Über die Papstkirche und den absoluten Papst Pius IX.

Das neue Buch des Historikers Hubert Wolf „Der Unfehlbare“
Ein Hinweis von Christian Modehn

Unser Motto, noch einmal gesagt: Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist immer auch Religionskritik.

Die katholische Kirchenführung, also Klerus, Bischöfe, Papst, hat in gewisser Weise Glück gehabt: Im Juli standen dringende Probleme im Mittelpunkt öffentlichen Interesse, Probleme, die sich auf das Überleben der Menschheit beziehen, also Corona und Klimakatastrophen. Vom Überleben der katholischen Kirche war zwar auch die Rede, aber dabei ging es „nur“ um den stetigen Mitgliederschwund in Deutschland. Aber ein großes „Überlebens“ – Thema wurde förmlich ausgeblendet: Die katholische Kirche im ganzen ist als Institution sozusagen „innerlich“, von der eigenen Lehre und Dogmatik, bedroht. Diesen Kampf ums geistige Überleben veranstalten nicht „Feinde“ von außen; sondern die Krise ist begründet am sturen Festhalten von befremdlichen, belastenden, nicht mehr eines modernern Glaubens würdigen Dogmen.

Dieser Gedanke drängt sich förmlich auf, wenn man das neueste Buch des Kirchenhistorikers Professor Hubert Wolf (Universität Münster) liest. Es hat den Titel „Der Unfehlbare“, der Untertitel nennt den Inhalt der Studie schon in Kurzform: „Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert“. Papst Pius IX., der von 1846 bis 1878 die Kirche beherrschte, hat die bis heute noch weithin gültige Gestalt des Katholizismus absolut eigenmächtig und mit aller egozentrischen Bravour festgelegt.

Diese Bewertung ist die Summe der sehr differenzierten Studie über Pius IX. von Hubert Wolf, die er ausdrücklich als Biographie versteht. Wegen des Dogmas von der „Unfehlbarkeit des Papstes“, formuliert vor 150 Jahren, im Juli 1870, von Pius IX., kämpft die katholische Kirche bis heute um ihr Überleben, d.h. um die geistige und spirituelle Akzeptanz von nachdenklichen, gebildeten Christen. Dieses Dogma liegt wie ein erratischer Fels in der „geistigen und religiösen Landschaft“.

„Man hat (durch Pius IX.) eine neue Kirche gemacht“. Mit diesen Worten eines Münchner Theologen und Zeitgenossen Pius IX. beendet Wolf sein Buch. Das heißt: Die katholische Kirche wurde als Papstkirche förmlich zementiert. Mit Pius IX. setzte sich das Bild eines charismatischen Papstes durch, dessen Person und Persönlichkeit ganz in den Mittelpunkt gerückt wurde. Die Verehrung und Bewunderung für die Person dieses obersten „Führers“ führte etliche fromme Leute, ja ganze Bewegungen, zu einem ungeahnten Personenkult. Dabei hatte Pius IX. sich in den ersten Monaten nach außen hin etwas liberal gezeigt, darauf weist Wolf hin, was angesichts seines reaktionären Vorgängers Gregor XVI.auch nicht so schwer war. Aber Pius IX täuschte die Leute: Schon seine erste Enzyklika war Ausdruck von Feindseligkeit gegen die moderne Welt. Den Fußkuss erwartete dieser Nachfolger des Fischers Petrus ganz selbstverständlich, kritischen Leuten gab er sogar nach dem Kuss noch einen leichten Tritt, auch dies ist überliefert.

Trotzdem galt er vielen, die ohnehin schon politisch konservativ bis reaktionär gestimmt waren, als ein „charismatischer Papst“.

Dieser Personenkult um eine „charismatische Papst-Persönlichkeit“ setzte sich in gewisser Weise fort, man denke an Papst Johannes XXIII. oder noch viel mehr an Johannes Paul II., der auch post mortem einen irrational wirkenden Kult etwa in Polen erlebt. An Papst Franziskus scheiden sich heute die Geister, aber für viele ist er trotz aller seiner theologischen Widersprüche eine absolute Lichtgestalt. Die Menschen brauchen – leider – immer wieder Führer, von denen sie förmlich Wunderbares erwarten…Und konservative Franziskus-Feinde sehen in ihm den charismatischen Führer in den Niedergang…

Hubert Wolf zeichnet als Biograph Papst Pius IX. nicht allzu ausführlich dessen aktuelle Wirkungsgeschichte bis heute nach, über die Absetzung von Hans Küng als katholischem Theologen an der Uni Tübingen (wegen seiner kritischen Studie zur Unfehlbarkeit) erfährt man nichts.
Aber Wolf stellt klar: Mit diesem Papst ist die Kirche anders geworden, noch autoritärer, noch distanzierter und feindlicher gegenüber der modernen, der liberalen und demokratischen Welt. Und im Innern ist die Kirche monolithisch geworden, intolerant gegenüber progressiven Theologen, alles auf einen angeblich zu kontrollierenden Einheitskurs trimmend.

Das zeigt Wolf ausführlich an den Debatten während des Ersten Vatikanischen Konzils von 1870: Da setzte sich Pius IX. trotz heftigen Widerspruchs zahlreicher Bischöfe mit seiner Lieblingsidee durch, der Unfehlbarkeit des Papstes, die er zum Dogma erhob und für alle Katholiken als bindende Wahrheit verkündete. Dieses Dogma wurde vor 150 Jahren, am 18. Juli 1870, offiziell ausgesprochen. Der Papst konnte nun gegen die Überzeugung der Bischöfe, gegen die Einsichten von Konzilien, alles aus eigener Macht lehren und verfügen. Schon 1854 hatte Pius IX. die absolute Machtfülle förmlich schon mal vorgeführt, als er ebenfalls gegen den Widerspruch kompetenter Theologen und Bischöfe die „Unbefleckte Empfängnis Mariens“ zum Dogma erhob, also den frommen Glauben, dass Maria, die Mutter Jesu, „unbefleckt“, (was für ein Begriff ! ), also ohne die für alle Menschen sonst übliche Erbsünde empfangen und geboren wurde. Denn die Erbsünde werde, so meinen die Kirchenführer bis heute, durch den Sex, also auch durch Sperma, also durch „Flecken“, übertragen… Das ist, milde gesagt, problematisch, wenn nicht lächerlich. Zumal auch die „echten“ Eltern Marias gar nicht namentlich als historische Personen bekannt sind: Die Kirchenführer haben dann einfach als Mutter eine gewisse Anna (aber natürlich auch als imaginäre Gestalt heilig) konstruiert und als Vater einen imaginären Joachim. Über die hoch umstrittene Erbsünde will ich hier kein Wort verlieren…

Jedenfalls hat sich Pius IX. immer in seiner eigenen privaten theologsichen Liebhaberei und Meinung durchgesetzt. Er hat sich, auch das zeigt Wolf, mit untertänigen, eher unbegabten, wenn nicht korrupten Beratern umgeben. Auch in der ausdrücklichen Verurteilung der modernen Gesellschaft und des neuen italienischen Staates, vor allem in der Enzyklika „Quanta Cura“ und im „Syllabus errorum“ von 1864, profilierte sich dieser Papst als Feind der Freiheit, als Feind der Moderne.

Pius IX. hat die Kirche definitiv ins Getto bewusst führen wollen, das war sein starrsinniger Wille, auch wenn ihm viele Leute zujubelten, die gerade auch aus politisch – reaktionären Gründen diese kirchliche Sonderwelt in Form einer großen Sekte rühmten, wie der Erzreaktionär Joseph de Maistre. Die Jesuiten als Herausgeber der damaligen „Stimmen der Zeit“ (mit dem Titel „Hefte aus Maria Laach“) haben diesen Kurs offen unterstützt.
Und bis heute ist das offizielle katholische Gesetzbuch, der Codex Iuris Canonici, noch von diesem Ungeist des absoluten Papst-Fixierung geprägt: Wenn dieses Gesetzbuch, in der Neufassung aus dem Jahr 1983 !, das Kapitel „Papst und Bischofskollegium“ eröffnet, heißt es gleich am Anfang im § 331: „Der Papst verfügt kraft seines Amtes in der Kirche über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann“. Das hätte der absolutistische Papst Pius IX. nicht besser sagen können. Wenn das auch heute so ist, dann wundert sich manch einer vielleicht, warum nicht der angeblich so progressive Papst Franziskus kraft seiner päpstlichen All-Gewalt das Zölibatsgesetz von heute auf morgen abschafft oder Frauen als Priesterinnen zulässt, all dies könnte er ja kraft seiner absoluten Gewalt des Kirchenrechts. Aber er tut das nicht…
Ich empfehle das Buch von Hubert Wolf ausdrücklich, es ist eine gut lesbare Biographie eines Mannes aus dem italienischen Adel. Geboren am 13.5.1792 als Giovanni Maria Mastai Ferretti macht er in der Kirche systematisch Karriere, obwohl er als junger Mensch schwer erkrankt (an Epilepsie) und mit etlichen Gönnern wird er Priester, Bischof, Kardinal. Seinen launischen und cholerischen Charakter mit Tobsuchtsanfällen (S. 313) hat er sich stets bewahrt und von vielen, die ihn als Papst dann kannten, wurde er als verrückt und geisteskrank beschrieben (S. 311) Die Lebensgeschichte dieser kranken, autoritären Person stellt Wolf in den größeren politischen Zusammenhang des Untergangs des Kirchenstaates und des mühevollen Entstehens des vereinten Italiens, dem sich Pius IX. auch widersetzte. Als sein Leichenwagen durch die Straßen von Rom fuhr, wurde er von wütenden Bürgern mit Steinen beworfen. Pius IX. hätte selbst dies noch gefreut, denn er wusste: Als Verteidiger der einen und einzigen absoluten Wahrheit hat er eben auch böse Feinde.

Und eigentlich ist es bei dieser Kirche normal, dass dieser Pius IX. dann vom polnischen Papst Johannes Paul II. „selig“ gesprochen wurde (2000), trotz erheblicher Widerstände von Historikern und Theologen. Unter Papst Paul VI. wurde diese Seligsprechung schon einmal inszeniert, aber vergeblich: Damals folgte der Papst den kenntnisreichen Warnungen der Historiker vor diesem seelisch offenbar kranken Papst (vgl. besonders S. 313).

Aber Pius IX und Johannes Paul II. waren geeint in ihrem exzessiven, fanatischen Glauben an die Wunderkraft Marias, der unbefleckt empfangenen! Pius IX. glaubte, dass die himmlische Jungfrau ihm so gar himmlische Heerscharen zur Rettung senden würde (vgl. S. 201). Und ohne Marias Beistand konnte sich Johannes Paul II. zum Beispiel den Untergang des Kommunismus auch nicht vorstellen. Und die Liebe des polnischen Papst zu den „Erscheinungen Marias“ in Fatima, wo sie höchstpersönlich zu einigen Kindern sprach, ist bekannt. Man darf sagen, durch solche infantilen religiösen Praktiken haben diese Päpste den christlichen Glauben eigentlich zur mysteriösen Story gemacht, man könnte auch sagen: „Warum ist eigentlich nicht auch im Himmel Jahrmarkt? Diese Flucht der obersten Kirchen-Führer, der Päpste und mit ihnen die devoten Bischöfe, ins Mysteriöse, hat Menschen aus der Kirche getrieben, die noch wertlegen auf die Gültigkeit des göttlichen Gabe, Vernunft genannt!

PS: Als Trost für alle Laien in dieser Kirche, die noch Nerven haben dieses wichtige Buch von Hubert Wolf zu lesen: „Selbst minimale politische Forderungen innerhalb des Kirchenstaates, wie die Mitverantwortung von LAIEN in der Verwaltung auf kommunaler Ebene, wurden von Pius IX. als verbrecherisch diffamiert.“ (S. 79). Da dürften doch heute im Verwaltungsbereich katholische Laien (nicht in der Gemeindeleitung) ein bisschen mehr tun… Der Fortschritt ist also auch katholischerseits nicht zu stoppen, er dauert nur Jahrhunderte. „Macht nichts“, denn die Kirchen-Führer denken in „Kategorien“ der Ewigkeit. Die einzelnen betroffenen und leidenden Katholiken können und wollen nicht so denken. Aber das ist den „geistlichen“ Herren und war den „geistlichen“ Herren immer schon egal. Es ist dieser den Geist-tötende egozentrische Klerikalismus, den das große Buch von Hubert Wolf einmal mehr freilegt als chronische Krankheit des Katholizismus.

