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	<title>fundamental vernünftig Archive &#8211; Religionsphilosophischer Salon</title>
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	<description>... eine Einladung zum Mitdenken und Mitdiskutieren</description>
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		<title>Gotteslästerung: Sinn und Unsinn, ein Interview mit Prof. Wilhelm Gräb</title>
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		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 07 Jan 2015 16:10:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Erneut publiziert &#8211; angesichts des Films in ARTE am 14. 12. 2016 um 22.05. Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin. Die Fragen stellte Christian Modehn. Wenn man beim Thema „Gotteslästerung“ nur die so genannten christlich geprägten Länder beobachtet: Dann fällt auf, dass in letzter Zeit immer wieder Künstler angeklagt wurden (wie [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Erneut publiziert &#8211; angesichts des Films in ARTE am 14. 12. 2016 um 22.05.</p>
<p><em>Ein Interview mit dem protestantischen Theologen Prof. Wilhelm Gräb, Berlin. Die Fragen stellte Christian Modehn. </em></p>
<p><em>Wenn man beim Thema „Gotteslästerung“ nur die so genannten christlich geprägten Länder beobachtet: Dann fällt auf, dass in letzter Zeit immer wieder Künstler angeklagt wurden (wie in Moskau beim Pussy Riot – „Prozess“), in ihren Aktionen und künstlerischen Arbeiten „Gott zu lästern“. Warum reagieren vor allem Politiker und Kirchenführer so heftig?</em></p>
<p>Auffällig ist in der Tat, dass immer wieder Künstler der Vorwurf der Gotteslästerung trifft. Denken wir an Madonnas Video-Clip „Like a Prayer“, die Madonna als Gekreuzigte zeigt, an die Jeans-Werbung von Otto Kern, die das „Abendmahl“ von Leonardo da Vinci persiflierte oder an den Film „Die letzte Versuchung“ von Martin Scorsese, in dem Jesus im Liebesakt mit Maria Magdalena gezeigt wird – immer waren Vertreter der Katholischen Kirche und fundamentalistische Protestanten mit dem Blasphemie-Vorwurf zur Stelle. Die Koalition mit der politischen Macht, die jetzt im „Prozess“ gegen Mitglieder der russischen Rockband „Pussy Riot“ offenkundig wurde, ist in den demokratischen westlichen Gesellschaften so allerdings nicht mehr gegeben – bislang jedenfalls nicht.</p>
<p>Nach der Revision des STGB in den 1960 Jahren ist die „Gotteslästerung“ in der Bundesrepublik Deutschland nur noch strafbar, wenn sie den „öffentlichen Frieden stört“.  Es wäre zutreffender gewesen, hätte man damals den Gotteslästerungsparagraphen ganz aus dem Strafgesetz herausgenommen. In dem Zusammenhang wird deutlich:  Der sog. Gotteslästerungsparagraph, also STGB § 166, aber auch § 167, soll den religiösen Pluralismus gewährleisten, nicht aber die freie und kritische Äußerung in Religionsangelegenheiten einschränken. Es sei daran erinnert, dass es gerade protestantische Kirchenführer wie der Präses der Rheinischen Kirche, Joachim Beckmann (1901 – 1987), waren, die anlässlich der Strafrechtsreform in der Bundesrepublik in den frühen 1960er Jahre angemahnt hatten, dass der Gotteslästerungs &#8211; Paragraph überhaupt nicht mehr in die Verhältnisse einer pluralistischen Gesellschaft passe, weil er politisch dazu missbraucht werden könne, die Meinung Andersdenkender zu unterdrücken. Präses Beckmann war übrigens ein Mann der „Bekennenden Kirche“ im Kampf gegen das Nazi Regime und die „Deutschen Christen“: Es steht, so sagte Beckmann in den 1960 Jahren, der Kirche gut an, „dass sie von sich aus auf einen weitergehenden strafrechtlichen Sonderschutz gegen Religionsdelikte verzichtet und jede auch nur entfernte Erinnerung an eine strafrechtliche Verketzerung Andersdenkender vermeidet“.</p>
<p>In letzter Zeit mehren sich allerdings auch in Deutschland wieder Stimmen, sie kommen vorwiegend  aus dem katholischen Raum, die das Verbot der Gotteslästerung wieder ernster genommen wissen möchten. Gotteslästerung wittern sie dort, wo christliche Symbole in die Regie freier, kritischer, auch vor der Persiflage nicht zurückschreckender Darstellung genommen werden – also insbesondere in der Bildenden Kunst, in der Literatur, im Film, im freien Journalismus, in der Popmusik. Der renommierte katholische Schriftsteller Martin Mosebach oder auch der katholische Philosoph Robert Spaemann haben sich diesbezüglich zuletzt besonders hervorgetan. Sie meinen daran erinnern zu müssen, dass der Gottesbezug in unserer Verfassung stehe und fordern, da der die Wertgrundlagen der Gesellschaft garantierende Gott nur der christliche Gott sein könne, den politisch und rechtlich sanktionierten Schutz des christlichen Gottes. Es sei, so meinen sie, nicht länger zu ertragen, dass die Muslime ein Anrecht auf den Schutz ihrer religiösen  Gefühle geltend machen könnten, Christen hingegen sich jede öffentliche Schmähung ihres Gottes gefallen lassen müssten.<span id="more-2767"></span></p>
