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	<title>Ist Philosophie eine Lebenshilfe? Archive &#8211; Religionsphilosophischer Salon</title>
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	<description>... eine Einladung zum Mitdenken und Mitdiskutieren</description>
	<lastBuildDate>Mon, 06 Jul 2026 18:50:47 +0000</lastBuildDate>
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		<title>„Zwischen“: Ein Wort, das eine Philosophie der Existenz inspiriert.</title>
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		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 02 Jun 2026 08:39:53 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Denkbar]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Worte und Begriffe der Alltagssprache können unsere  faktisch gelebte "Philosophien unseres Lebens“ erschließen. Wir zeigen an einem Beispiel, die Vielschichtigkeit eines Wortes, selbst einer Präposition: Das „ZWISCHEN".<br />
Wer auf sein Leben reflektierend „im Ganzen“ schaut, kann nicht darauf verzichten, seine Existenz im ganzen als ein Zwischen zu verstehen. Dahin führen die hier vorgestellten, nicht vollständigen Reflexionen zu unserem Umgang mit der Vielfalt des Zwischen.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/22187_zwischen-ein-wort-das-eine-philosophie-der-existenz-inspiriert_denkbar">„Zwischen“: Ein Wort, das eine Philosophie der Existenz inspiriert.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Hinweis von Christian Modehn, geschrieben am 29.5.2026</p>
<p><em>Der Anlass</em><br />
Freundinnen fragten mich: Wie kann ein Einstieg ins Philosophieren gelingen? Eine Möglichkeit: Beginnen wir, auf unsere Wörter und Begriffe des Alltags zu achten. Suchen wir den Inhalt, der über das oberflächliche, schnelle Sprechen hinausweist. Das ist ein erster Schritt. In unserer Sprache zeigt sich faktisch unsere Existenz:</p>
<p>Menschen leben zwischen den Räumen und zwischen den Zeiten. Dieses Zwischen zeigt: Menschen sind selten irgendwo &#8222;zu Hause&#8220;,  selten ganz &#8222;da&#8220; oder definitiv &#8222;angekommen&#8220;. Wer aber meint, einen festen Platz ohne Zwischen gefunden zu haben, irrt, wird zum Ideologen. Die Existenz im &#8222;Zwischen&#8220; ist der  &#8222;feste Platz&#8220;.</p>
<p><em>Das Motto</em><br />
Es gilt also der Vermutung nachzugehen, dass Worte und Begriffe der Alltagssprache unsere schon faktisch gelebte &#8222;Philosophien unseres Lebens“ erschließen können.<br />
Wir zeigen an einem Beispiel, die Vielschichtigkeit eines Wortes, selbst einer Präposition: Das „ZWISCHEN&#8220;.<br />
Wer auf sein Leben reflektierend „im Ganzen“ schaut, kann nicht darauf verzichten, seine Existenz im ganzen als ein Zwischen zu verstehen. Dahin führen die hier vorgestellten, nicht vollständigen Reflexionen zu unserem Umgang mit der Vielfalt des Zwischen. Was auf den ersten Blick eher schlicht &#8211; für „Fachphilosophen zumal &#8211; erscheinen mag, führt in ein tieferes, wahres Verständnis der Existenz. Weiteres dazu siehe Nr. 4 in diesem Hinweis.</p>
<p>1.<br />
<em>Der Zwischenraum</em><br />
Ich warte, gerade in einem Haus angekommen, auf den Einlass in den Behandlungsraum oder das Speisezimmer oder den Festsaal. Im Zwischenraum denke ich an zuvor Erlebtes, etwa den formellen oder freundschaftlichen Einlass ins Haus und warte auf das Zukünftige, das Ziel meines Besuches. Im Zwischenraum fällt die Konzentration und das Nachdenken über diesen Zwischenraum selbst eher schwer. Der Zwischenraum ist ein Wartezimmer, oft von Langeweile bestimmt.<br />
Im Zwischenraum gibt es etwa auch die Schwelle zu bedenken, die ich überschreiten musste, um von der Eingangstür in das Wartezimmer zu gelangen und über die nächste Schwelle dann in weitere Räume, alles Zwischenräume…<br />
Der Philosoph Dieter Thomä weist in seinem Buch „Post &#8211; Nachruf auf eine Vorsilbe“ (Berlin, 2025) auf die Schwelle hin, als dem Ort des Übergangs von einem Raum in den anderen (S. 326 ff.). „Die Schwellenlust richtet sich auf die Schwelle selbst. Die Schwelle lädt dazu ein, dass ich innehalte und eine Situation auskoste, die, so Baudelaire „transitoire und fugitive“, „vergänglich und flüchtig,“ ist. …Ich kann auf ihr nicht bleiben, aber kurz verweilen, um die Kunst des Übergangs zwischen Welt und zwischen Zeiten zu üben.“ (S. 329).</p>
<p><em>Das Zwischenarchiv</em><br />
Ein Gegenstand wird aus der Ferne zugesandt, an, aber er ist noch nicht beim eigentlichen Empfänger angekommen: Er ruht also zur Abholung im Zwischenlager, im Zwischenarchiv, etwa in Rundfunkanstalten ein üblicher Begriff. Briefkästen sind auch Zwischenlager. Ein Computer voller ungelesener e &#8211; mails ist auch ein Zwischenarchiv. Wird die Information im Gehirn gespeichert, entsteht dann schon wieder ein Zwischenarchiv, ein Wissen wird dort gelagert, das irgendwann „abgeholt“ und aktualisiert wird.</p>
<p><em>Das Zwischenlager</em><br />
Flüchtlinge, Asylsuchende &#8211; etwa aus Afrika &#8211; werden nach dem Willen der Demokraten zunächst in Zwischenlagern untergebracht, den sogenannten „Erstaufnahmeeinrichtungen“, welch ein Ungetüm von Wort des büroktatischen Ungeistes. Von diesen „ Erstaufnahmeeinrichtungen“ werden dann die Flüchtlinge wieder vorläufig auf andere Unterkünfte verteilt. Und dann beginnt eine Leben von der staatlicher Duldung bis hin zu einem deutschen Pass in ständigen existentiellen Zwischenräumen. Immer leben diese Menschen existentiell in irgendeinem „Zwischenlager“, sie sind nie angekommen, nie zu Hause, Menschenrechte gelten für sie nur eingeschränkt.. „Zu Hause sein“ &#8211; diesen Begriff reservieren sich viele in Deutschland geborene Deutsche und dieses „ihr von Fremden angeblich bedrohte Zuhause“ schotten sie ab, extremistisch-politisch (siehe AfD und die sich gut fühlende, bürgerliche Mitte…).<br />
Die Zwischen-Lager als die speziellen „Einrichtungen“ für „spezielle“ („andere“) Menschen (Flüchtlinge, Gefangene, Dissidenten, Juden ….) sind Ausdruck von Nationalismus, Rassismus, von Herrschaft, die ins Totalitäre umkippen kann. Und in jüngster Vergangenheit umgekippt ist.</p>
<p><em>Die Zwischenlandung</em><br />
Hier geht es um die nur hinzunehmende, eher unangenehme, weil zeitverzögernde Unterbrechung auf dem Weg zum Ziel. Die Zwischenlandung führt mich in einen Transitraum: Stilles und oft nervöses Warten und Hin -und Herlaufen in beengten Verhältnissen, Hoffen, dass der Weiterflug pünktlich gelingt. Im Transitraum spielt sich unser Leben wie auf einer abgeschlossenen Insel ab, einer Sonderwelt, die wir nicht verlassen dürfen.</p>
<p><em>Die Zwischenetage, auch Mezzanin genannt</em><br />
In dem Wort ist enthalten das italienische Wort „mezzo“, „halb“. Die Zwischenetage befindet sich meist zwischen Erdgeschoss und Beletage, dem ersten repräsentativen Stockwerk. Die Zwischenetage hat niedrige, kleine, eher dunkle Zimmer, sie wurden in Gründerzeiten von den Bedientesten der Beletage bewohnt. Die Herrschaften waren etabliert, sie kannten architektonisch kein „Zwischen“-, während die aus der Fremde stammenden Bedientesten des Mezzanin auch existentiell im Zwischen lebten, zwischen dem Datum ihrer Anstellung und der oft willkürlichen Entlassung.</p>
<p><em>Die Zwischengrößen</em><br />
Haben Sie eine ungewöhnliche Figur, lange Arme und kurze Beine, dicken Bauch und schmale Beine, dann brauchen Sie eine Zwischengröße. Der Kommerz der Bekleidungsindustrie denkt an alles und fördert auf seine Weise das Zwischen. Wer Zwischengrößen trägt, kann hoffen, alsbald wieder „normal“, also schlank, zu sein …oder er muss sich mit seinem Schicksal abfinden, modisch in das Normal nicht zu passen, also (da)zwischen zu sein.<br />
Zum Zwischen in der Mode-Branche gehört auch der „Übergang“, in der Form des Übergangsmantels oder der Übergangsjacke: Wenn der Sommer vorbei ist und der Winter noch keine Kälte mit sich bringt, flüchtet man sich in Übergangs-Mode. Diese ist förmlich ein „Wartezimmer“ der Bekleidung, das überbrückende Warten auf die „richtige“ und typische Jahreszeit Winter oder Sommer…</p>
<p>3.<br />
Zwischen den Zeiten<br />
Dazu gehört die übliche Floskel „zwischen den Jahren“: Weihnachten haben Leute schon fast als Jahresende erlebt, aber es steht noch das eigentliche End-Datum Silvester, bevor:<br />
Das Ende des Jahres erzeugt oft Irritationen, unbewusst auch Ängste vor dem Ende überhaupt. Diese Angst überspielen viele mit dem angeblich fröhlichen Silvesterspektakel wieder zu. Aber es gibt die fünf Tage „zwischen den Jahren“, die irgendwie ortlos sind, sie müssen ausgefüllt werden mit allerlei ablenkenden Aktivitäten, mit meditativen (Verdauungs-)Pausen, in der Gestaltung langweiliger Besuche. Es ist eine träge Zeit einer diffusen Erwartung: Neujahr!</p>
<p>Zu „Zwischen den Zeiten“ gehört auch die „Pause“ , die zu als Freiraum zu genießen bekanntlich schwerfällt: Weil man inmitten der Pause doch oft daran denken muss, dass die „Pflicht“ der Arbeit, des Lernens, des Studiums alsbald und sehr schnell wieder das Leben bestimmt. Die Pause in der Opernaufführung ist dann wieder ein ganz kurzer Moment des alltäglichen Lebens &#8211; nach der „Verzauberung“ durch Musik und mit der Vorfreude auf die weitere Musik als „Entführung in „andere Welten“. Und nach dem „Opern &#8211; Erlebnis“? Wieder der Alltag mit seinen Zwischen-Stationen.</p>
<p>Zu „Zwischen den Zeiten“ gehören auch „Ferien“, oft auch eher bürokratisch Urlaub genannt. Ferien sollten Festtage und Ruhetage sein. Sie werden aber oft nur als etwas längere Pause im Arbeitsalltag erlebt: Er hat eine solche Macht, dass die Ferien nur als Fortsetzung und Variationen des Arbeitsalltags gestaltet werden. Nicht nur in Japan soll es Menschen geben, die aus Liebe zur Arbeit auf die Ferien verzichten… Diese Menschen wollen offenbar ständig die Einförmigkeit, die Monotonie ihres Lebens, sie haben Angst vor Brüchen in ihrer zeitlichen Existenz. Das monotone Leben haben auch Menschen, die sind so arm, dass sie sich keine Ferien-Zeit leisten können. Sie leben in der Monotonie des Immer-(bettel-)arm-Seins, zu der sie die neoliberale Ökonomie getrieben hat.</p>
<p><em>Der Zwischenbescheid</em><br />
Die Behörden sind freundlich und bestätigen den Eingang des Briefes, der Beschwerde usw. und fordern uns auf, zu warten, bis der endgültige Bescheid irgendwann eintrudelt. Zwischenbescheide beruhigen eigentlich nicht. Sie suggerieren uns: Die Bürokratie in Deutschland meint es mit dir gut und sie ist noch nicht ganz tot. Und die nächsten Anträge müssen ausgefüllt und auf Zwischenbescheide gewartet werden.</p>
<p><em>Das Zwischengericht</em><br />
In guten französischen oder spanischen Restaurants wird nach dem Hors d` Oeuvre das Zwischengericht gereicht, es ist der kulinarische Abschied von der kleinen Vorspeise in Erwartung der Präsentation des großen Haupt &#8211; Gerichtes. Diese Erwartungsspannung auf das „Eigentliche“ kann vom gegenwärtigen Genuss ablenken.<br />
Nebenbei: Oft machen Zwischengerichte ihrem Namen alle Ehre, weil sie selbst von der Temperatur her „dazwischen“ sind: Weder heiß noch kalt, sondern eben lauwarm. Lau ist eine Zwischentemperatur, aber auch die charakterliche Eigenschaft von Menschen, die sich nie entscheiden können. Sollen sie nun zum Beispiel leidenschaftliche Kämpfer sein oder stille meditative Mönche: Beide Lebensformen wollen „laue Menschen“ nicht, sie erfinden ihr Lausein und sehen es als eine normale, übliche Lebensform ohne Höhen und Tiefen und Verpflichtungen.</p>
<p><em>Das Zwischenurteil</em><br />
In den Behörden der Gerichte gibt es oft die Zwischenurteile: Das Landgericht spricht ein Urteil, aber es wird die nächste Instanz eingeschaltet, vielleicht sogar dann auch das Bundesverfassungsgericht. Das Gerichtswesen mit den stets noch zu korrigierenden Urteilen ist eigentlich selbst ein Zwischen-Wesen. Gegen ein Urteil des Bundesverfassungsgerichtes kann man nur den lieben Gott direkt &#8211; oder durch die Zwischen-Instanz Kirche ? &#8211; anrufen als den letzten und definitiven Richter.</p>
<p><em>Die Zwischenhölle</em><br />
Aber auch der liebe Gott kennt &#8211; in der katholischen Version- sein Zwischen: Es gibt die Vor- Hölle, erfunden als Ort zwischen Tod und ewiger Verdammnis in der Hölle: Es gibt auch einen speziellen Zwischen &#8211; Ort, den Limbus puerorum, die Zwischenhölle der Kinder, erdacht von katholischen Theologen. Im Limbus befinden sich die ungetauft verstorbenen Babies. Sie sind verdammt, weil sie keine Taufe erlebten, also nicht von der total für alle Wesen geltenden Erbsünde befreit werden konnten. Papst Benedikt XVI. hat allerdings eine Zwischenlösung verordnet, indem er diese Zwischenhölle der ungetauften Kinder als ein nicht mehr als zum Glauben verpflichtendes Dogma definierte. Wie reformbereit doch dieser Papst war! Aber ganz abschaffen wollte Papst Ratzinger diesen himmlisch &#8211; höllischen Zwischenraum nicht. Er nahm Rücksicht auf die vielen naiv &#8211; reaktionären Katholiken, die gern an dieser Vorhölle &#8211; als Zwischenraum vor der endgültigen Verdammnis &#8211; festhalten…</p>
<p>4.<br />
Unsere unvollständigen Hinweise zum vielfältigen alltäglichen Gebrauch des Wortes „Zwischen“ zeigen: <em>Wir sind &#8211; nicht nur sprachlich &#8211; ständig umgeben und bestimmt von „Zwischen“ .Und diese Reflexionen auf das „Zwischen“ sind alles andere als philosophische Spielereien, sie können die Existenz insgesamt erhellen: </em><br />
<em>Denn mit jedem Gebrauch des Wortes Zwischen werden wir an die Übergänge mitten in unserem Leben erinnert.</em><br />
Die Geburt ist ein entscheidender Übergang: Vom schützenden, nährenden Leib der Mutter treten wir in die sich langsam gestaltende Freiheit der individuellen Selbständigkeit ein. Aber auch der Prozess des „Erwachsenwerdens“ und das Leben als „Erwachsener“ ist immer von Übergängen bestimmt, von dem Zwischen des Abschieds von einer Lebensphase und dem Eintritt in eine neue.<br />
Für uns ist die Erkenntnis wichtig: Die menschliche Existenz selbst selbst ist ein „Zwischen“, eine ständige Bewegtheit &#8211; zwischen einem ständigen Abschied und einem ständigen „Neustart“. Jeglicher Glaube an ein definitives Angekommensein, an ein endgültiges Etabliertsein auf dieser Lebenslinie wird zurückgewiesen.<br />
Das lineare Zeitverständnis allerdings sollte aufgehoben werden von einer vertikalen Dimension, die als Transzendentes „in uns“ immer schon anwesend ist, in unserem Geist, in der Vernunft: Dieses innere Transzendieren reicht in eine größere, „ewige“ Transzendenz. Sie kann und soll die existentielle Unruhe des Lebens in den vielen Zwischenräumen zwar nicht aufheben, aber sie kann sie mit einem besonderen Sinn erfüllen.</p>
<p>5.<br />
<em>Wichtig bleibt:</em> Ein lineares Zeitverständnis mit den vielen Zwischen &#8211; Zeiten und Zwischen &#8211; Räumen in unserem Leben führt zur Frage nach der Ganzheit unserer Existenz: Wir stammen von Eltern, die selbst erzeugt wurden, alle sind Geschöpfe, die ihre schöpferische Kraft weitergeben. Wir sind also nicht von unseren Eltern „erschaffen“, weil diese ja selbst Erschaffene sind.</p>
<p>6.<br />
Um nicht nur vom Anfang unseres Lebens zu sprechen: Wir gehen auf ein definitives Ende unseres Lebens zu, das heißt auf das Verschwinden unseres Körpers …Etliche Philosophen lassen, wie es sich philosophisch gehört, diese Frage offen: Was denn „danach“ kommt für unseren Geist oder unsere Seele. Unser Körper wird in der Bestattung zu Asche verbrannt. Und einige fragen: Aber wird dabei auch Geist und Seele verbrannt? Oder sind sie als etwas Ewiges IM Menschen zu verstehen?</p>
<p>7.<br />
<em>In diesem Hinweis auf eine Philosophie anläßlich unserer Erfahrungen mit dem Zwischen fehlen noch gewisse Alltags &#8211; Sprüche, vielleicht „Weisheitssprüche“.</em><br />
Zwei Beispiele:</p>
<p>Unsere LeserInnen müssen nicht die Kunst beherrschen, „<em>zwischen den Zeilen“ zu lesen</em>: Wir wollen klar und eindeutig sprechen. Wer zum Lesen „zwischen den Zeilen“ neigt oder wegen der politischen Verhältnisse dazu gedrängt wird, weiß: Im Text selbst wird Wichtiges verschwiegen: Etwa aus Angst vor der Zensur. Zwischen den Zeilen lesen, diese kaum zu lehrende Kunst des Verstehens, entwickeln Dissidenten. Und sie schreiben auch oft „zwischen den Zeilen“, verständlich für Eingeweihte, von der dummen Zensur übersehen. Man denke an Christa Wolfs großen Roman, in der DDR verfasst, „Kassandra“. Wer nur zwischen den Zeilen schreiben darf, verschleiert auch sein eigenes Elend im Unrechtsregime. Lebst nicht gesund…Also: „Zwischen“ kann auch auf die stets gefährdete Existenz aufmerksam machen.</p>
<p>Oder: <em>Zwischen zwei Stühlen sitzen:</em> Wer eine besondere politische, kulturelle oder religiöse Meinung hat, etwa: wer links ist, aber aus guten Gründen weder zur SPD noch zur KPD neigt, der sitzt zwischen zwei Stühlen. Wird als Rebell bezeichnet etc.. Manche Literaten schreiben so ungewöhnlich, dass sie „zwischen allen Stühlen der literarischen Formen sitzen“, vielleicht gilt das für DADA oder den Surrealismus.</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/22187_zwischen-ein-wort-das-eine-philosophie-der-existenz-inspiriert_denkbar">„Zwischen“: Ein Wort, das eine Philosophie der Existenz inspiriert.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Kant &#8211; ein Lehrer der Weisheit: Ein Beitrag zu Kants 300. Geburtstag am 22.4.2024</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/17130_kant-ein-lehrer-der-weisheit-ein-beitrag-zu-kants-300-geburtstag-am-22-4-2024_kant-300-geburtstag</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Oct 2023 21:44:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denkbar]]></category>
		<category><![CDATA[Ist Philosophie eine Lebenshilfe?]]></category>
		<category><![CDATA[Kant 300. Geburtstag]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophische Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[22. April 2024 Kant]]></category>
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		<category><![CDATA[Kant als Lehrer der Weisheit]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.10.2023. &#8211; Siehe auch den Hinweis auf einen Beitrag von Christian Modehn: &#8222;Der christliche Glaube sollte &#8211; so Kant &#8211; vernünftig sein&#8220;. LINK &#8211; Der Kant Forscher, Prof. Marcus Willaschek, weist in seinem neuen, großartigen Kant- Buch (C.H.Beck Verlag, 2023) ausdrücklich darauf hin (und er unterstützt damit die hier [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/17130_kant-ein-lehrer-der-weisheit-ein-beitrag-zu-kants-300-geburtstag-am-22-4-2024_kant-300-geburtstag">Kant &#8211; ein Lehrer der Weisheit: Ein Beitrag zu Kants 300. Geburtstag am 22.4.2024</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Hinweis von Christian Modehn am 29.10.2023.</p>
<p>&#8211; Siehe auch den Hinweis auf einen Beitrag von Christian Modehn: &#8222;Der christliche Glaube sollte &#8211; so Kant &#8211; vernünftig sein&#8220;. <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/16964_der-christliche-glaube-ist-einfach-und-vernuenftig-die-radikalen-vorschlaege-des-immanuel-kant_buchhinweise/philosophische-buecher">LINK</a></p>
<p>&#8211; Der Kant Forscher, Prof. Marcus Willaschek, weist in seinem neuen, großartigen Kant- Buch (C.H.Beck Verlag, 2023) ausdrücklich darauf hin (und er unterstützt damit die hier vorgestellte Erkenntnis vor allem von Pierre Hadot): <em>Für Kant war Philosophie eine Weisheitslehre</em> (S. 376): Sie kann &#8222;aus der philosophierenden Person im Erfolgsfall einen besseren Menschen machen&#8220; (zit. ebd.).</p>
<p>1.<br />
Die schwierigen Werke Immanuel Kants, können wir sie auch in einem anderen Licht lesen? Sozusagen unter einer neuen Einstellung, die dann die Kant Lektüre erleichtert und sie aus der abstrakten Begriffswelt herausführt?<br />
Es ist das Licht der antiken Weisheit, das uns zeigen könnte: Kant war ein bislang eher wenig bekannter Freund von Sokrates.<br />
Darauf macht Pierre Hadot aufmerksam, der französische Philosoph (1922 &#8211; 2010), der große Kenner der antiken Philosophie und der Entdecker der „Philosophie als Lebensform“.</p>
<p>2.<br />
Diese neue Perspektive auf Kant könnte ein Thema sein auch anläßlich des Kant &#8211; Jubiläums im Jahr 2024: Kants 300. Geburtstag (geb. in Königsberg) am 22. April 2024 steht bevor, gestorben ist er in Königsberg am 12. Februar 1804.</p>
<p>3.<br />
Der 300. Geburtstag könnte also eine gute Gelegenheit sein, Kant nicht länger (nur) als hoch komplizierten System-Philosophen der berühmten „Kritiken“ vorzustellen, sondern auch als Lehrer von Weisheit, der das Philosophieren als Lebensform wichtiger findet als den Bau von Philosophie als Lehre an der Universität.</p>
<p>4.<br />
Der französische Philosoph<strong> Pierre Hadot</strong> also hat in seinem Buch „Qu`est-ce que la philosophie antique“ (Paris 1995, Seite 399 ff.), einen „anderen&#8220; Kant vorgestellt. Und zwar eher als Skizze, auf nur 10 Seiten, die dem Überdauern und Weiterleben der antiken Konzeption der Philosophie als Lebensweise gewidmet sind.<br />
Hadot betont die Verbundenheit von Kants Denken mit antiken Philosophien als Weisheitslehren: „Die Philosophie ist (im Sinne Kant) für den Menschen eine Anstrengung zur Weisheit zu gelangen, die aber immer unvollendet bleibt. Das ganze Gebäude der kritischen Philosophie Kants hat nur Sinn unter der Perspektive der Weisheit oder eher des Weisen. Denn Kant hat stets die Tendenz, sich die Weisheit unter der Gestalt des Weisen vorzustellen. Die Weisheit ist für Kant die ideale Norm, die sich allerdings niemals in einem Menschen inkarniert, also ganz Wirklichkeit wird. Aber der Philosoph versucht der Weisheit gemäß zu leben“ (S. 399). So ist Philosophieren nur der immer neue, aber nie vollendete Versuch, der Weisheit zu entsprechen.<br />
Hadot schreibt: „Für Kant ist die antike Definition der Philosophie als „philo-sophia“ (griechisch geschrieben), als Begehren, als Liebe, als Übung der Weisheit immer gültig“ ebd.)</p>
<p>5.<br />
Pierre Hadot meint, Kant stelle sich in die Tradition des Sokrates als eines Suchenden, Fragenden nach der wahren Lebensform: Das Streben nach Weisheit bleibt, so Hadot, im Sinne Kants immer unerfüllt. „Die Philosophie im eigentlichen Sinne des Begriffs existiert also (für Kant) noch gar nicht und wird vielleicht niemals existieren, möglich ist einzig das Philosophieren, das heißt eine Übung der Vernunft“, so interpretiert Hadot die Position Kants (S. 401).</p>
<p>6.<br />
Kant unterscheidet zwei Arten von Philosophie: die eine arbeitet rein begrifflich, sie nennt er Schulphilosophie oder scholastische Philosophie, (S. 402). Sie zielt auf die logische Perfektion des Wissens. Der Philosoph ist dann eine Art Künstler der Vernunft, wie Hadot im Anschluß an die Griechen schreibt. Der Philosoph ist also ein Theoretiker eigener Art, der sich z.B. für die Vielfalt der schönen Dinge interessiert, ohne sich dabei für die Schönheit an sich zu interessieren.<br />
Von dieser nur theoretischen philosophischen Haltung unterscheidet Kant eine „Welt-Philosophie“, eine „kosmische Philosophie“, wie Kant sagt (S. 403) Und diese ist eine ganz andere Art des Philosophierens, sie ist eng mit der Lebenswelt verbunden und den Lebens-Fragen des einzelnen.</p>
<p>7.<br />
Darum ist die Basis der Philosophie Kants die praktische Vernunft, unterstreicht Hadot (S. 405). Kant schreibt in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“: “Alles Interesse ist letztendlich praktisch. Und selbst das Interesse der spekulativen Vernunft ist entscheidend beeinflusst und vollständig nur im praktischen Gebrauch“ (zit. in Hadot, S. 405). Und in dieser Priorität der praktischen Vernunft, der Moral und Ethik, wendet sich Kant an die Menschen, die sich für das moralisch Gute interessieren , die für ein oberstes Ziel optieren, für ein souveränes Gutes.</p>
<p>8.<br />
Hadot skizziert also die innere Verbundenheit Kants mit den Grundanliegen der antiken Philosophie, die Liebe zur Weisheit, das praktische Streben nach einem guten Leben, das Philosophieren als Lebensform. „Am Ende seiner `Metaphysik der Sitten`, schreibt Hadot, schlage Kant sogar eine asketische Ethik vor, in Form eines Exposées  von Regeln zur Übung der Tugend“ (S. 406).</p>
<p>9.<br />
Pierre Hadot beendet seine Skizzen zu Kant als „Philosoph der Lebensform“ : „Ich möchte sagen, dass es einen Primat der praktischen Vernunft über die theoretische Vernunft gibt: Die philosophische Reflexion ist also motiviert und geleitet durch das `was die Vernunft interessiert“, wie Kant sagt, &#8222;<em>das heißt durch die Wahl einer Lebensweise“</em> (S. 410).</p>
<p>10.<br />
Kant als Philosoph, der eine Lebensform vorschlägt und lehrt: Vielleicht ein neuer Gedanke für die Kant-Diskussionen. Manfred Kühn erwähnt Hadot in seiner umfangreichen Studie „Kant. Eine Biographie“ (München 2004) immerhin in einer (!) Fußnote auf Seite 542 (Fn. 18). Bei einer marginalen Notiz zu „Hadot und Kant“ sollte es nicht bleiben. Schon gar nicht, wenn es sich um die Entdeckung von &#8222;Kant als Lehrer der Weisheit und Lebensweise&#8220; geht&#8230;</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
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<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/17130_kant-ein-lehrer-der-weisheit-ein-beitrag-zu-kants-300-geburtstag-am-22-4-2024_kant-300-geburtstag">Kant &#8211; ein Lehrer der Weisheit: Ein Beitrag zu Kants 300. Geburtstag am 22.4.2024</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>Den Wahn des Aberglaubens überwinden. Denken in Krisenzeiten. 10. Teil.</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/12629_den-wahn-des-aberglaubens-ueberwinden-denken-in-krisenzeiten-10-teil_buchhinweise/theologische-buecher</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 26 Apr 2020 16:53:15 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Hinweise von Christian Modehn am 26.4.2020 Das Motto: &#8222;Der Aberglaube ist der schlimmste Feind der reinen Verehrung, die wir dem höchsten Wesen schuldig sind&#8220;. (Voltaire,Philosophisches Wörterbuch, Leipzig, 1967, Seite 84) Aberglaube gehört auch heute zu den sehr häufigen geistigen Verirrungen. Aberglaube ist eng mit dem Glauben an Wunder und Magie verbunden. Politisch zeigt sich Aberglaube [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12629_den-wahn-des-aberglaubens-ueberwinden-denken-in-krisenzeiten-10-teil_buchhinweise/theologische-buecher">Den Wahn des Aberglaubens überwinden. Denken in Krisenzeiten. 10. Teil.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Hinweise von Christian Modehn am 26.4.2020</p>
<p>Das Motto: &#8222;Der Aberglaube ist der schlimmste Feind der reinen Verehrung, die wir dem höchsten Wesen schuldig sind&#8220;. (Voltaire,Philosophisches Wörterbuch, Leipzig, 1967, Seite 84)</p>
<p><em>Aberglaube gehört auch heute zu den sehr häufigen geistigen Verirrungen. Aberglaube ist eng mit dem Glauben an Wunder und Magie verbunden. Politisch zeigt sich Aberglaube in Verschwörungstheorien. Und im politischen wie religiösen Fanatismus.<br />
Es gilt diese Entwicklung: Aus unvernünftigem Glauben wird Aberglaube. Aus Aberglaube wird Fanatismus:&#8220;Ich habe die absolute Wahrheit&#8220;. Aus Fanatismus entstehen Verschwörungstheorien :&#8220;Der Politiker X ist mit bösen Mächten „irgendwo YZ verbunden&#8220;.<br />
Gibt es Heilmittel? Das wirksamste, privat wie politisch, ist der Gebrauch der Vernunft. Das ständige Ringen um eine vernünftige Welt. Dies ist die Welt der geltenden universalen Menschenrechte.<br />
Die folgenden Hinweise sind vor allem auf den religiösen Aberglauben bezogen, der vor allem immer noch stark den Katholizismus bestimmt. Ohne den konfusen Glauben an allerhand Wunder gibt es keinen Katholizismus. Und ohne Aberglauben auch keinen evangelikalen Glauben und keine Pfingstkirchen und keine Orthodoxie&#8230;, so dass man meinen könnte, die Konfession der meisten Menschen auch heute sei der Aberglaube. Nach ihm wird leider in religionssoziologischen Untersuchungen/Interviews nicht gefragt. C.M.</em> </p>
<p>1.<br />
Wenn jemand an Gott glaubt, an himmlische Mächte oder an das Nichts, lebt trotz dieser Haltung immer auch &#8211; mehr oder weniger in ihm – der Aberglauben. Dieser kann förmlich zur Verstärkung erklärt werden angesichts der Schwächen des „eigentlichen“,  des korrekten Glaubens, wie immer der dann auch aussehen mag. Man hat zu Gott um ein Wunder gebeten, dieses geschah aber nicht, also sucht sich selbst der Fromme anderweitig zu behelfen. Offenbar gilt das Motto: Etwas mehr spirituelle Praxis, und sei sie noch so absonderlich, kann ja nicht schaden, da wird die leise Stimme der kritischen Vernunft stillgelegt. „Mehr hilft mehr“, heißt es dann. So können selbst dogmatisch korrekte Katholiken gleichzeitig an die Wunderkraft heiliger Quellen (aus Lourdes) oder an die Rettung durch bestimmte  Öle (etwa im Rahmen des Kultes der heiligen Rita) oder an die Heilkraft der Reliquien glauben. Andere, nicht konfessionell gebundene, sich aufgeklärt gebende Leute, können okkulte Praktiken hilfreich finden, etwa Formen des Spiritismus oder, banaler noch, das Tischerücken. Man denke an die Vorlieben des Dichters Victor Hugo oder des Schriftstellers Conan Doyle. Bekannt ist, dass der französische Staatspräsident Mitterrand regelmäßig seine Astrologin, Elisabeth Teissier, konsultierte. Wie viele astrologische Ratschläge ins politische Handeln umgesetzt wurden, bleibt wohl ewig unbekannt&#8230;Was als „new age“ und „neue Esoterik“  verkauft wurde, war doch wohl überwiegend großsprecherischer Aberglauben.<br />
Es ist nicht einfach, als Mensch dem Aberglauben zu entkommen, selbst wenn man den Anspruch nach außen formuliert, sozusagen ständig vernünftig zu denken und vernünftig zu handeln und im Alltag einzig den Erkenntnissen der Vernunft zu folgen. Zu vielfältig, zu zerrissen ist offenbar „das Innere“, die Seele. Aber ist die „unbewältigte Zerrissenheit“ eine Entschuldigung, sich an abergläubische Praktiken zu binden? Es fällt also schwer, die vernünftige Balance zu bewahren oder immer wieder neu zur Vernunft zu kommen. Tatsache ist ja auch: Die Vernunft kann gar nicht alle Fragen nach einem letzten Grund und Sinn des Lebens schlüssig und allgemein gültig, geschweige denn naturwissenschaftlich – exakt, beantworten. Diese Erkenntnis von den Grenzen der Vernunft ist ihrerseits vernünftig, sie ist eine evidente Erkenntnis der Endlichkeit und Begrenztheit der Menschen. Diese Erkenntnis von den Grenzen des Menschen gilt es vernünftigerweise anzunehmen und auszuhalten und trotzdem nicht in den Nebel des Aberglaubens hinab zu steigen. Aber viele sind zu schwach. Sie weichen, irgendwelche Hilfe bzw. Strohhalme suchend, in die Gefilde des Magischen und Wunderbaren  aus. Und dann bindet man sich oft an Meister dieser undurchsichtigen Gründe und Abgründe. Die Gurus können schnell das eigene Leben bestimmen. Mit der Autonomie, der zurecht viel besprochenen Selbständigkeit, ist es dann vorbei. Aberglauben entmündigt. </p>
<p>Es könnte hier auch ein weiteres Thema diskutiert werden: <em>Die Verschwörungstheorien als Ideologien eines politischen Aberglaubens.</em> Gerade in CORONA-Zeiten basteln sich hilflose und geistig verwirrte Politiker eine Mischung aus skurrilen, vor allem menschenverachtenden Ideen zusammen, um Sündenböcke für umfassende, medizinische wie auch ökonomische Krisen zu benennen, Krisen, die sie als Politiker selbst durch ihre Ignoranz mit-verursacht haben. Man denke an den jüngsten Wahn, den islamische Obergelehrte in der Türkei Ende April 2020 verbreiten, in bestem Einvernehmen mit Herrn Erdogan, wenn sie behaupten: &#8222;Die Homosexualität (also damit die Homosexuellen) ist schuld an der Corona-Pandemie&#8220;. (https://www.focus.de/politik/ausland/bewertung-von-vorne-bis-hinten-korrekt-coronavirus-erdogan-verteidigt-homophobe-theorie_id_11933890.html)<br />
Ich will dieses Thema <em>Verschwörungswahn als Form des politischen Aberglaubens </em>hier nicht weiter ausbreiten, ich bleibe bei dem explizit religiös gefärbten Aberglauben. </p>
<p>2.<br />
Meines Erachtens unterstützen und fördern Verantwortliche der katholischen Kirche den Aberglauben, also spirituelle Lehren und Praktiken, die man schlicht magisch nennen muss. Diese Magie wird von der Krise  wachgerufen, sie schlummerte förmlich verdeckt im Glauben und in einer sich kritisch gebenden Theologie. Es gibt viele Beispiele für der Aberglauben, der letztlich nichts anderes ist, als mit allen menschlichen Mitteln irgendwie die göttliche Wirklichkeit zu beeinflussen, umzustimmen, zum direkten Handeln zu bewegen, selbst wenn denn dieser personal gedachte Gott im Himmel als Schöpfer dieser Welt die eigenen, von ihm geschaffenen Naturgesetze durchbricht. Und etwa Person A rettet, Person B aber nicht. Damit wird das volkstümliche, aber übliche Gottesbild problematisiert. Also die Vorstellung von Gott als eines sich ständig aktuell um den einzelnen, je nach dessen Wunsch, kümmernden transzendenten Wesens. Die populäre Vorstellung eines Bundes zwischen Gott und Mensch (Bund als Versprechen des Beistandes, der Hilfe) wird damit zweifelhaft! Und dies hat sehr weit reichende theologische Konsequenzen, weil ja die offiziellen Kirchen immer noch dieses populäre Gottesbild dogmatisch vertreten und verkünden. Das kann  hier nicht weiter diskutiert werden.<br />
Entscheidend bleibt die Erkenntnis: <strong>Christlicher Glaube ist „eigentlich“ etwas Elementares, etwas Einfaches: Christlicher Glaube ist ganz entschieden und vor allem ein Grundvertrauen, ein Urvertrauen darauf, dass die Welt und die Menschen in einem letztlich sinnvollen Gesamtzusammenhang leben. Sozusagen auf einen schöpferischen, tragenden, wohlwollenden Urgrund bezogen sind. Wer das weiß, braucht keine einzelnen Wunder mehr, braucht keinen frei erfundenen Aberglauben mehr, keine Magie.</strong> Aber diesen einfachen, also elementaren Glauben lehren die meisten Kirchen nicht. Im Gegenteil:<br />
3.<br />
Anstatt von diesem Grundvertrauen/Urvertrauen als der Basis  menschlichen Lebens zu sprechen, reden katholische Bischöfe Zwiespältiges:  So etwa Pierre-Antoine Bozo, Bischof im französischen Limoges, der sich gedrängt fühlte, am 19. April 2020 eine für Limoges populäre Reliquie (aus dem 3. Jahrhundert, angeblich) des heiligen Martial zu zeigen. Anschließend weihte er die ganze Stadt der Jungfrau Maria. Bischof Bozo begründete dieses öffentliche Vorzeigen alter Knochen: „Es gibt keinen Grund, bei diesen außergewöhnlichen Umständen heute, auf die übernatürlichen Mittel zu verzichten, über die wir verfügen (sic!), um Gott um Hilfe zu bitten. Einmal abgesehen von den natürlichen Mitteln, um die Epidemie zu bekämpfen“.  Das Vorzeigen von Reliquien und das Gebet vor diesen Knochen soll also übernatürliche Wunderkräfte mobilisieren, die parallel gesetzt werden zu den natürlichen, d.h.  den medizinischen, wissenschaftlichen Initiativen, sozusagen als Konkurrenz bzw. als Ergänzung.  Als wäre nicht schon die Forschung der Ärzte und der anderen Wissenschaftler ein Beweis für die Kraft der menschlichen Vernunft, Linderung und Heilung zu bewirken. Bekanntlich wissen Christen, dass die Vernunft (also auch die Wissenschaft) von Gott dem Schöpfer den Menschen gegeben wurde. Diese Vernunft ist in dem Sinne eine heilige Gabe Gottes, was will man eigentlich mehr? Die Vernunft war und ist ja immerhin so weit erfolgreich, dass zum Beispiel eine andere Pandemie, die Pest, durch Medikamente weithin medizinisch eingeschränkt, wenn nicht geheilt werden kann. Diesen medizinischen Sieg haben wohl, ernsthaft betrachtet, NICHT Bittprozessionen oder Reliquienverehrungen bewirkt. Jedenfalls ist das nicht „nachweisbar“.<br />
Aber schlimmer noch: Der Bischof von Limoges antwortet auf die Frage „Wie kann bei dieser Tatsache (also der Verschiedenheit von übernatürlicher und natürlicher Heilung) dann noch den Glauben von Aberglauben unterscheiden?“„Es gibt immer ein bisschen diese Mischung“, antwortet Bischof Bozo, „<em>ein sehr schöner Glaube an die Macht Gottes, an seine Vorsehung, kann gelegentlich zusammenleben mit einer gewissen Folklore, mit einem gewissen Aberglauben&#8230;Ja, der Heiligenkult ist manchmal ein bisschen gemischt (mélangé),  aber es handelt sich trotzdem um einen authentischen, spirituellen Weg zu Gott“.  </em><br />
Anders gesagt: Der Bischof will den Wunder- Kult um die heiligen Knochen nicht abschaffen. Er will den Leuten nicht sagen: Hört auf damit, bildet euch lieber gemeinsam weiter, seid solidarisch, meditiert über den Sinn des Lebens. Noch einmal: Obwohl der Bischof weiß, dass im Glauben an die heilsamen Reliquien Aberglaube und Folklore (und damit also prinzipiell auch Profit für Kirche und Stadt) entscheidend sind, belässt er es bei den angeblich „ehrwürdigen Traditionen“ (siehe dazu La Croix, Paris, 21.4.2020)<br />
4.<br />
Geradewegs absurd sind die „Corona-Äußerungen“ vieler anderer konservativ orientierter Kirchenleute. Das gilt für Evangelikale, Orthodoxe wie auch für Katholiken. Der pensionierte Weihbischofs von Salzburg, der Theologe Andreas Laun, wärmt eine alte Drohung wieder auf, wenn er verkündet: „ Man mag Corona eine „Plage“ oder eine „Strafe Gottes“ nennen, biblisch betrachtet ist es richtig&#8230;“ Als Begründung führt Laun an: Schon Jesus lehrte selbst der Überzeugung, „von einem strafenden Gott“.Dieser strafende Gott, der Seuchen und Pandemien über seine Schöpfung verfügt, ist der brutale Gott, der himmlische Mörder dessen, was er selbst geschaffen hat. Das kann Jesus allerdings nicht gelehrt haben, er nannte Gott bekanntlich ganz entschieden den liebenden „Vater“. (Zu Bischof Laun siehe. Kath.net vom 20.4.2020).<br />
Ähnlich wie Laun denkt der katholische Bischof Athanasius Schneider von Kasachstan: Die Epidemie ist seiner Meinung nach zweifellos &#8222;ein göttliches Eingreifen, um die sündige Welt und auch die Kirche zu züchtigen und zu reinigen“. (Kath.net 1.4.2020).<br />
Man schaue sich die aktuellem Fotos an, wie Priester in Helicoptern des Militärs über die Städte der Dominikanischen Republik gleiten, die Fenster im Helicopter leicht geöffnet, die Priester mit bestem Mundschutz. Und sie strecken die goldene Monstranz hinaus, darin die Hostie, also den Leib Jesu Christi in dieser rechtgläubigen Interpretation: Und sie segnen mit diesem Stückchen Brot (der Leib Christi kam ja bekanntlich grässlich um am Kreuz) die Stadt und die Menschen. Kann man sich mehr offiziell – katholischen Aberglauben noch vorstellen? Sollen doch diese Priester besser Zettel und Plakate drucken, die auf den Schutz vor dem tödlichen Virus hinweisen. Sollen sie doch die Menschen bilden, warnen, aus den Elendshütten herausholen und wenigstens für ein paar Wochen in den prächtigen Bischofspalais mit &#8211; wohnen lassen. Aber nein: Wie im Mittelalter soll mit einer Art Wundermittel, der Monstranz mit der Hostie, das Virus vertrieben werden.<br />
Die Liste des Aberglaubens heute ist lang, und der Aberglaube gebiert Ungeheuer, wie Goya treffend sah. Man sehe sich bitte das Fotos an mit dem Priester, der von einem Helicopter aus die Stadt segnet. <a href="https://www.diariolibre.com/actualidad/ciudad/iglesia-catolica-bendice-desde-el-aire-al-pueblo-dominicano-y-ora-por-el-final-del-coronavirus-HL18573631?utm_source=recomendadasutm_medium=bloque&#038;utm_campaign=blueconic">LINK</a></p>
<p>In Bregenz wurde eine Ausstellung über die traditionell sehr bekannten „14 Nothelfer“ vorbereitet, also jene Heiligen der frühen Kirche, die himmlischen Beistand in schwierigsten Zeiten gewähren sollen, wie die heilige Barbara, der heilige Georg, der Pantaleon usw. Der Kurator Markus Hofer hat sich eine eher flapsige Art bewahrt, wenn er nach der Bedeutung dieser Heiligen befragt wird. Welchen Nothelfer er dann als Allheilmittel empfehlen würde“, heißt die wörtlich zitierte Frage. Darauf sagt Markus Hofer: <em>“Den einen Nothelfer gibt es da nicht. Am besten –wie beim Coronavirus jetzt – hilft“, so wörtlich, „das Versicherungspaket“. Das heißt konkret: Bitte gleich mehrere Nothelfer buchen</em>, d.h. anflehen. Für Kurator Markus Hofer ist der heilige Achatius ein, so wörtlich, „guter Tipp“ (In Tag des Herrn, 15. März 2020, Seite III).<br />
Und evangelikale Pastoren fühlen sich in ihrer Arroganz über medizinischen Erkenntnisse und staatliche Verordnungen erhaben, dass sie trotz Corona öffentliche Gottesdienste mit einem teilnehmenden Massenpublikum veranstalten, wie etwa der viel zitierte Trump Freund, der Pfingstler Prediger Rodney Howard-Browne.<br />
Man verstehe bitte in dem Zusammenhang die Aktualität des biblischen Verbotes, dass sich der Mensch Bilder von Gott schaffe. Und man erfreue sich bitte einmal neu an den bildlose Kirchen der reformierten Tradition, also der auf Calvin sich beziehenden Kirchen und der weithin bildlosen Kirchen der Remonstranten.<br />
5.<br />
Die meisten christlichen Kirchen haben sich jedenfalls allgemeinen Charakteristika von „Religionen überhaupt“ angeglichen, so dass sie das Absonderliche, Mysteriöse, Spinöse selbst nicht nur als irgendwie religiös, sondern als christlich und kirchlich verstehen und ins kirchliche Leben problemlos integrieren, siehe Limoges. Und das ist, was katholische und orthodoxe Kirchen angeht, seit Jahrhunderten üblich: Man denke nur daran, dass jetzt (April 2020) in Polen alle Christen von den katholischen Bischöfen &#8211; wie schon im Mittelalter &#8211; aufgefordert werden, angesichts der lang anhaltenden Dürre „beharrlich und inständig zu beten, um Regen zu erflehen“: Sie sollten darauf vertrauen, dass Gott die Gebete erhöre. Manche Beobachter meinen, gemeinsames Nachdenken über die Herkunft des (schlimmen) Kimawandels sei hilfreicher. (Zu den Regen-Gebeten siehe kath.net vom 22.4.2020).<br />
Man möchte schmunzeln, wenn sich der orthodoxe Metropolit Pawel von Weißrussland in Minsk in einen Hubschrauber setzt, sich eine Ikone der Mutter Gottes unter den Arm klemmt und, mit einem großen Weihwasser –Kübel ausgestattet, die ganze Stadt mit heiligem Wasser von oben herab besprengt, &#8222;damit der Allmächtige unser Land und das fromme weißrussische Volk vor der verhängnisvollen Epidemie schützt&#8220;, wie der Theologe und Erzbischof betont. (Quelle: Dom Radio Köln, 23.3.2020).<br />
Historiker sollten sich mit dem Thema &#8222;Die enge Bindung des Christentums an den Aberglauben&#8220; weiter befassen, und etwa die <em>Ideen-Welt des französischen Dominikaner Theologen Pater Thomas Philippe studieren: Er hatte Frauen zu Sex-Kontakten überredet und gezwungen mit dem Argument, dadurch würden himmlische Gnaden auf die Frauen herabkommen.</em> Aber nur unter der Bedingung, so lehrte Pater Philippe, dass die missbrauchten Frauen Stillschweigen über diese sonderbare &#8222;Mystik&#8220;, von der er sprach, bewahren. Recht absurde mystische, durchaus krankhafte Vorstellungen wurden von Pater Philippe auch zu Maria, der Mutter Jesu von Nazareth, verbreitet: Er vertrat die Meinung, Maria sei eigentlich so etwas wie die Gattin Jesu gewesen, Phantasien, die damals schon der Philosoph Jacques Maritain und der Theologe Charles Journet zurückwiesen. Selbst der Vatikan war gegen diese mysteriöse Mystik. <em>Darum merke: Jegliche Mystik immer auch auf Aberglauben prüfen.   </em> (Über diesen Aberglauben von Pater Thomas OP siehe: https://www.la-croix.com/Archives/2015-10-16/L-Arche-fait-la-lumiere-sur-la-face-cachee-du-P.-Thomas-Philippe-2015-10-16-1369653)<br />
6..<br />
Der Aberglaube also blüht aller Orten. Die Schwäche der kritischen Vernunft „im Volk“ ist dabei das wichtigste Instrument der Herrscher, damals wie heute. Sie lieben geradezu den Aberglauben, das Irrationale, das sich so leicht umbiegen und manipulieren lässt. Willkürherrschaft und Aberglauben sind aufs engste verbunden. „Der Abergläubische wird vom Fanatiker beherrscht und wird selbst zum Fanatiker“, schreibt treffend Voltaire in seinem „Philosophischen Wörterbuch“ zum Stichwort  Aberglaube. Und sehr richtig sind die weiteren Ausführungen Voltaires: “Ausnahmslos alle Kirchenväter haben an die Macht der Magie geglaubt. Die Kirche hat die Magie immer verdammt, aber immer an sie geglaubt“. Die Erkenntnisse Voltaires zur Religion, zu den Kirchen und der Theologie inspirieren noch heute. Aber welcher Theologe, welcher Bischof, hat jemals ein paar Zeilen dieses Buches als kritische Inspiration wahrgenommen? Die Zitate von Voltaire habe ich der Ausgabe der „Universal-Bibliothek“ von Reclam entnommen, Leipzig 1967, S 53 ff. Voltaires „Philosophisches Wörterbuch“ ist leider nicht mehr im Buchhandel erreichbar, antiquarisch finde ich die Preise „abergläubisch“ hoch.<br />
7.<br />
Aberglaube verbirgt sich bis heute auch in vielen dogmatischen Traditionen der Kirchen, vor allem in der ganz zentralen Lehre von der Erbsündenlehre. Sie wurde von dem Kirchenvater Augustinus erfunden und bis aufs Blut verteidigt, um die Macht der Kirche, d.h. des Klerus, hinsichtlich der absoluten Notwendigkeit der Taufe (gespendet vom Klerus !) zu betonen.<br />
Werden die Kirchen sich von vulgären religiösen, d.h. magischen Vorstellungen befreien können? Werden sie helfen, dass Glaube und kritischer Geist eine unzertrennliche Einheit bilden? Dazu fehlt der Wille bei den Kirchenführern. Nur einige protestantische, liberal-theologische Theologen sind da auf der Höhe der Reflexion.  Aber deren Kirchen sind zahlenmäßig klein&#8230; die Leute lieben offenbar, wenn sie schon religiös sein wollen, den Zauber, das Mysteriöse, das Unverständliche, die Magie, die man dann als typische religiöse Kennzeichen definiert.<br />
8.<br />
Die Frage ist: Wie kann man den Aberglauben einschränken und überwinden? Welche Rolle spielt die Bildung, das Verstehen der Psyche, die argumentative und emotionale Überwindung infantiler Gottesbilder? Denn sie begegnen uns ständig, in der ganze Ikonographie der Kirchen, man denke an die bilder-Gewalt der Barock-Kirchen. Kann man bei diesen Bilderwelten und Bilderfluten noch einen christlichen Gauben ohne Aberglauben entwickeln?<br />
9.<br />
Nur wer es wenigstens als einzelner wagt, alle Bilder und die meisten bildhaften Dogmen für sich beiseite zu legen, kann sich vom Wahn des Aberglaubens befreien.<br />
Aberglaube ist eine Krankheit, er verdirbt das menschliche Selbstbewusstsein und zerstört die vernünftige Kommunikation unter den Menschen, auch angesichts von Krisen, auch angesichts der Corona-Pandemie.<br />
10.<br />
Wird die Corona-Krise einmal in die Geschichte eingehen als ein massives Aufflackern des magischen religiösen Denkens, Aberglaube genannt, unter den Christen? Wird man sich an den theologischen und philosophischen Widerstand gegen diese verrückte religiöse Lust an der Magie, am Aberglauben,  noch erinnern? Eher wohl nicht. Vielleicht ist der Aberglaube eine unheilbare religiöse Krankheit. </p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12629_den-wahn-des-aberglaubens-ueberwinden-denken-in-krisenzeiten-10-teil_buchhinweise/theologische-buecher">Den Wahn des Aberglaubens überwinden. Denken in Krisenzeiten. 10. Teil.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Wozu Philosophie in Corona-Zeiten? Denken in Zeiten der Krise 9.Teil.</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/12615_wozu-philosophie-in-corona-zeiten_denkbar</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 21 Apr 2020 18:50:45 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.4.2020 1. Die Frage „Wozu Philosophieren, wozu Philosophie in Corona-Zeiten“ ist eine radikalere, der Zeit verpflichtete Form der allgemeinen Frage: “Wozu noch Philosophie“. Theodor W. Adorno hat sich 1962 mit diesem Thema auseinandergesetzt. Der Aufsatz mit diesem Titel ist im Suhrkamp Band „Eingriffe“ (1963) veröffentlicht. Adorno wusste von dem [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12615_wozu-philosophie-in-corona-zeiten_denkbar">Wozu Philosophie in Corona-Zeiten? Denken in Zeiten der Krise 9.Teil.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Hinweis von Christian Modehn am 19.4.2020</p>
<p>1.<br />
Die Frage „Wozu Philosophieren, wozu Philosophie in Corona-Zeiten“ ist eine radikalere, der Zeit verpflichtete Form der allgemeinen Frage:  “Wozu noch Philosophie“. Theodor W. Adorno hat sich 1962 mit diesem Thema auseinandergesetzt. Der Aufsatz mit diesem Titel ist im Suhrkamp Band „Eingriffe“ (1963) veröffentlicht. Adorno wusste von dem „amateurhaften Klang“ (11) dieser Frage, aber er fand sie wichtig in damaligen Zeiten und keineswegs „unter seinem Niveau“. Sie ist heute von neuer Aktualität. Es geht um die Erkenntnis des gleichermaßen kritischen wie besinnlichen Denkens.<br />
2.<br />
Zunächst zu Adorno, den man sich förmlich als „Vorbild“ für diese Frage wählen kann: Denn dass umfassende Reflexion, selbstkritisches Nachdenken, kritische Analyse gängiger, alltäglicher Begriffe zur Leistung von Philosophie gehört, ist für ihn zweifelsfrei.<br />
Adorno erinnert zunächst an Hegel, der es als Aufgabe der Philosophie erkannte und sich dieser Herausforderung auch selber stellte, „die Zeit in Gedanken zu fassen“. „Als erster erreichte er die Einsicht in den Zeitkern der Wahrheit“ (26), betont Adorno. Den „philosophischen Kern seiner Zeit“ hat auch er stets zu fassen gesucht. In dem Aufsatz zeigt Adorno sich überzeugt, dass „der Zustand der Welt“ „auf die Katastrophe zutreibt“ (23). Er dachte als Philosoph an die Zukunft der Menschheit. Philosophie entwickelt aus der Kritik gegenwärtiger Verhältnisse nicht nur Utopien, die ein besseres Leben zeigen und für möglich halten. Philosophie hat auch angesichts der Analyse der Gegenwart eine Art Prognose mitzuteilen für das Kommende, wenn denn die Gewohnheiten der Menschen jetzt so bleiben wie sie jetzt sind. Adorno hatte verschiedene katastrophale Entwicklungen damals (1963) vor Augen: Den Holocaust als die technische, bürokratische Ausrottung von vielen Millionen Menschen, vor allem der Juden. Adorno sah, wie nach dem Krieg die totale Verdinglichung der humanen Erfahrung kein Ende nimmt,  er dachte an die Atombomben, an die geradezu als normal empfundene dogmatische Bevormundung der Bürger selbst in so genannten Demokratien&#8230;. Themen, die Adorno immer wieder ausführlich dargelegt hat.<br />