Hubert Wolf, „Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert“. C. H. Beck Verlag München 2020, 431 Seiten, 28 €.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes wird abgeschafft!“

Als sich die katholische Kirche dogmatisch von der Moderne verabschiedete: Dies geschah im Jahr 1870, am 18. Juli, durch die Entscheidung von Papst Pius IX.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Das Papsttum „zerbröselt“ offensichtlich:
Am 14.7.2020 habe ich ein Vorwort zu dem Text unten geschrieben. Ich will auf die jüngste Publikation „The next Pope“ des bekannten sehr konservativen US-amerikanischen Autors George Weigel hinweisen, der schon jetzt, obwohl Papst Franziskus ja wohl noch lebt, das Profl des künftigen Papstes beschreibt. Dieses Buch wurde von dem New Yorker Kardinal Timothy Nolan allen Kardinälen sozusagen zur Einstimmung geschickt. Das Buch ist zudem in einem Verlag erschienen, das dem Jesuitenorden nahesteht, der „Ignatius Press“.

Das Papsttum, das sollten alle an dem Thema noch Interessierten wahrnehmen, löst sich heute zwar noch nicht von selbst ganz auf, aber es zerbröselt so langsam und systematisch. Das wird vor allem sichtbar in den bekannten, öffentlich ausgetragenen Attacken gegen den regierenden Papst Franziskus. Diese vielen polemischen Stellungnahmen aus höchstem kardinalen Munde sind bekannt. Bezeichnend ist, dass Papst Franziskus, wann immer er kann, öffentlich darum bittet, für ihn zu beten. Das ist keine fromme Floskel, sondern Ausdruck der Angst vor den allmächtigen Kurien-Leuten und Kardinälen und reaktionären Theologen. Kaum einer von denen würde offen sagen: Ich bin gegen Papst Franziskus. Aber wer auch zwischen den Zeilen lesen kann, etwa in den Druckerzeugnissen von Kardinal Müller und Co., weiß Bescheid.
Um diesen Auflösungsprozess des Papsttums heute zu begreifen, muss man an die Tatsache erinnern, dass sich der einstige Papst Benedikt XVI. nach seiner selbst gewollten Emeritierung 2013 keineswegs als zurückgezogener, vielleicht Buße tuenden Emeritus verhält, sondern wie eine Art zweiter Papst! Er wird, und das erwartet er wohl, von „seinen Kreisen“, den konservativen Katholiken, verehrt, die er dann seinerseits mit seinen Schriften und Interviews bestens bedient. „Unser Papst ist Benedikt“, man lese die entsprechenden Jubel- Beiträge seiner Fans…
Man sollte also, wenn man den Mut der klaren Analyse hätte, wirklich von einem Gegenpapst Benedikt XVI. sprechen mit seiner starken militanten Lobby um ihn herum. Zwei Päpste also, das ist total gegen die klassische Lehre vom Papsttum.
Und dieses Papsttum zerbröselt, weil die Pluralität der theologischen Meinungen selbst unter den Kardinälen nicht mehr wie einst „unter einem Deckel“ gewaltsam unterdrückt werden kann: Einst, das heißt wohl bis zum polnischen Papst Johannes Paul II., war der Papst und das Amt des Papstes wie eine Art monolithisches Imperium noch zusammengehalten. Heute ist es so weit gekommen, dass der Kardinal von New York Timothy Dolan vor kurzem das Buch eines bekannten, sehr konservativen Autors, George Weigel, an alle Kardinäle schickte. Sozusagen zur Einstimmung für die nächste Konklave, fehlt bloß noch, dass man für ein alsbaldiges friedliches Ende von Papst Franziskus betet. Der Titel des Buches von Mr. Weigel ist „The Next Pope“. Damit wird unverschämterweise, möchte man sagen, gegen das ausdrückliche Verbot des regierenden Papstes Franziskus agiert, schon „ante mortem“ ein Profil des künftigen Papstes zu beschreiben.
Selbstverständlich, Weigel nennt dabei keinen Namen. Aber der Grundtenor ist klar: So, wie unter Papst Franziskus, darf es nicht weiter gehen. Es ist sozusagen eine besondere „Feinheit“, dass dieses Buch im Verlag „Ignatius Press“ erscheint, also in einem Verlag in San Francisco, der mit dem Jesuitenorden eng verbunden ist. Der Gründer des Verlages ist ein Jesuit. Dadurch wird deutlich, dass auch innerhalb des Jesuitenordens Abstand genommen wird von dem Jesuiten – Papst Franziskus.

Diese Details zeigen, dass das Papsttum als Imperium und als monolithischer Block heute de facto nicht mehr besteht und wohl nie mehr bestehen kann: Die theologische Pluralität und die kulturelle Differenz in einer Kirche mit 1,3 Milliarden Mitgliedern vernichtet alle Uniformität und Einheitlichkeit. Und schon allein diese Tatsache der 1,3 Milliarden Mitglieder lässt doch jeden nachdenklichen Menschen meinen: Wie kann ein einziger sehr alter Herr (Papst Franziskus ist jetzt 83 Jahre alt), eine Organisation mit 1,3 Milliarden Mitgliedern „leiten“. Auch ein jüngerer Papst kann dieser Aufgabe nicht gerecht werden. Darum: Nicht einen Papst, sondern mindestens fünf auf allen Kontinenten könnte diese Kirche gebrauchen. Aber könnten fünf Päpste auf verschiedenen Kontinenten (gemeinsam) „unfehlbar“ sein? Wohl kaum.So könnte sich das „Unfehlbarkeitsdogma“ von 1870 von selbst erledigen…
(Siehe: https://www.ncronline.org/news/people/exclusive-dolan-sends-book-next-pope-cardinals-around-world)

Man vergesse auch nicht, dass bereits Kant in seinem Text von 1793 „Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis“ eine Regierung als „despotisch“ ablehnt, in der sich der Herrscher als ein Vater verhält, der(möglicherweise, je nach Laune) wohlwollend gegenüber seinen Bürgern ist. Diese Bürger aber werden als passive, duldsame Kinder gegenüber dem Vater verstanden. Kant sagt: „Dies ist der größte denkbare Despotismus“. Diese Äußerung Kants gilt es auf die Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes zu beziehen. Papa heißt „Vater“. Die Gläubigen sind also seine „Kinder“…(Siehe: Kant, „Zum ewigen Frieden und andere Schriften“, Fischer Taschenbuch, 2008, Seite 99). Aber hätte Papst Pius IX. auf das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes verzichtet, wenn er Kant gelesen hätte? Eher nicht, er wie alle Päpste wollte ja die Gläubigen als gehorsame „Kinder“. Bis heute.

Und man vergesse auch nicht, dass schon 1819, also 50 Jahre vor der Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit, der reaktionäre Philosoph Joseph de Maistre in seinem Buch „du Pape“ ausdrücklich die Unfehlbarkeit des Papstes forderte. Nur mit dieser Unfehbarkeit, meine er, könnte die alte in seinem Sinne richtige feudalistische Ordnung wieder hergestellt werden… Pius IX. hatte daran geglaubt, ein treuer Schüler de Maistres…

1.
Unter den vielen Dogmen der katholischen Kirche (Dogma bedeutet: „Was ein Katholik glauben muss“) ist die „definitive und unumstößliche Lehre“ der „Unfehlbarkeit des Papstes“ eines der besonders problematischen und abstoßenden Dogmen. Vor 150 Jahren, am 18. Juli 1870, hat Papst Pius IX. diese Verfügung durchgesetzt, bekanntermaßen gegen den Widerstand vieler Bischöfe während des Ersten Vatikanischen Konzils. Pius IX. ist – gerade in höherem Alter – als ein Reaktionär in jeder Hinsicht bekannt: Als ein Feind der Moderne, also der Demokratie, der Menschenrechte, ein Gegner der freien Meinungsäußerung usw. Das kann hier nur angedeutet werden, ist aber ein Hinweis auf den absolutistischen Geist dieses obersten „Brückenbauers“, denn das bedeutet die Selbstbezeichnung der Päpste „Pontifex maximus“. Pius IX. hat keine Brücken gebaut, sondern den Katholizismus auf Dauer von der Moderne und der Aufklärung abgekoppelt. Er ist also faktisch ein Widerspruch zu seinem Auftrag.
Genauso bezeichnend ist die Tatsache: Der ebenfalls theologisch extrem konservative polnische Papst Johannes Paul II. hat im Jahr 2000 Papst Pius IX. selig gesprochen: Er darf also, zumindest regional, verehrt und als Fürsprecher im Himmel angesprochen werden, so die offizielle Lehre zu „Seliggesprochenen“. „Seliger Papst Pius IX. hilf uns, die Demokrartie zu zerstören“, könnte eine fromme Bitte heißen, vielleicht ist dies ein Tipp für katholische Rechtsextreme?
2.
Mir geht es nur um die ganz einfache, aber von katholischen Theologen in dieser präzisen Form meines Wissens nie gestellten Frage: Warum kann die katholische Kirche dieses unerträgliche Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes nicht schlicht und einfach heute und zwar sofort abschaffen?
Als besonderes Geschenk für die Welt und die Katholiken an dem Gedenktag? Dazu wäre ja rechtlich gesehen ein Papst in der Lage. Die Abschaffung dieses Dogmas wäre dann die letzte Tat eines unfehlbar agierenden Papstes. Dann müsste der Papst erklären: „Entschuldigung, was dieser Pius IX. da mit aller Bravour und Einschüchterungen auch gegen die Bischöfe durchsetzte, ist falsch, in heutiger fortgeschrittener Theologie sowieso. Der Katholizismus ist inzwischen geistig doch etwas lebendiger geworden, so dass er sich von diesen überlebten Vorstellungen Pius IX. trennt“.
Der Papst wäre also ab sofort nicht mehr unfehlbar „in Fragen des Glaubens und der Sitten“, wie es einst hieß. Der Papst wäre dann ein Mitglied der Bischöfe unter anderen, er wäre zu einem Lernenden und Suchenden unter anderen geworden.
3.
Selbst wenn immer wieder von herrschenden klerikalen Kreisen gesagt wird: So oft haben die Päpste ja bisher gar nicht Gebrauch gemacht von dieser ihrer dogmatischen „Unfehlbarkeit in Glaubensfragen“. Dann muss man freilich nur an Tatsachen erinnern: Es gibt nämlich eine „schleichende Unfehlbarkeitstendenz in den Aussagen späterer Päpste“, vor allem bei Johannes Paul II. und seinem Chef-Theologen Kardinal Ratzinger. Der katholische Theologe Professor Norbert Scholl schreibt sehr treffend in den „Stimmen der Zeit“ 2018, wenn er sich auf die vielen anderen päpstlichen Verlautbarungen bezieht, die den Katholiken als offizielle Lehre irgendwie ständig aufgedrängt werden: „Ob Enzyklika, Motu proprio, Apostolisches Schreiben, vom Papst approbierte Erklärungen der Glaubenskongregation oder Katechismus der Katholischen Kirche: Immer wird die „willige Annahme der Lehren und Weisungen durch die Gläubigen, die ihnen ihre Hirten in verschiedenen Formen geben“, verlangt, also „religiöser Gehorsam“, „Folgsamkeit in Liebe“ oder „endgültiges Festhalten an diese Entscheidung“. Also genau die gleiche Haltung, die auch gegenüber einem Dogma gefordert wird.
4.
Die Tendenz des Papstes, diese versteckteren Formen der Unfehlbarkeit und damit der autoritäre Rechthaberei in Glaubens – und Moralfragen auszuüben, ist also auf vielfache Weise präsent und ungebrochen bis heute. Papst Franziskus hat dem heftigen Kritiker der Unfehlbarkeit, dem katholischen Theologen Hans Küng diesbezüglich auf einen Brief freundlich geantwortet, aber keine präzisen Aussagen zu einer „Abmilderung dieses Dogmas“ gemacht. Wie immer ist Papst Franziskus in einem freundlichen Ja und Nein befangen, wie es Franziskus als „Jongleur“ so liebt, weil er –diplomatisch gesehen wahrscheinlich klug – ums eigene Überleben im Vatikan besorgt ist und niemanden unter den Kardinälen dort sehr oft stark verärgern will. Das wäre vielleicht die Summe des Pontifikates von Papst Franziskus: „Weil er es allen recht machen wollte, hat er nichts so richtig recht gemacht“. Aber das ist ein anderes Thema…post mortem zu bearbeiten.
5.
Zurück zu unserer eigentlich ganz einfachen Frage: Wird dieser Papst oder einmal ein anderer Papst das Unfehlbarkeitsdogma abschaffen? Es erscheint wie ein hoher unüberwindlicher Berg, der allen Menschen die Sicht nimmt, wenn es um das Suchen nach einem vielleicht doch möglicherweise Vernunft-affinen Katholizismus geht. Aber die katholisch theologische Antwort muss LEIDER nein heißen. Es kann systembedingt keine Abschaffung eines Dogmas geben. Das System lässt dies nicht zu! Denn die katholische Theologie kann und will die über alle und alles herausragende und alles bestimmende Macht des Klerus, also auch des Papstes, nicht aufgeben. Und zu dieser Macht – Ideologie gehört auch die selbst geschaffene Überzeugung: Was wir Kleriker einmal als Dogma, als Wahrheit, definiert haben, gilt ewig. „Denn wir sind“, so behaupten sie, „die einzigen autoritativen Lehrmeister der Kirche“. Es gibt für diese sich so fühlenden Herren, was die Dogmen angeht, eine ewige Kontinuität der Lehre, keine Brüche und keine Abschiede. Diese gibt es nur sehr gelegentlich bei großen wissenschaftlichen Irrtümern, wie zum „Fall Galilei“, der Wissenschaftler wurde bekanntlich (erst) 1992 offiziell rehabilitiert. Der Trick dabei ist: Die Kleriker behaupten, über die Dogmen alles genau zu wissen: So behaupten sie: Es war ja Gott selbst, sein Geist, der – durch päpstlichen Mund – die Dogmen geschaffen hat. Und weil in diesem Denken Gott nur ewig und unveränderlich gedacht werden kann, können auch die von Gott selbst geschaffenen Dogmen nicht von Menschen abgeschafft werden. Sie können bestenfalls neu interpretiert, also in anderen Worten einen anderen Akzent setzen. Aber die einmal behauptete dogmatische Lehre muss erhalten bleiben.
6.
Es würde mich reizen, den Satz des katholischen Theologen Hans Küng zu variieren, der einmal sagte: „Die katholische Kirche hat immer mehr Parallelen zu Diktaturen. Der römischen Kurie sei es gelungen, die Bischöfe weltweit durch eine enge Beaufsichtigung und mit Hilfe von Denunzianten zu einem fügsamen Apparat zu formen, so der 84-jährige.Dieser Apparat erinnere „in seiner Machtstruktur an Leitungskader in totalitären und diktatorischen Systemen, wo auch niemand eine abweichende Meinung zu äußern wagt“. Das berichtet der ORF im Jahr 2012: (http://begegnungunddialog.blogspot.com/2012/05/kung-katholische-kirche-erinnert.html)
Man müsste dann Parallelen ziehen zu den Herrschaftsformen der Kommunistischen Parteien und ihrer Führer, die bekanntlich auch vom Glauben geleitet waren, die Wahrheit zu „haben“ und diese anderen aufzudrängen. Wer nicht spurte, wurde verbannt und hingerichtet. Der Umgang mit Andersdenkenden ist ja auch unter Pius IX. sowie vorher und nachher in der römischen Kirche nicht sanft, human oder gar jesuanisch“ gewesen. Aber diesen Vergleich totalitärer Systeme, KP und Vatikan, will ich anderen überlassen. Hans Küng ist 2012 übrigens auch nicht ins Detail gegangen. Zu viel Ärger mit Rom wollte sich der mutige Unfehlbarkeitskritiker dann doch nicht antun. Zumal er als letztlich doch strammer Katholik eben doch wohl immer noch glaubt, dass diese römische Kirche „letztlich“ eine göttliche Stiftung ist. Also etwas „Heiliges“ ist.
7.
Erst wenn sich die Überzeugung durchsetzt: Auch die katholische Kirche, auch das Papsttum selbstverständlich, ist eine Stiftung religiöser Menschen, also nicht mit einem göttlichen Glanz eines göttlichen Stifters versehen, wird sich die Unfehlbarkeitsdebatte erübrigen. Dann werden auch Kleriker, selbst Päpste, wieder „nur“ Menschen sein, Suchende, Fragende, Fehlbare.
8.
Wie wäre es also mit dem (zeitlich gesehen) letzten Dogma der katholischen Kirche, dem Dogma von der Fehlbarkeit der Päpste in Glaubens- und Sittenfragen?
Nebenbei: In Sittenfragen waren sie ja, was ihre eigene Praxis angeht, immer sehr „fehlbar“.

9.
Manchmal werden einige wenige Katholiken von Träumen erfreut. Sie sehen einen vatikanischen Günter Schabowski vor sich, der auf die Frage „Wann wird das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes abgeschafft?“, ganz einfach sagt: „Ich glaube, nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich“.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin