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	<title>Spanien heute Archive &#8211; Religionsphilosophischer Salon</title>
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	<description>... eine Einladung zum Mitdenken und Mitdiskutieren</description>
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		<title>Der Glaube kommt vom Hören. Oder von der goldenen Gottesmutter? Beobachtungen in Spanien.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Jul 2017 21:38:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Befreiung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Philosophisch – theologische Eindrücke in Spaniens Kirchenwelt heute Hinweise von Christian Modehn Wer einige Barockkirchen in Spanien besucht und besichtigt, wird von der Fülle der Bilder, des Bunten, des Vergoldeten als Zierde der Heiligen, der Madonnen, der Kreuze und Himmelfahrten und Trinitäten förmlich erschlagen. Dabei soll die formale Leistung der Künstler damals keineswegs schlecht gemacht [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/9360_der-glaube-kommt-vom-hoeren-oder-von-der-goldenen-gottesmutter-beobachtungen-in-spanien_befreiung">Der Glaube kommt vom Hören. Oder von der goldenen Gottesmutter? Beobachtungen in Spanien.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Philosophisch – theologische Eindrücke in Spaniens Kirchenwelt heute</p>
<p>Hinweise von Christian Modehn</p>
<p>Wer einige Barockkirchen in Spanien besucht und besichtigt, wird von der Fülle der Bilder, des Bunten, des Vergoldeten als Zierde der Heiligen, der Madonnen, der Kreuze und Himmelfahrten und Trinitäten förmlich erschlagen. <span id="more-9360"></span> Dabei soll die formale Leistung der Künstler damals keineswegs schlecht gemacht werden. Sie haben Auftragsarbeiten abgeliefert, die von Herrschern, politischen wie klerikalen, für hoffentlich gutes Geld bestellt wurden. Aber, dies ist die Erfahrung heute: Das Erstaunen und gelegentliche Entzücken über die pralle farbige Welt des Ibero &#8211; Katholischen stellt sich nur am ersten Tag ein, wenn der Reisende, etwa aus dem nüchternen, barockfernen Norden, in den einst und heute noch eher wohl pro forma etwas katholisch geprägten Süden, nach Spanien, kommt.</p>
<p>Der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo hat in seinem immer noch lesenswerten Buch &#8222;Spanien und die Spanier&#8220; (1982 bei Suhrkamp) auf diese erdrückende Bilderwelt der Kirchengebäude, selbst für einen Spanier, sehr treffend hingewiesen: &#8222;Eben der Überfluss und die Wirrnis von so viel Gold und Glanz, die man da im Dämmer gewahrt, erregen und <em>blenden die Seele</em>. Der Besucher wird nicht eingeladen, zu schauen und zu begreifen. Er wird aufgefordert, sich passiv und nur aufnehmend zu verhalten. Er wird in einen hypnotischen Zustand versetzt&#8220; (S. 247). Dieses Gezwungenwerden in einen Dämmerzustand angesichts der Bilderflut und der vielen Hauptaltäre und Nebenaltäre und Heiligenstatuen ist damals, von den Herrschern und Geldgebern, so gewollt worden. Sie wollten das anwesende so genannte gläubige Volk, oft unwissend und Analphabeten, eben mit dem Schauen beschäftigen, während der Priester am Altar die Messe still vor sich hin las. Das war ja die übliche Form des &#8222;Messe &#8211; Lesens&#8220; im Katholizismus bis zum Jahr 1964. Also: Beim passiv sitzenden Volk: Ablenkung, Phantasie-Spielereien, Erstaunen über die bunte, golden gefärbte religiöse Welt. Dies waren, und sind wohl immer noch, die Reaktion des Betrachters. Wer konnte schon einen heiligen Simon von einem heiligen Philippus unterscheiden? Welche Freude hatten die Leute, wenn sie zum tausendsten Mal eine neue, aber altvertraute Marien Statue mit dem Jesuskind betrachteten?</p>
<p>Diese thematische Einfalt und Monotonie in Bezug auf Maria wäre ein eigenes Thema, ebenso die Erkenntnis: Durch diese wahnhafte Überfülle der Mariendarstellungen kann man sich einfach nicht gegen die Erkenntnis wehren, dass Maria eine Muttergottheit darstellt. Maria als Göttin mit dem Kind, für diese künstlerisch – theologische Aussage gibt es tausende von Belegen!! In der Basilika hoch oben auf dem Berg von Bilbao z. B. sitzt sie stolz in der absoluten Mitte des Hochaltars. Ihr gilt die Messe. Das ist einfach unübersehbar. Die Göttin Maria sollte den strengen Vater – Gott und den immer leidenden Jesus am Kreuz sozusagen „neutralisieren“ und in bessere, heilsamere Dimensionen führen. Und dies wurde auch so gemeint, wenn Maria sogar auf den Hochaltären die absolute Dominanz hat. In bittersten Zeiten der Kriege und Hungersnöte war die Muttergottheit Maria tatsächlich eine Art Rettung und eben ein &#8222;Schutzmantel&#8220;. Erfreulich nur, wenn manchmal, wie in Madrid, zur Abwechslung, ein heiliger Sebastian, hübsch und fast nackt, der absolute Mittepunkt des Hochaltares ist, zur Freude der Frauen und der Schwulen.</p>
<p>Aber darauf will ich jetzt gar nicht hinaus: Sondern:</p>
<p>In diesem barocken überladenen Bilderkirchen wird diese Theologie faktisch verbreitet: Der Glaube kommt vom Sehen, vom Schauen, von meinen Gefühlen, die ich angesichts der Bilderflut habe. Ich denke mir meinen Teil und sehe plötzlich (in einer Vision?) den heiligen Josef als Teil der Trinität. Warum auch nicht? Der Schauende bastelt sich in seiner Phantasie seine Theologie. Diese Kirchen und mit ihren goldigen Heiligenfiguren etc. wollen geradezu den subjektiv zusammen gebastelten Glauben fördern. Diese Kirchen sind also letztlich anti &#8211; orthodox im Sinne des Vatikans. Vielleicht ist der Glaube an die Muttergottheit mit dem Namen Maria auch auf „schauende Weise“ gefördert worden? Es wäre jedenfalls ein tolles Thema kritischer Theologie: Maria als katholische Muttergottheit zu thematisieren. Bisher ist in der katholischen orthodoxen, d.h. kirchenamtlich abhängigen Theologie dieses Thema verdrängt worden. Es durfte nicht sein, was da faktisch in der Kunst zu Tage tritt. Prinzipiell, im Rahmen einer liberalen Theologie, könnte man sagen: Jeder religiöse Mensch möge und sollte sich seinen eigenen, ureigenen, hoffentlich dann auch befreienden Glauben entwickeln! Aber der Glaube sollte vor dem Abrutschen bewahrt bleiben, also befreiend sein, vernunftgeleitet, Jesus als erlösendes Vorbild vor Augen.</p>
<p>Trotz allem: Es gibt einen anderen Weg: Der Glaube kommt vom Hören, sagt Paulus im 10. Kapitel des Römerbriefes. Das ist für eine anthropologisch interessierte Theologie sehr wichtig: Wer hört, der hört immer mindestens einen anderen Menschen. Dieser muss ja nicht der autoritäre Lehre/Prediger sein. Sondern ein Suchender, wie alle anderen. Im Einanderzuhören entsteht aber immer eine Gemeinschaft, denn der Hörende muss selbstverständlich dem Redenden antworten, beide müssen miteinander in einen Dialog treten und selbstverständlich streiten. Der bloß entzückt schauende Glaubende hingegen ist allein. Wer hört, sucht die Gespräche, den kritischen Dialog. Dies wäre eine Chance für die eher bildfeindlichen Kirchen aus dem Geist der Reformation Calvins. Die hörende Theologie pflegt auch die kritische Vernunft mit ihrer Sorge um begriffliche Klarheit.</p>
<p>Noch eine Beobachtung: Heute sind viele große Kirchen und Kathedralen in Spanien während der Woche, außerhalb der Gottesdienste,  nur gegen Gebühr (mindestens 5 Euro) zu betreten. Die Kirchenbeamten verstehen also ihre eigenen Kirchengebäude selbst längst als Museen! Wer etwa in der Kathedrale von Malaga noch individuell beten will, muss dies dem Wachpersonal ausdrücklich mitteilen. Dann wird er (gratis) in eine kleine Gebetskapelle verwiesen. Mit anderen Worten: Die Kirchenbeamten wissen, dass barocke Kirchenkunst immer noch die Schaulust der Touristen befriedigt; aber sie wissen auch, dass dies nur im Rahmen eines Museumsbesuches gewünscht wird. Beten und meditieren &#8211; das kann man vor dieser verwirrenden Farben- und Puttenfülle sicher nicht. Beten heißt Worte finden für die eigene Poesie, diese gelingt nur in der Stille, ohne Ablenkung durch goldene Putten usw. Und es ist interessant, dass diese Poesie, die das Gebet ist, in diesem Prachttempeln nicht gelehrt wird und nicht gelehrt werden kann!</p>
<p>Noch eine Bemerkung: Die „voll gestopfteste“ Kathedrale, Entschuldigung für diesen Ausdruck, die ich je gesehen habe in ihrer ganzen verwirrenden Überfülle: Ist die Kathedrale von Toledo. Eigentlich ein frommer Irr – Garten. Aber selbst kleinere Kirchen, wie die Klosterkirche Santa Maria la Real in Najera, Rioja, bedrückt durch eine maßlose Pracht des Hauptaltares. Der offizielle Kirchen“führer“ in Najera spricht selbst davon: &#8222;<em>Üppigkeit und Selbstherrlichkeit</em> sind die Hauptmerkmale des Altar &#8211; Rentabels aus dem Jahre 1690 von Francico de la Cueva und Mateo de Rubalcaba“. Das massivste Gold –Ensemble über dem Hochaltar wird dann typischerweise gekrönt an oberster Spitze, wirklich, vom Wappen des Kaisers Karl V. Er, der Kaiser und König, wird dann als aller oberster Himmelsherr verehrt! Vor Gold trieft förmlich auch auch die Sakristei der Klosterkirche von Yuso, in La Rioja: Die Priester, die sich dort zur Messe verkleideten, sahen förmlich alles Gold, das ihnen die Eroberer Lateinamerikas in die Heimat brachten. So konnte man des armen Jesus von Nazareth gedenken bzw. ihn vergessen.</p>
<p>Eine weitere Bemerkung, die kirchenpolitisch vielleicht am wichtigsten ist: Die Messen, an denen ich teilnahm, waren wie die meisten in Deutschland, Frankreich oder Holland, tatsächlich Seniorenmessen. Niemals habe ich auch einen Ministranten gesehen, ganz selten Jugendliche oder junge Leute. Mein Eindruck, der soziologisch bewiesen werden kann: Auch die spanische Kirche stirbt vor Müdigkeit und Routine. Ich erinnere mich etwa an eine Samstagabend Messe in der großen Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada: Da spulte der Priester die Samstagabendmesse in einer unangenehmen brüllenden Stimme die Messe förmlich im Eiltempo herunter. Aufstehen, Knieen, Setzen, Aufstehen, Antworten usw&#8230; ständig ging das hin und her. Ein Horror. In Onati, Baskenland, verteilten interessanterweise einige Frauen die Oblaten der Kommunion, aber dies in einem Tempo, als würden den Leute Zweieuro-Münzen schnell in die Hand geschoben. Eine Orgel gibt es in vielen Kirchen, aber offenbar verstehen nur wenige, sie zu spielen. Die Orgeln sind reine Zierde.</p>
<p>Die Routine, die Erstarrung, sind nach meinem Eindruck in Spaniens Katholizismus groß. Die alten Kirchengebäude, immer in grauem Stein, aus dem 15. Jahrhundert, wirken museal, es sind Orte eines musealen Glaubens. Nur noch Traditionsbegeisterte setzen sich da rein zur schnell absolvierten Messe. Kein Wunder also, wenn sich heute, 40 Jahre nach dem Ende der „all katholischen“, aber faschistoiden Franco-Diktatur, höchstens noch 70 Prozent (die Alten) der Spanier katholisch nennen. Diese Kirche(ngebäude) der barocken Pracht, ausgestattet mit dem Gold der Conquistadores, vertreiben schlicht und einfach jüngere und gebildete Menschen. Das ist eine Tatsache! Für diese erstarrte, aber noch üppige reiche Kirche als Institution, will sich kaum noch einer oder eine engagieren. Diese Kirche ist Folklore (siehe etwa die &#8222;semana santa&#8220;) und barocke Schau (Show) Kultur geworden.</p>
<p>Diese Kirche, da muss man kein Prophet sein, hat keine Zukunft, weil sie auch theologisch an den dogmatischen Erstarrungen und den routinierten Floskeln festhält. Die vielen verfallenen Dorfkirchen, die vielen verlassenen Klöster und Konvente in den kleinen Städten, die heute oft zu Luxus Hotels umgestaltet sind, sprechen eine deutliche Sprache. Kein Orden kommt offenbar auf die Idee, das große alte Kloster als Begegnungszentrum für alle religiös suchenden Menschen umzugestalten. Lieber überlässt man diese Klöster reaktionären neu gegründeten Ordensgemeinschaften. Diese jungen Nonnen (etwa im Städtchen Lerma) ziehen sich total zurück und tun für die Menschen nichts anderes, als Kekse zu backen, zumal für die Touristen. Aber diese Nonnen teilen nicht mit den Menschen die eigenen, hoffentlich interessanten spirituellen Einsichten. Wahrscheinlich haben sie auch nichts Neues zu sagen.</p>
<p>Hingegen hat diese Kirche noch Freude, <em>ihren eigenen religiösen Aberglauben sichtbar zu feiern: </em>Inmitten der Kathedrale von Domingo de la Calzada, Rioja, sitzen ständig ein Hahn und ein Henne in einem eigens gebauten Glaskästchen. Alle Pilger auf dem Weg nach Santiago de Compostela pilgern zu diesem Hühnerstall in der Katedrale. Die Geschichte ist albern und dumm und lang, sie wird im offiziellen Prospekt dieser Kirche erzählt: Nur so viel: Ein zum Tode Verurteilter (ausgerechnet ein Deutscher) wird im Mittelalter durch die Fürsprache des heiligen Domingo vom Strang gerettet. Der Richter glaubt nicht an das Überleben des angeblichen Missetäters: Aber da fliegen ihm beim Mittagessen die Hühner vom Teller. Und, was passiert: Der Richter glaubt durch dieses Hühnerwunder nun an die Unschuld des Gehängten, der ja lebt. Hühner retten Leben, könnte ein Werbeslogan heißen. Aber: Solchem Blödsinn gibt die Kathedrale tatsächlich sichtbar Raum. Die Kathedral &#8211; Hühner werden alle 14 Tage ausgewechselt, wer sie dann verspeisen darf, wird nicht verraten. In jedem Fall nehmen diese Tiere an den Messen teilen. Das  Kikiriki ist kaum hörbar wegen der dicken Glasscheiben. Ob das Huhn bei der Messe Eier legt, wird nicht berichtet&#8230; Nirgendwo kann man die Melange von Glauben und Aberglauben so deutlich studieren wie an dem eleganten Hühnerstall inmitten der Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada. Fehlt bloß noch, dass ein Vegetarier auf die Idee kommt, die Hühner zu taufen, damit sie nicht geschlachtet werden&#8230;</p>
<p>Im ganzen also kein Eindruck, der einen spirituellen und vernünftigen Enthusiasmus erzeugt: Viele große alte Kirchen und vor allem diese riesigen Klöster in Spanien wirken wie Gefängnisse, unnahbar, hässlich, vergittert, gewaltig. Da gibt es keinen Einlass, bestenfalls, um bei den Nonnen Kekse zu kaufen.</p>
<p>Welchen musealen Eindruck macht die christliche Religion längst? Was für eine Schande ist dieses Tote und Museale in spirituellem Zusammenhang. Einige Millionen Spanier haben sich von dieser erstarrten Religion befreit. Aber: Welche Spiritualität kommt danach? Und welche Ideologie herrscht schon längst? Hat Pasolini recht, wenn er sagt: Die neue Religion ist der Konsumismus? Der ist weder theistisch noch atheistisch. Der ist einfach platt und dumm.</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon, Berlin.</p>
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		<title>Spanien heute: Ein gespaltenes Land. Hinweise, nicht nur anlässlich der Wahlen am 26. Juni 2016</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/7879_spanien-heute-ein-gespaltenes-land-hinweise-nicht-nur-anlaesslich-der-wahlen-am-26-juni-2016_buchhinweise/philosophische-buecher</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 11 Jun 2016 21:41:22 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Philosophische Bücher]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Von Christian Modehn am 11.6.2016 Zu einer Koalition konnten sich die Parteien nach den Wahlen vom 20. Dezember 2015 nach vielen Verhandlungen nicht aufraffen. Zu heftig sind die ideologischen Differenzen und die ökonomischen Präferenzen. Da bleibt man lieber getrennt in einem vielfältig (sozial, regional, politisch) gespaltenen Land (manche sprechen auch angesichts der Kulturen/Sprachen/ Autonomie Vielfalt [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Von Christian Modehn am 11.6.2016</p>
<p>Zu einer Koalition konnten sich die Parteien nach den Wahlen vom 20. Dezember 2015 nach vielen Verhandlungen nicht aufraffen. Zu heftig sind die ideologischen Differenzen und die ökonomischen Präferenzen. Da bleibt man lieber getrennt in einem vielfältig (sozial, regional, politisch) gespaltenen Land (manche sprechen auch angesichts der Kulturen/Sprachen/ Autonomie Vielfalt von DIE Spanien im Plural) und ideologisch unter sich und sucht eben nicht das Gemeinsame, sondern das jeweils Eigene. Und dieses Eigene hält man für die absolute und einzige Wahrheit, wobei die Arroganz der PP meines Erachtens besonders auffällig ist: Diese Volkspartei gilt unter Intellektuellen auch als Sammelbecken der Vor-Gestrigen, der Freunde Francos usw. Eduardo Subirats, Prof. für Spanisch in Princeton, USA, nennt in Lettre International (Ausgabe Sommer 2015, Seite 131) diese PP „eine national-katholische Partei“; er meint, mit dieser Partei „waren kriminelle Organisationen verbunden“ (ebd.) Diese PP (sie hatte sogar kürzlich die absolute Mehrheit erreicht), entließ etwa den fähigen und mutigen Richter Baltasar Garzón: Denn er brachte die schändlichen Mordtaten der Franco-Leute vor Gericht „und ließ die entsprechenden Zeugen vorladen“(ebd). „Auf einmal musste sich Spanien mit seinem moralischen Elend auseinandersetzen“ (ebd). Garzón wollte die Opfer rehabilitieren, aber er wurde von der PP (als der de facto Franco-Partei) entlassen. Nebenbei: Garzón ist Träger des „Kant-Weltbürgerpreises“.</p>
<p>Nun also am 26. Juni ein neuer Anlauf. Alle hoffen auf deutlichere Mehrheiten, die dann eine Regierung ermöglichen könnten&#8230;Tiefenpsychologen werden bei so viel Wahrheits-Wahn der Parteien, selbst wenn man dort bisher noch keine extreme Rechte explizit organisiert findet, eines Tages erkunden: Hat dieses unversöhnte Gegeneinander nicht nur mit den tiefsten Verletzungen des Bürgerkriegs immer noch zu tun? Sondern eben auch mit Restbeständen der typisch katholischen Haltung, eben „die“ Wahrheit zu besitzen. Diese Propaganda, dass es irgendwo die eine wahre (totale) Wahrheit gibt, hat sich wohl tief in katholische, also auch spanische Seelen, eingeprägt. Die meisten Spanier sind eben in einem Milieu groß geworden, in dem die eine heilige katholische (Staats-)Religion (seit 1492) absolut herrschte. Versöhnte Verschiedenheit (und damit Koalitionsfähigkeit) ist kein sehr spanischer Gedanke. Ist dieser Mangel bedingt durch das Fehlen konfessioneller Pluralität, etwa auch durch das Fehlen der Reformation? Ich denke, so ist es.</p>
<p>Heute nennen sich nach repräsentativen Umfragen von 2014 nur noch 67 Prozent der Spanier katholisch, vor einigen Jahren waren es noch fast 100 Prozent. Der Rest nennt sich heute „indifferent“ bzw. nicht-gläubig. „Ateos“, Atheisten, ist ein sehr häufig gehörtes Bekenntnis im heutigen Spanien unter Jugendlichen, Intellektuellen und Arbeitern. „Andererseits haben jedoch die katholischen Volksfeste (semana santa, Karwoche) seit den siebziger Jahren ein außerordentliches Revival erlebt“, schreibt Manuel Arias-Maldonado von der Universität Malaga (in „Lettre International“, Ausgabe Winter 2015, Seite 136). Und er fährt fort: „Dies ist eine Pop-Religiosität, zu der vage Glaubensvorstellungen und Desinteresse am Dogma gehören&#8230;“ Im ganzen besehen aber sei die katholische Kirche heute, trotz einer immer noch engen (finanziellen) Förderung der Kirche durch den Staat, „kein Protagonist in den öffentlichen Auseinandersetzungen“. Man hört von den überwiegend konservativ bis reaktionär (siehe etwa den Erzbischof von Valencia) eingestellten Bischöfen nur etwas, wenn sie massiv und polemisch gegen Homo-Ehe und für die rigide Neuregelung der Gesetze zum Schwangerschaftsabbruch eintreten. Auch wenn einzelne Theologen, wie Juan José Tamayo (Madrid), vielfach in der Presse (El Pais, als es noch progressiv war) mit vernünftigen Beiträgen vertreten sind und die CARITAS angesichts der Armut im Land ein hohes Ansehen genießt: Die römische Kirche im ganzen hat nicht den Ruf, ein kreativer und innovativer Teil der spanischen Gesellschaft zu sein. Entsprechend gering ist auch die Teilnahme an der Sonntagsmesse. Dieses Kriterium gilt ja immer noch als Maßstab für die „Religiosität“ eines Landes (was natürlich hoch problematisch, wenn nicht falsch ist). 60 % der sich katholisch nennenden Spanier gehen jetzt niemals zur Messe, 14,5 % mehrere Male im Jahr, und 13 % an jedem Sonntag, die übrigen gelegentlich. Wobei regionale Unterschiede zu beachten sind: In Barcelona etwa, wie in ganz Katalonien, sind es kleine Minderheiten von Katholiken, die sonntags noch zur Kirche gehen. Es gibt allüberall in den Städten riesige Kirchen, z.T. schöne Barockkirchen, aber sie sind weithin Museen de facto geworden (die Kathedralen verlangen passenderweise für die musealen Kunstschätze Eintritt. In die Kathedrale von Malaga kommt man nur gratis hinein, wenn man sich als Beter für den eng umgrenzten Beter-Bereich deklariert. Man stelle sich das vor: Es gibt tatsächlich reservierte Gebets-Nischen/Kapellen in den Kathedralen, aber das ist ein anderes Thema&#8230;)</p>
<p>Die gesamte Kathedrale wird als Gotteshaus, als Gebetsraum gar nicht mehr dargestellt, und dies von der Kirche selbst.</p>
<p>Die offensichtliche Distanz vieler spanischer Katholiken hat entschieden mit historischen Erfahrungen zu tun. Die Katalanen z.B. waren mehrheitlich als Republikaner die heftigsten Gegner des sich immer katholisch gebenden Franco-Regimes, von der offiziellen Kirche wurde der Diktator in höchsten Tönen gepriesen, als Held gegen den obersten aller Feinde, den Bolschewismus. Faschismus ist weniger schlimm als Bolschewismus, hieß das Glaubensbekenntnis der Prälaten und Päpste bis 1989.</p>
<p>Der Führer von Spanien, General Franco, Diktator von 1939 bis 1975, lebt in gewisser Weise immer noch, zumindest in Kastilien: Nicht nur im „Tal der Gefallenen“ wird seiner gedacht, in diesem Ort nördlich von Madrid, mit der Franco Gruft und dem riesigen, weithin sichtbaren Kreuz, ist eine Art Pilgerstätte für Rechte und Rechtsextreme entstanden. Der Ort ist eine Art Verherrlichung des Diktators. Aber darüber hinaus tragen mehrere hundert Straßen tragen seinen, Francos, Namen. An die Opfer, die Regimegegner, die „roten Republikaner“, sicher mehr als 100.000 Ermordete während des spanischen Bürgerkriegs, wird kaum erinnert, auch nicht an die Arbeitslager für die Linken nach 1945,</p>
<p>650.000 Republikaner flüchteten damals ins Ausland. 30.000 Babys von „linken Müttern“ wurden von Francos Leuten diesen entwendet und „braven“ Familien übergeben. Immer wieder werden Massengräber entdeckt. Der Spanische Bürgerkrieg und das Franco-Regime (bis 1975!) haben tiefste Verletzungen im Volk hinterlassen. Immerhin gibt es jetzt eine „Plattform gegen die Straflosigkeit“.</p>
