Geheimnis ein Thema der Philosophie und Theologie: Ein Kapitel philosophischer (Über)Lebenskunst

Hinweise von Christian Modehn

Es folgt, am Ende dieses Beitrags, eine Ergänzung der Künstlerin Ursula SAX, Berlin, die oft an unseren religionsphilosophischen Gesprächen teilnimmt.

Geheimnis ist nichts Mysteriöses. Manche Menschen tun aber geheimnisvoll, um ihre eigene Leere oder „Besonderheit“ zu betonen. Wer ein Geheimnis für sich beansprucht, fühlt sich wichtig. Geheimnisträger gibt es in der Diplomatie. Wie oft haben sie ihre Funktion missbraucht?
Es gilt, den sinnvollen Gebrauch der Rede vom Geheimnis zu erkennen. Da muss man wieder differenzieren: Was sind echte, bleibende Geheimnisse oder bloß neurotisch aufgeladene mysteriöse Dinge? Etwa Spuk oder fliegende Untertassen oder Geister, die in spiritistischen Sitzungen sprechen…
Mit jeder neuen Erkenntnis (der Natur) gibt es neue Fragen. Es gibt neue Probleme, die „gelöst“ werden müssen. Man nennt diese Probleme auch Rätsel. Naturwissenschaftler lösen nicht Geheimnisse, sondern Rätsel. Aber dann entstehen neue Rätsel.
Rätselhaftes ist nichts Geheimnisvolles. Diese Unterscheidung ist für mich grundlegend.
Geheimnisse entziehen sich dem verfügenden Durchblick, der alles umgreifenden Definition. Geheimnis ist etwas, das nie total durchschaut werden kann. Geheimnis berührt die Qualität unserer Beziehung zur Frage: Gibt es etwas Gründendes, Tragendes, Göttliches? Geheimnis ist ein Thema der Philosophie, der Kunst, der Literatur.
Wer vom Geheimnis spricht, der weiß also mit Ludwig Wittgenstein: Auch wenn alle unseren wissenschaftlichen Probleme gelöst sind, bleiben doch die existentiellen Fragen. Und diese kann man nicht endgültig und ein für alle mal begreifend durchschauen: Dass es etwas gibt, ist (nicht nur für Wittgenstein) das entscheidende Geheimnis.
Drei Fragen stehen im Mittelpunkt unseres Salon-Gespräches am 15. 3.2019:
A)Was ist mein eignes, individuelles Lebensgeheimnis?
-Es ist über den Begriff der Intimität zu sprechen. Intimität nicht (nur) auf den erotischen, sexuellen Bereich bezogen. Es gibt eine personale Intimität.
Wir erleben heute total den Verlust der Intimität. Dies ist die freiwillige Preisgabe dessen, was mein Ich ausmacht. Man denke an bestimmte populäre Fernsehshows der „Privatsender“: Diese Shows zielen auf Verlust jeder Intimität: Etwa: „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ (oft als Dschungelcamp bezeichnet). Im Januar 2019: 37 % Marktanteil der 19 bis 49 Jährigen. Und ca. 2,7 Millionen Zuschauer.
-Unsere Gesellschaft, regiert von Politikern, die sich auch oft gern „entblössen“, lässt kaum noch Intimität zu: Man denke auch an die Wohnverhältnisse. Man vergesse nicht die Millionen Hütten der Slums, dort kennen die Menschen keine Intimität. Die vielen Kinder schlafen im gleichen Raum wie die Eltern. Das betrifft viele tausend Millionen Menschen.
In Japan weichen Liebenspaare in „Liebeshotels“ aus. Weil die Wohnungen keine Intimität zulassen, es sind die „Love Hotels“. Diese sind nicht Orte der Prostitution.
-Es gibt andererseits eine falsche Tendenz im Verschweigen der Identität. Männer sprechen nicht von sich selbst und ihren „tiefen, verborgenen“ Problemen. Diese Sprechunfähigkeit hat nichts mit der Bewahrung eines Geheimnisses zu tun. Es ist oft schlicht die Unfähigkeit, aus sich herauszugehen, sich zu äußern.
Wann ist die Öffnung meines „Lebensgeheimnisses“ gegenüber Partnern, Freunden, Bekannten sinnvoll, wann eher für mich destruktiv?
Hinzu kommt: Der einzelne kann sich selbst auch nicht total durchschauen. Wir wissen nicht umfassend und total klar, wer wir eigentlich sind.
Aber: Die falsche Zurückhaltung, das je eigene Lebensgeheimnis wenigstens ansatzweise mitzuteilen, führt zu Spannungen und Krisen: Man denke an das Verschweigen der Nazi-Vergangenheit durch die Eltern. Das Verschweigen ist für betroffene Eltern selbst ein Leidensweg.
Dennoch lebt die Kommunikation gerade in der Liebe von einem Sich – Offenbaren, Sich Anvertrauen, das persönliche und je einmalige Gesicht zeigen.
Das Maß der Öffnung und des Verschweigens des je eigenen Geheimnisses zu erkennen, ist die große Lebenskunst. Das Maß der Öffnung des Geheimnisses zu erkennen, ist die große Lebenskunst.
Das Thema führt in die Ambivalenz der reflektierten Daseinsgestaltung im ganzen.
Der total für andere durchsichtige Mensch jedenfalls ist geheimnislos, er kann wie eine durchschaute Maschine benutzt werden. Und wird auch benutzt, etwa bei Wahlen, siehe Trumps Wahlkampf in den USA.
Der Umgang mit dem je eigenen Lebensgeheimnis ist ein ständiges Abwägen, ein Differenzieren, eine Suche nach dem Gleichgewicht.
B: Geheimnis und der Schutz meiner Privatsphäre heute.
Wir leben im Zeitalter der totaler werdenden Transparenz. Wir werden allmählich in der digitalen Welt total durchschaut, in Zeiten der Big Data. Der Imperativ lautet: „Alles muss Daten und Information werden“, so der Philosoph Byung-Chul Han. (in: “Psychopolitik“, S. 80) Er spricht von Dataismus: „Diese digitale Aufklärung, Dataismus, kann in Knechtschaft umschlagen“. D.h. Ich hinterlasse überall Spuren im Netz. Die digitale Welt weiß mehr von meiner Geschichte als Konsument als ich selbst (in meiner Erinnerung). Ich werde so total verfügbar. Dataismus verzichtet auf jeden Sinnzusammenhang. (81) Alle meine Daten werden vermessen und gesammelt und eingesetzt von der Industrie/Werbung/Politik als Diktatur…
Aber: Wir brauchen den Kampf um Transparenz, um die Restbestände von Demokratie zu schützen. Transparenz ist ein hoher politischer Wert.
Es ist soweit gekommen, dass demokratische Organe, etwa Justiz und Polizei, die umfassende Transparenz bereits behindern. Weil sie die Restbestände der Demokratie zerstören wollen.
Sehr beliebt ist in den sozialen Netzwerken, facebook, e-mail usw. die Verwendung der Pseudonyme. Man entscheidet sich – auch aus Angst – gegen die Klarnamen. Dann kann auch alles schreiben, was man will, dumme, gemeine Behauptungen etc. Man will sich verstecken. Aber: Geheimnisse erzeugen kann lebensrettend sein. Die geheime Wahl ist ein absoluter Wert.
Die Fake-News haben ihren festen Platz in der privaten Welt der Geheimnistuerei. Wir leben in einer Welt, in der der Grundsatz gilt: Der Schein trügt. Was du siehst und hörst von anderen, etwa im email Verkehr, stimmt oft wahrscheinlich nicht.
Diktaturen neigen zu Attacken auf die Anonymität, auf das Geheimnis. Aber Diktaturen machen aus diesen ihren eigenen Attacken wiederum ein Geheimnis.
Sie wollen Zensur durchsetzen, damit die Staatsgeheimnisse nicht öffentlich werden.
In China gibt es Zensurfabriken, eine große Mauer der Zensur wird um google, facebook in China gezogen. Es gilt dort nur noch das „innere Netz“.
C: Ein Hinweis zur Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie und Theologie:
Geheimnis als der einzig treffende Begriff, wenn wir von einem letzten Grund in unserem Dasein sprechen, einem Nichts oder einem Gott, je nach eigener Weltanschauung: Dieses Letzte, alles Gründende, das wir im Denken und Fühlen berühren, können wir, weil es das Letzte ist, niemals fassen, niemals be—greifen, nie definieren. Aber im konsequenten Denken sind wir dieser Wirklichkeit ausgesetzt. Was ist der tragende Sinn-Grund von allem? Mit dieser Frage erreichen wir das alles gründende Geheimnis.
Es gab einmal die Überzeugung, als würde die Menschheit einer geheimnislosen Zeit entgegen gehen. Der Soziologe Max Weber sprach von der „Entzauberung der Welt,“ in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ von 1919. Darin erklärte er „dass es also prinzipiell keine geheimnisvollen, unberechenbaren Mächte gebe, dass man vielmehr alle Dinge – im Prinzip – durch Berechnen beherrschen könne. Das aber bedeutet die Entzauberung der Welt. ….Und er fährt fort: Man muss nicht mehr, wie der Wilde einst, zu magischen Kräften greifen, um die Geister zu beherrschen…“sondern technische Mittel und Berechnung leisten das“, das heißt, Max Weber verwechselt wissenschaftlich immer zu durchschauendes Rätsel und Geheimnis.
Eine total entzauberte Welt wird es nicht geben. Kann es nicht geben, so lange nach dem alles gründenden Sinn oder je nach Weltanschauung Unsinn gefragt wird. Bloß viele Leute plappern die These von der „entzauberten Welt“ gedankenlos nach.
Und die tiefste und wohl letzte philosophische Frage, die ohne Antwort bleibt, heißt: “Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr Nichts?“ (Später dann auch bei Heidegger, Was ist Metaphysik, 1929)
Leibniz hat sich mit dieser Frage befasst, in seiner Schrift „Auf Vernunft gegründete Prinzipien der Natur und der Gnade“ (1714, 1716 ist Leibniz gestorben)

