Die Gabe der Götter: Für eine Philosophie des Weines

Die Gabe der Götter: Hinweise zu einer Philosophie des Weines

Von Christian Modehn

Alles kann Thema des Philosophierens und damit der Philosophie werden. Auch der Wein. Er ist ein eher wenig beachtetes Thema der Philosophie. Sich darauf einzulassen, ist alles andere als ein „Luxus“.Es geht dabei um die Frage, wie wir leben wollen. Wie wir essen und trinken und miteinander feiern wollen. Wie wir mit den Gaben der Natur umgehen: Nehmen wir das, was uns leben lässt, was uns aus den Grenzen des Daseins etwas befreit und manchmal erhebt, noch als „Gabe“, als „Geschenk“ (der Natur, des Göttlichen?) wahr? Oder ist für uns, die wir uns auf die Rolle der „Konsumenten“ und „Schnäppchen-Jäger“ begrenzen lassen von der Herrschaft des Marktes, alles nur noch „Industrie-Produkt“ anonymer Herkunft: Bestimmt zum schnellen Verzehr, möglicherweise dann auch zum Wegwerfen, damit wir den hastigen Rhythmen der Arbeitswelt willig entsprechen? Wer sich auf die Philosophie des Weins einlässt, merkt vielleicht, wie eingeschränkt sein Leben (bis jetzt) ist. Die Besinnung auf den Wein als Gabe, als Geschenk der Götter/des Gottes, kann befreien…

Wir nennen einige Aspekte, die gleichsam „Bausteine“ sein können zum Thema: „Wein – Eine Gabe der Götter“.

Diese Gedanken wurden im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 29. Mai 2015 in der Weinhandlung SINNESFREUDE (Leitung Wolfgang Baumeister) in Neukölln, Jonasstr. 32, vorgestellt.

1.

Zur Einstimmung, bei einem Glas Wein: Wenn man sich philosophisch auf ein Thema einlässt, wird im Nach-Denken das alltägliche, das gewöhnliche und übliche Verständnis verwandelt. Was man vorher fixiert und fest zu verstehen, wenn nicht zu wissen meinte, erscheint nun „anders“; vielleicht verfremdet, in neuen Zusammenhängen, in überraschend-tieferer Bedeutung. Dieses neue Verständnis ist dann allerdings kein Endpunkt, sondern nur ein weiterer Ausgangspunkt für erneutes Nachdenken. Das gilt auch beim Thema Wein. Viele Menschen, besonders Weinfreunde wissen allmählich: Wein ist mehr als ein Getränk. Wein ist alles andere als ein Durstlöscher, ist mehr als ein Produkt von ausgeklügelten industriellen „Wein-Fabriken“. Wein ist viel mehr als ein Spekulationsobjekt für Kenner, die als connaisseurs beste Lagen und die richtigen Jahrgänge bevorzugen und nach guter Lagerung erfolgreich verkaufen. Wein als Objekt des Marktes? Entspricht das der „Würde“ des Weines?

Es gibt in der Literatur, der Poesie, der Philosophie, der Religion, noch Erinnerungen daran, dass Wein und Weintrinken doch etwas ganz anderes, Bedeutungsvolles, ist: Wir stoßen immer noch mit Wein an: „Prosit“, sagen wir in Deutschland. In Frankreich heißt es bloß „salut“ oder „à votre santé“. Die Vermutung gilt: Wein hat etwas mit salut, das heißt ja Heil, Gesundheit, vielleicht auch mit Glück zu tun. Wir wissen das, zumindestens „unbewusst“, sonst würden wir ja sinnlose Sprüche sprechen.

Wein fördert die Gesundheit. Maßvoll getrunken, versteht sich, so wie alles im Leben dem individuellen Maß entsprechen sollte. Das wusste schon der Autor des 1. Timotheusbriefes im Neuen Testament, als er seinen Gemeindeleiter ermahnte: „Trinke ein bisschen Wein um des Magens willen“ (1 Tim. 5,23). Wichtig dabei insgesamt: Für die ersten Christen war Wein selbstverständliches Getränk. Wein wurde als Heilmittel angesehen. Aber bitte: Nur ein bisschen trinken. Also: Maß halten.

Es gibt noch den alten Spruch aus Griechenland: „Im Wein ist Wahrheit“. Weil der Wein die Zunge lockert, Mut macht, in Gesellschaft und vor sich selbst, ehrlich und wahrhaftig zu sprechen. Da werden wir vielleicht, mit Wein, so wie wir sind…

Jedenfalls gilt es das Besondere des Weins festzuhalten: „A votre santé“ sagt man meines Wissens nicht, wenn man gemeinsam Coca Cola oder eine Limonade trinkt.

Mir geht bei der jetzt vorgestellten kleinen Philosophie des Weins um einige Hinweise zum Weiterdenken, die durchaus eine neue Wein-Kultur befördern können. Das mag angesichts der heutigen Situation der Welt, des fundamentalistisch bedingten Mordens und religiös motivierten Abschlachtens und des sozialen Elends wie ein Luxus erscheinen. Aber es geht jetzt um eine Frage der inneren Einstellung, durchaus der Lebensfreude, vermittelt durch „Sinnesfreude“, und diese Lebens/Sinnesfreude hat dann sicher auch vernünftige politische Wirkungen in Richtung lebendiger Solidarität. Menschen ohne eigene Lebensbejahung und Lebensfreude können nicht solidarisch sein.

Auf diese Gedanken kommt man, wenn man Wein nicht nur allein genießt, sondern mit anderen, idealerweise beim (kleinen) Fest. Weintrinken, langsam, dem Aroma des Weins gegenüber senibel, überwindet die allzu oft erlebten Öde und Banalität des Daseins.

2.

Das ist ein erster Impuls einer Philosophie des Weins: Wein ist ein Geschenk, auch wenn viele Leute daran gearbeitet haben, er ist eine Gabe? Aber wer gibt? Religiöse und metaphysisch noch ansprechbare Philosophen sagen: Wein ist eine Gabe der Götter, also etwas Wunderbares, auch wenn man tausend mal die Wein-Chemie und die Poduktion analysieren und erklären kann.  Auf diese Spur bringt uns der Dichter Friedrich Hölderlin: Und dabei muss man dann auch etwas ausholen: Hölderlin spricht vom Wein in einem für uns Heutige zunächst ungewöhnlichen Zusammenhang. Er hat als Theologiestudent in Tübingen von 1788 bis 1793 seine Gegenwart, die Gesellschaft, den Staat und vor allem auch die dort vorherrschende protestantische Kirche als Erstarrung erlebt. Hölderlin spricht von einer „götterlosen, einer bleiernden Zeit“ . Und dies vor allem im Vergleich mit dem freiheitlichen, bewegten Aufbruch in Frankreich: Die dortige Revolution erlebte er mit seinen Tübinger Freunden, Schelling und Hegel, als Aufbruch der Freiheit, als Niederringung der starren und despotischen Systeme, als Beginn einer neuen, einer brüderlichen Gesellschaft.

Eine nicht erstarrte Welt, ein freies Miteinander, schien möglich. Das beförderte seinen Enthusiasmus für ein ganzheitliches Leben des Menschen in der ihn umgebenden Natur.

Es geht Hölderlin also um diese Wiedergewinnung eines intensiven Lebens. Um ein neues Lebensgefühl, das der geistigen Verfassung des Menschen entspricht. Wenn Hölderlin in seinen Gedichten ein Tal „lieblich“ nennt oder einen Berg „majestätisch“, sind das keine extravanganten oder bloß „gesuchten“ Aussagen, um etwa nur eine hübsche Poesie zu schreiben. Sondern diese Formulierungen entspringen dem eigenen Lebensgefühl. Der Philosoph Ernst Cassirer hat sich mit dieser Erfahrung auseinander gesetzt und die Allgemeingültigkeit dieser Erfahrung Hölderlins beschworen. Cassirer schreibt: „Hölderlin bedarf für seine Naturansicht keiner anderen Bestätigung als das Gefühl, das jeder helle und heitere Frühlingstag dem Menschen gibt“.

Die Naturerfahrung Hölderlins kann sich also bei jedem geistig-bewegten Menschen einstellen. Es ist die Erfahrung des Erhabenen, die da vom Dichter angesprochen wird: Mensch und Natur sind verbunden, in einem gemeinsamen Grund verbunden, den man das Geheimnis allen Lebens bezeichnen könnte. Kurt Hübner schreibt: „Hierin hat alles Lebendige seinen Ursprung, seinen Sinnbezug, und sein Verlust ist dem Tode vergleichbar“.

3.

Entscheidend für unseren Zusammenhang ist: Die Tübinger Theologie erlebte Hölderlin als erstarrte Form der Religion. Hölderlin suchte die lebendige, tief im Gefühl verankerte Religion, also den unmittelbaren Bezug zum Göttlichen. Ohne diesen neuen Bezug zum Göttlichen kann es kein neues, intensives Leben geben. Schon 1788 sagt er: „Es glimmt in uns ein Funke der Göttlichen“. Das heißt: Mensch und Gott sind immer schon verbunden, sie stehen einander nicht gegenüber, sie sind eins. Und den tieferen Bezug zum Göttlichen entdeckte Hölderlin in den griechischen Mythen. Hölderlin hatte ja eine ausgezeichnete Kenntnis der klassischen Sprachen „Er verknüpfte das Altertum, also auch die Mythen und die dort lebendigen Götter oder Halbgötter, bei jeder Gelegenheit mit der Gegenwart“, so der frühe Biograph C.T. Schwab.

Hölderlin wendet sich vom dogmatischen Christentum ab … und auch vom angestrebten Pfarrerberuf. Mit den Göttern Griechenlands will er nun die Einheit der Wirklichkeit erfahren, er will das abstrakte Gegenüber und Gegeneinander von Mensch und Natur überwinden, er möchte die Verbundenheit von Mensch und Natur erleben.

4.

Erst nach diesem langen „Anlauf“ kann man verstehen, welche Bedeutung Hölderlin dem Wein einräumt: In seinen Gedichten, aus der mittleren Phase seines Schaffens (Hölderlin, 1770 geboren, fiel 1805 bis zu einem Lebensende 1843 in eine schlimme Form einer – damals- unheilbaren Geisteskrankheit) sind die wesentlichen Hinweise zum Wein enthalten, oft in versteckten Andeutungen aber doch klaren Anspielungen, immer dann, wenn Hölderlin von Dionysos spricht oder von Christus, etwa im Zusammenhang des Abendmahls. Er will eine „sinnliche Religion“ lebendig werden lassen, deswegen spricht er von einer neuen Mythologie, aber, und das ist entscheidend, „diese Mythologie muss im Dienst der Ideen stehen, sie muss eine Mythologie der Vernunft werden“, betont Hans Küng. Mythologie und neue Mythen werden ja heute oft zurecht als eigenständige, der Vernunft eher feindliche, also bloß gemachte Ideologien angesehen, man denke an Texte wie „Mythos des 20. Jahrhunderts“ usw., das sind oft nur mysteriös verpackte Herrschaftsideologien. Mit solch einer ideologischen Mythenauffassung hat Hölderlin nichts im Sinn. Wenn er sich auf Gestalten des griechischen Mythos bezieht, dann nur, um in ihrem Licht das eigene Leben, die überlieferten religiösen und philosophischen Traditionen, tiefer zu verstehen. Im Mythos wird eine Manifestation des Göttlichen spürbar, eines Göttlichen, das alles durchwaltet. Diese Erfahrung kann nur gelten, wenn man sich aus dem Christentum heraus begibt und eben in der griechischen Mythologie seine religiöse Welt erweitert. Noch einmal: Die Beschäftigung mit den Mythen der Griechen ist für Hölderlin keine Flucht „rückwärts“, sondern die Suche nach einer tieferen, dann aber auch reflektierten Erfahrung von Wirklichkeit.

5.

Dionysos ist für Hölderlin in der Tradition der Griechen der Gott des Weines und der Vegetation. Ich kann jetzt hier die vielen Mythen, die über Dionysos verbreitet wurden, nicht ausführlich berichten: Er ist in einem Mythos ein Sohn des obersten Gottes Zeus und einer Frau, Semele mit Namen, Tochter des Königs von Theben. Über das Zusammensein mit Zeus neugierig gestimmt, will sie wissen, wer denn Zeus ist: Der oberste Gott aber schleudert einen Blitz auf sie herab… und Semele stirbt. Das werdende Kind in ihrem Leib überträgt sich Zeus in seinen Schenkel, so der Mythos, von dort aus wird Dionysos geboren: Er ist also ein Gott-Mensch. Der Dionysos Kult war in Griechenland sehr weit verbreitet. Dionysos lässt Wein entstehen, er besänftigt aber auch wilde Raubtiere und, das ist entscheidend, er wird der „Lysios“ genannt, der Löser, der die Menschen von Sorgen und von Fesseln befreit. Dionysos als Gott des Weins macht das Leben erträglicher, er löst förmlich von Zwängen, Wein inspiriert. Hier gibt es bereits erste Verbindungen zur Christus Gestalt, wie sie die Hölderlin sieht: Wie Dionysos ist auch Christus geboren aus einer menschlichen Mutter und einem Gott; im Wein, so der Dionysos Kult, ist ein lösendes, erlösendes Symbol für die begrenzten Menschen zu sehen; Dionysos ist als Wein-Gott der Gott der Ekstase.

Im Wein sieht auch Jesus Christus die Gegenwart seiner Person in der Abendmahlsfeier der Gemeinde. Diese Erfahrung will Hölderlin beschwören, als gefeierte Realität, Christus ist zwar „der Liebendste des Vaters“ , aber auch Christus gehört für Hölderlin in die griechische Welt der Götter. Durch die Einbeziehung des Christlichen in eine andere, die griechische Welt, gewinnt das Christentum selbst, wie Walter Jens sagt, „eine neue und frische Signifikanz“. Christus tröstet, weil er die Botschaft von der Wiederkehr der Götter bringt, weil er in seinem eigenen Leben zeigt: Gott ist auf Erden. Zur Welt der Menschen gehört das Göttliche. Es gibt keine gottlose Welt! Christus wird für Hölderlin der letzte der griechischen Götter. Und Hölderlin hat eine gewisse Scham, dies so offen zu sagen. Aber er weiß, dass Christus mit den Göttern den denselben Vater hat, für Hölderlin ist er der geistigere unter diesen Göttern. Aber für beide, für Dionysos wie für Christus, gilt: Beide erlebten die Auferstehung, für beide ist der WEIN das sakrale Getränk.

6.

Man sollte sich für eine Philosophie des Weins mit Hölderlins Elegie „Brod und Wein“ befassen, sicher eines der bekanntesten Gedichte von ihm. Nur so viel: Die heile Welt, in der die Götter Orientierung boten, ist nicht mehr. Die Götter sind abwesend, siehe 6. Strophe. Der Dichter findet Trost in der 8. Strophe, denn die Götter haben als ihre Symbole Brot und Wein zurückgelassen. Da klingen die Verbindungen mit dem christlichen Abendmahl an……

Aus der 8. Strophe weise ich nur auf die entscheidenden Verse hin:

….Brod ist der Erde Frucht, doch ist’s vom Lichte gesegnet,

Und vom donnernden Gott kommet die Freude des Weins.

Darum denken wir auch dabei der Himmlischen, die sonst

Da gewesen und die kehren in richtiger Zeit,

Darum singen sie auch mit Ernst, die Sänger, den Weingott,

Und nicht eitel erdacht tönet dem Alten das Lob.

…..Vorher aber hießt es:

Aber Freund! wir kommen zu spät. Zwar leben die Götter,

Aber über dem Haupt droben in anderer Welt.

Endlos wirken sie da und scheinen’s wenig zu achten,

Ob wir leben, so sehr schonen die Himmlischen uns.

Denn nicht immer vermag ein schwaches Gefäß sie zu fassen,

Nur zuzeiten erträgt die göttliche Fülle der Mensch.

Traum von ihnen ist drauf das Leben. Aber das Irrsal

Hilft, wie Schlummer, und stark machet die Not und die Nacht,

Bis dass Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,

Herzen an Kraft, wie sonst, ähnlich den Himmlischen sind.

Donnernd kommen sie drauf. Indessen dünket mir öfters

Besser zu schlafen, wie so ohne Genossen zu sein,

So zu harren, und was zu tun indes und zu sagen,

Weiß ich nicht, und wozu Dichter in dürftiger Zeit.

Aber sie sind, sagst du, wie des Weingotts heilige Priester,

Welche von Lande zu Land zogen in heiliger Nacht.

Es sind die DICHTER, „wie des Weingotts (Dioynsos) heilige Priester“, die das Bleibende stiften. In diesem Text drückt sich die Klage über das Verlorene aus. Die intensive Natur/Wein Erfahrung ist offenbar in der jetzigen Weltnacht (die Götter sind fern) nicht mehr möglich. Scheitert deswegen eine Philosophie des Weins, die sich an Hölderlin orientiert?

Es bleibt die Perspektive: „Brod ist der Erde Frucht, doch ist’s vom Lichte gesegnet,

Und vom donnernden Gott (Dionysos) kommet die Freude des Weins“.

7.

In diesem Licht verwandelt sich die Wahrnehmung der Welt, dies wird etwa deutlich im Gedicht „Stutgard“, dort heißt es: :

„Herrlich steht sie und hält den Rebenstab und die Tanne

Hoch in die seeligen purpurnen Wolken empor.

Sei uns hold! Dem Gast und dem Sohn, o Fürstin der Heimat!….

Auch auf die Bedeutung des Weins in dem Gedicht „Das Ahnenbild“ , von 1800, muss hingewiesen werden:

Da wird der verstorbene Ahn als gegenwärtig erfahren. „Er lebt im Gedächtnis, das man ihm bewahrt, indem die Familie beim gemeinsamen Mahle von ihm spricht und sein Glas auf ihn erhebt, auch er lebte und liebte wie er. So wohnt er als Unsterblicher bei den Kindern“, so Kurt Hübner.

Nur ein Auszug aus dem Gedicht:

Und am Hügel hinab, wo du den sonnigen

   Boden ihnen gebaut, neigen und schwingen sich

       Deine freudigen Reben,

           Trunken, purpurner Trauben voll.

Aber unten im Haus ruhet, besorgt von dir,

Der gekelterte Wein. Teuer ist der dem Sohn,

       Und er sparet zum Fest das

Alte, lautere Feuer sich.

Dann beim nächtlichen Mahl, wenn er, in Lust und Ernst,

   Von Vergangenem viel, vieles von Künftigem

       Mit den Freunden gesprochen

           Und der letzte Gesang noch hallt,

 Hält er höher den Kelch, siehet dein Bild und spricht:

   Deiner denken wir nun, dein, und so werd‘ und bleib‘

Ihre Ehre des Hauses

           Guten Genien, hier und sonst!

Und es tönen zum Dank hell die Kristalle dir;

   Und die Mutter, sie reicht, heute zum erstenmal,

       Daß es wisse vom Feste,

Auch dem Kinde von deinem Trank.

Wein wird wie ein sakramentales Zeichen der Erinnerung verwendet. Der Verstorbene lebt als Unsterblicher bei den Kindern.  Interessant ist auch: In Hölderlins Elegie Der Wanderer (dies ist die erste Elegie Hölderlins, 1797 erschienen) wird das Rheintal geschildert: Tal, Mauern, Gärten, Weinberge: Alles verdankt sich dem Fluss. Aber was ist der Fluss ohne Sonne, ohne die gesamte Natur? Ohne die ganze Schöpfung? Und der Fluss verbindet doch auch die Menschen.

In der Elegie „Der Wanderer“ heißt es:

Seliges Land! kein Hügel in dir wächst ohne den Weinstock,

Nieder ins schwellende Gras regnet im Herbste das Obst….

Heimatliche Natur! wie bist du treu mir geblieben!

Zärtlichpflegend, wie einst, nimmst du den Flüchtling noch auf.

Feuer trink ich und Geist aus deinem freudigen Kelche,

Schläfrig lässest du nicht werden mein alterndes Haupt.

Die du einst mir die Brust erwecktest vom Schlafe der Kindheit

Und mit sanfter Gewalt höher und weiter mich triebst,

Mildere Sonne! zu dir kehr ich getreuer und weiser,

Friedlich zu werden und froh unter den Blumen zu ruhn.

8.

Der Wein spielt in der christlichen Tradition, durchaus schon in der jesuanischen Tradition, eine große Rolle. Und ich muss sagen, man ist erstaunt, wie wenig die Kirchen ihren eigenen Wein-Kult schätzen und feiern. Man denke nur daran, dass in der katholischen Eucharistie der Wein nur ganz selten allen Gläubigen gereicht wird; es sind die Priester allein, die ihn trinken. Reformatorische Bewegungen, wie Jan Hus, haben den Kelch für alle zu ihrem Programm gemacht.

In der Umwelt Jesu von Nazareth war der Wein durchaus ein übliches Getränk, im Alten Testament wird der Wein als Gabe Jahwes (Hos 2, 10.17) beschrieben. Er wird sogar als eines der wichtigsten Nahrungsmittel empfohlen. (Sir 39,26).

Wein wurde als Heilmittel im Neuen Testament angesehen, etwa in der Samaritergeschichte (LK 10,34) Und im Brief an Timotheus schreibt ein Paulus sich nennender Autor, der Gemeindevorsteher solle ein wenig Wein trinken, „um des Magens willens, weil du oft krank bist“, 1 Tim 5,23).

Auch in der auf Jesus bezogenen Ikonographie kommt Wein immer wieder vor: Etwa auch in Emmaus, beim gemeinsamen Abendessen mit den zwei Jüngern mit dem unerkannt anwesenden Jesus, dem Auferstanden,. Im Text des Lukas wird zwar nur das Brotbrechen erwähnt. Aber die Künstler wollten auf den Wein nicht verzichte: Etwa bei Caravaggio: Abendmahl in Emmaus (um 1601) Oder: Gemälde „Cena in Emmaus“ von Jacopo Bassano (1537/38) in der Kirche von Cittadella. Oder man denke an das Kirchenfenster von Arnaud de Moles in der Kathedrale Sainte-Marie in Auch, Frankreich.

9.

Wenn von Dionysos als dem Weingott die Rede ist, muss auch Friedrich Nietzsche erwähnt werden. Für ihn ist Dionysos eine Art Symbol für ein ganz anderes Leben, das nicht der Entfremdung verpflichtet ist: Das Dionysische als Lebenshaltung ist der Einstieg in eine Selbstvergessenheit, der lustvollen Selbstübersteigung, der Entgrenzung. Es wird in diesem Zusammenhang immer an die Dialektik des Apollinischen und des Dionysischen erinnert. Nietzsche benutzte dieses dialektische Gegenüber zuerst in seinem Buch von 1873: „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“. Gemeint ist dieser Text als eine Huldigung Richard Wagners. Für Nietzsche ist die Tragödie die wahre Dimension des Menschseins. In der Tragödie erschließt sich das wahre Wesen der Welt. Tragödie heißt: Jemand wird schuldlos schuldig, fällt dabei, und stirbt. Nietzsche meint: Die Tragödie ist aus dem rituellen Chortanz des Dionysoskultes entstanden.

Nietzsche spricht dann vom tragischen Lebensgefühl als einem Ja-Sagen zum Leben, als Zustimmung, auch zum Furchtbaren, zu Tod und Untergang. Dieser Untergang ist die Heimkehr zum Lebensgrund. Leben und Tod sind tief verschwistert und alles steht in einem geheimnisvollen KREISLAUF. Das Apollinische Klare und Verständige wird dabei von Nietzsche als Teil des Dionysischen, des Rauschhaften, verstanden. Es gibt das auferbauende und das zerstörerische Spiel des Lebens: Es trägt den Namen Dionysos.. Entscheidend ist für Nietzsche die Bejahung des Vergehens und Vernichtens.

Dionysos wird so zum Inbegriff des allseits lebendigen und lebhaften Seins, er ist die Heiligkeit des Seins selbst.

Nietzsche stellt Dionysos neben Christus, den Gekreuzigten.

Es gibt meines Wissens wenige Äußerungen Nietzsches direkt zum Wein: Er hält Wein für wichtig, aber der Mensch soll auch die Fähigkeit haben, aus Wasser selbst Wein zu machen. Er sagt in „Menschliches Allzu Menschliches“: „Noch besser ist es, wenn man beide (Kunst und Wein) nicht nötig hat, sich an Wasser hält und das Wasser aus innerem Feuer, innerer Süße der Seele immer wieder von selber in Wein verwandelt“.

10.

Wie kann Rausch in eine Philosophie des Weins passen? Rausch sollte nicht als Betäubung verstanden werden, sondern als Form eines Lebens, das den Lebensimpulsen, den vitalen Impulsen, folgt. Dionysos ist also eine Gottheit dieses anderen Lebens. Als solche repräsentiert Dionysos Leben in seiner höchsten Form, weil er zeigt: Tod und Vernichtung gehören auch zum Leben und sollten nicht als Gegensatz gesehen werden, sondern als Teil des Lebens. Dieses „ganze“ Leben im Auf und Ab, im Sterben und Werden. Dazu bekennt sich Nietzsche bis zuletzt: Die „Dionysos-Dithyramben“ sind das letzte Manuskript, das er druckfertig machte…

11.

Der Rausch des Weins ist etwas anderes als der Rausch, den andere alkoholische Getränke verursachen: Darauf hat der englische Philosoph Roger Scruton in seinem Buch „Ich trinke also bin ich“ hingewiesen. Nicht nur, dass Wein als Geschmacksempfindung und Sinnlichkeit auch eine ähnliche berauschende Wirkung haben kann wie Musik und Kunst und Poesie. Beim Wein spielt das Aroma die entscheidende Rolle. Jeder Wein hat sein eigenes Aroma, also sein eigenes Gesicht. Wein hat Individualität. Anders als Bier oder Wodka. Diese Getränke werden oft nur schnell in Gier und aus Durst heruntergekippt, da soll schnell die berauschende Wirkung entstehen. Anders beim Wein: Da wird die Substanz genossen, die Farbe, das Gesicht des Weins. Da entstehen Gespräche, ein Miteinander, Wein wird nicht heruntergekippt.

12.

Eine Philosophie des Weins lebt von kritisch reflektierten Mythen: Das gilt bis heute: Beim Weintrinken beginnen Menschen, ihre Geschichten zu erzählen, der Wein lockert die Zunge und deswegen liegt „im Wein ja auch die Wahrheit“, wie das Sprichwort des Alkaios aus Lesbos sagt. Odo Marqurd, der kürzlich verstorbene Philosoph, hat ja nachdrücklich darauf hingewiesen: „Ohne Mythen können Menschen nicht leben“ .

13.

Im „Symposion“ erzählt Platon den Mythos von einer „Wein Feier“ u.a. mit Sokrates. Nur ein Aspekt dieses anregenden Textes kann hier erwähnt werden: Der Wein befördert hier indirekt auch die individuelle Wahrheit. Etwa, wenn man auf den Politiker Alkibidades am Ende der Erzählung achtet, der in Platons Geschichte im Weinrausch zu diesem Wein –Symposion gelangt und dort, in aller Ehrlichkeit (!), auch von seinem erotischen Gefühlen für Sokrates spricht. Dabei wird übrigens Sokrates auch als sehr trinkfähig beschrieben. Er kennt aber das richtige Maß, auch wenn er die ganze Nacht getrunken hat, ist er am nächsten Morgen fit.

14.

Immer mehr setzt sich dann in der Philosophie die Überzeugung durch: Im Rausch kann die Wahrheit nicht mehr entdeckt werden. Das ist Platons Grundüberzeugung, die sich dann bei Aristoteles noch weiter radikalisiert. Wahrheitsfindung wurde zur rein intellektuellen Anstrengung. Wer in der heftigen Ekstase förmlich aus sich heraustritt, seine Vernunft nicht mehr klar benutzt, kann die Wahrheit nicht finden.

Nebenbei: Auch Kant lehnte den Rausch ab. Er war bekanntermaßen ein Wein – Kenner und Wein – Liebhaber: Aber für ihn stand aller Wein Genuss unter dem Gebot des Maßes, des Maßhaltens.

15.

Die Vorschläge Hölderlins, den Wein als Gabe der Götter zu verstehen, bleiben inspirierend, wenn man denn sein Motto (eher als Begriff, der eine Sehnsucht ausdrückt) übersetzt: Weintrinken könnte eine neue rituelle, hoch geschätzte und deswegen „heilige“ Bedeutung erhalten, wenn er in Ruhe und langsam erfahren und getrunken wird. Und so Gemeinschaft stiftet, auch von Menschen, die einander bisher nicht kannt. Es gibt ja slow food, warum nicht auch slow drinks oder slowly drinking?

Gemeinsames Weintrinken als Kultur der Kommunikation: Vielleicht brauchen wir dafür wieder die „alten“ Weinstuben, die es als solche in vielen Großstädten Deutschlands nicht mehr gibt. Hingegen werden in Frankreich die bar à vin immer häufiger eröffnet, oft sogar als Buchhandlungen, die bis weit über Mitternacht geöffnet haben: Zum kommunikativen Weintrinken oder zurückgezogenem Lesen und Schmökern in den Büchern und Literaturzeitschriften, die dort amgeboten werden.

16.

Die einzelnen Gaben der Natur wieder schätzen lernen Das führt uns – nebenbei – zur Teekultur in Japan. Die Tee-Zeremonien sind in Japan und darüber hinaus als besinnliches gemeinsames Tee-Trinken unter der gastfreundlichen Leitung eines Meisters durchaus rituell strukturiert. Der Tee-Meister Soshitsu Sen schreibt: „Die grüne Farbe des Tees ist ein Spiegel der uns umgebenden Natur. Ich schließe meine Augen und tief in mir finde ich die grünen Berge und das klare Wasser der Quellen. Ich sitze, werde still und fühle, wie all dies ein Teil von mir wird“.

17.

Weitere Elemente einer Philosophie des Weins wären zu bedenken: zum Beispiel die immer heftig debattierte „Geschmacksfrage“. Dabei handelt es sich um erkenntnistheoretische Probleme: Zum Beispiel: Sind Geschmacksurteile auch objektiv, oder sind sie völlig der subjektiven Willkür überlassen? Ist mein Urteil zu einem bestimmten Wein mehr als meine Einschätzung, wenn ich sage: Ich finde den Wein etwas gradlinig und leicht nach Stachelbeere schmeckend, allerdings mit Schärfe im Abgang usw.“ Ist dieses mein Urteil mit anderen Urteilen zu vergleichen?

Kant hat daran erinnert, dass ein Urteil aussprechen, heißt: Einem bestimmten Gegenstand eine bestimmte Eigenschaft zuzuschreiben. Etwa: Ein Ball ist rund. Das werden alle bestätigen.

Aber wie es bei dem individuellen Schmecken von Wein? Gibt es da nur und ausschließlich einander widersprechende subjektive Geschmackserlebnisse?

Natürlich ist es leicht, sich dabei auf Ludwig Wittgenstein zu beziehen, der die grundlegende Frage stellte, ob sich überhaupt alles in Begriffe bringen lässt.

Aber im Anschluss an David Hume (1711-1776) „Of the standard of Taste“ kann man doch sagen:

Es gibt keinen totalen Subjektivismus, keine totale Beliebigkeit und damit totale Widersprüchlichkeit in der Beurteilung eines Weins. Nicht alle Urteile haben recht im Bereich des Geschmacks. Stinkende Gerüche werden in einem bestimmten Kulturkreis wohl von allen als stinkend beurteilt.  Und stark verkorkste Weine wird wohl kaum jemand mit Genuss trinken. Und über die scharfe Säure eines missratenenen Weines werden sich wohl die meisten verständigen: An diesen extremen Beispielen wird schon deutlich, dass es elementare Grundüberzeugungen gibt, auch in der Einschätzung von Wein. Und ein Geschmacksurteil setzt immer auch eine gewisse Vorbildung, Ausbildung, voraus. Das gilt in anderen Urteilen zu „Geschmacksfragen“ ganz deutlich, etwa im literarischen Bereich: Da ist es evident, dass ein „Lore-Groschen-Roman“ nicht die gleiche künstlerische und sprachliche Qualität hat wie etwa ein Goethe-Gedicht…

18.

Wenn man sich das Studienprogramm der Universität in Geisenheim im Rheingau, anschaut, sie ist spezialisiert auf Weine und Weinanbau etc., wird man leider feststellen: Dort gibt es (bis jetzt) kein Studienfach „Philosophie des Weins“. Kann man aber künftige Weinspezialisten ausbilden, ob das Grundlegende, das Kulturelle, das Philosophische? Ist Wein nur noch eine Frage der Technik und des Kommerz?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

Was ist das Wesen des Islams? Neue Aspekte einer Diskussion

Was ist das Wesen des Islam? Neue Aspekte einer Diskussion

Von Christian Modehn

Ende Dezember 2014 haben wir eingeladen, über das „Wesen des Islam“ nachzudenken. Weiter unten steht der Text, der damals publiziert wurde.

Anfang März 2015 haben wir eher behutsam-optimistische Hinweise veröffentlicht zur Rolle der Vernunft im heutigen Islam, wenigstens in Deutschland, siehe die Stellungnahmen von Abdel-Hakim Ourghi weiter unten.

Am 8.3. 2015 noch einmal erweitert: Ein Hinweis auf den absoluten Nihilismus auch kultureller Art bei denen, die sich Islamischer Staat (IS) nennen (aber mit einem authentischen Islam nichts zu haben) und ihr Imperium offenbar immer mehr erweitern: Nun hat der IS wichtigste kulturelle Schätze in Mossul und Nimrud zerstört, in einem religiös gefärbten Wahn, in einer nihilistischen Tat, die alle Zeugnisse kulturellen Leben VOR dem Auftreten des Islam nicht sichtbar gepflegt lassen und erhalten will. Heidnisches, Fremdes, für IS Mörder schwer Verständliches darf nicht existieren! Dabei spielen sicher auch ökonomische Interessen des IS eine Rolle, durch Verkauf wertvoller Objekte in den Westen…

Wenn nun der IS diese Regionen durch Zerstörung „säubert“, will er Raum schaffen für die in IS Sicht „pure“ islamische Welt, wie sie in Medina im Umfeld des Propheten existierte. Darum weist die nihilistische Zerstörungswut in Mossul und Nimrud auf noch viel Tieferes hin: Die IS Gebiete sollen auch von allen Zeichen, aller Lebendigkeit jüdischer und christlicher Kulturen, befreit werden. Befreiung stets verstanden als Zerstörung der Kultur und als Mord und Totschlag. Es spielt dabei auch der Hass der monotheistischen IS Muslime eine Rolle, der Hass auf die beiden anderen monotheistischen Religionen, auf Judentum und Christentum, also auf die Bibel in der Form des AT und NT. Bekanntlich hätte es keinen Koran geben können, ohne die Bibel, ohne die beiden Religionen Judentum und Christentum. Indem der IS diese Wurzeln des eigenen Glaubens vernichtet, zerstört er letzlich auch sich selbst. Es ist der Wahn, der da beim IS durchschlägt, als gäbe es eine Steigerung des monotheistischen Glaubens, von den angeblich primitiven frühen Formen des Judentums und Christentums hin zum späteren, evolutionär sozusagen höher stehenden Islam. Nur diese letzte, angeblich beste Stufe zählt. Diese These wird ja nicht nur vom IS vetreten! Sie ist vielerorts zu hören. Wer zur angeblich einfachen Gesellschaft des Propheten in Medina zurückkehrt, wehrt sich gegen Toleranz und Vernunft. Bekanntlich loben ja gebildete Muslime die Kultur des Propheten in Mekka, und die dort geschriebenen eher toleranten Texte gegenüber den eher heftigen Passagen des Koran, wie sie dann, für Medina gültig, aufgeschrieben worden. Insofern ist der IS auch eine Engführung des frühen Islam selbst und eine Art Halbierung des Propheten.

…………….

Jetzt, Anfang März 2015, wird die Debatte darüber in Deutschland weiter vertieft, mit neuen, präzisen Erkenntnissen des muslimischen Islam-Wissenschaftlers Abdel-Hakim Ourghi, Prof. an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg.

Die Frage nach dem „Wesen einer Religion“ mag etwas großspurig erscheinen. Aber sie ist notwendig, weil sie ein Profil sucht, das über die faktischen Religionen, so wie sie heute leben, hinausweist. Der Wesens-Begriff ist nie ganz realisiert, er ist insofern ein kritischer Begriff. Das gilt auch für das Christentum, denn kein ernstzunehmender Beobachter des Christentums wird meinen, die evangelikalen MegaChurches in den USA seien Inbegriff des Christentums oder bestimmte Kreise des traditionalistischen Katholizismus typisch katholisch. Wer nach dem Wesen einer Religion fragt, sucht sozusagen die bessere, die humanere und spirituell-reine Gestalt des jeweiligen Glaubens in der religiösen Institution. Er sucht vor allem eine Gestalt, die vor dem bleibenden und gültigen Anspruch der Vernunft, wie sie sich heute artikuliert, bestehen kann.

Wichtig ist das Interview, das der islamische Theologe und Religionspädagoge Abdel-Hakim Ourghi (Freiburg) der Zeitschrift HERDER KORRESPONDENZ gegeben hat (Heft 3/2ß15 S. 124 ff.) Wir können nur einige zentrale Aussagen zitieren und die Lektüre des ganzen Interviews dringend empfehlen.

– „Der Islam hat mit dem islamischen Terrorismus zu tun. Auch die Extremisten sind Muslime. Sie beten in Moscheen, erkennen den Koran und die Tradition des Propheten als kanonische Schriften an. Sie begründen ihre Taten mit dem Koran…“ (S. 124)

– Die Extremisten beziehen sich auf einzelne Suren aus der Zeit Mohammeds in Medina, „es findet eine Rückkopppelung der Extremisten an diese medinensische Phase statt“ (S. 125).

– „Wir müssen auch die unangenehmen Aspekte in den kanonischen Quellen kritisieren, um das Klima für eine angemessene Interpretation des Islam zu schaffen“. (ebd.)

– „Muhammed ist 632 gestorben, schon in der ersten gemeinde des Propheten kam es innerhalb der Gemeinschaft zu Gewalttaten“ (S. 126).

Am wichtigsten ist in unserer Sicht:

– „Es geht darum, den Koran ALS TEXT zu verstehen“… “ Die Muslime müssen sich der Tatsache stellen, dass der Islam des 7. Jahrhunderts nicht mehr unser Islam ist – und auch nicht sein kann“ (ebd.)

– „Es besteht die Freiheit, heute unangemssene Koranstellen zu kritisieren“. (S. 127)

– „Notwendig ist ein rationaler Verstehenszugang zum Koran“ (S. 128)

– „Es ist an der Zeit einzugestehen, dass der Islam nicht die einzige Religion ist“ (ebd.). PS: Will Abdel-Hakim Ourghi eigentlich sagen, nicht die einzig WAHRE Religion ist“ (C. M.)

– „Mich stört es nicht, wenn es solche Karikaruren wie in Charlie Hebdo gibt. Im Gegenteil: Ich brauche keine Angst um meinen Propheten zu haben. Es muss ganz normal sein, dass man den Propheten kritisieren darf“ (S. 128)

Das Interview ist ein Beispiel dafür, dass unter gebildeten Muslimen ein Islam gedacht und damit praktisch wohl auch vorbereitet wird, der zu den Grundlagen einer vernünftigen Kultur nicht mehr im totalen, feindlichen Widerspruch steht. Eine Anerkennung der Menschenrechte als der obersten Norm und als der kritischen Instanz auch in religiösen Fragen würden wir uns noch deutlich von Abdel-Halim Ourghi wünschen. Aber seine Überzeugung weist in diese Richtung: Wenn er etwa ablehnt, dass islamische Geistliche in Deutschland vom türkischen Religionsministerium bestellt werden. Dahinter steht der Wunsch, einer konsequenten Trennung der (islamischen) Religion von jeglichem staatlichen Einfluss.

Die ganze Debatte, die wir hier für wichtig halten, steht im Dienst der Religionskritik, die ja durchaus nach dem vernünftigen Potential der Religionen, auch des Islam, fragt. Es ist keine Frage: Ein sich reformierender Islam gehört selbstverständlich auch zu Deutschland, weil die Muslime hier leben, die sich auf diesen religiösen Weg begeben haben.

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Dieser Text wurde Ende Dezember 2014 publiziert:

Seit etlichen Jahren werden wir von Islam-Wissenschaftlern und Vertretern islamischer Organisationen in den demokratischen Ländern des Westens belehrt mit vielerlei Erläuterungen, die alle den einen Grundtenor hatten und haben: „Eigentlich ist der Islam eine menschenfreundliche Religion. Vielleicht sind da und dort in einigen Formulierungen etwas scharf, aber sonst ist „der“ Islam doch sehr normal“.

Das trifft für viele Angehörige dieser Religion ja auch wohl zu. Wobei, philosophisch gesehen, kein Mensch in das Herz, also in die wahren inneren Überzeugungen eines anderen, völlig hineinschauen kann. Das gilt selbstverständlich auch für Christen, Juden oder Atheisten und alle anderen Menschen. Ob jemand friedlich IST, zeigt sich an seinem friedlichen und toleranten Leben, nicht in netten Worten allein.

Natürlich weiß allmählich jeder, dass es keine religiöse Zentralstelle, etwa einen Papst, der Sunniten oder der Schiiten gibt. Dennoch wären sehr deutliche Zeichenhandlungen von muslimischen Mitbürgern in allen Teilen Europas usw. möglich. Etwa: Sehr viele Moscheen veranstalten am Freitag kein Mittags-Gebet, sondern halten zur selben Zeit große Demonstrationen der Frommen in der Öffentlichkeit. Sozusagen ein pazifistischer Streik der Moscheen und ihrer Gottesdienste. Die Prediger könnten ausruhen und noch mehr nachdenken. Diese Demonstrationen können deutlich machen: Wir „normalen Muslime“ haben mit den IS Verbrechern nichts zu tun und wir halten diese Mörder auch nicht für Muslime. Wir verbannen sie, sind aber bereit, Menschen aufzunehmen und zu bilden, wenn sie sich von der Henker-Existenz abwenden. ANTI – IS Erklärungen gab es ja da und dort aus muslimischen Kreisen. Aber was bewirken Worte in diesen bestialischen Zusammenhängen?

Der Sufismus wurde und wird oft als der spirituelle Mittelpunkt eines mystischen, so innig religiösen und deswegen so friedlichen Islams hingestellt. Das wird so sein. Seitdem Zentren des friedlichen und mystischen Sufismus durch Terrormilizen des IS zerstört werden, seitdem bestialische Mordattacken und das Vernichten von wertvollsten Kulturgütern durch islamistische IS Terroristen üblich sind, gibt es immer mehr Fragen, die einfach ernst genommen werden sollen: Offenbar verstehen die Terroristen, dass die Sufis eine menschenfreundliche Religion darstellen, also sollen sie ausgeläscht werden. Und vor allem: Erneut die Frage: Was ist denn nun wirklich wesentlich im Islam? Vielleicht sind die Sufis gar die einzigen wahren Muslime? So, wie die katholischen Mystiker, die sanften und friedlichen, die einzigen wahren Christen waren in Zeiten der blutigen Expansion des Christentums in Afrika und Amerika?

Also: Was ist wesentlich am Islam? Diese Frage scheint in dieser Dringlichkeit neu zu sein und sie sollte mit aller Sorgfalt diskutiert werden. Denn einige radikale („deutsche“, „französische“, „niederländische“ usw.) Kreise in Europa warten förmlich darauf, aus eigenen (innen-) politischen Interessen das Bild der Fremden, auch der „fremden Muslims“ in Europa, so schlecht wie möglich hinzustellen. Damit man wieder ein „abendländisches“, also ein nur europäisches Europa in völliger Abschottung erleben kann…Diese reaktionären Kreise benutzen „den“ Islam nur für ihre eigene rigide Haltung. Sie nennen sich Abendländer, haben aber nicht verstanden, dass Abendland zuerst Dialog, Lernbereitschaft und Freundlichkeit bedeutete.

Trotzdem bleibt die Frage:

Viele Beobachter haben seit dem Auftreten der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) die fundierte Überzeugung: Der Islam steckt in einer tiefen Legitimationskrise, niemand auch unter den etwas gebildeteren Frommen weiß noch, was nun wesentlich zum Islam gehört, weiß noch, ob denn nun der Koran wesentlich human, wesentlich menschlich für ALLE Menschen ist oder nicht. Ob der Humanismus, also der Respekt vor JEDEM Menschen, Kern des Korans ist oder nicht und ob der Humanismus absolut vor jeder religiösen Lehre steht oder nicht? Dass diese Fragen nach der völligen Vorrangigkeit des Humanismus vor allem religiösen Dogmatismus selbstverständlich mit der gleichen Intensität auch dem Katholizismus, der russischen Orthodoxie, dem (ultra)orthodoxen Judentum oder Kreisen der fundamentalistischen „evangelischen“ Pfingstler gestellt werden müssen, ist völlig klar und sollte geschehen. Nur: In diesem kleinen Hinweis hier geht es nun einmal um den Islam!

„Der Islam, so wie er sich heute als Religion organisiert, kann seine Kernbotschaft nicht mehr kohärent formulieren, vermitteln und begründen. Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Warum machen sich Selbstmordattentäter heutzutage wie eine Pest breit“? Diese und andere weit reichende Fragen stellt der in Kairo lebende Journalist Martin Gehlen in „Der Tagesspiegel“ vom 21. Dezember 2014, Seite 4f. Einige andere Spezialisten gehen noch weiter, wie der Palästinenser Ajhmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in Deutschland. Er sagte – so zitiert M. Gehlen- in einem SPIEGEL Beitrag: „Die Islamisten haben im Prinzip nichts Neues erfunden. Sie haben die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert. Ihre Haltung zum Umgang mit Ungläubigen usw. unterscheidet sich vom gängigen Islamverständnis nur graduell, nicht prinzipiell. D.h. diese radikalen Strömungen seien, so wörtlich „in Ähnlichkeit“ zum normalen Islam.

Es sind verstörende, unbequeme Einsichten, die jetzt, beim Erstarken der Terrormiliz IS, über das „Wesen des Islams“ öffentlich gemacht werden, eben von renommierten Islamwissenschaftlern und „Mitgliedern“ der islamischen Gemeinschaft selbst, wie dem Wiener Muslim und Islamwissenschaftler Ednan Askan (geboren in der Türkei). Er hat in „Die Zeit“ vom 17. Dezember 2014 Seite 58 ein hoch aktuelles Interview gegeben. Er sagt im Blick auf die islamischen Gewalttäter, die sich auf den Koran berufen: „Eigentlich müssten wir uns von den religiösen Inhalten distanzieren, auf die gewaltbereite Muslime sich berufen. Wenn wir ehrlich wären, würden wir zugeben, dass wir im Islam seit Jahrhunderten solche (gewalttätigen) Inhalte lehren“. Mit anderen Worten: Prof. Aslan plädiert dafür, bestimmte religiöse Inhalte der Tradition, dann wohl auch aus dem Koran, als nicht mehr relevant, wenn nicht gefährlich beiseite zu legen und künftig als ungültig, weil inhuman, zu betrachten. Ähnliches gilt etwa auch für den verhängnisvollen antihumanen Spruch aus dem Alten Testament, der immer wieder zitiert und im Umgang mit Feinden in Israel und Palästina angewendet wird: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus dem Buch Exodus, 21,23–25. Eine Religion, die sich menschenfreundlich nennt und nach außen hin auch sein will, also faktisch Humanismus höher wertet als religiöse Gebote aus uralter Zeit, sollte heute sofort diesen Satz aus dem heiligen Buch streichen und verbannen. Das ist unsere Meinung im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Warum müssen alte Religionen vielen alten ideologischen „Schrott“, den man nur nach zweijährigem Studium versteht, mit sich herumschleppen? Wer wagt es denn, in den religiösen Traditionen von wegzuschaffendem Schrott zu sprechen? Wie eingeschüchtert sind eigentlich Theologen? Ist es einzig die unabhängige Philosophie, die klare Worte findet, die viele denken, aber nicht aussprechen können?

Aber, welche Religion hat so viel Mut, sich von den eigenen bösen Traditionen zu trennen und zu sagen: Diese inhumanen Sprüche gehören nicht mehr zu unserem menschenfreundlichen Glauben.

Um noch einmal auf das Interview von Evelyn Finger mit Prof. Ednan Aslan zurückzukommen: „Wir muslimischen Theologen müssen endlich den Mut haben zu sagen, das bestimmte (fundamentalistische) Interpretationen des Islams falsch sind. Inakzeptabel, Das tun wir aber nicht“.

Frage: Warum?

Antwort von Prof. Aslan, Wien: „Weil wir seit dem 17. Jahrhundert keine lebendige Theologie mehr haben, sondern eine Theologie des Krieges, die geistig rückständiger ist als die des 9. Jahrhunderts“..

Aslan fordert weiter, die Auffassungen der alten, immer noch gültigen islamischen Rechtsschulen als überholt zu bewerten …und „sie durch ein aufgeklärtes Islamverständnis zu ersetzen“.

Bis jetzt aber gebe es keine wirksame Theologie gegen die zunehmende Radikalisierung. „Es gibt keine starke Gegentheologie. Die Theologie der Gewalt ist derzeit die (islamische) Religion. Damit muss Schluss sein“.

Die Aufgabe ist gewaltig: Es gilt, die humanistischen Kräfte im Islam, die liberalen Gruppen und die vernünftigen Islam-Wissenschaftler zu stärken und zu schützen. Vor 400 Jahren noch waren viele christliche Theologen Anhänger der Hexenverbrennung und der Vernichtung von Ketzern. Eine halbwegs humane christliche Theologie ist erst entstanden, als sich der Humanismus und der Geist der Menschenrechte durchsetzte, also mit Hilfe säkularer Gruppen fand die christliche Theologie zurück auf die Wege des Friedens.

Die Stärkung der demokratischen Grüppchen einer Zivilgesellschaft in der arabischen Welt wäre wohl in dem Zusammenhang das oberste Gebot.  Damit aus Grüppchen einst mächtige Volksbewegungen werden. Eine Utopie?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon

Lässt sich Gott beleidigen? Über die Blasphemie und die Gotteslästerung

Lässt sich Gott beleidigen?
Sinn und Unsinn der Blasphemie
Von Christian Modehn. Dieser Beitrag wurde zuerst veröffentlicht am 5. Juli 2013, aus aktuellem Anlass noch einmal am 8. Januar 2015

Ein aktuelles Vorwort: Ein zentrales Motiv für die Ermordung der Journalisten und Künstler der Zeitschrift „Charlie Hebdo“ am 7.1. 2015 war die totale, die tötende Ablehnung von öffentlicher Religionskritik und damit auch von „Gotteslästerung“.

Für mehr Klarheit und Unterscheidungskraft, also für „vernünftiges, aufgeklärtes Denken,  wollte ein Radio-Beitrag sorgen, der am 9. Juni 2013 auf NDR Kultur in der Reihe „Glaubenssachen“ gesendet wurde.

…………..

In zahllosen Gebeten und Gesängen rühmen Juden, Christen und Muslime ihren lieben und gerechten Gott. Sie verneigen sich vor dem Ewigen und Barmherzigen, dem Himmelsherrn und Vater. In grenzenloser Begeisterung werden alle nur denkbaren ehrenvollen Titel Gott zugesprochen. „99 Namen“ erwähnen muslimische Gelehrte, wenn sie Allah bezeichnen. Eigentlich könnte es unzählige Namen für Gott geben, so wunderbar ist sein Wesen.
Doch wehe, wenn Menschen die Lobeshymnen nicht anstimmen können, weil sie zu zweifeln beginnen, wie denn ein gerechter Gott gleichzeitig auch barmherzig sein kann. Oder warum ein liebender Gott – Vater sich auch als strenger Richter zeigt. Menschen werden wütend, wenn sie sich von dem Allmächtigen verlassen fühlen und nur das abweisende Schweigen des Ewigen spüren. Seit den ersten Tagen der Christenheit lästern auch Gläubige über Gott. Viele wagen es, ihn öffentlich zu verfluchen.
Wer seine Wut über Gott äußert, will alle Scheinheiligkeit vermeiden und nicht in stummer Wut ersticken. Vielleicht hofft er sogar, andere zum Nachdenken zu bringen: Ist Glaube nur eine Form von Sicherheit, lautet die Frage religionskritischer Literaten und Künstler. Der fast nackte Christus am Kreuz war im Mittelalter ein Schock für fromme Seelen, sie liebten den prächtigen Christus als thronenden König. Als Gotteslästerung wurde auch ein Gemälde aus dem 20. Jahrhundert empfunden, das die Gottesmutter Maria zeigt, wie sie ihren Sohn Jesus verdrischt.
„Achtung Gotteslästerung“ rufen empört die Frommen, wenn sie meinen, ihre fest gefügte Welt gerate ins Wanken. Und weil religiöse Menschen bis vor wenigen Jahren noch in Europa die Mehrheit bildeten, durften es sich die Herrscher mit ihnen nicht verderben. Blasphemie galt darum als Straftat. Dabei wurde der Begriff Gotteslästerung von Anfang an sehr weit gefasst: „Einfache“ Christen aus dem Volk galten genauso wie gebildete Theologen als Blasphemiker, wenn sie von der offiziellen Kirchenlehre abwichen. Wer an den orthodoxen Lehren rüttelte, beanspruchte auch, Gottes Wesen neu beschreiben zu können. So könnte eine Vielfalt der Gottesbilder entstehen; das aber störte die alles bestimmende Religion der Mehrheit.
Die Kirchen wehren sich seit Anbeginn gegen die Gotteslästerer. Schon der Kirchenvater Augustinus ließ sich im 4. Jahrhundert von der Überzeugung leiten: Wer Gott beleidigt, sollte mit Gewalt zum Schweigen gebracht werden. Seit dem frühen Mittelalter bezeichnen Kirchenführer die Blasphemie als eine der schwersten Sünden. Sie erfanden den Begriff der „Zungen – Sünde“: Die bösen und spitzen Worte der Gotteslästerer wurden als Folter – Werkzeuge gedeutet, mit denen Christus erneut ans Kreuz genagelt wird. Bischöfe und Päpste erfanden eine ganze Liste von Strafen, berichtet der Theologe Jean – Pierre Wils in seiner Studie mit dem Titel „Gotteslästerung“:

„Für Zungensünder wurde öffentliches Bußestehen, Fastengebote und Wohltätigkeit als Strafe gefordert. Bei Verweigerung der Strafe kam es zur Aufhebung der Kirchenmitgliedschaft und zur Ablehnung einer kirchlichen Beerdigung im Todesfall“.
Brachten diese eher sanften „Maßnahmen“ nicht die gewünschte Sinnesänderung, wurde rabiat zugegriffen: Den Gotteslästern wurde von den staatlichen Behörden das verfluchte Organ beschädigt. In aller Öffentlichkeit wurde die Zunge verstümmelt, so dass die Lästerer für immer mundtot waren. Berühmt ist der Fall des Chevalier de la Barre. Ihm wurde das laute Singen angeblich antireligiöser Lieder in der Öffentlichkeit zur Last gelegt sowie die Lektüre des religionskritischen Wörterbuches von Voltaire: Schon diese Taten reichten aus, dass der Chevalier im Jahr 1766 der Blasphemie für schuldig befunden wurde: Der Henker schnitt ihm zuerst die Zunge heraus, bevor er ihn mit dem Beil tötete“.
Keineswegs galt nur in katholischen Ländern die Blasphemie als schwere Sünde. Der Reformator Martin Luther sprach immer wieder davon; er hielt schon die bloße Existenz des machtvollen und damals korrupten Papsttums für die übelste Gotteslästerung. Der Reformator Johannes Calvin sah in der Ablehnung der Heiligen Dreifaltigkeit eine so unverschämte Blasphemie, dass er den Theologen Michel Servet in Genf auf dem Scheiterhaufen hinrichten ließ. Der aus Spanien stammende Gelehrte konnte die offizielle Lehre von der einen Gottheit in drei Personen nicht akzeptieren.
Wer vom Glauben der Mehrheit abweicht, gefährdet als Häretiker die öffentliche Ordnung. Nur der eine und einzige Gott in der einen wahren Kirche kann das Reich zusammenhalten. Davon sind autokratische und absolutistische Systeme bis heute überzeugt.
In Moskau wurden am 17. August 2012 drei junge Frauen zu zwei Jahren Straflager verurteilt. Sie hatten als Künstlerinnen der russischen Punk – Rockband Pussy Riot angeblich religionskritische Lieder in der prachtvollen „Christ – Erlöser –Kathedrale“ vorgetragen und dabei die enge Zusammenarbeit des Putin Regimes mit der russisch – orthodoxen Kirchenführung angeklagt. Deren oberster Führer, Patriarch Kyrill I., nannte die provozierende Aktion der feministischen Künstlerinnen sofort eine Gotteslästerung. Ohne auch nur den Versuch zu machen, mit den wütenden Künstlerinnen ins Gespräch zu kommen, bediente sich die Kirche des starken Arms des Staates: So kam es wie in einem Schauprozess zur Verurteilung der angeblichen Gotteslästerinnen. Dabei hatten sie sich positiv über das Christentum ausgesprochen, als sie betonten: Im Sinne Jesu ist die ständige Suche nach der Wahrheit verpflichtend.
Russland steht in seinem Kampf gegen die Blasphemie heute keineswegs allein da. Die Pariser Zeitschrift „Le Monde des Religions“ hat Ende November 2012 berichtet, dass fast die Hälfte aller Staaten Gotteslästerung und öffentliche Herabsetzung des Religionen bestraft. Vor allem in den Ländern Nordafrikas und des Mittleren Ostens ist das heute übliche Praxis. In muslimisch geprägten Staaten ist Gotteslästerung vor allem die Schändung des Korans sowie die Schmähung des Propheten Mohammed; wer dessen Gesicht künstlerisch darstellt, handelt ebenfalls blasphemisch.
Nur eine kritische Interpretation der religiösen Texte kann aus dieser Enge religiös – fundamentalistischen Denkens befreien. Aber auch in Europa hat sich erst vor dreihundert Jahren die Überzeugung durchgesetzt: Viele uralte Weisungen und Gebote der jüdisch – christlichen Überlieferung dürfen nicht wortwörtlich verstanden werden. Sie sind keine ewig gültigen Beschreibungen von Tatsachen, die heute noch unmittelbar gelten können. Kein gebildeter Gläubiger und kein aufrechter Demokrat kann den Vers aus dem alttestamentlichen Buch Leviticus heute noch wörtlich befolgen, der da heißt:

„Wer Gottes Namen lästert, der soll des Todes sterben. Die ganze Gemeinde soll ihn steinigen. Ob Fremdling oder Einheimischer: Wer den Namen Gottes lästert, soll sterben“.

Von diesen Weisungen sollten sich die jüdischen Priester vor 2.500 Jahren motivieren lassen, für die damals bedrohte jüdische Religion einzutreten. Diese Worte stammen aus einer Epoche, als der jüdische Glaube noch seine Identität suchte. Universale Geltung im wörtlichen Sinn können diese Worte heute nicht mehr haben.
Viele Christen haben sich inzwischen von alten Vorstellungen befreit: Bis vor 200 Jahren galt noch die Überzeugung: Wer Gott – Vater, den himmlischen Herrn, beleidigt, weckt in ihm nur den Wunsch nach Rache und Strafe. Denn, so glaube man, dieser Himmelsherr ist eine Person, zwar verschieden von menschlichen Personen, aber eben doch eben ein freies Wesen und voller Stolz. Und dieser personale Gott legt allen Wert auf den Respekt vor seiner Würde und Ehre. Von den Lästerern empört, sende Gott als Strafe schlimmstes Unheil in die Welt, Hungersnot, Pest, Erdbeben. Wollen die Menschen heil und glücklich leben, müssen sie also die Gotteslästerer bestrafen. Deswegen stellten sie bis ins 19. Jahrhundert Blasphemie unter Strafe. Noch 1851 wurde in Preußen Gotteslästerung als Verbrechen definiert.
Es waren Theologen und Philosophen, die gegen die Blasphemie Gesetze opponierten; aber erst Mitte des 20. Jahrhunderts hatte sich in Europa die Überzeugung durchgesetzt, dass Gott ausschließlich eine geistige, eine metaphysische Wirklichkeit für den Glaubenden sei. Gott kann als solcher niemals ein reales Rechtssubjekt sein, er kann gar nicht wie ein Kläger betrachtet werden. Das hat weit- reichende Konsequenzen: Hungersnot und Pest haben ihre Ursache nicht mehr in Gottes Zorn, sondern in weltlichen, irdischen Zusammenhängen.
Religiöse Menschen können Gott als den ganz anderen, den Unendlichen gelten lassen. Sie werden ihn nicht mit albern erscheinenden Argumenten in einen irdischen Rechtsstreit ziehen. So erhält auch das zweite der Zehn Gebote einen tieferen Sinn; es heißt in der Überlieferung:

„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes nicht unnütz gebrauchen“.

Wer den Namen Gottes „unnütz“ gebraucht, macht Gott zu einem berechenbaren Ding unter anderen, und ein solches Verhalten stört die authentische Gottesbeziehung des Menschen. Dieser Mensch bleibt in der irdischen Welt befangen und ahnt nichts von Gottes unendlicher Größe. Genau darauf zielt das alte überlieferte Gebot, das sich eher mythologisch – bildlicher Sprache bedient:

„Denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht“.

Die hier erwähnte „Strafe Gottes“ muss wieder in menschliche Verhältnisse übersetzt werden: Wer den Namen Gottes missbraucht, schädigt sich selbst. Er sieht nicht, dass ehrenvolles Verhalten Gott gegenüber alles andere ist als Lobpreis und Jubel. Wer Gott die Ehre gibt, seinen Namen recht gebraucht, so lehrt die Bibel, bemüht sich, gerecht zu leben und die Gerechtigkeit zu fördern. Wer Gottes Namen tatsächlich ehren will, hat Teil der Gemeinschaft von Menschen, die sich um eine gerechtere Welt bemühen. Darin kann der Sinn des Lebens entdeckt werden. Die Bibelwissenschaftler Hermann Strack und Paul Billerbeck haben schon 1920 geschrieben:

„Die Heiligung des Namens Gottes besteht im praktischen Gehorsam gegenüber Gottes Willen“.

Darum gilt heute die theologische Erkenntnis: Wer die Grundlage einer gerechten Ordnung zerstört, der lästert Gott. Blasphemie hat also sehr viel mit Verachtung der Menschenrechte zu tun. Gotteslästerung heute sind Sklaverei, Frauenhandel, Unterdrückung der Armen, Verfolgung von Minderheiten.

Auch aus politischen Gründen wird Gotteslästerung als Straftat heute zurückgewiesen: Denn längst hat sich die religiöse Vielfalt in den meisten Staaten durchgesetzt. Wie könnte etwa in West – Europa der Gott einer bestimmten Religion vor Blasphemie geschützt werden, die Überzeugung der Atheisten aber nicht? Ungläubige sind froh, wenn Gott kritisiert wird, Fundamentalisten werden heftig erzürnt. Der Staat müsste sich also theologische Kompetenz anmaßen, wenn er in solchen Konflikten entscheiden soll, ob nur Allah beleidigt wurde, nicht aber auch der Vater – Gott der Christen und auch nicht die Götter Vishnu und Krishna der hier lebenden Hindus.

Unter dem Einsatz menschlicher Gesetze kann Gott gar nicht vor Beleidigungen bewahrt werden: Denn es gibt, schlicht und einfach, gar nicht mehr den einen und einzigen Gott in Europa. Das haben selbst ultra konservative Calvinisten in Holland eingesehen: Bisher konnten sie durchsetzen, dass der Gotteslästerung – Paragraph in dem liberalen Land Bestand hat. Nun soll Blasphemie aus dem niederländischen Strafgesetzbuch gestrichen werden.
Als man in der Bundesrepublik Deutschland Ende der neunzehnhundert sechziger Jahre die Reform des Strafgesetzbuches einleitete, wurde auch der Blasphemie -Paragraph 166 neu formuliert. Das Reichsstrafgesetzbuch hatte zuvor die Gotteslästerung noch unter Strafe gestellt sowie das Beschimpfen der christlichen Kirchen als Institutionen. Im Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland ist von der Beleidigung Gottes keine Rede mehr: Hingegen ist das Beschimpfen und Beleidigen religiöser Menschen strafbar, und zwar immer dann, wenn dadurch der öffentliche Frieden gestört wird.
Die Vielfalt freier Meinungsäußerungen muss sich in der Weise gestalten, dass immer der öffentliche Friede gewahrt bleibt. Religiöse Menschen dürfen sich von religionskritischen Äußerungen nicht verletzt fühlen, andererseits müssen auch die Überzeugungen von Skeptikern und Atheisten vor beleidigender Polemik der fundamentalistisch Frommen geschützt werden.
Wenn es aber zu Streit und Konflikt kommt, wird genau abgewogen werden, ob das Grundrecht auf Meinungsfreiheit höher bewertet werden soll als das Grundrecht auf Religionsfreiheit: Denn erst die Meinungsfreiheit begründet und ermöglicht alle weiteren Freiheiten. Autokratische Regime sehen das anders: Sie deuten heute den Schutz ihrer Staatsreligion als Kampf für die Religionsfreiheit. Tatsächlich geht es ihnen aber nur um die eigene Macht. Deswegen unterdrücken sie dabei gleichzeitig Meinungsfreiheit. In einer demokratischen Kultur garantiert erst Meinungsfreiheit die Religionsfreiheit, jeder hat dann das Recht, seinen eigenen Glauben oder seinen eigenen Atheismus zu wählen.
Im Einzelfall wird auch in Europa immer wieder gestritten, ob eine Aussage in der Literatur oder die Arbeit eines Künstlers tatsächlich blasphemisch sind. Als sich ein deutsches Satire – Magazin kürzlich auf den umfassenden Geheimnisverrat im Vatikan bezog und viele verräterische, unkontrollierte Stellen dort andeutete, wurde auch Papst Benedikt XVI. ins Bild gerückt. Sofort meldete sich der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick zu Wort: Er erkannte in dem satirischen Bild Ansätze für eine Gotteslästerung. Er forderte die Anwendung des Paragraphen 166. Im August 2012 sagte Erzbischof Schick:

„Wer die Seele der Gläubigen mit Spott und Hohn verletzt, der muss in Schranken gewiesen und gegebenenfalls auch bestraft werden“.

Die Sache wurde dann nicht weiter verfolgt, weil ein so tiefes Wutpotential unter den Frommen doch nicht auszumachen war, von Gefährdung des gesellschaftlichen Friedens gab es keine Spur. Aber konservative katholische Kreise in Deutschland lassen nicht locker: So forderte der katholische Schriftsteller Martin Mosebach grundsätzlich ein Eingreifen des Staates im Falle blasphemischer Äußerungen. Denn, so meinte er, die beleidigten Frommen könnten einmal voller Wut gewalttätig werden. Mosebach betonte:

„Das kann geschehen, wenn eine größere Gruppe von Gläubigen sich durch die Blasphemie in ihren religiösen Überzeugungen so verletzt fühlt, dass ihre Empörung zu einem öffentlichen Problem wird. Es wird das soziale Klima bei uns fördern, wenn Blasphemie wieder gefährlich wird“.

Durchgesetzt hat sich hingegen die Überzeugung: Wenn sich religiöse Menschen durch beleidigende Äußerungen verletzt fühlen, reicht der übliche strafrechtliche Schutz der Personenwürde aus. Eine pluralistische Demokratie ist stark genug, Menschen vor Beleidigungen zu verteidigen. Religiöse Menschen brauchen keine eigenen, nur sie behütenden Gesetze.
Die aktuellen Forderungen, Gotteslästerung auch in Europa wieder zu bestrafen, wurde als eine Form von „Neid – Reaktion“ beschrieben: Viele Muslime, so heißt es in christlichen Kreisen, kämpfen doch bis aufs Blut darum, Gott und seinen Propheten vor jeglicher Religionskritik freizuhalten. Sollten sich nicht Christen von dieser muslimischen Leidenschaft anstecken lassen? Der aus Ägypten stammende Politologe Hamed Abdel – Samat hat in dem Zusammenhang eine feine Unterscheidung formuliert:

„Ein normaler gläubiger Mensch geht davon aus, dass er selbst von Gott beschützt wird. Ein fundamentalistisch gläubiger Mensch meint, dass er als Mensch Gott beschützen will. Aber darin besteht die eigentliche Gotteslästerung, zu glauben: Gott muss von uns Menschen beschützt und verteidigt werden“.

Christliche Theologen sind heute dankbar, dass über Gotteslästerungen debattiert wird, weil man so auf die richtigen Spur kommt zu einem geläuterten Gottesbild, meint der protestantische Theologe Wilhelm Gräb von der Humboldt Universität zu Berlin:

„Die Gotteslästerung ist vor allem eine Form notwendiger Religionskritik! Sie gehört zum Wesen des christlichen Glaubens. Deswegen kann die christliche Religion sich gern den Vorwurf der Gotteslästerung gefallenlassen. Denn in der Religionskritik bemüht sie sich nur um die Unterscheidung zwischen wahrem und falschem Glauben. Ein Gott, dessen so genannte Ehre geschützt werden soll und der nur gehorsame Unterwerfung verlangt, gehört zu Recht gelästert und verspottet. Gotteslästerung als Form der Religionskritik erinnert daran: Unser Vertrauen gilt dem Gott, den kein menschliches Auge je gesehen hat. Er ist das Geheimnis der Welt. Wer das absolute Geheimnis zu einem verfügbaren Gegenstand macht, schafft einen Götzen“.
Darum können christliche Theologen in religionskritischen Arbeiten von Künstlern, Schriftstellern und Filmemachern die Stimmen so genannter Fremdpropheten erkennen: Denn sie suchen sozusagen außerhalb der Glaubenswelt nach dem wahren, dem göttlichen Gott auf manchmal provozierende Weise. Aus diesem Grund ist auch der katholische Bischof Jacques Gaillot für den bis heute umstrittenen Film von Martin Scorsese „Die letzte Versuchung Christi“ öffentlich eingetreten. Der katholische Bischof betonte:

„Die Gläubigen werden in dem Film mit der Frage konfrontiert: Wie menschlich ist Jesus Christus tatsächlich für euch? Kann er auch Erotik erleben? Das ist nichts Gotteslästerliches! Wenn man die Freiheit der Meinungen garantieren will, dann akzeptieren wir doch auch das Recht auf Gotteslästerung. Verdient denn ein Filmemacher den Tod, wenn er einen „unfrommen“ Film dreht? Bewahren wir die Freiheit des kreativen Ausdrucks. Um diese Freiheit zu verteidigen, muss man auch bis zur Gotteslästerung gehen“.

In Zeiten zunehmender Radikalisierung religiöser Gruppen müssen neue Forderungen formuliert werden: Es gilt heute, die liberale und demokratische Öffentlichkeit zu schützen in ihrem friedlichen Miteinander. Es gilt die Attacken religiös motivierter, zerstörerischer Gewalttäter abzuwehren, die so oft angeblich Gotteslästerliches vernichten wollen, tatsächlich aber Feinde der Demokratie sind und der universal geltenden, für alle Menschen bestimmten Menschenrechte. In solchen Situationen braucht man keine neue Interpretation des Blasphemie Paragraphen. Was wir brauchen ist der Stolz der Demokraten auf die liberale und soziale Demokratie, auf das höchste Gut der Meinungsfreiheit, ohne die es, wie gezeigt, keine Religionsfreiheit, keine Pressefreiheit, keinen Kampf um einen Rechtsstaat geben kann.
Also: Nicht die Gotteslästerer bilden eine Gefahr für den Frieden in der Gesellschaft, sondern alle, die meinen, im Namen Gottes für die angeblich ewigen und reinen, aber undemokratischen Lehren bis aufs Blut kämpfen zu dürfen.

Es ist Zeit für die so genannten Führer aller Religionen ein einmütiges Bekenntnis abzulegen, ein Bekenntnis, das nicht willkürliche Meinung, sondern Ausdruck der allgemeinen Vernunft ist: Zuerst und vor allem kommen für religiöse Menschen, welcher Couleur auch immer, die universalen Menschenrechte (und damit eben auch das Recht auf Religionskritik) und erst dann, also in zweiter (!) Hinsicht, die so genannten Gotttesrechte. Diese Gottesrechte, sind wie alle gebildeten Menschen wissen, ja selbst Produkte von Menschen, sie wurden von religiösen Führern zu einer bestimmten Zeit als „heilig“ und „göttlich“ erklärt. Und diese Gottesgesetze sind deswegen immer an den ebenfalls weiterzuentwickelnden Menschenrechten zu messen.

Es ist also weltweit auch ein umfassendes Bildungsprogramm geboten: Ein deutliches Eintreten für die absolute Vorrangstellung der Menschenrechte vor allen religiösen Überzeugungen. Religiöse Schulen werden dieses Bildungsprogramm wahrscheinlich, wenn überhaupt, nur halbherzig realisieren. Die Franzosen haben schon recht, wenn sie laicité zum Grundprinzip des Staates und des gesellschaftlichen Miteinanders erklärten.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wir empfehlen die Lektüre eines Interviews mit dem prot. Theologen Wilhelm Gräb zum Thema Gotteslästerung, das auf dieser website veröffentlicht kürzlich wurde. Zur Lektüre klicken Sie bitte HIER.

Literaturempfehlungen:

Gerd Althoff, „Selig sind, die Verfolgung ausüben“ . Päpste und Gewalt im Hochmittelalter. Theiss Verlag, 2013.

Alain Cabantous, Geschichte der Blasphemie, Weimar 1999.

Jacques Gaillot, Ma liberté à l église, Verlag Albin Michel, Paris, 1989.

Georges Minois, Geschichte des Atheismus, Weimar 2000

Hamed Abdel – Samad, u.a. Mein Abschied vom Himmel, Fackelträger Verlag, Köln, 2009

Jean – Pierre Wils, Gotteslästerung. Verlag der Weltreligionen, 2007.

Die Reformation braucht eine Reformation. Zum 31. 10. ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb

Zum Reformationstag: Einmal radikaler die Reformation denken.

Die Erinnerung an die Reformation Martin Luthers hat sehr oft nur den Cha-rakter des kritischen Rückblicks und der Wiederholung alter Standardthemen, wie etwa der Rechtfertigung des Sünders. Sollten nicht neue Gotteserfahrungen besprochen werden, etwa der „Gott in uns“, die Sakralität der Person; das Göttliche, das in der Musik (in jeder Musik?) oder auch in der Erotik erlebt wird? Oder in der Solidarität mit Verarmten und Leidenden?
Zur Fortsetzung der Lektüre des Interviews mit dem Theologen Wilhelm Gräb klicken Sie bitte hier.

Welttag der Philosophie: Atheisten und Christen: Was sie voneinander lernen können. Eine Veranstaltung der Urania

Eine Veranstaltung zum Welttag der Philosophie:
Das Thema: Atheisten und Christen, was sie voneinander lernen können.
An der Urania 17. Nahe U Bhf Wittenbergplatz oder Nollendorf Pl.

URANIA – LOFT, am Donnerstag, 21.11.2013 um 19.30 Uhr.
Atheisten und Christen: Was sie voneinander lernen können

In Zusammenarbeit mit dem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin

Prof. Dr. Michael Bongardt, Vizepräsident der FU Berlin, Institut für vergleichende Ethik, FU Berlin
Prof. Dr. Lutz von Werder, Publizist und Philosoph, Berlin
Dr. Ingolf Ebel, Fachbereichsleiter Philosophie, Urania Berlin, war eigentlich als Moderator, also als Vermittler von kurzen und präzisen Fragen, vorgesehen…

Unwandelbare Überzeugungen sind zumeist wenig inspirierend. Dies gilt besonders auch für die Philosophie und für die Religionen, gilt für Atheisten und Gläubige. Wer meint, definitiv „die“ Wahrheit gefunden zu haben, wird blind für neue Entwicklungen und neigt zu Starre und Intoleranz. Anhand von Fragen wie: „Warum kann sich ein Christ nicht auf die Fragwürdigkeit klassischer Gottesbilder einlassen?“ oder „Warum kann nicht ein Atheist über die Erfahrung religiöser Musik und Kunst ein Gespür für Transzendenz entwickeln?“ soll diskutiert werden, ob aus dem bisherigen Gegeneinander oder schlichtem Ignorieren ein Miteinander werden könnte – in Gleichberechtigung und ohne jede „missionarische“ Absicht. Die Veranstaltung will anregen, einen eigenen Weg der Lebensphilosophie oder der eigenen Spiritualität zu suchen.

Eintritt: 8,00 €, ermäßigt: 7,00 €, Urania-Mitglieder: 5,00 €
Das LOFT der Urania ist über den Haupteingang zu erreichen.

Einen grundlegenden Beitrag von Christian Modehn zu dem Thema finden Sie auf dieser website, klicken Sie hier. Der Beitrag wurde am 24. 11. 2013 publiziert.

Zu weiteren Informationen zum Welttag der Philosophie 2013: Klicken Sie die UNESCO Seite bitte HIER an.

Wir empfehlen das Magazin Philosophie, das auch auf unsere Veranstaltung in der URANIA am 21. 11. 2013 hinweist. Zu weiteren Informationen über diese Zeitschrift klicken Sie hier.

Der nächste Salon am 4. Dezember 2013 wird sich noch einmal in kleinerem Rahmen mit dem Thema befassen unter dem – hoffentlich – provozierenden, Neues denkenden Thema „Der atheistische Christ – der religiöse Atheist“. Für weitere Informationen klicken Sie bitte hier.

Unsere Einsamkeit: Chance und Last. Ein philosophischer Salon

„Unsere Einsamkeit: Chance und Last“  ist das Thema unseres philosophischen Salons am Freitag, den 31. Mai 2013, um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9 in Wilmersdorf.

Wir bitten herzlich um pünktliches Erscheinen.

Der Beitrag beträgt 5 Euro. Anmeldungen willkommen und erwünscht: christian.modehn@berlin.de

Es ist ein interessantes Zusammentreffen, dass genau am 31. 5. in Europa, von Frankreich ausgehend, der internationale Tag des Nachbarn gefeiert wird. Ein Versuch, Menschen, in großen Städten vor allem, aus dem Alleinsein und der Isolation herauszuführen. Einen Tag gestalten Nachbarn, die sich bisher wenig kannten und sich übersahen, ein Fest, mit Leuten aus der Umgebung oder nur mit den Bewohnern des gleichen Hauses. In Frankreich, angeblich dem Land der „Individualisten“, wird dieser Tag seit vielen Jahren gut angenommen.

Was alle Menschen verbindet: Die „goldene Regel“

 

Was kann alle Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen vereinen? Gibt es eine gemeinsame humanistische Basis, einen „gemeinsamen Nenner“, auf dem sich alle Menschen treffen und begegnen können?

Die Goldene Regel und das Mitgefühls: Die Philosophin Karen Armstrong plädiert für eine >Charta des Mitgefühls<.

Ein Vortrag (Christian Modehn) und Aussprache. Im Kulturraum Mainzer7 in Berlin – Neukölln, Mainzer Str. 7, nahe U Bhf Hermann Platz.

Am Montag, 20.8.2012 um 19 Uhr. Herzliche Einladung!

„Die Gestalt des Windes“ – Eine Ausstellung von Bingyi in Berlin

„Die Gestalt des Windes“ –  Zu einem Galerie – Besuch des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons am 15. 6. 2012

Die Ausstellung „Die Gestalt des Windes –  In den Fuchun Bergen“ der Künstlerin Bingyi (New York – Beijing) erleben die TeilnehmerInnen unseres Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons als eine Zusammenfügung moderner Malweise und klassischer chinesischer Landschaftsmalerei. Modern ist diese ungewöhnliche Arbeit, weil sie als „action painting“ entstanden ist. Die Künstlerin gestaltet ihr Werk – zusammen mit einem Assistenten – in einigen Stunden; sie arbeitet mit dem freien Spiel von Wasser, Asche, Wind (Luft), ja sie tanzt dabei auf dem Papier in weißem Gewand, wie uns die Kuratorin der Ausstellung, Frau Zhang Jue, berichtet. Klassisch ist die Dimension dieser 160 Meter langen Arbeit, die an der Kuppel der St. Johannes Evangelist Kirche in Mitte befestigt ist, weil an der Dreiheit von „Himmel – Erde – Mensch“ festgehalten wird. Der Raum der (evangelischen Kultur – ) Kirche reicht leider nicht aus, um tatsächlich die ganze 160 Meter lange Arbeit auszurollen. Dieses „fragmentarische Zeigen“ kann man aber wohl durchaus als Teil der Kunst selbst verstehen. Die Verwendung von Asche ist nur ein Hinweis, dass mit der Vergänglichkeit (des einst benutzten, nun zu Asche gewordenen Papiers) gearbeitet wird, aber aus dem Vergänglichen und Toten entsteht wieder ein Werk, das zur Meditation anregt und durch die Inspirationen Leben weckt  und den Geist wach macht. Eines Tages aber wird diese Kunst aber auch vergangen und verschwunden sein, sie wird wieder verwendet zu neuem Werk. Kunst und philosophische Meditation fügen sich zur Einheit.

Die Arbeit von Bingyi wurde von der Galerie WiE der Öffentlichkeit präsentiert, hinter dem Kürzel WiE verbirgt sich West Information East, damit wird ausgedrückt, dass die Galerie in der Heidestr. in Berlin – Mitte dem Kulturaustausch verpflichtet ist, so werden etwa auch Konzerte von der Galerie WiE organisiert. Gegründet hat diese wichtige Kulturinitiative Frau Cheng Yang.

Der Besuch der Ausstellung „Die Gestalt des Windes“ in der evangelischen Johannes Kirche ist für uns ein Impuls, noch deutlicher auch den philosophischen Blick nach China zu richten. Wir hoffen auf eine gemeinsame Veranstaltung, die sich etwa mit dem Thema der „Mitte“ in klassischen chinesischen Denken  (etwa bei Konfuzius) und  der europäischen Philosophie (etwa bei Hegel) befasst. Interessant zu hören und zu lesen ist es schon, wie sehr auch chinesische Künstler Berlin als einen kreativen „Umschlagplatz“ für interkulturelle Begegnungen erleben. Wir weisen gern auf die Zeitschrift YISHU hin, die im Jahr 2002 als Englisch – sprachiges Magazin für zeitgenössische chinesische Kunst in Kanada gegründet wurde.

Die Ausstellung ist noch bis zum 8. Juli 2012 von Diestang bis Sonntag von 12 Uhr bis 20 Uhr zu sehen, der Eintritt ist frei. Deutsch sprachige Führungen sind von Donnerstag bis Samstag um 15 Uhr. Am 22.6. udn 23. 6.wird ein Konzert geboten unter dem Titel „Eine Reise der Seele“. Der Ort: Auguststr. 90, 10117 Berlin.

Total schwarz und „nur schwarz“: Zum Welttag gegen den Rassismus (21.3.): Ein Exempel aus der Dominikanischen Republik

Total schwarz und „nur schwarz“:

Anläßlich des Tages gegen den Rassismus (21. März)

Ein Exempel: Die Dominikanische Republik

Von Christian Modehn

An einem Tag wenigstens einmal alle geistige Energie verwenden, um über den Rassismus nachzudenken und um dann praktische und damit politische Schritte zu tun: Was kann ich tun, um einer Gesellschaft und einer Welt ohne Rassismus näher zu kommen? Das heißt: Einer Welt von unterschiedlichen und gleich berechtigten Menschen, die ohne eine feindliche Abgrenzung von den „anderen“, den zu Feinden Gemachten, leben kann. Vielleicht beginnt philosophisch alles damit, den Begriff der Identität neu verstehen und alle Behauptungen zurückzuweisen, die auf eine geschlossene und ewig fixe Form („Identität“) des eigenen Daseins insistieren. Das gilt auch für religiöse Identitäten, die angeblich dogmatisch ewig bleiben müssen.

Der 21. März wurde von den Vereinten Nationen zum “Internationalen Tag zur Überwindung von Rassendiskriminierung” erklärt. Im Jahr 1979 wurde dieser Gedenktag ergänzt: Alle Mitgliedsstatten sollten eine alljährliche Aktionswoche der Solidarität mit den Gegnern und Opfern von Rassismus organisieren. Der Hintergrund: Am 21. März 1966 wurden bei einem Massaker in Sharpeville, Süd – Afrika, Menschen ermordet, Schwarze in diesem Rassisten Regime, die für ihre Rechte als Menschen eintraten. Wer von unseren Freunden im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon hat in den letzten Jahren überhaupt einmal etwas von diesem Tag gegen den Rassismus gehört? Warum sind solche Tage nicht im Mittelpunkt des Interesses? Wer verhindert dieses Interesse? Warum sind banale Ereignisse, etwa des Unterhaltungs – Business, wichtiger als solche Tage des Denkens, Gedenktage? Wer will eine solche (Un)Kultur bei uns?

Überall gibt es Probleme damit, dass einige Menschen sich besser und wertvoller fühlen als die vielen anderen. Es gibt versteckten und kaum sichtbaren Rassismus auch in allen europäischen Ländern, die sich aller Beachtung der Menschenrechte rühmen. In Frankreich z. B. werden die Roma verfolgt und ausgegrenzt und abgeschoben; von den rassistischen Baumaßnahmen ganz zu schweigen, den Banlieus, den Bannorten, wo die Verarmten, d.h. meist die Ausländer, abgesetzt werden als die „Überflüssigen“ und letztlich Nutzlosen. In Deutschland pflegen manche Kreise einen Generalverdacht gegen Menschen, die nicht dem eigenen Kulturkreis entstammen und der eigenen traditionellen christlichen Tradition angehören. Tausend weitere Beispiele sind möglich.

Wir weisen – wieder einmal – auf ein uns gar nicht so fernes Land hin, die Dominikanische Republik, ein Land, über das wir seit vielen Jahren berichten, zuletzt über die erfreuliche Eröffnung des „museo de la resistencia“ in der Hauptstadt Santo Domingo. Die Dominikanische Republik wird von zwei Millionen Touristen pro Jahr besucht, ohne dass die Touristen auch im entferntesten etwas von der politischen und leider auch rassistischen Tradition dieses eigentlich so schönen Landes mitbekommen. Darum auch diese Hinweise.

Tatsache ist, dass nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010 in Port au Prince, der Hauptstadt des benachbarten Haiti, eine beachtliche Welle der Solidarität von Menschen der Dominikanischen Republik festzustellen war. Es wurden schnell Hilfsgüter zu den vielen tausend Haitianern ohne Obdach gebracht.  Das ist bemerkenswert, weil es tief sitzende Vorurteile gibt gegenüber „den“  Haitianern unter den Leuten in der Dominikanischen Republik. Darüber ist viel geschrieben worden, auch in zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen; es wurde an den Rassismus des Diktators Trujillo erinnert, an die endlosen Behauptungen, „der dominikanische Mensch“ sei „eigentlich“  ein Weißer, ein Spanier. Je mehr so etwas behauptet wird, um so mehr Glauben findet dieser Wahn: Dabei sind aber nur  8 % der Dominikaner Weiße, so die neuesten Untersuchungen, alle anderen sind Mulatten oder Schwarze, fast genauso schwarz, wie die verhassten Nachbarn, die Haitianer. Solche Studien zur Farbe der Menschen  – eigentlich selbst schon rassistisch – werden tatsächlich angestellt. Die verhassten „sehr schwarzen“ Haitianer, etwa eine Million Menschen auf „dominikanischen Boden“, werden zu untersten und schlecht bezahlten Arbeiten herangezogen. Auch das wird seit Jahren wissenschaftlich dokumentiert und von Menschenrechts Organisationen verbreitet.

Nun behauptet die offizielle Delegation auf einer UNO Tagung, dass der dominikanische Staat nicht rassistisch ist. Das mag zwar im Blick auf die Verfassung so sein. Antirassismus ist ein Begriff, der sich in Büchern und Gesetzestexten besonders wohl fühlt. Tatsache aber ist, dass die staatlichen Organe, wie die Polizei, massiv Haitianer nach wie vor bedrängen, misshandeln und willkürlich außer Landes weisen. Noch im September 2011 wurden 80 haitianische Migranten in Navarete zusammengetrieben und willkürlich außer Landes gewiesen. Lokale Quellen berichten, dass viele der Ausgewiesenen bereits mehr als 10 Jahre in der Dominikanischen Republik gelebt und gearbeitet hatten. Mindestens 30 der Ausgewiesenen waren Mitglieder einer Vereinigung, die für die Rechte von haitianischen Arbeitern kämpfte. Selbst Kinder haitianischer Eltern, auf dominikanischem Boden geboren und deswegen per geltendem Recht dominikanische Staatsbürger, werden über die Grenze getrieben. Dies sind nur Beispiele von vielen, wie tatsächlich in der Praxis Rassismus übelster Art fortbesteht. „Der Staat“ schaut weg und ist wohl ganz froh, dass diese „Tiefschwarzen“  aus dem Land verwiesen werden und ein Klima der Angst unter den Verbliebenen Haitianern erzeugt werden. Die meisten Haitianer leben in elenden Hütten, am Rande der Städte der Dominikanischen Republik.  Jetzt wird berichtet, dass Kinder aus Haiti unbegleitet in den dominikanischen Städten umherirren, als Arbeitssklaven oder als „Sex – Objekte“ missbraucht werden. Und „der Staat“ schaut zu. Nun hat sich die katholische Bischofskonferenz Haitis bei einer Pressekonferenz in Santo Domingo zu der Erklärung verführen lassen, es gebe in der Dominikanischen Republik keinen Rassismus, sondern nur „schlimme Einzelfälle“. Wer hat diese Stellungnahme bezahlt? Wer hat die katholischen Bischöfe Haitis bestochen, solches zu sagen, wo alle Priester und Nonnen an der Basis von offenem Rassismus sprechen, der sich zwar gebessert hat nach dem 12. 1. 2010, aber der fortbesteht…

Wir weisen aber gern darauf hin, dass es vor allem ein Zentrum des Jesuitenordens ist, das den Haitianern seit 15 Jahren beisteht. Der Leiter des „Servicio Jesuita“, Pater Mario Serrano, organisiert immer wieder Konferenzen zum Thema, sein Werk bietet Rechtsberatung und soziale Hilfe auch in Dajabon, an der Grenze. Der „Servicio Jesuita“ für die Haitianer ist mit dem Kulturzentrum BONO der Jesuiten in Santo Domingo verbunden. Dort wiederum treffen sich viele Gruppen der Zivil- Gesellschaft, das Zentrum BONO ist ein Lichtblick in der politisch – sozialen Szene im Land. Dabei darf nicht übersehen werden, dass eine gewisse Müdigkeit unter den Engagierten um sich greift. Zu sehr ist die politische Kultur eher als Unkultur wahrnehmbar: Laut der Umfrage von Greenberg – Diario Libre vom März 2012 sehen 51% der Menschen die Kriminalität als das größte Problem der Dominikanischen Republik, gefolgt von der Arbeitslosigkeit (38%),  den Lebenserhaltungskosten (26%), dem Drogenhandel (23%), der Korruption (19%), der Bildung (16%), Stromausfälle (12%) und das Gesundheitswesen (7%).

Am 20. Mai 2012 wird es Präsidentschaftswahlen geben. Wird es eine Wende zu  mehr Demokratie sein und ein Nein zum faktischen Rassismus ?

Copyright: Christian Modehn.

Paulo Freire: „Von befreiender Pädagogik zur Pädagogik der Autonomie“

 

         „VON BEFREIENDER PÄDAGOGIK ZUR PÄDAGOGIK DER AUTONOMIE“

                                        Eine Begegnung mit Paulo Freire (1927-1997)

                                          Von Hernán Silva-Santisteban Larco. Biografische Hinweise zur Person am Ende dieses Beitrags.

Der nächste Salon am 23. März 2012 wird sich mit wichtigen philosophischen und pädagogischen Anregungen des brasilianischen Philosophen und Pädagogen Paulo Freire befassen.

Unser Referent, der Philosoph Hernán Silva -Santibestan Larco, hat schon einige Thesen und Fragen zusammengestellt:

 

Die besondere Leistung von Paulo Freire lag in dem Widerstand, den er mit seinem Werk in der

Praxis der Erwachsenenbildung gegen die Unterdrückung der Menschen in der sogenannten

„Dritten Welt“ geleistet hat. Die von ihm genannte „Pädagogik der Befreiung“ ist eine

Erziehungstheorie, die aus dem alltäglichen Leben hervorgeht, sich in dem alltäglichen Leben

bewährt und eine mögliche „Praxis der Befreiung“ einleitet zur Überwindung der sozialen-,

kulturellen-, ökonomischen-, und politischen Unterdrückungen. Das eigentliche Ziel der

Pädagogik Paulo Freires ist die Ausbildung einer konkreten „Utopie der Befreiung“ um die Welt

menschlicher zu gestalten. In Hinblick auf die Erfüllung dieser Aufgabe, entwickelte Paulo Freire

eine Methodik und Didaktik der Bewusstmachung, das sogenannte Alphabetisierungsprogramm,

dessen wesentliches und einziges Erziehungsinstrument die „Haltung des Dialogs „ ist.

Laut Gustavo Gutierrez „stellen die Erfahrungen und Arbeiten Paulo Freires eines der

schöpferischsten und fruchtbarsten Werke dar, die in Lateinamerika je entstanden sind“ (1). Auch

im gesellschaftlichen Kontext der Industrienationen des Westens wird die These vertreten, dass

man von Paulo Freire lernen kann, denn seine Pädagogik ist „als eine Art allgemeiner Didaktik

anzusehen, die sich  auf jede potentielle Lernsituation anwenden lässt“ (2)

I.- Einige Frage für unsere Teilnehmer des Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salons:

– Welches ist mein Bewusstsein von mir als Mensch in der heutigen Leistungs-, Konsum-,

Unterhaltungs-, und Massenmedien Gesellschaft?

– Wie ist mein Lebensprojekt?  Ist es das Resultat einer Selbstgestaltung als Ausdruck meiner

Initiativkraft, oder ist  mein Lebensprojekt eine Anpassung an die Welt?

– Wie kann ich ein klareres Bewusstsein meines Menschsein und damit Selbstsicherheit, Stärke,

Authentizität und Autonomie gewinnen?

– Wie kann ich eine Distanzierung gewinnen, um damit zu lernen, die fraglos akzeptierten

unterdrückerischen Normen und sozialen Strukturen zu relativieren und schließlich aufzuheben?

– Inwiefern bin ich ein Teilnehmer einer „Kultur des Schweigens“, der unmenschliche soziale

Umstände unkritisch gelten lässt, anstatt ein Teilnehmer einer „Kultur des Sprechens“ zu sein, der

diese Umstände kritisch versucht zu hinterfragen und zu verändern?

– Wie können wir „die spezifische Unverständlichkeit systematischer verzerrter Kommunikation“

(J. Habermas) in unserer heutigen Gesellschaft der Massenmedien aufklären

– Wie können wir uns in unserer Lebenswelt vernünftig verhalten und „Verantwortung als

Ausdruck der Freiheit“ (Joachim Gauck) für diese tragen?

– Wie können wir unsere heutigen Konflikte in Beziehungen zwischen verschiedenen Gruppen,

Kulturen, Länder in unserer heutigen Welt menschlich lösen?

II.- Einige Frage in Beziehung zu staatlichen Schulen und staatlicher Erziehung (3):

– Wie werden Schüler mit ihren Bedürfnissen, Interessen und Vorstellungen von den Lehrern

wahrgenommen und angenommen?

– Wie werden Kenntnisse und Erfahrungen der Schüler, ihr kulturelles Umfeld und ihre

„Schichtenherkunft“ von der Schule aufgenommen?

– Welchen Stellenwert haben die konkreten Lebenszusammenhänge der Schüler?

– Erscheint der Unterricht eher als Programmierung der Schuler mit Fremdwissen und fremder

Wirklichkeit anstatt als Erkenntnisvorgang zur Veränderung des Lebens?

– Wie werden die Unterrichtsabläufe im Verhältnis zu den Entfaltungsmöglichkeiten der Schüler

gestaltet?

– Gründet sich das Verhältnis zwischen Lehrer und Schüler auf einem respektvollen und kreativen

Dialog, oder unterdrückt der Lehrer den Schüler (oder der Schüler den Lehrer) unter seiner

angebliche Autorität als Ausdruck der Macht?

– Welche Möglichkeiten haben die Schüler in der Bestimmung am Lernprozess teilzunehmen?

– Welchen Stellenwert bekommt die Freiheit der am Erziehungsprozess Beteiligten?

………………………………………………………………………………………………………………………..

(1) Gustavo Gutierrez, Theologie der Befreiung. Mit einem Nachwort von Johann Baptist Metz,

3. Auflage, München 1978, S.90.

(2) René Bendit/ Achim Heimburger, Von Paulo Freire lernen. Ein neuer Ansatz für Pädagogik

und Sozialarbeit, München 1977, S.125.

(3) mehr über das Thema in: Joachim Dabisch, Die Pädagogik Paulo Freires im Schulsystem,

Saarbrücken 1987. Auch in: Dimas Figueroa, Paulo Freire zur Einführung, Hamburg 1989

 

………..

Zur Person: Hernán Silva-Santisteban Larco

• Geboren 1948. Deutsch-Peruaner.

• Primär- und Sekundarschule in Lima.

• Universitätsstudium der Philosophie, Theologie

und Pädagogik in Peru, Argentinien und Chile.

Master of Arts in Philosophie.

• Hochschuldozent für Philosophie in Peru.

• Dozent in indigenen Bauerngemeinschaften in

den Zentral-Anden und dem Amazonasgebiet in Peru.

• Ausbildung zum Waldorflehrer am Waldorflehrerseminar

in Berlin. Lehrertätigkeit (Primär- und

Sekundarstufe) an Waldorfschulen in Deutschland

und Mexiko.

• Langjähriges Studium der Anthroposophie

und Dozent in der anthroposophischen

Erwachsenenbildung.

• Ausbildung als Biographie-Berater und Leiter von

Seminaren zur Biographiearbeit bei Hellmuth ten

Siethoff (Schüler von Bernard Lievegoed) in Frankreich

und Deutschland.

• Veröffentlichung von drei Gedichtsammlungen sowie

Aufsätzen zu philosophischen und pädagogischen

Themen.

 

 

 

 

 

 

Vernunft und Religion aus der Sicht eines praktizierenden Muslims

In unserem Salon im Februar 2012 sprachen wir über das Thema: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“, eine Maxime des „Philosophenkönigs“ Friedrich II..

Ein Freund unseres Gesprächskreises, Attila, hielt dabei einen Kurzvortrag, der nicht nur die 18 TeilnehmerInnen des Salons (zum Nachlesen) interessieren wird. Wir halten die Ausführungen Attilas für sehr bedenkenswert.

Vernunft und Religion aus Sicht eines praktizierenden Muslims

Kurzvortrag im philosophischen Salon anläßlich der Maxime Friedrich des Großen „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“

Autor: Attila

Die Maxime Friedrich des Großen impliziert meines Erachtens die Akzeptanz der Pluralität in der Gesellschaft, insbesondere unterschiedlicher Religionen und Minderheiten. Ich möchte verdeutlichen, wie ich als Angehöriger einer solchen Minderheit, nämlich des Islam, in Deutschland mit dieser Pluralität lebe. Für mich sind die meisten Menschen um mich herum, die Mehrheit also, bezogen auf die Religionszugehörigkeit anders als ich. Wie komme ich mit dieser Andersheit klar? Was befähigt mich, auf meine Art und Weise als Angehöriger einer Minderheit mit oder gar trotz meiner Religion selig zu werden?

Mein Ansatz beruht auf zwei Prinzipien, die universell für alle Religionen und Lebensweisen gelten können. Das erste Prinzip ist die Achtung der Würde des Menschen. Der Islam beinhaltet humanistische Aspekte und würdigt die Menschen. Ich zitiere exemplarisch einen Vers aus dem Koran, dem Buch der Offenbarung des Islam. Sure 17, Vers 70: „Wir haben doch wahrlich die Kinder Adams geehrt und sie über Land und Meer getragen und sie versorgt mit guten Dingen und sie vor vielen von denen, die wir erschaffen haben, sichtlich ausgezeichnet.“ (Übersetzung: Der Koran, Rudi Paret, 11. Auflage).

Mit „Kinder Adams“ sind alle Menschen gemeint. In diesem zitierten Vers kommt das Wort „geehrt“ vor. Für Muslime kommt hier die Würde des Menschen zum Ausdruck. Gott hat demnach alle Menschen mit Ehre und Würde ausgestattet und sie vor den anderen Geschöpfen ausgezeichnet. Für mich ein Hinweis auf das Ziel der Entwicklung eines humanistischen Islam, der die Menschen in den Vordergrund stellt. Der Mensch ist nicht für die Religion da, sondern die Religion ist für die Förderung und Weiterentwicklung des Menschen da. Erst wenn er sich entfaltet, kann er zu Gott finden.

Das zweite Fundament ist die Vernunft. Für mich sind die Menschen vernunftfähige Wesen, im besten Fall vernünftige Wesen. Meines Erachtens kann ich meine Religion nicht korrekt und gottgefällig leben, ohne die Vernunft als Leitfaden für meine Entscheidungen und Handlungen einzubeziehen. Innerislamisch gibt es starke Strömungen in Richtung rationalistisch geprägter Islamauffassungen. Für mich vorbildlich sind Denker wie die muslimischen Philosophen und Ärzte Averroes (Ibn Rushd) und Ibn Tufail aus Andalusien, aber auch der jüdische Philosoph, Arzt und Rechtsgelehrte Maimonides.  Alle diese Denker sind von Aristoteles‘  Gedanken zur Logik und Vernunft beeinflußt worden. Wenn ich bereit und fähig bin, selbst und frei zu denken, kann ich Antworten und Aussagen kritisch hinterfragen, kann ich mündig werden und die Pluralität als Chance begreifen, zu lernen und andere besser zu verstehen. Ein kritischer Verstand, nicht im destruktiven Sinn, sondern im Sinne von geistiger Wachheit und Aufmerksamkeit, kann zu größerer intellektueller Kreativität führen. Der Koran ruft die Menschen an vielen Stellen zum Denken, zum Nachdenken, zur Kontemplation über die Schöpfung auf, gemäß Averroes sogar im Sinne von Syllogismus und Apodiktik. Auch ich bin der Auffassung, daß Glaube (im Sinne von religiöser Glaubenslehre), Vernunft und Verstand kombiniert werden müssen, um gottgefällig leben zu können.

Ein weiterer wichtiger Faktor ist die Tatsache, daß wir gemeinsame Werte und Probleme haben und auf demselben Planeten leben. Unabhängig von Religionen, Lebensauffassungen, Lebensmodellen und vielen anderen Unterschiedlichkeiten sitzen wir alle im selben Boot. Wir alle leiden unter denselben oder ähnlichen Problemen, seien es die Defizite der Moderne, Globalisierung, Wirtschaftskrisen, Klimakatastrophen oder der Werteverfall. Welches Leben wollen wir leben, in was für einer Gesellschaft, was heißt Erfolg für uns, werden wir gelebt oder leben wir eigenständig? Wir können die Maximen der Moderne hinterfragen: Geld, Erfolg und Geschwindigkeit zum Beispiel. Diese Fragen betreffen uns alle und deshalb können wir sie nur in Gemeinschaft angehen, weil wir sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung sind. Ich möchte in diesem Rahmen den Philosophen und Islamwissenschaftler Tariq Ramadan empfehlen, dessen Thesen für ein Zusammenfinden und Zusammenleben unterschiedlicher Religionen gut durchdacht sind.

Vielfalt und Diversität ist Reichtum und kein Mangel. Akzeptanz der Vielfalt heißt nicht unbedingt alles zu billigen, aber zumindest zur Kenntnis zu nehmen und zu tolerieren, solange durch die anderen kein Schaden entsteht oder Rechte anderer verletzt werden. Im Gegensatz zum Judentum missionieren Christen und Muslime in bestimmtem Maße. Dies ist meines Erachtens auch ein Grund für Spannungen in der Pluralität, weil eine Konkurrenzsituation um den Anspruch, Inhaber der Wahrheit zu sein, entbrennt. Ich fände es besser, wenn die Menschen und Religionen an ihren Taten und ihren Beiträgen zum Allgemeinwohl gemessen werden. Das christliche Zitat faßt es gut zusammen: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“. Statt mit Worten und Propaganda Menschen zu missionieren, sollten die jeweiligen Angehörigen einer Religion mit ihrem Auftreten, mit ihren Leistungen, mit ihrer Persönlichkeit, mit ihren Taten sichtbar werden. Die Mitmenschen können sich aktiv entscheiden, ob sie einen bestimmten Weg gut finden oder nicht. Meiner Meinung nach sollten die Religionen oder Interessensgruppen nicht missionieren, damit jeder nach seiner Façon leben kann.

Ich möchte auf einen Punkt eingehen, der wichtig ist, um Spannungen zwischen der islamischen und der westlichen Welt besser zu erklären. Wenn man diesen Hintergrund kennt, kann man leichter einen Weg finden, friedlich und selig neben- oder gar miteinander zu leben.

Der springende Punkt ist die Bedeutung des Koran für die Muslime. Die Auffassung der Muslime ist die, daß der Koran das in 23 Jahren von Gott wortwörtlich offenbarte Wort ist (von 610-633 n. C.), dessen praktische Anwendung durch den Gesandten Mohammed gezeigt und gelebt wurde. Die historische Bibelkritik der meisten Christen hingegen geht heute davon aus, daß die Bibel, auch das Neue Testament, von Menschen geschrieben wurde. Obwohl die Muslime den Koran als Wort Gottes ansehen, spielt für die Auslegung der Kontext der Offenbarung eine Rolle. Der Koran wurde etappenweise offenbart. Es gibt für viele Verse interpretatorischen Spielraum, die Exegese der Verse hängt u.a. von den Anwendungsbedingungen und Offenbarungsanlässen ab. Der Koran muß also auch in seinem historischen Kontext gesehen werden, aber gleichzeitig darf der Glaubensbezug nicht ignoriert werden. Er bleibt für die Muslime das offenbarte Wort Gottes. Wenn man sich mit den  Spannungen zwischen der islamischen und westlichen Welt beschäftigt, dürfen die Quellentexte, also insbesondere der Koran, nicht ignoriert werden. Ein weiteres Problem ist die mangelnde Bildung in der muslimischen Welt, insbesondere das Wissen über die Religion ist oft defizitär. Viele Muslime haben eine enge, ritualisierte Sicht der Dichotomie von „halal“ und „haram“, von erlaubt und verboten. Die Wirklichkeit besteht aber meist aus fließenden Übergängen, also Graubereichen, nicht aus Weiß und Schwarz. Nicht jede Aussage von Muslimen stellt die korrekte Lehre des Islam dar, sondern beruht auf Vereinfachungen, Traditionen, Pauschalisierungen und persönlichen, unwissenschaftlichen Interpretationen.

Es ist auch wichtig zu wissen, daß es nicht den Muslim an sich gibt. Sondern ähnlich wie bei den Christen oder Juden gibt es verschiedene Gruppierungen, die sich in ihrem Umgang mit dem Koran und ihrer Haltung zu Interpretationsmöglichkeiten unterscheiden. Ich möchte die wichtigsten Gruppierungen beschreiben.

  • Literalisten: Sie verstehen den Koran wortwörtlich, keine kontextuelle Interpretation.
  • Traditionalisten: Sie übernehmen die Auffassungen von Gelehrten aus den Anfangszeiten des Islam. Sie sehen keinen Bedarf für reformistische Interpretationen.
  • Sufisten: Mystiker, versuchen Erkenntnis über Askese und Mystik zu erlangen. Koranexegese spielt keine große Rolle, schwer nachvollziehbare Interpretationen des Koran.
  • Rationalisten: Messen dem Verstand mehr Wert bei als der Schrift. Koran eher unwichtig.
  • Politische Muslime: Nutzen und interpretieren den Korans für politische Zwecke.
  • Reformisten: Betrachtung der Schrift im Rahmen der Geschichte, Kontextbezug. Texttreue unter ständiger Weiterentwicklung des Denkens und der Erneuerung (bezogen auf den Sinn, der Haltung und Objektivität), Befürworter eines aufgeklärten Islamverständnisses.

Ich befürworte die Gruppe der Reformisten. Für mich ist die Menschheit im permanenten Zustand der Weiterentwicklung. Sie eignet sich im Laufe der Geschichte mehr Wissen und mehr Erkenntnisse an, sei es in den Wissenschaften, in der Technik, in der Medizin, in der Philosophie oder in anderen Bereichen. Sie entwickeln sich im evolutionären Sinne weiter. Ein Vers im Koran kann im Lichte neuester Erkenntnisse eine ganz andere Bedeutung erhalten als vor 100 Jahren. Was früher als kleinstes Staubteilchen übersetzt wurde, heißt heutzutage Atom, oder gar Elektron, oder Quark. Der Islam propagiert lebenslanges Lernen und persönliche Weiterentwicklung. Das bedeutet, daß der Muslim bereit sein muß, sich immer wieder zu hinterfragen, sich weiterzuentwickeln, neu zu denken, neu zu erfinden, sich zu neu zu formen, also zu reformieren. Ein starker Vertreter der Reformisten ist Tariq Ramadan, den ich als Wissensträger und Reformisten empfehlen kann.

Zum Ende meines Vortrages möchte ich beschreiben, welche Werte der Islam in die pluralistische Gesellschaft einbringen kann, in der wir gemeinsam leben.

1.    Bewußtsein für Freiheit: Der Islam unterstützt den Gedanken der Freiheit. Einerseits in rechtlichem Sinne, nämlich seinem Engagement, die Sklaverei, die noch im 7. Jahrhundert herrschte, im Laufe der Zeit abzuschaffen. Aber auch im psychologischen Sinn: das Gefängnis ist man selbst. Wie erlangt man inneren Frieden?  Dazu gehört, im Einklang mit sich, der Umwelt und den Mitmenschen zu leben; das Ego, die Triebe, den inneren Schweinehund zu bändigen. Der Islam will den Menschen ermöglich, frei und mündig zu werden, um Gott selbständig und mit freiem Willen zu finden.

2.    Einheit der Menschlichkeit: Brüderlichkeit, Würde (siehe oben).

3.    Respektvoller Umgang mit der Schöpfung: Die Natur und die Schöpfung ist ein Spiegel Gottes und wurde uns zu treuen Händen übergeben. Wir sind daher verantwortlich für einen guten Umgang mit allen Lebewesen, mit der Umwelt, mit den natürlichen Ressourcen und natürlich allen anderen Menschen.

4.    Erziehung: Erlangung von Wissen und die Bildung von intakten, vorbildlichen Gesellschaftsstrukturen.

5.    Dimensionen von Mann und Frau: Gegenseitiger Respekt, harmonisches Zusammenarbeiten und Zusammenleben. Auch wenn es heute bizarr anmuten mag: Im 7. Jahrhundert waren die Forderungen des Islam nach Gleichberechtigung der Frau nicht selbstverständlich. Stärkung der Frauen durch vollwertige, mündige Stellung vor Gott. Verminderung der vorher gängigen Praxis von Mehrehen (über 8 Frauen und mehr) auf maximal 4, wobei die Sollnorm laut Koran die Monogamie ist.

Was mir noch wichtig ist: Nur wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind, die uns hierzulande selbstverständlich vorkommen, können wir von Façon und Seligkeit reden. Menschen, die am Verhungern sind, in Kriegszuständen leben, gefoltert und unterdrückt werden, keine politische Freiheit haben, an das nackte Überleben denken müssen und in anderen unmenschlichen Situationen leben müssen, können sich nicht unbedingt einen Weg, eine Façon, auswählen und werden auch nicht unbedingt selig leben. Dies sollten wir im Auge behalten, wenn wir über andere Gesellschaften und Länder sprechen und sie mit unserer Wohlstandsgesellschaft vergleichen.

Ich möchte auf die wichtigsten Quellen hinweisen, die ich für den Kurzvortrag herangezogen habe.

Averroes: Die entscheidende Abhandlung – Die Untersuchung über die Methoden der Beweise; Reclam-Verlag

Ibn Tufail: Der Philosoph als Autodidakt – Ein philosophischer Inselroman; Meiner-Verlag

Tariq Ramadan im Interview des Schweizerischen Fernsehens vom 21.11.2010: http://www.videoportal.sf.tv/video?id=31cfec1c-3767-4457-b45f-a39e54966525

 

Island: Faszinierend, befremdlich, inspirierend. Interview mit der Island Spezialistin Marie Krüger, Berlin

Island – faszinierend, befremdlich, inspirierend
Christian Modehn im Interview mit der Islandexpertin Marie Krüger, Berlin- Reykjavik

In der Zeitschrift PUBLIK FORUM erschien am 23. 9. 2011 ein Interview mit der Island Spezialistin Marie Krüger. Sie hat jetzt ihr empfehlenswertes Buch veröffentlicht: „Island“ – Ein Länderporträt“, Christoph Links Verlag, Berlin. Wer in Island das Land und die Menschen hinter der Landschaft sucht, sollte mit Marie Krüger auf diese literarische Entdeckungsreise gehen. Das Buch kostet 16.90 EURO. |
in PUBLIK Forum konnte (aus Platzgründen) nur eine Kurzfassung des Interviews erscheinen, hier die ausführliche Fassung.

Wie sind Sie mit Island in Kontakt gekommen?
Ich wurde in (Ost-) Berlin geboren und habe hier auch Abitur gemacht. Außerdem habe ich als Schülerin ein Stockholmer Gymnasium besucht und mit dem schwedischen Abitur verlassen. Ich studiere Skandinavistik, Deutsch als Fremdsprache und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und war auch an der Universität Islands als Stipendiatin des DAAD. Derzeit arbeite ich als Schwedischlehrerin, Fremdenführerin, Übersetzerin und Kellnerin in Berlin und Reykjavík. In meinen Stadtspaziergängen mit vor allem nordeuropäischen Touristen spielt die deutsche Teilung eine große Rolle. Dieses Thema ist für mich mindestens genauso bedeutend wie Island.

Sie fühlen sich mit Island verbunden?
Ich habe in meinem Studium von Anfang an den Schwerpunkt auf Island gelegt, einfach weil ich es aus einer wissenschaftlichen Perspektive von den fünf nordischen Ländern am interessantesten finde. Seine Geschichte ist einzigartig genauso wie seine Natur. Außerdem glaube ich, dass man aufgrund der Insellage und der Übersichtlichkeit der Bevölkerung hier Entwicklungen eher und genauer nachvollziehen kann als anderswo. Ich bin also kein klassischer „Islandfreund“, weil ich nicht über Urlaubsreisen oder die Islandpferde zu Island gefunden habe. Als ich im Jahr 2000 das erste Mal dorthin kam, war das zum Zwecke eines Praktikums. Ich habe mich von Anfang an dem isländischen Alltag ausgesetzt und das Land erst dann nach und nach durch Reisen entdeckt. Ich hatte nie diesen Moment, den viele Touristen erleben, wenn sie von Island vollkommen überwältigt sind. Vielmehr hatte ich von Anfang an ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Land – eben zwischen meinem „wissenschaftlichen“ Interesse, mit dem eine ständige Kritikbereitschaft einhergeht, und meinen persönlichen Begegnungen mit „Land und Leuten“. Meine Neugier ist bis heute nicht gestillt und ich habe eben viele Freunde dort, weshalb ich noch immer so oft nach Island fahre.

Was fasziniert Sie an Island?
Ich habe die Sprache – streng genommen – vor allem an der Uni in Berlin gelernt. Ich hatte einfach exzellente Lehrer und konnte außerdem von Anfang an ausschließlich Isländisch lernen, da ich mit Schwedisch bereits eine festlandskandinavische Sprache beherrschte. Deshalb hatte ich nicht die „Doppelbelastung“, die Skandinavistikstudenten sonst haben, wenn sie Isländisch nur parallel zu Dänisch, Norwegisch oder Schwedisch, von denen eins Pflicht ist, studieren können. All das und die Tatsache, dass ich schon nach meinem ersten Studienjahr zu einem längeren Islandaufenthalt aufgebrochen bin, haben dazu beigetragen, dass ich die Sprache relativ schnell gelernt habe. Außerdem habe ich immer bei oder mit Isländern gewohnt und viel Zeitung gelesen.

Ab Herbst werden die Tage immer kürzer. Muss man auch die Dunkelheit lieben, um Island zu lieben?

Nicht zwangsläufig, denn die Meisten kommen als Touristen während des Sommers ins Land, wenn die Dunkelheit gerade keine Rolle spielt. Nur Wenige kommen im Winter oder für längere Zeit. Ich komme häufig gerade dann, wenn es besonders dunkel ist, einfach weil ich gern über den Jahreswechsel in Island bin, jedoch nicht, weil ich die Dunkelheit liebe. Ganz im Gegenteil, sie macht Einem das Leben schon schwer. Ich habe irgendwie gelernt, mit ihr umzugehen, einfach weil ich das während meines Studienjahres musste. Damals achtete ich darauf, in den Stunden des Tageslichts möglichst keine Lehrveranstaltung besuchen zu müssen, um diese Zeit draußen zu verbringen. Oft ging ich mittags ins Schwimmbad oder eine Runde um den Stadtteich spazieren, um möglichst viel Tageslicht abzukriegen. Nichtsdestotrotz brauchte ich von November bis März mindestens neun Stunden Schlaf pro Nacht. Ich hatte einfach deutlich weniger Energie, und das ist auch heute so.
Viele meiner isländischen Freunde schwören darauf, gleich nach dem Aufstehen an die frische Luft zu gehen, um in Gang zu kommen. Andere schlafen im Winter fast gar nicht, weil sie den Unterschied zwischen Tag und Nacht kaum spüren. Ich kenne eine Deutsche, die vor vielen Jahren nach Island ausgewandert ist und sich in ihrem dritten Jahr einen Zusatzjob als Zeitungszustellerin gesucht hat, um morgens zeitig rauszumüssen. Ihr hat das gut getan.
Als mich deutsche Freunde über Weihnachten in Reykjavík besuchten, musste ich sie jeden Morgen wecken und schaute immer in verdutzte Gesichter, wenn ich versicherte, dass es bereits zehn Uhr sei, während draußen noch stockfinstere Nacht herrschte… Es gibt also viele Arten, mit der Dunkelheit umzugehen, und jeder muss seinen persönlichen Weg finden. Im Gegensatz zu Deutschland aber muss man sich eben mit diesem Thema auseinandersetzen und schauen, wie man sich arrangiert.

Haben Sie eine „innere Beziehung“ zur Dunkelheit?

Ich ziehe die hellen Sommer klar vor und habe mit der permanenten Helligkeit – wiederum auch im Gegensatz zu einigen meiner isländischen Freunde – kein Problem. Allerdings wäre es auch falsch, die Dunkelheit völlig zu verteufeln. Man wird sich im Herbst, Winter und Frühjahr des Lichtes und seiner Wichtigkeit stärker bewusst, betrachtet es als Schatz, den man für sich nutzen muss. Man gerät weniger unter gesellschaftlichen Druck, der einem ja gern suggeriert, dass Schlafen Zeitverschwendung ist, denn in Island muss man sich nicht rechtfertigen, wenn man eben neun/zehn Stunden pro „Nacht“ braucht. Und dann sind der späte April und der Mai wunderbare Monate, wenn es immer, immer heller wird und irgendwann auch die Natur wieder anfängt, sichtbar zu werden. Wie gesagt: In Island ist das Licht einfach das ganze Jahr über Thema.

Haben Sie mal im Winter in entlegenen Dörfern verbracht? Wie haben Sie Einsamkeit dort erlebt?

Ich habe einmal ein Frühjahr auf Heimaey (Westmännerinseln) verbracht und dort Deutsch unterrichtet, wo allerdings etwa 4100 Menschen leben… Von einem Dorf kann also nicht die Rede sein. Dennoch habe ich dort eine Isolation erlebt, die ich aus Reykjavík nicht kannte. Sie entstand allerdings, weil es oft unglaublich windig war und es mir deshalb sehr schwerfiel, mich zu Aktivitäten aufzuraffen. Schon der Weg zur Schule war an solchen Tagen so anstrengend, dass mir für mehr die Kraft fehlte. In jenem Frühjahr habe ich sehr viel gelesen, war aber gleichzeitig auch genervt von meiner eingeschränkten Mobilität.

Dunkelheit, Ruhe, Schreiben: Gibt es da eine Verbindung zur Tatsache, dass so viele Isländer Schriftsteller sind?

Wenn ich das wüsste… Das geschriebene Wort hat einfach in Island generell eine viel größere Bedeutung als in Deutschland. Das hat zum Einen damit zu tun, dass die mittelalterliche Überlieferung sehr umfangreich ist. Wir haben aufgrund vieler Umstände einfach heute Zugriff auf eine enorme Anzahl mittelalterlicher Quellen, die außerdem in sich ganz verschieden sind. Wenn man sich, seine Geschichte, ja seine Kultur so weit zurückverfolgen kann, wie es die Isländer können, wird die Schrift an sich zum identitätsstiftenden Moment. Schreiben ist Isländischsein. Hinzu kommt, dass die Gesellschaft durch alle Jahrhunderte hindurch insgesamt egalitärer organisiert war als viele andere in Europa. Dadurch entsteht vielleicht ein Gefühl, dass Literatur immer alle betraf und nicht – wie zum Beispiel im deutschsprachigen Raum – lange Zeit nur eine Elite.
Das Bildungslevel ist in Island erst seit Kurzem so hoch. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Bildung ein Privileg, weshalb ich nicht glaube, dass hier die hauptsächlichen Gründe für die Bibliophilie der Isländer zu suchen ist.
Dahingegen gibt es tatsächlich einige Mediävisten, die in den langen Wintern, in denen die Landwirtschaft brach lag, mit einen Grund für das emsige Schreiben der mittelalterlichen Isländer sehen. Inwieweit das stimmt, vermag ich nicht zu beurteilen.
Ich habe ausgerechnet, dass in Island im Jahr 2010 durchschnittlich 1,5 Romane pro Woche erschienen – ohne Kinder- und Jugendliteratur. Wie auch immer die Qualität des einzelnen Werks zu bewerten ist, zeigt diese Zahl zumindest, wieviel Raum und Geld den Texten eingeräumt wird.

In den vielen dunklen Stunden ist das Leben in Reykjavik natürlich lebendig, quirlig?

Das Leben in Reykjavík ist jeden Freitag und Samstagabend quirlig – allerdings nur in der unmittelbaren Innenstadt. Isländer und Touristen feiern dort das ganze Jahr über an jenen Abenden auf einem Gebiet von etwa einem Quadratkilometer in unzähligen Bars, Kneipen und Klubs. Da sind die Lichtverhältnisse völlig egal. Die Theater machen natürlich auch in Reykjavík Sommerpause, so dass in dieser Hinsicht auf jeden Fall mehr im Winter los ist.

Nur 320 000 Einwohner zählt Island. Trotz der Größe des Landes: Die meisten leben in der Stadt, da kennt man sich, man weiß von einander, ist das ein Vorteil?

Das kann man so einfach nicht beantworten. Ich denke, dass eine übersichtliche Gesellschaft viele Vorteile birgt. So funktioniert zum Beispiel die Kommunikation zwischen Volksvertretern und Volk direkter und die Familien übernehmen aufgrund der räumlichen Nähe und ihrer Größe oft Betreuungsaufgaben, die meine Berliner Freunde auf Personal abwälzen müssen.
Auch wenn man erwarten sollte, dass die Isländer vielleicht gerade deshalb eher sorgsam mit ihrer Privatsphäre umgehen, ist das Gegenteil der Fall. Sie nutzen Facebook exzessiv, weisen sich mit einer Kennzahl aus, die das Geburtsdatum enthält, und haben Datenbanken, die relativ sensible Daten einem großen – aber nicht unbeschränkten – Personenkreis zugänglich machen.

Ist es schwer für Sie als „Ausländerin“ in Island Freunde zu finden?

Natürlich bin ich nach wie vor Ausländerin in Island, auch wenn ich Isländisch spreche, zumal ich ja nicht das ganze Jahr dort lebe. Freunde zu finden, war hier für mich nicht einfacher oder schwerer als zum Beispiel in Schweden. Eine gute Freundschaft braucht ihre Zeit und entwickelt sich nicht von heute auf morgen. Ich habe aber zum Beispiel noch Kontakt zu Menschen, die ich schon während meines ersten Islandaufenthaltes kennengelernt habe. Außerdem habe ich die Isländer grundsätzlich als sehr gastfreundlich erlebt. Auf der anderen Seite konnte ich im Umgang mit Fremden große Unterschiede von Mensch zu Mensch beobachten, aber das ist ja wohl auch in Deutschland so. Ich würde also nicht sagen, dass die Isländer generell verschlossener als die Deutschen sind.

Was sind die Sagas, noch heute gelesen, sind sie für die Leute relevant?
Die Sagas kannte ich schon, bevor ich das erste Mal nach Island kam, weil ich mich bereits als Schülerin für sie interessierte. Deshalb hatte ich viele von ihnen bereits gelesen, bevor ich sie im Rahmen meines Studiums genauer kennen lernte.
Erstmal muss man wissen, dass die Sagaliteratur ein Genre ist, das es so nur im mittelalterlichen Island gab. Sie gehört zu den so genannten genuin-autochthonen Gattungen. Es handelt sich dabei um Texte, die in ungebundener Sprache verfasst wurden und ganz unterschiedliche Themen behandeln können. So gibt es Sagas, die die Lebensgeschichten von Königen oder Geistlichen behandeln. Andere berichten von Begebenheiten, die sich vor der Besiedlung Islands ereigneten. Die Isländer meinen jedoch meistens die so genannten Isländersagas, wenn sie von den Sagas sprechen. Das sind auch die Texte, die jetzt gerade aufwändig neu übersetzt wurden. In ihnen spielen eben Isländer die Hauptrolle – „normale“ Männer und Frauen. Es geht immer um Konflikte, verletzte Ehre, Rache und Blutfehde. Dabei entscheiden die damals geltenden Gesetze und eben ein strenger Ehrenkodex, aber auch das Schicksal als unausweichliche Kraft. Sie spielen in Island und Norwegen und an konkreten Orten, weshalb sie lange Zeit als Texte aufgefasst wurden, die die Wahrheit berichten. Heute weiß man, dass es sich um literarische Texte handelt, denen eventuell reale Begebenheiten und Personen zugrunde liegen. Wo die Grenze zwischen Ereignisgeschichte und Mythos verläuft, können wir heute nicht mehr nachvollziehen.
Die (Isländer)Sagas sind schon die mittelalterlichen Texte, die für die modernen Isländer die größte Rolle spielen. Es geht eben um Menschen, die man auch heute noch irgendwie verstehen kann, und um Orte, die man kennt. Es gibt eigentlich für alle Gegenden Islands Sagas, weshalb sie eine wichtige Rolle für die lokale Identität spielen. Im Osten ist man stolz auf Hrafnkell, der die Hauptrolle in der Hrafnkels saga spielt, während man auf der Halbinsel Snæfelsnes besonders die Saga von Erik dem Roten erzählt.
Für die Isländer ist die Sagaliteratur so wichtig, weil sie im Kontext der gesamteuropäischen mittelalterlichen Literatur einzigartig und besonders ist. Sie ist also ein geeignetes Mittel, um sich von „Anderen“ abzuheben. Deshalb haben sie den Status von Nationalepen. Und dann sind sie ja auch noch ziemlich spannend und vermitteln aufgrund ihrer eher nüchternen Sprache einen Eindruck von Authentizität.
Es stimmt schon, dass sich Isländisch über die etwa 800 Jahre, die es die Sprache jetzt ungefähr gibt, relativ wenig verändert hat. Dennoch müssen die alten Texte schon ediert und zum Beispiel in der Orthografie aufbereitet werden, damit der heutige isländische Leser sie versteht. Und natürlich gibt es Worte und Formulierungen, die heute unverständlich sind. Die Veränderungen sind aber keinesfalls mit denen zu vergleichen, die zum Beispiel das Deutsche durchlaufen hat.

Lesen auch Sie selbst auch die Sagas?
Ich bin neugierig auf die Neuübersetzungen, unter denen sich auch Texte finden, die ich noch nicht kenne. Ich denke aber ehrlich, dass sich die Texte nur für sehr interessierte Leser eignen. Meine deutschen Freunde, die keine Verbindung zu Island haben, finden die Texte krude, unverständlich und deshalb letztlich langweilig, was ich nachvollziehen kann. Mich interessiert eben Island und deshalb auch die Sagaliteratur und vor allem der Umgang der Isländer mit ihnen. Für sie sind die Sagas zweifelsohne ein sehr konkreter Schatz, dessen Bedeutung sich eben aus der Einzigartigkeit und der Islandspezifik speist. Der Bezug zur Gegenwart besteht durchaus, eben weil die Schauplätze so konkret sind.

Es gibt in Island die so genannten „heidnischen Kulte“. Ist das echt? Ist das etwas sehr „Rechtslastiges“?

Erstmal: Über Kulte wissen wir fast nichts. Die mittelalterlichen Quellen überliefern Mythen und eine Kosmogenie, allerdings kaum liturgische Handlungen. Insofern ist eine Rekonstruktion der heidnischen Religion und ihrer Ausübung nicht möglich.
Darum geht es der „Gemeinde der Asengläubigen“ (ásatrúarfélag) aber auch gar nicht. Diese Gemeinde ist zwar in Island die größte nicht-christliche Glaubensgemeinschaft, allerdings stehen hier die Pflege von Traditionen sowie der Eintritt für heidnische Wertevorstellungen wie Toleranz, Ehrlichkeit, Anständigkeit, Eigenverantwortung und Respekt vor Erde und Natur im Mittelpunkt. Man kann dieser Gemeinde beitreten, ohne ein Glaubensbekenntnis oder dergleichen abzulegen. Es ist jedem selbst überlassen, ob und an wen oder was er glaubt. Bezugsgrößen können vielleicht Thor und Odin sein, genauso aber auch das Schicksal, maßvolle Lebensweise, Schutzgeister oder Elfen. Dabei konzentriert sich der Glaube nicht unbedingt auf Götter oder Elfen an sich, sondern auf das, was sie verkörpern und auf die Werte, für die sie stehen.
Aufgrund ihres Status’ als staatlich anerkannte Glaubensgemeinschaft kann man in Island nach heidnischem Brauch heiraten und beerdigt werden. Diese und andere Zeremonien, zum Beispiel Namensfeste für Neugeborene, nehmen so genannte Goden vor. Das Wort goði ist überliefert und bezeichnete interessanterweise auch im Mittelalter ein Amt, das sowohl religiöse als auch weltliche Dimensionen hatte. Die Goden des ásatrúarfélag schwören bei ihrer Amtseinführung einen Eid, der ebenfalls mittelalterlichen Texten entstammt.
Auf den Treffen der Gemeinde steht das Studium der mythologischen Quellen im Mittelpunkt. Auch die konkreten Aktivitäten der Gemeinde sind Traditionspflege. Sie konzentrieren sich neben einem wöchentlichen Gesprächskreis vor allem auf die Opferfeste zur Tag-und-Nacht-Gleiche im Herbst, zur Winter- und Sommersonnenwende sowie zum ersten Sommertag. Auf diesen Zusammenkünften werden die entsprechenden Quellen zitiert, bevor überlieferte rituelle Handlungen, wie zum Beispiel das Segnen der Erde mit Met, vorgenommen werden. Danach wird gemeinsam gegessen und getrunken. Außerdem gehen Mitglieder der Gemeinde auch in Schulen, wo sie über heidnische Sitten und Religion berichten.
Ich habe niemals an solchen Treffen teilgenommen.

Und der Glaube an die Feen: Ist das Folklore?

Ich kenne niemanden, der an Elfen, Feen, Trolle oder Zwerge glaubt. Dass in Island Straßen mit Rücksicht auf mögliche Wohnstätten von Elfen gebaut wurden, hat wieder etwas mit Texten zu tun. Es gibt nämlich auch Märchen und Sagen, die in etwa in der Zeit aufgezeichnet wurden, in der die Gebrüder Grimm die Hausmärchen sammelten. In den isländischen Märchen geht es viel um Elfen, Trollweiber und andere Fabelwesen, die wiederum auch oft regional verankert sind. Kommt jetzt ein bestimmtes Gebiet in einem solchen Märchen vor, wird eben beim Bau der Straße auf diesen Ort Rücksicht genommen. Ehrlich gesagt, wurden viele Isländer, die ich nach ihrem Verhältnis zu Elfen befragt habe, richtig sauer, weil sie meinten, dieser Elfenglaube sei ein nerviges Vorurteil, das viele Deutsche von den Isländern haben. Insofern muss diese „Religion“ eher als Folklore und Rücksicht auf lokale Mythen verstanden werden. In Deutschland baut man ja auch keine Schnellstraße über den Hexentanzplatz.

Welchen Stand haben die Kirchen? Ist die lutherische Kirche progressiv?

In Island gibt es eine Volkskirche, deren Stand in der Verfassung festgeschrieben ist. Derzeit sind 247 000 Isländer in der Volkskirche, also etwa drei Viertel der Bevölkerung. Das Verhältnis zur Kirche ist insgesamt jedoch weniger ein meditatives, als vielmehr ein traditionelles, kulturelles. Wenn ich Isländer nach ihrer Einstellung zur Kirche befrage und warum sie ihre Kinder taufen und konfirmieren lassen, verweisen viele darauf, dass das eben so Usus sei. Gleichzeitig bekennen sie sich freimütig dazu, nicht an Gott zu glauben. Irgendwie hat also die Institution die Inhalte abgelöst und geleitet die Isländer nun durch ihr Leben. Ich kenne nur einen Jungen, der eine bürgerliche Konfirmation bei einem Humanistenverband gewählt hat, alle anderen mir bekannten Jugendlichen sind konfirmiert. Auf der anderen Seite geht man nicht mal an Heiligabend in die Kirche, zu der man sich offiziell bekennt. Wie ambivalent die Bedeutung der Kirche ist, zeigt sich auch daran, dass es meines Wissens nur einen einzigen Friedhof in Reykjavík gibt, wo man in nicht-geweihter Erde beerdigt werden kann. Die letzte Ruhe ist also unglaublich eng mit der Kirche verbunden.
Ob und wie progressiv die lutherische Kirche ist, kann ich nicht beurteilen. In jedem Falle können auch homosexuelle Paare in der Kirche heiraten, sofern sie einen Pfarrer finden, der sie traut. Es steht den Geistlichen nämlich frei, ob sie eine Trauung vornehmen würden, oder nicht. Die Mehrheit der Pfarrer hat jedoch bekundet, dass sie gegen eine solche nichts einzuwenden hätte.
Quelle: http://einhjuskaparlog.tumblr.com/page/2

Vielleicht ein Wort: Die ersten „Missionare“ kamen ja recht spät nach Island. Und die Reformation war politisch erzwungen.
Sowohl die Christianisierung als auch die Reformation geschahen unter besonderen Umständen.
Zum Einen ist das Datum der Christianisierung markant, denn die Isländer nahmen im Jahr 1000 durch einen Beschluss des Althings offiziell den christlichen Glauben an. Vorher waren bereits einige Missionare, darunter auch ein „Deutscher“, im Land gewesen und der norwegische König war sehr erpicht darauf, dass Island bekehrt würde. Unter diesem Druck und weil auch schon einige wichtige Thingmänner freiwillig Christen geworden waren, entschied der Vorsteher der Versammlung, dass sich alle taufen lassen sollten. Allerdings legte er auch fest, dass man mit alten Sitten und Bräuchen tolerant verfahren sollte. Die Geistlichen waren fast alle Isländer und in den ersten Jahrhunderten waren die mächtigsten Familien sozusagen im Besitz von Kirchen, die sie bauen ließen. Insofern gab es durch die Christianisierung keinen Bruch in den herkömmlichen Strukturen, sondern einen sanften Übergang. Das wird mit dazu beigetragen haben, dass auch nicht-christliche Inhalte aufgeschrieben wurden, als schließlich mit der Kirche Pergament und Letter nach Island kamen. Es waren de facto Christen, die die Texte aufgeschrieben haben, die heute viele als „heidnisch“ empfinden.
Die Reformation geschah vor allem gegen den Widerstand des einen der zwei Bischöfe. Jón Arason, der letzte katholische Bischof, widersetzte sich den Boten des „neuen“ Glaubens stur – und damit dem dänischen König. Das führte dazu, dass er schließlich zusammen mit seinen Söhnen (!) geköpft wurde. Nach einem running gag der Isländer stammen sie alle von Jón Arason ab. Da Jón der Vater von mindestens sechs Kindern war, die wiederum ebenfalls viele Kinder bekamen, ist es ein leichtes Spiel, mit den Methoden der Kombinatorik die Wahrscheinlichkeit auszurechnen, dass jeder Isländer ein mehr oder weniger direkter Nachkomme Jóns sei, ja sein muss.
Was die Reformation „angerichtet“ hat, vermag ich nicht zu sagen. Deshalb kann ich mich auch zu Sjóns Urteil über die Heiligenlegenden nicht positionieren. Allerdings haben die Isländer immerhin einen eigenen Schutzheiligen, nämlich den heiligen Þorlákur. Nach ihm ist der Abend vor Heiligabend benannt.

Mit welchen SchriftstellerInnen fühlen Sie sich besonders verbunden?
Ich finde sehr viele isländische Schriftsteller wirklich interessant und toll. Natürlich habe ich Halldór Laxness gelesen und die Bücher von Einar Kárason und Einar Már Guðmundsson, die auch auf Deutsch erschienen sind und sich mit dem Island der 1940er Jahre bis heute beschäftigen. In dieser Zeit hat Island seine rasante Entwicklung zu einer der reichsten Nationen der Erde durchlebt, was beide Herren gut zu erzählen wissen.
Ich liebe die Bücher von Vigdís Grímsdóttir, von denen es nur wenige auf Deutsch gibt, und in denen sehr starke Männer und Frauen vorkommen. Ihr Erzählstil erinnert in vielerlei Hinsicht an lateinamerikanische Erzähler und ihre Figuren berühren einen sehr, und manchmal verstören sie den Leser auch.
Zu einiger Berühmtheit in Deutschland hat es Hallgrímur Helgason gebracht, von dem zahlreiche bitterböse Romane auch bei uns erschienen sind. Sein Humor und Zynismus macht auch vor Vielem, das den Isländern heilig ist, nicht Halt.
Etwas subtiler geht Sjón vor, der vor einiger Zeit die Samuel-Fischer-Gastprofessur am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der FU Berlin innehatte und eine wunderbar zarte, zu Recht preisgekrönte Prosa schreibt.

Wie erleben ihre isländischen Freunde Deutschland, vor allem Berlin?
Es gibt in mehreren deutschen Städten sehr aktive Isländervereine und in Berlin zum Beispiel einen regelmäßigen Stammtisch, zu dem auch deutsche Islandfreunde gehen können. Ich bin da eher selten, habe aber ein paar gute isländische Freunde in Berlin. Sie mögen die Stadt aufgrund ihrer geringen Lebenshaltungskosten und vielen Möglichkeiten, haben aber auch fast alle irgendwie Heimweh nach Island. Eigentlich alle sagen, dass sie früher oder später dorthin zurückkehren möchten. So gesehen lässt Island einen nicht mehr los.

Copyright: Marie Krüger, Berlin.

Spiritualität in Berlin – die erste Zusammenkunft: Ein erster Erfolg

Welche Spiritualität braucht Berlin?

Das Gespräch über „Spiritualität in Berlin“ im Radialsystem, AGORA, am Mittwoch, den 14. September 2011, war sehr gut besucht: Mehr 80 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren dabei. Wir werden auf diese Veranstaltung noch ausführlicher zurückkommen und ankündigen, in welcher Form dieser offene Austausch von Menschen unterschiedlicher Spiritualität und von verschiedenen „spirituellen Basisinitiativen“ fortgesetzt wird.

Ursula Richard, Autorin des Buches „Stille in der Stadt“, und eine Initiatorin des Treffens, plädierte dafür, dass wir in Berlin mehr Orte der Stille brauchen. Ohne Stille kann es keine innere Sammlung und damit keine spirituelle Entwicklung geben. In der gemeinsam erlebten Stille können sich unterschiedliche Menschen näher kommen. Auf das neue Buch der Verlegerin Ursula Richard haben wir auf dieser website schon empfehlend hingewiesen.

In- Sun Kim, Leiterin des interrreligiösen Hospizes Berlin, betonte: Mitgefühl ist die Basis für eine allen Menschen zugewandte Spiritualität. Dieses Mitgefühl kann eingeübt, gelernt, gepflegt werden. Ohne Mitgefühl kann es keine Kultur in der Stadt geben. Frau Kim Sie forderte erneut, dass die vielen Menschen aus asiatischen Kulturen ein eigenes großes „Haus des Abschieds“ brauchen. Die Trauerriten der meisten Asiaten verlangen nach längeren Totenwachen, nach großen Räumen, in denen sich Freunde und Angehörige der Verstorbenen treffen können. Sponsoren für ein „interreligiöses Abschiedshaus“ werden dringend gesucht. Wer sich dafür einsetzt, fördert ein Modell – Projekt! Frau Kim erinnerte daran, dass die etwa 100 ehrenamtlichen Mitarbeiter des Hospizes selbst viel über Leben und Sterben und Tod gelernt haben. „Hospizausbildung“ kann eine Schule des Abschieds sein…

Dr. Wilfried Reuter vom Lotus Vihara Zentrum in Berlin-Mitte (Neue Blumenstr. 5) zeigte, dass von der Basis aus in Privatinitiative ein wichtiges und wegweisendes Meditationszentrum aufgebaut werden konnte, ein Haus, das vielen Menschen auch Lebensorientierung in Krisenzeiten bietet. Dr. Reuter, Frauenarzt in Kreuzberg, forderte die Gründung eines Krankenhaus in buddhistischem Geist.

Christian Modehn vom Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon meinte, dass eigentlich jeder Mensch als „Wesen der Vernunft, also des Geistes“, bereits seine eigene, ganz persönliche Spiritualität immer schon lebt und praktiziert; oft hat der einzelne darüber noch kein deutliches Wissen. Diese immer schn gelebte eigene Spiritualität kritisch zu befragen, ist die entscheidende Aufgabe. Aber es gibt auch eine Form der Ermunterung zur eigenen Spiritualität, die das Leben begleitet und orientiert. Denn jeder hat seinen oft noch ungewussten Mittelpunkt im Leben, dem alles Interesse gilt, alle „Opfer“ gebracht werden, wenn etwa in der Kultur, Film Musik, Kunst, „Unbedingtes“ erlebt wird. Christian Modehn wies darauf hin, dass Spiritualität heute ein „Marktbegriff“ geworden ist, damit wird – oft von selbst ernannten Meistern – viel Geld verdient. Nicht überall, wo Spiritualität drauf steht, ist auch wirklich Geistvolles, kritisch Inspirierendes und Belebendes, also wirkliche Spirituaität, drin.

Viele Teilnehmer wünschten, dass diese offenen Debatten ohne konfessionelle Bindung und ohne dogmatische Voraussetzungen weitergeführt werden soll.
Berlin ist eine spirituelle Stadt (nicht mehr eine kirchenfromme und in dem Sinne auch keine religiöse Stadt), aber der Geist, spiritus auf Lateinisch, ist da, er belebt die Vernunft und …. auch das Herz.

Wenn die Menschenrechte mobil machen

Wenn die Menschenrechte mobil machen
Copyright: Christian Modehn

-Eine Kurzfassung dieses Beitrags erschien in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM am 26.8.2011-

Von einer Welle der Gewalt wurden einige Städte Englands erschüttert. Junge Leute ließen sich in maßloser Wut zu zerstörerischem Hass hinreißen. Unter den Randalierern sind zweifellos viele Kriminelle, sie werden bestraft. Auch Jugendliche aus „gutem Haus“ haben besinnungslos geplündert und geklaut. „Aber dieser Aufstand war auch ein sozialer Aufstand“, sagt der Sozialarbeiter Konstantin Argeitis. Er kennt die „Szene“ in den „Problemvierteln“ von Manchester genau. „Wir holen uns zurück, was man uns genommen hat“, hört er immer wieder. „Die Krawalle sind eine direkte Folge der neoliberalen Regierung Camerons“, betont auch der in London lehrende Soziologe Richard Sennett, „viele soziale Leistungen für junge Leute wurden gestrichen. Und die Ursachen liegen für mich darin, dass diese Regierung die Zivilgesellschaft und die zivilen Institutionen zerstört hat“.
Die Demokratie muss grundlegend verändert, wenn nicht neu begründet werden: In allen Teilen Europas werden diese Stimmen laut. In Spanien z.B. agieren viele tausend „Indignados“,„Empörte“, ohne Gewalt, aber voller Energie: Sie versammeln sich seit 4 Monaten ständig zu öffentlichen Debatten auf den großen Plätzen. Mitte Juni demonstrierten Hunderttausende in Madrid gegen die Wirtschaftspolitik der Europäischen Union mit der Forderung: „Es kommt auf die Achtung der Grundrechte an, auf Wohnung, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Bildung, politische Beteiligung für jeden. Wir fordern eine freie Entwicklung der Persönlichkeit“. In Athen, Lissabon und Paris solidarisieren sich Tausende, eine neue politische Bewegung außerhalb der etablierten Parteien entsteht. Diese Aktivisten beziehen ihre Power aus einem eher abstrakt formulierten Dokument, der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948. In Artikel 22 heißt es: „Jeder hat als Mitglied der Gesellschaft das Recht auf soziale Sicherheit und Anspruch darauf, durch innerstaatliche Maßnahmen und internationale Zusammenarbeit … in den Genuss der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte zu gelangen, die für seine Würde und die freie Entwicklung seiner Persönlichkeit unentbehrlich sind“.
Diese abstrakten Formulierungen inspirieren heute zu der Frage: Warum soll es nicht in absehbarer Zeit das Menschenrecht auf demokratische Kontrolle der Finanzmärkte geben mit der Einführung eine Finanztransaktionssteuer? Neue Menschenrechte können prinzipiell „entdeckt“ und formuliert werden. Immer schon wurden Menschenrechte „geboren“, wenn Ungerechtigkeit zum Himmel schreit. Für den Philosophen Francois Jullien (Paris) sind der „basale Aufschrei“ und der „Protest gegen das Untragbare“ entscheidend. Es waren die Schrecken der Nazi – Barbarei und des Weltkrieges, die zur Menschenrechtserklärung der UNO 1948 führten. Seitdem gilt absolut: Jeder Mensch hat eine unverletzbare Würde, zu jeder Zeit und an jedem Ort. Alle Wesen, die Menschenantlitz tragen, sind Menschen.
Im 18. Jahrhundert waren es die Bürger und der niedere Klerus, die nicht länger die maßlosen Privilegien der Könige und den Hunger der Bevölkerung hinnehmen wollten. Aus einer Protest -Bewegung entstand die Französische Revolution. Und aus demselben Geist wurde im August 1789, gut einen Monat nach dem „Sturm auf die Bastille“, die damals sensationelle „Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte“ verabschiedet. Ausdrücklich wurde – zeitlos gültig – betont, „dass die Unkenntnis und die Missachtung der Menschenrechte die alleinigen Ursachen für die öffentlichen Missstände und die Verderbtheit der Regierungen sind“. Die neue politische Ordnung muss respektieren, dass jeder Mensch als Mensch unantastbare Rechte hat: „Die Menschen werden frei und gleich an Rechten geboren und bleiben es“ (Artikel 1). Das Zeitung „Journal de la Ville“ (Paris) schrieb wenige Tage nach dieser „Déclaration“: „Zum ersten Mal erlebt die Welt, wie ein aufgeklärtes Volk die Gedankenarbeit eines ganzen Jahrhunderts in die Menschenrechtserklärung hineinschreibt und in seinen Beratungen fünfzig Jahre Philosophie mit der Forderung Freiheit für alle zusammenfasst“.
Tatsächlich haben Philosophen der englischen und französischen Aufklärung (Hobbes, Locke, Rousseau, Diderot) mit ihrer Kritik an der gesetzlosen Unordnung des Absolutismus die Idee der Menschenrechte in der öffentlichen Debatte gefördert. Sie hatten Vorbilder, vor allem die Philosophen der Stoa: “Niemand ist vornehmer als andere“, schreibt Seneca (1 bis 65 n.Chr.), und er betont: „Dies sei eine klare Vernunfterkenntis“. Denn alle Menschen haben als Menschen an der „vernünftigen Weltseele“ (dem Ursprung) teil; deswegen haben alle auch gleiche Würde und gleiche Rechte. Darum wehren sich Stoiker auch gegen die Sklaverei. Die Philosophie der Menschenrechte hat durch Immanuel Kant (1724 – 1804) ihre grundlegende Prägung erhalten: Für ihn ist es unbestreitbare Erkenntnis der Vernunft, dass jeder Menschen als Zweck für sich selbst anzusehen sei. Deswegen, und nicht wegen religiöser Überzeugungen, hat jeder Mensch absoluten Wert: Kein Mensch darf bloß als Mittel für egoistische Ziele anderer behandelt werden.
Tatsache ist, dass bis heute „die Menschenrechte“ bestenfalls als ein schönes, aber realpolitisch irrelevantes Dokument angesehen werden. Wenn Staaten Mitglieder UNO werden – fast alle sind es – dann erkennen sie zwar automatisch deren Menschenrechtserklärung an. Aber Amnesty International weist darauf hin, dass es heute in fast allen Staaten schlimme Menschen­rechts­ver­letz­ungen gibt. Und die UNO muss meist hilflos zusehen. In Straßburg kümmert sich immerhin der „Europäische Gerichtshof für Menschenrechte“ um den Schutz dieses höchsten Gutes.
Etliche Philosophen (wie die Expertin Katharina Ceming) empfinden es in dieser Situation als höchst befremdlich, wenn Philosophen, wie Richard Rorty (1931 – 2007) als „Kulturrelativisten“ die rigorose Allgemeingültigkeit der Menschenrechte in Frage stellen. Rorty möchte die Menschenrechte aus dem Mitgefühl mit anderen Kulturen praktisch begründen und nur aus dem Einzelfall entwickeln. „Wir sollten unsere Menschenrechtskultur nicht als Überlegenheit gegenüber anderen Kulturen demonstrieren“, meint er: Nur so könnten europäische Besserwisserei und kultureller Imperialismus verhindert werden. Keine Frage: Westliche Politiker haben ihre eigene Machtpolitik z.B. gegenüber der „Dritten Welt“ mit dem Eintreten für die Menschenrechte kaschiert. Der Kampf gegen die Sandinisten in Nikaragua oder gegen Präsident Allende wurde so begründet, tatsächlich aber waren Antikommunismus und ökonomischer Dominanz entscheidend.
Aber darf der politische Missbrauch zur Relativierung der absolut zu schützenden Würde eines jeden Menschen führen? „Die Alternative zum viel geschmähten kulturellen Imperialismus der Menschenrechte entpuppt sich als Kultur- Rassismus, der das Existenzrecht eines Lebens vom kulturellen Kontext abhängen lässt“, betont Katharina Ceming.
Staaten, die heute strikt die absolute Gültigkeit der Menschenrechtserklärung der UNO von 1948 zurückweisen, kennen Menschenrechts – Traditionen. China beruft sich auf den „Lehrer der Harmonie“ (d.h. der Gehorsamshaltung und Unterwürfigkeit) Konfuzius. Aber das Regime übersieht gern, dass Konfuzius´ Meisterschüler, der hochgeschätzte Menzius bzw. Mengzi ( 370 bis 290 v.Chr.), in seinen Lehrgesprächen betont: „Jeder Mensch hat eine ihm angeborene Würde in sich selbst. Diese Würde wurde jedem Menschen vom „Himmel“ verliehen. Deswegen kann ein Machthaber sie weder gewähren noch nehmen. Jede Herrschaft ist daran gebunden“.
Auch in muslimisch geprägten Kulturen ist die Idee des Respekts vor jedem Menschen verbreitet, wenn auch der Koran nicht als Quelle für moderne Menschenrechte herangezogen werden kann. Immerhin, es gibt eine muslimische Hochschätzung der universal gültigen „Goldenen Regel“, die da heißt: „Tu den anderen nur das an, was dir selbst angetan werden soll“. In einer Sammlung von Hadithen (Interpretationen zu Mohammed) aus dem 13. Jahrhundert heißt es: „Keiner ist gläubiger Muslim, solange er nicht für seinen Bruder wünscht, was er sich selbst wünscht“. Abu Hurayra, ein Gefährte Mohammeds, sagte: „Wünsche den anderen Menschen, was du dir selbst wünschst. Dann erst wirst du ein wahrer Muslim“.
Die meisten „Aufständischen“ in Tunis und Kairo im Januar 2011 ließen sich nicht von religiösen Traditionen inspirieren: „Wir wollen Demokratie“, berichtet der weltbekannte syrische Philosoph Sadiq al Azm. „So denkt die junge Generation dort, es ist die bürgerliche Selbstbehauptung gegen die Macht der Regime“. Sadiq al Azm spricht im Blick auf Nordafrika von „einer Transformation der religiösen Haltung“, es geht – endlich – um Selbstbestimmung, also ansatzweise um Menschenrechte.
Dabei weiß er genau, wie umstritten diese Ansätze sind. Die „Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam“ von 1990 wurde noch nicht revidiert. Diesem Dokument zufolge können die Rechte und Freiheiten des einzelnen nicht universell gelten, sie sind vielmehr der Scharia unterworfen.
Religiöse Kategorien begrenzen die Geltung der Menschrechte: Dies ist auch die Rechtsauffassung der katholischen Kirche. Wie im Islam wird die „Würde des Menschen“ einzig von Gott hergeleitet. Ohne einen ausdrücklichen Gottes Bezug kann es keine Menschenrechte geben, darin stimmen islamische und römische Texte überein. Gleichlautend wird die Überzeugung verbreitet, „der Mensch könne ohne die Offenbarung Gottes nicht den besten Weg des Lebens beschreiten“. Diese Lehre kann aber nur Menschen überzeugen, die bereits an Gott glauben. In ihrer inneren Verfasstheit haben die universalen Menschenrechte nicht das letzte Wort. Der „Codex“, das offizielle Gesetzbuch von 1983, bietet viele Beispiele. Wenn Gläubige von der zuständigen Autorität vor Gericht gezogen werden, haben sie auch „Anrecht auf ein Urteil, das nach Recht und Billigkeit gefällt wird“, so § 221, 3. Von Verteidigung und unabhängigen Richtern ist keine Rede. Denn „der kirchlichen Autorität steht es zu, die Ausübung der Rechte, die den Gläubigen eigen sind, zu regeln“, § 223, 2. Der Begriff „Demokratie“ kommt im offiziellen Katechismus von 1993 nicht vor. Demokratie und Menschenrechte sind Produkte der Vernunft. Aber der menschlichen Erkenntnis misstraut die Kirche entschieden. Führung und Gehorsam sollen gelten, nicht Autonomie und Freiheit. Es ist bekannt, dass die Päpste unmittelbar nach der amerikanischen und der französischen Menschenrechtserklärung, also ab 1791, in langen Hasstiraden diese „schlimmsten Übel“ verurteilten. Erst mit dem 2. Vatikanischen Konzil wurde diese Polemik aufgegeben Aber nun behauptet die Kirche, an der Bildung der Menschenrechte beteiligt gewesen zu sein… Wenn heute Laien und Priester politisch zugunsten der Menschenrechte eintreten, etwa in Lateinamerika und Afrika, bleibt bei aller Anerkennung ihres Engagements die Frage: Wie können sie die Menschenrechte als politisch absolut richtig und gottgewollt vertreten, wenn sie in der eigenen Kirche nicht gelten? Wie kann die Kirche ernsthaft behaupten, die Menschenrechte hätten nichts mit der angeblich göttlichen Ordnung der Kirche zu tun? Wie viel Machtideologie ist da immer noch lebendig? Wie lange nehmen Katholiken diese Situation hin?
Die universalen Menschenrechte, als lebendiger Prozess verstanden, werden erst dann weltweit praktisch von sehr vielen Menschen respektiert werden, wenn politische Willkürregime verschwinden und religiöse Führer die Grenzen ihrer Kompetenz anerkennen. Aber: Das Wichtigste ist getan! Die Menschenrechtserklärung der UNO wird niemand mehr aus den Herzen der Menschen vertreiben können.

Zur religiösen Praxis der Muslime in Frankreich

Fast jeder zweite Muslim in Frankreich ist „gläubig und praktizierend“

Anlässlich des Ramadan in diesem Jahr, der vom 1. bis zum 30. August dauert, hat die Tageszeitung LA CROIX, Paris, in ihrer Ausgabe vom 1. August, in einem ausführlichen Dossier die Ergebnisse einer Studie über die religiöse Praxis der Muslime in Frankreich veröffentlicht. Weil wir in unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon seit vielen Jahren regen Anteil nehmen an der religiösen Situation und der Geschichte der Religionen und Philosophien in Frankreich (nicht zuletzt dokumentiert durch die ca. 60 Halb – Stunden -Sendungen „Gott in Frankreich“ von Christian Modehn im Saarländischen Rundfunk von 1989 bis 2006), wollen wir einige zentrale Aspekte festhalten:
Weil es in Frankreich aufgrund der Trennung von Staat und Religionen keine exakten Religionsstatistiken gibt, nennen die wissenschaftlich glaubwürdigen Schätzungen 2,1 Millionen Muslime im Alter zwischen 18 und 50 Jahren. Das Forschungsinstitut IFOP nennt 3,5 Millionen Muslime insgesamt (d.h. ca. 5,8 % der Gesamtbevölkerung). In einigen Départements wie Val – de- Marne oder Val – de – Oise liegt deren Anteil bei ca. 10 %.
Das Institut IFOP hat für LA CROIX festgestellt, dass 71 % der Muslime während des ganzen Monats die Fastengebote einhalten wollen. Im Jahr 1989 hatte man die letzte entsprechende Umfrage vorgenommen, so wird jetzt deutlich: Die religiöse Praxis unter den Muslims hat heute zugenommen. 41 % der Befragten nennen sich heute „praktizierende und gläubige Muslims“, 1989 waren es 34 %. Während 1989 nur 16 % die Moschee am Freitag besuchten, sind es heute 25 %. Heute gibt es etwa 2000 Moscheen und „Kult – Orte“ (oft eher sehr bescheidene ehemalige Garagen z.B.). Allerdings, so schreibt der Soziologe Franck Frégosi in seinem Buch „L Islam dans la laicité“, Ed. Pluriel. „Heute ist man dabei, mit dem Islam in den Kellergewölben aufzuhören“. So wird etwa in Strasbourg jetzt eine neue große und würdige Moschee eingeweiht. La Croix berichtet: „Die Zunahme im Besuch der Moschee ist besonders bemerkenswert bei den jungen Leuten. Es sind fast ausschließlich Männer, die freitags an den Gottesdiensten dort teilnehmen“.
Auch die berufliche Qualifizierung der Muslime wurde untersucht. 33 % der Befragten sind Arbeiter. Leitende Angestellte und Freiberufler nur 6,7 %.
Interessant ist auch das parteipolitische Interesse: Nur bei 21 % der Muslime ist Nicolas Sarkozy der politische Favorit, während es unter den praktizierenden Katholiken immerhin 55 % sind, bei den nicht praktizierenden Katholiken dann noch einmal 44 Prozent. Daran sieht man, wie beliebt Sarkozy noch immer bei Katholiken ist. 23 % der Nichtglaubenden und Atheisten stimmen für Sarkozy.
Wir möchten noch darauf hinweisen, dass die eigentlich eher finanziell arme katholische Kirche Frankreichs sich ein eigenes für das ganze Land bestimmte „Sekretariat für die Beziehungen zum Islam“ leistet. Von dort aus werden z. B. Gespräche und Tagungen organisiert über „Islam und Christentum“. So etwas gibt es in Deutschland bei einer Kirche mit einem Etat von vielen tausend Millionen Euro nicht. In Frankreich ist im Augenblick der Buchautor Pater Christophe Roucou der Leiter dieser Arbeitsstelle; er gehört zur theologisch progressiven Gemeinschaft „Mission de France“, einer Gemeinschaft von „Arbeiterpriestern“. Er hat als Leiter seines Sekretariates erklärt: „ En France, comme citoyens et comme catholiques, nous avons la responsabilité de permettre que les musulmans puissent vivre leur foi dans le contexte républicain et laïque. Et comme chrétiens, il nous faut toujours faire le premier pas.“ “In Frankreich haben wir als Bürger und als Katholiken die Verantwortung, den Muslims zu erlauben, ihren Glauben im republikanischen und im „laique“ (schwer zu übersetzen: also auf Trennung von Kirche und Staat bedachten Status) Kontext zu leben. Und als Christen müssen wir immer den ersten Schritt tun“.
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