Ungehorsam ist eine Tugend. Zum Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon am 24. Juli 2015

Ungehorsam ist eine Tugend: Zum Gespräch im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin am 24. 7. 2015.

Einige Hinweise von Christian Modehn. Einen ergänzenden Kommentar von Bianca Weihrauch (Berlin) finden Sie am Ende dieses Beitrags, publiziert am 11.8.2015.

Philosophie kann auch die Bedingungen schaffen für die sichere Erkenntnis, dass Ungehorsam eine Tugend ist; eine Tugend des (privaten) Individuums und eine Tugend des Bürgers, gerade heute in Deutschland und innerhalb der Macht der „Trias“, die von schwachen Mitgliedsstaaten, wie Griechenland, Unterwerfung und Gehorsam verlangen. Zur recht spricht der Philosoph Jürgen Habermas vom Verlust der Demokratie dort durch die Vorschriften der Trias; der Publizist und Ökonomie-Spezialist Harald Schumann, Der Tagesspiegel, spricht überzeugend von der Herrschaft des Stärkeren, die sich in einer Art „Protektorat Griechenland“ ausdrückt.

Und die Deutschen finden sich nun ungewollt und ungefragt, durch die Verfügungen dieser Regierung (mit Herrn Schäuble), auf der Seite der „Stärkeren“ wieder, auf der Seite derer, die eben in der Sicht prominenter Wissenschaftler und Philosophen bereits post-demokratisch agieren. Was für eine Schande für ein Land, das sich selbst erst seit 45 Jahren in halbwegs demokratisches Leben eingewöhnt. Da hilft vielleicht die Einübung in das Verständnis des Ungehorsams. Deutsche müssen sich insgesamt noch von der tief sitzenden Unkultur des Gehorsams (man lese etwa „Der Untertan“ von Heinrich Mann) befreien. Erst inmitten dieser reflektierten und (selbst-)kritischen Kultur des Ungehorsams kann dann politische Praxis möglich werden. Damit ist von Anfang an deutlich, dass auch über die Tugend des Ungehorsams differenziert gesprochen muss: Wer meint, in seinem Ungehorsam die Menscherechte verletzen zu dürfen und etwa blutige Attacken auf Ausländer und Flüchtlingsheime verübt, ist nicht „ungehorsam“, sondern ein Verbrecher.

Die zentrale Einsicht ist: Es gibt eine enge und ständige Verbundenheit von Gehorsam und Ungehorsam. Das eine gibt es nie ohne das andere. Der Gehorsame kann sich nur frei und autonom zum eigenständigen Individuum entwickeln, wenn er ungehorsam wird. Und der Ungehorsame, wenn er denn nicht in totaler egoistischer Willkür leben will, wird auf seine Art auch gehorsam sein müssen. Aber wem gegenüber? Die Antwort ist klar: Dem Gewissen oder den Weisungen dessen, was Kant den Kategorischen Imperativ nennt oder auch den Menschenrechten gegenüber. Darum ist erst der diesen Menschenrechten „gehorsame Ungehorsam“ vernünftig. Aber der Ungehorsam ist sozusagen eine Bewegung, kein Stillstand. Immer neu gilt es im Dasein, ungehorsam neu einzuüben, gerade in Gesellschaften und Verhältnissen, die Resultat eines Ungehorsams (vielleicht einer Revolution sind). Der „etablierte Revolutionär“ ist ein Widerspruch.

Für eine weitere Reflexion zum Thema ist wichtig:

Ohne Gehorsam lernt kein Mensch – als Kind – den Umgang mit der Welt. Lernen heißt auch gehorchen. Gehorsam ist eine notwendige Voraussetzung für die Anpassung des Kindes an die Welt. Aber die Ablösung von der Gehorsamshaltung muss später erreicht werden, das ist auch Aufgabe der Eltern und der Erzieher.

Der reifer werdende Mensch auf dem Weg zur Autonomie muss die Vorgaben der Autoritäten prüfen: Blinder Gehorsam darf von einem vernünftigen Menschen NICHT und niemals geleistet werden. Er muss sich von den von außen vorgegebenen Formen der Anpassung und des Befehlens lösen.

Blinder Gehorsam folgt den irrationalen Ansprüchen bestimmter Macht-Autoritäten. Wer dem folgt, „will regiert werden“ (Erich Fromm). So bildet sich der autoritäre Charakter. In der gehorsamen Anpassung an den fremden Willen muss an die alte gefährliche Regel erinnert werden: „Wer einmal selbst befehlen will, muss zuerst gehorchen können. Gehorche heute, so wirst du morgen befehlen“.

Wer blinden Gehorsam leistet, kann diese Abhängigkeit sogar allmählich normal und beglückend finden. Manès Sperber spricht davon, dass den totalitären Systemen Menschen zustimmen, „willenlos Sklave zu sein und, wenn es die Führung verlangt, zu beschwören, dass die Sonne um Mitternacht auf geht“. Die Tyrannei lebt davon, dass die Untertanen die Tyrannei bejahen und ermöglichen. Auch in den „(post-) demokratischen Bürokratien“ werden die Menschen zum Gehorsam angehalten, den sie gern leisten, ohne dabei zu bemerken, wie fremdbestimmt sie sind. Dafür gibt es viele Beispiele: Wir gehorchen (= folgen) oft unreflektiert den Propaganda- und Werbesprüchen. Wir folgen schon wie selbstverständlich und oft unkritisch den Weisungen, Wegbeschreibungen usw. der Smartphones, die wir nie aus der Hand geben und permanent gläubig-gehorsam-harrend geradezu verehrend anstarren. Wir werden zum Konformismus erzogen und merken es oft nicht einmal. Wir sollen der Mode heute folgen, die morgen schon wieder eine andere ist. Modetrends leben vom Gehorsam. Wer ständig neue Moden schafft, will unser Geld…

Die Gesellschaften und Staaten wollen den gehorsamen, d.h. den folgsamen und bitte möglichst kritikfreien „stummen“ „Bürger“. Er soll dem System zustimmen und glauben, wenn Politiker als verlängerte Stimmen der internationalen Konzerne behaupten: „Es gibt keine Alternative“ zu dem, was die Konzerne und Weltbank usw. behaupten. Das System hat Interesse daran, die Bewohner eines Staates zu vereinzeln, jeder wird in vielen Bereichen zu einer Nummer. Jeder lebt für sich allein. Da kann dann Ungehorsam als gemeinschaftliche Aktion nur schwer entstehen. „Damit eine Herrschaft total sein kann, müssen alle Menschen einander entfremdet, ja einander Feind werden“, so Manès Sperber.

Eine Erinnerung an Kants Schrift von 1784, „Was ist Aufklärung?“: „Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es andern so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein“.

Ohne Mut gibt es keinen Ungehorsam. Mut ist die Tugend, die Ungehorsam möglich macht. „Ohne den Mut kann man eben bei sich und bei anderen dem Schlimmsten nicht wehren“ (André Comte- Sponville, Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben, 2001, S. 66). „Mut ist nicht Wissen, sondern Entscheidung, nicht Meinen, sondern Handeln“, so zitiert Comte-Sponville den Philosophen Jankélévitch (67) „Mut ist die Weigerung, beim Denken der Angst nachzugeben“ (S. 68). Comte- Sponville erinnert an den Aufstand des Warschauer Gettos: „Warum in solcher Lage kämpfen? Weil man kämpfen MUSS. Weil alles andere unwürdig wäre. Aristoteles schreibt: Der mutige Mann handelt aus dem Beweggrund der Sittlichkeit, aus Liebe zum Guten“ (73).

Mutig kann nur sein, wer sein Leben im ganzen sinnvoll getragen weiß von einem „Grund“, der umfassender ist als das Alltagsgeschehen. Von diesem Grund wissen wir uns immer schon getragen in unseren alltäglichen Entscheidungen. Wir leben dann von der Überzeugung, diese Entscheidung, dieses Nein, so bescheiden auch immer, ist im ganzen meines Lebens sinnvoll. Ist sinnvoller, als zu schweigen, als wegzusehen, Mitläufer zu sein. Voraussetzung für wirksamen Ungehorsam ist darum die Gruppenbildung. Und das lebt heute, auch politisch, man denke an „Podemos“ in Spanien, an Attac, an Syriza, an neue Formen des Konsumierens, des Verkehrs usw.

Erich Fromm nennt den Ungehorsam eine revolutionäre Einstellung, damit meint er die Loslösung und Befreiung, von den Bindungen an Blut und Boden, von seiner Mutter und seinem Vater, von besonderer Treue zu Staat, Klasse, Rasse, Partei oder Religion“ (in Funk, „Mut zum Menschen“, S. 129). „Der revolutionäre Charakter ist fähig, NEIN zu sagen, er ist zum Ungehorsam fähig“ , Erich Fromm.

Der ungehorsame Mensch ist auf dem Weg zur Autonomie. Aber er bindet sich in der Lösung vom autoritären Gehorsam an Werte des Humanismus. „Das einzige, wozu sich der Ungehorsame bekennen kann, ist ein universaler Humanismus“ (ebd.)

Ich denke, man muss dieser Erkenntnis den exklusiven Charakter nehmen, so, als wären wir nur höchst selten mal ungehorsam. Ich meine, wir sind immer schon im Alltag ungehorsam, wenn wir uns schon in „bescheidenen“ Entscheidungen anders verhalten als die Mehrheit. Oder wenn wir Notlügen benutzen, einen inneren Vorbehalt haben und den auch ausleben usw. Nur wenn wir erkennen, dass wir immer schon ungehorsam waren und sind, entdecken ir die schon vorhandene Energie, bei wichtigen Themen ungehorsam sein. Der Geist als das Überschreitende, Transzendierende, ist wesentlich ungehorsam. Das hießt: Wir sind mit unserem Geist wesentlich immer schon ungehorsam.

Aber, noch einmal, nicht jeglicher Ungehorsamist in sich schon wertvoll. Auch der Terrorist glaubt in seiner irrigen Sicht ungehorsam sein zu dürfen. Maßstab des humanen und vernünftigen Ungehorsams sind humanistische Werte. Wir meinen konkreter: Die Menschenrechte, deren Respekt auch die individuelle Befreiung fördert.

Dieser Maßstab gilt selbstverständlich auch für die Religionen: Kadavergehorsam etwa darf es in keiner Religion, die den Naen verdient, geben, in keiner Kirche und Gemeinschaft. Im Jahr 1558, zwei Jahre nach dem Tod des Ordensgründers, des Ignatius von Loyola, wurde vom Papst die Ordensregel der Jesuiten approbiert, darin heißt es zum Thema Kadavergehorsam: „Wir sollen uns dessen bewusst sein, dass ein jeder von denen, die im Gehorsam leben, sich von der göttlichen Vorsehung mittels des Oberen führen und leiten lassen muss, als sei er ein toter Körper, Kadaver, der sich wohin auch immer bringen und auf welche Weise auch immer behandeln lässt, oder wie ein Stab eines alten Mannes, der dient, wo und wozu auch immer ihn der benutzen will.“ (Deutsche Übersetzung von Peter Knauer SJ).

Heute sind die Jesuiten offenbar weit entfernt, noch den Kadavergehorsam zu respektieren. Kritische Geister sind unter den Jesuiten heute zahlreich. Aber immer noch haben sie ein eigenes Gelübde, das den besonderen Gehorsam gegenüber dem Papst betont. Aber es gibt Gruppen in den Kirchen, vornehmlich der römischen, die den blinden Gehorsam immer noch praktizieren, da könnten genauere Studien etwa zu den „Legionären Christi“ oder dem „Opus Dei“ vieles deutlich machen.

Es wäre eigens über die biblischen Mythen zum Thema Gehorsam zu berichten, etwa über die Bereitschaft Abrahams, seinen viel geliebten Sohn Issac auf Gottes befehl hin zu töten, zu opfern. Es wäre vor allem darauf hinzuweisen, dass diese Kindestötung durch den Eingriff eines Engels verhindert wird. Beginnt damit in Israel eine Geschichte der Gewaltfreiheit und der Abwehr, die eigenen Kinder zu töten? Im Buch der Richter im AT wird im 11. Kapitel noch berichtet, wie der Richter Jiftach seine Tochter tötet, und diese sogar zustimmt, weil es sich um ein Gott wohlgefälliges Opfer handelt. Das Buch der Richter wurde in dieser Form etwa um 450 vor Chr. geschrieben bzw. zusammengestellt!

Ein weiteres Thema wäre: Ungehorsam als Quelle der Kreativität. Künstler können ohne Ungehorsam (gegen vorgebene Trends und Traditionen, man denke an die Sezessionen) gar nicht leben. Viele Künstler müssen heute hingegen „gehorsam“ sein und den Moden der Kunst entsprechen, um über-leben zu können. Und auch in der Wissenschaft ist das Nein zu dogmatischen Überzeugungen der Sprung in eine Qualität der Forschung. Selbst die Theologie hat das Nein und den Ungehorsam nicht ganz vergessen: Was wäre die Reformation ohne den Ungehorsam Martin Luthers zum römischen System? Werden die religiösen Menschen, auch die Christen, den Ungehorsam heute nicht nur theoretisch wieder entdecken, sondern auch praktisch leben, in der Ökumene etwa, und einfach bestehende Kirchen-Gesetze (wie das Verbot eines ökumenischen Abendmahls) überspringen und beiseite schieben? Es sieht aber nicht danach aus, dass dieser Mut und dieser Ungehorsam zumindest im ängstlichen und gehorsamen Deutschland eine Chance hat. Das Reformationsjubiläum 2017 könnte ja auch ein Jahr des reformatorischen Ungehorsams sein. Aber daran denken vielleicht einige, sie wollen sich als gut bezahlte Kirchenfunktionäre nur nicht ihre Karriere verderben.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

BIANCA WEIHRAUCH sendet diesen Kommentar:

Beim Lesen Ihres Textes fiel mir immer wieder das bekannte kleine Essay

„Empört Euch!“ von Stéphane Hessel ein, wegen des Aufrufs zum Ungehorsam

gegen jene Systeme, die unsere Menschenrechte gefährden und auch wegen

seines klarsichtigen Hinweis (der ja auch so in unserer Diskussion

betont wurde), dass man sich in unserem heutigen globalisierten und

digitalisierten Zeitalter nur noch in einem Bereich entschlossen

einsetzen muss und kann, da die Gesellschafts- und natürlich auch die

Herrschaftsstrukturen für etwaige „Pauschal-Revolutionen“ viel zu

Komplex geworden sind.

Ich denke gerade dieses Büchlein ist eines der wenigen, das unsere

Generation dazu veranlasst hat, für grundlegende Werte einzutreten und

unsere Meinung zu vertreten. Deshalb wollte ich es hier gerne noch

einmal anmerken.

Auch den Gedanken, dass wir Deutschen den Ungehorsam erst einüben müssen

fand ich interessant. Ich hatte das Buch „Ungehorsam als Tugend“ von

Peter Brückner gelesen, der sogar von einer „Pathologie des Gehorsams“ als

endemische deutsche Krankheit gesprochen hatte (da ich Freunde in Irland

und Frankreich habe, die über die „preußische“ Gehorsamsmentalität nur

lachen, kann ich diese Definition leider bestätigen).

Ich denke, dass unsere heutige Arbeitswelt im ach-so-reichen und

international herausragenden Deutschland, dazu beiträgt, diese

Mentalität zu verschärfen. Dazu der Hinweis auf den folgenden Artikel:

http://www.zeit.de/karriere/2015-05/generation-y-mythos-leiharbeit-befristetung-unbezahlt-praktika/komplettansicht?print=true

 

 

 

 

 

Wenn ich Nein sage: Mittelpunkt der Lebensphilosophie

Wenn ich Nein sage: Mittelpunkt der Lebensphilosophie

Hinweise anlässlich einer Begegnung mit der Amsterdamer Philosophen-Gruppe aus der Gemeinde „de Vrijburg“ am 17.4.2015 in Berlin.

Von Christian Modehn

Das Nein-Sagen ist meines Erachtens bisher kein explizites Thema in den Philosophien. Wenn ich mich da irre, bitte ich um korrigierende Mitteilungen. Natürlich wird das Nein im Zusammenhang der Dialektik, des Skeptizismus, des Nihilismus diskutiert. Uns interessiert hier das viel elementare Neinsagen als Praxis im Dasein in der Welt, als Vollzug der „Lebensphilosophie“.

Es gibt philosophiehistorische Hinweise, die auch Bausteine bieten könnten für ein systematisches Bemühen um eine Philosophie des Nein. Der bekannte Bonner Philosoph Heinz Robert Schlette bietet in seinem Buch „Notwendige Verneinungen“ (DJRE Verlag, Königswiner, 2010) einige Hinweise: Die Philosophie der Aufklärung hat sich als NEIN- Sagen verstanden, betont er. Ohne das Nein zum autoritären Regime, zum ancien régime, hätte es keine Französische Revolution gegeben. Später wird Albert Camus den rebellischen Menschen (l homme révolté) als den Menschen definieren, der Nein sagt.

Wer das NEIN als Grundvollzug des Philosophierens thematisiert, folgt einer Erkenntnis, die manche vielleicht selbstverständlich, „banal“ finden. Philosophieren bezieht sich aber immer auf das angeblich Selbstverständliche, angeblich so Vertraute, und es zeigt dann aber, wie befremdlich und neu das Vertraute dann doch in vertiefter Reflexion ist.

Es gehört zum Kern des Humanen: Der Mensch kann Nein sagen. Und er kann Nein sagen, weil er reflektiert. D.h., weil er sich auf das bezieht, was er ist, weil er sich selbst „betrachten“ kann als ein Wesen, das sich immer schon in der Welt aufhält und immer schon vor Entscheidungen gestellt ist und sich auch entschieden hat für eine bestimmte Lebenspraxis. In dieser Wahl einer bestimmten, individuellen Lebenspraxis oder eines bestimmten individuellen Lebensentwurfes wird selbstverständlich immer als Voraussetzung dafür NEIN gesagt zu mehreren Möglichkeiten. Mit der Entscheidung selbst wird dann – oft auch nur vorübergehend- Ja gesagt zu einem Lebensentwurf.

In dieser Reflexion wird schon deutlich: Vieles, was uns umgibt, vieles, was uns bestimmt, vieles, was wir bereits selbst leben, ist eigentlich von uns selbst abzulehnen. Weil es nicht unseren aufrechten tiefen Selbstbild entspricht, nicht unsere tief sitzende wahre Vorstellung vom eigenen Leben in Freiheit und Würde fördert. Die Frage ist, warum so viele Menschen diese – traurig stimmende – Erfahrung machen und doch nicht in der Lage sind und die Kraft haben, NEIN zu sagen. Sie folgen vielleicht aus Bequemlichkeit der Anpassungsbereitschaft an die Masse und weigern sich, ihr eigenes und persönliches Nein zu sagen. Sie weigern sich damit aber auch, eigenständige Personen zu werden.

Um so mehr verdienen Menschen, wie jetzt aus aktuellem Kino-Anlass, etwa Georg Elser alle Hochachtung und Zuneigung. Georg Elser hatte die Kraft, gegen alle, die aus Ignoranz, Hass oder Bequemlichkeit Ja sagten zum Wahnsinn der Nazi-Deutschen, eben auch praktisch NEIN zu sagen.

Wichtig ist: Das Neinsagen geschieht nicht um des Neinsagens willen;  das gilt nur für Menschen, die dem Nihilismus verpflichtet sind. Bei den anderen, wohl den meisten, steht das Neinsagen im Dienst eines größeren Ja. Ein Ja zu einer anderen Welt, zu einem besseren Ich. Das Neinsagen ist eine Art geistige Bewegung, die mich zu einer authentischeren Existenz hin führt.

Wer das Nein auf diese Weise schätzen und praktizieren lernt, erlebt wohl ein bewusstes Leben. Ich nehme die Zustände des eigenen Lebens wie der Welt wieder wahr in ihrer Ambivalenz und auch in ihrem negativen Charakter. Ich sehe: Was bisher als normal gilt, muss nicht wahrhaft gut sein und menschenwürdig. Im Nein wird eine Grenze angesprochen. Diese Grenze will ich nicht überschreiten. Sie ist nicht akzeptabel. Ich sage: Das geht zu weit.

Um das Menschliche und Geistvolle in mir zu schützen, muss ich Nein sagen können. Nein sagen zu einer Politik, die von Gerechtigkeit spricht, tatsächlich aber nur das Wohlergehen der ohnehin schon Reichen fördert. Das Neinsagen müssen wir pflegen zu allen propagandistischen Verlogenheiten, etwa wenn groß tönend die Flüchtlinge im Mittelmeer gerettet werden sollen, aber praktisch politisch Monate lang nichts geschieht, diesen armen Menschen umfassend beizustehen.

Wir haben den Eindruck: Das Nein Sagen ist andererseits auch allgegenwärtig in den Gesellschaften, in den Staaten, in den Religionen wohl hoffentlich auch. Es gibt ja auch so wenige Erfahrungen, wo ein halbwegs nachdenklicher Mensch heute noch Ja sagen kann etwa bei himmelschreienden Zuständen in der Gesellschaft, im Staat, den Kirchen als bürokratischen Institutionen usw.

Die Frage bleibt brisant auch angesichts der vielen radikalen, nihilistischen Neinsager aus Kreisen, die eher den Gesamtzusammenhang unserer halbwegs noch zivilisierten Rest – Welt in die Luft sprengen wollen. Auch dieses zerstörerische Nein, das schon kein positives Ja mehr als Zielpunkt ist, das ist gegenwärtig. Dazu gilt es Nein zu sagen, indem man diesen Menschen zeigt, dass eine humane Gesellschaft auch noch ihnen – nach Abkehr vom Wahn – Raum zum Leben bietet…

Die Frage ist also philosophisch brisant: Wie kann ich die richtige Unterscheidung treffen und erkennen, ob ein Nein berechtigt ist, mehr noch: richtig und gut, in dem Sinne, dass es neue humanere Lebensmöglichkeiten erschließt?

Ich habe einen eher „einfachen“ Vorschlag, der sich der Philosophie Kants verdankt: Das Kriterium, ob (m)ein Nein zu bestimmten Zuständen moralisch berechtigt ist, ist der Kategorische Imperativ: Also die Auseinandersetzung mit der Frage: Kann mein Wollen, mein Nein Sagen, auch meine entschiedene Zurückweisung einer Haltung, einer Sache, also meine Lebensmanxime, allgemeines Gesetz werden?

Das kann man natürlich an zahllosen Beispielen des Nein Sagen praktisch durcharbeiten. Nehmen wir als eine beliebige Möglichkeit etwa die Meinung: Tempobegrenzung auf Autobahn sei falsch. Wir sagen dazu Nein, weil es ohne Tempobegrenzung zu viele Unfälle gibt. Und die elitäre Auto-Lobby: Sie tritt für die absolute Tempofreiheit ein, die wiederum von der Regierung (die Autoindustrie schafft ja Arbeitsplätze etc) gestützt wird…Oder: Die Vertreibungen von Mietern aus Wohnungen, aus spekulativen Gründen, seien korrekt, weil sie doch nur Ausdruck des so genannten freien Marktes sind: Wir meinen dazu aus philosophischer Sicht: Da muss Nein gesagt werden, weil auf diese Weise Menschen aus ihrer angestammten Heimat vertrieben werden, sie werden wie Objekte behandelt; kein Spekulant möchte das selbst erleben, siehe Kant: Kategorischer Imperativ. Es könnte eine neue Kultur des NEIN entwickelt werden, wenn die selbstkritische Reflexion einen höchsten Stellenwert hätte, und nicht der ökonomische Profit….

Wir leben aber in einer Welt mit vielen großen weltweiten Bewegungen des NEIN (die den Hintergrund eines großen Ja haben, im Sinne eines Humanismus). Man könnte an die Occupy-Bewegungen denken, an Basisinitiativen, soziale Netzwerke, auch an „Podemos“ in Spanien. Viele folgen noch den Inspirationen von Stephane Hessel und seinem Aufruf „Empört euch“.

Diese und viele andere soziale Bewegungen sagen Nein zu einer weltweit propagierten Ideologie: Es gebe keine Alternative mehr zu der jetzt so bestehenden Welt. Das ist ja das Glaubensbekenntnis von Madame Thatcher gewesen: There is no alternative, abgekürzt: TINA

Philosophien können nicht in die unmittelbare Lebensberatung einsteigen, sie setzen auf die Selbsterkenntnis des einzelnen angesichts der beschriebenen Erfahrungen. Dennoch: Wo und wie kann ich mich in meinem NEIN wirksam gesellschaftlich und für mich seelisch/geistig stabilisierend einsetzen?

1. Jeder und jede sollte sein eigenes soziales und politisches Nein leben, ein konkretes Nein. Und dieses Nein ausdrücken in einer Gemeinschaft, die zu seiner/ihrer persönlichen Biographie passt: Also: Ein Arzt kann sein Nein am ehesten ausdrücken, wenn er sich für medizinische Bewegungen einsetzt, die dem Hungertod Widerstand leisten usw. Was er in diesen Widerstandsbewegungen erlebt, kann ihm persönlich weiterhelfen, er macht neue Erfahrungen, lernt neue Menschen kennen. Das Neinsagen eröffnet einen kreativen Raum eines interessierten Lebens.

2.Tatsächlich ist ein noch umfassenderes Engagement möglich: Warum kann man sich nicht in die Welt der Online Kampagnen einschalten? Siehe etwa change.org .

Wichtig ist, noch einmal gesagt, die Erkenntnis: Wir leben oft unthematisch immer schon im Ja. D.h. wir sagen zu unserem Leben, wie es nun einmal ist, (oft notgedrungen) Ja. Dies ist die Basis allen Lebens und dann auch aller Lebensfreude. Dieses Ja zu vertiefen, zu erweitern, kommunikativ zu pflegen, ist Aufgabe des je neu gesprochenen und gelebten NEIN….

Noch ein Wort zum Thema „Religion und Nein sagen“. Auch das religiöse Leben lebt seit alten Zeiten vom Nein Sagen. Die 10 Gebote sind ja auch Ausdruck des Nein Sagens, ganz elementar: „Du sollst nicht töten“.

Es gibt aber auch gängige und schon selbstverständliche religiöse Werte, die man im Sinne des Nein kritisch hinterfragen muss: Ich denke etwa an den Begriff und den Wert der Toleranz. Er ist nicht mehr als eine erste Stufe im Miteinander der Gesellschaft. Und deswegen als Anfang sicher wichtig. Toleranz heißt aber auch weitergehend, dass ich nicht alles tolerieren darf. Ich kann die Feinde der Toleranz nicht tolerieren.

Aber: Es kommt auf Respekt an, respektieren kann ich nur einen, der den Respekt respektiert. Wir müssen gemeinsam den Respekt lernen.

Nebenbei: Wir Deutsche wissen oft gar nicht, dass wir im Grundgesetz Paragraph 20, Absatz 4, ein Widerstandsrecht haben gegen jene, die die demokratische Ordnung zerstören wollen. Der Absatz heißt: „Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Wir müssen in einer philosophischen und theologischen Spiritualität auch lernen, zu Gott Nein zu sagen: Also: Nein sagen zu den vielen infantilen Gottes-Bildern. Nein sagen zu dem ideologisch missbrauchten Gott. Insofern geht es auch um ein Ja zur Blasphemie!

Zum Schluss ein Hinweis auf KANT: „Eine Regierung, die ihre Bürger wie unmündige Kinder behandelt, selbst wenn es unter dem Titel der Fürsorglichkeit geschieht, ist für Kant der Inbegriff der Despotie“ (in Enzyklopädie Philosophie, S 2993, Beitrag Matthias Kaufmann). Unmündige Kinder sind jene, die nicht qualifiziert Nein sagen können, sondern alles annehmen, was „Vater Staat“ oder „Mutter Kirche“ befehlen…

Diese wichtige Erkenntnis muss selbstverständlich auch auf die Religionen und Konfessionen angewendet werden:

Viele fromme und auch atheistische Seelen leben auch zweifellos im Zustand der Despotie. Und sie merken es nicht einmal, sondern sind glücklich von Klerikern, Rabbiner, Imams, Gurus, Meistern usw. beherrscht (oder bemuttert) zu werden. Es ist der Fehler religiöser und weltanschaulicher Institutionen und der mit ihnen verbundenen staatlichen Systeme, dass sie aus Gründen des Machterhalts das NEIN SAGEN nicht als einen der höchsten (auch religiösen) Werte lehren, verbreiten, besprechen, pflegen. Wann werden Gottesdienste gefeiert, die die Spiritualität und Mystik des Nein pflegen und feiern?

Ein wahres Ja zum Leben, zu einem freien und humanen Leben, erreichen wir nur im ständigen Nein. Auch zu vielen Aspekten, die wir leben, um ein größeres Ja zu gewinnen, zu dem wir dann eines Tages – um des wachsenden geistvollen Lebens willen – wieder Nein sagen….

copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.