Nach Leibniz muss es also einen Grund geben, warum es etwas und nicht vielmehr nichts gibt, doch muss dies ein Grund sehr spezieller Art sein, „der keines andren Grundes bedarf“ oder der „den Grund seiner Existenz in sich selbst trägt“. „Leibniz nimmt hier eine weit ältere Tradition der westlichen Philosophie wieder auf, denn seit frühester Zeit hat das Rätsel der Existenz die Menschheit zu einem Schöpfer hingetrieben, einem Wesen außerhalb dieser Welt, dessen Handlungen die Welt als Ganzes entstehen ließen“ (Blackburn S. (2011) Warum gibt es überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?. In: Die großen Fragen Philosophie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg)

Bei Wittgenstein sollte man vor allem das Spätwerk beachten.
Etwa die „Vermischten Bemerkungen“: Dort ist ein „tiefer Ernst und überzeugende Ehrlichkeit“ zu finden, so Friedo Ricken in „Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie“, S. 29.
Es geht nun Wittgenstein um das Durchbrechen der engen Sprachwelt der Wissenshaften. Ricken spricht in dem Zusammenhang, im Sinne von Wittgenstein, von Klaustrophobie: D.h. Wir können in einem engen Raum der Wissenschaften nicht leben. (S. 33 Ricken).

Der späte Wittgenstein bringt uns zu der Einsicht, dass es etwas gibt, das nicht gesagt werden kann. Aber dies wird verstanden: Im Sinne des klaren und eindeutigen Sprechens.
In den „Philosophischen Untersuchungen“ schreibt Wittgenstein, dass es für ihn unmöglich ist, auch nur ein einziges Wort zu sagen, „was die Musik für mich in meinem Leben bedeutet“.
Aber: Er weiß auch: Wir berühren das Unaussprechbare. Und sagen auch, dass es auch unaussprechbar ist. Dann können wir also doch andeutend etwas von dem Unaussprechbaren sagen?
„Das Unaussprechbare, /das, was mir geheimnisvoll erscheint und ich nicht auszusprechen vermag/, gibt vielleicht den Hintergrund, auf dem das, was ich aussprechen konnte, Bedeutung bekommt“ (in Wittgenstein, Vermischte Bemerkungen, Nr. 472).

D: Zur Theologie:

Die katholische Kirche als dogmatische Institution ist die große Geheimnis-Erzeugerin und Geheimnis–Propagandistin: Sie ist die Förderin der Vorstellung, überall gebe es Mysteriöses, Verzaubertes, Zauberhaftes, Grauenhaft – Teuflisches. Aber viele sehen auch heute darin den „Charme“ des Katholizismus…

Die Lehre vom Teufel wird wieder zur Begründung von Verbrechen herangezogen (wie jetzt durch Papst Franziskus im Fall des sexuellen Mißbrauchs durch Priester).

Der Status des Klerikers gilt als erhoben über den anderen Gläubigen, auch dies ist etwas Mysteriöses, also von der Macht der Kirche gemacht. Ähnliches gilt von der Lehre von der Unfehlbarkeit des Papstes.

Es gibt den mysteriösen Kult um Wallfahrtsorte, wo Maria persönlich erschienen ist usw.

E: Einige katholische Theologen zeigen den eigentlichen Geheimnis-Begriff:
Darum: Erinnerung an Karl Rahner. Er ist DER Theologe, der die Rede vom göttlichen Geheimnis im Christentum in den absoluten Mittelpunkt stellte: „Was sagt das Christentum? Was verkündet es? Es sagt trotz des Anscheins einer komplizierten Dogmatik und Moral eigentlich doch nur etwas ganz Einfaches. Ein Einfaches, als dessen Artikulation alle einzelnen Dogmen erscheinen.
Was sagt das Christentum eigentlich? Doch nichts anderes als: Das Geheimnis bleibt ewig Geheimnis. Dieses Geheimnis will sich aber als das Unendliche, Unbegreifliche, als das Unaussagbare, Gott genannt, als sich schenkende Nähe in absoluter Selbstmitteilung dem menschlichen Geist mitten in der Erfahrung seiner endlichen Leere mitteilen.“ (In: Karl Rahner, Lesebuch, S. 20).

Das Göttliche ist IM Menschen, die Konsequenz ist: dann „Wer sich selbst als Mensch annimmt, nimmt das ihn gründende Geheimnis seines Lebens auch schon mit an, er nimmt also indirekt und unthematisch Gott, mit an“. (S. 21).

Rahner: „Gott ist der, hinter den man prinzipiell nicht kommt“. (Lesebuch, S 143). Man kann von Gott nicht „exakt“ reden. Nur stammeln, nur indirekt reden.
Aber man darf von ihm nicht darum schweigen, weil man von ihm nicht „eigentlich“ und exakt reden kann.
Ein Auszug aus „Gott ist keine naturwissenschaftliche Formel,“ (https://www.einjahrzitate.de/?p=787) „Gott ist nicht „etwas„ neben anderem, das mit diesem anderen in ein gemeinsames, homogenes System einbegriffen werden kann. „Gott” sagen wir und meinen das Ganze, aber nicht als nachträgliche Summe der Phänomene, die wir untersuchen, sondern das Ganze in seinem unverfügbaren Ursprung und Grund, der unumfasslich, unumgreiflich, unsagbar hinter, vor und über jenem Ganzen liegt, zu dem wir selbst und auch unser experimentierendes Erkennen gehören. Und in jedem Leben, auch des exakten Naturwissenschaftlers und Technikers, kommen in die Mitte des Daseins zielende Augenblicke, in denen ihn die Unendlichkeit anblickt und anruft. Man kann das Leben, insofern man zwischen diesem und jenem hindurchfinden muss, mit Formeln der Wissenschaft meistern. Wenigstens auf weite Strecken mag das gelingen, und man greift glücklicherweise morgen noch ein gutes Stück weiter. Der Mensch selbst aber gründet im Abgrund, den keine Formel mehr auslotet. Man kann den Mut haben, diesen Abgrund zu erfahren als das heilige Geheimnis der Liebe. Dann kann man es Gott nennen“.
F: Auch der katholische Theologe Edward Schillebeeckx (1914-2009) spricht theologisch vom Geheimnis: Etwa in: Edward Schillebeeckx, „Im Gespräch“, Luzern 1994, S.112).
„Man kann nicht die Existenz Gottes beweisen…SONDERN: „Es geht nur darum zu beweisen, dass es rational begründet ist, von Gott zu sprechen. Man kann nur beweisen, dass es vernünftig sein kann, von Gott zu reden“ (112)
Es gibt ein rationales Fundament für die Beziehung des Menschen zu Gott. Die Rede von Gott ist nicht absurd.
„Der Mensch, der an Gott glaubt, weiß, dass Gottes Schweigen nicht seine Abwesenheit bedeutet“. 112.
Die absolute Gegenwart Gottes ist schweigende Gegenwart. 113. (Man kann also auch das Schweigen Gottes als Gottes Nichtexistenz deuten, so Schillebeeckx, S. 113.)
„Weder der Theismus noch der Theismus können bewiesen werden. Beide sind INTERPRETIERNDE Erfahrung der Wirklichkeit, (S. 113).
„Auch Atheisten sind Glaubende“ (nämlich an das Nichts Glaubende, CM) (S. 114.)

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Beitrag von URSULA SAX:
Wie wir das Wort Geheimnis landläufig benutzen, ist nicht sehr geheimnisvoll. Es hat doch etwas Verborgenes, hat eine größere Dimension, als wir es kürzlich in den Fokus nahmen.
Wir sprachen von Familiengeheimnissen, z. B., die sind oft verhängnisvoll, für den einzelnen, doch sie sind von der Familie selbst gemacht, aus Scham oder anderen Gründen, sie wollen Umstände / Vorkommnisse verschleiern, zum Beispiel, um einen Image-Verlust zu vermeiden, wenn da etwas bekannt würde, das dem Ansehen der Beteiligten schaden würde.

Ich sehe das Geheimnis unpersönlicher – Universeller. Ist nicht unsere ganze Existenz ein Wunder und ein Geheimnis? Sind wir uns nicht selbst Geheimnis? Es ist mir selbst ein Geheimnis, dass sich bei mir künstlerische Ideen einstellen.
Manchmal völlig fertig, so dass ich sie nur noch zu machen brauche, manchmal schwer erarbeitet, Annäherung über längere, oder lange Zeit. Wir, unser ICH, ist völlig identifiziert mit unserem Körper und kritisiert ihn lieblos oder schämt sich seiner.
Wir behandeln uns oft schlecht, als ob wir uns selbst zu verantworten hätten – vor wem ? Vor den andern, die sich genauso irren in ihrer Person.

Ich war jetzt ein paar Tage lange schwer erkältet und hatte Zeit zum Nachdenken / Nachspüren: Wer bin ich ? Die uralte Frage. Die Antwort: Alles ist Geheimnis!
Ursula Sax am 1.4. 2019.

Den eigenen Visionen folgen – zur Inspiration für die anderen. Interview mit der Künstlerin Ursula Sax, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ursula Sax, geb. 1935 in Backnang, ist Bildende Künstlerin und Bildhauerin mit einem umfangreichen und vielgestaltigen Werk, das nicht nur Skulpturen, Abstraktes und Konstruktives umfasst, sondern etwa auch Grafiken. Sie war u.a. auch Professorin an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig wie danach, von 1993 bis 2000, an der entsprechenden Hochschule in Dresden. Heute lebt sie als freie Künstlerin wieder in Berlin. Über ihr Werk, auch mit Fotos, erschien kürzlich in der Zeitschrift „Weltkunst“ ein Beitrag, der sich als Einführung in ihr Werk gut eignet. Zur Lektüre klicken Sie bitte hier. Im Oktober 2016 stellte sich Ursula Sax einigen weiteren, grundlegenden Fragen. CM.

In einer philosophischen Gesprächsrunde diskutierten wir kürzlich mit Ihnen die Frage, wie es denn Menschen gelingen kann, an den Werten von Gerechtigkeit und Frieden unbedingt festzuhalten. Da meinten Sie, entscheidend sei für die Qualität des menschlichen Lebens, auch für KünstlerInnen, eine Vision zu haben und dieser Vision in der Lebenspraxis zu folgen. Wie beschreiben Sie Ihre Vision, also diese geschenkte Einsicht, die für ihr Schaffen als Bildhauerin inspirierend ist?

Die großen Menschen der Geschichte, die herausragenden Männer und Frauen, hatten alle eine Vision, z.B. Gandhi, die Jeanne d´Arc, Martin Luther King und viele viele andere. Sie folgten diesen ihnen vorschwebenden Ideen bedingungslos, meist zum Unverständnis ihrer Umgebung, weil sie etwas sahen und für realisierbar hielten oder wussten, einer inneren Gewissheit folgten, die die Umwelt für unmöglich hielt und die sie, gegen alle Widerstände, Stück für Stück in der äußeren Welt sichtbar umsetzten. Schiller hat in etwa gesagt, wenn man im Leben die Richtung verloren hätte, solle man sich an die Träume seiner Jugend erinnern.

Als ich mit 15 Jahren an der Kunstakademie Stuttgart anfing zu studieren, zufällig in der Bildhauervorklasse, (eigentlich wollte ich in eine Malklasse), öffnete sich für ein kurze Zeit „der Himmel“. Ich war wie neu geboren, wie der Fisch im Wasser, ich war in meinem Element, das ich bisher nicht gekannt, nicht gewusst hatte. Ich hatte unerhörte Ahnungen von der Größe des Geistes, meines Geistes.

Das war ein Quantensprung. Plötzlich war ich kompetent in vielen Dingen – wurde zu einer Autorität in der Familie. Dann verdunkelte sich das Leben allmählich wieder. Vor kurzem fiel mir diese Erfahrung wieder ein. Es war eine Initialzündung. Doch ich habe diesen Zugang wieder verloren.

Ich bin heute 81 Jahre alt und habe mir den Weg dahin in vielen Jahren neu erarbeitet, über viele Stationen und Umwege und das Erwerben von Wissen. In der Jugend konnte ich diese Dinge nicht benennen, nicht überblicken, nicht einordnen. Noch einmal Schiller: „Der gute Mensch in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ Die große Vision war mir nicht vergönnt, aber Ahnungen, immer wieder – immer wieder abhanden gekommen. Visionen situationsbedingt. Schillers „dunkler Drang“ ist auch etwas wie eine Vision, man muss etwas tun, ohne zu wissen, wohin es führt.

Es gibt im Künstlerberuf Gelegenheiten eine Vision zu erfahren, bezogen auf ein Projekt, hier ein Beispiel: Meine Arbeit für das Albertinum in Dresden.

Ich war aufgefordert, mir für diesen Raum etwas einfallen zu lassen. Der Direktor der Skulpturenabteilung, der mich das fragte, sagte dazu: Sie können das! (Er kennt und schätzt meine Looping-Skulptur). Das war eine Herausforderung, das wollte ich beweisen.

Die Umstände waren so unmöglich, dass mich das reizte. Als dann nach vielen Monaten mein Entwurf da war, sagten zwei meiner engsten Freunde und Berater: Das geht nicht!!!! Wenn Du meine Studentin wärst, würde ich sagen: Mädel, lass Dir etwas anderes einfallen – dieses hier geht nicht. (Beide sind Professoren). Ich habe mir das angehört und ich wusste: Das geht. „Bis zu dem Moment wo es sichtbar wird, scheint es unmöglich“. Hat einer der Visionäre gesagt.

Das war eine Vision, ich hatte das im Geiste hängen sehen. Das gab es des Öfteren – am Anfang nicht – dass ich eine Skulptur fix und fertig vor mir sah und sie nur noch ausführen musste. Früher dachte ich: Das kann doch nichts Rechtes sein, es ist doch nicht erarbeitet. Mein Verstand war kleiner und unerfahrener als mein visionärer Geist.

Ideen, Impulse, Inspirationen, Visionen, Einsichten im Kleineren, sind Wegweiser, denen wir viel zu selten nachgehen, einerlei auf welchem Gebiet. Etwas taucht auf, wir verwerfen oder ignorieren es.

Jeder Mensch ist einmalig und besitzt eine einmalige Fähigkeit, die kein anderer hat.

Wären wir nicht so unbewusst, so wüssten wir was unsere Bestimmung ist und was wir beizutragen im Stande sind. Wären wir bewusster, selbst-bewusster, so könnten wir unsere Bestimmung klar erkennen: das wäre eine Vision.

Ich habe meinen Lebenssinn – eine Künstlerin zu sein – erkannt und ihn dennoch viele Lebensstrecken lang von mir werfen wollen, weil die Verstrickung in die eigene Geschichte meine Sicht verunklarte. Der Eigensinn, das Ego, verhindern den klaren Blick.

Wir verwechseln unser reines Sein mit der Person, die wir bemüht sind der Welt vorzustellen, weil wir denken nicht gut genug zu sein, weil wir nicht glauben und wissen, dass das Höchste das uns gegeben ist unsere Einmaligkeit ist.

Wir glauben diese ursprüngliche Person sei nicht gut genug und wir vergleichen uns mit Anderen.

Gerechtigkeit und Frieden kann es auf der Menschenwelt nur geben, wenn jeder einzelne selbstbewusst zu sich selber steht und sein eigenes Potential realisiert. Seinen eigenen Visionen folgt und die Resultate dem Ganzen zur Verfügung stellt.

So entsteht der Fortschritt auf allen Gebieten. Unzählige Wissenschaftler sind Visionen gefolgt und haben Dinge erkannt, die andere nicht sehen konnten und haben so zur Entwicklung des Ganzen beigetragen.

Diese Visionen haben sich in Ihrem Werk offenbar vielfach ausgestaltet. In einem Interview mit der Zeitschrift „Weltkunst“ sagten Sie, Veränderung sei für Sie wichtig, dieses Nicht-Stehen-Bleiben: Wie sind Sie zu dieser Vielfalt in Ihrem Werk (Sandstein, Bronze, Papierarbeiten) gekommen?

Kürzlich sagte ein prominenter Kollege zu mir :“Du hast es Dir nicht leicht gemacht“. Weil ich im Gegensatz zu den meisten Kollegen immer wieder das Metier wechselte, vielmehr das Material, in dem ich gerade noch gearbeitet hatte und das die Umwelt jeweils bereit war, für mein endgültiges Medium zu halten. Das brauchte jedes Mal wieder eine Anlaufzeit, bis ich die neuen Möglichkeiten verstanden hatte. Das galt als unprofessionell. Ich hatte keine Wahl. Ich habe mir das nicht ausgedacht. Es gibt einen Zug in meinem Wesen, der mich nach einer Zeit der Kontinuität weitertreibt. Genug – was nun ? Wie ich zu der Vielfalt gekommen bin? Es ging nicht weiter. Ich musste mir eine neue Straße suchen.

Hinter diesem Ja zur Veränderung steht gewiss auch eine philosophische Haltung zum Leben insgesamt?

Das JA zur Veränderung war kein Plan von mir, es stellte sich im Lauf der Zeit heraus, dass ich so bin, dass ich dem folgen muss, auch auf anderen Gebieten. Damit konnte man nicht sehr erfolgreich sein. Galeristen und Kunsthistoriker erwarteten ein Markenprodukt, kein „Sammelsurium“.

Dass das im Abstand betrachtet ein ganz lebendiges Prinzip ist mit einer philosophischen Dimension, habe ich damals nicht übersehen.

Es bedeutete viele Krisen, Selbstzweifel, Verzweiflung.

Sie sind viel gereist, etwa auch nach Asien. Waren die Begegnungen in diesen Kulturen für Sie auch spirituell von Bedeutung? Hat sich Ihre eigene Spiritualität verändert?

Ich war immer interessiert an der Welt, am Reisen, Kennenlernen von Neuem. Ich bin keine „Wieder-Kommerin“ – selten. In den ersten Jahrzehnten waren es Neugier- und Bildungsreisen, später war ich viele Male in Indien – Rundreisen auch, aber auch regelmäßig war ich in einem Ashram in Rischikesh, bei einem powervollen Yogi, auf der  Suche nach spiritueller Unterrichtung. Da ich in meinem Elternhaus täglich die Lektüre der Bibel erlebte, interessierte ich mich, als ich mein eigenes Leben in die Hand nahm, für die anderen Religionen: Wie kann man die Dinge noch sehen, was sind die Gewissheiten der anderen Glaubenssysteme, die Ziele, die Versprechungen und wo ist der Konsens, das Verbindende, das allen Gemeinsame? Mein Fazit: Alle haben recht – im Grunde. Einmal bin ich ganz spontan von Rom aus – wo ich mich längere Zeit aufhielt – mit einer Gruppe von Pilgern zur Madonna von Medjugorie nach Bosnien gefahren. Ich bin nicht katholisch.

Wie ist Ihr Interesse gewachsen, andere Menschen zu begegnen, hörend und helfend und therapeutisch?

Mein Interesse an Psychotherapie habe ich früh entdeckt.

Ein Medizinstudent, den ich kannte, hat mir Bücher geliehen, in denen ein Psychiater Fallstudien mitteilte. Ich war fasziniert, „wie Krimis“, dachte ich. Ich war 15 Jahre alt und hatte gerade mein Studium an der Kunstakademie Stuttgart begonnen. Später habe ich verschiedenste Psychotherapien und Psychotherapeuten in Anspruch genommen, war fasziniert von der Technik Psychodrama und habe eine Ausbildung gemacht, auch noch ein paar andere Techniken hinzugenommen.

Damit habe ich dann begonnen mit Menschen zu arbeiten, was mir sehr große Freude machte. Das ist auch eine meiner Begabungen.

Wäre dies jetzt auch der Ort, vom Wert des Schwebens, des Freiseins, zu sprechen. Eine Ihrer Skulpturen in Dresden war ja ein eindringliches Zeugnis vom Schweben hoch oben im Raum. Kunst und Schweben, Kunst und Leichtigkeit, passt das gut zusammen auch für eine Bildhauerin?

Der Wert des Schwebens……….

Ich habe besonders gern immer wieder hängende Skulpturen gemacht, in Holz und in Eisen.

Hängen und Schweben sind nahe beieinander und doch nicht dasselbe. Es hat mich beglückt, dass die Dinge von oben kommen. Die einzigen Hängeobjekte, die wir im Alltag kennen, sind Lampen, Kronleuchter – Licht von oben, das ist pragmatisch, aber auch tiefsinnig. Da die Bildhauerei sonst mit Gewicht und Standfestigkeit arbeitet und eher erdverbunden ist, gefällt mir dieser Gegensatz. „Doch der Segen kommt von oben“, um noch einmal Schiller zu zitieren.

Von Ernst Barlach gibt es eine hängende oder schwebende Engelsfigur im Dom zu Güstrow. Die einzige Skulptur „in der Luft“, die ich kenne, doch sie ist nicht leicht, wie Barlach nie leicht ist.

Das Hängen gefiel mir, als ich die vor Jahrzehnten kennen lernte.

Ihre großen Skulpturen, etwa Looping in Berlin an der Avus, sind eine monumentale Raumgestaltung. Sie wollen offenbar positiven Einfluss nehmen auf den (oft so hässlichen) öffentlichen Raum?

Kunst im öffentlichen Raum hat die Aufgabe die vorgefundene Situation, die in der Regel innerstädtisch ist, zu bereichern, manchmal sogar zu retten. Sie muss ein neues Element beitragen.

Ich betrachte den Standort vom städtebaulichen Gesichtspunkt aus. Was braucht der Platz ? Welche Maße tun ihm gut ?

Beim Standort meiner Skulptur LOOPING handelt es sich um einen Unort. Es war dort für den neu gebauten (und später nie geöffneten) Messeeingang ein kleineres Kunstwerk am Aufgang ausgeschrieben.

Ich habe mir den Ort gründlich angesehen und kam zu der Überzeugung, dass diese unstädtische Gegend etwas Größeres braucht. Das ist keine Wohn- und keine Einkaufsgegend. Da sind kaum Passanten, aber viele viele Autos, die da ununterbrochen vorbei jagen. Das musste vom Auto aus erlebbar sein, also ein bestimmtes Format, eine bestimmte Ausdehnung haben.

 Was bedeutet es für Sie, wenn heute in Städten wie Berlin in rasantem Tempo Häuser hochgezogen werden und die Angst berechtigt ist, es werde eine neue Form der hässlichen, zugestellten Stadt entstehen?

Man kann und soll sich nicht gegen die Zeit stellen. Es gibt Entwicklungen, die wir bedauern, doch nicht aufhalten können. Das, was sich zeigt, ist die Wirklichkeit und die Wirklichkeit hat zunächst einmal recht. Das ist ja eine weltweite Entwicklung, überall werden in rasantem Tempo Häuser hochgezogen.

Städte verändern sich, oder verschwinden – teilweise.

In meinem Leben habe ich gesehen, wie Städte zerbombt wurden und wieder auferstanden.

In den 6oer Jahren gab es hier in Berlin eine Reihe erfolgreicher junger Architekten, die große Aufträge bekamen und ich hatte das Glück für verschiedene dieser Häuser die Kunst machen zu dürfen. Ich dachte das bleibt nun so. Inzwischen sind viele dieser Bauten wieder abgerissen, mitsamt meiner Kunst. Ohne Krieg.

Ich erfahre im Lauf meines Lebens, dass nichts von Dauer ist.

Eine ewige Bewegung – Tod und Auferstehung.

Meine Antworten sind mehr autobiografisch, weil sich lebend ergibt, was und wie es werden wird. Man hat nicht erst ein philosophisches Konzept und füllt es dann mit Leben, vielmehr ist im Nachhinein, im Abstand die philosophische Haltung sichtbar und anschaulich vor Augen.

Berlin, Oktober 2016

Copyright: Ursula Sax, Berlin.

Zu den Arbeiten von Ursula Sax über Christus: „Christus ist kein nur christliches Phänomen“ klicken Sie bitte hier.

Wichtig auch:  www.werksax.de

„Christus ist kein nur christliches Phänom“: Spirituelle Aspekte im Werk von Ursula Sax

Spirituelle Aspekte im Werk von Ursula Sax: Die Christusgestalt aus Packpapier.

Ursula Sax, international bekannte Künstlerin, Bildhauerin, lebt jetzt wieder in Berlin, war u.a. auch Professorin an der Dresdner Kunstakademie von 1993 bis 2000. Kürzlich hat sie ihren 80. Geburtstag gefeiert. Sie macht in ihren Arbeiten (aus Metall, Holz, Kunststoff, Ton) das Freie und die Freiheit real und die vielen Möglichkeiten der (Lebens-)Gestaltung. Sie zeigt dabei durchaus das Weiche, nicht das Starre. Ursula Sax hat einen Sinn, wie Räume, mit Objekten gestaltet, erst als Räume gelten können. Sie plante etwa eine begehbare Großplastik für die Grünanlage der Bundes-Minsterien, damals noch in Bonn. Wenig bekannt ist, dass die vielseitige Künstlerin auch Kreuze gestaltet hat – aus Packpapier. Wenn man z.B. spirituell den Menschen Jesus Christus als Gegenwart des Göttlichen in dieser Welt versteht, dann ist eben auch Packpapier ein treffendes, geradezu typisches Material dieses alltäglichen Jesus. Schafft die barocken Heiligenscheine beiseite, gestaltet ihn mit irdischem Stoff, mit Gebrauchspapier z.B., dann kommt man Jesus Christus nahe, sage ich als Theologe.  Bis zum 21. November 2015 sind zahlreiche Arbeiten von Ursula Sax in der Galerie SEMJON CONTEMPORARY zu sehen, in der Schröder Str. 1 in Berlin-Mitte; geöffnet Dienstag bis Samstag von 13 bis 19 Uhr. www.semjoncontemporary.com. Ein neuer Katalog wird dort am 1. November vorgestellt. Danach sind die Arbeiten in Dresden zu sehen (Deutsche Werkstätten Hellerau).

Christian Modehn. Die interessante website von Ursula Sax erreichen Sie beim Klicken hier.

Ursula Sax hat uns ihren eigenen Text zur spirituellen Dimension ihrer Arbeiten zur Verfügung gestellt:

Ich begreife Christus nicht christlich – Christus ist kein nur christliches Phänomen

Von Ursula Sax, Berlin

Mich interessieren alle großen Religionen gleichermaßen.

Im christlichen Kulturkreis bin ich geboren und aufgewachsen – lebe ich.

Die Bibel und die Geschichte Jesu sind mir durch mein Elternhaus sehr vertraut.

Davon nahm ich dann erst einmal Abstand. Ich habe mich in den anderen Kulturräumen umgesehen. Buddha ist mir ebenso eindrucksvoll. Es gibt so herzbewegende Buddhageschichten, Zengeschichten, Sufigeschichten, Christusgeschichten. Die immergleiche Wahrheit, dieselben Appelle an uns. Es gibt viele wunderbare Buddhafiguren, mich ergreifende bildliche Darstellungen der Kreuzigung, innige, von Gläubigkeit und Liebe des jeweiligen Künstlers zeugend, die mich tief berühren.

Ich hätte gerne eine Buddhafigur. Ich wünschte mir ein Kruzifix und manchmal dachte ich, ich sollte das selbst machen, aber ich wusste nicht wie.

Ich habe es ruhen lassen.

Jetzt hat es sich ergeben, dass mir das „unangemessen” schäbige, vergängliche Material Packpapier als Realisierungsmittel für dieses große Thema – das bei uns ja sehr verbraucht und belastet ist und als Gegenstand der Kunst, heute eher als fragwürdig betrachtet wird – gerade recht erschien und eine Formulierung möglich machte.

Christus meint für mich die Überwindung des Egos, die Kreuzigung des Egos, zugunsten einer viel größeren Dimension des Seins, einer Befreiung von den engen Konzepten unserer Welt-und-ich-Vorstellung.

Copyright: Ursula Sax

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My understanding of Christ is not Christian – Christ is not solely a Christian phenomenon

By Ursula Sax, Berlin

I am equally interested in all the major religions.

I was born and grew up in a Christian culture – and live in it.

I am very familiar with the bible and Jesus from my parental home.

I initially distanced myself from it. I explored the other cultural spaces. I am just as attracted to Buddha. There are such heart-rending Buddha stories, Zen stories, Sufi stories, Christ stories. The same unchanging truth, the same appeal to us. There are many wonderful Buddha figures, poignant, heartfelt pictorial representations of the crucifixion that testify to the belief and love of the respective artist which move me deeply.

I would have liked to have had a Buddha figure. I wanted a crucifix, and sometimes I thought I should make one myself, but I didn’t know how.

I left the idea to one side.

Then it occurred to me that the “inappropriate”, shabby, transitory material of packing paper was precisely the right medium for realising this great theme, making a formulation possible – a theme that has become exhausted and as a subject of art now tends to be viewed with suspicion.

For me Christ means transcending the ego, the crucifixion of the ego in favour of a far greater dimension of being, a liberation from our strict concepts of “world and me“.

Copyright: Ursula Sax