Philosophie ist immer auch praktisch, insofern verständlich für viele, insofern auch populär ?

Ein Hinweis von Christian Modehn

Beim Kongress der „Deutschen Gesellschaft für Philosophie“ in Berlin (24.9. – 27.9.2017) gab es am 26.9. auch ein Forum zum wichtigen Thema „Populäre Philosophie“. Es war nach meinem Eindruck gut besucht mit ca. 80 TeilnehmerInnen. Leider kam der wohl am meisten interessierende Philosoph, Prof. Michael Hampe, Zürich, nach meinem Eindruck viel zu wenig, auf dem Podium sitzend, zu Wort. Er hätte so viele Fragen zu seinem Buch „Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik“, Suhrkamp, 2014, beantworten können.

Deutlich wurde in der 90 Minuten dauernden Veranstaltung die Mühe, mit der die meisten hier versammelten, an Universitäten und Hochschulen lehrenden und forschenden Philosophinnen mit der Wirklichkeit und Möglichkeit einer populären Philosophie haben. Sie sind offenbar so stark eingebunden in die akademische Welt, dass sie die nun einmal notwendig gegebene Verwurzelung des Philosophierens, allen Philosophierens möchte ich sagen, nicht so deutlich sehen. Philosophieren ist als Praxis der Philosophen in die Alltagswelt, auch in die politische Welt, eingebunden. Dabei ist wohl jeder noch so schwierige philosophische Text („Kritik der reinen Vernunft“, „Phänomenologie des Geistes“, „Sein und Zeit“ usw.) „letztlich“ aus praktischen, drängenden Lebens-Fragen entstanden! Diesen praktischen (populären ?) Ursprung aller Texte darf man überhaupt nicht verleugnen. Man muss sich nur fragen, warum diese alltäglichen Fragen dann in einer oft so schweren Zugänglichkeit erörtert wurden und beantwortet werden, siehe etwa einige der sich in ihrer Sprache esoterisch gebenden, aber „medial“ hoch angesehenen französischen Philosophen heute. Dabei ist auffällig, dass es andererseits in Frankreich durchaus kein Schimpfwort ist, als populärer Philosoph zu gelten, man denke natürlich an Alain, vielleicht sogar an Albert Camus oder sicher auch an den vielseitigen und gut lesbaren Philosophen André Comte-Sponville.

Philosophie jedenfalls ist weltweit eine akademische Disziplin neben anderen geworden, und dabei sicher eine der, quantitativ gesehen, kleinen Disziplinen, nicht ganz so klein gemacht im Wissenschaftsbetrieb wie die Ethnologie, aber ähnlich. Philosophie in dieser sicher auch politisch gewollten Begrenzung kümmert sich trotzdem oder deswegen fast nur um sich selbst: Es wird also Zeit, nach allen Seiten Philosophien der Philosophien zu entwickeln. Dies wäre ein dringendes Themen der nächsten 100 philosophischen Promotionen! Man hat natürlich nichts dagegen, wenn zum 100. Mal Kant und Hegel hinsichtlich ihrer Transzendentalität oder Geschichtlichkeit verglichen werden und dazu nicht gerade preiswerte Bücher in kleiner Auflage publiziert werden. Keine Frage: Forschung muss sein. Genauso wichtig wäre es aber dann doch, populär, also nachvollziehbar, also verständlich für alle, für die etwas Nachdenklichen und für die etwas Gebildeten (wer ist schon vollständig nachdenklich und umfassend gebildet ?) zu schreiben und zeigen: Was ist die Aktivität unseres Geistes im Sich – Orientieren, im Fragen, im Zweifeln, im Hoffen, im Lieben, im Sterben usw. Diese philosophischen Fragen „brennen“ (hoffentlich noch) den Leuten im Herzen und im Kopf. Warum fordert eigentlich niemand einen verpflichtenden Philosophie Unterricht in den Schulen, wie in Frankreich (obwohl dort die Realität des Unterrichts oft betrüblich ist, weil man Philosophie dort paukt wie Physik). In jedem Fall: Die Frage ist dringend: Was ist praktisches Philosophieren mitten im Alltag? Und diese Fragen müssten natürlich unter den Menschen, den so genannten Nicht-Philosophen, die aber philosophisch gesehen selbstverständlich als Menschen eben doch auch Philosophen sind, gemeinsam mit den Fach- Philosophen diskutiert werden. Das passiert aber nicht. Ansatzweise wird in den (populären ?) philosophischen Zeitschriften wie „Philosophie Magazin“, „Der blaue Reiter“, “Hoheluft“ dieser Dialog gesucht. Es müsste vielleicht ein gewisser philosophischer Ortswechsel stattfinden: Philosophen sollten öfter raus aus der akademischen Welt der Seminare und Schreibzimmer, und rein in die Gesellschaft, etwa in die bestehenden und noch zu gründenden philosophischen Gesprächskreise und Salons. Oder in die Kunstgalerien oder in die politischen und ethischen Debattierclubs, die Flüchtlings-Initiativen, die antirassistischen Initiativen und so weiter. Da spielen sich die Fragen ab unter den „Bürgern aller Fakultäten“, also aller weltanschaulichen und politischen Orientierungen. So könnte ein philosophischer Beitrag entstehen gegen das polemisch sich darstellende Auseinanderfallen der Gesellschaft, die wir gegenwärtig erleben. Neue Fragen würden so entstehen, eine neue Sprache würde entstehen, der Geist könnte etwas sprühen. Die Berliner bzw. Potsdamer Philosophin Prof. Susan Neiman wurde im Tagesspiegel (vom 27. 9., Seite 22) mit der treffenden Worten, gesprochen während des Kongresses, zitiert: „Man hat (also die Philosophen, CM) die richtigen Ideen. Aber Gespräche werden nur untereinander geführt und in einer Sprache, die nur ein paar Leute erreicht“…Zwar sehnen sich alle nach Theorie, aber was wir anbieten, befriedigt nicht das Bedürfnis“.

Nach meinem Eindruck, ich hoffe, ich irre mich, hat die Presse (in Berlin) den großen philosophischen Kongress jetzt im September 2017 kaum wahrgenommen. Welcher Nicht- Philosoph lässt sich von einem sicher philosophisch wichtigen, aber nach außen hin esoterisch wirkenden Thema „Norm und Natur“ in ein Uni-Gebäude bewegen? Bei dem Thema, so das populäre Verständnis, geht es doch auch irgendwie um (angebliche) natürliche Geschlechter – Identiät, sagte mir ein Freund, der allerdings eine philosophische Vorbildung hat. Da geht es um die Unfähigkeit, Natur als Natur überhaupt zu erleben, weil eben alles längst zur Kultur gemacht ist, sagte mir ein anderer Freund, sicher treffend. Aber dieser abstrakte Titel! Er ist Ausdruck der akademischen Begrenztheit auf die Innenwelt akademischer Lehr-Philosophie. Will „man“ wirklich unter sich bleiben?

An wird also ab sofort viel mehr diskutieren, dass Philosophie doch etwas Merkwürdiges, Besonderes, ja Einmaliges ist: Wissenschaft auch, aber eben nicht nur! Immer bezogen auf (politische) Lebenspraxis, sich thematisch dieser verdankend. Philosophie fällt aus dem Rahmen der üblichen Zuordnungen. Sie ist dann doch gebunden an die orientierenden Dimensionen des Lebens, nicht im Sinne des Rezepte – Verteilens, aber der Klärung, Erhellung, Differenzierung usw. Philosophie bringt Licht ins Leben, oder neue Dunkelheit als gewusste. Aber sie ist niemals „Glasperlenspiel“.

Mich haben für diese Gedanken die Ausführungen von Michael Hampe inspiriert. Und sein Buch „Die Lehren der Philosophie“ muss weiter diskutiert werden, vor allem das erste Kapitel. Denn es gibt keinen Zweifel: Philosophie ist immer  „auch“ nicht-doktrinäre Philosophie, wie Hampe treffend und  provozierend schreibt.

Wir kommen darauf auch in unserem Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin zurück.

Copyright: Christian Modehn, Berlin.

Philosophieren heißt Selber-Denken. Eine Alternative zur „Universitäts-Philosophie“

Philosophieren als Selber-Denken – Eine Alternative zur Universitäts-Philosophie

Ein Hinweis von Christian Modehn

Im „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ versuchen wir seit seiner Gründung (2006) das Selber-Denken als Form des Philosophierens zu üben, zu besprechen, zu leben, in einer freundlichen Atmosphäre der Vielfalt. Für viele, selbst gebildete ZeitgenossInnen, hat „die“ Philosophie einen eher schlechten Ruf. Viele halten sie für genauso „unerreichbar“ wie die „höhere Mathematik“. Philosophie wird leider als doktrinäres und abstraktes Lehren an Universitäten erfahren („fast ausschließlich durch bezahlte Beamte und Angestellte betrieben“, so der Züricher Philosoph Michael Hampe selbstkritisch (1)). Dabei ist am Ursprung der Philosophie, denken wir nur an Sokrates, das eigene Reflektieren und Fragen absolut entscheidend, weil es den Geist belebt gegenüber aller Fixierung, etwa in Systemen und Doktrinen. Diese finden in schwer mitvollziehbaren philosophischen Büchern ihren Niederschlag. Abstrakte Philosophie ist nach wie vor unverzichtbar, sie gehört zur Kultur Europas, aber sie „entspringt“ förmlich dem eigenen Philosophieren, das jeder Mensch unthematisch immer schon lebt. Da ist die Quelle der Philosophie. Dies muss akademisches Philosophieren immer respektieren, denke ich. Denn jede Lebensentscheidung ist als Entscheidung immer Ausdruck reflektierter Freiheit, ist also Philosophieren. Die umfangreichen Bücher der Fachphilosophen sind meist nur für die Kollegen an den Universitäten bestimmt, nicht aber für Menschen, die lebendiges Fragen und Zweifeln als Orientierung in ihrem Dasein suchen. Ein Quantenphysiker kann ausschließlich für Quantenphysiker schreiben. Anders aber ein Philosoph, er sollte als Liebhaber der Weisheit (das bedeutet Philosophie) niemals verzichten, andere Menschen zur deutlicheren Liebe der Weisheit zu führen, aber eben liebend, also wohl auch behutsam nachvollziehbar. Auf der Rückseite des Umschlages des Buches von Hampe steht: „Man kann Philosophie nicht lernen wie Physik“. Philosophieren hat mit mir zu tun, es geht um mich, aber auch um mich als (allgemeinen) Menschen…

Um so erfreulicher sind die Ausführungen des Züricher Universitäts-Philosophen Michael Hampe. In seinem Buch „Die Lehren der Philosophie“ legt er ausführlich dar, dass es auch eine andere, eine nicht-doktrinäre Form der Philosophie gibt und geben muss. Schon in den einleitenden Kapiteln 1 und 2 wird das deutlich. Wir empfehlen dringend die Lektüre!

Hampe zeigt zwei Gestalten der Philosophie in Europa: Das doktrinäre, universitäre, sich in Lehrbüchern niederschlagende wissenschaftliche philosophische Forschen. Auf der anderen Seite das auch in Europa lebendige „post-doktrinäre“ Philosophieren. Darin treffen sich Kritiker der herrschenden Moral, der politischen Ideologien, des religiösen Aberglaubens usw., betont Hampe. Zu denken wäre an Sokrates, an die Aufklärungs-Philosophien in den Salons von Paris, an Montaigne, Lichtenberg, Nietzsche, Wittgenstein und andere. Damit ist ja nicht geleugnet, dass etwa ein sehr systematischer, schwieriger Universitätsphilosoph wie Kant nicht auch „populäre“, halbwegs allgemein zugängliche Texte des Philosophierens publiziert hätte, etwa in seinen Beiträgen für die damaligen Berliner Kulturzeitschriften.

Das entschiedene Plädoyer Hampes für die postdoktrinären, oder sagen wir, vielleicht treffender, für die „nicht mehr doktrinäre Philosophien“ sollte auf breiter Ebene diskutiert werden. Es weitet das philosophische Selbstverständnis, es macht Mut, das Philosophieren – auch im Alltag unter „Nicht-Fachphilosophen“ (gibt es die??) – zu üben. Das nichtdoktrinäre Philosophieren ist ja keineswegs ein Plädoyer für die Beliebigkeit, etwa für die logische Willkür usw. Nicht doktrinäres Philosophieren ist nur nicht am Systemaufbau interessiert, nicht an der kryptischen Sprache, sondern am Verstehen und dann an der selbstverständlichen Kritik des alltäglichen Lebens: „Die nichtdoktrinäre Philosophie versucht zu verhindern, dass Menschen durch religiösen, politischen, wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Dogmatismus unfrei werden“, so Michael Hampe, S. 49.

Hampe plädiert für das „Persönliche“ im philosophischen Denken, er fordert, dass die „die Philosophie auch in den akademischen Institutionen mit einem existentiellen Engagement zu betreiben ist“ (S.53). Und dieses Philosophieren muss selbstverständlich geübt werden, wie Hampe betont, (Seite 53 f.). Für dieses philosophierende „Üben“ als selbstkritisches Reflektieren, als Prüfung der Sprüche und angeblichen Weisheiten und Dogmen, die verbreitet werden, braucht man natürlich Räume, Orte. Und da ist Philosophie im öffentlichen Leben insgsamt absolut benachteiligt. Und niemand regt sich darüber auf! Es gibt Literaturhäuser, aber keine „Häuser der Philosophie“, in Paris gibt es ein entprechendes Haus in der Rue Descartes. Leider weist Hampe meines Wissens nicht auf die oft bescheidenden philosophischen Versuche der „Philosophischen Café“ oder der „Philosophischen Salons“ hin: Dies sind ja solche bescheidenen, provisorischen Orte des Übens, wo Menschen sich auch selbst neu entdecken können und Fraglichkeit als Lebensform schätzen lernen. Ein philosophisches Leben führen, auch diese Maxime nennt Hampe (S. 64) hat viele Gestalten, sicher ist nur: Der Philosophierende wird starke Vorbehalte haben gegenüber vorgegebenen Lehren der Weisheit, der religiösen Institutionen. Nicht nur, weil er sich selbst und sein freies Leben darin NICHT wieder findet, sondern eher entmündigt fühlt.. Vor allem: Diese Lehren und Dogmen und Doktrinen werden eingesetzt von (demokratisch oft gar nicht legitimierten) Herrschern und Beherrschern. Darum kann es für Hampe auch niemals philosophische Gurus geben. Er weist auch „religiöse Lebenslehren“ (S. 65) aus diesem Grund, der Fremdbestimmung, zurück. Über dieses pauschale Urteil wäre aber zu diskutieren: Denn es könnte ja auch religiöse Lebenslehren geben, die aus dem selbstkritischen, reflektierten Lebenszusammenhang selbst entspringen, aus der Erfahrung des Absoluten „in“ mir, so dass diese Religion nur das eigene Leben in seiner Tiefe aussagt und diese Aussage kritisch mit anderen (in einer religiösen Gemeinde) teilet, diese Menschen haben dann natürlich auch wieder ihre Erfarungen des Absoluten…Die neue liberale Theologie (als eine Theologie von unten, also vom Selbstbewusstsein her sich entwickelnd) würde diese nicht entfremdete Gestalt des Religiösen sein, in dem das im Menschen selbst entdeckte Göttliche zum Ausdruck kommen kann.

Michael Hampe bietet ein überaus inspirierendes Stück „Philosophie der Philosophie“. Und er macht damit deutlich, dass über Philosophie qualifiziert nur philosophisch gesprochen werden kann.

Copyright: Christian Modehn

(1) Michael Hampe, Die Lehren der Philosophie, Suhrkamp 2014, Seite 55).

Die Lehren der Philosophie. Eine Buchempfehlung

„Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik“

Zu einem Buch von Michael Hampe

Von Christian Modehn

Dieses Buch wird unseren „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ in diesem Jahr 2015 und darüber hinaus begleiten: Als Inspiration, als Kritik an festgefahrenen Vorstellungen, als Eröffnung neuer Möglichkeiten philosophischen Denkens und philosophischen Lebens. Das gilt, auch wenn das großartige Buch von Michael Hampe (Professor in Zürich) einige Fragen offen lässt, wie sollte es anders sein. Und auch, wenn das uns besonders interessierende Thema, die Möglichkeit Religion/Gott/Göttliches philosophisch zu denken, nicht in der von uns vielleicht ersehnten Ausführlichkeit diskutiert wird.

Es ist naturgemäß unmöglich, das 455 Seiten umfassende Buch auch nur annährend in Kürze zu würdigen. Ich möchte nur aus meiner Sicht auf einige besonders inspirierende Erkenntnisse Michael Hampes hinweisen, die hoffentlich zu weiterer Lektüre und Auseinandersetzung bei den LeserInnen führen. Die Verweise auf die Seiten beziehen sich ausschließlich auf das Buch, das im Suhrkamp Verlag 2014 erschienen ist.

Zentral ist der Vorschlag, Philosophie nicht länger nur als doktrinäre Lehre und behauptende Wissenschaft zu verstehen und zu praktizieren, also nicht länger nur ausgefeilte Systeme, Kantianismus, Hegelianismus, Thomismus usw. für Gestalten akademischer (Universitäts)-Philosophie zu halten. Es gibt daneben eine ganze Welt „anderer Philosophie“, die sich sehr stark an Sokrates orientiert, die mehr das Fragen als das Wissen liebt, mehr die Zweifel als die Gewissheit.

Philosophie ist für Hampe „eine Tätigkeit des Nachdenkens“, „die als nicht doktrinäres, aber auch nicht narratives Reflektieren ein intellektuelles Projekt sui generis darstellt“ (74). Mit anderen Worten: Philosophie ist zuerst Philosophieren als geistige Tätigkeit des einzelnen und auch in kleiner Gruppe, und dies muss nicht zuerst an einer Universität durch verbeamtete Professoren (55) geschehen. In unserer Sicht kann ein philosophischer Salon auch der treffende Ort des „nichtdoktrinären Nachdenkens“ sein. Das Stichwort „philosophischer Salon“ fällt unseres Wissens nicht in dem Buch, die Sache aber wird durchaus von Michael Hampe angezielt. Denn es kommt alles darauf an, Fragen zu stellen, die nicht nur aus dem internen Disput der Fachphilosophen erwachsen, sondern die aus dem Leben der TeilnehmerInnen sich aufdrängen. „Die philosophische Rede führt uns eigene Erfahrungen distanzierend vor Augen. Sie sucht nach den richtigen Begriffen für diese Erfahrungen und fragt, wie diese zu bewerten sind“ (74). Und diese Erfahrungen sind jeweils neu und immer anders, so dass sich Philosophie als ein andauernder Neubeginn verstehen sollte. Sie ist keine Wissenschaft, die Schritt für Schritt allgemein gültige Erkenntnisse niederlegt, Philosophie ist ganz anders, spielt eine Sonderrolle im Gesamt der Wissenschaften und Künste. „Man kann Philosophie nicht lernen wie Physik“, steht auf dem Buchumschlag. Philosophie lernt man vor allem, indem man eine hohe Sensibilität für je individuelle Lebenserfahrungen pflegt, die sich je anderen Texten mit je anderer Sprache ausdrücken. Philosophieren ist darum stets Neubeginnen.

Der sokratische Impuls des Fragens, des Erschütterns, des Offenhaltens, zieht sich für Hampe durch die ganze Geschichte der Philosophie verstanden als nicht-doktrinäre Philosophie. Diese Tradition gilt es neu zu beleben, damit Philosophie wieder „etwas Persönliches“ (54) wird und die „Deplaziertheit lehrbuchartiger Texte“ (ebd.) freigelegt wird. Wer diese auf die Individualität abhebende Philosophie fördert und fordert, will sozusagen den einzelnen retten vor der gängigen Vereinnahmung in Allgemeinbegriffe. Dabei ist sich der Autor durchaus bewusst, dass auch im Ausdruck einer individuellen Einzelerfahrung durchaus allgemeine Begriffe eine Rolle spielen. Die Frage aber ist, wird das Gesicht des einzelnen deutlich oder wird dieses Individuum eher mit der allgemeinen Maske des allgemein Menschlichen versehen. Um die Geltung des Individuums muss die nicht-doktinäre Philosophie ringen. Und sie findet Impulse für diesen Weg durchaus in der Literatur, die ja bekanntermaßen nicht von „dem“ Menschen spricht. Diese Hinweise Hampes verlangen eine weitere ausführliche Diskussion, er selbst verweist auf John M. Coetzees Roman „Elizabeth Costello“. Da wird deutlich, wie „Romanautoren“ selbst philosophische „Leistungen“ vollziehen.

Es sind oft auch einzelne, kleinere Passagen in Hampes Buch, die zu ausführlicherem Nachdenken und Debattieren einladen. So etwa, wenn er schreibt, das philosophische Experimentieren mit Begriffen aus der Überzeugung geschieht, „dass unser Sprechen und unser Leben so miteinander verbunden sind, dass eine gemeinsame Veränderung in unserem Sprechen auch eine Veränderung in unserem Leben darstellt“ (67). Noch deutlicher: Mit der Liebe zur Weisheit verbindet sich die Hoffnung, dass sich „unser Leben verbessern lässt, wenn wir unsere Sprache verändern“ (68). Die praktische Relevanz des individuellen Philosophierens, also der Pflege der Weisheit, wird so klar formuliert: „Durch Nachdenken zu einem besseren Leben“ zu kommen. Und das Nachdenken sich und anderen sagen, in Worten, die individuell berührend, in die Tiefe gehend sind, und deswegen verändernde Kraft haben können.

Viel Beachtung verdienen auch die Hinweise zu einer aus dem individuellen Leben heraus sprechenden Philosophie, die sich der Grenzen der begrifflichen Sprache bewusst ist: Und dann eher das Schweigen bevorzugt, aber nicht das beliebige Verstummen der Sprachlosen ist gemeint, sondern das wissende Schweigen derer, die ihr gemeinsames Schweigen verstehen und bejahen. Da werden Dimensionen der Mystik berührt oder Heideggers Hinweise zum „Erschweigen“ angesichts der Seinserfahrung. Interessant ist dabei der knappe Hinweis auf das Schweigen Jesu während seines Prozesses (381 f.).

Das Buch verlangt höchste Konzentration, und manchmal wünscht sich der Leser etwa kürzere, d.h. überschaubarere Sätze, um sozusagen nicht den „rationalen Atem“ zu verlieren. Aber der Leser wird von kritischen Hinweisen etwa zur Unkultur des Kapitalismus belohnt: „Indem Menschen sich als strategisch Handelnde in einer Konkurrenz um Ressourcen deuten, werden sie im Laufe der Zeit zu Personen, die vor allem strategisch handeln und denen alles als knappe Ressource erscheint“ (42). So werden Menschen verdinglicht…

Mit besonderem Vergnügen werden wahrscheinlich die Ausführungen über Sokrates gelesen, dem Inbild einer nicht-doktrinären Philosophie, so Hampe. Nicht das Aufstellen von Behauptungen sei für Sokrates zentral, sondern deren Infragestellung. „Er stellt Behauptungen in Frage, ohne sie durch vermeintlich bessere zu ersetzen“ (47).

Die Frage bleibt, ob dieses offene sokratische Infragestellen nicht doch von einem noch unthematischen Wissen her bestimmt ist. Auf die Angewiesenheit auch der nichtdoktrinären Philosophie eben nun doch auf gewisse Überzeugungen (Doktrinen?) wäre noch einmal später zurückzukommen.

Das Buch könnte meiner Meinung eine Art ausführliche Einleitung sein für die Entwicklung einer nicht-doktrinären Philosophie in vielen fogenden Büchern, die thematisch ausführlich behandeln was in dieser bislang eher marginalen Art des Philosophierens zu Themen wie „Mein Leben“, „mein Lieben“, „meine Welt“, „mein Gott“ usw. zu sagen Not tut.

Copyright: Christian Modehn

Michael Hampe, Die Lehren der Philosophie. Eine Kritik. Suhrkamp Verlag 2014. 455 Seiten. Leider ohne Namens – und Sachregister.