Geschichtsphilosophie der Gegenwart – pessimistisch, aber nicht falsch.

Ein Hinweis von Christian Modehn zum neuen Buch von Vittorio Hösle “Globale Fliehkräfte“

1.
Vittorio Hösle will in seinem neuen Buch die vielfältigen politischen Fakten und Daten der Gegenwart zusammentragen und auf den Begriff bringen. Das bedeutet wohl der merkwürdige, gar nicht philosophische Begriff im Untertitel „Kartierung“. Es handelt sich also um eine „zeitkritische Schrift“ (129), sie soll durchaus dem Titel „Geschichtsphilosophie“ gerecht werden. Dass Geschichtsphilosophie zu den besonders umstrittenen „Abteilungen“ der Philosophie gehört, weiß natürlich Vittorio Hösle. Die ins Totalitäre abrutschende Geschichtsphilosophie des Faschismus oder des Leninismus, Stalinismus usw. hat als Ideologie allgemein tiefe Skepsis gegenüber diesem für Hegel noch so wichtigen Thema „Geschichtsphilosophie“ hervorgerufen.
Dennoch ist es für mich eine beachtliche Leistung des Philosophen Hösle, dass er sich an eine – wie Hegel – von empirischen und politischen Daten „gefütterte“ Philosophie als Verstehen der Gegenwart, eben an eine Geschichtsphilosophie, heranwagt. Also gewissermaßen eine philophierende Gesamtschau der Gegenwart bietet, dabei aber durchaus normativ argumentierend. Denn Hösle, das ist bekannt, vertritt als kritischer Metaphysiker mit aller Deutlichkeit Positionen der ethischen Universalität. Er wehrt sich also kraftvoll gegen die allgemeine Beliebigkeit erzeugende Postmoderne. Hösle weiß zurecht, dass nur die universal geltenden Menschenrechte Widerstandsreserven gegen den heutigen Verfall demokratischen Bewusstseins (Populismus, Neofaschismus) bieten. Wer die Menschenrechte verteidigt, sieht natürlich klar, dass die lautstarken verbalen Verteidiger der Menschenrechte in der politischen Praxis auch absolut gegen den Geist der Menschenrechte agieren, siehe die Politik der USA in den letzten Jahrzehnten. Alle – auch ökonomisch motivierten – Verbrechen wurden und werden mit „Verteidigung der Menschenrechte“ (oder „Reformen“ genannt) kaschiert! Aber dieses Faktum spricht nicht gegen die absolute Gültigkeit der Menschenrechte. Und auch die Tatsache, dass sie in der europäischen Kultur wohl zuerst deutlich formuliert wurden, sagt ja nichts gegen die universale Geltung der Menschenrechte. „Genesis und Geltung müssen unterschieden werden“, schreibt Hösle kurz und wahr in seinem ebenfalls empfehlenswerten Buch „Eine kurze Geschichte der deutschen Philosophie“, München 2013, S.194.
2.
Trotz dieser in gewisser Hinsicht gegebenen Zustimmung zum Grundanliegen des Buches bleibt es für mich erstaunlich bzw. durchaus irritierend, dass die von Hösle beschriebene tiefe Krise der Gegenwart nicht so deutlich mit dem heute allherrschenden Kapitalismus in Verbindung gebracht wird, an dessen Ideologie des ständigen ökonomischen Wachstums praktisch alle teilhaben. Die einen als Akteure bzw. ständigen Gewinner, die anderen, die große Masse der von den Gewinnern Arm-Gemachten! Hösle schreibt am Schluss seines Buches (204), es gehe dringend darum, einen „weltweiten Wertekonsens zu erzielen, der die verschiedenen Kulturen zu einen vermag“. Dieser weltweite Wertekonsens muss aber über die von allen gelebte Anerkennung der universalen Menschenrechte hinaus selbstverständlich auch die Überwindung des Kapitalismus zum Inhalt und Ziel haben oder wenigstens diesen sehr stark und wirksam eingeschränken. Das ist keine Utopie, sondern die Voraussetzung für ein Überleben der Menschheit.
3.
Das sehr dicht geschrieben Buch „Globale Fliehkräfte“ kann in einer eher knappen Rezension nur ansatzweise gewürdigt werden. Hösle selbst nennt Horst Köhler, Theo Waigel (CSU) und Bundesminister Gerd Müller CSU), sie hätten „auf freundlichste Weise“ (17) zu diesem Buch ermuntert. Ich kann nicht verschweigen, dass ich es auch treffend gefunden hätte, wenn auch heutige Grüne- oder SPD- oder gar Linke Politiker den Philosophen Hösle zu diesem Buch Projekt „ermuntert“ hätten, also mit ihm in einem ebenso freundschaftlichen Dialog ständen. Aber vielleicht gibt es einen Graben zwischen (den wenigen) katholischen Philosophen an katholischen Universitäten und Politikern, Autoren etc., die sich mit dem grünen bzw. linken Spektrum verbunden fühlen. Mich freut aber dann doch, dass Vittorio Hösle in seinem Vorwort Greta Thunberg lobend erwähnt, „die in der allgemeinen Verlogenheit die Wahrheit sagt“ (18). Das werden die genannten „Ermunterer“ aus der CSU sicher mit großer Wonne zur Kenntnis nehmen.
4.
Hösle zeigt sich als ein guter Kenner der internationalen politischen Entwicklungen der Gegenwart, dabei kommt ihm zugute, dass er seit 20 Jahren in den USA lebt, er ist Professor für Philosophie an der renommierten katholischen Privatuniversität Notre Dame im Bundesstaat Indiana unter Leitung des katholischen „Ordens vom Heiligen Kreuz“ (CSC). Hösle stellt sich selbst vor als ein Philosoph mit „besonderem Interesse an der politischen Philosophie“ (13). Er nennt sein 224 Seiten umfassendes Buch eher bescheiden einen “Essay“ (15), er wurde in der ersten Hälfte des Jahres 2018 verfasst. Ein Essay, der die Gefährdungen der Gegenwart klar benennt: Der „Liberalismus“ (verstanden als Eintreten für Grundrechte und Demokratie) sei gerade auch in den USA sehr bedroht, der Autor zitiert etwa zustimmend Madeleine Albright, wenn sie von der Gefahr des Faschismus, nicht in ihrer Heimat, den USA, sondern weltweit, spricht. Ein gewisser Pessimismus durchzieht förmlich diese Geschichtsphilosophie Hösles: „Aber nur wer die Gefahren in den Blick nimmt, hat das Recht Optimist zu sein“ (18).
5.
Von den sieben Kapiteln des Buches interessiert mich „vom Philosophischen her“ am meisten das 4.Kapitel „Die Zersetzung politischer Rationalität“ (96 – 136).
Ich nenne nur einige Stichworte, die die Zersetzung des demokratischen Bewusstseins deutlich machen sowie die Abkehr von der kritisch reflektierten Erkenntnis der Idee des Fortschritts: Das Gemeinwohl ist keine leitende politische Vorstellung mehr. Die Lobbyisten setzen sich mit Bravour in den Parlamenten durch, dabei haben die Lobbyisten der Reichen und Mächtigen förmlich eine Allmacht errungen, so dass sie politisch, in der Gesetzgebung machen können, was sie wollen (118). Man denke in Deutschland nur daran, dass es nicht gelingt einen absolut unfähigen Verkehrsminister Scheuer (CSU) aus dem Amt zu jagen. Er ist wohl der von Auto-Lobbyisten abhängigste Politiker, das sage ich als Meinungsäußerung.
6.
Es herrscht für Hösle insgesamt eine Vergiftung des politischen Diskurses, in dem sich die kritischen Bürger eher als die Unterlegenen fühlen. Die Rechtsextremen setzen sich mit aller Bravour durch. Sehr klar sind Hösles Worte über die rechtsextreme Tea-Party-Bewegung in den USA: „Sie repräsentiert auf idealtypische Weise die Ignoranz, Dummheit und Vulgarität von Millionen durchschnittlicher Amerikaner“ (110). Fest steht, dass zu den militanten Anhängern dieser Tea-Party vor allem Evangelikale gehören, die in Blindheit und Dummheit auch Trump gewählt haben und ihn wohl in der beschriebenen Haltung 2020 wieder wählen werden. Mir fehlt bei Hösle in dem Zusammenhang eine ausführliche Darstellung der christlichen Kirchen und des Islams: Wo liegt deren Beitrag für den Niedergang der demokratischer Kultur? Von der unerfreulichen Rolle der Evangelikalen (etwa in den USA) war schon die Rede.
In seinem Schlußkapitel „Auswege aus der Krise“ denkt Hösle dann doch etwas ausführlicher an eine konstruktive Rolle der Religionen zum Schutz und zur Bewahrung der Demokratie. Denn ohne die allseitige Geltung moralischer Prinzipien könne eine Demokratie auf Dauer nicht bestehen. Da seien Religionen vonnöten! „Sofern eine Religion das grundlegende liberale Prinzip der Religionsfreiheit akzeptiert, ist sie in der Regel eher eine Stütze als eine Gefährdung des liberalen demokratischen Staates“ (199). An der Stelle wäre eine Diskussion mit dem in ähnliche Richtung denkenden Jürgen Habermas interessant! Hösle schätzt die prinzipiell mögliche positive Bedeutung der (vernünftigen) Religion höher ein als die Leistungen einiger zeitgenössischer Philosophien. Er spricht etwa von der „naturalistischen Ideologie“ (200), „die den Menschen nur als materielles Zufallsprodukt einer blind und ziellos evolvierenden Natur sieht“. Schon zuvor hatte Hösle den (atheistischen) Naturalismus zurückgewiesen wie auch den postmodernen Konstruktivismus: „Keine wird etwa der Natur moralischer Verpflichtungen gerecht“ (106). Zu den Erkenntnissen könnten sich spannende Debatten entwickeln. Wieweit bestimmte Formen des Islam „eine Stütze der liberalen Demokratie“ sind bzw. werden könnten und sollten, sagt Hösle nicht!
7.
Interessant, wenn auch allgemein bekannt sind dann die Hinweise zur Problematik der so genannten sozialen Medien: Twitter reduzieren die Komplexität (115), schreibt Hösle, so dass die Twitter Leser also auf Dauer sehr schlicht im Denken werden, falls sie es nicht schon sind.
8.
Hösle bietet einen vorsichtigen Versuch, auch einige Erkenntnisse von Oswald Spengler (Untergang des Abendlandes) wieder zu bedenken. Dennoch bleibt Hösle ein von der kritisch reflektierten Fortschritts-Idee doch überzeugter Philosoph. „An der moralischen Verpflichtung am Fortschritt zu arbeiten, ist nicht zu rütteln“ (131). Und Hösle meint gar, dass es einen intellektuellen, moralischen und rechtlichen Fortschritt in der Menschheitsgeschichte „seit den Griechen“ gegeben habe (131). Ob man da die „Hinsichten“ auf den genannten Fortschritt noch weiter spezifizieren muss, scheint mir eine Notwendigkeit zu sein. Wie sonst will man den Massenmord im Kolonialismus oder den Massenmord an den europäischen Juden philosophisch in einen Fortschritt „einordnen“? Zeigt die Ökokrise, die Klimakatastrophe, das Fehlen von elementaren Gerechtigkeitsstandards weltweit nicht eher, wie wenig Fortschritt politisch faktisch greifbar ist, selbst wenn so viele von Ökokrise, Klimakrise und Gerechtigkeit schwadronieren. Das Bewusstsein der Freiheit ist ja doch noch in einigen Kreisen außerhalb der Herrscher da. Aber dieses Bewusstsein kann und darf nicht politisch real Gestalt werden. Das ist die Schande der Gegenwart. Diese Blockade, dieser Stillstand, diese Egofixierung. Sie wird den Demokraten zugemutet von den sich bloß demokratisch nennenden Herrschern, die sich Präsidenten und Politiker nennen dürfen. Hösle hat recht: Auch dieses Kapitel hinterlässt alles andere als optimistische Gedanken. Hegel konnte noch schreiben, seine Geschichtsphilosophie dürfe nicht mit einem „Misston enden“. Heute müssen leider Geschichtsphilosophen eher mit einem „Misston“ enden. Um die letzten verbliebenen kritischen Geister auf diese Weise anzustacheln, zu ermutigen und zu ermuntern!
9.
Oder ist es doch eher noch der Glaube an die „göttliche Vorsehung“ im Sinne von Leibniz oder der Glaube an die sich duchsetzende „unsichtbare Hand“ im Sinne von Adam Smith, wenn Vittori Hösle in den letzten Zeilen seines Buches schreibt: „Man SOLL für den Fortschritt der Menschheit arbeiten, auch wenn man nicht wissen, sondern nur hoffen kann, dass er sich trotz aller Krisen und Verfallspozesse auf teilweise unvorhersehbaren Wegen durchsetzen wird“ (205). Ohne Glauben kommt also auch Philosophie nicht aus. Und Philosophen glauben daran, dass sie die Wahrheit sagen und recht haben.

Vittorio Hösle, „Globale Fliehkräfte. Eine geschichtsphilosophische Kartierung der Gegenwart“. Mit einem Geleitwort von Horst Köhler. Verlag Karl Alber, Freiburg. 2019, 224 Seiten. 24 Euro.

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