Die AFD – ihre Widersprüche, ihr Zorn. Ein philosophischer Hinweis.

Zugleich eine begründete Meinungsäußerung von Christian Modehn

Philosophisch gesehen ist es evident: Wer sich selbst in seinen verbalen Äußerungen (sie sind bekanntlich immer Ausdruck des eigenen Denkens) widerspricht und die allgemeinen, für alle geltenden Gesetzen der Logik ignoriert, der lebt nicht-konsistent, der zeigt sich zerrissen, doppelbödig, widersprüchlich. Deswegen sollten solche Leute eigentlich ihre nicht-konsistenten Äußerungen korrigieren; es sei denn, sie wollen esoterische Weisheiten verbreiten, die nur Eingeweihten zugänglich sind. Damit gehören sie zu einer kommunikativ „abgekoppelten“ Sekte.

1. Sprechen, falls logisch, ist der Allgemeinheit verpflichtet

Leute, die in politischen Debatten bewusst logische Inkonsistenz zeigen und praktizieren, sind im sonstigen Leben  zumeist – notgedrungen von der Lebenspraxis – doch logisch konsistent. Sie benutzen wie alle anderen technische Geräte, verwenden im Alltag die allgemeinen üblichen Begriffe, um sich bei anderen verständlich zu machen. Aber sie schützen ihre politische Haltung vor der Logik, werfen Nebel um sich, bleiben bewusst unpräzise, wecken Ahnungen, wenig Einsicht. Logik hat immer mit Allgemeinheit zu tun.

2. Gilt die These: AFD gehört nicht zu Deutschland, aber AFD-Wähler durchaus“?

Die Führer der AFD behaupten als zentrale These, die so einfach klingt und deswegen so viel Wirkung erzielt in Kreisen, die gerne ohne lange nachzudenken autoritären Sprüchen folgen: Diese AFD Kernthese also heißt: „DER Islam gehört nicht zu Deutschland. Aber damit (so wird beschwichtigend gleich hinzugefügt, CM) ist nichts gegen einzelne Muslime gesagt“. Diese Aussage darf man nicht schnell übergehen wie es viele Journalisten tun, sondern eben auf seine Konsistenz prüfen: Gemeint ist nämlich: Die einzelnen Muslime dürfen bei einer Zurückdrängung und dann wohl auch bei einem Verbot DES Islam durchaus hier weiterleben. Sie dürfen wohl privat ihren Koran lesen und nicht nach außen hin erkennbaren Moscheen auch beten.
Diese These ist irrig und falsch: Der einzelne religiöse Mensch, eben auch ein Muslim, kann ohne den institutionellen Rahmen seine Religion, also ohne Gemeinde, ohne Lehrer, ohne Pfarrer wie auch immer, nicht als solcher leben. Auch der einzelne fromme Muslime, den die AFD ja freundlicher nicht vertreiben, sondern leben lassen will, braucht logischerweise die islamische Institution. Er braucht, wenn man den von der AFD verwendeten pauschalen Ausdruck verwendet, DEN Islam.

Zur weiteren Klärung des Problems: Die AFD Führer sollten sich mit dem Satz als „Gedankenspiel !“  auseinandersetzen, der der gleichen (un)logischen Struktur folgt: Der Satz heißt: „Die Partei AFD passt nicht zu Deutschland. Hingegen kann das einzelne AFD Mitglied und der einzelne AFD Sympathisant durchaus in Deutschland leben“.  Kann man AFD-Mitglied sein, ohne Bindung an die AFD-Führer, ohne Verbindung zur AFD Institution? Eher wohl nicht.

3. Ohne Islam gäbe es kein Europa, ebenso ohne Judentum und ohne Humanismus gäbe es kein Europa.

Zur üblichen und schon floskelhaften Beschwörung „des“ christlichen Abendlandes durch die AFD Führer: Da wird das christliche Abendland nur als polemischer Gegen-Begriff zum verhassten Islam verwendet. Diese Ideologie des gepriesenen „Abendlandes“ beruht auf historischer Unkenntnis: Wesentliche Erkenntnisse verdanken die Abendländer der intellektuellen Leistung des Islam, etwa in der Zeit von al andalus. Die Philosophie des Aristoteles (kaum zu überschätzen für die Entwicklung des modernen Europa) oder die Grundlagen der Medizin usw. verdanken „wir“ „dem“ Islam. Und das Abendland war also nie „nur“ christlich, sondern verdankt den muslimischen Gelehrten viel, und das Abendland ist auch noch humanistisch, seit der Renaissance. Und es ist jüdisch geprägt, die Zehn Gebote sind bekanntlich jüdischen Ursprungs, die Prophetische Rede von Gerechtigkeit und Gleichheit aller Menschen ist jüdisch. Europa ist auch jüdisch. Diese zweifelsfreie Erkenntnis wird von AFD Leuten und deren Führern nicht genannt. Und Journalisten sollten in ihren Interviews – zwischen den Zeilen – auf das hören, was von AFD nicht gesagt wird. Und wer „das Christentum“ authentisch verstehen will, weiß, dass die Liebe zum Fremden zum KERN des Christentums gehört. Wer sich zum christlichen Abndland bekennt, bekennt sich automatisch zur Liebe gegenüber den Fremden und Flüchtlingen. Wenn die AFD dieses authentische Christentum nicht mag, und vieles spricht dafür, dass sie es nicht mag, dann sollte sie wie Herr Gauland (AFD) ehrlich sein und sagen: „Wir von der AFD sind nicht christlich, sondern heidnisch“

Nebenbei: Zwar utopisch, aber möglich: Es könnte ja sein, dass eines Tages AFD Leute auch irgendwo als Fremde im Ausland auftauchen und um Asyl bitten: Was machen sie dann, wenn sie im Zufluchtsland hören: „Die AFD passt nicht in unser Land“.

Immanuel Kant hat, immer logisch völlig überzeugend, empfohlen zur Überprüfung der eigenen ethischen Haltung sich selbst zu fragen: „Ist meine Maxime („Der Islam gehört nicht zu Deutschland“) als Gesetz für alle möglich?“ Kant hätte diese genannte Maxime als Unsinn und Irrsinn zurückgewiesen.

Also noch einmal: Die Führer der AFD haben vom Christentum keine Ahnung, sie bedienen sich des „Christlichen Abendlandes“ nur, um ihre ANTI-Islam-Haltung polemisch und dem Scheine nach ein bisschen hübsch- freundlich und fromm zu kaschieren. Es gibt keine Wertschätzung des christlichen Abendlandes bei den AFD Führern. Das ist ideologische Propaganda. Frau von Storch hätte – als explizite Pro-Life-Verteidigerin – am liebsten auf Frauen und Kinder an der Grenze geschossen (wurde später von ihr irgendwie revidiert und wie immer von der „Lügen-Presse falsch verstanden).

Politische Gegner werden Feinde, und in der AFD selbstverständlich – so lange „man“ noch nicht an der Macht ist – bloß bedrängt usw. In der FPÖ hingegen wurde nach dem knappen Wahlsieg des Demokraten Alexander van der Bellen gesagt: „Na wartet ab, wenn wir FPÖ Leute erst mal die Macht haben, dann, ja dann…“  wird’s keine Demokratie mehr geben, möchte man sinngemäß fortsetzen. Der AFD Philosoph Marc Jongen hat in einem Interview mit der „ZEIT“ (vom 25. Mai 2016, Seite 42 im Feuilleton, nicht in der ZEIT Rubrik Politik, auch seltsam …) frei und offen das demokratische System –etwa Österreichs – MORSCH genannt. In Österreich habe man noch alle Ressourcen gegen die FPÖ zusammengekratzt, „bevor es (das System) um so eindrucksvoller (eben morsch) einstürzen wird“. Zu der Aussage vom Zusammenbruch des angeblich morschen demokratischen Systems wird von den Journalisten nicht weitergefragt….Später wird AFD Jongen noch in der ZEIT sagen, dass aufgrund eines deutschen Passes niemand automatisch Deutscher sein sollte. Wie denn sonst? Offenbar ist in der Sicht des AFD Jongen ein Deutscher nur, wer sein deutsches „reines Blut“ nachweisen kann. Das führt gedanklich in die Nähe von 1933 usw ist meine Meiungsäußerung. Und wenn die demokratische Legislative der Bundesrepublik das Gesetz verabschiedet hat, dass mit dem deutschen Pass jemand Deutscher ist, dann ist an diesem Rechtsverhältnis NICHTS zu deuteln. Genau diese demokratische Überzeugung aber will die AFD aushebeln.

4. Das diffuse Plädoyer für den Zorn. Zugleich ein Hinweis zum Thema Sloterdijk und die AFD

Ein neuer, klug klingender Begriff taucht unter AFD Führern oft auf, der Begriff „Thymos“, der gern von der AFD-Philosophen mit „Zorn“ übersetzt wird. Dabei ist diese enge Bedeutung eher selten, Thymos heißt eigentlich im Alt-Griechischen Gemüt und Lebenskraft, nur selten Leidenschaft und Zorn.

Aber seit dem Buch „Zorn und Zeit“ mit dem Untertitel „Politisch-psychologischer Versuch“ (erschienen bei Suhrkamp, 2006) wird viel von Thymos und der wichtigen Rolle des Zorns im „(deutschen) Volk“ schwadroniert, auch in den Kreisen der intellektuell noch etwas interessierten AFD Führung. Sloterdijk ist in seinen Thymos-Reflexionen von 2006 von Francis Fukuyama angeregt worden, der schon 1989 (!) den Begriff einführte in seinem Buch „Das Ende der Geschichte“. Marc Jongen, der AFD-Philosoph, zeigt in dem ZEIT Interview vom 25. Mai 2016 Verständnis für die rebellische Form des Thymos : „Wenn die Regierung den Bürgern von oben etwas aufdrückt, dann kommen notwendigerweise rebellische Energien noch“. Und es ist im Zusammenhang klar, dass er mit den „rebellischen Reaktionen“ die AFD Aktionen und wohl auch Pegida Attacken meint. Denn er fährt fort: “Wäre es denn wünschenswert, wenn es gar keine Abwehrreaktionen gäbe?“ Da wird wieder nicht nachgefragt: Denn mit dem eher noch ein bisschen freundlichen Wort „Abwehrreaktionen“ sind wohl auch Attacken gegen Flüchtlingsheime und Drohungen gegen demokratisch gewühlte Politiker gemeint. Dabei wird von Jongen indirekt behauptet: Nur die AFD (bzw. wohl auch Pegida) gestalten die richtigen Abwehrattacken gegen die Demokratie, die „von oben etwas aufdrückt“, so Jongen. Demokratie wird in diesen undemokratischen Kreisen bereits als etwas erlebt, das „von oben aufdrückt“…

Die in der AFD verhassten Linksradikalen („sie reißen alle Grenzen ein“, so wörtlich Jongen) gelten in der AFD als „verirrte Abkömmlinge des Christentums“, sie sind die eigentlichen Übeltäter. Warum? Weil sie das deutsche Volk und die deutsche Nation in ihren Grenzen nicht mehr lieben. Volk und Nation werden wieder zum Maßstab von anständig und unanständig. Man erinnere sich bitte …

Jongen ist zwar im ZEIT Interview ein bisschen sauer, dass Sloterdijk offenbar die AFD kritisiert. Der Sloterdijk Assistent, wohl ein intimer Kenner seines einstigen Meisters, meint dann aber doch glücklich: „Mein Eindruck ist, dass seine, Sloterdijks, Äußerungen zur Flüchtlingskrise so fern zu dem nicht stehen, was ich sage und was auch die Position der AFD ist. Und das ist letztlich wichtiger und auch wirksamer (!) als seine oder meine persönlichen Befindlichkeiten“. Mir ist nicht bekannt, dass Sloterdijk sich gegen diese Einbeziehung seines Denkens zur Flüchtlingsfrage in die AFD Ideologie öffentlich gewehrt hat.

Auf diese aktuelle Bedeutung des Sloterdijkschen Thymos-Begriffs weist jetzt Ijoma Mangold in DIE ZEIT vom 2. Juni 2016, Seite 37, hin. Der ZEIT-Journalist zeigt in seinem sehr lesenswerten Artikel, dass AFD und Pegida gern vom „Ausnahmezustand“ sprechen, als dem Moment, wo die geltenden Gesetze der Demokratie eben nicht mehr gelten und eben besonders Berufene, eben die AFD etc., in tiefster Not zur Rettung des Volkes die Macht ergreifen. Mangold schreibt: „Sie (die AFD Leute) sprechen gern vom Ausnahmezustand, denn der beendet qua Gewalt die (angeblichen, in der AFD Sicht) bloß künstlich-abstrakten Rechtsverhältnisse. Der Ausnahmezustand, der Ausbruch des Volkszorns (also Thymos, siehe Sloterdijk), ist der feuchte Traum aller Rechten. Der Vordenker der neuen Rechten, Götz Kubitschek, spricht vom Ernstfall. Marc Jongen, Solderdijks Assistent bis vor kurzem, bezeichnet das mit dem griechischen Begriff Thymos und fügt hinzu, dass es sich dabei hoffentlich um einen gerechten Zorn handelt“. (Vielleicht irrt diese AFD/Pegida-Masse auch in ihrer Wut, rechnen damit AFD Führer?

Man sieht, wie dieser schwammige und diffuse Thymos Begriff und diese Thymos, also Wut Ideologie, durch Sloterdijk 2006 verbreitet, Wirkungen im rechtslastigen Lager hat. Auch Martin Lichtmesz, ein rechter Ideologe, sprach nach der Wahl des Bundespräsidenten in Österreich im Mai 2016 diese verschwommen-drohenden Worte: „Ein Freund meinte, sein Thymos Spiegel wäre gerade am Platzen“ (Heißt das, er wäre bereit, seinen Zorn öffentlich auszutoben?) “Der Rekurs auf den Volkszorn ist immer eine verhohlene Gewaltanwendung. Wenn dem Volk erst mal der Geduldsfaden reißt, dann schützen euch eure Schein-Wahlergebnisse auch nicht mehr“: Mit diesen Worten fasst Ijoma Mangold die Thesen der Thymos-Besessenen neu rechten Ideologen zusammen.

5. Nietzsche wieder einmal der Meisterdenker ganz rechts

Es wäre wichtig, erneut auf das allen rechtslastigen und populistischen Zorn stimulierende Buch „Zorn und Zeit“ von Sloterdijk näher einzugehen. Schon dieser Titel hat ja für Philosophen einen gewaltigen Anspruch, er erinnert an Martin Heideggers grundlegendes Werk „Sein und Zeit“ (1927). Heidegger wollte den Sinn von Sein aus der Zeit verstehen. Sloterdijk will jedenfalls hohe Ansprüche wecken und möchte wohl unsere Zeit im Horizont des Zorns neu lesen oder, wer weiß das schon genau bei der Unschärfe der Formulierungen, den Sinn von Zorn aus unserer Zeit verständlich machen… Sloterdijk lobt den Thymos im Blick auf die frühe griechische Mythologie: Homers Thymos-Lehre wird freundlich zugestimmt, von den mythischen Helden ist die Rede, die zum Hüter des Zorns auserkoren sind. Und Heidegger wird fiktiv in das Thymos-Geschehen eingereiht: Sloterdijk legt dem Meister aus Messkirch die vielleicht sogar treffenden thymotischen Worte in den Mund: “Auch kämpfen heißt danken“ (S. 24). Nebenbei: Heidegger konnte (dem Sein) danken, dass er nur am Schreibtisch „kämpfen“ musste in seinem antisemitischen Wahn ab 1933… Aber man könnte den Satz auch allgemeiner verstehen: Der thymotische Mensch kämpft also für seine Sache und ist dankbar, dass er kämpfen, also auch töten und ausmerzen kann. Für Sloterdijk hat die platonische Philosophie (leider) „die Austreibung des großen (!) Zorns aus der Kultur“ begonnen… O ihr Helden des Homer, möchte man weiter fantasieren, was wart ihr doch für thymotische Kämpfer. Ihr hattet wenigstens noch den „Mannesmut“ (so Sloterdijk, S. 26) und wart nicht in die furchtbaren (menschlichen) „demuts-trunkenen Subkulturen“ versackt, „in denen schöne Seelen sich (in der Demokratie, CM) gegenseitig (bloß) Friedensgrüße schicken“(so Sloterdijk, S. 31). O ihr thmyotischen und mythischen Kämpfer, möchte man im Sinne Slotderdijks weiter schwadronieren, ihr hieltet – den Göttern sei Dank – nichts von Frieden und Friedensgrüßen….Kein Wunder also, wenn Sloterdijk explizit den Egoismus lobt als „die beste der menschlichen Möglichkeiten“. (Seite 31).

Und dann kommt die zentrale Aussage. Sie zeigt Sloterdijks meist in der Schwebe belassene, oft aber auch offene Vorliebe für Nietzsches radikales „Reformatorentum“, wie er sagt. Dieses bedeutet für Sloterdijk: Nietzsche vollbringt eine wertvolle Leistung, er schafft neue, eben „nicht-metaphysische, nicht-christliche moralische Gesetze“ (so Sloterdijk in seine Buch „Philosophische Temperamenten, 2009, Seite 116f.). Sloterdijk schreibt in „Zorn und Zeit“: „Erst Nietzsche hat in dieser Frage wieder für klare Verhältnisse gesorgt“. Das heißt im Sinne des Übermenschen, wie es Nietzsche in seinen sehr späten Werken lehrte, etwa im „Antichrist“ (verfasst 1888) heißt es gleich am Anfang: „Die Schwachen und Missratnen sollen zugrunde gehen: Erster Satz unserer Menschenliebe. Und man soll ihnen (den Schwachen und Missratnen) noch dazu helfen, zugrunde zugehen. Was ist schädlicher als irgendein Laster? Das Mitleiden der Tat mit allen Mißratnen und Schwachen – das Christentum…“

Aber solche unmittelbaren Nietzsche-Zitate erspart sich Sloterdijk in seinem Plädoyer für den Egoismus „als der besten Möglichkeit“. Er lässt mit großen Worten und großer Geste vieles schön schwammig und ahnungsvoll offen. Marc Jongen etwa, der AFD Philosoph, versteht seinen Meister in Karlsruhe. Jongen sagt: „Es wäre abwegig zu meinen, der Zorn (Thymos) haben seine besten Zeiten bereits hinter sich“. Also:Der Zorn gegen das angebliche „morsche demokratische System“ wird bald stärker werden.

Sind Demokraten nun noch mehr gewarnt? Oder versuchen demokratische Politiker jetzt, bloß um zu verhindern, dass die AFD die Mehrheit erlangt, die AFD ihrerseits zu imitieren und Forderungen der AFD zu übernehmen? Man hat stark diesen Eindruck in der Flüchtlingspolitik jetzt, Juni 2016. Offenbar fehlt den Politikern und den Bürgern der demokratische Thymos. Und es fehlt das Bewusstsein, dass Politik eben auch etwas mit Moral und Menschenrechten zu hat.

6.Nietzsche -ein philosophisch-politischer Schwerpunkt ab sofort 

Die bisherigen Hinweise machen deutlich: Die so freundliche, so wohlwollende Rezeption zentraler Behauptungen des Spätwerkes Nietzsches zur neuen In(Un)-Humanität durch die neue Rechte, auch durch die AFD, angefeuert durch die eher undeutlichen Aussagen Sloterdijks zu Nietzsche, muss weiter bearbeitet werden. Nietzsche ist „am Kommen“, das ist keine Frage. Er ist ohnehin schon der Meisterdenken der Nouvelle Droite, die es bekanntlich seit 1970 in Frankreich gibt; es ist Nietzsche, den die extreme Rechte in ihre eigene Weltanschauung als Chefdenker eingliedert.

Dabei darf es nicht bleibe: Als erste Einführung zur kritischen Nietzsche Lektüre empfehle ich in dem Buch von Vittorio Hösle „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“ (C.H.Beck Verlag, München, 2013), das Nietzsche Kapitel mit dem Titel „Die Revolte gegen die universalistische Moral“ (Seite 185-207). Nietzsche und mit ihm seine Freunde und Deuter heute in der AFD und anderswo, so die Erkenntnis, wehren sich gegen die universalistische Moral, also gegen die allgemeinen und für alle (auch für Flüchtlinge) geltenden Menschenrechten. Es wird ein Regime etabliert von wertvollen und weniger wertvollen Menschen, die Ideologie der Herrenmenschen.

7.Wer wird die universalen Menschenrechte verteidigen?

Es geht also heute an erster Stelle für alle Demokraten darum, dass nicht noch die Geltung der Menschenrechte ertrinkt, untergeht und verschwindet. Dies zu debattieren hat absoluten Vorrang, auch in den Kirchen. Aber wie kann eine multinationale Organisation, wie die römische Kirche, im Ernst die Menschenrechte verteidigen, wenn sie in sich selbst, in ihrer eigenen Struktur, die Menschenrechte und damit die Demokratie nicht realisieren will (weil Gott es nicht will, wie es im Vatikan fundamentalistisch heißt..). Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat der Vatikan bekanntlich NICHT unterzeichnet. Alle netten, menschenfreundlichen Aktionen von Papst Franziskus sollten auch in diesem Licht gesehen werden.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon.
Dieser Beitrag ist eine begründete Meinungsäußerung.

Was ist das Wesen des Islams? Neue Aspekte einer Diskussion

Was ist das Wesen des Islam? Neue Aspekte einer Diskussion

Von Christian Modehn

Ende Dezember 2014 haben wir eingeladen, über das „Wesen des Islam“ nachzudenken. Weiter unten steht der Text, der damals publiziert wurde.

Anfang März 2015 haben wir eher behutsam-optimistische Hinweise veröffentlicht zur Rolle der Vernunft im heutigen Islam, wenigstens in Deutschland, siehe die Stellungnahmen von Abdel-Hakim Ourghi weiter unten.

Am 8.3. 2015 noch einmal erweitert: Ein Hinweis auf den absoluten Nihilismus auch kultureller Art bei denen, die sich Islamischer Staat (IS) nennen (aber mit einem authentischen Islam nichts zu haben) und ihr Imperium offenbar immer mehr erweitern: Nun hat der IS wichtigste kulturelle Schätze in Mossul und Nimrud zerstört, in einem religiös gefärbten Wahn, in einer nihilistischen Tat, die alle Zeugnisse kulturellen Leben VOR dem Auftreten des Islam nicht sichtbar gepflegt lassen und erhalten will. Heidnisches, Fremdes, für IS Mörder schwer Verständliches darf nicht existieren! Dabei spielen sicher auch ökonomische Interessen des IS eine Rolle, durch Verkauf wertvoller Objekte in den Westen…

Wenn nun der IS diese Regionen durch Zerstörung „säubert“, will er Raum schaffen für die in IS Sicht „pure“ islamische Welt, wie sie in Medina im Umfeld des Propheten existierte. Darum weist die nihilistische Zerstörungswut in Mossul und Nimrud auf noch viel Tieferes hin: Die IS Gebiete sollen auch von allen Zeichen, aller Lebendigkeit jüdischer und christlicher Kulturen, befreit werden. Befreiung stets verstanden als Zerstörung der Kultur und als Mord und Totschlag. Es spielt dabei auch der Hass der monotheistischen IS Muslime eine Rolle, der Hass auf die beiden anderen monotheistischen Religionen, auf Judentum und Christentum, also auf die Bibel in der Form des AT und NT. Bekanntlich hätte es keinen Koran geben können, ohne die Bibel, ohne die beiden Religionen Judentum und Christentum. Indem der IS diese Wurzeln des eigenen Glaubens vernichtet, zerstört er letzlich auch sich selbst. Es ist der Wahn, der da beim IS durchschlägt, als gäbe es eine Steigerung des monotheistischen Glaubens, von den angeblich primitiven frühen Formen des Judentums und Christentums hin zum späteren, evolutionär sozusagen höher stehenden Islam. Nur diese letzte, angeblich beste Stufe zählt. Diese These wird ja nicht nur vom IS vetreten! Sie ist vielerorts zu hören. Wer zur angeblich einfachen Gesellschaft des Propheten in Medina zurückkehrt, wehrt sich gegen Toleranz und Vernunft. Bekanntlich loben ja gebildete Muslime die Kultur des Propheten in Mekka, und die dort geschriebenen eher toleranten Texte gegenüber den eher heftigen Passagen des Koran, wie sie dann, für Medina gültig, aufgeschrieben worden. Insofern ist der IS auch eine Engführung des frühen Islam selbst und eine Art Halbierung des Propheten.

…………….

Jetzt, Anfang März 2015, wird die Debatte darüber in Deutschland weiter vertieft, mit neuen, präzisen Erkenntnissen des muslimischen Islam-Wissenschaftlers Abdel-Hakim Ourghi, Prof. an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg.

Die Frage nach dem „Wesen einer Religion“ mag etwas großspurig erscheinen. Aber sie ist notwendig, weil sie ein Profil sucht, das über die faktischen Religionen, so wie sie heute leben, hinausweist. Der Wesens-Begriff ist nie ganz realisiert, er ist insofern ein kritischer Begriff. Das gilt auch für das Christentum, denn kein ernstzunehmender Beobachter des Christentums wird meinen, die evangelikalen MegaChurches in den USA seien Inbegriff des Christentums oder bestimmte Kreise des traditionalistischen Katholizismus typisch katholisch. Wer nach dem Wesen einer Religion fragt, sucht sozusagen die bessere, die humanere und spirituell-reine Gestalt des jeweiligen Glaubens in der religiösen Institution. Er sucht vor allem eine Gestalt, die vor dem bleibenden und gültigen Anspruch der Vernunft, wie sie sich heute artikuliert, bestehen kann.

Wichtig ist das Interview, das der islamische Theologe und Religionspädagoge Abdel-Hakim Ourghi (Freiburg) der Zeitschrift HERDER KORRESPONDENZ gegeben hat (Heft 3/2ß15 S. 124 ff.) Wir können nur einige zentrale Aussagen zitieren und die Lektüre des ganzen Interviews dringend empfehlen.

– „Der Islam hat mit dem islamischen Terrorismus zu tun. Auch die Extremisten sind Muslime. Sie beten in Moscheen, erkennen den Koran und die Tradition des Propheten als kanonische Schriften an. Sie begründen ihre Taten mit dem Koran…“ (S. 124)

– Die Extremisten beziehen sich auf einzelne Suren aus der Zeit Mohammeds in Medina, „es findet eine Rückkopppelung der Extremisten an diese medinensische Phase statt“ (S. 125).

– „Wir müssen auch die unangenehmen Aspekte in den kanonischen Quellen kritisieren, um das Klima für eine angemessene Interpretation des Islam zu schaffen“. (ebd.)

– „Muhammed ist 632 gestorben, schon in der ersten gemeinde des Propheten kam es innerhalb der Gemeinschaft zu Gewalttaten“ (S. 126).

Am wichtigsten ist in unserer Sicht:

– „Es geht darum, den Koran ALS TEXT zu verstehen“… “ Die Muslime müssen sich der Tatsache stellen, dass der Islam des 7. Jahrhunderts nicht mehr unser Islam ist – und auch nicht sein kann“ (ebd.)

– „Es besteht die Freiheit, heute unangemssene Koranstellen zu kritisieren“. (S. 127)

– „Notwendig ist ein rationaler Verstehenszugang zum Koran“ (S. 128)

– „Es ist an der Zeit einzugestehen, dass der Islam nicht die einzige Religion ist“ (ebd.). PS: Will Abdel-Hakim Ourghi eigentlich sagen, nicht die einzig WAHRE Religion ist“ (C. M.)

– „Mich stört es nicht, wenn es solche Karikaruren wie in Charlie Hebdo gibt. Im Gegenteil: Ich brauche keine Angst um meinen Propheten zu haben. Es muss ganz normal sein, dass man den Propheten kritisieren darf“ (S. 128)

Das Interview ist ein Beispiel dafür, dass unter gebildeten Muslimen ein Islam gedacht und damit praktisch wohl auch vorbereitet wird, der zu den Grundlagen einer vernünftigen Kultur nicht mehr im totalen, feindlichen Widerspruch steht. Eine Anerkennung der Menschenrechte als der obersten Norm und als der kritischen Instanz auch in religiösen Fragen würden wir uns noch deutlich von Abdel-Halim Ourghi wünschen. Aber seine Überzeugung weist in diese Richtung: Wenn er etwa ablehnt, dass islamische Geistliche in Deutschland vom türkischen Religionsministerium bestellt werden. Dahinter steht der Wunsch, einer konsequenten Trennung der (islamischen) Religion von jeglichem staatlichen Einfluss.

Die ganze Debatte, die wir hier für wichtig halten, steht im Dienst der Religionskritik, die ja durchaus nach dem vernünftigen Potential der Religionen, auch des Islam, fragt. Es ist keine Frage: Ein sich reformierender Islam gehört selbstverständlich auch zu Deutschland, weil die Muslime hier leben, die sich auf diesen religiösen Weg begeben haben.

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Dieser Text wurde Ende Dezember 2014 publiziert:

Seit etlichen Jahren werden wir von Islam-Wissenschaftlern und Vertretern islamischer Organisationen in den demokratischen Ländern des Westens belehrt mit vielerlei Erläuterungen, die alle den einen Grundtenor hatten und haben: „Eigentlich ist der Islam eine menschenfreundliche Religion. Vielleicht sind da und dort in einigen Formulierungen etwas scharf, aber sonst ist „der“ Islam doch sehr normal“.

Das trifft für viele Angehörige dieser Religion ja auch wohl zu. Wobei, philosophisch gesehen, kein Mensch in das Herz, also in die wahren inneren Überzeugungen eines anderen, völlig hineinschauen kann. Das gilt selbstverständlich auch für Christen, Juden oder Atheisten und alle anderen Menschen. Ob jemand friedlich IST, zeigt sich an seinem friedlichen und toleranten Leben, nicht in netten Worten allein.

Natürlich weiß allmählich jeder, dass es keine religiöse Zentralstelle, etwa einen Papst, der Sunniten oder der Schiiten gibt. Dennoch wären sehr deutliche Zeichenhandlungen von muslimischen Mitbürgern in allen Teilen Europas usw. möglich. Etwa: Sehr viele Moscheen veranstalten am Freitag kein Mittags-Gebet, sondern halten zur selben Zeit große Demonstrationen der Frommen in der Öffentlichkeit. Sozusagen ein pazifistischer Streik der Moscheen und ihrer Gottesdienste. Die Prediger könnten ausruhen und noch mehr nachdenken. Diese Demonstrationen können deutlich machen: Wir „normalen Muslime“ haben mit den IS Verbrechern nichts zu tun und wir halten diese Mörder auch nicht für Muslime. Wir verbannen sie, sind aber bereit, Menschen aufzunehmen und zu bilden, wenn sie sich von der Henker-Existenz abwenden. ANTI – IS Erklärungen gab es ja da und dort aus muslimischen Kreisen. Aber was bewirken Worte in diesen bestialischen Zusammenhängen?

Der Sufismus wurde und wird oft als der spirituelle Mittelpunkt eines mystischen, so innig religiösen und deswegen so friedlichen Islams hingestellt. Das wird so sein. Seitdem Zentren des friedlichen und mystischen Sufismus durch Terrormilizen des IS zerstört werden, seitdem bestialische Mordattacken und das Vernichten von wertvollsten Kulturgütern durch islamistische IS Terroristen üblich sind, gibt es immer mehr Fragen, die einfach ernst genommen werden sollen: Offenbar verstehen die Terroristen, dass die Sufis eine menschenfreundliche Religion darstellen, also sollen sie ausgeläscht werden. Und vor allem: Erneut die Frage: Was ist denn nun wirklich wesentlich im Islam? Vielleicht sind die Sufis gar die einzigen wahren Muslime? So, wie die katholischen Mystiker, die sanften und friedlichen, die einzigen wahren Christen waren in Zeiten der blutigen Expansion des Christentums in Afrika und Amerika?

Also: Was ist wesentlich am Islam? Diese Frage scheint in dieser Dringlichkeit neu zu sein und sie sollte mit aller Sorgfalt diskutiert werden. Denn einige radikale („deutsche“, „französische“, „niederländische“ usw.) Kreise in Europa warten förmlich darauf, aus eigenen (innen-) politischen Interessen das Bild der Fremden, auch der „fremden Muslims“ in Europa, so schlecht wie möglich hinzustellen. Damit man wieder ein „abendländisches“, also ein nur europäisches Europa in völliger Abschottung erleben kann…Diese reaktionären Kreise benutzen „den“ Islam nur für ihre eigene rigide Haltung. Sie nennen sich Abendländer, haben aber nicht verstanden, dass Abendland zuerst Dialog, Lernbereitschaft und Freundlichkeit bedeutete.

Trotzdem bleibt die Frage:

Viele Beobachter haben seit dem Auftreten der Terrormiliz IS (Islamischer Staat) die fundierte Überzeugung: Der Islam steckt in einer tiefen Legitimationskrise, niemand auch unter den etwas gebildeteren Frommen weiß noch, was nun wesentlich zum Islam gehört, weiß noch, ob denn nun der Koran wesentlich human, wesentlich menschlich für ALLE Menschen ist oder nicht. Ob der Humanismus, also der Respekt vor JEDEM Menschen, Kern des Korans ist oder nicht und ob der Humanismus absolut vor jeder religiösen Lehre steht oder nicht? Dass diese Fragen nach der völligen Vorrangigkeit des Humanismus vor allem religiösen Dogmatismus selbstverständlich mit der gleichen Intensität auch dem Katholizismus, der russischen Orthodoxie, dem (ultra)orthodoxen Judentum oder Kreisen der fundamentalistischen „evangelischen“ Pfingstler gestellt werden müssen, ist völlig klar und sollte geschehen. Nur: In diesem kleinen Hinweis hier geht es nun einmal um den Islam!

„Der Islam, so wie er sich heute als Religion organisiert, kann seine Kernbotschaft nicht mehr kohärent formulieren, vermitteln und begründen. Gilt das Tötungsverbot oder gilt es nicht? Warum machen sich Selbstmordattentäter heutzutage wie eine Pest breit“? Diese und andere weit reichende Fragen stellt der in Kairo lebende Journalist Martin Gehlen in „Der Tagesspiegel“ vom 21. Dezember 2014, Seite 4f. Einige andere Spezialisten gehen noch weiter, wie der Palästinenser Ajhmad Mansour, Mitglied der Islamkonferenz in Deutschland. Er sagte – so zitiert M. Gehlen- in einem SPIEGEL Beitrag: „Die Islamisten haben im Prinzip nichts Neues erfunden. Sie haben die Inhalte des gängigen Islamverständnisses überspitzt und radikalisiert. Ihre Haltung zum Umgang mit Ungläubigen usw. unterscheidet sich vom gängigen Islamverständnis nur graduell, nicht prinzipiell. D.h. diese radikalen Strömungen seien, so wörtlich „in Ähnlichkeit“ zum normalen Islam.

Es sind verstörende, unbequeme Einsichten, die jetzt, beim Erstarken der Terrormiliz IS, über das „Wesen des Islams“ öffentlich gemacht werden, eben von renommierten Islamwissenschaftlern und „Mitgliedern“ der islamischen Gemeinschaft selbst, wie dem Wiener Muslim und Islamwissenschaftler Ednan Askan (geboren in der Türkei). Er hat in „Die Zeit“ vom 17. Dezember 2014 Seite 58 ein hoch aktuelles Interview gegeben. Er sagt im Blick auf die islamischen Gewalttäter, die sich auf den Koran berufen: „Eigentlich müssten wir uns von den religiösen Inhalten distanzieren, auf die gewaltbereite Muslime sich berufen. Wenn wir ehrlich wären, würden wir zugeben, dass wir im Islam seit Jahrhunderten solche (gewalttätigen) Inhalte lehren“. Mit anderen Worten: Prof. Aslan plädiert dafür, bestimmte religiöse Inhalte der Tradition, dann wohl auch aus dem Koran, als nicht mehr relevant, wenn nicht gefährlich beiseite zu legen und künftig als ungültig, weil inhuman, zu betrachten. Ähnliches gilt etwa auch für den verhängnisvollen antihumanen Spruch aus dem Alten Testament, der immer wieder zitiert und im Umgang mit Feinden in Israel und Palästina angewendet wird: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ aus dem Buch Exodus, 21,23–25. Eine Religion, die sich menschenfreundlich nennt und nach außen hin auch sein will, also faktisch Humanismus höher wertet als religiöse Gebote aus uralter Zeit, sollte heute sofort diesen Satz aus dem heiligen Buch streichen und verbannen. Das ist unsere Meinung im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon. Warum müssen alte Religionen vielen alten ideologischen „Schrott“, den man nur nach zweijährigem Studium versteht, mit sich herumschleppen? Wer wagt es denn, in den religiösen Traditionen von wegzuschaffendem Schrott zu sprechen? Wie eingeschüchtert sind eigentlich Theologen? Ist es einzig die unabhängige Philosophie, die klare Worte findet, die viele denken, aber nicht aussprechen können?

Aber, welche Religion hat so viel Mut, sich von den eigenen bösen Traditionen zu trennen und zu sagen: Diese inhumanen Sprüche gehören nicht mehr zu unserem menschenfreundlichen Glauben.

Um noch einmal auf das Interview von Evelyn Finger mit Prof. Ednan Aslan zurückzukommen: „Wir muslimischen Theologen müssen endlich den Mut haben zu sagen, das bestimmte (fundamentalistische) Interpretationen des Islams falsch sind. Inakzeptabel, Das tun wir aber nicht“.

Frage: Warum?

Antwort von Prof. Aslan, Wien: „Weil wir seit dem 17. Jahrhundert keine lebendige Theologie mehr haben, sondern eine Theologie des Krieges, die geistig rückständiger ist als die des 9. Jahrhunderts“..

Aslan fordert weiter, die Auffassungen der alten, immer noch gültigen islamischen Rechtsschulen als überholt zu bewerten …und „sie durch ein aufgeklärtes Islamverständnis zu ersetzen“.

Bis jetzt aber gebe es keine wirksame Theologie gegen die zunehmende Radikalisierung. „Es gibt keine starke Gegentheologie. Die Theologie der Gewalt ist derzeit die (islamische) Religion. Damit muss Schluss sein“.

Die Aufgabe ist gewaltig: Es gilt, die humanistischen Kräfte im Islam, die liberalen Gruppen und die vernünftigen Islam-Wissenschaftler zu stärken und zu schützen. Vor 400 Jahren noch waren viele christliche Theologen Anhänger der Hexenverbrennung und der Vernichtung von Ketzern. Eine halbwegs humane christliche Theologie ist erst entstanden, als sich der Humanismus und der Geist der Menschenrechte durchsetzte, also mit Hilfe säkularer Gruppen fand die christliche Theologie zurück auf die Wege des Friedens.

Die Stärkung der demokratischen Grüppchen einer Zivilgesellschaft in der arabischen Welt wäre wohl in dem Zusammenhang das oberste Gebot.  Damit aus Grüppchen einst mächtige Volksbewegungen werden. Eine Utopie?

Copyright: Religionsphilosophischer Salon