Eine mächtige und korrupte katholische Sekte in Peru kämpft gegen die Freiheit der Presse

Ein Hinweis zur Organisation „Sodalicio“
Von Christian Modehn

Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist immer auch Religionskritik. Maßstab ist die selbstkritische allgemeine Vernunft, die bekanntlich auch für Religionen und Kirchen gilt. Ausgangspunkt dieser Religionskritik ist die Freilegung von Fakten! Und die Verteidigung der Menschenrechte, die selbstverständlich auch in der römischen Kirche höher stehen sollten und wichtiger sein sollten als Kirchengebote.

Glauben Sie ja nicht, einzig das Opus Dei, die Neokatechumenalen, bestimmte Charismatiker, „Das Werk“ oder die Legionäre Christi seien fundamentalistisch denkende und oft nach „Sektenmanier“ handelnde, aber machtvolle (auch ökonomisch !) Organisationen innerhalb der römisch katholischen Kirche!
Die Liste entsprechender Organisationen, oft sehr gut angesehen im oberen Klerus, ist lang. Denn diese Kreise stellen immerhin noch junge zölibatär leben wollende Priester der Kirche zu Verfügung. Nichts ist für Papst und Bischöfe wichtiger als das Bewahren der Kirche als Klerus-gesteuerte Organisation!
Jetzt also geht es hier um eine internationale Bewegung, sie ist in Deutschland bislang eher unbekannt, jedoch vor allem in Lateinamerika, besonders in Peru, sehr einflussreich: Die theologisch äußerst sehr konservative Gemeinschaft für Priester und Laien mit dem lateinischen Titel „Sodalitium Christianae Vitae“ (SCV), „Gruppe christlichen Lebens“. Etliche Mitglieder des SCV sind wegen sexuellen Missbrauchs angeklagt worden. Und nur auf diesen Aspekt will ich hinweisen.

Die bewährte und gründliche Informationsstelle PERU in Freiburg im Breisgau hat jetzt einen kritischen Beitrag über die Formen des Umgangs dieses Clubs, besonders des Bischofs von Piura, Peru, veröffentlicht. (http://www.infostelle-peru.de/web/missbrauchs-aufklaerer-wegen-verleumdung-verurteilt/)

Dieser wichtige Beitrag von Hildegard Willer von der Informationsstelle PERU in Freiburg i.Br. verdient viel Aufmerksamkeit, geht es darum wahrzunehmen, wie allmächtig sich einzelne Bischöfe immer noch fühlen. Das Reden von Brüderlichkeit oder Gleichheit im „Volk Gottes“ ist dann eher ein Witz.

Missbrauchs-Aufklärer wegen Verleumdung verurteilt. Von Hilegard Willer am 16/04/2019
Die Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz hatten die Machenschaften der rechtskatholischen Gruppierung „Sodalitium“ (span. Sodalicio) aufgedeckt. Der Erzbischof von Piura hat sie deswegen auf Verleumdung verklagt. Die peruanische Bischofskonferenz distanziert sich vom Urteil.
Als Papst Franziskus im Januar letzten Jahres die peruanische Stadt Trujillo besuchte, wurde er vom Erzbischof von Piura und Tumbes, José Antonio Eguren, offiziell begrüßt. Bischof Eguren ist ein Gründungsmitglied der katholischen Bewegung „Sodalitium Vitae Cristianae“. Spätestens seit 2015 wusste jeder in Peru, was hinter der Fassade der einflussreichen katholischen Gruppierung vor sich ging: Gehirnwäsche, psychologische und physische Gewalt, sexuelle Übergriffe bis zu Vergewaltigungen.
Die Journalisten Pedro Salinas und Paola Ugaz hatten in jahrelangen Recherchen Zeugenaussagen ehemaliger Sodalicio-Mitglieder zusammengetragen und veröffentlicht.
Als die beiden Journalisten deshalb vor einem Jahr im Fernsehen sahen, wie der Erzbischof von Piura, Mitglied des Sodalicio der ersten Stunde, neben einem lächelnden Papst Franziskus posierte, als ob nichts geschehen sei, griffen sie zu ihren „Waffen“: Paola Ugaz zur Kurznachricht Twitter und Pedro Salinas zum Meinungsartikel. Dort verglich Salinas Bischof Eguren mit dem wegen seiner Nähe zum Kinderschänder Pater Karadima umstrittenen chilenischen Bischof Juan Barros, der im Juni 2018 schließlich zurücktrat.
Neben der Vertuschung der Straftaten des Sodalicio steht Eguren auch im Verdacht, am Handel mit Ländereien in Piura beteiligt zu sein. Dementsprechende Anschuldigungen waren in zwei voneinander unabhängigen Publikationen gemacht worden.
José Antonio Eguren reichte daraufhin eine Verleumdungsklage gegen die beiden Journalisten ein. Diese erhielten weitreichende Solidaritätsbekundungen. Amnesty International warnte davor, dass das Strafrecht dazu verwendet werde, die Pressefreiheit auszuhebeln. Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens – und dazu gehörten auch Kirchenführer – müssten akzeptieren, dass über sie recherchiert und berichtet werde.
Doch die internationale Solidarität half – vorerst – wenig:
Am 8. April 2019 verkündete Richterin Judith Calle im nordperuanischen Piura das Urteil: der Journalist Pedro Salinas wurde zu einer einjährigen Bewährungsstrafe und einer Entschädigungszahlung von umgerechnet 21 500 Euro verurteilt. Die Richterin gab damit dem Kläger José Antonio Eguren, dem Erzbischof von Piura und Tumbes, statt.
„Damit will sich Sodalicio an uns rächen“, erklärt Pedro Salinas vier Tage später vor der Presse in der Hauptstadt Lima.
Schützenhilfe bekamen Pedro Salinas und Paola Ugaz dagegen von unerwarteter Seite. Der Vorstand der peruanischen Bischofskonferenz und der neue Erzbischof von Lima gaben in einem Kommuniqué bekannt, dass die Sorge um die Opfer des Missbrauchs an erster Stelle stehen müsse, und dass gerade Papst Franziskus immer wieder die positive Rolle des Journalismus bei der Aufdeckung der Missbrauchsfälle innerhalb der katholischen Kirche betont habe.
„Das erste Mal, dass der Korpsgeist innerhalb der katholischen Kirche nicht funktioniert“, kommentierte, noch überrascht, Pedro Salinas.
Die Reaktion des Erzbischofs von Piura ließ nicht auf sich warten: die Kollegen in der Bischofskonferenz sollten doch die genaue Urteilsbegründung abwarten. Diese wird erst am 22. April verlesen. Auch stünden nicht alle Bischöfe hinter dem Kommuniqué, das nur der Vorstand und der Erzbischof von Lima unterschrieben hatten.
Der deutschstämmige Bischof von Caraveli, Reinaldo Nann, machte sich daraufhin auf Facebook seiner Empörung Luft: „ Ich war sehr froh über dieses Kommuniqué“, schreibt Nann. „Denn es sind nicht nur zwei Bischöfe, die nicht mit Erzbischof Eguren einverstanden sind, wir sind viele. Ich will nicht, dass ich in der Öffentlichkeit mit einer Kirche identifiziert werde, die einen umstrittenen Bischof des Sodalicio unterstützt. Persönlich würde ich Erzbischof Eguren raten, dass er sich vom Sodalicio distanziert oder zurücktritt, bevor ihn Papst Franziskus zum Rücktritt auffordert“.

Reinhold Nann geht noch weiter: „Ich weiß nicht, warum der Vatikan so lange braucht, um das Sodalicio aufzulösen“. Bisher läuft ein parlamentarisches Untersuchungsverfahren, sowie ein Strafverfahren gegen das Sodalicio in Peru. Der Vatikan selbst hat – im Zusammenhang mit Mißbrauchsvorwürfen gegen den Sodalitium-Gründer Figari – Sodalicio unter kommissarische Leitung gestellt, seine Existenz selber aber nicht angetastet.
Paola Ugaz erwartet das Urteil ihrer Verleumdungsklage für die nächsten Tage. Pedro Salinas wird in Berufung gehen gegen das Urteil aus Piura. Seine Aussagen zurückziehen will er auf keinen Fall: „Eher zahle ich Bischof Eguren die 21 000 Euro und recherchiere und schreibe weiterhin, was ich für richtig halte“
Hildegard Willer, Informationsstelle PERU, Freiburg i.Br.

Copyright für meinen einleitenden Text: Christian Modehn

Notre Dame de Paris: Fast eine Ruine. Für Steine viele Millionen Euro zu spenden ist jetzt attraktiv und lukrativ!

Fragen und Vorschläge nach der Brand-Katastrophe
Von Christian Modehn

Die Kathedrale Notre Dame de Paris gibt es nicht mehr, denn vor allem die innere Gestalt der Kirche ist weithin eine Ruine. Einige besonders wertvolle „Schätze“ und Reliquien konnten gerettet werden, wohl auch die Orgel. Geblieben ist die äußere Hülle, die Fassade, wenn man so will, die beiden großen Türme und die Mauern stehen da ohne Glanz, des Nachts wie eine dunkle Bedrohung.
Natürlich ist es sinnvoll, über einen Wiederaufbau der Kathedrale nachzudenken. Dafür ist die Kathedrale von höchster kultureller Bedeutung, förmlich als Symbol des „nationalen Bewusstseins“.
Auffällig ist jedoch, mit welchem Eifer sich der Staat und der Staatspräsident für den sehr eiligen Wiederaufbau aussprechen. Natürlich, aufgrund der Kirche-Staat-Gesetze ist Notre Dame de Paris Staatseigentum. Der Staat wird bei diesem exkluxiven Bauwerk dafür sorgen, dass diese Kirche in neuem Glanz ersteht, eine Kirche, die immer auch als nationaler „Tempel“ angesehen wird; selbst von vielen kirchlich „Nicht-Gebundenen“; auch die Touristen durchschrittten das Bauwerk in zügigem Tempo, 30.000 Besucher waren es 2018 pro Tag! Auffällig also ist, dass Präsident Macron offenbar allen Ernstes behauptet, Notre Dame nach 5 Jahren wieder zu eröffnen. Das ist mehr ein frommer Wunsch und ein Ausdruck, politisch stark zu erscheinen. Ein Stück Propaganda vielleicht.
Auffällig ist vor allem, wie die „Magnaten“, die Millionäre und Milliardäre, wie „Libération“ schreibt, für den Wiederaufbau spenden und spenden wollen: Kaum ist das Feuer erloschen, fließen schon die vielen Millionen für die Herstellung eines nationalen Tempels bzw. einer Kirche. Warum? Vielleicht aus „nationalem Bewusstsein“ der großen Firmenchefs; vor allem auch, weil die Steuervergünstigungen in dem Fall enorm sind. Bald wird wohl die Kathedrale den Titel „Trésor national“ erhalten und dann können 90 % der Spenden von der Steuer abgezogen werden. Damit werden dem Staat viele Millionen Steuern entgehen, die er etwa für seine Sozialpolitik gut gebrauchen könnte.
Auffällig ist diese enorme Spendebereitschaft der Magnaten bzw. der Großkapitalisten, wie die Tageszeitung Libération treffend schreibt, also nicht. Man kann sich also durch eine „nationale Katastrophe“ (Brand in Notre Dame) noch zum großen Steuer-Sparer entwickeln und durch diese private Steuerersparnis dem Staat letztlich dringend benötigte Steuern entziehen. Die „Pinault“, Eigentümer der Luxus-Gütergruppe Kering (Gucci et.c) spenden 100 Millionen; Der reichste Mann Frankreichs, Bernard Arnault, Chef von LVMH (Luxusprodukte wie Hennessy und 70 weitere Luxusprodukte) hat schon 200 Millionen Euro zugesagt, TOTAL will 100 Millionen spenden, sogar Apple wird unter den Spendern sein. „In kürzester Zeit, innerhalb weniger Stunden, wurden 700 Millionen Euro für den Wiederaufbau des Kulturtempels bzw. der Kathedrale Notre Dame de Paris gespendet. Wenn das so weitergeht, braucht der eigentlich verantwortliche Staat nichts mehr zu zahlen…
Auffällig ist, dass diese Magnaten eher sehr selten (mit so großen Summen)für Menschen in Not spenden, etwa für die Obdachlosen in Paris. Tatsache ist, dass die sozial engagierten Vereine (Associations) im letzten Jahr weniger Spenden einnehmen konntenn als sonst. Das Geld für Obdachlose, Flüchtlinge, Alleinerziehende etc. fehlt. Mindestens 150.000 Menschen haben keinen festen Wohnraum (sans domicile fixe, SDF). Das Sozialhilfswerk Emmaus hat die Anzahl der Menschen, die in Frankreich miserabel wohnen müssen, etwa zur Not untergekommen bei Freunden, in Abbruchhäusern wohnen etc. auf fast 4 Millionen Menschen berechnet (Personnes mal logées) Quelle: https://www.fondation-abbe-pierre.fr/documents/pdf/synthese_rapport_2018_les_chiffres_du_mal-logement.pdf
Auffällig also ist, dass die Millionäre und Magnaten lieber für Steine spenden als für lebendige Menschen. Sonst würde ja kein Obdachloser mehr auf der Straße leben, die 700 Millionen, die innerhalb weniger Stunden für die Kathedrale als Stein locker gespendet wurden, hätten für etliche würdige Unterkünfte der Ärmsten verwendet werden können. Warum spenden die Reichen nur so gern für tote Steine? Weil sie meinen, da auf ewig erinnert zu werden. Sie unterschätzen das Erinnerungsvermögen der Armen, die daran denken könnten: Diese Wohnung hat die Firma He. für uns gebaut.
Auffällig ist, dass bei der zweifellos furchtbaren Brandkatastrophe offenbar noch kein Raum ist für vorsichtige theologische Überlegungen:
Aber das Nachdenken könnte doch beginnen: Welche theologische Bedeutung hat die Tatsache, dass so plötzlich eine der berühmtesten Kathedralen in einer der „berühmtesten Metropolen“ Europas faktisch eine nicht benutzbare Ruine ist?
Ist es übertrieben, wenn man dieses Ereignis auch versucht, theologisch zu deuten. Ich meine, man sollte in diese Richtung denken: Mit dem Brand von Notre Dame de Paris ist sichtbar für alle die alte Kirchenwelt zusammengebrochen, die seit dem Mittelalter bestimmend war und noch ist: Bestimmend seit der strengen Dogmatik der Pariser Theologen, der gesalbten Könige, der Glaubenskämpfe, der absoluten Herrscher, der Staatsreligion mit ihren hoch dotierten Bischöfen, der neuen Religion eines Robespierre, der Kollaboration eines Marschall Pétain, dem Tag der libération mit General de Gaulle, der Gedenkfeiern für Staatspräsidenten (etwa Mitterrand), der flammend-polemischen Predigten eines Kardinal Lustiger – all das, diese ganze Kirchenwelt, gibt es an diesem Ort nicht mehr: Sie ist tot. Das große Symbol der mächtigen Kirche ist hier in Flammen aufgegangen. Das kann doch, das sollte doch etwas „Innerliches“, Spirituelles und Theologisches bedeuten? Oder?
Denn dieser verheerende Brand findet in einer Zeit statt, in der die katholische Kirche Frankreichs (und ganz Europas) in einer tiefen Krise steckt, in einer Glaubwürdigkeitskrise. Immer mehr Gläubige distanzieren sich von dieser Kirche, das wird hundertfach statistisch belegt; die Priester sterben aus, die wenigen jungen Pfarrer und Laientheologen nennen sich „ausgebrannt“, was für ein Wort jetzt.
Ist es gewagt zu behaupten: Mit dem verheerenden Brand von Notre Dame de Paris ist auch die alte, immer noch bestimmende mittelalterliche Kirchenwelt in Flammen aufgegangen? Und welchen Sinn macht es, dieses Symbol der mittelalterlichen Kirchenwelt so ohne weiteres wieder aufzubauen? Restauration nennt man diesen Vorgang.

Könnte nicht eine neue Zeit beginnen? Man könnte doch die Fassade als Ausdruck gotischer Bauweise beibehalten; innen aber ganz Neues wagen: Die geretteten Objekte von einst sind in einem Museum separat aufgehoben: Könnte nicht im Innern ein neuer vielgestaltiger Raum entstehen, als ökumenischer Tempel der Menschheit und der Menschenrechte? Respektvoll offen für alle Christen, für Muslime und Juden und Buddhisten und Atheisten? Natürlich, viele Menschen bezeugen jetzt ihre, auch nostalgische „Liebe“ zur Kathedrale Notre Dame. Sie sind zwar meistens nicht katholisch-gebunden, lieben aber alte Gemäuer! Aber würde die Begeisterung für dieses alte Gebäude nicht noch größer werden, wenn dann ganz Neues in Notre Dame passiert? Will man sich wirklich den Vorwurf der bloßen Restauration gefallen lassen, so wie man alte verfallene Schlösser wieder in den alten Zustand „authentisch“ wieder zurück-baut? Werden nicht die Traditionalisten als restaurative Katholiken (also die Leute in der Nachfolge von Erzbischof Marcel Lefèbvre) genauso denken? Will man sich in dieser Gemeinschaft mit den Traditionalisten wohl fühlen?
Die Umgestaltung von Notre Dame ist ein Vorschlag, vielleicht nur ein Traum. Aber eine Forderung, die dem Niveau heutiger Theologie entspricht. Sie wird die Herren der Planung, also der Restauration, vielleicht nur ein Schmunzeln wert sein. Vielleicht aber haben sie dann doch an einer bloßen Restauration des Gewesenen kein Interesse mehr? Werden sich die eher konservativ gesinnten Millionen-Spender für den Wiederaufbauch auch noch gegen „all zu viel Neues“ wehren? Freilich: Mut zum radikalen Neubeginn, genannt Reformation, war zwar noch nie Sache der katholischen Kirche. Sonst könnte sie ja, für die Inneneinrichtung der Kathedrale per Gesetz zuständig, sagen: Wir wollen jetzt über unseren eigenen dogmatischen Schatten springen und einen Tempel der Menschheit und der Menschenrechte errichten. Wir wollen als Katholiken die Überwindung der konfessionellen Absonderungen sichtbar an vornehmer Stelle jetzt mitten in Paris ausdrücken. Denn schon oft wurde die Kathedrale Notre Dame für interreligiöse Feiern benutzt, etwa, als man am 3.6.2009 in Zusammenarbeit mit AIR FRANCE (!) der 228 Opfer des Flugzeugabsturzes über dem Atlantik gedachte. Oder als 1996 die viel beachtete Trauerfeier für den gar nicht so konfessionell-katholisch gebundenen Staatspräsidenten Francois Mitterrand stattfand. Die Ansätze zur interreligösen Öffnung sind bereits da! Die katholische Wochenzeitung „La Vie“ (Paris) nennt jetzt bereits Notre Dame eine „église nationale“, eine Art „nationale Kirche: Auch dies ist ein Ansatz, der ins Weite des Interrreligiösen Tempels weist.
Mit einer Neuorientierung der Kathedrale könnte eine Erfolgsgeschichte eingeleitet werden, die dem vielfachen Zuspruch des benachbarten Centre Pompidou ähnlich wäre. Ein interreligiöses Tempel mit vielen entsprechenden Räumen und Angeboten. Das würde die Menschen neugierig machen und begeistern und zum Nachahmen inspirieren… Nebenbei: Explizit katholische Kirchen in der unmittelbaren Nachbarschaft von Notre Dame gibt es ja in ausreichender Zahl: St. Severin, St. Merri, St. Gervais, St. Paul, St. Eustache. St. Germain de l Auxerrois etc…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon

Katholische Theologie an der Humboldt Universität Berlin: Ist katholische Theologie bei der Abhängigkeit vom Vatikan überhaupt eine freie Wissenschaft?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.3. 2019

1.
Nun haben sich also Staat und Kirche in Berlin in treuer Verbundenheit festgelegt: Ab Wintersemester 2019 wird es ein „Institut für katholische Theologie“ an der Humboldt Universität geben.
2.
In der am 29.3. 2019 verbreiteten Presse-Erklärung heißt es: „Das Studium soll für Tätigkeiten im Schuldienst, in der außerschulischen Bildungsarbeit in religiösen Organisationen, Verbänden, Medien und in der Wissenschaft qualifizieren und beruht auf einem modernen Konzept, das auch die pluralistische und säkulare Situation in Berlin einbezieht. Es verfolgt zudem eine globalgeschichtliche Perspektive, die es ermöglicht, den Blick über Europa und die westliche Welt hinaus auszuweiten“.
3.
Klingt verheißungsvoll, so etwa, könnte man denken, dass nun die Ursachen der so genannten „Säkularisierung“ (nicht nur in Berlin) und damit die Mitverantwortung der Kirche an diesem Säkularisierungs-Prozess vorbehaltlos untersucht werden. Oder es klingt verheißungsvoll, dass im „Blick über Europa hinaus“ auch die Theologie der Befreiung in Lateinamerika objektiv dargestellt wird, mit all den wohlwollenden Bindungen, die einst der Vatikan mit Präsident Reagan und mit den lateinamerikanischen Militärregimen pflegte, um Befreiungstheologen auszugrenzen, kaputt zu machen und selbständige Basisgemeinden zu zerschlagen. All das sind Fakten, tausendfach belegt, man muss nur die objektiven Studien zu dem Thema heranziehen. Aber die Vergesslichkeit ist groß! Und gewollt!
4.
Damit sind wir beim Hauptproblem: Die katholische Theologie, so wie sie bis jetzt weltweit und auch in Deutschland (seit dem Konkordat 1933 mit Hitler-Deutschland bestens geregelt zugunsten der Kirchenführung) an den staatlichen Unis betrieben werden kann, ist keine freie und unabhängige Wissenschaft. Soweit bekannt, wurde in Berlin über diese Fragen jetzt nicht diskutiert, denn dann hätte der Senat oder die Universitätsleitung ein katholisch-theologisches Institut nicht zulassen können. Nicht ohne Schmunzeln liest man, dass ein paar Tage später, im April 2019, an der HU eine Tagung über „Freiheit der Wissenschaft“ stattfindet. Der Vatikan als „Hort der Freiheit der Wissenschaft“ wird nicht erwähnt, Feinde sind einzig wohl Diktaturen weltweit…
Diese Bindung einer frei forschenden Wissenschaft an die oberste Leitung einer Institution ist ein Skandal, wie im Fall der katholischen Theologie. Wie wäre es, wenn bestimmte Bauernverbände die Professoren für Landwirtschaft mitbestimmen dürfen, oder Theater-Direktoren mitbestimmen, wer Theaterwissenschaftler an einer Uni wird etc. ?
5.
Bis heute ist die Abhängigkeit der katholischen Theologie vom Vatikan, vom Papst und seinen Behörden sowie von den Bischöfen absolut Realität. Dort werden die Weisungen letztlich gegeben, was als wissenschaftliche Forschung gelten darf, dort wird bestimmt, wer als Professor an einer deutschen Universität lehren darf. Immer geht es um das berühmte „Nihil obstat“ aus päpstlichem Munde: „Nichts steht entgegen“ bei der Berufung eines Theologen an eine Universität. Aber wehe, dieser bewährt sich nicht so, wie es die geistlichen Führer wollen: Dann wird ihm das nihil obstat eben, wie im Absolutismus einst, meist ohne lange Begründung, entzogen. Man denke an den Fall des Jesuiten Prof. Wucherpfennig, der – kürzlich – als Bibelwissenschaftler nicht mehr Rektor der Hochschule St. Georgen sein durfte, weil er sich positiv über homosexuelles Leben und Lieben auch in der römischen Kirche geäußert hatte. Erst ein gewaltiger medialer Aufschrei von Professoren und einer breiten Öffentlichkeit bewegte die Herren in Rom dann doch, das nihil obstat dem Jesuitenpater wieder zu gewähren. Es lag sicher auch an dem Thema, der Homosexualität, dass einfach vernünftige Menschen und vernünftige Theologen jegliche Degradierung homosexueller Menschen nicht mehr hinnehmen wollen. Zumal, wie jetzt soziologische Untersuchungen zeigen, es in den vatikanischen Behörden von Homosexuellen nur so wimmelt… Diese Herren können doch gegenüber Menschen ihrer eigenen „Präferenz“ nicht so böse werden, oder? Gerade sie sind aber nach außen hin die schlimmsten „Homohasser“, hat Martel erkundet! Siehe dazu das großartige Buch des Soziologen Fréderic Martel, Paris, mit dem Titel „Sodoma“. Das Buch, Ergebnis vier Jahre dauernder Forschung, wurde in mehrere Sprachen übersetzt. Leider noch nicht ins Deutsche. https://www.rtl.fr/actu/debats-societe/sodoma-livre-enquete-frederic-martel-homosexualite-vatican-7796955681
6.
Die Liste ist lang, die all die Namen umfasst, die in den letzten Jahrzehnten aus dem Kreis der päpstlich genehmen katholischen Theologen rausgeschmissen worden. Prominente Beispiele sind Hans Küng, Leonardo Boff oder in Berlin Michael Bongardt. Dieser hatte als Theologieprofessor an der FU die „Unverschämtheit“ begangen zu heiraten: Darauf durfte Bongardt durch bischöfliche Verfügung (Sterzinsky) nicht mehr katholische Theologie an der FU lehren. Der Staat musste dann dafür sorgen, dass ihm – wie schon im Falle von Küng – ein von den Kirchen unabhängiger eigener Lehrstuhl eingerichtet wurde. Es sind die Steuerzahler, die alle Launen der Kirchenleitung bezahlen müssen, wenn mal ein Theologe „unangenehm“ wird. Und der Staat muss das alles mitmachen in der treuen herzlichen Verbindung mit der Kirche.
7.
Man könnte denken, dass sich unter dem angeblich so progressiven Papst Franziskus alles zum Guten, also zum Offenem, zum Ja zu einer freien Forschung geändert hätte. Aber Irrtum! Einige einleitende Sätze des Lehrschreibens „Veritatis gaudium“ (2017) sprechen die Sprache der Offenheit. Aber die uralte Gesinnung schlägt dann schließlich doch durch, schreibt der an der Universität Erfurt lehrende katholische Theologe
Prof. Benedikt Kraneman:
Quelle: https://www.katholisch.de/aktuelles/aktuelle-artikel/veritatis-gaudium-professor-fordert-anlaufstelle-fur-theologen)
„Der zweite Teil (des päpstlichen Textes), die Normen, hingegen sind von anderem Kaliber. Sie sprechen von Abhängigkeit wissenschaftlich-theologischer Einrichtungen von der Kirche. Ein Nihil obstat Dekane wird eingeführt (Art. 18), was nichts anderes bedeuten würde, als dass eine neu gewählte Leitung einer Fakultät durch Rom bestätigt werden müsste. Die römische Bildungskongregation ist offensichtlich für alle Änderungen von Statuten und Studienordnungen der Fakultäten einzubeziehen. Die Liste von Vorschriften ist lang, bei denen die Kontrolle der Theologie im Vordergrund steht. Es wird sogar ein Zeugnis über die „sittliche Lebensführung“ der Studenten verlangt (Art. 31). Man fragt sich als kritischer Leser, wie frei die Theologie wirklich ist, wenn sie dieser Konstitution unterworfen wird. Der katholisch-theologische Fakultätentag hat zurecht eine ‚Kultur des Gehorsams‘ beklagt, die hier eingefordert werde. So wird von der Theologie tatsächlich eine „Haltung der Ergebenheit gegenüber dem Lehramt der Kirche“ gefordert (Art. 38 §1. 2° b). Dass eine Wissenschaft sich durch „Ergebenheit“ gegenüber wem auch immer auszeichnet, ist schon eine merkwürdige Erwartung. Eine Theologie, die im Modus der Ergebenheit arbeitet, ist nach heutigem Wissenschaftsverständnis völlig unakzeptabel. Würde das wirklich umgesetzt, würde es die Theologie aus der Welt der Wissenschaft herauskatapultieren. Auch wenn mit Absprachen zu rechnen ist, die dieses Dokument für die deutschen Verhältnisse anpassen: Der Geist, der sich in diesem Normen äußert, ist das Problem, und daran wird sich nichts ändern lassen“.
Papst Franziskus spricht in seinen Predigten, etwa im Haus St. Martha, ständig von der Macht des Teufels, darin sehr treu, die uralten Begiffen der Bibel heute ohne weiteres zu übernehmen. Über dieses problematische theologische Niveau des Jesuiten Papst Franziskus schreibt sein Mitbruder, der Jesuit Klaus Mertes, sehr treffend:“Lass das Reden vom Teufel. Sowie du es tust, verbindest du einige Dinge falsch, wie deine Vorgänger auch schon. Der Effekt ist verwirrend. Du lenkst ab…“ Schon bemerkenswert, dass ein Jesuit einen anderen, ziemlich prominenten Jesuiten, den Papst, so öffentlich kritisiert! Pater Mertes zeigt nur das de facto gelebte theologische Niveau des Papstes,dieses kann verschieden sein von offiziellen Statements etc. (Zit. in „Die Zeit“, 14.3.2019, S. 52)
8.
Es gibt in Deutschland 11 katholisch-theologische Fakultäten und ca. 30 weitere katholisch-theologische Institute. Wie groß ist der Beitrag dieser wissenschaftlichen Einrichtungen zum Verständnis der Gegenwart, der großen Probleme der Menschheit? Ist die Zahl der StudenTinnen so gewaltig groß, dass nun auch in Berlin ein katholisch-theologisches Institut eingerichtet werden muss, also wieder ein übliches Institut, wie man es seit 1948 allüberall kennt. Ist das nur der Prestige-Ehrgeiz der katholischen Kirchenführung, eben ein bisschen auch hauptstädtisch wissenschaftlich mitzureden? Der etwa 60 Millionen teure und von vielen als sinnlos bezeichnete Umbau der St. Hedwigs-Kathedrale jetzt reicht nicht als Prestige-Projekt, das übrigens treu vom Staat mit finanziert wird..
9.
Warum aber wagt man nicht etwas Neues, ein großes freies religionswissenschaftliches Forschungs – Institut, auch unter anderen mit der religionswissenschaftlichen Erforschung der katholischen Religion? Warum kein Mut, warum immer dieselbe Leier? So langweilig alles. Will man wirklich die 1000. Dissertation über den Heiligen Augustinus hier produzieren oder die 500. Promotion über den Begriff der Seele beim späten Ignatius? All das und Ähnliches, Relevantes, wird doch tausendfach durchgekaut an den katholisch-theologischen Fakultäten, vor allem in Rom. Man schaue sich nur um, was die Themen der Doktorarbeiten sind! Sind denn die theologischen Forschungen an den religionswissenschaftlich orientierten Fakultäten etwa in Nijmegen (Holland) oder in den USA so furchtbar unergiebig? Für Rom vielleicht ja, nicht aber für die Entwicklung der Religionswissenschaften.
Wie Priester predigen und wie sie Gottesdienste, Messen, Maiandachten etc. würdevoll und im römischen Sinne korrekt (!) halten, muss man ja nicht an einer staatlichen Universität lernen…
10.
Nun gibt es seit vielen Jahren in Berlin-Biesdorf ein speziell nur (!) für Priesterkandidaten einer bestimmten katholischen Gemeinschaft reserviertes Priesterseminar: Es heißt „Redemptoris Mater“ und gehört der sehr konservativen Bewegung „Neokatechumenat“, ihr Motto: „Der Katechismus ist unsere Theologie“. Dies gefällt den Herren in Rom natürlich sehr! Die Dozenten für Biesdorf werden z.T. aus Rom eingeflogen. Diese dort in „abgeschottetem Raum“ ausgebildeten Priester werden dann zur „Freude“ der Katholiken in die Gemeinden entsandt. Viele dieser neokatechumenalen Priester verlassen nach Protest der Gemeinden schnell wieder die Gemeinden… Es ist nicht bekannt, ob diese jungen Neokatechumenalen auch der HU ausgebildet werden. Zu wünschen wäre es fast, weil sie dann wenigstens noch etwas modernen Lebensstil und modernes Leben an einer Universität mitbekämen…
11.
Man lese zur Vertiefung die ausgezeichnete Studie des katholischen Bibelwissenschaftlers Theologen Georg Schelbert SMB, so der Titel, über „Diffamierung der historisch-kritischen Methode in der Bibelwissenschaft“ in der katholischen Kirche. Er zeigt mutig: Grauenhaft, wie unter Kardinal Ratzinger als Chef der römischen Glaubensbehörde noch die historisch-kritische Methode verteufelt wurde, dies zeigt Schelbert. Auf die Lehre von den Dogmen, etwa zur Erbsünden-Ideologie, wird die historisch – kritische Methode gar nicht erst angewendet. Da gilt: Was die Kirchenführung einmal, und sei es im Jahre 430 beschlossen hat, gilt für immer und ewig… Der Beitrag von Georg Schelbert wurde in dem Piper-Buch „Katholische Kirche wohin?“ 1986 veröffentlicht, s 141 ff. Man lese ihn!
12.
Die Idee, eine spezielle Hochschule der Orden in Berlin zu errichten, ist dann wohl erst mal „gestorben“. Über diese Ordenshochschule in Berlin wurde ja von den Dominikanern P. Thomas Eggensper und Pater Ulrich Engel mehrfach berichtet, etwa in der Zeitschrift „Kontakt“ 2017, S. 44 ff. Auch die Kapuziner in Münster hatten sich dafür ausgesprochen, die sehr wenigen noch verbliebenen jungen Ordensleute verschiedener Orden an der Hochschule in Berlin auszubilden. Aber für die wenigen wird wohl eine eigene Hochschule nicht mehr not- wendig sein.
13.
In jedem Fall hat sich Frau Annette Schavan(CDU) und bisherige Botschafterin beim Heiligen Stul dann doch (etwas) durchgesetzt: Sie hatte sogar acht „gut ausgestattete Professuren“ gefordert, schon im Frühling 2017! Sie hat sich auch durchgesetzt in der Abwehr des Neuen, etwa einer interrreligiösen Fakultät der Theologien“. Plural lieben ja Katholiken im Dogmatischen nicht, deswegen empfahl Frau Schavan, dieses kreative, neue Projekt erst mal zu verschieben. So wunschgemäss geschehen. Damit die alte altbekannte Leier weitergeht.
14.
Der Tagesspiegel berichtet heute, am 30.3. 2019, dass sich Erzbischof Koch an diesem neuen katholisch-theologischen Zentrum der HU als Student einschreiben will. Er möchte, so wörtlich, die Säkularisierung studieren…Die Feinheiten religionssoziologischer Säkularisierungsforschung sind tatsächlich ergiebig. Sie zeigen u.a., dass Menschen, die etwa aus der katholischen Kirche in Deutschland ausgetreten sind, sich keineswegs automatisch als Atheisten verstehen. Sie können nur vor ihrem Gewissen einfach keine längere Mitgliedschaft in der römischen Kirche rechtfertigen. Und haben dann ihre je eigene Spiritualität entwickelt, von der die offizielle Kirche so wenig weiss. Ein Freund schrieb mir in dem Zusammenhang sehr treffend: „Wenn Erzbischof Koch säkularisierte Menschen kennen lernen will, in Berlin sind das mindestens ca. 60 % der Bevölkerung: Dann muss er sich nur oft in Orte des säkularen, städtischen und nicht mehr nur „katholischen (Gemeinde-)Lebens“ begeben, also in die Cafés und Kneipen, in die verschiedenen „Bürgerintiativen“ und NGOs, in die Frauenhäuser und Kinderläden, in Schwulen Kneipen und in literarische Debatten oder in die zahlreichen Treffpunkte des humanistischen Verbandes HVD und so weiter: Da sind doch so viele Menschen anzutreffen, die sich säkular nennen. Da kann ein Bichof vieles lernen, an Lebenserfahrungen, an Ängsten, spirituellem Suchen, Kritik an der Kirche etc. Vorausgesetzt ist natürlich: Weniger Pontifikalämter mit Weihrauch und Te Deum feiern, dafür mehr menschlichen Dialog mit Säkularen“.
Pontifex heißt übrigens Brückenbauer.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Ein Philosoph als Staatspräsident

Ein Hinweis auf Tomas Garrigue Masaryk
Von Christian Modehn

1. Die Buchmesse in Leipzig (21. – 24. März 2019) stellt diesmal Tschechien als „Gastland“ in den Mittelpunkt.
Für philosophisch Interessierte kann dies auch eine Aufforderung sein, sich mit einem der wenigen „Philosophen als Staatspräsidenten“ zu befassen, mit Tomas Garrigue Masaryk. In seiner Heimat wird er oft durchaus anerkennend, wenn nicht liebevoll bloß „TGM“ genannt: Er war von 1918 bis 1935 Staatpräsident der 1. Tschechoslowakischen Republik. 1850 in Mähren geboren, ist er 1937 auf Schloss Lana bei Prag gestorben. Es gibt eine unüberschaubare Fülle von Masaryk-Studien in der Tschechischen Republik, einer breiteren Öffentlichkeit in Deutschland, so scheint es, ist er eher eine unbekannte Größe.
2. Zuerst studierte Tomas Masaryk Sprachen, dann wandte er sich ganz der Philosophie zu. 1876 wurde er zum Dr.phil. promoviert. Drei Jahre später habilitierte er sich an der Universität Wien für Philosophie. 1882 wurde er Professor für Philosophie und Soziologie an der neu gegründeten „Tschechischen Universität“ in Prag. Wichtig wurde, auch für seine religiöse Entwicklung, seine Begegnung mit dem Philosophen Franz Brentano in Wien: Brentano (1838-1917) suchte eine Verbindung von Psychologie und Philosophie, auch Sigmund Freud studierte bei ihm. 1881 legte Masaryk seine Studie „Der Selbstmord als sociale Massenerscheinung der modernen Civilisation“ vor, verfasst während seines Studienaufenthaltes in Leipzig.
Spätere Publikationen befassen sich u.a. mit der „Sozialfrage“, „der tschechischen Frage“, mit dem Marxismus; der Philosophie in Russland: Masaryk kritisiert die dortige Einheit von politischer und religiöser/kirchlicher Herrschaft, sie sei eine totalitäre Herrschaft! 1935 erscheint „Ideale der Humanität“…
Der in Wien lehrende Philosoph Franz Brentano hatte sein Priesteramt aufgegeben aus Protest gegen das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes. Er war 1879 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Masaryk tat 1880 das Gleiche und wandte sich der Reformierten Kirche zu: Die Reformation war für ihn ein grundlegender Umbruch im europäischen Denken: Ohne Reformation gibt es für Masaryk keine frei gestaltete Individualität. Im Katholizismus, so meint er, kann es keine Demokratie geben. Für Masaryk wird eine persönliche Form eines humanistischen Theismus entscheidend. Durch seine Frau, die US-Amerikanerin Charlotte Garrigue, lernte er auch die liberal-theologische Unitarische Kirche kennen.
3. Wesentlich sind für Masaryks persönliche Spiritualität auch als Politiker und Staatspräsident nicht die vielen kirchlichen Dogmen, sondern die Humanität, vor allem der Respekt der Gewissensentscheidungen der einzelnen Bürger. In dieser offenen religiös-philosophischen Haltung war Masaryk als Politiker und Staatspräsident tätig. Er wollte kraft seiner Autorität die Werte des Humanismus stärken. Eine bloß formal bestehende, nur äußerlich die Gesetze respektierende Demokratie galt für ihn nicht. Dass er dabei eine Verbindung von Hegel und Comte suchte, Pascal schätzte und Platon zeigt seinen Willen, aus verschiedenen philosophischen Quellen etwas „Eigenes“ für die tschechische Situation zu formulieren.
Darin zeigte sich seine lebenspraktische Orientierung als Philosoph, der zugleich Präsident ist. Als Staatspräsident beweist er, dass „Demokratie eine Lebensauffassung“ ist! Er wandte sich gegen den Nationalismus, den Klerikalismus, den Antisemitismus: Die Macht des Adels und Großgrundbesitz wurden stark einschränkt, seine Vorbilder waren Jan Hus und der Pädagoge Comenius. Masaryk war ein Intellektueller, eine intellektuelle Persönlichkeit, er wird noch heute sogar ein „idealer Politiker“ genannt, „den wir uns heute noch sehr wünschen“, heißt es in dem 2017 erschienen offiziellen „Reisefüher durch das tschechische Jahrhundert“ , herausgegeben von Czech Touurism, S. 73. Und Zwi Batscha, Professor für „Politische Theorie“ an der Universität Haifa, schreibt in seiner umfangreichen Studie über Thomas Masaryk mit dem Titel „Eine Philosophie der Demokratie“ (Suhrkamp,1994, S. 235): „ Durch den philosophisch-politischen Philosophiebegriff revolutionierte Masaryk das Bewusstsein seiner Landsleute und verhalf ihnen zu den ersten Schritten in Richtung auf eine Verwirklichung der Demokratie“. Und dies in einer Zeit, als –während seiner Regierung – die Tschechoslowakei tatsächlich eine Demokratie war, neigten in der europäischen Nachbarschaft etliche Staaten zu einem antidemokratischen Autoritarismus, wie Italien oder Österreich („klerikaler Austrofaschismus“) oder Spanien. Aber bald wurde die junge tschechoslowakische Demokratie zerstört, zuerst die Nazis, dann durch die Kommunisten. Die Wirkungen des Geistes der Aufklärung waren – wie so oft – begrenzt, in einer Gesellschaft, die erst 1918 ein paar Jahre der Demokratie erleben konnte und nach der „Samtenen Revolution“ 1989 viele demokratische Hoffnungen hatte. Sind diese noch heute lebendig und wirksam?
4. Unter kritischen marxistischen Philosophen und Literaten wurde Masaryk Mitte der sechziger Jahren öffentlich gewürdigt, etwa von dem Philosophen Karel Kosik und dem wichtigen, jetzt leider nicht mehr so bekannten Philosophen Milan Machovec: Er hat eine vielbeachtete Masaryk-Biographie verfasst.
5. Masaryk verhielt sich gegenüber dem damals zahlenmäßig starken tschechischen Katholizismus korrekt, auch wenn er aufgrund seiner persönlichen humanistisch-christlich-undogmatischen Überzeugung eher ein Gegner des Katholizismus und des mit ihm verbundenen Klerikalismus war. Mit der katholisch geprägten „Volkspartei“ musste man immer Koalitionen bilden! Auch die diplomatischen Beziehungen zum Papst wurden letztlich beibehalten, auch wenn aufseiten Masaryks dafür keine persönlichen Sympathien zu spüren waren. Die tiefe Distanz, eher noch die heftige Kritik, gegenüber dem (habsburgischen) Katholizismus saß in den intellektuellen Kreisen tief, zumal in der Bevölkerung Böhmens: Die Verehrung für den Reformator Jan Hus (von den Katholiken 1415 während des Konzils von Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannt) war prägend. Als am 6. Juli 1925, dem 510. Jahrestag der Verbrennung von Jan Hus, eine große staatliche Feier zu Ehren des großen Patrioten Jan Hus gestaltet wurde, fühlte sich der Vatikan beleidigt. Masaryk ließ aus tiefer Überzeugung sogar die schwarze hussitische Flagge mit dem roten Kelch auf der Prager Burg, seinem Regierunsgssitz, aufziehen. “Am folgenden Tag reiste der päpstliche Nuntius Francesco Maramaggi unter Protest aus Prag ab“ (so im „Handbuch der Religions-und Kirchengeschichte der böhmischen Länder und Tschechiens im 20. Jahrhundert“, Oldenbourg Verlag, München, 2009, s. 283, ein Beitrag von Frantisek X. Halas). Der Hus-Gedenktag, der 6. Juli, ist auch heute gesetzlicher Feiertag!
6. Masaryk war Staatspräsident in einem wichtigen historischen Moment, als sich die Tschechen (und die Slowaken) von der Herrschaft Österreichs befreit sahen. Diese neue Freiheit spielte auch in der kirchlichen Szene vor allem Böhmens eine wichtige Rolle. Denn zum ersten Mal im 20. Jahrhundert sagten sich sehr zahlreiche römisch-katholische Katholiken von Rom los, der Befreiung von Wien sollte eine Befreiung von Rom entsprechen, wobei der tschechische Katholizismus in seinen führenden Vertretern, den Bischöfen, immer eng mit dem sehr katholischen Habsburger System verbunden war. 1920 kam es also zur großen Abspaltung von der römisch-katholischen Kirche: 140 katholische Priester votierten am 8. 1. 1920 für die Trennung: Sie gründeten die „Tschechoslowakische Kirche“ (die sich später „Tschechoslowakisch Hussitische Kirche“ nannte). Diese Kirche entsprach durchaus der Sehnsucht nach einer „anderen“, demokratisch geformten Kirche: Sie hatte schon 1921 525.333 Mitglieder, 1939 waren es 793 385 (Handbuch…S. 135, Beitrag von Martin Schulze-Wessel). Die Gründe der Konversionen waren vielfältig: Etwa die Kritik am der Bindung römisch-katholischer Bischöfe an die Habsburger. „Andere Gründe bezogen sich auf die Standesmoral des katholischen Klerus“ (Handbuch… S. 138). Die „Tschechoslowakische Kirche“ schaffte den Zölibat ab, die Priester feierten die Gottesdienste in tschechischer Sprache, Laien gestalteten kirchliches Leben entscheidend mit: Zum „leitenden Ausschuss“ gehörten neben 6 Geistlichen, darunter der führende Theologe Karel Farsky, auch 6 Laien… dies sind unvorstellbare Leitungs-Strukturen für die römische Kirche bis heute. „Diese Kirche konnte sich sehr plausibel als die Kirche der neuen Zeit darstellen“ (Handbuch S. 139,). Es gab immer wieder Konflikte, wenn diese Kirche eigene Gebäude und Räumlichkeiten, also auch Kirchengebäude von der römischen Kirche beanspruchte. Nach der atheistischen Propaganda des Kommunismus und der heutigen „Säkularisierung“ zählte die „Tschechoslowakische Hussitisch Kirche“ , die protestantischen Traditionen nahe steht, im Jahr 2001 99.103 Mitglieder. Im Jahr 2011 waren es nur ca. 39.000 Mitglieder in Tschechien. (Zum Vergleich auch der Niedergang der die Mitgliederzahlen in der Katholischen Kirche in Tschechien: 1930: 5.316 448 Mitglieder. Im Jahr 1991 waren es noch 402.385; 2001 nur noch 206.039.
Tschechien wird heute treffend das am meisten „entkirchlichte Land“ Europas genannt. Der Prager katholische Theologe (und Priester) sowie Soziologe Tomas Halik ist einer der wenigen, die in Tschechien den lernbereiten Dialog mit den „entkirchlichen Menschen“ kreativ gestalten.
In seinem Buch „Alle meine Wege sind dir vertraut“ (Herder Verlag, 2014), erwähnt Tomas Halik auch Tomas Garrigue Masaryk (S. 10 f.) als den „wichtigsten Erzieher der Nation für mindestens zwei Generationen“… Dann fährt Halik fort: „Ich habe mich mit der Spiritualität jener Persönlichkeiten beschäftigt, die der tschechischen Kultur im 19. und 20. Jahrhundert ihr Profil gaben, sei es mit Palacky, Masaryk, Salda, Capek, Patocka oder Havel. Keiner von ihnen war Atheist, im Gegenteil, sie hatten eine tiefe Beziehung zu „dem, was uns übersteigt“. Nichts desto weniger wahrte jeder von ihnen Abstand zur tradierten religiösen Terminologie“ (S. 11).
7. Der Philosophen-Präsident Tomas Garrigue Masaryk bleibt auch deswegen aktuell: Er ist ein Vordenker einer von Dogmatismen befreiten humanen Form des Christentums. Zudem: Masaryk zeigte, dass „Demokratie eine Lebensauffassung“ ist, mehr als ein bürokratisches „Funktionieren“ oder bloß äußerliches Respektieren der Gesetze: Ethische Grundsätze sollten eine Demokratie bestimmen. Und diese aus der philosophischen Reflexion stammenden Grundsätze sind natürlich nicht konfessionelle Dogmen, sondern Überzeugungen eines reflektierten Humanismus, den alle Bürger teilen können und sollten. Voraussetzung einer Demokratie ist für Masaryk die Trennung von Kirche und Staat! Sie ist – leider – bis heute auch in demokratischen Staaten Europas nicht umfassend vollzogen!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Pius XII. und sein diplomatisches Schweigen

Einige Hinweise von Christian Modehn am 2.2.2019

Am 2. März 2019 sind es 80 Jahre her, dass Kardinal Eugenio Pacelli zum Papst gewählt wurde. Er nannte sich Pius XII. Es ist klar, dass anlässlich dieses halbwegs „runden Gedenktages“ wieder viele offiziell – katholische apologetische Statements vom Vatikan aus verbreitet werden, Statements und Bücher, die seit 1945 schon dem Motto folgen: „Pius XII. hat es doch so gut gemeint“. Und wieder ist zu erwarten, dass das Theaterstück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth (1963) verantwortlich gemacht wird für diese in vatikanischer Sicht böse Einstellung einer kritischen Öffentlichkeit gegenüber einem Papst, der schon seit 1965 „selig gesprochen“ werden soll. Aber es klappt nicht so recht, diese heilig mäßige Vorbildlichkeit Pius XII. wirklich zu erweisen.

1.Warum ist es wichtig, erneut kritisch an Papst Pius XII. (Papst von 1939 – 1958) zu erinnern? Weil die „Seligsprechung“ dieses Papstes immer noch betrieben wird, er könnte also als „himmlischer Helfer“ und allgemeines Vorbild bald mit offiziellem Segen verehrt werden. Dieser Seligsprechungsprozess wurde bereits 1965 (!) eröffnet. Offenbar tun sich die forschenden Prälaten doch etwas schwer mit der heilig mäßigen Vorbildhaftigkeit des Papstes Pacelli (Pius XII.) Es findet sich halt niemand, der durch die Anrufung des Pacelli Papstes wunderbar gesund wurde, dieses Wunder ist ja eine übliche Voraussetzung für eine Seligsprechung…

2.Warum ist das Thema Pius XII. und die Juden gerade heute so wichtig? Weil am Beispiel Pius XII. deutlich wird, wie eine extreme Fixierung auf das Wohl der Kirche eine humane Katastrophe nicht verhindern kann. Und diese Fixierung auf das Wohl und das Ansehen der „Amtskirche“ ist bis heute oberstes Dogma des Klerus.

3.Die zentrale Frage ist: Wie hat sich Pius XII. in seinem Tun und nicht bloß in seinen diplomatisch moderaten, manche sagen verklausulierten Reden und Botschaften gegenüber den Nazis und den Faschisten, auch in Italien, Kroatien, Spanien etc., de facto verhalten?

4.Nach wie vor muss man wohl sein persönliches Engagement (nicht das mutige Engagement einiger Priester in Rom!) zugunsten der verfolgten Juden, selbst in Rom) tatsächlich als sehr schwach einschätzen. Dies ist wohl allgemeiner Konsens und Erkenntnisstand bei allen, die nicht den apologetischen Schriften aus Vatikan-abhängigen Kreisen folgen. Die Herren im Vatikan wissen wohl genau, warum die „Geheimarchive“ des Vatikans zu Pius XII. für die Zeit nach 1939 immer noch nicht zugänglich sind. Schon 2011 wurde die Zusage verbreitet, dieses Geheimarchiv werde 2015 zugänglich. Ist es aber auch 2019 nicht! So haben spekulative Überlegungen der Apologeten immer noch ihre Blütezeit, wenn sie lang und breit etwa der mit vernünftigen Gründen gar nicht zu klärenden Frage nachgehen: „Was wäre denn passiert, wenn Pius XII. tatsächlich den Judenmord öffentlich und lautstark verurteilt hätte?“ Die Antwort der Apologeten heißt: (dabei missachten sie als Papst-Fans total die herausragende politisch-diplomatische Bedeutung des Papstes): Papst Pius XII. hätte die Verfolgung und Ausrottung der Juden durch seinen öffentlichen Protest noch schlimmer gemacht. 2017 hat sogar noch Papst Franziskus in einem Interview für die Zeitung „La Vanguardia“ (Barcelona) Pius XII. diese allgemeinen Reinwaschungen Pius XII. verbreitet. Franziskus wiederholte: Papst Pius XII, selbst (und nicht etwa einige mutige Priester) hätte Juden in Rom persönlich gerettet; das mag am Beispiel von Castel Gandolfo so sein. Nur waren dies anerkennenswerte caritative Taten zugunsten einzelner Personen. Diese Caritas erschütterte nicht das mörderisches System der Nazis und Faschisten. Papst Franziskus sagte also: „Escondió a muchos en los conventos de Roma y de otras ciudades italianas, y también en la residencia estival de Castel Gandolfo. Allí, en la habitación del Papa, en su propia cama, nacieron 42 nenes, hijos de los judíos y otros perseguidos allí refugiados. No quiero decir que Pío XII no haya cometido errores -yo mismo cometo muchos-, pero su papel hay que leerlo según el contexto de la época“ („Er hat viele (Juden) in den Klöstern von Rom und in anderen italienischen Städten versteckt, und auch in seiner Sommerresidenz Castel Gandolfo. Dort, in der Wohnung des Papstes, in seinem eigenen Zimmer, kamen 42 Kinder zur Welt, Kinder von Juden und Kinder von anderswo Verfolgten. Ich will nicht sagen, dass Pius XII. keine Irrtümer begangen hat – ich selbst begehe auch viele – aber seine Rolle muss verstanden werden im Kontext der damaligen Epoche“) (http://www.alfayomega.es/25413/entrevista-del-papa-en-la-vanguardia-para-mi-la-gran-revolucion-es-ir-a-las-raices)

5.Diese Behauptung, Pius XII. habe persönlich Juden versteckt, wird seit Jahren mit guten Gründen angezweifelt, sie ist klerikale Propaganda. Der Holocaustüberlebende und Publizist Noah Kliger in: NTV 18.1.2010: „Es müssten nur ein „paar kleine Fragen“ beantwortet werden: „Wie viele Juden hat Pius XII gerettet? Hat er sie im Vatikan oder in seinem Sommerpalast versteckt? Was waren ihre Namen? Warum hat kein einziger Überlebender jemals darüber berichtet und auch keiner von deren Angehörigen? Warum geht der Papst nicht auf solche nebensächlichen Fragen ein? Dem Papst Pius XII nahe stehende Personen hätten sich niemals zu dessen vermeintlichen Rettungsaktionen geäußert“.

6.Was macht das Thema „Pius XII. und die Juden“ heute wieder „besonders“ aktuell? Es ging Papst Pius XII. entscheidend darum, zuerst und absolut vor allem darum, das Wohl der Kirche als Institution und das Wohl der Katholiken zu schützen. „Church first“, würde man heute sagen! Nicht etwa „Humanity and human Rights first“ war sein praktisches Leitprinzip. Diese Erkenntnis kann sich auf viele Historiker, wie etwa Saul Friedländer, berufen. Über dessen Buch „Pius XII. und das Dritte Reich. Eine Dokumentation. Mit einem aktuellen Nachwort“, 2011, schreibt der katholische Theologe und Historiker Klaus Kühlwein vom Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg i.Br. in der wissenschaftlichen Website https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-16575: „In seinem langen Nachwort geht der Autor Saul Friedländer der Frage nach, welche Erklärungen es gibt für die ausgesprochen politische Passivität Pius XII. gegenüber NS-Deutschland und dem Holocaust. Im Wesentlichen sieht Friedländer dafür drei Gründe. Erstens: Pius verteidigte nur die Interessen der Kirche und blieb daher strikt neutral. Zweitens: Pius wollte die Ausbreitung des Kommunismus in Ost- und Mitteleuropa verhindern und drittens: Pius war antisemitisch eingestellt. Alle drei Gründe sind nicht neu – man denke nur an Rolf Hochhuths Stück „Der Stellvertreter“ (1963) –, aber sie sind nach wie vor hoch brisant. Das gilt ganz besonders für den Vorwurf des Antisemitismus“.

7.Genau diese Fixierung, einen guten Eindruck von der katholischen Kirche zu erhalten, sie als klerikale Organisation unbedingt in der überlieferten Gestalt zu erhalten, ist bis heute für die Kirchenführer gültig: Diese Theologie wird seit etlichen Jahren deutlich und in Zukunft noch mehr sichtbar in den bischöflichen (und päpstlichen Aktionen) der Verschleierung des sexuellen Missbrauchs durch Priester an Kindern und Jugendlichen. Nicht diese Priester wurden von der Hierarchie bestraft und den (weltlichen) Gerichten übergeben, sondern die Opfer wurden ignoriert und nicht respektiert. Das Schweigen und Verschweigen war auch hier (wie bei Pius XII.) die allgemeine klerikale Haltung.

8.Es ist wohl diese katholische Ursünde, immer zuerst an das äußere Wohl und die Privilegien der Kirche zu denken, die auch Pius XII. wie selbstverständlich lebte. Er war ja „eigentlich“ der so genannte Stellvertreter des Propheten Jesus, der die Humanität über alle religiösen Gesetze stellte. Aber bezeichnenderweise nennt sich ein Papst immer „Stellvertreter Christi“, also Stellvertreter des zu einem Gottmenschen Christus „ummodelierten“ Jesus von Nazareth, der Papst nennt sich nicht „Stellvertreter des Propheten Jesus von Nazareth“. Würde er sich auf Jesus bezogen nennen, wäre er der Menschlichkeit zuerst verpflichtet, eben auch dem Schutz und der öffentlichen Verteidigung der Juden. Aber wir haben es hier mit dem glanzvollen Christus zu tun, in dessen Glanz sich der Klerus „auferbaut“.

9.Im Juli 1933 schloss der Vatikan mit Hitler das (bis heute in der Bundesrepublik geltende) Reichskonkordat. Die Kirchenführer waren froh, dass ihnen Hitler katholischen Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach in den Schulen erlaubte; die Existenz der katholischen Vereine sicherte; die Erhebung der Kirchensteuer versprach (von denen ein Teil zum Vatikan fließt). Also „church first“ als volles Programm! Aber die Kirchenführer verpflichteten sich, an Sonntagen und gebotenen Feiertagen „im Anschluss an den Hauptgottesdienst […] für das Wohlergehen des Deutschen Reiches und Volkes“ zu beten (Artikel 30)… Dieses Gebet entfällt heute…

10.Im Kommunismus sah Pius XII. das schlimmste Übel der Weltgeschichte. Wobei noch zu überprüfen wäre, wie stark auch Pius XII. der allgemein verbreiteten bürgerlichen/christlichen Ideologie folgten, „der Marxismus und der Kommunismus seien wesentlich jüdisch geprägt“… Diese absolute und pauschale und dann auch undifferenzierte Ablehnung alles Sozialistischen und Kommunistischen bestimmt das Denken der katholischen Kirchenführung bis heute: Kommunisten wurden von Pius XII. exkommuniziert. Hitler wurde als Katholik nie exkommuniziert, auch keine katholischen Nazis wie Himmler oder Goebbels. Die korrupte, aber hierarchie-hörige Democrazia Cristiana wurde dann in Italien die ewig regierende Klerus Partei.

11.Mit der Abwehr des Kommunismus war ein diplomatisches Jonglieren des Papstes zugunsten Hitlers und damit zuungunsten der Juden verbunden. „Namentlich Nuntius Pacelli wünschte während der Weimarer Republik ein Zusammengehen der katholischen Zentrumspartei mit den deutschnationalen Verfassungsfeinden. Koalitionen von Katholiken mit der Sozialdemokratie waren ihm ein Gräuel“. (Peter Bürger: https://www.heise.de/tp/features/Pius-XII-Ein-Fall-fuer-die-Propaganda-perfidei-3388258.html)

12.Demgegenüber war der Faschismus und das Hitler-Regime für Pius XII. eher nur ein geringeres, „vorübergehendes Übel. Vielleicht hätte – in der Sicht Pius XII. – Hitler dem Todfeind Kommunismus gar Einhalt gebieten können? Dass der Papst bei dieser seiner eher milden Haltung gegenüber den Nazis es hinnahm, dass Millionen Juden durch das Hitler Regime ermordet wurden, deutete er selbst wohl als schlimmen, subjektiv sicher bedauerlichen Nebeneffekt seiner Kirchen-Politik. Weil sich Faschisten gern religiös und sogar katholisch zeigten, fiel das päpstliche Urteil den Faschisten gegenüber immer milde aus. Pius XII. glaubte, in Kooperation mit den Faschisten die Kirche als Institution retten zu können.

Man bedenke nur, wie Pacelli auf das großartige Attentat von Georg Elser inszeniert im Bürgerbräu zu München am 8. November 1938 : „So müssen wir der Vorsehung (!) Gottes dankbar sein, dass der Führer glücklich gerettet wurde“. In diesem Sinne hat auch Kardinal Pacelli von Rom aus durch den Apostolischen Nuntius in Berlin Hitler seine persönlichen Glückwünsche für seine Errettung übermitteln lassen“. (Zit. auf S. 219 in „Auschwitz als Herausforderung für Juden und Christen“. Heidelberg 1980, in dem Beitrag von Hermann Greive. Er bezieht sich auf das Zitat im Buch Gerhart Binder, Irrtum und Widerstand , dort S. 373)

Ein tiefsitzender Antisemitismus bestimmte schon Kardinal Pacelli:

„Es gab in Rom sozusagen ein antisemitisches, katholisches Zentralorgan, die Zeitschrift „Civiltà Cattolica“ unter Leitung der Jesuiten. Diese Zeitschrift wurde von Kardinalstaatssekretär Pacelli ab 1930 redaktionell eng geführt. Was dort gedruckt wurde, bedurfte seiner Zustimmung – nach genauer Lektüre versteht sich. Geradezu gespenstisch mutet etwa ein Beitrag in der Herbstausgabe 1938 an, der die Rassengesetze in Italien kommentierte. In ihm werden die Juden als „fremde Nation“ unter den Nationen bezeichnet.Weiter heißt es: Die Juden wären ein „geschworener Feind“ hinsichtlich des Wohlergehens des christlichen Volkes und gegen das jüdische Volk seien strenge Maßnahmen erforderlich, um es „unschädlich zu machen“. Die Moral des jüdischen Talmud widerspreche „den elementarsten Prinzipien der natürlichen Ethik“. Und in einem Grundsatzartikel („Die jüdische Frage und die Civiltà Cattolica“) warnte Pater Rosa SJ vor den subversiven Umtrieben der Juden, welche die Grundlagen von Gesellschaft und Kirche untergraben würden. In den letzten Jahrzehnten habe sich schon auf vielen Gebieten schmerzvoll gezeigt, wie unheilvoll der verschwörerische Pakt zwischen Juden und Freimaurern im Untergrund wühle und die kulturellen Werte des christlichen Abendlandes zerstöre. Was ist bloß in Kardinalstaatssekretär Pacelli gefahren, dass er solche Äußerungen als halboffizielle Stellungnahme des Vatikans absegnete? Für die üblen Ausfälle gegen Juden und das Judentum in den zahlreichen Artikeln der Civiltà Cattolica entschuldigte sich übrigens der leitende Redakteur De Rosa SJ öffentlich im Rahmen der Feierlichkeiten zum hundertfünfzigjährigen Bestehen der Zeitschrift im Jahre 2000“. (Klaus Kühlwein)

13.Pius XII. war ein Papst, der vieles über die Ermordung der Juden wusste, aber öffentlich und laut und deutlich vernehmbar nicht protestierte, sondern schwieg.

Am 26. Juli 1942 veröffentlichte Kardinal de Jong, Niederlande, einen Hirtenbrief, in dem die niederländischen Bischöfe in aller Deutlichkeit den Mord an den Juden durch die Nazis kritisierten. „Erzbischof de Jong unterrichtete Pius XII. über die Verbrechen an den Juden in den Niederlanden und versuchte, den Papst zu bewegen, die Judenvernichtung öffentlich und offen (nicht nur implizit) zu verurteilen“. (Quelle : wikipedia Kardinal de Jong, mit Hinweis auf eine Studie. Theo Salemink: Die zwei Gesichter des katholischen Antisemitismus in den Niederlanden. Zürich, 2000).

Weder der Papst noch der Nuntius in Holland haben diesen Aufschrei der niederländischen Bischöfe öffentlich unterstützt. Heute wird von Vatikan-Apologeten behauptet: „Dieser Hirtenbrief habe die Verfolgung von Juden in Holland nur verstärkt“. ABER, wenn das denn so eindeutig stimmt: Diese Verfolgung wäre nicht passiert, wenn Pius XII. öffentlich die niederländischen Bischöfe unterstützt hätte? Mit dieser Ausrede des Vatikans „ließe sich am Ende jede Unterlassung rechtfertigen, weil niemand mit Sicherheit vorhersagen kann, welche Folgen ein Wort oder eine Tat zeitigen werden“(Georg Denzler, Widerstand oder Anpassung?, Piper Verlag 1984, S. 69).

Am 16. Juli 1943 wurde dem Papst ein Dokument vorgelegt über die KZs Auschwitz und Treblinka. Eine öffentliche Verurteilung wurde nach der Lektüre vom Vatikan nicht ausgesprochen, der Grund sei gewesen, berichtet der Journalist und Historiker Nino lo Bello, „der Vatikan habe den Wahrheitsgehalt dieser Berichte nicht identifizieren können“. (S. 31, in: Kreuzfeuer, München, 1991). Was für eine Lüge des Vatikans: Kaum eine Institution in Europa war besser über die Verbrechen Hitlers informiert als der Vatikan.

Im Oktober 1943 wurde, so wird immer wieder dokumentiert, „unterhalb der Fenster des Papstes“ die Deportation von über 1000 Juden aus Rom vollzogen.

WER organisierte die katholische Hilfe für verfolgte Juden in Rom? Es waren „einfache“ Priester und „normale katholische Laien“, nicht aber die Herren Kleriker im Vatikan, obwohl nach 1945 von deren Seite alles getan wurde, Pius XII. als den so heilig mäßigen aktiven Judenretter in Rom darzustellen. Dabei hat der deutsche Jesuit Pater Robert Leiber aktiv mitgetan. Er bezeichnete säkulare, jüdische Hilfsorganisationen tatsächlich als päpstliche Hilfsorganisationen, wie Delasem oder Opera di San Raffele, er machte sie zu päpstlichen Initiativen zum Schutz der Juden, was objektiv nicht stimmt (Nino Lo Bello, S. 37). Protestbriefe gegen diesen in der Jesuitenzeitschrift „Civilita Cattolica“ verbreiteten Unsinn durch jüdische Gemeinden wurden selbstverständlich nicht abgedruckt…

14.Es wäre an der Zeit, dass sich Jesuiten heute öffentlich und kritisch mit diesem Jesuitenpater Leiber auseinandersetzen, der zudem in der Debatte um das Theaterstück „Der Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth durch polemische und falsche Äußerungen auffiel. Pater Leiber erhielt – wer ahnt es nicht unter den Bedingungen der alten Bundesrepublik – 1960 den Großen Verdienstorden der Bundesrepublik; 1962 auch noch den Bayerischen Verdienstorden.

15.Aktiver Helfer und Beschützer der Juden in Rom war etwa der Kapuziner Pater Maria Benedetto, mit bürgerlichem Namen Pierre Péteul, er galt in Rom, vor allem bei den Juden, nur als der „Judenpriester“. Er hat gesehen, dass vom Vatikan keine Hilfe geleistet wurde, hat dann in seinem Kloster in der Via Sicilia/Via Veneto einen „Festen Stützpunkt der Hilfe“ eingerichtet. 1955 ehren ihn italienische Juden offiziell und öffentlich: “Seine Rettungsaktionen waren ohne Beispiel…“, sagten sie. Der Vatikan bzw. der Papst wurden in der Berichterstattung etwa als „weitere Vorbilder“ schon gar nicht erwähnt. „Die italienischen Juden, praktisch bis zum letzten Mann und der letzten Frau Überlebende des Holocaust, waren und sind fast einhellig der Auffassung, dass sich der Vatikan unmoralisch verhalten hat, als der Krieg zu Ende war und das Lob (der Judenretter zu sein) verteilt wurde. Der Vatikan ließ Pater Benedetto keinerlei Anerkennung zuteil werden, und er starb (1990 in Angers, Frankreich), er war der Welt ein Unbekannter, den Juden ein Held“ (ebd. , S 31). Und es ist, nebenbei, ein Schande, dass viele ultrafromme Katholiken lieber den Kapuziner (und Mussolini Freund) Pater Pio, sogar noch heilig gesprochen, verehren: Er war ein Scharlatan mit seinen selbst gemachten Wundmalen Christi an den Händen. Heute aber kennen die Italiener nicht einmal den Namen des großen Padre Benedetto, des „Priesters der Juden“…Warum wird er nicht heilig gesprochen? Schon möglich, dass eines Tages der Vatikan so unverschämt ist und Padre Benedetto, den Judenpriester, zusammen mit Papst Pius XII. heilig spricht? Zuzutrauen wäre es den Herren im Vatikan schon…

16.Die Sympathien von Pius XII. galten faschistischen Regimen in Kroatien usw.

In dem neu gebildeten Staat Kroatien (von 1941 -1944) herrschten katholische rechtsextreme Fanatiker, sie waren in der Ustascha-Bewegung präsent. Viele tausend orthodoxe Serben, auch Juden, wurden von katholischen Faschisten umgebracht, auch in Konzentrationslagern. Etliche katholische Priester unterstützten heftigst die USTASCHA-Organisation. Branko Bokun (Jugoslawisches Rotes Kreuz) versuchte, persönlich im Vatikan die Kirchenführer, auch den Papst, zu erreichen, um sie auffordern: Sie sollten das Morden der katholischen Faschisten in dem katholischen Land Kroatien verbieten. Das aber geschah nicht. Bokun wurde noch nicht einmal zu Msgr. Montini (dem späteren Paul VI.) vorgelassen. Der Papst ließ die katholisch – faschistischen Mörderbanden gewähren. „Nach dem Ende des Krieges zeigte niemand besonderes Interesse für diese furchtbaren Ereignisse, auch der Vatikan erwähnte das Chaos in Kroatien mit keinem Wort…“( Nino Lo Bello, Der Vatikan und die Juden, S. 27, in: „Kreuzfeuer“, München 1991).

Auh das Pétain-Regime in Frankreich, diese Kollaboration mit den Nazis, wurde von Pius XII. gestützt! Das Vichy-Regime von Pétain, “das Pius XII. dadurch anerkannt hatte, dass er seinen Nuntius (Valerio Valeri) bis zum Ende (1944) nicht zurückzog“ (W.D.Halls, Französische Christen und die deutsche Besatzung, in Kollaboration in Frankreich, 1991 Fischer –Verlag, S 108).

17.Der Antisemitismus von Papst Pius XII: saß tief, wie sollte es anders sein, so dachten die meisten Kleriker.

„Am 24. Dezember 1942, als im Vatikan kein Zweifel mehr an der laufenden Ermordung der europäischen Juden bestehen konnte, klagte Pius XII. in seiner Ansprache vor Kardinälen und Bischöfen über Jerusalems „Weg der Schuld bis zum Gottesmord“. Noch am 29. Juni 1943 predigte der über die Shoa gut unterrichtete Papst dann in seiner Enzyklika „Mystici corporis„, das jüdische Gesetz sei todbringend [sic!] geworden und Israels einstiges Gnadenvlies müsse nunmehr trocken bleiben. (Peter Bürger a.a.O. Sehr lesenswert ist das Buch von Peter Bürger, Pro Judais, bes. S. 26-31, http://friedensbilder.de/projudaeis/buerger-pro-judaeis2009.pdf

18.Viele Juden in Rom waren nach Ende des Krieges gar nicht einverstanden, dass einzelne Juden Papst Pius XII. als den großen Judenretter feierten. Zu den Kreisen gehörte auch der später sehr populäre Rabbiner Pinchas Lapide (siehe seine Lobeshymnen auf Pius XII. in seinem Buch: „The last three popes and the Jews“) oder Golda Meir. Nino Lo Bello schreibt: “Den Propagandisten des Vatikans ist es durchaus gelungen, das Verhalten Pius XII. gegenüber den Juden im Krieg weißzuwaschen“ (a.a.O, S 28).

19.Eine deutliche, man möchte sagen ,ideologische Nähe gab es zwischen den Diktaturen, etwa unter den Faschisten, und der Regierungsform der römischen Kirche zur Zeit Pius XII: In beiden Regierungsformen war die Bindung an Autoritäten allmächtig; das Führerprinzip gilt; Gehorsam und der Wille, sich führen zu lassen, allgegenwärtig; die Unterdrückung einer freien Forschung ebenso, man denke an die Kontrolle der Theologen unter Pius XII.; die Gleichberechtigung der Frauen ließ in beiden Systemen zu wünschen übrig; politisch/theologische Gegner wurden als Feinde betrachtet und ausgeschlossen, verfolgt, exkommuniziert. Die Angst vor neuen Entwicklungen war in beiden Regimen allgegenwärtig. Über das Verbot, bestimmte Bücher zu lesen, stehen sich ja kommunistische Regime und die katholische Kirche sehr nahe: Für die ganze katholische Weltkirche galt bis 1965 die 6.000 Bücher umfassende Liste der verbotenen Bücher: Zu denen auch Lessing, Kant usw. gehörten. Kritische Theologen, wie Pater Chenu oder Pater Congar in Frankreich, erhielten Rede – und Lehrverbot. Der Evolutionsforscher, der Jesuit Pater Teilhard de Chardin wurde förmlich von Rom und seinen Oberen verteufelt, er starb ziemlich einsam in New York und so weiter. Das System Pius XII. war, mit Verlaub, ein religiös folkloristisch aufgebauschtes System geistiger Unterdrückung.

20.Zum Profil Pius XII. gehört weiterhin sein Interesse, mit rechtsradikalen Diktaturen Konkordate abzuschließen, so mit Portugal 1940 (Salazar); mit Spanien 1953 (Franco-Diktatur), mit der blutrünstigen Diktatur von Leonidas Trujillo in der Dominikanischen Republik 1954 usw. Dem Papst war es offenbar egal, in welchen Regimen seine Kirche ihre Privilegien ausbauen konnte: Denn immer ging es (auch um finanzielle) Privilegien für die Kirche. Die Kirchenfixierung, „alles zum Wohl der Kirche(nhierarchie)“, dieses Prinzip bestimmte schon die Politik Pius XII. zur Zeit der Judenausrottung, sie setzte sich fort: Die römische Kirche sollte sich als monolithischer autoritär geführter Block in der „Brandung“ der Moderne erweisen…

21.Über die „Hilfsbereitschaft“ des Vatikans und damit Pius XII. für die Verbrecher des Nazi-Regimes wurde oft berichtet, sie äußerte sich in der Besorgung falscher Pässe für die Nazis auf dem Weg in katholische Staaten Lateinamerikas. Man spricht von der Rattenlinie. Katholische Faschisten aus Kroatien wurden via Rom nach Lateinamerika verfrachtet, mit vatikanischer hilfe. Unter den Nazis gelangten nach Lateinamerika u.a. Klaus Barbie; Adolf Eichmann; Josef Mengele, um nur ganz wenige Nazi-Verbrecher zu nennen. Fest steht, dass Pius XII. und sein enger Mitarbeiter Montini (der spätere Papst Paul VI.) dem faschistischen katholischen Bischof Hudal freie Hand ließen, die Nazis etc. in südamerikanische Gefilde der dortigen Diktatoren zu verfrachten. Auch für Angehörigen der Familie des italienischen Duce Mussolini hat sich der Vatikan eingesetzt, berichtete der deutsche Botschafter „beim heiligen Stuhl“ (also dem Vatikan) Ernst von Weizsäcker schon im Juli 1943.

22.Wer sich dieses hier nur angedeutete Porträt Pius XII. und seiner Regierung betrachtet, kann diese Zeit nur als großes Unglück für die Menschen, vor allem für die Juden, aber auch für etliche nich demokratisch gesinnte Katholiken deuten. Die Herrschaft Pius XII. war eine „bleierne Zeit“, nach außen hin sogar voller Glanz und frommer Folklore bei den Aufzügen des Papstes im Vatikan und im Petersdom. Er inszenierte sich für die vielen naiv Frommen als engelgleiche, makellose Gestalt. Aber er war nicht mehr als ein von Angst getriebener Verteidiger autoritärer, antidemokratischer und antisemitischer und antisozialistischer Prinzipien.

Diese Kritik ist selbstverständlich überhaupt nicht ignorant gegenüber den damaligen Zeitumständen. ABER: Das Bewusstsein selbst eines Papstes um 1940 war soweit entwickelt, dass er in seinem Gewissen, seinem Nachdenken, wohl spürte: Ich könnte auch anders handeln. Aber der ängstliche Pacelli tat es nicht. er war ein Kollaborateur mit den Antidemokraten und mörderischen Antisemiten.

23. Es ist wohl leider nur eine Frage der Zeit, bis dieser Papst selig und dann heilig gesprochen wird. Irgendein notwendiges Wunder für diese Prozedur wird sich schon noch konstruieren lassen. Vielleicht wurde eine alte spanische Nonne von ihrem tief sitzenden Antisemitismus als Geisteskrankheit durch die Fürsprache Pius XII. befreit und geheilt, das als Ironie am Rande… Wäre ja passend. Und es ist wahrscheinlich, dass man in dem „modernen Vatikan“ dann aus Höflichkeit gleichzeitig mit Pius XII. auch den wahrlich großartigen, bescheidenen „Juden-Priester“ Padre Benedetto selig spricht (falls man ihn im Vatikan doch nicht total vergessen hat).

P.S.

Das neue Buch von Michael Hesemann „Der Papst und der Holocaust“ kann man gern übergehen: Das Buch hat stark apologetischen Charakter: Pius XII. habe es doch so gut gemeint mit den Juden…Hesemann ist Mitglied sehr konservativer katholischer Vereine, „pro Papa“ etwa. Hesemann ist Journalist, er wurde früher als Autor parawissenschaftlicher Themen bekannt, etwa über UFOS.

Der Hauptvorwurf gegen dieses Buch, den etwa der Kirchenhistoriker Prof. Jörg Ernesti (Uni Augsburg), vorbringt, heißt: es ist eine pure Reinwascherei von Pius XII. durch Hesemann, sie hat schon deswegen sehr wenig Bedeutung, weil das vatikanische Archiv zu Pius XII. mit Dokumenten ab März 1939 auch heute gar nicht zugänglich ist.

Die Apologeten im gut bezahlten Dienste des Vatikans und der deutschen Kirche werden weiterhin alles tun, um Pius XII. in vollem Glanz der heiligmäßigen Unschuld erscheinen zu lassen. Sie werden nicht auf ihre übliche Polemik verzichten, und etwa den Regisseur Erwin Piscator, der den „Stellvertreter“ von Rolf Hochhuth als erster 1963 in West-Berlin inszenierte, „einen altgedienten Propagandisten der kommunistischen Sache“ zu nennen (so noch 2009 Ingo Langner, in „Opus Iustitiae Pax“, S. 71). Diese Herren ziehen die Wahrheit des Stückes „Der Stellvertreter“ auch dadurch in Zweifel, dass sie auf die Aufführungen dieses Stückes „im roten Machtbereich“ des Kommunismus (so ebenfalls Langner, S. 71) hinweisen, als wären auch Lessing, Schiller, Brecht von mieser Qualität, bloß weil sie auch auf den Bühnen des „roten Machtbereichs“  aufgeführt werden. Diese Apologeten gehen aber die Argumente aus, weil sie nicht sehen können, was der große Sebastian Hafner schon 1963 schrieb: Er nannte es einen entsetztlichen Skandal, dass Pius PIUS XII. zum Massenmord an den Juden de facto SCHWIEG. Aber es war auch „seine Aufgabe, zu verhindern, das die Christentheit im wörtlichen Sinne zum Teufel ging: Dass mitten in einem Abendland von Christen Satanswerk größten Ausmaßes getan wurde, mit dem die GANZE Christentheit für immer befleckt bleiben wird“. (Das Zitat von Sebastian Hafner: „Summa iniuria“, RORORO, 1963, S. 235)Mit anderen Worten: Der schweigende Pius XII. hat durch sein Schweigen die Christenheit insgesamt innerlich verdorben. Die Christen haben bis heute Rassismus, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz, Neokolonialismus nicht überwunden… Daran müßten die Kirchenleute arbeiten und sich fragen, warum das ethische humane Niveau der Christen so miserabel ist nach 2000 Jahren Predigt und Gottesdienst, warum Mord und Totschlag auch die christliche Geschichte bis heute bestimmen? Warum? Weil vernünftiger Widerspruch und Widerstand keine zentralen christlichen Tugenden sind und vernünftiger Ungehorsam nicht wichtiger ist als der übliche Gehorsam mit dem immer noch vorhandenen Untertanengeist.

„Die Geschichte wird Pius XII. kennen als einen Papst, der schwieg“. (Sebastian Hafner)

Die Herrschenden im Vatikan haben also ihre Gründe, eine objektive, umfassende Forschung zu Pius XII. ab 1939 nicht zuzulassen. Sie haben Angst. Und fordern – wie immer wieder Papst Franziskus – „Barmherzigkeit“, eine Barmherzigkeit, die auch selbstverständlich ihnen gelten soll, den Klerikern, die eigentlich die angstfreie Menschlichkeit eines Jesus von Nazareth leben müssten. Aber zu Kirchenfunktionären geworden sind.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Georgien“ – ein Länderporträt. Zur Buchmesse aktuell!

Ein Buch von Dieter Boden im Ch. Links Verlag Berlin

Von Christian Modehn

Über die Gegenwart des Stalin-Kultes in Georgien noch heute berichtet jetzt auch sehr anschaulich Christoph Dieckmann in „DIE ZEIT“ vom 13. September 2018, Seite 21. „Alles Rote haben wir entfernt“ ist der (ironische) Titel…

Georgien wird in diesem Herbst in Deutschland mit besonderem Interesse bedacht: Die Republik im Kaukasus ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2018 (vom 10.bis 14. Oktober). Eine Chance, sich mit dieser wohl immer etwas stabiler werdenden Demokratie näher zu beschäftigen. Georgien wendet seinen politischen Blick und sein ökonomisches Interesse immer mehr Richtung Europa. Die meisten Georgier, so hört man, seien optimistisch und fürchten vor allem nur Russland… (Schon 1801 geschah die erste Annexion Georgiens durch Russland…)

Als Reiseziel wird jetzt Georgien schon entdeckt und nach der Buchmesse sicher weitere touristische Leidenschaften wecken… Als 2011 Island Ehrengast der Buchmesse war, folgte ein wahrlicher Touristenstrom auf die Insel, was den Isländern nicht immer sehr angenehm ist…

Ein GEORGIEN – Länderporträt liegt jetzt aktuell vor: Dieter Boden kennt das Land durch viele Besuche, auch im Rahmen der OSZE- und UN- Missionen. Er bewertet Georgien, eine parlamentarische Demokratie seit September 2017, als „Muster der Stabilität“ (61). Ein Satz, der stimmt, zumal, wenn man das weite autokratische Umfeld in der Nachbarschaft betrachtet.

Dieter Bodens 200 Seiten umfassendes Buch bietet vor allem ein historisches und politisches Basis-Wissen sowie auch viele Hinweise zum Tourismus in der Hauptstadt Tbilissi und der Umgebung. Dass gastronomische Tipps nicht fehlen, ist bei der Qualität von Wein und Küche in Georgien klar, schon die Sowjetbürger schätzten die in dieser Hinsicht aus dem öden Rahmen der Sowjetkultur fallende „föderale“ Republik der UDSSR.

Seit der Unabhängigkeit von der Sowjetunion hat Georgien fast 1,5 Millionen Einwohner verloren, sehr viele wanderten nach Westeuropa aus, auch in Russland leben noch 600.000 Georgier.

Dieter Boden schildert selbstverständlich die politischen Entwicklungen seit der Unabhängigkeit 1991, er erwähnt differenziert die Rolle von Eduard Schewardnaze, spricht von dem umstrittenen Präsidenten Saakaschwili: „Zuletzt sah er sich Vorwürfen der Menschenrechtsverletzung und der Toleranz von Folter in den georgischen Gefängnissen ausgesetzt“ (Seite 57), er gilt heute auch in Georgien als korrupter Politiker. Inzwischen lebt er wohl in den Niederlanden…Problematisch bleibt die durch die russische Intervention beförderte Abspaltung von Abchasien und Südossetien (2008). Russlands politische „Qualität“ zeigt sich abermals in der Errichtung eines Stacheldrahtzaunes zwischen Südosstien und dem georgischen Staatsgebiet (60). Auch über den Georgier Josef Stalin und die Fortdauer seines Kultes im Geburtsort Gori berichtet der Autor, er vermutet sogar kleine Stalin – Büsten in einigen Wohnzimmern Georgiens immer noch. (43 ff.) Ein wirkliche Aufarbeitung der Bedeutung des Massenmörders Stalin „geht man in Georgien schlicht aus dem Wege“ (44).

Dieter Boden spricht auch ausführlich über die Rolle der georgisch-orthodoxen Kirche, die seit dem 4. Jahrhundert schon eine Art Zusammenhalt unter Georgiern stiftet, nicht zuletzt auch durch ihre ausdauernde Pflege der georgischen Sprache (19), dabei aber vertritt diese Kirche gesellschaftlich gesehen heute sehr reaktionäre Positionen, etwa was den auch rechtlich fixierten Respekt der Homosexuellen angeht (164). Eine Demo für die Menschenrechte der Homosexuellen wurde 2013 mit massivem Klerikeraufgebot behindert und zerschlagen. Dieser Klerikalismus als Vorherrschaft einer Kirche passt nun gar nicht in eine Demokratie! Die Berliner Zeitschrift SIEGESSÄULE berichtet über die aktuellen Probleme homosexuellen Lebens und Respektes in Georgien in der Ausgabe Heft Juli 2018. Bezeichnenderweise wurde der „Welthomo-Tag“, also der 17.5., von der georgischen Kirche zum Tag der „Reinheit der Familie“ erklärt. Anders gesagt: Diese Christen glauben, rassistisch, immer noch, Homosexualität sei Schmutz für die Familie (siehe dazu die knappen Hinweise S. 164). Man denkt bei so viel klerikalen Hass auf Homosexuelle an die alte Erkenntnis: Am stärksten hassen verklemmte Homosexuelle die offen lebenden gays…

Von der Verständigung oder gar der Versöhnung der getrennten Christen hält diese Orthodoxie dort gar nichts, schon 1997 ist die georgische Kirche aus dem Weltkirchenrat (Genf) ausgetreten. Und man sollte diese Christen also eher besser rechts liegen und in Frieden lassen, als sich um Dialoge mit ihnen zu bemühen. Papst Franziskus tat das noch, als er im September 2016, freundlich wie er ist, den georgischen Patriarchen Ilia II. (geboren 1933) begrüßte und ihn zum gemeinsamen Gottesdienst einlud. Daraufhin wurde der Papst von georgischen Popen als Antichrist bezeichnet (S. 163). Etwa 500 Katholiken sollen noch in Georgien leben. Nebenbei: Patriarch Ilia II. war als damaliger Bischof von Batumi führendes Mitglied der kommunistisch gesteuerten „Christlichen Friedenskonferenz“ in Prag. In diesen pro-sowjetischen Kreisen fühlte er sich einst wohl, da war er auch auf der Seite der Machthaber; heute verlangt er, dass etwa Abchasien, „relativ selbständig“, immer noch unter seinem georgischen Kirchenregiment leben sollte. Dass der greise Patriarch etwas für Arme tut, soll nicht geleugnet werden, dies wird im Buch aber nicht erwähnt.

Einige interessante Details für religionswissenschftlich Interessierte etwa zu „vorchristlichen Bräuchen“ in Abchasien bietet das Buch (S. 84), die Informationen zur reichen georgischen Literatur und Poesie fallen leider knapp aus, Nikolaus Barataschwili wird erwähnt, der „Hölderlin Georgiens“ (S. 86). „ Perlentaucher.de“ hat eine Liste georgischer Autoren publiziert: https://www.perlentaucher.de/buchKSL/buecher-aus-und-ueber-georgien.html?p=2

Für mich ist es sehr bedauerlich, dass der große georgische Philosoph Merab Mamardaschwili (1930 wie Stalin in Gori geboren, gestorben 1990) in dem Buch nicht erwähnt wird; er lehrte auch in Russland und war ein humanistischer Denker als Kenner der Werke vor von Descartes und Kant. Der russische Philosoph Michail Ryklin hat kritische Würdigungen über Mamardaschwili geschrieben. Auch Gorbatschow kannte ihn. In einem Interview mit Annie Eppelboin in Frankeich sagte er: „Die totalitäre Gesellschaft erschafft eine Sprache, die das Erwachen ausschließt. Du kannst sterben, ohne je entdeckt zu haben, was wirklich dein Gefühl ist. Als ich jung war, waren die Leute vom Komsomol die Verwalter des Gemeinwesen, auch des sozialen Körpers. Sie verwalteten auch mein Denken“. (siehe „ La Penesse empéchee“).

Bei einer zweiten Auflage könnten die genanten fehlenden Aspekte noch eingefügt werden; falls nicht: Das Buch ist trotzdem sehr lesenswert…es weckt Interesse an einem sich europäisch fühlenden Land im Kaukasus.

Dieter Boden, Georgien. Ein Länderporträt. 200 Seiten. 18 Euro, Berlin 2018, Ch.Links Verlag.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Faschistische Wurzeln der „konservativen Revolution“: Charles Maurras

Ein Hinweis von Christian Modehn (anlässlich des Geburtstages von Charles Maurras am 20.4. 1868).

Angesichts der politischen Wende (bzw. „Revolution“) nach rechts und rechtsextrem in ganz Europa ist es nötig, an die „Gründerväter“ dieser Ideologie zu erinnern. Dabei wird eine Figur aus der rechtsextremen Ecke wieder hoch gespielt: Der französische Schriftsteller Charles Maurras (20.4.1868 bis 16.11.1952). Die Renaissance dieses Vordenkers der politischen Bewegung „Action Francaise“, „die unverkennbar faschistische Züge trägt“, so Ernst Nolte, 1971 und auch der Soziologe Zeev Sternhell, ist nicht nur auf Frankreich beschränkt. Wer die ideologischen Wurzeln des rechtsextremen Denkens auch in Deutschland heute freilegen will, muss sich leider mit Charles Maurras auseinandersetzen. Ausdrücklich weist etwa Wolfgang Kowalsky in seinem Buch „Kulturrevolution?“ (1991) darauf hin, dass alles heutige Gerede von „konservativer Revolution“ in der Action Francaise und damit in Maurras seine Bezugspunkte hat (S.28).

Maurras hatte ein Ziel: Die republikanische, die demokratische und linke Kultur zu bekämpfen und zu zerstören, dies gehörte förmlich zur „Kultur“ jener beträchtlichen Kreise, die die Französische Revolution pauschal als Katastrophe bewerteten. Maurras gehörte wie Edouard Drumont zu den Wortführern des militanten Antisemitismus seit der Affäre Dreyfus. Der massive Einfluss der Action Francaise und damit von Maurras bis heute verdankt sich nicht der direkten politischen Aktion, man arbeitete vielmehr im entscheidenden „Vorfeld“ der ideologischen Bildung und geistigen Verführung und Verblendung. Die Ideologie von Maurras ist ein Plädoyer für die wesentliche Ungleichheit der Menschen, für das Führerprinzip, für den Antisemitismus, für die Gewalt bei innenpolitischen Konflikten….Zum besonderen Profil von Maurras: Er nannte sich Atheist, aber katholisch. Damit wollte er sagen: Der christliche Glaube interessierte ihn nicht (da ist ja auch von Brüderlichkeit die Rede), sondern nur die katholische Kirche als möglichst machtvolle Institution, sie hat für die antidemokratische Ordnung zu sorgen. (Siehe ein treffendes Zitat von Jean-Claude Guillebaud am Ende dieses Beitrags)

Unter dem Kollaborateur und Nazi-Freund Marschall Pétain kam Maurras zu großen Ehren: Pétain stand Maurras sehr nahe und Maurras predigte „die blindeste Ergebenheit“ gegenüber dem nazifreundlichen Pétain. (vgl. Kowalsky, S. 33). Im November 1944 wurde Maurras verhaftet; er wurde verurteilt, und, wie in solchen Fällen beinahe üblich, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, im März 1952. Kurz danach starb er…

In katholischen Kreisen ist Maurras und seine Action Francaise bis heute präsent: Erzbischof Marcel Lefèbvre war mit der Action Francaise verbunden und seine traditionalistischen Pius – Brüder sind gewiss keine Maurras Verächter. Denn entschiedene Vertreter der modernen Demokratie und der Menschenrechte sind sie bekanntermaßen nicht. Traditionalistische Klöster, die sich wieder formal mit dem Papst versöhnt haben, wie das Benediktinerkloster Le Barroux, erwähnen Charles Maurras voller Hochachtung noch heute wie einen großen vorbildlichen Denker. Der Abt von Le Barroux gedachte kürzlich, bei einer Trauerfeier für den Front National Anhänger und Freund dieses Klosters Jean Madiran, auch des alten „Meisters“ Charles Maurras in einer Predigt. http://www.nd-chretiente.com/dotclear/public/documents/2013_Documents/2013.08.08_Jean_Madiran_obseques_Dom_Louis-Marie.pdf

Dabei muss daran erinnert werden, dass Papst Pius XI. die katholischen Mitglieder der Action Francaise exkommunizierte. So viel Antisemitismus war dem Papst dann doch zu viel. In langwierigen Versöhnungsversuchen zwischen Rom und der Action Francaise zeigte sich dann Papst Pius XII. großzügig: Angesichts des Kommunismus wollte er einen starken, geschlossenen Katholizismus, eben wieder auch mit Maurras und den Seinen. Maurras hingegen entwickelte sich dann, wie nicht anders zu erwarten, zur stärksten Stütze des Anti – Demokraten Marschall Pétain… Es ist diese übliche Blindheit, wenn nicht das Wohlwollen der katholischen Kirchenführung für rechtsextreme Ideologen, die wieder auch im Falle von Maurra auffällt. Man muss als Reaktionär nur „antikommunistisch“ sein, um die Gunst der römischen Kirche zu gewinnen, die ganze Tragik und der Niedergang der lateinamerikanischen Befreiungstheologie (Leonardo Boff etc.) ist nur so zu verstehen.

Nebenbei: Es verdient weitere Untersuchungen, wie die angeblich so streng weltfernen Karmelitinnen im Kloster von Lisieux darum kämpften, dass sich Maurras und die Action Francaise mit dem Papst aussöhnten. Solche Begeisterung für die Versöhnung verdeckte sicher auch gewisse Sympathien der streng im Kloster lebenden Nonnen für Mauras und Co. In dem Karmelitinnen Kloster in Lisieux lebte bekanntlich die hoch gelobte Mystikerin Theresia von Lisieux (1873 – 1897, heilig gesprochen 1925). Ihre leibliche Schwester und dortige Nonne unter dem Namen Mère Agnès setzte sich für Maurras ein…Die Action Francaise hatte ihre Ideologie weit im Katholizismus verbreitet, bis ins Priesterseminar der Franzosen in Rom, mit dem „einschlägigen“ Spiritanerpater Le Floch. (Vgl. https://www.cairn.info/revue-histoire-monde-et-cultures-religieuses1-2009-2-page-33.htm). Marcel Lefèbvre, der spätere Traditionalistenführer empfing dort als Mitglied im Spiritanerorden seine theologische ideologische Ausbildung.

Der Schriftsteller Jean-Claude Guillebaud schreibt: „En réalité, on voit réapparaître au cœur de l’extrême droite française un courant de pensée qu’il faut bien qualifier de catholicisme athée. L’expression se réfère à une formule de Charles Maurras, fondateur de l’Action française : « Je suis athée, mais catholique. » Maurras voulait dire par là que le message évangélique ne l’intéressait pas, mais qu’il voyait dans l’Église une institution garante de l’ordre social“. Quelle:  Jean-Claude Guillebaud: http://www.lavie.fr/debats/bloc-notes/qui-sont-les-catholiques-athees-16-08-2016-75561_442.php

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Das Wort ergreifen. Aber das Wichtige aktuell und gegenwärtig sagen!

Erinnerung an Michel de Certeau, geboren am 17. Mai 1925

Michel de Certeau (17.5.1925 bis 9.1.1986) war ein französischer Jesuit, und dabei vor allem aber ein selbständiger, vielseitig hoch begabter Intellektueller, ein Soziologe, Philosoph, Historiker… Solche katholischen Intellektuellen gibt es heute nicht mehr. Der europäische Katholizismus ist heute bekanntermaßen intellektuell eher verödet, wenn man an Gestalten wie de Certeau vergleichsweise denkt. Für intellektuelle Lebendigkeit fehlt heute die Freiheit, die Ermunterung, selbstständig und ungeschützt zu denken und Störendes zu sagen im Katholizismus. In Deutschland etwa bestimmen Gestalten wie Manfred Lütz und Martin Mosebach die angeblich intellektuelle katholische Szene. Wer kennt noch einen öffentlich auftretenden, mutigen katholischen deutschen Theologen oder gar einen französischen? Hans Küng wurde gerade 90…. Was für eine Armut sonst…

Pater Michel de Certeau SJ war nicht konform, nicht ängstlich vor Autoritäten. Nur so konnte sein bis heute aktuelles Werk entstehen.

Daran wird in Deutschland auch heute eher nur marginal erinnert. Ulrich Engel hat einige Seiten seiner Studie „Politische Theologie nach der Postmoderne“ dem französischen Jesuiten gewidmet. Interessant ist, dass der Jesuit Papst Franziskus offenbar de Certeau kennt und schätzt.

Nun ist es Zeit, in diesen Erinnerungs“wogen“ an den Mai 68 auch in diesem Zusammenhang an Michel de Certeau zu erinnern. Man kann in der ausgezeichneten, leider in Deutschland fast ganz ignorierten Studie „à la Gauche du christ“ (Seuil, Paris, 2012) lesen, dass de Certeau die Ereignisse des Mai 68 unmittelbar im Geschehen, mitten im Ereignis, deutete: Aber er war – anders als der sehr revolutionär gesinnte Dominikaner Jean Cardonnel damals – „gegen den politischen Gebrauch der Theologie“ (S. 320). Certeau war nüchterner: Er sah analytisch in den Ereignissen Mai 68 das Entstehen einer neuen Kultur und das Abschiednehmen von der alten Sprache und ihrer abgenutzten Formeln und Floskeln.

Certeau sieht in der Sprache der Mystik die einzige Rettung für die vielen Christen, die seit dem außerhalb der Kirche leben. Was den Mai 68 betrifft: „ Certeau erkennt in der Erhebung (Mai 68) den Ausdruck von Erfahrungen, die bis dahin verborgen waren, d.h. unbewusst waren, aufgrund einer Sprache, die diesen Erfahrungen keine Geltung bot“ (S. 321) „Nichts kann nach dem Mai 68 so sein wie vorher“ (322). Diese Prognose mag übertrieben sein, angesichts der theologischen Eiszeiten, die durch die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. betrieben wurden. Aber das Paradoxe aus heutiger Sicht ist: Certeau konnte seine Aufsätze damals, alles andere als bequem in einem traditionell katholischen Milieu, doch in Pariser Jesuitenzeitschriften veröffentlichen, in den „Etudes“ etwa.

Empfehlenswert in unserem Zusammenhang sind die beiden Taschenbücher von Michel de Certeau: „La faiblesse de croire“ (Essais, ed. du Seuil) mit einem wichtigen Vorwort der Certeau Kennerin Luce Girard und:  „La Prise de parole“, (Essais, ed.du seuil, Paris). Beide Bücher kosten jeweils weniger als 10 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Woher kommt das Neue?

Das Februar Heft des Philosophie Magazins

Ein Hinweis von Christian Modehn

In einer Zeit politischer Stagnation in Deutschland, also der Abwehr, qualitativ Neues als das Bessere, d.h. das Gerechtere politisch zu gestalten, ist die Reflexion auf das Neue in unserem Leben vielleicht ein Impuls, mindestens weiterzudenken… Wir leben bekanntlich in einer Epoche des Stillstands und des Verdrängens von Neuem, sozial Besseren,  in der das politische Dogma von Frau Merkel „Ich kann nicht erkennen, was wir jetzt anders machen müssten“ offenbar ungebrochen durchgesetzt werden soll.

Das „Philosophie Magazin“, dieses alle zwei Monate erscheinende, 100 Seiten starke Heft, hat seit Jahresbeginn eine neue Chefredakteurin, Svenja Flaßpöhler. Da lag es nahe, einmal nach Ansätzen für eine Philosophie des Neuen zu fragen. Diesem Thema sind etliche Beiträge gewidmet.

Ich hätte mir gewünscht, anstelle des uns ohnehin ständig in allen Medien begleitenden Interviews mit Reinhold Messner sehr viel mehr zu lesen von dem jungen Philosophen Christian Neuhäuser zu seinem uns bedrängenden Thema „Sich gegen Armut einzusetzen, ist eine Bürgerpflicht“. Richtig, es ist aber auch eine Staatspflicht, falls die herrschenden Parteien mit einem C und einem S (=sozial) im Titel es ernst meinen in ihrer Verantwortung für alle Menschen, die sich in unserem Land aufhalten.

Sehr schön, dass auch einmal ein Philosoph eingeladen wurde,  eine Reportage zu schreiben: Hartmut Rosa (Jena) berichtet ausführlich von seiner Studienfahrt nach China, ein gelungener und schön geschriebener Essay, der die natürlich immer nur partiell wahrnehmbaren kommunistisch – kapitalistischen Realitäten in China heute spiegelt. Ich würde mir solche Reportagen von Philosophen regelmäßig wünschen: Warum nicht auch als Stadt – bzw. Städte-Erkundung, es muss ja nicht immer die Distanz des Flaneurs vorherrschen.

Zum Hauptthema. Sehr inspirierend die Gegenüberstellung kontroverser Meinungen etwa zu den Fragen „Gibt es überhaupt etwas Neues?“ oder „Ist das Neue immer das Gute?“. Bekannt ist sicher ist die Meinung von David Edgerton, dass etliche aktuelle technische Innovationen schon zu Beginn des 20. Jahrhundert gedacht und z. T. entwickelt wurden. Edgerton beklagt zurecht, dass die Welt des Neuen heute fast immer neue technische Welt heißt und dadurch zu „eindimensionalen Vorstellungen von der Zukunft“ führt. Dass der Zufall eine große Rolle in der Naturwissenschaft spielt, wenn sie nach Neuem sucht, betont Hans Jörg Rheinberger. Naturwissenschaftler wollen Bedingungen schaffen, dass „der Zufall wirksam werden kann“. Die Liebe, wenn nicht die Sucht nach Neuem fördert die Mode – Industrie, ob nun für arme Massen gemacht oder als Einzelstück für Menschen mit exklusiven Ansprüchen. In der Mode, auch dieses Thema wird im Heft angesprochen, ist wohl die „Neophilie“, von der Sloterdijk spricht, also die (krankhafte ?) Liebe zu allem Neuen entscheidend. Im Interview mit dem Philosophen Markus Gabriel betont der Unternehmer Frank Thelen, der besonders in junge Technologie – Unternehmen investiert: Angesichts der nicht mehr zu stoppenden Entwicklung immer neuer, hochintelligenter Roboter werden sehr bald äußerst viele Menschen arbeitslos werden: „Das bedeutet, dass wir in den nächsten 10 Jahren krasse ethische Entscheidungen zu treffen haben“. Was er mit „krass“ meint, wird im Interview versäumt durch Nachfrage zu erläutern. Thelen fährt dann fort: „ Das bedeutet aber auch, dass wir uns als Menschheit neu erfinden müssen. Dazu benötigen wir zum Beispiel ein bedingungsloses Grundeinkommen“ (Seite 62). Die neue lange Freizeit, in die dann wohl bald die bisher Tätigen gestürzt werden, zu gestalten, wäre auch ein philosophisch – praktisches Thema für angehende Philosophen etwa, die dann in Gesprächskreisen zu sinnvollen Diskussionen mit den von Robotern Freigesetzen einladen. Ob dabei Roboter den Wein und das Wasser in diesen Runden servieren, wird man sehen.

Merkwürdig abrupt und in sich stehend, d.h. nicht weiter befragt, ist das höchst verstörende Bekenntnis des Unternehmers Frank Thelen „Die Diktatur ist viel besser als Demokratie“ (S. 63, Spalte 3). Was soll dieser wahnwitzige Satz, ist meine kommentierende Frage, selbst wenn Thelen diesen Satz dann kurz erläutert, dass in China, (einer Diktatur, CM), „alles ganz schnell geht, weil man das einfach durchsetzen kann“, so Thelen. Kommt es also vor allem darauf an, „alles (also wohl auch alles ökonomisch viel Profit Bringende) schnell durchzusetzen“? Zum Schluss dieses Statements mildert Thelen sein Bekenntnis etwas ab, in dem utopischen Wunsch, dass es doch gute Diktatoren geben sollte. Ist das alles vielleicht nur Ironie? Der Textlage entsprechend sicher nicht! Der Philosoph Markus Gabriel (Bonn) hält ultra-kurz, aber treffend dagegen: „Einen benevolenten Diktator gibt es nicht“. An dem Punkt ist es wieder bedauerlich, dass nicht weiter nachgefragt wurde. Jedenfalls ist es für mich ein ziemliches Problem, von einem offenbar erfolgreichen Unternehmer zu lesen „Die Diktatur ist viel besser als die Demokratie“, um neue Technologien durchzusetzen.

Dass mich persönlich die Art und der Inhalt stören, wie einige Philosophen und Psychologen –auch in den Heften von Philosophie Magazin – mit der Gottesfrage umgehen, gehört zur philosophischen Debatte, selbstverständlich. Da wird doch nun im vorliegenden Heft im Ernst gefragt, ob sich der Psychologe Steven Pinker „im Alter von 13 Jahren zum Atheismus konvertiert habe?“ (Seite 69). Kann man sich im Alter von 13 Jahren bewusst und reflektiert, das ist ja wohl Konversion, für den Atheismus entscheiden?  Und Herr Pinker antwortet schlicht und ergreifend nur: „Ja“. Danach erläutert er noch die Religion als eine „biologische Notwendigkeit“, eine Behauptung, die auch einfach so stehenbleibt… Die Spuren des Göttlichen, Gottes, der Transzendenz, in unserer nun einmal postsäkularen Gesellschaft zu suchen, in den heutigen Philosophien, aber auch in der heutigen Kunst, Musik, Poesie, in der politischen Aktion usw. wäre ein Thema für viele Hefte des Philosophie Magazin. Denn bekanntlich lebt Philosophieren als lebendiger Vollzug von Philosophie nicht nur dort, wo Philosophie draufsteht. Dieses Thema nun mit einer neuen Chefredakteurin aufzugreifen, wäre etwas Neues für das Philosophie – Magazin.

www.philomag.de

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin!

„Babylon Berlin“: Der Film, die „goldenen Zwanziger“ und die Theologie

Hinweise anlässlich der TV Serie von Tom Tykwer

Von Christian Modehn am 4.10.2017

„Verlockungen und Abgründe“: Das also hat Berlin zu bieten, nicht zuletzt in der Sicht der Künstler, Autoren, Filmemacher. Und dieses Berlin der „Zwanziger Jahre“ steht ab 13. Oktober 2017 wieder einmal ganz groß im Mittelpunkt begieriger Aufmerksamkeit: „Babylon Berlin“ heißt der fast schon erwartbare Titel der Fernsehserie unter der Regie von Tom Tykwer. Die schon jetzt hoch gelobte Serie wird zuerst auf SKY, leider erst ein Jahr später dann in der ARD gezeigt. Aber muss wirklich immer wieder „Babylon“ herhalten, um Haltlosigkeit und moralischen Verfall in Berlin zu signalisieren? Folgt man immer noch der seit Alfred Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ verbreiteten Vorstellung von Berlin als „Moloch“? Unter diesem Symbol fanden sich eher die Benachteiligten und Armgemachten wieder.

„Verlockungen und Abgründe“ gab es zweifellos in den explosiven Nachkriegsjahren, den „Zwanzigern“. Wer diese Jahre als „golden“ (vielleicht sogar als goldig) erlebte, befand sich auf der Seite der „wenigen Glücklichen“ und hatte damit die Macht der Definitionen. Und dies ist wohl heute genauso! Im Überangebot an Lust, Exzessen und Ausschweifungen ist Berlin wahrscheinlich unschlagbar. Dieses Überangebot an Zerstreuung, Unterhaltung und „Kulturindustrie“ (Adorno) zieht bekanntlich nicht nur Künstler, Lebenskünstler, Leute der Start-ups, Studenten hierher, sondern vor allem Touristen: Sie alle „lieben“ (so sagen sie es ständig) die ziemlich absolute individuelle Freiheit in dieser „bunten und schrillen Metropole“ (um noch einmal abgenutzte Klischees zu verwenden). Man lobt die vergleichsweise immer noch erschwinglichen Mieten und die eher geringen Kosten fürs alltägliche Leben. Die Armen in Berlin heute, immerhin ein Drittel der Bevölkerung, also etwa die Hartz IV Empfänger und die Obdachlosen, sehen allerdings NICHT so viel Erschwingliches in dieser Hauptstadt der Verlockungen. Sie leben eher am Rande der Abgründe. Bei dieser zunehmenden Spaltung von Reichen und Armen in ein und derselben Stadt sind wir schon wieder beim Thema „Babylon Berlin“. Da gibt es Straßen in Berlin, da wohnen die Reichen und die Bürgerlichen auf der einen Seite, und ein paar Schritte weiter die Ausgegrenzten: Man denke an „Kreuzkölln“ oder Schöneberg Nord…Verhältnisse, die einst Städteforscher für den Norden von Manhattan beschrieben und beklagten.

Für unseren Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon ist es eine Pflicht, angesichts dieses zweifelsfrei kulturellen TV Ereignisses auf das Berlin der Zwanziger Jahre zu schauen. Natürlich in der uns interessierenden Hinsicht und Rücksicht auf Religionen, Theologien und Philosophien. Auch in dieser Zuspitzung ist dies noch ein sehr weites Feld, das eigentlich nur ein Team von Religions-, Philosophie-, Kirchen- und Literaturhistorikern bearbeiten könnte. Spezielle ausführliche Studien zu diesem eng umgrenzten Thema „Religionen und Theologien im Berlin der Zwanziger Jahre“ sind mir leider bis jetzt nicht bekannt. Vielleicht ist die TV Serie ein Impuls, sich darum zu kümmern.

Ich möchte nur einige Linien und Perspektiven zeigen und vor allem auch einige Fragen stellen in der uns interessierenden Hinsicht .

Zuerst könnte man fragen: Was sagten und wie lebten Theologen, also vor allem Theologieprofessoren, im Berlin der Zwanziger Jahre? An der Universität Unter den Linden gab es ja eine Evangelisch – theologische Fakultät, einst lehrten hier berühmte Leute, wie Schleiermacher und dann Adolf von Harnack. Aber in den Zwanziger Jahren bis 1933 etwa? Wer kennt da als gebildeter Zeitgenosse einen Namen unter den etablierten protestantischen Theologieprofessoren in diesem Berlin von damals? Während die Schriftsteller und Dichter, die Künstler und Musiker in diesen Jahren Berlin zu einem Zentrum kreativer, neuer Kultur machten, lebten evangelische Theologen eher am Rande dieser Welt. Es waren vor allem Schriftsteller und Journalisten, die mit dem Judentum auf irgendeine Weise verbunden waren, die das Leben des Geistes in Berlin prägten, etwa schon in den großen Tageszeitungen damals. Sie waren es, die für die geistige Bewegtheit dieser Jahre sorgten: Dass die Nazis schlechthin „die“ Juden töten wollten, damit auch die jüdischen Intellektuellen, ist eines der größten Verbrechen des 20. Jahrhunderts und der geistige Selbstmord der sich evangelisch, katholisch oder „deutsch-christlich“ nennenden Deutschen.

Unter den nach wie vor bemerkenswerten und aktuellen evangelischen Theologen ragt der junge Paul Tillich hervor. Von 1919 bis 1924 lehrte er als Privatdozent an der Theologischen Fakultät. Eigentlich eine kurze Zeit, aber in diesen Berliner Jahren publizierte Tillich seine bleibend belebenden, provozierenden Gedanken. Etwa zum Atheismus meinte er, seiner Deutung des Menschseins entsprechend: Selbst das Nein zu Gott kann den Menschen nicht von Gott trennen. Denn zurecht abgelehnt wird von Atheisten der Gott, der wie ein besonderes herausragendes Objekt unter anderen verstanden wird. Diesen „endlichen“ Gott (also Götzen) gilt es zu töten zugunsten eines „Gott über Gott“. „Wer Gott mit unbedingter Leidenschaft leugnet, bejaht (den göttlichen) Gott, weil er etwas Unbedingtes bekundet“ (zit. in Werner Schüssler und Erdmann Sturm in ihrer Studie „Paul Tillich“, Darmstadt 2007, S. 46).

Diese Einsichten diskutierte Tillich übrigens schon sehr früh in einem philosophischen Salon, den er damals sehr mutig in Berlin – Moabit, im Bereich der Erlöserkirche, gründete. Wo sind heute theologische Salons in Berlin Moabit, Wedding oder Kreuzberg, möchte man fragen… In der Erlöser Gemeinde war Tillich von 1911 bis 1913 als „Hilfsprediger“ tätig.

Bedeutend ist seine frühe theologische Leistung schon in Berlin, eine Kulturtheologie zu entwickeln: In den Erscheinungen der Kultur gilt es, „die konkreten religiösen Erlebnisse zur Darstellung zu bringen“ (S. 57). Dabei ist für Tillich leitend: „Religion ist die Substanz der Kultur, und Kultur ist die Form der Religion“ (S. 58). Dies sind unerhörte Perspektiven im Berlin der Zwanziger Jahre: Wie wurden diese Erkenntnisse der Kulturtheologie konkret aufgewiesen im Gespräch mit Literaten, Künstler, Malern, auch mit der Welt der „Lebenlust“? Denn an der Lust (an und in) der Stadt Berlin nahm Tillich leibhaftig teil: Er war kein distanzierter Beobachter im Berlin der zwanziger Jahre: Als junger Mann war er Mitglied der „Bohème“, wie Tillich selbst sagte. Er hatte eine „elementare Daseinsfreude und einen Hunger nach Vergnügungen“, so die Tillich Spezialisten Werner Schüssler und Erdmann Sturm in ihrer Studie „Paul Tillich“, Darmstadt 2007, Seite 10. „Er traf sich mit Freunden und Freundinnen in Cafés und Bars, besuchte Bälle und Kostümfeste und geriet in erotische Abenteuer. Er liebte das Unerreichbare und Unkonventionelle…“ (ebd.). Gerhard Wehr schreibt in seiner Tillich – Monographie (Rowohlt, 1979, S. 67): „Doch wenn es ans Tanzen ging, war Tillich in seinem Element. Er wirkte wie elektrisiert. Er tanzte aus Freude an der Bewegung…“.

Ein bewegter, leidenschaftlicher Theologe, der am Leben der Stadt teilnahm: Eine lebenspraktische Konstellation, um neue bewegte theologische Themen zu formulieren. Aber Tillich blieb wohl in dieser nicht verheimlichten, sondern zugegebenen Lebensfreude eine Ausnahmegestalt. Obendrein war er noch eng mit der sozialistischen (USPD) Partei verbunden, Christentum und Sozialismus zu versöhnen, war ein weiteres Thema Tillichs…

Über Dietrich Bonhoeffer in Berlin zu Beginn der Dreißiger Jahre als Assistent an der Theologischen Fakultät der Universität wäre zu sprechen. Man darf auch nicht vergessen: In den eher proletarischen Milieus spielte die explizit kämpferisch – atheistische Freidenker Bewegung eine große Rolle: Aber mit denen sprach kein Theologe! Die Jugendweihen erfreuten sich großer Beliebtheit; es gab Freireligiöse Gemeinden, es wurde die Feuerbestattung propagiert: Dagegen wandten sich alle Theologen und Bischöfe aufs heftigste. Um 1965 wurde dann auch für Katholiken die Feuerbestattung offiziell erlaubt. Leute, die als junge Katholiken gegen die Feuerbestattung kämpften, mussten sich plötzlich sehr umstellen, als diese vom Vatikan erlaubt wurde!

Katholische Theologen (Theologieprofessoren) gab es bekanntlich nicht in Berlin, einmal abgesehen von dem Priester Romano Guardini, der aber als einsamer „Religionsphilosoph“ an einer protestantisch beherrschten Universität (der heutigen Humboldt – Universität) tatsächlich viel – beachtete Vorlesungen hielt. Guardini lag zwar treu auf der Linie des römischen, vatikanischen Katholizismus, er versuchte aber, in seinen Vorlesungen auch mal neue Themen zu bearbeiten, wie etwa die Gestalt des Buddha.

1923 wurde er an den neu errichteten „Lehrstuhl für Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und katholische Weltanschauung an der preußisch-protestantischen Universität Berlin“ berufen. Rechtlich machte die Anwesenheit eines Katholiken Schwierigkeiten, so gehörte Guardini offiziell noch der katholisch – theologischen Fakultät der Universität Breslau an. Ökumene war damals auch bei protestantischen Theologen ein Fremdwort, nicht nur in Berlin.

Guardini blieb bis Mitte der vierziger Jahre in Berlin, erst im März 1939 wurde er „zwangsemeritiert“, vorher also war er für die Nazis offenbar nicht so gefährlich? Noch unter den Nazi-Herrschaft veröffentlichte er 1937 seine umfangreiche Meditation über Jesus Christus unter dem Titel „Der Herr“, vielleicht im Titel ein ganz kleiner, stiller Protest gegen „Den Führer“? Zuvor hatte er in Berlin noch ein Buch über Blaise Pascal veröffentlicht, jenen Mystiker (und Mathematiker), der am Ende seines Lebens leidenschaftlicher Anhänger einer der strengsten augustinischen Gnadenlehren, der Jansenisten, wurde: Was hatte Pascal im Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre für eine Relevanz? Sind seine Vorlesungen noch zu greifen? Wie viele Agnostiker und Atheisten waren unter seinen Hörern, wie so oft in kirchlichen Kreisen heute behauptet wird? Auch seine umfangreichen Meditationen über Christus „Der Herr“ sind merkwürdig befremdlich, die historisch kritische Exegese, die damals bei protestantischen Theologen oft .selbstverständlich war, fehlt völlig. Theologie als Wissenschaft ist das Buch „Der Herr“ jedenfalls nicht. Es ist schon komisch, dass dieser einzige, aber doch eher konservative Theologe und Philosoph Romano Guardini heute im katholischen Berlin so viel Ansehen genießt: Wahrscheinlich liegt das daran: Das theologisch so arme katholische Berlin hat sonst keinen anderen berühmten Namen zu bieten. Man hat die geistige Öde des „katholischen Berlin“ immer mit der „Diaspora – Situation“ zu begründen versucht. Die Minderheit sollte nicht kritisch gebildet werden! Offenbar halten nur dumme Gläubige in der feindlichen Umwelt zu den Dogmen? Heute ist es der Personalmangel an Pfarrern, die ja eigentlich Theologen sein sollten, der die kleiner werden Gemeinden kaputt macht.

Eine ganz ungewöhnliche Rolle spielte in den zwanziger Jahren der katholische Priester Dr. Carl Sonnenschein: Er war aus Düsseldorf 1919 nach Berlin gekommen, um hier außerhalb jeder Gemeinde- Bindung seinen eigenen Stil von „Großstadt – Seelsorge“, wie er sagte, aufzubauen: Unmöglich in knapper Form sein vielschichtiges Werk zu würdigen: Sicher, er war ein Einzelgänger, manchmal autoritär, oft sehr konfessionalistisch am Wohlergehen der katholischen Kirche interessiert: Aber seine soziale Hilfe für die einzelnen, unabhängig von jeglicher Ideologie, ist unbestritten. Kurt Tucholsky lobte ihn! Sein Begräbnis 1929 war eines der größten in Berlin überhaupt mit mehr als 30.000 TeilnehmerInnen aller ideologischen Couleur.

Sonnenschein gründete angesichts der grausamen Wohnungsnot ein eigenes Wohnungsbauprogramm; er kümmerte sich um die kulturelle Förderung der intellektuell sehr vernachlässigten und unterforderten Berliner Katholiken; er schuf eine große Lesehalle an der Friedrichstraße, also eine große öffentliche Bibliothek mit dem Schwerpunkt Theologie und Religionen: Bis heute gibt es in Berlin keine große öffentliche und international gestaltete, selbstverständlich dann aber ökumenische theologische Bibliothek. Ich habe dies schon oft eine Schande genannt, angesichts der Unsummen, die den Kirchen heute auch in Berlin zur Verfügung stehen. Eine „multikultirelle Metropole Berlin“ ohne eine „multireligiöse Spezialbibliothek“ großzügigerweise und uneigennützig finanziert von den Kirchen? Das ist nur ein Traum hier in Berlin.

Sonnenschein war unermüdlich tätig, auch kirchenkritische Worte waren seine Sache: Unvergessen sein immer wieder zitiertes und treffendes Urteil über den Berliner Katholizismus der Zwanziger Jahre „Der Katholizismus in Berlin ist verdammt kleinstädtisch“. Schade eigentlich, dass bis heute kein großer Regisseur über diesen ungewöhnlichen Dr. Sonnenschein einen Film gedreht hat…

Wo also waren die Christen und Theologen in den goldenen Zwanzigern in Berlin? Sie lebten – angeblich – behütet in ihrem eigenen Getto. Man denke daran, dass sich für überzeugte Katholiken – und das waren damals nicht wenige – in den zwanziger Jahren eigentlich der ganze Alltag und die ganze Freizeit in der Pfarrgemeinde abspielte! Dazu habe ich zahllose Zeugnisse aus der eigenen nahen Verwandtschaft gehört, etwa am Beispiel der Gemeinde St. Sebastian in Gesundbrunnen. Es waren kirchliche Parallelwelten zur großen Kulturen der zwanziger Jahre. Und wenn es dann dort in all den Clubs und Tanzlokalen usw. sehr freizügig zuging, dann waren klerikale Moral-Standpauken sofort zu vernehmen. Dass noch niemand eine Mentalitätsgeschichte der katholischen (und in geringerem Umfang wohl auch evangelischen) Gemeindegettos damals (und heute!) geschrieben hat, ist ein Mangel!

Paul Tillich bewegte sich in dieser großen und schillernden Welt der zwanziger Jahre. Kann man sich vorstellen, dass auch Romano Guardini im Berlin der Zwanziger Jahre manchmal tanzen ging? Dass er die Berliner Cafés der Literaten betrat?  Inkulturation (also lebendiger Austausch von Glaube und Kultur) ist ein Stichwort der heutigen Theologie, und es wird oft nur auf Afrika und Asien bezogen. Verwurzelung des religiösen, des christlichen Glaubens in der vielfältigen Kultur im Berlin der Zwanziger Jahre – hat es dies gegeben? Ich wage begründet zu sagen: Von Ausnahmen abgesehen, sicher nicht. Getto war der oberste (UN)wert damals…

Man darf gespannt sein, wie in der TV Serie „Babylon-Berlin“ Religionen und Kirchen „vorkommen“.

Wahrscheinlich wären Philosophen heute am ehesten in der Lage, etwa vom Standpunkt einer epikuräischen Philosophie aus, nach der permanenten Suche nach Luststeigerung im heutigen Berlin zu fragen. Und Soziologen werden feststellen, dass in Berlin mehr Menschen an Wochenenden sich in Clubs vielfältigster Orientierung aufhalten und in den Kinos und Theater- und Opernhäuser als in Kirchen zum Gottesdienst. Gilt also doch „Babylon (ist) Berlin“? Vielleicht nicht, wenn man sich den Perspektiven des jungen Theologen Paul Tillich anschließt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Glaube kommt vom Hören. Oder von der goldenen Gottesmutter? Beobachtungen in Spanien.

Philosophisch – theologische Eindrücke in Spaniens Kirchenwelt heute

Hinweise von Christian Modehn

Wer einige Barockkirchen in Spanien besucht und besichtigt, wird von der Fülle der Bilder, des Bunten, des Vergoldeten als Zierde der Heiligen, der Madonnen, der Kreuze und Himmelfahrten und Trinitäten förmlich erschlagen. Weiter lesen “Der Glaube kommt vom Hören. Oder von der goldenen Gottesmutter? Beobachtungen in Spanien.” »

Philosophie in Lateinamerika: Das umfassende Kompendium liegt vollständig vor.

Dies ist eine kleine Sensation, die in Deutschland endlich Aufmerksamkeit – auch bei den Verlagen – finden sollte: Nach 30 Jahre dauernder Arbeit liegt die 34 Bände umfassende Enzyklopädie zur iberoamerikanischen Philosophie jetzt (Anfang Juli 2017) vollständig vor! Mehr als 500 Autoren haben an diesem umfassenden und von nun an wohl maßgebenden Werk mitgearbeitet. Die Enzyklopädie bietet Darstellungen zu den klassischen philosophischen Disziplinen, aber auch zur Philosophie etwa der Indigenas sowie zur „Philosophie der Philosophie“. Der Philosoph Reyes Mate hat das Projekt von Anfang an inspiriert und betreut. Wir werden auf dieses grundlegende Buch später ausführlicher zurückkommen. Zunächst also nur der Hinweis, dass der Blick europäischer Philosophie sich immer mehr weitet in die Philosophien außerhalb Europas, selbst wenn diese, wie im Falle Lateinamerikas,  europäische Impulse stark in sich bergen. Auf die wichtige und durchaus eigenständige lateinamerikanische Philosophie der Befreiung (inspiriert von Prof. Enrique Dussel, Mexiko) wurde schon früher empfehlend hingewiesen!

Enciclopedia Iberoamericana de Filosofia. Editorial Trotta y Consejo Superior de Inverstigationes Cientificas. 34 Bände, sie kosten zusammen 657,40 Euro.

„Mit freiem Willen das Böse getan und Hitler unterstützt“: Carl Eduard, der Herzog von Coburg (gest.1954)

Ein Hinweis auf eine historische Studie: Ein „hoch“- adliger Überzeugungstäter

Von Christian Modehn

Vor kurzem erschien eine wichtige wissenschaftliche Studie des Historikers Professor Hubertus Büschel (jetzt Uni Groningen NL) über den leidenschaftlichen Nazi, SA Mann und Hitlerfreund Herzog Carl Eduard von Coburg. Dieses Buch widmet sich dieser Person aus dem Hochadel, von der eine breitere Öffentlichkeit, außerhalb Coburgs, wohl eher geringe Kenntnisse hat. Und man wundert sich, dass noch nicht ein großer Spielfilm über diesen herzoglichen NAZI gedreht wurde! Kommt vielleicht noch, die historischen Orte sind ja alle bestens erhalten. Denn Coburg wurde fast nicht bombardiert. Weil dort ein Nachkomme des englischen Königshauses saß?

Angesichts dieser Fragen: Um so erfreulicher die Studie von Hubertus Büschel über Carl Eduard, den Enkel von Queen Victoria: Geboren wurde er in England 1884 und schon 1905 Regent von Coburg.

Im Rahmen unserer philosophischen Interessen ist dieses Buch wichtig, weil es konkret den Blick richtet auf die faktische Entwicklung von Unmoral und: Wie ein Mensch aus egozentrischen Gründen zum Täter in einem mörderischen Regime wird.

Das Buch von Hubertus Büschel endet mit einem philosophischen Hinweis: „Beim Handeln im Nationalsozialismus gab es immer auch einen freien Willen…“ (S. 239). Diese Erkenntnis wird auf Carl Eduard bezogen, den Herzog von Coburg, der alles getan hat, so wörtlich, „eine Politik (Hitlers) zu kaschieren, die sich ganz unverhohlen aggressiver Expansion, Rassismus und Antisemitismus verschrieb – und letztlich zum Tod von Millionen Menschen führte“ (ebd). Carl Eduard, der Herzog aus englischem Königshaus, tat dies alles freiwillig. Er folgte nicht seinem Gewissen und wurde zum Täter im Nazi-System. „Jedenfalls nutze er seine Bekanntschaft mit Hitler, Himmler und Heydrich nie, um… Juden vor der Deportation zu retten…Wann immer jemand sich auf der Suche nach Hilfe an den Herzog von Coburg selbst wandte, schritt dieser den üblichen Dienstweg ein und denunzierte die Betreffenden beim Gestapo-Chef Heydrich“ (S. 231). So weigerte er sich auch, die Witwe des bekannten Malers Liebermann, Martha Liebermann, zu retten….

Mit „kaschieren“ meint Hubertus Büschel die Tätigkeit des Nazi-Herzogs in seiner Funktion als Chef des Deutschen Roten Kreuzes: Auf seinen zwei Weltreisen als NAZI-DRK Chef hat er führende Politiker in den USA belogen und das Nazi Regime als human dargestellt, was diese Politiker dann lange Zeit glaubten und ihre Politik offenbar nach diesen Lügen ausrichteten.

Wer heute Coburg besucht mit seiner entsprechenden „Veste“ und den Schlössern dieses Herren, findet eigentlich unglaublich wenige kritische Erinnerungen an diesen Verbrecher, denn das sind ja wohl „Täter“ in der Nazi-Herrschaft.

Carl Eduard hat sich schon 1922 voller Sympathie Hitler zugewandt, er wurde SA Obergruppenführer und war seit 1933 Mitglied der NSDAP. Als Chef des Nazi-gesteuerten „Deutschen Roten Kreuzes“ tat er, wie gesagt, alles, um Hitler als seriösen Politiker erscheinen zu lassen.

Coburg war schon vor 1933 ultra-braun, mit entsprechenden Schikanen gegen Juden und Sozialdemokraten. Dass die Juden aus Coburg vertrieben und vernichtet wurden, ist sicher auch Carl Eduards Mit-Schuld. An die jüdische Vergangenheit in Coburg habe ich außer einer „Judengasse“ sowie einigen im Boden befindlichen „Stolpersteinen“ sowie einem eher wenig spezifischen Gedenkstein auf dem Friedhof nichts entdeckt. Eine jüdische Gemeinde gibt es in Coburg nicht mehr.

Bei den Wahlen 1929 errang die NSDAP 43,1% der Stimmen. Seit 1939 konnte Coburg die Ehrenbezeichnung „Erste nationalsozialistische Stadt Deutschlands“ führen. Dies alles nur aufgrund des Engagements des Herzogs Carl Eduard.

Bis 1945 war Carl Eduard Hitler treu ergeben; was er nach 45 dachte, ist noch unklar. Ob er dann ein „lupenreiner Demokrat“ wurde, ist bei seiner totalen Verblendung eher unwahrscheinlich.

Das Buch des Historikers Hubertus Büschel (er wurde in der Nähe von Coburg 1969 geboren) kommt zur richtigen Zeit, weil bei der heute allgemein wieder zunehmenden Rechts-(Extrem)-Lastigkeit endlich Wissenslücken etwas überwunden werden. Ein Beispiel: Die Tochter Carl Eduards, Prinzessin Sibylla, ist die Mutter des amtierenden Königs Carl XVI. Gustaf von Schweden; er besucht öfter noch das schöne Coburg, so ist zu hören. Der Hochadel und die Nazis: Ein unbekanntes Thema…

Hier kann die lange Nazi-Geschichte des Herzogs Carl Eduard, wie sie die Buch leider manchmal noch zu kurz dokumentiert, nicht wiedergegeben werden. Wichtig ist: Dieser Nazi-Verbrecher wurde nach 1945 als Mitläufer freigesprochen: Ihn hat „reingewaschen“ seine alte Nazi-Kameradschaft, seine herzogliche Autorität, sicher auch die jetzt allgemein bekannte NS-Bindung der meisten Richter in der BRD nach 1945 sowie vor allem seine adlige Herkunft aus England. Wer will schon einen Angehörigen des englischen Hochadels für 30 Jahre ins Gefängnis bringen. Was hätte denn dann die liebe Königin Elisabeth gedacht? So wurde „Recht“ gesprochen, Schuldige wurden reingewaschen…. und Carl Eduard zu einer Strafe von 5000 Mark (sic) verurteilt (S.235). Der treffende Begriff „Klassenjustiz“ hätte hier sein gutes Recht!

Leider wird in der Studie nur kurz die Verquickung der dortigen evangelischen Kirche mit dem Herzog seit 1922 dokumentiert; erwähnt wird, dass die Trauerfeier für den Nazi-Herzog am 10. Mai 1954 von dem lutherischen Dekan Curt Weiß geleitet wurde. Er sagte so viel Unverschämtes, etwa: Der Herzog sei in „seinem guten Glauben, seinem aufrechten und edlen Sinn und seiner unerschütterlichen Treue missbraucht und schließlich im Stich gelassen worden“. Vom wem wurde er im Stich gelassen? Seine Nazi-Freunde standen doch zu ihm und bis auf das britische Königshaus hatten viele große adligen Herrscherhäuser von Holland über Norwegen und Preußen (Prinz Louis Ferdinand) ihr tiefes Beileid der Witwe mitgeteilt…Im Jahr 2017 wird in Coburg auch wieder an Luther in Coburg erinnert, dies wäre eine gute Gelegenheit am richtigen Ort, über die Verquickung von lutherischer Theologie zu autoritären Systemen nachzudenken und überhaupt zu fragen: Was hat uns der „politische Theologe“ Luther heute eigentlich noch zu sagen? Wahrscheinlich wenig! Luther liebte die Herrscher! Lutheraner waren nie Revolutionäre. Wer besser weiß, melde sich bei mir…

Eine erfreuliche Nachricht: Die Stadt Coburg hat – endlich !!!, 70 Jahre nach den Nazi-Verbrechen, an denen der Herzog Carl Eduard von Coburg direkt beteiligt war – eine Historiker-Kommission eingesetzt: Sie soll die braune Geschichte Coburgs endlich freilegen. Mal sehen, wann die ersten Forschungsergebnisse vorliegen.

Hubertus Büschel, „Hitlers adliger Diplomat. Der Herzog von Coburg und das Dritte Reich“. S.Fischer Verlag Frankfurt a.M. 2016, 336 Seiten, 22,99€.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Zu viel Luther? Einige Fragen zum (Bücher) Kult um den Reformator

Eine Art  Luther (- Bücher -) Boom hat gewisse Bereiche des kulturellen und religiösen Lebens in Deutschland erfasst: Claudia Keller hat im „Tagesspiegel“ vom 23. August 2016 (Seite 6) für den Herbst etwa 50 neue Bücher über Luther gezählt, es werden nicht die (zeitlich gesehen) letzten sein. Der Reformator aus Wittenberg in allen nur denkbaren Variationen wird da „behandelt“. Nur einige Beispiele: „Luther für Eilige“, „Luther für Neugierige“, „Mensch Luther“, Luther der Rebell“ und so weiter. Bald werden wohl diese Titel folgen: „Luthers liebstes Bier“, „Luthers Geheimrezepte“, „Luthers unbekanntes Liebesleben“  usw. Man muss sich fragen: Haben die Autoren und die möglichen LeserInnen keine anderen Sorgen, als alle Details zum Reformator Luther zu verbreiten und zur  Kenntnis zu nehmen? Soll ein neuer, aber ganz alter, nämlich spätmittelalterlicher  „Nationalheld“ etabliert werden? In Zeiten, in denen „die Nation“ leider in sehr rechtslastigen Kreisen wieder zu wichtig genommen wird? Schwappt wieder einmal die Vorliebe für Sekundärliteratur über und vernichtet alle Lust, Luthers eigene Werke selbst zu lesen? Und vor allem: Welche geistigen und theologischen Energien werden fest gelegt, wenn sich im Reformationsgedenken 2017 dann doch offenbar alles um Martin Luther dreht? Erwartet die Welt, um es einmal großspurig zu sagen, erwartet die Welt heute inmitten von Kriegen, Aggressionen, von Mord und Todschlag und Verhungernlassen ganzer Städte, von Erdulden der Herrschaft von Diktatoren, von Verzweiflung weiter Kreise der Menschheit usw. usw. wirklich, dass sich große Verlage und viele tausend Leser so hyper-intensiv mit Luther befassen? Da sage „man“ bitte nicht, alle diese großen entsetzlichen Probleme der Menschheit von heute fänden doch in Luthers Büchern eine Antwort. Etwa gar in seiner eher grausigen augustinischen Lehre von der Erbsünde und der angeblich daduch total verdorbenen menschlichen Vernunft? Zudem: Ist der massive, kommerziell bedingte Bücherboom zu Luther vielleicht eine umgekehrte Fortsetzung des Ablasshandels? D.h. Wollen sich Autoren (und Verlage) frei kaufen von der Notwendigkeit und in unserer Sicht der Pflicht, einen einfachen, einen elementaren, modernen und nachvollziehbaren und berührenden Glauben zu formulieren – jenseits der alten Formeln und dogmatischen Floskeln, die heute selbst sehr nachdenkliche Menschen beim besten Willen nicht mehr verstehen und mitvollziehen können. So versteckt man sich in Theologenkreisen angstvoll in der ewigen Luther-Interpretation, anstatt einen modernen christlichen Glauben neu vorzuschlagen; selbstverständlich auch in einer neuen, entstaubten Kirche. Darum macht man es sich mit dem Bücher-Boom und den bevorstehenden Festivals im Reformationsgedenken 2017 wohl zu einfach, zu bequem. Wem ist damit gedient, d.h.spirituell „geholfen“? Ist das nicht alles Spektakel? Wer fragt, inwiefern und warum die römische Kirche immer noch – 500 Jahre nach der Reformation – an den „Skandalthemen“ Luthers festhält, wie Ablasswesen, Klerikalismus, Ablehnung einer synodalen Struktur der Kirche, Zölibat, Unfehlbarkeit des Papstes usw.? Gibt es da Grund zum Feiern? Anstatt diese Fragen zu stellen: Schreibt man lieber Bücher, die Luther als den „Propheten der Freiheit“ feiern, vielleicht bloß der inneren, der geistigen Freiheit? Wer schreibt über die grausigen Kämpfe und Attacken zwischen Lutheranern und Calvinisten bis ins 18. Jahrhundert? Merkwürdig ist zudem, dass bis heute der Augustinerorden, dem Luther bekanntermaßen angehörte, nicht die minimalste Äußerung zu seinem „Mitbruder“ Martinus publiziert hat? Ist dem Augustinerorden dieser Mitbruder Martinus nur peinlich? Stört er das Ordensleben? Wenn ja, wie? Dazu würde man doch gern etwas vernehmen: „Katholisches Ordensleben heute trotz Luther“

Wenn man sich schon als philosophischer Religionskritiker mit Reformatoren von einst befassen will, dann empfehlen wir zwei unterschiedliche Reformatoren, die im Luther-Rausch der offiziellen Kirche natürlich, möchte ich fast sagen, untergehen und ins Vergessen gedrängt werden. Ich meine den Reformator und Theologen Thomas Müntzer und den Reformator und Theologen Jacob Arminius. Sie können den Namen klicken und werden zu weiterem kritischen Fragen und Nachdenken weiter geführt… über Luther hinaus, natürlich.Und dann wird man doch auch wieder sich Erasmus von Rotterdam zuwenden, dem moderaten, philosophisch gebildeten Theologen, der genau wusste: Auf eine kluge, man möchte sagen, vernünftige Reduzierung dieses ganzen Dogmen-Balastes des Christentums kommt es, also auf ein zeitgemäßes „Wesen des Christentums“. Dieses Projekt wird in Deutschland, von der „neuen liberalen Theologie“ abgesehen, nicht bearbeitet. Wäre aber der wichtigste Beitrag im Luther-Jahr.

PS: Zu einem leider wenig beachteten Aufsatz über Erasmus: „Erasmus und sein Gott“ des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski, 1965 erschienen. Noch nachzulesen in: L.K.: „Geist und Ungeist christlicher Traditionen“, dort S. 44 bis 58. Merken wir uns, im Blick auf den in dieser Hinsicht völlig verstörten Luther, der der Vernunft und damit der Philosophie nichts zutraute: Kolakowski schreibt über Erasmus` Lehre: „Es ist nicht wahr, dass die Natur und die natürlichen Fähigkeiten (also die Vernunft) durch den Satan monopolisiert sind…Ein durch Gott geschaffener Mensch kann nicht einfach nur böse sein“ (S. 51). Das Böse, vorhanden, muss nicht über die Erbsünde im Sinne Luthers verstanden werden. Solche Mythen braucht der heutige Mensch nicht, der weiß, dass Freiheit immer „böse Dimensionen“ hat…Wie sehr Luther mit seiner Polemik das allgemeine „Licht“ der Kultur  verdunkelt hat, mit unabsehbaren Folgen:  DARAN muss man sich erinnern im berühmten Reformationsgedenken 2017!  Und sich von diesem Aspekt Luthers befreien.

copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin

Siglo de Oro: Das goldene Jahrhundert: Es war gar nicht so golden.

Hinweise anlässlich der Ausstellung „El siglo de oro“  vom 1.7. bis 30.10.2016 in der Gemäldegalerie Berlin.

Von Christian Modehn im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 15. 7. 2016

Manche haben gefragt, warum beschäftigen wir uns als philosophischer Club, als religionsphilosophischer Salon, mit dem „siglo de oro“ in Spanien. Zumal an einem Tag, an dem der schreckliche Terror gegen so viele Menschen in Nizza bekannt wurde.

Aber sollten wir in unserem Salon an diesem Abend über den Täter spekulieren? Hätte das Erkenntnisgewinn gebracht? Sicher nicht. Politische, oft haltlose Spekulation ist etwas anderes als (klassische, metaphysische ) philosophische Spekulation. Zumal: Philosophisch darf eben nicht nur auf eine einzelne Tat gestarrt werden, sondern auch das historische Umfeld (Kolonialzeit, Kriege gegen Irak, Gewährenlassen des Massenmörders in Syrien usw.) muss immer kritisch mit-betrachtet werden. Hegel nannte das wohl „konkretes Denken“. Und das ist in Politikerkreisen z.B. kaum lebendig, weil es peinlich ist, weil es zum Eingeständnis von groben Fehlern führen müsste. Angesichts des unerfreulichen, nur der „grande nation“ dienenden Verhaltens der französischen Regierungen auch nach dem Ende des Kolonialismus gegenüber den Menschen in (Nord-) Afrika, wäre zu betonen, wie dies Rudolf Balmer von der TAZ am 16. Juli auf Seite 3 treffend schreibt:“Das hat in diesen afrikanischen Ländern mitunter ein (für Frankreich CM) feindseliges Bild geschaffen, für das die Staatsführungen in Paris eine große Mitverantwortung tragen“. Weiterhin wäre von der zwanghaften, staatlich befohlenen Anpassung der Muslime an die nicht-muslimische französische Gesellschaft, etwa in der rigiden Kleiderordnung usw., zu sprechen. An die ökonomische Ausgrenzung der eher zweitklassigen „Ausländer“ in den grausigen Vorstadtgettos wäre zu erinnern usw. Da wurden und werden vom Staat und der Gesellschaft Fakten gesetzt, die nicht dem Frieden dienen. Heute sieht man das Ergebnis. Das heißt natürlich auch,  dass terroristische Verbrecher eben Verbrecher sind und als einzelne auch Schuld auf sich laden und bestraft werden müssen. Aber die Dialektik zwischen Einzeltätern und dem umgebenden kulturellen, ökonomischen Milieu muss gerade im Falle Frankreichs mit berücksichtigt werden…

Darüber wollten wir am 15.7. nicht spekulieren. Wir haben über das siglo de oro gesprochen und dabei entdeckt: Wie ein Staat sich damals geistig und ökonomisch letztlich zugrunde richtete, weil er zur Toleranz nicht in der Lage war.

Lesen Sie also die Hinweise, die von Christian Modehn am 15.7.2016 zur Diskussion gestellt wurden.

Das Goldene Zeitalter, das 17. Jahrhundert in Spanien, wird als golden bewertet und dargestellt und propagiert in einer bestimmten Hinsicht: Diese spezielle „Hinsicht“ macht philosophisches kritisches Fragen aus.

Das 17. Jahrhundert war golden wegen der künstlerischen Leistungen vor allem der Maler und Bildhauer, aber auch der Dichter. Das tatsächliche Gold glänzte zwar in den Kirchen und Palästen, auch wenn Spanien viel erbeutetes Gold aus Amerika in den zahlreichen Kriegen im 17. Jahrhundert förmlich verpulvert hatte.

Und übrigens tut es wohl Spanien heute trotz aller Millionen von Touristen gut, an die Leistungen der eigenen Kultur damals zu erinnern. Und, mit Verlaub gesagt: So viel Großes bleibt ja dann, abgesehen von Goya, auch nicht viel übrig bis zum Ende der Franco-Zeit 1975.

Wer von diesen künstlerischen Leistungen in der Kunst absieht, entdeckt ein Spanien in erbärmlichen, auch ökonomisch erbärmlichen Zuständen. Tatsächlich aber war das 17. Jahrhundert in Spanien vor allem ein weithin rassistisches Jahrhundert.

Und dies war dadurch bedingt, dass der Hof, der König und seine Regierung tief überzeugt waren, dass Spanien nur eine einzige Religion haben darf. Nur einzige Ideologie sollte herrschen, weil nur diese eine den Zusammenhalt des tatsächlichen Welt-Reiches gewährleisten konnte, glaubte der sich immer katholisch definierende König. Wir erleben also an einem Beispiel, wie ein Staat aussieht, wie er auch ökonomisch verkommt und kulturell sehr eng wird, wenn er Pluralität nicht wünscht, also keine Toleranz kennt, und Andersdenkende verfolgt und tötet. Man möchte also einmal mehr sagen: Es ist die Toleranz und die reale Vielfalt in Gleichberechtigung, die einen Staat, die die Kulturen lebendig macht. Trotz dieser Belastungen sind die künstlerischen Werke, die etwa auch in der Ausstellung „El siglo de oro“ gezeigt werden, aller Beachtung wert. Sie inspirieren, auch wenn sie im Schatten der allseits drohenden Inquisition gemalt wurden.

1.  Zur KUNST

Die Künstler, die Maler und Bildhauer, galten dem Ansehen nach, im Unterschied zu Literaten etwa, wenig im Spanien des 16. und 17. Jahrhunderts. Sie galten eher als Handwerker. Um in der Geltung „aufzusteigen“, bemühte sich etwa Diego Velázquez, in den „Santiago-Ritterorden“ aufgenommen zu werden, und das war angesichts der Hierarchien nicht einfach.

Wer heute diese Gemälde betrachtet, entdeckt eine starke thematische Festlegung, aber dabei auch ein großartiges Können:

Es sind wirkliche, leibhaftige, lebendige Menschen, die uns anschauen; es sind Menschen, die untereinander agieren, zusammenstehen, trauern, beten usw. Diese Gesichter bewegen uns. Diese Kunst ist von einem ausdrucksvollen Realismus geprägt, oder besser: Von einer Bezogenheit auf die Wirklichkeit. Manche Interpreten sprechen gar, etwa im Falle von Velazquez, von beinahe fotografischen Leistungen.

Man denke etwa an das wohl berühmteste Bild von Velazquez „Las Meninas“, Die Hoffräulein, von 1656: In der Mitte die fünfjährige Königstochter Margarita. Alle Personen sind historische Personen. Dem Namen nach bekannt, es ist das Atelier des Malers im Alcazar. Velázquez zeigt sich selbst als Santiago-Ritter; das Königspaar ist im Spiegel zu sehen; selbst die Zwerge werden gezeigt, sie sind hier keine Untermenschen, kein Spielzeug. Es ist ein Moment, wo man glaubt: Die Zeit steht still. Es werden Seelen gezeigt, hat ein Historiker gesagt, aber es sind immer wieder wie hier auch Menschen-Seelen, die nicht lachen, nicht lächeln. Ein dauerhafter Schatten von Melancholie und Trauer ist deutlich, auch auf den späten Porträts von Philipp IV.

Zu den Zwergen: Wunderbar ist auch das Gemälde, das den gelehrten Zwerg, der Hofnarren, zeigt mit dem Buch. Ein kluges Gesicht: Der Hofnarr als gebildeter Mensch.

Nach meinem Eindruck fehlen die Alltagszenen, bodegón genannt: Diese gibt es zwar, etwa die alte Frau, die sich Eier brät oder die essenden Kinder, aber es wird auch dort kaum gelacht, es ist keine Zuversicht mehr da. Das Land selbst versinkt im Elend trotz allen früheren ökonomischen Reichtums. In dieser Situation, auch der Verteidigung des Katholischen um jeden Preis gegen Protestanten, Juden und Muslime,  werden Bilder und Skulpturen, man möchte sagen en masse, geschaffen, die den Gekreuzigten Christus zeigen oder die leidende Mutter Jesu, Maria. Mit aller Präzision wird von Gregorio Fernandez „Der tote Christus“ als Skulptur (um 1627) dargestellt, mit echt erscheinenden blutunterlaufenen Wunden und mit echt wirkenden Fingernägeln aus Stierhorn, Zähnen aus Elfenbein usw. Eine tiefe Bewegtheit, eine seelische Erschütterung soll von dieser Skulptur wie von allen Darstellungen des leidenden Christus ausgehen. Wenn Murillo in Sevilla die Werke der Barmherzigkeit zeigt, dann will er damit ausdrücklich zur Nachahmung auffordern. Diese religiösen Bilder haben explizit – angesichts des weitest verbreiteten Analphabetismus – die Tendenz, zu bilden und zur Nachahmung aufzurufen, 90 % der Bevölkerung können weder Lesen noch Schreiben.

Wenn man diese Tendenz auf die Bilder des leidenden Christus überträgt, und das muss man wohl, dann soll der Betrachter, also auch das gläubige Volk, zur Annahme des eigenen Leidens aufgefordert werden. Und das gilt dann als Christusnachfolge. Nun gibt es immer wieder Leiden unter den Menschen, aber es gibt auch von Menschen gemachtes Leiden, etwa durch die brutale Verfolgung der damals in Spanien allgegenwärtigen Inquisition: Wollten diese Leidensbilder Christi auch daran gewöhnen, an diese grasuige politische Unmenschlichkeit? Diese Frage der Leidens-Propaganda durch Kunst wird meines Erachtens kaum diskutiert: Darin könnte sich eine gewisse Abartigkeit der offiziell propagierten Frömmigkeit zeigen, so sehr auch den einzelnen in seinem Leiden und in seiner Todesangst möglicherweise dieser leidende Christus dann doch tröstet und bewegt…

Hinzu kommt: Die Fülle der Vanitas Gemälde, der Bilder der Sinnlosigkeit und Vergänglichkeit, sie sind auch in Holland beliebt, immer mit Totenköpfen auf dem Tisch, man denke etwa an Harmen Steenwijk oder Pieter Claesz zur gleichen Zeit (1630). Aber dass ausschließlich nur Folianten, Bücher als Vanitas – Darstellungen vorkommen, umgeben noch von einer ablaufenden Uhr und einem Federkiel wie in einem anonymen Gemälde aus Madrid um 1639 mit dem Titel „Bücherstillleben“, das ist schon ungewöhnlich: Darin drückt sich die für Spanien damals typische Verachtung der freien Forschung, der Vielfalt der Bücher und der umfassenden intellektuellen Schulung aus. Die Botschaft ist: Bücher sollten zugebunden bleiben und eigentlich nur staubige Masse sein.

In der Kunst duldete die Inquisition keine weiblichen Akte, eines der wenigen Akt-Gemälde ist die „Venus im Spiegel“ mit einem nackten Rücken. Von Velázquez gemalt, 1644, offenbar für einen privaten Sammler.

Die Künstler Spaniens ordnen sich den fast immer kirchlichen und königlichen Auftraggebern unter; die allmächtige Kirche, sie ist von der Steuerzahlung befreit und durch Geschenke usw. sehr reich, auch in den Klöstern, steht noch im Glanz da. Und die Mönche bestellen etwa bei Zurbaran immer die selben Motive … der Kreuzigung und der Heiligen.

Entscheidend ist: Durch die Inquisition war das Themenspektrum der Kunst äußerst eingeschränkt. Das sagen alle Historiker. Und trotz dieser Einschränkungen wurden noch schöne Bilder geschaffen.

Aber im ganzen gesehen, das ist ein unbezweifelte Tatsache: Es herrschte im „siglo de oro“ die Stagnation. Manche sagen: Nicht das Goldene, sondern das Eisenerne Zeitalter war bestimmend..

Aber von dem Niedergang, ökonomisch, gesellschaftlich, geistig im Spanien des 17. Jahrhunderts ist in den Werken des siglo de oro eigentlich nicht so viel zu spüren. „Die Bilder von Velazquez verraten selten etwas von den Kämpfen seiner Zeit, der sich immer mehr verschlechternden Lage Spaniens, den Sorgen von König und Volk…. Keine der Tragödien seiner Zeit tritt in Velazquez Werk zutage. Was sich ihm, Velazquez, darstellte, ist STOLZ, und zwar Stolz als Lebensform“. (in: Velazquez und seine Zeit, TIME-Life 1972, Seite 135.

Mit Stolz könnte man auch sagen: EHRE, in der Sicht der anderen geehrt werden, wie dies Juan Goytisolo auch schreibt, als einer Grundhaltung „der“ Spanier.

2. Spanien im 17. Jahrhundert

Es gibt in dem Roman von Miguel de Cervantes (1547 bis 1616), Don Quijote, bereits das Wort vom Goldenen Zeitalter, allerdings bezogen auf eine Erzählung: Der Protagonist lässt vor Ziegenhirten eine Lobrede auf die glücklichen Zeiten halten, „welche die Alten die goldenen Zeiten genannt haben“. Damals habe es keine sexuelle Zudringlichkeit gegeben, und die Erotik sei nur von der Neigung und dem freien Willen der Beteiligten abhängig und keinem äußeren Zwang unterworfen gewesen. Die eigene Gegenwart meint Cervantes jedenfalls damit nicht.

Das Wort vom goldenen Zeitalter ist ein Titel, der im Rückblick formuliert wurde, wenn man in noch schlimmeren Zeiten auf dieses 17. Jahrhundert schaut.

Wie war die gesellschaftliche Situation? Seit 1492 sind die Muslime „endgültig“ vertrieben. Das Land ist muslimfrei, sie leben unter ständiger Kontrolle als die zwangskonvertierten Moriscos. Zu Begin des 17. Jahrhunderts wurden sie vertrieben und nach Nordafrika zurückgebracht.

Die Juden in Spanien mussten zum Katholizismus übertreten, wenn sie in Spanien bleiben wollten. Aber wenn sie konvertieren, begegnen ihnen die so genannten Altchristen voller Misstrauen, das sieht man am Beispiel der Heiligen Theresia von Avila. Von Theresa von Avila wurde jetzt ein Zitat entdeckt, das treffend auch die frauenfeindliche Mentalität in der Kirche ausdrückt: „Dir, Gott, hat vor den Frauen nicht gegraut“. Dieses Wort wurde dann von der Inquisition geschwärzt, es war diesen Herren nicht möglich zuzugestehen, dass Gott vor den Frauen nicht graut… (Dies ist übrigens der Titel eines Buches über „Mystikerinnen in der Christentumsgeschichte“, 2016, Kohlhammer Vl.).

So entwickelt sich seit dem 15. Jahrhundert eine merkwürdige Haltung unter den etablierten, alt-christlichen und sich rassistisch für blutrein haltenden „eigentlichen Spaniern“. Der Geist der Muslime wird prinzipiell verachtet, weil sie in ihrem Alltag sexuell freizügig lebten, meint man. Jedenfalls lassen die Katholiken in Granada nach der Muslim-Vertreibung gleich alle Badehäuser schließen. Auch die Wissenschaft wurde von vielen Muslimen betrieben, für die Altchristen in Spanien gilt Wissenschaft als muslimisch, sie wurde auch deswegen als freie Forschung abgelehnt. Bildung soll keine große Achtung haben. Forschung auch nicht. Die Inquisition bestimmt das ganze geistige Leben mit ihren Verboten. Es ist eine Zeit der Intellektuellen-Feindlichkeit. Juan Goytisolo weist darauf hin,  dass der Ruf der Faschisten unter Franco „Nieder mit der Intelligenz, es lebe der Tod“ (S. 64) ein „Echo ist der altchristlichen Spiritualität, die im 16. Jh. das spanische Leben prägte“… Schon unter Philipp II. wurde die Wissenschaft verachtet. „Niemand kann nur halbwegs gründlich die schönen Wissenschaften pflegen, ohne dass sogleich ein Haufen Ketzereien und jüdische Mängel entdeckt werden“, sagt der Sohn des Generalinquisitors Rodrigo Manrique. (in Goytisolo, S 38). Im „Goldenen Jahrhundert“ schreibt der Jesuit Baltasar Garcian in einer bei ihm seltenen politischen Deutlichkeit über seine Gegenwart: „Die Philosophie ist außer Ansehen gekommen… die Wissenschaft der Denker hat alle Achtung verloren, eine zeitlang fand sie Gunst bei Hofe, jetzt gilt sie für eine Ungebührlichkeit“. (Handorakel, S. 55, Nr. 100)

Und die Juden waren die guten Geschäftsleute und die Händler: Aus anti-judischem Ressentiment lehnen die Altchristen für sich selbst Handel und Wirtschaft ab. Man darf ja nicht als „Jude“ erscheinen, das wäre gegen die Ehre… Also sind die „blutreinen“ altchristlichen Spanier nur Ritter, nur Adlige, nur Klerus und Mönche, und eben die Armen in den Städten und den Dörfern, die kaum das Nötige zum Überleben produzieren. Dies ist eine Zeit der selbst verursachten ökonomischen und geistigen Lähmung. Es war, noch einmal, eine rassistische Zeit, es wurde Wert gelegt auf die Reinheit des Blutes

Der Verlust so vieler tausend Moriscos und der Maranen führte auch zu einer wirtschaftlichen Katastrophe: Kenntnisreiche Händler und Handwerker fehlten. So geht es eben einer Regierung und einem König, der der Stimmung des Volkes folgt und Rassismus in die eigene Politik bestimmend übernimmt.

Nebenbei: Als Judenchristen von der Inquisition verfolgt und verbrannt wurden, hat man deren Besitz vonseiten der Inquisition sofort übernommen. Was die Nazis später taten, hatte also historische Vorbilder.

3. Wer vom goldenen Jahrhundert spricht, muss auch vom realen Gold sprechen, das den Ureinwohnern Amerikas von den Spanien geraubt wurde.

Alles Gold und Geld, das aus den so genannten Vize-Königreichen Lateinamerikas kam, wurde für die vielfältigen Kriege ausgegeben. Viel Gold ging unterwegs in die Hände der Seeräuber und der „bandoleros“ zu Lande.

Nur ein Hinweis, dass in dieser Zeit einer theologischen Verirrung durch die Inquisition und den Eroberungs – bzw. Missionierungsgedanken doch einige vernünftige und ziemlich authentische Christen lebten. Erinnert werden soll nur an den Dominikaner Mönch Bartolomé de Las Casas.

Er bezeichnet in seinen öffentlichen Predigten die Spanier seiner Zeit, im 16. Jahrhundert, als Götzendiener. Er sagt: „Die Spanier haben Gold zu ihrem Gott gemacht“, so in Gutierrez, S. 22. Dort wird auch Christoph Columbus erwähnt, er sagte: „Das Gold ist das wertvollste aller Güter. Wer es besitzt, hat alles, wessen er in dieser Welt bedarf wie auch die Mittel, um die Seelen vor dem Fegefeuer zu bewahren und sie in die Freunde des Paradieses zu schicken“. (auch Gutierrez, S. 25)

Die Stimmen, die sich gegen das Abschlachten und Ausnutzen der Indianer wehrten und für eine menschenwürdige Behandlung der Indianer eintraten, wie Pater Bartholome de la Casas, wurden zwar offiziell am Hofe Karl V. angehört und humanere Behandlungen der indianischen Völker wurden auch befohlen. Aber in den Vizekönigreichen Lateinamerikas folgten die Conquistadores nicht diesen Weisungen. Das Morden und Ausbeuten der Indianer nahm kein Ende.

Zu Mord und Totschlag ein Beispiel aus der frühen Zeit der sogen. Entdeckung: Die geschätzte Einwohnerzahl in Westindien betrug 9 Millionen im Jahr 1520. Und es war eine Million Einwohner übrig geblieben im Jahr 1570. (Gutierrez, Gott oder das Gold, S. 10.)

 Sehr wichtig und bislang nahezu unbekannt: Es gab einen „Indianer“ in Peru, ein Mitglied des Volkes der Quechua, sein Name: Felipe Guaman poma de Ayala. (Gutierrez, S.13), er lebte von 1535 bis 1615. Kurz vor seinem Tod hat er ein umfangreiches Buch auch mit vielen Bildern, Skizzen, fertig gestellt, an dem er lange daran gearbeitet hat. Er spricht als Augenzeuge, der „alle Schrecken dieser Christen“ gesehen hat. Er hat erlebt, was die Armen leiden. Er wendet sich an die Leser in Spanien. „Diese spanischen Übeltäter verschlingen mein („indiansches“) Volk. Mir selbst als Christen will es scheinen, dass ihr Spanier euch allesamt zur Hölle verdammt (Gutierrez S.15). Und noch einmal: „Mit ihrer Gier nach Gold sollen die Spanier in die Hölle fahren“ (Gutierrez S.189) Das heißt: In der Sicht einiger Theologen und der indianischen Völker selbst ist das spanische Reich ein gottloses Reich, trotz aller zur Schau gestellten Frömmigkeit. Das siglo de oro ist ein gottloses Zeitalter in der Sicht aufgeklärter Christen schon damals! Und es ist, klassisch-theologisch gesprochen, eine Art Blasphemie, wenn mit dem erbeuteten Gold, den indianischen Völkern entrissen, dann in den spanischen (aber auch lateinamerikanischen) Kathedralen, Kirchen und Klöstern die Bilder des leidenden Christus, etwa im Rahmen,  vergoldet wurden. Mit verbrecherisch erworbenem Gold wollte man Gott ehren, die Kirche in goldigen Glanz setzen und die Frömmigkeit fördern.

4. Ein Hinweis zur Philosophie im Goldenen Zeitalter: Baltasar Gracian (1601-1658).

Er war ein Jesuit, der ohne Erlaubnis seiner Ordensoberen z.T. unter Pseudonym, kurzgefasste Lebensweisheiten für den erfolgreichen Mann seiner Zeit schrieb. Dieses Büchlein, das „Handorakel“, sollte man als Dünndruckausgabe stets bei sich als Lebenshilfe haben. Ich meine: Das Handorakel war so eine Art ANTI-Evangelium und ANTI-Bibel mit Grundsätzen, die dem Geist der universalen Nächstenliebe eher widersprechen. Das Handorakel des Baltasar Gracian war eines seiner meist gelesenen Bücher: Allein 10 verschiedene Ausgabe und Übersetzungen in Deutschland…

Baltasar Gracian war auch kurze Zeit als Prediger, auch am Hof von Madrid, tätig. Er wollte den Menschen ein erfolgreiches Leben aufzeigen mit 300 relativ kurz gefassten Lebensregeln, die er in seinem Buch von 1647 darstellt. Den Wahn der Welt zu erkennen ist das Motto des pessimistischen Denkers.

Er schreibt also Vorschläge und Weisungen seines klugen Denkens, wie man sich möglichst klug erfolgreich durchs Leben schlägt; wie man weltgewandt wird und sich zu behaupten weiß; wie man sich verstellen lernt und sich durchsetzen, wie man im richtigen Moment abwarten muss und vorsichtig agiert, nur nicht zu viel von sich selbst sagt, auch aus Angst vor der allmächtigen Inquisition. Freundschaft wird gelobt, aber es wird eher ein Grundmisstrauen gegenüber den anderen empfohlen.

Das Leben des Menschen ist, so Gracian, milicia, ist Kampf, und wir klugen Menschen sind umgeben von der malicia, der Bösartigkeit, der anderen. Nur Raffinesse ist dem gewachsen!

Gracian wurde von seinem Orden bestraft, bestraft, eingesperrt, weil er seine Werke nicht vor Drucklegung den Oberen zur Kontrolle gezeigt hatte.

Gracian hat mehrere Bücher geschrieben, unter anderem auch den Roman „El Criticon“, der viel beachtet wird auch von konservativen Kreisen noch heute.

Ein Hinweis nebenbei: Es gibt etwa in der „Bibliothek des Konservatismus“ in Berlin, Fasanenstr. Nr. 4, zahlreiche Ausgaben des „Handorakel“, sie stehen wahrscheinlich in der Bibliothek irgendwo im Umfeld der 33 mal dort versammelten Ausgaben von „Mein Kampf“ und dem „Mythos des 20. Jahrhunderts“ und eben… etwa der „Jungen Freiheit“… Äußerst konservative Denker haben sich für ihr autoritäres Denken immer wieder Gracians bedient…

Der Jesuit Dominik Terstriep hat sich in seinem Buch „Indifferenz“, 2009 erschienen, mit Gracian kritisch auseinandergesetzt (dort Seite 123 ff). Eine kleine Rarität in der Theologie der Gegenwart!

5. Zu Cervantes

Auch Cervantes war betroffen vom Kulturdirigismus und der Inquisition. Er studierte bei dem Humanisten Juan Lopez de Hoyos, vielleicht auch bei Jesuiten in Vallodolid. Er zitiert Cristobal de Fonseca aus dem Augustinerorden. Er wurde als Seefahrer gefangen genommen und nach Algerien gebracht, im Gefängnis von 1575 bis 1580, dort Gedichte geschrieben von Mönchen des Trinitarier-Ordens losgekauft.

Es gibt in Don Quijote gelegentlich auch eine starke Darstellung von Predigten, der Ritter und sein Knecht Sancho halten sich, so wird deutlich, durchaus für Theologen.

Auch bei Cervantes gibt es diese typische Angst: Er sparte seine Kritik für bessere Zeiten auf. „Der kluge Mann spart sich für bessere Gelegenheiten auf, so Don Quijote. II 28, 934, ähnlich wie Gracian. Tatsächlich hatte die Inquisition auch Cervantes verdächtigt, er würde den Ideen von Erasmus anhängen. Die Inquisition ließ diese Stelle nicht durchgehen, wo eine Herzogin zu Sancho sagt: „Und Ihr, Sancho, mochtet daran denken, dass die Werke der Nächstenliebe, die lau und nachlässig vollzogen werden, kein Verdienst nach sich ziehen und gar wertlos sind“. (II 36).

Und weiter: „Unseren Herrgott soll man um seiner selbst willen lieb haben, ohne an Himmel und Hölle zu denken“, so wird von Mariano Delgado zitiert in: „Don Quojote für Theologen“. Dies war ein ketzerisches Postulat der Mystiker, Gott um seiner selbst willen zu lieben, ohne dabei immer gute Werke tun zu müssen.

Nebenbei: Die Religion am Hofe war sehr vom Aberglauben durchsetzt, durchaus mit so genannten heidnischen Praktiken, etwa, wenn dem kranken Sohn von Philipp IV. Amuletten angelegt werden, damit er bloß gesund bleibt.

6.Eine systematische Überlegung: Das Goldenes Zeitalter: In der Frühzeit oder in der Zukunft?

In der Dichtung Ovids und in vielen Mythen ist die goldene Zeit die Vergangenheit: Eine paradiesische Zeit, in der eben alles stimmte, alles schön und gerecht war, so, wie es Ovid in den Metamorphosen beschrieb, als der ersten glücklichen Ur-Zeit, in der die Gerechtigkeit herrschte und die Menschen von sich aus und ohne gesetzlichen Zwang das Gute und Rechte taten („Aurea prima sata est aetas“ …so beginnt der Text). Die eigene Gegenwart wurde dann von Ovid als die eiserne Zeit der Härte und des Zwangs beschrieben. Bei Ovid gibt es vier Zeitalter dort, es beginnt mit gold, also mit Frieden und Gerechtigkeit, geht über zu Silber, dann das erzürnte Zeitalter, dann zum Schluss das eiserne Zeitalter. Scham, Wahrheit und Treue verschwinden, es herrschen Betrug als auch List als auch Hinterhalt und Gewalt und die verbrecherische Liebe zu besitzen (=Geiz) nach.

Die Mystik, die christliche, neigt dazu, die gute Zeit in die Vergangenheit zu legen, in die zeitlose Ewigkeit bei Gott: Dort strebt die Seele, die ihren göttlichen Funken entdeckt hat, dort, in der Urzeit, erlebt sie die Erlösung, als Austritt aus Geschichte, als ewiges Sein in Gott.

In der Bibel wird im Buch des Apokalypse, der Geheimen Offenbarung, ganz am Ende, im 21. Kapitel, das neue Jerusalem als Ort der Verheißung beschrieben, Die Stadt war aus reinem Gold, heißt es da in Vers 18. Das ist die neue Welt. In der aller Schrecken beendet ist. Goldene Zeitalter also in der Zukunft. Dort gibt es keinen Tempel (der Juden) mehr. In der Zukunft wird die unmittelbare Gottesbegegnung geben.

Es wäre der Kritik am Gold im AT weiter nach zugehen, in den Psalmen etwa: „Die Götzen sind Silber und Gold; der Fromme liebt Gottes Gebote mehr als Gold“.

Geschichtsphilosophisch sehr interessant ist, dass es seit dem Mittelalter, etwa in Joachim von Fiore, später dann im 16. Jahrhundert durch Thomas Morus, die goldene Zeit als die zukünftige Zeit entwickelt wird. Als Utopie der menschlichen Welt, die dann auch gemacht werden kann von den Menschen. Utopie ist sozusagen ein Aufruf zur Tat. Das goldene Zeitalter wird eher wahrgenommen als Geschenk, als zufälliges Glück, etwa viele Künstler um sich zu haben. Konservative Denker weisen bis heute die Utopien ab, weil in der Utopie immer die kritische Negation der Gegenwart mitgemeint ist, wie Ernst Bloch, der Philosoph des „GEISTES der Utopie“ meint. Schon bei Thomas Morus, in seiner UTOPIA von 1535, ist Sozialkritik in großer Schärfe dargestellt. Anstelle des Egoismus wird eher für die Gütergemeinschaft plädiert.

In Berlin spricht man von den goldenen Zwanzigern, die Jahre 1924 bis 1929, die so goldig für alle Berliner, besonders für solche, die arbeitslos im Schatten der Hinterhöfe lebten, ja nicht waren. Politisch war alles sehr schwankend, das kulturelle Leben in bunter Vielfalt, die Nacht wurde zum Tage, neue Eleganz, Luxus, an der wenige teilhatten.

Das Wirtschaftswunder, einige Jahre nach der Beendigung des Holocaust, also in der Erhardt-Ära, Kanzler von 1963 -66) wird wegen des Wirtschaftsaufschwungs (bei bleibenden Schweigen über die Nazi-Verbrechen) auch golden genannt. Politisch eher ein unaufgeklärtes, die Vergangenheit verleugnendes Zeitalter!

7. UNSER persönliches goldenes Zeitalter:

Irgendwann hat jede Nation und sicher auch jedes Individuum das Verlangen, eine bestimmte reale Zeit in der eigenen Geschichte als das goldene Zeitalter oder das goldene Jahrhundert, el siglo de oro, festzulegen. Eine Zeit, meist in der Vergangenheit, in der eben alles stimmte, alles schön und gerecht war.Vielleicht ist es die (schöne !) Kindheit?

Es ist merkwürdig, wenn Künstler und Intellektuelle, die in der DDR in einer Nische der versteckten, aber sichtbaren Opposition lebten, heute sagen: „Nie war die DDR vielgestaltiger als während ihrer Auflösung von Innen heraus, so Wolfgang Engler, heute Rektor der Schauspielschule Ernst Busch. „im Gedächtnis derer, die daran teilhatten, war dies die beste Zeit“ (Tagesspiegel 15. 7. 2016).

8. Ein kritischer Hinweis zum Schluss:

Die Ausstellung „el siglo de oro“ befindet sich in der Gemäldegalerie in ständiger Berührung und Sichtweite zur allgemeinen, wunderbaren Dauerausstellung. Ich bin kurz vor Ende der Spanien-Ausstellung schnell mal zu den alten Meistern der Holländer ausgewichen. Und ich muss sagen: Es war dort für mich eine Art Befreiung, ein Aufatmen, das reale Leben von armen, vor allem bürgerlichen Menschen in Holland auf den Genre-Gemälden zu erleben. So viel Alltag, so viel Menschlichkeit, so viel Lachen und Freude und Staunen und Lesen und Saufen und Prügeln usw. Das ist doch der Alltag. Im „el siglo de oro“ hat kein Heiliger gelacht. Nur ständig diese Christus-Leichname, die Kreuzigungen, die (Selbst) Quälereien von Heiligen, dieses Blut, die Wunden.

Warum kam kein die Kunst finanzierender Klerus damals auf die Idee, den Jesus der Bergpredigt malen zu lassen, wäre doch ein tolles Motiv gewesen; oder den Jesus, der die Händler aus dem Tempel rausschmeißt; der Wunder wirkt am Sabbat natürlich als Gesetzesbrecher; der die Tischgemeinschaft liebte, der mit den Frauen so freundlich-erotischen Umgang pflegte und so weiter und so weiter. Die kirchlichen Auftrageber liebten das Leiden und das Blut und den Tod. Diese Kunst, diese Blut-Kunst der Leichname und Sterbenden, von der Kirche finanziert, ist in dieser Einseitigkeit in meiner Sicht häretisch und theologisch falsch im eigentlichen Sinne: Sie wählt einige wenige Aspekte aus dem Leben Jesu aus, die Geburt mit der Jungfrau, und immer wieder das Kreuz … und die Mönche und die Heiligen, die sich als Sünder geißeln und permanent – angeblich – Buße tun. Der Klerus stellt sich in den Mittelpunkt. Diese Tradition des leidenden, Blut triefenden Christus lebt bis heute in der semana santa. Manche Fromme oft wohl krankhaft fromm, lassen sich selbst heute noch bei diesen volksreligiösen Folklore-Veranstaltungen ans Kreuz nageln. Auf den von spanischer Frömmigkeit bestimmten Philippinen ist das noch üblich. Da staunen die Touristen… Jedenfalls ist in meiner Sicht die absolute Dominanz der Kreuzesdarstellungen und des sterbenden, verstorbenen Jesus, verheerend für ein wirklich umfassendes Verstehen des Christlichen. Dass heute so viele Menschen damit nicht mehr so viel zu tun haben, kann ich verstehen. Zeigt uns doch den ganzen Jesus von Nazareth, könnte eine Forderung heißen.

Noch einmal gefragt: Was bringt also die Ausstellung „El siglo de oro“? Sie zeigt zweifellos wunderbare Porträts von Menschen, wunderbare Charakterstudien der oft depressiven oder dummen Herrscher (Philipp IV. und Karl II.) oder der Leute am Hof . Über allem aber steht ein Schatten der Trauer, wenn nicht der Verzweiflung. Natürlich auch darüber, dass dieses „allermächtigste Königsreich“, das bis nach Lateinamerika und bis auf die Philippinen seine Macht ausgedehnt hatte und mit millionenfachem Mord an den sogen. Indianern sich finanziell zunächst bestens stabilisiert hatte, eben doch sich übernommen hatte in den Kriegen. Es war zudem an der eigenen wirtschaftlichen Unfähigkeit gescheitert. Aber auch dadurch, dass man in Spanien keine bürgerlichen Freiheiten gewährte und Wissenschaft und Forschung verhinderte bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, blieb Spanien ein weithin klerikal bestimmtes eher unbewegliches, starres Land.

9. Ein aktueller Hinweis zur weiteren Debatte: Was vermag Kunst in einem Staat der Repression?

Die Kunst des „siglo de oro“ war, wenn, dann nur andeutungsweise schwach, kaum politisch-kritisch. Die kritische Haltung konnte sich kein Künstler leisten, Cervantes deutet eine solche Haltung in seinem Don Quijote an.

Hingegen: Ein Hinweis auf eine heute wirkmächtige, Politisches tatsächlich verändernde Kunst: Vom 16. Juli bis 26. September 2016 gibt es im Martin Gropius Bau eine empfehenswerte Ausstellung über die oppositionelle Kunst in der DDR. Ihr Titel: „Gegenstimmen“.

Der totalitäre Herrschaftsanspruch konnte sich in der DDR eben nicht total durchsetzen, es gab von Künstlern erkämpfte freie Räume, zwar bescheiden, aber gegen Mitte der 1980 Jahre wachsend. Das waren Künstler, die nicht mehr auf sozialistische Reformhoffnungen setzten, wie der Kurator der Ausstellung, Paul Kaiser, schreibt. „Die Künstler folgten nur ihrer eigenen Erfahrungswelt, sie propagierten eine Generaldistanz, die sich nicht mehr um die Erweiterung eines künstlerischen Vokabulars, sondern um eine gänzlich neue Semantik bemühte… dadurch trug die Bohème auf ihre Weise zu innenpolitischen Destabilisierung der DDR bei.“ … „Diese Künstler sind leider fast vergessen“. Es gibt bis heute eine Verblendung, eine Ignoranz, „eine vampiristische Konsequenz westdeutscher Sinngebungsinstanzen“, wo wird Christoph Tannert von Paul Kaiser in „Museumsjournal“, 3/2016 Seite 53, zitiert.

Die Voraussetzung für diese so mutige Kunst: In der DDR gab es immerhin doch eine schwache Pluralität, trotz der dominanten Einheitspartei: Es gab die Informationen usw. aus dem Westen via Radio und Fernsehen; es gab immerhin die Kirchen, vor allem die sich nicht ins Getto versteckende evangelische Kirche, und es gab eben die Künstler, die Schriftsteller, die Filmemacher, die Musiker, die alle, trotz Stasi-Präsenz, ein Stück Freiheit eroberten. Diese Ideen waren dann die Kraft, das Regime, selbst schon ökonomisch am Ende, 1989 zum Sturz zu bringen.

Solche Konstellationen gab es in dem total vereinheitlichten, von Angst vor „den anderen“ zerfressenen katholischen System im Goldenen Zeitalter Spaniens nicht.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Literatur zum Umfeld: Goldenes Zeitalter in Spanien

Gustavo Gutierrez, Gott oder das Gold. Der befreiende Weg des Bartolomé de Las Casas. Herder Verlag, 1990.

Bartolomé de Las Casas: Kurzgefaßter Bericht von der Verwüstung der Westindischen Länder. herausgegeben von Michael Sievernich, Inselverlag, Frankfurt/Main / Leipzig 2006.,

Sehr zu empfehlen, bewegend: Reinhold Schneider: Las Casas vor Karl V. Szenen aus der Konquistadorenzeit. 8. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2000 Ersterscheinung 1938, nach der 1. Auflage von den Nazis verboten, dann wieder 1946 erscheinen)

Baltasar Gracian, „Hand Orakel und Kunst der Weltklugheit“. Fischer Taschenbuch, 2008. 7 Euro. Ein philosophischer Ratgeber für ein erfolgreiches Leben.

Martin Franzbach, Cervantes, Reclam Heft, 80 Seiten. 1991. Sehr zu empfehlen.

Über den wichtigen kritischen Schriftsteller aus dem Quechua Volk mit Namen Waman Puma de Ayala (ca. 1535 bis 1615) liegen meines Wissens auf Deutsch keine Studien vor. „Es ist das reichhaltigste und umfassendste Dokument, das uns aus der Epoche der ‚Besiegten der Eroberung‘ überliefert ist“, so Bernard Lavallé in Hdb.d.Gesch.Lateinamerikas, Bd.1, S.514

Informativ auf Deutsch wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Waman_Puma_de_Ayala#Literatur

Auf Deutsch eine Einführung zu Felipe Guaman poma de Ayala: http://sammelpunkt.philo.at:8080/2226/1/Fr%C3%BChmann_Poma-de-Ayala.pdf

Grundsätzlich zu Spanien im allgemeinen und en passant auch zum Goldenen Zeitalter: Juan Goytisolo, Spanien und die Spanier. Taschenbuch, viele Auflagen. 11 Euro. Suhrkamp.