<p>Haben die vielen Millionen Touristen, die etwa aus Deutschland nach Spanien fahren, etwas von der Kultur bzw. Unkultur (Bürgerkrieg usw.) Spaniens erfahren? Sind sie als Europäer neugierig auf das, was ihre Gastgeber, die Spanier, bewegt und schmerzt? Ich vermute: Eher nein heißt die Antwort. Man fragt sich mit Manuel Arias-Maldonado ohnehin, was die Millionen und Abermillionen Menschen/Touristen an der spanischen Mittelküste suchen, „welche auch aufgrund der Immobilienblase ein für alle mal ZERSTÖRT ist“ (S. 135). Ist das alles mit dem wahnhaften Sonnen-Kult verbunden? Dies wäre eine hübsche Frage an die Kulturwissenschaftler&#8230;</p>
<p>Aber einige grundlegende Kenntnisse über Spanien sollte doch jeder Tourist erwerben. Sehr empfehlenswert ist das Buch des zurecht viel beachteten spanischen Autors Juan Goytisolo „Spanien und die Spanier“, erschienen als Suhrkamp Taschenbuch schon 1982, aber in der historischen Analyse nach wie vor gültig. Die Kapitel über die kulturell dunklen, engen, klerikalen Zeiten Spaniens vom späten 17. bis ins frühe 20. Jahrhundert sind erhellend, weil sie die Allmacht der katholisch-bornierten Herrscher zeigen und die Vernachlässigung jeglicher Bildung und Entwicklung im Volk&#8230;Über das Grauen des Bürgerkrieges ist immer noch sehr lesenswert der Bericht des französischen Katholiken und Schriftstellers Georges Bernanos „ Les Grands Cimetières sous la lune“ (Die großen Friedhöfe unter dem Mond), erschienen 1938. Bernanos war als rechtslastiger Katholik nach Spanien gegangen, wurde aber im Erleben der Abschlachtungen zu einem Feind des Franco-Regimes.</p>
<p>Und die Philosophie in Spanien heute?</p>
<p>Eine schwierige Frage. Der Philosophie-Professor Jesus Padilla-Gálvez (Toledo) hat in der Zeitschrift „Information Philosophie“ im Dezember 2005, (S.72-76) einen bereits im Titel viel sagenden Beitrag veröffentlicht „Das Elend der Philosophie in Spanien“. Er kritisiert eine starke Stagnation im Forschen und Denken, er kritisiert die bürokratischen Strukturen in den Universitäten usw. Ob sich da einiges zum Besseren gewandelt hat, wäre weiter zu untersuchen. Immerhin gibt es eine populäre Philosophie Zeitschrift <a href="http://www.filosofiahoy.es/Filosofia_Hoy_Apertura.htm">http://www.filosofiahoy.es/Filosofia_Hoy_Apertura.htm</a></p>
<p>Aber im ganzen, so wird auch von Philosophen in Spanien berichtet, spiele Philosophie im kulturellen Leben Spaniens – leider !- eher eine sehr marginale Rolle, viele Philosophie-Professoren glänzen mit Zeitungsbeiträgen und Essais. Die katholische Kultur, bis 1975 absolut dominant, hatte ja auch die Philosophie immer schon zur ancilla theologia, zur bloßen Dienerin der Theologie und der Kirche erklärt.</p>
<p>Es könnte sein, dass mit der zunehmenden Säkularisierung das Selber-Denken, also das Philosophieren, dann doch an Bedeutung gewinnt. Vielleicht hat die spanische Tradition der „Tertullias“ (eine Art „Stammtisch“) noch eine Zukunft, vielleicht sogar die philosophischen Salons und philosophischen Cafés. Themen gibt es genug, vor allem das aller dringendste Problem: Wie können die vielen Tausend jungendlichen Arbeitslosen ins Arbeitsleben und damit ins soziale Leben integriert werden? Kann es sich Europa leisten, dass viele tausend junge Arbeitslose in Spanien ohne Lebens-Perspektive auskommen müssen? Natürlich nicht, aber es wird zu wenig dagegen unternommen. Sind Spanier dazu bestimmt, verurteilt, „letztendlich nur noch als Kellner die Millionen Touristen zu arbeiten“, wie dies ein Philosoph etwas zynisch bemerkte?</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/7879_spanien-heute-ein-gespaltenes-land-hinweise-nicht-nur-anlaesslich-der-wahlen-am-26-juni-2016_buchhinweise/philosophische-buecher">Spanien heute: Ein gespaltenes Land. Hinweise, nicht nur anlässlich der Wahlen am 26. Juni 2016</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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