Leszek Kolakowski: Vor 10 Jahren gestorben und lebendig

Ein Hinweis von Christian Modehn auf den „König von Mitteleuropa

„Die kulturelle Funktion der Philosophie besteht nicht darin, die Wahrheit zu verkünden, sondern den ‚Geist der Wahrheit’ herauszuarbeiten. Und das heißt: niemals die Wissbegierde des Verstandes einschlafen zu lassen. Niemals aufzuhören, das zu hinterfragen, was selbstverständlich und endgültig erscheint…“

Was für ein Satz eines Philosophen, der sich der großen Tradition humanistischer und skeptischer Philosophie anschließt: Eine Erkenntnis des polnischen Philosophen Leszek Kolakwoski, an den zu denken und mit ihm zu denken es jetzt allen Anlass gibt: Vor 10 Jahren, am 17. Juli 2009, ist der polnische Philosoph gestorben. Geboren wurde er am 23. 10. 1927 in Radom, einer Industriestadt bei Warschau. Er war als junger Mann in die Kommunistische Partei eingetreten, weil er dort hoffte, nach dem Grauen des 2. Weltkrieges und dem Wahn des Nationalismus (Nationalsozialismus) universale Werte der Menschheit gestalten zu können. Ein Irrglaube, von dem er sich auch als Professor für Philosophie kontinuierlich befreite. Ein Schlüsselerlebnis war die Freilegung der Verbrechen und Massenmorde von Stalin. In der umfangreichen Studie „Hauptströmungen des Marxismus“ wirft er dem ihm bekannten Marxismus “Selbstvergötterung des Menschen“ vor.
Biographische Details lassen sich leicht im Internet finden.

Inspirierend bleiben Kolakowskis Bücher bis heute. Um nur das einleitende Zitat aus dem Buch „Narr und Priester, Ein philosophisches Lesebuch“ fortzusetzen: „Die kulturelle Funktion der Philosophie besteht darin, immer wieder zu vermuten, dass es auch die ‚Kehrseite’ dessen geben könnte, was wir als sicher annehmen, und niemals zu vergessen, dass es Fragen gibt, die jenseits
des legitimen Horizonts der Wissenschaft liegen und dennoch für das Überleben der Menschheit, wie wir sie kennen, bedeutend sind.
“ (Kolakowski, „Ende der Utopie aufs Neue erwogen“, in: ders: Narr und Priester. Ein philosophisches Lesebuch, hrsg. von Gesine Schwan, Frankfurt/M. 1995, S. 236 – 259).
Da spricht Kolakowski von seiner zentralen, für manche unbequemen Einsicht: Es gibt lebenswichtige Fragen jenseits der Wissenschaften, es gibt also unabweisbare, immer existentiell wichtige und bleibende Fragen nach der Transzendenz, dem Mythos, der Religionen. Es gibt für Kolakowski unbedingte geistige Wirklichkeiten wie Wahrheit, Wert, Sein… Mit dem Thema befasste sich Kolakowski in seinem Exil in Kanada und England ständig; unbequem war er, manche nannten ihn etikettierend „konservativ“. Bewahren wollte er eine moderne Form der Transzendenz, ist das konservativ? Auch hat er leicht nachvollziehbare Einführungen ins Denken „großer“ Philosophen der Vergangenheit verfasst.
Nicht zu vergessen: Jürgen Habermas schätzte Kolakowski sehr und wollte ihn gern 1970 als Nachfolger von Adorno auf dem Lehrstuhl in Frankfurt am Main sehen; was die „Fachschaft“ ablehnte.
In einem seiner letzten Interviews erinnerte Kolakowski daran, dass sich die heutige Welt der Grenzen des eigenen Wohlstandes bewusst sein sollte. Es komme sogar darauf an, die eigenen so selbstverständlichen Wünsche um des Überlebens der Menschheit zurückzustellen. Man könnte das auch VERZICHTEN nennen. Aber das werde nur gelingen, wenn die Menschen ein religiöses Bewusstsein pflegen bzw. neu entdecken.
Sonst werde alles, so Kolakowski, „in furchtbarer Frustration und Aggression enden, was katastrophische Ausmaße annehmen könnte. Der Grad von Frustration und Aggression hängt dabei nicht vom Grad einer absoluten Befriedigung ab, sondern von der Lücke, die zwischen den Wünschen und ihrer wirkungsvollen Befriedigung klafft. Die religiöse Tradition hat uns Beschränkung gelehrt. Alle großen religiösen Traditionen haben uns über Jahrhunderte gelehrt, uns nicht an eine Dimension allein zu binden – die Akkumulation von Reichtum und die ausschließliche Beschäftigung mit unserem gegenwärtigen materiellen Leben. Sollten wir die Fähigkeit verlieren, diese Distanz zwischen unseren Wünschen und Bedürfnissen aufrechtzuerhalten, wäre das eine kulturelle Katastrophe. Das Überleben unseres religiösen Erbes ist die Bedingung für das Überleben der Zivilisation“. Das Interview mit Nathan Gardels hatte den Titel „Ich rechne nicht mit dem Tod Gottes“ (https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article4455514/Ich-rechne-nicht-mit-dem-Tod-Gottes.html)
Kolakowski war ein vielseitiger Autor, auch begabt im Erzählen und Erfinden phantastischer Zusammenhänge, man denke an sein Buch „Gespräche mit dem Teufel“. Er hat sich auch vielfach mit theologischen Fragen befasst, etwa, so ein Beitrag von Christian Modehn, mit der Bedeutung bzw. Nicht-Bedeutung der Philosophie für die Reformatoren Luther und Calvin. Oder eben mit kurzen Einführungen wie „Mini-Traktate über Maxi-Themen“, Reclam Verlag, Leipzig 2000, Taschenbuch, 108 Seiten. Philosophisch inspirierend sind die Beiträge, die in dem Buch „Geist und Ungeist christlicher Traditionen“ (1971) zusammengestellt sind. Darin auch der Beitrag „Der philosophische Sinn der Reformation“ sowie sehr lesenswert: „Erasmus und sein Gott“.
Der Leichnam Leszek Kolakowskis wurde mit einem Flugzeug der polnischen Luftwaffe nach Warschau transportiert, von Polens Außenminister Sikorski am Flughafen mit militärischen Ehren in Empfang genommen und auf dem Powszki-Friedhof in einem Staatsbegräbnis beigesetzt. „Polen in Trauer“ titelte die Tageszeitung „Gazeta Wyborczka“ ihren Nachruf und krönte Kołakowski posthum zum „König von Mitteleuropa“.
Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin

Luther und die Philosophie: Ein verdrängtes Thema, auch heute.

Ein Hinweis von Christian Modehn

In der Rubrik  „Vergessene Texte – heutige Texte“ stellt der Religionsphilosophische Salon philosophische und theologische Bücher und Essays vor, die heute leider fast nicht mehr viel Beachtung finden. Sie verdienen aber große Aufmerksamkeit und weitere Diskussion. Zum Beispiel der Essay des polnischen Philosophen Leszek Kolakowski (geb. in Radom, PL, 1927, gest. in Oxford GB, 2009). Der Essay heißt: „Der philosophische Sinn der Reformation“, veröffentlicht in dem Buch „Geist und Ungeist christlicher Tradition“ (Kohlhammer Verlag 1971). Dieses Buch ist leider nur noch antiquarisch zu haben, eigentlich schade, dass solche wichtigen Texte so schnell „verschwinden“.

Im Reformationsgedenken, das weithin ein Luther-Gedenken 2017 werden wird, fehlen meines Erachtens Auseinandersetzungen mit dem heiklen Thema „Luther (bzw. auch Calvin) und die Philosophie“. Die evangelischen Organisatoren dieses Reformations-Festivals (mit dem Kirchentag im Mai 2017 in Berlin und Wittenberg) haben meines Wissens dazu keine aktuellen ausführlichen selbstkritischen Studien veröffentlicht. Werden Philosophen bei diesem Reformations-Festival ausgesperrt? Oder werden sie ihre eigenen Vorschläge zum Thema Glauben und Wissen vortragen können? Wenn man Philosophieren und damit Philosophie als die elementare geistige Haltungen des Menschen betrachtet, sind sie im Zusammenhang von Reformation und Glauben genauso wichtig wie „Glaube und Kunst“ oder „Glaube und Musik“…

Die traditionelle extreme Abwehr des philosophischen Denkens als eines möglichen Weges des Menschen zu Gott ist innerhalb der klassischen protestantischen Orthodoxie allseits bekannt. Diese Zurückweisung des lebendigen Philosophierens als eigenständiger „Leistung“ der Menschen hat ihre Gründe zweifellos in der Gnaden-Lehre der Reformatoren. Da wird dann gern darauf verwiesen: Die „Natur“ des Menschen ist so verdorben und so schlecht, dass diese Verdorbenheit eben auch den Verstand betrifft. So ist eigentlich kein hilfreicher, konstruktiver philosophischer Gedanke zur Gottesfrage möglich. Aber: So total verdorben wollten dann die Reformatoren die menschliche Vernunft doch nicht gelten lassen. Sie gestehen immerhin ein: Mit gewissen Restbeständen der Vernunft können selbst die Heiden „ein bisschen was“ von Gott ahnen. Auf diesen letzten „guten Schimmer“ von Vernunft etwa bei Calvin hat der Philosoph Leszek Kolakowski hingewiesen, in seinem oben genannten Essay „Der philosophische Sinn der Reformation“. Auf Seite 123 schreibt Kolakowski: „Gott hat den Menschen (im Sinne Calvins) ein wenig natürliche Kenntnis von sich verliehen. So viel nämlich, dass sich niemand vor Gottes Gericht durch Unwissenheit rechtfertigen kann. Das `natürliche Licht` ist demnach in göttlichen Dingen bloß Werkzeug, um den Sündern ein Alibi zu entziehen und Ausflüchte unmöglich zu machen…“ Für den Glauben selbst ist das so genannte natürliche Licht der Vernunft völlig wertlos. Gott als bleibendes Geheimnis, der dogmatische Kern des Glaubens, wird niemals vernünftig thematisiert. Kolakowski vermutet hinter dieser Haltung der Reformatoren: dass der Mensch sich selbst als Vernunftwesen verachten soll. „Für Luther heißt Gott zu lieben sich selbst zu lassen“ (im Sinne von loslassen, aufgeben) (S. 122).

Die Aufgabe des Selbst, des natürlichen Selbst wie das begnadeten, als Verzicht auf die mit dem Selbst angeblich automatisch mit-gegebene Selbstherrlichkeit, zu der Luther auch das philosophische Denken zählt, ist also zentral.

Zunächst soll – über Kolakowski hinaus – an die aktuelle theologische Erkenntnis erinnert werden: „Die Natur“ „des“ Menschen „vor“ aller Gnade, also zeitlich gesehen vor aller Anwesenheit des göttlichen Geistes IM Menschen, ist eine abstrakte und unsinnige Konstruktion. „Die Natur“ des Menschen vor (zeitlich verstanden) aller Gnade gibt es eigentlich nicht: De facto ist die Menschheit als ganze immer schon von der Anwesenheit des göttlichen Geistes bestimmt. Dies ist etwa die zentrale Erkenntnis des Theologen Karl Rahner. Er bezieht sich dabei auf ein biblisches Verstehen Gottes, der unmöglich die einen, bloß „natürlichen“ Menschen verdammen, die anderen, die zufälligerweise die Gnade haben, retten kann. Rahner denkt dabei, um das Neue Testament zu zitieren, an den Spruch aus dem ersten Timoteus Brief (2,4): „Gott will das aller Menschen“. Diese Erkenntnis hat, so scheint es, bis heute in der reformatorischen Theologie zu keiner Veränderung des Denkens geführt, in dem Sinne: dass die Gnade IMMER SCHON anwesend ist für alle Menschen. Diese ewigen und so sinnlos erscheinenden Diskussionen über die Prädestination kommen aus der Abweisung dieser Erkenntnis. Rahner hat in dieser Frage recht, weil er Gott NICHT als willkürlich Gnade austeilenden Tyrannen denkt. Ob über diese überholte Prädestinationslehre (also die Erlösung nur einiger Erwählter) im Reformationsjubiläum 2017 nochmals zustimmend und „letztlich“ verstehend gesprochen wird? Gott bewahre uns davor! Es gibt viel Dringenderes!!

Kolakowski erinnert in seinem Beitrag deutlich an diese theologisch überholte Haltung der Reformatoren, die da heißt: „Vernunft und Argumente können in keiner Hinsicht das Christentum stärken… Alle Vorstellungen der Philosophie von göttlichen und menschlichen Dingen macht die Heilige Schrift zunichte (123).

Diese globalen Erkenntnisse sind bekannt. Interessant sind die zwei Konsequenzen, die Kolakowski entwickelt, sie können hier nur in Kürze dargestellt werden, deswegen lohnt sich die ausführliche Diskussion des Textes!

Wenn der einzelne Mensch, selbst der Getaufte, sündhaft auf sich selbst beharrt, also auf seinem „Einzeldasein“ (126) besteht, diese Situation aber überwinden will, dann kann auch dies eine Konsequenz sein: Es ist besser, sich als einzelner förmlich aufzugeben und in der Einheit des Göttlichen zu zerfließen. Diese Haltung nennt Kolakowski die mystische Haltung. Auch sie ergibt sich also aus der Position Luthers! Wenn in der Fixiertheit auf die Gnade, die alles bewirkt, weiter gedacht wird, meint der Philosoph, kann diese Tendenz zum Pantheismus führen, also jener Haltung, in der nur Gott alles wirkt und alles bewirkt. Totale Gnade, könnte man sagen. Alles ist Gott. Kolakowski verweist auf Sebastian Franck, „den ersten Pantheisten, den die Reformation ins Leben rief“ (127), auf Jacob Böhme, Valentin Weigel und Angelus Silesius. Kolakowski sieht – in einer spekulativen These – dass Luther sozusagen unbewusst, also alles andere als gewollt in seiner Theologie ein „Zwischenglied“ bildet zwischen spätmittelalterlicher Mystik und „pantheistischer Mystik späterer Jahrhunderte“ (127).

Dem Titel seines Essays entsprechend gibt Kolakowski noch den Hinweis, dass die praktische Philosophie Kants von Luther mit geprägt ist. „Die Überzeugung, dass die eigentliche moralische Bewertung sich einzig auf den Willen selbst bezieht, ist lutherischer Herkunft“. So wirkt Luther also auch hier ungewollt als Gegner der Philosophie tatsächlich in der Philosophie weiter…

Aber Luther hat durch seine Natur – und Gnadenlehre auch eine „existentielle Richtung“ der Philosophie mit – bewegt und mit -bewirkt, wie Kolakowski schreibt (129). „Christ ist im Sinne Luthers, wer im Glauben lebt. Der Glaube ist nicht Überzeugung, sondern totale geistige Wiedergeburt, völlige Erneuerung, Vernichtung des alten Menschen und der Akt des Eintretens in eine neue Wirklichkeit, ein Akt, den keinerlei natürlicher Mittler (Kirche usw.) anstelle des einzelnen Menschen erfüllen kann“(130). Mit anderen Worten: Der Glaubende ist als erlöster Einzelner ganz auf seinen eigenen Gott gestellt. In Kierkegaard sieht Kolakowski den Propheten dieses extrem existentiellen Christentums. Für Kierkegaard erlebt der Gläubige die völlige Subjektivität, sie ist nur noch auf die göttliche Subjektivität bezogen, kennt nichts anderes. Der einzelne Glaubende braucht die objektiven Bindungen nicht, letztlich nicht die Kirche, nicht die objektiven Sprachregelungen die vorgegebenen Gesetze. Kolakowski sieht auch darin eine Wirkungsgeschichte Luthers, ungewollt natürlich, aber Luther inspiriert förmlich die Existenzphilosophie. Kierkegaard ist ein Zwischenglied zwischen Luther und der modernen Existenzphilosophen. Das ist für Kolakowski „keine künstlich konstruierte Koinzidenz, sondern eine reale energetische Verbindung“ (137). Luther hat, so meint er, durch seine ablehnende Haltung zur Philosophie diese Philosophie doch angeregt, sogar „den Keim der neuzeitlichen Philosophischen Kultur“.

Luther, der große Feind der angeblich verdorbenen Philosophie, hat das philosophische Denken dann indirekt doch inspiriert: Ein schönes Paradox, ein Zeichen, dass sich Philosophieren nicht klein kriegen lässt, auch nicht von theologischen Vorurteilen.

WEITERE TEXTE:

„Wir haben von Luther fast nichts gelernt“ ist der Titel eines Hinweises zur Luther-Rezeption im heutigen Katholizismus, klicken Sie hier.

Luther in der Sicht heutiger PhilosophInnen, klicken Sie bitte hier.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.