Aberglaube oder Gottvertrauen? Das Erzbistum Berlin wird den Herzen Jesu und Mariens geweiht.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Um den zentralen Gedanken deutlich zu machen (Nr.5.ff.), sind einige Hinweise zu Beginn wichtig:

1.
Es entspricht den Prinzipien des freiheitlichen Rechtsstaates, dass jede Glaubensgemeinschaft ihr Bekenntnis nach eigener Wahl ungehindert ausdrücken kann. Wer zum Beispiel aus religiöser Überzeugung sein Bekenntnis formuliert: „Im Himmel ist Jahrmarkt“ hat sein gutes Recht dazu, dies öffentlich zu sagen. Alle religiösen (oder atheistischen) Bekenntnisse dürfen nur nicht die Grundlagen des demokratischen Rechtsstaates gefährden und die Anerkennung der universal geltenden Menschenrechte in der Praxis missachten.

2.
Nun erklärt der katholische Erzbischof von Berlin, Heiner Koch, er werde am 15.8. 2020 das Erzbistum Berlin den heiligen Herzen Jesu und Mariä „weihen“. Also kraft seiner bischöflichen Vollmacht das Erzbistum Berlin unter den Schutz der beiden genannten Herzen stellen.
Anlass ist das 90 jährige Bestehen des Bistums Berlin sowie auch, von Koch nur kurz angedeutet, dass „unsere ganze Gesellschaft mit der Corona-Pandemie vor einer (sehr großen) Herausforderung“ stehe.
Die Weihe des Erzbistums an die Herzen Jesu und Mariens ist also durchaus auch eine katholische Antwort auf die Corona-Krise.
Warum man, wenn man schon „weiht“, das Erzbistum Berlin nicht etwa auch dem heiligen Josef oder der heiligen Hedwig oder dem seligen Berliner Nazi-Widerstandsbewegten Prälat Lichtenberg „weiht“, ist des Erzbischofs Geheimnis. Wahrscheinlich sind die Herzen Jesu und Mariens im Himmel wirksamer, einflussreicher bei Gott, wer weiß es? Aber warum bloß die „Herzen“? Das erinnert mich so an die spezielle Herzgruft der Habsburger, die in der Wiener Augustinerkirche verehrt werden. Warum nicht die ganze Person dieses Propheten Jesus von Nazareth? Oder der jungen Frau Maria, die so eindringlich – aber wirkungslos – betete, dass Gott die Mächtigen vom Throne stürzt, siehe ihr wunderbares Gebet „Magnificat“.
Erzbischof Koch erinnert daran, dass derartige „Weihen“ des Bistums in anderen Krisenzeiten schon vollzogen wurden, im Juni 1934, dann noch einmal 1944 und „zur Zeit der Berlin-Blockade“ 1948. Nebenbei: Politisch, also auch spürbar, sichtbar, bewirkt haben diese Weihen offensichtlich gar nichts: 1934 blieben die Nazis an der Macht, 1944 ging der Krieg gerade auch in Berlin heftig weiter und die Krematorien in Auschwitz und anderswo wurden auch nicht zerbombt. Ob das materielle Überleben West-Berlins 1948 durch die us – amerikanische Hilfe oder auch – esoterisch gesehen – durch den Beitrag Mariens gelang, sei dahin gestellt.

3.
Der Sinn solcher globalen Weihehandlungen wird von Erzbischof Koch nur angedeutet: Es gehe um die Förderung des Gott-Vertrauens, um Gott, „dessen Herz größer ist als unser Herz“. Es gehe darum, „in der Krise sein Herz nicht von Angst, sondern vom Vertrauen leiten lassen“. Dazu soll die Weihe des Bistums an die Herzen Jesu und Mariens führen. Es geht um Gott-Vertrauen, um Vertrauen in den Lebenssinn. Das ist auch philosophisch und in einer kritischen Theologie nachvollziehbar. Warum aber dann diese anspruchsvolle, ins Mysteriöse abrutschende Weihehandlung? Und das dazugehörige Tam-Tam?

4.
Dabei ist der Weiheakt in Berlin und für das Erzbistum Berlin (also offenbar nur für die Katholiken oder die ganze bewohnte Fläche des Erzbistums?) am 15.8.2020 vom Ausmaß her offenbar doch recht bescheiden:
Bekanntlich weihte Papst Pius XII. am 8. Nov. 1941 tatsächlich die ganze Welt „dem unbefleckten Herzen Marias“. Diese universale Weihe wurde 1954 von Pius XII. wiederholt.
Auch der extreme Marien – Verehrer, der polnische Papst Johannes Paul II., fühlte sich berufen, die ganze Welt von Fatima aus 13. Mai 1991 zu weihen. Dabei wiederholte er in dieser Weihehandlung seine politische Kritik an der freiheitlichen liberalen Demokratie: Er sagte also kurz nach der „Wende“: „Es besteht die Gefahr, dass der Marxismus von einer anderen Form des Atheismus abgelöst wird, die der Freiheit schmeichelt und darauf aus ist, die Wurzeln der menschlichen und christlichen Moral zu zerstören“.
Und, „man“ glaubt es kaum bei diesem angeblich progressiven Papst Franziskus: Auch er weihte am 13. Okt. 2013 die Welt der Jungfrau Maria. Dann tat er das noch einmal am 26. April 2017. Ist die Welt seitdem besser geworden, mehr den göttlichen Geboten entsprechend?
5.
Was sollen diese Weihe-Handlungen? Was ist der katholisch-theologische Hintergrund: Die Erklärung muss man, wie in kritischer Theologie üblich, nachvollziehbar formulieren: Marias Herz bzw. das Herz Jesu, sollen ihre Macht im Himmel und ihren Einfluss bei Gott geltend machen, dass Gott-Vater den Bitten der Katholiken bzw. des Papstes bzw. des Bischofs folgt und zum Beispiel Frieden schafft.
Das war am 8. November 1941 im Falle des weihenden Papstes Pius XII. nur ein frommer, d.h. naiver Wunsch, nur ein hilfloser Spruch. Aber er passte in die (damalige) wundergläubige Welt des Katholizismus.
Religionskritiker würden sagen: Was Pius XII. da tat, war eine Art Opium – Lieferung, eine Beruhigung der erregten Katholiken und der Menschen überhaupt: Denn diese universalen Segnungen der Päpste wurden ja irgendwie zugunsten und im Namen „aller“ ausgesprochen. Eigentlich eine ziemliche Anmaßung, im Namen aller die Welt Maria zu weihen, in der theologischen Erwartung, diese würde vom Himmel Gott bewegen und dieser würde eingreifen.
Eine Weihe der Welt an Maria oder an das Herz Jesu bedeutet also immer auch der Glaube an ein wunderbares Eingreifen Gottes, der sich förmlich als Gott-Vater im Himmel von Maria bewegen lässt, etwa den 2. Weltkrieg zu stoppen. Das kann natürlich selbstverständlich jeder glauben, der will. Über das Gottesbild dieser Personen wäre an anderer Stelle zu diskutieren…
Es entspricht aber der Realität zu betonen: Diese Weihehandlung war Ausdruck der Unfähigkeit Pius XII., mit seiner Autorität für Friedensverhandlungen zu plädieren und die Nazis öffentlich als Verbrecher zu bezeichnen usw.: Diese Weihehandlung war Ausdruck eines von Ängsten umstellten Papstes, der an die Macht seines Amtes gar nicht glaubte: Es gab 1941 KZs, das Jahr 1941 war das entscheidende Kriegsjahr überhaupt. Was soll dann die Erwartung, Maria könnte vom Himmel aus für Ruhe und Ordnung sorgen? Das tat Maria aber, den sichtbaren Fakten folgend, nicht: Der Krieg ging weiter, Millionen kamen um, 6 Millionen Juden mussten ihr Leben lassen: Wenn denn ein Papst oder ein Bischof meint, mit einer Weihehandlung etwas zu bewirken, dann soll er resignierend sagen: Wer an das Herz Marias und das Herz Jesu glaubt, findet dort letzten Trost. Mehr nicht. Eine menschenfreundliche Theologie, ganzheitliche Theologie, sieht anders aus.

6.
Was hat das alles mit Berlin zu tun? Anstelle der mysteriösen, theologisch nicht nachvollziehbaren Weihehandlung an die Herzen Jesu und Mariens hätte gut ein Projekt gepasst, das selbstverständlich nicht wie diese Weihehandlung eine einsame Entscheidung des Erzbischofs ist, sondern gemeinsam beraten wurde: Etwa: Wie bilden wir die Gemeinden so weiter, dass sie endlich praktisch gegen Rassismus, gegen Flüchtlings – Feindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie, Neonazis aufstehen? Oder: Wie gelingt, dass die universal geltenden Menschenrechte von der Kirche und in der Kirche völlig bekannt gemacht und dann in der Kirche akzeptiert werden? Oder: Wie gelingt es uns, dass die Gemeinden denen beistehen, die von der Corona – Pandemie gesundheitlich, seelisch, ökonomisch stark betroffen sind? Oder: Wie bilden wir die Laien so aus, dass sie alsbald selbständig katholische Gottesdienste feiern können. Das wären „Weihe“-Handlungen gewesen, die der Menschheit „dienen“, um es einmal pathetisch zu sagen.

7.
Aber solche konkreten menschenfreundlichen und „jesuanischen“ Vorschläge werden nicht gemacht. Eine Weihehandlung ist einfacher zu vollziehen, ein paar Worte, das ist alles. Eine Weihehandlung kostet kein Geld, erst keine intellektuelle Phantasie, sie verlangt keinen Einsatz der eigenen Lebenszeit… Da wird halt die alte katholische Leier wieder aufgespielt und als Ausdruck von praktisch –theologischer Hilflosigkeit eben mal wieder eine WEIHE vollzogen: Und das „Erzbistum den Herzen Jesu und Mariä geweiht. Nebenbei: Der Generalvikar des Erzbistums Berlin ist Mitglied der Ordensgemeinschaft, die sich „Gesellschaft der Herzen Jesu und Mariä“, populär und weltweit auch „Picpus-Missionare“, nennt (Abkürzung SSCC). Vielleicht war er bei dieser esoterischen „Weihe-Idee“ behilflich?

8.
Dass sich dabei Erzbischof Koch bei seiner Weihehandlung eher von den Gebäuden als den Menschen leiten lässt, wird in seiner Formulierung deutlich, wenn er sich an die Mitglieder seiner Kirche, also die Menschen, wendet. Und die nennt er tatsächlich Steine: „Sie, die lebendigen Steine, die dieses Bistum sind….“ Früher sprach man von Seelen, jetzt von Steinen.

9.
Warum macht man sich als Journalist noch so viel Mühe mit diesem mysteriösen Thema? Weil es zur Aufgabe eines kritischen theologischen Journalismus gehört, die Öffentlichkeit aufzuklären, was in den Religionen so alles passiert, weil Hintergründe erklärt werden müssen, die sich nicht in zwei Zeilen sagen lassen. Und weil der geistige Zustand des römischen Katholizismus irgendwie ahnbar wird…

10.
Ich kann mich als Theologe und Religionsphilosoph am Schluss nicht des Urteils enthalten: Diese Weihehandlungen mit der Idee, Maria oder as Herz Jesu könnten im Himmel sozusagen Gott beeinflussen, sind schlicht und einfach Aberglauben. Sie widersprechen den humanen Weisungen Jesu von Nazareth im Neuen Testament: Jesus wollte bekanntlich eine brüderliche Welt ohne viel religiöses Tam-Tam und ohne besserwisserische „Meister“ (Päpste, Bischöfe etc.).

11.
Auch diese Weihehandlung stört das ökumenische Zusammensein mit den Protestanten. Es ist die machtvolle Demonstration des alten römischen Katholizismus, der sich auch heute zeigt im selbstverständlichen Festhalten an Ablässen, am Kult der Reliquien usw. Die Protestanten schweigen dazu und sprechen trotzdem vonÖkumene. Sie sagen nicht öffentlich, wie deplatziert für heutiges theologisches und ökumenisches Denken solche esoterischen katholischen Weihehandlungen sind. Ökumene lebt vom gegenseitigen Lernen, auch vom Verzicht auf mittelalterliche abergläubische Traditionen durch die bömische Kirche.
Und solche Weihehandlung verstört auch viele skeptische, atheistische Mitbürger nicht nur in Berlin, die sich vielleicht noch schmunzelnd fragen: Spinnen sie, die Katholiken, haben sie wirklich keine anderen Sorgen?
Ein heute vertretbarer, einfacher, vernünftiger christlicher Glaube erhält durch diesen Weihe-Aberglauben also noch mal eine Niederlage.

12.
Und man möchte gern wissen, wer denn die „Gläubigen waren“, die die „Anregung für diese Weihehandlung“, wie Koch schreibt, gegeben haben: Man ahnt es: Waren es die Neokatechumenalen, das Opus Dei (mit seiner Villa „Feldmark“ in Berlin – Grunewald), die polnischen Gemeinden in Berlin, die Legio Mariens, das Schönstatt-Werk mit der Kapelle Zur dreimal wunderbaren Mutter, die „Missionare Identes“ oder das „Institut des inkarnierten Wortes“ (IVE), die Laienbewegung der Legionäre Christi, das „Regnum Christi“ usw.?
Erstaunlich ist es aber eigentlich nicht, wenn die Vermutung stimmt, dass solchen Kreisen der Erzbischof in seinem „Weihe-Vorhaben“ folgt. Diese konservativen Kreise sind vielleicht der tatsächlich verbliebene „Restbestand“ von Katholiken (in Berlin), die noch offen sind für diese Formen des Esoterischen und des Aberglaubens. Und für dieses Gottesbild!
Und diese Kreise wollen nicht anerkennen, dass für Menschen, auch für Christen, allein das Vertrauen genügt, in Gott, in dem Göttlichen, dem Ewigen… geborgen zu sein. Oder, weltlich gesprochen, in einem Sinn-Zusammenhang zu leben, der den Menschen ein humanes Lebens ermöglicht. Diese so einfache und nachvollziehbare Erkenntnis sollte man besprechen in Gruppen und Kreisen und Gemeinden. Und nicht die Zeit verschwenden, sich mit Weihehandlungen an die unbefleckten Herzen etc. zu befassen.

13.
Darum ist auch hier Schluss mit meinen Hinweisen. Denn, wie gesagt: Es gibt sehr viel Wichtigeres, als diesen klerikalen Egozentrismus, der da meint, zur Weihe der Welt oder auch nur eines Bistums an (unbefleckte) Herzen (etwa Mariens) berufen zu sein.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Max Weber: Vor 100 Jahren gestorben. Seine lebendigen Anregungen und Provokationen

Hinweise von Christian Modehn mit einer von Weber inspirierten These zur „Korruption im Katholizismus“ (Nr.6 in diesem Text)

Gedenktage sind bekanntlich Denk-Tage: So auch die Erinnerung an Max Weber, der vor 100 Jahren am 14. Juni 1920, in München gestorben ist. Geboren wurde er am 21.4.1864 in Erfurt.
Es gilt also, sich auf einige seiner zentralen Vorschläge und Erkenntnisse zu beziehen… als Inspirationen fürs eigene Denken und Verstehen unserer Zeit. Dies könnte auch ein Impuls sein, Max Weber zu lesen, Bücher von ihm und zumal auch über ihn gibt es bekanntlich in sehr großer Fülle.
Weber ist eine der bedeutenden intellektuellen Gestalten des 20. Jahrhunderts: Er ist vor allem Soziologe, hat aber auch beste Kenntnisse in der Religionswissenschaft, der Theologie, er ist in gewisser Weise auch Jurist, Ökonom, Agrarhistoriker, vor allem auch: Historiker…

1.
Max Weber war sehr interessiert, die Wirkungen religiöser Lehren und Konfessionen auf Ökonomie, Politik und Lebenshaltungen aufzuzeigen.
Viel beachtet, wie ein Meisterwerk eingeschätzt, sind immer noch seine Studien unter dem Titel „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, 1904 erschienen, dann noch einmal überarbeitet, 1920 veröffentlicht. Weber behauptet darin NICHT: Der Protestantismus sei die maßgebliche Ursache für das Entstehen des Kapitalismus. Sondern: Protestantische Gemeinschaften (vor allem von Calvin inspirierte) haben theologische Ideen in den Mittelpunkt gestellt, von denen sich die Mitglieder dermaßen motivieren ließen, dass letztlich auch daraus der moderne Kapitalismus entstanden ist. Grundlegend sei für diese Protestanten gewesen: Man darf sich als Gläubiger nicht aus der Welt zurückziehen, sondern man muss sein Bestes tun und arbeiten und sparsam leben, um von dem individellen Platz aus, auf den Gott den Menschen gestellt hat, gottwohlgefällig zu leben, und das heißt: effizient zu arbeiten.
Vom Erfolg gesteuert arbeiten, das steht in der Sicht Webers an oberster Stelle bei den Calvinisten (weniger hingegen bei den Lutheranern). Das erworbene Geld wird von diesen Frommen nicht im verschwenderischen Luxus ausgegeben, sondern es wird gespart und vor allem investiert. In diesem asketischen, Gewinn gesteuerten Verhalten glaubten die Calvinisten bzw. spezieller noch die Puritaner, obendrein noch gottwohlgefällig zu leben, also die Erlösung zu erlangen. So wird die enge Verbindung von calvinistischem Glauben und dem Verhalten, das in den Kapitalismus führt, bei Max Weber deutlich.
Sebastian Franck, ein – leider fast vergessener – protestantischer Theologe und Mystiker im 16. Jahrhundert, wird von Max Weber zitiert, um diese protestantische Variante der Askese deutlich zu machen: „Du glaubst, du seiest dem katholischen Kloster entronnen. Es muss jetzt jeder (als Protestant) sein Leben lang ein Mönch sein“, also asketisch und bescheiden leben, d.h. arbeiten. („Protestantische Ethik…. S.346).
Max Weber bietet in seinem Studien zum Thema „Protestantismus und Geist des Kapitalismus“ eine Fülle an Details, die sich auch in den zahlreichen Fußnoten auffinden lassen. Wer etwa hier in Berlin und in der Mark Brandenburg noch daran denkt, welche ökonomische Hilfe und damit Entwicklung die calvinistischen Flüchtlinge („Hugenotten“) einst hier leisteten, kann aus diesem populären Beispiel nur das Treffende der Analysen Webers bestätigen. Diese Linie ließe sich weiter ausziehen, wenn man an den in den noch in den 1960 Jahren dokumentierten Bildungsrückstand der Katholiken in Deutschland denkt: Das „Strebsame“, „Karrieremachen“, war nicht so deren Sache. „Besser ein guter Mensch sein als ein gebildeter“, diesen Spruch hörte ich oft in katholischen Kreisen damals.

2.
Der Kapitalismus hat als auch eine religiöse Ursache. Mit dieser Erkenntnis will Weber keineswegs als Konkurrent zu Karl Marx auftreten. Es geht nicht um eine Anti-These zu Marx, sondern um einen anderen, ergänzenden Blickwinkel auf den Kapitalismus. Weber ist ein heftiger Kritiker des Kapitalismus, der schon in der zur Tugend erklärten „Nützlichkeit“ kritisch gewertet wird. Das führt Weber zur Erkenntnis, dass im Kapitalismus insgesamt Tugenden insofern nur gelten, als sie die Nützlichkeit des ökonomischen Gewinns fördern. Max Weber schreibt: “Das summum bonum, das oberste Gut, dieser kapitalistischen Ethik ist der Erwerb von Geld und immer mehr Geld…“ (S. 78).
Der Kapitalismus zeichnet sich durch eine nur von Erfolg geleitete, stets machtvolle Bürokratie aus. Wie man diese Verhältnisse überwinden kann? Max Weber führt da den – etwas hilflos wirkenden – Begriff der „charismatischen Vernunft“ ein, die die Auswüchse des Kapitalismus begrenzen könnte. Wer denkt dabei auch an prophetische Führer, sogar auch an kurzfristige Revolutionen, die das Regelwerk der Bürokratien korrigieren…
Im ganzen ist Weber eher skeptisch, was die Entwicklung der menschlichen Qualitäten in der kapitalistischen Welt angeht, zumal, wenn dieser Kapitalismus von allen Bindungen etwa an den protestantischen Glauben sich losgesagt hat, also eine umfassende „säkulare“ Säkularisierung eingetreten ist. Weber bezieht sich etwa auf die USA, wo der Kapitalismus – zu Beginn des 20. Jahrhunderts, nach einem Besuch Webers dort – seine „höchste Entfesslung erlebt“. „Dort neigt das seines ethisch-religiösen Sinns entkleidete Erwerbsstreben heute dazu, sich mit rein agonalen (kämpferischen) Leidenschaften zu verbinden. Niemand weiß noch, wer künftig in jenem (kapitalistischen) Gehäuse wohnen wird und ob am Ende dieser ungeheuren Entwicklung ganz neue Propheten oder eine mächtige Wiedergeburt alter Gedanken und Ideale stehen werden oder mechanisierte Versteinerung mit einer Art von krampfhaften Sich-wichtig-nehmen verbrämt“. Weber fürchtet, dass dann der „letzte Mensch“ im Sinne Nietzsches gesiegt haben könnte, diese „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz. Dieses Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben“ (Prot. Ethik… S. 201).

3.
Der Begriff der „Entzauberung der Welt“ spielt in der Einschätzung der modernen Welt durch Max Weber eine große Rolle: Davon spricht er in „Wissenschaft als Beruf“: Der Umgang des modernen Menschen mit der Natur ist nicht mehr von der Voraussetzung bestimmt: In der Natur könne man geheimnisvollen und unberechenbaren Mächten begegnen. Sondern: In der Natur sind keine mysteriösen Geister am Werk, die durch Magie besänftigt werden können. Es gilt also: Das moderne Verhalten der Menschen zur Natur ist von Rationalisierung, Berechnen, vom Planen, vom technischen Zugriff und von Herrschaft bestimmt. Diese Haltung der permanenten Naturausbeutung, bedingt durch Rationalisierung, Spezialisierung, Industrialisierung usw. bestimmt den Kapitalismus weltweit.
Dieser Geist der Rationalisierung beherrscht die persönliche Lebensführung der einzelnen Menschen in diesem Kapitalismus. Und dieser Geist der Rationalisierung als „Berufsidee“ ist „aus dem Geist der christlichen Askese entstanden“ („Protestantische Ethik…. 200).
Dieser Zugriff auf die Natur, diese Entzauberung, ist zweifellos auch ein Ergebnis religiöser Lehren. Man denke an den Spruch der Bibel, wo Gott den Menschen befiehlt: „Macht euch die Erde untertan“ (Genesis 1,28). Jetzt wird statt „untertan machen“ (mit schlechtem Gewissen von Theologen) übersetzt: „Hütet die Erde…“ Aber dieser Verzicht auf das „Untertan-Machen der Natur“ kommt wohl zu spät. An diesem Bibelvers wird einmal mehr deutlich, wie viel Unsinn auch in der Bibel, dieser Textsammlung frommer Menschen, als Maxime im Laufe der Jahrhunderte verbreitet wurde…
Inzwischen wird jedoch auch die Vorstellung korrigiert, die Menschheit würde in einer entzauberten Welt, einer entzauberten Naturwelt, sich befinden, zugunsten einer neuen „Verzauberung“. Man denke an die Vorstellung von der Natur als einer Gaia-Hypothese, die für eine selbstregulative, schöpferische Urkraft (?) Natur eintritt.
Nebenbei: Max Weber empfand persönlich starke Vorbehalte gegen die völlig entzauberte, rein rationale Theologie und Kirchenpraxis der Calvinisten. Er empfand sogar gewisse Sympathien für den Katholizismus, den Priester deutet er als eine Art Magier, der über die Sakramente verfügt. Und auch dies noch: Max Weber war zwar protestantisch (vor allem von der frommen Mutter) erzogen worden, aber er war offenbar nur aus Pflichtbewusstsein Mitglied der Kirche geblieben, die er eher verachtete wegen ihrer engsten Bindung an den Kaiser als das oberste Haupt der Kirche. Über den (in alter kaiserlicher Pracht wieder aufgebauten, „restaurierten“) Berliner Dom schreibt Weber: „Man braucht den Berliner Dom nur anzusehen, um zu wissen, dass jedenfalls nicht in diesem cäsaro-papistischen Prunksaal, sondern weit eher in den kleinen, jeden metaphysischen Schmuckes entbehrenden Betsälen der Quäker und Baptisten der „Geist“ des Protestantismus in seiner konsequentesten Ausprägung lebendig ist“. („Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, S. 315.)

4.
Wichtig bleibt immer noch die Auseinandersetzung mit Webers These von der Wertfreiheit der Wissenschaften: Wissenschaft muss von allen Ideologien und „Illusionen“ freigehalten werden.Und: Wissenschaft kann nicht zum wahren, umfassenden Glück der Menschen führen. Es gibt keine religiöse Gebundenheit der Wissenschaften, für Wunder und Offenbarungen ist in ihnen kein Platz.
Das heißt aber nicht, dass Religionen durch die Wissenschaften ersetzt und verdrängt werden. Religionen gehören zu einer gegenüber den Wissenschaften abgetrennten, eigenen „Wertsphäre“ (wie er sagt) an. Das bedeutet auch: Max Weber will die Vermischung der Wertsphäre Religion und der Wertsphäre Wissenschaft unbedingt verhindern. Ob diese Parallelisierung der beiden Wertsphären überhaupt möglich ist, wird etwa schon in der Beobachtung deutlich: Dass sich doch Menschen voller Erstaunen, Ehrfurcht und Verwunderung den überraschenden Schönheiten der Natur stellen oder dem bestirnten Himmel über uns, wie Kant sagte. Da kann aus diesem Verwundern auch ein Übergang geschehen in die Naturforschung und Wissenschaft, die sich aber die ursprünglich erfahrene Ehrfurcht und das Verwundern nicht vergessen, ohne dabei in eine esoterische Naturwissenschaft abzugleiten…

5.
„Max Weber starb im Bewusstsein, dass „nicht das Blühen des Sommers vor den ihm nachfolgenden Generationen liege, sondern eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte“ (so der Max Weber Forscher Dirk Kaesler, in seinem Vorwort zu „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“, Beck Verlag, S. 56).

6.
Ich habe schon 2014, anläßlich des 150. Geburtstages von Max Weber, auf die Studie über Weber von Jürgen Kaube aufmerksam gemacht.Klicken Sie hier.

Zu diesem Text hier: Die Seitenzahlen in dem Buch „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ beziehen sich auf die Ausgabe im C.H. Beck Verlag, hg. von Dirk Kaesler, 2006.

Copyright: Christan Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hannah Arendt: Politisch denken in dieser Zeit der globalen Krisen

Hinweise von Christian Modehn am 11.5.2020

Der folgende, etwas ausführliche Hinweis auf Hannah Arendt wurde aus Anlass der großen „Hannah Arendt Ausstellung“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin zusammengestellt.
Diese vier Beiträge habe ich 2016 geschrieben. Sie können heute hilfreich sein, als Inspiration im Umfeld eines Besuches der Ausstellung. Oder, wichtiger noch: Wenn man sich angesichts des zunehmenden Rechtsradikalismus die Frage stellt nach Ursprung und Überwindung dieser Verirrung, dieses Wahns.

Wesentliche und zum Teil heute weit verbreitete Urteile von Hannah Arendt vor allem zum „Eichmann-Prozess in Jerusalem“ 1961 werden in der Forschung der letzten Jahre immer mehr differenziert, korrigiert oder zurückgewiesen. Dies gilt besonders für Hannah Arendts Einschätzung, Eichmann sei ein Repräsentant der „Banalität des Bösen“ gewesen. Die bekannte Historikerin Irmtrud Wojak hat (in ihrem Buch „Eichmanns Memoiren“, 2001) gezeigt, „dass Hannah Arendt sich von Adolf Eichmanns Verteidigungsstrategie (im Jerusalemer Prozess) täuschen ließ“. So fasst Franziska Augstein die wesentliche Erkenntnis Wojaks zusammen (in: Hannah Arendt, „Über das Böse“. Piper Verlag 2015, Seite 184). Hannah Arendt kannte auch nicht die Protokolle der Gespräche Eichmanns (in Argentinien) mit dem niederländischen SS Offizier Willem Sassen, da sagt Eichmann ganz klar:“ Ich war kein normaler Befehlsempfänger… sondern ich habe mitgedacht, ich war ein Idealist gewesen“ (a.a.O. 185).
In Jerusalem (1961) hat sich Eichmann dann als „gehorsamer Befehlsempfänger“ stilisiert. Wenn die Rede von der Banalität des Bösen bezogen auf Eichmann z.B. überhaupt einen Sinn macht, dann nur, um zu betonen: Dieser entschiedene, von der Nazi-Ideologie total durchseuchte Massenmörder war ein Typ der „Jedermänner“, wie Franziska Augstein sagt. Also nach außen hin brav wirkend, der gehorsame Durchschnittsbürger: Eichmann und die vielen anderen braven, gehorsamen Deutschen waren bereit, den von „oben“, dem NS Staat definierten Feind, die Juden, total zu vernichten. Diese Normalbürger wurden zu Massenmördern weil sie sich gehorsam in die tödlichen „Logik“ des NS Regime einfügten.
Der populär gewordene Hannah-Arendt-Slogan „Die Banalität des Bösen bezogen auf Eichmann“ bedarf also der Korrektur.
Immer wieder wird auch in aktuellen Publikationen daran erinnert. In einem Beitrag über Gabriel Bach, einen der Ankläger in Jerusalem 1961, veröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung (23./24. Mai 2020, Seite 51) betont die Autorin Alexandra Föderl-Schmid: „Bach lasse es nicht gelten, Eichmann sei eigentlich nur ein schlichter Schreibtischtäter gewesen. Er habe Hannah Arendt damals angeboten, ausführlicher mit ihm zu sprechen“. Dann wird Gabriel Bach zitiert: “Ich weiß bis heute nicht, warum sie das nicht angenommen hat“. „Das Buch Arendts „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ habe er nur „überflogen“ und rasch wieder weggelegt“. „Es stimmt einfach so vieles nicht“.

Diese Hinweise machen auf die Grenzen der Studien Hannah Arendts aufmerksam. Diese Grenzen gilt es wahrzunehmen, angesichts der großen Popularität Hannah Arendts, populär, schon aufgrund ihrer leicht zugänglichen Sprache. Problematisch bleiben etliche ihrer Ausführungen: Dies gilt auch für ihre auch nach 1945 fortgesetzte Beziehung zu Martin Heidegger: Diese Beziehung berührte nicht nur das „Persönliche“, sondern: Heideggers Philosophie prägte in gewisser Weise auch ihr Denken noch nach 1945, darauf hat der Philosoph Emmanuel Faye hingewiesen. In Berlin, im Rahmen der Forschungen der FU, erscheint eine kritische Gesamtausgabe der Werke Hannah Arendts erscheinen. Dann wird noch mehr kritische Deutlichkeit möglich sein. (https://www.arendteditionprojekt.de/Neuigkeiten/Information_philosophie_29042020.html)

Es bleiben jetzt Fragen offen in der Interpretation ihrer Schriften. Darum ist auch die Auseinandersetzung mit den Studien von Emmanuel Faye in Deutschland wichtig. Hannah Arendt inspiriert zwar, aber sie ist keine umfassend nur positive, von jeglicher Kritik befreite, gar enthusiastisch gefeierte „Meisterin des Denkens“.

Die Ausstellung im DHM in Berlin wurde am 11.5. eröffnet …sie sollte bis zum 18.Oktober 2020 besucht werden.

1.
Hannah Arendt: Die Banalität des Bösen, die „lebenden Leichname“ und die Überflüssigen

Hannah Arendt legte Wert darauf, nicht (nur) als Philosophin (im „klassischen Sinne) zu gelten. Sie verstand sich ausdrücklich eher als Politikwissenschaftlerin, wobei selbstverständlich ihr origineller Blick auf politische Ereignisse und Politiker durchaus philosophische Prägungen (etwa durch die Methode der Phänomenologie) offenbart.

Dieser Blick, unverstellt und ohne ideologische Brille Phänomene zu sehen, wird wirksam in ihrer Beobachtung des Prozesses gegen Eichmann in Jerusalem 1961. Ihr Buch „Eichmann in Jerusalem“ trägt den – gleich nach der Veröffentlichung höchst umstrittenen – Titel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“. Damit wollte Hannah Arendt – entgegen vielfacher und tief verletzender Polemik – gerade NICHT den Völkermord an den Juden durch die Nazi Herrschaft als banales Geschehen darstellen. Sie wollte lediglich betonen: Einer der Hauptakteure der Vernichtung, Adolf Eichmann, sei eigentlich nicht ein unbeschreibliches Monster oder ein undefinierbarer Teufel oder sonst etwas Mysteriös – Bedrohliches! Sondern Eichmann ist ein banaler Durchschnittstyp, ein auf Gehorsam und Befehle empfangen und Befehle geben fixierter Bürokrat.

Dieser Täter (wie andere in der SS-Führung) ist banal, und gerade wegen dieser Alltäglichkeit beschreibbar und verstehbar und auf seinem Weg zum Schreibtischtäter „nachvollziehbar“. Nur wer das Böse „banalisiert“, also in den Alltag des Gewordenseins stellt, kann das Böse auch möglicherweise überwinden oder einschränken. Es müssen die Wege und Stufen beschrieben werden, die einen Menschen langsam zum Schreibtischtäter werden lassen. Das ist Hannah Arendts überzeugendes Argument! Die beispiellosesten Verbrechen der Menschheit werden von den gewöhnlichsten Leuten begangen. Die Philosophin Susan Neiman (Direktorin des Einstein Forums in Potsdam) hält in ihrem Buch „Das Böse denken“ zu recht die Studie Hanna Arendts zur „Banalität des Bösen“ für den wichtigsten philosophischen Beitrag zum Problem des Bösen im 20. Jahrhundert (Neiman, Seite 397, Suhrkamp).
1988 schrieb Ingeborg Bordmann (in: Freibeuter, Heft 36, 1988, S. 86): „Hannah Arendt versucht nicht, Eichmann zu entlarven, also eine verborgene Wahrheit hinter seinen Worten zu finden, sondern sie achtet darauf, wie Eichmann sich verhält, wie er redet, wann er stockt, verstummt oder in plötzliche emphatische Selbstdarstellung verfällt….Er erinnert sich nur an die Situationen, die mit den Wendepunkten seiner Karrriere zusammenfallen“. Eichmann lebt in einer geschlossenen Welt, seine „standardisierten Ausdrucks- und Verhaltensweisen sind nicht korrigierbar durch den Kontakt mit der Realität… Sein Gewissen ist systemkonform“. Hannah Arendts Eichmann Buch ist ein Bekenntnis zur Freiheit des Menschen. Und dieser menschliche Mensch besitzt eigentlich und immer die Fähigkeit, sich zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Bei Eichmann ist diese Fähigkeit der Verantwortung aber in einem langen Prozeß der Indoktrination von autoritären Verhaltensvorschriften Schritt für Schritt getötet worden. Das ist das eigentlich Böse an dieser Gestalt, dass diese Form des Absterbens von Verantwortung und Freiheit eigentlich immer wieder (bei allen Menschen) passieren kann. Das banale Böse ist in Hannah Arendts Sicht eigentlich wiederholbar. Denn es wütet, so ihr Bild, als das extreme Böse „wie ein Pilz auf der Oberfläche, der sich rasant verbreiten kann, wenn man den Pilz nicht ausreißt“, so Hannah Arendt in einem Brief an Gershom Scholem(vgl. Fn. 10 bei Ingeborg Normann, S. 94). Und Hannah Arendt geht noch weiter: Nicht die Zuverlässigen, die Treuen, die Stützen und gehorsamen Bürger sind diejenigen, die dem moralischen Zusammenbruch widerstehen. „Viel verläßlicher sind die Zweifler und Skeptiker, … weil sie daran gewöhnt sind, Dinge zu prüfen und sich eine eigene Meinung zu bilden…“(S. 92 in Freibeuter)

Und dieser Banalität des Bösen in Form der „Schreibtischtäter“ begegnen wir heute vielfach, in der Kriegsführung, etwa im Einsatz von Drohnen, die ferngesteuert Bomben abwerfen und „eben“ zahllose „Kollateralschäden“ unter der Zivilbevölkerung bewirken. Oder im völlig verantwortungslosen Handeln gewisser Banker, die um ihres egoistischen Profits willen eine ökonomische Katastrophe und damit Schaden für Millionen Menschen in Kauf nehmen: immer sind es brave, ängstliche Männer, die die eigene Karriere für absolut vorrangig halten vor allen ethischen Verantwortlichkeiten…

Ein prominenter Schüler Hannah Arends ist Richard Sennett. In seinem Buch „Die Kultur des neuen Kapitalismus“ geht es ihm darum aufzuweisen, wie die neue Kultur, die von der New Economy der 1990er Jahre ausgeht, zu tief greifenden Veränderungen auf gesellschaftlicher und individueller Ebene führen. Sennett betont: Man muss darauf hinweisen, dass heute in der Ökonomie und Politik weltweit Massen sozusagen nutzloser Menschen „erzeugt“ werden, man denke heute an junge Arbeitslose zu Millionen in Spanien, Griechenland, Portugal usw. Oder an „Überflüssige“ in den Slums der Großstädte Aftikas und Asiens…
Das kapitalistische System erzeugt förmlich permanent die überflüssigen Menschen, die zudem auch wissen, dass sie niemand braucht und vom System noch mit einer Minimalunterstützung manchmal noch gerade am Überleben erhalten werden.

Für Hannah Arendt stellten diese überflüssigen Menschen sozusagen die Basis dar, aus der die Mörderbande der Nazis ihre „Mitstreiter“ holten. Eine so genannte demokratische Gesellschaft und ein Staat, die ständig immer mehr „Nutzlose“ erzeugen, gefährden ihre eigene Zukunft.
Auch das ergibt sich aus einer Auseinandersetzung mit Hannah Arendts Werk. In ihrem Buch „Elemente und Ursprung totaler Herrschaft“ (1951) zeigt sie ausdrücklich, wie „der irrsinnigen Massenfabrikation von Leichen die historisch und politisch verständliche Präparation lebender Leichname vorangeht“. (S. 686, Serie Piper).
Damit meint sie: Die lebenden Leichname wurden „produziert“ vom Gesellschaftssystem, es sind die „Millionen Heimatlosen, Staatenlosen, Rechtlosen , wirtschaftlich Überflüssigen und sozial Unerwünschten“ (ebd.). Das totalitäre System des radikal Bösen konnte sich also nur entwickeln, weil so viele „überflüssige“ Menschen „produziert“ wurden. Denn auch die Henker und Täter fühlten sich als Nihilisten, sie lebten in dem Gefühl, dass ihr Leben sinnlos und überflüssig ist. Hannah Arendt warnt: Totalitäre Systeme können wieder „auftreten, wenn wieder hingenommen wird, dass es viele „überflüssige Menschen“ eben geben darf…
Die einzige „Therapie“ zur Rettung der wahren Demokratie ist für Hannah Arendt das aktive Leben, also das bewusste kritische und selbstkritische Handeln mit und für die Stadt, die Polis und die Gesellschaft. Wer das aktive Leben meidet, das Engagement gegen die Produzenten der „lebenden Leichen“, verfehlt sein eigenes Leben. So radikal ist die Botschaft Hannah Arends heute.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

2.
Ist Hannah Arendt gebunden an Heideggers eher braunen Denkweg?

Ein Hinweis auf ein verstörendes und inspirierende Buch des Philosophen Emmanuel Faye, Rouen

Am 12.5.2020 geschrieben:
Es ist interessant zu beobachten, dass manche Bücher, die sich auch sehr kritisch mit dem politischen Denken Hannah Arends befassen, in Deutschland kaum wahrgenommen werden. Das gilt etwa für das in Frankreich viel beachtete, sehr umfangreiche Buch von Emmanuel Faye, „Arendt et Heidegger“. Es hat in Frankreich seit seinem Erscheinen 2016 viele Debatten gefunden. Vor allem auch einige, zum Teil polemische Ablehnungen von Philosophen und Autoren, die sich „ihre“ in jeder Hinsicht vorbildliche Hanna Arendt nicht nehmen lassen wollten.
Faye will nur darauf hinweisen: Dass Hannah Arendt stark an bestimmte Denkmuster von Martin Heidegger gebunden bleibt. Und dass sich deswegen konsequenterweise fragwürdige, problematische Äußerungen finden in ihren Büchern „Über die Revolution“ oder „Vita activa“. In beiden Büchern legt Emmanuel Faye Aussagen, Tendenzen, frei, die mit einem demokratischen Denken und mit einer vorbehaltlosen Anerkennung und Verteidigung der Demokratie nicht so viel zu tun haben.
In einer Stellungnahme zu einer Rezension seines Buches in der Zeitschrift „La Vie des Idées“ (Paris) macht Faye auf verschiedene Erkenntnisse aufmerksam: Heidegger ist für Hannah Arendt immer eine Art „Paradigma“ des Denkens. Dabei betont Faye: „Ich kritisiere nicht die Person Arendt“. Aber von ihr wurde Heidegger zu einem Meisterdenker erklärt, „aufgrund ihrer Lobeshymnen auf ihn“. Wichtiger sind noch die Hinweise Fayes zu Arendts Buch „Vita activa“, in dem sie in gewisser Weise ihre Sehnsucht äußert nach einer „aristokratischen Politik“, verbunden mit einer Kritik an „egalitären Gesellschaften“. Eine Vorliebe für den Begriff des Aristokratischen bei Hannah Arendt steht im Mittelpunkt der Kritik Fayes.

Ich war einer der ersten in Deutschland, der auf diese Veröffentlichung des Buches von Emmanuel Faye 2016 reagiert hat. Als Hinweis verstanden! Hier noch einmal dieser Text, kurz nach Erscheinen von Fayes Buch. Und ich betone noch einmal: Dieser erste Hinweis sollte ein erster Anstoß zur Debatte auch in Deutschland sein. Diese kritische Debatte hat meines Wissens in Deutschland kaum stattgefunden. Als erste Information könnte vielen die auf Deutsch im Internet zugängliche Studie Fayes dienen:„Nationalismus und Totalitarismus bei Hannah Arendt und Aurel Kolnai“, in „Theologie-Geschichte. Beiheft 5/2012, Seite 61ff., Universitätsverlag Saarbrücken.
…………………………….
In Frankreich spricht man in diesen Tagen von einem „livre choc“ und einem „séisme intellectuel“, also einem „intellektuellen Erdbeben“: Ausgelöst hat dieses der französische Philosoph Prof. Emmanuel Faye: Er ist weltweit bekannt geworden durch seine Studien über die Verstrickungen Martin Heideggers in die Nazi-Ideologie. Dieses erste, von ihm in gewisser Weise unterstützte Erdbeben, wird in vollem Umfang nun auch bestätigt durch die Publikation der „Schwarzen Hefte“ Heideggers.
Jetzt aber steht ein zweites „Faye-Erdbeben“, womöglich noch größerer Art, bevor: Falls sich nicht ein noch Kompetenterer durch die 560 Seiten umfassende Studie Fayes so durcharbeitet, dass man zum Schluss herauskommt: Der Heidegger-Kritiker Faye hat geirrt. Es geht in der neuen „minutiös“ genannten Studie Fayes um eine globale und radikale Dekonstruktion, im Sinne von Entzauberung, wenn nicht Zerstörung, der international doch eigentlich hoch geschätzten, und kann man wohl sagen viel gelesenen und „beliebten“ Philosophin und Politik-Denkerin Hannah Arendt. Sie wird jetzt in der französischen Presse (Le Monde, 7. Octobre 2016, S. 7) als „maitresse“ Heideggers tituliert. Selbst nach 1945 sei sie ihm gewogen geblieben, und zwar auch in ihrer Philosophie! Und das ist das Ergebnis der Studie von Faye. „Le Monde“-Autor Nicolas Weill nennt das umfassende Faye Buch (erschienen im Herbst 2016 bei Albin Michel, Paris) eine „unerbitterliche Anklagerede“ gegen Hannah Arendt. Die Rezensenten betonen, Faye haben alle greifbaren Ausgaben und Ausführungen Arendts gelesen, und er sei zu dem Schluss gekommen: Sie habe in zahlreichen Werken, in Andeutungen, Ausführungen und Thesen letztlich die Nazi-geprägte Philosophie Heideggers nach 1945 unterstützt. Wenn sie etwa von den umstrittenen Judenräten in den KZs spreche, dann wolle sie damit die Juden mitverantwortlich machen für ihr eigenes „Schicksal“, eine These, die Heideggers sympathisch gefunden haben soll. Eine andere These Fayes, über die „Le Monde“ berichtet: Wenn Arendt Adolf Eichmann als Beispiel für die „Banalität des Bösen“ wählt, dann sei ihr positives Gegenbild der „penseur par excellence Heidegger“, also Heidegger als der herausragende Denker. Eine These, mehr nicht, denke ich. Nicolas Weill schließt seinen Bericht über dieses insgesamt verstörende und beunruhigende Buch: “Es fehlen vielleicht die Nuancen, damit dieses Bild (von Hannah Arendt) vollständig sei“. Eine kurze Besprechung im „Philosophie Magazine“, Paris, (Oktober 2016) berichtet: Faye halte das Denken Hannah Arendts für „fascisante“, also faschistoid. Eine ungeheuerliche Behauptung, die jeder, der Hannah Arendts Werke liest, wohl zurückweisen wird. Ist Hannah Arendt nicht immer dem Denken des Aufklärers Kants verpflichtet gewesen? Wie aber passen etwas Kants „Kategorischer Imperativ“ mit Heideggers (willkürlich wirkenden) „Seins-Geschicken“ zusammen? Wie mit einem Heidegger, der sich weigerte, überhaupt eine Ethik zu denken und zu schreiben, weil eben alles „geschicklich“ sei…Und überhaupt: Hannah Arendts Erkenntnis zur absoluten Notwendigkeit des Sich-selbst-Reflektierens ist ein Kontrast zu Heidegger, der offenbar ein weites Stück seines langen Lebens in der Nähe zum antisemitischem Denken sich eben NICHT selbst kritisch reflektierte!

Die Diskussion über dieses Buch Fayes hat in Deutschland meines Wissens noch nicht begonnen. Diese verstörende Studie wird hoffentlich nicht davon ablenken, nun auch noch die nazi-freundlichen Briefe Martin Heideggers an seinen Bruder Fritz gründlich zu lesen und allmählich ein Heidegger-Bild zu entwerfen, das sich der Frage stellt: Was brauchen wir von Heideggers Denken heute wirklich noch? Wie durchsetzt ist seine Philosophie von der Nazi-Ideologie und dem Antisemitismus? Dass dies überhaupt der Fall ist, wird immer deutlicher. Nun aber auch Hannah Arendt in das offenbar braune Denken Heideggers einzubeziehen und nun auch ihre aufklärerische Philosophie für faschistoid zu halten, das ist, einem ersten Eindruck der Rezensenten in Frankreich nach, wirklich schwierig, wenn nicht perfide. Der total antisemitisch „verdorbene“ Heidegger soll wohl dadurch als solcher weiter etabliert werden, dass er mit seinem Denken selbst seine „maitresse“ Hannah, beeinflusste, die Jüdin, die vor dem Holocaust flüchten musste! Ein „Erdbeben“, wie Le Monde“ schreibt, ist dieses Buch? Oder bloß – wieder einmal – eine französische „Intellektuellen Erregung“?

„Arendt et Heidegger. Extermination Nazi und Déstruction de la pensée“. Autor: Emmanuel Faye. Verlag: Albin Michel, Paris, 560 Seiten. 29 €.

Copyright: Christian Modehn

3.
Hannah Arendt über Pluralität und Erfahrung des anderen: Sie haben ihre Wurzeln im Selbstgespräch des einzelnen.

Ein Hinweis auf ein neues Buch von Hannah Arendt.

Hannah Arendt hat als Flüchtling in den USA nur noch politische Philosophie bzw. politische Theorie betreiben wollen, das hat sie etwa auch in dem berühmten Fernseh-Interview mit Günter Gaus betont. 1954 hat Hanna Arendt an der Notre-Dame University Vorträge zu dem Thema gehalten, auch über Sokrates und Platon hat sie gesprochen. Damit zeigte sie, dass die klassischen Themen der klassischen Philosophie für sie doch auch selbstverständlich wichtig blieben; sie wollte diese nur ausdrücklich im Zusammenhang des politischen Zusammenlebens erörtern.

Jetzt ist im Verlag „Matthes und Seitz“ (Berlin) zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung ihres Vortrags mit dem Titel „Sokrates. Apologie der Pluralität“ erschienen. Dieser eher knappe Text ist originell und bedeutsam für weitere Diskussionen, weil er die Erfahrung der Andersheit der vielen anderen Menschen (Pluralität) gerade IN der Erfahrung des Selbst begründet: Von Selbstbewusstsein, diesem klassischen philosophischen Begriff, spricht Arendt in dem Text – soweit ich sehe – nicht. Aber sie verweist auf die elementare Denkerfahrung, die sich abstrakt etwa so beschreiben lässt: Ich denke mich und erlebe mich dabei als den von mir Gedachten, wobei das von mir gedachte Ich in gewisser Weise von mir als dem Denkenden verschieden ist. Es ist also eine gewisse Spaltung, „Pluralität“, im Ich oder im Selbstbewusstsein sichtbar und erfahrbar. Also eine Art zweifache Gegebenheit des einen Ich, so dass Hannah Arendt tatsächlich meint: Das Ich ist in seinem Selbstbewusstsein pluralistisch: „In sich selbst trägt der Mensch die Signatur dieser Pluralität in sich“ (Seite 60 in dem genannten Buch). Also ist die Vielfalt verwurzelt im Ich selbst, und nur aufgrund dieser pluralistischen Erfahrung kann der einzelne auch den anderen als den anderen erkennen. Dies ist die zentrale These in dem Buch. (Es bietet darüber hinaus und im Gang der Argumentation wichtige Hinweise zu einer Philosophie der Freundschaft oder zur Differenz Sokrates-Platon, darauf kann hier nicht näher eingegangen werden).

Diesen zentralen abstrakten Gedanken formuliert Arendt mit den Begriffen des im einzelnen immer schon gegebenen Selbstgesprächs: „Indem ich mit mir selbst spreche, lebe ich auch mit mir zusammen…. Die Menschen tragen die Signatur der Pluralität in sich“ (S.26 in dem genannten Buch). Das hat ethische Konsequenzen: Ich muss also mit mir (als dem gedachten Ich) ins Reine kommen; ich darf mit mir (als dem gedachten Ich) nicht im Widerspruch stehen. Ziel ist eigentlich: Ich muss mit mir übereinstimmen. Das ist der oberste Lebenssinn für Sokrates. Und Hannah Arendt zeigt in dem Buch, wie Sokrates dieses Mit-sich-Eins-Sein selber lebte und lehrte. Dieses Mit-sich-Eins-Sein ist ein Werden, ein Prozess, eine bleibende Aufgabe.

Wer als Ich diese dauernde Aufgabe erkennt, wird auch mit den anderen Menschen in seiner Umgebung geduldig umgehen, weil diese sich ja auch wahrscheinlich bemühen, mit sich selbst überein zu stimmen. Voraussetzung für eine humane Gestaltung der Pluralität bleibt für Arendt: „Die Einsamkeit mit sich selbst, der Dialog des Zwei-in-Einem ist integraler Bestandteil des Zusammenseins und Zusammenlebens mit anderen“ (S. 81). Nur im Mit mit sich selbst allein sein kann diese Entdeckung der inneren, eigenen Pluralität denkend wahrgenommen werden.

Bedrängend, wenn nicht zerstörerisch ist die Erfahrung, wenn die Nicht-Übereinstimmung des Ich mit sich selbst erlebt und dann aber ignoriert bzw. überspielt wird. Dann wird die Daseinslüge zum Gesetz des Ich.

Jedenfalls ist die innere Pluralität im Selbstbewusstsein des einzelnen für Arendt so elementar, dass sie das große philosophische Wort thaumzein, sich verwundern, darauf bezieht: Im Thaumazein, Erstauntsein und Sich-Wundern, wird ja die Urerfahrung beschrieben, mit der Sokrates und Platon – zunächst über die Sprachlosigkeit im Thaumazein – ins weitere Philosophieren fanden.

Das Ur-Erstaunliche ist also das Selbstbewusstsein, das mit sich selbst übereinstimmen soll, das also die Differenz der Andersheit in seinem Selbst sozusagen positiv gestalten kann.

Diese Begründung der Erfahrung der menschlichen Pluralität, also die Erfahrung des anderen, erscheint für viele wahrscheinlich neu und sicher erstaunlich. Man könnte meinen, Hannah Arendt sei insofern doch klassische Philosophin geblieben, als sie für die Erfahrung des anderen als anderen eine Art apriorische Struktur im Ich entdeckt bzw. freilegt. Diese Denkhaltung könnte man wohl transzendentalphilosophisch nennen. Vielleicht ahnte dies Hannah Arendt, und vielleicht verwendet sie deswegen nicht den klassischen Begriff Selbstbewusstsein. Um eine apriorische Struktur handelt es bei Hannah Arendts Hinweis dann doch, wenn sie auf das in sich plurale „Selbstgespräch“, wie sie sagt, hinweist als Voraussetzung, über die andere Person als andere Person wahrzunehmen und zu respektieren.

Gewonnen ist die wichtige auch politisch so relevante Einsicht: Wir Menschen können und sollen Pluralität unter den Menschen anerkennen. Sie ist normal. Ich sage: Sie ist apriorisch und gehört zum „Wesen des Menschen“, könnte man auch klassisch sagen. Pluralität unter den Menschen ist also etwas allgemein Menschliches, noch einmal anders gesagt, Pluralität – in Gleichberechtigung – ist also zu hegen und zu pflegen.

Die weitere Frage bleibt, die Hanna Arendt nicht beantwortet, ob denn die Erfahrung des „anderen“ in mir selbst noch einmal eine andere Qualität hat, als jene Erfahrung im Ich-Du bzw. Ich-Wir, wenn ich dem anderen, leibhaftig vor mir stehenden Anderen, begegne. Ich denke, etwa Lévinas hätte dem zugestimmt. Der leibhaftige Andere ist für ihn wohl die Gründung erst meiner Ich-Erfahrung. Das unterscheidet Lévinas von Heideggers „Sein und Zeit“, wo die Freilegung der Strukturen der Existenz auch ohne den herausfordernden „Anderen“, das Du, das Wir, geleistet wird.So werden hier auch die Grenzen dieser Überlegung Hannah Arendts sichtbar, oder ihre Bindung an Heideggers „Sein und Zeit“?

Hannah Arendt lag daran, in einer Zeit kurz nach dem Holocaust und in der Nachkriegsgeschichte entschieden für die unabweisbare Pluralität der Menschen zu plädieren. Und für den Respekt dieser Pluralität einzutreten.

Hannah Arendt, Sokrates. Apologie der Pluralität. Matthes und Seitz Verlag, Berlin. 2016, 109 Seiten. 12 Euro. Übersetzung: Joachim Kalka.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

4.
Von der Macht der Kommunikation: Hannah Arendt. Eine Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“.

Wer Hannah Arendt liest, wird ins (selbst)kritische Denken geführt und ins Streiten für und über die Demokratie verbunden. Ist es diese Sehnsucht nach einem radikalen-tätigen, aber stets erhellenden Denken, die so viele LeserInnen heute zu Hannah Arendt führt?

Die neue Sonderausgabe über Hanna Arendt der Zeitschrift PHILOSOPHIE MAGAZIN bietet wichtige neue Erkenntnisse, die zum weiteren Forschen und Lesen einladen. Das Sonderheft wurde von Catherine Newmark redaktionell inspiriert und verantwortet. Und es ist nicht übertrieben: Damit ist ihr ein kleines Meisterwerk gelungen. Dieses Sonderheft wird weite Verbreitung finden, es wird einen sicheren Platz haben unter den schon zahlreichen Einführungen ins Denken und Handeln Hannah Arendts. Es ist diese Verbindung von wichtigen Arendt-Texten mit neuen Interpretation und kritischen Hinweisen, die dieses Heft so wertvoll macht.

Hannah Arendt war eine Meisterin der Freundschaft und der liebenden Beziehungen, dazu schreibt Michel Legros einen schönen Beitrag unter dem schon Wesentliches sagenden Titel „Zwischen zwei Menschen entsteht eine Welt“.

Als sie in den USA, zuerst viele Jahre als Staatenlose in rechtlicher Schutzlosigkeit lebend, dann doch Karriere machte, gab es viele, die ihr Denken und ihre Schriften als „Journalismus abgetan haben“, wie ihr einstiger Schüler, der Dirigent und Autor Leon Botstein im Interview mit Catherine Newmark berichtet. Wie das Exil und die von den Nazis erzwungene Flucht aus Deutschland Arendts Denken beeinflusste, zeigt die Philosophin Stefania Maffeis (FU). „Der philosophische Standpunkt des Exils ist jener der Lücke und des Bruchs. Er steht nicht auf dem sicheren Boden der unhinterfragten Wahrheiten der Vergangenheit und kann auch seine zukünftigen Ziele nicht vorhersehen“ (S.55).

Es sind die Interviews, die Catherine Newmark leitet, die in dem Heft in meiner Sicht besonders herausragen. Die Gründerin des Hannah Arendt Zentrums an der Uni Oldenburg, Antonia Grunenberg ist auch vertreten. Sie stellt sich auch der eher spekulativen Frage, wie denn etwa Hannah Arendt auf den IS reagiert hätte: „Sie hätte mehr darüber nachgedacht, wie sich die westlichen Gesellschaften verteidigen gegen diese Gefahr, ob sie einknicken oder ihre plurale Öffentlichkeit leben und öffentlich verteidigen“, so Antonia Grunenberg (S. 74). Erneut und sehr zurecht wird in dem Heft auf die eigenständige Leistung Arendts hingewiesen, dass sie eben als eine der wenigen „PhilosophInnen“ über die Geburt nachgedacht hat: Mit jedem neuen Menschsein wird jeweils ein Anfang gesetzt, und deswegen „können Menschen die Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen“ (Arendt).

Besonders umstritten ist auch heute die viel zitierte Einschätzung Arendts, der Nazi-Verbrecher Adolf Eichmann sei eine typischer Vertreter für die Sichtbarkeit der „Banalität des Bösen“. Da finde ich die Hinweise der Philosophin Susan Neimann sehr erhellend: Hannah Arendt habe viele historische Details über Eichmann im Jahr 1961 eben gar nicht kennen können, als sie in Jerusalem den Eichmann-Prozess beobachtete. Noch wichtiger aber erscheint mir der Hinweis von Susan Neiman:. „Das Böse ist (für Hannah Arendt) nicht dämonisch und allumfassend, sondern nur die Summe von menschlichen Handlungen, oft gedankenlosen“ (S. 107). Neiman meint, Arendt habe in dieser „Relativität des Bösen“ eine Art philosophische Theodizee gesehen (S. 107). Praktisch heißt das: Mit besserem Denken und besserem Handeln können wir Menschen gegen das Böse vorgehen. „Die These von der Banalität des Bösen mag zwar historisch für Eichmann nicht zutreffend gewesen sein, aber für Millionen von anderen Menschen stimmt sie schon, Menschen , deren Absichten nicht dämonisch böse waren. Sondern irgendwo zwischen relativ niedrig und deutlich gut rangieren, aber ohne die es keinen Holocaust gegeben hätte“ (ebd.).

Eine andere, schärfere, Vernunft-skeptische Position vertritt die Philosophin Bettina Stangneth, die kürzlich das Buch „Böses Denken“ (bei Rowohlt) veröffentlichte. Sie sagt: „Das Denken ist ein Werkzeug. Und mit Werkzeugen kann man bekanntlich alles Mögliche anstellen – so wie man mit einem Hammer einen Nagel einschlagen oder aber die Schwiegermutter erschlagen kann, deshalb versuche ich, mehr über das böse Denken zu lernen“. Aber darüber wäre viel zu diskutieren, ob Denken überhaupt ein Werkzeug ist und ob nicht auch derjenige, der Böses denkt und Böse tut, sich meistens, wenn nicht gehirngeschädigt, doch wohl frei für diese Tat entschieden hat.
Und der Böse erlebt dieses Böses-Tun dann doch als seine Form seines privaten egoistischen Ego-Glücks und des nur für ihn subjektiven „Guten“. Womit gesagt sein soll, dass auch der Böse letztlich an eine Priorität des Guten (formal) gebunden ist. Das Gute ist also in der Wahrnehmung selbst noch des Bösen vorhanden und als Gutes in der Hinsicht nicht „totzuschlagen“. Das könnte heißen: Menschen als Wesen des Geistes, der Vernunft, sind an die Idee des Guten irgendwie „gebunden“. Aber diese interessanten „spekulativen“ Fragen führen über das Heft hinaus.

Politisch sehr aktuell und sehr inspirierend ist das moderierte Gespräch Gesine Schwans mit Volker Gerhardt, die sich beide in den meisten Fragen zum Thema „Öffentlicher Streit in der Demokratie“ einig sind. Sie sind sich auch einig, wenn es um die These von Hannah Arendt geht „Macht gründet auf Kommunikation“. Da wird sehr zurecht von beiden Philosophen daran erinnert, dass die Kanzlerin Merkel – etwa auch in der Flüchtlingspolitik – „gerade nicht kommunikativ war“, so Gesine Schwan (S. 142). …“und unsere Kanzlerin ist ganz besonders avers gegen öffentliche Kommunikation und gegen die Kommunikation von Alternativen“ (ebd). Volker Gerhardt sagt: „Die Politiker (Deutschlands, Europas) konnten schon seit langem wissen, was auf Europa zukommt, aber sie haben die Bürger nicht auf den bevorstehenden Ansturm eingestimmt… Aus der Sicht Hannah Arendts haben die Offenheit und die immer auch visionäre Kraft des Arguments gefehlt“ (S, 142).

Insofern möchte man hoffen, dass dieses Heft über Hannah Arendt auch von Politikern gelesen und besprochen wird. Gibt es das eigentlich, dass PolitikerInnen über ihre gemeinsame philosophische Lektüre öffentlich sprechen? Oder sind sie nur im hektischen Geschäft des politischen Agierens und Tuns befasst?

Zum Heft selbst eine kleine kritische Anmerkung: Ich hätte mir einen eigenen Beitrag gewünscht zu der Tatsache, dass Hannah Arendt im Gespräch mit Günter Gaus von 1964 ausdrücklich darauf besteht, sie sei keine Philosophin mehr sei, sondern eine Theoretikerin der Politik (S. 17). Diese ausdrückliche Abwehr seit ihrer Zeit in den USA, eben nicht mehr als Philosophin zu gelten, hat sicher ihre Gründe: Erkenntnis der Abgehobenheit „der“ (klassischen) Philosophie? Arendt schrieb ja noch bei Heidegger eine Doktorarbeit über die „Liebe bei Augustin“. Ein hübsches Thema?! Spielt etwa auch das Erleben der Spätphilosophie Heideggers (nach 1945) eine Rolle, dieses angeblich so unpolitische Stammeln von Seins – Erfahrungen, so dass Hannah Arendt nicht mehr als Philosophin, zu diesem „Club“ gehördend, gelten wollte?

Die Sonderausgabe des „Philosophie Magazin“ über Hannah Arendt hat den Titel „Die Freiheit des Denkens“. Es ist im Juni 2016 erschienen, hat 146 Seiten, zahlreiche Fotos und Graphiken,Literaturhinweise usw. Es kostet nur 9,90 Euro.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Pfingsten, Christi Himmelfahrt und Ostern: Ein einziges Gedenken und ein einziges Fest!

Ein Hinweis von Christian Modehn. (Der ursprüngliche Text, am 29.5. 2017 veröffentlicht, wurde am 29.4.2020 stark gekürzt). Über die Verbindung der Philosophie Hegels mit Pfingsten: LINK

1.
Manche fragen nach den alten, überlieferten christlichen Glaubensbildern „Pfingsten“, „Himmelfahrt Jesu Christi“ und „Auferstehung Jesu von Nazareth (Ostern)“.
Diese Bilder werden erinnert an bestimmten Festtagen. Und diese Festtage sind immer auch Tage des Verstehens, des Denkens, der Vernunft: Was ist eigentlich (für mich/uns) mit diesen Festen und diesen Glaubensbildern gemeint, und zwar nachvollziehbar, ohne mysteriöse Behauptungen. Denn fest steht: Christlicher Glaube und Vernunft gehören zusammen. „Wilde Behauptungen“ haben da keinen Platz.
Hier wird versucht, einige Hinweise, Impulse zum Weiterdenken/Weitermeditieren, zu geben, vielleicht auch (vorläufige) Antworten.
2.
Das Denken über Pfingsten führt – förmlich „chronologisch“ zurück – zu Himmelfahrt und dann auch zum Kreuzestod und zur Auferstehung Jesu, zu Ostern:

Das ist entscheidend: Diese drei christlichen Feste beziehen sich auf eine und dieselbe Einsicht der frühen Christen:
Ihnen kam nach der Ermordung Jesu am Kreuz die Erleuchtung, die gemeinsam geteilte Einsicht: Der verstorbene Jesus von Nazareth, dieser vorbildliche, „wunderbare“ Freund der Mensch, voller Hingabe für die Armen, dieser unschuldig Verurteilte, lebt auf ungeahnte Weise über den Tod hinaus in ewiger Gegenwart. Dies meint ja bekanntlich „Auferstehung von den Toten“.
Diese Einsicht, diese Erleuchtung, wird zu Pfingsten dann – zeitversetzt – explizit gefeiert. Es ist der göttliche, der heilige Geist, der in den Menschen lebt und die Gemeinde zur Einsicht bringt: Jesus lebt in Ewigkeit. Alle Menschen sind mit dem göttlichen Geist, „begabt“. Dies wird Pfingsten gefeiert. Und der Versuch, all die unterschiedlichen Menschen zu einer Gemeinschaft, Gemeinde der gleichberechtigt Verschiedenen, Vielfältigen, zu versammeln.
3.
Warum werden in den christlichen Kirchen drei Gedenktage und drei Feste (Ostern, Christi Himmelfahrt, Pfingsten) in so kurzer Zeit hintereinander gefeiert? Diese drei christlichen Feste haben alle einen grundlegend gleichen Inhalt.
Dass die Kirchen dreimal eigentlich das Gleiche, in kurzem zeitlichen Abstand feiern, also Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, hängt einzig mit der sehr menschlichen Begeisterung zusammen, möglichst viele Feste – mit unterschiedlichen Akzenten – zu feiern.
4.
Zur vernünftigen Interpretation der Auferstehung Jesu von Nazareth habe ich schon einige Hinweise veröffentlich. Zentral ist der Gedanke: Wenn die Welt und die Menschen Schöpfungen Gottes sind, ist in der Welt und in den Menschen göttlicher , schöpferischer Geist lebendig. Dieses Göttliche in jedem Menschen kann nicht untergehen im Tod. Dieser universale göttliche Geist ließt die Menschen erkennen: Ihr Freund Jesus von Nazareth lebte vorbildlich in der Kraft des göttlichen Geistes. Der Tod kann ihm nichts anhaben, wie alle anderen Menschen kann aus der ewigen Welt Gottes nicht herausfallen.
Man beachte: Wenn hier von Gott und ewig gesprochen wird, sind dies nur kurz gefasste Begriffe, Erinnerungen an Symbole, die aber doch ein Verständnis ermöglichen.
5.
Was meint Christi Himmelfahrt?
Dieses seltsame Wort „Himmelfahrt“ ist eine Metapher für den Mythos, also die Erzählung, die schon zu Ostern deutlich wurde: Dieser Jesus von Nazareth ist nicht im Nichts verschwunden. Jesu Leichnam ist zwar – wie der Leichnam aller Menschen – im Grab! Aber sein göttlicher, ewiger Geist ist „woanders“, er ist – bildlich gesprochen – an dem Ort, den man üblicherweise den Ort des Ewigen, des Göttlichen nennt, den „Himmel“. Das Fest Christi Himmelfahrt ist also eine Art Verdeutlichung des Osterfestes.
6.
Zu Pfingsten wird dieses „Gesamtgeschehens“ von göttlicher Geisteskraft gefeiert und der denkenden Meditation überlassen.
Insofern ist Pfingsten das Fest der tiefsten Einsicht, die das Ganze des Lebens berührt. Ein Fest, bei dem der Geist sich selber feiert. Pfingsten ist das Fest dessen, was den Menschen, was alle Menschen auszeichnet. Pfingsten ist as Fest der Menschenwürde, der Menschenrechte.
7.
Was hat das alles mit der Corona-Pandemie zu tun?
Pfingsten als das Fest des kritischen Geistes erinnert an die eine „Familie“ der gleichberechtigten Menschen. Alle Menschen haben die gleiche Würde. Dies ist eine evidente Einsicht, die gerade im Zusammenhang der medizinischen Versorgung der Corona-Patienten zentral ist! Nationalistischer Ehrgeiz hat jetzt keinen Platz.
Wer macht sich in Deutschland/Europa Sorgen um die vielen Tausend Corona Patienten in den armen Ländern, in Lateinamerika oder Afrika? Können wir hier stolz auf unsere „Erfolge“ sein, wenn in diesen Ländern die Kranken krepieren?
8.
Insofern sprengt Pfingsten immer wieder die enge kirchliche Welt und die Fixiertheit auf Dogmen, als wäre es jetzt noch wichtig, die ewig selben Kircheninterna zu debattieren: Wenn etwa Diakoninnen und PriesterInnen in der römischen Kirche gewünscht werden, dann soll man diese Ämter doch auch von unten, von der Basis aus, kraft des Geistes, einführen und leben, egal, was Rom dazu sagt. Ist denn die Freiheit der Kinder Gottes bloß ein belangloser Spruch?
Aber diese immer auch klerikal angehauchten Themen sind, mit Verlaub gesagt, für jetzt und die kommenden Jahre zweitrangig. Jetzt geht es um eine geistvolle, demokratische, menschenwürdige (Neu)Gestaltung unserer Welt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Kann die Kunst unser Leben verändern? Denken in Zeiten der Krise. 8.Teil

Ein Hinweis von Christian Modehn. Zugleich eine Buch-Empfehlung!

Wie viele hektische Besuche von Galerien und Besichtigungen in Museen haben wir schon absolviert? „Bloß nichts verpassen“, ist die Devise. Wie oft haben wir intensiver die ultra-kurz gefassten historischen Erläuterungen unterhalb der Gemälde gelesen als die Kunstwerke selbst betrachtet? Wie viele Kunstbücher und Ausstellungskataloge ruhen nicht beachtet und nicht betrachtet in unseren Bücherregalen?
Damit soll nun Schluss sein. Zu einer Kehrtwende in einem oberflächlichen Kunst-„Konsum“ ermuntert ein (relativ) neues Buch des bekannten Philosophen Alain de Botton: „Wie Kunst Ihr Leben ändern kann“ ist der Titel. Das Buch hat de Botton gemeinsam mit dem Philosophen und Kunsthistoriker John Armstrong verfasst. Erschienen ist es 2017 im Suhrkamp Verlag. Der englische Titel ist deutlicher: “Art as therapy“.
Denn darum geht es den Philosophen: Kunstwerke sollten wir um einer besseren Lebensgestaltung betrachten und sie wirklich gebrauchen lernen und sogar wie eine Medizin, als Therapie, „verwenden“, als Heilung für unsere zerrissene Seele und den verwirrten Geist.
Diese Perspektive der Kunstinterpretation ist natürlich eine Provokation, bei allen, die immer noch an eine „L art pour l art“ glauben. Oder bei Philosophen, die einen Übergang von ästhetischen Erfahrungen und Einsichten zu ethischen Einsichten und entsprechender Praxis ablehnen. Alain de Botton plädiert hingegen sehr entschieden für den praktischen Wert der Kunst, also jener Objekte, die im Rahmen der Ästhetik diskutiert werden. Kierkegaard wäre als widersprechender Gesprächspartner hier wichtig, er wird in dem Buch leider nicht erwähnt.

Alain de Botton hatte auch in seinen früheren Publikationen stets vom Nutzen, man möchte sagen praktischen Gebrauchswert, von Religion und Philosophie gesprochen. Nun also auch von der Kunst. In dem Buch „Wie Kunst ihr Leben verändern kann“ stellt er Kunstwerke unterschiedlicher Epochen in einer überraschenden Vielfalt auch als (kleine) Farbdrucke (141 insgesamt) vor, immer von der Frage geleitet: Wie könnte dieses Bild, dieses Kunstwerk, uns helfen, dass wir uns wieder richtig erinnern, dass wir die Hoffnung wieder entdecken oder mit dem Leiden sinnvoll umgehen usw.
Ich finde besonders das erste Kapitel hilfreich hinsichtlich der therapeutischen Funktion von Malerei und Skulpturen: Wie kann Kunst vor Pessimismus und Schwarzmalerei bewahren? Wie können wir Ermutigung im Leben sehen und durch Kunst-Berachtung auch wieder finden? De Botton zeigt das etwa an den „Tänzern“ von Matisse (von 1909). Es besitzt „so viel Anmut und Liebreiz, dass es uns für einen Augenblick das Herz zerreißt“ (13). Die Betroffenheit kann paradox sein: „Unsere Tränen kommen nicht, weil das Bild so traurig ist, sondern weil es so hübsch ist“ (17).

In der Interpretation von Richard Serras Objekt mit dem Titel „Fernando Pessoa“ betonen die Autoren, wie dieses Kunstwerk wirkt. Es ist benannt nach dem portugiesischen Dichter und Poeten Fernando Pessoa: Wir werden durch dieses Objekt förmlich dazu gedrängt, Leiden und Schmerzen auch als Momente der Würde im Leben anzunehmen. Es geht darum, im meditativen Blick auf Kunst „unser seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen“ (29). Voraussetzung ist natürlich, dass der meditative oder kontemplative Kunst-Betrachter um die eigene Befindlichkeit, wenigstens als Frage und Suche, schon etwas weiß. Diese Voraussetzung scheint mir in dem Buch nicht ausreichend reflektiert zu werden. Oder ist das Erschüttertwerden oder gar das „Umgeworfenwerden“ durch Kunst das entscheidende, unerwartete Erlebnis, das uns in die Tiefe unseres Lebens führt? Dann wäre ein erschütterndes Kunsterlebnis einer religiösen Erfahrung mit Gott/dem Göttlichen vergleichbar. Und Kunst könnte die Funktion des Religiösen übernehmen…Ein umstrittenes Thema…

Die elementare Bedeutung der Kunst für eine menschliche Ethik steht den Autoren außer Frage: „Dabei liegt es auf der Hand, dass viele der besten Kunstwerke …eindeutig einen moralischen Anspruch haben, nämlich die Intention, uns durch verschlüsselte Botschaften zu ermahnen oder zu warnen und so das Gute in uns zu fördern“ (33). Kunstwerke regen also an, „das Beste aus uns herauszuholen“ (34), heißt es pragmatisch, fast ratgebermäßig. Aber wer sich in die Geschichte der Kunst vertieft, wird wohl sehr oft diesen „das Gute in uns fördernden Aspekt“ erkennen. Man denke nur an die Genre-Malerei der Niederländer. Brouwer oder Steen malen Wirtshausszenen nicht um ihrer selbst willen, sondern um versteckt, aber für die Zeitgenossen damals und auch für uns unübersehbar vor einem allzu ausgelassenen Lebenswandel zu warnen. Diese Bilder (etwa „Singende Trinker“, von Adriaen Brouwer, 1635) sollen auch und vor allem „Abscheu und Ekel erregen“ (so im „Katalog von Frans Hals bis Vermeer“, Berlin 1984, Seite 128). Und die vielen Marien-Darstellungen, diese vielen Pietas: Sind sie doch bewusst geschaffene Bilder des Trostes nicht nur für Mütter in trostlosen Zeiten.

Ich empfehle das Buch „Wie Kunst ihr Leben verändern kann“, gerade in diesem Zeiten, in denen einige doch hoffentlich längere Zeiten fürs Lesen und Betrachten (Kontemplation) frei haben. Schauen Sie sich als erstes das (mir bis dahin) unbekannte Bild von Jean-Baptiste-Siméon Chardin an, mit dem schlichten Titel „Dame beim Tee“ (von 1735). „Der Raum ist bewusst schlicht gestaltet. Und doch hat das Bild etwas Glamouröses. Es glorifiziert diese alltägliche Situation und das schlichte Mobiliar… Es regt den Betrachter an, (nach dem Museumsbesuch) nach Hause zu gehen und seinen eigenen Lebensentwurf zu gestalten… Die Kunst hat die Macht, den schwer zu definierenden, aber dennoch vorhandenen Wert des normalen Lebens zu würdigen… Die Kunst kann in uns ein neues Bewusstsein wecken für die wahren Vorzüge des Lebens, das wir nun einmal gezwungen sind zu leben“ (56 f.)

Natürlich unterscheiden die Autoren genau, was Kunst ist und was sich nur Kunst zu nennen wagt, was also Kitsch ist. Sie denken etwa an die verblödenden populären TV-Serien, „die uns genau das liefern, was wir haben wollten“ (156). Sie beleidigen die Menschen, weil sie nicht zeigen, „wozu wir als Menschen eigentlich in der Lage sind“ (157). Die Autoren kritisieren den dummen Wahn der Reichen, diese „Klasse der obszön Reichen“ (157), die ihre totale Ahnungslosigkeit und blöde Geschmacksverirrung auch künstlerisch, etwa in ihrer Architektur ihrer pompösen Villen ausdrücken müssen (zwei Beispiele auf Seite 156 und 158).

Den Autoren liegt es fern, nur den einzelnen durch Kunst heilen zu wollen. Die einzelnen sollten „die Werte, die die Kunst repräsentiert, in der realen Welt umsetzen… Die wahre Ehrfurcht vor der Kunst besteht darin, das Gute, was in einem Kunstwerk kraftvoll dargestellt ist, aktiv in Umlauf zu bringen“ (225).

Zu diesen Zitaten und den Hinweisen: Im Hintergrund steht als Kriterium des „Ändern des eigenen Lebens“ durch die Kontemplation der Kunst ein bestimmtes Menschenbild: Der Mensch als ein Dasein, das sich im Laufe seines Lebens inmitten vieler Krisen und Widersprüche entfaltet, das sich geistig entwickelt, zu sich selbst kommt, sich selbst und andere lieben lernt … und die Solidarität hoch schätzt.

Alain de Botton und John Armstrong, Wie Kunst Ihr Leben verändern kann“, Suhrkamp Verlag, 2017, Taschenbuch, 240 Seiten. Nur 17,95 EURO!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ostern: Die Auferstehung Jesu von Nazareth vernünftig verstehen!

Ein Essay von Christian Modehn, Karfreitag 2020

Ein Motto vorweg: Selbst wer sich strikt weigert, wegen seiner religiösen Gefühle die Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen zu wollen, also vernünftig zur Sprache zu bringen, versteht sie in der Abwehr des Gebrauches der eigenen Vernunft immer noch! So ist selbst die fromme Äußerung „Die Auferstehung Jesu ist ein total einmaliges Wunder“, Ausdruck eines (begrenzten) Nachdenkens.

Warum auch für die Auferstehung die „Schöpfung“ der Welt und der Menschen die Basis ist

1.
Über die Auferstehung Jesu von Nazareth haben die Kirchen eine bunte Welt von Bildern, Symbolen, Metaphern, Mythen und Erzählungen erzeugt sowie, damit eng verbunden, über das „ewige Leben“ der Menschen … im „Himmel“. Bei allem Respekt, auch für die Leistungen der Künstler und Schriftsteller zum Thema in all den Jahrhunderten: Es wurden viel zu viele Glaubensinhalte, auch viel zu viele Dogmen, verbreitet, sie setzten sich förmlich als Bilder durch. Aber zeigen sie das Wesentliche?
Ich denke: Sie verdecken vielmehr den klaren, den einfachen und vernünftigen Gedanken zur Bedeutung der Auferstehung Jesu von Nazareth. Warum soll denn bei dem Thema das klare, vernünftige Denken ausgeschaltet werden? Selbst wer noch an allerhand Wunder und mysteriöse Dinge glaubt, denkt ja noch, auch begrifflich, in gewisser, aber eher diffuser und willkürlicher Weise.
Hier also wird zur Auferstehung ein einfacher Gedanke vorgestellt, der aber gerade weil er einfach ist, ausführlicher erläutert werden muss. Er ist nachvollziehbar.
Hier gilt nur eine Überzeugung als Voraussetzung: Wenn die Welt mit ihren Menschen im schöpferischen Handeln einer unendlichen Energie (Gott genannt) ihren Grund hat, dann ist diese Welt, sind die Menschen, mit dieser Energie (Gott) bleibend – geistig – verbunden. Wenn man einen schöpferischen Gott annimmt, kann seine Welt nicht von ihm getrennt sein. Deswegen haben auch die Menschen Anteil am Ewigen. Das Ewige lebt im Geist, als Geist. Dieses ist die Voraussetzung dafür, dass es die Auferstehung Jesu von Nazareth gibt wie auch die von allen anderen Menschen.
Dass es Welt und Menschen gibt als Geschaffene, ist das eine und einzige Wunder sozusagen. Diese Einsicht kann sich dem naturwissenschaftlichen Wissen gar nicht erschließen. Weil es sozusagen um den Grund des Ganzen der Wirklichkeit geht.
Nebenbei: Selbst Atheisten sagen zurecht: Auch wir können nicht wissen, sondern können nur glauben, dass es eine „Schöpfung“ einer „göttlichen Wirklichkeit“ eben nicht gibt. Das heißt: Alle Menschen, gleich welcher Weltanschauung, sind also bei der letzten Frage nach dem Grund der Wirklichkeit Glaubende. Wir bilden bei aller Unterschiedlichkeit eine Gemeinschaft der Glaubenden. Und diese Tatsache wissen wir.

2.
Jeder Mensch hat seine eigene Meinung über Sterben und Tod nicht nur im allgemeinen, sondern auch eine Meinung über das eigene Sterben und den eigenen Tod. Zur Gestaltung eines menschenwürdigen Sterbens gibt es Argumente. Beim Thema Tod (und der oft gestellten Frage „Was ist danach“) sind wir auf Überzeugungen angewiesen. Aber diese Überzeugungen drängen sich beim Menschen als einem geistvollen Wesen auf. Epikurs bekannte und viel zitierte radikale Abwehr dieser Frage hat kein philosophisches Niveau. Er verdrängt nur den Tod im Leben, empfiehlt förmlich den Kopf in den Sand zu stecken. Nur wenigen wird das gefallen.
Heute sagen die einen: „Mit dem Tod, ist alle zu Ende, Basta“, „Ich falle ins Nichts“. Oder die anderen: „Eine Form des Danach wird es geben“. Jeder wird sich letztlich einer dieser Meinungen anschließen und sie im Laufe seines Lebens vielleicht auch ändern. Man ist als Mensch förmlich von eigenen Fragen gezwungen, zur Bedeutung des Todes, des eigenen Todes, Stellung zu. nehmen! Auch die Abwehr dieser sich aufdrängenden Frage ist eine Antwort.

3.
Die traditionellen christlichen Lehren über den Tod und das mögliche „Danach“ sind gebunden an die Erzählungen von der Auferstehung des Menschen Jesus von Nazareth. Aber diese Erzählungen in den vier Evangelien des Neuen Testamentes waren über all die Jahrhunderte förmlich fixiert auf die Wiederholung, also die Nacherzählung der äußeren Ereignisse. Und wie viele Predigten, wie viele Aufsätze selbst nachdenklicher Theologen tun das noch heute. Tatsächlich berichten die Evangelisten sehr bunt und sehr phantasievoll vom sonderbaren leibhaftigen Auftreten des Auferstandenen unter seinen Freundinnen, Freunden und Aposteln. Aber bei dieser „bunten Bilderwelt“ kann man nicht stehen bleiben!

4.
In diesem Essay wird der Versuch gemacht, die vielen zweifellos auch poetisch schönen, anrührenden Erzählungen von der Auferstehung Jesu von Nazareth ganz von den inneren Erfahrungen der Hinterbliebenen zu begründen!
Das heißt: Es soll gezeigt werden mit Argumenten, die plausibel sein können: Es ist die Gemeinde der Hinterbliebenen, der Freunde Jesu, die nach einer tiefen Depression über den Verlust des Geliebten zu der Überzeugung kommt: Der am Kreuz gestorbene Jesus von Nazareth wurde in eine bleibende, ewige geistige Präsenz setzt. Die Freunde, Freundinnen Jesu, seine ersten kleinen Gemeinschaften, haben also die Überzeugung förmlich „gesetzt“: Unser „Meister“ und „Lehrer“ und innig geliebte Freund lebt geistig! Er ist nach seinem Tod unter uns, aber ganz anders: Als eine bleibende geistige Präsenz.

5.
Diese Erweckung Jesu aus dem Tod geschieht kraft des Geistes, des göttlichen, der in der Welt, in den Menschen, in der Gemeinde wirkt. Deswegen kann die Gemeinde der Hinterbliebenen auch die Überzeugung aussprechen: Diese Erweckung Jesu zu einer bleibenden, ewigen geistigen Präsenz gilt nicht nur ihm, sie gilt nicht nur der Gemeinde, sie gilt allen anderen Menschen.

6.
Warum diese ausführliche Hinführung zum Thema Auferstehung Jesu von Nazareth? Weil diese argumentierende Erklärung viele übliche, eingeschliffene Bilder, wunderbare Erzählungen und alte Dogmen beiseite setzen muss. Denn nur wenn unsere menschliche Vernunft und die Auferstehung Jesu von Nazareth nicht in einem tiefen Widerspruch zu einander stehen, hat das Osterfest tatsächlich auch eine Bedeutung „für uns“ heute. Nur dann kann Ostern unser Leben orientieren!
Nebenbei: Wer dieses Thema präsentiert, will überhaupt keine Propaganda machen für Jenseits-Vertröstungen.

Die Gemeinde setzt den Glauben an den auferstandenen Jesus

7.
Wer also Sterben, Tod und Auferstehung Jesu von Nazareth verstehen will, muss auf die Hinterbliebenen schauen, auf Jesu Angehörige, Freundinnen und Freunde. Sie haben sich nach seinem Tod wieder gefasst, aus der Verzweiflung befreit und aufgerafft, neuen Lebenssinn, auch ohne den leibhaftig anwesenden Jesus zu entdecken. Sie fragen inmitten der langen Trauer: „Inwiefern bedeutet Jesus von Nazareth über seinen Tod hinaus, uns und anderen Menschen etwas für unser eigenes Leben und Sterben“?
Die Antworten der Freunde Jesu, der Gemeinde, sind dokumentiert: Die erste uns vorliegende Antwort hat der Apostel Paulus in seinem „1. Brief an die Thessalonicher“ gegeben. Verfasst wurde dieser Brief im Jahr 51, also etwa 17 Jahre nach Jesu Tod am Kreuz. Im Kapitel 1, Vers 10, schreibt Paulus ganz lapidar und sehr knapp von „Jesus, den Gott von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Gericht entreisst“. Lassen wir hier eine ausführliche Erläuterung der alten Vorstellung von einem Gericht beiseite, die angedeutet wird in diesen Worten: Die Auferstehung Jesu befreit von der Angst vor dem definitiven Ende, vor dem Gericht Gottes über das Leben der Menschen… Wichtiger ist: Die Überzeugung von der Auferstehung Jesu von Nazareth war schon ca. 17 Jahre nach seinem Tod selbstverständlich für die Gemeinde, sie wurde vor allem mündlich verbreitet. Darauf bezieht sich Paulus. Und gleichzeitig betont er schon: Das Auferstehen betrifft nicht nur Jesus allein, es betrifft alle Menschen. Im Kapitel 4, Vers 14 heißt es: „Wenn Jesus gestorben und auferstanden ist, dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“. Ein paar Jahre später werden Paulus und die 4 Evangelisten ausführlicher ihre Überzeugungen von der Auferstehung beschreiben.

8.
Die Erzählungen von der Auferstehung Jesu sind keine Reportagen, keine objektiven Berichte über einen historischen Vorgang, den Zeitzeugen beobachteten. Die Auferstehung Jesu ist eine Überzeugung, also als ein innerer, geistiger, seelischer Prozess, der sich langsam bildet. Für eine innere Überzeugung von Menschen gibt es kein allgemeines fixes Datum. In den Texten spiegelt sich diese innere Überzeugung. Und die heißt: Unser lieber Freund Jesus von Nazareth ist unter uns nach seinem Tod am Kreuz geistig präsent. Und weil der Geist eine lebendige Wirklichkeit ist, kann man sagen: Jesus „lebt“, er ist geistig präsent.

9.
Die historisch – kritische, die wissenschaftliche Erforschung der Bibel erhellt auch die Texte, die von Jesu Tod und Auferstehung sprechen. Diese Forschung wird intensiv mindestens schon seit 100 Jahren an den Universitäten gelehrt. Aber viele Kirchenführer haben diesen Gebrauch der Vernunft im Umgang mit der Bibel verteufelt. So haben sich viele Leute geistig eingemauert in eine fundamentalistische Lektüre und sich allzu bescheiden auf ein bloßes Nachsprechen der Auferstehungstexte im NT begrenzt. Im Nacherzählen der Mythen von Jesu wunderbarer Auferstehung aus dem Grab, von den Engeln, den leibhaftigen Erscheinungen des Auferstandenen usw. ist ein gar nicht mehr zu bremsender, unkontrollierter Wunder-Glaube entstanden. Er hält schlechterdings alles für möglich: Etwa auch „das leere Grab“. Es wird als das größte aller Wunder gepriesen. Dabei ist das leere Grab völlig bedeutungslos für den Glauben an den Auferstanden und für den Glauben an die allgemeine Auferstehung: Der katholische Theologe Hans Kessler betont: „Wenn vom leeren Grab gesprochen wird, so ist dies nur eine Veranschaulichung der Auferstehung Jesu. Das leere Grab ist ein Bild, ein Symbol, das die Erzählung farbiger machen soll. Der Osterglaube wird nicht vom leeren Grab begründet. Der Gedanke des leeren Grabes ist kein notwendiger Bestandteil des christlichen Auferstehungsglaubens. Eine im Grab aufgestellte Video-Kamera hätte den Auferstehungsvorgang nicht aufgenommen. Wer als religiöser Mensch auf einem leeren Grab besteht, leugnet, dass Jesus von Nazareth auch ganz Mensch war, also körperlich sterben musste“.
Zur Erinnerung: In den Gebeten am Grab auf den Friedhöfen wird unter Christen immer schon betont: Auch wenn dieser Mensch nun als Leichnam im Sarg oder in der Urne ruht, so ist er dennoch auferstanden.

10.
Was bedeutet nun Auferstehung Jesu in einer vernünftigen, argumentierenden Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und auch Theologie: Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist in gewisser Hinsicht eine Tat, eine Handlung der Gemeinde, seiner Freunde. Sie rufen kraft ihres Geistes, der am göttlichen Geist Anteil hat, den verstorbenen Jesus ins Leben und in ihr Leben. Unbeholfen können die Freunde Jesu diese Erfahrungen nur als äußere Ereignisse aussprechen und in ihren Evangelien darstellen: Da läuft der Auferstandene in den Mythen der Evangelisten wieder in der Welt herum, er tritt in die Wohnungen der Gemeinde ein, verschwindet aber wieder schnell, lässt sogar seine Wunden berühren. Dies alles sind poetische Bilder, aber eben nur Bilder, um die geistige Präsenz darzustellen.
Diese starke, lebendig, präsent machende Energie der Freunde Jesu zu betonen, hat nichts mit einer Form von menschlicher Hybris zu tun. Denn das Setzen der Auferstehung durch die Gemeinde ist nur ermöglicht durch den göttlichen Geist, der in der Gemeinde lebt, aufgrund der göttlichen Schöpfung dieser Welt, wie ich oben sagte.
Noch einmal: Indem die Gemeinde den gekreuzigten Jesus als „präsent“, also geistig lebendig erlebt und denkt und spricht, wird die Kraft, die Energie des Geistes Gottes lebendig. Klassisch theologisch gesprochen: Es wirkt in der Gemeinde der lebendig machende Geist des Unendlichen und Ewigen. An ihm haben die Freunde Jesu wie alle Menschen Anteil. Was also im Hinblick auf die nun ewige Präsenz Jesu wie eine menschliche Tat erscheint, ist sie doch auch gleichzeitig Gottes Tat. Insofern wird man sagen: Gott hat bildlich gesprochen „zusammen“ mit den Freunden Jesu, diesen Jesus von den Toten auferweckt, das heißt: In die bleibende geistige Präsenz gesetzt.
Diese Überzeugung von der Kraft des Glaubens, der förmlich die Auferstehung in der ersten Gemeinde setzt, steht in gutem Einvernehmen mit Erkenntnissen des Apostels Paulus, dies sei allen „Bibelfesten“ und „verbal Bibeltreuen“ gesagt: Paulus schreibt in seinem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth (2, 10 ff): „Denn uns hat die verborgene Weisheit Gott enthüllt durch seinen Geist. Der Geist ergründet nämlich auch die Tiefen Gottes…. Wir (Christen) haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott stammt. Damit wir erkennen, was uns von Gott geschenkt worden ist“. Der Philosoph Hegel wird später diese Weisheit der ersten Christen und des Apostels Paulus philosophisch begründen.

11.
Wenn hier das alte klassische Wort Gott verwendet wird, dann nur, um der schöpferischen Dimension dieses Unendlichen, „Ewigen“, einen halbwegs noch vertrauten Namen zu geben. So soll die Vorstellung plausibel werden, dass die Welt und die Menschen „geschaffen“ wurden, als Schöpfung von einer ewigen „Energie“, Gott genannt. Diese Erkenntnis ist alles andere als spinös, sie wird von heute von vielen Philosophen geteilt. Naturwissenschaftler können ohnehin nichts zu dem Thema sagen: Sie setzen in ihrer Forschung die „Gegebenheit der Welt“ voraus.

Wie Karfreitag verstehen?

12.
Karfreitag, den Todestag Jesu von Nazareth, kann man nur von Jesu Lebensgeschichte her verstehen. Jesus ist keine mythische Gestalt ohne reales, weltliches, gesellschaftliches Leben. Er ist – trotz der eher geringen historischen, faktischen Überlieferungen – keine Konstruktion frommer Phantasie.
Karfreitag ist das brutale, von anderen, den religiösen wie politischen Machthabern, verfügte Ende dieses Mannes, der sich ganz der Menschlichkeit, der Menschenwürde, verpflichtet wusste. Der die Menschlichkeit als den besten Ausdruck eine Verbundenseins mit dem Unendlichen, mit Gott, ansah. Und der dies auch laut sagte gegen fromme Leute, die auf die Einhaltung religiöser Gesetze absolut allen Wert legten.
Diese wenigen Worte können nur summarisch die Lebensmitte Jesu, sein „Projekt“, andeuten. Dabei wird von mir nicht geleugnet, dass einzelne Sätze der Evangelisten, die sich als Zitate Jesu ausgeben, durchaus irritieren und weitere Fragen aufwerfen. Hier aber kommt es jetzt nur auf die große Linie an im Leben des Jesus von Nazareth. Als gläubiger Jude hatte Jesus radikal neue, man möchte sagen rebellische Auffassungen von dem, was er Gott und den richtigen Glauben als Lebenspraxis nannte. Seine Verurteilung und sein Tod am Kreuz sind kein blindes Schicksal, sondern Konsequenz seines in vielerlei Hinsicht rebellischen Lebens.
Jesus wird vom römischen Besatzungsregime verhaftet. Dann wird er von seinen Landsleuten, also etlichen führenden Theologen, verklagt. Und nach römischem Recht von Pontius Pilatus verurteilt. Jesus stirbt am Kreuz. Elend. Furchtbar. Auf den manchmal schon üblich gewordenen Hinweis auf viel schlimmere Erlebnisse beim Sterben und Hinrichtungen will ich mich hier nicht einlassen. Jesu Tod war in damaligen Zeiten grausam. Was nützen Vergleiche?

13.
Wir wissen heute dank der historisch – kritischen Bibel-Wissenschaft: Jesus von Nazareth will mit seinem ungerechten Tod, mit seinem Leiden, seiner Qual, nicht irgendwelche Schuld der Menschen, gar der ganzen Menschheit seit der so genannten „Erbsünde“ bei Gott wieder gut machen, also wie ein Bild sagt, mit seinem Blut auslöschen. Er will sich also nicht aufopfern für ein imaginäres, der Phantasie entsprungenes Projekt eines Gottes, den Jesus doch bekanntlich voller Vertrauen Vater, lieber Vater, nannte. Das Bild von Jesus als dem Lamm, das sich opfert, führt in die Irre, auch wenn es sich leider populär durchgesetzt hat. Und wie viele Karfreitagslieder besingen noch immer dieses „Lämmlein“, das sich opfert. Ist Kirche im 21. Jahrhundert unfähig, oder nicht willens, wenigstens unsinnige, irrige Kirchenlieder beiseite zu legen? Sie verderben das religiöse Bewusstsein.
Diese verstörende „Sühne-Opfertheologie“ hat sich seit dem Mittelalter durchgesetzt. So geistert in den Köpfen der noch verbliebenen orthodox, also kirchenoffiziell korrekt Glaubenden die Idee herum: Gott ist grausam, so brutal, dass er seinen Sohn dahinschlachtet. Was für ein Wahn. Er hat mit Karfreitag nichts zu tun.
Die Wahrheit für den Menschen Jesus von Nazareth ist doch: Er weiß bei seinem Prozess, bei seiner Hinrichtung, er weiß am Kreuze hängend nur: „Mein Leben bricht ab, es wird beendet“. Und mit letzter Kraft schreit er in den für ihn leeren Himmel: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Jesus spürte also, wie der Philosoph und Theologe Gonsalv Mainberger treffend sagte, dass nun alles „umsonst“ ist, vergeblich, vorbei. Nur ein letztes Vertrauen in einen Sinngrund bleibt ihm, er nennt ihn nach wie vor Gott, nennt ihn Vater.
Aber Jesus will seine Lehre, seine Menschenfreundlichkeit, nicht verraten, er will sich nicht aus der Affäre ziehen. Er weiß: Was ich tat und was ich lehrte, war und ist richtig, ist human, ist wahr auch im religiösen Sinne. Nicht auf religiösen Kultus kommt es ihm an, sondern auf Menschlichkeit. Und genau daran erinnern sich später seine Hinterbliebenen, seine Freunde und Freundinnen, seine Jünger.

Von der Auferstehung Jesu von Nazareth

14.
Die Auferstehung Jesu von Nazareth ist ein Geschehen des Geistes, ist die bleibende Präsenz des Geistes bzw. der Seele. Gott ist auch nach offizieller, „orthodoxer“ Lehre Geist, nur Geist. In Jesu von Nazareth wurde diese Überzeugung sichtbar, er lehrte sie. Man lese in dem Zusammenhang die Texte des Johannes Evangeliums. Insofern muss man sich fragen, warum eigentlich das „klassische“, „offizielle“ Auferstehungsverständnis so viele Irrwege gehen konne. Es ist der Zwang in der Kirche, alte einmal formulierte Dogmen ad aeternum zu bewahren und wie eine tote Last mit sich zu schleppen. Anstatt sie beiseite zu stellen. Erich Fromm würde sagen: Diese Haltung hat etwas morbides.

15.
Die offizielle Lehre hat sich förmlich versteift auf die Lehre von einer „Auferstehung des Fleisches“. Mit dieser immer noch – auch in der Kunst – verbreiteten Vorstellung ist gemeint: Das „Fleisch“ ist ein Bild für die individuelle leibhaftige Person, sozusagen für ihre einmalige Identität. Und dieser präzisen Person wird eine Auferstehung verheißen. Mit allen Konsequenzen, die sich die Frömmigkeit dann ausmalte: Der Mensch muss leibhaftig vor Gottes Richterstuhl treten, muss erleben, wie der Gerichtsspruch lautet: Man denke an die schrecklichen Endgerichts – und Höllenbilder… Aber das sind Bilder, mehr nicht. Von dem Bild der leibhaftigen individuellen Auferstehung muss sich eine vernünftige Theologie verabschieden. Denn da weiß die alte Theologie einfach viel zu viel, dass es peinlich wird: Wie viele Milliarden Leibhaftiger werden sich dann im Himmel oder der Hölle tummeln? Den privaten Glauben vieler frommer Leute wird man natürlich respektieren, wenn sie etwa auf Todesanzeigen schreiben: „X.Y. ist gestorben. Wir freuen uns auf ein frohes Wiedersehen mit ihm im Himmel“. Das ist für mich Ausdruck einer hilflosen Spekulation., man könnte auch sagen eines diffusen Wunderglaubens.
Es ist schon genug und anspruchsvoll genug, von der Auferstehung als einer bleibenden (!) geistigen Präsenz zu sprechen. Dabei kann sich – nach dem Tod – das individuell Geistige mit dem allgemeinen Geist, dem ewigen Geist, also Gott, vereinen. Aber auch das ist auch schon wieder eine sehr weit reichende Überlegung, weiter sollte man eigentlich bei einer intellektuellen Redlichkeit nicht gehen.
16.
Die erste Gemeinde, die Jesus förmlich als den Auferstandenen „setzte“, wusste: Seine Auferstehung ist nicht auf ihn allein begrenzt. Vielmehr macht Jesus bewusst, dass alle Menschen „Kinder“ des „göttlichen Vaters“ sind, also im Geist mit dem Göttlichen verbunden sind. Insofern ist etwa schon für den Apostel Paulus klar, dass die Auferstehung eine universale Bedeutung hat, allen Menschen gilt. An der Gestalt Jesu wird diese universale Auferstehung „nur“ für andere deutlich. In seinem Ersten Brief an die Korinther schreibt Paulus: „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, dann ist auch Christus nicht auferweckt worden. Und noch einmal: Wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden“. Und Giuseppe Barbaglio, Theologe an der Universität Mailand, setzt diesen Gedanken fort: „Jesus Christus ist als der Auferstandene unser älterer Bruder. Was ihm widerfuhr, wird uns widerfahren. Seine Auferstehung ist das Anheben unseres neuen Lebens … und unserer Auferstehung“.
17.
Wie gesagt: Tatsächlich ist jeder Mensch, mit dem Geist, verstanden als Geist Gottes ausgestattet und damit sozusagen von vornherein mit dem „Ewigen“ verbunden. Insofern können Menschen, deren überragende Menschlichkeit allgemein geschätzt wird, wie Gandhi oder Martin Luther King oder Oscar Romero oder Helder Camara, einen ausgezeichneten Platz haben, wenn es um die Erkenntnis der Auferstehung geht. Sie können durchaus auch erlösend wirken, wenn sich Menschen von ihnen inspirieren lassen zu einem humanen Leben. Jeder wird da seine eigenen Beispiele nennen können. Diese Überlegungen verdanken sich der Einsicht in die Auferstehung Jesu von Nazareth. Sie zeigt: Auferstehung und Auferstandene gibt es immer, weltweit. Aber es gibt auch Menschen, die ihre Seele, auch ihren göttlichen Geist in sich selbst offenbar abtöteten … und zu Lebzeiten wie in einer „Hölle“ lebten. Weiteres wird sich zur „Hölle“ religionsphilosophisch und kritisch-theologisch nicht sagen lassen.

18.
Diese Überlegungen sind alles andere als eine spielerische Spekulation, sie sind keine Form der „l art pour l art“. Sie haben auch politische Bedeutung. Um dies wahrzunehmen, sind auch (zeitgenössische) Dichter hilfreich. Ich denke etwa an Kurt Martis viel zitiertes Auferstehungsgedicht:

„Ihr fragt
wie ist die auferstehung der toten?
ich weiß es nicht….“ (dann folgt eine Reihe an Versen mit dem Kontinuum: ich weiß es nicht….und zum Schluss schreibt Marti)
„Ich weiß
nur
wonach ihr nicht fragt:
die auferstehung derer die leben
ich weiß
nur
wozu Er uns ruft:
zur auferstehung heute und jetzt“. (Kurt Marti, Leichenreden, 1976, S. 25)
In einem anderen Gedicht sagt Kurt Marti:
„Das könnte manchen herren so passen
wenn mit dem tode alles beglichen
die herrschaft der herren
die knechtschaft der knechte
bestätigt wäre für immer
das könnte manchen herren so passen
wenn sie in ewigkeit
herren blieben im teuren privatgrab
und ihre knechte
knechte in billigen reihengräbern
aber es kommt eine auferstehung
die anders ganz anders wird als wir dachten
es kommt ein auferstehung die ist
der aufstand gottes gegen die herren“

19.
Die Auferstehung fördert also eine Lebensphilosophie und damit eine bestimmte Lebenspraxis. Die Theologin Elisabeth Moltmann-Wendel scheibt: „Wenn wir aufmerksam werden auf die verwandelnden Kräfte, die schon hier unser Leben verändern, die uns anders sehen, fühlen, hören, schmecken lassen, dann können wir auch erwarten: Solche Kräfte werden nicht mit unserem biologischen Leben zu Ende sind. Wir können dem Schöpfersein Gottes zutrauen, dass es Energien gibt, die über unseren eigenen Lebenshorizont hinausreichen“.
20.
Die aufgrund der Schöpfung Gottes von göttlichem Geist erfüllte Gemeinde setzt förmlich also die Auferstehung Jesu von Nazareth. Dadurch wird auch ein neues, anspruchsvolles „Bild“ vom Menschen in die Welt gesetzt: Dass es Ewiges im Menschen gibt, Göttliches könnte man sagen. Meister Eckart, der viel zitierte Philosoph, spricht bildhaft vom „göttlichen Funken in der Seele“ eines jeden Menschen. Wie viele Philosophen haben diesen Satz zurecht wiederholt, interpretiert. An Hegels Philosophie muss erneut erinnert werden.
21.
„Der göttliche, der ewige Funken im Menschen“: Mehr brauchen wir zum Verständnis des Osterfestes eigentlich gar nicht zu wissen. Dies ist eine Erkenntnis, die tröstet, aber nicht vertröstet. Die alten Osterlieder mit ihren klassischen Bildern wie „Das Grab ist leer“ usw. kann man ja noch singen. Wenn man denn weiß, sie enthalten hübsche, aber unwesentliche Bilder. Gern singe ich das uralte Lied „Christ ist erstanden“. Und weiß: Jesus liegt wie alle anderen Menschen im Grab. Und ist auferstanden. Kraft des Geistes.

22.
An zwei Beispielen heutiger Theologie zeige ich, wie sehr sich prominente Theologen heute immer noch scheuen, ein nachvollziehbares, vernünftiges Verstehen der Auferstehung Jesu von Nazareth öffentlich zu vertreten.
Joseph Ratzinger, also der spätere Benedikt XVI., widerspricht als einer von vielen „Offiziellen“ in seiner viel gelesenen „Einführung in das Christentum“ (1968) einem vernünftigen Verstehen der Auferstehung Jesu Christi: Die Jünger hätten nicht einen von ihnen selbst kommenden, eigenen Gedanken entwickelt, meint Ratzinger, dass Jesus lebe und seine Sache weitergehe. Es ist kein Gedanke, der „aus dem Herzen der Jünger aufstieg“ (S. 256). Nein, so weiß Ratzinger, der Auferstandene trat höchstpersönlich an die Jünger „von außen“ heran. Und er hat sie als von außen kommend „übermächtigt“ und er hat sie dadurch gewiss werden lassen: Der Herr (Jesus) ist wahrhaft auferstanden. Und das heißt für Ratzinger, wie üblich mysteriös –aber orthodox, wörtlich: „Der im Grabe lag, ist nicht mehr dort, sondern er – wirklich er selber – lebt…. Er steht den Jünger handgreiflich (sic!) gegenüber“, so Ratzinger S. 256 f. Auf diese Weise glaubt Ratzinger den Glauben an die Auferstehung zu erklären, im Grunde wiederholt er nur die Worte des Neuen Testaments. Wiederholungen des Textes sind bekanntlich keine Theologie. Aber so wurde und wird Theologie leider immer noch betrieben, von den entsprechenden ahnungslosen Predigten einmal angesehen.

Ratzinger sieht also nicht, dass Gott bereits in der Welt, auch in Jesus von Nazareth als das/der Ewige lebt. Dies allein ist die entscheidende „Ursache“ für die Möglichkeit einer Auferstehung überhaupt. Gott muss also gar nicht von außen noch mal extra in der leibhaftigen Gestalt des Auferstandenen an die Jünger herantreten, um sie von außen als der „handgreiflich Lebendige“ zu belehren. Jesus „hat“ das Ewige in sich, deswegen kann er „auferstehen“.

Es ist also die Scheu, die Angst, die Mutlosigkeit, die rechtgläubig erscheinende Theologen hindern, neue Gedanken und neue Vorschläge zu machen. In dieser sturen Haltung vertreiben sie nur nachdenkliche Menschen aus der Kirche. Die Krise der Kirchen heute ist nicht zuerst eine Krise der Institution. Die Krise der Kirche wird erzeugt durch den Unwillen, alte dogmatische Lehren beiseite zu lassen, und den einen Kern der christlichen Religion in neuer Sprache auszusagen.

Wie wenig kreativ und wie mutlos auch heute Theologieprofessoren mit führender Rolle in der „EKD Kammer für Theologie“ sein können, zeigt ein Beitrag von Prof. Christoph Markschies, Berlin, in der Berliner evangelischen Kirchenzeitung „Die Kirche“ vom 21. 4. 2019: Er beteuert erneut: Das Grab Jesu war leer. Und daraus folgert er wie üblich: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden und einer größeren Zahl von Menschen nach der Auferstehung erschienen“. Das nennt Markschies dann eine historische Betrachtung des Ostereignisses. Und schummelt sozusagen einen Gedanken rein, als sei Jesus als der Auferstandene tatsächlich einer „größeren Zahl von Menschen“ erschienen, also auch irgendwelchen Zeitgenossen der Kreuzigung, etwa Römern, Heiden, Juden, wie auch immer. Dabei ist der Auferstandene doch, wenn man schon in diesen Kategorien denkt, den Evangelien folgend ausschließlich den Jüngern erschienen! So werden die braven Leser belogen und ihnen wird die alte Lehre bloß erneut vorgekaut. Damit wird ein vernünftiger Glaube nicht gefördert. Da wenden sich viele eben ab. Sie gelten dann als „Kirchenfern“ oder sogar als Atheisten“.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Es gelten, wie immer auf dieser website, die Regeln des Copyright. Der privaten Verwendung auch dieses Textes steht nichts im Wege. Eine Stellungnahme zu diesem kurzen Essay würde mich freuen. Christian Modehn, Karfreitag 2020.
LITERATURHINWEISE:

Stefan Alkier, Die Realität der Auferstehung. Tübingen 2009.

Albert Boime, Vincent van Gogh, Die Sternennacht. Fischer Taschenbuch, 1989.

Concilium, Internationale Zeitschrift für Theologie, Themenheft Auferstehung, Dezember 2006.

Eugen Drewermann, Das Markus Evangelium, Zweiter Teil, Walter Verlag, 1988.

Kurt Flasch, Warum ich kein Christ bin. C.H.Beck Verlag 2013.

Hans Kessler, Sucht den Lebenden nicht bei den Toten. Die Auferstehung Jesu Christi, 2011, Topos Taschenbücher. 2011, 526 Seiten.

Hildegund Keul, Auferstehung als Lebenskunst. Was das Christentum auszeichnet. Herder Verlag 2014.

Elisabeth Moltmann-Wendel, Mit allen Sinnen glauben. Stimmen der Zeit, 2005.

Karl Rahner Lesebuch. Herder 2014. 475 Seiten.

Horst Schwebel, Die Kunst und das Christentum, Geschichte eines Konflikts. Verlag C.H.Beck, München 2002.

Dorothee Sölle, Es muss doch mehr als alles geben.1992, DTV.

Christoph Türcke, Kassensturz. Zur Lage der Theologie, darin der Beitrag Tod, Fischer Taschenbuch 1992.

Abstand halten, in der Distanz leben: Denken in Zeiten der Krise. 6. Teil.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Abstand halten: Die Maxime dieser Zeit. Bloß nicht die anderen berühren, bloß nicht ihnen zu nahe treten. Ein Meter fünfzig ist die absolute Maßeinheit. Körperlicher Kontakt ist gefährlich. Es ist besser, d. h, jetzt „gesünder“, sich körperlich von anderen zu distanzieren. Das rettet Leben. Das stimmt. Aber Abstandhalten (zer)stört auch die Lebensfreude, (zer)stört die Erotik, erzeugt Gräben zwischen den Menschen. Wie kann es freundschaftliche Umarmungen geben am Telefon, via Computer und iPhone?
Abstand halten hat unsere bisherige Lebenswelt umgestürzt.
Es werden bessere Zeiten kommen ohne den Verlust der Nähe und der emotionalen Verlassenheit.
Im Denken können wir diese Notlage überwinden. Geben wir uns jetzt mehr Raum für unsere Denkzeiten. Fürs Philosophieren. Für die Philosophie.

Sie meldet sich, wie immer provozierend, so auch in diesen Zeiten, mit einem „Lob des Abstandhaltens“ zu Wort.
Klar ist: Philosophen unterstützen zweifellos die Notwendigkeit, jetzt körperlich Abstand zu halten. Und sie unterstützen diese Bestimmungen, weil sie Leben schützen, Gesundheit bewahren. Dies ist eine aktuelle Maxime der Ethik.

Philosophie hat es sehr oft mit der Analyse und dem Verstehen von Begriffen zu tun. Also mit dem, was man das „Allgemeine“ nennt, das allen Menschen Gemeinsame. Damit wird Individualität nicht geleugnet, es gibt den einzelnen, aber immer nur, weil er und wenn er Anteil hat am Allgemeinen. Das zeichnet die Menschlichkeit des Menschen aus.

Im Philosophieren werden wir auf eine nahe liegende, eigentlich selbstverständliche, allerdings nicht immer bewusste Tatsache aufmerksam: Alle Erkenntnisse und damit auch alle Forderungen, auch die der Mediziner oder der Politiker, sind nur möglich, weil Menschen ständig Abstand nehmen. Das heißt: In der Kraft der eigenen Vernunft, des Geistes, sich von sich selbst distanzieren. Das wiederum heißt: Nachdenken, reflektieren, sich entscheiden. Für diesen lebendigen Vollzug unserer Vernunft gibt es das treffende Wort Abstandnehmen. In guten Zeiten wie in Krisenzeiten. Immer. Kein Mensch lebt ohne das von der Vernunft erzeugte Abstandnehmen. Wir nehmen Abstand von uns selbst als dem alltäglichen, „üblichen“, noch unreflektierten Bewusstsein. Abstandnehmen ist der unaufgebbare Mittelpunkt unseres geistigen Lebens als Individuum.

Dieses Abstandnehmen lässt sich auch beschreiben als ein „Auf sich selbst schauen“. Und das nicht nur im Sinne der Beobachtung der Verfasstheit des eigenen Körpers. Sondern vor allem: Schauen auf das eigene Bewusstsein. Mit der eigenen Vernunft also das eigene Bewusstsein anschauen: Nur so zeigt sich mir, wer ich bin, welche Möglichkeiten ich habe, welchen Raum der Freiheit mir gegeben ist. An Descartes Leistung in dem Zusammenhang wäre hier zu erinnern. Dieses Anschauen meiner Selbst gilt auch für meine Beziehungen zur Welt, zu anderen Menschen. Ich schaue diese Beziehung und sehe darin meinen Anteil. Ich entdecke dabei mich selbst in meinen Grenzen. Dies zu wissen, ist die Voraussetzung für ein geistvolles individuelles Leben.

Abstandnehmen ist, philosophisch betrachtet, Reflektieren, sich auf sich selbst beziehen. Das lateinische Verb reflectare bedeutet: Sich zurückbeugen, umwenden, auch spiegeln.
Dieses sich Vernünftig auf sich Beziehen erreicht noch eine weitere, ganz entscheidende Dimension, es wird philosophisch sozusagen noch einmal gesteigert: Weil wir uns denkend, reflektierend, auf unser Denken und Reflektieren beziehen können. Dies ist die Reflexion der Reflexion, das „Denken des Denkens“, wie Aristoteles sagte. Erst dieses Denken des Denkens zeigt die Möglichkeiten und die Weite des Denkens. Hier ist die Basis aller Kultur. Erst im Denken des Denkens zeigt sich uns unser Selbstbewusstsein, unser Wissen von uns selbst: Ich weiß mich als Denkenden, Reflektierenden und ich will in diesem Selbstbewusstsein auch sprechen und handeln, handeln für mich und für andere und mit anderen. Dieses Denken des Denkens ist erst Ausdruck der einmaligen menschlichen Qualität. Sie unterscheidet den Menschen von allen Tieren.

Das Leiden an der aktuellen Notwendigkeit, körperlich Abstand zu halten, wird uns, so paradox es klingt, erst durch das elementare und ständige Abstandnehmen von uns gegenüber unserem alltäglichen Bewusstsein bewusst und erkannt. Und es ist unsere immer Abstand nehmende Vernunft, die uns eines Tages wieder von dem Zwang, körperlich Abstand zu halten, befreit. Mit Argumenten natürlich.

Und wir erleben beim philosophischen Reflektieren auf alltägliche, jetzt akuelle Begriffe wie „Abstandhalten“ die Kraft der Philosophie: Sie eröffnet uns Dimensionen eines Begriffes, die man in einer alltäglichen Lebenspraxis gar nicht wahr – nahm. Diese Erfahrung im Denken ist, wenn man so will, auch ein Stück Lebensfreude in diesen Zeiten der Krise. Lebensfreude durch Nach-Denken, Re-flektieren? Selbstverständlich! Wofür ist denn sonst Philosophieren gut?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

HEGEL heute: Wer ist der Mensch? Was ist der Sinn der Geschichte? Welche Religion ist vernünftig?

Ein etwas ausführlicher Hinweis von Christian Modehn.

Angesichts des zentralen Themas der ganzen Philosophie Hegels gilt dieses Motto:
„Was wäre sonst der Mühe wert zu begreifen, wenn Gott unbegreiflich ist?“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Band I, Suhrkamp Ausgabe, Frankfurt, 1969, S.44)

1.
Kann man zur Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels eine kurze Einführung bieten? Das will ich – etwas übermütig – probieren. Hegels Philosophie ist immer schon hoch umstritten, vielfach auch im Widerspruch interpretiert. Aber kein Philosophierender kann auf Hegels Anregungen verzichten. Manche wissen allerdings nur, dass Karl Marx Hegel gelesen hatte und ihn auf seine Weise reduzierte … mit allen welthistorischen, z.T. sehr unangenehmen Konsequenzen (Stalinismus etc.)
Hier geht es also um eine bescheidene Einführung zu einem umfassenden Werk. Einführungen sind bekanntlich nur Hinführungen, Anstöße zum Gespräch, Impulse zum Weiterlesen, Weiterforschen. Und, auch dieses noch: Warum könnte man sich nicht auch die Frage stellen: Sind die Erkenntnisse Hegels, die hier vorgestellt werden, vielleicht sogar eine Hilfe, sein eigenes Leben reflektierter und vernünftiger, d.h. geistvoller zu gestalten?
2.
Als allgemeine Orientierung gilt: Hegels Philosophie ist keine Spielerei mit Begriffen, sie ist keine philosophische „l Art pour l art“. Darauf hinzuweisen ist wichtig, weil die sprachliche Gestalt der meisten Veröffentlichungen Hegels und auch die Texte seiner Berliner Vorlesungen ziemlich schwierig für den Ungeübten erscheint. Hegels Philosophie ist eine ganze geistvolle „Welt“, die sich als Angebot einer Deutung der Geschichte, Menschen und dem Göttlichen zur Reflexion darbietet. Ohne diesen Anspruch ist Hegel nicht „zu haben“.
Aber es ist vielleicht auch hier so wie bei der Musik: Man könnte bei der Hegel – Lektüre versuchen, sozusagen denkend „mitzuschwingen“. Denn seine Philosophie ist ein Geschehen, sie ist Bewegung, ein Hin und Her als Annäherung an eine höhere Stufe der Erkenntnis! Und vom Widerspruch zur These geht es wieder zurück zu dem neu verstandenen Ausgangspunkt. Hegels Philosophie ist gerade wegen ihrer Bindung an die Dialektik nichts Starres. Sie ist Leben, ein Leben, das um das eigene, tiefste Verstehen ringt. Die Hörer seiner Vorlesungen an der Berliner Universität berichteten, wie Hegel selbst seine Vorträgen förmlich wie Selbstgespräche hielt und dabei sein Denken, seinen “Denkfluss“, öffentlich zeigte, denen sich die Hörer anschließen mussten, wollten sie diese Welt verstehen.
Es geht also um ein Einsteigen in die Bewegtheit, könnte man sagen. Erst nach diesem Mitvollzug kann dann die kritische Distanz gelingen. Einige einführende Hinweise zu dieser Einführung sind notwendig:
3.
Hegels philosophisches Denken ist in einer bestimmten politischen und gesellschaftlichen Situation entstanden und von dieser im Ganzen geprägt: Es ist die Erfahrung der Französischen Revolution, dieses radikalen Umstürzen der alten feudalen Unordnung, der Herrschaft der wenigen über die unterdrückten Vielen, also das hart erkämpfte Sich – Durchsetzen der Freiheit und Würde eines jeden Menschen. Der Philosoph Joachim Ritter (Münster) hat schon 1956 Grundlegendes über diese kaum zu überschätzende Bedeutung der Französischen Revolution für das ganze Denken Hegels nachgewiesen: „Es gibt keine zweite Philosophie, die so sehr und bis in ihre innersten Antriebe hinein Philosophie der Revolution wie die Hegels“ (Joachim Ritter, Hegel und die Französische Revolution, Westdeutscher Verlag 1957, S. 15). „Hegel hat immer die Französische Revolution bejaht“ (ebd. S. 17. Dabei weiß Hegel natürlich genau, dass dieser grundlegende Umbruch in der Weltgeschichte „diesen“, so Hegel wörtlich, „herrlichen Sonnenaufgang“ (S. 18 ebd.), immer neu weiter gestaltet werden muss! Hegel bearbeitete die Erfolge und auch die Gefährdungen der Französischen Revolution, er weiß aber, dass die Errungenschaften der Revolution wichtiger zu nehmen sind: Also die Menschenwürde, die Emanzipation, die Gleichheit aller Menschen, Themen, die uns heute bewegen. Und die es zu verteidigen gilt. Insofern ist Hegels Philosophie in vielen ihrer Vorschläge alles andere als vergangen. Hegel ist vielmehr in mancher Hinsicht eine Art Zeitgenosse, der oft Zustimmung verdient, immer aber kritisches Nachfragen.
Hier wäre auch noch an die sehr frühe Begeisterung für die Französische Revolution der Studenten Hegel, Hölderlin und Schelling an der Universität Tübingen (und dem gemeinsamen Wohnen im „Stift“ dort) zu erinnern. Dazu schreibt der Hegel-Spezialist Klaus Vieweg: “Die Revolution ist Hegels politisches Grunderlebnis“ (S. 67 in der sehr umfangreichen Studie: „Hegel – Der Philosoph der Freiheit“, 2019). Hegel hat schon als junger Mensch in Tübingen unter der politischen (und kirchlichen) Reaktion gelitten, unter dem deutschen Nationalismus. Nicht die Nation sollte entscheidend sein, sondern die freiheitliche und vernünftige Rechtsidee.
4.
Mit der grundsätzlichen Zustimmung zu den Idealen der Französischen Revolution, und trotz aller Kritik an den Verirrungen im politischen Handeln der Revolutionäre, hat Hegel doch diese neue Zeit der Freiheit als alles gründenden Wert geschätzt. Diese welthistorische Wende wollte er denkend vertiefen, auf den Begriff bringen. Und sie mit der Erfahrung der Unfreiheit im Leben des einzelnen wie der Gesellschaft konfrontieren, also der Entfremdung vom eigentlichen menschlichen geistvollen Leben. Es ist die Fremdbestimmung, der Verlust der Freiheit, was Hegel überwinden will. Es ist dieses Leiden an den „Verhältnissen“ und den zunehmend reaktionären Zuständen nach den Karlsbader Beschlüssen, das Hegel zum systematischen Denken treibt. Und damit macht er es sich zur Pflicht, an der Auflösung des Erstarrten, Leblosen, Geistlosen denkend zu arbeiten. Dieses Ziel nennt Hegel die Versöhnung, also das Sich Befreien aus dem falschen Leben hin zum Leben in Freiheit: Der Mensch will als freies Wesen bei sich selbst sein, auch in der Gesellschaft, im Staat und in der Kirche „bei sich selbst“ sein. Entscheidend ist: Menschliche Freiheit ist für ihn „Bei-sich-selbst-Sein. Es ist also der Versuch, das den Menschen umgebende Ganze in die Erkenntnis eines umfassenden „Bei sich selbst seins“ zu führen. Die prinzipielle Fremdheit der Welt kann nur zunächst im Denken überwunden werden, damit dann auch der Staat und die Religion frei gestaltet, also vernünftig gestaltet werden können.
5.
Diese Versöhnung, soll sie denn gelingen, muss also notgedrungen im Denken beginnen. Nur im philosophischen Denken kann der Widerspruch im Leben des einzelnen wie der Gesellschaft erkannt, also begrifflich kritisch gefasst werden. Alles blinde, begriffslose Herum-Agieren der so genannten „Praktiker“, auch der Politiker, hat Hegel verschmäht. Zuerst kommt das philosophische Denken! Aber es entspringt bereits der Lebenspraxis, dem Leiden an den Verhältnissen. Und dann folgt die durch Klarheit der Begriffe erweckte NEUE Praxis als Widerstand und Widerspruch gegen die alte Praxis, gegen das alte falsche Leben und seine Ideologien.
6.
Man vergesse nicht: Hegels Sprache ist die Sprache eines Intellektuellen am Ende des 18. und an dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Es die Sprache einer (uns nicht mehr so sehr vertrauten) Kultur, in der die philosophischen Debatten einen sehr hohen öffentlichen Stellenwert hatten… und der Streit der Philosophen untereinander: das leidenschaftliche, oft polemische Sich – Widersprechen und Profilieren.
7.
Noch eine Orientierung für „Hegel-Anfänger“: Es gilt, auf die sprachlichen Nuancen zu achten, auch auf die Neuschöpfungen von Worten und Begriffen. Man bedenke etwa an die von Hegel intendierte Mehrdeutigkeit des Wortes „Aufheben“, im Sinne von Bewahren und Überwinden, ein zentraler Begriff innerhalb der Dialektik. Oder: „Wirklich“ ist für Hegel nicht identisch mit „real“ oder „faktisch vorhanden“. Das gilt etwa für den oft zitierten Satz aus seiner „Rechtsphilosophie“: „Was vernünftig ist, das ist wirklich. Und das, was wirklich ist, das ist vernünftig“. (in: „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, Frankfurt am Main 1972, S. 11). Das Wirkliche ist im Unterschied zu dem bloß (zufällig) faktisch Vorhandenen also jenes Gegebene, das auch tatsächlich seinem wesentlichen Begriff entspricht. Ein Beispiel: Nicht jeder vorhandene Staat entspricht dem normativen Wesensbegriff eines Staates, der nur dann human ist, wenn er ein Rechtsstaat ist. Erst wenn dieser Staat als Rechtsstaat sich gestaltet, ist er nicht mehr nur ein faktisch vorhandener Staat, sondern ein „wirklicher“ (vernunftgemäßer) Staat. Das gleiche gilt etwa auch für Kirchen, die sich auf Jesus von Nazareth berufen und zur Gottes-Verehrung auffordern: Da fragt dann Hegel ganz klar: Sind diese faktischen Kirchen schon wirkliche Kirchen? Eher nicht, ist seine Antwort.
8.
Es kann hier nur angedeutet werden: In der Philosophie Hegels hängt jedes einzelne Thema mit dem Ganzen zusammen. Und der Philosoph macht sich die Mühe, die Position differenziert zu beschreiben, wo sich das Einzelthema im Gesamtzusammenhang der Sache nach befindet. Hegels Denken vollzieht sich in Schritten als Stufen zu immer höherer Klarheit. Dieser Weg der Erkenntnis des einzelnen beginnt bei der sinnlichen Wahrnehmung und er führt immer weiter zur höchsten Erkenntnis, als dem Wissen des einzelnen, dass sein Geist Anteil hat am absoluten Geist. Diese mühevollen Schritte werden in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ dargestellt.
9.
Wie gesagt: Hegel hat ein umfassendes, systematisches Werk hinterlassen, in dem (fast) alle philosophischen Themen und „Abteilungen“ seiner Zeit zur Sprache kommen. Hegel selbst sah seine ganze Philosophie sehr deutlich und positiv gemeint als System, „als ein sich selbst tragendes Ganzes, worin jeder Teil auf jeden anderen verweist und Teil des Ganzen ist“, so deutet der Philosoph Karl Löwith sicher treffend die Hegelsche Philosophie (in: Hegel-Bilanz, Frankfurt am Main, 1973, S. 3).
In jedem Fall gilt: Hegel hat nicht etwa hübsche Essays, nicht Fragmente, nicht elegante Aphorismen (wie Nietzsche) uns hinterlassen, sondern – die ganze Last eines Systems.
Hier sollen jetzt nur drei zentrale Themen etwas vertieft werden, die Mut machen könnten, sich weiter in Hegels Denken zu vertiefen. Man vergesse dabei nicht, was oben geschrieben wurde: Weil Hegels Philosophie einer Krise im Leben des einzelnen wie der Gesellschaft entspringt, kann sie uns, inmitten vieler Krisen, eine Anregung sein. Denkanregungen sind bekanntlich Anregungen zur Lebensgestaltung. In diesem Sinne ist Philosophieren immer irgendwie auch Anregung zur Lebensgestaltung. Das ist ja schon der Sinn, den griechische Philosophen den Philosophierenden, also den Philosophen, gaben: „Erkenne dich selbst“ – so hieß es im Apollo-Tempel zu Delphi, eine Maxime, die Hegel schätzte: Erkenne dich selbst, dann kannst du ein menschlicher, geistvoller Mensch werden. Dies ist kein Versprechen, sondern eine Hoffnung, die von der Qualität des einzelnen abhängt! Hier möchte ich ein erwas längeres Zitat Hegels aus seiner „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ § 377 anbieten: „Die Erkenntnis des Geistes ist die konkreteste, darum höchste und schwerste. Erkenne dich selbst, dies absolute Gebot hat weder an sich, noch da, wo es geschichtlich als ausgesprochen vorkommt, die Bedeutung nur einer Selbsterkenntnis nach den partikulären Fähigkeiten, Charakter, Neigungen und Schwächen des Individuums! Sondern die Bedeutung der Erkenntnis des Wahrhaften des Menschen wie des Wahrhaften an und für sich, – des Wesens selbst als Geistes. Ebenso wenig hat die Philosophie des Geistes die Bedeutung der so genannten Menschenkenntnis, welche von anderen Menschen gleichfalls die Besonderheiten, Leidenschaften, Schwächen, diese sogenannten Falten des menschlichen Herzens zu erforschen bemüht ist, – eine Kenntnis, die teils nur unter Voraussetzung der Erkenntnis des Allgemeinen, des Menschen und damit wesentlich des Geistes Sinn hat, teils sich mit den zufälligen, unbedeutenden, unwahren Existenzen des Geistigen beschäftigt, aber zum Substantiellen, dem Geiste selbst, nicht dringt“ (Hegels Werke in 20 Bänden, Band 10, Frankfurt/M. S.9).
Jetzt aber geht es jetzt um Hinweise zu Hegels Begriff vom Menschen. Dann zweitens um Hegels Begriff der Geschichte und drittens um Hegels Begriff der Religionen, vor allem des Christentums.
10.
Hegels Begriff vom Menschen:
Viele Anregungen zu diesem Thema stammen noch aus der Zeit, als Hegel noch mit seinem Freund Hölderlin eng verbunden war. Darauf weist der Hegel-Spezialist Dieter Henrich hin, (in seinem Aufsatz „Hegel und Hölderlin“ in dem Buch „Hegel im Kontext,“): „Hölderlin gab Hegel als Philosophen den wichtigsten, den letzten prägenden Anstoß“, (dort S. 38).
Entscheidend ist dabei das von Hegel zunächst als These vorausgesetzte, dann vernünftig überprüfte „Wesen des Menschen“: Und dieses Wesen ist die Teilhabe am absoluten Geist. Wie bei Hölderlin ist ein religiöser Aspekt bei Hegel dauernd anwesend. Auch wenn er, wie Hölderlin auf seine Art, keine persönliche enge Bindung an die evangelische Kirche hatte. Dabei schätzte Hegel die Lehre der Kirche sehr, aber das heißt ja nicht, dass er sich sonntags oft in den Gottesdienst setzte. Er wollte die Lehre der Kirche begreifen, auf den Begriff bringen, also die Anschaulichkeit der Religion ins Philosophische heben.
Aber entscheidend für das „Menschenbild“ Hegels ist grundsätzlich:
Die philosophische Erkenntnis der Verbundenheit des Göttlichen mit dem Menschlichen ist selbstverständlich eine solche, die auf das wirkliche und auch das reale Leben der Menschen bezogen ist. Insofern gibt es eine durch die Vernunft erkannte, aber nicht von der Vernunft erzeugte Einheit von Gott und Mensch.
Damit grenzt sich Hegel entschieden ab von der Herrschaft des Verstandes: Der Verstand konnte in der Aufklärungszeit, bei allem Respekt Hegels für deren wissenschaftliche Leistungen, zunächst nur die äußere Gestalt des Lebens analysieren und wissenschaftlich untersuchen. Der Verstand lebt in und von abstrakten Begriffen, vor allem von unvermittelten Gegenüberstellungen. Etwa: „Endliches ist etwas total anderes als Unendliches“. Oder: „Gott ist etwas total anderes als Menschliches“ usw. Um die Auflösung dieser abstrakten Gegensätze geht es Hegel: Denn sie zerreißen die im Geist, also in der philosophischen Vernunft erfahrene und gedachte Einheit des Lebens. Erst die Erkenntnis und Anerkenntnis der Verbindung und des Aufeinanderverweisens und dadurch des Verbundenseins der Gegensätze bringt das Leben aus der Erstarrung heraus. Es entsteht die Erkenntnis einer (partiellen) Identität: Das “andere“, Fremde, gehört also wesentlich zum Menschen als einem Wesen des Geistes. Das andere bin auch ich als Mensch, aber dies ist nur der Ausgangspunkt. Denn vernünftig gesehen ist in dem anderen wie auch in mir, der eine allgemeine Geist, die eine allgemeine Vernunft lebendig. So weiß sich der Mensch in einer letzten Einheit!
Der menschliche Geist ist für Hegel also nur deswegen in der Lage, das andere, auch die Natur und dann auch die anderen Menschen etc. zu erkennen, weil in diesen „anderen“ der eine gemeinsame Geist lebt. Nichts fällt aus dieser grundsätzlichen Einheit heraus. Aber dies ist selbstverständlich kein Pantheismus!
Hegel befreit so das Denken aus der Erstarrung des abstrakten Gegeneinanders in der Welt. So kann ein neues, umfassendes und freies Denken entstehen und auch ein neues Leben eröffnen. Denn das Lebensgefühl wird „erhoben“, wenn der einzelne weiß: Ich habe Anteil am Ewigen, Göttlichen, selbst wenn so viel Negatives, Elendes, in dieser Welt besteht. Aber diese Welt (und der Mensch) ist ein Endliches, aber als solches einbezogen ins Unendliche. Dies kann förmlich ein Trost sein! Mehr kann ein Philosoph nicht sagen. Dies ist die Leistung der Vernunft bzw. der philosophischen Spekulation.
Nebenbei: Hegel ist am 14. November 1831 in Berlin plötzlich an der Cholera gestorben, seine Frau berichtet von seinem Tod: „Es war das Hinüberschlummern eines Verklärten…Seine himmlische Ruhe und sein seliges Einschlafen wurde durch keine äußere Unruhe, durch keine laute Klage gestört“ (Karl Rosenkranz, G.W.F. Hegels Leben, 1844 erschienen, Neudruck Darmstadt 1971, S. 424). Hegel hatte in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie (siehe unten) als Philosoph gelehrt: Der Tod ist grundsätzlich überwunden. In seiner Interpretation des Kreuzestodes Jesu Christi sagt Hegel: „Gott nämlich erhält sich in diesem Prozess und dieser (Prozess) ist nun der Tod des Todes“… Und der Mensch hat daran Anteil, weil er – wie gesagt – Anteil des Göttlichen ist… (Vorlesungen über die Philosophie der Religion I, Werke 16, Suhrkamp Verlag, S. 291)
11.
Die Vernunft des Menschen ist der Geist. Und dann wird es entscheidend: Der Geist des Menschen hat Anteil am absoluten Geist. Diesen nannte man früher in der Philosophie „Sein“ (Henrich, S. 38)
Dies ist nun ein zentraler Gedanke, den man bei Hegel immer nachvollziehen sollte: In seinem Buch „Phänomenologie des Geistes“ zeigt Hegel in vielen Schritten, wie das menschliche Bewusstsein sich langsam erhebt bis hin zum absoluten Geist, an dem der menschliche Geist Anteil hat. Die Annahme eines absoluten Geistes, man könnte auch sagen, einer göttlichen Wirklichkeit, die auch in den Menschen wirkt, gehört zur Grundüberzeugung Hegels. Das Göttliche, Gott, ist im menschlichen Denken und im Dasein des Menschen nur deswegen erreichbar, weil es selbst immer schon im menschlichen Geist anwesend und wirksam ist. Sonst wäre dieses Erreichen des Göttlichen im Denken gar nicht möglich für Menschen.
12.
Der Mensch im Sinne Hegels ist also kein Wesen, das in die Grenzen des Endlichen, Weltlichen, eingeschlossen ist! Der Mensch überragt den (alltäglichen) „Menschen“ unendlich. Er hat Qualitäten, die man – mangels besserer Begriffe – eben göttliche Qualitäten nennen kann.
Noch einmal: Diese Erkenntnis Hegels ist für ihn keine pure, gar willkürliche Behauptung oder Laune, sondern eine Erkenntnis, die sich aus der Reflexion der geistigen Verfassung des Menschen ergibt. Der Mensch gehört zu Gott, und Gott gehört zum Menschen, dies ist der Kern der „Anthropologie“ Hegels.
13.
Dieser menschliche Geist ist immer denkender, prüfender Geist. Damit werden von Hegel alle bloß gefühlsmäßig vorgebrachten Behauptungen und Meinungen zurückgewiesen. Die Bedeutung der Gefühlswelt leugnet Hegel nicht, aber sie hat nicht das letzte Wort. Denn sie kann aufgrund der „Verschwommenheit“ und der von Launen abhängigen Aussagen keine allgemeine, für alle gültigen Erkenntnis des Wahren usw. befördern. Esoterik oder Gefühlstheologie hat also bei Hegel keine Akzeptanz. Menschen brauchen die Klarheit der allgemeinen Begriffe, um sich untereinander mit möglichst wenigen Missverständnissen gemeinsam – auch sprachlich – orientieren zu können.
14.
Dies gilt auch für Hegels Hinweise zum Thema Krankheit und Tod: Dieses Thema steht eher am Rande der Hegel-Forschung, auch wenn es in der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ ausführlicher besprochen wird. (§ 371 ff). Diese Reflexionen Hegels zeigen, dass er sich mit elementaren Erfahrungen unseres menschlichen Lebens als Philosoph befasste, er analysierte etwa unterschiedliche Formen der Krankheit, kannte genau die – damals zugänglichen – Fakten. Und das ist typisch für die umfassende Bildung dieses Philosophen.
Hegel bietet aber als Philosoph keine empirische, schon gar keine direkte medizinische Hilfe im Falle von Krankheit. Er empfiehlt die wissenschaftlich argumentierende Tätigkeit der Ärzte und weist entschieden die damals üblichen Hilfen von „esoterischen Heilern“ und Ärzten im „Geiste der Romantik“ zurück.
Krankheit des Menschen heißt für Hegel elementar: Körper (Natur) und Geist fallen auseinander. Krankheiten verweisen auf den Tod. Das organische Leben des Menschen muss sterben. Diese endliche Welt kann man nur akzeptieren und dabei differenziert nachdenken. Denn beim abstrakten Endlichen kann Hegel nicht stehen bleiben: Der Geist des Menschen bzw. der göttliche Geist in jedem Menschen ist ewig. In immer neuen Reflexionen zeigt Hegel diese seine alles überragende Erkenntnis: Der einzelne Mensch darf nicht auf dem begrenzten Standpunkt der einzelnen Individualität verharren, sondern sich auf das Allgemeine beziehen. Erst dann wird das wahre Wesen des Menschen sichtbar, erst dann können Krankheit und Tod in das individuelle Leben integriert werden. Ein Gedanke, den Hegel auch in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie vertieft.
Hegel bezieht sich auch im Fall der Krankheit auf seine Erkenntnis der überragenden Macht des Geistes, und dieser Geist im Menschen ist immer auch Teil des „absoluten Geistes“, also „des göttlichen Geistes“. (Siehe auch: Dietrich von Engelhardt hat über „Hegels philosophisches Verständnis der Krankheit“, in Sudhoffs Archiv, 1975, einen längeren medizinhistorischen Aufsatz geschrieben).
Über die romantische Medizin, d.h. die eher magische Medizin der Romantiker, der Hegel NICHT angehörte, siehe etwa die Studien von Roland Schiffter:
15.
Wichtig ist es in dem Zusammenhang, noch einmal daran zu erinnern, dass Hegel das Negative im Leben überhaupt nicht beiseite schiebt, im Gegenteil: Erst das Sich-Auseinandersetzen mit dem Negativen führt zu einem nicht entfremdeten, wahren Leben. Die folgende Aussage Hegels ist auf die überragende Kraft des Geistes bezogen, der sich in der Form der Dialektik auch mit allem Gegebenen, damit auch dem Negativen, auseinandersetzt. In seiner „Phänomenologie des Geistes“ (1807) schreibt Hegel diese oft zitierten Sätze, die man gerade in Krisenzeiten – eher meditativ – lesen sollte:
„Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn (den Tod) erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist der Geist nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht … Sondern der Geist ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Auge schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es (das Negative) in das Sein umkehrt“. (zit. in der Vorrede der „Phänomenologie des Geistes“. In der Ullstein Ausgabe, S. 29)
16.
Hegel und die Philosophie der (Welt)-Geschichte
Auch bei diesem für Hegel sehr wichtigen Thema zeigt er sich als anspruchsvoller und eigenwilliger Denker, der meint, „das Ganze“, eben auch das der Geschichte, begreifen, auf den Begriff bringen zu können, und zwar hinsichtlich der Frage: “Hat die Weltgeschichte ein Ziel? Und hat Weltgeschichte einen Sinn?“
Diese Frage kann vielen obsolet erscheinen angesichts aller Katastrophen in der näheren Vergangenheit und Gegenwart (Kriege, Holocaust, Kolonialismus und Sklaverei einst und heute, Seuchen etc.). Da weigern sich viele, in dieser Geschichte der Menschheit noch einen Sinn oder gar ein „gutes Ziel“ zu sehen. Sie geben sich im Denken der Verzweiflung hin oder schließen sich in einen Agnostizismus ein. Die Frage ist nur, die sich auch Hegel stellte: Wer für den Gang der Geschichte einen Sinn ausschließt: Kann der oder die diesen Sinn noch in dem kleinen individuellen Leben sehen, wenn ringsum nur Unsinn ist? Ist dieses individuelle Leben doch auch eingefügt in den Gang der Weltgeschichte. Und die agnostische Haltung „ich weiss es nicht“ hätte Hegel als falsche Bescheidenheit, wenn nicht als resignative Denk/Lebens-Haltung interpretiert. So ist Hegels Philosophie der Weltgeschichte eine bis heute zu recht heftig diskutierte These bzw. Erkenntnis, aber die Debatte darüber lohnt immer! Der einzelne, auch der Leidende, der Ermordete hat ja als einzelner Anteil am göttlichen Leben. Dies ist keine fromme Vertröstung, sondern ein letzter Trost, der bleibt, wenn alle sozialen und politischen Versagen. Hegel sah also die wesentliche Struktur des einzelnen wie auch parallel dzu den großen Gang der Weltgeschichte zu einem besseren Wissen von der Freiheit. Der einzelne muss als endlicher Mensch in diesem großen, mühevollen und leidvollen Gang der Weltgeschichte verschwinden, er verschwindet aber nicht in dem Aufgehobensein in einem Ewigen.
Hegel betonte: Die Weltgeschichte ist der langsame, mühevolle und schmerzliche Prozess, in dem das menschliche Bewusstsein zu einem immer weiter reflektierten, „präzisen“ Wissen von der Freiheit des Geistes gelangt. Diese stufenweise Entwicklung des Wissens von der Freiheit wird von Hegel plausibel gezeigt: Die Griechen im Stadtstadt Athen waren überzeugt: Nur einige Männer sind frei. Im Mittelalter waren es die Feudalherren und die Kleriker, mit der Aufklärungszeit und der allgemeinen Bildung wussten dann immer mehr, wenn nicht gar alle Menschen (in bestummten Gegenden Europas), dass sie frei sind. Heute, um den Gedanken über Hegel hinaus zuführen, wissen selbst Menschen in Diktaturen, wie China, dass es eigentlich dem Wesen des Menschen entsprechend wäre, wenn nicht eine einzige Partei, sondern viele demokratische Parteien in einer Demokratie China regieren würden.
(Siehe die Debatte zur Philosophie der Weltgeschichte: http://werkstatt.hegel.net/index.php/Weltgeschichte_als_Fortschritt_im_Bewusstsein_der_Freiheit#was_ist_der_Status_von_Weltgeschichte_innerhalb_von_Hegels_System.3F_.28KF.29)
Hegels Philosophie der Weltgeschichte ist ein von logischen Schritten, um nicht zu sagen, logischen Zwängen bestimmter Stufengang zum immer tiefer reflektierten Bewusstsein der Freiheit. Dabei kommt diese Philosophie nicht ohne gewisse Hilfskonstruktionen aus: Denn es bleiben auch gewisse Regionen der Welt trotz allgemeinen Fortschritts noch rückständig. Und den wahren Sprung zu besserer Bewusstheit zu vollziehen, kümmerten sich berühmte große Männer um einen Sprung nach vorn: Deswegen verwendet Hegel (wohl von Adam Smith inspiriert) den Begriff der „List der Vernunft“: Diese List hilft wie die „unsichtbare Hand“ oder wie theologisch formuliert die „göttliche Vorsehung“ der Weltgeschichte „weiter“ auf ihrem Weg zur tiefen Erkenntnis der Freiheit…
Hegel kann nur die schon geschehene Geschichte auf seinen Begriff bringen, Voraussagen zur Zukunft etwa der Staatenwelten kann er nicht machen.
Noch einmal: Es wurde zurecht kritisch bemerkt, dass das Leben des einzelnen Menschen, also auch des so genannten einfachen, normalen Menschen, in dem Gang der Geschichte für den Philosophen Hegel eigentlich wertlos ist. Laszlo Földenyi hat in seinem kleinen Essay „Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“ (Berlin, 2008) gezeigt, wie sehr der russische Dichter von Hegels Philosophie der Weltgeschichte empört war. Weil in dieser Philosophie das unsägliche Leiden in den russischen Lagern überhaupt nicht erklärt werden kann, das individuelle Leiden – auch Dostojewskis – verschwinde förmlich hinter allgemeinen philosophischen Prinzipien.
Dabei aber erinnert Földenyi selbst daran, dass einzelne Intellektuelle, auch Dostojewski, trotz aller Widerwärtigkeiten im sibirischen Lager dann doch – wenigstens im Rückblick – zu tieferer Selbsterkenntnis gelangten (siehe Seite 44 f). In „Schuld und Sühne“, so der Földenyi, habe Raskolnikow im Lager „die Geschichte einer allgemeinen Wiedergeburt erlebt“ (S. 45). Damit werden die Lager überhaupt nicht zu humanen Sehnsuchtsorten hoch gespielt! Aber gemeint ist doch auch hier: Das Negative kann zu neuen positiven Erkenntnissen führen. Damit sind wir wieder bei Hegels Deutung des Negativen!
17.
Hegel und die Religionen, vor allem das Christentum
Hegel hält in Berlin mehrfach Vorlesungen über die Philosophie der Religion. Das ist ihm wichtig, weil er genau weiß, dass so viele seiner Zeitgenossen behaupten, man könne Gott nicht erkennen. Gott sei bestenfalls in Gefühlen irgendwie zu spüren! Dagegen argumentiert Hegel. Ohne Reflexion und Vernunft kein Glaube, der des Menschen als eines geistvollen Wesens würdig sein sollte.
Die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist in mehrfacher Hinsicht aktuell und relevant: Das will ich zunächst an Hegels Interpretation des Katholizismus und des Protestantismus zeigen:
Für Hegel ist der Katholizismus wesentlich mit dem Mittelalter und seiner feudalen Ordnung verbunden. Im Katholizismus bestimmt der Klerus alles! Das Volk, die Laien, müssen gehorchen. Die Gelübde der Mönche gelten als besonders erstrebenswert, wenn nicht heilig: Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam sind wichtiger als die „bürgerlichen Tugenden“ des Familienlebens, des Fleißes und erfolgreichen Wirtschaftens und der demokratischen Mitsprache. Im Katholizismus insgesamt gibt es für Hegel nur das Verhältnis von „Herren und Knechten“. Davon sprach er noch in seiner Rede 1830 zum Jubiläum der „Augsburgischen Konfession“.
Er kritisiert ferner die völlig veräußerliche katholische Frömmigkeit, etwa die Wallfahrten, die Heiligenkulte, den Wunderglauben mit einem entsprechenden Glauben an Magie, Wunder-Wasser, Stigmatisierungen usw.
Hingegen sah Hegel, dass in der Reformation Martin Luthers diese verheerende Bevorzugung der Werte des Mönchslebens abgeschafft wurde. Durch Luther wurde auch religiös eine neue Zuversicht der Weltgestaltung und Bildung aller eröffnet. Die Reformation ist für Hegel eine kaum zu überschätzendes historische Wende. Dabei sieht er aber auch, dass sich im Laufe der Zeiten auch die protestantische Theologie dogmatisch verschloss oder der Gefühlsduselei hingab. Schlimm ist für Hegel vor allem, dass die Protestanten die Philosophie verachteten und alles selbständige Erkennen Gottes um der Dominanz der Gnade willen ablehnten. Deswegen fand er bestimmte Traditionen im Katholizismus, etwa eine gewisse Pflege philosophischer Schulung, noch wertvoller. Und darum auch die Anerkennung Hegels für den katholischen Mystiker Meister Eckart, einen Dominikaner-Mönch: Weil er schon im 14. Jahrhundert vom „göttlichen Funken, dem ewigen Licht im Menschen“ sprach: Genau das ist auch eine Erkenntnis, die Hegel unbedingt verteidigt hat.
18.
Hegels Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie muss weiter diskutiert werden. Hat doch der große Hegel-Spezialist Michael Theunissen in seiner großen Studie „Hegels Lehre vom absoluten Geist“ (1970) betont: Es gibt bei dem Thema bei Hegel einen Übergang von Theologie zu Philosophie, und von Philosophie zur theologie: Weil Hegel insgesamt das historische Ereignis der „Menschwerdung Gottes in Jesus“ als Ausdruck der Geistesgeschichte als philosophischen Ausgangspunkt nehmen kann. (Vgl. auch Hegel Bilanz, S. 36) „Als Philosophie, die die Menschwerdung Gottes bedenkt, ist Hegels Denken nicht mehr Philosophie im traditionellen Sinne“, betont Theunissen (ebd. S. 37). Und Theunissen deutet diese Erweiterung religionsphilosophischen Denkens als ein positives Geschehen.
19.
Wichtig bleiben einige Erkenntnisse der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie gerade für aktuelle Debatten: Jedenfalls hat Theunissen recht, wenn er sagt: Tod und Auferstehung Jesu Christi sind für Hegel explizit zentrale philosophische Themen! Denn dabei handelt es sich um den Übergang vom Tod zu einer verwandelten Form des Lebens (Auferstehung), und darin zeigt sich die Lebendigkeit des Geistes: Zeigt sich doch die Negation (Tod) und die – kraft des göttlichen Geistes geleistete – Aufhebung des Negativen, also die Auferstehung (Theunissen, Hegel-Bilanz, S. 37). Hegel will also zentrale religiöse Themen, wie die Auferstehung Jesu Christi, aus dem Mysteriösen, dem Unerklärlichen befreien. Sie gehört zur allgemeinen Geschichte des Geistes! Dadurch glaubt Hegel, zentrale Aussagen des Christentums retten zu können. So kann er sagen: „Philosophie ist der wahre Gottesdienst“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Suhrkamp Ausgabe I, S. 28). Denn Religion ist für Hegel wesentlich Hingabe an Gott, auf ihn achten von ihm her leben und denken… und deswegen „Verzicht auf subjektive Einfälle und bloß subjektive Meinungen“ (ebd.). Und genau diese Leistung meint Hegel in seiner Philosophie vollbringen zu können! Siehe auch: https://hegel-system.de/de/v3323333gottesdienst-dueffel.htm
20.
Schwieriger wird es noch, wenn man sich fragt, wie Hegel Gott – wie oft formuliert – als das absolute Geheimnis gelten lassen kann oder gelten lassen will. In den „Vorlesungen zur Philosophie der Religion“, (Band 16, Suhrkamp, 208) : „Das Ich ist Wissen des unendlichen Inhalts (Gottes)“. „Es ist das Begreifen des göttlichen Inhalts“ (209).
In dieser Philosophie ist Gott kein Geheimnis, er wird gewusst. Aber: Diese Tatsache, das Eingebundensein des (menschlichen) Geistes in Gott, ist wohl selbst ein Geheimnis.
21.
Auch die Religionsgeschichte versteht Hegel als eine kontinuierliche Entwicklung hin zu immer besserem Verstehen des Göttlichen. Dies ist sicherlich eine problematische Sicht der Religionen, man könnte sie eurozentrisch nennen. Denn der Höhepunkt der Entwicklung der Religionen ist letztlich der Protestantismus. Dabei muss es Hegel philosophisch „verkraften“, dass der Islam irgendwie sein Fortschritts – Denken stört: Die gegenüber dem Christentum spätere Religion, der Islam, ist nicht unbedingt die wahre, die „entwickeltere“ und bessere, bloß sie später in der Weltgeschichte „stattfindet“. Hegel spricht, wie zu seiner Zeit offenbar üblich, von „Mohammedanismus“. Dieser ist, bezogen auf den einen, den abstrakt in weite Fern gesetzten EINEN Gott, eine weniger entwickelte Religion: Denn die absolute Konzentration auf den einen Gott vernichtet in Hegels Sicht alle Unterschiede, vertieft nicht die Selbstreflexion des Glaubenden in seiner Bezogenheit auf diesen Einen. Alle Weltlichkeit, so Hegel, „soll sich diesem Einen unterwerfen“ („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Band IV., Meiner Verlag, S. 791). Daraus entsteht, so Hegel, ein Fanatismus (S. 790). Dennoch setzt Hegel in einer gewissen Kenntnis des Islam zu seiner Zeit auch voraus: Im Islam gebe es eine beachtliche „poetische Anschauung“ (S. 794) sowie einen große Eifer in den Studien der Wissenschaften. Hegel nennt ausdrücklich die kulturelle Blütezeit im muslimischen Spanien des 8. Jahrhunderts (S. 795). Allerdings, so meint er, sind diese Glanzleistungen nun nicht mehr zu spüren, so dass er 1830 behaupten kann: “Der Islam ist längst von dem Boden der Weltgeschichte verschwunden und in orientalische Gemächlichkeit und Ruhe zurückgetreten“. Ob dieses Urteil auch 1830 richtig war, mögen Historiker beurteilen.
22.
Diese Hinweise zu Hegel haben nicht von seiner Lehre vom Staat und dem Recht und damit der Ethik gesprochen, umstrittene Themen in der Forschung. Nur so viel am Rande: Über die Interpretation von Hegels Staatsverständnis durch den Philosophen Karl Raimund Popper („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“) schreibt der Hegel Spezialist Klaus Vieweg in seiner umfangreichen Studie (a.a.O, S. 23) nur kurz und bündig: „Karl Raimund Popper verunglimpfte Hegel in perfider und von jeder Sachlichkeit freien Weise als Vordenker des Totalitarismus“. Klaus Vieweg schreibt u.a bezogen auf diese bis heute weit verbreitete Fehlinterpretation: „Hegel wendet sich dezidiert gegen einen Staat der totalen Kontrolle und Regulierung, gegen die Gängelung von Genossenschaften, Vereinen und Gemeinden, gegen Behinderung der Selbstverwaltung und der Subsidiarität…Er lehnt ein Staatsmodell der Regelungswut, des Kontrollwahns und totaler Überwachung ab…“ (S. 531).

Kritisch muss bemerkt werden, dass Hegels Denken die Natur fast immer nur in ihrer Verbundenheit mit dem erkennenden und praktisch – handelnden Menschen sieht. Von Pflege der Nachhaltigkeit der Natur ist so gut wie keine Rede. Hegel war eingebunden in den Beginn der Industrialisierung, also auch der systematischen Natur – Vernichtung.

Und diskutiert werden sollte die Frage: Lässt sich Philosophieren und Philosophien überhaupt (heute) als System realisieren? Ist das Denken nicht immer über jedes Eingesetztsein oder besser Eingesperrtsein in ein System hinaus? Hier müsste man mit der Kritik des Philosophen Heinrich Rombach am System-Denken einsteigen, die er in seinem Buch „Strukturanthropologie“ (zugunsten der immer flexiblen Strukturen, gegen die letztlich starren Systeme) entwickelt hat. Wie kann es „Hegel“ ohne System noch geben? Dies ist ein anderes Thema.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Hegel – eine Biographie

Über ein neues Buch von Klaus Vieweg
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Wird das Jahr 2020 auch zu einem „Hegel-Jahr“? Hoffentlich, wenn auch mit aller verständlichen Bravour schon jetzt das „Beethoven-Jahr“ aller Orten eingeläutet wird und sich durchsetzt. Beethoven feiert am 17. Dezember seinen 250. Geburtstag. Hegel seinen 250. Geburtstag schon am 27. August. Es sind uns also noch einige Wochen „Denkzeit“ gegeben, um dieses Ereignis zu „begehen“. Und das könnte zu lebhaften Debatten im Geiste Hegels führen, in dialektischem Für und Wider selbstverständlich! Nur so ehrt man den letzten spekulativen Metaphysiker, der „das Ganze“ in seinem System der Vernunft auf den Begriff bringen wollte.
2.
Der Hegel Forscher und Professor für Philosophie in Jena, Klaus Vieweg, legte vor wenigen Monaten, im September 2019, eine sehr umfangreiche Hegel-Biographie vor. Sie hat als Untertitel und als Motto: „Der Philosoph der Freiheit“.
Leitend für das Verstehen Hegels ist für Klaus Vieweg die Hochschätzung und man möchte fast sagen liebevolle Verehrung der philosophischen Leistung Hegels, etwa wenn er Hegels Werk mit einem „Dom-Bau“ (193) vergleicht. Hegels „Phänomenologie des Geistes“ nennt Vieweg einen „unschätzbaren Diamanten“ (258), „einen diamantenen Angelpunkt“ (304), oder ein „Jahrtausendwerk“ (306). Das Buch „Wissenschaft der Logik“ wertet Vieweg „Buch der Bücher und „ein Meisterstück des menschlichen Geistes“ (361).
In dieser insgesamt sehr wohlwollenden Grundstimung im Hegel-Verstehen folgt Vieweg dem letzten großen Hegel Biographen Karl Rosenkranz, der sein – immer noch lesenswertes Buch – 1844 veröffentlichte (Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1971). Rosenkranz gehörte zum Verein der „Freunde des Verewigten“, der seit 1832 bei „Dunkcker und Humblot“ Hegels Werke herausgab…Rosenkranz war übrigens 1830 Mitglied, dies ist kein Witz, in der „Althegelianischen Gesellschaft zum ungelegten Ei“, an. „Althegelianer“ ist identisch mit dem geläufigeren Begriff Rechtshegelianer. Diese sind eher konservativ gesinnte Philosophen, mit strammem Bekenntnis zum preußischen Staat.
3.
Es ist wohl die große Herausforderung der Hegel-Biographie von Klaus Vieweg, dass er zeigen will: Hegel war während seines ganzen Lebens (1770 bis 1831) ein Freund der Republik, er schätzte die große Tat der Freiheit, die mit der Französischen Revolution 1789 begann. Er unterstützte in jungen Jahren die Republikaner nicht nur verbal, sondern hilfsbereit, praktisch. Im reiferen Alter als Professor einer staatlichen Universität definierte Hegel bekanntlich „Freiheit als das Bei sich selbst Sein des Geistes im anderen“. Da wurde aus dem politischen Freiheitsengagement die spekulative Gedanken-Leistung, also die „halbierte Freiheit“ sozusagen wurde gelebt…
In den ersten Jahren der noch politisch-praktisch verteidigten Freiheit hat ihn der Enthusiasmus der Freunde in Tübingen, etwa Hölderlin, Schelling, mitgetragen. Vieweg schreibt: „Hegel stellt sich (in Jena) gegen jeden Restaurationsversuch“ (361). „Vorwärts durch dick und dünn“, schreibt Hegel an seinen Freund Friedrich Immanuel Niethammer (ebd.)
Später musste Hegel angesichts der repressiven politischen Mächte eher verschlüsselt sein Eintreten für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit benennen. Auch die vielzitierte Erkenntnis Hegels aus seiner „Rechtsphilosophie“: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“, ist ein kritischer Satz: Denn betont wird: Nicht alles real und faktisch Existierende ist vernünftig, das gilt für alles faktisch Bestehende in einem Staat…Erst die Prüfung durch die Vernunft kann im Faktischem dann Wirkliches und Vernünftiges wahrnehmen. In Viewegs Interpretation: “Was dem Begriff nicht entspricht, hat keine Wahrheit, ist bloßes Existieren (406).
Ob es Vieweg ingesamt gelungen ist, eine starke links-hegelianische Interpretation von dem insgesamt nun progressiven und staats-kritischen Hegel zu überzeugen, wird sich sicher in den Debatten der folgenden Monate zeigen.
4.
Vieweg breitet viele Fakten und Daten aus dem Leben Hegels aus, der ja bekanntermaßen oft umziehen musste, von Stuttgart nach Tübingen, dann zuerst als Hauslehrer, nach Bern, dann in Frankfurt, dann Jena vor allem und Nürnberg, später als Professor in Heidelberg und dann als Professor in Berlin von 1818 bis zu seinem Tod 1831. Vieweg spricht etwa von dem unehelichen Sohn Ludwig (256), er erwähnt viele Details der Heirat mit der aus der „altehrwürdigen Tucher-Familie“ stammenden Marie Tucher im Jahr 1811, da ist Hegel 41 Jahre alt! Vieweg berichtet etwa auch sehr ausführlich über den recht beachtlichen Wein-Konsum des immer „geselligen“ Hegels, nennt die vielen kontaktierten Weingüter und Lieferanten… Er berichtet auch von den Vorlesungen Hegels in Berlin, wie er, nach Worten suchend, eher schwerfällig und in sich versunken da steht und eher mit sich selbst sprach (565). Trotzdem bewunderten sehr viele Studenten Hegel, und nicht -zur Freude Hegels – den Berliner Konkurrenten Schopenhauer… Deutlich wird vor allem, wie sehr Hegels Denken vor allem zu Beginn im Kontakt mit anderen Philosophen und den Ereignissen der Politik sich herausbildet. Dabei ist Hegels Wille sehr stark, sehr ehrgeizig, etwas ganz Besonderes, Neues, etwa im Gegenüber zu Schelling, zu denken. Daraus ist der „absolute Idealismus“ entstanden, um ein Stichwort zu verwenden.
5.
Jede Station in Hegels beruflich bedingten „Wanderungen“, Umzügen, durch Deutschland“ wird von Vieweg verbunden mit ausführlichen Zusammenfassungen der Werke Hegels, die an diesen Orten von ihm geschrieben und von ihm selbst als Bücher veröffentlich wurden. Die berühmten Veröffentlichungen der Berliner Vorlesungen zur Geschichte, Kunst, Religion und Philosophie sind bekanntlich Mitschriften von seinen treuen Hörern. Diese Bücher werden von Vieweg aber leider eher knapp dargestellt. Die anderen hingegen, die er Hauptwerke nennt, also die „Phänomenologie des Geistes“, die „Enzyklopädie“, die „Logik“ und die „Rechtsphilosophie“ werden von Vieweg in einer Weise vorgestellt, die ich für problematisch halte, also für nicht für „effektiv“ bei den nicht philosophisch schon hoch gebildeten Lesern. Denn Vieweg wiederholt in Hegels Worten, gar nicht so kurz gefasst, den Inhalt der genannten Hauptwerke. Da wäre das Bemühen der Übersetzung der Hegel-Argumente in eine nicht von Hegel wieder geprägte und von ihm bestimmte Sprache dringend und sinnvoll gewesen. Das kennen wir ja auch von Darstellungen des Werkes Martin Heideggers, dass Heideggerianer eben Heideggers ohnehin oft kaum nachvollziehbaren Worte in ihrer Darstellung bloß wiederholen. Der Begriff der ÜBERSETZUNG ist entscheidend. Also hier der Übersetzung Hegels in heutige gebildete und kritische Alltagssprache. Nur dann gelingt Verstehen und Nachvollzug. Dieses Ziel wird von Klaus Vieweg leider erreicht.
6.
Trotz dieser Kritik ist das Buch von Vieweg auch als Nachschlagewerk durchaus auch empfehlenswert, weil doch viele Grundthemen Hegels gut herausgearbeitet werden:
Etwa die Trennung von Kirche und Staat. Das Bemühen, allein durch die Vernunft und nicht durch das Gefühl Religion zu verstehen usw. Vieweg hätte da dem Kontrahenten Hegels, dem Theologen Friedrich Schleiermacher etwas mehr Gerechtigkeit antun können: Dessen immer wieder zitierte Definition der „Religion als unmittelbares Gefühl der Abhängigkeit des Menschen“ ist doch, in dieser Kürze, tausendmal zitiert, irgendwie oberflächlich. Und die Hegelsche Reaktion darauf auch (etwa so: „Nur Hunde sind abhängig“…) ist eher nur polemisch! Gibt es denn nicht eine philosophische Nähe Schleiermachers zu Hegel, wenn der Theologe 1799 schreibt: „Die Offenbarung ist keine von oben her gekommene, außerordentliche Mitteilung, sondern das Bewusstwerden des eigenen innersten Lebens und einer neuen Anschauung des Unendlichen“. Davon habe ich in dem Umfangreichen Buch von Vieweg nichts gefunden. Er ist vielleicht zu sehr Hegelianer, als dass er Mängel im Denken seines hoch verehrten Meisters eingestehen könnte. Interessant ist Hegels Definition des Protestantismus, formuliert in Nürnberg: „Der Protestantismus besteht nicht so sehr in einer besonderen Konfession als im Geistes des Nachdenkens und höherer vernünftiger Bildung“ (334). In den Worten Viewegs: “Die einzige Autorität (der Protestenten), das einzige Heilige ist die intellektuelle und moralische Bildung aller“ (ebd.). Später, in Berlin, hat Hegel durchaus den Sinn des Kultus beschrieben, der freilich „aufgehoben“ werden muss in die Philosophie.
7.
Wenn noch zum Schluss noch einmal von Mängeln des Buches die Rede sein muss: Ich vermisse die ausführliche Auseinandersetzung mit Frage, ob gerade im Spätwerk Hegels eine gewisse Zwanghaftigkeit vorherrscht, bedingt durch seine absolute Ergebenheit gegenüber dem Gesetz der Dialektik. Ich vermisse eine ausführliche Reflexion zur Erkenntnis vieler seiner Schüler: dass eigentlich durch Hegel „alles gesagt“ ist, die Philosophie also an ein Ende gekommen ist. Neues gebe es also kaum noch zu sagen. Marx hat dann ja seine Konsequenzen gezogen… Ich vermisse dann auch speziell bei dem sehr zentralen hegelschen Thema Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie die Auseinandersetzung (oder wenigstens den Hinweis) mit der umfangreichen und großartigen spekulativen Leistung des Berliner Philosophen Michael Theunissen in seinem Buch „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“, Berlin 1970, 460 Seiten!.
Und die immer umstrittene Geschichtsphilosophie Hegels wird von Vieweg mit einigem guten Gründen verteidigt. Aber die kritischen Vorwürfe werden nicht umfassend beantwortet, wie etwa: Der einzelne Mensch innerhalb der Weltgeschichte wird zu einem bloßen verschwindenen Material der sich durchsetzenden Geschichte des absoluten Geistes. Man lese in dem Zusammenhang die kleine, aber sehr inspirierende Studie des ungarischen Philosophen László F. Földényi „Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“ (Berlin, 2008). Da kommt die Geschichtsphilosophieerst mal ins Schleudern!

Klaus Vieweg, Hegel. Biographie. Der Philosoph der Freiheit.
C.H.Beck Verlag, 2019, 824 Seiten. Davon ca. 140 Seiten Anmerkungen und Literaturhinweise. 34 Euro. Auch als e-Book (26,99 Euro)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Wer hat Auschwitz möglich gemacht? Zum Auschwitz-Gedenken am 27.1.2020

Philosophische Hinweise
Von Christian Modehn

Erinnern an Auschwitz ist und bleibt unbedingt eine Notwendigkeit. Angesichts des massiven und bösartigen Auftretens rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien in Deutschland und anderen Ländern Europas um so mehr.
Die Frage bleibt nach all den Jahren des z. T. offiziellen Erinnerns: Wird das Er-„Innern“ ins „Innere“ der Seele, des Geistes und der Vernunft der Menschen heute dringen und wirksam werden? Angesichts des neuen Faschismus und damit der neuen/alten Rechtsextremen in Deutschland im Jahr 2020 eine dringende Frage! Der systematische Mord an den europäischen Juden bleibt einzigartig im Sinne der Herrschaft des total Bösen. Diese Herrschaft hat greifbare Namen: Faschismus, Rechtsextremes Denken, NSDAP, christlich motivierter Antisemitismus.

Das KZ Auschwitz steht heute wie ein „Symbol“ auch für alle KZs, für Orte der bürokratisch perfekt geplanten, industriellen Vernichtung der europäischen Juden, für Orte des Ungeheuren, Monströsen, des absolut Grausamen. Orte, errichtet von Deutschen, von Nazis, unterstützt von Teilen der deutschen Industie, der Reichsbahn usw. … und den vielen Mitläufern.
Ermordet wurden in den KZs auch Polen, Russen, Sinti und Roma, Kommunisten, Sozialdemokraten, Christen, Homosexuelle, Zeugen Jehovas usw.

Auschwitz ist in gewisser Weise das Symbol der totalen Verachtung, der Entmenschlichung und der Ausrottung der „anderen“, also derjenigen Menschen, die den Wahnvorstellungen der Herren-Menschen, der Nazis, nicht entsprachen. Diese Herrenmenschen wollten nur Identität, identische Menschen, fixiert auf Vorstellungen von einer Herren-Rasse.

Historiker sehen deutlich: Die KZs der Nazis haben „Vorläufer-Modelle“. Damit wird die Totalität des Vernichtens der Nazis nicht relativiert, dadurch werden die KZs der Nazis nicht eingeordnet oder irgendwie „eingeebnet“ in eine „allgemeine KZ-Geschichte“ der Menschheit. Es wird auch nicht eine abstrakte Reflexion angestrengt über das „allgemeine Böse“ der Menschen überhaupt, das sich immer wieder in KZs austobte. Und von den sichtbaren Folgen der angeblichen „Erbsünde“ soll auch keine Rede sein.

Es soll nur auf die freien Handlungen der Menschen aufmerksam gemacht und zu denken gegeben werden: Dass konkete Menschen konkrete Taten geplant und selbstbewusst vollbringen, um andere Menschen, durch die ideologische Ausgrenzung zuerst, dann systematisch quälen und töten. Es ist die ideologische Indoktrination, die letztlich tötet; die über viele Jahre betriebene, manchmal kaum wahrnehmbare Gehirnwäsche, die zum Töten der anderen führt.

Dabei soll hier nur an den kolonialistischen Imperialismus der Herrenmenschen in allen Teilen Europas erinnert werden, an einen Imperialismus, der zur Erniedrigung und Auslöschung in den schon damals eingerichteten Lagern, „KZs“, für Afrikaner („Schwarze“, „Einheimische“, Sklaven) führte. Man denke an die Grausamkeit König Leopolds II. von Belgien. Man denke an die Afrika – Konferenz in Berlin (1884 – 1885) unter Kaiser Wilhelm I. und an den Völkermord in der Kolonie Südwestafrika, heute Namibia, zu dem sich die Regierung der BRD endlich offiziell bekennt.
Nebenbei: Und man bedenke dabei, dass die zentrale Kirche in (West-)Berlin am Kurfürsten Damm immer noch immer den Namen dieses Kolonial Herren, Kaiser Wilhelm I., trägt. Und kein Pfarrer, kein Bischof usw. ändert diesen Namen…Diese Gedankenlosigkeit eine Schande zu nennen ist selbstverständlich.

Dieser grausame Ausschluss der anderen, der Fremden, der Befremdlichen, dieses Einsperren in Lager, Gulags usw. hat kein Ende: Man denke jetzt an die Lager in Libyen, in denen sich viele hunderttausend Afrikaner auf der Flucht nach Europa aufhalten, dort gequält werden, vegetieren. Diese Lager werden von kompetenten Kennern immer wieder „heutige Formen von KZs“ genannt. Sie werden mit den Geldern der EU, auch Deutschlands, erhalten, man denke an die libysche „Küstenwache“ und deren Praxis, Aufgegriffene wieder ins Lager zurück zu bringen, falls sie nicht im Meer ertrinken.Lesen Sie diesen ausführlichen Hinweis auf ein wichtiges Buch!LINK

Die Erinnerung an Auschwitz führt also in die Gegenwart des Grausamen, die eine Gegenwart der grausamen Herrscher ist, die sich Politiker, oft noch demokratische Politiker nennen dürfen.
Zu den von diesen Politikern mitverursachten grausamen Zuständen weltweit, nur wenige Beispiele: Das Leiden der Menschen in Yemen, in Zentralafrika und Haiti. Diese Länder haben imperialistische, ökonomisch gut etablierte Staaten in ihrer Nähe, deren Bewohner oft vor Geld förmlich stinken, etwa in Saudi-Arabien, Europa oder in den USA. Aber die imperialen Menschen in diesen Staaten des Wohlstands haben kein Interesse, gezielt und wirksam das Elend ihrer MIT-Menschen in den genannten Ländern Yemen, Zentralafrika oder Haiti zu beseitigen. Diese reichen Staaten „brauchen“ – insgesamt betrachtet – auch aus geostrategischen Interessen das Elend der anderen, auch für die eigene Waffenproduktion …oder um irgendwann billige Arbeitskräfte (Flüchtlinge) ausbeuten zu können.

Nur wer diese aktuellen Stätten des zugelassenen Krepierens von Menschen, also in gewisser Hinsicht diese „KZs“, berücksichtigt, erreicht das heute erforderliche Niveau der Erinnerung. Erinnerung wird dann auch zum Vorausblick: Um das Grausame für die Zukunft zu verhindern. Erst in dieser umfassenden Perspektive ist Erinnerung mehr als ein Ritual.

Der Philosoph Theodor W. Adorno hat einige Hinweise gegeben zu den geistigen, philosophischen Voraussetzungen und Denkmodellen, die zu Auschwitz und den anderen Stätten des Mordens führten. Man darf sich nicht an dem immer wieder zitierten Satz Adornos „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ (in „Minima Moralia“, Aphorismus 18) festbeißen. Und den Satz dann falsch interpretieren und meinen: Alles ist falsch, also kann es heute kein richtiges Leben mehr geben.

Diese Interpretation des Adorno Spruches ist unzutreffend: Denn nur weil wir erkennend das falsche Leben als falsches erkennen und es ablehnen, zeigen wir: Dass wir einen Maßstab des guten Lebens sozusagen in unserer Vernunft haben. Wir sind also schon über das falsche Leben „hinaus“.
Adorno will also vorsichtig eine Möglichkeit des guten Lebens „trotz allem“ eröffnen. Es gibt zwar versteinerte, tödliche und erstorbene Lebensverhältnisse, aber ein schwaches Licht der Hoffnung, der wahren Alternative, ist doch nicht totzukriegen. Und dafür bietet Adorno eine grundlegende Analyse des menschlichen Selbstverständnisses, wie es sich in der Philosophie und ihrer Geschichte artikulierte.

Wie konnte es zu Auschwitz kommen? Dafür gibt es viele unterschiedliche Ursachen, die man benennen muss, um Klarheit zu haben. Damit „nie wieder“ keine leere fromme Formel bleibt. Wer das historische Auschwitz zu einer Art „Mysterium“ des Unerklärlichen erklärt und verklärt, entzieht sich der Chance, ein neues totales Auschwitz zu verhindern.

Wir müssen also von Auschwitz „trotz allem“ vernünftig begrifflich sprechen. Nur Poeten können sagen: „Da versagen mir die Worte. Ich will nur stammeln und Geheimnisvolles erahnen“. Alle anderen sollen ihre Vernunft anstrengen und begrifflich klar – trotz allem – sprechen! Und die Akteure nennen, die Auschwitz damals errichteten und die neuen „KZs“ heute ermöglichen.

Das ist philosophisch entscheidend. Adorno weist zunächst innerhalb der neuzeitlichen Philosophie auf die beinahe selbstverständlich gelebte Selbsterhöhung des Subjekts hin.
Dieses Subjekt sieht sich so total erhaben im Weltzusammenhang, dass es sogar das absolut Erste, das Ursprüngliche, umfassend und korrekt zu erkennen meint.

Wenn sich das Subjekt als Herr der Wirklichkeit sieht: Ist es dabei ganz in sich selbst befangen. Es kreist nur in sich selbst. Diese Ego-Struktur ist auch in der heutigen Kultur allgemein.

Dieses Subjekt glaubt, alle Wirklichkeit durch sein Denken in die eigene Begriffswelt zwingen zu können, also letztlich alle Wirklichkeit in eine Allgemeinheit, vor allem in eine grundlegende Identität zu pressen.

Das sich selbst ermächtigte Denken kann dann den anderen, den Fremden, als solchen nicht wahrnehmen. Dieses Herrscher – Subjekt kann das andere als anderes, den anderen als anderen, nicht gelten lassen, will ihn dann konsequenterweise nicht leben lassen. Es muss den anderen auf das eigene Niveau zwingen oder andernfalls vernichten.

Die Vernichtung der anderen, der Minderheit, der Befremdlichen, der Herabgestuften, etwa der Juden, entsteht also in einem Denken, das keine gleichberechtigte Vielfalt innerhalb der Menschheit zulassen kann. Dieses Denken kann sich Ruhe, Glück, Frieden nur in der totalen Identität denken. Die so genannten „Identitären“ folgen dieser Ideologie. Faschisten wollen eine Welt mit Untermenschen, die schon gar nicht mehr gleichwertige Andere sind, sondern auf einer minderer Stufe stehend eingeschätzt werden,

Was wäre dann eine Utopie der Versöhnung und des Friedens, an der es unbedingt – um unserer allgemeinen und universalen Humanität willen – festzuhalten gilt? Utopie ist dabei kein naiver Wunschtraum, sondern ein wirkender Impuls, die gerechte Welt zu gestalten.

Versöhnung ist das Miteinander des Verschiedenen, Kommunikation des Unterschiedenen, wie Adorno sagt.
In einer Zeit, in der sehr viele Menschen in Europa Zuflucht suchen, formulierte Adorno gültige Grundsätze der Menschlichkeit. Ob sich heute Menschen finden, die diese Perspektiven einklagen unter den allzu oft schon selbst nationalistisch bornierten Politikern Europas?

Es kommt also auf „nicht-vereinnahmende Nähe“ an, also auf die Akzeptanz des Besonderen, schreibt Rolf Wiggershaus in seiner Studie „Wittgenstein und Adorno“, Basel 2012, S. 67.

Notwendig wäre auch heute, allen Menschen, „Rechtsextremen“ zumal, reale Begegnungen mit den anderen, den verschiedenen, den Fremden zu ermöglichen, so könnte Nähe und Freundschaft entstehen.
Erst im Respekt der „anderen“, der Fremden, wird das eigene Leben erst umfassend menschlich, befreit sich von dem Wahn der Ego-Fixierung, die den Menschen nur ins Alleinsein führt. Dieses ist tödlich, seelisch, geistig…

In meiner Sicht wären eigentlich christliche Gemeinden zum Beispiel solche Orte des Lernens von anderen, auch der Freude, mit „den Fremden“ zusammen zu sein. Nun verschwinden aber in Deutschland und in Europa immer mehr christliche Gemeinden, weil das Personal (der Klerus) fehlt usw…Die Kirchen haben zudem selbst dafür gesorgt, dass ihr Ruf, ihre Akzeptanz, eher schlecht ist (siehe sexueller Missbrauch, dogmatische Fixierung auf nicht mehr nachvollziehbare Glaubenssätze und Glaubensbilder usw.).

Um eine menschliche Gesellschaft, also um die Überwindung von Rassismus und Antisemitismus, um das Abschaffen heutiger KZs, bemühen sich jetzt zivilgesellschaftliche Gruppen, NGOs, Aktionskreise, Vereine, philosophische Salons, Widerstandgruppen zugunsten der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit usw. Diese Gruppen sollten vom demokratischen Staat unterstützt und finanziell gefördert werden.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Die Apokalypse des Johannes: Unsinn und Sinn. Grenzen und Größe.

Der religionsphilosophische Salon am 22. 11. 2019
Hinweise von Christian Modehn

1.
Die Begriffe „apokalyptisch“ und „Apokalypse“ sind jetzt en vogue. Man möchte meinen: Es sei beinahe chic, in einer um sich greifenden depressiven Stimmung des Untergangs, diese Worte zu verwenden. Als Bewertung des „Endzustandes“ unserer Welt.

Philosophisch ist es wichtig, modische Begriffe, wie das Apokalyptische, gerade wenn sie aus dem religiösen Bereich stammen, zu verstehen und zu hinterfragen.
Die vielen heftigen Schreckensbilder, die das Buch der Apokalypse des Johannes im Neuen Testament schon der oberflächlichen Lektüre bereit stellt, werden heute bewusst oder unbewusst sehr breit rezipiert: Und es sind nur diese wilden und wüsten Bilder der Welt-Zerstörung, die aus dem gesamten Text der Johannes-Apokalypse förmlich heraus gebrochen werden. Sie werden als (aus dem Gesamt-Text isoliertes „Horror-Material“) zur Illustration der eigenen aktuellen Meinungen verwendet und ersetzen als Bilder oft die genaue Analyse der Verhältnisse.
Z.B:.In Venedig war angesichts der riesigen Überschwemmungen im November 2019 von Apokalypse die Rede. Dabei war die Nachlässigkeit der Menschen auch Schuld an dieser angekündigten Katastrophe. Apokalyptisch soll das (offenbar) gar nicht mehr zu stoppende „Bevölkerungswachstum“ sein. Der Umgang mit der Atomkraft, den Endlagern, vor allem mit den Atomwaffen ist zweifelsfrei apokalyptisch. In Brasilien sind die ständig brennenden und gerodeten Urwälder am Amazonas, zugelassen von dem rechtsextremen Präsidenten Bolsonaro, eine aus Geldgier geschaffene Apokalypse. Bolsorano ist ein enger Freund von Mister Trump.

2.
Apokalypse wird heute populär verstanden als Untergang, als Katastrophe, und damit als totale Hilflosigkeit, als absolutes Ende der Welt.
Wer dem Reden von Apokalypse in dieser Weise folgt, will die Propaganda verbreiten: „Es gibt eigentlich keine Alternative mehr“. Im Bild gesprochen: Die Welt rast förmlich gegen eine unbezwingbare Mauer. Dann ist totales Ende. Dann ist definitiv Schluss mit allem und allen. Danach kommt nichts mehr. Keine gerechtere Gesellschaft, erst recht kein Himmel, keine Transzendenz. Dieses Verständnis von Apokalypse passt sehr gut in die vorherrschende, populäre, philosophische Mentalität, die da überzeugt ist: Der Mensch ist in eine totale Endlichkeit eingeschlossen, er ist ein Wesen ohne Transzendenz, der menschliche Geist hat nicht mehr mit „Ewigem“, Göttlichen, Messianischen zu tun.

3.
Im Text der Johannes-Apokalypse wird eine ganz andere Vorstellung vom endgültigen Ende vorgeschlagen: Der Prophet Johannes will die Einsicht verbreiten: Es ist allein eine transzendente Realität, die wir kurz gefasst Gott nennen, der das Ende der Welt bereitet. Aber dieses Ende der Welt ist nicht das definitive Aus: Es ist nur der Übergang in einen „neuen Himmel und eine neue Erde“.
Dieser Vorschlag, „es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben“, stammt zwar aus „alter Zeit“ (aus dem Jahr 95 n. Chr.). Aber ist er deswegen veraltet? Wer sagt denn, dass die gegenteilige Meinung wahr ist: Nach dem Ende dieser Welt sei alles „aus“, finito, basta, Ende…Diese Überzeugung ist bekanntlich nichts als eine Glaubenshaltung, alles andere als Wissenschaft. Und es müsste diskutiert werden, wie sich die Spuren des Ewigen, der neuen Erde und des neuen Himmels, im Selbstbewusstsein der Menschen und deren ethischer Praxis zeigen. Von der Hoffnung und der Bedeutung der Utopie wäre auch zu reden, um mit der Glaubenshaltung „Mit dem Ende der Welt ist alles total zu Ende“ in ein tieferes Gespräch zu kommen.

4.
Es muss noch zu Beginn dieser Überlegungen an die unübersehbare Vielfalt der Rezeption der Johannes-Apokalypse im NT erinnert werden:
Nur einige, eher beliebig ausgewählte Beispiele:
Die „Apokalypse von Angers“, dargestellt an den riesigen Wandteppichen.
Die „Antichrist-Darstellung“ im Dom von Orvieto, Italien.
In der Kathedrale von Autun in Burgund zeigt das Tympanon das Jüngste Gericht des Meisters Gislebertus.
In der Literatur:
Man denke an die Tragödie (in 5 Akten und 220 Szenen !) von Karl Kraus mit dem Titel: „Die letzten Tage der Menschheit“,
Das Drama endet in einer apokalyptischen Szene, es ist die Auslöschung der Menschheit. Der letzte Satz wird von Gott gesprochen: „Ich habe es nicht gewollt“. Dies wohl als eine Anspielung auf ein gleich lautendes Statement von Kaiser Wilhelm II.
Günter Anders: „Die Antiquiertheit des Menschen“.
„Der Name der Rose“ von Umberto Eco.
In der Musik:
Einmal ganz abgesehen von den Requien und dem „Dies Irae“:
Man denke an die 6. Sinfonie von Gustav Mahler „mit ihrer apokalyptischen Grundstimmung“.
Man denke auch an den großen Film: „Apokalypse now“ von Coppola. Auf die vielen „Horrorfilme“ will ich nur hinweisen: Sie zeigen das Abscheuliche, wie es in die bürgerliche Welt einbricht, und wie die Katastrophe übelster Art dann am Ende steht.
5.
Zum Text der Apokalypse des Johannes im NT einige Hinweise:

Apokalyptisches Denken bezieht sich grundlegend auf den Glauben der ersten Christen. Sie waren nach dem Tod Jesu von Nazareth überzeugt: Dieser Jesus lebt unter uns auf neue Weise „anders“ weiter, sie nannten diese Erfahrung: Auferstehung Jesu. Und dieser „auferstandene Lebendige“ wird wieder kommen auf diese Erde, um die Gläubigen in die Auferstehung, also das nicht mehr endliche, das ewige Leben zu geleiten.
Diese Erwartung des wiederkehrenden Jesus ist prägend bis ins Jahr 95, als der Autor Johannes auf Patmos seinen Text schrieb. Im heutigen Erleben der meisten Christen und ihrer Theologie spielt diese „Naherwartung“ des bald wiederkommenden auferstandenen Jesus Christus keine große Rolle mehr. Man glaubt an eine allgemeine Auferstehung, hält sich aber vernünftigerweise mit Detail-Beschreibungen zurück.
Die Apokalypse des Johannes ist ein Text, eine Predigt, ein Brief, eine Prophetie, wie auch immer: Darin wird den von Verfolgung durch den römischen Staat bedrängten Christen gesagt: Ihr seid „letztlich“ geborgen in dem lebendigen Jesus Christus. Ihr seid, modern formuliert, trotz aller Leiden getragen von einem positiven Sinn-Grund. Ihr seid bestimmt von einer Hoffnung auf eine gerechte Erde und einen neuen Himmel, diese Hoffnung ist größer als alles Leiden unter dem römischen Imperium.
Der Text der Apokalypse will also vor allem betonen: Die göttlichen Kräfte sind stärker als das brutale Imperium mit seinen Allmachtsansprüchen und seiner religiösen Intoleranz gegenüber der Minderheit der Christen.
Insofern ist das Buch Apokalypse des Johannes auch ein politischer Text: Ein Text des Protestes, der Freilegung der imperialen Macht Roms. Und in der Weise wird er vor allem in Lateinamerika heute unter Befreiungstheologen gelesen: Das Imperium der Diktatoren, auch das Imperium des neoliberalen Systems, auch das Imperium der USA, haben nicht das letzte Wort.

6.
Aber ob man diesen Text des Propheten Johannes einen Text des Widerstandes nennen sollte, ist meines Erachtens falsch. Widerstand ist aktives Handeln gegen ein Unrechtsregime, dazu waren die wenigen verfolgten Christen in Kleinasien gar nicht in der Lage. Sie konnten von Johannes, dem Autor des Briefes, der sich an sie wendet, nur zum Durchhalten aufgefordert werden, ja auch zum Erleiden, zum Tod. Diese Empfehlung ist keine Aufforderung zum Widerstand.
Die Apokalypse des Johannes bedeutet also Freilegung, Offenbarung, Entbergung der wahren Verhältnisse inmitten des Imperiums Rom. Das ist die formale Seite.
Aber diese Freilegung geschieht in einer Sprache, die unglaublich verschlüsselt ist und geheimnisvoll, nur für Insider damals verständlich, um die Gemeinden in Kleinasien, also der heutigen westlichen Türkei, zu schützen vor dem Zugriff des Imperiums der Kaiser in Rom.

7.
Aber das ist entscheidend: Das Buch der Apokalypse ist ein Buch für eine ganz bestimmte Zeit, für ganz bestimmte Leute, die sich zudem auskannten in Symbolen etc. Die Aussagen der Apokalypse, vor allem ihre Aufforderung, mit Zahlen und Daten zu arbeiten, um irgendwelche historischen Berechnungen des Endes und der Erretteten zu erreichen, sind zeitgebunden. Den Fehler des unmittelbaren Verstehens der Apokalypse im wortwörtlichen Sinne begehen religiöse Gemeinschaften wie die Zeugen Jehovas, die Mormonen, die Adventisten und andere…Sie müssen ständig die von ihnen berechneten Daten des Weltuntergangs korrigieren und verzichten nun angesichts der falschen Ankündigungen überhaupt auf Datenberechnungen des Untergangs, insofern haben diese Gemeinschaften doch einen Teil der vernünftigen Reflexion in ihre Spiritualität übernommen… Nebenbei: Auch in der katholischen Kirche gibt es Orte und Gruppen, die stark im apokalyptischen Denken verwurzelt sind, also in der Vorstellung, bald droht das Ende, und so werden Drohungen an die Menschheit verbreitet: Etwa im Wallfahrtstort Fatima, Portugal, oder im Wallfahrtsort La Salette, Frankreich; oder es gibt Gruppen, wie das katholische „Engelwerk“
und den Kreuzorden, die immer an einem Verbot durch den Vatikan vorbei „geschrammt“ sind…

8.
Warum finde ich den Text „Apokalypse des Johannes“ im NT problematisch?
Der Text enthält seitenweise Bilder des Schreckens, die mit einer Symbolik arbeiten, die heute kein Leser versteht. Das heißt: Dieses Buch der Bibel ist ohne einen dicken Kommentar gar nicht zu verstehen. Das mag für andere Texte des NT auch gelten, aber da sind doch auch Erzählungen enthalten, wie die vielen schönen Gleichnis Reden Jesu, die sich einem unmittelbaren Verstehen erschließen.
Die Apokalypse des Johannes hingegen ist hoch komplex, und manche Symbole, wie die Zahl 666 im Buch, ist selbst für gediegene Forscher, wie die Bibelwissenschaftlerin Prof. Schüssler Fiorenza, nicht mehr „entzifferbar“.
Aber das ist noch das geringste Problem, das ich mit dem Text habe:
Das Denken des Autors Johannes ist von absoluten Gegensätzen geprägt: Es gibt die Guten und die Bösen, es gibt keine Mischformen: Es gibt die Hure Babylon, sie steht der heiligen Stadt Jersusalem gegenüber.
In den 7 Gemeinden in Kleinasien, an die sich Johannes mit seinem Brief wendet, gibt es unterschiedlichen Formen im Umgang mit der römischen Herrschaft: Aber da duldet der Autor keine Kompromisse: Entweder sollen die Menschen heiß oder kalt sein, die Mischform lau wird nicht geduldet. Kompromisse sind ausgeschlossen. Abweichler vom offiziellen Glauben werden verdammt. Wer sich nicht verfolgen und töten lassen will vom Imperium, ist in der Sicht des Johannes kein guter Christ.
Immerhin gibt es in der Geschichte der Interpretation und Rezeption des 20. Kapitels der Johannes Apokalypse eine Möglichkeit, doch aktiv tätig zu werden: Da ist die Rede vom „1000jährigen Reich“. Der Engel Gottes wird Satan für 1000 Jahre wirkungslos machen. Dieses 1000jährige Reich wurde dann als die große Heilszeit gedacht. Die Gerechten stehen wieder auf aus dem Tod, es gibt ein neues Glück auf Erden. Das Tausendjährige Reich als Bild wurde dann auch wieder politisch missbraucht, wie überhaupt dieser mysteriöse Text der Apokalypse zu wilden Spekulationen Anlass bietet, die vielleicht in der Seele der Menschen ohnehin angelegte Ängste und Untergangsstimmungen bestätigt.
Schon die ersten Christen sahen das Buch der Johannes Apokalyse als problematisch an. Und sie wollten es nicht in den Kanon des NT aufnehmen. Noch im 3. Jahrhundert war man nicht bereit, die Apokalypse in den offiziellen Kanon aufzunehmen.!
Etwa im Jahr 367 wurde der NT-Kanon festgelegt. In der Ostkirche wurde die Apokalypse noch bis ins 17. Jahrhundert verworfen! (Dazu mehr bei Albert Schweitzer, „Werke aus dem Nachlass,“ Straßburger Vorlesungen).
9.
Es ist das Gottesbild des Buches der Apokalypse, das von mir abgelehnt wird: Gott kann fürchterlich und grausam auf dieser Welt agieren, ehe er für einige Erwählte die Rettung bringt. Und vor allem dies: Gott findet das meiste und die meisten in dieser seiner eigenen Schöpfung schlecht und zur Zerstörung bestimmt. Hat Gott also eine missratene Schöpfung geschaffen?
Erst eine totale Neuschöpfung mit dem Untergang der bösen alten Welt ist die Erlösung. Auch diese Vorstellung hat sich populär durchgesetzt, auch politisch bei Rechtsextremen, die erst nach einer totalen Zerstörung (dem Endkampf) das „Heil“ für möglich halten. Da sieht man die untergründigen Wirkungsgeschichten dieses biblischen Textes. Er stiftet auch politisch Verwirrung und lähmt viele Gutwillige Leute, noch aktiv vernünftig gestaltend zu handeln.
Also auch politisch wird das Buch der Apokalypse missbraucht: Etwa in der Rede vom Armageddon. Dazu gibt es massenhaft Bücher, vor allem in den USA. Die These der rechtsextremen Evangelikalen ist: Erst wenn Israel stark ist, kann der Messias kommen. Weil die vielen Feinde Israel, gerade weil es stark, zerstören werden. Dies gilt diesen Christen als der Beginn der Endzeit, bei der nur die bekehrten Juden Rettung finden….Man lese dazu die Studie des Religionswissenschaftlers Prof. Hans G. Kippenberg (Bremen-Erfurt) „Außenpolitik und heilsgeschichtlicher Schauplatz. Die USA im Nahostkonflikt“ in dem Buch „Apokalyptik und kein Ende“, Göttingen 2007, 7 Euro!) auf Seite 290 zitiert Kippenberg entsprechende kritische Äußerungen von jüdischen Forschern zu diesem sich pro-Israel gebenden Konzept, das tatsächlich aber verdeckt antisemitisch ist.
Man kann auch zur Erstinfirmation wikipedias Stichwort „Reich des Bösen“ lesen; darin wird u.a. deutlich: „Die verkaufsstarken Romane von Hal Lindsay oder Timothy LaHaye sind ein sehr gutes Beispiel dafür, dass es den evangelikalen Eliten gelang, apokalyptische Vorstellungen aus den Kirchen in die Populärkultur zu transportieren. Lindsay verbreitete Anfang der 1970er Jahre sein Buch „The Late Planet Earth“ (Titel in deutscher Übersetzung von 1971: „Alter Planet Erde wohin? Im Vorfeld des Dritten Weltkrieges“), das bis 1990 in 91 Auflagen erschien, in Supermärkten und Flughäfen auslag, über 28 Millionen Mal verkauft wurde und bis in die höchsten Regierungskreise der Reagan-Administration Einfluss entfaltete.
Auch von Steve Bannon, Katholik und (EX)-Berater von Trump wäre zu reden, der meint, erst eine totale Zerstörung der Welt kann einen Neuanfang bringen….

10.
Die Apokalypse hat meiner Meinung nach mentale Schäden angerichtet. Und man hat auch heute oft den Eindruck, die Menschen befassten sich mehr mit der Apokalypse und ihren diffusen Bildern lieber als mit Bergpredigt und den Gleichnissen Jesu.
Mit dem Buch der Apokalypse lässt sich keine menschenfreundliche Spiritualität und Theologie gestalten. Von dem z.T. grausamen Gottesbild und der offenbar missratenen Schöpfung Gottes war schon die Rede.
Aktuell hat das Buch Apokalypse des Johannes keine größere Relevanz. Der Appel bis zum Tod durchzuhalten hat allenfalls für die wenigen Christen in Nordkorea Sinn.
Sonst sollten Christen wo auch immer zugunsten der Gerechtigkeit handeln und sich niemals einreden lassen „Es gibt keine Alternative“.

11.
Noch ein Hinweis zu den Christenverfolgungen in den ersten drei Jahrhunderten: Sie verliefen in unterschiedlichen Phasen von unterschiedlicher Grausamkeit.
Die Juden wurden im römischen Imperium nicht verfolgt, sie waren eine bekannte, „andere“, nicht heidnische, also monotheistische Religionsgemeinschaft.
Die ersten Christen waren noch Mitglieder der römischen Synagoge. Dann konnten Juden diese Gruppe der Christen in der Synagoge nicht mehr ertragen. Paulus selbst wurde im Jahr 53 aus der Synagoge in Ephesus rausgeschmissen und fand dann erfreulicherweise Zuflucht bei dem dortigen Philosophen Tyrannus und seiner Schule!
Der Staat sah also in den Christen zurecht eine eigenständige kleine, aber staatskritische religiöse Gruppe.
Der Text der Johannes-Apokalypse ist bezogen auf die Christenverfolgungen unter Kaiser Domitian, um 95. Und in Erinnerung an Kaiser Nero… Damals schon sagten Historiker: „Diese Christen sind gefährlich“. Das sagten Tacitus, auch Sueton, später auch Kelsus: Christen seien eine Stimme des Aufruhrs; Christen reißen sich von anderen Menschen los, machen nicht mit im „System“ der Herrschenden. Weil sie den Kaiser nicht für göttlich hielten, wuden die ersten Christen „atheoi“, also Atheisten, genannt. Ein hübscher, nachdenkenswerter Titel – auch heute? Gegen welche Götter sind denn heutige Christen? Ist z.B. die westliche Wachstumsideologie ein Gott, gegen Christen und Kirchen und Bischöfe entschieden kämpfen?

Aber interessant ist doch die Pluralität der Theologie schon in der frühen Kirche: Was hatte da doch Paulus in seinem Römerbrief etwa 30 Jahre vorher gesagt: «Jedermann ordne sich den staatlichen Behörden unter, die Macht über ihn haben. Denn es gibt keine staatliche Behörde, die nicht von Gott gegeben wäre, die jetzt bestehen, sind von Gott eingesetzt.» (Römer 13, 1)
Diese Pluralität der Theologien ist bemerkenswert: Sie zeigt, wie unterschiedliche Theologen auf gegebene Verhältnisse reagieren…

12.
Für die eigene Lebensphilosophie bleibt angesichts dieser Überlegungen die Frage:
Gibt es auch eine persönliche, individuelle Apokalypse? Diese Frage wird vor allem deswegen interessant, wenn man den Begriff des Gerichts durch Gott in eine philosophische – anthropologische Überlegung übersetzt: Wie beurteile ich mich, durch mein Gewissen, durch meine Selbstkritik, wie beurteile ich mein Leben? Das muss ja nicht am Ende des Lebens geschehen. Es geschieht wahrscheinlich sowieso oft inmitten des Lebens, als Impuls zur Korrektur, zum neuen Beginnen und zum Eingeständnis von Schuld. Über diese Frage der individuellen Apokalypse als philosophisches Thema müsste weiter nachgedacht werden. Wahrscheinlich werden wir dabei nicht auf Einsichten von Immanuel Kant verzichten können.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die „Samtene Revolution“ 1989 in der Tschechoslowakei: Nur noch eine ferne Erinnerung?

Gedenken (nicht nur) am 17. November 2019

Einige Hinweise von Christian Modehn

1. Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ lebt in der Dialektik: Religion und/contra/mit Philosophie. Diese beiden Wirklichkeiten gelten auch als Leitlinien für Fragen zur Geschichte, etwa zur „Samtenen Revolution“ in der Tschechoslowakei im November 1989.

2. Einige Hinweise zur Politik:
Am 17. November 1989 gab es in Prag eine Studentendemonstration, bei der einige Menschen von der Polizei verletzt wurden. Dieser Tag gilt als Start der „Samtenen, also gewaltfreien, Revolution“ dort. Der Protest gegen die Herrschaft der Kommunisten wurde dann täglich größer: Am 24. November 1989 versammelten sich 800.000 Menschen auf dem Wenzelplatz in Prag: Vaclav Havel und Alexander Dubcek standen auf dem Podium. Mit dabei auch der langjährige Dissident und katholische Priester Vaclav Maly. Diese drei Männer repräsentierten in diesem Moment in gewisser Weise einen Humanismus über alle konfessionellen Grenzen hinweg. Dass Vaclav Maly in einer Situation drohender Gewalt und der offensichtlichen Spaltung der Gesellschaft in Kommunisten bzw. Mitläufer und in Dissidenten auf dem Wenzelsplatz das „Vater Unser“ anstimmte und etliche dann doch mitsprachen, hat gezeigt: Ein uraltes Gebet, vielen dort noch bekannt, hat den Geist und die Seelen gestärkt, im Kampf um Demokratie nicht nachzulassen.

3. In diesen Tagen wird auch in Tschechien der Samtenen Revolution vor 30 Jahren gedacht. Diese droht aber allmählich in Vergessenheit zu geraten. Staatspräsident Milos Zeman hat nach eigenem Bekennen kein Interesse, dieses große und einschneidende Datum zu würdigen. Was hat er denn Wichtigeres zu tun? Zeman fällt doch immer wieder übel auf durch populistische und fremdenfeindliche Äußerungen. Trump ist sein Freund. Er ist bekannt für eine heftige Abwehr von Flüchtlingen. Und das sollte sich bald ändern!
Das erfolgreiche Aufbegehren so vieler Bürger für die Demokratie 1989 ist ihm offenbar peinlich. So viel Demokratie wollen Zeman und sein Ministerpräsident Andrej Babis ja nicht. Gegen den offenbar korrupten Ministerpräsidenten Babis protestierten im Juni 2019 mehrere hunderttausend Bürger auf dem Letna-Hügel in Prag. Zeman und Babis wollen nicht der jüngsten Aufforderung des Europäischen Gerichtshofes nachkommen, einige tausend Flüchtlinge in Tschechien aufzunehmen. In dieser Abwehr sind diese tschechischen Politiker in bester Gesellschaft mit den katholischen PIS Politikern in Polen und mit den Rechtspopulisten rund um Victor Orban in Ungarn.

4. Zur Religion:
Die „Tschechoslowakische Hussitische Kirche“ hat immerhin in ihrem Bistum Brünn schon vor fast zwei Jahren (am 1. Febr. 2018) eine Erklärung verabschiedet, der sich viele Pfarrer dieser Kirche angeschlossen haben. Darin kritisiert die sich auf den Reformator Jan Hus berufende protestantische Kirche: Dass ihr Staatspräsident Milos Zeman „sich unethisch verhält“: „Zeman und seine Unterstützer haben im Wahlkampf ohne zu zögern gegenüber dem Gegenkandidaten Jiri Drahos bewusste Lügen und Manipulation angewendet, um in der Gesellschaft insbesondere die Angst vor Immigranten zu schüren. Den Gebrauch solcher Methoden im politischen Kampf sehen wir als unethisch an“. Präsident Zeman will die Angst vor „den“ Muslims verbreiten, „er sieht in ihnen nur Gefahren“, so der hussitische Pfarrer Petr Sandera in einem Interview in Brünn am 17. Oktober 2019. Die Erklärung seiner Kirche fand, so Sandera, vor allem nur in der Kirchenpresse ein breiteres Echo. Auch in den Gemeinden sind nicht alle Mitglieder mit der kritischen Position ihrer Pfarrer und Kirchenleitung einverstanden, so Sandera.

Nebenbei: Die hussitische Kirche feiert im Jahr 2020 ihr 100 jähriges Jubiläum. Sie wurde als Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche gegründet, kennt keinen Zölibat der Priester, auch Frauen sind zum Pfarramt zugelassen. Wer befasst sich noch mit diesen frühen Versuchen, das Regime des römischen Katholizismus zu begrenzen? Dies gab ja auch auf den Philippinen. Am 1. Adventssonntag 2019 wird ein hussitischer Gottesdienst live im Fernsehen übertragen, berichtet Pfarrer Sandera. Und am 8.1.2010 findet ein Festgottesdienst in der Prager Nikolauskirche statt,. Sozusagen einer „zentralen Kirche“ dieser hussitischen Gemeinschaft. „Unsere Aufgabe ist es jetzt, das Christentum für die heutige Zeit neu zu übersetzen“, so Pfarrer Petr Sandera, de früher auch als Bischof in Brünn Verantwortung für die Kirche hatte. „Uns Tschechen fehlt die Erfahrung im Umgang mit anderen Kulturen. Wenn man sagt: Im Flüchtling, also im auch im Moslem, begegnet uns heute Jesus Christus, dann findet diese Überzeugung immer noch viel Ablehnung unter Christen“.

5.
Vaclav Maly, geboren 1950, ist einer der bekanntesten tschechischen Dissidenten, er unterzeichnete 1977 die „Charta 77“, er saß deswegen ein Jahr im Gefängnis; die Kommunisten untersagten ihm seine Tätigkeit als Pfarrer, er durfte nur noch Laternen anzünden in Pilsen… Inzwischen ist er „Hilfsbischof“ in Prag, sein bischöflicher Wahlspruch heißt „Demut und Wahrheit“. Dieses Motto erinnert an Vaclv Havels Grundsatz: „In der Wahrheit leben“. Aber nach Maly eben „bescheiden…“
Maly ist in Tschechien auch Autor bzw. Interviewpartner zahlreicher Bücher, die leider nicht ins Deutsche übersetzt wurden.
Im Radio CZ wurde er vor 5 Jahren nach seiner Einschätzung der Wende in der CSSR gefragt: „ Unsere Gesellschaft ist sehr passiv. Tschechen und Slowaken haben nicht um die Freiheit gekämpft – im Unterschied zu den Polen oder zu den Ungarn. Die Freiheit ist uns sozusagen in den Schoß gefallen. Das muss man aufrichtig zugeben. Deswegen wird die Freiheit nicht hoch geschätzt. Wir sagen manchmal, dass sie unser Verdienst sei, aber das stimmt nicht. Es ist vor allem ein Verdienst der Polen, der veränderten internationalen Lage und ein Verdienst der kleinen Gruppierungen, die vor der Wende in der ČSSR gewirkt haben. Das ist kein Lob oder Stolz, das ist die Konstatierung der Lage.“ Quelle.Radio CZ
https://www.radio.cz/de/rubrik/schauplatz/bischof-vaclav-maly-moderator-der-massendemonstrationen-von-1989
Und zur Verharmlosung der Mitgliedschaft in der tschechischen Stasi, dem StB in der heutigen Gesellschaft und im Staat, sagte Maly: „Es ist sehr schlimm, zu vergessen. Es geht mir nicht um Rache. Es geht nicht um Vergeltung. Aber ihre Taten waren schlimm und eine schlimme Tat muss man benennen. Das hilft auch in der Gegenwart. Vergessen ist kein guter Ratgeber. Darin steckt auch eine persönliche Entschuldigung der Mehrheit der Bevölkerung: ´Wir sind auch mitschuldig, also halten wir uns davon fern´.
„Malý besteht darauf, dass die Europäische Union ein Projekt für die Sicherheit und die Demokratie auch seines Landes ist. Mit seiner Forderung nach „einem offenen Herzen für Migranten“, steht er gegen die verbreitete öffentliche Meinung. „Wenn unsere Politiker sagen, wir verteidigen unseren Staat und deshalb wollen wir praktisch keinen Flüchtling“, dann nennt das der Bischof „eine Schande“. Regelmäßig besucht Malý, der an der Spitze der tschechischen Kommission von „Justitia et Pax“ – Gerechtigkeit und Frieden – steht, Länder, in denen die Menschenrechte nicht respektiert werden, zuletzt Süd-Sudan und Sudan, Uganda und Indien. „Damals habe ich aus dem Westen selbst viel Hilfe und Solidarität erhalten. Heute gebe ich das zurück. Ich fühle mich verpflichtet, diese schikanierten und leidenden Menschen zu besuchen und sie zu ermutigen: Bitte, haltet aus! Ich bin kein Retter, nur ein ganz normaler tschechischer Bürger, der unterdrückt wurde und der weiß, was Kampf für Menschenrechte bedeutet. Ich besuche nicht nur Kirchen, sondern auch die Familien der politischen Gefangenen.“ Quelle: http://www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/prag-1968/274335/menschen-die-1968-praegte?p=all am 20.8. 2018
Inzwischen wurde gut dokumentiert, dass der heutige tschechische Ministerpräsidenten (und Multimillionär) Andrej Babis einst Mitglied in der tschechischen Staatssicherheit StB war, was Babis wie üblich in diesen Kreisen bestreitet. Außerdem ist er vielen Korruptionsvorwürfen ausgesetzt…Gegen ihn richtete sich die (hilflose) Wut der Bürger bei den Massenprotesten im Juni 2019. Babis ist immer noch an der Macht.
Vaclav Maly wurde im Radio gefragt, wie er denn besser für die strafrechtliche Verfolgung der Mitarbeiter der Staatssicherheit hätte sorgen können: „In den ersten Tagen (der samtenen Revolution) habe ich vor allem darauf gedrängt, dass diejenigen bestraft werden, die Verbrechen gegen die Humanität verübt hatten, die etwas Schlimmes gemacht hatten. Doch das ist nicht passiert. Dadurch wurde das Rechtsempfinden der Bevölkerung geschwächt. Das war einer der damaligen Hauptfehler. Dass etwa die Angehörigen des Geheimdienstes StB nicht bestraft wurden. Dabei gab es konkrete Beweise, dass sie inhuman gehandelt, Unschuldige verfolgt, schikaniert und geschlagen haben.“
Was werden die Veranstaltungen am 17. November 2019 in Prag, Pilsen und Brünn bringen? Es sind vor allem junge Leute, die sich aus der politischen Passivität befreien? Im Stadtviertel Albertov wird das Festival Studentský Albertov organisiert, es soll erinnern an den „Tag der Freiheit und Demokratie“ und den „Internationalen Tag der Studentenschaft“. Ein Programmhöhepunkt in Albertov ist die Rekonstruktion der Kundgebung im Jahr 1989.

6.
Wenn von Religion in Tschechien die Rede ist im Umfeld der Samtenen Revolution: Dann muss an die katholische Untergrundkirche zur Zeit des Kommunismus erinnert werden. Sie ist heute, 2019, schon weithin vergessen. Für dieses Vergessen hat auch der Vatikan nach 1989 gesorgt. Ihm war diese Untergrundkirche aus dogmatischen Gründen peinlich.
Der Kampf der tschechischen Kommunisten gegen die Katholische Kirche war grausamer als etwa in der DDR. Einige tschechoslowakische Katholiken wagten zur Rettung ihres Glaubens und der Kirche für katholische Verhältnisse Ungeheuerliches: Sie weihten Priester und Bischöfe, und dies ohne Zustimmung des Vatikans, der war ohnehin weit weg. Und sie weihten auch Frauen zu PriesterInnen. Nach dem Erfolg der Samtenen Revolution 1989 hatte die offizielle klerikale Kirche kein Interesse, diese mutigen katholischen PriesterInnen in die offizielle Kirche einzugliedern. Sie wurden verstoßen. Viele nachdenkliche Kritiker empfinden das als Skandal. Die Kirchenführung hatte viel mehr Interesse, um die Rückgabe ihrer uralten Besitzungen an Land, Wald, Häusern wieder zu kämpfen. Letztlich war Geld dem Klerus am wichtigsten. Dabei versäumte es die katholische Hierarchie, in neuer Sprache auf die vielen „unreligiösen“ Menschen zuzugehen. Die theologische Fakultät in Prag wurde zum Hort reaktionären Denkens. Man lese die entsprechende Kritik an diesen Zuständen in den Büchern des Priesters und Philosophen Tomas Halik. So etwa in dem Buch „Nachtgedanken eines Beichtvaters“ (Herder, 2012, S. 174f.). Die Theologische Fakultät „siechte“, so Halik, unter dem Druck eines kontra-aufklärerischen, vulgarisierten Neo-Thomismus vor sich hin“. Noch deutlicher sind die Äußerungen Haliks, dieses tschechischen Intellektuellen und katholischen Priesters, auf S. 224 dieses insgesamt lesenswerten Buches.

7.
PHILOSOPHIE:
Ich will hier nur erinnern an den großen Dissidenten, den leider in Deutschland nicht mehr sehr bekannten Philosophen Jan Patocka:Er, der internationale hoch geschätzte Philosoph, war ein Sprecher der Charta 77. Er wurde von den Kommunisten verhört und dabei „zu Tode verhört“. „Patocka stirbt nach mehreren Verhören durch die Staatspolizei an einem Hirnschlag. An seinem Begräbnis nehmen trotz Überwachung und Kontrolle durch die Staatssicherheit über 1000 Trauernde teil“…In einer der geheim gehaltenen Vorlesungen im Jahre 77 betonte er: „Wo ändern sich die Welt und die Geschichte? Im Innern, besser gesagt, im Leben des Einzelnen.“

Ich möchte auch hinweisen auf den sehr ungewöhnlichen marxistischen Philosophen Milan Machovec, der als Dissident innerhalb (!) des Prager Kommunismus/Stalinismus immer noch viel Beachtung verdient, zumal sein Buch: „Jesus für Atheisten“. Machovec war aktiv im christlich-marxistischen Dialog in den 1970 Jahren, zusammen mit dem katholischen Theologen Karl Rahner und Johann B. Metz.

Noch ein Hinweis auf die große Tradition philosophischen Denkens, die schon in der Gestalt Tomas Garrigue Masaryks sichtbar wird. Zu Masaryk, dem ersten Philosophen- Präsidenten der Republik, habe ich einige Hinweise notiert.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin

Die freien Geister und Freigeister suchen ihre eigene Spiritualität: Über ein Buch von Lorenz Marti

Ein Buch – Hinweis von Christian Modehn

Das neue Buch von Lorenz Marti hat den Titel „Türen auf“. Natürlich sind damit auch die massiven Kirchenportale und schweren Eichentüren der Kathedralen gemeint, die, wie z.B. in Deutschland, so oft verschlossen sind. In „heiligen Tempeln“ sollte hingegen immer, bei offenen Türen, frischer Wind wehen. Davor haben aber bestimmte Herren (der Kirchen) Angst. Sie mögen den alten Staub und den leicht muffigen Geruch.
Also: „Türen auf“. Und dies ist vor allem eine Forderung an den einzelnen, sich selbst zu öffnen und Verpanzerungen abzulegen. Entscheidend für die Lektüre dieses anregenden Buches von Lorenz Marti ist der Untertitel „Spiritualität für freie Geister“. Auf Spiritualität kommt es an, nicht auf Dogmen, nicht auf religiöse Institute, „Religionen“. Sondern auf die ungebrochene und niemals zu kontrollierende Lebendigkeit des Geistes, des „spiritus“, der alle Menschen auszeichnet in allem Fragen, Forschen und religiösem Suchen. Also ist jeder und jede „irgendwie“ spirituell. Lorenz Marti legt Wert darauf, sich an „freie Geister“ zu wenden. Man möchte meinen, wohl auch an „Freigeister“, an Menschen also, die alte Verklammerungen an überlieferte Dogmen aufgegeben haben. Und zum Beispiel aus der Kirche ausgetreten sind. Die also aus der Sicherheit des „Gott-Habens“ ausbrechen mussten aufgrund eigener Lebenserfahrungen. Und die nun Ausschau halten, experimentieren, fragen, das neue Eigene suchen, das ihnen vielleicht vorübergehend eine Basis im Leben sein kann. Eine solche Spiritualität ist in Zeiten der „Kirchenaustritte“ förmlich eine Notwendigkeit!

Lorenz Marti, Publizist und früher Journalist beim Schweizer Radio DRS in Bern, wendet sich also an die vielen Menschen, die in den Kirchen „spirituell heimatlos“ geworden sind. Aber doch einige Einsichten und Weisheiten des Christentums (und anderer Religionen) für sich bewahren wollen. Diese zunehmend große Gruppe der vielen tausend Menschen in Europa bezeichnet die Religionssoziologie als „Konfessionslose“, definiert sie also über einen Verlustbegriff „ – lose“. So, als hätten sie nichts mehr an Spiritualität. Dabei sind diese vielen Menschen doch gar nicht „ohne“ oder „-los“. Sie bilden oft ihre eigenen spirituelle Haltungen. Sie sind also, institutionell meist nicht mehr organisiert, freie Geister. Ob sie neue Orte des Gesprächs suchen und wollen, wäre eine Frage. Marti erwähnt als seinen Gewährsmann zu recht den Theologen Friedrich Schleiermacher: Für ihn war ja Kirche auch ein „Ort geselligen Miteinanders und des Zusammenseins“ unterschiedlicher Menschen. Solche neuen offenen Gemeinden, warum nicht als „offene Salons“ gestaltet, bräuchten vielleicht einige der „freien Geister“ zum Austausch. Warum nicht auch dies: Zum Lernen als Neues Entdecken.

Und genau sie werden von Lorenz Marti in seinem Buch zum Mitdenken und vor allem zum Weiterdenken eingeladen in insgesamt 46 kurzen Essays, die nie mehr als drei bis vier Buchseiten beanspruchen. So ist förmlich eine Art „Brevier“ für den Alltag entstanden: Ich würde fast den praktischen Rat geben: Man lese jeden Tag einen Beitrag und verwende mindestens die doppelte Zeit noch einmal zur Reflexion, wenn nicht zur Meditation. Manche Beiträge bieten grundsätzliche Reflexionen, etwa über „Gott“: „Ein unmögliches Wort“ (S. 144), andere Essays orientieren sich an Dichtern, wie Rilke, Gertrude Stein oder Mascha Kaleko.
Diese Essays sind unter neun Kapiteln zusammengefasst, die sich auf zentrale Haltungen und Werte beziehen: Aufbruch, Freiheit, Sinn, Vertrauen, Verbundenheit, Gelassenheit, Wahrheit, Offenheit, Zuversicht. Und zum Schluss noch der schöne Text „Eine Kerze anzünden“.
Was an den Essays fasziniert, ist auch die persönliche Sprache. Da spricht ein „Ich“, das selbst als freier Geist doch bewegt ist von einigen Weisheiten des Christentums, andererseits doch die Last der dogmatischen Lehren nicht mehr mit sich herumschleppen will. So plädiert der Autor in „sanfter Argumentation“, möchte man sagen, ruhig, nie arrogant, nie belehrend, für eine Unterscheidung der eigenen Geister, die in jedem Menschen auch religiös drängen und drängeln. Lorenz Marti plädiert letztlich für eine „Religion in ihrem humanistischen Gewand“. Und er weiß, was das reformierte Christentum, der Protestantismus, „eigentlich“ sein könnte, wenn er den liberalen Theologen Ulrich Barth (Halle an der Saale) zitiert: „Protestantismus heißt der Traum einer Religion für freie Geister“ (S. 50). Diese freien Geister wissen von ihren Grenzen, verzichten aber nicht aufs Hoffen: “Ein japanisches Sprichwort: Fällst du sieben Mal um, so stehe achtmal auf. Das ist Gnade… und dafür sage ich Danke“ (S. 112). Und dann wird der offene Geist als solcher deutlich formuliert: „Vielleicht hat dieses Danke eine konkrete Adresse, vielleicht aber auch nicht…“ Suche also jede Leserin, jeder Leser, ob er eine konkrete Adresse finde für sein „Danke fürs Dasein“. Es ist diese wohlwollende Offenheit, die keinen theologischen oder ideologischen Denk-„Zwang“ ausübt, dies macht die Lektüre des Buches so erfreulich … und hilfreich.
Was mir besonders gefallen hat? Vor allem dieser Satz: “Das Feuer hüten und nicht die Asche bewahren. Der Geist der Rebellion darf nicht erlöschen“ (S. 95).

Lorenz Marti, „Türen auf. Spiritualität für freie Geister“. Herder Verlag, August 2019, 192 Seiten. 18 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Eine mächtige und korrupte katholische Sekte in Peru kämpft gegen die Freiheit der Presse

Ein Hinweis zur Organisation „Sodalicio“
Von Christian Modehn

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist immer auch Religionskritik. Maßstab ist die selbstkritische allgemeine Vernunft, die bekanntlich auch für Religionen und Kirchen gilt. Ausgangspunkt dieser Religionskritik ist die Freilegung von Fakten! Und die Verteidigung der Menschenrechte, die selbstverständlich auch in der römischen Kirche höher stehen sollten und wichtiger sein sollten als Kirchengebote.

Glauben Sie ja nicht, einzig das Opus Dei, die Neokatechumenalen, bestimmte Charismatiker, „Das Werk“ oder die Legionäre Christi seien fundamentalistisch denkende und oft nach „Sektenmanier“ handelnde, aber machtvolle (auch ökonomisch !) Organisationen innerhalb der römisch katholischen Kirche!
Die Liste entsprechender Organisationen, oft sehr gut angesehen im oberen Klerus, ist lang. Denn diese Kreise stellen immerhin noch junge zölibatär leben wollende Priester der Kirche zu Verfügung. Nichts ist für Papst und Bischöfe wichtiger als das Bewahren der Kirche als Klerus-gesteuerte Organisation!
Jetzt also geht es hier um eine internationale Bewegung, sie ist in Deutschland bislang eher unbekannt, jedoch vor allem in Lateinamerika, besonders in Peru, sehr einflussreich: Die theologisch äußerst sehr konservative Gemeinschaft für Priester und Laien mit dem lateinischen Titel „Sodalitium Christianae Vitae“ (SCV), „Gruppe christlichen Lebens“. Etliche Mitglieder des SCV sind wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt worden. Und nur auf diesen Aspekt will ich hinweisen.

Die bewährte und gründliche Informationsstelle PERU in Freiburg im Breisgau hat jetzt einen kritischen Beitrag über die Formen des Umgangs dieses Clubs, besonders des Bischofs von Piura, Peru, veröffentlicht. (http://www.infostelle-peru.de/web/missbrauchs-aufklaerer-wegen-verleumdung-verurteilt/)

Dieser wichtige Beitrag von Hildegard Willer von der Informationsstelle PERU in Freiburg i.Br. verdient viel Aufmerksamkeit, geht es darum wahrzunehmen, wie allmächtig sich einzelne Bischöfe immer noch fühlen. Das Reden von Brüderlichkeit oder Gleichheit im „Volk Gottes“ ist dann eher ein Witz.

Am 26. 4. 2019 erreicht mich aus Peru diese überraschende Nachricht: „Der Erzbischof Eguren von Piura hat am 24. April 2019 bekanntgegeben, dass er die Verleumdungsklagen gegen die beiden Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz zurückzieht. Es scheint, die nationalen und internationalen Proteste, vor allem aber die Kommuniqués der Bischofskonferenz und von Bischof Nann, haben diesen Sinneswandel eingeleitet“.

Der Beitrag von Hildegard Willer bleibt trotzdem nach wie vor aktuell, zeigt er doch, wie weit der Bischof als soldalicio Mitglied glaubt gehen zu können in seiner „Machtfülle“. Die Rücknahme der Verleumdungsklage gegen zwei Journalisten durch den Bischof ist zudem ein Hinweis, dass es allmählich „eng“ wird für diese korrupt eingeschätzte katholische Organisation.

Missbrauchs-Aufklärer wegen Verleumdung verurteilt. Von Hilegard Willer am 16/04/2019
Die Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz hatten die Machenschaften der rechtskatholischen Gruppierung „Sodalitium“ (span. Sodalicio) aufgedeckt. Der Erzbischof von Piura hat sie deswegen auf Verleumdung verklagt. Die peruanische Bischofskonferenz distanziert sich vom Urteil.
Als Papst Franziskus im Januar letzten Jahres die peruanische Stadt Trujillo besuchte, wurde er vom Erzbischof von Piura und Tumbes, José Antonio Eguren, offiziell begrüßt. Bischof Eguren ist ein Gründungsmitglied der katholischen Bewegung „Sodalitium Vitae Cristianae“. Spätestens seit 2015 wusste jeder in Peru, was hinter der Fassade der einflussreichen katholischen Gruppierung vor sich ging: Gehirnwäsche, psychologische und physische Gewalt, sexuelle Übergriffe bis zu Vergewaltigungen.
Die Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz hatten in jahrelangen Recherchen Zeugenaussagen ehemaliger Sodalicio-Mitglieder zusammengetragen und veröffentlicht.
Als die beiden Journalisten deshalb vor einem Jahr im Fernsehen sahen, wie der Erzbischof von Piura, Mitglied des Sodalicio der ersten Stunde, neben einem lächelnden Papst Franziskus posierte, als ob nichts geschehen sei, griffen sie zu ihren „Waffen“: Paola Ugaz zur Kurznachricht Twitter und Pedro Salinas zum Meinungsartikel. Dort verglich Salinas Bischof Eguren mit dem wegen seiner Nähe zum Kinderschänder Pater Karadima umstrittenen chilenischen Bischof Juan Barros, der im Juni 2018 schließlich zurücktrat.
Neben der Vertuschung der Straftaten des Sodalicio steht Eguren auch im Verdacht, am Handel mit Ländereien in Piura beteiligt zu sein. Dementsprechende Anschuldigungen waren in zwei voneinander unabhängigen Publikationen gemacht worden.
José Antonio Eguren reichte daraufhin eine Verleumdungsklage gegen die beiden Journalisten ein. Diese erhielten weitreichende Solidaritätsbekundungen. Amnesty International warnte davor, dass das Strafrecht dazu verwendet werde, die Pressefreiheit auszuhebeln. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – und dazu gehörten auch Kirchenführer – müssten akzeptieren, dass über sie recherchiert und berichtet werde.
Doch die internationale Solidarität half – vorerst – wenig:
Am 8. April 2019 verkündete Richterin Judith Calle im nordperuanischen Piura das Urteil: der Journalist Pedro Salinas wurde zu einer einjährigen Bewährungsstrafe und einer Entschädigungszahlung von umgerechnet 21 500 Euro verurteilt. Die Richterin gab damit dem Kläger José Antonio Eguren, dem Erzbischof von Piura und Tumbes, statt.
„Damit will sich Sodalicio an uns rächen“, erklärt Pedro Salinas vier Tage später vor der Presse in der Hauptstadt Lima.
Schützenhilfe bekamen Pedro Salinas und Paola Ugaz dagegen von unerwarteter Seite. Der Vorstand der peruanischen Bischofskonferenz und der neue Erzbischof von Lima gaben in einem Kommuniqué bekannt, dass die Sorge um die Opfer des Missbrauchs an erster Stelle stehen müsse, und dass gerade Papst Franziskus immer wieder die positive Rolle des Journalismus bei der Aufdeckung der Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche betont habe.
„Das erste Mal, dass der Korpsgeist innerhalb der katholischen Kirche nicht funktioniert“, kommentierte, noch überrascht, Pedro Salinas.
Die Reaktion des Erzbischofs von Piura ließ nicht auf sich warten: die Kollegen in der Bischofskonferenz sollten doch die genaue Urteilsbegründung abwarten. Diese wird erst am 22. April verlesen. Auch stünden nicht alle Bischöfe hinter dem Kommuniqué, das nur der Vorstand und der Erzbischof von Lima unterschrieben hatten.
Der deutschstämmige Bischof von Caraveli, Reinaldo Nann, machte sich daraufhin auf Facebook seiner Empörung Luft: „ Ich war sehr froh über dieses Kommuniqué“, schreibt Nann. „Denn es sind nicht nur zwei Bischöfe, die nicht mit Erzbischof Eguren einverstanden sind, wir sind viele. Ich will nicht, dass ich in der Öffentlichkeit mit einer Kirche identifiziert werde, die einen umstrittenen Bischof des Sodalicio unterstützt. Persönlich würde ich Erzbischof Eguren raten, dass er sich vom Sodalicio distanziert oder zurücktritt, bevor ihn Papst Franziskus zum Rücktritt auffordert“.

Reinhold Nann geht noch weiter: „Ich weiß nicht, warum der Vatikan so lange braucht, um das Sodalicio aufzulösen“. Bisher läuft ein parlamentarisches Untersuchungsverfahren, sowie ein Strafverfahren gegen das Sodalicio in Peru. Der Vatikan selbst hat – im Zusammenhang mit Mißbrauchsvorwürfen gegen den Sodalitium-Gründer Figari – Sodalicio unter kommissarische Leitung gestellt, seine Existenz selber aber nicht angetastet.
Paola Ugaz erwartet das Urteil ihrer Verleumdungsklage für die nächsten Tage. Pedro Salinas wird in Berufung gehen gegen das Urteil aus Piura. Seine Aussagen zurückziehen will er auf keinen Fall: „Eher zahle ich Bischof Eguren die 21 000 Euro und recherchiere und schreibe weiterhin, was ich für richtig halte“

Hildegard Willer, Informationsstelle PERU, Freiburg i.Br. www.infostelle-peru.de

Informationsstelle Peru e.V.
Kronenstrasse 16
79100 Freiburg i. Br.

Copyright für meinen einleitenden Text: Christian Modehn

Notre Dame de Paris: Fast eine Ruine. Für Steine viele Millionen Euro zu spenden ist jetzt attraktiv und lukrativ!

Fragen und Vorschläge nach der Brand-Katastrophe
Von Christian Modehn

1.
Die Kathedrale Notre Dame de Paris gibt es nicht mehr, vor allem die innere Gestalt der Kirche ist weithin eine Ruine. Einige besonders wertvolle „Schätze“ und Reliquien konnten gerettet werden, wohl auch die Orgel. Geblieben ist die äußere Hülle, die Fassade, wenn man so will, die beiden großen Türme und die Mauern stehen da ohne Glanz, des Nachts wie eine dunkle Bedrohung.
Natürlich ist es sinnvoll, über einen Wiederaufbau der Kathedrale nachzudenken. Dafür ist die Kathedrale von höchster kultureller Bedeutung, förmlich als Symbol des „nationalen Bewusstseins“.
Auffällig ist jedoch, mit welchem Eifer sich der Staat und der Staatspräsident für den sehr eiligen Wiederaufbau aussprechen. Natürlich, aufgrund der Kirche-Staat-Gesetze ist Notre Dame de Paris Staatseigentum. Der Staat wird bei diesem exkluxiven Bauwerk dafür sorgen, dass diese Kirche in neuem Glanz ersteht, eine Kirche, die immer auch als nationaler „Tempel“ angesehen wird; selbst von vielen kirchlich „Nicht-Gebundenen“; auch die Touristen durchschrittten das Bauwerk in zügigem Tempo, 30.000 Besucher waren es 2018 durchschnittlich pro Tag! Ein großes Getrampel also in „heiliger Halle“. Auffällig also ist, dass Präsident Macron offenbar allen Ernstes behauptete, Notre Dame nach 5 Jahren wieder zu eröffnen. Das ist mehr ein frommer Wunsch und ein Ausdruck, politisch stark zu erscheinen. Ein Stück Propaganda vielleicht.
2.
Auffällig ist vor allem, wie die „Magnaten“, die Millionäre und Milliardäre, wie „Libération“ schreibt, für den Wiederaufbau spenden: Kaum ist das Feuer erloschen, fließen schon die vielen Millionen für die Herstellung dieser Kirche. Warum? Vielleicht aus „nationalem Bewusstsein“ der großen Firmenchefs? Vor allem auch, weil die Steuervergünstigungen in dem Fall enorm sind. Bald wird wohl die Kathedrale den Titel „Trésor national“ erhalten und dann könnten 60 % der Spenden von der Steuer abgezogen werden. Damit werden dem Staat viele Millionen Steuern entgehen, die er etwa für seine Sozialpolitik gut gebrauchen könnte.
Auffällig ist diese enorme Spendebereitschaft der Magnaten bzw. der Großkapitalisten, wie die Tageszeitung Libération treffend schreibt, also doch nicht. Man kann sich also wegen einer „nationalen Katastrophe“ (Brand in Notre Dame) noch zum großen Steuer-Sparer entwickeln und durch diese private Steuerersparnis dem Staat letztlich dringend benötigte Steuern entziehen. Die „Pinault“, Eigentümer der Luxus-Gütergruppe Kering (Gucci et.c) spenden 100 Millionen; Der reichste Mann Frankreichs, Bernard Arnault, Chef von LVMH (Luxusprodukte wie Hennessy und 70 weitere Luxusprodukte) hat schon 200 Millionen Euro zugesagt, TOTAL will 100 Millionen spenden, sogar Apple wird unter den Spendern sein. „In kürzester Zeit, innerhalb weniger Stunden, wurden 700 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Kulturtempels bzw. der Kathedrale Notre Dame de Paris gespendet. Wenn das so weitergeht, braucht der eigentlich verantwortliche Staat nichts mehr zu zahlen…
3.
Auffällig ist, dass diese Magnaten eher sehr selten (mit so großen Summen) für Menschen in Not spenden, etwa für die Obdachlosen in Paris oder die Sterbenden in Jemen. Tatsache ist, dass die sozial engagierten Vereine in Frankreich (Associations) im letzten Jahr weniger Spenden einnehmen konntenn als sonst. Das Geld für Obdachlose, Flüchtlinge, Alleinerziehende etc. fehlt. Mindestens 150.000 Menschen haben keinen festen Wohnraum (sans domicile fixe, SDF). Das Sozialhilfswerk Emmaus hat die Anzahl der Menschen, die in Frankreich miserabel wohnen müssen, etwa zur Not untergekommen bei Freunden, in Abbruchhäusern wohnen etc., auf fast 4 Millionen Menschen berechnet (Personnes mal logées) Quelle: https://www.fondation-abbe-pierre.fr/documents/pdf/synthese_rapport_2018_les_chiffres_du_mal-logement.pdf
Auffällig also ist, dass die Millionäre und Magnaten lieber für Steine spenden als für lebendige Menschen. Sonst würde ja kein Obdachloser mehr auf der Straße leben, die 700 Millionen, die innerhalb weniger Stunden für die Kathedrale als Stein locker gespendet wurden, hätten für etliche würdige Unterkünfte der Ärmsten verwendet werden können. Warum spenden die Reichen nur so gern für tote Steine? Weil sie meinen, da auf ewig erinnert zu werden. Sie unterschätzen das Erinnerungsvermögen der Armen, die daran denken könnten: Diese Wohnung hat die Firma He. für uns gebaut.
4.
Auffällig ist, dass bei der zweifellos furchtbaren Brandkatastrophe offenbar noch kein Raum ist für neue, kreative Überlegungen:
Aber das Nachdenken könnte doch beginnen: Welche theologische Bedeutung hat die Tatsache, dass so plötzlich eine der berühmtesten Kathedralen in einer der „berühmtesten Metropolen“ Europas faktisch eine nicht benutzbare Ruine ist?
5.
Ist es übertrieben, wenn man dieses Ereignis auch ttheologisch deutet?. Ich meine, man sollte in diese Richtung denken: Mit dem Brand von Notre Dame de Paris ist sichtbar für alle die alte Kirchenwelt zusammengebrochen, die seit dem Mittelalter bestimmend war und noch ist: Bestimmend seit der strengen Dogmatik der Pariser Theologen, der gesalbten Könige, der Glaubenskämpfe, der absoluten Herrscher, der Staatsreligion mit ihren hoch dotierten Bischöfen, der neuen Religion eines Robespierre, der Kollaboration eines Marschall Pétain, dem Tag der libération mit General de Gaulle, der Gedenkfeiern für Staatspräsidenten (etwa Mitterrand), der flammend-polemischen Predigten eines Kardinal Lustiger – all das, diese ganze Kirchenwelt, gibt es an diesem Ort nicht mehr: Sie ist tot. Das große Symbol der mächtigen Kirche ist hier in Flammen aufgegangen. Das kann doch, das sollte doch etwas „Innerliches“, Spirituelles und Theologisches bedeuten? Oder?
Denn dieser verheerende Brand findet in einer Zeit statt, in der die katholische Kirche Frankreichs (und ganz Europas) in einer tiefen Krise steckt, in einer Glaubwürdigkeitskrise. Immer mehr Gläubige distanzieren sich von dieser Kirche, das wird hundertfach statistisch belegt; die Priester sterben aus, die wenigen jungen Pfarrer und Laientheologen nennen sich „ausgebrannt“, was für ein Wort jetzt.
Ist es gewagt zu behaupten: Mit dem verheerenden Brand von Notre Dame de Paris ist auch die alte, immer noch bestimmende mittelalterliche Kirchenwelt in Flammen aufgegangen? Und welchen Sinn macht es, dieses Symbol der mittelalterlichen Kirchenwelt so ohne weiteres wieder aufzubauen? Restauration nennt man diesen Vorgang.
6.
Könnte nicht eine neue Zeit beginnen? Man könnte doch die Fassade als Ausdruck gotischer Bauweise beibehalten; innen aber ganz Neues wagen: Die geretteten Objekte von einst sind in einem Museum separat aufgehoben: Könnte nicht im Innern ein neuer vielgestaltiger Raum entstehen, als ökumenischer Tempel der Menschheit und der Menschenrechte? Respektvoll offen für alle, Christen, Muslime und Juden und Buddhisten und Atheisten? Natürlich, viele Menschen bezeugen jetzt ihre, auch nostalgische „Liebe“ zur Kathedrale Notre Dame. Sie sind zwar meistens nicht katholisch-gebunden, lieben aber alte Gemäuer! Aber würde die Begeisterung für dieses alte Gebäude nicht noch größer werden, wenn dann ganz Neues in Notre Dame passiert? Will man sich wirklich den Vorwurf der bloßen Restauration gefallen lassen, so wie man alte verfallene Schlösser wieder in den alten Zustand „authentisch“ wieder zurück-baut? Werden nicht die Traditionalisten als restaurative Katholiken (also die Leute in der Nachfolge von Erzbischof Marcel Lefèbvre) genauso denken? Will man sich in dieser Gemeinschaft mit den Traditionalisten wohl fühlen? Die notwendige Erinnerungskultur wird bereits an vielen anderen Orten gepflegt, sie muss sich nicht an einem Ort, in Notre Dame, „bündeln“.
7.
Die Umgestaltung von Notre Dame zu einem „Tempel der Menschheit“ ist ein Vorschlag, eine Forderung, die dem Niveau heutiger Theologie entspricht. Sie wird die Herren der Planung, also der Restauration, vielleicht nur ein Schmunzeln wert sein. Vielleicht aber haben sie dann doch an einer bloßen Restauration des Gewesenen kein Interesse mehr? Werden sich die eher konservativ gesinnten Millionen-Spender für den Wiederaufbauch auch noch gegen „all zu viel Neues“ wehren? Freilich: Mut zum radikalen Neubeginn, genannt Reformation, war zwar noch nie Sache der katholischen Kirche. Sonst könnte sie ja, für die Inneneinrichtung der Kathedrale per Gesetz zuständig, sagen: Wir wollen jetzt über unseren eigenen dogmatischen Schatten springen und einen Tempel der Menschheit und der Menschenrechte errichten. Wir wollen als Katholiken die Überwindung der konfessionellen Absonderungen sichtbar an vornehmer Stelle jetzt mitten in Paris ausdrücken. Denn schon oft wurde die Kathedrale Notre Dame für interreligiöse Feiern benutzt, etwa, als man am 3.6.2009 in Zusammenarbeit mit AIR FRANCE (!) der 228 Opfer des Flugzeugabsturzes über dem Atlantik gedachte. Oder als 1996 die viel beachtete Trauerfeier für den gar nicht so konfessionell-katholisch gebundenen Staatspräsidenten Francois Mitterrand stattfand. Die Ansätze zur interreligösen Öffnung sind bereits da! Die katholische Wochenzeitung „La Vie“ (Paris) nennt jetzt bereits Notre Dame eine „église nationale“, eine Art „nationale Kirche: Auch dies ist ein Ansatz, der ins Weite des Interrreligiösen Tempels weist.
8.
Mit einer Neuorientierung der Kathedrale könnte eine Erfolgsgeschichte eingeleitet werden, die dem vielfachen Zuspruch des benachbarten Centre Pompidou ähnlich wäre. Ein interreligiöses Tempel mit vielen entsprechenden Räumen und Angeboten. Das würde die Menschen neugierig machen und begeistern und zum Nachahmen inspirieren… Nebenbei: Explizit katholische Kirchen in der unmittelbaren Nachbarschaft von Notre Dame gibt es ja in ausreichender Zahl: St. Severin, St. Merri, St. Gervais, St. Paul, St. Eustache. St. Germain de l Auxerrois und so weiter und so weiter. Unter Kardinal Lustiger gab es vor kurzem noch in Paris eine wahren Exzess, neue Kirchengebäude zu errichten.
9.
Es gibt genug konfessionelle Orte, konfessionell geprägte Kirchengebäude. Die Zukunft gehört der großen Ökumene der Menschheit. Sie kann eher den Frieden voranbringen als die konfessionelle Vereinzelung. Vielleicht werden die Herren der Kirche und der Politik diese Sätze erst in 50 Jahren verstehen, wenn die exklusiv konfessionellen Kirchen, Gebäude, längst leer stehen, verkauft wurden, abgerissen wurden. Dieser Prozess ist in ganz Europa bereits im Gange. Aber niemand denkt dabei an die weite Ökumene der Menschheit und der Menschenrechte und gestaltet entsprechend die leer stehenden Gebäude um. So wenig Phantasie und theologische Kreativität war selten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon