Rolf Hochhuth gestorben, „Der Stellvertreter“ ist sein bleibendes Verdienst!

Ein Hinweis von Christian Modehn

Ich empfehle auch meinen ausführlicheren Essay zum selben Thema, publiziert am 2.2.2019. LINK
1.
Hier geht es nicht um eine globale Würdigung des Autors Rolf Hochhuth. Hier geht es nur darum, noch einmal deutlich seine entscheidende historische Leistung anzuerkennen: Sein Theaterstück „Der Stellvertreter“: Die Uraufführung fand am 20.Februar 1963 im Berliner „Theater am Kurfürsten- Damm“ statt (damals das Haus der „Freien Volksbühne“ Erwin Piscators). Hochhuths Stück, gleichermaßen bewegend und politisch provozierend, fand weltweite Beachtung. Seit der Zeit ist sozusagen der Schein des Heiligmäßigen an Papst Pacelli, Pius XII., definitiv beseitigt, selbst wenn immer noch einige Katholiken von vorgestern für die Heiligsprechung dieses Papstes eintreten. Sebastian Hafner schrieb im STERN am 7.4.1963 sehr treffend: „Die Geschichte wird Pius XII. kennen als den Papst, der schwieg“. Er schwieg zur systematischen Ausrottung der Juden, selbst wenn er einigen Juden in Rom das Leben rettete. In seinen allgemein gehaltenen, diplomatisch abwägenden Ansprachen in Kriegszeiten war von Holocaust und Vernichtung der Juden keine Rede. .
2.
Der SPIEGEL veröffentlichte am 25.12.1963 eine Liste der „meistverkauften Neuerscheinungen“. Da befand sich unter „Belletristik“ an erster Stelle, erwartungsgemäß, „Der Stellvertreter“. In der Rubrik „Sachbücher“ , bezeichnenderweise möchte ich sagen, der damals auch heftig diskutierte Essay von Carl Amery „Die Kapitulation. Oder deutscher Katholizismus heute“. Tatsächlich hatten weiteste Kreise des Katholizismus auch vor Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“ kapituliert. Sie hatten geistig kapituliert und alle Energien auf die Apologetik gelenkt und dabei die Chance vertan, einen neuen kritischen Blick auf Papst Pius XII. zu wagen. Die allermeisten Katholiken haben sich polemisch verschanzt und wollten wie üblich, das gute und heilige Image der Kirche schützen. Nun sind seit einigen Wochen die Archive des Vatikans, bezogen auf diese Jahre, endlich zugänglich geworden. Der Kirchenhistoriker Prof. Hubert Wolf (Münster) hatte Gelegenheit, mit seinem Team einen ersten Blick ins Archiv zu tun. Er musste gleich am ersten Forschungstag feststellen, dass in bisherigen offiziellen katholischen Publikationen einige Dokumente unterschlagen wurden. In der vatikanischen Publikation „Actes et Documents“ ist, so Wolf, ein entscheidendes Dokument über den Holocaust nicht enthalten: „In dem wird belegt, dass der Heilige Stuhl die Informationen einer jüdischen Organisation über die Ermordung einer halben Million Juden innerhalb eines halben Jahrs in der Ukraine durch eigene Quellen – nämlich Äußerungen des damaligen katholischen Erzbischofs Andrej Szeptyzkyj in der Ukraine – bestätigen kann.“
3.
Was auch immer noch an Details über das Verhältnis Pius XII. zu den Juden und zur Auslöschung der Juden, zum Faschismus in Italien und Deutschland, zum Kommunismus bzw. Bolschewismus entdeckt werden mag: Wird sich etwas Grundlegendes ändern an dem schon jetzt klaren Faktum, das nicht zu leugnen ist: Dass Pius XII. tatsächlich zu allererst das Überleben seiner Kirche retten wollte und nicht das Überleben von Juden. Dass er also kirchliches Wohl über menschliches Wohl stellte. Sebastian Hafner hat recht, wenn er in dem genannten Artikel fragt: “Darf ein Papst nur Politiker sein?“ Also nur diplomatisch prüfen, was der eigenen, der katholischen Sache dient? Und Hafner schreibt die wahren und deswegen wohl immer bedenkenswerten Sätze, die auch über alle aktuellen Archiv-Arbeiten im Vatikan hinaus gültig bleiben: „Der Papst kann nicht jeden retten. Aber es war seine Aufgabe zu verhindern, dass die Christenheit im wörtlichen Sinne zum Teufel ging: Dass mitten in seinem Abendland von Christen Satanswerk größten Ausmaßes getan wurde, mit dem nicht nur Deutschland, sondern die ganze Christenheit für immer befleckt bleiben wird“ (Dieser Beitrag ist noch nachzulesen in dem von Fritz J. Raddatz herausgegebenen Buch „Summa Iniuria. Durfte der Papst schweigen?“, RORORO, 1963. Das Buch ist antiquarisch noch zu haben!) Und vergessen wir nicht, was der kluge und universal gebildete Historiker Friedrich Heer (Wien) in dem genannten Buch schreibt, „dass dieser Papst kein Freund der Demokratie war, wie Heinrich Brüning (Reichskanzler, Zentrumspolitiker) bekennt“. Und Heer erinnert daran, „dass nicht wenige hohe Mitarbeiter der Kurie … in Hitlers Krieg gegen Russland eine mögliche Befreiung vom Kommunismus sahen“ (S.118). Der Kommunismus als der allergrößte Feind noch vor dem Faschismus: An diesen Denkzwang hat sich die Kirchenführung immer gehalten, man denke an die Verfolgung und Ermordung von Befreiungstheologen, die den Anschein weckten, „Kommunisten“ zu sein. Diese Verfolgung leistete der Vatikan in enger Absprache mit der US Administration… Insofern hat sich also seit Pius XII. nichts geändert.
4.
Am 13. Mai 2020 ist Rolf Hochhuth im Alter von 89 Jahren gestorben. Ein großer Autor, dem viele dankbar sind … für seinen Einsatz zugunsten der Aufklärung, also zugunsten der „lumière“ wie man in Frankreich Aufklärung nennt, also fürs Licht und die Wahrheit.
Aber die Kirche als Institution hat nicht viel gelernt seit der Zeit: Der Erhalt und das auch materielle Wohlergehen der Institution, beherrscht vom Klerus, ist und bleibt ihr wichtiger als der Einsatz für die bedrohten Menschen. Caritas und Diakonie sind bloß „Abteilungen“ der Kirche. Aber sie sind nicht „die“ Kirche, machen nicht ihr Wesen aus, das Wesen einer von Jesus von Nazareth inspirierten Bewegung, als eine die Menschen liebende (Caritas) und dienende (diakonische) Kirche.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin