Das Buch „Sodom“ von Frédéric Martel

Macht, Doppelmoral, Homosexualität im Vatikan heute
Eine Buchhinweis von Christian Modehn

1.
(Homo)sexuelle Orientierungen und „Praktiken“ bestimmter Berufsgruppen heute ausführlich und öffentlich „freizulegen“, passt eigentlich nicht in die demokratische Kultur. Solche Untersuchungen lieben absolute Herrscher in Diktaturen, etwa der arabischen und asiatischen Welt, um besser Homosexuelle als angeblich „Perverse“ zu „greifen“, zu quälen, auszugrenzen, zu töten.
Trotzdem ist es sehr berechtigt, dass der französische Journalist und Soziologe Frédéric Martel eine umfangreiche, gründliche Studie vorlegt zu dem Thema: „Das homosexuelle meist versteckte Leben und mühevolle Lieben der Kardinäle, Bischöfe, Prälaten, Priester, Theologen im Vatikan und in anderen Zentren der katholischen Kirche“. Der Titel des Buches heißt provokativ „SODOM“. Auf Deutsch ist diese äußerst umfangreiche, international weit verbreitete und weit geachtete Studie als Übersetzung aus dem Französischen erschienen im S. Fischer Verlag im September 2019.
2.
Frédéric Martel ist in Frankreich als Autor soziologischer Studien bekannt geworden. Sein neues Buch ist eine Art „Meisterwerk“ der geduldigen, Jahre langen Recherchen nicht nur im Vatikan, sondern in vielen Ländern. Dieses Buch ist ein Beispiel der groß angelegten Forschung mit einem Team von 80 Mitarbeitern. Ein Konsortium von 15 Anwälten begleitet – sicherheitshalber – diese umfassende und sicher einmalige Arbeit, die einen Höhepunkt darstellt in der Kritik am römischen Katholizismus heute. Wer als Mitglied der katholischen Kirche(nleitung) dieses Buch gelesen hat, hat die Wahl: Entweder die römische Kirche sofort von Grund auf erneuern (eine neue Reformation) mit der Abschaffung des Pflichtzölibates oder diese Kirche resigniert … zu verlassen. Und den eigenen Weg zu gehen.
3.
Martel kennt die katholische Kirche seit seiner Kindheit, er nennt sich heute „katholischer Atheist“ oder „Atheist mit katholischer Bildung“ (S. 656), ohne dabei militant antireligiös zu sein. Er bemüht sich, seine eigene Meinung zum Thema zurückzuhalten, auch wenn er seine persönliche Betroffenheit „ich selbst bin schwul“ schon auf der Umschlagseite des Buches unter seinem Foto mitteilt. Er schildert ausführlich sein Arbeiten, nennt alle Gesprächspartner in 30 Ländern: U.a.: 41 Kardinäle, 52 Bischöfe, 45 päpstliche Nuntien, über 200 Priester usw… Die verdrängte Homosexualität äußert sich sehr oft in heftigen Feindseligkeiten gegen offen lebende Homosexuelle. Darum gilt die Grundregel: Die heftigsten Schwulenfeinde sind selbst homosexuell…Das gilt vorzüglich und besonders in katholischen, vatikanischen Kreisen, zeigt Frédéric Martel in seiner Recherche.
Martel respektiert deren Wunsch, wenn sie sich gelegentlich nur anonym oder unter Decknamen äußern wollen. Aber manchmal ist die Wut über die Scheinheiligkeit hochrangiger Kardinäle beim Autor zu spüren, etwa wenn er auf den extrem verlogenen homosexuellen Kardinal Lopez Trujillo aus Kolumbien zu sprechen kommt: Dieser Kardinal war ja bekanntlich einer der schlimmsten Feinde der Befreiungstheologie, ein Feind des heiligen Erzbischof Romero, El Salvador. Lopez Trujillo war auch angesehener Mitarbeiter eines von dem deutschen Hilfswerk ADVENIAT begründeten Arbeitskreises „Kirche und Befreiung“; er war später der militante Propagandist gegen den Kondomgebrauch zum Schutze vor AIDS; er war der heftigste Feind gegen die Gleichberechtigung der Frauen. Zudem war er eng verbunden mit den kolumbianischen Drogenkartellen und ihren Paramilitärs (S. 358). UND vor allem dies ist unserem „Fall“ wichtig: Er war einer der ständigsten Kunden von Strichern schon in Medellin, später auch in Rom, als er Chef der „Päpstlichen Rates für Familien“ (sic!) war: Auf seinen vielen Reisen war er stets auf der Suche nach Strichern. Fast möchte man hier den bekannten Aphorismus von Stanislaw Jerzy Lec aus seinem Buch „Unfrisierte Gedanken“ zitieren: „Er war stets von Sodom nach Gomorrah gezogen“. Martel schreibt in seinem Buch: „Lopez Trujillo bezahlte die Stricher, aber dafür mussten sie Prügel einstecken. Aus reinem Sadismus schlug er sie nach dem Geschlechtsverkehr, versichert Martels kolumbianischer Gewährsmann Alvaro Leon“ (S. 365). Martel schreibt weiter: „Wenn in diesem Buch jemand erbärmlich ist, dann er, Lopez Trujillo“ (ebd.). Und auch an anderer Stelle kann sich Martel seines Zorns nicht mehr enthalten: „…Diese Weihwasserschwuchtel, diese Diva des sterbenden Katholizismus. Dieser Teufelsdoktor und Antichrist: Seine Eminenz Alfonso Lopez Trujillo“ (S. 370). Nebenbei: Im Vatikan schlagen heute noch nachdenkliche Priester die Hände über den Kopf zusammen, wenn sie allein den Namen dieses großen Günstlings des polnischen Papstes hören. Wie viel theologischen Unsinn hat dieser korrupte „Sexkardinal“ angerichtet, wie Leid unter den wirklich gläubigen Katholiken verursacht. Wie viele vernünftige Katholiken haben seinetwegen die Kirche verlassen…
Das Paradoxe ist: Diese hohen Kleriker des Vatikans und die Kardinäle und Nuntien sind als Bürger des Vatikans von der italienischen Justiz nicht zu belangen, sie besitzen Immunität, wenn sie etwa mit minderjährigen Strichern in Rom erwischt werden oder in Crusing-Gebieten der römischen Parks auffällig werden. Auch darauf weist Martel hin, und man begreift einmal mehr, warum die Existenz des Zwergstaates Vatikan-Stadt doch noch einen weiteren Sinn hat…Es ist die Immunität seiner höchsten Bewohner, davon hat schon der korrupte US amerikanische Kardinal Paul Marcinkus – auch er Mitglied der versteckten und verklemmten Gay-Priester-Gemeinde profitiert.
Zurück zu Kardinal Lopez Trujillo, et machte als im Vatikan selbstverständlich bekannter, aber nie so benannter Schwuler eine Riesenkarriere. Er wurde von Papst Johannes Paul II. gefördert, weil er ebenfalls ein strammer Anti-Sozialist und Anti-Kommunist war und … über viel Geld verfügte, das im „Kalten Krieg“ nach Polen zur Gewerkschaft Solidarnosc floss.
4.
Frédéric Martel bietet andere extreme Beispiele: Er erinnert an den Gründer der Ordensgemeinschaft „Legionäre Christi“, den Mexikaner Marcial Maciel. Zusammenfassend nennt Martel diesen Ordensgründer und Ordenschef „die teuflischste Gestalt, die die katholischen Kirche in den letzten 50 Jahren hervorgebracht hat und groß werden ließ“ (S.291). Nebenbei, damit wir uns richtig verstehen: Martel und auch der Autor dieses Textes haben überhaupt gar nichts gegen gelebte Homosexualität. Beide haben nur sehr viel dagegen, wenn ganze Netzwerke homosexueller Kleriker ihre hohe Position ausnutzen, um verlogen die Gläubigen zu betrügen: Man denke daran, der Ordenschef Pater Maciel schrieb ein Buch mit dem hübschen Titel „Christus ist mein Leben“, während er sich Strichjungen und Seminaristen hingab, sie in sein Bett schleppte und auch erstaunlich sogar sich mit älteren Frauen sexuell „abgab“, dies freilich nur. um Kinder zu zeugen, die er auch missbrauchte und in vorgetäuschter Liebe finanzieller Nutznießer der betrogenen, selbstverständlich sehr reichen Ehefrauen zu sein. Die Millionen Dollar flossen da nur so.
