese sehr einflussreichen Kreise wieder in den Ruf, Opium des Volkes zu sein.

Der Religionsphilosophische Salon Berlin warnt schon seit einigen Jahren vor den politischen Gefahren der evangelikalen Kirchen und Bewegungen. Das ist eine philosophisch notwendige Form der Religionskritik. Ich bin bekanntlich nicht der einzige, der evangelikale Kirchen, Gemeinden oder evangelikale Vereine etc. für politisch gefährlich hält.
Maßstab auch dieser Religionskritik kann nur die sich kritische reflektierende Vernunft sein, die der Erklärung der Menschenrechte verpflichtet ist. Ein Maßstab aus der Dogmatik einer bestimmten Religion oder Kirche kann also gar nicht in Frage kommen.

1.
Privat und in ihren Gottesdiensten können Evangelikale selbstverständlich sagen, singen und lehren, was ihnen alles so einfällt. Sollen sie doch privat die Bibel lesen als einen journalistischen, exakten Tatsachenbericht, sollen sie doch privat jeden Bibel-Vers wortwörtlich deuten. Dass diese naive Lektüre alles andere als theologisch angemessen und klug ist, dies ist ein anderes Thema. Zumal jeder, der jeden Vers der Bibel wörtlich liest, also auf die angemessene historisch-kritische Forschung am Bibeltext verzichtet, in vielfache intellektuelle und persönliche Widersprüche gerät. Aber wer mit solchen intellektuellen Widersprüchen in seiner Privatsphäre zurecht kommt, kann das tun.
Ich habe also nichts gegen Leute, die in privaten Zirkeln die Erde als eine Scheibe feiern oder glauben, die Erde sei von einem Vater-Gott im Himmel in sechs Tagen erschaffen worden.
2.
ABER: Diese Gruppen und Kirchen sollen diesen Glauben nur für sich behalten. Er darf niemals die Welt, die Gesellschaft, den Staat gestalten und schon gar nicht bestimmen. So, wie die Zeugen Jehovas ihre sehr umstrittene Bibel-Deutung für sich behalten. Sie kommen gar nicht auf den Gedanken, etwa Gesetze im Bundestag vorzuschlagen, die dann festlegen: Wer denn zu den 144.000 Gerechten und himmlisch Geretteten gehören darf; dies ist ja bekanntlich ein Lieblingsthema der Zeugen Jehovas. Sie behalten diese Meinung freundlicherweise für sich. So wie die Christian Science, die Gemeinschaft „Christliche Wissenschaft“, ihre esoterische Überzeugung von Heilung und Gesundheit nicht für die ganze Gesellschaft und als staatliches Gesetz fordert! Und das ist gut so.
3.
Aber die Evangelikalen, die sich im Umfeld der protestantischen Kirchen ansiedeln und oft Bündnispartner unter den ebenso sehr zahlreichen Pfingstgemeinden haben, diese Evangelikalen aber wollen Staaten und Gesellschaften in ihrem Sinne bestimmen. Und sie tun das. Und zwar mit aller medialen Energie. Dass es auch einige verstreute „linke“, selbstkritische Evangelikale geben mag, soll nicht bestritten werden. Aber die große Hauptströmung der Evangelikalen (ca. 330 Millionen Mitglieder im Jahr 2019) formuliert aus ihren eigenen Glaubensüberzeugungen und naiven Bibellektüren auch politische Maximen. Diese vielen Millionen evangelikaler Christen wollen mit ihrer Denkform letztlich herrschen, natürlich auch über andere und Andersdenkende.
4.
Evangelikale und Pfingstler finden etwa in den USA ihre mächtigen Gönner und Freunde, vor allem in Millionärs- und Milliardärs Kreisen. Diese neigen bekanntlich zu einer absoluten Verteidigung ihres für sie selbst schon kaum noch überschaubaren, aber heiligen „Privat-Eigentums“. Denn nichts ist angenehmer für Ultrareiche, als sich mit dem schönen Schein von bloß verbal bezeugter Frömmigkeit zu schmücken, aus der aber keine sozialen Verpflichtungen folgen. Im Gegenteil, diese Evangelikalen und Pfingstler sagen: „Wenn du reich bist, ruht der Segen Gottes auf dir“. Diese Kirchen(führer) verbreiten also ihre inzwischen fest etablierte „Theologie des Wohlstandes“ („Prosperty Gospel“). Diese Theologie wirkt sich oft aus als Verhinderung des sozialen Wandels und der politisch-ökonomischen Strukturreformen. Evangelikale sind aber politisch gesehen noch viel gefährlicher, weil sie nicht nur die Innenpolitik, die Öko-Politik und die Kulturpolitik (wie in Brasilien jetzt unter Bolsonaro) prägen und mitbestimmen, sondern auch die Außenpolitik, etwa in den USA.
5.
Diese Zusammenhänge werden jetzt einmal mehr in den USA deutlich, dort sind die Hochburgen evangelikalen und pfingstlerischen Agierens und massiven missionarischen und propagandistischen Werbens und Einfluss Nehmens! Darauf weist jetzt Malte Lehming in einem Beitrag des „Tagesspiegel“ (vom 30.1.2020, Seite 6) hin. Er zeigt, dass Präsident Trump von evangelikalen Ratgebern umgeben ist: Etwa von Paula Michelle White-Cain, die spirituelle Beraterin von Trump. Sie soll Trump die Wiederwahl zum Präsidenten 2020 im evangelikalen Milieu sichern! Dass diese Dame dreimal verheiratet war, stört die frommen US – Evangelikalen nicht. Sie hassen ja nur die Homosexuellen! Erwähnt werden muss auch der sehr einflussreiche Pastor Robert Jeffress, ein treuer Freund von Trump!. Dass der Vizepräsident Mike Pence und Minister Pompeo nicht nur „stramm“ evangelikal, sondern auch noch Mitglieder der politisch gefährlichen Bewegung „Christians United For Israel“ (CUFJ) sind: Diese CUJF zählt in den USA 8 Millionen Mitglieder. Diese Pro-Israel Christen geben sich lautstark als pro-jüdisch, aber dies aus dem christlichen Motiv: Dass das „Tausendjährige Reich Jesu Christi“ endlich komme, wie sie es in ihrem wörtlichen Bibelverständnis des NT, vor allem aus dem Buch der Johannes-Apokalypse, erschließen: Demzufolge wird Christus dieses tausendjährige Reich erst dann schaffen, wenn er in Jerusalem aus dem Himmel herabsteigen und wieder wirken kann: Dafür aber darf Jerusalem bzw. der Staat Israel in irdischer Form nicht mehr vorhanden sein. Diese angebliche Bekräftigung, die Liebe zu den Juden und zum Staat Israel steht also im Dienst so genannter christlicher Prinzipien. Letztlich denken diese Kreise: Israel wird verschwinden, darum fordern sie auch die Juden – Mission, so wollen sie in ihrem Wahn Raum schaffen für die Wiederkunft Christi! Dieses lyrische Symbol der Wiederkunft Christi verstehen sie selbstverständlich, naiv wie immer, als Faktum! Und Präsident Trump folgt dieser Linie, er braucht ja Wähler 2020! Trumps sehr anstößige, maßlose, Frieden verhindernde Vereinbarung mit Netanjahu am 28.1.2020 gehört auch zu dieser religiösen Ideologie. Vorausgegangen war ja bekanntlich die offizielle Verlegung der US Botschaft in Israel nach Jerusalem. Man lese dazu die Studie des Religionswissenschaftlers Prof. Hans G. Kippenberg (Bremen-Erfurt) „Außenpolitik und heilsgeschichtlicher Schauplatz. Die USA im Nahostkonflikt“ in dem Buch „Apokalyptik und kein Ende“, Göttingen 2007. Auf Seite 290 zitiert Kippenberg entsprechende kritische Äußerungen von jüdischen Forschern zu diesem sich pro-Israel gebenden Konzept, das tatsächlich aber verdeckt antisemitisch ist. Siehe auch meinen Beitrag über die Johannes Apokalypse. LINK.
6.
Diese Lehre von der Wiederkehr Christ in Jerusalem wird also wortwörtlich, „einfach so“, aus einem Buch des 1.Jahrunderts ins 21. Jahrhundert übertragen! Wer gegen solchen Unsinn protestiert, wird von Madame White-Cain verurteilt: „Die Gegner von Trump (also die Demokraten im weitesten Sinne) gehören einem dämonischen Netzwerk an, das im Namen Jesu zerschlagen werden muss. Es ist der Wille Jesu Christi, dass Trump Präsident ist…“ (siehe Tagesspiegel, a.a.O).
7.
Evangelikalen/Pfingstler kämpfen, nicht nur in den USA, letztlich gegen die UN Erklärung der Menschenrechte, etwa gegen die Gleichheit aller Menschen. Sie kämpfen also gegen die Anerkennung homosexuellen Lebens und Liebe und der Ehe von gleichgeschlechtlichen Partnern; gegen Abtreibung. Sie wollen einen anderen, nämlich biblischen Biologieunterricht, der die Evolutionslehre ausschließt usw. Und fast alle Frommen, auch sehr viele Katholiken natürlich, fallen weltweit darauf rein, den Kampf für das ungeborene Leben wichtiger zu finden als den Kampf für das leidende, hungernde, aber geborene Leben der Milliarden arm gemachter Menschen zu kämpfen.
8.
Der Beweis ist längst da: Die US Politik unter Trump ist auch evangelikal gesteuert, selbst wenn Katholiken wie Steve Bannon noch etwas in diesem Milieu mitmischen: Er denkt aber in vielen Fragen, zumal, was das zu fördernde Ende der Welt angeht, grundsätzlich nicht anders als die Evangelikalen.
Selbst Spuren von Religiosität wurden bei Trump im Wahlkampf 2016 nicht wahrgenommen, so Vittorio Hösle in seinem neuen empfehlenswerten Buch „Globale Fliehkräfte“, Freiburg 2019, S. 89. Bei den weißen Evangelikalen wählten 81 % Trump, im Mäz 2018 hatten 75 % der weißen Evangelikalen ein positives Bild von Trump, so Vittorio Hösle, der als Philosoph in den USA lehrt. Er schreibt: „Vermutlich ist der betont antirationalistische Zug der evangelikalen Theologie, das Gefühl, die Wendung im eigenen Herzen könne von der Welt sowieso nicht verstanden werden und sie transzendiere alle Vernunft, für diese politische Orientierung mitverantwirtlich“ (S. 89)
9.
In früheren Hinweisen des religionsphilosophischen Salons wurde daran erinnert, dass jetzt in Brasilien unter Bolsonaro auch Evangelikale und Pfingstler an der Macht sind. Dass in Afrika, etwa in Nigeria, die Pfingstkirchen eine Art florierender Staat neben der schwachen Regierung bilden, in Guatemala oder auch Honduras kam es unter evangelikalen Präsidenten zu heftigen Verfolgungen und Ausrottungen der Indigenas usw. Das alles taten die Evangelikalen dort mit Unterstützung der USA, das alles ist längst erwiesen.
Selbst in Holland vertreten einige Evangelikale heute antidemokratische Positionen, etwa in Fragen der völligen Gleichberechtigung von Homosexuellen. Die freisinnigen und liberalen Kirchen wehren sich gegen diesen aus den USA importierten Wahn.
10.
Man sollte endlich wahrnehmen: Bestimmte Traditionen bestimmter christlicher Kirchen sind politisch gefährlich: Es gibt ideologisches Gift im Christentum. Ist Gottesdienst wirklich nur ein Halleluja Singen und eine Art von Tralala und ein gehorsames Lauschen auf stundenlange Monologe der „Prediger“, die danach heftig um Spenden bitten? Warum lassen sich so viele Leute von den Sprüchemachern, den so genannten „Evangelisten“, berieseln? Bisher haben viele Beobachter diesen „Fundamentalismus“ eher in extremen muslimischen Kreisen allein gesucht oder in konservativen katholischen Gruppen, wie dem Opus Dei oder in den so genannten neuen geistlichen Gemeinschaften, wie dem Neokatechumenat oder den Legionären Christi. Meine Hinweise hier sind der Kürze wegen eher allgemein, sie wollen nur sehr deutlich einen gefährlichen Trend beschreiben und philosophisch bewerten.
11.
Es wird also endlich Zeit, dass eine breite Öffentlichkeit viel stärker die Entwicklung der Evangelikalen und Pfingstler beobachtet, studiert und mit ihnen, falls möglich, in ein kritisches Gespräch tritt.
Eine Frage könnte dann sein: Wovor haben Sie so diese schreckliche Angst, dass Sie sich als Evangelikale so heftig, man möchte sagen neurotisch, an die Buchstaben eines uralten Textes klammern und nicht vertrauen, dass auch die Vernunft diesen Text erschließen kann. Glauben diese Kreise im Ernst, dass eine Bibeldeutung wider alle Regeln des vernünftigen Verstehens die grundlegende Sicherheit im Leben gibt? Sicherheit im Leben gegen alle Vernunft! Das ist ein altes Thema, ein alter Irrtum der Theologie schon in früheren Jahren, man denke an Kierkegaard oder an die frühe dialektische Theologie von Karl Barth. Ist denn das kritische Denken, ist denn die Vernunft nicht auch von Gott gegeben, wenn man es mal klassisch theologisch sagen will? Warum glauben Evangelikale nicht wirklich umfassend an eine gute Schöpfung des ganzen Menschen, also auch der göttlichen Gabe der Vernunft? Ihren Verstand setzen diese Kreise ja ständig ein, wenn es darum geht, Geschäfte zu machen, die Medien zu bedienen…
Sie argumentieren ja auch auf ihre Weise, wenn sie ihre Lehre politisch einsetzen, siehe Trump, siehe Bolsonaro…
12.
Im Grunde müssen einem die „einfachen“ Mitglieder dieser Evangelikalen Kirchen, die Mitläufer, leid tun: Sie brauchen offenbar schon aufgrund ihrer oft miserablen gesellschaftlichen und ökonomischen Stellung dieses religiöse Opium, das ihnen die (oft äußerst wohlhabende) Führer und Prediger einreden.
Was kann umfassende Aufklärung wirklich noch leisten, wenn die sozialen und politischen Verhältnisse so bleiben, wie sie sind? Und also „Evangelikale förmlich erzeugen. Religiöser Wandel steht in dialektischer Beziehung zu gesellschaftlichen und ökonomischen Reformen.
13.
Man kann gespannt sein, ob und wie die Evangelikalen in Deutschland und ihre Sprecher, Pastoren, auf diese Entwicklung ihrer „Glaubens-Geschwister“ etwa in den USA und Brasilien kritisch reagieren.
14.
Befreiung vom evangelikalen Glauben
Auch dafür gibt es immer wieder überraschende Berichte. So berichtet der Soziologe Philip Francis in seinem Buch „When Art Disrupts Religion“ (Oxford University Press 2017), dass ein Mann, der etliche Stunden Werke des Künstlers Rothko betrachtet hatte, von seiner evangelikalen Weltanschauung befreit wurde. Der Mann sagte:“Ich saß fünf Stunden lang da, und alles (Evangelikale) löste sich auf“. Evangelikale würden das wohl ein Wunder nennen? Und man wünscht sich mehr solcher Wunder.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin