Der Kampf um die Anerkennung. Erste Hinweise zu Hegel beim Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 30.10.2015

Der Kampf um die Anerkennung. Erste Hinweise zu Hegel beim Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 30.10.2015

Von Christian Modehn

Das Thema „Herr und Knecht“ bei Hegel hat in der weiteren Philosophie (u.a. Karl Marx) wie in der Literatur (etwa Bert Brecht) eine herausragende Rolle gespielt. Hegels Überlegungen können auch heutige Verhältnisse klären…Sie zeigen und das ist der zentrale Punkt: Es ist der Knecht, der trotz und wegen seiner untergeordneten Stellung das entwickeltere Selbst-Bewußsein sich „erobert“, der den Herrn auch als Individuum wahrnehmen kann, der bewusstseinsmäßig weiter ist als Herr und der als Knecht die Herr-Knecht-Beziehung aufbrechen und verändern kann. Zu einer Anerkennung der Menschen als gleichberechtiger Menschen, die gemeinsam an der Vernunftteil haben.Das ist das Ergebnis der Ausführungen Hegels.

Im einzelnen geht es Hegel um die Beschreibung der Dialektik an einem idealtypischen Verhältnis:

Der Herr ist in seiner Ich-Fixiertheit gar nicht in der Lage, den Knecht als Menschen wahrzunehmen. Er sieht ihn eher als Ding. Zu wahrer Menschlichkeit im Sinne von Respekt vor dem anderen wird der Herr durch den Knecht geführt.

Der Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung ist im Sinne Hegels ein Kampf auf Leben und Tod. Nur der wird den Respekt erlangen, der den eigenen Tod wagt, betont Hegel. Freiheit muss errungen werden. Und Tod muss ja nicht immer als physisches Ende verstanden werden, sondern auch als Zustimmung zu einem einschränkenden Lebensentwurf, in dem es keine Freiheit gibt.

Das Motto Hegels könnte sein: „Die Menschen müssen sich ineinander wieder finden wollen“ (Enzyklopädie III, 220, § 431). Das heißt sich als gleichwertige Teilhaber des einen universalen Geistes anerkennen.

Und Hegel fährt fort: „Dies kann aber nicht geschehen, solange die Menschen in ihrer Unmittelbarkeit, in ihrer Natürlichkeit (also in ihrem Egozentrismus), befangen sind. So können die Menschen nicht als freie Menschen füreinander sein. Denn diese Natürlichkeit ist es, dass die Menschen nicht als freie für einander da sein können“,

Mit dem Thema, „Herr und Knecht“ als Kampf um Anerkennung, hat sich Hegel schon sehr früh, etwa in Jena 1802, dann in der „Phänomenologie des Geistes, 1807, befasst, bis hin zu den Vorlesungen über die „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ (noch einmal in den Vorlesungen 1830).

Das Thema der Herrschaftsüberwindung war damals schon philosophisch und politisch en vogue: Fichte hatte erkannt: Es gibt eine Wechselseitigkeit der Aufforderung: Dass ich frei sein will UND die Begrenzung meiner Freiheit durch den anderen als Bedingung meiner Freiheit respektiere, siehe Fichte: „Grundlage des Naturrechts“ 1796. Das sind eher abstrakte Überlegungen, die aus der Reflexion auf die Ich-Struktur allein zustande kommen.

Anders denkt Hegel: Er verortet das Anerkanntwerden der Menschen in der konkreten Geschichte. Er weiß, dass die Anerkennung des anderen ein Kampf ist, ein politischer Kampf, der einst stattgefunden hat, nun aber im Staat mit den Gesetzen ein gewisses Ziel erreicht hat. Hegel hat die Französische Revolution als das tiefste und einschneidende Ereignis seiner Gegenwart gedeutet. Und er kannte den Sklavenaufstand in Haiti und die Gründung der ersten „Schwarzen“ – Republik 1804. Die Philosophie wollte ihre eigene Zeit in Gedanken fassen, das versucht er bei unserem Thema. Wobei er durchaus seine intellektuellen Grenzen hatte, und von Schwarzen nicht gerade immer wohlwollend sprach.

 Ich fasse einige Gedanken aus der Enzyklopädie, Band III, zusammen: § 431:

Zwei Subjekte sind da, sie sind jeweils noch nicht entwickeltes Selbstbewusstsein. Aber in ihrem Wesenskern als an sich seiende geistvolle Menschen ist Wahres angelegt. Die Menschen sind nicht bloß natürlich, also nicht selbst bewusste Wesen, sie können ein Selbstbewusstsein, ein Sich als Individuum wissen, erwerben. Und sie begreifen sich als freie Wesen erst nach einem langen Prozess.

Frei bin ich, wenn ich in gewisser Weise (als Geistwesen wie der andere) identisch mit dem anderen bin, wenn der andere frei ist wie auch ich frei bin.

Beide sind in ihrer wechselseitigen Freiheit vereint.

Die Menschen sind innerlich in der Freiheit verbunden. Wenn man sich nur sieht als bedürftiges Wesen, als Not leidendes Wesen sieht, dann ist die Beziehung zu dem anderen nur äußerlich, noch nicht geistig, noch nicht als einander zu Freiheit herausrufend. Wenn ich dem anderen nur helfe, mitleidig, sehe ich ihn noch als Objekt. Es kommt darauf an, als freie Menschen für einander frei als gleichberechtigt dazusein. Die Natürlichkeit, also den nicht selbstbewussten, noch unfreien Zustand, kann ich nur überwinden im Kampf.

Nur durch Kampf kann Freiheit erworben werden, dieser Kampf um die Freiheit kann die Gefahr (!) des eigenen und des fremden Todes einschließen. Es gilt also um der Freiheit willen das Leben zu riskieren.

Es geht darum, sich in die Gefahr des Todes zu bringen, also alles zu riskieren, um die Freiheit zu gewinnen, also alles zu wagen, letztlich auf alles zu setzen: Dann erlangt man die Freiheit.

§ 432

Aber der wirkliche Tod des anderen kann gar keine Freiheit der Anerkennung mehr bringen. Die Anerkennung muss also geistig geschehen. Indem man einander als Geistwesen anerkennt. Dieser Kampf auf Leben und Tod findet in der bürgerlichen Welt, im Staat, in dieser Weise nicht mehr statt, mein Hegel, jetzt gibt es vernünftige Gesetze, die das Miteinander der Freiheit regeln.

§ 433

Die wahre Entwicklung zum Selbstbewusstsein macht der Knecht durch. Der Knecht bezieht sich schon auf den Herrn, er nimmt ihn als solchen ernst, zwar noch in der Position der Unterdrückung. Aber der Knecht sieht schon über seinen eigenen engen Horizont der eigenen Einzelheit hinaus. Indem er auch auf den Herrn schaut, arbeitet er sich hoch zu einem wahren Selbstbewusstsein „hoch“. Der Knecht überwindet das Auf-sich-selbst-Fixiertsein, das den Herrn noch bestimmt. Hegel meint: Man muss seine eigene Selbstsucht nichtig finden, als nur auf sich fixiert sein, darum ist der Knecht auf dem Weg der Freiheit. Der Knecht, der Unterlegene, ist also im dialektischen Fortgang der Stärkere.

§ 435 Der Herr bleibt in seiner Selbstsucht befangen.

Ziel dieser Bewegung zwischen Herr und Knecht, dass beide sich als freies vernünftiges Selbstbewusstsein anerkennen. Als Geistwesen, als Menschen, die den gemeinsamen Geist haben in ihrer jeweiligen Individualität.

Damit ist ein Weg beschritten, der zur Überwindung der Einzelheit führt und hin zur Vernunft, die auch im anderen den Geistvollen Menschen sieht. Auch der Herr muss erkennen, dass er seinen egoistischen Willen dem allgemeinen vernünftigen Geist unterwirft.

Der Knecht führt den Herrn zur Freiheit Siehe III., § 436, S. 227.

„Wer für die Erringung der Freiheit das Leben zu wagen, den Mut nicht besitzt, der verdient es, ein Sklave zu sein“ (§435 Zusatz).

Der Kampf kann beendet werden, wenn beide Seiten, die ja nun das Selbstbewusstsein gefunden haben, aufhören, ihre jeweiligen „Rollen“ aufgeben und aufhören eben „Herren“ und „Knechte“ zu sein. Wenn also als neue Menschen aus diesem Prozess hervorgehen.

Hingegen gibt es historisch gesehen immer wieder Entgleisungen in diesem Prozess des Wandels: Der Knecht kann dann der (neue) Herrschende werden und die Rolle des Herrn übernehmen. Dann beginnt die fatale Entwicklung von neuem, es gibt wieder neue Herren und neue Knechte. Diese möglicherweise ständige Wiederholung gilt es zu beenden. Indem beide anerkennen: Wir sind beide gleichwertige, vom gemeinsamen Geist geprägte Wesen, Personen. Wir wollen vernünftig, d.h. geistvoll mit einander leben, im Wissen, dass wir beide Teil haben an demselben universalen Geist, der die Menschheit als Menschheit und letztlich die Welt im ganzen auszeichnet.

Entscheidend ist nun im Blick auf die Flüchtlinge in Europa, in Deutschland, heute:
Es gibt immer noch die Herren, die gerade aus der Nichtanerkennung der anderen, der Sklaven, leben; das gilt für die Verbrecher-Politiker in den arabischen Ländern selbst, aber auch für jene, eigentlich human gesinnten Politiker, die diesen Zustand der Sklaverei in bestimmten Ländern der arabischen Welt oder der „3.Welt“ einfach hinnehmen, weil dieser Zustand den Europäern ökonomischen Vorteil bringt.

Nun brechen sehr viele Oppositionen, „Knechte“ aus diesen Ländern nach Europa auf. Europa weiß selbstverständlich, dass es selbst an dieser Fluchtbewegung mitschuldig ist, indem man eben die Verbrecher-Regierungen in den genannten Ländern aus ökonomischen Profitstreben gewähren ließ und gewähren lässt. Beispiele sind auch Waffenlieferungen aus Europa in diese Verbrecherstaaten.

Jetzt sind also die Opfer, die Knechte, eben als Flüchtlinge aus diesen Ländern, Syrien, Irak usw. bei uns. Gilt dann jetzt hier weiter die Haltung: Ich, der Europäer, bin der Herr, ihr, die Opfer und Flüchtlinge, ihr seid die Knechte. Also die Minderwertigen, über die ich Europäer bestimme und verfüge. „Ich gebe euch Taschengeld, ich lasse euch in Zelten frieren, ich verfüge, wohin ihr geschickt werdet“ usw.

„Ich bin ich, und ich bleibe ich; und die anderen sind eben die anderen, die Fremden, die Minderen“. Ist das die Haltung, die Devise der Herren in Europa?

Genauso abwegig wäre die andere Haltung der Flüchtlinge, der Knechte: Wir mit unserem Glauben (etwa Islam) wollen herrschen und werden eines Tages herrschen als die neuen Herren. Wir haben recht, unsere Religion ist die einzig wahre usw. Solche Positionen haben keine Wahrheit und kein politisches Recht. Toleranz ist das Mindeste.

Wird also der Kampf um die Herrschaft auch hierzulande weitergehen? Wird es immer weitergehen, auch unter veränderten Strukturen, mit der Herrschaft und Unterdrückung?

Hegel lehrt uns und damit die allgemeine Einsicht der Vernunft: Der Prozess des Respekts muss beginnen, der Prozess der wechselseitigen Anerkennung. Also Aufgabe der Herrschaftsgesten der „Herren“ (Europäer) und Sich Einlassen auf die neue Kultur der Gastgebenden Länder als der neuen Heimat der Flüchtlinge.

Es kommt also, Hegel folgend, auf die Veränderung des Bewusstseins im Miteinanders des nun ehemaligen Herrn und des nun ehemaligen Flüchtlings an.

Die Dialektik legt frei: Wir werden im Prozess des veränderten Selbstbewusstseins zu anderen; wir wandeln unsere alte, selbstverständliche Rolle und Identität.

Wir werden neue Menschen, können und sollten jedenfalls neue Menschen werden, wenn wir nicht die alte Welt der Unterdrückung bequemer finden als die eigene Freiheit und Verantwortung für sich und andere.

Noch ein Hinweis zur historischen Genese des philosophischen Motivs „Herr und Knecht“ bei Hegel:

Es geht um die Erkenntnis der Tatsache, dass Hegel schon von den Aufständen der Schwarzen in Haiti und der Gründung der „Schwarzen EX-Sklaven“ Republik Haiti (als erste Republik der „Schwarzen“ seit dem 1.1.1804 unabhängig) gehört hatte. Dafür bietet das überaus spannende und lehrreiche Buch „Hegel und Haiti“ der us-amerikanischen Philosophin Susan Buch-Morss viele Belege. (erschienen auch bei Suhrkamp, 2011, 16 €).

Aus der Geschichte des Befreiungskampfes der Schwarzen Sklaven auf Haiti nur kurz einige Stichworte: Haiti war damals die wichtigste Kolonie Frankreichs, mit Unmengen an Zucker und Kaffee, die von dort durch Sklavenarbeit nach Europa kamen.

Der Hauptakteur der Schwarzen Befreiung war Toussaint L-Ouverture. 1791 organisierte er die Revolte. Dabei spielte die Religion der schwarzen Sklaven aus Afrika, der Voodou, eine zentrale Rolle. „Lauscht der Stimme der Freiheit, die in unser aller Herzen spricht“ , sagten Voodou Priester in Haiti.Erstaunliche Worte aus dem Voodou.

Die Französische Revolution hatte – nicht zuletzt durch den entschiedenen Einsatz des Demokraten, des katholischen Priesters Abbé Grégoire, die Sklaverei abgeschafft. Das hörten die Sklaven in Haiti.

1794 wurde von Ihnen erzwungen, die bereits nun de facto bestehende Abschaffung der Sklaverei in Paris anzuerkennen.

So konnten die freigelassenen Sklaven auf französischer Seite gegen die Engländer kämpfen.

Napoléon wollte die Abschaffung der Sklaverei auf Haiti rückgängig machen, er holte den Schwarzen Führer Toussaint nach Frankreich … und kerkerte ihn ein. Er starb in Frankreich.

Jedoch der Kampf gegen Napoléon ging auf Haiti weiter: Unter dem Schwarzen Jean Jacques Dessalines. Am 1. 1. 1804 führte sein Kampf gegen Napoleon zur Unabhängigkeit Haitis von Frankreich. „Freiheit oder Tod“ war sein Wahlspruch. Die Geschichte Haitis begann mit einem Freiheitskampf der Knechte, der Sklaven. Einige Schwarze (bzw. Mulatten) sahen sich als führende Politiker in Haiti nur als die neuen Herren … und sorgen bis heute den politischen und ökonomischen Niedergang des eigenen freien Landes. Und Europa? Es konnte nicht ertragen, dass die europäischen Herrscher, die Herrenmenschen, von Sklaven besiegt wurden. Die Herren taten alles, um diesen Befreiungskampf zu behindern und die neue Republik der einstigen Knechte, der Sklaven, ab 1804 zu behindern bzw. zu attackieren.

 

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

Die Flüchtlinge in Deutschland: Die Reformation neu denken. Die Reformation muss weitergehen

Weiter denken:   3 Fragen an Prof. Wilhelm Gräb, Oktober 2015.

Im Angesicht der Flüchtlinge: Die Reformation muss weitergehen.

(Ein Hinweis: Wir haben uns erlaubt, diese weitreichenden, in die nahe Zukunft weisenden Fragen zu erörtern, obwohl wir wissen: Die Zustände heute in den Flüchtlingsheimen, oft in Zelten, die bei bitterer Kälte keine Zuflucht bieten, sind katastrophal, das sagen Betroffene wie Beobachter an vielen Orten, auch in Berlin. Diese Situation ist sicher auch Ausdruck einer bürokratischen, unbeweglichen, phantasielosen Haltung der zuständigen, aber überforderten Staats-Diener. Ohne die bis zur Erschöpfung arbeitenden Ehrenamtlichen wäre die „Flüchtlingshilfe“ längst total zusammengebrochen, und das Elend HIER noch größer. Welchen langfristigen Eindruck von der „Willenkommenskultur“ haben die Flüchtlinge? Wie wid sich das in Zukunft auswirken? Man lese bitte über die Flüchtlings“hilfe“ in Berlin den Beitrag im „TAGESSPIEGEL“ vom 15. Oktober 2015, Seite 9, unter dem realistischen, keineswegs etwas „herbeiredenden “ Titel: „Angst vor der Katastrophe“…Nur am Beispiel der medizinischen Versorgung: „Es droht eine humanitäre Katastrophe“, so wird dort der Caritas-Sprecher Thomas Gleissner zitiert….

Jedenfalls gilt: Die Ehrenamtlichen sind sozusagen, wenn das Wort erlaubt ist, die Helden in diesem Staat. Diese reale Not schließt ja nicht aus, sich Gedanken zu machen über eine hoffentlich bessere gemeinsame Zukunft  von „Einheimischen“ und „Flüchtlingen“. Ob diese bessere gemeinsame Zukunft überhaupt real wird, zumal angesichts der rassistischen Entgleisungen aus dem rechtsextremen Umfeld, siehe die „Pegida“ Demos etwa in Dresden, die entsetzlich vielen Brandanschläge auf Flüchtlingsheime usw., ist eine Hoffnung, die Demokaten tätig-kritisch gestalten. Christian Modehn am 15. Okt. 2015)

1. Die Reformation Martin Luthers zielte auf den Wandel des Bewusstseins: Nicht mehr eingeschliffene religiöse Traditionen sollten unbefragt respektiert werden, sondern die Grundideen einer befreienden Botschaft, Evangelium genannt. Bisher hat sich alles Reformationsgedenken vor allem auf diese explizit religiöse Veränderung bezogen. Wäre es heute nicht dringend geboten, den Reformationsbegriff zu weiten und ihn auf die Veränderungen unserer Gesellschaft angesichts der Flüchtlinge zu beziehen? Also etwa eine Reformation des Denkens insgesamt zu fördern und zu pflegen unter dem Motto: Die Flüchtlinge auch als Partner wahrzunehmen? Als Partner im kulturellen Dialog, von dem beide Seiten profitieren?

In meinen Augen war das Entscheidende an der Reformation Luthers sein Plädoyer für das „Priestertum aller Glaubenden“. Das war der große Schritt in die religiöse Autonomie, mit der dann die Aufwertung der Ethik, der moralischen Selbstbestimmung, schließlich auch das demokratische Prinzip und die Selbstverantwortung in Fragen des allgemeinen Wohls einhergingen. Das „Priestertum aller Gläubigen“ war Luthers größte und folgenreiste Idee, gewiss eine Idee, damals im 16. Jahrhundert keineswegs realisiert, bis heute nicht vollständig realisiert. Aber das, was wir jetzt angesichts der doch immer noch auf beeindruckende Weise anhaltenden Hilfsbereitschaft erleben können, gehört in die Geschichte der Verwirklichung der reformatorischen Einsicht, dass es auf jeden und jede ankommt, dass jeder und jede gleich unmittelbar zu Gott ist, frei ist zum Tun des Guten und Gerechten, weil wir wissen, dass für uns gesorgt ist und wir uns im Grunde unseres Dasein anerkannt und geborgen wissen können. Das war die befreiende Botschaft der Reformation, das Evangelium. Sie trägt im Grunde auch heute noch. Nur gilt es, wie Sie richtig sagen, sie in die Gesellschaft zu tragen.

Ich bin immer noch beeindruckt davon, wie die Bundeskanzlerin das macht. In dem Fernsehinterview mit Anne Will hat sie wieder und wieder auf die Mitarbeit der unzählig vielen Menschen verwiesen, ohne die ihre Politik der unbeschränkten Aufnahme aller Asylsuchenden nicht durchzuhalten sei. Was es jetzt zusätzlich noch braucht, das wäre in der Tat eine Reformation unserer Denkungsart auch über die Flüchtlinge und, in der Konsequenz, ein besseres Asylrecht, eines, das sehr viel schneller zu der Entscheidung führt, ob sie bleiben dürfen und, sofern dies der Fall ist, ihnen dann auch Ausbildungs-, Studien- und Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen. So käme es zu konkreten Schritten, die zeigen, dass wir sie nicht als Versorgungsfälle ansehen, sondern als Partner behandeln, von denen schließlich auch wir enorm profitieren werden.

2. Christliche Gemeinden und zahlreiche Christen helfen oft vorbildlich den Flüchtlingen. Sollten sich Gemeinden auch darauf einstellen, dass sich sehr bald die Flüchtlinge mit ihnen über Lebensfragen, über Elend und Not und neues Leben in einer neuen Heimat, tiefer austauschen wollen? Natürlich auch über religiöse Themen. Werden die Gemeinden also zu Orten des vielseitigen Gespräches?

Initiativgruppen in Kirchengemeinde haben sich wirklich vorbildlich in der Flüchtlingshilfe engagiert, längst bevor das jetzt eine gesellschaftliche Bewegung geworden ist. Das war bewundernswert und das Vorbild, das bestimmte Kirchengemeinden in der Asylfrage geben, könnte, wenn jetzt die gesellschaftliche Kraft wieder erlahmen sollte, erneut ganz wichtig werden. Aber was dieser Einsatz für die Flüchtlinge für die Gemeinden selbst bedeutet und wie die Flüchtlinge die Gemeinden selbst verändern, dass muss erst noch in den Blick kommen. Dass das bedeutet, die Flüchtlinge als Partner anzuerkennen, sie damit gewissermaßen in die Gemeinde selbst aufzunehmen. Dass es dann zum Austausch in den Gemeinden kommen wird. Die Flüchtlinge könnten ihre Geschichte erzählen, woher sie kommen, was sie auf der Flucht erlebt haben, was sie hier jetzt, von ihrer neuen Heimat erwarten. Die hiesigen Gemeindeglieder könnten umgekehrt aber auch erzählen, was ihnen wichtig ist, was sie von den Flüchtlingen erwarten, wovor sie Angst haben. Religiöse Themen würden dabei zweifellos ebenfalls vorkommen, aber so, wie sie ins Leben gehören, als zugehörig zur Kultur der Menschen, als Ensemble der Werte, an denen sie sich orientieren, als Artikulation dessen, was ihnen wichtig ist, ihnen Halt gibt und den Mut, jetzt in der neuen Situation nicht den Mut zu verlieren.

Mit der Offenheit, in der Gemeinden sich jetzt in der Flüchtlingsarbeit engagieren, ist eine große Chance auch für diese Gemeinden verbunden. Sie können sich dem lebendigen Austausch über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg öffenen. Damit werden sie einen enormen Beitrag zur Integration der Flüchtlinge in unsere Gesellschaft leisten.

3. Über „den“ Islam wird in den nächsten Jahren noch intensiver debattiert werden, er ist deutlicher Teil der deutschen Gesellschaft. Über die Frage wird schon jetzt gestritten, ob der Gott „des“ Islams mit „dem“ christlichen Gott identisch ist. Wer vermag das schon so allgemein gesehen wissen? Wäre es nicht hilfreicher, sich auf eine gemeinsame ethische Basis zu besinnen? Was verbindet uns alle als Menschen? Der Dalai Lama sagte treffend: Ethik ist wichtiger als Religion. Sehen Sie das auch so?

Ja, ich meine, dass wir mit der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ eine solche Ethik haben. Mit ihr kann die Integration der Flüchtlinge gelingen, unter Einschluss der Anerkennung ihrer verschiedenen Religionszugehörigkeiten. Denn die Religionsfreiheit, im positiven wie negativen Sinn, gehört ja auch zu den Menschenrechten. Nur, damit sich ein solches Menschenrechtdenken durchsetzen kann, braucht es die Akzeptanz dessen, dass die Menschenrechte selbst eine religiöse Grundlage haben, also unbedingte Anerkennung verlangen, von der man sich deshalb auch nicht unter Berufung auf eine andere Religion freisprechen kann, etwa was die Gleichberechtigung der Frau betrifft.

Worum es im Austausch zwischen den Religionen, in unserem Fall insbesondere zwischen Islam und Christentum, gehen muss, ist, an der Vereinbarkeit der jeweils eigenen Religion mit der universalen Religion der Menschenrechte zu arbeiten. Es braucht die Arbeit an Religionssynthesen. Diese Arbeit ist schon weit fortgeschritten. Der Dalai Lama, den Sie zu Recht erwähnen, gibt das beste Beispiel für eine Vermittlung zwischen dem Tibetischen Buddhismus und der Religion der Menschenrechte, Gandhi für die Verbindung des Hinduismus mit der Religion der Menschenrechte, Martin Luther King für die Umformung des Christentums in eine Religion der Menschenrechte. Mehr und mehr gibt es auch Stimmen aus dem Islam, die für die Integration des Islam in die Religion der Menschenrechte eintreten und konkret zu zeigen versuchen, wie das gehen kann.

Ich würde also nicht die Religion gegen die Ethik ausspielen, sondern in Orientierung am Kriterium des Menschengerechten an einer religiösen Fundierung der Ethik festhalten. Denn was die Ethik nicht zu geben vermag, das finden wir in der Religion, eine unbedingt verlässliche, uns zum Tun des Guten motivierende, aber auch noch im Versagen unseren Daseinsmut stärkende Lebensgewissheit.

copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Im Anblick der Flüchtlinge: Freundlichsein – wie Spiritualität lebendig ist. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

WEITER DENKEN: Drei Fragen an Professor Wilhelm Gräb

Angesichts der Flüchtlinge: Freundlichsein – Wie Spiritualität ganz weltlich, ganz menschlich lebendig wird.

 Die Fragen stellte Christian Modehn, veröffentlicht wurde das Interview am 9.9.2015.

Es ist nicht zu hoch gegriffen: Deutschland erlebt wieder (wie 1989) eine historische Wende: Deutschland gilt jetzt als das beliebteste Land, wo Flüchtlinge Zuflucht suchen und hoffentlich auch Zuflucht und eine neue Heimat finden. Und dabei werden sie zunächst von so unglaublich vielen „normalen Bürgern“ auf fast unbeschreiblich freundliche und wohlwollende Weise willkommen geheißen, mit Geschenken, Lebensmitteln, ehrenamtlichen Diensten usw. Wobei man die prekären Unterbringungen und den bürokratischen Aufwand in der Anerkennung des Flüchtlings-„Status“ nicht verschweigen darf. Dennoch: Die meisten Menschen in Deutschland leben ihre Freundlichkeit und Großzügigkeit. Wenn Sie als Theologe diese Situation betrachten: Zeigt sich da eine praktisch gelebte „weltliche“ Spiritualität, die nun offensichtlich Teil unser Kultur ist?

Auch mich hat die Entscheidung der Bundeskanzlerin bewegt, ohne großes Wenn und Aber die in Budapest auf ihre Weiterreise hoffenden Flüchtlinge in Deutschland aufzunehmen; erst recht dann der freundliche Empfang der ihnen in Deutschland von so vielen ihnen wohlwollenden Menschen bereit wurde. Sowohl die Entscheidung der sonst kühl abwägenden Kanzlerin wie die spontane Hilfsbereitschaft der Menschen in München und an vielen anderen Orten der Republik gehen weit über das hinaus, was Moral und Recht zu gebieten bzw. zu bewirken im Stande sind. Natürlich, es ist moralisch geboten, Menschen, die aus ihrer Heimat wegen Terror und Krieg oder auch bitterer Armut und Perspektivlosigkeit fliehen mussten, zu helfen, wenn es nur irgendwie möglich ist. Schließlich steht die Geltung der Menschenrechte, die in unser Grundgesetz Eingang gefunden hat, mit jedem Flüchtling, der um sein Recht auf Leben kämpft, auf dem Prüfstand. Es bleibt daher weiterhin zu beklagen, dass unser Asylrecht seit den frühen 1990er Jahren immer mehr ausgehöhlt wurde. Es ist aber zweifellos auch eine riesige Herausforderung, die auf unser Land zukommt. Insbesondere die Verwaltung in den Ländern und Kommunen ist gefordert, wenn nun immer wieder neue Unterkünfte geschaffen und die Möglichkeiten einer schnelleren Integration in unsere Gesellschaft ausgebaut werden müssen. Wenn die Bundeskanzlerin dennoch meint sagen zu können, „Wir schaffen das!“, dann beruft sie sich dabei nicht nur auf die ökonomische Stärke unseres Landes und die eingespielten Routinen einer effizienten Bürokratie. Sie appelliert an das, wofür sie selbst mit ihrer unbürokratischen Entscheidung ein gutes Beispiel gegeben hat. Sie nimmt eine unsere Zivilgesellschaft öffnende Bewegung der Herzen in Anspruch, eine spirituelle Kraft, die Menschen über ihr moralisches Wollen und rechtliches Denken hinaus ergreift und zu einem liebevollen Handeln befähigt. Was wir in diesen Tagen erleben, hat, so kann man durchaus sagen, eine in religiöse Tiefendimensionen reichende Qualität.

Über das Moralische, Politische und Rechtliche hinaus, dieses zugleich grundierend und ermöglichend, bricht sich eine von Herzen kommende Menschlichkeit Bahn. Die Flüchtlinge, die plötzlich auch so genannt werden, werden von so vielen Menschen unseres Landes, ohne dass sie dazu aufgefordert oder darum gebeten worden wären, mit offenen Armen empfangen: Warum nur? Sicher auch, um ein deutliches Zeichen gegenüber denen zu setzen, die Brandbomben auf Asylheime werfen. Aber doch nicht allein deswegen. Die solidarischen Menschen handeln aus einem Gefühl der Verbundenheit mit den Menschen, die um ihr nacktes Leben kämpfen müssen.

Die spontane Hilfsbereitschaft resultiert keineswegs nur aus moralischen Verpflichtungsgefühlen, sondern aus einem Sich-Berühren-Lassen von der Not anderer. Und dieses Sich-Berühren-Lassen kommt aus dem Empfinden einer Zusammengehörigkeit in der einen Menschheitsfamilie, über alle nationalen, religiösen und kulturellen Grenzen hinweg. Aus dem Gefühl einer solch spirituellen, rational gar nicht genau erklärbaren Verbundenheit heraus, öffnen sich die Menschen, nehmen sie die Fremden bei sich auf, applaudieren sie einer Politik, die sich zu unbürokratischen Entscheidungen der Menschlichkeit durchringt – alle Bedenken, dass die eigenen Kräfte vielleicht doch überschätzt werden, zurückstellend.

Wie wir das auch 1989 beim Fall der Mauer erlebt konnten, gibt es offensichtlich immer wieder geschichtliche Situationen, in denen es zu kulturellen Transformationen kommt. Sie entstehen ohne politischen Steuerungswillen, schlicht dadurch, dass Menschen diese spirituelle Erfahrung machen, mit der sie über sich selbst hinaus gerissen werden. Plötzlich haben sie das Gefühl, dass sie Teil eines großen Ganzen sind, zugehörig zu einer Nation oder eben, wie das auf wunderbare Weise jetzt der Fall ist, zur einen großen Menschheitsfamilie, in der es auf jeden einzelnen ankommt, in der keiner einfach so verloren gegeben werden darf. Dieses Gefühl unbedingter, alle innerweltlichen Grenzen überwindenden Verbundenheit und Zugehörigkeit ist ein religiöses Gefühl. Mit ihm teilt sich uns mit, dass wir alle von Voraussetzungen leben, die wir in unser eigenes Tun und Denken nicht einzuholen im Stande sind. In letzter Hinsicht sind und bleiben wir alle abhängig von dem uns tragenden und ermöglichenden, göttlichen Seinsgrund, dem wir uns in unserem Tun und Denken, mit unserem ganzen Dasein, wer auch immer wir sind, verdanken.

Vielleicht ist der Hinweis auf diese tatsächlich gelebte humane Spiritualität so wichtig, wenn man an den bald erforderlichen „langen Atem“ der Hilfsbereitschaft denkt, wenn es also gilt, mit aller Kraft der Argumente und der Gesetze Widerstand zu leisten gegenüber Menschen, die in den „anderen“, den Flüchtlingen, nur eine Bedrohung sehen und gar nicht daran denken, dass in der Begegnung mit den Fremden auch der eigene Lebensentwurf positiv erweitert wird? Dass also eine neue europäische Kultur des Miteinanders entstehen kann.

Es kommt jetzt darauf an, da auch die Medien (von der SZ bis zu den Boulevardblättern) diese kulturelle Transformation hin zu einem Europa, das sich solidarisch macht mit denen, die an seinen Grenzen auf Einlass drängen, auch als eine solche Transformation zu kommunizieren. Es kommt darauf an deutlich zu machen, dass sich die Hilfe, die den Flüchtlingen zuteil wird, aus der spirituellen Erfahrung einer tiefen Verbundenheit mit ihnen in der einen Menschheitsfamilie speist. Diese Einsicht kann eine Kultur der Öffnung den Fremden gegenüber „krisenfest“ machen. Sie muss dann nicht sofort wieder kollabieren, wenn sich die Schwierigkeiten der Integration einer so großen Zahl von Neuankömmlingen in unserer Gesellschaft zeigen und in der rechten Szene weiterhin der Fremdenhass und die feindseligen Anschläge wüten. Es kann in unserem Land vielmehr die rationale Erkenntnis wachsen, dass wir Zuwanderung angesichts der demographischen Entwicklung in Deutschland sehr gut „gebrauchen“ können, wie eben auch dass die Begegnung mit fremden Kulturen und Religionen unser eigenes Leben enorm bereichert.

Wir wollen niemanden theologisch vereinnahmen und schon gar nicht jeden freundlichen, solidarischen Menschen zu einem Heiligen erklären. Dennoch könnte eine Erkenntnis aus dieser hoffentlich bleibenden bewegenden Freundlichkeit gewonnen werden: Wer in seiner Ethik auf diese Weise lebt, ist den Spuren der Transzendenz, des Göttlichen, nicht fern. Können Sie als Theologe auch der Erkenntnis von Immanuel Kant folgen, der alle religiösen Gefühle in dem guten, dem moralischen Leben gründete. Wie religiös erschiene dann aber die Welt der Menschen, sogar die angeblich entkirchlichte Gesellschaft Europas?

Es ist die spirituelle Erfahrung der Selbst-Transzendierung, also das Gefühl, auf verstehbare Weise in das große Ganze des Menschheitsuniversums einbezogen zu sein und in tiefer Verbundenheit mit allem Lebendigen zu stehen, aus der das moralisch gute Handeln seine Energie bezieht. Wir müssen deshalb die kulturelle Transformation, in der unsere Gesellschaft sich momentan neu erfindet, so deutlich machen, um auf diese säkulare Präsenz des Religiösen aufmerksam zu machen. Es gilt endlich damit aufzuhören, die Religion an Konfessionalität und Kirchlichkeit, an Religionszugehörigkeit und dogmatische Bekenntnisse zu binden. Das Gefühl tiefer Verbundenheit mit der einen, im göttlichen Daseinsgrund wurzelnden Menschheit fundiert jede Moral, die ihren Namen verdient. Aus diesem Gefühl speist sich auch die Bereitschaft, jedem Menschen eine unverletzliche Würde und das Recht auf ein Leben in Würde zuzuerkennen, somit auch das, was die moralische Basis der Menschenrechte ist. So bietet der kulturelle Wandel, den wir glücklicherweise gerade in unserem Land erleben, sogar die Chance, dass man – allen Szenarien der angeblichen Entchristlichung zum Trotz – zur Einsicht kommen kann, wie sehr sich das christliche Erbe Europas in Gestalt einer gelebten Religion der Menschenrechte fortschreitend verwirklicht.

Erwähnung verdient allerdings auch, dass viele Kirchengemeinden für diese kulturelle Transformation, die jetzt weitergeht und die Zivilgesellschaft ergriffen hat, eine Vorreiterrolle übernommen haben. Die gelebte Religion der Menschenrechte verwirklicht sich nicht an den Kirchen vorbei, sondern sie wird von diesen ganz entscheidend mitgetragen.

Copyright: Prof.Wilhelm Gräb, Berlin, und Religionsphilosophischer Salon Berlin.