Eine Geschichte, wie ein Krimi, der leider noch nicht gedreht wurde. Ich habe auf meiner website schon vor 10 Jahren begonnen, kritische Beitrag zu den Legionären und ihrem „Generaldirektor“ Marcial Maciel zu publizieren. Dort kann man sich ausführlich informieren. Das sexuelle total gewordene Treiben und die maßlose, betrügerische Gier nach sehr viel Geld des Marcial Maciel fand erst unter Papst Benedikt XVI. ein gewisses Ende. Als Kardinal in Rom wusste er wie alle Kardinäle und der Papst von dem Treiben dieses Priesters, der den Zölibat gelobt und Keuschheit versprochen hatte. Er hatte dieses Gelübde total „abgelegt“. Papst Benedikt nannte ihn dann einen Verbrecher. Aber der Papst hat Maciel nicht den staatlichen Behören in Rom übergeben, sondern wie unter klerikalen Brüdern damals üblich, sehr freundlich zu einem zurückgezogenen Leben in Buße aufgefordert. Daran dachte der Legionärsgründer Pater Maciel überhaupt nicht: Er setzte sich, schon krank, ins schöne Florida ab, wurde dann 2006 in seiner Heimat Cortija de la Paz versteckt und verschämt von den Seinen bestattet. Wenn alles nach Plan gelaufen wäre und kein Papst ihn in letzter Minute ausgegrenzt hätte, sollte dort eine Art Wallfahrtsort zum heiligen Pater Marcial Maciel entstehen.
Und dies kann man als Skandal bezeichnen, den leider Martel nicht erwähnt: Der Orden der Legionäre Christi (mehr als 1000 Mitglieder) und die von Maciel gegründete weltweite Laiengemeinschaft Regnum Christi (etwa 70.000 Mitglieder) bestehen nach wie vor weiter: In diesen Kreisen der verklemmten Maciel – Freunde erwähnt man offiziell den verbrecherischen Ordensgründer klugerweise nicht mehr, seine Fotos sind von den Wänden verschwunden, wie in einer Art Entstalinisierung, man tut so, als hätte es ihn nie gegeben. Und alles geht seinen üblichen Gang des Vergessens. Warum? Weil beide Gemeinschaften extrem konservativ sind, weil sie enorm viel Geld haben, weil sie immer junge Priester stellen in einer Kirche, die in Europa fast nur noch ältere und greise Priester kennt. Hauptsache also, der Klerus in der alten zölibatären Form bleibt stark. Das ist ja wohl auch auch die Devise von Papst Franziskus.
5.
Es ist nicht Aufgabe dieser knappen Buchempfehlung, alle Details vorweg zu beschreiben. Die Studie enthält vier Kapitel, das erste bezieht sich auf die schwulen Umtriebe am Hofe von Papst Franziskus, die weiteren widmen sich den entsprechenden Geschehnissen am Hofe Papst Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI., wobei unter und mit diesem Papst die heftigsten Anti-Homo-Attacken verbreitet wurden… und Joseph Ratzinger in dieser Homo – Hinsicht sich persönlich in einer gewissen „Grauzone“ bewegt..
Es werden von Frédéric Martel auch einige wenige vernünftige, angstfreie katholische Theologen genannt, etwa der einstige Generalprior des Dominikaner-Ordens, der Engländer Timothy Radcliffe, wobei natürlich den kenntnisreichen Kritikern deutlich ist, dass auch die homosexuellen Netzwerke in den einzelnen Orden hätten freigelegt werden können. Wobei der Dominikaner – Orden für eine deutliche Liberalität in dieser Hinsicht – Gott sei Dank sagen manche – bekannt ist. Wie sehr sich junge homosexuelle Männer gerade in den rigiden (christlichen) Regimen Afrikas förmlich als Mitglieder in die katholischen Klöster und Orden in den großen Städten Afrikas als flüchten, deutet Martel nur an, viele von ihnen hoffen dann nicht ohne Grund, in „priesterlosen“ Gemeinden Europas tätig zu werden…
Zentral bleibt die Erkenntnis, dass eine ganz überwiegende Mehrheit des Klerus homosexuell ist, vor allem im Vatikan. Der Vatikan als Sodom, dies ist die zentrale Aussage der bestens belegten Studie.
Der Vorwurf heißt: Diese schwulen Kirchenführer tun nichts, um im Sinne der Botschaft für die Gleichberechtigung und für den umfassenden Respekt homosexueller Menschen einzutreten. Sie sind selbst derart verdorben und verklemmt, dass ihnen dieser Dienst zugunsten der universalen Menschenrechte gar nicht in den Sinn kommt. Sie leiden unter dem Eingezwängtsein durch das offizielle Zölibatsgesetz, sie wenden alle ihre Energie nur darauf, wie sie ihre Homosexualität bloß nicht nach außen zeigen. Und wie sie in den Abendstunden und Nachts eine andere Identität sich zulegen, um in Rom und anderswo auf die Suche nach Sexkontakten zu gehen.
All das wird von Martel ausführlich dokumentiert. Nicht um die Neugier zu befriedigen, sondern um zu zeigen, zu welchen Irrwegen und zu welchem ja durchaus auch seelischem Leiden das völlig sinnlose und total falsche Zölibatsgesetz führt!
Eine ähnliche Studie würde im Falle der doch immer noch aktiven heterosexuellen Priester zu ähnlichen Ergebnissen der Verlogenheit kommen. Man müsste dann nur deutlich von Alimenten sprechen, die die Bischöfe zu zahlen haben oder von Vergewaltigungen von katholischen Nonnen, etwa in Afrika und Indien, durch katholische Priester. Oder von der Tatsache, dass in Afrika und Lateinamerika auf dem Land, in den Dörfern, die heterosexuellen Priester selbstverständlich mit einer Frau zusammenleben. Alles andere würden die Menschen dort gar nicht verstehen.
6.
Ich habe den Eindruck: Frédéric Martel befindet sich mit seinem wichtigen Buch in interessanter, möglicherweise „guter Gesellschaft“: Papst Franziskus hat schon ein Jahr nach seiner Wahl zum Papst am 22. Dez. 2014 die Kurienkardinäle aufs Allerschärfste sehr allgemein kritisiert; noch einmal am 20.Okt 2017 und im Oktober 2018 „Der Papst gibt den konservativen Gegnern seines Pontifikats zu verstehen, dass er über ihr Doppelleben Bescheid weiß“ (S. 98).
Nebenbei: Sehr spannend lesen sich Kapitel, in denen Martel von seinen Recherchen im die Strichermilieu rund um den Bahnhof „Roma Termini“ berichtet und dabei von der klerikale Kundschaft (S. 163 ff) spricht. Auch über den Zusammenhang von sexueller Gier und materieller Gier unter den Kardinälen und Prälaten schreibt Martel ausführlich. Denn, so der Autor, Luxus – Stricher sind teuer, viele Kardinäle zahlen dann gern im Gebrauch allgemeiner Konten des Vatikans und seiner Behörden, so der Autor.
Dabei nennt der Autor durchaus seltene Beispiele einer menschlich gestalteten Homosexualität unter den Klerikern, aber es sind eben wenige, die so viele Nerven haben, mit ihrem Freund zusammenzuleben. Oft übersieht der Vatikan sogar dieses „Fehlverhalten“, solange kein Betroffener davon öffentlich spricht.
7.
Diese Studie von Frédéric Martel zeigt eindringlich: Das Modell der katholischen Kirche als Zölibats-Klerus-Kirche ist am Ende, diese Kirche ist faktisch noch vorhanden, zum Teil mit Milliarden Euro Summen ausgestattet, aber moralisch und spirituell ist sie ausgelaugt. Die Lösung wäre: Abschaffung des Pflichtzölibats und selbstverständliche Akzeptanz von heterosexuellen wie homosexuellen Priestern. Diese homosexuellen Priester können dann selbstverständlich in einer Partnerschaft oder Ehe leben.
8.
Dies ist die „bleibende Erkenntnis“ dieses Buches: Es sollte ein Ende damit gemacht werden, dass diese sexuell gierigen, sexuell frustrierten, einsamen und wegen ihrer zu bezahlenden Stricher auch Geld-gierigen Prälaten, Kardinäle und Nuntien den Katholiken und der Welt vorschreiben, wie sie, die anderen, zu leben haben. Dieser arrogante Wahn der sexuell Frustrierten sollte sofort ein Ende haben. Hätte denn sonst dieses Buch von Frédéric Martel ein greifbares Ergebnis? Das ist doch die Erkenntnis, die nach der Lektüre dieses wichtigen Buches bleibt. Aber: Welcher Leser glaubt ernsthaft daran, dass sich das klerikale verlogene Zölibatssystem auflöst? Dass es, wie 1989 in dem ähnlich verfassten Regime des „Ostens“, zu einer Wende kommt? Daran glaubt meines Wissens kein Katholik. Die Mauern des Vatikans sind bekanntermaßen wirklich mehrere Meter dick. Die kann niemand stürzen. Der Geist der Tradition ist ebenso kaum zu kippen, weil zu viele Kleriker davon profitieren…
9.
Kardinal Walter Kasper, den der Frédéric Martel besonders schätzt wird in dem Buch zitiert: „Die Leute scheinen auch ohne Gott glücklich zu sei. Das ist die große Frage, die ihn beschäftigt. Wie wir Gottes Weg wieder finden sollen?, fragt der Kardinal Kasper. Er habe das Gefühl, es sei vorbei (mit der Kirche und ihrer alten Gotteslehre, muss man ergänzen). Die Schlacht sei verloren“ (S 161).
10.
Das Buch hat einen einzigen Nachteil: Es enthält kein Namensregister.

Frédéric Martel, Sodom. Macht, Homosexualität und Doppelmoral im Vatikan. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 671 Seiten, 26 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Be

Legionäre Christi im Kino – Film

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wer als Theologe oder Philosoph den Zustand der katholischen Kirche heute verstehen will, sollte die neuen katholischen extrem konservativen Ordensgemeinschaften untersuchen, zum Beispiel die „Legionäre Christi“…

Am 7. Juni 2018 kommt ein Film (1 Stunde, 44 Minuten) in die Kinos, der in Deutschland zum ersten Mal dem katholischen Orden „Legionäre Christi“ gewidmet ist. Ganz im Mittelpunkt des Dokumentarfilms steht der Legionärs – Priester Martin Baranowski, er ist der Bruder des Regisseurs Peter Baranowski. Pater Martin Baranowski lebt heute in Neuötting –Alzgern.

Beide hatten in der Jugend vielfältige Kontakte mit diesem Orden, der sich in vielen Ländern bemüht, Jungen und junge Männer anzusprechen, um sie für ihren Orden zu werben. Selbst die „Kleinen Seminare“, also Häuser, wo 8 bis 18 Jährige auf den Priesterberuf vorbereitet werden, leitet dieser Orden noch, die „Apostolische Schule“ in Bad Münstereifel. … Der Titel des Kino – Films bezieht sich auf eine Art pädagogische Weisheit der Legionäre: „Die Temperatur des Willens“: D.h.: In den religiösen Freizeiten wollen die Legionäre die Temperaturen der Jünglinge prüfen und einen starken, keinen lauwarmen religiösen Willen unter ihren Jungs erzeugen.

Der Film verzichtet (leider) auf erläuternde Kommentare, was in unserer Sicht problematisch ist, denn dadurch können viele wesentliche Fakten überspielt werden: Die Mitglieder im Orden sprechen öffentlich wohl kaum umfassend kritisch über ihren Gründer, den mexikanischen Priester Marcial Maciel, denn sie waren über all die Jahre doch mit ihm verbandelt. Pater Maciel wurde von Papst Benedikt XVI. nicht nur wegen seiner Jahre langen pädophilen Vergehen und seinem früheren Drogenmissbrauch ein Verbrecher genannt. Der lange Jahrzehnte in Rom hoch verehrte Ordensgründer wurde vor allem von Papst Johannes Paul II. liebevoll unterstützt, er begleite den polnischen Papst auf seinen Reisen nach Mexiko; dass dabei die sozialkritische Befreiungstheologie ausgeblendet wurde, ist klar: Maciel hielt es mit den Reichen, speziell den Millionären und Milliardären, mit dem mexikanischen Milliardär Carlos Slim war Maciel eng befreundet: Wie viele Millionen Dollar er von Slim erhielt, wäre eine hübsche Recherche…Jedenfalls war Maciel ein intimer Freund zahlreicher Kardinäle in Rom, all das habe ich im Laufe der Jahre auf meiner Website religionsphilosophischer–salon.de dokumentiert….

Nachdem die pädophilen Verbrechen und die vielfältigen hetero- und homosexuellen Beziehungen des in dieser Hinsicht absolut heftigst umtriebigen Gründers Maciels freigelegt werden mussten, reagierte der Orden wie die Sowjets nach dem Tode Stalins: Sein Name wird in den offiziellen Publikationen nicht mehr erwähnt, die vielen Bilder und Fotos Maciels wurden aus den Legionärs – Häusern entfernt. Das verlogene Buch Maciels „Christus ist mein Leben“ (was für ein Titel bei diesem Autor!) ist antiquarisch noch zu haben.

Mit all diesem Verschweigen Maciels in den Legionärs-Kreisen aber sind pädophile Tendenzen unter den Ordensmitgliedern keineswegs beendet, etwa in Chile wurden entsprechende Fakten nach dem Tode Maciels und der „Entstalinisierung“ bzw. „Entmacielisierung“ freigelegt.

Nun haben also hoffentlich viele Katholiken die Chance, ein bisschen in das Innere dieses Ordens zu schauen, und sie werden sich danach hoffentlich entsetzt abwenden. In 15 Bistümern Deutschlands und in 4 Bistümern Österreichs ist der Orden, aktiv, vor allem über den mächtigen Zweig der Laien – Mitglieder im „Regnum Christi“. Die Legionäre Christi gestalten in den Pfarrgemeinden ihre eigenen „Volks“ – „Missionen“, wie etwa in Bad Bocklet, Franken.

Die (in Deutschland tatsächlich noch eher marginale) umfassend kritische Berichterstattung hat immerhin bewirkt, dass die Anzahl der Ordenskandidaten, Novizen genannt, in vielen Ländern stark zurückgegangen ist. Die offizielle Legionärs- Statistik nennt für Deutschland noch 3 Novizen, für Chile 1, ebenso 1 für Irland, sogar nur 3 fürs alte Legionärs- Kernland Spanien. 961 Legionärs Priester gab es Ende 2016, viele hatten nach der Freilegung der Verbrechen ihres Gründer Pater Maciel den Orden verlassen. Darüber wird offiziell auch nicht gesprochen…. Wer heute da noch mitmacht erfreut sich wohl des immensen Reichtums dieses Ordens, den ihr der Gründer Maciel durch allerhand trübe Finanzgeschäfte beschafft hat, wie erschlichene Erbschaften usw.

Es wundert kritische Beobachter, dass dieser Orden nach den heftigen Skandalen überhaupt noch als solcher unter dem alten Namen der Legionäre Christi weiter besteht. Warum hat der Vatikan diesen so hoch problematischen Club nicht aufgelöst? Warum nicht verboten? Selbst der Orden der Piaristen (Priester der frommen Schulen) wurde für einige Jahre nach seiner Gründung vom Papst verboten, weil auch dort pädophile Tendenzen deutlich waren, ich habe darüber auf der genannten website publiziert.

Die zentrale Frage ist: Welche Interessen gibt es noch heute in der katholischen Hierarchie, den Orden der Legionäre mit seinen weit verzweigten Kontakten in die Finanzwelt als solchen zu erhalten? Welche finanziellen Interessen waren im Vatikan dafür ausschlaggebend? Oder ist die Liebe zum Klerus im Vatikan schon so umfassend, dass man schlechterdings alle Kleriker, alle Priester, erst mal toll findet, angesichts des allgemeinen Mangels an Priestern? Bekanntlich leiten die Legionäre Christi die römische Universität Regina Angelorum, König der Engel, die besonders durch gut besuchte Kurse für Teufelsaustreibungen, Exorzismus, von sich reden macht.

Es ist für nicht nachvollziehbar, dass die kritische theologische Forschung an den deutschsprachigen Universitäten über die Legionäre Christi keine Studien publiziert hat. Auch die anderen Orden, die noch ein bisschen der Vernunft verpflichtet sind, die ja entsprechende Zeitschriften haben usw…. schweigen sich aus über die Legionäre Christi. Warum? Wer hat da Angst? Gibt es eine geheime Solidarität? Meine zahlreichen Studien zum Thema Legionäre Christi und Pater Marcial Maciel stehen auf der website www.religionsphilosophischer-salon.de zur Verfügung.

Immerhin schrieb mir per E mail am 28.3. 2018 der Regisseur des Kino Films Peter Baranowski u.a.: „Natürlich bin ich im Verlaufe meiner Recherchen zu dem Film auch auf Ihre Arbeit und Website aufmerksam geworden. Tausend Dank für all die hilfreichen Informationen!“

Wollen wir hoffen, dass der Orden nicht noch eine „einstweilige Verfügung“ gegen die Aufführung des Filmes anstrebt… Das wäre allerdings die beste Werbung für den Film!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

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Über den Protagonisten des Films, Pater Martin Baranowski, schreiben die Legionäre Christi auf ihrer website: (http://forum-deutscher-katholiken.de/pater-martin-baranowski-lc/)

Pater Martin Baranowski LC, Priester der Kongregation der Legionäre Christi, stammt aus Bad Homburg (Bistum Limburg). 1995 trat er nach dem Abitur ins Noviziat ein und gehörte zur Gründungsgeneration der Niederlassung in Bad Münstereifel. Nach der Ordensprofess 1997 absolvierte er im spanischen Salamanca humanistische Studien, worauf das Grundstudium der Philosophie in Rom folgte. Von 2000-2004 war er in der Jugendarbeit in Süddeutschland tätig. Zwei Jahre darauf erwarb er das Lizenziat in Philosophie an der Päpstlichen Hochschule Regina Apostolorum. Darauf folgte das Theologiestudium. Bei der Gründung des Territoriums Mitteleuropa am 6. Februar 2007 wurde er zum Territorialsekretär ernannt. Seit Sommer 2009 ist er für die Kinder- und Jugendarbeit in Bayern zuständig. Am 12.12.09 wurde er in Rom zum Priester geweiht.

Die Zeitschrift der Legionäre schreibt 2015 über die Tätigkeiten Pater Baranowskis, die alle im konservativen katholischen Milieu angesiedelt sind: (Quelle: http://www.magazin-der-legionaere-christi.de/wp-content/uploads/2016/09/L-Magazin-01-2015.pdf)  „Im priesterlichen Einsatz ist er auch bei anderen Gruppen wie Prayerfes­tival der Jugend 2000, Nightfever an verschiedenen Orten, Charismatische Jugendgruppe FCKW, Marriage Encoun­ter, Fatimatage (!) und beim Kongress „Freude am Glauben“ (das ist die konservativ- reaktionäre Alternative zu den Katholikentagen, an denen auch Kardinal Ratzinger einst teilnahm, CM.)

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Die „Legionäre Christi“ halten ihr „Generalkapitel“ in Rom. Von den Opfern sexuellen Mißbrauchs wird geschwiegen.

Die „Legionäre Christi“ halten ihr „Generalkapitel“ in Rom. Von den Opfern sexuellen Mißbrauchs wird geschwiegen.
Von Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Eine aktuelle Ergänzung, veröffentlicht am 28.6.2014:

Ende Juni 2014 wurde in der Presse dokumentiert, dass die Krise im Orden der Legionäre Christi keineswegs überwunden ist, wie manche Beobachter nach dem „Generalkapitel“ im Januar 2014 vermuteten. Es wurde von der Katholischen Presseagentur Wien mitgeteilt: „Der Vatikan begleitet den Erneuerungsprozess der „Legionäre Christi“ mit einem so genannten externen Assistenten. Der (neu gewählte) Generaldirektor (so nennt sich dieser Ordensobere immer noch offiziell! CM) der Ordensgemeinschaft, Eduardo Robles Gil, teilte am Montag, 23.6. 2014, auf der Website der „Legionäre“ mit, ein noch nicht näher benannter Beauftragter des Vatikan werde den Neuaufbau der Gemeinschaft „unterstützen“.

Das heißt wohl im Klartext: Der Vatikan, allen voran vielleicht Papst Franziskus selbst, betrachtet den Orden mit dem Milliardenvermögen, den vielen jungen Priestern und den einflussreichen Bildungszentren immer noch voller Skepsis.

Interessant und bedeutend ist, dass der mexikanische Kardinal Juan Sandoval Iniguez Anfang Januar 2014 den Ordensgründer Pater Marcial Maciel, so wörtlich, einen Psychopathen und Schizophren öffentlich nannte (KNA 11. 1. 2014): Sandoval sagte, er habe bereits als Student in den späten 50er Jahren in Rom von Eskapaden Maciels erfahren. (Aber offenbar nichts dagegen getan, CM) Der Kardinal sagt: «Kann jemand (also Pater Marcial Maciel) 50 Jahre, ein halbes Jahrhundert lang, ein Doppel- oder Dreifachleben führen? Nein», so Sandoval. Nur mit einer gespaltenen Persönlichkeit könne man «ein Leben als Heiliger, ein anderes als Ehemann, ein weiteres als Homosexueller, als großer Macher und als stiller Mensch führen». Der 80-jährige Kardinal äußerte sich anlässlich einer Vorstellung seiner Autobiografie.

Indem man nun von relativ hoher Seite Pater Maciel in die Ecke der Psychopathen schieben will, bleibt die Frage offen: Warum haben seine vielen engen Mitarbeiter im Orden und im Regnum Christi diese Pathologie nicht über alle die Jahre erkannt? Warum haben sie treu gehorcht, ließen sich (sexuell) benutzen und dienten ihm? Warum wagten sie nicht, diese Geisteskrankheit ihres Hochverehrten öffentlich zu machen, um ihren allseits geliebten, heilig mäßig genanten Vater zu heilen? Warum haben sich Kardinäle und selbst Papst Johannes Paul II. Jahre lang mit diesem Psychopathen und Schizophrenen gern umgeben? Ließen sich von ihm beraten und auf Reisen auf engstem gemeinsamen Raum begleiten (wie bei den Mexikoreisen des polnischen Papstes)? Warum war der Psychopath gern gesehenes Mitglied der Bischofssynoden in Rrom? Warum wurde dieser Psychopath von Papst Johannes Paul noch offiziell in Rom als „Vorbild der Jugend“ gepriesen? Warum wurde offenbar die Heiligsprechung der lieben Maciel Mutter vorbereitet? Haben sie diese psychische Krankheit Maciel gern übersehen, weil sie wussten: In diesem Orden des Psychopathen gibt es viele so dringend gebrauchte, stramme, gut aussehende dogmatisch-saubere junge Priester? Welche Rolle spielte dabei das große Geld der Legionäre, die ja gern Kardinäle im Vatikan großzügig beschenkten und in ihren römischen Instituten Priester aus aller Welt streng dogmatisch korrekt ausbilde(te)n? Erst kürzlich fand in der Legionäre-Christi-Universität zu Rom ein Kongreß wieder über den Exorzismus statt. Selbstverständlich wurde die Teufelsaustreibung anno Domini 2014 verteidigt und für korrekt befinden…. Drückte man also, noch einmal, alle kritischen Augen zu angesichts dieses machtvollen Ordens des Psychopathen? Darf man fragen, ob ein solches ignorantes Verhalten der kardinäel etc. sehr weit entfernt ist vom Verhalten der Mafia, die jetzt Papst Franziskus exkommuniziert?

………Jetzt folgt der ursprüngliche Beitrag………

Wir weisen darauf hin, dass Pater Klaus Mertes SJ in seinem neuesten, sehr empfehlenswerten Buch „Verlorenes Vertrauen“ (Herder Verlag) kurz auf den besonderen „Fall“ des Gründers der Legionäre Christi wenigstens kurz eingeht. Weitere Hinweise dazu am Ende dieses Beitrags.

Der „Religionsphilosophische Salon Berlin“ hat sich seit 2007 mit dem römisch-katholischen Orden der „Legionäre Christi“ befasst und seitdem einige Texte dazu publiziert. (Zur Lektüre klicken Sie hier) Religionskritik ist zentrales Thema von Philosophie und Theologie. Der machtvolle und einflussreiche Orden „Legionäre Christi“ hat uns interessiert, um die Machtverhältnisse in der Kirche zu untersuchen; um zu fragen, wie es gelingt, dass ein einzelner Mann, der Legionärs-Gründer, also der aus Mexiko stammende Pater Marcial Maciel, zu einem der einflussreichsten, mächtigsten und finanzstärksten Mitglieder der römischen-vatikanischen Bürokratie emporsteigen konnte. Und warum er von Papst Johannes Paul II. sehr hoch geschätzt, wenn nicht verehrt wurde: „Pater Maciel ist ein Vorbild der Jugend“, sagte der Papst… Er ignorierte dabei, dass Pater Maciel über Jahrzehnte Jungen und junge Männer, vor allem innerhalb seines Ordens, sexuell missbrauchte; die Opfer hatten dies dem Papst geschrieben, wurden aber nicht ernst genommen. Zudem war Pater Maciel mit einigen sehr wohlhabenden Frauen liiert, auch aus finanziellen Interessen; mit seinen Geliebten hatte er Kinder, die er seinerseits wieder missbrauchte, so berichten die eigenen Söhne. Von seinem Jahre langen Drogenkonsum als Ordensoberer wollten die Päpste seit Pius XII. nichts mehr wissen. Mitte der neunzehnhundertfünziger Jahre war er deswegen als Ordensoberer kurzzeitig suspendiert… Kehrte dann aber an die oberste Leitung seines Ordens zurück .. bis zum Jahr 2006. Er war also Ordensoberer seit der Gründung der Legionäre 1941, als 65 Jahre, das ist schon kirchenrechtlich gesehen ein außergewöhnliches Privileg, das nur durch heftige Kumpanei in den vatikanischen Behörden zu erklären ist, so kompetente Kritiker.
Über die Absetzung Marcial Maciels als Chef des Ordens durch Papst Benedikt XVI. und seinen Tod 2008 sowie über die päpstliche Untersuchung dieses Ordens durch eine päpstliche Kommission ist auf dieser website berichtet worden.
Diese Informationen wurden von sehr vielen LeserInnen als Information genutzt und geschätzt, zumal im deutschsprachigen Raum sonst fast keine kritischen und umfassenden Informationen zu dem Thema vorliegen, und wenn, dann haben sich die Autoren bei uns heftig bedient, um es milde auszudrücken. Offenbar wagt es auch niemand unter den Theologieprofessoren und Historikern, dieses Thema umfassend aufzugreifen. Selbst Filmemachern ist das Thema wohl zu heiß und zu gefährlich.
Natürlich kann man fragen: Gibt es (religions-) philosophisch gesehen nicht dringendere Themen? Sicher, die gibt es in großer Zahl. Etwa die Frage nach dem guten Leben, und, philosophisch gesehen, nach den Möglichkeiten der Erkenntnis, auch des Geheimnisses, das wir Leben nennen, ist für die meisten sehr viel dringender. Auch die Frage: Wie wir als Menschen der westlichen Welt moralisch bestehen können angesichts des Hungersterbens von vielen Millionen Menschen jährlich usw., und wir alle das ganz genau wissen, um nur von dieser einen Katastrophe der Menschheit zu sprechen. Diese Fragen wagt kein Kirchenfürst als das allerdringlichste aller dringlichen Themen auf die Tagesordnung der Kirchen sagen wir für ein Jahr zu setzen, und dabei alle theologisch-feinsinnigen Debatten auf Eis zu legen. Andererseits: Sehr viele Menschen haben unter Marcial Maciel und seinen ebenfalls pädophilen Mitbrüdern gelitten und wurden seelisch zerstört. Das darf auf keinen Fall vergessen werden. Darum muss von den Legionären gesprochen werden.
Der Orden der „Legionäre Christi“ hält seit dem 8. Januar 2014 in Rom sein „Generalkapitel“ ab mit 61 Delegierten des Ordens. Die spanische Tageszeitung El Mundo schreibt dieser Tage, 50 % der Delegierten dieser außerordentlichen Ordensversammlung gehören zur „alten Garde“, also den Getreuen des Gründers. (Quelle: http://www.elmundo.es/internacional/2014/01/08/52cd808e268e3e672e8b457f.html).
Die Ordensversammlung in Rom, so die offizielle Prognose, wird mindestens bis Mitte Februar 2014 dauern. Es soll eine neue Leitung gewählt werden, vor allem soll der Orden eine neue Konstitution, also eine neue Ordensregel, erhalten, die alte Ordensregel (obwohl erst von Papst Johannes Paul II. im November 2004 approbiert) sei viel zu diffus und den Weisungen für die Zeit nach dem 2. Vatikanischen Konzil nicht angepasst, sagte der provisorische, von Papst Benedikt XVI. eingesetzte Interim – Ordensobere Kardinal de Paolis (78) jetzt in einem Interview mit Radio – Vatikan. Wie konnte dieser Fehler passieren? War Papst Johannes Paul II. über dieses von ihm genannte „Vorbild der Jugend“ total falsch informiert? Wer im Vatikan hatte Interesse an er Verbreitung von „Falschinformationen“? In kritischen Kreisen fällt in dem Zusammenhang immer der Name Kardinal Sodano, einem alten Freund Maciels…
Der jetzige päpstliche Delegat, Kardinal de Paolis,, wurde vor kurzem von keinem Geringeren als Pater Federico Lombardi SJ, dem Pressesprecher des Papstes, für Radio Vatikan befragt. Ein auch journalistisch bemerkenswerter Vorgang…
In diesem Interview vom 8. Januar 2014, das nicht auf Deutsch vorliegt, ist u.a., kurz gefasst, interessant:
Der Name des Ordensgründers Pater Marcial Maciel wird überhaupt nicht mehr genannt. Dies entspricht dem Befehl des Papstes (Benedikt), auch alle Bilder des zuvor noch hoch verehrten Paters Maciel aus den Legionärs Häusern zu entfernen. Beobachter vergleichen diese faktische „Ausradierung“ des Ordensgründers mit einer Art Entstalinisierung. Aber insgeheim lebt der Geist des „Ausradierten“ natürlich fort. So sollen manche Legionärs Kreise noch voller Verehrung das Grab ihres „Vaters“ in seiner mexikanischen Heimat besuchen und entsprechende Fotos ehrfurchtsvoll verbreiten, sie glauben, es hätte ein ungerechter Krieg gegen Maciel stattgefunden, so berichtet die angesehene Wochenzeitung National Catholic Reporter Anfang Januar 2014, Quelle: Quelle: http://ncronline.org/news/accountability/former-legion-followers-criticize-oversight-order
Es wird jetzt vonseiten des päpstlichen Sonderbeauftraften für den Orden, Kardinal de Paolis, nicht vom „Charisma“ des Ordens gesprochen. Denn ein Charisma eines Ordens (etwa bei den Franziskanern das Vorbild des heiligen Franziskus von Assisi) bezieht sich immer auf die hervorragende Spiritualität des Gründers. Der aber hat im Fall der Legionäre „Untaten“ vollbracht, war also ein Verbrecher, wie Benedikt XVI. deutlich genug öffentlich sagte. Wenn also kein positives Charisma da ist, dann schlägt Kardinal de Paolis vor: Man spreche von Patrimonio, von Erbe, des Ordens. Patrimonio meint ja auf Spanisch auch Besitzstand. Und da hat der Orden ja wirklich sehr viel zu bieten, wir berichteten darüber. Die mexikanische kritische Presse hat erst im Januar 2014 erneut das weltweit verzweigte Milliardenvermögen des Ordens (in US Dollar) aufgelistet. Quelle: http://www.m-x.com.mx/2013-06-09/la-mafia-financiera-de-los-legionarios-de-cristo-int/
Wenn also der Orden der Legionäre keine, vom Gründer her stammende besondere und religiös herausragende Spiritualität hat, sollte er dann nicht besser aufgelöst werden? Auch dazu melden sich einige zu Wort, es sind vor allem prominente ehemalige Legionäre, die das fordern, wie der Ex – Legionär, der jetzige Diözesanpriester Felix Alarcon (Madrid), der viele Jahre ein engster Mitarbeiter Maciels in der Ordenszentrale in Rom war. (Quelle: http://sociedad.elpais.com/sociedad/2014/01/08/actualidad/1389214965_028153.html)
Felix Alarcon, einer der besten kritischen Kenner des Ordens, er tritt übrigens für die Aufösung des Ordens der Legionäre Christi ein, er verwendet dafür den spanischen Begriff „eliminicaion“, also „Auslöschung“. Die EX – Mitglieder des Ordens sollten sich in den Bistümern melden und dort nach entsprechender Prüfung arbeiten… Quelle:http://www.periodistadigital.com/religion/mundo/2013/12/20/felix-alarcon-la-legion-tal-como-la-entendiamos-deberia-ser-eliminada-religion-iglesia-maciel-abusos-sacerdote-papa-vaticano.shtml
Besonders bemerkenswert ist es, dass Kardinal de Paolis in dem Interview kein Wort über die Opfer der Verbrechen Pater Maciels sagt. Er redet nur im ganz allgemeinen von Schuld und von Gewissenserforschung, aber ohne jeden Anhalt auf die Tatsachen der Verbrechen und das Leiden der Opfer. Verschwiegen wird auch, dass auch etliche andere Priester dieses Ordens in pädophile Aktivitäten verwickelt sind und waren; das hat sogar der Sprecher des Ordens, Benjamin Clariond, im Dezember 2013 öffentlich zugegeben. Er sprach von 35 betroffenen Priestern. Quelle: http://www.informador.com.mx/internacional/2013/501164/6/legionarios-de-cristo-aclaran-denuncias-por-abusos.htm
In dem Interview für Radio Vatikan ist von diesem weit verbreiteten pädophilen Treiben in einem Orden mit insgesamt nur ca 900 Priestern (!) keine Rede.
Insgesamt zeigen die jüngsten offiziellen Interviews und Texte: Die Opfer stehen überhaupt nicht im Mittelpunkt des Interesses. Es geht dem Orden und dem Vatikan jetzt einzig darum, möglichst weißgewaschen, weiterzumachen. Von Wiedergutmachungen für die Opfer ist bis jetzt keine Rede.
Am 3. November 2013 hat der zweite Mann im Orden, der Generalvikar Pater Sylvester Heeremann, in einem Interview mit Radio Vatikan davon gesprochen, dass inzwischen – durch die Gespräche mit dem vatikanischen Delegaten und seinen Mitarbeitern – ein „echter Kulturwandel“ im Orden stattfinde. Dabei ist interessant, dass Pater Heeremann die bisherige „Kultur“ des Ordens in einem übertriebenem Aktivismus sieht, geprägt von einem Denken in Effizienz, d.h. (materieller) Erfolg galt als höchste Tugend. Tatsächlich ist die Anzahl der Schulen, Universitäten und Seminare des Ordens beträchtlich. Und tatsächlich haben sie viele hervorragende Kenner der Wirtschaft und ihrer Konzerne in ihrem Orden, wie etwa den Mexikaner Pater Luiz Garza Medina, einst war er viele Jahre Finanzspezialist in der Ordensleitung in Rom, jetzt ist er Ordensoberer in den USA. Die Legionäre, so der Gesamteindruck vieler Beobachter, haben offiziell die Armut gelobt, sie setzen alles daran, sehr viele Spenden zu sammeln, auch bei den Armen, um Stiftungen und Banken weltweit zu gründen…Dazu siehe: http://www.m-x.com.mx/2013-06-09/la-mafia-financiera-de-los-legionarios-de-cristo-int/
Um noch einmal auf die bisherige (?) „Kultur“ der Legionäre zurück zu kommen: Sie waren also Effizienz – Fanatiker, sie waren sozusagen die Spitze der Technokratie innerhalb der Kirche, ein Club, der ganz dem Zeitgeist erlegen war (und ist ?). Darüber hat bisher noch niemand ausführlicher geschrieben: Technokraten in der Kirche, wäre ein hübsches Thema auch für Papst Franziskus. Er hat sich übrigens vorbehalten, die neue Ordensregel dann irgendwann im Februar 2014 zu lesen. Es gibt keinen Zweifel bis jetzt, dass der Orden irgendwie fortbesteht.
Nicht nur deswegen ist die Frage dringend: Warum hat der Papst, warum hat der Vatikan, solch ein großes Interesse, dass der Orden der Legionäre Christi (bezeichnenderweise mit einem offiziell so auch genannten „Generaldirektor“ an der Spitze) in der Kirche weiter besteht? Denn daran lässt auch der päpstliche Delegat Kardinal de Paolis keinen Zweifel! Es ist – so vermuten einige – , vor allem eben doch das massenhafte Geld, über das der Orden verfügt, das so viel vatikanisches Wohlwollen heute vorherrscht. Und es sind auch die vielen jungen Priester, die der Orden immer noch für die eigenen Institutionen zur Verfügung stellt. In einer Kirche, die äußerst klerikal orientiert ist und vor allem Interesse hat, viele junge Priester zu haben, hat solch ein Orden eben große offizielle Sympathien; mag sein Ordensgründer auch über kein religiöses Charisma verfügen … und, wie Benedikt XVI. klar öffentlich sagte, eigentlich verbrecherisch gelebt haben.

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Zur Stellungnahme von Pater Klaus Mertes SJ in seinem empfehlenswerten Buch „Verlorenes Vertrauen“ zu Marcial Maciel, Seite 89 ff. einige zusammenfassende Hinweise:
Pater Mertes nennt Marcial Maciel einen „Missbrauchstäter besonders großen Ausmaßes“ (S 89).
Er erwähnt, dass Papst Benedikt XVI. das im Legionärs Orden übliche Zusatzgelübde der so genannten „Nächstenliebe“ abschaffte, weil dieses Gelübde nichts anderes bedeutete, als dass die Mitglieder über alle Zustände und Mißstände im Orden (also auch über die Verbrechen Maciels) zum Schweigen verpflichtet waren, nichts sollte nach außen dringen. Pater Mertes schreibt treffend: „Dies ist ein eklatanter Missbrauch von Macht und ein zynischer Umgang mit dem Wort =Nächstenliebe=“. (S. 90). Die Nächstenliebe bestand also darin, alle Aktionen des viel geliebten „Vaters“, also des – so der offizielle kirchliche Titel: „Generaldirektors“ Maciel – zu verstehen und zu verzeihen.
Wir haben im Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon auch früher schon diese Frage aufgeworfen: Wie konnte die römische Bürokratie (in Sachen Lehre und Dogma) dieses Gelübde überhaupt „genehmigen“? Pater Mertes nennt dieses Phänomen, dass die Kirchenleitung gar nicht mehr das Mißbräuchliche in geistlichen Gemeinschaften und Orden erkennt, „eine Versektung der Kirche“ (S 90), d.h. die Kirche im ganzen nimmt sektiererische Züge an. Pater Mertes weist wieder treffend darauf hin, dass sich diese Gruppen, wie die Legionäre Christi, als Elite und Avantgarde verstanden haben und verstehen, sie würden sich „als künftige Führungselite sehen. Inzwischen sind viele von ihnen schon in kirchlichen Führungspositionen angekommen“ (S. 90).
Tatsächlich hat am 15. November 2013 Papst Franziskus einen Legionär Christi, Pater Fernando Vergez Alzaga, zum Bischof geweiht und ihn anschliend zum Generalsekretär des Vatikanstaats ernannt. Quelle: http://katholisch-informiert.ch/2013/11/papst-weiht-generalsekretaer-des-vatikanstaats-zum-bischof/
Ob der Vatikan für diese hohe Aufgabe tatsächlich unbedingt einen „Legionär Christi“ braucht, (wer hat möglicherweise den Papst dazu gedrängt?), ist naturgemäß völlig unbekannt. Ausgerechnet ein Legionär ist nun „für die Seelsorge unter den dort tätigen Mitarbeitern zuständig“, so die Pressemeldung.

Inzwischen ist in Paris ein Bericht eines EX Legionärs (Christi) erschienen, in dem angesehenen Verlag Flammarion: Der Titel:
„Moi, ancien légionnaire du Christ, 7 ans dans une secte au cœur de l’Eglise“ („Ich, ehemaliger Legionär Christi, 7 Jahre in einer Sekte im Herzen der Kirche“) Der Autor: Xavier Léger, en collaboration avec Bernard Nicolas, Editions Flammarion, 352 pages ; 21 euros

Zum Schluß weisen wir auf die unseres Erachtens erste (freie) literarische Auseinandersetzung mit Marcial Maciel hin (einen großen Spielfilm oder Krimi gibt es bis jetzt noch nicht): José Manuel Ruiz Marcos, „La Orden maldita“ (2007).

Copyright: Religionsphilosophischer Salon Berlin.