3.<br />
Für manche Adorno-Leser wird es überraschend sein, wenn in dem Aufsatz ausdrücklich auch „eine Spur von Hoffnung“ (18) genannt wird, eine Hoffnung, „dass das Übel &#8230; doch nicht das letzte Wort behalte“(18). Hoffnung wird nur als Widerstand gelingen. Und in diesem Widerstand gegen das Übel leistet auch die Philosophie, d.h. das Philosophieren, ihren eigenen, spezifischen Beitrag: Als Kritik, die „Widerstand ist gegen die sich ausbreitende Heteronomie“, als „machtloser Versuch des Gedankens, seiner selbst (als Mensch) mächtig zu bleiben“ (17). Angesichts der Corona-Pandemie haben Philosophen manchmal den Eindruck gegenüber den Ärzten, den Spezialisten der Virologie usw.: Eher nur marginal zu sein, nicht gebraucht zu werden. Dabei sind sie es doch eigentlich, die die kritische Lebendigkeit der Vernunft ständig  „befeuern“ sollten. Adorno spricht bescheiden von einem „machtlosen Versuch des philosophischen Gedankens“. Macht muss Philosophie ja nicht gleich haben, aber sie sollte unter den Menschen fürs ständige Fragen und Nachfragen sorgen!<br />
4.<br />
Adorno erkannte damals als seine wichtigsten Gegner, die es argumentativ an den Rand zu stellen gilt, den logischen Positivismus (etwa Carnap) wie auch das Seins-Denken Heideggers: Er wollte die damals (1963) vorherrschenden „philosophischen Schulen“  so auseinander nehmen, man möchte sagen intellektuell blamieren, dass beide „Schulen“ als haltlose Gestalten ideologischer Verblendung wahrgenommen werden. Philosophie darf für Adorno weder das Selbstverständliche (d.h. „positiv“ Gegebene) noch das Unverständliche, Mysteriöse in Seins-Schickungen (das sich jeglicher Debatte entziehende Seins/Seyns-Denken) hinnehmen.<br />
Denn es geht um die Rettung des kritischen Gedankens, des allgemein disputierbaren Gedankens, es geht um Emanzipation. Diese können der das Gegebene umstandslos bejahende Positivismus und das gehorsame, „hörige“, Seins-Denken nicht leisten.<br />
Adorno stellt in seinem Aufsatz diesen ideologisch verformten Schulen das „Philosophieren“ und ausdrücklich die „Besinnung“ als Form der Philosophie, seiner Philosophie,  (23) gegenüber. Diese Besinnung hilft, die Zeit auf den Begriff zu bringen. Also Philosophie als relevant für die Gegenwart zu erweisen.<br />
4.<br />
Was hat das mit der Corona-Krise zu tun? Es gilt, philosophisch, argumentativ, nicht bloß optimistisch naiv-behauptend oder religiös bekennend, „eine Spur der Hoffnung“  aufzuzeigen und einem noch größeren drohenden Unheil Widerstand zu leisten: Denn philosophisch ist mit Adorno klar: Das „Übel soll nicht das letzte Wort behalten“ (18).<br />
Aber das kann nur dialektisch gelingen, wenn sich das Denken an dem Negativen erst einmal aufhält, es ansieht, in allen Dimensionen, auch die zukünftigen bedenkt. Nur wer durch das Negative hindurch gegangen ist, hat Aussicht auf „die Spur der Hoffnung“. Philosophie  ist – auch für Adorno &#8211; kein beliebiges Hobby und auch keine in sich verschlossene akademische Veranstaltung besonders Begabter oder nur eine marginale historische Disziplin. Philosophie muss die Gegenwart, „die Zeit in Gedanken fassen“. Wenn sie das versucht und leistet, hat sie einen eminent praktischen Auftrag. Und auch dieses: Sie hat einen hilfreichen Auftrag.<br />
5.<br />
Philosophie sogar als Therapie: Dieser Gedanke drängt sich auf, der große Philosoph Pierre Hadot hat immer wieder nachdrücklich darauf  aufmerksam gemacht. Er erinnerte  an das „praktische Profil“ des hellenistischen und römischen Denkens, etwa der Philosophie der Stoa oder Epikurs.<br />
Philosophie ist auch heute niemals l art pour art. Darum muss auch heute die philosophische Überzeugung bedacht, philosophisch meditiert werden: „Philosophieren heißt Sterbenlernen“! Philosophieren wird als eine Art geistiger Übung begriffen, die dann, wenn sie das Ganze des (eigenen) Lebens berührt, zu einer geistlichen, spirituellen Übung (Exerzitien) wird. Die griechischen Philosophen sprachen von askesis, Askese, als Gestalt einer Lebenskunst. Dann kann es im und durch das Denken zu einer Bekehrung kommen, zu einem Umbruch hinsichtlich der Werte und Normen des Lebens. Die wesentlichen Erkenntnisse der Philosophie werden als knappe Sätze, als Formeln, Sentenzen, verbreitet; sie werden als Vorschläge, die zu einem wahren humanen Leben führen, immer wieder von einzelnen inmitten des Lebens wiederholt: „Denke daran, dass du sterben wirst“, ist eine solche Erkenntnis. Sie führt zur Distanz gegenüber allen Anhaftungen und Bindungen an die alltägliche Welt der Sinneserfahrungen. Philosophieren kann also die Seele heilen, schreibt Pierre Hadot (in „Philosophie als Lebensform“, Fischer Taschenbuch, 2001, S. 21). Hadot bezieht sich auf Platon, der wohl als eine der ersten die Maxime formulierte „Philosophieren hießt Sterbenlernen“ (ebd. 29 ff). „Sich im Sterben üben bedeutet, sich zu üben, in seiner Individualität und in seinen Leidenschaften abzusterben, um die Dinge aus der Perspektive der Universalität und der Objektivität zu sehen“ (30). Es geht also bei dieser Maxime um eine bessere Klarsicht. Die Stoiker haben diese Maxime aufgegriffen, und dabei die Wandlung der Grundstimmung im Menschen betont. Der skeptische und mit der Stoa eng verbundene Philosoph Montaigne (1533-1592) hat einen seiner berühmtesten Essays unter den Titel „Philosophieren heißt Sterben lernen“ veröffentlicht, (in der hervorragenden Übersetzung von Hans Stilett, Eichborn Verlag, 1998, Seite 45 – 52, dieser ist die Nr. 20 aller unter dem Titel „Essays“ versammelten kleineren Essays, auch diese Nr.20 wurde wohl 1572 verfasst, gehört also zu den frühen Essays Montaignes).<br />
„Das Vorbedenken des (eigenen Todes) ist Vorbedenken der Freiheit. Wer  sterben gelernt hat, hat das Dienen verlernt.“ (48). Das heißt in die heutige Zeit übersetzt; Aus dem Gedanken an die Sterblichkeit aller Menschen, auch der Herrscher, kann der Gedanke an die Gleichheit aller Menschen, auch in rechtlicher Hinsicht, sich als wahr aufdrängen. Und die Frage bleibt: Könnten Herrscher menschlicher, toleranter, weiser, gerechter werden, wenn sie selbst denn ständig die eigene Sterblichkeit vor Augen hätten? Hat das Denken an den eigenen Tod eine Ausstrahlung auf eine humanere Lebensgestaltung?<br />
6.<br />
Damit ist nicht gesagt, dass sich die aktuelle Bedeutung der Philosophie in Corona &#8211; Krisen – Zeiten in der Erinnerung an die Sterblichkeit des Menschen erschöpft. Philosophie ist in aller Vielfalt der Entwürfe immer eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie Menschen in tiefen Erschütterungen leben und überleben können. Dabei kann man Überraschungen erleben, wenn man etwa „Auszüge aus dem letzten Interview“ liest, das Jean Paul Sartre seinem Freund Benny Levy gegeben hatte (abgedruckt etwa in der „Sondernummer“ von „Pflasterstrand J.P. Sartre“, 1980 in Frankfurt /M.  publiziert, hg. von Daniel-Cohn Bendit).  In dem Interview bekennt sich Sartre zu einem Humanismus, der ganz wesentlich als eine Beziehung zum anderen Menschen verstanden werden muss. Es ist für ihn absolut abzulehnen, „sich des Menschen als Mittel zum Zweck zu bedienen“. Sartre plädiert vielmehr ganz stark für einen Humanismus, der auch die „Dimension der Verpflichtung“ (41) respektiert: „Ich verstehe darunter, dass in jedem Moment, in dem ich mir einer Sache bewusst bin,  immer auch eine Art Forderung da ist, die über das Reale hinausgeht&#8230;“ Sind also doch leiseste Spuren von Transzendenz bei Sartre spürbar/ahnbar?<br />
Es gibt gewiss umfassendere Entwürfe für einen philosophischen Humanismus für Corona-Krisen-Zeiten. Diese sind, wenn man schon ans Umfeld Sartres denkt, viel eher bei seinem Gegner Albert Camus zu finden. Hier ging es mir nur darum, auf einige sehr späte Fragmente in Sartres Denken aufmerksam zu machen, der ausdrücklich am Lebensende von Aspekten spricht, „die ich in meinen philosophischen Werken nicht untersucht habe, nämlich die Dimension der Verpflichtung“ anderen Menschen gegenüber“.<br />
Diese ethische Verpflichtung des einzelnen den anderen gegenüber ist und bleibt DAS Thema der philosophischen Lebensweise und philosophischen Kritik in Corona-Zeiten!<br />
6.<br />
Über Sterben und Tod in dieser Corona-Gesellschaft muss philosophisch auf “breiter Ebene“ diskutiert werden. Es ist leider üblich geworden, etwa in Italien, dass jetzt hinsichtlich der Chancen auf Gesundung zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Patienten unterschieden wird. Die einen a priori Chancenreichen sind die Jungen (oder selbst, wenn schon alt, dann die Wichtigen, die Politiker, die Berühmtheiten, kurzum die „Herren“). Die anderen sind die Alten (ab wann genau alt, 79 oder 80?). Diese Form der Aussonderung mag ja wie eine „letzte Rettung“ der Ärzte in wirklichen heftigsten und umfassend unmenschlichen Kriegszeiten mit Massenabschlachtungen (2. Weltkrieg usw.) sinnvoll sein: Aber jetzt offenbart diese Aussonderung von Kranken nach Nützlichkeitserwägungen eine irritierende Art zu handeln. Man muss rechtzeitig diese „Triage“ kritisieren, damit sie nicht üblich wird und sich förmlich als normal einbürgert. In Corona-Zeiten Triage anzuwenden ist ja nur Ausdruck für das vorliegende, völlig unzureichende Gesundheitssystem selbst in den europäischen an sich so wohlhabenden Staaten. Hätten die politisch Verantwortlichen einen Pandemie Fall rechtzeitig bedacht und medizinisch/technisch vorgesorgt, gäbe es keine Triage. Diese ist Ausdruck des Versagens der Politiker, die etwa die Krankenhäuser als Orte des Profits konzipiert haben&#8230;Triages haben, wie gesagt, nur in heftigstem Krieg eine Bedeutung. Aber indem Politiker vorschnell die Corona – Krise als Krieg deuteten und öffentlich auch so bezeichneten, konnten Kriegs-Maßnahmen wie Triage jetzt beinahe üblich werden.<br />
7.<br />
Dabei ist klar: Diese Aussonderungen, Triages, sind ja in unserer sich demokratisch nennenden, den universalen Menschenrechten angeblich verpflichteten Staaten längst vertraute, sozusagen allgemein übliche ökonomische Handlungen: Sie bestimmen die Art der reichen Länder des Nordens im Umgang mit den armen Menschen im Süden: Die Menschen dort sind eigentlich nicht wichtig, weil ökonomisch „für uns“ uninteressant. Darum können wir mit gönnerischer Üblichkeit denken: Es macht „uns“ also nichts, wenn die Armen im Süden, diese vielen Millionen Menschen, nur eine Schale Reis pro Tag haben; in Elendhütten leben, vor Hunger krepieren; bei ihrer Flucht auf dem Mittelmeer fast keine Hilfe mehr empfangen. Die Flüchtlingslager in Lesbos oder die riesigen Lager in Libyen gelten unter kritischen Beobachtern als institutionalisierte, als eine von der EU zugelassene Katastrophe, wenn nicht für viele Soziologen als KZs des 21. Jahrhunderts.<br />
Dieser Geist der Aussonderung ist schon lebendig, man muss ihn bekämpfen und nicht heute noch in Krankenhäusern verbreiten.<br />
8.<br />
Über den Begriff der Nützlichkeit des Menschen müsste also viel breiter diskutiert werden. Denn diese Praxis der Aussonderung von pflegwürdigen und nicht mehr pflegewürdigen Patienten ist, philosophisch gesehen, Ausdruck einer auf Nutzen gerichteten Haltung. Triage ist ja in gewisser Hinsicht eine schlichte Form des Utilitarismus: Der klassische Utilitarismus ist „eine der am weitesten verbreiteten Theorien der Moral“, schreibt Uwe Czaniera in der „Enzyklopädie Philosophie“, Band III, Seite 2849 (Hamburg 2010). Utilitarismus ist eine Form einer normativen Ethik. Konkreter gesagt: Die moralische Qualität einer Handlung „wird durch außermoralische natürliche Eigenschaften konstituiert und kann entsprechend mit unserem gewöhnlichen Erkenntnis-Instrumentarium  und ohne Rekurs auf Intuitionen, Vernunftprinzipien oder göttliche Offenbarungen erfasst werden“ (ebd. 1849). Utilitarismus ist also, wie es heißt,  eine sehr „gewöhnliche“ Moral, sie ist keineswegs auf dem hohen Stand der moralischen Reflexionen, etwa durch Kant oder die Tugendlehren. Es geht in dieser utilitaristischen Moral darum, ein größtmögliches Übergewicht an Glück oder Gesundheit für viele gegenüber einem – so glaubt man &#8211; klein gehaltenen Unglück für einige durchzusetzen.<br />
9.<br />
Philosophie bringt solche Zustände öffentlich zur Sprache, aber „als Spur der Hoffnung“, dass wenigstens diese rassistisch anmutende Praxis überwunden wird. Das kritische Sich – Abarbeiten am Negativen wird also in der Corona-Krise niemals die armen Menschen in Indien, Brasilien, Afrika, ja in der ganzen armen Welt des Südens, vergessen dürfen. Wenn diese leidenden Menschen dort nicht auch menschenwürdig gepflegt werden, entsteht ein explosives politisches „Potential“. Der Zusammenhang von universaler Corona-Krise und Gewalt/Krieg könnte leider ein Thema der Zukunft sein, selbst wenn dann schon in einigen Ländern Europas wieder etwas Normalität zurückgekehrt ist. Aber Normalität kann nicht zurückkehren, wenn im Süden wegen Corona sozusagen die „Hölle los ist“. Und im reichen Norden gibt es als kommende Gefahr den Zustand, dass eine Gruppe der erfolgreich Überlebenden den Massen der hier zumindest ökonomisch zutiefst geschädigten (und noch kranken) Menschen gegenübersteht. Dieses Denken an eine Zukunft wird jetzt eher selten  praktiziert, fast alle sind mit dem gegenwärtigen Alltag befasst: „Wann öffnen bloß die Möbelhäuser und die Baumärkte wieder“ ? Dabei sollte man auf Stimmen von international vernetzten Wissenschaftlern, Philosophen und auch Theologen hören. Der internationale bekannte, kluge und sehr aufgeschlossene „progressiv“ denkende Dominikaner – Theologe Timothy Radcliffe aus Oxford schreibt. „Nach und nach nehmen doch Politiker wahr: Wenn es keine internationale Solidarität gibt zugunsten der Ärmsten, kann eine sozialer Niedergang daraus resultieren, den Europa seit langem nicht gekannt hat. Wir können als Gesellschaft nur durch einen radikalen Wandel überleben. Die weit reichende ungleiche Verteilung des Reichtums hat unsere gemeinschaftlichen Bindungen schon so weit zerstört, dass eine extreme Finanzkrise nun eine Auflösung der Gesellschaft selbst zur Folge haben kann. Ein Teil der politischen Elite sollte begreifen: Wenn wir nicht lernen, dass wir Menschen alle in einem und demselben Boot sitzen, werden im Falle der Nichtbeachtung dieser Tatsache die (schlimmen) Konsequenzen nahezu unvorstellbar sein&#8230;“ (Quelle: La Croix, 26.3.2020)</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. </p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12615_wozu-philosophie-in-corona-zeiten_denkbar">Wozu Philosophie in Corona-Zeiten? Denken in Zeiten der Krise 9.Teil.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>Kann die Kunst unser Leben verändern? Denken in Zeiten der Krise. 8.Teil</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/12613_kann-die-kunst-unser-leben-veraendern-denken-in-zeiten-der-krise-8-teil_denkbar</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 17 Apr 2020 17:07:58 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Denkbar]]></category>
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		<category><![CDATA[Wie kann Kunst Ihr Leben ändern]]></category>
		<category><![CDATA[wirkungen der Ästhetik auf Moral]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Hinweis von Christian Modehn. Zugleich eine Buch-Empfehlung! Wie viele hektische Besuche von Galerien und Besichtigungen in Museen haben wir schon absolviert? „Bloß nichts verpassen“, ist die Devise. Wie oft haben wir intensiver die ultra-kurz gefassten historischen Erläuterungen unterhalb der Gemälde gelesen als die Kunstwerke selbst betrachtet? Wie viele Kunstbücher und Ausstellungskataloge ruhen nicht beachtet [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Hinweis von Christian Modehn. Zugleich eine Buch-Empfehlung!</p>
<p>Wie viele hektische Besuche von Galerien und Besichtigungen in Museen haben wir schon absolviert? „Bloß nichts verpassen“, ist die Devise. Wie oft haben wir intensiver die ultra-kurz gefassten historischen Erläuterungen unterhalb der Gemälde gelesen als die Kunstwerke selbst betrachtet? Wie viele Kunstbücher und Ausstellungskataloge ruhen nicht beachtet und nicht betrachtet in unseren Bücherregalen?<br />
Damit soll nun Schluss sein. Zu einer Kehrtwende in einem oberflächlichen Kunst-„Konsum“ ermuntert ein (relativ) neues Buch des bekannten Philosophen Alain de Botton: „Wie Kunst Ihr Leben ändern kann“ ist der Titel. Das Buch hat de Botton gemeinsam mit dem Philosophen und Kunsthistoriker John Armstrong verfasst. Erschienen ist es 2017 im Suhrkamp Verlag. Der englische Titel ist deutlicher: “Art as therapy“.<br />
Denn darum geht es den Philosophen: Kunstwerke sollten wir um einer besseren Lebensgestaltung betrachten und sie wirklich gebrauchen lernen und sogar wie eine Medizin, als Therapie, „verwenden“, als Heilung für unsere zerrissene Seele und den verwirrten Geist.<br />
Diese Perspektive der Kunstinterpretation ist natürlich eine Provokation, bei allen, die immer noch an eine „L art pour l art“  glauben. Oder bei Philosophen, die einen Übergang von ästhetischen Erfahrungen und Einsichten zu ethischen Einsichten und entsprechender Praxis ablehnen. Alain de Botton plädiert hingegen sehr entschieden für den praktischen Wert der Kunst, also jener Objekte, die im Rahmen der Ästhetik diskutiert werden. Kierkegaard wäre als widersprechender Gesprächspartner hier wichtig, er wird in dem Buch leider nicht erwähnt.</p>
<p>Alain de Botton hatte auch in seinen früheren Publikationen stets vom Nutzen, man möchte sagen praktischen Gebrauchswert, von  Religion und Philosophie gesprochen. Nun also auch von der Kunst. In dem Buch „Wie Kunst ihr Leben verändern kann“ stellt er Kunstwerke unterschiedlicher Epochen in einer überraschenden Vielfalt auch als (kleine) Farbdrucke (141 insgesamt) vor, immer von der Frage geleitet: Wie könnte dieses Bild, dieses Kunstwerk, uns helfen, dass wir uns wieder richtig erinnern, dass wir die Hoffnung wieder entdecken oder mit dem Leiden sinnvoll umgehen usw.<br />
Ich finde besonders das erste Kapitel hilfreich hinsichtlich der therapeutischen Funktion von Malerei und Skulpturen:  Wie kann Kunst vor Pessimismus und Schwarzmalerei bewahren? Wie können wir Ermutigung im Leben sehen und durch Kunst-Berachtung auch wieder finden? De Botton zeigt das etwa an den „Tänzern“ von Matisse (von 1909). Es besitzt „so viel Anmut und Liebreiz, dass es uns für einen Augenblick das Herz zerreißt“ (13). Die Betroffenheit kann paradox sein: „Unsere Tränen kommen nicht, weil das Bild so traurig ist, sondern weil es so hübsch ist“ (17). </p>
<p>In der Interpretation von Richard Serras Objekt mit dem Titel  „Fernando Pessoa“ betonen die Autoren, wie dieses Kunstwerk wirkt. Es ist benannt nach dem portugiesischen Dichter und Poeten Fernando Pessoa: Wir werden durch dieses Objekt förmlich dazu gedrängt, Leiden und Schmerzen auch als Momente der Würde im Leben anzunehmen.<em> Es geht darum, im meditativen Blick auf Kunst „unser seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen“ </em>(29). Voraussetzung ist natürlich, dass der meditative oder kontemplative Kunst-Betrachter um die eigene Befindlichkeit, wenigstens als Frage und Suche, schon etwas weiß. Diese Voraussetzung scheint mir in dem Buch nicht ausreichend reflektiert zu werden. Oder ist das Erschüttertwerden oder gar das &#8222;Umgeworfenwerden&#8220; durch Kunst das entscheidende, unerwartete  Erlebnis, das uns in die Tiefe unseres Lebens führt? Dann wäre ein erschütterndes Kunsterlebnis einer religiösen Erfahrung mit Gott/dem Göttlichen vergleichbar. Und Kunst könnte die Funktion des Religiösen übernehmen&#8230;Ein umstrittenes Thema&#8230; </p>
<p>Die elementare Bedeutung der Kunst für eine menschliche Ethik steht den Autoren außer Frage: „<em>Dabei liegt es auf der Hand, dass viele der besten Kunstwerke &#8230;eindeutig einen moralischen Anspruch haben, nämlich die Intention, uns durch verschlüsselte Botschaften zu ermahnen oder zu warnen und so das Gute in uns zu fördern</em>“ (33). Kunstwerke  regen also an, „das Beste aus uns herauszuholen“ (34), heißt es pragmatisch, fast ratgebermäßig. Aber wer sich in die Geschichte der Kunst vertieft, wird wohl sehr oft diesen „das Gute in uns fördernden Aspekt“ erkennen. Man denke nur an die Genre-Malerei der Niederländer. Brouwer oder Steen malen Wirtshausszenen nicht um ihrer selbst willen, sondern um versteckt, aber für die Zeitgenossen damals und auch für uns unübersehbar vor einem allzu ausgelassenen Lebenswandel zu warnen. Diese Bilder (etwa „Singende Trinker“, von Adriaen Brouwer, 1635) sollen auch und vor allem „Abscheu und Ekel erregen“ (so im „Katalog von Frans Hals bis Vermeer“, Berlin 1984, Seite 128). Und die vielen Marien-Darstellungen, diese vielen Pietas: Sind sie doch bewusst geschaffene Bilder des Trostes nicht nur für Mütter in trostlosen Zeiten. </p>
<p>Ich empfehle das Buch „Wie Kunst ihr Leben verändern kann“, gerade in diesem Zeiten, in denen einige doch hoffentlich längere Zeiten fürs Lesen und Betrachten (Kontemplation) frei haben. Schauen Sie sich als erstes das (mir bis dahin) unbekannte Bild von Jean-Baptiste-Siméon Chardin an, mit dem schlichten Titel „Dame beim Tee“ (von 1735). „Der Raum ist bewusst schlicht gestaltet. Und doch hat das Bild etwas Glamouröses. Es glorifiziert diese alltägliche Situation und das schlichte Mobiliar&#8230; Es regt den Betrachter an, (nach dem Museumsbesuch) nach Hause zu gehen und seinen eigenen Lebensentwurf zu gestalten&#8230; Die Kunst hat die Macht, den schwer zu definierenden, aber dennoch vorhandenen Wert des normalen Lebens zu würdigen&#8230; Die Kunst kann in uns ein neues Bewusstsein wecken für die wahren Vorzüge des Lebens, das wir nun einmal gezwungen sind zu leben“ (56 f.)</p>
<p><em>Natürlich unterscheiden die Autoren genau, was Kunst ist und was sich nur Kunst zu nennen wagt, was also Kitsch ist</em>. Sie denken etwa an die verblödenden populären TV-Serien, „die uns genau das liefern, was wir haben wollten“ (156). Sie beleidigen die Menschen, weil sie nicht zeigen, „wozu wir als Menschen eigentlich in der Lage sind“ (157).  Die Autoren kritisieren den dummen Wahn der Reichen,  diese „Klasse der obszön Reichen“ (157), die ihre totale Ahnungslosigkeit und blöde Geschmacksverirrung auch künstlerisch, etwa in ihrer Architektur ihrer pompösen Villen ausdrücken müssen (zwei Beispiele auf Seite 156 und 158). </p>
<p>Den Autoren liegt es fern, nur den einzelnen durch Kunst heilen zu wollen. Die einzelnen sollten „die Werte, die die Kunst repräsentiert, in der realen Welt umsetzen&#8230; Die wahre Ehrfurcht vor der Kunst besteht darin, das Gute, was in einem Kunstwerk kraftvoll dargestellt ist, aktiv in Umlauf zu bringen“ (225). </p>
<p>Zu diesen Zitaten und den Hinweisen: Im Hintergrund steht als Kriterium des „Ändern des eigenen Lebens“ durch die Kontemplation der Kunst ein bestimmtes Menschenbild: Der Mensch als ein Dasein, das sich im Laufe seines Lebens inmitten vieler Krisen und Widersprüche entfaltet, das sich geistig entwickelt, zu sich selbst kommt, sich selbst und andere lieben lernt &#8230;  und die Solidarität hoch schätzt. </p>
<p>Alain de Botton und John Armstrong, Wie Kunst Ihr Leben verändern kann“, Suhrkamp Verlag, 2017, Taschenbuch, 240 Seiten. Nur 17,95 EURO!  </p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
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		<title>&#8222;Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein&#8220;: Denken in Zeiten der Krise. 2. Teil</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/12553_wer-hoffen-will-muss-durch-die-verzweiflung-hindurch-gegangen-sein-denken-in-zeiten-der-krise-2-teil_denkbar</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 29 Mar 2020 14:28:31 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alternativen für eine humane Zukunft]]></category>
		<category><![CDATA[Denkbar]]></category>
		<category><![CDATA[Ist Philosophie eine Lebenshilfe?]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophieren im Alltag]]></category>
		<category><![CDATA[Bernanos gegen den spanischen Bürgerkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Bernanos über den Ausweg aus der Verzweiflung]]></category>
		<category><![CDATA[Bernanos über die Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[Denken in Zeiten der Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Georges Bernanos über die Verzweifung]]></category>
		<category><![CDATA[Hoffnung leben durch die Liebe]]></category>
		<category><![CDATA[Liebe lehrt die Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[nur Hoffnung bietet eine Basis im Leben]]></category>
		<category><![CDATA[Optimismus ist oberflächlich]]></category>
		<category><![CDATA[Verzweiflung als die Hölle]]></category>
		<category><![CDATA[Verzweiflung und Hoffnung]]></category>
		<category><![CDATA[was sagte Bernanos 1945]]></category>
		<category><![CDATA[wer hoffen will muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein“. Oder: Warum Hoffnung kein Optimismus ist. Ein Hinweis von Christian Modehn Ein anspruchsvoller, ein irritierender Satz. Er bezieht sich auf das Leben des einzelnen. Jeder Mensch muss durch die Verzweiflung hindurchgehen, so die These, will er Hoffnung erleben, die mehr ist als eine Illusion, mehr [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12553_wer-hoffen-will-muss-durch-die-verzweiflung-hindurch-gegangen-sein-denken-in-zeiten-der-krise-2-teil_denkbar">&#8222;Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein&#8220;: Denken in Zeiten der Krise. 2. Teil</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>„Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein“. Oder: Warum Hoffnung kein Optimismus ist.</p>
<p>Ein Hinweis von Christian Modehn</p>
<p>Ein anspruchsvoller, ein irritierender Satz. Er bezieht sich auf das Leben des einzelnen. Jeder Mensch muss durch die Verzweiflung hindurchgehen, so die These, will er Hoffnung erleben, die mehr ist als eine Illusion, mehr ist als Optimismus.</p>
<p>Der französische Schriftsteller Georges Bernanos (1888 – 1948) hat dieses Wort „Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein“ im Jahr 1945 gesprochen. Er war aus seinem Exil in Brasilien nach Frankreich zurückgekehrt und hatte dort eine viel beachtete Konferenz gehalten. Zum Thema Hoffnung. Wichtig und dringend in der Zeit der Befreiung von der Herrschaft der Deutschen und dem Ende des Hitler-freundlichen Pétain-Regimes.</p>
<p>Bernanos hatte sich während seines Aufenthaltes in Spanien während des Bürgerkrieges aus einem sehr konservativen zu einem demokratischen, kritischen Denker und Schriftsteller entwickelt, zu einer Stütze der Résistance in seinen Essays und Aufrufen.</p>
<p>Sein knapper Satz zur Hoffnung, inzwischen in Frankreich oft zitiert, könnte heute, in Zeiten der Krise, reflektiert und meditiert, hilfreich sein. Denn wir wissen jetzt: Es bringen uns weiter, es stützen uns, auch die Erkenntnisse des Geistes, Weisheiten, alte und neue, philosophische, literarische, religiöse. Und die Musik! Wir sind jetzt bereit, ernsthaft zu sagen: „Vor allem der Geist hilft, nur er kann letztlich trösten, mir meinen Sinn zeigen“.</p>
<p>Für Bernanos ist klar: <em>Hoffen ist kein Optimismus. Hoffen ist kein willkürlicher Entschluss, nur noch das Positive zu sehen</em>, nur das Schöne, nur den Fortschritt. Optimisten glauben: Alles werde schon gut ausgehen, für „uns“ natürlich zuerst. Hoffen als Optimismus verkommt so zu einer gedankenlosen Laune, die sich oft mit magischem Denken verbindet.<br />
Bernanos sagt: <em>„Optimisten sind glückliche Dummköpfe, Pessimisten sind unglückliche Dummköpfe“ („imbéciles).</em></p>
<p>Aus dieser Verklammerung zweier Haltungen muss man herausfinden als denkender Mensch, meint Bernanos, wenn man tatsächlich Hoffnung verstehen, Hoffnung „erringen“ und leben will. Nur Hoffnung kann eine geistige Basis im Leben sein. Hoffnung ist – im Unterschied zum Optimismus – begründete Zuversicht. Sie kann es deswegen wagen zu sagen: „Trotz allem“.</p>
<p>Und Bernanos macht einen Vorschlag, der eng mit philosophischen und religiösen Traditionen verbunden ist: Nur wer sich dem Negativen stellt, ihm sozusagen bewusst ins Auge sieht, es wahrnimmt und analysiert, wer also das Negative annimmt, durch es „hindurchgeht“ als einen Teil dieses menschlichen Lebens: Nur der kann dann inmitten aller Irritationen und danach auch wieder Licht sehen und Ermutigung zum Leben erfahren. Und zwar bleibend. Selbst, wenn wieder Irritationen kommen.</p>
<p>Der Philosoph Hegel sprach die gleiche Erkenntnis in seiner „Phänomenologie des Geistes“ aus: „Nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes.”<br />
Hegel wusste: Die Stärke des menschlichen Geistes kommt nur daher, dass er mit dem Geist des Unendlichen verbunden ist. Nur deswegen konnte Hegel im Bedenken des Todes und der Auferstehung Jesu von Nazareth sagen: Der Geist des Ewigen, als eine Art „Funken in der menschlichen Seele, als das Ewige im Menschen, überdauert den Tod.</p>
<p>Ähnlich denkt Bernanos, der bei aller Kritik an der katholischen Kirche seit seinen Erfahrungen im Spanischen Bürgerkrieg mit dem christlichen Glauben verbunden blieb.</p>
<p>Was uns belastet, das Negative, würde Hegel sagen, nennt Bernanos Verzweiflung: Das Gefühl, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Abzurutschen, abzustürzen. Das Ende zu ahnen. Dies heißt dann für Bernanos in seinem Vortrag von 1945: „Bis zum Ende der Nacht gehen“. Und wenn die totale Finsternis sogar noch mit der Metapher „Hölle“ bezeichnet wird, dann habe diese „Hölle“ einen Namen, meint Bernanos: „Nicht mehr zu lieben“.</p>
<p>Das ist das entscheidende Stichwort: Die Überwindung der Verzweiflung, dieser „Hölle“ bietet die Liebe. Liebe hat viele Namen, viele Bedeutungen, zurecht: Caritas, Amor, Wohlwollen, Fürsorge, Erotik, Solidarität&#8230;.<em>Sie ist ist die geistige Energie des Lebens. Wer wieder hoffen will, sollte sich an diese geistige Liebe „anschließen“, sie zu leben versuchen. </em></p>
<p>Man möchte im Sinne von Bernanos hinzufügen: Zur Liebe sind wir sogar noch im Zustand der Verzweiflung fähig. Wahrscheinlich liebt sogar der Verzweifelte sich selbst immer noch, ein bisschen. Er will sich erhalten. Wie auch immer. Aber die Selbstliebe als mögliche Rettung des eigenen Lebens hat nur Sinn und „Erfolg“, wenn in höchster Not auch noch andere Menschen beistehen. Und wir mit dem letzten Rest der Kraft auch wieder zu lieben beginnen. Man sieht den Abgrund, ist aber nicht bereit, alles sinnlos zu finden. Man ist in der Verzweiflung, aber hat noch die Kraft, an der Allmacht der Verzweiflung zu zweifeln. Zweifeln an der Verzweiflung? Ist das schon „zu viel“ Philosophie?</p>
<p>Aber es gilt: Man kann in der Verzweiflung noch Gutes erwarten. Nämlich Liebe. Und ist auch bereit, gut zu sein. Liebe zu leben.</p>
<p>Liebe rettet den Verzweifelten „auf dem Weg durch die Nacht“, sagt Bernanos.</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12553_wer-hoffen-will-muss-durch-die-verzweiflung-hindurch-gegangen-sein-denken-in-zeiten-der-krise-2-teil_denkbar">&#8222;Wer hoffen will, muss durch die Verzweiflung hindurch gegangen sein&#8220;: Denken in Zeiten der Krise. 2. Teil</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Eine Reise in unserer Wohnung. Denken in Zeiten der Krise. 1. Teil. Von Christian Modehn.</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/12544_eine-reise-in-unserer-wohnung-denken-in-zeiten-der-krise-1-teil-von-christian-modehn_denkbar</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 27 Mar 2020 19:11:24 +0000</pubDate>
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		<category><![CDATA[Das philosophische "Wort zur Woche"]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Liebe Freundinnen und Freunde, ich schicke Euch einen lieben Gruß von meiner Reise. Früher hatten Worte auf den üblichen Ansichtskarten nicht viel Platz. Jetzt kann ich etwas ausführlicher schreiben. Ich meine es ernst: Ich reise nämlich in meiner Wohnung. Und da ergeben sich wahre Entdeckungen, Momente der Freude, Momente der Stille, wie hoch oben, einst, [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12544_eine-reise-in-unserer-wohnung-denken-in-zeiten-der-krise-1-teil-von-christian-modehn_denkbar">Eine Reise in unserer Wohnung. Denken in Zeiten der Krise. 1. Teil. Von Christian Modehn.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Liebe Freundinnen und Freunde, </p>
<p>ich schicke Euch einen lieben Gruß von meiner Reise. Früher hatten Worte auf den üblichen Ansichtskarten nicht viel Platz. Jetzt kann ich etwas ausführlicher schreiben.<br />
Ich meine es ernst: Ich reise nämlich in meiner Wohnung. Und da ergeben sich wahre Entdeckungen, Momente der Freude, Momente der Stille, wie hoch oben, einst, im Gebirge. Ich möchte Euch von meiner Reise gestern berichten.</p>
<p>Ich breche spät am Morgen auf. Ich lebe ja hier „auf Vollpension“.  Man kann ausschlafen. Zum Frühstück höre ich gern Haydn, mein Mann übrigens auch. Vor ein paar Tagen haben wir unsere CD Sammlung mal sortiert und dabei die Cellokonzerte entdeckt. Wieder entdeckt.<br />
Danach gehe ich zuerst zu meinem Schreibtisch, notiere ein paar Sachen, blättere in der Zeitung. Aber es zieht mich dann doch in die Ferne, ich mache mich auf den Weg, zum Bücherregal gegenüber. Eigentlich habe ich ein Buch über Hegel gesucht, bleibe dann bei anderen Büchern hängen. Und staune, fast schäme ich mich: Da stehen ja so viele Bücher, die ich noch nicht oder so lange Zeit nicht beachtet habe. Dabei hatte sie doch einst aus Interesse gekauft.  Bildbände, Kataloge von Ausstellungen. Ich greife zu den „Aquarellen von Cézanne“.  Verstaubt ist nur der Umschlag. Und dann setze ich mich gleich wieder, das Buch in den Händen. Und blättere, im Urlaub  habe ich ja auch bei Wanderungen viel Zeit. Was fällt mir auf? Ich fasse mich kurz: Mit wenigen  Farben deutet Cézanne das Wesentliche an in der Berglandschaft von Sainte &#8211; Victoire, Provence. Irgendwie erinnern die Aquarelle an alte chinesische Natur – Malereien. Sie zeigen das Wesentliche, gerade, weil das Wesentliche nur zu ahnen ist. Das kann ich euch, liebe Freundinnen und Freunde nicht verschweigen: Eine Frage drängt sich auf: Was ist eigentlich für mich, für uns,  das Wesentliche jetzt?  Werde ich, werden wir, wie Cézanne, zum Meister der Einfachheit werden können? Diese Frage können wir ja weiter besprechen, wenn wir uns wieder sehen  oder zwischendurch wieder schreiben.  </p>
<p>Nun muss ich doch weiterwandern. Im Nebenzimmer ist ein sehr üppiges, ich würde sagen,  farbenfrohes Bild,  eigentlich nicht zu übersehen. Aber wie oft habe ich es übersehen, ignoriert? Der Maler nannte es „Herbstlandschaft im Harz“, ein Erbstück meiner Tante Maria. Wie sehr sie das Bild liebte.  Ich setze mich. Und sehe sie vor mir in ihrer Begeisterung für das Bild. Bin dankbar für Ihre gleich bleibende Freundlichkeit. Wie oft hat sie mir als Kind schon gesagt: „Verweile nicht nur vor dem Bild, sondern trete ein in das Bild“. Ich versuche es. Im stillen Sitzen bin ich dann doch irgendwie im Harz gelandet, zumindest in mitten in der Natur. Wenn ich dann aus dem Fenster schaue, sehe ich schon die ersten Forsythien. Die Natur lässt sich nicht „unter kriegen“, bis jetzt.   </p>
<p>Mein Mann ruft mich in die Küche. Wir trinken Kaffee mitten in unserer „Urlaubs-Pension“ . Neben den Tassen liegt noch die Verpackung:  „Herkunftsland El Salvador“. Wir sprechen jetzt nicht vom sinnvollen Zwang, zuhause zu bleiben &#8230; und dort zum Beispiel Reisen zu unternehmen. Wir sprechen von El Salvador, dem Bürgerkrieg dort, der Ausbeutung, den Armen, den Basisgemeinden. Und dann schweigen wir. Schließlich frage ich: „Warum geht es uns &#8211; trotz allem &#8211; doch noch besser als den vielen Armen in Lateinamerika? Warum hatten wir in Europa uns eigentlich daran gewöhnt, dass es uns meist gut, den meisten dort aber sehr oft sehr schlecht geht?“<br />
Wir beide müssen verstummen. Irgendwie bestimmt uns die Phantasie. So, als würden wir auf einer Bank in den Bergen verweilen. Werden wir melancholisch? Vielleicht. Den Verlust bedenken, den Abschied annehmen, das tut gut, ist heilsam. Nichts kommt so wieder, wie es einmal war. Eine Binsenweisheit. </p>
<p>Aber wir reisen weiter und wandern zu einem anderen Regal in einer Ecke. Da lächeln uns kleine Statuen von Buddha und Jesus an. Sie sind dicht bei einander. Unser Hausaltar, könnte man sagen, zumindest eine Art spiritueller Rückzugsort. Früher, in Bayern oder Frankreich, haben wir ja auch gern leere Kirchen besucht. Hier sind wir sozusagen in einem multireligiösen Ort. Was für ein Geschenk: Buddha und Jesus stehen friedlich nebeneinander, wie gute Freunde, wie es sich eigentlich gehört.<br />
Ich frage: “Was würden Buddha und Jesus uns wohl jetzt sagen?“  </p>
<p>Auf dem Sofa bleiben wir vielleicht eine gute Stunde im Schweigen sitzen. Die Zeit steht still. Reine Gegenwart. </p>
<p>PS.: Wir werden weitere Reisen in der Wohnung machen, Entdeckungsreisen. Und, liebe Freundinnen und Freunde: Wir freuen uns über Eure Briefe über eure aktuellen Reisen. In der eigenen Wohnung, versteht sich. </p>
<p>Liebe Grüße erst mal nach unserer Reise, von Christian und Hartmut.</p>
<p>Nebenbei: Die Anregung für „Eine Reise in meiner Wohnung“ habe ich von dem französischen Schriftsteller Xavier de Maistre (1763- 1852) erhalten, von seinem Buch „Voyage autour de ma chambre“. </p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
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		<title>In welcher Hinsicht ist Philosophie für mich eine Lebenshilfe? Eine Umfrage anläßlich des Welttages der Philosophie 2018</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/10971_in-welcher-hinsicht-ist-philosophie-fuer-mich-eine-lebenshilfe-eine-umfrage-anlaesslich-des-welttages-der-philosophie-2018_ist-philosophie-eine-lebenshilfe</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 02 Nov 2018 17:12:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alternativen für eine humane Zukunft]]></category>
		<category><![CDATA[Ist Philosophie eine Lebenshilfe?]]></category>
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		<category><![CDATA[Hans Blersch über Philosophie als Lebenshilfe]]></category>
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		<category><![CDATA[Herbert Helle]]></category>
		<category><![CDATA[Herbert Helle sinnvoll leben]]></category>
		<category><![CDATA[In welcher hinsicht ist Philosophie Lebenshilfe?]]></category>
		<category><![CDATA[Marlies Blersch]]></category>
		<category><![CDATA[Michael Peterssen]]></category>
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		<category><![CDATA[Reflektieren ist Lebenshilfe]]></category>
		<category><![CDATA[Religionsphilosophischer Salon und Welttag der Philosophie 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Umfrage zum Welttag der Philosophie 2018]]></category>
		<category><![CDATA[Was ist für mich Philosophie Michael Peterssen Berlin]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Anläßlich des Welttages der Philosophie am Donnerstag, den 15. November 2018, habe ich alle FreundInnen des Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phi&shy;sch&shy;en Salons Berlin, auch die 450 Abonnenten des Newsletters, eingeladen, aus persönlicher Sicht zu der Frage Stellung zu nehmen: &#8222;In welcher Hinsicht ist Philosophie für mich eine Lebenhilfe?&#8220; Der philosophische Hintergrund: Für viele Philosophen auch heute ist Philosophie nicht [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/10971_in-welcher-hinsicht-ist-philosophie-fuer-mich-eine-lebenshilfe-eine-umfrage-anlaesslich-des-welttages-der-philosophie-2018_ist-philosophie-eine-lebenshilfe">In welcher Hinsicht ist Philosophie für mich eine Lebenshilfe? Eine Umfrage anläßlich des Welttages der Philosophie 2018</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Anläßlich des Welttages der Philosophie am Donnerstag, den 15. November 2018, habe ich alle FreundInnen des Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phi&shy;sch&shy;en Salons Berlin, auch die 450 Abonnenten des Newsletters, eingeladen, aus persönlicher Sicht zu der Frage Stellung zu nehmen: <em>&#8222;In welcher Hinsicht ist Philosophie für mich eine Lebenhilfe?&#8220;</em></p>
<p>Der philosophische Hintergrund: Für viele Philosophen auch heute ist Philosophie nicht nur eine akademische Disziplin an der Universität, sondern auch und mit dieser Uni-Philosophie vielleicht gemeinsam, ein Vorschlag, auf eine bestimmte Art sein eigenes Leben mit anderen zu leben. Es bedarf keiner weiteren Hinweise, dass angesichts des intellektuellen Zusammenbruchs der dogmatischen Religionen und Konfessionen zumindest in Europa Philosophieren und damit Philosophie ein hilfreicher Ausweg ist, letztlich eine Befreiung zum eigenen Selbst jenseits aller dogmatischen Sprüche. Dass Philosophie heute auch in den Medien viel präsenter ist als zuvor, ist sowieso klar. Darum also diese zweifelsfrei kontroverse Frage!</p>
<p>Und ich als Initiator bin gespannt, wie deutlich die Begeisterung dann doch ist, auf diese Frage zu antworten. Diese Antworten sollen ja den philosophischen Dialog weiter voranbringen. Christian Modehn.</p>
<p>P.S.: Die Stellungnahmen werden nach dem zeitlichen Eintreffen bei mir publiziert.</p>
<p><em><span style="font-size: 16.0pt; color: black;">In welcher Hinsicht ist Philosophie für mich eine Lebenshilfe?</span></em></p>
<p style="margin-bottom: .0001pt;"><em><span style="font-size: 16.0pt; color: black;">Von Eckard Siepmann</span></em></p>
<p style="margin-bottom: .0001pt;"><em><span style="font-size: 16.0pt; color: black;">Mir dient philosophie dazu, die fenster der wahrnehmung sauber zu halten. Das alltagsleben beschmutzt diese fenster, wie es auch unsere unterhosen verschmutzt. </span></em></p>
<p style="margin-bottom: .0001pt;"><em><span style="font-size: 16.0pt; color: black;">zunächst die frage des kindes, das sich die augen reibt:<b>„wo bin ich hier eigentlich“?</b></span></em><em><span style="font-size: 16.0pt; color: black;"> Hier ist philosophie der besen, mit dem die trügerischen selbstverständlichkeiten weggefegt werden können, mit denen uns der alltag blind für unsere aufregende situation macht.</span></em></p>
<p style="margin-bottom: .0001pt;"><em><span style="font-size: 16.0pt; color: black;">als zweites: ich erkenne meine <b>innere freiheit </b></span></em><em><span style="font-size: 16.0pt; color: black;">als bedroht durch konditionierungen aller art. philosophie ist auch hier der reinigende besen, der mich vor fremdherrschaft schützt, meine freiheit jubelnd  ausweitet.</span></em></p>
<p style="margin-bottom: .0001pt;"><em><span style="font-size: 16.0pt; color: black;">Philosophie ist geistige erkenntnis, religion ihre übersetzung in den körper.</span></em></p>
<p><span style="color: black;">Eckard Siepmann am 1. 11. 2018</span></p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;</p>
<p>Philosophieren heißt Sterben lernen</p>
<p>Von Marlies Blersch</p>
<p>Viktor Frankl, der manchmal auch als &#8222;Philosoph des Leidens&#8220; bezeichnet wird, spricht vom Menschen als Sinnsuchenden, der unter allen Bedingungen, auch unter den schwierigsten, Sinn verwirklichen will.</p>
<p>Er sagt: Es geht dem Menschen um die Verwirklichung von schöpferischen Werten und Erlebniswerten, und wenn durch  Schicksalsschläge wie Trennung, Krankheit oder Tod diese Wertstraßen versperrt sind, dann geht es um die Einstellungswerte, um die Haltung zum Leben auch unter den schwierigsten Bedingungen.</p>
<p>Er beschreibt in seinen Büchern viele berührende Beispiele, Gespräche mit Patienten &#8211; und als ich am Bett meiner kleinen, abgemagerten, von Kopf bis Fuß nach einem Sturz gelähmten Mutter sitze, erzähle ich ihr die Geschichte von Frau L., die mit letzter Kraft am Leben festhält, weil sie für ihre längst erwachsenen Kinder da sein will.</p>
<p>Frankl sagt sinngemäß zu Frau L.:</p>
<p>Liebe Frau L., Sie haben Ihr ganzes Leben lang für die Familie alles gegeben, Sie haben Ihren Kindern gezeigt, wie das Leben geht. Ihre Kinder haben alles von Ihnen gelernt, sie sind nun erwachsen und selbständig. Sie kommen mit allem allein zurecht, doch eines wissen sie noch nicht: sie wissen nicht, wie es geht, in Würde zu sterben &#8211; das ist das einzige, was sie von niemandem lernen können, das können sie nur von Ihnen lernen. Nur Sie können für sie ein Vorbild sein.</p>
<p>Da schaut mich meine müde Mutter an und sagt nach einer Weile zu mir: Ja, ich will Vorbild sein!</p>
<p>Sie stellt ein paar Tage später zuerst das Essen ein, dann das Trinken und stirbt &#8211; sie schläft ganz ruhig und friedlich ein.</p>
<p>Marlies Blersch am 3.11. 2018</p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.</p>
<p>Reflektieren!</p>
<p>Von Hartmut Wiebus</p>
<p>Nicht „die“ Philosophie kann Lebenshilfe sein, sondern das Philosophieren, die Tätigkeit des Nachdenkens. Diese Tätigkeit heißt Reflektieren, sie ist zwar alltäglich, selbstverständlich fast. Aber das Reflektieren muss noch einmal reflektiert werden. Dann erst beginnt „die Anstrengung des Denkens“ (Hegel).</p>
<p>Was heißt reflektieren? „Zurückgeworfen werden“! D.h. noch einmal auf die selbe Sache schauen, aus der Distanz, man möchte sagen „von oben“, in dem Sinne: Nicht mehr nur involviert sein! Sondern den Gedanken, die Tat, noch einmal betrachten.</p>
<p>Philosophieren schafft diese heilsame Distanz, die ein neues Hin und Her im Denken erzeugt: Vielleicht habe ich falsch gedacht, mich geirrt? Alles beginnt also dann neu. Reflektieren ist die ureigene Lebenshilfe „<em>der </em>Philosophie“. Sie wird im Dialog gepflegt.</p>
<p>Hartmut Wiebus am 4. 11. 2018</p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;</p>
<p>Von der Wiege bis zum Grabe: Fragen, Fragen, Fragen&#8230;</p>
<p>Von Hans Blersch</p>
<p>Als Kind glaubte ich, dass Erwachsene auf absolut jede Frage eine Antwort hätten, dass sie kleine wie große Schmerzen heilen könnten. Schnell korrigierte mich die Erfahrung: die anderen waren manchmal etwas klüger, manchmal etwas dümmer als ich. Mehr nicht. Hatten sie ähnlich bedrängende Fragen? Wollten sie nur nicht darüber sprechen? Zwei Hoffnungen hielten sich etwas länger: Wissenschaft und Philosophie. Mit den Wissenschaften ging es mir schnell wie mit des Kaisers neuen Kleidern: klangvolle Fremdwörter, die auch nichts erklärten, höchstens die Nacktheit besser übertünchten. Dafür gab es dann Doktortitel und die Hochachtung der kleinen Leute. Im Grunde ging es um eine Absprache darüber, dass Zweifel besser verborgen werden sollten. Unter den Wissenschaften hatte die Mathematik Sonderrechte. Ihre Resultate waren absolut richtig. 1 + 1 = 2 wurde weder von Atheisten der unterschiedlichsten Couleur noch von irgendeiner anderen Glaubensrichtung je angezweifelt. Der Grund für diese Toleranz ist trivial: Mathematik kann zwar arithmetische und geometrische Probleme lösen, bei existenziellen Fragen gilt: stillschweigende Enthaltung. Übrig blieb die Philosophie. Auch da begegneten mir wieder Latein und Verdunkelung. Aber, und das war wirklich neu: es gab hier Leute, die einfach aussprachen, dass sie wussten, dass sie nichts wussten. Das war in höchstem Maße beruhigend. Dieser Zuspruch kam mir aus allen Zeiten entgegen, und von Menschen der unterschiedlichsten Herkunft. „Hör zu Bruder!“, sagte mir eines Tages ein Nomade in der Wüste, der mich angehalten und zum Tee eingeladen hatte, weil er sich mit mir unterhalten wollte. Ja, dieser Mann, der weder lesen noch schreiben konnte, wusste genau so gut wie ich: wir waren Brüder im Wissen vom Nichtwissen. In aller Ehrlichkeit bei einem anderen Menschen heraus zu hören, dass er, wie ich, zutiefst beunruhigt war, was Antworten auf die Grundfragen der Menschen betraf, tröstete mich ganz ungemein. Damit konnte ich endlich leben und wurde ermuntert, weiter zu fragen, wie Philosophen mit der fundamentalen Gegebenheit des Nichtwissens in den Fragen der Menschen zurecht kamen. So begegneten mir Montaigne und meine Mutter („das Leben ist ein Kampf“ war ihr Mantra), Sokrates und Marc Aurel, der Mann im Krankenhaus, die Frau vor Gericht, Schopenhauer, der Nomade in der Wüste, das neugierige Kind, Descartes am Bücherstand im Warenhaus, der, ähnlich fragend wie ich, ob es auch nur eine einzige Gewissheit gäbe, ja zu mir sagte: Glaub mir, es gibt eine unbestreitbare Gewissheit, nämlich: dass ich zweifle. War das nicht wunderbar?</p>
<p>Eine Zeitlang schätzte ich René Descartes, aber schnell genug gingen unsere Wege dann wieder auseinander. Nun, im Alter angekommen, trösten mich Paradoxa. Wie schmeckt es wohl, das Nichts, in das ich bald eingehen werde? Wie fühlt es sich an? Wie wird er sein, der Tod, der immer näher kommt? Wie die Verzweiflung? Werden Schmerzen mich zum Widerruf zwingen? Werde ich dereinst wohl mit all jenen sprechen können, die mich ein Leben lang getröstet und verwirrt haben? Wird Michel Serres auch Zeit haben für mich? Was wird meine Mutter wohl sagen, nun, wo das Leben hinter ihr lag? Geht der Kampf immer noch weiter? Und jener Nomade aus der Wüste? Gerne würde ich ihn einladen zu Tee oder Wein und unser Gespräch von vor vierzig Jahren fortsetzen. Und würde ich wohl eine Audienz bei IHM bekommen und eine göttliche und dennoch menschlich verständliche Erklärung für all das Leid, für all die monströsen Ungerechtigkeiten, die er sich zu den von ihm geschaffenen Geschöpfen hat einfallen lassen?</p>
<p>Hans Blersch am 5. 11. 2018</p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;..</p>
<p><em>In welcher Hinsicht ist Philosophie eine Lebenshilfe /Lebensorientierung für mich ?</em></p>
<p>Von Dagmar Moeller-Bartelmann</p>
<p>Für mich gelten  als Lebensorientierung zwei  philosophische Traditionen, wenn auch beide mit Einschränkungen.<br />
Zum einen die Pflichtethik Kants und zum anderen der Utilitarismus. Als weitere philosophische Orientierung besonders in aktuellen Fragen kommt  das philosophische Werk von R.D. Precht hinzu.</p>
<p>Für mich ist der Vernunftoptimismus  von Kant ein Ideal, selbst wenn Kant bei weitem die Rationalität überbewertet . Das zeigt sich besonders in seinem  berühmten „Mörderbeispiel“ aus der  Schrift :“Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen“. Eine Vernunftorientierung ist notwendig, aber Gefühle und  Erfahrungen müssen mit berücksichtigt werden, wenn wir handeln und bewerten.<br />
Gerade heute beweist die moderne Hirnforschung, s. Antonio Damasio :„Ich fühle, also bin ich “, dass Rationalität allein gar nichts bewegen kann, sondern nur in Verbindung von Emotionalität und Sozialität als Antrieb.</p>
<p>Für mich sollte  Kants Kategorischer Imperativ universalistisch bleiben, müsste aber zugleich konsequentialistisch sein. Eine moralische Argumentation sollte die beiden Elemente aufweisen:<br />
1. Universalisierbarkeit der Maßstäbe und<br />
2. Beachtung der Folgen einer Handlung.</p>
<p>Für mich ist die Pflichtethik Kants nur eine jeweils zu prüfende Anleitung für den Menschen, wie er sein s o l l .  Aber leider nicht dafür, wie er i s t .Deshalb gilt der Kategorische Imperativ für mich nicht in seiner Reinform. Er hilft z.B. im Falle einer Pflichten- und Normenkollision nicht weiter und kann sogar zu unmenschlichen Entscheidungen führen, s. das Mörderbeispiel.<br />
Die Kantischen Überlegungen zur Moral müssten auch unserem biologischen Erbe, unseren moralischen Reflexen und sozialen Intuitionen Rechnung tragen.</p>
<p>Selbst  der utilitaristischen Standpunkt ist für mich  in seiner Reinform nicht  akzeptabel, denn was heisst das Glück der größtmöglichen Zahl ? Dieser Glücksbegriff ist zu hinterfragen, es gibt kein allgemein verbindliches Glück, das zu berechnen wäre. Aber die Konsequenzen einer Handlung müssen auf jeden Fall &#8211; so weit es geht &#8211; mit berücksichtigt werden, auch wenn sie letztendlich nicht  vollständig ermittelt werden können. Für mich lautet daher eine formal-utilitaristische Formulierung des Kategorischen Imperativs folgendermaßen:</p>
<p>Handle so, dass nicht nur die Maxime, sondern auch die Folgen deines Handelns bei allen vernünftigen Menschen Anerkennung gewinnen.</p>
<p>Für mich sind  eine weitere  Orientierungshilfe in unserer Zeit die Bücher, Vorträge von Richard David Precht und seine Philosophiesendung im ZDF.<br />
Er ist nicht nur ein erfolgreicher Schriftsteller, sondern auch ein  lesenswerter und zu reflektierender Philosoph, der allgemein verständlich schreibt und spricht. Er holt die Philosophie aus dem Elfenbeinturm der Universitäten heraus und nimmt aus philosophischer Sicht auch zu aktuellen politischen Fragen Stellung, wie z.B.zur  Massentierhaltung, zum bedingungsloses Grundeinkommen oder zum Flüchtlingsproblem.</p>
<p><em>Fazit : </em>Meine Lebensphilosophie beruht auf einem Vernunftglauben und keineswegs auf einer religiösen Offenbarung. Ich vertrete eine individuell geprägte, auswählende Patchwork &#8211;  Philosophie, die Elemente aus bestehenden Systemen verbindet.</p>
<p>Dagmar Mueller &#8211; Bartelmann am 6. 11. 2018</p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;..</p>
<p><em>Philosophie ist mehr als Einsicht</em></p>
<p>Von Michael Peterssen</p>
<p>Die Philosophie stellt sich den großen, existenziellen Fragen des Menschen. Dass sie dabei ganz unterschiedlichen Methoden und Denkweisen Raum lässt und ihre Voraussetzungen immer wieder hinterfragt, halte ich für eine Stärke. Wird die Philosophie allerdings zur bloßen Argumentationswissenschaft, bei der es überwiegend um Logik, Begriffsklärungen und Methodenkritik geht, ist etwas verloren gegangen. Aus Erfahrung weiß ich, Philosophie kann mehr. Sie kann helfen, mit den Anforderungen des Lebens fertig zu werden, das Unübersichtliche ein wenig übersichtlicher zu machen. Dazu bedarf es eigener Anstrengung. In Form einer beharrlichen, lebenslangen Arbeit an uns selber. Viele antike Philosophen in Europa und anderswo haben es uns vorgemacht: Streben nach Selbsterkenntnis, Kontemplation und das <em>Einüben </em>eines an humanen Werten orientierten Handelns helfen, ein zufriedenes, gelungenes Leben zu führen. Eine Philosophie für die Gegenwart braucht nicht nur Wissen. Wo immer es geht, muss sie ihre Einsichten auch umsetzen und leben.</p>
<p><em>„Nicht das bloße Wissen macht glücklich, sondern die Tat.“   (Seneca)</em></p>
<p>Michael Peterssen, 8. November 2018</p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.</p>
<p><strong>Warum Philosophie für mich als Lebenshilfe / Lebensorientierung wichtig ist.</strong></p>
<p>Sinnvoll leben</p>
<p>Von Herbert Helle</p>
<p>Philosophie ist für meine Suche nach einem sinnvollen Leben wichtig. Hierdurch will ich meine Aufgaben in meinem Leben finden.</p>
<p>Philosophie verstehe ich als „Praktische Philosophie oder auch Lebenskunst“. Meine Vorbilder hierfür sind: Jesus, wegen seiner bedingungslosen Nächstenliebe; z.B. Marc Aurel, wegen seiner lebensnahen und klugen Entscheidungen; z.B. Wilhelm Schmid, wegen seiner Hilfestellungen, um mit sich selbst ins Reine zu kommen.</p>
<p>Ich unterteile die Philosophie für mich in drei Anwendungsbereiche:</p>
<ul>
<li>Bei persönlichen Befindlichkeiten oder Problemen wie z.B. Sinnfindung, Lebensweise, Freundschaft, Alter, Gefühle, Ehrlichkeit, Demut, Unsterblichkeit u.a.m. Zu ihrer Bearbeitung und Klärung nutze ich den philosophischen Dialog und Techniken der philosophischen Praxis.</li>
<li>Bei der Reflexion von Grundfragen des Lebens unter ethisch-moralischen Werten z.B. Verantwortung, Würde, Gerechtigkeit, Arbeit, Familie, Wahrheit u.a.m. Durch die Herausarbeitung von Argumenten für ein Pro und Kontra bilde ich mir eine Meinung.</li>
<li>Bei Fragen und Problemen die in einem unmittelbaren Handlungszusammenhang stehen, z.B. Projektmanagement, Unternehmenskultur, Kommunikation, Teambildung, Zukunftsvisionen u.a.m. Durch Ermittlung von wichtigen Zusammenhängen, analytischen Vorgehen, Ursache &#8211; Wirkungsbeziehungen, Zielfindung, Alternativenbildung und Umsetzungsorientierung komme ich zu einem lösungsorientierten Vorgehen.</li>
</ul>
<p>Herbert Helle am 9.11.2018</p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;..</p>
<p><u>In welcher Weise kann Philosophie für mich persönlich Orientierung und Lebenshilfe sein &#8230; und ist sie es für mich geworden</u></p>
<p><u>Von Annke Höfer</u></p>
<p>Erst kürzlich begegnete ich ihr, der Philosophie, und dabei wurde sie mir zu meiner eigenen Überraschung Orientierung und Lebenshilfe, und zwar auf folgende Weise:</p>
<p>Sie fragt &#8211; sie hat mir durch ihre „ Erlaubnis“ und Freiheit zu fragen einen Weg gewiesen aus der Enge eines Denkens und Lebens, das Antworten gesucht, aber nicht gefragt und deshalb Antworten einfach übernommen hat.Sie bringt ihre Fragen zur Sprache &#8211; auf diese Weise sind mir auch meine nicht gefragten, aber doch in mir vorhandenen Fragen bewusst geworden und ich konnte mich als ein Mensch erkennen, der jawohl Fragen hat und der die auf das &#8222;große Ganze&#8220; gerichteten Fragen der Philosophie als Brücke zu eigenen Fragen betreten konnte.</p>
<p>Sie hinterfragt &#8211; sie nimmt sich die Freiheit, Dinge, Worte, Vorstellungen, Begriffe, Überzeugungen, Bilder….zu hinterfragen, mit denen wir täglich und fraglos umgehen. Durch diese Freiheit zu hinterfragen, kann sie mir helfen und hat sie mir geholfen, größere Klarheit über innere Machtverhältnisse zu gewinnen und zu klären, wer oder was mich bestimmt und beherrscht.</p>
<p>Sie antwortet, jedoch nicht end-gültig &#8211; und lädt mich durch ihre offenen Antworten zum inneren und äußeren Dialog ein; eine befreiende Einladung für (einen) Menschen aus geschlossenen Denk-Systemen und zugleich Hinweis, wie diese überwunden werden können.</p>
<p>Hier ein Beispiel einer kürzlich erfolgten Begegnung mit der Philosophie in der beschriebenen Art, die damit begann, dass jemand meinem Mann und mir das Buch „Zeit der Zauberer“ von W. Eilenberger schenkte: <em>„Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie -auf ihnen &#8211; über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) </em><em>Er muss die Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.“ </em><em>(Wittgenstein, Tractatus, Eintrag 6.54, gefunden in Eilenberger, Zeit der Zauberer, S.94)</em></p>
<p>Diese Sätze von Wittgenstein, haben einen bedeutsamen Anteil an dem Prozess in mir, der mit dem Benennen und Aussprechen von bisher Unaussprechlichem eine besondere Intensität erreicht hat. Sie haben während des Lesens eigene Sätze samt dem Bild der Leiter und eine Art von Gewissheit in mir entstehen lassen, dass ich diese eigenen Sätze, die große Macht in mir haben, als sinn-los werde ansehen können, wenn ich tue, was hier beschrieben ist, ungeachtet ihrer bisherigen Macht in meinem Leben.</p>
<p>Als Inbegriff dessen, was so große Macht in mir hatte und (beinahe) alles in mir durchtränkt hatte, waren in mir bestimmte Sätze und Überzeugungen präsent und sehr oft hoch aktiv.</p>
<p>Sie begannen ihre Macht &#8211; und damit ihren Sinn &#8211; zu verlieren,</p>
<p>als ich <u>durch</u> sie (Indem ich sie nicht mehr mit den Augen eines angstvollen Kindes anschaute, sondern genau hinschaute und sie hinterfragen und dann furchtlos anschauen konnte…)</p>
<ul>
<li><u>auf ihnen &#8211; </u>(In diesem Moment war ich nicht mehr unter ihrer Macht, sondern sie waren „unter meinen Füßen“, weil ich sie beurteilen konnte…)</li>
</ul>
<p><u>über sie hinaus stieg. </u></p>
<p>Als das, was sie für mich gewesen waren, hatte ich sie in diesem Moment hinter mir gelassen. Sie selbst sind mir so zur Leiter geworden, auf der ich über sie hinausgehen konnte. Diese Leiter konnten nur diese Sätze selber sein. Alle anderen Sätze hätten durch sie doch widerlegt werden können, so lange sie noch die Festung ihrer Macht in mir behaupten konnten. So war es oft genug geschehen. Viele andere Sätze sind an ihnen zerborsten und gescheitert, die mir eine andere Richtung weisen wollten und hätten weisen können.</p>
<p>Ich musste diese Leiter dann wegwerfen, um nicht wieder zu bzw. unter diese Sätze zurückzukehren.In diese Richtung liegt der „richtige“ Blick auf „die Welt“: als ihr gegenüber.</p>
<p>11.11.18 Annke Höfer</p>
<p>&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.</p>
<pre><!-- [if !supportEmptyParas]-->
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<p>&nbsp;</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Habermas und die Religion: &#8222;Weil so vieles zum Himmel schreit&#8220;</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/239_habermas-und-die-religion_juergen-habermas-philosoph</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Jun 2009 09:51:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Dringende philosophische Fragen]]></category>
		<category><![CDATA[Habermas]]></category>
		<category><![CDATA[Ist Philosophie eine Lebenshilfe?]]></category>
		<category><![CDATA[Religionskritik]]></category>
		<category><![CDATA[Habermas und Religion]]></category>
		<category><![CDATA[Religion gedeutet von Habermas.]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Warum der Philosoph Jürgen Habermas den Dilaog mit religiösen Menschen und Theologejn sucht Von Christian Modehn SIEHE AUCH DIE AKTUALISIERUNGEN 2019 ZUM THEMA. Sowie die Hinweise 2014. Anläßlich des 80. Geburtstages von Jürgen Habermas habe ich für NDR, Redaktion Glaubenssachen, Sendung am 14. 6. 2009, einen Beitrag über diesen bedeutenden Philosophen geschrieben. Hier biete ich [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Warum der Philosoph Jürgen Habermas den Dilaog mit religiösen Menschen und Theologejn sucht<br />
Von Christian Modehn</p>
<p>SIEHE AUCH DIE <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/11737_juergen-habermas-wird-90-sein-thema-welche-religionen-koennen-heute-noch-hilfreich-sein-fuer-die-saekulare-gesellschaft-und-den-staat_aktuelle-buchhinweise/philosophische-buecher">AKTUALISIERUNGEN 2019 </a>ZUM THEMA. Sowie die <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/5510_relgion-vor-der-herausforderung-der-vernunft-zum-85-geburtstag-vonm-juergen-habermas_aktuelle-buchhinweise/philosophische-buecher">Hinweise 2014</a>.</p>
<p>Anläßlich des 80. Geburtstages von Jürgen Habermas habe ich für NDR, Redaktion Glaubenssachen, Sendung am 14. 6. 2009, einen Beitrag über diesen bedeutenden Philosophen geschrieben. Hier biete ich eine längere Fassung dieses Textes.</p>
<p>1.</p>
<p>Philosophen werden in der Öffentlichkeit häufig mit einem  einzigen Begriff oder einer Metapher identifiziert. Immanuel Kant steht für den „Kategorischen Imperativ“, Martin Heidegger für die „Seinsfrage“. Von Jürgen Habermas hat sich  &#8211; inzwischen weltweit &#8211; herumgesprochen, er sei „religiös unmusikalisch“. Es ist für Habermas durchaus ungewöhnlich, überhaupt Einblick in seine persönliche Weltanschauung zu geben, hat er sich doch immer gescheut, über Privates und Familiäres öffentlich zu sprechen. Vor 80 Jahren, am 18. Juni, wurde er in Düsseldorf geboren. Er beschreibt den Geist seines Elternhauses selbst mit „liberal – protestantisch“. Die biblische Botschaft war nur aus der Ferne, vom Hörensagen, bekannt. Mit einer Kirchen &#8211; Gemeinde war er nie eng verbunden. Seine fehlende Begabung für religiöse Fragen hat der international hoch geschätzte und vielfach ausgezeichnete Wissenschaftler mit einem umfangreichen Werk kompensiert. Darin diskutiert er die Grundlagen menschlicher Kommunikation und die Strukturen einer vernünftigen, nicht mehr religiös geprägten Ethik. Unermüdlich hat er als streitbarer Bürger zahllose kritische Kommentare zum Zeitgeschehen publiziert. In den großen Kreis der „religiös unmusikalischen Menschen“ hat sich Habermas im Jahr 2001 in aller Deutlichkeit eingereiht. Früher sprach man eher davon, mit der „Gnade des Glaubens“ von Gott nicht beschenkt zu sein. Aber heute sind die religiösen Begriffe in der Öffentlichkeit so weit verschwunden, dass sich die meisten „religiös Unmusikalischen“ mit den eher prosaischen Titeln „Atheist“ oder „weltlicher Humanist“ begnügen. Sie erklären ihren Unglauben zur bloßen Privatsache und kümmern sich eigentlich nicht weiter  um die „anderen“, die Religiösen,  genauso wie die Frommen wenig Neigung haben, neugierig und lernbereit mit Atheisten zu sprechen. Der Dialog der verschiedenen Religionen ist heute an vielen Orten eine Selbstverständlichkeit; an einem ausführlichen Gespräch zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden hingegen haben nur wenige Interesse. Habermas will das ändern. Er erinnert sich offenbar daran, dass schon so manch ein Unmusikalischer durch eindringliche Schilderungen eines Musikbegeisterten wenigstens die „Zauberflöte“ schätzen gelernt hat. Und ein musikalisch völlig Ahnungsloser konnte einem Opernfreund klar machen: Ich bin auch ohne intime Kenntnisse über „Lohengrin“ und „Tannhäuser“ glücklich. Habermas hatte als junger Erwachsener entscheidende Begegnungen mit glaubenden Menschen. Sie zeigten ihm, wie viel Vitalität und Widerstandskraft dem Glauben entspringen kann: Als Student zu Beginn der fünfziger Jahre lernte er evangelische Theologieprofessoren kennen. Sie konnten ihm zwar nicht den Besuch von Gottesdiensten schmackhaft machen. Aber sie haben ihn als Menschen, als politischen Bürger, geprägt.</p>
<p>„Es lehrten in Bonn die Theologen Helmut Gollwitzer und Hans Joachim Iwand, die sich während der Nazi Zeit nicht hatten korrumpieren lassen. Sie hatten in der frühen Bundesrepublik den Mut, gegen einen erdrückenden Konformismus mit ununterbrochen fortdauernden Nazi- Mentalitäten den Mund aufzumachen. Von solchen Theologen habe ich den aufrechten Gang gelernt“.</p>
<p>Opportunistische Anbiederei an die Herrschenden hat Habermas seit der Zeit als eine große Untugend gebrandmarkt. Die beiden authentischen Theologen haben aber noch einen anderen, nicht minder prägenden Eindruck hinterlassen:</p>
<p>„Ich konnte auch die spirituelle Tradition, aus der sie lebten, nicht einfach polemisch beiseite schieben“.</p>
<p>2.</p>
<p>Es ist genau diese biblische Tradition, die Habermas nicht einfach beiseite schiebt, auch wenn er sich bis heute „Agnostiker“ nennt. Er sieht sich als Philosoph zwar außerstande, die grundsätzlichen Fragen der Metaphysik, etwa nach der Existenz Gottes, definitiv zu beantworten. Aber er kann es nicht leugnen, dass die großen Ideale der Freiheit und Selbstbestimmung jüdisch – christliche Wurzeln haben. Dabei haben die Kirchen als Institutionen diese Emanzipation Europas hin zu Demokratie und allgemeiner Menschenwürde allerdings eher behindert.</p>
<p>„Aber die Idee des solidarischen Zusammenlebens, der Emanzipation und der individuellen Gewissensmoral ist ein Erbe der jüdischen Ethik der Gerechtigkeit und der christlichen Liebesethik“.</p>
<p>Der „religiös Unmusikalische“ hat den Dialog mit Glaubenden immer gepflegt: In den siebziger Jahre als Professor in Frankfurt und später am Max Planck Institut in Starnberg hat er Theologen zum Gespräch getroffen, zu seinen Gästen gehörten Dorothee Sölle, Johann Baptist Metz und Jürgen Moltmann. Er widersetzte sich damit den Üblichkeiten seiner Freunden und Kollegen aus linken, zum Teil marxistisch geprägten Kreisen. Sie sahen es als eine Selbstverständlichkeit an, dass bei zunehmendem ökonomischen Fortschritt und dem Ausbau des Sozialstaates die religiöse Frage im ganzen an Bedeutung verliere. Die Verweltlichung des Lebens, die Säkularisierung, verdränge letztlich die Religionen, meinten sie.<br />
Hingegen hat Habermas zur Kenntnis genommen, dass sich in den letzten Jahren immer wieder neue religiöse Gruppierungen in den Mittelpunkt drängen, wie die Pfingstler und die Evangelikalen oder die extrem fundamentalistisch geprägten muslimischen Kreise. Andererseits gibt es eine große Bewegung sozial engagierter Basisgemeinden in Lateinamerika, Afrika und auf den Philippinen: Sie versuchen linke politische Impulse mit der Bibel zu versöhnen. Habermas zweifelt also an der beinahe üblichen Einschätzung, Gott sei tot. Darum müssen ganz neue Begriffe geschaffen werden, die dieser Entwicklung entsprechen. Er nennt unsere Gegenwart „post-säkular“. D.h.: Sie ist gleichzeitig  geprägt von  frommen wie auch von ungläubigen, „säkulären“ Menschen. Als Habermas seine Dankesrede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Oktober 2001 hielt, waren die Terroranschläge in New York gerade fünf Wochen vergangen. Auf dieses Ereignis muss er als kritischer Kommentator des Zeitgeschehens eingehen.</p>
<p>„Im Terrorismus äußert sich auch der verhängnisvoll sprachlose Zusammenstoß unterschiedlicher religiöser Welten. Aber jenseits der Gewalt müssen sie eine gemeinsame Sprache entwickeln!“</p>
<p>3.</p>
<p>Eine gemeinsame menschliche Sprache wieder finden: Habermas hat damit das Motto seines philosophischen Programms zusammengefasst. Den neuen religiösen Herausforderung möchte er noch entschiedener als zuvor mit der Kraft der Argumente begegnen. Für ihn ist es ein Weg ins Verderben, angesichts der Verbrechen fundamentalistisch geprägter Kreise in blindem Wahn neue Kreuzzüge zu beschwören und oder gar Religionskriege großen Ausmaßes für möglich halten. Die Grundlagen seiner Philosophie lauten ganz anders:</p>
<p>„Wenn sich die Menschen nur auf  das Gespräch einlassen und  wenn jeder Teilnehmer des Dialogs als gleichwertig gilt, dann kann aus Verständigung doch noch Versöhnung werden“.</p>
<p>Aber Versöhnung kann niemals die Vorherrschaft der einen Meinung über die andere bedeuten: Auf die Toleranz kommt es an, entscheidend ist die wechselseitige Anerkennung von Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen und Bekenntnisse:</p>
<p>„Toleranz heißt, dass sich Gläubige, Andersgläubige und Ungläubige gegenseitig Überzeugungen und Lebensformen zugestehen, die sie für sich selbst ablehnen. Dieses Zugeständnis muss sich auf eine gemeinsame Basis gegenseitiger menschlicher Anerkennung stützen, nur so lassen sich Widersprüche überbrücken. Die Basis für die Anerkennung der anderen Positionen ist die Gemeinschaft gleichberechtigter Bürger“.</p>
<p>Für eine Kultur der Toleranz und des friedlichen Miteinanders zu plädieren, hat oft den beliebigen Ton einer „netten Sonntagsrede“. Habermas vermeidet solche Belanglosigkeiten. Er erinnert mit scharfen Worten an die bedrohliche Situation der Menschheit. Dabei benutzt er häufig eine Metapher, die aus Welt der hoch spezialisierten Technik stammt: Er befürchtet, dass die moderne Welt, so wörtlich,  „entgleisen“ könnte, also in einer Katastrophe ihr Ende findet. Das Unglück muss verhindert werden, denn der Zug  rast bereits auf die falsch gestellten Weichen zu. Als Philosoph präsentiert er in allgemeinen, aber nicht minder schockierenden  Worten „die Welt kurz vor der Entgleisung“:</p>
<p>„Es gibt dauernde Verstöße gegen allgemeine Gerechtigkeitsnormen. Die Lebenschancen in einzelnen Ländern, aber auch auf Weltebene sind völlig ungleichmäßig  verteilt. Das drastische Elend nimmt zu. Die Regierungen haben den entfesselten,  so genannten freien Märkten einfach freien Lauf gelassen. Die Europäische Union ist keine Gestaltungskraft mehr, sie wird zur bloßen Freihandelszone. Als Konsequenz dieses Vordringens ökonomischen Denkens werden auch die menschlichen Beziehungen nach Kosten und Nutzen beurteilt. Der moralische Auftrag, verantwortlich für andere und mit anderen zu handeln, verschwindet. Die Bürger in den wohlhabenden Ländern richten ihre egoistischen Vorhaben und ihre subjektiven Rechte wie Waffen gegeneinander. Die Entfremdung unter den Menschen ist so weit fortgeschritten, dass die meisten diese Entfremdung gar nicht mehr spüren. Sie wissen nicht mehr, dass ihr Leben falsch ist“.</p>
<p>4.</p>
<p>Wer diese Analysen von Habermas hört, fühlt sich manchmal  an den Protest alttestamentlicher Propheten erinnert. Aber das Jammern, Wehklagen und Weinen eines Jeremias oder Amos ist nicht Aufgabe des Philosophen. Er setzt darauf, die Stimme der Vernunft über alle ideologischen und religiösen Grenzen wirksam zu Gehör zu bringen:</p>
<p>„Die praktische Vernunft verfehlt ihre eigene Bestimmung, wenn sie nicht mehr die Kraft hat, bei den profanen Bürgern ein Bewusstsein für die weltweit verletzte Solidarität zu wecken und wach zu halten, und ein Bewusstsein von dem zu erzeugen, was zum Himmel schreit“.</p>
<p>So vieles schreit heute zum Himmel, meint Habermas, aber „hört“ der Himmel die Stimme der Verzweifelten? Für den „Agnostiker“  Habermas kommt der Himmel als Ort des Trostes nicht in Frage. Rettung angesichts der „Entgleisungen“ kann es für ihn nur in einer  gemeinsamen Anstrengung der Menschen geben. Als Philosoph setzt er darum wieder und wieder auf das Gespräch. Aber damit meint er  nicht das nette, kluge Plaudern ohne jede Verbindlichkeit. Er meint den Dialog, der von Lernbereitschaft bestimmt ist. Darum macht er weit reichende Vorschläge, wie religiöse und nichtreligiöse Menschen miteinander hier in Europa umgehen sollten. Den Atheisten und weltlichen Humanisten mutet er zu, von den Werten religiöser Menschen zu lernen.</p>
<p>„Schon in der heute gängigen Alltagssprache zeigen sich noch Verweise auf christlich fundierte Begriffe. Wenn wir „bitten“  sagen, klingt das „Beten“ noch mit. Wenn wir  das Wort „bezeugen“ verwenden, schwingt das „Zeugnis Ablegen“ noch mit. Wenn wir meinen, etwas sollte wieder „heil“ werden, klingt das „Heilige“ noch aus der Ferne“.</p>
<p>Habermas versucht, den religiös Unmusikalischen die unterschwellige Anwesenheit des Religiösen im scheinbar prosaischen „säkularen“ Alltag aufzuzeigen. Er plädiert bei den Atheisten für christliche Weisheitslehren, gerade weil sie menschlich wertvoll und unverzichtbar sind.</p>
<p>„Wir säkularen Bürger kennen nur das moralisch Falsche, haben aber den Sinn für das abgrundtief Böse verloren. Wir wollen verzeihen, wissen aber nicht, wie wir mit dem angetanen Leid umgehen können. Wir beklagen das Leid unschuldig misshandelter und getöteter Menschen, wissen aber nicht, was der Lebenssinn dieser sinnlos Ermordeten sein könnte“.</p>
<p>Kann die menschliche Vernunft darauf jemals eine Antwort finden? Habermas ist da skeptisch. Er sieht die Begrenztheit der weltlichen Moral. Aber er kann auf sie niemals verzichten. Denn nur die Ethik ist in ihrer von Vernunft geprägten Argumentation tatsächlich allen Menschen aller Religionen und Weltanschauungen zugänglich. Aber das schließt ja nicht aus, dass das Christentum den Atheisten und Humanisten neue Horizonte und weiterführende Perspektiven eröffnet. Nur muss dann eine Voraussetzung erfüllt sein: Die Christen müssen ihre religiösen Traditionen in einer vernünftigen Sprache und in allgemein nachvollziehbaren Begriffen darstellen. Sie müssen also bereit sein, ihre eigenen, spirituell bestimmten Wertvorstellungen zu übersetzen und möglicherweise Übersetzungshilfen vonseiten der Philosophen anzunehmen.. Habermas nennt ein Beispiel gelungener Übersetzungsarbeit:</p>
<p>„Die Bibel spricht davon, dass jeder einzelne Mensch Gottes Ebenbild ist. Weltlich übersetzt und deswegen plausibel für alle könnten wir sagen: Diese Ebenbildlichkeit gegenüber Gott meint die gleiche und unbedingt zu achtende Würde aller Menschen. Kein Mensch darf  als Zweck für anderes missbraucht werden. Durch diese Übersetzung einer religiösen Botschaft in die weltliche Sprache bleibt die Religion für die Menschheit im ganzen von Bedeutung. Die Religion wächst aus der kleinen Gemeinde der Frommen heraus“.</p>
<p>5.</p>
<p>Aber der spirituelle „Mehrwert“  dieser religiösen Bilder kann dabei nicht bewahrt werden. Denn vom Gott selbst als absolutem Wesen ist z.B. in der weltlichen Deutung der Gott- Ebenbildlichkeit des Menschen nicht mehr die Rede. Einzig die humane, die menschliche Bedeutung steht im Mittelpunkt. Darüber ist Habermas nicht unglücklich. Denn für ihn wäre es schon ein hoher Gewinn für die Staat und Gesellschaft, wenn alle unterschiedlichen Gruppen die  Würde eines jeden Menschen in der Praxis unbedingt achten.<br />
Diese Argumente inspirieren, noch weiter zu denken: Gehören denn die Bilder aus den Gleichnis Erzählungen Jesu von Nazareth nur den Kirchen? Dürfen sich nur die Gemeindemitglieder an der Erzählung vom Verlorenen Sohn erfreuen? Also an jener Geschichte von dem liebenden Vater, der seinen Sohn wieder aufnimmt, als er nach Jahre langen Abenteuern und moralischen Irrwegen zurückkehrt: Ohne Vorwürfe heißt er ihn willkommen und bereitet sogar ein Festmahl. Diese Erzählung vom „verlorenen Sohn“ kann auch Atheisten zu einem „großherzigen“ Lebensstil verleiten, jenseits aller bürgerlichen Üblichkeiten.  Sollten die Christen nicht dankbar sein, wenn diese Gleichnisse Jesu auf neue Art an ungeahnten Orten weiterleben? Weil „so vieles zum Himmel schreit“, weil überall Gerechtigkeit und Toleranz mit den Füßen getreten werden, müssen alle Gruppen in der Gesellschaft ihre dogmatisch verfestigten Ideologien überwinden. Wenn die Religionen sich im Getto einschließen, kann nur Gewalt entstehen. Wer nur seine religiöse Tradition achtet, vergisst das Interesse an der Gestaltung der Welt. Darum lässt Habermas nicht locker: Christen sollen die Gestaltung einer gerechten Gesellschaft genauso ernst nehmen wie die Pflege ihrer Frömmigkeit. Mit anderen Worten: Die Religionen, in unseren Breiten vor allem die Kirchen, müssen sich verändern.</p>
<p>„Die Religionen sollten den Pluralismus der Weltanschauungen anerkennen. Keine Religion hat heute ein Monopol, keine religiöse Gruppe „hat“ die Wahrheit. Die Religionen müssen anerkennen, dass heute nur die Wissenschaften qualifiziert deuten. Religiöse Mythen haben ihren Platz einzig im Gottesdienst. Die Frommen müssen anerkennen, dass die Moral sich heute einzig in der vernünftigen Diskussion erschließt. Einzig die allen gemeinsame Vernunft hat das letzte Wort, wenn es um das Zusammenleben der Menschen geht“.</p>
<p>Die Zumutung verbindet Habermas mit einer dringenden Mahnung an die andere Seite, die Atheisten, Skeptiker und Agnostiker. Auch von ihnen verlangt er um der Rettung der Menschheit willen ein „neues Denken“ :</p>
<p>„Säkulare Mehrheiten dürfen keine Beschlüsse fassen, bevor sie nicht dem Einspruch von religiösen Opponenten<br />
Gehör geschenkt haben. Sie müssen diesen Einspruch als eine Art aufschiebendes Veto betrachten, um zu prüfen, was sie selbst daraus lernen können“.</p>
<p>6.</p>
<p>Jürgen Habermas ist inzwischen zu einem Moderator zwischen Atheisten und Glaubenden geworden. Als Brückenbauer geht er selbst mit gutem Beispiel voran: Er hat sich mit einem der religiös wohl hoch „Musikalischen“  unter allen Frommen in München zu einem viel beachteten Dialog getroffen, mit Joseph Ratzinger. Damals, im Januar 2004, war er noch als katholischer Chef &#8211; Theologe der Leiter der römischen Glaubensbehörde in Rom. Diese Begegnung in der Katholischen  Akademie München wurde von den Medien nachträglich zu einem kleinen Weltereignis hochgespielt, obwohl es unter strenger Geheimhaltung nur für ein kleines, handverlesenes Publikum stattfand. Schon die Kleiderordnung war bemerkenswert: Joseph Ratzinger hatte auf seinen sonst immer üblichen Kardinals- Talar mit dem goldenem Brustkreuz verzichtet. Er trug einen schwarzen Anzug mit dem eher unauffälligen weißen Kollar eines gewöhnlichen Klerikers. Dadurch wollte er schon vom Äußeren her als Wissenschaftler und weniger als römische Amtsperson erscheinen. Die Fotos zeigten zwei alte, ergraute Herren, die tief versunken im Gespräch einzig ihren Gedanken nachgingen. Der Atheist und der Glaubenswächter hatten sich ein hoch komplexes Thema ausgesucht. Es hieß: “Vorpolitische moralische Grundlagen eines freiheitlichen Staates“. Damit sollte angedeutet werden, dass die westliche Demokratie auf Werten beruht, die außerhalb des politischen Kalküls liegen. Zum Beispiel muss der Staat erwarten, dass die Bürger Zuverlässigkeit und Wahrhaftigkeit, Solidarität, Mitgefühl und Toleranz hoch halten. Aber diese Werte kann der Staat als solcher nicht schaffen, sie müssen sozusagen von außen, etwa von Philosophien oder Religionen,  vorgestellt und gefördert werden. Darin waren sich der Philosoph und der Kardinal einig. Und diese Übereinstimmung  wurde in den Medien oft hoch gepriesen; manch ein Journalist ließ sich später zu der Vermutung hinreißen: Dieses scheinbare Einvernehmen von Jürgen Habermas mit Joseph Ratzinger habe sogar noch bis in die Papstwahl 2005 hineingewirkt: Alle Kardinäle hätten einmal mehr die intellektuelle Brillanz Kardinal Ratzingers erlebt. Aber Habermas hat bei einem späteren Gespräch mit den Jesuiten in München eindeutig festgestellt:  Zwischen ihm, dem religiös Unmusikalischen und dem religiös hochbegabten Papst, liegen Welten. Denn der Führer aller Katholiken glaubt, einzig die religiösen Ideale des Christentums könnten die dringend erforderlichen Werte bereitstellen, um die Entgleisung der Welt zu verhindern. Die menschliche Vernunft sei hilflos, segensreich könne nur die christliche Religion sein. Joseph Ratzinger meint allen Ernstes: Nur das Christentum sei hilfreich, das „selbstverständlich“ einzig von Papst und Bischöfen authentisch interpretiert wird. Ohne die moralische Führung durch die Kirche gehe die Welt in die Irre. Habermas als Philosoph kann sich dieser Haltung nicht anschließen. Er empfindet es als Hochmut, wenn ein einzelner Gesprächspartner überhaupt auf die Idee kommt, zu behaupten: Ich besitze die Wahrheit. Darum hat Habermas für alle weiteren Religionsgespräche noch einmal die Prämisse unterstrichen:</p>
<p>„<em>Einzig mit den Mitteln der Vernunft können wir Werte formulieren, die dann für alle als Leitlinien empfohlen werden“.</em></p>
<p>Die höchsten Autoritäten der katholischen Kirche und viele Kreise der evangelikalen Protestanten stellen sich taub, sie können diese Position noch nicht annehmen. Sie wollen nicht die Offenbarung auf den Bereich der Gläubigen und die Gemeinden einschränken, sondern mit „Gottes Wort“ Gesellschaft und Staat unmittelbar gestalten. Habermas aber lässt sich als Brückenbauer und Moderator von solchen Irritationen nicht beirren: Er hält an seinem „Dialog – Programm“ fest und fordert, angesichts der Krise der Menschheit einzig auf vernünftige Argumente zu setzen. Habermas ermuntert,  an dieser Haltung trotz aller Rückschläge festzuhalten:</p>
<p>„Bei allem empirisch begründeten Pessimismus über die Aussichten eines weltweiten Zustandes von Recht und Gerechtigkeit sollten wir die Hoffnung nicht aufgeben. Das Engagement für eine Neue Weltordnung könnte sich doch noch lohnen. Dabei fühlen wir uns zu diesem Engagement moralisch verpflichtet“.</p>
<p>Eine beinahe gläubige Haltung haben einige Beobachter aus dieser Stellungnahme herausgehört und eine Stimme der Hoffnung vernommen, die fast in religiöse Dimensionen weist. Aber Habermas weist solche Interpretationen zurück: Er sei Philosoph und nichts anderes! Er müsse in aller Nüchternheit die Sache der Vernunft hochhalten, mehr nicht. Denn nur die Vernunft kann davor bewahren, dass „alles entgleist“.</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
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