Die heutige liberale Theologie: „Ein Appell zum Selberdenken“

Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Wilhelm Gräb
Die Fragen stellte Christian Modehn

Sie haben kürzlich als einer der wichtigen Theologen, die die heutige „liberale Theologie“ vertreten, gesagt: „Die liberale Theologie hat es heute besonders schwer“.
Bevor ich nach den Gründen für diese Aussage frage: Was ist denn – kurz gefasst – eine heutige, moderne liberale Theologie?

Liberale Theologie denkt von der Religion der Menschen her. Sie ist die Explikation eines Denkens, das ein Sich – Befassen mit den existentiellen, letztlich auf den Sinn des Ganzen gehenden Grundfragen des Lebens ist. Liberale Theologie behauptet jedoch gerade nicht, auf diese Fragen eine abschließende Antwort zu haben. Sie beruft sich weder auf das biblische Offenbarungszeugnis, noch auf die Lehren und das Bekenntnis der Kirche. Sie appelliert an die Fähigkeit zum Selbst-Denken in Verbindung mit dem Empfinden, dass das Leben immer wieder dazu nötigt, zu fragen, was ihm Bedeutung gibt, wie ich mich selbst und mein Dasein in der Welt verstehe.
Diese Sinnfragen sind religiöse Fragen, die zur Theologie, d.h. in ein Gott-Denken führen. Nichts in dieser Welt ist von der Art, dass es nicht auch erschüttert werden und zerbrechen könnte. Auch mit der Rede von Gott und seinem Handeln in der Welt verbindet liberale Theologie dann aber nicht das Versprechen einer unerschütterlichen Sinn- und Heilsgewissheit. Genau dadurch steht sie im Gegensatz zu einer fundamentalistischen Denkungsart. Sie gibt die Vorläufigkeit, Relativität, Endlichkeit menschlichen Seins und Denkens, auch dann und dort zu, wo es sich auf Gott bezieht. Gott steht der liberalen Theologie für den Unbegreiflichen Sinn des Ganzen und der Glaube, bzw. das Vertrauen auf ihn für die menschliche Fähigkeit, diese Unbegreiflichkeit aushalten und in Lebensenergie umsetzen zu können.
Mit liberaler Theologie müssen wir keine absoluten Wahrheitsbehauptungen aufstellen, nicht unbedingt auf unserem Recht beharren. Dann können wir die Vielfalt der Meinungen und die Unterschiedlichkeit der Lebensformen wie auch der religiösen Tradition und Positionen ohne Gefahr eines Verlustes der eigenen Identität anerkennen und aushalten. Darin liegt der Freiheitsgewinn liberaler Theologie. Das macht sie allerdings auch unbequem. Sie verlässt sich nicht auf kirchliche oder staatliche Autoritäten. Sie ist kritisch gegenüber Machtansprüchen, die von dort ausgehen. Sie bietet damit allerdings auch keine absolute Sicherheit.

Was hat denn heutige liberale Theologie zu sagen, wenn Gläubige bekennen: „Jesus Christus ist der Erlöser“. Dies ist ja eine Formel, die etwa im Umfeld von Weihnachten oft gesprochen wird…

Das Bekenntnis des christlichen Glaubens, zu dem die Aussage gehört: dass von dem Menschen Jesus ein erlösender, von der Sünde befreiender, d.h. die Trennung von Gott überwindender Impuls ausgegangen ist und ausgeht, versteht liberale Theologie nicht als einen Inhalt bzw. Gegenstand des Glaubens – wie es in der kirchlichen Theologie der Fall ist. Liberale Theologie versteht die Aussagen des christlichen Bekenntnisses bzw. Dogmas als Anregung zur religiösen Selbstdeutung. Von Jesus, so sagt die liberale Theologie, kann deshalb eine erlösende Wirkung ausgehen, weil er Gott auf die Erde geholt hat. Gott, so wie Jesus ihn von Anfang an zeigt, in seinem Leben, bis hin zum Tod am Kreuz, ist nicht der machtvolle Herrschergott. Er ist die Kraft, die in den Schwachen mächtig ist. Gott ist der, der als der Abwesende anwesend ist, die ohnmächtige Macht der Liebe.
Wenn ich mich zu dem in Christus Mensch gewordenen Gott bekenne, heißt das also, dass ich mich selbst als zur Freiheit bestimmt verstehe, keiner höheren Autoritäten verpflichtet als dem Anspruch, den ich an mich selbst stelle: Nämlich ein Mensch zu sein, ein menschlicher Mensch, d.h. der „Menschheit“ in mir, also der Idee der Humanität verpflichtet. So ist Gott da, so ist er in allen da, sofern sie sich nur der Kraft bewusst werden, die in ihnen ist – und sich auf diese Kraft verstehen. Ein Kinderlied zu Weihnachten bringt diese liberaltheologische Deutung von Weihnachten gut zum Ausdruck: „Alle Jahre wieder kommt das Christuskind…“, wo es in der letzten Strophe heißt: „ist auch dir zur Seite, still und unerkannt, dass es treu dich leite an der lieben Hand“.

Auch in Ihrem neuen Buch „Vom Menschsein und der Religion“ haben Sie betont: Für eine heutige liberale Theologie ist die Verbindung der Menschen mit der grund-legenden Sinnfrage entscheidend. Da öffnen Sie einen weiten Raum, der über die dogmatische Gottesfrage hinausführt: So dass auch Menschen ihre religiöse Spiritualität wahrnehmen können, die gar nicht kirchlich sind, aber nach dem grundlegenden Sinn suchen. Ist dieses Denken nicht ein großes weites, durchaus „ökumenisches“ Angebot?

