Kritische Hinweise zu Papst Franziskus – nach einem Jahr

Den Papst kritisieren: Ein Hinweis:    „Ein Jahr Papst Franziskus“.

Von Christian Modehn

Der folgende Beitrag wurde zuerst in ähnlicher Form in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM (am 28.2.2014) veröffentlicht. Am Ende des Beitrags hier finden Sie einige weitere Aktualisierungen zu der Frage: Ist Papst Franziskus tatsächlich ein Reform-Papst?

Bisher sieht es so aus, als würden alle halbwegs progressiv gestimmten Katholiken zu einem neuen Ultramontanismus neigen, zu einem  jubelnden Bekennen wie einst in Zeiten des Kulturkampfes im 19. Jahrhundert: „Der Papst ist der größte“. Jenseits der Alpen, ultra montes, da gibt es den guten Herrscher…. Und dann kann man das Lied anstimmen, wie damals in Holland: „Römisch das sind wir, römisch das bleiben wir“.  „Treu zu Rom“ sangen die deutschen Katholiken, vielleicht sollte man das Lied wieder hervorholen?

Es gibt jedenfalls eine Art heilige Scheu, diesen Papst zu kritisieren. Dabei sollen seine persönlichen Leistungen nicht geleugnet werden: Sein eher bescheiden wirkendes Leben, den Verzicht auf das Wohnen im Renaissance-Palast, das Füßewaschen von Gefangenen (auch Frauen!), der Mut, die katholische „Basis“ nach der Einschätzung der katholischen Moral wenigstens zu fragen, selbst wenn der Papst und mit ihm die Kurie gleichzeitig sagt: „Da kann eigentlich nichts geändert werden“. Das heißt: Die Umfragen offenbaren aus vatikanischer Sicht eher ein „falsches Bewußtsein“. Dass in der Abweisung der katholischen Moral der „Heilige Geist“ an der Basis sich machtvoll Ausdruck verschafft und auf Änderung drängt, um es theologisch zu sagen, auf diesen Gedanken kommen weder der Hof  (die Curie) noch die Bischöfe. Früher gab es einen gewissen Respekt für den Begriff „sensus fidelium“. Im 2. Vatikanischen Konzil aber behauptete der Klerus explizit: Diesen sensus fidelum, diesen Glaubenssinn (der Basis, der Laien) den interpretieren und deuten selbstverständlich nur wir Kleriker in Rom und anderswo. Solche „Reformbeschlüsse“ des 2. Vatikanischen Konzils, des „Reformkonzils“, werden gern vergessen.

In jedem Fall, so scheint es, will sich der eher progressive Teil des Katholizismus jetzt bestimmte Illusionen nicht nehmen lassen angesichts von Papst Franziskus. Merkwürdiger noch sind die konservativen Verteidiger des ancien régime unter Benedikt dem XVI., diesem (angeblichen) „Mozart unter den Theologen“, diesem „feinen Geist“ und Augustinus Freund; diese Leute vom ancien régime kritisieren Papst Franziskus auf polemische, manchmal hinterhältige Weise. Man ahnt, in welcher Gesellschaft er sich befindet.

Es muss aber unter Journalisten in  Deutschland und überall in der Welt möglich sein, auch eine angebliche Lichtgestalt wie Papst Franziskus außerhalb von Heiligenlegenden und Huldigungen zu betrachten, selbst wenn man sich als Journalist einer modernen, einer neuen liberalen und  kritischen Theologie verpflichtet weiß, wie der Autor dieser Hinweise.

Zum Text selbst, der in sehr ähnlicher Form in PUBLIK FORUM veröffentlicht wurde:

Die Konservativen haben ihren Papst und die Reformer haben ihren Papst. Denn Franziskus will der Liebling aller sein. Die einen jubeln, wenn er Erzbischof Gerhard Müller, den obersten Glaubenshüter, zum Kardinal ernennt. Die anderen dürfen sich über seine „kollegiale Wende“ freuen, weil er sich von 8 Kardinälen beraten lässt. Die einen begeistern sich für seine dogmatisch „festen“ Predigten, die er in der Kapelle seines Domizils Santa Marta hält. Bei den anderen weckt er politische Leidenschaft, wenn er die Sache der Flüchtlinge zu seiner eigenen macht. Der Apostel Paulus nannte diese Haltung „allen alles werden“. Sie ist auch für Ignatius von Loyola, dessen Orden Jorge Bergoglio angehört, ein Leitprinzip.

Mitten in der Kirchenkrise und nach der eher frustrierenden Herrschaft Benedikt XVI., inszeniert Papst Franziskus seine Offensive des Charmes, des Lächelns, der Nähe. Wenn er schlichte Lebensweisheiten verbreitet, sind ihm die  Sympathien sicher. Am Valentinstag empfahl er den Eheleuten, niemals im Streit abends ins Bett zu gehen… In seiner argentinischen Heimat wird er bereits wie ein Heiliger verehrt: „Bescheiden, intelligent, zärtlich, stark, ehrlich und entschieden“ nennt ihn die dortige Theologin Nancy Raimondo.

Aber seine Menschenfreundlichkeit steht im Dienst einer größeren Sache: „Ich träume von einer missionarischen Entscheidung“, so in seinem Schreiben „Evangelii gaudium“, „die fähig ist, alles zu verwandeln“. Verändert werden sollen Gewohnheiten, Strukturen, Zeitpläne, Sprachgebrauch in der Kirche. Franziskus will durch seinen Eifer die Kirche wieder stark und attraktiv machen.

Seit den ersten Stunden seines Pontifikats wiederholt er unermüdlich: “Wie sehr wünsche ich eine Kirche für die Armen“. Sympathische Worte, wer könnte im Ernst etwas dagegen haben? Genauer betrachtet, wird diese Sehnsucht aber kaum präzisiert. Es wird kein Programm entwickelt, wie Armut in der Kirche realisiert werden kann. Das Hauptproblem liegt bei dem „FÜR“. Denn eine Kirche FÜR die Armen im Sinne des Papstes steht den Armen noch caritativ -helfend gegenüber. Hingegen entspräche das Motto „Eine Kirche DER Armen“ oder „eine Kirche MIT den Armen“ der Forderung der 500 Konzilsväter, die sich im so genannten „Katakombenpakt“  im November 1965 verpflichteten, radikal eine arme Kirche zu gestalten. Eine Kirche FÜR die Armen kann sogar noch Machtansprüche verbergen: Wenn etwa die Kirche als eine Art starke Volks – Bewegung verstanden wird, als Konkurrenz zu den eher linken „Volksbewegungen“ in Venezuela, Ecuador und Bolivien. Darauf hat der argentinische Philosoph und Theologe Rubén Dri hingewiesen.

Unklar bleibt, wie sich denn Franziskus eine gerechte Weltgesellschaft konkret vorstellt. Der entscheidende Ziel-Begriff  könnte heißen „Zivilisation der Armut“: Sie ist nur möglich mit „unvermeidlichen Einschränkungen im Lebensstil der reichen Länder“ (P. Martin Maier SJ). Konkrete Schritte zur Veränderung des Lebensstils der reichen Kirchen des Nordens hat Papst Franziskus bisher nicht beschrieben, geschweige denn durchgesetzt. Die päpstliche Bank will er zwar transparenter gestalten, sie soll nicht länger kriminellen Geldwäschern zur Verfügung stehen. Auch über die vatikanische Güterverwaltung, inklusive des Immobilienbesitzes, will der Papst mehr Klarheit: Aber es findet kein Nachdenken statt, warum denn ein Papst überhaupt eine Bank und ein Millionenvermögen braucht. Die uralten  vatikanischem Strukturen mit ihrem „Filz“ stoppen offenbar den Enthusiasmus des Papstes. Tief greifende Reformen hat er ja  am 4. Juli 2013 gewagt anzudeuten: „Selbst im Leben der Kirche gibt es alte und überholte Strukturen: Wir müssen sie erneuern“. Es fällt auf, dass der Papst vor allem in den ersten Monaten seines Pontifikates zu mutigen, man möchte sagen „radikalen“ Worten fand. Hat er jetzt Angst vor der eigenen Courage oder vor den Nachstellungen der Curie, des päpstlichen Hofes? Wie stark ist der Einfluss des Ultra-Orthodoxen Kardinals Müller? Er betonte am 12. Februar 2014 in diplomatischer Deutlichkeit: „Das Wichtigste ist freilich, dass unsere Kongregation (die Glaubensbehörde) dem Papst in seinem Petrusdienst zur Seite steht und ihm in seinem Lehramt zuarbeitet“.

In den letzten Wochen ist tatsächlich eine Zunahme „behutsamerer Formulierungen“ bei Franziskus zu beobachten: Zu wiederverheiratet Geschiedenen oder zur homosexueller Liebe vertritt er jetzt den uralten Standpunkt. Am 16. Januar 2014 sagte er: „Einen Christen ohne Kirche versteht man nicht. Auf Christus zu hören, nicht aber auf die Kirche, das geht nicht“.  Im Interview mit den Jesuitenzeitschriften vom August 2013 waren noch offenere Worte zu hören: „Gott ist im Leben jeder Person, im Leben jedes Menschen“. Auch der Mystiker Meister Eckart hat dies gelehrt, für ihn wurde dann aber die Kirche nicht mehr so wichtig.

Ist das theologische Profil des Papstes also zwiespältig und diffus? In dem Interview für die Jesuitenzeitschriften vom August 2013 konnte er noch sagen: „Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben“. Diese nicht so selbstverständliche Forderung illustrierte er damals mit einem Hinweis auf einen gewissen Respekt vor Homosexuellen: „Wir treten hier in das Geheimnis der Person ein. Gott begleitet die Menschen durch das Leben und wir müssen sie begleiten und ausgehen von ihrer Situation“.  Zu den Prinzipien katholischer Sexualmoral befragt, sagt er kurz und bündig: „Man muss nicht endlos davon sprechen“.  Da hatten die Leser den Eindruck: Die katholische Morallehre will der Papst zwar nicht nach den Prinzipien der Vernunft und Menschlichkeit neu formulieren und  korrigieren. Er macht es sich in gelegentlichen Äußerungen einfacher und empfiehlt, von den alten Lehren einfach nicht zu viel zu reden. Wird so ein altes  Motto katholischer Alltagsmoral beschworen: „Nach außen hin orthodox, nach innen liberal“?  In dem Buch „El Jesuita“ (Buenos Aires 2010) erzählt Kardinal Bergoglio selbst einen Witz: Zwei Priester diskutieren, ob ein neues Konzil den Pflichtzölibat aufheben wird. Da sagt der eine Priester: “Ich meine ja. Aber in jedem Fall werden wir das nicht mehr erleben. Sondern nur UNSERE Kinder“.

Wichtiger als solche Witzchen wäre es zu erfahren, wie sich der Papst die Zukunft der Kirche in Europa vorstellt angesichts des unbestrittenen Aussterbens des Klerus in vielen Ländern. Wie lange kann da ein Papst noch am Zölibatsgesetz festhalten? Mit einem Wort könnte er es abschaffen.

Die „einfachen, schlichten Gläubigen“, die er ohnehin ganz besonders liebt, werden auf andere Themen verwiesen, etwa auf die Marienverehrung. Sie ist die innere, die „intime“ Mitte seines Lebens. Sein Pontifikat hat er sofort unter den Schutz der Madonna von Fatima (Portugal) gestellt. Der Ort ist wegen seiner mysteriösen, apokalyptischen Visionen Marias bekannt. Auch Papst Johannes Paul II. verehrte diesen Ort. Und nur wenige Stunden im Amt, ist Papst Franziskus zum Gnadenbild von Santa Maria Maggiore geeilt. Der Jesuit Jorge Bergoglio war vom Kult der „Maria als Knotenlöserin“ begeistert. Das Bild entdeckte er in Augsburg und verbreitete es in Argentinien. Es zeigt die himmlische Mutter, wie sie Knoten entwirrt, die einen langen Faden unbrauchbar machen.

Dieser spirituellen Mittelpunkt wird sichtbar in dem Schreiben „Evangelii Gaudium“ : Nachdem der Papst „die Ungleichverteilung der Einkünfte“ und die „absolute Autonomie der Märkte“ gegeißelt hat, preist er Maria unvermittelt in klassischen Formeln als „Mutter der Liebe und „als Braut der ewigen Hochzeit“, dies nicht zur poetischen Erbauung, sondern als Orientierung. Mit Maria will er die Revolution der „Zärtlichkeit und Liebe“ beginnen. Spiritualität und politisches Handel werden verbunden! Von Menschenrechten spricht der Papst in „Evangelii Gaudium“ erst etwas ausführlicher, wenn er den Schutz „der ungeborenen Kinder“ fordert. Ohne differenzierter zu untersuchen, wann denn personales Leben im Mutterleib beginnt, meint der Papst pauschal: Abtreibung muss verboten sein, denn sie „vernichtet menschliches Leben“. Aber um allen gerecht zu werden, fordert er, Frauen angemessen zu begleiten, wenn sie den Schwangerschaftsabbruch wünschen.

Insgesamt, so betont die Befreiungstheologin Yvon Gebara (Brasilien), hat Franziskus keinen Blick für die Leistungen der Frauen in den feministischen Bewegungen. Ähnlich denkt der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto OP., er hält den Jubel seines Kollegen Leonardo Boff über den so wunderbar  progressiven Papst Franziskus für übertrieben. Franziskus schickt zwar im Januar 2014 ein nettes Grußwort zum Kongress der brasilianischen Basisgemeinden. Aber er geht mit keinem Wort auf die Forderung dieser Gemeinden ein, aus ihren eigenen Reihen Frauen und Männer für die Leitung der Eucharistie zu bestimmen. Fast gleichzeitig unterstützt er „fürs Volk“ die Verehrung der angeblichen Knochenreste des heiligen Petrus im Vatikan.

Über die Rolle des Jesuitenprovinzials Jorge Bergoglio  während der argentinische Militärdiktatur (1976 –83) gibt es immer noch keine Klarheit. Der Papst hat kein vorrangiges Interesse an Aufklärung und gesteht nur: „Oft werfe ich mir vor, nicht genug getan zu haben“, so in dem Buch „El Jesuita“. Er gibt zwar zu, eine Messe „vor der Familie des Diktators Videla in privatem Rahmen gehalten zu haben“. Dabei wollte er den Aufenthaltsort gefangener Priester erfahren. Ob ihm dies der Diktator mitteilte, verrät der Papst nicht. Gegenüber seinen Kritikern kann er nur – herablassend – sagen: „Herr, lehre mich, gegenüber dem Spott zu schweigen“. Der Befreiungstheologe Pater Jon Sobrino SJ meint: „Pater Bergoglio hatte jedenfalls nicht den Mut eines Erzbischof Romero“.  Der argentinische Philosoph Professor Enrique Dussel betont: „Bergoglio hat vieles unterlassen in der Zeit der Diktatur“.

Ein Jahr Papst Franziskus: Der Gesamteindruck ist zwiespältig: Er will den alt bekannten Wein in neue, nach außen hin attraktivere Gefäße gießen.

Der uralte Wein darf bestenfalls etwas nachgewürzt werden.

Darum noch mal die Nachfrage: IST PAPST FRANZISKUS TATSÄCHLICH EIN REFORM – PAPST?

Mit dem „alten Wein“ ist die alte Lehre in den uralten Worten, Formeln und Floskeln gemeint. Es herrscht bis heute ungebrochen und immer vom Vatikan verteidigt eine Sprache vor, etwa im offiziellen Glaubensbekenntnis, die dem 4. und 5. Jahrhundert angehört und tief in der neuplatonischen Philosophie verwurzelt ist. Ein Glaubensbekenntnis sollte für die 1, 3 Milliarden Katholiken ad hoc verständlich sein und nicht langatmiger Übersetzungen bedürfen. Zentrale Lehren, wie die etwa die Erbsündenlehre des Augustinus, um nur ein Beispiel zu nennen, sind kaum noch nachvollziehbar für kritische, gebildete (selbst noch religiöse) Menschen. Für andere ohnehin nicht. Diese Erbsündenlehre wurde einst propagiert, um die absolute Notwendigkeit der Taufe (und damit der Kirche und damit des maßgeblichen Klerus) herauszustellen. Dazu gibt es hervorragende Studien, etwa von Prof. Kurt Flasch zum Streit Augustins mit dem großen Theologen Julian von Eclanum. Er hielt die Sache der menschlichen Freiheit hoch. Zu welchen grausigen Vorstellungen die Erbsündenlehre etwa bei Calvin führte, ist bekannt. Ähnliche Korrekturen wären heute in der Trinitätslehre vorzunehmen, wo die Rede von den „drei Personen“ kein Mensch korrekt ad hoc versteht, wenn er solches im Glaubensbekenntnis spricht und mindestens eine zweistündige Erläuterung braucht. Der große katholische Theologe Edward Schillebeeckx hatte seine intellektuelle Mühe mit der höchst mißverständlichen offiziellen Trinitätslehre: „Ich bin im Hinblick auf eine Trinitätstheologie fast ein Agnostiker“ (in: E. Schillebeeckx im Gespräch, Edition Exodus, Luzern 1994, Seite 107). Solche Worte wurden und werden ignoriert. Die Kirchenführung hat enorme Angst, bestimmte Lehren beiseite zu lassen oder ganz neu zu formulieren, weil sie nicht nur von der angeblichen Ewigkeit dieser auch historisch entstandenen Dogmen überzeugt ist, sondern auch noch die antike Sprachform heilig findet, in der diese Lehen bis heute eingepaukt werden. Korrekturen der Lehre gelten so viel wie Gotteslästerung. Noch einmal: Es ist die Lehre, (es ist das Dogma ältester Prägung), die heute den katholischen Glauben jenseits der kritischen Kultur placiert und so irrelelvant und wirkungslos macht. Es gibt einen Atheismus, der entstanden ist aufgrund der nicht mehr nachvollziehbaren Dogmen. es gibt einen kirchlich verschuldeten Atheismus. Das könnten sich doch eingefleischte Dogmatiker mal vor Augen halten. Die päpstliche Liebe (des Papstes Franziskus) zur Volksreligion, die ja auch heute allerhand offiziell geförderte Blüten treibt (Fatimakult, Padre Pio, Knochenkulte genannt Reliquienverehrung, selbst noch das Festhalten am Ablass usw.) kommt wohl daher, dass der Papst spürt: Die alte Lehre ist kaum noch durchzusetzen, sollen sich die Frommen doch bei Nebenthemen tummeln…

Dieser Bruch zwischen dogmatischem Glauben und kritischem Bewusstsein kann nicht mehr gelöst werden, indem, wie üblich, einseitig der dogmatische Glaube wiederholt und eingepaukt wird. Das kritische Bewusstsein heute ist theologisch gesehen ein Zeichen des heiligen Geistes, das ernst zu nehmen ist. Das kritische Bewußtsein hat theologische Autorität!

Also: Das alte Bekenntnis verstehen nur noch Neuplatoniker. Papst Franziskus wird erst dann als Reformpapst in die Geschichte eingehen, wenn er an diesem Punkt Reformen setzt und für ein kreatives Denken und Sprechen sorgt, und, ja auch das, nicht mehr nachvollziehbare Glaubenslehren eben guten Gewissens beiseite legt. Von der Absolutheit der lateinischen Kirchensprache konnte sich der Vatikan schon im 2. Vatikanischen Konzil verabschieden, ebenso vom Limbus puerorum, der Vorhölle für ungetaufte Kinder, die so viel Angst und Schrecken über Jahrhunderte verbreitete…Der Vatikan konnte vor 50 Jahren die lange Zeit verdammte Urnenbestattung erlauben, er hat sich vom Index getrennt usw. Alles das sind nicht dogmatische, „definierte“ Lehren, aber immerhin…

Es ist wohl Zeit, weiter aufzuräumen, auch im Blick auf die angeblich ewigen Glaubensgüter, die je bekanntlich fest in der Hand des Klerus (und nur des Klerus, also nicht des glaubenden Volkes Gottes) wirklich „ruhen“.

Mit diesem Befreiungsschlag für eine einfache und arme Kirchenlehre ist allerdings kaum zu rechnen. Wer tatsächlich einmal des Papstes viel gerühmtes, „modernes“ Schreiben „Evangelii Gaudium“ liest, findet in den 217 Anmerkungen bzw. Quellenangaben des Papstes ausschließlich Verweise auf päpstliche Äußerungen oder Stellungnahmen der Konzilien. Als einziger Laie und Autor wird der französische Schriftsteller Georges Bernanos (Fußnote 64) erwähnt und ein Zitat aus dem Roman von 1937 „Tagebuch eines Landpfarrers“ geboten, ansonsten fast nur Zitate von Bischofskonferenzen, dem mittelalterlichen Thomas von Aquin und Augustinus. Die viel besprochene Forderung von Papst Franziskus, die Kirche möge doch ihre  Selbstbezüglichkeit aufgeben, wird jedenfalls in dem Text „Evangelii gaudium“ nicht erreicht!

Wer wirklich den Bruch, Lessing sprach vom garstigen Graben, zwischen Moderne und Katholizismus beheben will, sollte nicht nur menschlich nett sein, so wunderbar und ungewöhnlich dieses für einen Papst auch sein mag. Er sollte nicht nur politisch radikale Forderungen publizieren (werden sie in den Kirchen Europas überhaupt gehört, geschweige denn umgesetzt, eher wohl nicht), ein Reformpapst muss sich der veralteten Lehre widmen und da vieles entstauben und beiseite stellen. Und dann auch über das Papstamt neu nachdenken.

Das heißt ja nicht, dass alles Moderne gut und besser ist. Aber ein Glaube mit neuplatonischen Bekenntnisformeln bleibt heute etwas für den kleinen Kreis der Esoteriker und Historiker. Und ein Papst, der auch als Papst Franziskus immer noch alles tun und lassen kann, was er will, ohne sich auf gewählte Gremien des Volke Gottes zu beziehen, ist und bleibt – gerade im Gedenken an die Reformation – für viele höchst fragwürdig. Dabei ist klar: Bei der völlig chaotischen Situation der Menschheit weltweit sind diese Themen sozusagen Nebensächlichkeiten. Es wäre wohl passender zu fragen: Wie können die Christen und die Kirchen die ethische Botschaft der gleichen Rechte für alle Menschen, die Lebenschancen für alle usw., Menschenrechte genannt, authentisch leben und durchsetzen. Die Idee des Papstes, eine Kirche FÜR die Armen zu gestalten, ist ja erst nur eine Idee, aber sie ist zu schwach. Es geht um eine gerechte Weltordnung mit Lebensmöglichkeiten für alle.

 

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

 

 

Benedikt XVI. – oberster Lehrmeister des Politischen

Papst Benedikt XVI. als oberster Lehrmeister des Politischen

Von Christian Modehn

Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon im Rahmen der philosophisch notwendigen Kritik der Religionen und Kirchen auf die politischen Ansprüche der Päpste, besonders Benedikt XVI., immer wieder hingewiesen und diese andauernden heftigen päpstlichen Weisungen gegenüber Staat und Gesellschaft dokumentiert und erläutert. Das neue Buch von Marco Politi, einem der renommiertesten „Vatikanologen“ mit dem Titel „Benedikt. Krise eines Pontifikats“ (Rotbuch Verlag, Berlin, Dezember 2012) bietet auch zu dem Thema wichtige Hinweise. Marco Politi, Journalist bei „La Repubblica“ und „Il Fatto Qutidiano“, bestätigt unsere eigenen bisherigen Dokumentationen. Wir weisen nur auf einige zentrale Aussagen aus dem 14. Kapitel („Der Prediger und die Wüste“) seines – sehr umfangreichen, sehr präzisen empfehlenswerten – Buches hin.

Benedikt XVI. ist davon überzeugt, dass er als Papst, d.h. als Stellvertreter Christi auf Erden und als Nachfolger Petri, die Vollmacht hat, die gesamte Politik weltweit zu belehren, „was die nicht verhandelbaren Prinzipien (der Politik) sind“. Das klingt zunächst interessant, könnte man doch denken, dass sich der Papst zu einem leidenschaftlichen Verteidiger der Menschenrechte (zu denen auch die Gewissensfreiheit gehört) aufschwingt und sich sozusagen an vorderster Front gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung bestimmter Menschen usw. aufstellt.  Aber Marco Politi belehrt uns eines besseren: Der Papst duldet als individuelle Freiheit nur den freien Ausdruck des „gebildeten christlichen Gewissens“ (S. 465), also des Gewissens, das sich von der christlichen Lehre prägen lässt. Aber wer verbreitet die authentische christliche Lehre? Es ist einzig der Papst als das oberste Lehramt. Gewissensfreiheit gibt es also nur für die päpstlich geprägten Gewissen. Noch als Chef der obersten Glaubensbehörde veröffentliche Joseph Ratzinger im Jahr 2002 eine „lehrmäßige Note“, also einen alle Katholiken orientierenden, wenn nicht bindenden Text zum Verhalten der Gläubigen in der Politik. Darin heißt es, ich zitiere aus dem Buch von Marco Politi (464 f.): “Es ist keinem Gläubigen gestattet, sich auf das Prinzip des Pluralismus und der Autonomie der Laien in der Politik zu berufen, um Lösungen zu begünstigen, die den Schutz der grundlegenden ethischen Forderungen für das Gemeinwohl der Gesellschaft kompromittieren oder schwächen“. Übersetzt könnte man sagen: „Liebe Politiker, hört auf Rom, den Vatikan, wenn ihr politische Entscheidungen trefft“. In den USA wurden tatsächlich in den letzten Jahren katholische Politiker exkommuniziert, die allzu sehr dem eigenen und nicht dem päpstlichen Gewissen folgten, etwa in Fragen des Schwangerschaftsabbruches. Ultramontanismus nannte man im 19. Jahrhundert diese entfremdende Denkungsart: „Zuerst der Papst, dann mein Gewissen“.

So wird also die faktische Autonomie und die faktische Gewissensfreiheit der (politisch handelnden) Katholiken zurückgewiesen. Katholiken müssen die „grundlegenden ethischen Forderungen“  über ihren persönlichen Gewissensspruch stellen. Der Bischof von Rom ist nicht nur ein spiritueller Lehrer, er ist als Nachfolger des heiligen Petrus auch der einzig berufene Interpret des Naturrechts. Denn dort sind die „grundlegenden ethischen Forderungen“ konkretisiert. Der Papst müsste sich konsequenterweise eigentlich auch des Titels „Oberster Naturrechtslehrer“ bedienen. Immer ist von Naturrecht in päpstlichen Stellungnahmen zu lesen, sehr selten von Menschenrechten: Warum das so ist? Menschenrechte entwickeln sich, sind mit dem Leben verbunden, sind um soziale Dimensionen etwa zu ergänzen. Hingegen ist „das“ Naturrecht im päpstlichen Sinne, auch in der konkreten inhaltlichen Prägung,  etwas UNWANDELBARES und EWIGES, es ist etwas Starres und Unhistorisches. Denn das Naturrecht geht letztlich, so wörtlich „auf den Schöpfer zurück“ (S: 485). Mit „Schöpfer“ ist der Gott gemeint, so, wie ihn die klassische vatikanische Theologie deutet: Als unwandelbarer Herr und Meister von moralischen Prinzipien. „Mit dieser Formulierung wird ein gleichberechtigter Dialog mit Atheisten und Agnostikern ein gewagtes, wenn nicht unmögliches Unterfangen“, so Politi (S. 485). Und was können Buddhisten und Hinduisten mit diesem Gott der Katholiken anfangen, der das Naturrecht erlässt und aus päpstlichen Munde universal für alle und immer und ewig verbreitet? Auch diese (rhetorische) Frage stellt Politi.

Der Papst und der Vatikan haben, das ist evident, mit ihrer total objektivistischen und unhistorischen Naturrechtslehre den Anschluss verloren an die moderne Philosophie (seit Kant): Diese entwickelt ethische Orientierung und Normen einzig aus der autonomen, kritischen Vernunft …  und eben nicht aus theologisch fixierten Überzeugungen … Diese Ignoranz gegenüber dem lebendigen Wandel führt sicher sehr viele nachdenkliche Menschen zur Distanz von dieser eher versteinert erscheinenden Kirchen -, d.h. Naturrechtslehre.

Mit dieser rigiden und ahistorischen (selbst theologisch längst umstrittenen) Ideologie will der Papst seine Urangst überwinden, die panische Angst vor dem Relativismus. Nichts ist für Benedikt schlimmer, als wenn relativistisch, d.h. mit historischem und hermeneutischen Wissen die vorgeblich ewigen vatikanischen Lehren befragt werden. Dann könnte man ja auch bestimmte Bibelsprüche relativistisch deuten, etwa die Begründung des Papsttums oder den Ausschluß der Frauen vom Priesteramt, dann aber würde sozusagen das ganze vatikanische System zusammenbrechen. Aus ureigenen, auf Machterhalt bedachten Motiven muss der Papst also Verfechter des rigiden, ahistorischen Naturrechts bleiben. Relativismus würde seine eigene Existenz als Papst und seines Hofes (=curia) gefährden.

Marco Politi weist zu recht darauf hin, dass nur von dieser völlig in sich abgeschlossenen Naturrechts – Ideologie aus der Kampf des Papstes gegen den ethischen Pluralismus der Moderne zu verstehen ist. Die von konservativ bis fundamentalistisch geprägten Katholiken heiß bekämpfte und äußerst polemisch attackierte so genannte Homoehe (jetzt etwa in aller Schärfe in Frankreich) ist nur ein Beleg dafür, zu welcher Mobilisierung diese uralte Naturrechts – Ideologie in der Lage ist. Die Homoehe, so der pauschale Vorwurf, würde „die“ Familie destabilisieren. Um dieser Naturrechts – Ideologie willen hat der Vatikan übrigens auch über viele Jahre zu Berlusconi gehalten. Dem Papst und seinen Mitarbeitern war das private Leben wie das politisch wie ökonomisch verantwortungslose Verhalten Berlusconis schlicht egal. Warum? Weil Berlusconi den italienischen Bischöfen und dem Vatikan signalisierte: “Von meiner Seite hat der Vatikan nichts zu befürchten“ (S. 463). Damit meinte er: Die Finanzierung katholischer Schulen durch den Staat und die Steuerprivilegien der katholischen Kirche bleiben unter Berlusconi erhalten. ABER, das ist entscheidend, Berlusconi verspricht, gegen die Homoehe vorzugehen, gegen das Gesetz über Patientenverfügungen usw. Kardinal Bertone, die so genannte Nummer 2 im Vatikan, freute sich deswegen auch zu betonen, wie der Vatikan Berlusconi „zu Dank verpflichtet ist, weil diese Regierung im Rahmen befriedeter Beziehungen stets die Interessen der Kirche (!) berücksichtigt hat“ (s. 463). Der Vatikan löste sich aus der ultra- freundschaftlichen Beziehung mit dem Katholiken Berlusconi erst im Herbst 2011: Da hatte dieser unsägliche Machtpolitiker insgesamt und nahezu überall jegliche Akzeptanz verloren. Auffällig ist: Der Vatikan unterstützt selbst auch heute höchst umstrittene und belastete, wenn nicht kriminelle Politiker, wenn sie denn nur „die Interessen der Kirche berücksichtigen“, wie Kardinal Bertone so präzise sagt.

Die Debatte um den Einfluss der rigiden Naturrechtslehre à la Vatikan bzw. Ratzinger wird aktuell noch einmal deutlich in der Ansprache des Papstes anlässlich der Weihnachtswünsche für die Kurie am 21. Dezember 2012, wir beziehen uns hier auf den französischen Text, den „La Croix“ (Paris) druckte. Darin nimmt Benedikt XVI. direkt Bezug auf eine Abhandlung des Groß- Rabbiners von Frankreich, Gilles Bernheim. Der Papst sucht sich sozusagen ökumenischen Beistand von  prominenter orthodoxer jüdischer Seite: Wer würde es da schon wagen zu widersprechen? In schärfsten Worten polemisiert er – darin mit dem Großrabbiner einer Meinung – gegen die Auflösung „der Familie“ durch die Homoehe und die Gender Philosophie, die er übrigens bei Simone de Beauvoir festmacht. Der Papst ist sich, als angeblich so brillanter und so viel gerühmter hoch gebildeter Theologe, nicht zu schade, die  biblische Schöpfungsgeschichte wortwörtlich normativ zu deuten: „Als Mann und Frau schuf er (Gott) die Menschen (Gen. 1, 27) heißt es da: Aus diesem beschreibenden Faktum wird beim Papst gefolgert: Nur Mann und Frau können eine Familie bilden. Nur in dieser Dualität, so Benedikt und Bernheim, sei „der“ Mensch authentisch. „Die (Hetero) Familie“, so wörtlich Benedikt und Bernheim, „ist eine Realität, die schon im voraus durch die Schöpfung etabliert wurde“. Die Heteroehe ist sozusagen eine Idee Gottes, die mit der Schöpfung ad aeternum verbunden ist. Konsequent heißt es weiter: Wer diese Tatsachen der Schöpfung leugnet, „der leugnet auch Gott selbst – und der Mensch wird degradiert“. Wer die Homofamilie lebt oder befürwortet, wird in dieser Sicht förmlich zum Unmenschen. „Nur wer Gott verteidigt, verteidigt das menschliche Sein“, heißt es in der „friedlichen“ Weihnachtsansprache an den päpstlichen Hof. Merkwürdig ist, wie stark diese Form der starren Bibelinterpretation und des objektivistischen Naturrechts jegliche Bezugnahme etwa auf die Jesus – Gestalt verschwinden lässt.

Schon lange nicht mehr waren derartig maßlose Worte anlässlich einer fundamentalistischen Bibellektüre aus päpstlichem Mund zu hören. Der Vatikan, so prachtvoll barock er sich auch mit allem Pomp und Glorienschein geben mag, ist längst ein Getto geworden, das sich in starren Prinzipen einmauert und kein Interesse hat an einem Dialog, der Streit und Auseinandersetzung ist unter gleichberechtigten Partnern. „Die Stimme der Wahrheit hat immer recht…“, sie braucht keinen wirklichen Dialog. Zeichen der Ermunterung und Symbole der Hoffnung für diese so vielfältige, pluralistische Menschheit sind vom Papst trotz so vieler Worte, Weisungen und Mahnungen kaum mehr zu erwarten. Das ist die – manchen noch traurig stimmende Weihnachtsbotschaft, die dieser Tage im Vatikan verbreitet wird. Neu ist dies für einige dies vielleicht noch deprimierende Botschaft nicht. Die Schärfe des Tons wundert sogar die Freunde des religionsphilosophischen Salons. Katholische Medien sprechen bezeichnenderweise von einem aktuellen „Kulturkampf“, etwa in Frankreich anlässlich der heftigsten Debatten um die Homoehe (vgl. Christ in der Gegenwart, Heft 52, 2012, Seite 578). Kulturkampf aber ist nichts als Krieg, ausgelöst durch eine rigide Haltung des Papstes, die in der Moderne nur das Böse sehen will. Der Papst meint allen Ernstes, diese Moderne sei gottverlassen und der (heilige) Geist habe sie verlassen. Kann eine Vorstellung von Gott eigentlich noch kleinlicher werden?

Marco Politi, „Benedikt. Krise eines Pontifikats“. Rotbuch Verlag Berlin, 2012, 539 Seiten, 19, 99 Euro. Wir empfehlen dieses preiswerte Buch dringend.

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