<p><em>Gibt es objektive Kriterien, die eindeutig und für immer festlegen: Dies ist Gotteslästerung und dies nicht? </em></p>
<p>Achten wir darauf, wann und wo der Vorwurf der Gotteslästerung erhoben wird, dann sehen wir, er richtet sich immer gegen die Abweichung von einem Gottesbild, das unantastbar sein soll. Wer andere der Gotteslästerung bezichtigt, setzt immer sein eigenes Gottesbild absolut und leugnet zugleich, dass sein Gottesbild auch nur ein Gottes<em>bild</em> sei. Deshalb die Unduldsamkeit gerade der künstlerischen Freiheit gegenüber. Das eigene Gottesbild wird mit Gott gleichgesetzt. Dazu berechtigen keine objektiven Kriterien, die gibt es nicht. Die Absolutsetzung des eigenen Gottesbildes gelingt nur dem, der die institutionelle und dann eben politische Macht  hat, es sanktionsbewährt durchzusetzen. Wer die institutionelle und politische Macht hat, die Heiligung des eigenen Gottesbildes zu verlangen, der kann an diejenigen, die einen anderen Glauben haben oder auch nur kritische Anfragen an das herrschende Gottesbild öffentlich machen, den Vorwurf der Gotteslästerung richten und weil ihm die entsprechenden Machtmittel zur Verfügung stehen, möglicherweise sogar mundtot machen. In den Händen der religiösen und politischen Macht ist der Vorwurf der Gotteslästerung nichts anderes als ein religiös überhöhtes – ich würde sagen, gotteslästerliches – Instrument politischer Gleichschaltung.</p>
<p><em>Theologisch gesehen sollte doch gefragt werden: Kann ein Mensch überhaupt Gott „lästern“?</em></p>
<p>Der Vorwurf der Gotteslästerung lebt von der Verwechselung Gottes mit dem Bild, das wir Menschen uns von ihm machen. Er entspringt im Grunde einer Vergötzung Gottes. Gott wird zum menschlichen Idol. Sein Bild wird geheiligt und soll verehrt werden. Wer die Verehrung des heiligen Gottesbildes verweigert, sitzt auf der Anklagebank. Das ist der tiefere Grund, weshalb es immer die religiösen Fundamentalisten sind – gleich welcher Couleur, seien es Kampfkatholiken oder protestantische Bibelgläubige –, die die Verletzung ihrer religiösen Gefühle beklagen und mit dem Vorwurf der Gotteslästerung gegen Andersgläubige aufwarten. Sie verkennen das Wesen des Glaubens, indem sie den Glauben zur Anerkennung einer angeblich objektiv gegebenen Wahrheit machen. Sie verwechseln den Gott, den kein menschliches Auge je gesehen hat, der das Geheimnis der Welt ist und der eben deshalb allein dem Glauben gegeben ist, d.h. im Wagnis radikalen Vertrauens gefunden werden kann, mit den immer endlichen begrenzten, wandelbaren Bildern, die gegenständlich von Gott da sind, weil wir sie uns von ihm gemacht haben. Wo das Wesen des religiösen Glauben verkannt wird, kommt es zur der den Glauben in ein vermeintliches Wissen verkehrenden Vergegenständlichung Gottes. Der vergegenständlichte Gott aber ist in Wahrheit ein menschlicher Götze, der die Menschen in seinen Bann zieht, ihre Sinne vernebelt und ihren Verstand verdunkelt – im Streben nach Sicherheit, Reichtum, Macht und Besitz. Mit diesem Gott, der bedingungslosen Gehorsam fordert, lassen sich freilich seit jeher gute Geschäfte machen und Herrschaftspositionen legitimieren, in der Wirtschaft ebenso wie in der Politik.</p>
<p><em>Ist Gotteslästerung eine sinnvolle Form von Religionskritik? Sollten spirituelle Menschen nicht sogar dankbar sein, dass Gotteslästerungen eine heilsame Korrektur ihrer eigenen Glaubens &#8211; Vorstellungen bewirken?</em></p>
<p>D<strong>ie Gotteslästerung ist die der Religion selbst inhärente Religionskritik. Gern zieht deshalb, wenn es nötig ist, die Religion, die bei Verstand ist, den Vorwurf der Gotteslästerung auf sich, weil sie sich dabei in ihrer Kraft zur Unterscheidung zwischen wahrem und falschem Glauben ernst genommen sieht. Der Gott, der Verehrung und Unterwerfung verlangt, gehört zu Recht gelästert. Denn nur der Gott ist der wahre Gott, dem allein der Glaube, bedingungsloses Vertrauen, entspricht.</strong> Das aber ist der Gott der gläubigen Subjektivität, des grundlosen Grundvertrauens, der sich gerade nicht mit dem Anspruch auf absolute, objektive Wahrheit proklamieren lässt, dem gegenüber keine Verehrung eingefordert werden kann. Es ist der Gott, der sich der menschlichen Verfügung entzieht, der nicht für politische oder ökonomische Interessen missbraucht werden kann. <strong>Es ist der Gott, der geglaubt sein will, unvertretbar vom einzelnen Glaubenden, der der ganz Andere ist, der, den wir nie in die eigene Hand bekommen,</strong> sondern der uns in seinen Händen hält – unendlich liebevoll, wie die Bibel sagt, zur Hoffnung ermutigend, auf einen neuen Himmel und eine neue Erde ausrichtend.</p>
<p>Die christliche Religion hat den Vorwurf der Gotteslästerung von Anfang an auf sich gezogen, in den frühen Christenverfolgungen auch die Konsequenzen schmerzlich an sich selbst erfahren. Jesus wurde wegen seiner Verkündigung des Gottes, der Liebe, Gnade, Barmherzigkeit ist – eben ist wie der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn –, der Gotteslästerung beschuldigt. Dann hat der Apostel Paulus im gekreuzigten Christus den Gott des Lebens erkannt, eines neuen Lebens, heraus aus dem Tod dieser zerfallenden Welt. Paulus hat damit die deutlichste Absage an einen Gott formuliert, der auf der Seite der Mächtigen und Weltklugen steht. Der christliche Gott ist die Kraft, die in Schwachen mächtig ist, die Macht der Ohnmächtigen, die Rechtfertigung der „Gottlosen“, derer, die Gott los sind, auch derer, die ihn lästern, so Paulus.</p>
<p><em>Ist im Sinne der Bibel die eigentliche Gotteslästerung nicht das Fördern und Zulassen ungerechter sozialer Verhältnisse? </em></p>
<p>Der Gott, der geglaubt sein will, das ist der Gott des Evangeliums. Dieser Gott taugt nicht als Gegenstand religiöser Verehrung. Er ist vielmehr der Grund unseres Grundvertrauens ins Dasein. Er ist uns immer schon voraus. Er ist die Quelle des Lebens und in seinem Licht sehen wir das Licht, wie es im Psalm 36 heißt. Diesen Gott, den wahren Gott, kann kein Mensch lästern. Ihn können wir höchstens missachten, indem wir den Glauben an ihn verleugnen, in der Liebe erlahmen und die Hoffnung verlieren. Der Gott, der ganz anders ist als diejenigen meinen, die ihn für ihre politischen oder ökonomischen Herrschaftsinteressen vereinnahmen, hat keine Freude an ihm dargebrachten Opfern. Er lässt uns aus einem grundlosen Sinnvertrauen leben und stärkt unsere Kräfte im liebevollen Tun des Gerechten, im hoffnungsfrohen Einsatz für eine verbesserliche Welt.</p>
<p>copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>&#8222;Sinnvertrauen wecken&#8220;: Über religiöse Rede</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/4479_sinnvertrauen-wecken-ueber-religioese-rede_weiter-denken</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Aug 2013 10:40:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
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		<category><![CDATA[Religiöse Rede bei Wilhelm Gräb]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Gräb Predigtlehre]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>&#8222;Sinnvertrauen wecken&#8220;: Über religiöse Rede Das 15. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb (im August 2013) in der Reihe &#8222;Fundamental Vernünftig&#8220; Die Fragen stellte Christian Modehn Sie haben gerade ein Buch geschrieben, das sich mit der religiösen Rede, vor allem der Predigt, befasst. Worin sehen Sie heute die wich-tigste Forderung an einen Prediger, eine Pastorin oder [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>&#8222;Sinnvertrauen wecken&#8220;: Über religiöse Rede </p>
<p>Das 15. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb (im August 2013) in der Reihe &#8222;Fundamental Vernünftig&#8220;</p>
<p>Die Fragen stellte Christian Modehn </p>
<p><em>Sie haben gerade ein Buch geschrieben, das sich mit der religiösen Rede, vor allem der Predigt, befasst. Worin sehen Sie heute die wich-tigste Forderung an einen Prediger, eine Pastorin oder einen Pfarrer, etwa in einer europäischen Großstadt, z.B. in Berlin?</em></p>
<p>Von der kirchlichen Predigt, sonntags oder bei alltäglichen Gelegen-heiten, im Gottesdienst oder in der urbanen Welt der Medien wird immer noch viel erwartet. Die Erwartung ist die, religiös angespro-chen zu werden, bewegend, tröstlich, ermutigend. Das ist es deshalb auch, was von Prediger und Predigerinnen zu fordern ist: Existenziell sollte ihre Predigt sein, den Glauben und die Botschaft ins Leben zie-hen, um das Sinnvertrauen der Menschen zu stärken.</p>
<p><em>Aus welcher Position heraus sollte ein Prediger heute sprechen: als Wissender, als Spezialist oder als Fragender, als Suchender wie die Gemeinde der Zuhörenden?</em></p>
<p>Wer predigt sollte sich auf die Religion verstehen. Wer sich auf die Religion, also auf des Menschen Verhältnis zum Göttlichen versteht, der aber bleibt ein Suchender und Fragender, da der Glaube kein Wis-sen ist und nie zu einem solchen werden kann. Das Wissen ist immer Wissen von dem, was es gibt. Der Glaube ist auf das gerichtet, was uns in all unserem Wissen von dem, was es gibt, stärkt, uns überhaupt im tätigen Vollzug unseres Lebens trägt. Der religiöse Glaube gibt uns das Gefühl, dass das Leben seinen Sinn in sich selbst trägt. Doch dar-in, wie das Leben so geht und es um unser immer fragmentarisches Wissen bestellt ist, zeigt sich unser aller Angewiesenheit auf die zum Glauben ermutigende und das religiöse Gefühl stärkende Rede.</p>
<p>Wer religiös spricht, und das ist es, was die Predigt tun sollte, redet nicht über die Religion oder die Religionen, nicht über die religiösen Institutionen, nicht über die Kirche. Wer religiös spricht, redet aus Re-ligion, aus religiöser Überzeugung, weil sie ihm selbst wichtig ist – was aber gerade nicht heißt, dass er keine Fragen an den eigenen Glauben mehr hätte, schon gar nicht, dass er nicht ein Suchender blie-be, um die rechten Worten ringend, immer wieder zweifelnd, ob der Glaube nicht doch ins Leere geht. Dennoch, nur der, dem die religiöse Sinngrundierung des Lebens selbst immer wieder aufleuchtet, will von ihr zu anderen sprechen. Er muss sehen, wie das gehen kann, ohne aufdringlich zu werden. Wie die Balance zu finden ist, von Nähe und Distanz. Wie kann ich, der ich aus Religion reden möchte, dies so tun, dass andere sich über sich selbst und ihr Sinnvertrauen verständigt finden, in ihm gestärkt und zu neuem Lebensmut befähigt? Auf diese Fragen habe ich in meinem Buch, das zum religiös inspirierten Predi-gen anleiten möchte, nach Antworten gesucht.</p>
<p><em>Sollte in christlichen Gottesdiensten immer die Möglichkeit gegeben werden, auf die Rede, die Predigt, zu reagieren? So dass aus dem Monolog ein vielfältiger Dialog wird?</em></p>
<p>Die kirchliche Predigt ist in der Tat viel zu sehr zum geradezu zwang-haft verordneten Element kirchlicher Rituale geworden, zu denen die meisten Menschen aber keinen Zugang mehr finden. Die Predigt steht unter enorm hochgeschraubten liturgischen, dogmatischen, biblisch-exegetischen und professionstheologischen Voraussetzungen, die es selbst den Freunden der Religion schwer machen, ihr zu folgen. Sie hat sich weithin auch selbst damit abgefunden, nur noch diejenigen anzusprechen, die die kirchliche Zeichensprache verstehen, mit der Liturgie des Gottesdienstes etwas anfangen können, den hohen An-spruch, dass hier „Gottes Wort“ verkündigt wird, akzeptieren, gar selbst formulieren?</p>
<p>Damit hat sie sich von ihrem Anspruch, öffentliche religiöse Rede zu sein, mehr oder weniger verabschiedet. Ich meine jedoch, die Kultur der Gegenwart gibt Hinweise genug, dass es berechtigt ist, diesen An-spruch aufrecht zu erhalten. Nicht weil davon der Fortbestand der Kir-che und der durch sie ins Predigtamt Berufenen abhängt, sondern weil den Menschen die Religion, die lebenswichtig ist und doch immer nur durch Ansprache in einem Menschen entsteht, verlorenginge.</p>
<p>Ob die Menschen, die eine Predigt hören, dann auch sofort selbst zu Wort kommen, ist m.E. nicht so entscheidend. Es  hat auch Vorteile, einmal zuhören, der Entfaltung eines religiös erbaulichen Gedankens folgen zu können und in eine dem Ganzen gemäße Gestimmtheit sich versetzt zu finden. Der Dialog kann auch ein impliziter sein. Das zu leisten wird damit allerdings auch wieder zur Forderung an die Predi-ger und Predigerinnen.</p>
<p><em>Viele Prediger selbst verwechseln Rede/Predigt mit einem bloß sub-jektiven Zeugnisgeben. Gibt es Forderungen nach „rationaler“ Kon-trolle und Nachvollziehbarkeit der Argumente für Prediger?</em>  </p>
<p>Die Predigt steht und fällt damit, dass sie ihre Botschaft auf einleuch-tende, überzeugende und somit argumentativ durchsichtige Weise ent-faltet. Deshalb muss sie erfahrungsnah sein, und vor allem dialogisch. D.h. eben keineswegs, dass sie immer ein Gespräch eröffnen müsste. Eine der Form nach monologische Rede kann auch indirekt einen Dia-log mit den Hörenden führen, ihre potentiellen Einwände ansprechen und Argumente aufbieten für die Behauptungen, die sie aufstellt. Dass etwas in der Bibel steht, ist kein Argument. Entscheidend ist die sub-jektiv plausible Nachvollziehbarkeit.</p>
<p><em>Ist die Rede heute das wichtigste „Instrument“, um in der Gesellschaft von Religion zu sprechen? Welche anderen Möglichkeiten würden Sie vielleicht stärken oder bevorzugen? </em></p>
<p>Zunächst und vor allem möchte ich sagen, dass ich die Predigt, wenn es ihr gelingt, zur religiös erbaulichen Rede zu werden, tatsächlich immer noch für das wichtigste Instrument halte, um auf eine der Reli-gion gemäße Weise von Religion zu sprechen.</p>
<p>Um diese These zu bekräftigen möchte ich einen nicht aus der Kirche, sondern aus der Kultur der Gegenwart stammenden Hinweis geben. Verweisen möchte ich auf das Buch des französischen Sozialphiloso-phen Bruno Latour: Jubilieren. Über religiöse Rede. (2011) Dieses Buch führt emphatisch Klage darüber, dass der Gesellschaft und dem einzelnen Menschen etwas Lebensnotwendiges fehlen würde, wenn die religiöse Rede verstummte oder, da sie ja im kirchlichen Ritual fortwährend ergeht, ihre Heil bringende Kraft verlöre. Was dann feh-len würde, sind „Worte, die wieder aufrichten“, die „Leben spenden“, Worte, die heilsam sind. Das Schlimme für Latour ist: Auch die Kir-che versteht sich nicht mehr auf die religiöse Rede. Sie hält „die Reli-gion für gewunden, für verschlungen, ganz als müsse sie uns über ei-nen schmalen, fallengespickten Pfad zu dunklen und fernen Geheim-nissen führen.“ In entfernte Gegenwelten hat die Kirche die Religion entrückt und „die Worte, die Leben spenden sollen, werden (sc. in der Kirche) in einer fremden Sprache ausgesprochen, die sich an histo-risch, räumlich, kulturell entfernte Menschen richtet.“<br />
Dennoch, daran hält Latour fest, die Kirche, sie hat sie, „die Worte, die Leben spenden“, aber sie findet die Sprache nicht mehr, nicht den richtigen Tonfall, nicht die richtige Tonart. Das Sprechen ist das Prob-lem, das Aussprechen. Mehr will der sich zu seinem Atheismus be-kennende, aber um die Religion besorgte Sozialphilosoph deshalb mit seinem Buch über die religiöse Rede gar nicht. Vom religiösen Redner sagt er: „Er will bloß dem religiösen Ausdruck wieder Bewegungs-freiheit verschaffen, diesem so einzigartigen Brauch, der im Lauf der Geschichte Wort und Sprache gewann und der ihm heute so entsetz-lich gehemmt vorkommt … nur eine Ausdrucksform aus ihrer Ver-kapselung lösen, die, einst so frei und erfinderisch, fruchtbar und heil-bringend, heute auf seiner Zunge zerfällt, wenn er ihren Schwung, ih-ren Rhythmus, ihre Artikulation wieder aufnehmen will.“</p>
<p>Den religiösen Ausdruck, die Sprache der Religion zu finden, ist keine bloße Formsache. An der religiösen Rede hängt die Wahrheit der Re-ligion. Und die Wahrheit der Religion ist keine beiläufige Angelegen-heit, mit der lediglich diejenigen noch beschäftigt sind, die sich in der Liturgie der Kirche auskennen. Die Wahrheit der Religion ist, dass sie uns den Sinn für den Sinn unseres Daseins in dieser Welt eingibt. Sie lässt uns den Schmerz empfinden über das, was fehlt, sie stärkt aber auch unendlich die Hoffnung aufs Gelingen. Damit diese lebensnot-wendige Wahrheit der Religion allgemein zugänglich bleibt, muss sie öffentlich ausgesprochen werden. Es gilt, „die passenden, genauen, präzisen Worte zu finden, um die Rede heilbringend zu machen, um gut (sic!) über die Gegenwart zu reden.“</p>
<p><em>Wie kann an öffentlichen Orten, etwa Kneipen, Cafés, Galerien, Kinos, Museen, von Gott heute gesprochen werden? </em></p>
<p>Eine Predigt, die die religiösen, aufs Ganze gehenden Sinnfragen des Lebens anspricht, die Dinge, die uns Angst machen, die Erfahrungen, in denen das Vertrauen uns weitergeholfen hat, die Ziele, für die ein-zusetzen sich lohnt, stellt einen jeweils konkret ins Leben greifenden Akt der Lebensdeutung dar. Sie ist immer noch eine hervorragende Gelegenheit, redend zur Ausführung zu bringen, was uns zutiefst an-geht, im Leben erhält und unseren Blick nach vorne hin öffnet. In ih-rer Form ist sie an die Kirche gebunden. Der Sache nach freilich ist sie viel zu wichtig, um  nicht überall dort auch zu geschehen, wo Men-schen die Begegnung mit sich selbst und untereinander erleben kön-nen.</p>
<p>Im Oktober erscheint dieses Buch, das der Predigt die Öffentlichkeit der existentiell relevanten religiösen Rede zurückgeben möchte, im Verlag Vandenhoeck&#038;Ruprecht:</p>
<p><strong>Wilhelm Gräb<br />
Predigtlehre. Über religiöse Rede<br />
Göttingen 2013</strong></p>
<p>coopyright: wilhelm gräb und religionsphilosophischer salon berlin</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/4479_sinnvertrauen-wecken-ueber-religioese-rede_weiter-denken">&#8222;Sinnvertrauen wecken&#8220;: Über religiöse Rede</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<item>
		<title>Pfingsten &#8211; Fest des Geistes. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/3624_pfingsten-fest-des-geistes-interview-mit-prof-wilhelm-graeb_weiter-denken</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 08 May 2013 10:49:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
		<category><![CDATA[Weiter Denken]]></category>
		<category><![CDATA[der heilige Geist in allen]]></category>
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		<category><![CDATA[fragen stellte Christian Modehn]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Pfingsten – das Fest des Geistes Interview mit Prof. Wilhelm Gräb Die Fragen stellte Christian Modehn Hat das Pfingstfest eine Bedeutung für die heutige moderne Lebenserfahrung, die so oft sagt: Wir leben in geistlosen Zeiten? Bereits der Gregorianische Hymnus aus dem 9. Jahrhundert ruft nach der schöpferischen Kraft des Geistes. „Veni Creator Spiritus“ – „Komm [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/3624_pfingsten-fest-des-geistes-interview-mit-prof-wilhelm-graeb_weiter-denken">Pfingsten &#8211; Fest des Geistes. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Pfingsten – das Fest des Geistes<br />
Interview mit Prof. Wilhelm Gräb</p>
<p>Die Fragen stellte Christian Modehn</p>
<p><i>Hat das Pfingstfest eine Bedeutung für die heutige moderne Lebenserfahrung, die so oft sagt: Wir leben in geistlosen Zeiten?</i></p>
<p>Bereits der Gregorianische Hymnus aus dem 9. Jahrhundert ruft nach der schöpferischen Kraft des Geistes. „Veni Creator Spiritus“ – „Komm Schöpfer Geist“. Offensichtlich war der Eindruck schon immer der, dass es an Geist mangelt oder jedenfalls, dass wir um den Geist bitten müssen. Nach dem Geist verlangen, um den Geist bitten wir, weil wir nicht über ihn verfügen, weil wir ihn nicht machen können, aber doch von diesem Geist leben! In uns selbst aufkommend, aber eben unverfügbar aufkommend: ‚Da hatte ich eine Idee!‘ ‚ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen!‘ Jetzt wird mir die Sache klar!‘ Wir wissen, wie sehr alle menschliche Kreativität vom gelungenen Einfall lebt!</p>
<p>Geistlose Zeiten? Ich weiß nicht, ob man das so sagen kann. Ich bin immer wieder erstaunt, was Menschen alles können, auf den Gebieten von Wissenschaft und Technik, von Kunst und Kultur. Großartiges mit zuvor ungeahnten Möglichkeiten finden wir auch in unserer Zeit, denken wir nur an den Computer und das Internet. Wozu der Mensch fähig ist, das freilich ist auch an Grausamkeit nicht zu überbieten. Der menschliche Geist ist wirklich zu allem fähig!</p>
<p>Ich sehe im Geist die göttliche Kraft in uns Menschen, das Schöpferische und Kreative. Ich sehe in ihm den göttlichen Grund der menschlichen Freiheit. Deshalb, so meine ich, verlangt und ermöglicht zugleich der Geist aber auch, dass wir uns bewusst und d.h. letztlich immer auf verantwortliche, kritische Weise zu ihm verhalten. Wir verfügen nicht über den Geist. Er ist vielmehr die schöpferische Energie aus der wir leben. Genau dies können wir uns jedoch bewusst klar machen. Dann sehen wir darauf, dass wir verantwortlich mit unseren schöpferischen Fähigkeiten umgehen müssen.</p>
<p>Der schöpferische Geist von uns Menschen kann sich in eine teuflische Kraft verwandeln, ins Zerstörerische und Mörderische. Auch deshalb braucht er die kulturelle und ethische Formung. Er muss sich ausrichten können an dem, was dem Leben dient. Er braucht die Einsicht in das, was gut ist für alle Menschen.</p>
<p>Der menschliche Geist ermöglicht aber selbst auch die Selbstthematisierung, in ethischer und in religiöser Hinsicht, die Ausrichtung am Guten, die Vergewisserung dessen, dass der Mensch in Gott gründet – einem Gott, der nichts als Liebe ist. In dieser Selbstbesinnung auf die Kraft des Geistes liegt die Bedeutung des Pfingstfestes.</p>
<p><i>Wenn der Geist geehrt und gefeiert wird zu Pfingsten: Ist denn der &#8222;heilige Geist&#8220; in jedem Menschen lebendig?</i><br />
Der „heilige“ Geist ist keine Größe, die wir uns in gegenständlicher Gegebenheit vorzustellen hätten. Die biblisch fundierte Bildwelt des Christentums hat zwar für solche Vorstellungen gesorgt – Feuerzungen auf den Häuptern; die Taube, die vom  Himmel herabfährt – aber das sind symbolische Zeichen, die dafür stehen, dass der Geist uns Menschen ergreift, dass er über uns kommt, uns erfüllt. Wir spüren seine Kraft, aber wir können dieses Spüren nicht selbst hervorrufen. Wenn wir aber diese uns erfüllende Kraft spüren, dann können wir uns bewusst zu ihr verhalten, ihr eine Form geben und sie zu lebensdienlicher Wirkung bringen.</p>
<p>So verstanden ist der „heilige Geist“ in jedem Menschen lebendig als diese unwahrscheinliche Lebenskraft. Allerdings achten wir zumeist gar nicht darauf, dass wir von Voraussetzungen leben, die wir selbst nicht hervorgebracht haben und hervorzubringen nicht in der Lage sind. Deshalb, wenn wir an Pfingsten den Geist feiern, dann feiern wir im Grunde das Wunder des Lebens, dann zelebrieren wir die Energie, die in uns Menschen steckt, unseren Einfallsreichtum, die elementare Kraft zur Bewältigung dieses oft so komplizierten Lebens.</p>
<p><i>Alle Menschen haben Geist, haben Vernunft: Haben sie dadurch Göttliches in sich selbst, das sich vielfältig ausdrückt? </i></p>
<p>Die Kraft des Geistes ist in allen. Insofern kann man auch sagen, alle Menschen haben Göttliches in sich, so wie der Theologe Friedrich Schleiermacher der Meinung war, alle Menschen seien Künstler, ein Dictum, das ebenso von dem Aktionskünstler Joseph Beuys überliefert ist. Gemeint ist das kreative Potential, das in uns Menschen steckt, von dem aber ebenso gilt, dass es in Form gebracht, bewusst gestaltet, mit vernünftiger Einsicht vermittelt werden will.</p>
<p><i>Wenn der göttliche Geist so allgemein ist: Sind dann die vielen nichtchristlichen Religionen auch von dem einen göttlichen Geist beeinflusst?</i></p>
<p>Da muss ich die Bibel zitieren: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3, 8) Der Geist kennt keine Grenzen. Er richtet sich nicht nach den sozialen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeiten, in die wir die Menschen und Menschgruppen einteilen. Er ist unverfügbar, in seinem Woher und Wohin nicht manipulierbar. Dadurch ist er der Grund der menschlichen Freiheit, selbstverständlich der Freiheit aller Menschen.</p>
<p>Der heilige Geist ist kein Christ. Die verschiedenen Religionen sind vielmehr verschiedene Formungen des menschlichen Geistes, sofern dieser sich seines göttlichen Grundes bewusst wird. Wo Menschen nicht nur aus der Kraft des ihnen innewohnenden göttlichen Geistes leben, sondern sich dieser Kraft bewusst werden, als einer solchen, die von außen, von Gott her, über sie kommt, dort ist gelebte Religion – in welcher Form auch immer. Jede Religion ist als Religion umso lebendiger, je klarer sie die bewegende Kraft des Geistes feiert, dann aber ihr auch eine lebensdienliche, in der Liebe eifrige Form gibt.</p>
<p><i>Wir identifizieren oft Geist mit der Fähigkeit zur Kritik. Ist der heilige Geist also auch skeptisch, auch kritisch, aber wem oder was gegenüber?</i><br />
Das genau gehört entscheidend zur Formung, zu der die Bewusstheit des Geistes diesem selbst verhilft, die Fähigkeit zur Kritik. „Gott ist Geist und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ (Joh 4, 24) Wo wir der Lebendigkeit des Geistes in uns selbst bewusst werden, ihn gar religiös feiern, ihm begeistert unsere Lieder singen und unser Herz schenken, da tun wir dies nur dann auf rechte Weise, wenn wir uns zu seiner Wirkung in uns selbst und in anderen kritisch verhalten. Wir müssen prüfen, ob das, was wir in der Kraft des Geistes, der unsere Lebendigkeit ausmacht, tun, auch wirklich dem Leben dient, uns selbst förderlich ist und denen, für die wir da sind und Verantwortung tragen, für diese Welt und ihre Zukunft.</p>
<p>Die sich ihrer bewusst werdende Lebendigkeit des Geistes ist immer kritisch, kritisch sich selbst gegenüber. Sie weiß, dass der Geist  zu allem fähig ist, auch zu teuflischem Tun. Deshalb können wir den Geist nicht feiern, ohne ihn zu prüfen. Das Kriterium der lebendigen Kraft des Geistes liegt aber bereits in ihr selbst. Zu prüfen ist, ob sie dem Leben dient.</p>
<p>copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/3624_pfingsten-fest-des-geistes-interview-mit-prof-wilhelm-graeb_weiter-denken">Pfingsten &#8211; Fest des Geistes. Interview mit Prof. Wilhelm Gräb</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>Wege der Kunst &#8211; Wege zu Gott?</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/2719_wege-der-kunst-wege-zu-gott_weiter-denken</link>
		
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		<pubDate>Mon, 27 Aug 2012 12:00:34 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Interviews mit Prof. Wilhelm Gräb (✝ 2023)]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Wege der Kunst – Wege zu Gott? Von Prof. Wilhelm Gräb. Der Beitrag wurde am 6. August 2012 publiziert. Die Fragen stellte Christian Modehn Das Interesse an Kunst, wie es sich etwa im Besuch von Kirchen, Kathedralen und Museen zeigt, ist ungebrochen groß. Zeigt sich da Ihrer Meinung nach mehr als ein „übliches Kulturinteresse“, etwa [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Wege der Kunst – Wege zu Gott?</p>
<p>Von Prof. Wilhelm Gräb. Der Beitrag wurde am 6. August 2012 publiziert.</p>
<p>Die Fragen stellte Christian Modehn</p>
<p><em>Das Interesse an Kunst, wie es sich etwa im Besuch von Kirchen, Kathedralen und Museen zeigt, ist ungebrochen groß. Zeigt sich da Ihrer Meinung nach mehr als ein „übliches Kulturinteresse“, etwa ein „Ausstieg“ aus dem Alltag? </em></p>
<p>Wenn wir eine gotische Kathedrale wie etwa den Kölner Dom betreten, spüren wir unwillkürlich, dass wir an einem anderen Ort sind. Der Raum öffnet sich ins Hohe wie in die Tiefe. Wir machen in der Tat die Erfahrung des Eingang in eine dem Alltag enthobene Wirklichkeit. Das besondere dieser anderen Wirklichkeit ist, dass sie uns auf eigentümliche Weise berührt. Wir fühlen uns angesprochen, in etwas ausgesetzt, das uns sagt: „Tua res agitur“, „Deine eigene Sache wird hier verhandelt“.</p>
<p>Das ist die Erfahrung, die wir in Kirchen machen können, auch modernen Kirchen wie etwa in der berühmten Walfahrtskirche, die Le Corbusier in Ronchamp, Frankreich, gebaut hat. Dort sind es die kubischen Fensteröffnungen in einem alles Rechteckige und Quadratische von sich abweisenden, in sich zurück gebogenen Raum, die die Erfahrung geradezu einer Lichtoffenbarung machen lassen. Die ganz besondere Raumatmosphäre macht es, dass wir aus unserer Selbstbezüglichkeit herausgeführt werden. Es kann uns aufgehen, dass wir, diese in selbst verkrümmten Wesen, doch zu einer sehr viel größeren Wirklichkeit gehören, ja Teil eines unendlich Ganzen sind. Doch das Universum ist – entgegen aller physikalischen Erkenntnis – nicht stumm, nicht abweisend. Im Gegenteil, es spricht uns an, es hebt uns über uns selbst hinaus, lässt uns aufatmen, gibt uns neue Kraft.</p>
<p>Was ich so zu beschreiben versucht habe ist eine ästhetische Erfahrung, die zugleich auf ihr innewohnende religiöse Momente hin durchsichtig wird, eine ästhetische Erfahrung, die zur Gotteserfahrung werden kann.</p>
<p>Wir können sie überall machen, wo uns ästhetische Erfahrungen, also sinnlich beeindruckenden Sinnerfahrungen geschehen, nicht nur in Kirchen, auch vor großen Werken der Kunst und im Musikerleben, auch vor dem Naturschönen, bei einem Waldspaziergang, am Meeresstrand, oder auf einer Bergwanderung. Immer hat unser ästhetisches Erleben die Chance, ein religiöses Empfinden zu wecken und zu stärken. Religiös ist dieses Empfinden, weil es den meditativen Gedanken bei sich hat, leicht jedenfalls auf sich ziehen kann, dass wir doch in die letztlich fremde, verkehrte Welt passen, dass es ein Glück ist, da zu sein und das Leben genießen zu können. Voll Dankbarkeit! Wem das Religiöse im ästhetischen Erleben bewusst wird, der wird dem empfundenen Dank auch Ausdruck geben wollen – indem er vor seinem Schöpfer auf die Knie fällt.<span id="more-2719"></span></p>
<p><em>Wird Kunst überfordert oder gar missbraucht, wenn in ihr Spuren des Transzendenten und des Religiösen entdeckt oder gar bewusst gesucht werden?</em></p>
<p>Wo wir von der Kunst etwas verlangen oder sie zu etwas gebrauchen, ist das keine Kunst mehr. Wahre Kunst geschieht nur im Spiel der Freiheit. Weil er davor Angst hat, deshalb wollte Kardinal Meisner das im reinen Farbspiel aufgehende Buntglasfenster, das Gerhard Richter im Seitenschiff des Kölner Domes eingesetzt hat, dort nicht haben. Die Kirchen sind immer noch nicht frei davon, die Kunst für die Zwecke der Verbreitung ihrer Dogmen zu missbrauchen.</p>
<p>In der Moderne entzieht sich jedoch die Kunst solcher kirchlichen Funktionalisierung ebenso wie die Religion zu einer Sache der individuellen religiösen Erfahrung wird. Diese kann im Erleben eines schönen (!) Gottesdienstes gemacht werden, aber eben auch in der Begegnung mit großen Werken der Kunst, der Baukunst, der bildenden Kunst, der Musik – nicht zuletzt aber immer auch in den großartigen Werken, die die Natur unserem betrachtenden Auge schenkt und angesichts derer sich uns das Lob unseres Schöpfers doch unwillkürlich auf die Lippen legt.</p>
<p><em>Welches Göttliche, welcher Gott,  zeigt sich etwa in einer Arbeit von Caspar David Friedrich oder vielleicht sogar von Gerhard Richter?</em></p>
<p>Gott ist ein Wort unserer religiösen Sprache. Was ist der Sinn dieses Wortes? Den müssen wir an dem Gebrauch ablesen, den wir von ihm machen. Dabei stoßen wir gerade im Zusammenhang der Artikulation dessen, was uns an großen Werken der Kunst beeindruckt, darauf, dass sich uns hier die Rede von der Erfahrung des Göttlichen oder auch von einer Gotteserfahrung zwanglos nahelegt. Aber wenn wir – etwa vor dem „Mönch am Meer“ von Caspar David Friedrich oder vor dem durch Friedrich inspirierten „Seestück“ von Gerhard Richter stehend – von einer Gotteserfahrung sprechen, meinen wird ja nicht, dass Gott in dem, was auf diesen Bildern zu sehen ist, in irgendeiner Weise da wäre. Was wir meinen, wenn wir diese Bilder großer Kunst mit Gott oder dem Göttlichen in Verbindung bringen, ist vielmehr eben die religiöse Deutung der ästhetischen Erfahrung, die sie uns machen lassen. Sie sprechen uns auf unsere merkwürdige Stellung in den unermesslichen Weiten eines Universums, das auch ohne uns sein könnte, an. Sie geben uns zugleich das Gefühl, dass wir dazu gehören, in die Welt passen, sie erkennen und gestalten können – stärken uns so vielleicht sogar in der Hoffnung, dass schließlich alles gut wird.</p>
<p><em>Wenn Kunst eine Erfahrung des Göttlichen und Gottes ist: Wäre dann ein Museumsbesuch – meditativ vollzogen – auch eine Art Gottesdienst?</em></p>
<p>Der kirchliche Gottesdienst hat kein Monopol auf die Gotteserfahrung. Wenn es ein schöner (!) Gottesdienst ist, den ich in einer Kirche erlebe, dann ist er es deshalb, weil er mich erbaut, weil er mich aus meiner Selbstbezogenheit herausführt und für die größere, unendliche Wirklichkeit Gottes öffnet. Ich kehre mit anderen Augen in den Alltag zurück, gereinigt und ermutigt. Das kann auch an anderen Orten, die die Kraft haben, in eine solche, für die religiöse Deutung offene ästhetische Erfahrung zu führen, geschehen. Zu ihnen gehört selbstverständlich auch das Museum, der Konzertsaal, der Kinosaal. Überall dort kann mit Gott begegnen, wo ich die Erfahrung mache, dass die Wirklichkeit im Vorhandenen nicht aufgeht, sondern ihr ein Geheimnis innewohnt – aus dem heraus aber wir in Wahrheit leben.</p>
<p><em>Was ergibt sich daraus für eine protestantische Tradition der Abwehr von Bildern Gottes? </em></p>
<p>Die protestantische Abwehr der Bilder galt den Kultbildern und der Reliquienverehrung, damit der Verdinglichung und Vergegenständlichung des Göttlichen. In dem ist ihr immer noch Recht zu geben. Denn die Verdinglichung der Bilder führt in die Ideologisierung des religiösen Glaubens. Dann vernebelt er die Sinne und macht Menschen der Macht derer gefügig, die die Dogmatisierung der Religion zum Zwecke der Stabilisierung ihrer Herrschaft betreiben.</p>
<p>Für Martin Luther waren die Bilder weder gut noch böse. Er wollte sie ja auch gar nicht aus den Kirchen verbannt wissen. Auf den rechten Gebrauch der Bilder kam es ihm an. Und den sah er gerade darin, dass sie dem befreienden Wort des Evangeliums eine emotional ansprechende, uns über unser Glauben und Verstehen hinaus ergreifende Macht verleihen. Es waren für ihn gute Bilder, wenn sie in Erfahrungen der Transzendenz führen, in die tiefe innere Empfindung, Gott nicht mehr suchen, schon gar nicht für ihn etwas tun oder glauben zu müssen, sondern von ihm selbst, dem Schöpfer und Vollender aller Dinge – aller eigenen Anstrengung voraus – längst schon gefunden und ergriffen zu sein.</p>
<p>Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/2719_wege-der-kunst-wege-zu-gott_weiter-denken">Wege der Kunst &#8211; Wege zu Gott?</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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