Die dogmatischen Inhalte des christlichen Glaubens sagen nichts über eine andere Wirklichkeit aus, sondern über andere Möglichkeiten des uns selbst Verstehens, was für uns unser Leben bedeutet, worin wir seinen Sinn finden und was uns darauf hoffen lässt, nicht vergeblich zu leben. Liberale Theologie zeigt diese Möglichkeit des Umgangs mit der Verschiedenheit der Konfessionen und Religionen auf. Sie weist darauf hin, dass mit und in den Konfessionen und Religionen andere Möglichkeiten unseres Selbstverständnisses gefunden werden können, und damit andere Möglichkeiten auch zu einer Deutung des Sinns unseres Lebens, dessen Unbegreiflichkeit zum Trotz.

Wäre diese theologische Weite nicht auch eine Basis für ein inter-religiöses Gespräch etwa mit Buddhisten und auch für ein Gespräch mit Humanisten, die von der Sinnfrage bewegt sind?

Natürlich, die Gegenstände bzw. Inhalte des Glaubens beschreiben ja keine objektive, unabhängig von uns Menschen, unserem Selbst- und Weltverständnis, gegebene Wirklichkeit. Die Inhalte des christlichen Glaubensbekenntnisses drücken aus, wie ein Christ sich in seinem Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt versteht. Die Lehren des Buddha tun das auf ihre Weise. Ein Humanist entfaltet heute sein Selbst – und Weltverständnis am ehesten, indem er auf Formulierungen der Menschenrechtserklärungen Bezug nimmt. Das legt sich heute auch einem Christen nahe, dem es bei manchen Aussagen des christlichen Glaubensbekenntnisses schwer fällt, diese als Ausdruck seines Selbstverständnisses zu lesen.

Nun dann doch zu der zentralen Frage: Warum wird diese große Weite liberal – theologischen Denkens heute nicht wahrgenommen, nicht geschätzt und auch „offiziell“ kirchlich nicht empfohlen und gefördert?

Den Kirchen-Institutionen geht es zumeist nicht um das Christentum, nicht um den religiösen Sinn, den das Christentum den Menschen anbietet. Den Kirchen geht es um ihre Selbsterhaltung. Die, so meinen sie, hängt an der Geltung der Lehren, Bekenntnisse und moralischen Appelle, für die sie eintreten. Diese Auffassung von kirchlicher Autorität führt dazu, dass die liberaltheologische Freiheit zum Selbst-Denken, auch in religiösen Fragen, sowie auch die Reduktion des Bekenntnisses auf einen Ausdruck menschlichen Selbstverständnisses, als Bedrohung eben dieser Autorität erscheinen. Deshalb wird diese liberal-theologische Freiheit nicht geduldet, sondern sie wird abgelehnt und als Weg in die Beliebigkeit denunziert.

Ist also die Ablehnung der heutigen liberalen Theologie auch ein Hinweis auf die tief sitzende Angst vieler Menschen, die nur Sicherheit suchen, auch hundertprozentige eindeutige Sicherheit in ihrer Religiosität?

Das wird man so sehen müssen. Nur, so denke ich, es ist den meisten Menschen bewusst, dass es keine absolute Sicherheit gibt und auch die Religion ihr Konto heillos überzieht, wenn sie diese verspricht. Worauf es doch ankommt, ist, angesichts all der Unsicherheiten und permanenter Kontingenzanfälligkeit dennoch den Lebensmut nicht zu verlieren und hoffnungsfroh bleiben zu können. Lebensmut und hoffnungsfrohe Zuversicht entstehen aber nicht aus fundamentalistischer Rechthaberei. Die macht lediglich borniert. Sie entstehen und erneuern sich immer wieder z.B. dadurch, dass Menschen sich selbst nicht nur als ein Zufallsprodukt der Natur, sondern inmitten allen Lebens, das leben will, sich als ebenso absichtsvolle wie unendlich geliebte Geschöpfe Gottes verstehen.

Sollte man als liberaler Theologie heute diese falsche Sicherheit, manche sprechen von Sicherheitswahn, kritisieren und dabei helfen, diese Mentalität zu überwinden?

Ja, gerade die Theologie sollte es als eine ihrer wichtigsten Aufgaben begreifen, deutlich zu machen, dass der religiöse Glaube keine Sicherheit schafft, sondern dazu befähigt, mit den unvermeidlichen Unsicherheiten besser, d. h. rational und zugleich mutig, die Angst ernst nehmend, aber zugleich hoffnungsstark umzugehen. Gerade im Zeitalter der ökologischen Lebensgefahr ist diese Aufgabe von der Theologie energisch wahrzunehmen. Weder eine religiös-fundamentalistische Leugnung der Gefahr hilft weiter, noch sind hysterische Panikreaktionen angebracht. Was es braucht, sind langfristig wirksame Strategien des Umbaus der Industriegesellschaft wie auch gravierende Änderungen des Konsumverhaltens. Dazu ist ein langer Atem nötig, wie er vielleicht doch am ehesten auch aus einem risikosensiblen und zur Selbstzurücknahme ermutigenden Gottvertrauen kommt.

Zum Schluss: Hat es dieser liberalen Theologie und ihren wenigen Gemeinden bzw. Kirchen an einer Emotionalität und Gemeinschaftserfahrung gefehlt? Wie lässt sich die nun einmal rationale liberale Theologie und Emotionalität versöhnen?

Es mag sein, dass dort, wo eine liberale Theologie gesucht und betrieben wird, eine Theologie, die aufs Selbst-Denken auch in den Fragen der Religion und des Glaubens ausgeht, die emotionale und affektive Dimension der Religion manchmal zu kurz kommt. Im Grund ist das aber ein Missverständnis. Denn, da es liberaler Theologie gerade nicht um die Anerkenntnis der objektiven „Wahrheit“ von Glaubensinhalten ankommt, sondern um deren das je eigene Selbstverständnis transformierende Bedeutung, zielt sie nicht nur auf den Verstand, sondern immer auch auf Herz und Gemüt. Vielleicht sind aber auch Gemeinden, die eine liberale Theologie betreiben, was die Praxis ihrer Gottesdienste anbelangt, in ästhetischen Formen gefangen, die heutige Menschen emotional nicht mehr ansprechen.

Ist die Kritik am heutigen „Niedergang“ der vom Ursprung her „liberalen Demokratie“ auch ein Thema heutiger liberaler Theologie?

Ich weiß gar nicht, ob wir vom Niedergang „liberaler Demokratien“ sprechen sollten. Der Begriff des Liberalen, so wie ich ihn jetzt in Bezug auf die liberale Theologie gebraucht habe, verträgt sich ja weder mit Parteiungen, noch beschreibt er einen Vorgang, den man historisch als irgendwann einmal gegeben oder erreicht bezeichnen könnte. Ob in der Religion oder der Politik, Liberalität beschreibt sowohl eine Haltung wie eine Aufgabe, die solange nicht erledigt sind, als es sich der Fundamentalisten und Extremisten von Rechts wie von Links zu erwehren gilt.

Sollte man vielleicht in Zukunft eher von liberal-sozial oder sozial-liberal sprechen?

Es hat in Deutschland bekanntlich mal eine „sozial-liberale Koalition“ gegeben. Das war nicht das schlechteste. Aber weil diese Bezeichnung an Parteien denken lässt, würde ich sie eher vermeiden wollen. Das Liberale ist sozial, allein schon deshalb, weil das Selbstdenken, zu dem es den Einzelnen auffordert, immer in sozialen Beziehungen verortet, kommunikativ ist und ausgerichtet auf das Wohl aller.

Zur Vertiefung wird noch einmal auf das neue Buch von Wilhelm Gräb empfehlend hingewiesen: „Vom Menschsein und der Religion“, dazu auch das einführende Interview auf dieser website!

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Theologe in Berlin
Und Religionsphilosophischer Salon Berlin. Veröffentlicht am 27.11.2019

„Am wichtigsten ist die Religion der Menschlichkeit“. Drei Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Die Fragen stellte Christian Modehn

Veröffentlicht am 24. April 2016

In Ihrem Interview im März 2016 mit dem Titel „Für die Grenzgänger“ haben Sie zum Schluss dafür plädiert, viel stärker in theologischen Debatten wie im Alltag des religiösen Lebens die „Religion der Menschlichkeit“ als allgemeine spirituelle Basis anzuerkennen.

Etliche LeserInnen haben darauf reagiert und wollen weitere Erläuterungen zu diesem Thema, das entscheidend ist für die Zukunft einer ständig Gewalt bereiten Menschheit wie auch angesichts der immer noch zerstrittenen christlichen Kirchen.

Die erste Frage ist: Kann denn unsere Beziehung zu den Menschenrechten, etwa in der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (1948), tatsächlich einen spirituellen Charakter bekommen? Sind die Menschenrechte nicht auf die Anerkennung „bloß“ durch den Verstand begrenzt? Wie kann ich eine möglicherweise ganzheitliche „emotionale“ Beziehung, zu ihnen aufnehmen?

Das Schicksal anderer Menschen ist uns nicht gleichgültig. Wir empfinden Mitleid, wenn wir die Bilder vom Grenzzaun in Idomeni sehen. Das Leiden anderer Menschen rührt uns an. Es treibt uns über uns selbst hinaus, und wir wollen etwas dagegen tun. Historisch gesehen waren es die Gräueltaten durch das nationalsozialistische Deutschland, die die Generalversammlung der Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ beschließen ließ. Darin heißt es: „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ (Art. 1), sodann : „Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person“ (Art. 3) und dies „ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Anschauung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand“ (Art. 2) .

Das sind Aussagen, die, wie es in der Präambel heißt, ein „Ideal“ formulieren, auf dessen Anerkennung und Durchsetzung in der Gemeinschaft der Völker und Staaten hinzuarbeiten sei. So ist es nicht, noch nicht. Aber so soll es sein, ist damit gesagt. Es wird im Indikativ formuliert, der aber imperativisch gemeint ist. Lasst uns also, so die Aufforderung an die unterzeichnenden Staaten, als Vereinte Nationen auf nationaler und internationaler Ebene die rechtlichen Voraussetzungen dafür schaffen, dass solche Verhältnisse, in denen jeder Mensch sein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person, unabhängig von seinen nationalen, rassischen und religiösen Zugehörigkeiten garantiert bekommt, überall auf der Welt Wirklichkeit werden.

Höchst interessant bleibt dennoch die Beobachtung, dass die Erklärung der Menschenrechte in Art. 1 eine Aussage über die allen Menschen angeborene Würde und das ihnen damit gleichermaßen zukommende Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit macht. Das ist kein auf Erfahrungswissen gründender Satz. Es ist auch kein moralischer Imperativ. Er formuliert auch keineswegs nur, wie in der Präambel gesagt wird, ein Ideal, dem es nachzueifern gelte. Dieser Satz stellt vielmehr eine Behauptung auf über das, was der Mensch ist bzw. über das, was ihm allein aufgrund seines Menschseins an Würde und Rechten zukomme. Zu dieser Behauptung berechtigt keine Erfahrung, kein Wissen. Unser Verstand dürfte uns ihr daher kaum zustimmen lassen.

Deshalb bin ich der Meinung, dass es sich hier um einen Glaubenssatz handelt. Die Zuerkennung der Menschenwürde und der sich aus ihr ergebenden Menschenrechte lebt vom Glauben an die Menschlichkeit des Menschen, jedes einzelnen Menschen, unabhängig von seinen nationalen, rassischen und religiösen Zugehörigkeiten. Von daher legt es sich für mich dann auch nahe, in unserer Beziehung zu den Menschenrechten eine spirituelle Dimension mit einer stark emotionalen Verankerung zu erkennen.

Es war das Erschrecken über das Fürchterliche, das Menschen einander antun können, das zur „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ geführt hat. Ihr Ziel war es, diejenigen unveräußerlichen Rechte festzuschreiben, auf die sich jeder Mensch, allein aufgrund seines Menschseins, sollten berufen können. Deshalb fordert die Präambel auch, sie in nationale und internationale Rechtsordnungen aufzunehmen. Aber in dem allem, das zu ihrer Durchsetzung und Einhaltung unabdingbar ist, gilt es zu sehen, dass sie auf einem emotional grundierten, humanitären Glauben an die Menschlichkeit jedes Menschen aufruhen.

Auf ein verstandesmäßiges Wissen um das, was der Mensch ist, können die Menschenrechte sich niemals gründen. Was wir vom Menschen wissen ist ja eben dies, dass er zu den schlimmsten Gräueltaten gegen seinesgleichen ebenso fähig ist, wie dass er sich anrühren lassen kann vom Leid anderer und ihnen zu helfen bereit ist. Nein, die Menschenrechte ziehen ihre politische Kraft allein aus dem Glauben an sie. Ich möchte diesen Glauben zunächst einen humanitären Glauben nennen. Dieser wird, wenn Menschen es mit ihm auf eine sie selbst in ihrem Handeln verpflichtende Weise ernst nehmen, zu einem moralischen Glauben. Er ist dann aber ebenso auch für eine religiöse Deutung offen. Auf sie stoßen wir, wenn wir die Frage zulassen, was uns dazu fähig macht, dass wir im anderen ein uns gleiches Wesen erkennen, wir uns mit ihm verbunden fühlen, in unserer elementaren Bedürftigkeit, im Angewiesen-Sein aufeinander, im Gefühl einer Zusammengehörigkeit, das über alle kulturellen Differenzen und politischen Gegensätze hinweg, ja, trotz Krieg und Terror, für uns doch die Welt im Innersten zusammenhält. Das Von-Woher dieses Gefühls ist für mich das Göttliche auf dem Grund jeder Menschenseele. Wo dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit in der einen Menschheitsfamilie, von dem der humanitäre und moralische Glaube an die Menschenrechte lebt, sich Ausdruck verschafft, dort kann aus diesem Glauben auch ein religiöser Glaube werden.

Die zweite Frage: Wenn die Menschenrechte auch das christliche Bekenntnis gründen, wie Sie im März sagten, und wenn sie auch den Mittelpunkt der christlichen Lehre darstellen: Wie sollte denn mit den Menschenrechten in den Kirchen, etwa auch in Gottesdienst, Gemeinde und Predigt, (vorrangig) umgegangen werden?

Die Kirchen haben sich ja lange Zeit sehr schwer getan, die Menschenrechte anzuerkennen. Vielleicht lässt sich dieser Sachverhalt aber auch als Hinweis darauf verstehen, dass die den Menschenrechten zugehörende spirituelle Dimension zwar von ihnen erkannt wurde, allerdings dann die Befürchtung aufkam, es könnte der Glaube an die Menschlichkeit des Menschen an die Stelle des Glaubens an Gott treten. Inzwischen haben die Kirchen jedoch nicht nur in ein positives Verhältnis zu den Menschenrechten gefunden, sie reklamieren jetzt sogar, sie erfunden zu haben. Wurden sie von den christlichen Kirchen im Zusammenhang ihrer ersten Ausformulierungen, die im Zusammenhang der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und der Französischen Revolution standen, als Ausdruck eines frevelhaften Aufstandes des sich autonom setzten Menschen abgelehnt, so werden sie heute schöpfungs- und rechtfertigungstheologisch begründet. Die Unverletzlichkeit der Menschenwürde und sein unveräußerliches Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit sind dann theologisch deshalb anzuerkennen, weil Gott den Menschen als sein Ebenbild geschaffen hat und sein unbedingter Liebeswille sogar noch dem Sünder gilt. Da ist keiner –sollten seine Untaten noch so zu Buche schlagen – dem die Anerkennung der Menschenwürde und der daraufhin auch ihm zukommenden Menschenrechte entzogen werden darf.

Die Reformulierung der christlichen Lehre auf der Basis und in der Aufnahme der Menschenrechte ist einer der erstaunlichsten Vorgänge in der neueren Religionsgeschichte. Darauf lässt sich heute aufbauen. Die Affirmation der Menschenrechte, wonach diese Rechte jedem Menschen unveräußerlich zugehören, gilt es offensiv als den heutigen Sinn des christlichen Schöpfungs-und Rechtfertigungsglaubens auszulegen. Dass jeder Menschen das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit seiner Person hat, folgt für Christen daraus, dass sie an Gott den Schöpfer und an Jesus Christus, den Mensch gewordenen Gottessohn glauben, wie dann an den Heiligen Geist, in dem sie die Verbundenheit aller Menschen untereinander leben. Der Mensch gewordene Schöpfergott ist in der Welt nicht anders als im Geist der gegenseitigen Anerkennung der Menschen und ihres je eigenen Rechts auf Leben, Freiheit und Sicherheit gegenwärtig.

Die dritte Frage: Wenn die Menschenrechte tatsächlich eines Tages hoffentlich Geist und Seele der Menschen, auch der Politiker, prägen und bestimmen, fehlt dann nicht aber doch etwas? Fehlt die Wirklichkeit Gottes? Oder wäre gar der wahre Respekt der Menschenrechte schon eine Form des Gottes-Dienstes?

Der Glaube an den Menschen und seine unveräußerlichen Rechte ist wirklich ein Glaube, kein sachhaltiges, verstandesmäßiges Wissen. Ich habe ihn zunächst einen humanitären Glauben genannt, der seine Herkunft im Erschrecken darüber hat, was Menschen einander an Schrecklichem antun können. Dem setzt der humanitäre Glaube dort, wo er zu einem existentiell verbindlichen, moralischen Glauben wird, sein trotziges Dennoch entgegen und die mutige Hoffnung darauf, dass die Menschlichkeit im Umgang der Menschen miteinander sich schließlich durchsetzen wird. An diesem Moment des Kontrafaktischen des humanitären Glaubens tritt zugleich aber auch die spirituelle Dimension in unserer Beziehung zu den Menschenrechten hervor. Denn der Glaube an die Menschlichkeit des Menschen und die ihm unveräußerlich zukommenden Rechte schreibt jedem Menschen eine unbedingte Bedeutung zu. Jeder Mensch wird als einer geglaubt, der nie schon aufgeht in dem, was von ihm vorhanden ist, somit auch nicht in dem, was von ihm sichtbar wird, nicht in seinen Wohltaten und nicht in seinen Untaten, wie bewundernswert oder wie verabscheuungswürdig auch immer sie zu Buche schlagen mögen.

In jedem Menschen ist mehr, ist eine Transzendenz, etwas letztlich Unbegreifliches. Das eben bringt die christliche Rede dadurch zum Ausdruck, dass sie den Menschen ein Kind Gottes nennt, von Gott geschaffenen, in Sünde verstrickt, aber noch in seiner sündhaften Verkehrung von Gott unendlich geliebt. Jeder Mensch ist, in religiöser Sprache ausgedrückt, ein solcher, auf den Gott seine Hand gelegt hat. Unantastbar ist die Würde jedes Menschen für den, der an die Menschlichkeit (Gottes) glaubt. Unveräußerlich sind die Rechte jedes Menschen, sein Recht auf Leben, auf Freiheit, auf persönliche Sicherheit, für den, der seinen Glauben an die Menschlichkeit (Gottes) in der Liebe zu den Menschen lebt.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Humboldt Universität Berlin und Religionsphilosophischer Salon

Willkommen im Religions-Philosophischen Salon Berlin

Der Religionsphilosophische Salon ist – seit 2007 – eine Initiative von Christian Johannes Modehn in Berlin. Ich arbeite seit 1975 als Journalist, Philosoph und Theologe. Kontakt: christian.modehn@berlin.de    Eine Übersicht unserer Themen im Salon von November 2019 bis 2015 finden Sie hier. Die Themen von 2009 bis 2015 werden demnächst dokumentiert.

Im Jahr 2020 starten wir mit einem religionsphilosophischen Salon am Freitag, den 10. Januar 2010, um 19 Uhr, in der Galerie FANTOM, Hektorstr. 9.
Unser Gesprächsthema: Das NEUE: Gibt es noch für uns das Neue? Haben wir die Kraft, das Neue als das Bessere und Gerechte zu leben und durchzusetzen? Unter welchen Bedingungen ist das Alte besser als Neue? Was ist der Sinn von Utopie? Herzliche Einladung mit der Bitte um Anmeldung an: christian.modehn@berlin.de Ein Gesprächsthema, das stark von eigenen Lebens-Erfahrungen geprägt sein kann.Es geht auch um „Lebensweisheit“, die wir miteinander teilen…Das gehört ja immer in einen philosophischen Salon.

Am Freitag, den 22. NOVEMBER 2019 um 19 Uhr fand wieder ein religionsphilosophischer Salon statt, in der Galerie Fantom, Hektorstr.9.
Unser Thema: Was bedeutet „Apokalypse“ und „apokalyptisch“? Der Untertitel war: „Unsinn und Sinn der Apokalypse“, das deutet schon die kritische Haltung zum Thema an. 18 Teilnehmer waren bei einem intensiven, selbstverständlich auch kontroversen Austausch dabei. Einige Hinweise zum Thema, auch als Begrenzung eines fundamentalistischen apokalyptischen Denkens, können Sie hier lesen.

Am Freitag, den 27. September 2019 kamen 20 TeilnehmerInnen zusammen, um über einige aktuelle Aspekte der Theologie Dietrich Bonhoeffers („Widerstand und Ergebung“) zu sprechen. Die TeilnehmerInnen kamen nicht nur aus Berlin, sondern auch aus Den Haag, Hamburg, Leipzig und Hannover. Unser Gespräch galt der Suche nach einer Neuorientierung der Spiritualität und der Suche nach einer vernünftigen (christlichen) Religion.

Am Freitag, den 30. August 2019, fand wieder ein religionsphilosophischer Salon statt.
Unser Gesprächs-Thema: Was bedeutet uns die Idee und das „Ideal“ der MENSCHENWÜRDE? Ist Menschenwürde nur ein fernes Ideal? Oder eine grundlegende, niemals zu vernichtende Bestimmung des Menschen, aller Menschen. Trotz großer Hitze nahmen 14 Personen teil … mit einer sehr lebendigen Diskussion. Zur weiteren Vertiefung ins Thema klicken Sie bitte hier.

Am Gespräch im philosophischen Salon am Freitag, den 14. Juni 2019, um 19 Uhr in der Galerie Fantom Hektorstr 9, beteiligten sich 18 Personen. Unser Thema: Wer oder was ist schon normal? Einen einleitenden Vortrag hielt Stefanie Hubert aus Freiburg. Danke, dass Prof.Dr. Peter Stolz dabei sein konnte! Zur Vertiefung bitte hier klicken.

Unser Thema in unserem religionsphilosophischen Salon am 3.5. 2019 war:“Zur Dialektik von Vertrauen und Misstrauen“. bzw:“Misstrauen. Vom Wert eines Unwertes“. Wir sprechen auch über das neue gleichnamige Buch von Florian Mühlfried, erschienen im Reclam-Verlag. 16 TeilnehmerInnen waren dabei. Siehe dazu den einführenden Beitrag.

Angesichts der Brand-Katastrophe in der Kathedrale Notre Dame de Paris vom 15.4.2019 ist es wichtig, sich über die gegenwärtige soziale, politische und spirituelle Bedeutung der katholischen Kirche in Frankreich heute zu informieren. Ich habe zu dem Thema vieles publiziert. Hier nur Hinweise auf drei Beiträge:
1.Zur Situation der katholischen Kirche dort, die von den meisten Franzosen eher misstrauisch betrachtet wird.
2.Ein längerer Hinweis zur Situation der katholischen Kirche in Frankreich, die längst eine Minderheit geworden ist.
3.Ein Hinweis auf die Spiritualität von Staatspräsident Macron.

Wer im Umfeld von Ostern Interesse hat, die Auferstehung Jesu von Nazareth, philosophisch zu verstehen, dem empfehle ich, diesen Beitrag zu lesen. Ein begründeter Vorschlag, sich von fundamentalistischer Deutung der so bildreichen Auferstehungs-Geschichten der Evangelien zu befreien und glauben zu lernen, ohne dabei auf die eigene, wenn man so will, gott-gegebene VERNUNFT zu verzichten. Ein Beitrag also gegen den immer noch, selbst von Theologieprofessoren verbreiteten Wahn, den christlichen Glauben ins Infantile zu ziehen.

Ist katholische Theologie, an den Universitäten, bald auch an Berlins HU, überhaupt eine freie Wissenschaft? Darüber wird jetzt endlich auch unter katholischen Theologen in Deutschland gesprochen, etwa in „Christ und Welt“ vom 4. April 2019. Ich habe dazu schon früher eine klare Meinung geäußert auf dieser website.

Am Freitag, den 15. März 2019 um 19 Uhr, fand wieder ein religionsphilosophischer Salon statt, in der Galerie FANTOM. Hektorstr. 9. Unser Thema war: Sinn und Unsinn unseres Sprechens vom Geheimnis, auch von dem „Lebensgeheimnis“. Wir sprachen über den zunehmenden Verlust des Privaten und „Intimen“, über die Gefahr der totalen Transparenz (Geheimnislosigkeit) und die zentrale philosophische Frage: Ist Gott,Göttliches, Absolutes nicht wesentlich immer Geheimnis? Ist der ganze christliche Glaube nicht schon darin zusammengefasst, dass man sagt: Gott ist Geheimnis! Unsere Veranstaltung war wieder ein Beitrag zu einer Philosophie der Lebens/Überlebens-Kunst. 10 TeilnehmerInnen waren dabei! Ein intensives Gespräch!

An den Gesprächen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 25.1. 2019 beteiligten sich 13 Personen. Zur ausführlichen Erläuterung unseres aktuellen Themas: Revolution! Welche Revolution? klicken Sie hier.

Am 14. Dezember 2018  sprachen wir über „Unterbrechungen“, „Feste als Unterbrechungen“: Perspektiven zum Weihnachtsfest.  Wir waren an dem Abend 13 TeilnehmerInnen.

Der philosophische Salon am 23. November 2018 hatte als Thema: „Tod-Sterben-Abschied„. Einen einführenden Vortrag hielt Prof. Johan Goud aus Den Haag, Philosoph, Theologe und Pastor der protestantischen Remonstranten- Kirche. Wir näherten uns dem schwierigen Thema mit 21 TeilnehmerInnen. Das Interesse an diesen Fragen, die das Leben im ganzen betreffen, ist groß. Es war ein Salonabend in der typischen, aber immer intendierten „Mischung“ von persönlichem Erleben und grundsärzlicher Reflexion.

Prof. Wilhelm Gräb, durch zahlreiche Interviews auch auf dieser website den LeserInnen bekannt, hat ein neues Buch veröffentlicht, das ich sehr empfehle. Zu dem neuen Buch lesen Sie das Interview, das auf einige Schwerpunke aufmerksam macht.

Das Interview, vom 17.11. 2018, mit Prof. Wilhelm Gräb über „Religion: Gefährlich und unentbehrlich“ lesen Sie hier.

Was ist ein Salon? Ein philosophischer Salon? Über „die Definition“ kann man verschiedener Meinung sein. Es ist eine positive Entwicklung, wenn in unserer Kultur Alternativen geboten werden zu Akademie-Veranstaltungen mit 5 Referaten von gut honorierten Professoren an einem Tag. Die (wieder-) vorgelesenen Texte sollte besser jeder allein oder in kleiner Gruppe lesen. Die Kirchen zum Beispiel haben dies nicht erkannt: Wichtiger als große repräsentative und allmählich im Unterhalt viel zu teure Akademien wären etwa in einer Stadt wie Berlin 20 kleine Salons: Zwei, drei Räume, wie eine Galerie, vielleicht eine kleine Bibliothek, eine Teestube, und ein gemütlicher Raum zum Debattieren. Eine Art philosophischer und spiritueller Treffpunkt…

Einig ist man sich, dass sich heute sehr vieles und sehr Unterschiedliches „Salon“ nennt. Das ist ja auch gut so. Nur: Etliche Initiativen sind tatsächlich nur Varianten von Akademieveranstaltungen mit „berühmten“ Referenten. Die Teilnehmer, oft dann mehr als 40, hören (fast nur) zu, stellen zum Schluss des Referates ein paar Fragen. Dies ist keine Salonatmosphäre, in der möglichst alle zu Wort kommen.

Ich meine: Ein philosophischer Salon ist die freundschaftliche Versammlung von bis zu 20 Menschen in einem angenehm gestalteten Raum, etwa einer Galerie, warum nicht auch in einer großen Wohnung. Aber es gibt keine langatmigen Referate, nur selten kommen „berühmte“ Referenten. Diese aber sprechen dann nicht länger als eine halbe Stunde. Ein Salon: Das ein kontroverser Meinungsaustausch in überschaubarer, freundlicher Atmosphäre.

Ich gestalte seit 2007 ohne jegliche finanzielle Unterstützung „ehrenamtlich“ monatlich einen religions-philosophischen Salon. Es werden selbstverständlich keine Gebühren verlangt, nur die Raummiete sollte durch Spenden garantiert sein, das sind nicht mehr als 50 Euro.

Salons sind nie etwas „Offizielles“, sie sind trotzig anders, demokratisch, ohne Hierarchien; Orte, wo auch viele störende Fragen, auch zu den Religionen und Philosophien gestellt werden können und sollten.

Am religionsphilosophischen Salon (Freitag, den 28. September 2018) in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, nahmen 14 Interessierte teil. Unser Thema: Der Glaube an den “einen” Gott und die Gewalt. Klicken Sie hier.

An unserem Salon – Gespräch am 24.8. 2018 beteiligten sich 14 Personen. Unser Thema: „Die Weisheit der Bibel: Das Buch Kohelet“. Eine Debatte über religiöse, biblische „Sophia“. Einige Hinweise zum Thema finden Sie hier.

Unser Ausflug am Freitag, den 10. August 2018, bei sehr angenehmem Wetter, führte uns nach Erker: Gespräche und Besichtigungen im Gerhart Hauptmann Museum; auch die spirituellen Interessen Hauptmanns und seine Kirchenkritik kamen zur Sprache. Dann Spaziergang nach Woltersdorfer Schleuse (einst eine berühmte Filmstadt) und dann weiter nach Friedrichshagen in das Museum des „Friedrichshagener Dichterkreises“ innerhalb des Antiquariats von Katrin Brandel (Schwarnweberstr. 59). Für viele TeilnehmeInnen war es überraschend, wie unterschiedliche Autoren und Dichter innerhalb der wenigen Jahre ihres Miteinanders doch die politischen und kulturellen Debatten rund um Berlin mit – bestimmen konnten. Es ist zudem erstaunlich zu sehen, mit welcher Energie ein kleiner Studienkreis heute viele Details der „Friedrichshagener Dichter“ ausleuchtet und publiziert! Am (nun schon sechsten) Sommer-Ausflug unseres philosophischen Salons beteiligten sich 8 Personen. Diese Ausflüge sind Versuche, etwas mehr den Zusammenhalt, wenn nicht gar das freundschaftliche Miteinander unter den TeilnehmerInnen unserer Gespräche im Salon zu fördern. Denn ein philosophischer Salon ist kein Ort für den üblich gewordenen Konsum von Kultur.

Im Salon am 20. JULI 2018 beteiligten sich 13 TeilnehmerInnen: Wir ließen uns von einigen zentralen Erkenntnissen des Philosophen Jürgen Habermas inspirieren, etwa von seinem Plädoyer für ein Miteinander von Glaubenden und Nichtglaubenden in der säkularen Gesellschaft und seinen Hinweisen für die Voraussetzungen der Kommunikationszusammenhänge. Vielleicht ist es für viele höchste Zeit, das Denken von Habermas kennenzulernen… Und dies angesichts des aktuellen Zerfalls der Demokratien, befördert auch durch gewählte Politiker, wie Mister Trump in den USA, um von den nicht mehr demokratischen Herrschern und Politikern in Ungarn, Polen, Österreich usw. gar nicht zu sprechen…und bald auch in Deutschland, wenn sich die so genannten „Christlichen“ Politiker weiterhin der AFD Ideologie annähern und diese übernehmen, einzig mit dem verrückten Ziel, dadurch als „C“ Politiker den Job zu behalten und erfolgreich zu sein…

In unserem Salon am 22.6. 2018 diskutierten 20 TeilnehmerInnen über den „alltäglichen Rassismus“. Einige Hinweise können Sie hier lesen.

Am Freitag, den 11. Mai 2018, hatten wir einen besonderen Salonabend: Acht junge Niederländer, Mitglieder der protestantischen Kirche der Remonstranten, waren bei uns. Insgesamt 22 TeilnehmerInnen diskutierten, welche Möglichkeiten es gibt, EUROPA für uns selbst neu zu beleben angesichts des aggressiven Nationalismus. Vor allem: Kann Religion, Spiritualität, dabei hilfreich und kritisch sein? Siehe dazu einen Beitrag: Kirchen werden zu Friedenskirchen.

Der religionsphilosophische Salon am Freitag, den 23. März 2018 um 19 Uhr in der Galerie Fantom, Hektorstr. 9, hatte das Thema: „Was gibt mir /uns Halt im Leben ?“ Hier finden Sie Hinweise zum Thema. 17 TeilnehmerInnen beteiligten sich am Gespräch.

Der religionsphilosophische Salon am Freitag, den 23. Februar 2018, hatte das Thema: „Gibt es Fortschritt in meinem Leben und in der Welt/Gesellschaft?“, an dem Gespräch beteiligten sich 18 Personen: Einige Hinweise zur Diskussion

Der Salon am Freitag, den 26. Januar 2018 war mit 21 Teilnehmern gut besucht. Für eine kontroverse Diskussion sorgte vor allem der Philosoph Wolfgang Ullrich, Leipzig; wir sprachen mit ihm über sein neuestes Buch „Wahre Meisterwerte“ (Wagenbach Verlag). Hinweise zu dem wichtigen Buch folgen.

Zu unserem Salon – Gespräch am 15. Dezember 2017 kamen 15 TeilnehmerInnen zusammen. Wir sprachen über: „Meine Philosophie der Sehnsucht“. Ein ungewöhnliches philosophisches Thema, aber vielleicht passend für die Weihnachts/Advents-Zeit. Zur Vertiefung und Kritik bitte hier weiter lesen.

Am religionsphilosophischen Salon am Freitag, den 24. November 2017, beteiligten sich 19 Personen. Das Thema interessiert also durchaus: „Alles nichtig, alles eitel“: Das Vanitas Motiv in Kunst und Philosophie. Auch mit einem Beitrag zur Vanitas – Kunst von Gerd Otto. Interessant ist sicher eine Übersicht unserer Themen im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon bis Mai 2014.

Für alle, die mit den unterschiedlichen Traditionen der Theologie nicht so vertraut sind: Wenn hier von „liberaler Theologie“ oft die Rede ist, dann hat dieser Begriff nichts mit der FDP, schon gar nichts mit der FPÖ oder dem „Neoliberalismus“ zu tun…

Wir empfehlen sehr zur Lektüre und Diskussion das neue Interview mit Prof. Wilhelm Gräb, in dem er die wesentlichen Impulse der liberalen Theologie aufzeigt, einer theologischen Denk – und Lebenshaltung, der nicht die Dogmen, sondern die vielfältige religiöse Erfahrung der einzelnen wichtig und fördernswert sind. Lesen Sie den Beitrag von Wilhelm Gräb.

Die Buchmesse in Frankfurt am Main 2017 ist vorbei, das Interesse an Frankreich bleibt für uns selbstverständlich. Auch das Interesse an den Religionen in Frankreich. Lesen Sie also diese Hinweise.

Wir beziehen uns mit unserer philosophischen Initiative auf eine Tradition: Ein Salon war im 18. Jahrhundert vor allem in Frankreich ein Ort, in dem eine neue, eine gerechtere „Welt“ besprochen wurde. Ohne diese gedankliche Vorwegnahme einer anderen Lebensmöglichkeit hätte es keine politischen und religiösen Veränderungen gegeben. In dieser Tradition weiterzudenken ist für uns wichtig.

Die „philosophische Gemeinschaft“ als Suche nach der Wahrheit und dem ethisch guten Leben ist sicher von Sokrates vorbildlich gelebt worden: Die ursprünglichen Lebensformen waren damals zerbrochen, Sokrates „suchte in der Gemeinschaft der Philosophierenden aus dem Logos das lebenswerte Leben zu gewinnen“, wie Helmut Kuhn in seinem Sokrates – Buch schreibt. Eine Erinnerung, fern, in dieser Form schon gar nicht nachzuahmen. Es bleibt aber für uns die zentrale Aufgabe philosophischer Gesprächskreise damals wie heute: „Die Sorge um die Seele findet (für Sokrates) in der Gemeinschaft der miteinander Sprechenden statt. Erst in einer bestimmten Art von Gespräch lernen die Menschen ihre Seele als das Prinzip der freien Lebensgestaltung kennen“, schreibt der Philosoph Michael Hampe in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Die Lehren der Philosophie“, 2014, Seite 93). Die Prüfung der Seele ist die Frage nach dem, was Menschen letztlich leben lässt. Diese Frage, gemeinsam erörtert, stört den „Kulturbetrieb“ und die Routine der Religionen und Kirchen. Auf die wichtigen Beiträge Pierre Hadots zu den philosophischen Schulen in Griechenland und Rom habe ich auf dieser website hingewiesen, ebenso interessant ist die Frage, in wieweit die Kirchen als philosophische Schulen verstanden werden sollten. Über die Gastfreundschaft, die der Apostel Paulus bei einem so genannten heidnischen Philosophen, bei Tyrannus von Ephesus, Jahre lange fand, weil Paulus aus der Synagoge vertrieben wurde, siehe meinen Beitrag. Über die Bedeutung der SALONS – vor 300 Jahren „gegründet“ – hat kürzlich Dorothee Nolte vom Tagesspiegel einen recht interessanten, allgemeinen Beitrag geschrieben, zur Lektüre dieses Beitrags vom 22. 11. 2015 im Tagesspiegel klicken Sie hier.

Wir leben immer schon kritisch – nachdenkend, philosophierend. Insofern gilt: Jeder und jede ist „immer schon“ PhilosophIN. Wir wollen, um weiterzudenken und besser zu leben, die „Anstrengung des Begriffs“ (Hegel) nicht scheuen. Wir vermuten, dass sich im Denken und reflektierten Fühlen „immer schon“ Spuren des Göttlichen, Transzendenten, „Umgreifenden“ zeigen. Diesen Spuren kritisch nachzugehen ist unsere Aufgabe, immer im Zusammenhang auch mit der Kritik an den Religionen als Institutionen. Wenn wir selbstverständlich für die Geltung der Vernunft plädieren, dann ist immer die sich selbst reflektierende Vernunft gemeint, also die „auf vernünftige Weise lebendige Vernunft“. „Die Vernunft muss ein vernünftiges Verhältnis zu sich selbst herstellen“, wie der Philosoph Robert Pfaller schreibt.m

Wir sind, seit der Gründung im Frühjahr 2007, eine kulturelle, speziell philosophische Basisinitiative, ohne jegliche finanzielle Unterstützung von irgendeiner Seite. Wir sind unabhängig.

Das Thema Religion und Religionen, auch philosophisch-kritisch zu bearbeiten, ist heute von größter (auch politischer) Aktualität. Um so mehr wissen es viele Menschen zu schätzen, dass es unsere Initiative gibt, in der Offenheit und Respekt vor dem Suchen, Fragen und Projekten eines jeden selbstverständlich sind. Die großen christlichen Konfessionen bieten vielfach auch heute nur Dogmen und Lehren an, die man übernehmen muss. Ein religionsphilosophischer Salon respektiert das dauernde Suchen nach dem eigenen Weg. Falsche Sicherheiten werden nicht vorgegaukelt. Es sollte möglich sein, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie als „meine persönliche Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie“ zu leben, zumal angesichts der Krisen und Ermüdungserscheinungen der alten Konfessionen.

Insofern ist der Religionsphilosophische Salon ein Ort des gemeinsamen Fragens und Suchens. Das heißt nicht, dass es nicht auch philosophische Evidenzen gibt, also gültige Einsichten der allgemeinen, also allen gemeinsamen Vernunft.

Gründer und Initiator des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ ist Christian Modehn. 1948 in Berlin-Friedrichshagen geboren, habe ich nach dem Abitur in West-Berlin Theologie (Staatsexamen über Heidegger) und Philosophie (M.A. über Hegel) studiert: In Berlin (F.U.), St. Augustin, Bonn und München. Ich arbeite seit vielen Jahren, immer als freier Journalist über die Themen Religionen, Kirchen und Philosophien, für Fernseh- und Radiosender der ARD, sowie für die Zeitschrift PUBLIK – FORUM. Zu einigen meiner Hörfunksendungen und Fernsehdokumentationen klicken Sie bitte hier.

Philosophieren ist nicht auf den europäischen Raum begrenzt. Philosophie muss heute interkulturelle Philosophie werden. Wir laden ausdrücklich junge PhilosophInnen ein, sich an unseren Debatten zu beteiligen. Unser Interesse gilt vor allem den Entwicklungen in Lateinamerika, auch der Befreiungstheologie und Befreiungsphilosophie.