Über die Unendlichkeit. Zum neuen Film von Roy Andersson.

Zugleich auch Hinweise zum Unendlichen, das die Endlichkeit und das Endliche in sich umfasst. Inspiriert von Hegel und (am Schluss) mit einem Zitat des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy.

Von Christian Modehn, zuerst publiziert am 21.9.2020. Überarbeitet publiziert am 29.3.2021.

1.
Der neue Film von Roy Andersson „Über die Unendlichkeit“ liegt nun endlich als DVD, auch auf Deutsch, vor. Andersson zeigt wie in früheren Filmen wieder Denk-Bilder, vielfältige Szenen, die ins Philosophieren führen. Ein großartiger, gelungener Versuch! Denkbilder entstehen nur, wenn die Bilder wirklich stehen, wenn keine Schnitte geschehen, wennalles ruht, sich darbietet zum Schauen, Betrachten und Verweilen. Und diese Bilder Anderssons prägen sich dem Gedächtnis ein, so werden sie Denkbilder. Und man schaut dann wütend auf die Flut der rasanten Schnitte der schnellsten action, die uns heute in den meisten Filmen das Zuschauen verderben.
2.
Der Titel „Über die Unendlichkeit“ lässt keinen Zweifel, dass es Andresson entschieden um die Frage nach dem Ewigen, dem Göttlichen und Gott geht. Auch die Fragen nach einem echten Leben in freundlicher Achtsamkeit und Solidarität führt ja bekanntlich als ethische Frage ins Religiöse. Ein lutherischer Pfarrer hat in dem Film ein Problem: „Wenn man den Glauben verloren hat, was kann man dann noch tun?“ fragt der Pfarrer, der Hilfe bei einem hilflosen Psychiater sucht. Wenn er in seiner Not am Ende der Sprechstunde erneut Beratung sucht, wird er rausgeschmissen. Der Arzt darf seinen Bus nicht verpassen…
3.
Die vielfältigen Bilder werden durch eine Kommentatorin eingeleitet bzw. begeleitet, die OFF-Stimme beginnt immer mit den Worten: „Ich sah einen Mann“…bzw. „Ich sah eine Frau“. Wer das Neue Testament kennt, wird dabei deutlich an das Buch „Apokalypse des Johannes“ (Offenbarung des Johannes) erinnert. Die allermeisten Kapitel dieses Buches werden mit den Worten „Und ich sah…“ eingeleitet. Andersson bindet seinen Film also an apokalyptische Erfahrungen. Das macht schon die eindrucksvolle Szene deutlich, in der ein eng umschlungenes Liebespaar über die zerstörte Stadt Köln schwebt. Man denke auch an die lange Einstellung, die Gefangene zeigt auf dem Weg ins Straflager Sibiriens. und das Ewige und Bleibende wird sozusagen naturwissenschaftlich angesprochen in einem Bild: Studenten unterhalten sich über die Gesetze der Thermodynamik, über das Erhaltenbleiben der Energie…Die Studentin möchte dann lieber als Tomate denn als Kartoffel nach Millionen Jahren wieder auftreten, auf Witz und Ironie kann Roy Andersson niemals verzichten.
4,
Der Film ermuntert natürlich, philosophisch weiter über das Unendliche nachzudenken. Bei dem Thema kann ich auf Hinweise zu Hegel nicht verzichten. Hegel ist DER Denker des Verbundenseins von Endlichem und Unendlichem.
5.
Zum Phänomen des Endlichen: Das Endliche ist das Geschaffene, Begrenzte, Sterbliche, Zerstörbare, auf andere Verwiesene und von Anderen Abhängige. Der Mensch fühlt sich manchmal autonom; dabei weiß der endliche Mensch, dass er nicht aus eigener Kraft entstanden ist, dass er etwa die körperlichen Funktionen im eigenen Leib nicht wirklich selbst bestimmen und steuern kann, dass er nicht nur nicht sein Geborenwerden bestimmt hat noch – wahrscheinlich – die Stunde des eigenen Sterbens kennen wird.
Menschliche Autonomie gibt es, „Gott sei Dank“, aber sie ist doch sehr begrenzt. Und dennoch erleben wir und wissen wir endliche Wesen manchmal, dass wir über das Endliche hinausreichen, in einer Art geistigen Dynamik, die uns Grenzen und Begrenzungen, also Endliches, überschreiten lässt.
6.
Schon in der „Differenzschrift“ Hegels, verfasst in jungen Jahren, 1801 in Jena, geht es in dem ersten Kapitel um die Überwindung des üblichen „alltäglich geglaubten“ Gegeneinanders von Endlichem und Unendlichem, ein Thema, das Hegel sein ganzes Leben beschäftigt. In der „Differenzschrift“ heißt es (zitiert nach der Suhrkamp Ausgabe, Band 2, Seite 21): “Das Unendliche, insofern es dem Endlichen entgegengesetzt wird, …drückt für sich nur das Negieren des Endlichen aus“.
Damit will Hegel sagen: Ein Unendliches, das sich nur im permanenten Negieren des Endlichen zeigt, ist das, wie er sagt, „unwahre Unendliche“. Wie kommt Hegel zu dieser Erkenntnis?
Wir überscheiten im Denken ständig das Endliche, „negieren“ es, schreiten von einem Endlichen zum nächsten Endlichen, das wir dann auch wieder als Endliches überwinden. Das ist gerade in den Naturwissenschaften ein normaler Vorgang, der grenzenlos erscheinende, deswegen unendlich genannte Weg von einem Endlichen zum anderen.
Wie auf einer Linie ohne Ende schreitet förmlich das Denken von einem zum anderen, dem besser Erkannten. Gerade jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, erleben wir, wie die Forschung sich langsam von einer Erkenntnis zu nächsten vortastet. Diese Forschung ist, indem sie immer alte endliche Erkenntnisse negiert, ein unendlicher Prozess, und es ist gut, dass ihn Forscher betreiben.
7.
Aber ist dieser unendliche Weg der Überwindung einer Endlichkeit zu einer anderen Endlichkeit schon eine Erfahrung der Unendlichkeit? Ist Unendlichkeit Grenzenlosigkeit auf einer horizontalen Linie, auf der wir von einer endlichen Erfahrung zur nächsten gehen?
Hegel sagt dazu entschieden Nein, so sehr er auch die oben beschriebene Forschung als Fortgang von einem Endlichen zum nächsten schätzt und für notwendig hält.
8.
Die wahre Unendlichkeit zeigt sich erst, wenn der Mensch in seinem Geist diese gerade beschriebene ständige Überwindung des Endlichen noch einmal reflektiert und fragt, wie ist sie eigentlich möglich? Welche innere geistige Kraft treibt mich über jedes Endliche hinweg zum nächsten Endlichen?
Und dabei wird entdeckt: Es lebt eine Kraft im menschlichen Geist, die diese Dynamik des Lebens im Endlichen (auch im Forschen des Endlichen) sozusagen ständig belebt und ermöglicht. Schon 1801 in der genannten „Differenzschrift“ (S. 25) schreibt Hegel: „Die Aufgabe der Philosophie besteht darin, das Endliche IN das Unendliche als Leben zu setzen“.
Das heißt: Das Endliche, also auch der Mensch, ist in das Unendliche hineingesetzt, als Bedingung der Möglichkeit seines geistigen Lebens.
9.
Das wahre Unendliche im Sinne Hegels ist die im Inneren des menschlichen Geistes anwesende, sozusagen „vertikal“ ins Innere gelagerte Unendlichkeit, dies ist für Hegel der unendliche Geist, man könnte im Sinne Hegels sagen: Das Göttliche, Gott.
Diese Erkenntnis mag für einige heute ungewöhnlich sein:
Hegel betont: Es ist die Anwesenheit des unendlichen Geistes (als des Geistes des Unendlichen, also Gottes), die das geistvolle Leben, dieses ständige Suchen nach dem Unendlichen ermöglicht. DIESE Unendlichkeit drückt sich in der Wirklichkeit aus, wenn der Mensch, künstlerisch, schöpferisch tätig ist, voller Phantasie, die den Alltag überschreitet. Der Mensch formt sich dann auch Religionen, schafft sich in bunten Erzählungen die heiligen Schriften (Bibel, Koran usw.). Der endliche Mensch liebt den und die anderen, dabei schwingt er manchmal aus sich heraus; er steigert sein Selbstgefühl.
10.
Der Mensch ist das transzendierende, d.h. die eigene Endlichkeit überschreitende Wesen.

Das (schöpferische) Unendliche umfängt förmlich als innere Struktur im Endlichen das Endliche, ohne dieses in seiner Freiheit und Tätigkeit einzuschränken. So wird das Endliche, also der endliche Mensch, nicht nur zum Überschreiten jeglicher Endlichkeit aufgefordert. Das Endliche weiß zudem, dass er gleichzeitig mit dem unendlichen Geist verbunden ist. So gibt es also eine wahre Einheit von Endlichem und Unendlichem.

11.
Was hat das alles mit dem Film „Über die Unendlichkeit“ zu tun? Die vielen Beispiele des Verstricktseins in die Endlichkeit, in das Leiden der Menschen, werden wenigstens gedanklich versöhnt, weil im Nein zu diesen endlichen Situationen ein Licht der Anwesenheit des Unendlichen aufleuchtet. Dieses Licht bleibt, es kann von Menschen übersehen, totgeschwiegen, aber nicht „abgeschaltet“ werden. Der Geist lässt sich nicht töten!
Diese Erfahrung der wahren Unendlichkeit inmitten des (Schreckens des) Endlichen kann man ein Aufleuchten von Transzendenz nennen.
Insofern ist der neue Film von Roy Andersson „Von der Unendlichkeit“ nicht nur ein philosophischer, sondern ein leiser Film schwacher religiöser Sehnsucht.
Aber diese Sehnsucht nach dem Unendlichen ist nicht ein Spleen, schon gar nicht ein Wahn, diese Sehnsucht ist vielmehr selbst „geistgewirkt“, sie weckt eine begründete Hoffnung, nicht in der Endlichkeit zu versinken.

12.
Das ist der praktische Sinn, wenn Hegel auf die wahre Unendlichkeit hinweist: Die unwahre, also die bloß horizontale und immer endliche Unendlichkeit bleibt ja bestehen, und sie muss zum Beispiel als Gestalt der endlosen Forschung bestehen bleiben.

Aber erst wenn auch die wahre Unendlichkeit erkannt und bewusst erlebt wird, auch als die innere Ermöglichung der endlosen, horizontalen Unendlichkeit, findet der menschliche Geist seine Erfüllung. Man möchte sagen seine seelische Harmonie und lebendige Beruhigung, ja auch dies: seinen Frieden, trotz aller Katastrophen, die nun einmal in den vielen Endlichkeiten auftreten.

Ein Zitat von Jean-Luc Nancy: „Wir sind unendlich. Unendlich sein heißt nicht, unendlich lange zu leben. Es heißt, dass es etwas in uns gibt, was nicht von der Zeit abhängig ist. Etwas, das über die Zeiten trägt, das uns nicht auf unsere kurze Lebenszeit reduzieren lässt„. (Aus einem Gespräch, das Michael Magercord mit Jean-Luc Nancy geführt hat).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin