Die Kirche als eine philosophische Schule

Die Kirche als eine philosophische Schule
Hinweise zur Situation des frühen Christentums
Von Christian Modehn

Im Rahmen unserer Forschungsprojekte innerhalb des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ stellen wir heute ein Thema vor, das nicht nur von philosophiehistorischem oder kirchengeschichtlichem Interesse ist: Die frühen christlichen Gemeinden verstanden sich selbst und wurden auch von ihrer Umwelt so wahrgenommen: als eine philosophische „Schule“; dabei bedeutet dieser Begriff: Gemeinschaft, Gruppe, „Sekte“, diese in einem nicht negativ gefärbten Sinne.

Der Philosoph und Theologe Prof. Maurice Sachot (Straßburg) hat sich in seinem Buch „L Invention du Christ“ (Paris 2011) mit der Tatsache auseinander gesetzt, dass der Apostel Paulus nach einem Bericht der Apostelgeschichte (19,8 -10) in Ephesus in der Synagoge predigte, dort aber auf viel Unverständnis stieß. Er fand dann Zuflucht in der scholè, der Schule, des Philosophen Tyrannus. Dort, also im Haus des Philosophen, konnte Paulus zwei Jahre lang seine vom Judentum verschiedene Lehre verbreiten. Allein schon diese Toleranz des „heidnischen“ Philosophen scheint bemerkenswert zu sein: Wenn sich Vertreter unterschiedlicher religiöser Auffassungen streiten, kann die Philosophie eine Art neutrale Plattform sein, die es den bedrängten religiösen Menschen ermöglicht, weiterhin ihre Thesen zu vertreten. Bezogen auf Paulus schreibt Maurice Sachot: „Dieses Ereignis kann als Ursprung gedeutet werden, dass sich das Christentum als philosophische Lehre, als eine wahrhaftige Schule, etablierte, die nicht nur eine bestimmte Auswahl an Wahrheiten hat (hairesis), die nicht nur eine intellektuelle Strömung ist, die auch spirituell und kulturell strukturiert ist. Sondern die auch eine Schule ist, und in der Lage, mit anderen „Schulen“ im Wettstreit zu stehen“ (S. 134, auch S. 128).
Später werden die frühen christlichen Denker wie Justin oder Clemens von Alexandrien „Didaskaleias,“ also Schulen, gründen, wo sie die christliche Lehre, nach dem üblichen philosophischen Begriff didaskalia, verbreiten. So entstehen neue Orte philosophischer Debatten: Die christlichen „Schulen“ sind neben den anderen philosophischen Schulen (etwa der Stoa oder Epikurs) eben eine von vielen, aber sie haben Teil an der Kultur der Zeit, die längst an die Vielfalt von philosophischen Schulen gewöhnt ist.
Maurice Sachot weist auf eine Studie von Henri-Irénée Marrou hin, die zeigt, dass der gebildete Mensch sich damals zu einer philosophischen Schule, so wörtlich, „bekehrte“; diese entschiedene Hinwendung zu einer Schule findet sich dann auch in der Bekehrung zum Christentum wieder, als einer bestimmten Hinwendung zu einer (von vielen) „Schulen“ (S. 127; Fn. 16).
Maurice Sachot legt Wert darauf zu betonen, dass die christliche Religion als (eine von vielen) Schule(n) sich wie bei den anderen Schulen üblich als HAIRESIS zeigte, also als Auswahl bestimmter Lehrsätze. Es gibt eine Form der Konversion (im griechischen Kontext), wo bestimmte Begriffe und Vorstellungen des christlichen Glaubens „in den philosophischen Rahmen integriert werden, und dieser philosophische Rahmen bleibt dann doch der erste“… Selbst wenn ein Philosoph sich gläubig und christlich fühlte, sein Weg bleibt eher philosophisch als theologisch. „Darin wird die Tatsache des Christlichen integriert und neu interpretiert“ (S. 131).
Mit dem eindeutigen Phänomen, dass sich die ersten christlichen Gemeinden als philosophische „Schulen“ verstanden haben, hat sich auch der bekannte Philosoph Pierre Hadot in mehreren seiner Werke befasst. Grundlegend ist für ihn dabei, dass für die „antike Philosophie“ Griechenlands und Roms Philosophie stets als Lebensform und nicht nur als abstrakte Lehre verstanden wurde. Philosophieren hieß damals, darauf weist Hadot unermüdlich hin, im gemeinsamen Leben sich die Lehre des Meisters anzueignen und ihr dann im praktischen Alltag zu folgen. „Wenn Philosophieren bedeutet“, so schreibt Hadot (in „Qu est-ce que la philosophie antique“, Paris 1995, S. 358) im Anschluss und als Zitat des Kirchenlehrers Justin, „wenn Philosophieren also bedeutet, der Vernunft (Raison) gegenüber konform zu leben, dann sind die Christen Philosophen, weil sie konform zum göttlichen Logos (d.h. der vollkommenen Vernunft) leben“. Dann fährt der erste Spezialist für diese Fragen, eben Pierre Hadot, fort: “Diese Verwandlung des Christentums in eine Philosophie wird sich noch weiter akzentuieren mit Clemens von Alexandrien im 3. Jahrhundert. Für ihn ist das Christentum die vollständige Offenbarung des Logos und deswegen auch die wahre Philosophie“. Wenn sich das Christentum nicht nur als Lebensform, sondern auch als Diskurs, als Lehre, zeigte, etwa im 1. und 2. Jahrhundert, so weiß Hadot, dann ging es dabei um die Exegese von Bibeltexten. „Diese Schulen der Exegese boten einen Typus von Bildung, durchaus analog zu den zeitgenössischen philosophischen Schulen“ (359). Es darf auch nicht vergessen werden, dass die verschiedenen philosophischen Schulen „spirituelle Exerzitien“ (so Hadot S. 276 ff.) boten, als Übungen, Askese könnte man sagen, die das Erkannte und Gelehrte mit dem Geist und der Seele vertraut machten. Diese geistlichen Übungen der Philosophen und ihrer Schulen sind die inspirierende Basis auch für die späteren geistlichen Übungen der Christen und ihrer Kirchen! Die Frage des Kultus wäre weiter zu erforschen. War die Zeremonie, die Liturgie, nur eine Eigenheit der Schule der Christen? Die Mitglieder der philosophischen Schulen nahmen aller Wahrscheinlichkeit an den religiösen Zeremonien ihrer angestammten (heidnischen) Religion teil. Wie stand es mit der sozialen Verantwortung, haben da die philosophischen Schulen etwas vorzuweisen oder ist da ein Spezifikum der christlichen Schule zu sehen? Diese Frage ist beinahe rhetorisch, wenn man bedenkt, dass etwa Sokrates sich darstellt als ein Mensch, der sozusagen die „Mission empfangen hat, sich um andere zu kümmern““ (so Pierre Hadot, in: La philosophie comme manière de vivre“, Paris 2001, Seite 173). In der Schule der Epikuräer wurde etwa die Freundschaft über alles geschätzt. „Freundschaft ist für Epikuräer ein Vergnügen („plaisir“). Sie begehren die Freundschaft, weil sie ein reines Vergnügen, eine Lust, ist“ (S. 174). Noch deutlicher wird Seneca im Brief 48:“Lebe für andere, wenn du für dich leben willst“.Mit anderen Worten: Man kann nicht glücklich sein, wenn man nur an sich denkt. Die philosophischen Schulen waren am ethischen Wandel des Ich stark interessiert, ja, sie forderten ihn für einen wahren Philosophen.
Aber schon im 2. Jahrhundert bildet sich unter den Christen die Überzeugung, dass ihre Philosophie „die wahre und wirkliche“ (S. 152 bei Sachot) ist. Philosophische Einsicht wird nun umgewandelt in eine Form des Glaubens. Kenntnis wird nicht mehr wie üblich philosophisch verstanden als Aktivität der menschlichen Intelligenz, die niemals an ein definitives Ende kommen kann, weil sie Suchbewegung ist; „sondern Kenntnis wird als Gabe Gottes verstanden, die man nur in einem Akt des Glaubens annehmen muss“ (S. 153). Die Wahrheit zeigt sich nicht am Ende einer Denkbewegung, sondern sie „steht schon am Anfang fest“ (153), „sie ist nicht von einem gewissen Zweifel, sondern von einer absoluten Gewíssheit bestimmt“ (ebd). Das Christentum verbreitet nun Dogmen und Dekrete, philosophische Meinungen haben der festen vorgegebenen Wahrheit zu weichen. Dadurch befinden sich die philosophischen Schulen, die die christlichen Gemeinden darstellen, nicht mehr auf der selben Ebene wie die sonstigen philosophischen Schulen. „Unsere Lehre ist höher als alle menschliche Philosophie“, erklärt schon der Theologe Justin in seiner Apologie (zitiert von Maurice Sachot, S. 153). In der zweiten Hälfte des 2. Jahrhunderts wird der „heidnische“ Philosoph Kelsus die erste große gründliche Widerlegung dieser christlichen Philosophie“ machen.
Aber später als Staatsreligion setzt sich mit aller Gewalt dieser ausschließliche Wahrheitsanspruch durch, es entsteht eine eigene kirchliche Ideologie, also Theologie, die sich zwar philosophischer Begriffe noch bedient, aber diese im eigenen Sinne eigener Wahrheit umdeutet. Später wird gar im Mittelalter Philosophie offiziell zur „Dienerin der Theologie“ (und damit der Kirche) degradiert; sie hat vorbereitenden, relativen Charakter gegenüber dem Eigentlichen, der theologischen Lehre. Diese Rolle der Philosophie als Dienstmagd (ancilla) der Theologie hat das philosophische Selbstverständnis bis in die Neuzeit bestimmt, mit der Konsequenz, dass sich Philosophie, dann selbstbewusst geworden, oft von jeglichem Denken des Göttlichen entschieden absetzte (etwa bei bestimmten Denkern der französischen Aufklärung).
Wichtig bleibt die Anregung, die christlichen Gemeinden als „philosophische Schulen“ zu verstehen. Der Philosoph Alain de Botton nennt heute seine philosophischen Zentren in London „schools of life“. Gäbe es für christliche Gemeinden einen besseren Titel? Man muss ja heute mit dem Begriff Schule nicht immer gleich das Strapazierend – Indoktrinäre mithören. „Orte des Lebens“ könnte man auch sagen, wenn damit immer gemeint ist: Es gibt viele solcher Lebensorte und die christlichen Orte sind nur einige von vielen, aber solche mit einer eigenen „Hairesis“, siehe oben, also Häresie, eben mit einer eigenen Botschaft und Lehre.

Copyright: Christian Modehn Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Wenn Ungläubige von Gläubigen (etwas) lernen wollen: Entwicklungen im Atheismus

Wenn Ungläubige von Gläubigen (etwas) lernen wollen
Entwicklungen im Atheismus
Von Christian Modehn

Zu den Interessen des „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin“ gehört zentral die Auseinandersetzung mit philosophischen Haltungen und Lehren, die sich „atheistisch“ nennen. Es ist deutlich, dass der organisierte Atheismus ein sehr vielfältiges Bild zeigt: Das Spektrum reicht weit hinaus über die etablierten, „klassischen“ (oftmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründeten) Gruppen wie Freidenker oder „Rationalisten“. Sie sind in vielen Ländern organisiert und haben häufig in ihren eigenen Reihen eine Pluralität philosophischer Überzeugungen: Es gibt dort rigorose, dogmatische und kämpferische Atheisten, die Horst Groschopp vom Humanistischen Verband Deutschlands einmal „Krawallatheisten“ nannte (es gibt bekanntermaßen auch „Krawall – Religiöse“ weltweit); es gibt Agnostiker, säkulare Humanisten oder einfach nur solche, die, ohne lange nachzudenken, Atheismus „normal“ finden, wie zahlreiche Interviews im Osten Deutschlands belegen.
Neu ist heute, dass es einige Bildungszentren und Akademien explizit atheistischen Interesses gibt: Etwa das große Zentrum „School of life“, das der (moderate) Atheist, der Philosoph und Autor Alain de Botton, in London begründet hat. Filialen dieser „School of life“ gibt es inzwischen auch in Deutschland, etwa in Hamburg. Da hätten die Kirchen mal drauf kommen sollen, ihre eigenen Zentren anstelle von Pfarreien etwa mit dem lebendig klingenden Namen „school of life“ auszustatten. Auch die „atheistische Kirche“ (mit einem eigenen Gebäude) in London ist wohl im Umfeld der Anregungen Alain de Bottons entstanden.
Sein neues Buch mit dem Titel „Religion für Atheisten“ verdient viel Aufmerksamkeit, auch bei Menschen, die sich nicht als Atheisten bezeichnen. Es ist kulturell gesehen in unseren Breiten doch so: Wer den Glauben an Gott (entschieden) ablehnt, fühlt sich ja oft auf der richtigen, der intellektuell „korrekten“ Seite: Die Naivität des Kinderglaubens hat der Atheist abgelegt, die Wissenschaften will er vollständig respektieren, er ist also mündig… und die anderen, die Religiösen, gelten dann, mit Verlaub gesagt, als dumm. Diese überhebliche Haltung will der Philosoph Alain de Botton überwinden. Er meint: Ohne die uralten Weisheitslehren der Religionen könne kein moderner Mensch leben, auch kein Gottloser. Aber die religiösen Menschen haben nun keinen Grund, sich sofort als Sieger im Streit um Gott zu wähnen. Denn Alain de Botton, ein bekennender Atheist, will vor allem den begrenzten Horizont seiner ungläubigen Freunde erweitern. Deswegen hat er sein neues Buch „Religion für Atheisten“ genannt. Aber auch religiöse Menschen können aus dem Buch viele Anregungen empfangen.
Alain de Botton, 54 Jahre alt, ist in der Schweiz groß geworden. Wenn er als Kind nach dem lieben Gott fragte, reagierten seine Eltern empört. Solche Fragen gehörten sich nicht in einer gebildeten, atheistischen Familie. Alain de Botton lebt heute in London als freischaffender philosophischer Schriftsteller, Provokationen, im Sinne von „Herausrufen“ aus unbefragten Traditionen, liebt er über alles. Wer das Religiöse pauschal ablehnt, so betont er, sei in Gefahr, seine umfassende Menschlichkeit zu ignorieren. Denn jeder, der die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt, wird über alles Irdische hinaus verwiesen; er gelangt staunend zum Geheimnis des Lebens und sollte meditative Übungen der Stille und Achtsamkeit schätzen lernen. De Botton schreibt: „Wenn Gott tot ist, laufen die Menschen Gefahr, sich für den Mittelpunkt der Welt zu halten, was ihnen ganz und gar nicht gut tut. Sie bilden sich ein, Herr ihres eigenen Schicksals zu sein und ignorieren den Tod“.
Philosophie ist für Alain de Botton keine abstrakte Spekulation, sondern konkrete Lebenshilfe mit einem klaren Programm: Die Atheisten, Agnostiker sowie die Skeptiker und Zweifler sollen die religiösen Traditionen aus der herkömmlichen Verbindung mit dem Göttlichen herauslösen, also förmlich Religiöses ohne Gott genießen. „Indem wir den religiösen Aberglauben ablehnen, sollten wir aufpassen, dass wir nicht in Versuchung geraten, unsere Sehnsüchte zu ignorieren, die von den Religionen erkannt wurden und denen würdevoll Rechnung getragen wird. Denn in den Religionen ist so vieles enthalten, was schön, anrührend und weise ist“.
Der Philosoph zeigt also ganz pragmatisch, wie sich die Atheisten der Traditionen des Judentums, Christentums und des Buddhismus, so wörtlich, „bedienen“ können. Darin ist er durchaus verwandt religiösen Menschen, die sich eine „Patchwork“ Spiritualität selbst „zusammenbauen“, „Patchwork Religion“ als Titel ist längst alles andere als ein negativ gefärbter Begriff.. De Botton weiß genau, dass auch religiöse Menschen ihren Glauben als nützlich fürs Leben einsetzen. Niemals existiert Religion um ihrer selbst willen! Warum sollten sich Atheisten da anders verhalten? So lobt de Botton etwa die Gemeinden der Frommen: Er deutet sie als Orte kommunikativen Miteinanders über alle sozialen und kulturellen Grenzen hinweg. Und genau solche Gemeinden fehlen den Atheisten, betont er. Deswegen sollten z.B. neue Arten von Restaurants eröffnet werden, in denen die Gäste direkt aufgefordert werden, mit fremden Menschen dort ins Gespräch zu kommen; so könnte Solidarität und Freundschaft entstehen. Selbst der katholischen Marienverehrung mit ihren zahllosen Darstellungen der lächelnden Mutter mit dem lieblichen Kind kann der Atheist etwas abgewinnen: „Es geht darum, was uns die Jungfrau Maria über die menschliche Natur verrät, was uns dabei über unsere emotionalen Bedürfnisse enthüllt wird. Maria im Christentum oder Isis im Alten Ägypten kanalisieren unsere Erinnerungen an frühkindliche Geborgenheitsgefühle. Sie sind eine Antwort auf die Bedürfnisse der menschlichen Seele“.
De Botton versteht sich, durchaus anspruchsvoll, als eine Art Reformer des kulturellen Lebens: Kultur muss für ihn prinzipiell Lebenshilfe und Orientierung sein. Die Gemälde und Skulpturen sollten uns beispielsweise nicht nur unter kunsthistorischen Gesichtspunkten interessieren: Sie sollten uns seelisch berühren und spirituelle Impulse freisetzen, genauso wie die Werke der großen Literatur: Sie können uns genauso wie die Bibel trösten und Sinnangebote bieten. Und die Kunstmuseen möchte de Botton als säkulare Heiligtümer deuten. „Deshalb kann man oft hören, dass Kunstmuseen unsere neuen Kirchen geworden sind… Überdies scheinen die Stunden, die wir in Museen zubringen, einen fast ähnlichen seelischen Nutzen zu bringen wie der Besuch eines Gottesdienstes“.
Eher selten hat ein bekennender atheistischer Philosoph den religiösen Traditionen so viele Inspirationen abgewinnen können. Alain de Botton ist von einem grenzenlosen, manchmal überschwänglichen Enthusiasmus geprägt, wenn er das eher feindselige Gegeneinander von Glaubenden und Unglaubenden überwinden will. So stehen sich dann nur noch Gläubige gegenüber: die einen mit Gott, die anderen ohne Gott. Vielleicht entsteht dann eine neue, eine friedlichere Kultur. Religiöse Menschen werden sich vielleicht an die alte theologische Lehre erinnern, die da heißt: Wer sich in seinem praktischen Alltagsleben an alte religiöse Weisheiten hält, wird beinahe wie von selbst in eine spirituelle Welt geführt, in der Gott nicht mehr fern ist. Zum Buch: Alain de Botton, „Religion für Atheisten“. Vom Nutzen der Religion für das Leben. S. Fischer Verlag Frankfurt M., 2012, 320 Seiten, 21,99 Euro.
Von dem umfassenden philosophischen Werk des Franzosen Michel Onfray ist auch in Deutschland oft die Rede. Er hat (Jahrgang 1959) als freier Philosoph und Autor vieler internationale verbreiteter Bücher vor einigen Jahren die „Université Populaire de Caen“ (Normandie) gegründet. Dort bietet er seit vielen Jahren für inzwischen viele tausend Teilnehmer grundlegende philosophische Kurse, die alle auf die philosophische Grundthese (Grunddogma) Onfrays hinauslaufen, der strikten Ablehnung des Göttlichen und des (göttlichen) Geheimnisses; so wiederum ganz aktuell in einem Interview mit der empfehlenswerten Zeitschrift „Philosophie Magazine“, Eté 2013, Paris, Seite 63. „Es gibt keine Gottheit, weil es keine Transzendenz gibt, und auch keine andere Welt als diese hier. Ich setze mich auch vom Agnostizismus ab; ich wage zu versichern, dass es nicht ein „Danach“ (Jenseits) gibt“ (ebd). Onfray hat nichts dagegen, wenn man ihn einen dogmatischen Atheisten nennt; er selbst bezeichnet sich als einen „radikalen Atheisten“. Wie tragfähig diese Position auch philosophisch ist, steht noch dahin; denn es gilt ja nun zu beweisen, dass es Gott (welchen Gott nimmt er eigentlich an als Grund der Ablehnung?) eben nicht gibt… Eine solche Haltung schließt aber nicht aus, dass Onfray im Bereich menschlicher Weisheit durchaus einige wertvolle Anregungen bietet, etwa im Umfeld der Interpretation von Epikur: „Als Schüler Epikurs lobe ich seine Askese, die darin besteht, den elementaren Dingen zu gehorchen. Wenn man ein Dach hat, etwas zu essen und sich zu wärmen, braucht man da wirklich noch mehr? Entscheidend bleibt für mich, wir brauchen vor allem den Willen, um glücklich zu sein“ (ebd. 61).
In dem genannten Beitrag des Magazine Philosophie kommt übrigens der in Deutschland nahezu unbekannte Autor und Initiator zahlreicher ökologischer Bewegungen Pierre Rabhi zu Wort. Rabhi, 1938 in Algerien geboren, ist in muslimischer Tradition groß geworden, seit 1954 lebt er in Frankreich; er ist einer der deutlichsten Förderer eines alternativen, d.h. eines bescheidenen Lebensstils. Pierre Rabhi, der spirituelle Meister eines anderen Lebens, betont: “Im Moment der erlebten Gegenwart gibt es eine Ewigkeit“ (ebd. 63). Onfray hält nichts davon…
Nun wird der militante Atheismus auch durch den erfolgreichen Rapper Baba Brinkman (USA, geb. in Kanada) verbreitet. Er ist stolz darauf, in seinem umfassenden Glauben an den Naturwissenschaftler Charles Darwin das Genre „Atheistenrap“ geschaffen zu haben, er ist der Texter, den Sound macht Jamie Simmonds, GB. Baba Brinkman meint im Ernst, Charles Darwin sei nicht nur ein Naturwissenschaftler mit bestimmten Hypothesen; sondern er sei ein umfassender Lehrmeister für das ganze menschliche Leben, daraus schließt er: „Man könnte mich als philosophischen Naturalisten bezeichnen, der findet, alles hat eine faktische Ursache… Jetzt bin ich nicht mehr Agnostiker, jetzt bin ich Atheist, umgestimmt durch Darwins Theorie, sie war einfach am überzeugendsten, weil sie schlüssige Gründe für unser Verhalten findet“. Dass die Evolutionstheorie von Darwin doch nicht ganz so allumfassend und rundherum Lebens
orientierend sein kann, gesteht dann Brinkman (in einem empfehlenswerten Interview mit Evelyn Finger in: DIE ZEIT vom 14. August 2103, Seite 56) ein: „Die Evolutionstheorie handelt im Grunde nur (!) von Fortpflanzung und Überlebenskampf. Darum kommt so viel Sex in meiner Show vor“. Deutlich wird, dass der atheistische Entertainer, wie so viele andere auch, offenbar doch starke finanzielle Interessen hat: “Meine Nische ist unverschämtes, intellektuelles Entertainment. Vielleicht wird aus meiner Nische mal was Großes… Geist und Witz zählen ja auch im Überlebenskampf der Stärksten (fittest)“ (ebd).
Die drei Beispiele zeigen einmal mehr, wie weit der religiöse Wandel – selbst in den USA – reicht. Atheistisches Entertainment wird wohl bald zum Teil der gängigen Unterhaltungskultur gehören. Wenn religiöse Menschen nicht die Kraft haben, argumentativ mit den so vielfältigen Vertretern des Atheismus ins Gespräch zu kommen, wird es bei einem ignoranten, bis feindlichen Gegeneinander unterschiedlicher Lebensentwürfe bleiben. Voraussetzung für ein sinnvolles Gespräch wäre: Keine Position hat von vornherein recht. Es geht einzig darum, „den Menschen“, seine Strukturen, seine Verhaltensweisen und Sehnsüchte nach Orientierung bzw. Sinn angemessen zu verstehen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon Berlin.