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	<title>Was hat Religion mit Philosophie zu tun? Archive &#8211; Religionsphilosophischer Salon</title>
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	<description>... eine Einladung zum Mitdenken und Mitdiskutieren</description>
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		<title>HEGEL heute: Wer ist der Mensch? Was ist der Sinn der Geschichte? Welche Religion ist vernünftig?</title>
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		<pubDate>Sun, 22 Mar 2020 13:18:49 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Ein etwas ausführlicher Hinweis von Christian Modehn. Angesichts des zentralen Themas der ganzen Philosophie Hegels gilt dieses Motto: „Was wäre sonst der Mühe wert zu begreifen, wenn Gott unbegreiflich ist?“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Band I, Suhrkamp Ausgabe, Frankfurt, 1969, S.44) 1. Kann man zur Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels eine kurze Einführung [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12524_hegel-heute-wer-ist-der-mensch-was-ist-der-sinn-der-geschichte-welche-religion-ist-vernuenftig_religion-und-philosophie">HEGEL heute: Wer ist der Mensch? Was ist der Sinn der Geschichte? Welche Religion ist vernünftig?</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein etwas ausführlicher Hinweis von Christian Modehn.</p>
<p>Angesichts des zentralen Themas der ganzen Philosophie Hegels gilt <em>dieses Motto</em>:<br />
„Was wäre sonst der Mühe wert zu begreifen, wenn Gott unbegreiflich ist?“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Band I, Suhrkamp Ausgabe, Frankfurt, 1969, S.44)</p>
<p>1.<br />
Kann man zur Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels eine kurze Einführung bieten? Das will ich &#8211; etwas übermütig &#8211; probieren. Hegels Philosophie ist immer schon hoch umstritten, vielfach auch im Widerspruch interpretiert. Aber kein Philosophierender kann auf Hegels Anregungen verzichten. Manche wissen allerdings nur, dass Karl Marx Hegel gelesen hatte und ihn auf seine Weise reduzierte &#8230; mit allen welthistorischen, z.T. sehr unangenehmen Konsequenzen (Stalinismus etc.)<br />
Hier geht es also um eine bescheidene Einführung zu einem umfassenden Werk. Einführungen sind bekanntlich nur Hinführungen, Anstöße zum Gespräch, Impulse zum Weiterlesen, Weiterforschen. Und, auch dieses noch: Warum könnte man sich nicht auch die Frage stellen: Sind die Erkenntnisse Hegels, die hier vorgestellt werden, vielleicht sogar eine Hilfe, sein eigenes Leben reflektierter und vernünftiger, d.h. geistvoller zu gestalten?<br />
2.<br />
Als allgemeine Orientierung gilt: Hegels Philosophie ist keine Spielerei mit Begriffen, sie ist <em>keine philosophische „l Art pour l art“</em>. Darauf hinzuweisen ist wichtig, weil die sprachliche Gestalt der meisten Veröffentlichungen Hegels und auch die Texte seiner Berliner Vorlesungen ziemlich schwierig für den Ungeübten erscheint. Hegels Philosophie ist eine ganze geistvolle „Welt“, die sich als Angebot einer Deutung der Geschichte, Menschen und dem Göttlichen zur Reflexion darbietet. Ohne diesen Anspruch ist Hegel nicht „zu haben“.<br />
Aber es ist vielleicht auch hier so wie bei der Musik: Man könnte bei der Hegel &#8211; Lektüre versuchen, sozusagen denkend „mitzuschwingen“. Denn seine Philosophie ist ein Geschehen, sie ist Bewegung, ein Hin und Her als Annäherung an eine höhere Stufe der Erkenntnis! Und vom Widerspruch zur These geht es wieder zurück zu dem neu verstandenen Ausgangspunkt. Hegels Philosophie ist gerade wegen ihrer Bindung an die Dialektik nichts Starres. Sie ist Leben, ein Leben, das um das eigene, tiefste Verstehen ringt. Die Hörer seiner Vorlesungen an der Berliner Universität berichteten, wie Hegel selbst seine Vorträgen förmlich wie Selbstgespräche hielt und dabei sein Denken, seinen “Denkfluss“, öffentlich zeigte, denen sich die Hörer anschließen mussten, wollten sie diese Welt verstehen.<br />
Es geht also um ein Einsteigen in die Bewegtheit, könnte man sagen. Erst nach diesem Mitvollzug kann dann die kritische Distanz gelingen. Einige einführende Hinweise zu dieser Einführung sind notwendig:<br />
3.<br />
Hegels philosophisches Denken ist <em>in einer bestimmten politischen und gesellschaftlichen Situation entstanden und von dieser im Ganzen geprägt</em>: Es ist die Erfahrung der Französischen Revolution, dieses radikalen Umstürzen der alten feudalen Unordnung, der Herrschaft der wenigen über die unterdrückten Vielen, also das hart erkämpfte Sich &#8211; Durchsetzen der Freiheit und Würde eines jeden Menschen. Der Philosoph Joachim Ritter (Münster) hat schon 1956 Grundlegendes über diese kaum zu überschätzende Bedeutung der Französischen Revolution für das ganze Denken Hegels nachgewiesen: „Es gibt keine zweite Philosophie, die so sehr und bis in ihre innersten Antriebe hinein Philosophie der Revolution wie die Hegels“ (Joachim Ritter, Hegel und die Französische Revolution, Westdeutscher Verlag 1957, S. 15). „Hegel hat immer die Französische Revolution bejaht“ (ebd. S. 17. Dabei weiß Hegel natürlich genau, dass dieser grundlegende Umbruch in der Weltgeschichte „diesen“, so Hegel wörtlich, „herrlichen Sonnenaufgang“ (S. 18 ebd.), immer neu weiter gestaltet werden muss! Hegel bearbeitete die Erfolge und auch die Gefährdungen der Französischen Revolution, er weiß aber, dass die Errungenschaften der Revolution wichtiger zu nehmen sind: Also die Menschenwürde, die Emanzipation, die Gleichheit aller Menschen, Themen, die uns heute bewegen. Und die es zu verteidigen gilt. Insofern ist Hegels Philosophie in vielen ihrer Vorschläge alles andere als vergangen. Hegel ist vielmehr in mancher Hinsicht eine Art Zeitgenosse, der oft Zustimmung verdient, immer aber kritisches Nachfragen.<br />
Hier wäre auch noch an die sehr frühe Begeisterung für die Französische Revolution der Studenten Hegel, Hölderlin und Schelling an der Universität Tübingen (und dem gemeinsamen Wohnen im „Stift“ dort) zu erinnern. Dazu schreibt der Hegel-Spezialist Klaus Vieweg: “<em>Die Revolution ist Hegels politisches Grunderlebnis</em>“ (S. 67 in der sehr umfangreichen Studie: „Hegel &#8211; Der Philosoph der Freiheit“, 2019). Hegel hat schon als junger Mensch in Tübingen unter der politischen (und kirchlichen) Reaktion gelitten, unter dem deutschen Nationalismus. Nicht die Nation sollte entscheidend sein, sondern die freiheitliche und vernünftige Rechtsidee.<br />
4.<br />
Mit der grundsätzlichen <em>Zustimmung zu den Idealen der Französischen Revolution,</em> und trotz aller Kritik an den Verirrungen im politischen Handeln der Revolutionäre, hat Hegel doch diese neue Zeit der Freiheit als alles gründenden Wert geschätzt. Diese welthistorische Wende wollte er denkend vertiefen, auf den Begriff bringen. Und sie mit der Erfahrung der Unfreiheit im Leben des einzelnen wie der Gesellschaft konfrontieren, also der Entfremdung vom eigentlichen menschlichen geistvollen Leben. Es ist die Fremdbestimmung, der Verlust der Freiheit, was Hegel überwinden will. Es ist dieses Leiden an den „Verhältnissen“ und den zunehmend reaktionären Zuständen nach den Karlsbader Beschlüssen, das Hegel zum systematischen Denken treibt. Und damit macht er es sich zur Pflicht, an der Auflösung des Erstarrten, Leblosen, Geistlosen denkend zu arbeiten. Dieses Ziel nennt Hegel die Versöhnung, also das Sich Befreien aus dem falschen Leben hin zum Leben in Freiheit: Der Mensch will als freies Wesen bei sich selbst sein, auch in der Gesellschaft, im Staat und in der Kirche „bei sich selbst“ sein. Entscheidend ist: Menschliche Freiheit ist für ihn „Bei-sich-selbst-Sein. Es ist also der Versuch, das den Menschen umgebende Ganze in die Erkenntnis eines umfassenden „Bei sich selbst seins“ zu führen. Die prinzipielle Fremdheit der Welt kann nur zunächst im Denken überwunden werden, damit dann auch der Staat und die Religion frei gestaltet, also vernünftig gestaltet werden können.<br />
5.<br />
Diese Versöhnung, soll sie denn gelingen, muss also notgedrungen im Denken beginnen. Nur im philosophischen Denken kann der Widerspruch im Leben des einzelnen wie der Gesellschaft erkannt, also begrifflich kritisch gefasst werden. Alles blinde, begriffslose Herum-Agieren der so genannten „Praktiker“, auch der Politiker, hat Hegel verschmäht. Zuerst kommt das philosophische Denken! Aber es entspringt bereits der Lebenspraxis, dem Leiden an den Verhältnissen. Und dann folgt die durch Klarheit der Begriffe erweckte NEUE Praxis als Widerstand und Widerspruch gegen die alte Praxis, gegen das alte falsche Leben und seine Ideologien.<br />
6.<br />
Man vergesse nicht: Hegels Sprache ist die Sprache eines Intellektuellen am Ende des 18. und an dem Beginn des 19. Jahrhunderts. Es die Sprache einer (uns nicht mehr so sehr vertrauten) Kultur, in der die philosophischen Debatten einen sehr hohen öffentlichen Stellenwert hatten&#8230; und der Streit der Philosophen untereinander: das leidenschaftliche, oft polemische Sich &#8211; Widersprechen und Profilieren.<br />
7.<br />
Noch eine Orientierung für „Hegel-Anfänger“: Es gilt, auf die sprachlichen Nuancen zu achten, auch auf die Neuschöpfungen von Worten und Begriffen. Man bedenke etwa an die von Hegel intendierte Mehrdeutigkeit des Wortes „<em>Aufheben</em>“, im Sinne von Bewahren und Überwinden, ein zentraler Begriff innerhalb der Dialektik. Oder: „Wirklich“ ist für Hegel nicht identisch mit „real“ oder „faktisch vorhanden“. Das gilt etwa für den oft zitierten Satz aus seiner „Rechtsphilosophie“: „<em>Was vernünftig ist, das ist wirklich. Und das, was wirklich ist, das ist vernünftig“</em>. (in: „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, Frankfurt am Main 1972, S. 11). Das Wirkliche ist im Unterschied zu dem bloß (zufällig) faktisch Vorhandenen also jenes Gegebene, das auch tatsächlich seinem wesentlichen Begriff entspricht. Ein Beispiel: Nicht jeder vorhandene Staat entspricht dem normativen Wesensbegriff eines Staates, der nur dann human ist, wenn er ein Rechtsstaat ist. Erst wenn dieser Staat als Rechtsstaat sich gestaltet, ist er nicht mehr nur ein faktisch vorhandener Staat, sondern ein „wirklicher“ (vernunftgemäßer) Staat. Das gleiche gilt etwa auch für Kirchen, die sich auf Jesus von Nazareth berufen und zur Gottes-Verehrung auffordern: Da fragt dann Hegel ganz klar: <em>Sind diese faktischen Kirchen schon wirkliche Kirchen? Eher nicht, ist seine Antwort. </em><br />
8.<br />
Es kann hier nur angedeutet werden: In der Philosophie Hegels hängt jedes einzelne Thema mit dem Ganzen zusammen. Und der Philosoph macht sich die Mühe, die Position differenziert zu beschreiben, wo sich das Einzelthema im Gesamtzusammenhang der Sache nach befindet. Hegels Denken vollzieht sich in Schritten als Stufen zu immer höherer Klarheit. Dieser Weg der Erkenntnis des einzelnen beginnt bei der sinnlichen Wahrnehmung und er führt immer weiter zur höchsten Erkenntnis, als dem Wissen des einzelnen, dass sein Geist Anteil hat am absoluten Geist. Diese mühevollen Schritte werden in Hegels „Phänomenologie des Geistes“ dargestellt.<br />
9.<br />
Wie gesagt: Hegel hat ein umfassendes, systematisches Werk hinterlassen, in dem (fast) alle philosophischen Themen und „Abteilungen“ seiner Zeit zur Sprache kommen. Hegel selbst sah seine ganze Philosophie sehr deutlich und positiv gemeint als System, „als ein sich selbst tragendes Ganzes, worin jeder Teil auf jeden anderen verweist und Teil des Ganzen ist“, so deutet der Philosoph Karl Löwith sicher treffend die Hegelsche Philosophie (in: Hegel-Bilanz, Frankfurt am Main, 1973, S. 3).<br />
In jedem Fall gilt: Hegel hat nicht etwa hübsche Essays, nicht Fragmente, nicht elegante Aphorismen (wie Nietzsche) uns hinterlassen, sondern – die ganze Last eines Systems.<br />
Hier sollen jetzt nur drei zentrale Themen etwas vertieft werden, die Mut machen könnten, sich weiter in Hegels Denken zu vertiefen. Man vergesse dabei nicht, was oben geschrieben wurde: Weil Hegels Philosophie einer Krise im Leben des einzelnen wie der Gesellschaft entspringt, kann sie uns, inmitten vieler Krisen, eine Anregung sein. Denkanregungen sind bekanntlich Anregungen zur Lebensgestaltung. In diesem Sinne ist Philosophieren immer irgendwie auch Anregung zur Lebensgestaltung. Das ist ja schon der Sinn, den griechische Philosophen den Philosophierenden, also den Philosophen, gaben: „Erkenne dich selbst“ – so hieß es im Apollo-Tempel zu Delphi, eine Maxime, die Hegel schätzte: <em>Erkenne dich selbst</em>, dann kannst du ein menschlicher, geistvoller Mensch werden. Dies ist kein Versprechen, sondern eine Hoffnung, die von der Qualität des einzelnen abhängt! Hier möchte ich ein erwas längeres Zitat Hegels aus seiner „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ § 377 anbieten: „Die Erkenntnis des Geistes ist die konkreteste, darum höchste und schwerste. Erkenne dich selbst, dies absolute Gebot hat weder an sich, noch da, wo es geschichtlich als ausgesprochen vorkommt, die Bedeutung nur einer Selbsterkenntnis nach den partikulären Fähigkeiten, Charakter, Neigungen und Schwächen des Individuums! Sondern die Bedeutung der Erkenntnis des Wahrhaften des Menschen wie des Wahrhaften an und für sich, &#8211; des Wesens selbst als Geistes. Ebenso wenig hat die Philosophie des Geistes die Bedeutung der so genannten Menschenkenntnis, welche von anderen Menschen gleichfalls die Besonderheiten, Leidenschaften, Schwächen, diese sogenannten Falten des menschlichen Herzens zu erforschen bemüht ist, &#8211; eine Kenntnis, die teils nur unter Voraussetzung der Erkenntnis des Allgemeinen, des Menschen und damit wesentlich des Geistes Sinn hat, teils sich mit den zufälligen, unbedeutenden, unwahren Existenzen des Geistigen beschäftigt, aber zum Substantiellen, dem Geiste selbst, nicht dringt“ (Hegels Werke in 20 Bänden, Band 10, Frankfurt/M. S.9).<br />
Jetzt aber geht es jetzt um Hinweise zu Hegels Begriff vom Menschen. Dann zweitens um Hegels Begriff der Geschichte und drittens um Hegels Begriff der Religionen, vor allem des Christentums.<br />
10.<br />
<strong>Hegels Begriff vom Menschen</strong>:<br />
Viele Anregungen zu diesem Thema stammen noch aus der Zeit, als Hegel noch mit seinem Freund Hölderlin eng verbunden war. Darauf weist der Hegel-Spezialist Dieter Henrich hin, (in seinem Aufsatz „Hegel und Hölderlin“ in dem Buch „Hegel im Kontext,“): „Hölderlin gab Hegel als Philosophen den wichtigsten, den letzten prägenden Anstoß“, (dort S. 38).<br />
Entscheidend ist dabei das von Hegel zunächst als These vorausgesetzte, dann vernünftig überprüfte „Wesen des Menschen“: Und dieses Wesen ist die Teilhabe am absoluten Geist. Wie bei Hölderlin ist ein religiöser Aspekt bei Hegel dauernd anwesend. Auch wenn er, wie Hölderlin auf seine Art, keine persönliche enge Bindung an die evangelische Kirche hatte. Dabei schätzte Hegel die Lehre der Kirche sehr, aber das heißt ja nicht, dass er sich sonntags oft in den Gottesdienst setzte. Er wollte die Lehre der Kirche begreifen, auf den Begriff bringen, also die Anschaulichkeit der Religion ins Philosophische heben.<br />
Aber entscheidend für das „Menschenbild“ Hegels ist grundsätzlich:<br />
Die philosophische Erkenntnis der Verbundenheit des Göttlichen mit dem Menschlichen ist selbstverständlich eine solche, die auf das wirkliche und auch das reale Leben der Menschen bezogen ist. Insofern gibt es eine durch die Vernunft erkannte, aber nicht von der Vernunft erzeugte Einheit von Gott und Mensch.<br />
Damit grenzt sich Hegel entschieden ab von der Herrschaft des Verstandes: Der Verstand konnte in der Aufklärungszeit, bei allem Respekt Hegels für deren wissenschaftliche Leistungen, zunächst nur die äußere Gestalt des Lebens analysieren und wissenschaftlich untersuchen. Der Verstand lebt in und von abstrakten Begriffen, vor allem von unvermittelten Gegenüberstellungen. Etwa: „Endliches ist etwas total anderes als Unendliches“. Oder: „Gott ist etwas total anderes als Menschliches“ usw. Um die Auflösung dieser abstrakten Gegensätze geht es Hegel: Denn sie zerreißen die im Geist, also in der philosophischen Vernunft erfahrene und gedachte Einheit des Lebens. Erst die Erkenntnis und Anerkenntnis der Verbindung und des Aufeinanderverweisens und dadurch des Verbundenseins der Gegensätze bringt das Leben aus der Erstarrung heraus. Es entsteht die Erkenntnis einer (partiellen) Identität: Das “andere“, Fremde, gehört also wesentlich zum Menschen als einem Wesen des Geistes. Das andere bin auch ich als Mensch, aber dies ist nur der Ausgangspunkt. Denn vernünftig gesehen ist in dem anderen wie auch in mir, der eine allgemeine Geist, die eine allgemeine Vernunft lebendig. So weiß sich der Mensch in einer letzten Einheit!<br />
Der menschliche Geist ist für Hegel also nur deswegen in der Lage, das andere, auch die Natur und dann auch die anderen Menschen etc. zu erkennen, weil in diesen „anderen“ der eine gemeinsame Geist lebt. Nichts fällt aus dieser grundsätzlichen Einheit heraus. Aber dies ist selbstverständlich kein Pantheismus!<br />
Hegel befreit so das Denken aus der Erstarrung des abstrakten Gegeneinanders in der Welt. So kann ein neues, umfassendes und freies Denken entstehen und auch ein neues Leben eröffnen. Denn das Lebensgefühl wird „erhoben“, wenn der einzelne weiß: Ich habe Anteil am Ewigen, Göttlichen, selbst wenn so viel Negatives, Elendes, in dieser Welt besteht. Aber diese Welt (und der Mensch) ist ein Endliches, aber als solches einbezogen ins Unendliche. Dies kann förmlich ein Trost sein! Mehr kann ein Philosoph nicht sagen. Dies ist die Leistung der Vernunft bzw. der philosophischen Spekulation.<br />
Nebenbei: Hegel ist am 14. November 1831 in Berlin plötzlich an der Cholera gestorben, seine Frau berichtet von seinem Tod: „Es war das Hinüberschlummern eines Verklärten&#8230;Seine himmlische Ruhe und sein seliges Einschlafen wurde durch keine äußere Unruhe, durch keine laute Klage gestört“ (Karl Rosenkranz, G.W.F. Hegels Leben, 1844 erschienen, Neudruck Darmstadt 1971, S. 424). Hegel hatte in seiner Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie (siehe unten) als Philosoph gelehrt: Der Tod ist grundsätzlich überwunden. In seiner Interpretation des Kreuzestodes Jesu Christi sagt Hegel: „Gott nämlich erhält sich in diesem Prozess und dieser (Prozess) ist nun der Tod des Todes“&#8230; Und der Mensch hat daran Anteil, weil er – wie gesagt – Anteil des Göttlichen ist&#8230; (Vorlesungen über die Philosophie der Religion I, Werke 16, Suhrkamp Verlag, S. 291)<br />
11.<br />
Die Vernunft des Menschen ist der Geist. Und dann wird es entscheidend: Der Geist des Menschen hat Anteil am absoluten Geist. Diesen nannte man früher in der Philosophie „Sein“ (Henrich, S. 38)<br />
Dies ist nun ein zentraler Gedanke, den man bei Hegel immer nachvollziehen sollte: In seinem Buch „Phänomenologie des Geistes“ zeigt Hegel in vielen Schritten, wie das menschliche Bewusstsein sich langsam erhebt bis hin zum absoluten Geist, an dem der menschliche Geist Anteil hat. Die Annahme eines absoluten Geistes, man könnte auch sagen, einer göttlichen Wirklichkeit, die auch in den Menschen wirkt, gehört zur Grundüberzeugung Hegels. <em>Das Göttliche, Gott, ist im menschlichen Denken und im Dasein des Menschen nur deswegen erreichbar, weil es selbst immer schon im menschlichen Geist anwesend und wirksam ist. Sonst wäre dieses Erreichen des Göttlichen im Denken gar nicht möglich für Menschen. </em><br />
12.<br />
Der Mensch im Sinne Hegels ist also kein Wesen, das in die Grenzen des Endlichen, Weltlichen, eingeschlossen ist! Der Mensch überragt den (alltäglichen) „Menschen“ unendlich. Er hat Qualitäten, die man &#8211; mangels besserer Begriffe – eben göttliche Qualitäten nennen kann.<br />
Noch einmal: Diese Erkenntnis Hegels ist für ihn keine pure, gar willkürliche Behauptung oder Laune, sondern eine Erkenntnis, die sich aus der Reflexion der geistigen Verfassung des Menschen ergibt. Der Mensch gehört zu Gott, und Gott gehört zum Menschen, dies ist der Kern der „Anthropologie“ Hegels.<br />
13.<br />
Dieser menschliche Geist ist immer denkender, prüfender Geist. Damit werden von Hegel alle bloß gefühlsmäßig vorgebrachten Behauptungen und Meinungen zurückgewiesen. Die Bedeutung der Gefühlswelt leugnet Hegel nicht, aber sie hat nicht das letzte Wort. Denn sie kann aufgrund der „Verschwommenheit“ und der von Launen abhängigen Aussagen keine allgemeine, für alle gültigen Erkenntnis des Wahren usw. befördern. Esoterik oder Gefühlstheologie hat also bei Hegel keine Akzeptanz. Menschen brauchen die Klarheit der allgemeinen Begriffe, um sich untereinander mit möglichst wenigen Missverständnissen gemeinsam – auch sprachlich &#8211; orientieren zu können.<br />
14.<br />
Dies gilt auch für Hegels Hinweise <em>zum Thema Krankheit und Tod</em>: Dieses Thema steht eher am Rande der Hegel-Forschung, auch wenn es in der „Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften“ ausführlicher besprochen wird. (§ 371 ff). Diese Reflexionen Hegels zeigen, dass er sich mit elementaren Erfahrungen unseres menschlichen Lebens als Philosoph befasste, er analysierte etwa unterschiedliche Formen der Krankheit, kannte genau die – damals zugänglichen &#8211; Fakten. Und das ist typisch für die umfassende Bildung dieses Philosophen.<br />
Hegel bietet aber als Philosoph keine empirische, schon gar keine direkte medizinische Hilfe im Falle von Krankheit. Er empfiehlt die wissenschaftlich argumentierende Tätigkeit der Ärzte und weist entschieden die damals üblichen Hilfen von „esoterischen Heilern“ und Ärzten im „Geiste der Romantik“ zurück.<br />
Krankheit des Menschen heißt für Hegel elementar: Körper (Natur) und Geist fallen auseinander. Krankheiten verweisen auf den Tod. Das organische Leben des Menschen muss sterben. Diese endliche Welt kann man nur akzeptieren und dabei differenziert nachdenken. Denn beim abstrakten Endlichen kann Hegel nicht stehen bleiben: Der Geist des Menschen bzw. der göttliche Geist in jedem Menschen ist ewig. In immer neuen Reflexionen zeigt Hegel diese seine alles überragende Erkenntnis: Der einzelne Mensch darf nicht auf dem begrenzten Standpunkt der einzelnen Individualität verharren, sondern sich auf das Allgemeine beziehen. Erst dann wird das wahre Wesen des Menschen sichtbar, erst dann können Krankheit und Tod in das individuelle Leben integriert werden. Ein Gedanke, den Hegel auch in seiner Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie vertieft.<br />
Hegel bezieht sich auch im Fall der Krankheit auf seine Erkenntnis der überragenden Macht des Geistes, und dieser Geist im Menschen ist immer auch Teil des „absoluten Geistes“, also „des göttlichen Geistes“. (Siehe auch: Dietrich von Engelhardt hat über „Hegels philosophisches Verständnis der Krankheit“, in Sudhoffs Archiv, 1975, einen längeren medizinhistorischen Aufsatz geschrieben).<br />
Über die romantische Medizin, d.h. die eher magische Medizin der Romantiker, der Hegel NICHT angehörte, siehe etwa die Studien von Roland Schiffter:<br />
15.<br />
Wichtig ist es in dem Zusammenhang, noch einmal daran zu erinnern, dass Hegel das Negative im Leben überhaupt nicht beiseite schiebt, im Gegenteil: Erst das Sich-Auseinandersetzen mit dem Negativen führt zu einem nicht entfremdeten, wahren Leben. Die folgende Aussage Hegels ist auf die überragende Kraft des Geistes bezogen, der sich in der Form der Dialektik auch mit allem Gegebenen, damit auch dem Negativen, auseinandersetzt. In seiner „Phänomenologie des Geistes“ (1807) schreibt Hegel diese oft zitierten Sätze, die man gerade in Krisenzeiten &#8211; eher meditativ – lesen sollte:<br />
„Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und von der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn (den Tod) erträgt und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet. Diese Macht ist der Geist nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht &#8230; Sondern der Geist ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Auge schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es (das Negative) in das Sein umkehrt“. (zit. in der Vorrede der „Phänomenologie des Geistes“. In der Ullstein Ausgabe, S. 29)<br />
16.<br />
<strong>Hegel und die Philosophie der (Welt)-Geschichte</strong><br />
Auch bei diesem für Hegel sehr wichtigen Thema zeigt er sich als anspruchsvoller und eigenwilliger Denker, der meint, „das Ganze“, eben auch das der Geschichte, begreifen, auf den Begriff bringen zu können, und zwar hinsichtlich der Frage: “Hat die Weltgeschichte ein Ziel? Und hat Weltgeschichte einen Sinn?“<br />
Diese Frage kann vielen obsolet erscheinen angesichts aller Katastrophen in der näheren Vergangenheit und Gegenwart (Kriege, Holocaust, Kolonialismus und Sklaverei einst und heute, Seuchen etc.). Da weigern sich viele, in dieser Geschichte der Menschheit noch einen Sinn oder gar ein „gutes Ziel“ zu sehen. Sie geben sich im Denken der Verzweiflung hin oder schließen sich in einen Agnostizismus ein. Die Frage ist nur, die sich auch Hegel stellte: Wer für den Gang der Geschichte einen Sinn ausschließt: Kann der oder die diesen Sinn noch in dem kleinen individuellen Leben sehen, wenn ringsum nur Unsinn ist? Ist dieses individuelle Leben doch auch eingefügt in den Gang der Weltgeschichte. Und die agnostische Haltung „ich weiss es nicht“ hätte Hegel als falsche Bescheidenheit, wenn nicht als resignative Denk/Lebens-Haltung interpretiert. So ist Hegels Philosophie der Weltgeschichte eine bis heute zu recht heftig diskutierte These bzw. Erkenntnis, aber die Debatte darüber lohnt immer! Der einzelne, auch der Leidende, der Ermordete hat ja als einzelner Anteil am göttlichen Leben. Dies ist keine fromme Vertröstung, sondern ein letzter Trost, der bleibt, wenn alle sozialen und politischen Versagen. Hegel sah also die wesentliche Struktur des einzelnen wie auch parallel dzu den großen Gang der Weltgeschichte zu einem besseren Wissen von der Freiheit. Der einzelne muss als endlicher Mensch in diesem großen, mühevollen und leidvollen Gang der Weltgeschichte verschwinden, er verschwindet aber nicht in dem Aufgehobensein in einem Ewigen.<br />
Hegel betonte: Die Weltgeschichte ist der langsame, mühevolle und schmerzliche Prozess, in dem das menschliche Bewusstsein zu einem immer weiter reflektierten, „präzisen“ Wissen von der Freiheit des Geistes gelangt. Diese stufenweise Entwicklung des Wissens von der Freiheit wird von Hegel plausibel gezeigt: Die Griechen im Stadtstadt Athen waren überzeugt: Nur einige Männer sind frei. Im Mittelalter waren es die Feudalherren und die Kleriker, mit der Aufklärungszeit und der allgemeinen Bildung wussten dann immer mehr, wenn nicht gar alle Menschen (in bestummten Gegenden Europas), dass sie frei sind. Heute, um den Gedanken über Hegel hinaus zuführen, wissen selbst Menschen in Diktaturen, wie China, dass es eigentlich dem Wesen des Menschen entsprechend wäre, wenn nicht eine einzige Partei, sondern viele demokratische Parteien in einer Demokratie China regieren würden.<br />
(Siehe die Debatte zur Philosophie der Weltgeschichte: http://werkstatt.hegel.net/index.php/Weltgeschichte_als_Fortschritt_im_Bewusstsein_der_Freiheit#was_ist_der_Status_von_Weltgeschichte_innerhalb_von_Hegels_System.3F_.28KF.29)<br />
Hegels Philosophie der Weltgeschichte ist ein von logischen Schritten, um nicht zu sagen, logischen Zwängen bestimmter Stufengang zum immer tiefer reflektierten Bewusstsein der Freiheit. Dabei kommt diese Philosophie nicht ohne gewisse Hilfskonstruktionen aus: Denn es bleiben auch gewisse Regionen der Welt trotz allgemeinen Fortschritts noch rückständig. Und den wahren Sprung zu besserer Bewusstheit zu vollziehen, kümmerten sich berühmte große Männer um einen Sprung nach vorn: Deswegen verwendet Hegel (wohl von Adam Smith inspiriert) den Begriff der „List der Vernunft“: Diese List hilft wie die „unsichtbare Hand“ oder wie theologisch formuliert die „göttliche Vorsehung“ der Weltgeschichte „weiter“ auf ihrem Weg zur tiefen Erkenntnis der Freiheit&#8230;<br />
Hegel kann nur die schon geschehene Geschichte auf seinen Begriff bringen, Voraussagen zur Zukunft etwa der Staatenwelten kann er nicht machen.<br />
Noch einmal: Es wurde zurecht kritisch bemerkt, dass das Leben des einzelnen Menschen, also auch des so genannten einfachen, normalen Menschen, in dem Gang der Geschichte für den Philosophen Hegel eigentlich wertlos ist. Laszlo Földenyi hat in seinem kleinen Essay „Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus“ (Berlin, 2008) gezeigt, wie sehr der russische Dichter von Hegels Philosophie der Weltgeschichte empört war. Weil in dieser Philosophie das unsägliche Leiden in den russischen Lagern überhaupt nicht erklärt werden kann, das individuelle Leiden – auch Dostojewskis &#8211; verschwinde förmlich hinter allgemeinen philosophischen Prinzipien.<br />
Dabei aber erinnert Földenyi selbst daran, dass einzelne Intellektuelle, auch Dostojewski, trotz aller Widerwärtigkeiten im sibirischen Lager dann doch &#8211; wenigstens im Rückblick – zu tieferer Selbsterkenntnis gelangten (siehe Seite 44 f). In „Schuld und Sühne“, so der Földenyi, habe Raskolnikow im Lager „die Geschichte einer allgemeinen Wiedergeburt erlebt“ (S. 45). Damit werden die Lager überhaupt nicht zu humanen Sehnsuchtsorten hoch gespielt! Aber gemeint ist doch auch hier: Das Negative kann zu neuen positiven Erkenntnissen führen. Damit sind wir wieder bei Hegels Deutung des Negativen!<br />
17.<br />
<strong>Hegel und die Religionen, vor allem das Christentum</strong><br />
Hegel hält in Berlin mehrfach Vorlesungen über die Philosophie der Religion. Das ist ihm wichtig, weil er genau weiß, dass so viele seiner Zeitgenossen behaupten, man könne Gott nicht erkennen. Gott sei bestenfalls in Gefühlen irgendwie zu spüren! Dagegen argumentiert Hegel. Ohne Reflexion und Vernunft kein Glaube, der des Menschen als eines geistvollen Wesens würdig sein sollte.<br />
Die Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie ist in mehrfacher Hinsicht aktuell und relevant: Das will ich zunächst an Hegels Interpretation des Katholizismus und des Protestantismus zeigen:<br />
Für Hegel ist der Katholizismus wesentlich mit dem Mittelalter und seiner feudalen Ordnung verbunden. <em>Im Katholizismus bestimmt der Klerus alles! Das Volk, die Laien, müssen gehorchen.</em> Die Gelübde der Mönche gelten als besonders erstrebenswert, wenn nicht heilig: Ehelosigkeit, Armut und Gehorsam sind wichtiger als die „bürgerlichen Tugenden“ des Familienlebens, des Fleißes und erfolgreichen Wirtschaftens und der demokratischen Mitsprache. Im Katholizismus insgesamt gibt es für Hegel nur das Verhältnis von „Herren und Knechten“. Davon sprach er noch in seiner Rede 1830 zum Jubiläum der „Augsburgischen Konfession“.<br />
Er kritisiert ferner die völlig veräußerliche katholische Frömmigkeit, etwa die Wallfahrten, die Heiligenkulte, den Wunderglauben mit einem entsprechenden Glauben an Magie, Wunder-Wasser, Stigmatisierungen usw.<br />
Hingegen sah Hegel, dass in der Reformation Martin Luthers diese verheerende Bevorzugung der Werte des Mönchslebens abgeschafft wurde. Durch Luther wurde auch religiös eine neue Zuversicht der Weltgestaltung und Bildung aller eröffnet. Die Reformation ist für Hegel eine kaum zu überschätzendes historische Wende. Dabei sieht er aber auch, dass sich im Laufe der Zeiten auch die protestantische Theologie dogmatisch verschloss oder der Gefühlsduselei hingab. Schlimm ist für Hegel vor allem, dass die Protestanten die Philosophie verachteten und alles selbständige Erkennen Gottes um der Dominanz der Gnade willen ablehnten. Deswegen fand er bestimmte Traditionen im Katholizismus, etwa eine gewisse Pflege philosophischer Schulung, noch wertvoller. Und darum auch die Anerkennung Hegels für den katholischen Mystiker Meister Eckart, einen Dominikaner-Mönch: Weil er schon im 14. Jahrhundert vom „göttlichen Funken, dem ewigen Licht im Menschen“ sprach: Genau das ist auch eine Erkenntnis, die Hegel unbedingt verteidigt hat.<br />
18.<br />
Hegels Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie muss weiter diskutiert werden. Hat doch der große Hegel-Spezialist Michael Theunissen in seiner großen Studie „Hegels Lehre vom absoluten Geist“ (1970) betont: Es gibt bei dem Thema bei Hegel einen <em>Übergang von Theologie zu Philosophie, und von Philosophie zur theologie</em>: Weil Hegel insgesamt das historische Ereignis der „Menschwerdung Gottes in Jesus“ als Ausdruck der Geistesgeschichte als philosophischen Ausgangspunkt nehmen kann. (Vgl. auch Hegel Bilanz, S. 36) „Als Philosophie, die die Menschwerdung Gottes bedenkt, ist Hegels Denken nicht mehr Philosophie im traditionellen Sinne“, betont Theunissen (ebd. S. 37). Und Theunissen deutet diese Erweiterung religionsphilosophischen Denkens als ein positives Geschehen.<br />
19.<br />
Wichtig bleiben einige Erkenntnisse der Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie gerade für aktuelle Debatten: Jedenfalls hat Theunissen recht, wenn er sagt: Tod und Auferstehung Jesu Christi sind für Hegel explizit zentrale philosophische Themen! Denn dabei handelt es sich um den Übergang vom Tod zu einer verwandelten Form des Lebens (Auferstehung), und darin zeigt sich die Lebendigkeit des Geistes: Zeigt sich doch die Negation (Tod) und die &#8211; kraft des göttlichen Geistes geleistete &#8211; Aufhebung des Negativen, also die Auferstehung (Theunissen, Hegel-Bilanz, S. 37). Hegel will also zentrale religiöse Themen, wie <em>die Auferstehung Jesu Christi, aus dem Mysteriösen, dem Unerklärlichen befreien.</em> Sie gehört zur allgemeinen Geschichte des Geistes! Dadurch glaubt Hegel, zentrale Aussagen des Christentums retten zu können. So kann er sagen: „Philosophie ist der wahre Gottesdienst“ (Vorlesungen über die Philosophie der Religion, Suhrkamp Ausgabe I, S. 28). Denn Religion ist für Hegel wesentlich Hingabe an Gott, auf ihn achten von ihm her leben und denken&#8230; und deswegen „Verzicht auf subjektive Einfälle und bloß subjektive Meinungen“ (ebd.). Und genau diese Leistung meint Hegel in seiner Philosophie vollbringen zu können! Siehe auch: https://hegel-system.de/de/v3323333gottesdienst-dueffel.htm<br />
20.<br />
Schwieriger wird es noch, wenn man sich fragt, wie Hegel Gott – wie oft formuliert – als das absolute Geheimnis gelten lassen kann oder gelten lassen will. In den „Vorlesungen zur Philosophie der Religion“, (Band 16, Suhrkamp, 208) : „Das Ich ist Wissen des unendlichen Inhalts (Gottes)“. „Es ist das Begreifen des göttlichen Inhalts“ (209).<br />
In dieser Philosophie ist Gott kein Geheimnis, er wird gewusst. Aber: Diese Tatsache, das Eingebundensein des (menschlichen) Geistes in Gott, ist wohl selbst ein Geheimnis.<br />
21.<br />
Auch die Religionsgeschichte versteht Hegel als eine kontinuierliche Entwicklung hin zu immer besserem Verstehen des Göttlichen. Dies ist sicherlich eine problematische Sicht der Religionen, man könnte sie eurozentrisch nennen. Denn der Höhepunkt der Entwicklung der Religionen ist letztlich der Protestantismus. Dabei muss es Hegel philosophisch „verkraften“, dass der Islam irgendwie sein Fortschritts – Denken stört: Die gegenüber dem Christentum spätere Religion, der Islam, ist nicht unbedingt die wahre, die „entwickeltere“ und bessere, bloß sie später in der Weltgeschichte „stattfindet“. <em>Hegel spricht, wie zu seiner Zeit offenbar üblich, von „Mohammedanismus“</em>. Dieser ist, bezogen auf den einen, den abstrakt in weite Fern gesetzten EINEN Gott, eine weniger entwickelte Religion: Denn die absolute Konzentration auf den einen Gott vernichtet in Hegels Sicht alle Unterschiede, vertieft nicht die Selbstreflexion des Glaubenden in seiner Bezogenheit auf diesen Einen. Alle Weltlichkeit, so Hegel, „soll sich diesem Einen unterwerfen“ („Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte“, Band IV., Meiner Verlag, S. 791). Daraus entsteht, so Hegel, ein Fanatismus (S. 790). Dennoch setzt Hegel in einer gewissen Kenntnis des Islam zu seiner Zeit auch voraus: Im Islam gebe es eine beachtliche „poetische Anschauung“ (S. 794) sowie einen große Eifer in den Studien der Wissenschaften. Hegel nennt ausdrücklich die kulturelle Blütezeit im muslimischen Spanien des 8. Jahrhunderts (S. 795). Allerdings, so meint er, sind diese Glanzleistungen nun nicht mehr zu spüren, so dass er 1830 behaupten kann: “Der Islam ist längst von dem Boden der Weltgeschichte verschwunden und in orientalische Gemächlichkeit und Ruhe zurückgetreten“. Ob dieses Urteil auch 1830 richtig war, mögen Historiker beurteilen.<br />
22.<br />
Diese Hinweise zu Hegel haben nicht von seiner Lehre vom Staat und dem Recht und damit der Ethik gesprochen, umstrittene Themen in der Forschung. Nur so viel am Rande: Über die Interpretation von Hegels Staatsverständnis durch den Philosophen Karl Raimund Popper („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“) schreibt der Hegel Spezialist Klaus Vieweg in seiner umfangreichen Studie (a.a.O, S. 23) nur kurz und bündig: „Karl Raimund Popper verunglimpfte Hegel in perfider und von jeder Sachlichkeit freien Weise als Vordenker des Totalitarismus“. Klaus Vieweg schreibt u.a bezogen auf diese bis heute weit verbreitete Fehlinterpretation: „Hegel wendet sich dezidiert gegen einen Staat der totalen Kontrolle und Regulierung, gegen die Gängelung von Genossenschaften, Vereinen und Gemeinden, gegen Behinderung der Selbstverwaltung und der Subsidiarität&#8230;Er lehnt ein Staatsmodell der Regelungswut, des Kontrollwahns und totaler Überwachung ab&#8230;“ (S. 531).</p>
<p>Kritisch muss bemerkt werden, dass Hegels Denken die Natur fast immer nur in ihrer Verbundenheit mit dem erkennenden und praktisch &#8211; handelnden Menschen sieht. Von Pflege der Nachhaltigkeit der Natur ist so gut wie keine Rede. Hegel war eingebunden in den Beginn der Industrialisierung, also auch der systematischen Natur – Vernichtung.</p>
<p>Und diskutiert werden sollte die Frage: <em>Lässt sich Philosophieren und Philosophien überhaupt (heute) als System realisieren</em>? Ist das Denken nicht immer über jedes Eingesetztsein oder besser Eingesperrtsein in ein System hinaus? Hier müsste man mit der Kritik des Philosophen Heinrich Rombach am System-Denken einsteigen, die er in seinem Buch „Strukturanthropologie“ (zugunsten der immer flexiblen Strukturen, gegen die letztlich starren Systeme) entwickelt hat. Wie kann es „Hegel“ ohne System noch geben? Dies ist ein anderes Thema.</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/12524_hegel-heute-wer-ist-der-mensch-was-ist-der-sinn-der-geschichte-welche-religion-ist-vernuenftig_religion-und-philosophie">HEGEL heute: Wer ist der Mensch? Was ist der Sinn der Geschichte? Welche Religion ist vernünftig?</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>Weihnachten und Philosophieren</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/1253_weihnachten-und-philosophieren_religion-und-philosophie</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 20 Nov 2022 09:10:40 +0000</pubDate>
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					<description><![CDATA[<p>Was kann Weihnachten philosophisch bedeuten? Ein überarbeiteter Text im November 2022. Siehe auch den Hinweis:&#8220;Christus der Retter ist da &#8230; Oder treffender: Jesus der Retter ist da! LINK  Siehe auch den Hinweis: Maria verprügelt das Jesuskind (Anregungen zur Weihnachten anläßlich eines Gemäldes von Max Ernst)  LINK. Hinweise von Christian Modehn. Zur Einstimmung: Weihnachten in der [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Was kann Weihnachten philosophisch bedeuten? </strong></p>
<p>Ein überarbeiteter Text im November 2022.</p>
<p><em>Siehe auch den Hinweis:&#8220;Christus der Retter ist da &#8230; Oder treffender: Jesus der Retter ist da!</em> <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/13152_weihnachten-christus-der-retter-ist-da-oder-jesus-der-retter-ist-da_aktuelle-buchhinweise/theologische-buecher">LINK  </a></p>
<p><em>Siehe auch den Hinweis: Maria verprügelt das Jesuskind</em> (Anregungen zur Weihnachten anläßlich eines Gemäldes von Max Ernst)  <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/19304_eine-geschichte-zu-weihnachten-maria-verpruegelt-das-jesuskind_buchhinweise">LINK</a>.</p>
<p><em>Hinweise von Christian Modehn</em>.</p>
<p><em>Zur Einstimmung: Weihnachten in der reichen Welt als der Welt der Reichen heißt: &#8222;Dem Gott Geld Opfer bringen.&#8220; </em><em>Annie Ernaux,</em> Literaturnobelpreis-Trägerin 2022, hat sich in ihrem Hauptwerk „Les Années“, „Die Jahre“ (2008), auch kurz, aber deutlich, mit ihrem Erleben des Weihnachtsfestes auseinandergesetzt: „Weihnachten war ein Fest voller Verlangen auf Dinge und Hass auf Dinge, der jährliche Höhepunkt des Konsums … als wäre man zum Geldausgeben verpflichtet, als müsse man <em>irgendeinem Gott ein Opfer bringen</em> und am Ende ließ man sich doch darauf ein, Weihnachten zu feiern…“ (S. 240, Ausgabe des Suhrkamp-Verlages, 2022). Es war unmöglich „dem Würgegriff durch den höchsten Feiertag Weihnachten zu entkommen. <em>Wenn man daran dachte, hatte man Lust, im November einzuschlafen und Anfang des nächsten Jahres wieder aufzuwachen“.</em></p>
<p>Über die problematische Theologie vieler kirchlicher Weihnachtslieder: <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/17272_weihnachtslieder-verstehen-wir-was-wir-da-singen_befreiung">LINK</a>.</p>
<p>1.<br />
Wer sich philosophierend mit Weihnachten beschäftigt, wird zunächst kritisch das Umfeld ausleuchten, in dem dieses christliche Fest heute steht. Das Umfeld in der reichen Welt als der welt der Reichen ist: Kommerz und Konsum, oft zwanghaftes Schenkenwollen und Sehnsucht nach dem Beschenktwerden, Erinnerungen an die eigene Kindheit, Hoffnung auf eine Wiedererweckung der Kindheit &#8230; als kurzfristige Nostalgie&#8230; der Wunsch, an diesem Tag ausdrücklich kinderfreundlich zu sein&#8230;Das Bedürfnis, gerade an diesem Tag einmal gut und nett zu sein, eine heile Insel im belasteten Alltag zu hegen, mit all dem Streß, der dabei entsteht&#8230; Daran kann sich eine empirische „Weihnachtskritik“ abarbeiten&#8230;</p>
<p>2.<br />
Es müsste zuerst der Begriff und die EWirklichkeit der GABE bedacht werden. Es müsste z.B. gefragt werden, ob der Mensch (&#8222;als solcher&#8220;) für den anderen wesentlich Gabe ist. Ob die Gaben, die Geschenke, gerade zu Weihnachten, Ausdruck dieser wesentlichen Gabe des Daseins sind oder heute noch sein können. Verdeckt der Konsumismus den Charakter der Gabe? So wird es sein. Weil beim Empfang einer Gabe sofort gerechnet wird: Was muss ich zurück &#8211; geben im gleichen Wert!</p>
<p>3.<br />
Weiter sollte gerade vor Weihnachten über die Bedeutung der Gefühle, der Emotionen und Affekte fürs kritische Nachdenken im allgemeinen gesprochen werden. Sind Gefühle der spontane Erstkontakt mit der Wirklichkeit? Erschließen sie auf eigene, noch unthematische Art, das eigene Leben im Kontext mit anderen? Was passiert, wenn Gefühle dann aber tatsächlich reflektiert werden? Dann kommen Gefühle erst zu ihrem wahren Gehalt. <em>Ohne Vernunft sind Gefühle blind, ohne Gefühle ist Vernunft abstrakt und „lebensfern“.</em></p>
<p>4.<br />
Was bedeutet diese Erkenntnis für Weihnachten? Die einzelnen Gefühle anlässlich von Weihnachten (vor allem: „Heilig Abend“) wären kritisch zu bedenken. Etwa die Sehnsucht nach Nostalgie, nach Eintauchen in die eigene (Weihnachts)–Kindheit. Ist dieses Eintauchen ins angeblich heile Damals eine Flucht, ist es Opium? Oder ist es ein nötiges heilsames Intermezzo, um überhaupt die Routine und Öde und die Ängste des vorherrschenden, &#8222;nichtweihnachtlichen&#8220; Alltags zu bestehen? <em>Gerade in Zeiten der Kriege! Inszeniert von Verbrechern oder auch fundamentalistisch sich &#8222;fromm&#8220; nennenden Leuten. </em></p>
<p>Wie sind die häufigen Teilnahmen an Gottesdiensten gerade zu Weihnachten zu verstehen? Gehört &#8222;Gottesdienstbesuch&#8220;  auch zur Nostalgie? Wie kommt es, dass man Weihnachtslieder kitschigen Inhalts und in einer kaum nachvollziehbaren Spiritualität mitsingen kann, dabei auf jeden Gebrauch kritischer Nachdenklichkeit verzichtet, um so das Fremde und ganz Andere (&#8222;Eigentliche&#8220;) des Weihnachtsfestes zu beleben?</p>
<p>S<em>ind die Kirchen in der westlichen Welt, sonst am Sonntag zum Gottesdienst immer weniger besucht, etwa längst zu „Weihnachtskirchen“ geworden?</em> Sind die Pfarrer bei ihrer totalen Auslastung zu Weihnachten etwa in gewisser Weise „Weihnachtspfarrer“ geworden? Wenn die „Gottesdienstbesucher“ zu Weihnachten  in der Statistik der „Gottesdienstbesucher pro Jahr insgesamt“ mitgezählt werden, ergibt sich dann noch eine halbwegs realistische Statistik zur &#8222;allgemeinen Teilnahme am Sonntagsgottesdienst&#8220;? Dieser Frage sollten Religionssoziologen nachgehen.</p>
<p>5.<br />
Philosophisch bleibt die Frage: Gibt es prominente Philosophen, die „Weihnachten“ gedacht haben? Da ist zuerst nicht die radikale Religionskritik gemeint, die in einem Vorurteil alles Christliche sowieso abwehrt; sondern eine Philosophie, die auch religiöse Texte relevant findet, weil diese Texte Ausdruck menschlichen Selbstverständnisses sind.</p>
<p>6.<br />
An <em>Meister Eckart</em>, den mittelalterlichen Philosophen und gerade nicht (nur) den Mystiker, wie die neueste Studie von Kurt Flasch zeigt, wäre auch zu erinnern, etwa an das Stichwort von der „Gottes Geburt in der Seele“. Dann ist Weihnachten vor allem die Erkenntnis: J<strong>eder Mensch hat Anteil an dem Göttlichen,</strong> das Göttliche, das in seinem Geist, seiner Seele, lebt als &#8222;das Ewige&#8220;. Die Geburt Jesu von Nazareth, verstanden als Gott-Mensch, macht nur die allgemeine <em>gott-menschliche Befindlichkeit eines jeden Menschen offenbar</em>.</p>
<p>7.<br />
Bei Hegel kommt Weihnachten als explizites Stichwort meines Wissens nicht vor, hingegen steht die &#8222;Sache&#8220; Weihnachten im Mittelpunkt seines Denkens: Es bezieht sich ZENTRAL auf die „Menschwerdung Gottes“ in Jesus Christus. Um dieses Ereignis dreht sich die Geschichtsphilosophie Hegels. Weil da, in diesem Jesus Christus die Einheit von Göttlich und Menschlich sichtbar wird, eine Einheit, die aber nicht nur für die einzelne Gestalt Jesus Christus gilt, sondern schlechthin für ALLE Menschen. Alle Menschen, im Sinne Hegels und im Sinne des Johannes-Evangeliums, haben Anteil an dem göttlichen Geist, insofern gehören sie als Menschen zu Gott.</p>
<p><em>8.</em></p>
<p><em>Das ist Weihnachten im Sinne Hegels: Politisch bedeutend ist die Menschwerdung Gottes, weil die absolute Wertigkeit, die göttliche Würde des menschlichen Subjekts, und zwar jedes Menschen, sichtbar wird: Jeder Mensch ist von absoluter Würde. Und, so fügt Hegel hinzu, jeder ist in der Lage, die umfassende Freiheit zu gestalten. </em>Denn in der Menschwerdung Gottes ist die Entfremdung zwischen Göttlich und Menschlich „an sich“ überwunden, da gibt es keine prinzipielle Fremdheit mehr, keinen Gegensatz zwischen Gott und Mensch. Wenn die Beziehung zwischen Unendlichem und Endlichem also „an sich“ bereits eine FREIE Beziehung ist, dann ergibt sich die Möglichkeit, alle anderen, auch weltlichen Fremdheiten und Entfremdungen in freie Verhältnisse auch politisch umzugestalten, d.h. grundlegend zu reformieren.</p>
<p><em>9.</em></p>
<p><em>Für Hegel (und für Christen, die wissen, was ihr Bekenntnis bedeutet) ist Weihnachten also ein politisches Fest.</em> Ein Fest, das nicht zum Stillesitzen verführt, sondern zum Eintreten für die Befreiung, für die Menschenwürde, für die Menschenrechte. Und es ist die Frage, ob die zu Weihnachten üblichen Spendenaufrufe diesem umfassenden Projekt entsprechen können, eine gerechte und friedliche Welt zu gestalten. Ich meine: Nein. Sie fördern beim einzelnen nicht die bleibende Kritik der politischen Ungerechtigkeit. Dieses Thema wird in Weihnachtspredigten sehr selten angesprochen, die Prediger wollen die Weihnachtsstimmung der &#8222;Weihnachtschristen&#8220; nicht stören und freuen sich über die gut &#8222;besuchten&#8220; Gottesdienste.</p>
<p>Wenn die Versöhnung von Gott und Mensch (also Weihnachten, gemeint als die freie Beziehung von Gott und Mensch), im philosophischen Denken Hegels erreicht wird, wenn der Mensch also dieser Erkenntnis „ganzheitlich“ inne wird: Was bedeuten dann noch die Kirchen? Welche Rolle spielt die Gemeinde usw&#8230; Hegel sagte ja einmal: „Philosophie ist der wahre Gottesdienst“&#8230;Einige Teilnehmer in unserem religions-philosophischen Salon meinten serh treffend in einer Diskussion zum Thema: Das Innewerden des Göttlichen „in mir“ sei entscheidend&#8230; (und ausreichend für eine freie Gottesbeziehung). Hegel jedoch legte allen Nachdruck auf die Gemeinde der Christen, als Ort des Gesprächs, der Feier, auch des Gottesdienstes, um sich wechselseitig der Anwesenheit des göttlichen Geistes zu versichern.</p>
<p>10..<br />
Als Lektüre empfehle ich von G.W.F. Hegel die „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. In der Theorie Werkausgabe des Suhrkamp Verlages im Kapitel „Das Christentum“ , Seite 385ff. Und natürlich das grundlegende Werk „Menschwerdung Gottes“ von Hans Küng. Ausdrücklich und ganz besonders empfehle ich die ausführliche ausgezeichnete Studie des Philosophen und Hegel-Spezialisten Michael Theunissen: „Hegels Lehre vom absoluten Geist als theologisch-politischer Traktat“.</p>
<p>11.<br />
Auch ein &#8222;atheistischer Philosoph&#8220; hat sich unter besonderen Bedingungen positiv zum Ereignis der Geburt Jesu von Nazareth geäußert: Weihnachten 1940 verbrachte JEAN-PAUL SARTRE in deutscher Kriegsgefangenschaft in Trier. Für seine Mitgefangenen schreibt Sartre &#8211; auf deren Bitte hin &#8211; eine Art &#8222;Mysterienspiel&#8220;, also eine das &#8222;Wunderbare&#8220; darstellende Aufführung von und für &#8222;Laien&#8220;. Offenbar sind religiöse Gefühle gar nicht abzuweisen in großer Not, selbst bei einem Atheisten&#8230;Sartre stellt einen Widerstandskämfer in den Mittelpunkt, sein Name ist Bariona. Er hilft der &#8222;Heiligen Familie&#8220; dem Zugriff des Herodes zu entkommen. Und stirbt aber selbst dabei, als er sich für die Flucht des Jesus-Kindes mit seinen Eltern Josef und Maria einsetzt. Das Sartre Stück wurde zu Weihnachten 1941 gleich dreimal von Kriegsgefangenen aufgeführt. Erst 1976 stimmte Sartre der Veröffentlichung seines Theaterstücks im Verlag Gallimard (Paris) zu. Sartre selbst war wohl dieser &#8222;fromme Ausrutscher&#8220; in seinem Werk etwas peinlich. Siehe dazu knapp zusammengefasst: Christian Modehn, Religion in Frankreich, Gütersloh 1993, Seite 86 ff.</p>
<p><strong>copyright:</strong> Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
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		<title>Vom Wesen &#8222;der&#8220; japanischen Kultur. Zu einem Beitrag des Philosophen Karl Löwith</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/8073_vom-wesen-der-japanischen-kultur-zu-einem-beitrag-des-philosophen-karl-loewith_religion-und-philosophie</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 14 Aug 2016 16:48:50 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Philosophische Bücher]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Von Christian Modehn Im Jahr 2018 wird man nicht nur in Japan der „Großen japanischen Revolution“ gedenken, die 150 Jahre zuvor, als „Beginn der Meiji-Zeit“, die Gesellschaft grundlegend veränderte: Japan öffnete sich radikal dem Westen, übernahm europäisches Wissen und know-how, und blieb auf der anderen Seite, „im Innern“, traditionell-japanisch. Ob dieses unvermittelte Nebeneinander von westlichem [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/8073_vom-wesen-der-japanischen-kultur-zu-einem-beitrag-des-philosophen-karl-loewith_religion-und-philosophie">Vom Wesen &#8222;der&#8220; japanischen Kultur. Zu einem Beitrag des Philosophen Karl Löwith</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Von Christian Modehn</p>
<p>Im Jahr 2018 wird man nicht nur in Japan der „Großen japanischen Revolution“ gedenken, die 150 Jahre zuvor, als „Beginn der Meiji-Zeit“, die Gesellschaft grundlegend veränderte: Japan öffnete sich radikal dem Westen, übernahm europäisches Wissen und know-how, und blieb auf der anderen Seite, „im Innern“, traditionell-japanisch.</p>
<p>Ob dieses unvermittelte Nebeneinander von westlichem Wissen und lang dauernder japanischer Mentalität in der Gesellschaft wie bei den einzelnen Menschen heute noch fortbesteht, wäre ein eigenes Thema.</p>
<p>Aber der Beginn der Meiji-Zeit ist ein Anlass, schon jetzt verschiedene Erkenntnisse zu sammeln, die den Geist, die Mentalität, Japans deutlich machen können. Denn das Miteinander oder Nebeneinander verschiedener Mentalitäten in <em>einer </em>Kultur ist ein Thema auch heute, man denke an die arabische oder allgemein: muslimische Welt.</p>
<p>Karl Löwith, der immer noch anregende Philosoph (1897-1973), dessen Hauptwerke heute viel mehr beachtet werden sollten, hat sich als Verfolgter der Nazis von 1936 bis 1941 in Japan, an der Universität Tohoku von Sendai, als philosophischer Lehrer aufgehalten. Dann konnte er 1941, dank der Hilfe etwa des Theologen Paul Tillich, in die USA fliehen. Dort hat er 1942 bzw. 1943 zwei kleinere Studien publiziert mit dem Titel „Der japanische Geist“ und „Japans Verwestlichung und moralische Grundlage“. Beide Texte liegen seit einiger Zeit auch auf Deutsch vor. Sie zeigen, wie Löwith durchaus – in seiner Sicht – vieles Bewundernswertes in Japan erlebte (etwa die Kunst der Haikus, die das Nichts freigebenden Gemälde, den „feinen Geschmack“ und die Höflichkeit der Japaner&#8230;) Die Erfahrungen in Japan, und das ist in meiner Sicht entscheidend, haben Löwith inspiriert, angesichts der buddhistisch-shintoistisch geprägten Kultur, seine Studie „Weltgeschichte und Heilsgeschehen“ (auf Deutsch 1953, auf Englisch, USA, 1949) zu schreiben. Dieses Buch stellt die vom Christentum geprägte Deutung der Geschichte als Fortschrittsgeschichte in Frage. Im Hintergrund steht bei Löwith offenbar positiv und anerkennend die asiatische Erfahrung einer „heiligen Natur“ und des „göttlichen Kosmos,“ also die japanische Kultur, die er, ähnlich der griechischen Kultur, als „heidnisch“ empfand. Die Erfahrungen Löwiths in Japan haben ihn in jedem Fall angeregt, über den europäischen Rahmen hinaus zu denken. Das ist beachtlich für einen Philosophen, der als Verfolgter leben musste. Aber Löwith hatte offenbar seine stoische Haltung bewahrt. Interessant ist überdies, das Löwith in Sendai, Japan, sein sicher wichtigstes Buch verfasste: „Von Hegel zu Nietzsche“. Ein Hinweis, dass er auch in der Fremde als Flüchtling mit der europäischen Philosophie in enger Verbundenheit lebte und dachte.</p>
<p>Zu dem Buch aus dem Verlag Matthes und Seitz: Beide Aufsätze waren förmlich Auftragsarbeiten der USA an die einreisenden Flüchtlinge, die Mentalitäten der „Feinde“ zu beschreiben. Löwith hielt sich bei dem ideologisch geformten Auftrag zurück, der Untertitel seines Beitrag „Der japanische Geist“ spricht noch „von der Mentalität, die wir verstehen müssen, wenn <em>wir s</em>iegreich sein wollen“. Es wird vermutet, dass dieser Untertitel nicht von Löwith stammt. Der deutsche Professor in Sendai ist durchaus bewertend und kritisch zu den kulturellen Verhältnissen in Japan: Etwa, wenn er sagt, das Studium europäischer Philosophien, perfekt absolviert, habe keine „Spuren hinterlassen“ bei den Studenten wie den hoch gebildeten Professoren (24). Mit anderen Worten: Diese hoch gebildeten japanischen Spezialisten europäischer Philosophie hätten eigentlich nichts verstanden. Sie können nur die Texte wiederholen. Hingegen hätten Studenten dann doch gemerkt, wie „steril“ der Umgang japanischer Philosophen mit Europa sei (25), sie wollen „ihre eigene Tradition“ interpretieren (26). Hingegen lobt Löwith ausdrücklich den Philosophen Nishida, aus der so genannten Kyoto Schule, er sei ein „origineller Denker“. In dieser Einschätzung steht ja Löwith heute nicht allein!</p>
<p>Ansätze für die schon damals gespürte Überwindung der christlich geprägten Geschichts- und Weltauffassung findet Löwith dann doch in Japan, etwa seine Sympathie für die buddhistisch vermittelte Erfahrung des Nichts auch in der Kunst. „Die kreative Kraft des Zen ist kaum zu überschätzen. Aus ihm bezieht die gesamte japanische Kunst ihre Wirkung“ (36). Beeindruckend auch Löwiths Hinweise zur Bedeutung der wunderschönen, aber nur kurz blühenden Kirsch-Blüten für das Empfinden der Japaner. Befremdliches wird genannt, etwa der Zusammenhang von Ruhe und plötzlichem Zorn im populären Kabuki Theater. Bei der Kunst des Fechtens meint Löwith „grässliche, primitive und wilde Schreie“ zu hören (69).</p>
<p>Insgesamt bietet Löwith aus seiner Sicht ehrliche Deutungen eines gebildeten Europäers zu einigen zentralen Aspekten japanischer Kultur. Dieses Buch ist ein Beleg für das Bemühen um Verständnis zwischen den Kulturen. Der viel besprochene Dialog der Kulturen kann nur beginnen, wenn Menschen auch erste Eindrücke einander schildern. Wer lange wartet, bis Perfektes gesagt wird, kann niemals einen Kultur-Dialog erleben. Löwiths Einsichten sind nicht vollkommen, aber auch nicht immer falsch. Sie sind so gut, dass sie zum Weiterforschen und Weiterfragen motivieren. Und das ist schon sehr viel.</p>
<p><em>Karl Löwith, Der japanische Geist. Berlin 2013, Matthes und Seitz Verlag. 74 Seiten, 10 Euro</em></p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/8073_vom-wesen-der-japanischen-kultur-zu-einem-beitrag-des-philosophen-karl-loewith_religion-und-philosophie">Vom Wesen &#8222;der&#8220; japanischen Kultur. Zu einem Beitrag des Philosophen Karl Löwith</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>&#8222;Zivilreligion&#8220;: Ein Vorschlag von Jean &#8211; Jacques Rousseau</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/2503_zivilreligion-ein-vorschlag-von-jean-jacques-rousseau_gott-in-frankreich</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 07 Jun 2012 17:05:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Gott in Frankreich]]></category>
		<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[300 jahre Rousseau]]></category>
		<category><![CDATA[Geburstag Rousseau]]></category>
		<category><![CDATA[Jean Jacques Rousseau 300 Jahre]]></category>
		<category><![CDATA[religion civile]]></category>
		<category><![CDATA[Rousseau and civil religion]]></category>
		<category><![CDATA[Rousseau et la religion civile]]></category>
		<category><![CDATA[Rousseau gegen Offenbarungsreligionen]]></category>
		<category><![CDATA[Rousseau lehnt Kirchen ab]]></category>
		<category><![CDATA[Rousseau will Zivilreligion]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Civil religion – ein Vorschlag von Jean Jacques Rousseau Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages am 28. Juni 2012 Von Christian Modehn 1. Unter den zahlreichen Vorschlägen Jean Jacques Rousseaus (1712 – 1778)  zur Pädagogik, Literatur, Musik und Philosophie ist sein Beitrag zur „religion civile“, zur überkonfessionellen „Religion aller Bürger“ in der Republik,  immer noch interessant [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/2503_zivilreligion-ein-vorschlag-von-jean-jacques-rousseau_gott-in-frankreich">&#8222;Zivilreligion&#8220;: Ein Vorschlag von Jean &#8211; Jacques Rousseau</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<figure id="attachment_19091" aria-describedby="caption-attachment-19091" style="width: 244px" class="wp-caption alignright"><a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2012/06/rousseau.png"><img fetchpriority="high" decoding="async" class="wp-image-19091 size-medium" src="https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2012/06/rousseau-244x300.png" alt="" width="244" height="300" srcset="https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2012/06/rousseau-244x300.png 244w, https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2012/06/rousseau-833x1024.png 833w, https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2012/06/rousseau-768x945.png 768w, https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2012/06/rousseau-1249x1536.png 1249w, https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2012/06/rousseau-1665x2048.png 1665w" sizes="(max-width: 244px) 100vw, 244px" /></a><figcaption id="caption-attachment-19091" class="wp-caption-text">Portrait von Jean-Jacques Rousseau, gemalt von Allan Ramsay, nach 1766</figcaption></figure>
<p>Civil religion – ein Vorschlag von Jean Jacques Rousseau</p>
<p>Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages am 28. Juni 2012</p>
<p>Von Christian Modehn</p>
<p>1.</p>
<p>Unter den zahlreichen Vorschlägen Jean Jacques Rousseaus (1712 – 1778)  zur Pädagogik, Literatur, Musik und Philosophie ist sein Beitrag zur „religion civile“, zur überkonfessionellen „Religion aller Bürger“ in der Republik,  immer noch interessant und der Diskussion wert. Dabei ist es keine Frage: Seine Vorschläge von damals können heute nicht als solche übernommen werden. Aber seine Frage bleibt dringend: Was eint die Bürger unterschiedlicher Ideologien, Weltanschauungen und Religion in einem Staat, der die Fürsten vertrieben hat? Ausgangspunkt für Rousseau war, dass die überlieferte Offenbarungsreligion, also für ihn vor allem das Christentum, vor den Ansprüchen der Vernunft keinen Bestand hat und deswegen als „religion civile“ nicht in Frage kommt. Diese christliche Religion wird wegen ihrer ungeklärten diffusen Vorstellungen von Gott („unfassbare Mysterien“, „sinnlose Widersprüche“) und dem Menschen zurückgewiesen; vor allem aber, weil sie aufgrund ihres absoluten Wahrheitsanspruchs zur Intoleranz aufruft und kein friedvolles Miteinander fördert. „Anstatt den Frieden auf Erden einzuführen, bringen die (kirchlichen) Dogmen Eisen und Feuer dorthin“. Darum konzipierte Rousseau – wie andere Kollegen aus dem Kreis philosophischer Aufklärung in Frankreich – zunächst auf seine Weise eine „natürliche Religion“. Darum ist ein oberster Grundsatz: „Die Intoleranz der fanatischen Religionen muss überwunden werden“.</p>
<p>2.</p>
<p>Das Besondere ist: Rousseau will die „natürliche“, also die vor der Vernunft beständige Religion, ausweiten auf das politische Feld. Aus seiner natürlichen Religion wird die „religion civile“.  Sie soll die Volkssouverenität in der Republik verbindlich machen.  Alle Bürger sollen dieser religion civile anhängen und sich einfachen Einsichten, Dogmen genannt, bekennen, wer dazu nicht bereit ist, hat im Sinne Rousseaus mit Strafen zu rechnen. Dabei spielt die Existenz eines mächtigen und wohltätigen und voraussehenden Gottes eine zentrale Rolle. Es wird die göttliche Bestrafung der Bösen gedacht; es ist von der „Heiligkeit des Sozialvertrags und der Gesetze“ die Rede. Ausgeschlossen ist in dieser Religion die Intoleranz. Dabei ist die Tendenz problematisch, faktische Gesetze als heilig zu betrachten&#8230;.</p>
<p>3.</p>
<p>Rousseau wollte angesichts der intellektuellen Schwäche und Verderbtheit des Christentums zu seiner Zeit einen Ausweg aufzeigen, sozusagen eine nach  &#8211; christliche Religion konzipieren, die der Republik Dauer und Bestand verleiht. Für Atheisten ist in dieser Republik, die der religion civile folgt, kaum ein Platz. Rousseau unterstellt, Atheismus impliziere Formen des Egoismus und eine Nachlässigkeit gegenüber dem Guten, eine Position, die noch gegenüber der von Voltaire milde ausfällt: Voltaire meinte, „der Atheismus führe zu allen Arten von Verbrechen“.</p>
<p>4.</p>
<p>Praktisch hat sich diese religion civile von Rousseau kaum durchgesetzt, am ehesten finden sich Anklänge in der Religion der Theophilanthropen, die während der Französischen Revolution entstanden bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Kulte gestalteten, oft in katholischen Kirchen, wo man sich, wie in St Merri in Paris, den Kirchenraum teilte. Unter Napoleon wurden die Theophilanthropen verboten. Sie waren eine humanistisch – deistische Konfession mit starkem Akzent auf der Pflege ethischen Bewusstseins.</p>
<p>In Frankreich wurde 1905 die Trennung von Kirche und Staat per Gesetz vollzogen. Der Staat definiert sich weltlich und ohne jeden Bezug auf Gott und ohne Bevorzugung einer Religion. In dieser Situation kam eine „religion civile“ nicht in Frage: Man musste auf die faktische Konfessionsvielfalt Rücksicht nehmen, auch auf den Atheismus und konnte keinen deistischen Gott als oberste Einheit propagieren. Als das einende Band der Republik wurde die Moral angesehen, die republikanische Moral, die in den Schulen gelehrt wird und den Geist der Laizität verbreitet; also den Geist der völligen rechtlichen Gleichberechtigung aller Religionen in der Republik und der Neutralität des Staates gegenüber diesen Religionen. Diese Laizität, immer weiter entwickelt, ist die (auch moralische) Basis Frankreichs (oder sollte es zumindest sein).</p>
<p>5.</p>
<p>In den USA hingegen spielt die „civil religion“ als nicht &#8211; konfessioneller Überbau über allen Religionen immer noch eine entscheidende Rolle. „Gott“ wird dort ständig beschworen (von ihm ist auf Dollarnoten die Rede), es ist nicht der Gott der Bibel, sondern ein abstraktes transzendentes Wesen, eine Art absoluter Schutzschirm für die Nation. Deswegen haben dort auch Atheisten keinen leichten Stand, obwohl sie immer zahlreicher werden&#8230;.</p>
<p>Durch Rousseau wird die Frage wieder aufgeworfen: Welche Ideen, welcher „Glaube“,  bindet die Menschen in der zunehmenden Vielfalt an die Republik? Sind es die Menschenrechte? Können sie fundamentalistischem Wahn Einhalt gebieten? Können Fundamentalisten zur Republik, zur Demokratie, den Menschenrechten „erzogen“ werden? Wie kann das gelingen?</p>
<p>c<em>opyright: christian modehn, berlin.</em></p>
<p>Als Lektüre empfehlen wr:</p>
<p>La Laicité à l épreuve. Dirigé par Jean Baubérot. Edition Universalis, Paris 2004.</p>
<p>Karlfriedrich und Bernard H.F.Taureck, Rousseau Brevier, Wilhelm Fink Berlag, München 2012.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/2503_zivilreligion-ein-vorschlag-von-jean-jacques-rousseau_gott-in-frankreich">&#8222;Zivilreligion&#8220;: Ein Vorschlag von Jean &#8211; Jacques Rousseau</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>Friedrich der Große  &#8211; Religionsphilosoph und Kirchenkritiker</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/2151_friedrich-der-grose-ein-religionsphilosoph_denken-und-glauben</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 23 Jan 2012 18:00:14 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Aktuelles]]></category>
		<category><![CDATA[Alternativen für eine humane Zukunft]]></category>
		<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[300. Geburtstag Friedrich d. Gr.]]></category>
		<category><![CDATA[Briefwechsel Voltaire - Friedirch II.]]></category>
		<category><![CDATA[Friedrich d. gr. als Religionsphilosoph]]></category>
		<category><![CDATA[Glaube an ein höchstes Wesen]]></category>
		<category><![CDATA[Hedwigsksathedrale und Friedrich d.Gr.]]></category>
		<category><![CDATA[Reinhold Schneider und Friedirch d.Gr.]]></category>
		<category><![CDATA[Religionskritik bei Friedirch d.Gr.]]></category>
		<category><![CDATA[Rheinsberg und Friedrich d. Gr]]></category>
		<category><![CDATA[Toleranz und Friedrich d. Gr.]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Zur Aktualität der Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie „Friedrich des Großen“ Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages von Christian Modehn am 23.1.2012. 1. Der Satz Friedrich II., als Weisheit populär, aber selten Realität: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ wurde wohl 1740 gesprochen. Eine ähnliche Formel verwendet er: “Im übrigen mögen wir das Sprichwort: Leben und Lassen“. (Seite 490 [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zur Aktualität der Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie „Friedrich des Großen“</p>
<p>Hinweise anlässlich seines 300. Geburtstages von Christian Modehn am 23.1.2012.</p>
<p>1.</p>
<p>Der Satz Friedrich II., als Weisheit populär, aber selten Realität: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden“ wurde wohl 1740 gesprochen.</p>
<p>Eine ähnliche Formel verwendet er: “Im übrigen mögen wir das Sprichwort: Leben und Lassen“. (Seite 490 in: „Der Briefwechsel Voltaire – Friedrich d.Gr.“ Hg., übersetzt und vorgestellt von Hans Pleschinski, Zürich 1992. Die Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch).</p>
<p>Weitere programmatische Worte Friedrich II: &#8222;Halten Sie (gemeint ist Voltaire) es für möglich, dass man mich gottlos schimpft, weil ich erkläre, dass die Menschen nicht auf die Welt gekommen sind, um sich gegenseitig zu vernichten?&#8220; (41).</p>
<p>&#8222;Es ist gewiss, dass man niemals zum Erkennen der letzten Ursachen vordingen wird.&#8220; (26).</p>
<p>Der König ist ein Meister der Sprache, ein Meister der Ironie und des Witzes. Er versteht sich in der Korrespondenz mit Voltaire selbst häufig als ein Philosoph (z.B. 491), auch wenn die Verwendung dieses Begriffs gegenüber dem Philosophen und „Patriarchen“ Voltaire eher leicht ironisch klingt.</p>
<p>Friedrich zeigt sich als universal gebildeter Mann. Er hat z.B. Pufendorf und Grotius gelesen ( 488), er kennt die Quäker, ist über das Leben der Jesuiten (er nennt sie Ignatianer“) und deren Unterdrückung durch den Papst informiert (490), er kennt Bossuet, Corneille usw. Nur die deutsche Literatur ist ihm fremd.</p>
<p><em>2.</em></p>
<p><em>Grundlegend ist: Friedrich betrachtete die Lehren der Kirchen insgesamt als Formen des Aberglaubens.</em><br />
Er weiß, dass den französischen Herrschern der Aberglaube politisch nützlich ist (519).<br />
Mit Bedauern spricht er vom französischen König Ludwig XV., „der von Priestern im dümmsten Aberglauben erzogen wurde“ (504). Die Salbung der französischen Könige in der Kathedrale von Reims empfindet Friedrich als „bizarre Zeremonie“. Tatsächlich wurden dem gesalbten König heilende Wunderkräfte zugesprochen, was das Volk glaubte. „Ein weiser und aufgeklärter Fürst könnte das Heilige Salbgefäß abschaffen und sogar die Salbung selbst“( 511).</p>
<p>Friedrich hat die christlichen Abendmahlsfeiern wohl nur in einer – damals durchaus verständlich – verzerrten Form von Theologie kennen gelernt. Er nennt das Abendmahl eine „widerwärtige und gotteslästerliche Absurdität, den eigenen Gott (im Abendmahl) zu verspeisen. Das ist die größte Beleidigung des Höchsten Wesens&#8230;“ (533).</p>
<p>3.<em> DIE HEDWIGSKIRCHE in BERLIN</em></p>
<p>Friedrich bekämpft diesen Aberglauben nicht militant, <em>er gestattet etwa den Bau der ersten katholischen Kirche in Berlin nach der Reformation, die heutige &#8222;St. Hedwigkathedrale.&#8220;</em> Errichtet aber im Stil eines römischen Pantheons. Nur mit ein paar Worten berichtet Friedrich seinem hoch geschätzten Freund Voltaire <em>am 9. Oktober 1773: “Die katholische Kirche von Berlin wird bald eingeweiht. Der Bischof von Ermland wird sie weihen. Diese für uns fremdartige Zeremonie lockt Neugierige in hellen Scharen an“ (486).</em> Eigentlich ist der Bau dieser Kirche in der Korrespondenz kein wichtiges Thema.</p>
<p>4.</p>
<p>Friedrich hatte keinerlei Verständnis für die Verfolgung von Religionskritikern in Frankreich. Selbst die sogen. Blasphemie, etwa ein &#8222;Kruzifix zu zerbrechen und freche Lieder dabei zu singen&#8220;, ist für ihn in Preußen kein „wirkliches Verbrechen“. (498)</p>
<p><em>5.</em></p>
<p><em>Welche Religiosität war für Friedrich II. persönlich wichtig?</em><br />
Trotz kriegerischen Auseinandersetzungen, die er führte mit der üblichen Grausamkeit der Kriege: Ihm war der aufgeklärte Humanismus als Leitidee auch eine praktische Verpflichtung: Am 24. Oktober 1773 schreibt er, von einer Reise zurückgekehrt: „Ich war in Preußen, um die Leibeigenschaft aufzuheben, barbarische Gesetze zu reformieren und vernünftigere zu verkünden“&#8230;.Er spricht dann von seinem Einsatz, Kanäle zu bauen, Städte aufzubauen, Sümpfe trocken zu legen usw&#8230;</p>
<p>Interessant ist, dass er für seine im Jahr 1758 verstorbene „Lieblingsschwester“ Wilhelmine einen Gedenktempel im Park von Sanssouci bauen ließ, in Form eines <em>griechischen Rundtempels</em> (!) (Monopteros). „Diesen Tempel habe ich in einem Hain meines Gartens plaziert. Ich begebe mich häufig dorthin, um mich an Verlorenes und an einst genossenes Glück zu erinnern“ (489f). In der antiken Welt findet er offenbar meditative Inspirationen, nicht im christlichen Glauben.<br />
Hier ist vielleicht ein Hinweis des inzwischen leider fast vergessenen –und in geschichtlichen Fragen kompetenten &#8211; Schriftstellers Reinhold Schneider wichtig: Schneider schreibt in seinem Buch „Die Hohenzollern“ (Fischer Taschenbuch 1958) über die für Friedrich so erfreulichen Jahre in Rheinsberg: „Aus der Fülle dieses müßig – tätigen Lebens wendet sich Friedrich dankend an das höchste Wesen. Er muss genießen können, um zu beten. Die Weisen Griechenlands und Roms wecken dieses Gefühl der Frömmigkeit in ihm auf, das den gütigen Beglücker verehrt“. Aber von der Kirche wendet sich Friedrich schon in Rheinsberg ab: “<em>Für den Kronprinzen werden die bestellten Diener des Herrn für immer zum Gegenstand des Spottes“</em> (alle Zitate S. 114).</p>
<p>6. <em>Die katholischen Bischöfe</em></p>
<p>An Voltaire schreibt Friedrich II. am 24. August 1743 sehr deutliche, wohl provozierende Worte: <em>&#8222;Wir können hier mit mit einem Kardinal und ein paar Bischöfen aufwarten, von den die einen die Liebe von vorn, die übrigen von hinten betreiben, Bischöfe, die eher in der Theologie des Epikur als in der des heiligen Paulus bewandert sind&#8230;&#8220;</em> (274).</p>
<p>Eher nebenbei wird in einem Brief erwähnt, dass Friedrich „den großen Julian“ schätzt, also Kaiser Julianus Apostata, den vom Christentum zum Heidentum rück &#8211; konvertierten römischen Kaiser. Er wurde in der christlichen Historiographie „der Abtrünnige“ genannt, dabei war er durchaus auch tolerant gegenüber den Christen. Julian, meint Friedrich, würde heute einen bedrohten Freigeist schützen, „die Kyrillos und Gregors von Nazianz hätten ihn vom Leben zum Tode befördert“. (503), beide sind berühmte Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts, Zeitgenossen Julians.</p>
<p>7.</p>
<p>Die Kirche – Staat –Politik möchte er am liebsten als König einseitig zugunsten des Staates gestalten, eine Konsequenz seiner Kritik am kirchlich verbreiteten Aberglauben. Man sollte, so meint Friedrich, „der Staatsgewalt erlauben, Bischöfe entsprechend dem Staatswohl einzusetzen. Nur so kann man vorgehen. <em>Das leise und lautlose Unterminieren des Gebäudes der Unvernunft (der Kirchen) hat unweigerlich zur Folge, dass es ganz von selbst in sich zusammenbricht“.</em> (519).</p>
<p>Friedrich II.  meinte, ein Staat könne nur lebendig sein, wenn sich alle Bürger an die Prinzipien der Humanität halten, konfessionelle Bindungen gehören an die zweite Stelle.</p>
<p>Immanuel Kant hat diesen preußischen König sehr respektiert.</p>
<p><em>8.</em></p>
<p><em>Friedrich wollte mit seiner  Vorrangstellung der allgemeinen Vernunft vor allen religiösen Dogmen  letztlich dem Fortschritt dienen</em>, verstanden auch als Befreiung von Aberglauben: &#8222;Es steht fest, dass diejenigen, die Leute von Welt genannt werden, in allen Ländern mit dem Denken anfangen. Im abergläubischen Böhmen, in Österreich, ehedem die Bastion des Fanatismus, beginnen weltoffene Menschen die Augen zu öffnen&#8230; Wenngleich sich Fortschritte nicht gleich einstellen, <em>so ist es doch ein gewaltiger Schritt nach vorn, wie bestimmte Menschen sich die Binde des Aberglaubens von den Augen reißen&#8230;</em> In unseren protestantischen Ländern geht es schneller voran &#8230;Von diesem weiten Reich des Fanatismus bleiben kaum mehr als Polen, Portugal, Spanien und <em>Bayern übrig, wo die schiere Ignoranz und der Winterschlaf des Geistes den Aberglauben noch am Leben erhalten.&#8220;</em> (428 f).</p>
<p>9.</p>
<p><em>Das Glaubensbekenntnis des jungen Friedrich II</em>: (am 8. Februar 1737 an Voltaire): &#8220; Mein Glaubensbekenntnis besteht darin, das höchste Wesen zu verehren, das einzig gut, einzig barmherzig ist und schon daher meine Verehrung verdient; auch dies: Soweit ich vermag, den Menschen, um deren Elendiglichkeit ich weiß, Hilfe und Stütze zu sein; mich ansonsten auf den Willen meines Schölpfers zu verlassen, der über mich verfügt, wie ihm gutdünkt, und von dem ich, komme was mag, nichts zu fürchten habe. Ich schätze, dies ist so ungefähr mein Glaubensbekenntnis.&#8220; (35).</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/2151_friedrich-der-grose-ein-religionsphilosoph_denken-und-glauben">Friedrich der Große  &#8211; Religionsphilosoph und Kirchenkritiker</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<item>
		<title>Advent &#8211; ein philosophisches Thema?</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/2053_advent-ein-philosophisches-thema_denken-und-glauben</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Thu, 08 Dec 2011 16:46:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Befreiung]]></category>
		<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[Advent als Konsumfest]]></category>
		<category><![CDATA[Advent philosophisch gedeutet]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Modehn]]></category>
		<category><![CDATA[das Warten auf den neuen Menschen]]></category>
		<category><![CDATA[Einheit Göttlich und Menschlich]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie und Advent]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie und Warten]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Advent – ein philosophisches Thema? Von Christian Modehn, im Jahr 2011. Siehe auch die philosophische Meditation: Advent in Kiew 2022. LINK 1. Der Philosophie, so der Ausgangspunkt, ist grundsätzlich kein Thema fremd. Alle Lebensfragen können im besinnlichen Denken, kritisch fragend, nach Gründen suchend, aber weiteres Fragen offen haltend, erhellt werden. Auch der Advent kann ein [&#8230;]</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/2053_advent-ein-philosophisches-thema_denken-und-glauben">Advent &#8211; ein philosophisches Thema?</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Advent – ein philosophisches Thema?</p>
<p>Von Christian Modehn, im Jahr 2011. Siehe auch die philosophische Meditation: Advent in Kiew 2022. <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/15509_advent-eine-erfahrung-in-kiew-ende-november-2022_alternativen-fuer-eine-humane-zukunft">LINK</a></p>
<p>1.</p>
<p>Der Philosophie, so der Ausgangspunkt, ist grundsätzlich kein Thema fremd. Alle Lebensfragen können im besinnlichen Denken, kritisch fragend, nach Gründen suchend, aber weiteres Fragen offen haltend, erhellt werden. Auch der Advent kann ein Thema sein; jene 4 Wochen vor Weihnachten, die, wie der Name sagt, der Ankunft eines besonderen Ereignisses gewidmet sind, dieses erwartete Ereignis wird heute populär Weihnachten genannt. Tatsächlich ist das große ersehnte und erhoffte Ereignis im religiösen Bewusstsein der informierten Christen die Geburt Jesu von Nazareth. Dass davon heute immer weniger Menschen selbst in Europa noch etwas wissen, ist ein anderes Thema.</p>
<p>2.</p>
<p>Die ersten Christen der frühen Kirche feierten eigentlich noch nicht diesen Advent. Sie warteten auf die alsbaldige machtvolle Wiederkunft Jesu Christi als des Weltenrichters. Als dieses Ereignis ausblieb – das stellten die ersten Christen wohl spätestens am Ende des 1. Jahrhunderts fest  &#8211; wurde für die Gottesdienste während des Jahres ein liturgischer Kalender etabliert, und da begann man „unseren“ Advent zu feiern. Die Christen versuchten also einige Wochen vor dem Geburtsfest Jesu von Nazareth sich noch einmal hineinzuversetzen in die frühere Situation, als „man“ auf ihn, den Erlöser, wartete. Wer ist dieses „man“? Die Christen deuten die hebräische Bibel so, dass sie alle dortigen Ankündigungen eines kommenden Retters und Erlösers auf diesen Jesus von Nazareth beziehen, was Juden nicht unterstützen können. Da also nur wenige Juden sich der christlichen Interpretation der Weissagungen der hebräischen Bibel anschließen konnten, d.h. Christen wurden, suchten die christlichen Theologen die Erwartungshaltung auch in philosophischen Kreisen der gebildeten griechischen („heidnischen“) Bevölkerung aufzudecken. Und hier beginnt eigentlich erst eine philosophische Besinnung auf den Advent.</p>
<p>3.</p>
<p>Für das besinnliche philosophische Nachdenken kann die für Christen zentrale Gestalt Jesu Christi als des Gott – Menschen bedeutsam sein. Dabei hängt alles davon ab, wie man den Gott – Menschen versteht. Die von der griechischen Philosophie inspirierte frühe Theologie (ab dem 2. Jahrhundert) hat dieses Symbol des Gott – Menschen immer wieder der frommen Betrachtung empfohlen. Dabei hat diese Theologie m.E. nie plausibel zeigen können, wie denn der einzelne Mensch diesem Gott – Menschen überhaupt nachfolgen kann, von Nachfolge Jesu Christi ist ja ständig – gerade auch als Aufforderung zum Tun – in kirchlichen Kreisen die Rede. Die irdischen Menschen kommen natürlich permanent an ihre Grenzen, wenn sie dem Gott – Menschen nachfolgen. Denn dieser wird als frei von Sünde beschrieben, d.h. er habe keinen Anteil am Bösen. Dieser Gott – Mensch Jesus von Nazareth hat seine Freiheit nur positiv gelebt, eine Fehlentscheidung aus Freiheit sei bei ihm ausgeschlossen, heißt es in der kirchlichen Spiritualität. So bleibt also die Verehrung dieses Gott – Menschen insofern problematisch, als der Mensch immer nur an seine Grenzen geführt wird; er kann seine Freiheit nie nur positiv leben, er hat Anteil am Bösen. So bleibt also nichts als der bewundernd – verzückte Blick auf diesen unerreichbaren Gott – Menschen. Insofern ist beim Feiern der Weihnacht, also der Geburt des göttlichen Kindes, auch religiös für den einzelnen und die Gemeinde immer schon „Frustration“ und Ungenügen angesagt.</p>
<p>Diese Form der Religion vermittelt offenbar  kein Gefühl von Erlöstsein und Befreitsein&#8230;</p>
<p>4.</p>
<p>Hat die Philosophie einen anderen Vorschlag? Ich denke ja, sie kann die Erwartung eines „besonderen“ Menschen, eines Gott – Menschen, unterstützen, indem sie allerdings deutlich macht: Menschliches und Göttliches stehen einander nicht fremd gegenüber; unter der Voraussetzung, philosophisch könnte der Aufweis gelingen, der Mensch sei in seinem Geist über das Endliche immer schon hinaus und tangiere so sehr das Göttliche, dass er die Möglichkeit dieses Transzendierens bereits als Kraft des Göttlichen IM Menschen erlebt. Darauf wurde früher schon hingewiesen in einer philosophischen Besinnung auf „Weihnachten“.</p>
<p>5.</p>
<p>Wäre also philosophisch der Advent das fragende Suchen und Warten nach dem, was im Symbol unbeholfen „Gott – Mensch“ genannt wird?  Also eine Erfahrung der Einheit des Weltlichen und des Nichtweltlichen, des absolut Gründenden, ein Verbundensein von Endlichem  und Unendlichem im Menschen, und zwar in jedem Menschen, nicht nur in den konfessionell Gebundenen, nicht nur unter denen, die sich Christen nennen. Vielmehr hat philosophisch gesehen jeder Mensch natürlich das gute Recht, auf seine individuelle Weise sein In – Gott – Sein oder sein mit der Transzendenz Verbundensein zu leben und zu gestalten. Das muss nicht im Rahmen einer (sich orthodox nennenden) Kirche geschehen, sondern überall im weiten Feld der Kultur. <em>Wesentlich ist: In einer philosophischen Überlegung zum Advent hat jeder Mensch bereits Anteil am Göttlichen.</em> Das macht die Würde des Menschen aus, er ist eigentlich – wie Jesus Christus – selbst schon auf seine Art Gott – Mensch, nicht als fertiger Zustand, sondern immer voller Gefährdungen und Irrwegen.</p>
<p>6.</p>
<p>Vielleicht sollte man philosophisch angesichts des Advents eher vom Warten und Suchen nach der Realisierung des „neuen Menschen“ sprechen; auch dieses Symbol ist belastet; jeglicher ideologischer Missbrauch in totalitären Systemen mit diesem Symbol muss zurückgewiesen werden. Aber sollte nicht &#8211; trotz des Missbrauchs &#8211; weiterhin vom „neuen Menschen“ gesprochen werden, einem Menschen, der Anteil hat an der gerechten und friedvollen Welt? Diese Worte formulieren ja nicht einen naiven, kindlichen Traum. Der „neue Mensch“ wäre als das Symbol weltweiter politischer demokratischer Bewegungen zu denken; diese Gruppen, meist spontan und nicht hierarchisiert, äußern sich im Protest gegen den alles zermalmenden Kapitalismus; sie äußern sich in der Anklage an das gewissenlose Ignorieren  ökologischer Erkenntnisse auf höchster politischer Ebene.</p>
<p>7.</p>
<p>Diesem neuen Menschen gilt die philosophische Aufmerksamkeit im Advent. Dabei ist das Philosophieren nicht nur von der Ungeduld erfüllt über das Fortdauern alter, überholter unmenschlicher Systeme. Das Philosophieren muss die Erkenntnis aushalten, dass diese Sehnsucht, dieses Warten, aufs schlimmste behindert wird vom Konsum-Rausch der Vorweihnachtszeit, von der Banalisierung des Erwarteten, dem totalen Kitsch der Weihnachtslieder – auch der kirchlichen. So erscheint der Advent heute vor allem als Zeit egozentrischer Wünsche.</p>
<p>8.</p>
<p>Die Sehnsucht nach dem „neuen Menschen“, dieser gelungenen Vereinigung von Endlichem und Unendlichem, Thema aller philosophischen Mystik, braucht die innere Erfahrung <em>und</em> das geduldiges Handeln in Gruppen und Gemeinden, auch in philosophischen.</p>
<p>copyright:christian modehn, berlin.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Zwischen Verstand und Gefühl &#8211; Ein Interview</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/1672_zwischen-verstand-und-gefuhl-ein-interview_religion-und-philosophie</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 20 Jun 2011 07:52:39 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denkbar]]></category>
		<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[Lebenshilfe durch Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophische Beratung]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophische Praxis]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Künkel]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Als &#8222;Gast &#8211; Interview&#8220; stellte uns Monika Herrmann dieses Interview für den Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phi&shy;sch&shy;en Salon zur Verfügung: Zwischen Verstand und Gefühl Ein Interview mit dem philosophischen Praktiker Roger Künkel, Berlin. „Philosophie ist bis ins 20. Jahrhundert hinein fast nur im universitären Bereich angesiedelt, ihre Urform war jedoch immer Praxis orientiert“, sagt Roger Künkel. Als Philosoph und [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Als &#8222;Gast &#8211; Interview&#8220; stellte uns Monika Herrmann dieses Interview für den Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phi&shy;sch&shy;en Salon zur Verfügung:</p>
<p>Zwischen Verstand und Gefühl<br />
Ein Interview mit dem philosophischen Praktiker Roger Künkel, Berlin. </p>
<p>„Philosophie ist bis ins 20. Jahrhundert hinein fast nur im universitären Bereich angesiedelt, ihre Urform war jedoch immer Praxis orientiert“, sagt Roger Künkel.<br />
Als Philosoph und Diplom-Psychologe betreibt er in Berlin eine philosophische Praxis und begleitet dort Menschen mit unterschiedlichen Problemen. Das Interview führte Monika Herrmann, Berlin, für die Wochenzeitung „Die Kirche“, Berlin.</p>
<p>Herr Künkel, Philosophen wird nachgesagt, sie würden in erster Linie denken und weniger handeln. Ist das so?</p>
<p>Nein, das ist ein Vorurteil. Seit Anfang der 80-er Jahre bieten sie auch Beratung  in eigenen Praxen an: Es geht dort um existentielle Fragen, die Menschen haben: Wie kann mein Leben gelingen? Wie können wir verstehen, wer wir sind, wohin wir gehen und woher wir kommen? Aber auch um Anleitung zum Denken, um Entscheidungssuche und Meinungsfindung. Diese praktischen Philosophen wollen eine Alternative bieten zu therapeutischen, theologischen und religiösen Angeboten. Das heißt: Philosophische Praxen sind offen für Menschen, die Fragen haben zu sich selbst oder zur Welt.  </p>
<p>Wen beraten und begleiten sie? </p>
<p>Manche meiner Klienten wollen einfach ihren Lebensweg neu bestimmen. Also Fragen nach der Gestaltung der Lebenszeit spielen eine Rolle. Es kommen auch Menschen, die Probleme mit ihrem sozialen Umfeld haben. Andere leiden an Sinnkrisen oder massiven seelischen Problemen. </p>
<p>Sind dafür nicht Psychotherapeuten zuständig?. </p>
<p>Ich glaube, dass die Psychotherapeuten in erster Linie die Verletzungen der Seele als Krankheit sehen. Man kann aber psychologische, Sinn bezogene, theologische und philosophische Fragen nicht von einander trennen.<br />
Deshalb therapiere ich auch nicht im klassischen Sinn, sondern führe mit meinen Klienten einen Dialog mit dem Ziel, dass sie lernen, Zusammenhänge zu verstehen und letztlich sich selbst verstehen. So kann ich Paaren helfen, die nicht mehr weiter wissen, oder Menschen, die Probleme im Berufsleben haben. Aber auch Familien, die in Krisen geraten sind, oder alten Menschen, die  mit ihrem Ruhestand unzufrieden oder einsam sind und den Sinn des Lebens verloren haben. Philosophische Praxis ist nicht nur etwas, das mit Intellekt und Verstand zu tun hat, wie oft vermutet wird. In der Philosophie geht es auch um Emotionen. In meiner Praxis spielen sie eine große Rolle. </p>
<p>Das bedeutet, ihre Klienten dürfen weinen, klagen, schreien </p>
<p>Man darf alles. Denn die Gespräche, die ich mit meinen Klienten führe, sollen zur Klarheit des eigenen Seins führen. Dass man seine Gefühle auch verstehen lernt, ist wichtig. Ein Balanceakt zwischen Verstand und Gefühl ist das. Wenn Menschen nur mit dem Verstand reagieren, verstehen sie nicht viel von sich. Anders herum geht es auch nicht. Also eine gesunde Balance, die aber für jeden individuell verschieden ist.</p>
<p>Wenn es Ihnen so sehr um die Seele der Menschen geht, verstehen sie sich auch als Seelsorger?</p>
<p>Natürlich. Schon in der Antike, bei Platon beispielsweise, wurde die Philosophie als die Sorge um die Seele betrachtet.<br />
Das heißt, sie ist ein primäres Anliegen der Philosophie. Seelsorge wird heute weit gehend von Religionsgemeinschaften angeboten. Das Problem ist: Menschen werden dort im Sinne der jeweiligen Träger beraten. Ich will das nicht kritisieren. Aber der Gesprächsrahmen steht fest. In der philosophischen Praxis ist das anders. Dort bestimmt der Klient, in welche Richtung er gehen möchte und zu welchen Räumen er eine Tür geöffnet haben möchte. </p>
<p>www.philosophische-praxis-kuenkel.de</p>
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		<title>Wie viel Denken braucht der Mensch?</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/1078_wie-viel-denken-braucht-der-mensch_religion-und-philosophie</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 24 Oct 2010 09:48:27 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denkbar]]></category>
		<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[Christian Modehn]]></category>
		<category><![CDATA[Dieter Krohn]]></category>
		<category><![CDATA[Petra von Morstein]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Künkel]]></category>
		<category><![CDATA[Roger Wisniewski]]></category>
		<category><![CDATA[Sokratisches Gespräch]]></category>
		<category><![CDATA[Welttag der Philosophie 2010]]></category>
		<category><![CDATA[Welttag der Philosophie im Afrika-Haus berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Welttag der Philosophie in Berlin]]></category>
		<category><![CDATA[Wie viel Denken braucht der Mensch?.]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://religionsphilosophischer-salon.venetus.de/?p=1078</guid>

					<description><![CDATA[<p>Zum Welttag der Philosophie – ein weltweites Projekt der UNESCO &#8211; Wie viel Denken braucht der Mensch? Eine Veranstaltung im AFRIKA &#8211; HAUS Bochumer Str. 25 in Berlin – Tiergarten am Donnerstag, 18. November 2010, Beginn um 19 Uhr. &#8211; Berliner philosophische Gruppen stellen sich vor: „Zwischen Disput und Lebenshilfe“ &#8211; Was ist Philosophische Praxis? [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Zum Welttag der Philosophie – ein weltweites Projekt der UNESCO &#8211;<br />
                   Wie viel Denken braucht der Mensch? </p>
<p>Eine Veranstaltung im AFRIKA &#8211; HAUS Bochumer Str. 25<br />
in Berlin – Tiergarten<br />
am Donnerstag, 18. November 2010, Beginn um 19 Uhr. </p>
<p>&#8211; Berliner philosophische Gruppen stellen sich vor: „Zwischen Disput und Lebenshilfe“ </p>
<p>&#8211;	Was ist Philosophische Praxis? Internationale Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP), vertreten durch Prof. Petra von Morstein<br />
&#8211;	Die Kunst, gemeinsam richtig zu philosophieren. Gesellschaft für Sokratisches Philosophieren (GSP) zum Sokratisches Gespräch, vertreten durch Dr. Dieter Krohn<br />
&#8211;	Philosophie im Café. Initiativen in Moabit und Zehlendorf, vertreten durch Roger Künkel und Roger Wisniewski<br />
&#8211;      Warum Spiritualität kritisches Denken braucht, Philos. Salon in<br />
           Schöneberg, vertreten durch Christian Modehn</p>
<p>&#8211; Podiumsdiskussion: Philosophie in Aktion – Philosophie als Aktion?  </p>
<p>&#8211; Intermezzo, Speisen und Getränke</p>
<p>&#8211; Gespräch und Diskussion mit den TeilnehmerInnen</p>
<p>&#8211; Ende gegen 21. 15, möglicherweise Fortsetzung der Gespräche in kleinerem Kreis.  </p>
<p>Das AFRIKA HAUS<br />
Bochumer Straße 25 in<br />
10555 Berlin – Tiergarten ist über den U Bahnhof Turmstr., Ausgang Alt-Moabit,  gut zu erreichen. </p>
<p>Ab 18.30 ist das Afrika Haus geöffnet.<br />
Der Eintritt ist frei.</p>
<p>V.I.S.d. P.: Christian Modehn und Roger Wisniewski</p>
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		<title>Philosophieren &#8211; ein Fest des Denkens?</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/562_philosophieren-ein-fest-des-denkens_religion-und-philosophie</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Sat, 19 Dec 2009 16:49:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Denkbar]]></category>
		<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://religionsphilosophischer-salon.venetus.de/?p=562</guid>

					<description><![CDATA[<p>Kann Philosophieren selbst eine FEIER werden? Perspektiven für unser Gespräch am 19.12. 2009 über Philosophieren zwischen Alltag und Fest&#8230;. Eine merkwürdige Zumutung: Philosophisches Denken als Feier? Aber was leistet Philosophieren: Es räumt auf, indem es problematische Begriffe untersucht, Denkzwänge beseitigt, möglicherweise falsche Vorstellungen verwirft; neue Erkenntnisse tun sich auf. Vernunft ist ja in klassischer Tradition [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Kann Philosophieren selbst eine FEIER werden?</strong></p>
<p>Perspektiven für unser Gespräch am 19.12. 2009 über Philosophieren zwischen Alltag und Fest&#8230;.</p>
<p>Eine merkwürdige Zumutung: Philosophisches Denken als Feier?</p>
<p>Aber was leistet Philosophieren:</p>
<p>Es räumt auf, indem es problematische Begriffe untersucht, Denkzwänge beseitigt, möglicherweise falsche Vorstellungen verwirft; neue Erkenntnisse tun sich auf. Vernunft ist ja in klassischer Tradition „Licht“.  Aufklärung heißt auf Französisch: Siècle des lumières&#8230;Zeitalter der Lichter.</p>
<p>Also:</p>
<p>Wenn Philosophie entrümpelt, schafft sie einen neuen freien und lichten Denkraum und damit einen neuen Lebensraum.</p>
<p>Bei etwas mehr Klarheit kann man sich doch freuen, kann man doch mit den neuen Erkenntnissen umgehen, spielen, sie probieren, ihre Wirkungen genießen. Vielleicht sind sie heilsam, vielleicht beflügeln sie den Geist und damit das Leben.</p>
<p>Dann wird Philosophieren zum „Denkfest“.</p>
<p>Dieses Fest wird immer zunächst in der Einsamkeit des einzelnen gefeiert. Und zwar möglichst oft. Denn das Entrümpeln hat nie ein Ende.</p>
<p>Aber der entrümpelte Denkraum wird immer wieder anderen gezeigt, d.h. er wird mit anderen besprochen. Dann entsteht ein Fest des gemeinsamen Denkens. Ein Symposion.</p>
<p>Und bei dem klassischen Symposion von Platon fehlten niemals Wein und Brot. Gibt es etwa ein „philosophisches Abendmahl“?  Darüber wäre auch im Rahmen einer Philosophie der Lebenskunst nach zu denken.</p>
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		<item>
		<title>Mit Hegel Gott denken</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/384_mit-hegel-gott-denken_religion-und-philosophie</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 24 Jul 2009 10:19:55 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[Gottesbeweise]]></category>
		<category><![CDATA[negative Theologie]]></category>
		<category><![CDATA[Religionsphilosophie]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://religionsphilosophischer-salon.venetus.de/?p=384</guid>

					<description><![CDATA[<p>Mit dem Philosophen  Hegel Gott denken  &#8211; Möglichkeiten und Grenzen Ein Salonabend im Hause Hegel Eine imaginäre Begegnung anläßlich eines klassischen Themas, das viele heute für überholt halten. Das aber doch seinen philosophischen Reiz nicht verloren hat&#8230; Von Christian Modehn, vorgestellt für jene, die bisher dem Denken Hegels aus dem Weg gegangen sind&#8230; Im Wein [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Mit dem Philosophen  Hegel Gott denken  &#8211; Möglichkeiten und Grenzen</p>
<p>Ein Salonabend im Hause Hegel</p>
<p>Eine imaginäre Begegnung anläßlich eines klassischen Themas, das viele heute für überholt halten. Das aber doch seinen philosophischen Reiz nicht verloren hat&#8230;</p>
<p>Von Christian Modehn, vorgestellt für jene, die bisher dem Denken Hegels aus dem Weg gegangen sind&#8230; </p>
<p>Im Wein liegt Wahrheit, und mit der stößt man überall an.« Ein Bonmot, das sich in ganz Berlin herumgesprochen hat. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hat es formuliert, und es wird ihm immer vorgehalten, wenn er, bei einigen Gläsern Wein, abends zum Salon einlädt. Treffpunkt ist seine Wohnung »Am Kupfergraben Nr. 4«, ganz in der Nähe der Prachtstraße »Unter den Linden« mit der Universität.</p>
<p>Die heutige Runde will darüber nachdenken, wie die Vernunft einen Beitrag leisten kann zur Versöhnung der zerstrittenen und zerrissenen Gesellschaft: Manche Leute halten sich streng an die dogmatische Wahrheit, andere lassen jedem seine Überzeugung, sind für die Toleranz. Etliche setzen nur auf Spiritualität, die anderen auf den Atheismus. Viele wollen Gott nur im Gefühlsrausch erleben, andere möchten einen klaren Kopf bewahren, wenn sie beten.</p>
<p>»Gibt es bei diesen zerstrittenen Positionen einen vernünftigen Ausweg, eine Versöhnung?« Mit diesen Worten begrüßt Hegel seine Gäste, zwei Theologen und drei Philosophen. Sie wissen längst, dass Hegel der Vernunft sehr viel zutraut: Nur sie darf Staat und Gesellschaft bestimmen, nur sie soll den Menschen leiten in seinen Entscheidungen. Und schließlich sollte die Vernunft auch die Religionen bestimmen. »Darum schlage ich für unsere heutige Sitzung in unserem Salon das Thema vor: Wie lässt sich Gott denken, ja mehr noch, lässt sich vielleicht die Existenz Gottes in der Philosophie beweisen?«</p>
<p>Mit dieser Frage haben die Gäste beinahe gerechnet, denn die Erkennbarkeit Gottes im Denken ist eines der Lieblingsthemen des Meisterdenkers Hegel. Um das Wohlwollen seiner Gäste zu gewinnen, erhebt Hegel das Glas und sagt: »Auf die Erkenntnis der Wahrheit.«</p>
<p>Die Gäste wissen natürlich, dass Hegel, durchaus unbescheiden, dazu neigt, sein eigenes Denken als »die« Wahrheit zu bezeichnen. Und das empfinden viele als »anstößig«, weil er in höchster geistiger Anstrengung die Erkennbarkeit Gottes zur Grundlage seiner Philosophie macht. Wird sich auch in dieser Runde Gott im Denken beweisen lassen? Ein spannendes Thema, das vielleicht einen eher lockeren Einstieg verdient, meint der evangelische Theologe und Psychologe Günter Funke: »Gottesbeweise sind einfach wunderbare intellektuelle Spiele. Das hat mit der Freude am Denken zu tun. Und warum soll man sich nicht mal hinsetzen und sagen: Versuchen wir es mal.«</p>
<p>Hegel möchte diese etwas flapsige Äußerung schon fast »anstößig« finden und laut widersprechen, aber er besinnt sich und erklärt sanft: »Nach Möglichkeiten von Gottesbeweisen zu suchen ist alles andere als ein Spiel. Erst, wenn wir sicher Gott erkennen, finden wir Halt und Sinn. Die Erkenntnis Gottes ist im Denken des Menschen begründet. Denn mit unserer Vernunft überschreiten wir das Endliche und Begrenzte. Wir sind kraft unserer Vernunft über alle Einschränkungen der Welt hinaus auf den Unendlichen, auf Gott, bezogen.«</p>
<p>Die Gäste im Hause Hegel schauen sich an und denken: Da hat uns also Hegel gleich ins Zentrum seiner Philosophie geschleudert: Denn er begründet in allen Teilen seines weitreichenden Systems, warum der Mensch die geistige Kraft hat, die Grenzen des Weltlichen und Bedingten zu überschreiten. Der Mensch sei wesentlich Geist, das unterscheide ihn vom Tier. Und der Geist lehrt Leben, Lieben und Hoffen. Darum dürften die Naturwissenschaftler auch nicht das letzte Wort haben. Sie könnten gar nicht verstehen, was unsere menschliche Wirklichkeit ist, was Person und Ethik, soziales Leben und Politik, Kunst und Religion bedeuten. Überall da wirke der Geist, und der habe so viel Energie, die Welt auf Gott hin zu öffnen. »Und genau da sind wir wieder bei unserer Sache«, sagt der Philosoph Volker Gerhardt: »Ich glaube, dass wir heute das Thema des Göttlichen oder Gottes ganz selbstverständlich auf die Tagesordnung der Philosophie setzen.«</p>
<p>Hegel atmet auf: Seine Gäste wollen sich also nicht »aus Eitelkeit«, wie er gern sagt, am Weltlichen und Irdischen festklammern. In aller Deutlichkeit schärft er ein: »Wenn wir nach Gott im Denken fragen, dann ist das alles andere als eine plötzliche Erleuchtung, alles andere als ein persönliches Wunder. In der Arbeit der Vernunft gelangen wir zum Erleben des Schönen, Wahren, Guten, zu geistigen Wirklichkeiten.«</p>
<p>Voller Bedacht trinkt Hegel einen Schluck Riesling. Die Gäste beobachten, wie er sich den guten Tropfen auf der Zunge zergehen lässt. Als Schwabe ist er ein Weinkenner … dann fährt er fort:</p>
<p>»Den philosophischen Weg zu Gott nenne ich Gottesbeweis. Und der Beweis beginnt damit, dass wir feststellen: In unserer Vernunft überwinden wir alles Begrenzte, Endliche, Weltliche.«</p>
<p>Die Philosophen in der Runde können dem nur zustimmen. Ohne kritisches Denken gibt es nur diffuse Gefühle, Vorurteile, Illusionen. Die entscheidende Frage muss jetzt diskutiert werden: Warum ist alles Weltliche überhaupt da? Warum gibt es Werden und Vergehen? Darauf will der Philosoph Edmund Runggaldier, ein Jesuit, eingehen: »Der Ausgangspunkt ist zunächst einmal die Erfahrung, dass es Veränderung gibt, und die Überzeugung, dass es für jedes Phänomen eine Ursache braucht. Aus diesen Überzeugungen schließe ich auf etwas, das dahinter ist. Wie ist es zur Entstehung dieses Kosmos gekommen? Wenn es stimmt, dass etwas nötig ist, damit etwas entstehen kann, dann muss es doch etwas geben, das Grund dafür ist, dass der Kosmos tatsächlich zu existieren begonnen hat.«</p>
<p>Die »Gottesbeweise« wollen zeigen, dass dieser »Urgrund« ganz anders ist als der Ursprung einer Sache, er ist kein raum-zeitlich bestimmbarer Gegenstand. Auf das Stichwort »Urgrund« hat ein anderer Philosoph in Hegels Salon nur gewartet: Der Philosoph Michael Theunissen erinnert daran, dass der »Urgrund«, das Göttliche, nicht als eine jenseitige und himmlische, ferne und fremde Wirklichkeit gedacht werden sollte. »Eine von Hegels wichtigsten Einsichten ist: Das Endliche, Weltliche, kann nicht in sich selbst stehen, es verweist auf ein absolutes Sein, das es trägt. Das Endliche ist nicht aus eigener Kraft lebendig, es trägt sich nicht selbst. Wir müssen das Absolute annehmen als den Grund unserer selbst, so dass das Absolute die Substanz unserer eigenen Wirklichkeit ist.«</p>
<p>Hegel lächelt zufrieden. Besser hätte er es auch nicht sagen können. Alle geistige Energie im Menschen stammt vom Schöpfer des ganzen Universums. Dass der biblische Schöpfungsbericht nicht wörtlich zu nehmen ist, versteht sich in diesem Kreis von selbst! Trotzdem hält man fest: Mensch und Gott sind aufs Innigste verbunden. Wir leben aus der geistigen Kraft, die uns geschaffen hat. Von dieser Einsicht ist Günter Funke ganz begeistert: »Dieses Leben, das uns im Leben hält, haben wir uns selber nicht gegeben, nicht gemacht. Wir können nicht einmal Leben im Reagenzglas machen, weil das Leben immer schon da ist. Das heißt: Wir können im Reagenzglas dem Leben eine Chance geben, auch dort noch zu erscheinen. Aber der Mensch kann kein Leben schaffen, weil er in allem Lebenschaffen immer schon auf dieses Leben zurückgreifen muss, um etwas zu schaffen.«</p>
<p>Ein Gast saß bisher schweigsam und in sich gekehrt in der Runde. Jetzt will er unbedingt das Wort ergreifen. Eine leichte Empörung kann er nicht verbergen. Pater Klaus Schlapp ist Zisterziensermönch in der alt-katholischen Kirche: »Ich glaube nicht, dass man die Gottesfrage gedanklich klären kann. Wie kann man die Gefühle einer Mutter zu ihrem Kind philosophisch erklären? Wie kann man die Liebe Gottes zu den Menschen philosophisch erklären? Und die Objektivität des Glaubens, die steht in Ihnen, in Ihren Herzen. Das ist nicht etwas, was ich wissenschaftlich weitergeben kann. Oder auch philosophisch klären kann. Wie kann man Gott mit Logik erfassen? Ich denke, da werden wir immer wieder scheitern. Ich kann Gott immer dann erfassen, wenn ich selbst aufhöre, irgendetwas zu wollen.«</p>
<p>Für die Philosophen in Hegels Salon ist dieses Bekenntnis eine Provokation. Aber das Misstrauen der Frommen gegenüber der Philosophie könne doch überwunden werden, meint Edmund Runggaldier: »Sollte meine Vernunft ständig gegen diesen Glauben an Gott sprechen, so wäre ich innerlich zerrissen. Und das wäre ungesund und äußerst unangenehm. Ein vernünftiger Glaube hilft, eine einheitliche, konsistente Auffassung der Wirklichkeit zu haben. Und diese einheitliche Auffassung hilft mir auch, den Alltag leichter zu bewältigen, ohne dass ich schizophren sein müsste: hier Rationalität der Wissenschaft, dort Irrationalität des Glaubens. Diese Spaltung wäre äußerst ungesund.«</p>
<p>Die Gotteserkenntnis führt also zu einer Stimmigkeit in meinem Leben, sie fördert das seelische Wohlbefinden und die Ausgeglichenheit des Geistes.</p>
<p>Selbst bei einem guten Tropfen kann Pater Schlapp seinen Unmut nicht überwinden: Muss man denn gleich von einem »Gottes-Beweis« sprechen, fragt er ein wenig mürrisch. Hegel möchte am liebsten zornig werden:</p>
<p>»Wie oft habe ich schon gesagt, dass Philosophie nicht Mathematik ist und dass deswegen ein philosophischer Beweis nicht die Qualität eines mathematischen Beweises hat. Wir Philosophen haben nichts mit Geometrie zu tun!«</p>
<p>Hegels Argument wird von dem Philosophen Günter Figal unterstützt: »Beweis ist vielleicht das falsche Wort in dem Zusammenhang. Beweisen kann man nicht, was letztlich nur durch eine intensive Erfahrung zugänglich ist. Man kann es erläutern und ausdeuten und kann zeigen, dass das, was da erläutert wird, eine Sache ist, die nicht etwa durch die Erläuterung von uns erfunden worden ist. Wenn man das einen Beweis nennt, wäre ich einverstanden.«</p>
<p>Hegel ist froh darüber, dass einer seiner Gäste auch neue Argumente für Gott vorstellen will; er setzt beim Suchen und Sehnen nach einem sinnvollen Leben an. Der Philosoph Volker Gerhardt betont: »Meines Erachtens ist das Wesentliche in dieser Demonstration der Unverzichtbarkeit Gottes dadurch gegeben, dass wir nicht ohne Sinn handeln können. Wir sind auf etwas bezogen, was uns etwas bedeutet. Und das geht über unsere jeweilige Handlungsperspektive hinaus, und es geht auch über unser individuelles Dasein hinaus. Wie wollen wir Kinder erziehen und ihnen den Ernst des Daseins beibringen, wenn wir zugleich immer sagen: Ja, aber es ist alles ohne Bedeutung, denn letztlich hat ja alles keinen Sinn. Ich glaube, das kann jeder einsehen, dass wir den Sinn brauchen. Und wenn wir uns dann fragen, was einen solchen Sinn garantieren kann, dann sind wir bei dem, entschuldigen Sie die Formulierung, was man die Funktion Gottes nennen kann, da ist er unverzichtbar.«</p>
<p>Die Gäste Hegels kommen darin überein: Im Denken lässt sich Gott als ein tragender Lebenssinn, als absolutes Geheimnis »berühren«. Das ist doch viel! Bevor es zur weiteren Debatte kommt, bittet Karl Friedrich Rumohr, ein Freund Hegels, in die Küche: Rumohr hat eines der ersten großen Kochbücher verfasst. Jetzt serviert er einen deftigen Gemüse-Fleisch-Salat. Und während die Gäste speisen, gibt er, selbstverständlich mit Zustimmung des Gastgebers, einen kleinen Witz preis: »Ein Sohn fragt seinen Vater: Hat Gott die Welt wirklich erschaffen und fertiggestellt? – Ja, mein Sohn, das hat er. – Aber Vater: Was macht Gott denn jetzt ständig im Himmel nach der Fertigstellung der Schöpfung? – Mein Sohn, höre! Gott sitzt Modell für das Absolute im Denken Hegels.«</p>
<p>Hegel schmunzelt, und mit einer gewissen Betroffenheit schauen die Gäste in die Runde: Weiß Hegel nicht vielleicht doch zu viel von Gott? Kann er zu Recht sagen, Gott im Denken als den Dreifaltigen zu erkennen? Ist der Unendliche nicht vor allem Geheimnis? Reicht es nicht zu wissen, dass Gott da ist? Wird der bewiesene Gott nicht zu einem Gegenstand, den man handhaben kann? Der evangelische Theologe Günter Funke meldet sich energisch zu Wort: »Der Mensch möchte verfügen. Und er fügt dann Gott ein in seine Konstrukte. Viele Menschen haben sehr viel Lebendigkeit ihren Vorstellungen geopfert. Und natürlich, wenn ich irgendwo mal beginne, Lebendigstes für Vorstellungen zu opfern, dann werden die Vorstellungen überhöht, sie bekommen einen Stellenwert, den die biblische Tradition Götzen nennt.« Philosophie, so lässt sich Hegel belehren, sollte vor allem interessiert sein, vor übereilten Festlegungen zu bewahren, den Raum des göttlichen Geheimnisses zu öffnen. Der Gastgeber erinnert an die Überzeugungen seiner Jugend: »Schon als junger Philosoph in Tübingen habe ich gelehrt: Die Lebendigkeit, das Leben selbst, ist die innere Quelle, Gott zu erfahren. Ich lasse mich deswegen auch heute gern von der Musik von Johann Sebastian Bach ansprechen, weil sie so deutlich den Übergang des Menschen zu Gott und die Hinwendung Gottes zum Menschen ausdrückt.«</p>
<p>Die Runde in Hegels Salon ist von der Begeisterung fürs Denken erfasst, aber sie möchte jeglichen blinden Eifer vermeiden. Darum muss der praktische Stellenwert der Gottesbeweise noch erklärt werden. Denn so könnte sich niemand mehr der Beziehung zu Gott entziehen. Dann »müssten« sich alle Menschen notwendigerweise an Gott halten, wenn sie nicht als Dummköpfe gelten wollen. Und die Philosophen könnten sich als »Gottesbeweiser« in den Dienst der Kirchen stellen. Sie wären dann philosophische Missionare.</p>
<p>Aber alle Tatsachen sprechen dagegen. Es gibt Atheisten genauso wie fromme Leute, die ohne jeglichen Gottesbeweis offenbar glücklich leben. Die »Gottesbeweise« bieten also persönliche Gewissheit, aber keine mathematisch zwingende Erkenntnis. Sie sind vor allem für jene Menschen von Nutzen, die schon einen gewissen Sinn für eine göttliche Wirklichkeit haben. Auf diese entscheidende Nuance weist Edmund Runggaldier hin: »Zunächst geht es darum zu klären, wie wir Theisten die Wirklichkeit deuten, damit unser Glaube konsistent sei. Denn wenn er widersprüchlich ist, dann kann er nicht stimmen. Erst in einem weiteren Schritt kann ich mich dann bemühen, einem Nichtgläubigen zu erklären, was die Gründe sind, die mich dazu bewegen, trotz der Religionskritik zu meinem Glauben zu stehen.«</p>
<p>Philosophische Argumente zur Gottesfrage behalten aber doch ihre aktuelle Gültigkeit, ruft Hegel in die Runde: »Im Erkennen Gottes beziehen wir uns auf eine göttliche Welt, in der alle Menschen sozusagen Kinder Gottes sind. Das heißt: Alle Menschen sind in gleicher Weise wertvoll und bedeutend. Und das gilt absolut, ist unumstößliche Wahrheit. Philosophische Gotteserkenntnis ist durchaus politisch zu verstehen im Sinne einer gerechten, brüderlichen Gesellschaft.«</p>
<p>Bevor die Runde ein letztes Gläschen trinkt, will Volker Gerhardt noch auf die spirituelle Bedeutung philosophischer Gotteserkenntnis hinweisen: »Ich denke, dass man heute vom Individuum her auf den Glauben zugeht. Deswegen braucht man die Kirche nicht notwendigerweise als einzelner Mensch. Man braucht keine Dogmen, sondern man kann aus der persönlichen Erfahrung heraus im Denken seine Beziehung zu Gott finden.«</p>
<p>Hegel hebt das Glas und sagt zum Schluss: »Trotzdem brauchen wir eine Gemeinschaft, eine Gemeinde der kritisch Denkenden, eine philosophische Gemeinschaft im Salon oder im philosophischen Café. Diese neue Gemeinde der Philosophen bestärkt uns auf dem Weg der Vernunft.«</p>
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		<title>Pierre Hadot: Philosophische Lebenskunst, philosophische Lebensgemeinschaften</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/200_philosophische-lebenskunst-pierre-hadot_religion-und-philosophie</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 May 2009 14:21:24 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Philosophische Bücher]]></category>
		<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[antike Philosophie als Hilfe heute]]></category>
		<category><![CDATA[Hadot ein ungewöhnlicher Philosoph]]></category>
		<category><![CDATA[Hadot et la spiritualité]]></category>
		<category><![CDATA[Hadot gegen Pius XII.]]></category>
		<category><![CDATA[Hadot philosophe]]></category>
		<category><![CDATA[Krankheit und Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie hilft in Lebensfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Hadot]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Hadot philosophische Exerzitien]]></category>
		<category><![CDATA[Pierre Hadot war katholischer priester]]></category>
		<category><![CDATA[Selbsterziehung durch Philosophie]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Philosoph als Exerzitienmeister Pierre Hadot – Porträt eines ungewöhnlichen Denkers Von Christian Modehn (2009) Wenn er sich auf schwierige Herz – Operationen vorbereiten musste, fand er Trost in der Philosophie. „Die innere Ausgeglichenheit haben mir die Philosophen der Stoa gegeben“, berichtet Pierre Hadot, „meine individuelle Situation konnte ich relativieren, wenn ich mir vorstellte, wie [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Philosoph als Exerzitienmeister<br />
Pierre Hadot – Porträt eines ungewöhnlichen Denkers<br />
Von Christian Modehn (2009)</p>
<p>Wenn er sich auf schwierige Herz – Operationen vorbereiten musste, fand er Trost in der Philosophie. „Die innere Ausgeglichenheit haben mir die Philosophen der Stoa gegeben“, berichtet Pierre Hadot, „meine individuelle Situation konnte ich relativieren, wenn ich mir vorstellte, wie ich, gleichsam fliegend, von hoch oben, auf die Welt schaue. Diese Übung gegen alles egozentrische Denken zeigt: Wie unbedeutend alles ist“.<br />
Pierre Hadot hat erlebt und erfahren, dass philosophisches Nachdenken wie eine Therapie heilsam ist: „Lebe jeden Tag so, als wäre er ein erster Lebenstag. Und lebe ihn so, als wäre er der letzte. Dann freust du dich entweder über das Aufgehen einer Welt in dir und um dich herum. Oder du siehst im Blick auf das Ende die Ganzheit des Lebens. Nur in dieser meditativen Haltung, ein Vorschlag antiker Philosophen, entdeckt man die Tiefe des Lebens, die Freude, jetzt diese Gegenwart zu erfahren“.<br />
Philosophie ist für Pierre Hadot mehr als abstraktes Debattieren, mehr als systematisches Reflektieren in den Universitäten: Sie ist eine Lebenshaltung. Nebenbei gesagt, hat sie Pierre Hadot ein langes Leben geschenkt: 1922 in Paris geboren, hat er sich schon als Jugendlicher für die Philosophie leidenschaftlich interessiert. Er erinnert gern an ein Erlebnis ungewöhnlicher Art, das er als „ozeanisches Gefühl“ beschreibt: Er erlebte die Wellen in einem unendlich erscheinenden Ozean, und plötzlich fühlte er sich einbezogen in eine geheimnisvolle Welt. Diese Unendlichkeit hat er nicht mit Gott in Verbindung gebracht. „Es war sozusagen ein religionsfreie philosophische Erfahrung der Unendlichkeit“.<br />
Pierre Hadot lehrte als Professor für Philosophie am berühmten „Collège de France“ in Paris. Sein Fachgebiet: Die antike Philosophie, aber auch das Denken von Montaigne und Kant, Goethe und Wittgenstein.<br />
Seine zahlreichen Bücher  haben vielen Menschen vor allem die antike Philosophie nahe gebracht: Die Schulen der Stoiker und Epikuräer, der Platoniker und Skeptiker. Befreit man deren Lehren von zeitgebundenen Vorstellungen und Einflüssen, wie bestimmten Ideen vom Kosmos oder den Atomen, dann zeigen diese so alten Denker ihre aktuelle Bedeutung für die Lebensgestaltung heute. „Pierre Hadot hat grundlegend unsere Vorstellung von Philosophie verändert“,  schreibt der auf Philosophie spezialisierte Publizist Roger – Pol Droit aus Paris. „Philosophen wie Seneca, Marc Aurel oder Epiktet haben nicht systematische Lehrbücher hinterlassen“, betont Hadot, „sondern Reflexionen, die ihnen selbst wie auch ihren Schülern Lebenshilfe sein sollten.<br />
Dabei hatte zu Beginn seiner Studien alles darauf hingedeutet, dass er eine Karriere innerhalb der katholischen Kirche macht: Von den „Christlichen Schulbrüdern“ ausgebildet, „hatte ich  einen naiven Kinderglauben ohne Enthusiasmus“. Er studierte Theologie, 1944 wurde er zum Priester geweiht, weil das Seminar in Reims dringend einen Geistlichen als Philosophie Dozenten brauchte. Die gegen alles Moderne  gewandte Enzyklika „Humani Generis“ von Papst Pius XII. war für ihn ein Schock; die stereotypen Wiederholungen der liturgischen Sprache empfand er als Ärgernis, den immer wieder propagierten Glauben an übernatürliche Wunder konnte er nur ablehnen. „1953 habe ich die Kirche verlassen“, er gab sein Priesteramt auf. 1964 heiratete er in Berlin die Philosophin Ilsetraut Marten, mit ihr hat er das  gleiche Thema bearbeitet: Die Philosophie als Exerzitium, als geistige Übung.<br />
Die antiken Philosophen wollte den Geist ihrer Zuhörer anregen, „bearbeiten“, sie wollten nicht nur den Geist  informieren, sondern – durchaus mit einem missionarischen Anspruch- die Seele formen. In den zahlreichen und in allen Städten weit verbreiteten philosophischen Schulen wurde mit dem „Meister“ über diese Exerzitien diskutiert. Aber wirklich praktizieren muss die Übungen der einzelne Mensch. Er muss es lernen, philosophische Lebenshilfe in jeder Lebenssituation zur Verfügung zu haben. Darum muss er zentrale Einsichten auswendig lernen und wie in einem inneren Dialog seinen Geist formen: „Bald wirst du alles vergessen haben, und bald werden dich alle Menschen vergessen haben“. Ein Lehrspruch von Marc Aurel, er verhindert blinden Übermut oder gar den Wahn, ewig jung bleiben zu können. Philosophische Übungen als verinnerlichtes Bedenken der Weisheit fördert die geistige Präsenz. Die Versuchung, wie im Dämmerzustand durch das eigene Leben zu tapern, wird zurückgewiesen. Was brauche ich wirklich zum Leben? Epikur lehrte zum Beispiel: „Das Elend der Menschen besteht darin, dass sie Dinge fürchten, die gar nicht gefürchtet werden dürfen, zum Beispiel den Tod oder die Götter: Von unserem Tod können wir nichts wissen. Und von den Göttern wissen wir auch fast nichts, weil sie im fernen Himmel sind“. Innere Ruhe tritt ein, wenn wir uns sagen: „Wir dürfen nicht wollen, dass das, was sowieso eintritt, doch besser nicht eintritt. Sondern wir müssen wollen, das anzunehmen, was nun einmal unabänderlich kommt“.<br />
Zu den Exerzitien der antiken Philosophen gehört für Pierre Hadot entscheidend die Achtsamkeit auf meine Gegenwart: Darum empfiehlt er, wie die Meister der Antike, die reflektierende Meditation am Morgen: Nach welchen Grundsätzen will ich heute handeln, aus egoistischem Antrieb oder gemäß einer vernünftigen Ethik. Und am Abend findet die Gewissenserforschung statt, nicht etwa, weil ein Gott das verlangt, sondern weil es vernünftig und deswegen heilsam ist. Habe ich heute mit Wohlwollen die Menschen behandelt, lebe ich für die anderen, ist mir die Freundschaft das höchste Gut? Habe ich mich der Resignation hingegeben? Marc Aurel hat gelehrt: „Erwarte nicht die ideale Republik, sei zufrieden wenn eine kleine Sache vorankommt. Und bedenke, was dann daraus wird, das ist dann oft gar keine kleine Sache mehr“.<br />
Die Exerzitien der antiken Philosophen haben später die Exerzitien der Kirche geprägt, Pierre Hadot hat das nachgewiesen. Die Christen haben sogar diese freien philosophischen Übungen vereinnahmt, als sie die Philosophie seit dem Mittelalter zur „Dienerin der Theologie“ erklärten  und das Dogma über das kritische Fragen stellten. Philosophie soll noch heute in der Ausbildung der Priester zur Annahme der Kirchenlehre bewegen.<br />
Pierre Hadot lässt keinen Zweifel daran, dass auch heute die philosophischen Exerzitien eine spirituelle Hilfe sind. Der einzelen muss sie leisten, wie in einer Form von „Selbsterziehung“, und diese einzelnen können sich zu philosophischen Gesprächskreisen zusammenschließen. Der zeitliche Abstand zu den Texten antiker Philosophen ist ja nicht größer als zu den Texten der Bibel. In beiden Fällen muss historisch – kritisch gelesen werden. Die Philosophien bleiben zumindest genauso relevant wie das „Buch der Weisheit“ . Denn im Unterschied zu kirchlichen Exerzitien wollen die philosophischen Exerzitien einzig den freien, selbständigen Menschen fördern, er muss sich keiner kirchlich vorgegebenen Moral anpassen. Vielmehr zählt einzig die Achtsamkeit auf die Stimme der Vernunft. Sie führt zum inneren Frieden. „Ein Geschenk, das gerade in Zeiten globaler Krisen lebensrettend sein kann“.</p>
<p>Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin</p>
<p>Das wichtige Buch von Pierre Hadot auf Deutsch &#8222;Philosophie als Lebensform&#8220; (Fischer Verlag) ist leider immer noch vergriffen. Auf Französisch ist wichtig als Einführung das Interview mit Hadot &#8222;La Philosophie comme manière de vivre&#8220; (Livre de Poche) aus dem Verlag Albin Michel, Paris. 2001, 6 Euro!</p>
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		<title>Laien leiten katholische Gemeinden in POITIERS, Frankreich.</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/197_laien-leiten-katholische-gemeinden-in-poitiers-frankreich_gott-in-frankreich</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 13 May 2009 14:01:23 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Gott in Frankreich]]></category>
		<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[Albert Rouet]]></category>
		<category><![CDATA[ein neues gesicht der Kirche]]></category>
		<category><![CDATA[Erzbischof Rouet]]></category>
		<category><![CDATA[Erzbistum Poitiers]]></category>
		<category><![CDATA[Kirche in poitiers]]></category>
		<category><![CDATA[Laien in Poitiers]]></category>
		<category><![CDATA[Laien leiten gemeinden]]></category>
		<category><![CDATA[Laien leiten nicht mehr Gemeinden]]></category>
		<category><![CDATA[neuer Bischof in Poitiers]]></category>
		<category><![CDATA[Pascal Wintzer Poitiers]]></category>
		<category><![CDATA[Priestermangel in Frankreich]]></category>
		<category><![CDATA[Rouet ist pensioniert]]></category>
		<category><![CDATA[Spannungen im Bistum Poitiers]]></category>
		<category><![CDATA[Team der laien in Dörfern]]></category>
		<category><![CDATA[Vergangenheitist tot sagt Erzbischof Rouet]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Gegen den Trend Im französischen Bistum Poitiers leiten Laien die Gemeinden. Hier ist der Weg von unten die Antwort auf die Kirchenkrise Von Christian Modehn. Dieser Beitrag wurde im Jahr 2009 publiziert. Inzwischen gab es einen Wechsel in der Leitung des Erzbistums Poitiers, nach der altersbedingten Pensionierung des sehr verdienten und mutigen Erzbischofs Albert Rouet. [&#8230;]</p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Gegen den Trend</p>
<p>Im französischen Bistum Poitiers leiten Laien die Gemeinden. Hier ist der Weg von unten die Antwort auf die Kirchenkrise</p>
<p>Von Christian Modehn.</p>
<p>Dieser Beitrag wurde im Jahr 2009 publiziert. Inzwischen gab es einen Wechsel in der Leitung des Erzbistums Poitiers, nach der altersbedingten Pensionierung des sehr verdienten und mutigen Erzbischofs Albert Rouet. Er hat das Programm &#8222;Laien leiten Gemeinden&#8220; und &#8222;Laien leiten Sonntagsgottesdienste mit Kommunionempfang (!)&#8220;  entworfen und immer unterstützt. Manche sahen in dem (unten beschriebenen Projekt) eine Chance, auch kleine Gemeinden, auf dem Land zumal, lebendig zu erhalten und mit dem üblichen (und bei dem zunehmenden Mangel an Priestern für die Gemeinden zerstörerischen) dominanten Klerus-Modell endlich Schluss zu machen. Der neue Erzbischof ist seit 2012 Pascal Wintzer. Er baut dieses stark auf die verantwortliche Mitwirkung der Laien setzende Modell langsam ab und kehrt zur römisch willkommenen Klerus-Vorherrschaft in den Gemeinden wieder zurück. In der vorzüglichen Studie <em>&#8222;Trombinoscope des Eveques 2016-2017</em> (Edition Golias, Villeurbanne, Nov. 2016) wird jeder (!) französische Bischof, wie es sich journalistisch gehört, krititisch, also nicht kirchenabhängig, gewürdigt. Auf den Seiten 316 bis 320 wird über Erzbischof Pascal Wintzer, Poitiers, berichtet; der Beitrag über ihn hat den bezeichnenden Titel &#8222;Fossoyeur&#8220;, also Totengräber &#8230; für diese neuen Gemeindeformen. In diesen Tagen tritt eine Synode in Poitiers zusammen, dort treffen sich die Katholiken, die dem Erzbischof treu ergeben sind (&#8222;identitaires&#8220;, wie die &#8222;Trombinoscope&#8220; S. 320 berichtet. Sie sollen die Laien ablösen, die noch für das Laien-Gemeinde-Modell eintreten, schreiben die Autoren der &#8222;Trombinoscope&#8220; (= &#8222;Jahrbuch&#8220;)&#8230;Wir empfehlen allen Interessierten dieses in unserer Sicht einmalige Buch über den realen Zustand der französischen Hierarchie. Und bitten alle, die enthusiastisch einst die unten notierten Zeilen gelesen haben, und das sind auch in Deutschland viele, mit ihrer (üblichen) Frustration fertig zu werden. Im Reformationsgedenken 2017 gilt das Motto: Der Klerus beherrscht die römische Kirche &#8230; nach wie vor. Insofern bleibt Luther aktuell&#8230;</p>
<p>Ergänzung im November 2016: Die Gemeinden in Frankreich sterben aus, weil der Klerus ausstirbt. So einfach ist das. Und so schlimm, wenn man an den Tod der Kommunikation dadurch in den Dörfern und den möglichen Verlust an Spiritualität denkt. Über jüngste (2016) Entwicklungen, zum Thema, im Bistum Tulle (Corrèze) klicken Sie <a href="http://religionsphilosophischer-salon.de/8403_es-ist-vorbei-wenn-der-katholizismus-verschwindet-am-beispiel-des-bistums-tulle-frankreich_gott-in-frankreich">hier. </a></p>
<p>Der publizierte Text von 2009:</p>
<p>Die Vergangenheit wirkt so beruhigend, weil sie tot ist.« Albert Rouet, Erzbischof von Poitiers im Westen Frankreichs, liebt klare Worte, wenn er von der »Pfarrgemeinde« als Organisationsform kirchlichen Lebens spricht: Sie ist für ihn überholt. »Bei der Pfarrei ging es seit Jahrhunderten um Macht: Die Priester bestimmten alles. Jetzt sind sie noch mehr überlastet. Ständig müssen sie Messen feiern. Eine grundlegende Erneuerung ist so nicht möglich.«<span id="more-197"></span></p>
<p>Bis zum Jahr 2017 wird es noch vierzig Priester im Erzbistum Poitiers geben, die jünger als 65 Jahre sind. Etwa 750 000 Menschen leben im Gebiet des Erzbistums, die Zahl der Katholiken dürfte bei 670 000 liegen. Genaue Statistiken gibt es nicht. Wegen der strikten Trennung von Kirche und Staat in Frankreich werden exakte Daten zur Konfessionszugehörigkeit nicht ermittelt. Erzbischof Rouet und mit ihm ein großer Kreis von Laien und Priestern weisen die inzwischen in allen anderen Bistümern – in Frankreich wie in Deutschland – üblichen »Struktur-Anpassungen« zurück, denen zufolge ein Priester eine Gemeinde nach der anderen übernimmt. »Wir wollen nicht, dass Pfarreien ihre Eigenständigkeit verlieren und plötzlich zu Anhängseln immer größer Einheiten werden«, betont Erzbischof Rouet. Nach ausführlichen Beratungen auf zwei Diözesansynoden hat man entschieden, von der Basis aus das kirchliche Leben grundlegend neu zu gestalten. Mit ausdrücklichem Hinweis auf Lateinamerika stehen »Basisgemeinden« nun schon seit zwölf Jahren im Mittelpunkt. Aus Pfarreien werden zahlreiche »Communautés locales«. Über 300 sind es bisher. Sie werden jeweils von einem Team von fünf Laien geleitet. Zwei Mitglieder, Frauen oder Männer, werden vor Ort gewählt, drei weitere von einer Bistumskommission je nach Fähigkeiten und Interessen berufen. Die Amtszeit dauert drei Jahre. Es ist nur eine Wiederwahl beziehungsweise Berufung möglich. Dadurch soll ein breiter Kreis von Interessierten die Chance haben, Verantwortung zu übernehmen. Das Wort »Laie« liebt man nicht in Poitiers. Man spricht lieber vom »Volk Gottes«, in dem alle Getauften gleiche Rechte und Pflichten haben. Die Spezialisierung in Ämtern kommt erst an zweiter Stelle.</p>
<p>Erzbischof Rouet will mit seinem »Volk Gottes« ein bislang in Europa einmaliges Modell verwirklichen: Laien übernehmen vor Ort Verantwortung für ihre Gemeinde. »Das ganze Projekt hat eine entscheidende Voraussetzung: Wir vertrauen den Laien, dass sie imstande sind, ihr allgemeines Priestertum, empfangen durch die Taufe, kreativ zu leben. Jeder Mann und jede Frau sollen erfahren: Ich bin etwas wert, man rechnet mit mir, man braucht meine ganz besondere Begabung.« Übernimmt ein Team die Verantwortung, zum Beispiel für eine Dorfgemeinde, dann wird es offiziell vom Bischof entsandt. Denn die fünf Gemeindeleiterinnen und -leiter üben nun ein »anerkanntes Dienstamt« aus. Bei dem Sendungsgottesdienst in der Kathedrale umfassen sie gemeinsam mit ihrem Erzbischof den Bischofsstab: ein Symbol dafür, dass sie nun Anteil haben an der Verantwortung für ihre Kirche.</p>
<p>Die Auswirkungen dieser Belebung der Kirche von der Basis aus sind deutlich zu sehen: Sehr viele Kinder interessieren sich für den Religionsunterricht im Gemeindehaus, es gibt viele Gesprächskreise, karitative Hilfen, Bestattungsfeiern – alles organisiert vom Leitungsteam zusammen mit anderen »Ehrenamtlichen«.</p>
<p>Und: Es wird an jedem Sonntag ein Wortgottesdienst gefeiert. Die Dorfkirche muss also nicht geschlossen werden mit dem Hinweis, die nächste Heilige Messe finde zehn Kilometer entfernt in der »Zentralkirche« statt. Die Kirchengemeinde bleibt vor Ort ansprechbar, sie ist ein guter Nachbar.</p>
<p>Alle zwei bis drei Wochen kommt der zuständige Pfarrer zur Eucharistiefeier. Er lebt im größten Ort der Umgebung: Von dort werden die Basisgemeinden zu einem größeren »Sektor« zusammengeführt. Die verschiedenen Sektoren bilden dann ein »Territorium«.</p>
<p>So ganz ohne Verwaltungsbegriffe kommt man also selbst in Poitiers nicht aus. Aber Strukturen haben dort den einzigen Zweck, dass immer neue Basisgemeinden entstehen, auch in den Städten. Die Universitätsstadt Poitiers selbst hat 85 000 Einwohner. Auch dort hütet man sich, eine Kirche zu schließen. Es bilden sich in den früheren Pfarrgemeinden vielmehr zahlreiche kleinere Basisgemeinden, die sich auch in den Wohnungen treffen. Der Priester ist nicht in erster Linie der »Spezialist für Kultus und Sakramente«, sondern auch der kompetente Theologe. Er kümmert sich um die Fortbildung der Basisgemeinden, er ist der Seelsorger, er unterstützt spirituell und organisatorisch bei der Vernetzung der Basisgemeinden mit dem Bistum und der Weltkirche.</p>
<p>Die Kirche von der Basis aus zu gestalten hat Auswirkungen auf das soziale Leben in den Dörfern und Städten. Denn über die Frage, wie armen und alten Menschen am besten geholfen werden kann, kommt das Pastoralteam in engeren Kontakt mit sozialen Organisationen und Hilfswerken am Ort oder in der Region. Und wenn die Dorfkirchen regelmäßig offengehalten werden, taucht immer wieder die Frage auf: Lässt sich die Kirche nicht auch anderweitig nutzen? Für Konzerte etwa, für Ausstellungen? Am meisten freut sich Erzbischof Rouet darüber, dass auch »Kirchendistanzierte« hin und wieder Interesse haben, einem Leitungsteam anzugehören: »Sie spüren: Da gibt es in der Kirche einen freien Raum der Gestaltung, wo sie sich auf ihre Art einbringen können.«</p>
<p>Bis jetzt ist kein anderes französisches Bistum den guten Erfahrungen von Poitiers gefolgt. Denn dieses Modell macht tatsächlich viel Arbeit und erfordert zudem den Mut, alte Strukturen abzuschaffen. Dabei ist es keine Frage, dass Poitiers den Weg in die Zukunft weist: Denn innerhalb der nächsten zehn Jahre wird die Zahl einsatzfähiger Priester erheblich kleiner werden. Im Bistum Belfort wird es 2017 noch sieben (!) Priester im Alter unter 65 Jahren geben, im Bistum Verdun werden es noch neun sein, in Le Havre fünfzehn. Die einst allmächtige Kleruskirche gelangt in Frankreich definitiv an ihr Ende. Kirchenrechtlich haben sich die Katholiken in Poitiers gegen römische Vorbehalte abgesichert: Sie erinnern an Kanon 516, Paragraf 2 des Kirchenrechts. Dort steht: »Wenn irgendwelche Gemeinschaften nicht als Pfarrei errichtet werden können, dann kann für deren Seelsorge auf andere Weise gesorgt werden.«</p>
<p>Ob die kirchenrechtliche Unterstützung für dieses durchaus revolutionäre Unternehmen ausreicht, wird sich zeigen, wenn Erzbischof Rouet in zwei Jahren pensioniert wird. Ein Nachfolger kann ja bekanntlich das Werk seines Vorgängers mit einem Handgriff zerschlagen. Dafür gibt es zahllose Beispiele weltweit. Aber die Basis in Poitiers gibt sich selbstbewusst. Sie will den neuen Weg fortsetzen.</p>
<p>Siehe: Albert Rouet, Un nouveau visage d Eglise, Paris 2005 und Albert Rouet, Un gout d espérance, Paris, 2008.</p>
<p>Der Beitrag <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/197_laien-leiten-katholische-gemeinden-in-poitiers-frankreich_gott-in-frankreich">Laien leiten katholische Gemeinden in POITIERS, Frankreich.</a> erschien zuerst auf <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de">Religionsphilosophischer Salon</a>.</p>
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		<title>Denken macht glücklich: Montaigne</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/78_denken-macht-glucklich_religion-und-philosophie</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2009 17:20:21 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[Anne – Céline Lhuillier]]></category>
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		<category><![CDATA[Weinberge]]></category>
		<category><![CDATA[Wilhelm Schmidt -Biggemann]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Ein Besuch bei Michel de Montaigne Eine Ra&shy;dio&shy;sen&shy;dung (RBB) von Christian Modehn 1.musikal. Zusp.: Rondo, bleibt  0 05“ freistehen. Dann etwas reinblenden:Das Chateau de Montaigne im Périgord. Im Schlosshof spielen Musiker zum Tanz auf. Ein Augenblick der Lebensfreude inmitten der Religionskriege zwischen Katholiken und Hugenotten. Das Chateau liegt am Rande eines Dorfes, umgeben von Weinbergen, [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Besuch bei Michel de Montaigne<a href="http://religionsphilosophischer-salon.venetus.de/uploads/2009/04/IMG_0345.jpg"><img decoding="async" class="alignright size-medium wp-image-2006" title="IMG_0345" src="http://religionsphilosophischer-salon.venetus.de/uploads/2009/04/IMG_0345-225x300.jpg" alt="" width="225" height="300" srcset="https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2009/04/IMG_0345-225x300.jpg 225w, https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2009/04/IMG_0345.jpg 270w" sizes="(max-width: 225px) 100vw, 225px" /></a><br />
Eine Ra&shy;dio&shy;sen&shy;dung (RBB) von Christian Modehn</p>
<p>1.musikal. Zusp.: Rondo, bleibt  0 05“ freistehen. Dann etwas reinblenden:<span id="more-78"></span>Das Chateau de Montaigne im Périgord. Im Schlosshof spielen Musiker zum Tanz auf. Ein Augenblick der Lebensfreude inmitten der Religionskriege zwischen Katholiken und Hugenotten. Das Chateau liegt am Rande eines Dorfes, umgeben von Weinbergen, sanften Hügeln und romantischen Flüssen.</p>
<p>Wie einige andere Ortschaften in der Nachbarschaft von  Bordeaux stellt es sich unter den Schutz des Erzengels Michael, der bekanntlich alle Ungeheuer und Dämonen besiegt haben soll. Auf dem Schloss Montaigne vertrauen die Menschen aber der Kraft ihres eigenen Denkens, wenn sie sich den Widerwärtigkeiten des Lebens stellen.</p>
<p>1. Zusp.: Rondo,</p>
<p>Titelsprecherin:<br />
Denken macht glücklich – Ein Besuch bei Michel de Montaigne<br />
Eine Sendung von Christian Modehn<br />
Das Dorf „Saint Michel de Montaigne“ zählt heute 300 Einwohner. Vom Frühling bis in den Herbst kommen an manchen Tagen 100 Touristen in diesen verschlafenen Ort. Die Besucher möchten das Schloss sehen, genauer gesagt, den benachbarten Turm: In diesem massiven Rundbau, wehrhaft und abweisend, wohnte einer der beliebtesten französischen Philosophen. 1533 wurde er als Michel Eyquem geboren. Aber er zog es vor, sich nach dem Titel des alten Landsitzes seiner Familie zu nennen: Michel de Montaigne. Er hat das Philosophieren von abstrakten Spekulationen befreit und mit dem Alltag der Menschen verbunden. Weltweiten Ruhm erlangte er durch sein  Hauptwerk, die „Essais“. Sie wollen „Versuche“, „Vorschläge“,  sein zur praktischen Lebensgestaltung. Das umfangreiche Werk hat er in seinem Turm zwischen 1571 und 1588 verfasst, bei seinem Tod 1592 war das Buch bereits im landesweit bekannt.<a href="http://religionsphilosophischer-salon.venetus.de/uploads/2009/04/IMG_0350.jpg"><img decoding="async" class="alignright size-full wp-image-2004" title="Der Turm Montaignes" src="http://religionsphilosophischer-salon.venetus.de/uploads/2009/04/IMG_0350.jpg" alt="" width="268" height="201" srcset="https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2009/04/IMG_0350.jpg 360w, https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2009/04/IMG_0350-300x225.jpg 300w" sizes="(max-width: 268px) 100vw, 268px" /></a><br />
Montaignes Arbeitszimmer, die Bibliothek, erreicht man nur über die Hauskapelle im Erdgeschoß. Hier erwartet die Historikerin Anne – Céline Lhuillier ihre Gäste:</p>
<p>O TON, 0 24“<br />
Die Kapelle ist immer noch geweiht, aber man kann die Messe hier normalerweise nicht mehr zelebrieren, weil sie doch recht klein ist. Aber es kommt schon mal vor, dass man doch die Messe feiert: im vergangenen Jahr hat die Gesellschaft der Freunde Montaignes hier Gottesdienst gefeiert, da waren etwa 40 bis 60 Leute dabei.<br />
Michel de Montaigne lebte in einer Epoche blutiger Religionskriege. Protestantische Ketzer wurden verbrannt, katholische Irrlehrer hingerichtet. Frankreich war in wildem Aufruhr, erläutert der Philosoph Wilhelm Schmidt -Biggemann, einer der Besucher auf Schloss Montaigne:</p>
<p>O TON:</p>
<p>Das ist eine apokalyptische Zeit und man erwartet die Wiederkunft des Herrn, d.h. das jüngste Gericht verhältnismäßig bald. Das Ergebnis ist: politische Radikalisierung auf allen Seiten. So dass also das Neue keinen Kredit haben kann. Was bleibt, ist dasjenige, von dem man weiß, dass es einige Zeit gehalten hat und dass man sich deshalb auf das, was einige Zeit gehalten hat, auch verlassen kann. Das ist keine große Verlässlichkeit, aber eine relative.<br />
Auch Michel de Montaigne blieb der Tradition seiner Väter treu und nannte sich weiterhin katholisch.  Aber vom volkstümlichen Glauben an Wunder und Heilige hielt er nicht viel, theologische Dogmen interessierten ihn kaum. Er wollte immer ein selbständiger Mensch bleiben, mit eigenen Gedanken, eigenen Überzeugungen.</p>
<p>O TON:<br />
Er erkannte: Sowohl im Katholizismus wie im Protestantismus gibt es Gutes und auch weniger Gutes. Deswegen hat er sich gegenüber der katholischen wie der evangelischen Religion auch sehr kritisch verhalten. Trotzdem war er sehr gläubig und auch sehr fromm. Man erzählt, er sei während einer Messe gestorben, genau, als der Priester die Hostie konsekrierte und sie in die Höhe hob.</p>
<p>Musikal. Zuspielung, leise im Hintergrund lateinische Messe.<br />
Im ersten Stock befindet sich das Schlafzimmer, von dort aus konnte Montaigne über einen kleinen, geschickt gebauten Spalt in der Mauer an der Messe wenigstens akustisch teilnehmen. So war es ihm möglich, sich gleichzeitig religiösen wie philosophischen Gedanken hinzugeben.</p>
<p>In der zweiten, der obersten Etage, hielt er sich die meiste Zeit auf. Hier hatte er seine Bücher, immerhin mehr als 1000 dicke Bände. Montaigne las vor allem die  Philosophen der griechischen Antike und der klassischen lateinischen Epoche. Anne  &#8211; Céline Lhuillier schaut in die kleine Runde der Besucher in der 2. Etage des Turms, und wie auch bei anderen Führungen kann sie nicht auf ein persönliches Bekenntnis zu ihrem Meister verzichten:</p>
<p>O TON<br />
Die Philosophie von Montaigne können die Leute gut verstehen.  Große Theorien werden da nicht entwickelt. Montaigne ist eine sehr anziehende Person. Man entdeckt bei ihm immer Dinge, die man noch nicht kannte. Er ist einfach ein selbstbewusster MENSCH, mit seinen Fehlern, mit seinen Grenzen.</p>
<p>musikal. Zusp.</p>
<p>Die Musik aus dem Schlossgarten ist hier oben, in der Bibliothek kaum noch zu vernehmen. Die Führung ist beendet, aber einige Besucher sind geblieben: Ein Psychologe, ein Buddhist und drei Philosophen. Gemeinsam mit Montaigne, der hier in seinem Arbeitszimmer gegenwärtig ist, wollen sie nach den Möglichkeiten eines glücklichen Lebens fragen. Der Gastgeber erinnert an seine wichtigste Überzeugung:</p>
<p>&#8222;Was mich betrifft, so liebe ich das Leben und hege und pflege es so, wie Gott es uns zu geben gefallen hat. Wenden wir unsere Gedanken und unsere Vorsätze auf uns selbst und unser Wohlergehen. Entwinden wir uns den leidenschaftlichen Verstrickungen, die uns anderweitig fesseln und uns von uns selbst entfernen&#8220;.<br />
Wer sich selbst nicht kennt und sich fremd ist, kann ja niemals SEIN persönliches Glück, SEINEN individuellen Lebenssinn finden. Montaigne will nicht moralisieren oder als Besserwisser auftreten. Seine Einsichten sind nur sanfte Aufforderungen, intensiver das Nachdenken zu üben. Die Besucher  wissen genau, dass seine  Philosophie keine fix und fertigen „Lösungen“, erst recht keine Patentrezepte bieten kann. Der Berliner Philosoph Wilhelm Schmidt Biggemann erinnert die anderen noch einmal an die philosophischen Grundsätze ihres Gastgebers:</p>
<p>O TON</p>
<p>Er beschreibt die Situation der Orientierungslosigkeit angesichts konkurrierender Wahrheitsansprüche und er hat die Vorstellung von Skepsis, dass verschiedene Argumente gegeneinander abgewogen werden können und man kein Urteil zwischen diesen beiden fällen kann.<br />
Der Gastgeber kann dem nur zustimmen.<br />
Schließlich weiß Montaigne nur zu gut, dass Menschen einander alles erdenklich Schlimme antun, in dem Wahn, „die einzige Wahrheit“ zu besitzen und auf der Seite Gottes zu stehen. Dieser Fanatismus prägt ja nicht nur die „Radikalen“ oder die „Fundamentalisten“, er kann den Geist eines jeden vergiften. Heilung bieten nur der Zweifel und das skeptische Fragen. Darin liegt die befreiende Wirkung der Philosophie, betont Montaigne:<br />
&#8222;Ich teile die Auffassung des heiligen Augustinus, bei Dingen, die schwer zu beweisen und schwerlich zu glauben sind, sollte man eher dem Zweifel als der Gewissheit zuneigen&#8220;.</p>
<p>So kann der Mensch einen klaren Kopf behalten und erkennen: Allein in der Kraft des Denkens und des vernünftigen Handelns kann ein ausgewogenes, friedliches Leben erreicht werden. Wer mit sich selbst im reinen ist, kann auch die anderen respektieren: Toleranz ist für die Vernunft etwas Heiliges. Wer glaubt, die Wahrheit gepachtet zu haben, ist doch oft nichts als ein Scharlatan oder &#8230;ein Wahnsinniger. Aber: Erkennen und Denken müssen Konsequenzen haben, meint Montaigne:</p>
<p>&#8222;Wenn wir das Rechte TUN, durchströmt uns ein Glücksgefühl, wir sind von einem edlen Stolz erfasst, wenn wir ein gutes Gewissen haben&#8220;.</p>
<p>Glücklich ist, wer richtig handelt; wer die Mitte findet zwischen lustvollem Genießen und selbstloser Solidarität. Montaigne macht es vor: Er ist ja selbst alles andere als ein asketischer Kopfmensch ohne Fleisch und Blut. Für den Philosophen spielt die Sinnenlust, wie er sagt, eine große Rolle, um glücklich zu sein: Wie gern trinkt er einige Gläser Wein, und alle seine Freunde wissen, dass er immer wieder Fisch von allen Speisen bevorzugt. Glück ist sozusagen etwas Rundes, eine Harmonie von Leib und Geist, die schönste Form von Lebensqualität. Der Weg dorthin beginnt mit dem Vorhaben, das richtige Maß, das Gleichgewicht zu suchen. Aber diese Harmonie kann nur die Vernunft bewirken! Der Philosophiehistoriker Heinrich Niehues Pröbsting aus Erfurt nimmt den Faden  auf:</p>
<p>O TON<br />
So hat die hellenistische Philosophie die Philosophie ja begriffen, dass man mit dem Denken Therapie betreiben kann. Und woran krankt eigentlich die Seele? Die Seele krankt an falschen Vorstellungen, dass man, um glücklich zu werden, Macht besitzen muss, dass man in der Öffentlichkeit sich erfolgreich darstellen muss, dass äußere Güter für das Glück unbedingt notwendig seien.<br />
Dass wir mit diesen falschen Vorstellungen unser Leben selber unglücklich machen, dass wir diese falschen Vorstellungen aber korrigieren können. Das scheint mir eine unverzichtbare Einsicht zu sein, eine Einsicht, die nicht überholt ist durch moderne wissenschaftliche Psychotherapie.</p>
<p>Es gibt zahllose Vorstellungen und Projekte, Ideen und Ideale, die den Menschen in die Sackgasse führen: Der eine lebt nur für den Sport, der andere nur für den Sex; die eine denkt nur ans Geld, die andere hat nur ihre Schönheit im Kopf: Glücklich können diese Menschen nicht werden, meint Montaigne, denn sie verzehren sich in dem Wahn, ein einziger Aspekt ihres Lebens könne sie zufrieden stellen.</p>
<p>&#8220; Ich stelle mir in tausend Gestalten jene Menschen vor, die vom Schicksal oder durch eigene Schuld von sich selbst, von ihrem wahren Leben, weggezogen werden und sich umwirbeln lassen. Das sind Leute, die ihre Zeit wirklich vertreiben, also vergeuden. Sie lassen ihre eigene Gegenwart hinter sich, um sich zu Sklaven der Hoffnung und all der Schatten und Wahngebilde zu machen, die ihre Phantasie ihnen vorgaukelt. Für solche Leute ist Nutzen und Zweck ihres Nachjagens das Nachjagen selbst, das Ziel ihres Mühens ist das Mühen selbst&#8220;.<br />
Was wäre der Ausweg? Lasst uns damit beginnen, die  Gegenwart, das Jetzt, den Augenblick, wahrzunehmen und zu genießen, fordert Montaigne seine Gäste auf. Der Buddhist in der Salon-Runde nickt zustimmend.  Arne Schaefer, Lehrer der Zen-Meditation in Berlin, haben die radikalen Worte Montaignes besonders  berührt, weil er Menschen begegnet, die nur in Äußerlichkeiten, mit einem Luxus Auto oder einer Villa am See ihr wahres Glück erhoffen:</p>
<p>O TON,</p>
<p>Der Trip nach Mallorca ist genauso gut wie eine Flasche Champagner zu trinken. Das ist in Ordnung, das ist nichts Falsches.  Die Schwierigkeit, die wir haben, ist: an den Dingen festzuhalten: Wenn die Falsche Champagner leer ist, muss die nächste her. Wenn der Mallorca Urlaub zu Ende ist und ich zurückkehre in meinen normalen Arbeitsalltag, und wieder den Arbeitsabläufen unterworfen bin, dann kommt wieder das Leiden.  Und im Buddhismus gehrt es darum, weder an dem einen noch an dem anderen festzuhalten, sondern sich jedes Mal wieder auf das einzulassen, was gerade ist: Scheint die Sonne, scheint sie. Ist es warm, ist es warm. Regnet es, regnet es. Im Buddhismus sagen wir: Stopp, halt an. Nimm wahr, wie reich dieser Augenblick ist, und dann wirst du merken, das Glück ist nicht weit, das Glück ist direkt vor dir.</p>
<p>Montaigne ist hoch erfreut, dass sein Plädoyer für die Liebe zur Gegenwart, zum Jetzt und zum Augenblick auch von buddhistischer Seite unterstützt wird. Fast möchte er von einer universalen Weisheit sprechen, die über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg als gemeinsamer Wert erkannt wird. Aber dann bleibt er doch lieber der bodenständige Lebensphilosoph:</p>
<p>&#8222;Der Genuss des Lebens, also das Glück, bedarf des wohlüberlegten Umgangs mit dem Leben. Das Maß des Genusses hängt vom Mehr oder Minder unseres eigenen Zutuns ab. Je kürzer ich das Leben noch besitze, desto tiefer und umfassender muss ich mich ihm widmen&#8220;.<br />
Kurz und begrenzt sei das Leben der Menschen doch eigentlich immer, erwidert der Psychotherapeut in der Runde. Selbst jungen Menschen vergehe die Zeit zu schnell. Sie bekämen es mit der Angst zu tun, wenn sie sehen, dass alles auf den absolut sicheren Tod hinausläuft. Wie lässt sich das Leben genießen, wohl wissend, dass es endlich ist? Konzentriere dich aufs Wesentliche, sagten schon die griechischen Philosophen. Diesen Ratschlag greift der  Psychotherapeut Günter Funke auf seine Weise auf.</p>
<p>O TON<br />
&#8222;Es gibt ein Verklammert-, Verhaftet Sein in der Vergangenheit, es gibt aber auch eine Fixierung in die Zukunft, und dann werde ich nicht achtsam auf den Augenblick. Der Augenblick hat in sich hat die Fülle. Auch der Augenblick wird mir erschlossen, eröffnet von meinem Lebendigsein als meinem Empfinden. Deshalb haben die Mystiker immer gesagt, dass das Leben selbst die Quelle des Glücks ist. Sich seiner selbst und seines Lebens gegenwärtig werden, das ist der erste Schritt zum Glück.  Darauf läuft es ja letztendlich hinaus, das Glück nicht in irgendeinem Außen zu suchen, also nicht in dieser Vorstellung, nicht in diesem Urlaub, nicht hier oder dort. Man muss dem Glück auch in die Tiefe folgen, Glück ist nicht eine Eintagsfliege&#8220;.<br />
Auf die Kraft des eigenen Nachdenkens vertrauen, das muss aber nicht heißen, ein gefühlskalter Vernunftmensch zu sein –  diese Grundüberzeugung Montaignes möchte der Psychotherapeut Günter Funke vertiefen:</p>
<p>O TON</p>
<p>Ich finde nicht, dass man Denken mit dieser coolen, kühlen Rationalität gleichsetzen sollte. Denken ist ein ganzheitlicher lebendiger Vollzug meines Seins, natürlich unter Vorgabe, dass ich mich von mir distanzieren kann, dass ich beurteilen kann, dass ich kritisch bin, unterscheiden kann. Zum Beispiel kann ich mir denken, dass es doch besser ist das Tiefenglück anzustreben und nicht dem Oberflächenglück meine Zeit und meine Kraft und meine Gesundheit zu opfern.</p>
<p>Wer glücklich leben will, muss die Kunst des Unterscheidens lernen:  Und dazu gehört, dass wir Glück eben nur „als“  Glück erleben können, wenn wir immer auch die andere Seite des Lebens, das Unglück, das Scheitern, das Belastende bewusst erfahren. Wer mit dem Unglück richtig umgeht, ist schon auf dem Weg zum Glück. Darauf weist der Buddhist Arne Schaefer nachdrücklich hin.</p>
<p>O TON<br />
Die Leiderfahrungen sind auch notwendig. Unser Zenmeister hat immer gesagt: Eine schlechte Situation, ist eine gute Situation, weil wir anfangen uns zu hinterfragen, was unserer Gewohnheiten sind, wie wir unser Leben leben.<br />
Und wenn ich an dem Punkt bin, dann halte ich inne, und das ist entscheidend.  Es geht darum, die Dinge anzunehmen, sie zu akzeptieren, was nicht heißt: Dinge nicht zu verändern, die ich verändern kann. Das ist ganz wichtig. Es geht um ethische Verantwortung, es geht einerseits darum eine Erkenntnis, Erfahrung zu machen, aber auch daraus verantwortlich zu handeln.  Ich werde es lernen, dass mein persönliches Glück nur möglich ist, indem andere Menschen in meinem Umfeld glücklich sind. Anders geht es nicht.</p>
<p>Musikal. Zuspielung</p>
<p>Vom Schlosshof her ist die Musik im Salon von Montaigne wieder zu hören. Den Gästen kommt die kleine Unterbrechung sehr gelegen, bevor sie sich auf ein neues Thema einlassen: Wie kann denn der Mensch das Glück der anderen wirksam fördern? Montaigne selbst ist offen und ehrlich wie immer und gesteht zunächst ein, dass ihm das Nachdenken allein in seinem Turm ungleich viel mehr Glück bereitet als draußen in der Gesellschaft aktiv zu sein. Aber immerhin kann er sich zu Gute halten, dass er sich schon als junger Mann im Amte des Stadtrates von Bordeaux um das Wohl der Bürger gekümmert habe. Und vor allem kann er darauf verweisen, dass er vier Jahre lang als  Bürgermeister von Bordeaux tätig war, zur Zufriedenheit der Bürger übrigens, wie er nicht ohne Stolz erwähnt. Allerdings hat er selbst auch negative Erfahrungen gemacht:</p>
<p>&#8222;Die Gesetze werden oft von Hohlköpfen gemacht und noch öfter von Leuten, die die Gleichheit aller Menschen hassen und dabei ihres Sinnes für die Gerechtigkeit beraubt werden. Diese Gesetzgeber sind windige und wetterwenderische Macher&#8220;.<br />
Die Teilnehmer im Salon de Montaigne sind erstaunt: Ihr Gastgeber kritisiert auch die politischen Verhältnisse.</p>
<p>&#8222;Ich finde die Gemeinwesen am gerechtesten, die am wenigsten Ungleichheit zwischen Oben und Unten in der Gesellschaft, sagen wir zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, zulassen&#8220;.<br />
Aber wie kann es denn gelingen, den Egoismus zu überwinden, damit die „Eigeninteressen“ mit dem Wohl der Allgemeinheit in ein gerechtes, ausgewogenes Verhältnis geraten? Die Lehren vom glücklichen Leben, als Erkenntnisse der Vernunft, müssen mit der Alltagspraxis verbunden werden, sie müssen in Fleisch und Blut übergehen, meint der Psychotherapeut Günter Funke:</p>
<p>O TON<br />
Viele verwechseln Denken mit Information. Wir sind bestens informiert. Wissen alleine ist ja noch kein Denkakt. Deshalb glaube ich, dass  der Denkakt bedeutet: Das Wissen in eine solche Tiefe zu führen, dass es mich so berührt, dass ich nicht mehr ausweichen kann. Und dem muss ich mich auch stellen. Dann ist es ein Ergriffensein, von den Denkinhalten ergriffen sein. Da muss ich auch den Denkinhalten nachgehen, auch  meditativ nachgehen, und mich von vielem anderen auch weg halten.</p>
<p>Lebens-Philosophie muss eingeübt werden, wenn die Vorstellungen vom Glück nicht bloß Worte bleiben sollen. Philosophie wird nur so zur Lebenshilfe. Sie ist Weisheit, die „verinnerlicht“ werden soll; daran glaubten schon die Philosophen im antiken Griechenland, betont Heinrich Niehues – Pröbsting :</p>
<p>O TON<br />
Mir ist dieses deutlich geworden an einer Stelle im Gorgios, wo der Sokrates zum Trasymachus sagt: Wenn wir das selbe noch mehrmals erwogen haben, dann könntest du es auch einsehen. Trasymachus hat den sokratischen Gedanken rational nachvollzogen, aber trotzdem leuchtet er ihm nicht ein, was er da nachvollzogen hat. Damit der rationale Nachvollzug zu einer wirklichen Einsicht kommt, muss man diesen Gedanken immer wiederholen, das sind Techniken, meditative, asketische Techniken, Übungen, damit diese Rationalität auch zu einer wirklich lebensgestaltenden Kraft wird.<br />
Wie werde ich glücklich? Wie kann ich mich dauerhaft von oberflächlichen Vorstellungen befreien, wie kann ich mich an das bleibende Glück dauerhaft binden? Arndt Schaefer, der Zen- Buddhist, hat Ratschläge für Menschen, die nicht nur reflektieren wollen:</p>
<p>O TON</p>
<p>Wenn ich innehalte, wenn ich zur Stille komme, wenn ich z.B. mich hinsetze und für 10 Minuten nur achtsam auf meine Atmung achte, ganz aufmerksam für den Augenblick bin und merke: Oh, Jetzt ist eigentlich alles da, was ich brauche, ich bin vollständig<br />
Man braucht also nicht unbedingt die populären „Anleitungen fürs Lebensglück“ oder esoterische Berater mit Geheimlehren; überflüssig die Wellness-Oasen, die für teures Geld dank  exotischer Therapien ein „tolles“ Wohlbefinden versprechen: Jeder Mensch kann sich selbst um sein eigenes Glück ganz praktisch kümmern, denkend, nachdenkend, meditierend. Montaigne will das noch zuspitzen:</p>
<p>&#8222;Hier in meinem Turm bin ich ganz zu Hause. Hier kann ich mich mal der ehelichen und der väterlichen Gemeinschaft entziehen. Überall sonst bin ich mein eigener Herr nur dem Namen nach, in Wirklichkeit aber redet mir jeder dazwischen. Arm dran ist, wer bei sich zu Hause keinen Platz, keinen Ort  hat, wo er bei sich selbst, bei sich Zuhause sein kann, wo er sich verbergen, wo er mit sich selbst Hof halten kann&#8220;.<br />
Eine schöne Formulierung: „Mit sich selbst Hof halten“, also sein eigenes Leben feiern, sich des Daseins freuen, trotz aller Grenzen und Schicksalsschläge: Und dieses Fest mit sich selbst findet im Abseits, in der Stille, in Einsamkeit statt: Für Günter Funke liegt hier das Geheimnis philosophischer „Glückstherapie“:</p>
<p>O TON<br />
Wenn das jetzt nicht missverstanden wird als eine Weltflucht, würde ich sagen: nur im Rückzug kann man Glück finden. Das Glück liegt nicht in der Welt, es  liegt im Leben selbst. Und da gibt es ganz verschiedene Formen, der eine zieht sich in seine Klosterzelle zurück, der andere in seinen Turm, der andere in die Meditation. Im Rückzug liegt die Fülle.</p>
<p>MUSIK einblenden<br />
Die Teilnehmer im philosophischen Salon de Montaigne sind zufrieden. Ihre gemeinsame Glücksforschung hat gute Ergebnisse erbracht – sie sind nicht empirisch beweisbar oder naturwissenschaftlich verifiziert. Wahr sind sie dennoch, weil sie aus der menschlichen Vernunft selbst stammen und nicht von angeblich höheren Einsichten und Offenbarungen. Philosophie als Lebensweisheit bleibt offen für weitere Diskussionen und neue Fragestellungen. Sie kann Hilfen bieten, die sonst nur von Religionen und Kirchen erwartet werden. Im Salon Montaignes wird der ursprüngliche Sinn des Philosophierens wieder entdeckt, meint der Berliner Autor Wilhelm Schmid:</p>
<p>O TON</p>
<p>Die Philosophie war die Urheberin der Seelsorge, das war ursprünglich gemeint mit der Seelsorge: Sorge für das je eigene Selbst. Der oberste Punkt ist, dass ein Mensch seine Wahl trifft. Ja: ich möchte mich um mich sorgen, oder nein, ich möchte mich nicht um mich sorgen. Und auch das Zweite ist jederzeit möglich. Und ich werde nicht hergehen und sagen: Du musst aber anders. Nein, man kann das Leben auch so dahin gehen lassen. Man sollte höchstens zu bedenken geben: hast du dir schon überlegt, was die Konsequenzen dessen sind, wenn du das Leben so dahin gehen lässt.<br />
Mit dieser Einschätzung kann auch Montaigne gut leben&#8230; Zum Abschied gibt er  seinen Freunden noch ein Wort mit auf den Weg:</p>
<p>&#8222;Lasst uns nur auf uns selber hören, da erfahren wir alles, was wir im Wesentlichen brauchen&#8220;.</p>
<p>Die Zitate Montaignes sind dem Buch „Essais“ von Michel de Montaigne entnommen. Erschienen im Eichborn Verlag Frankfurt am Main 1996, in  der mustergültigen Übersetzung von Hans Stilett.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Freundschaft unter Männern</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/76_freundschaft-unter-mannern_religion-und-philosophie</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2009 17:19:38 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Heilend, befreiend,  erlösend Von Christian Modehn „Bei der Freundschaft umfasst uns eine alles durchdringende, dabei gleichmäßige und wohlige Wärme, beständig und mild, ganz Innigkeit und stiller Glanz. Nichts Beißendes ist in ihr, nichts, das uns verzehrt“. Michel de Montaigne erzählt vom Höhepunkt seines Lebens, von seiner Freundschaft mit Etienne de la Boethie. “Vier Jahre waren [&#8230;]</p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Heilend, befreiend,  erlösend<br />
Von Christian Modehn</p>
<figure id="attachment_232" aria-describedby="caption-attachment-232" style="width: 300px" class="wp-caption alignleft"><img loading="lazy" decoding="async" class="size-medium wp-image-232" title="img_0350" src="http://religionsphilosophischer-salon.venetus.de/wp-content/uploads/2009/05/img_0350-300x225.jpg" alt="Der Turm von Montaigne" width="300" height="225" srcset="https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2009/05/img_0350-300x225.jpg 300w, https://religionsphilosophischer-salon.de/uploads/2009/05/img_0350.jpg 360w" sizes="auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px" /><figcaption id="caption-attachment-232" class="wp-caption-text">Der Turm von Montaigne</figcaption></figure>
<p>„Bei der Freundschaft umfasst uns eine alles durchdringende, dabei gleichmäßige und wohlige Wärme, beständig und mild, ganz Innigkeit und stiller Glanz. Nichts Beißendes ist in ihr, nichts, das uns verzehrt“. Michel de Montaigne erzählt<span id="more-76"></span></p>
<p>vom Höhepunkt seines Lebens, von seiner Freundschaft mit Etienne de la Boethie. “Vier Jahre waren mir nur vergönnt, die beglückende Nähe dieses Mannes zu genießen. Sie führte zu einer vollständigen Verschmelzung zweier Seelen“. Sie hatten sich, beide Anfang dreißig, in Bordeaux kennen gelernt und sofort die Gewissheit erlebt: Wir sind als Freunde für einander bestimmt: „Das ist eine Fügung des Himmels, ein Geschenk“. Bei allem Enthusiasmus, aller Zuneigung und Erfahrung des Einsseins: Von homosexuell  geprägter Liebe ist keine Rede. Sie konnten alles miteinander besprechen, auch „die flüchtigen Liebeleien“ mit Frauen.  Die Freundschaft schätzte Montaigne aber mehr als die Ehe. Sie empfand er wie so viele andere zu seiner Zeit als eine  „Geschäftssache“, einen „Handel“, der auch politischen Zwecken verpflichtet ist. „Aber in unserer Freundschaft verschmelzen zwei Seelen“.<br />
In seinem Hauptwerk, den „Essais“, hat Michel de Montaigne ein langes Kapitel der Freundschaft mit Etienne de la Boethie gewidmet. Von 1557 bis zum plötzlichen Tod des erst 33 Jahre alten Freundes waren sie unzertrennlich: Michel, damals noch Parlamentsrat und Etienne, der Schriftsteller.<br />
Als sich Montaigne, inzwischen „freier Philosoph“, unter den Schmerzen der Trauer etliche Jahre später immer wieder an die Freundschaft erinnerte, war ihm klar: Intensive Begegnungen unter Männern, voller Wahrhaftigkeit und Tiefe, „kommen einmal in drei Jahrhunderten vor“. Darum die Warnung an die Leser seiner „Essais“, dieser persönlich formulierte Einsichten für ein glückliches Leben: „Dass man mir die gewöhnlichen Freundschaften ja nicht mit unserer Freundschaft auf dieselbe Stufe stellt“. Montaigne ist durch diese Freundschaft zu einem weisen Mann geworden, zu einem Philosophen; skeptisch gegenüber allen dogmatischen Lehren, respektvoll für fremde Kulturen, tolerant im besten Sinn des Wortes. Er verabscheute alles banale Gerede, das sich als „freundschaftliches Interesse“  ausgibt. Wie hätte er sich lustig gemacht über diese so genannten „Männerfreundschaften“ heutiger Managern oder Staatspräsidenten und ehemaliger Bundeskanzler: Dieses freundschaftliche Getue, das einzig dem persönlichen Profit zu dienen hat.<br />
Oberflächliches Zusammensein von Männern gab es natürlich schon zu Montaignes Zeiten, jenes nur selten stilvolle Plaudern und hintergründige Lachen, jenes gemeinsame Aushecken von Abenteuern im Rahmen einer Kumpanei. In solchen Situationen nennen sich Männer „Freunde“, in Wahrheit meinen sie aber bestenfalls nur „Bekanntschaften“, wie der Philosoph treffend sagt. Montaigne ist ein moderner Denker: Er wusste, dass Männer zum Austausch über die „Tiefe des Herzens“ und zu „innigem Vertrauen“ eher selten in der Lage sind. Seine Gewährsleute kommen von weit her: Er zitiert den paradoxen Satz des griechischen Philosophen Aristotoles: „O meine Freunde, Freunde gibt es nicht“. Und Montaigne erwähnt auch den antiken Dichter Menandros: „Er hat den Mann selig gepriesen, dem es vergönnt ist, auch nur den Schatten eines Freundes kennen zu lernen“.  Bis in die Neuzeit immer wieder dieselbe Klage: „Ein echter Freund ist so selten anzutreffen wie ein schwarzer Schwan“, schreibt Immanuel Kant. Allerorten das Verwundern: Männern fällt es leichter, ein Feindbild vom anderen zu entwerfen als sich um das seelische Befinden des anderen Mannes zu kümmern. Es ist für Männer einfacher, andere Männer kaltzustellen und seelisch und körperlich auszulöschen als um eine gemeinsame Freundschaft zu werben und diese mit viel Geduld zu pflegen. „Und wie wenige Freunde würden Freunde bleiben, wenn einer die Gesinnungen des anderen im ganzen sehen könnte“, notiert der Schriftsteller Georg Christoph Lichtenberg im 18. Jahrhundert.<br />
Dabei gab es einmal Männer, die ganz ausdrücklich die Männerfreundschaft pflegten: Etwa zur Zeit der Romantik war der Halberstädter Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719 – 1803) ein Meister freundschaftlichen Zusammenseins, das durchaus elitäre Züge hatte, vielleicht zu „schöngeistig“ und abgehoben vom Alltag. Immerhin, aber eine Ausnahme!<br />
Auch heute ist Freundschaft unter Männern eher eine Utopie. Die wenigen Männerforscher und Männertherapeuten wie Ruedi Josuran oder Allan Guggenbühl, Paul Zulehner oder Rainer Volz,  sprechen vom „halbierten Mann“, also von jenem maskulinen Leben,  das fast nur der Arbeit gilt oder im Falle der Arbeitslosigkeit dem im Alkohol ertränkten Ärger über diesen Zustand. Der durchschnittliche, der so genannte normale Mann in Europa und Nordamerika ist gestresst im Betrieb, erregt über die übliche Hackordnung in der Firma, getrieben von Verpflichtungen in Sportvereinen, Clubs und Stammtischen, gedrängt von Hobbys, umgeben von zeitraubenden Bekanntschaften, gesteuert vom Drang, in jeder freien Minute im Internet zu surfen. Da werden die Wünsche der Kinder überhört, mit dem Vater etwas zu unternehmen, ja ihn als Mann überhaupt zu erleben. Dieser zerrissene Mann hat für seine Partnerin wenig Zeit und er hat immer weniger Lust auf ein erotisches Zusammensein. Hat dieser Mann noch Raum für eine Freundschaft mit einem Mann oder einer kleinen Gruppe von Männern? Die Therapeuten und Ärzte, Theologen und Philosophen, sind da zurückhaltend. Der halbierte Mann bräuchte so dringend Freunde, um aus seinem eindimensionalen Leben herausgeführt zu werden, was einer Befreiung und Erlösung gleichkäme. Seelische kaputte Männer, ichbezogen und einsam, geben den Ton an, regieren ganze Imperien. Und von den Kirchen ist da nicht viel Hilfe zu erwarten. Sie werden von sich auserwählt fühlenden, oftmals zölibatären, d.h. antierotischen Männern beherrscht. Da ist keinen Raum, in dem Männerfreundschaft wachsen kann.<br />
Dabei ahnen es auch die Männer selbst: Freundschaft könnte heilend sein, könnte den Unfrieden in der Gesellschaft  ein wenig einschränken. Aber wie können authentische Männerfreundschaften entstehen? Männer sind gern unter sich: Sie finden es spannend, ihre nach außen gerichteten Interessen gemeinsam auszuleben, über Technisches zu reden, Maschinen zu reparieren, strapazierende Bergwanderungen zu machen usw. Da sind die Männer füreinander die „Kumpels“, ohne  Konkurrenz, ohne Hierarchie. In solchen Situationen sind sie froh, sich jungenhaft noch einmal austoben zu können, ohne dass ihre Partnerinnen dabei sind. Kann aus solchem kumpelhaften Zusammensein Freundschaft werden? Ein einzelner Mann muss den Mut haben, das oberflächliche Geplauder zu unterbrechen und Wesentliches zu sagen. Entweder beginnt dann der Prozess der Reifung oder der mutige einzelne wird aus der Gruppe der Kumpels rausgedrängt. Paradoxerweise entwickeln sich heute tiefe und reife Männerfreundschaften in leidvollen Situationen: Ein Mann trifft in einer Reha &#8211; Klinik einen anderen, der mehr ist als ein Kumpel. Ein Kollege findet plötzlich die richtigen Worte, wenn der andere von seiner Scheidung berichtet. Ein Nachbar nimmt sich Zeit, wenn der andere von seinen Alkoholproblemen spricht. In solchen Situationen kann tiefere Kommunikation entstehen, die sich zur Freundschaft hin öffnen kann.<br />
Mir schrieb vor einem Jahr mein Freund Roland diese Zeilen: „Auch wenn es für mich als Heterosexuellen am Anfang unserer Freundschaft mit Dir als schwulem Mann einige Missverständnisse gab, darf ich Dir sagen: Ohne unsere Freundschaft hätte ich nicht meine Krise überlebt, also das Ende meiner Karriere, die extreme nervliche Belastung. Immer wieder konnten wir uns sprechen, auch nachts, immer, am Telefon, im Café, zuhause. Ich spürte, dass Freundschaft vor allem tiefes Interesse an mir, an dieser einzelnen Person, ist, getragen von Treue und Zuverlässigkeit. Wie oft habe ich die anderen Menschen nur als Mittel zum Zweck gebraucht. Ich lernte in unserer Freundschaft, zum ersten Mal auf meinen Körper zu hören, Arztbesuche nicht als „technische Reparaturen“ anzusehen, gesunde Ernährung nicht als überflüssigen Luxus“.<br />
Freundschaften zwischen heterosexuellen und schwulen Männern sind eher selten. Unter den 30 jährigen klappt es vielleicht besser, vorausgesetzt, sie haben die notwendige intellektuelle Kraft, sich von Klischee -Vorstellungen zu lösen. Denn die meisten heterosexuelle Männer sind von einer Urangst umtrieben, sie könnten selbst schon bei einer Freundschaft mit verheirateten Männern als Schwule wahrgenommen werden. Was sollen bloß die anderen über meine Freundschaft  denken? Ist unser verständnisvolles Zusammensein, unsere Offenheit, unser Weinen Können miteinander in der Trauer, unser Umarmen zur Begrüßung und zum Abschied (das mehr ist als das kumpelhafte Schulterklopfen), unser gelegentliches, nicht mehr so ganz verkrampftes Streicheln: Ist das alles etwa schwul, Ausdruck einer homosexuellen Liebe? Heterosexuelle Männer verzichten lieber auf Freundschaften als irgendwie als Mitglied der „perversen Minderheit“ angesehen zu werden. Die meisten Männer sind offenbar noch so verklemmt, dass sie denken: Auch schwule Tendenzen in mir sind nichts Verbotenes, sondern eine Chance, umfassender Leben und Lieben kennen zu lernen. Aber auch heute gilt: Schon der kleine Junge muss hart und kämpferisch erscheinen. Er darf bloß nicht wie ein Mädchen wirken, bloß nicht mit Puppen anstelle von Panzern spielen.<br />
Werden einmal – vielleicht sogar mit therapeutischer Hilfe  &#8211; die Zwangsvorstellungen von „dem“ Mann überwunden, dann können Männer sich gemeinsam als Männer schätzen lernen. Sie entdecken, was es heißt, sich selbst als Mann zu lieben, die eigene Sexualität anzunehmen, „das  Vermögen hochzuschätzen, kreativ Samen zu verstreuen“, wie es der katholische Theologe und Männertherapeut Richard Rohr einmal sagte. Er sprach damit ein Thema an, das in Männerfreundschaften enttabuisiert wird: Das offene Sprechen über die eigene Potenz. „Es gibt keine Männerfreundschaft ohne das aufrichtige, furchtlose Gespräch über Sex“, sagt der us – amerikanische  Schriftsteller Philip Roth.<br />
Amerikanische Philosophen und Psychologen haben noch weiterreichende Vorschläge: Sie wollen die seit Jahrhunderten unbefragte kulturelle Tradition überwinden, nach der Männer eben für immer festgelegt bestimmte Männerrollen spielen und Frauen eben ewig festgelegte Frauenrollen. Diese Identitäten stiften geschlossene Systeme, sie müssen aufgebrochen werden. Diese angeblich ewigen Festschreibungen stiften nur Abgrenzung und Zurückweisung, Herrschaft und Unterwerfung, vor allem die Unfähigkeit, sich selbst seelisch wahrzunehmen. Es ist ein Ziel dieser neuen, „Queer-Theorie“, gegen die festen und fixen sexuellen Identitäten zu argumentieren. Queer bedeutet ja „vereiteln, unterlaufen, Üblichkeiten auflösen“. Als Ziel reifer Freundschaft gilt dann der Mann, der dem anderen Mann wirklich zärtlicher Freund sein kann, und dabei die geringen Anteile schwuler, vielleicht weiblicher Seiten in sich selbst akzeptiert und diese auch liebt. So braucht er selbst vor einem erotischen Kontakt mit dem Freund keine Angst zu haben. Seine Partnerin und Frau wird dankbar sein, einen echten, einen ganzen Mann bei sich zu haben, der seine Pascha- und Macho- Rollen überwunden hat.<br />
Hat die Bibel nicht auch entsprechende Anregungen?  Die Erzählung von der Freundschaft zwischen David, dem jungen Hirten, und Jonathan, dem Königssohn, in den Büchern Samuel kann als die einzige schwule Liebensgeschichte der Bibel ODER als eine tiefe Freundschaft heterosexueller Männer gelesen werden. Wie auch immer man die Worte deutet: “Jonathan liebte David wie sein eigenes Leben“ oder, wenn David zitiert wird, „Jonathan, wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe der Frauen“:  Da wird von ganzheitlichen Männern berichtet, die sich die Freiheit für eine ungewöhnliche Beziehung nahmen;  die in ihrer Freundschaft die herrschenden Zwangsvorstellungen von korrektem erotischen Verhalten überwunden haben. Wenn man diese Texte auch noch als „Wort Gottes“ wahrnimmt, so liegt darin die Aufforderung: Ihr Männer, gebt alle fest gefahrenen Rollen auf, lasst euch auf die tiefe Freundschaft ein, vielleicht könnt ihr dann gerettet werden und „ganz“ sein.</p>
<p>Die Essais von Michel de Montaigne wurden in der mustergültigen Übersetzung von Hans Stilett zitiert, erschienen im Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 1998.</p>
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		<title>Der philosophische Glaube bei Karl Jaspers</title>
		<link>https://religionsphilosophischer-salon.de/24_der-philosophische-glaube-bei-karl-jaspers_befreiung</link>
		
		<dc:creator><![CDATA[CM]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 07 Apr 2009 16:36:02 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Alternativen für eine humane Zukunft]]></category>
		<category><![CDATA[Befreiung]]></category>
		<category><![CDATA[Denken und Glauben]]></category>
		<category><![CDATA[Forschungsprojekte]]></category>
		<category><![CDATA[Was hat Religion mit Philosophie zu tun?]]></category>
		<category><![CDATA[Barth gegen Jaspers in Basel]]></category>
		<category><![CDATA[den Glauben in der Moderne bewahren]]></category>
		<category><![CDATA[Gottesbeweise nicht möglich]]></category>
		<category><![CDATA[Jasperle Theater sagt Barth]]></category>
		<category><![CDATA[Jaspers und Gottesbeweise]]></category>
		<category><![CDATA[Jaspers und philosophischer Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie keine exakteWissenschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophischer Glaube]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophischer Glaube attraktiv]]></category>
		<category><![CDATA[über alles Begrenzte hinaus]]></category>
		<guid isPermaLink="false">http://religionsphilosophischer-salon.venetus.de/?p=24</guid>

					<description><![CDATA[<p>Karl Jaspers Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie Ra&shy;dio&shy;sen&shy;dung, Christian Modehn Ra&shy;dio&shy;sen&shy;dung über Jaspers Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie, </p>
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]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p>Glaubenssachen<br />
Der philosophische Glaube<br />
Ein Vorschlag von Karl Jaspers<br />
Von Christian Modehn</p>
<p>Sprecher<br />
Zitator<br />
4 O Töne, zus. 4 30“.</p>
<p>Dieses Manuskript folgt den für eine Hörfunkproduktion erforderlichen Üblichkeiten.</p>
<p>Siehe auch den aktuellen Beitrag zum Thema, Februar 2024: <a href="https://religionsphilosophischer-salon.de/19657_der-philosophische-glaube-eine-alternative-fuer-heute_befreiung">LINK</a>.</p>
<p>Sprecher:<br />
Wer den Philosophen Karl Jaspers in seiner Wohnung in Basel besuchte, traf einen heiteren, jedoch <span id="more-24"></span>in sich gekehrten Menschen. Die etwas steife, aber freundliche Begrüßung ließ keinen Zweifel daran, dass der Gastgeber lieber allein seinen Gedanken nachging. Und wenn er sich auf ein längeres Gespräch einließ, dann sollte die Philosophie im Mittelpunkt stehen. Sie war für ihn nicht weltfremdes Spekulieren, sondern leidenschaftliche Suche nach einem sinnvollen Leben. In seiner direkten Art bekannte Jaspers:</p>
<p>Zitator:<br />
Ich habe von früh an den Drang gehabt, dem geistigen Feinde zu begegnen, wenn er sich nur rückhaltlos äußert.</p>
<p>Sprecher:<br />
Die „geistigen Feinde“ waren für ihn überall da zu finden, wo totalitäre Weltanschauungen verbreitet, Rassismus propagiert oder religiöser Fundamentalismus gepredigt wird. Karl Jaspers, vor 125 Jahren in Oldenburg geboren, wollte unter allen Umständen die individuelle Freiheit verteidigen. Darauf war seine ganze Philosophie ausgerichtet. Nur deswegen liebte er die Einsamkeit des Denkens, um dann mit Argumenten in die Öffentlichkeit zu treten.</p>
<p>Zitator:;<br />
Ich bin als Philosoph kein Prediger, kein Prophet. Ich will nur Vorschläge machen, damit das menschliche Leben heller, vernünftiger wird.</p>
<p>Sprecher:<br />
Karl Jaspers hat deswegen das blinde Vertrauen in die friedensstiftende Kraft der Atombombe bekämpft. Noch wichtiger war für ihn, die christliche Religion mit der Vernunft zu konfrontieren. „Geistige Feinde“ waren für ihn vor allem jene Menschen, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit fühlen und dadurch meinen, über Gott verfügen zu können. Welcher Wahn, den Unendlichen z.B. in Wallfahrtsorten sinnlich berühren zu wollen oder in heiligen Personen greifbar vor sich zu sehen. Und wenn Fußballvereine Gott um den Sieg der eigenen Mannschaft bitten: Folgen sie dann nicht der Verblendung, der Unendliche könne wohlwollendes Mitglied des eigenen Clubs sein? Naive Gottesbilder waren für Karl Jaspers nichts als willkürliche Behauptungen. Sie verwirren den Geist, stürzen ihn in Widersprüche: Liebt denn Gott nur die eigenen Nation, nur die eigene Kirche? Jaspers hat die volkstümliche, sehr irdische Frömmigkeit zurückgewiesen. Und er hat dabei sogar Zustimmung von kirchlicher Seite erfahren. Der katholische Theologe Bernhard Welte schreibt:</p>
<p>Zitator:<br />
Der Fehler des christlichen Selbstverständnisses liegt in der Neigung, das Geheimnis Gottes zu einem verfügbaren Gegenstand zu machen und zu einem System des Wissens. So tritt an die Stelle der Freiheit und der Liebe zu allen Menschen eine exklusive Rechthaberei.</p>
<p>Sprecher:<br />
Das System der Rechthaberei, des Dogmatismus, wollte Karl Jaspers überwinden. Von einer reifen, vernunftgeprägten Gottesbeziehung hatte er seine eigene Meinung:</p>
<p>Zitator:<br />
Im vernünftigen Nachdenken kann sich der Mensch aus der Enge des Alltags befreien. Er kann denkend die Begrenztheit der Welt überwinden und nach der letzten Ursache fragen. Diese Bewegung des Geistes nennen wir Transzendieren. Auf diese Weise öffnen wir uns dem Göttlichen, es ist unanschaulich und nicht weltlich. Dabei gilt es, Widerstände zu überwinden: Denn wir sträuben uns gegen die Zumutung, sozusagen auf dem Kopf zu stehen. Aber dabei geht es um das Entscheidende: Um die Wiedergeburt unseres Wesens durch das Transzendieren.</p>
<p>Sprecher:<br />
Karl Jaspers hat ein anspruchsvolles Programm entworfen, er will durch das Philosophieren die Menschen „neu“ machen, zur „Wiedergeburt“ anregen. Unmittelbar nach den Verwüstungen des 2. Weltkrieges und den Nazi –Verbrechen am jüdischen Volk legt Jaspers diese Gedanken vor. An der Universität Heidelberg hatte ihm das Hitler-Regime Lehrverbot erteilt, in Basel wagte er 1946 einen Neubeginn: Ideologische Verirrung sollte ein Ende haben, nihilistische Verzweiflung sollte geheilt werden. Dabei leitete ihn die Überzeugung:</p>
<p>Zitator:<br />
Nicht nur die Religionen und Kirchen, die Theologen und die Gemeinden sind für Gottesfrage verantwortlich, sondern auch der Philosoph.</p>
<p>Sprecher:<br />
Ein ungewöhnlicher Anspruch. Im Denken will Jaspers eine Verbindung zum Unendlichen stiften, ein Vorhaben, mit dem er dem viel beschworenen „Ende der Metaphysik“ widerspricht:</p>
<p>Zitator:<br />
Philosophie ist für mich weder Teil der exakten Wissenschaften noch ist sie irrationales, bloß gefühlvolles Plaudern. Sie ist kritische Vernunft im Angesicht der Transzendenz. Diese Überlegungen können alle Menschen mit vollziehen, auch ohne Glauben und Kirchenbindung.</p>
<p>Sprecher:<br />
An dieser Überzeugung hat Jaspers bis zu seinem Tod im Jahr 1969 festgehalten. In zahlreichen Radiovorträgen hat er den Philosophischen Glauben weiten Kreisen erläutert: Dabei zeigte er, wie er sich zwar den Traditionen des Denkens verpflichtet fühlt, aber doch eigenständig Neues entwickelt:</p>
<p>1. OTON, 1 20“<br />
Längst vor und außerhalb der Welt biblischer Offenbarung gab es Gewissheit von der Wirklichkeit der Gottheit. Und innerhalb der christlich-abendländischen Welt haben viele Menschen eine Gottesgewissheit ohne die Garantie der Offenbarung vollzogen. Wir versuchen philosophierend von Gott zu reden. Die Gottesbeweise seit dem Altertum sind in ihrer Gesamtheit ein großartiges Dokument. Aber wenn die Gottesbeweise aufgefasst werden als wissenschaftlich zwingende Beweise, wie in der Mathematik, so sind sie falsch. Gott ist kein Gegenstand des Wissens, Gott ist kein Gegenstand sinnlicher Erfahrung, er ist unsichtbar. Was Gott wirklich ist, muss unmittelbar, ohne Umweg, fühlbar sein für den Menschen als einzelnen. Die so genannten Gottesbeweise sind Wege denkenden Sich Vergewisserns in der Erfahrung des Aufschwungs des Menschen zu Gott.<br />
&#8212;&#8211;HIER RAUSGEHEN.</p>
<p>Sprecher:<br />
Das Streben nach der Höhe der Vernunft und der Weite des Geistes sind für den Menschen unerlässlich. Wer immer auf dem Boden der greifbaren Tatsachen feststehen, wenn nicht festkleben bleibt, wer wie ein Banause nur das Sichtbare wahrnimmt, der versäumt eine entscheidende Erfahrung: das Gespür für Transzendenz. Jaspers ist überzeugt:</p>
<p>Zitator:<br />
Jeder Mensch kann sich zu Gott „aufschwingen“.</p>
<p>Sprecher:<br />
Aber der geistige Aufschwung hat wenig mit frommen Gefühlen oder ekstatischem Rausch zu tun. Entscheidend sind philosophische Überlegungen, die einem in der Stille „ein &#8211; fallen“, im Spaziergang in der Natur, beim achtsamen Hören der Musik, beim schweigenden Verweilen in leeren Kirchen und Kathedralen, in der Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände oder im ernsthaften Dialog. Dann brechen Fragen auf, die das Leben erschüttern, sie reißen aus dem Alltag heraus:</p>
<p>Zitator:<br />
Warum sind wir überhaupt da? Warum besteht die Welt? Warum können wir in Freiheit unser Leben gestalten, wo wir doch nicht gar nicht die Schöpfer unserer Freiheit sind? Denn wir verdanken unser Dasein einem Grund, den wir nicht selbst geschaffen haben. Und denken wir nicht immer schon in den Maßstäben eines Unendlichen? Denn nur so können wir Begrenztes als etwas Begrenztes und Endliches wahrnehmen. So berühren wir also in der Vernunft das Unendliche. Dies ist der Kern des Philosophischen Glaubens:</p>
<p>Sprecher:<br />
Karl Jaspers stammt aus einem protestantischen Elternhaus, aber religiöse Praxis spielte dort keine Rolle. Der Vater legte allen Wert auf eine vernünftige Bildung, kirchliche Weisungen lehnte er ab. Karl Jaspers wurde zwar konfirmiert, schon in der Jugend hatte er wenige Kontakte mit der Gemeinde. Die Kirche erlebte er ideologische Stütze des Kaiserreiches, als ein ideologisches Instrument der Mächtigen. Über seine Teilnahme an einem Gottesdienst auf der Insel Sylt notierte er als Zwanzigjähriger:</p>
<p>Zitator:<br />
Genau wie sonst gab es dort das Choralgröhlen wie in einem schlechten Traum. Genauso gab es eine schematische Predigt mit dem abgeschmackten Unsinn wie sonst. Mir schauderte ordentlich, dass die Kirche als Institution so unglaubliche Herrschaft besitzt und in unser Leben hineinspielt.</p>
<p>Sprecher:<br />
Bei aller Kirchenkritik kam für Jaspers eine Leugnung Gottes oder gar ein Bekenntnis zur atheistischen Weltanschauung nicht in Frage. Es wäre für ihn Verrat an der geistigen Prägung des Menschen, ohne Gottesbezug das Leben zu gestalten.</p>
<p>Zitator:<br />
Der Mensch ist fähig, Gott, dem absoluten Geheimnis, zu begegnen. Und das hat Wirkungen: Wenn der Mensch sich innerlich behauptet im Schicksal, wenn er unbeirrt standhält noch im Sterben, so kann er das nicht durch sich allein. Was ihm dann hilft, ist von anderer Art als alle Hilfe in der Welt. Dass der Mensch selbständig ist und frei, verdankt er einer ungreifbaren Hand aus der Transzendenz.</p>
<p>Sprecher:<br />
Der philosophische Glaube ist kein blutleeres, abstraktes Begriffssystem, sondern eine praktische Lebenshaltung:</p>
<p>Zitator:<br />
Es gibt eine philosophische Kontemplation, eine Art philosophische Meditation. Sie ist auf das Geheimnis allen Lebens bezogen. Angesichts des Unendlichen stellen sich Ergebung und Dank ein. Ergebung, weil wir uns annehmen müssen, wie wir geschaffen sind. Und Dank dafür, dass die göttliche Wirklichkeit uns als freie Wesen will.</p>
<p>Sprecher:<br />
Solche Äußerungen haben die Kollegen an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Basel als Provokation empfunden. Vor allem Karl Barth war empört, hat er doch als Theologe die Notwendigkeit der Gnade für jegliche Gottesbeziehung voller Leidenschaft verteidigt. Seiner Meinung nach könne der Mensch nur durch die Offenbarung, nur durch die Bibel, zu Gott finden. Alles andere sei Sünde. Manchmal geschah es, dass der Philosoph Jaspers und der Theologe Barth zeitgleich Vorlesungen im selben Gebäude der Baseler Universität zu halten hatten. Dann war die Begeisterung der Studenten für Karl Jaspers auch bei der theologischen Konkurrenz nebenan laut vernehmbar. Karl Barth konnte sich oft einer polemischen Äußerung nicht enthalten:</p>
<p>Zitator:<br />
Was ist denn da oben bloß los in diesem Jasperle- Theater?</p>
<p>Sprecher:<br />
Von wegen „Theater“: Jaspers verteidigte in seiner ruhigen Art, aber nicht ohne Bestimmtheit, die Möglichkeit philosophischer Gotteserkenntnis für jedermann. So war es nicht verwunderlich, wenn den Theologiestudenten abgeraten wurde, an den philosophischen Vorlesungen teilzunehmen. Die zukünftigen Pfarrer wandten sich aber heimlich an Jaspers und flüsterten ihm zu:</p>
<p>Zitator:<br />
Wenn der Theologe Karl Barth nicht wäre, würden wir gern Ihnen folgen.</p>
<p>Sprecher:<br />
Darauf sagte der Philosoph ruhig und bestimmt:</p>
<p>Zitator:<br />
Wie gut, dass der Karl Barth da ist. Denn mir kann niemand nachfolgen.</p>
<p>Sprecher:<br />
Karl Jaspers fühlte sich nicht wie ein Begründer einer philosophischen Kirche. Er wollte nur eine Alternative zum kirchlich gebundenen Glauben aufzeigen. Institutionen konnte sich Jaspers nur als Organisationen der Macht vorstellen, die den einzelnen in seiner Freiheit einschränken. Das gilt auch für die Kirchen: Kreuzzüge und Ketzerverfolgungen gehörten für ihn zum Wesen eines rechthaberischen Glaubens. Und den galt es zu überwinden:</p>
<p>Zitator:<br />
Der philosophische Glaube kennt keine Dogmen. Heilige Bücher sind für ihn keine heilige Autorität. Der philosophische Glaube ist ungesichert, immer Sache des einzelnen Menschen. Er ist ein Angebot, als reifer Mensch dem göttlichen Geheimnis vernünftig zu begegnen.</p>
<p>Sprecher:<br />
Auf die Bibel als Buch menschlicher Weisheit hat sich Jaspers immer wieder bezogen. Einige Aussagen des Alten und Neuen Tetstaments hat er in seinen philosophischen Glauben übernommen, weil sie ein vernünftiges Leben unverzichtbar sind:</p>
<p>Zitator:<br />
Es gibt nur einen Gott. Vielgötterei ist ein Widerspruch zum Wesen Gottes als des Absoluten. Der Ewige und Unendliche ist Geheimnis. Er hat unsere Freiheit geschaffen, er will uns frei, deswegen kann er nur als Liebe gedacht werden.</p>
<p>Sprecher:<br />
Für Jaspers ist die Darstellung des „philosophischen Glaubens“ alles andere als eine persönliche Liebhaberei: Schon in den sechziger Jahren war er überzeugt, dass die traditionellen Kirchenlehren in Westeuropa nicht mehr akzeptiert werden. Vor allem junge Menschen haben keinen inneren Bezug mehr zu den Dogmen. Ein spirituelles Vakuum entsteht, Sekten und esoterische Gruppen suchen die Leere zu eigenem Nutzen zu füllen. Sie machen ihre Mitglieder abhängig von den Weisungen ihrer Führer und Gurus, sie lassen kein vernünftiges Gespräch zu. Mit dem „philosophischen Glauben“ wollte Jaspers einen Ausweg bieten: Auf Traditionen, die vor der Vernunft keinen Bestand haben, sollten nachdenkliche Menschen verzichten. Wer glaubt, muss doch nicht die Vorstellung übernehmen, die Welt sei in 6 Tagen geschaffen worden, wer glaubt, muss nicht das Weltbild der Antike akzeptieren. Darum lehnte er auch die Vorstellung ab, Jesus sei ein „göttlicher Mensch“.</p>
<p>&#8212;&#8211;KÜRZUNGSMÖGL. Anfang&#8212;&#8212;<br />
In einem Radiobeitrag betonte Jaspers:</p>
<p>2. O TON, 0 49“<br />
Ich verstehe nicht, was es heißen soll, dass Christus, Gottes Sohn, Mensch gewordener Gott, sei. Ich verstehe es nicht, wenn ich auch ohne Glauben es verstehen möchte, so gelingt es mir nicht.<br />
Müssen wir nicht anerkennen, dass es sich hier um etwas handelt, was in Sätzen überhaupt nicht angemessen gesagt werden kann?<br />
Sind Feststellungen überhaupt möglich, wo es doch auf das Innerste des Glaubens ankommt? Es ist etwas grundsätzlich anderes in dem Satze, dass sich Gott in solchen Menschen wie Sokrates, Buddha und anderen gezeigt habe.</p>
<p>&#8212;Kürzungsmögl. Ende&#8212;</p>
<p>Sprecher:<br />
Jaspers sieht die Anwesenheit Gottes in vielen Menschen unterschiedlichen Kulturen. Sokrates, Konfuzius und Buddha waren für ihn genauso wichtig wie Jesus:</p>
<p>Zitator:<br />
Er zeigt uns das Freiwerden von der Lebensangst, wenn Jesus freiwillig das Kreuz auf sich nimmt. Und wer die Verkündigung Jesu hört, etwa seine ethischen Weisungen der Feindesliebe, kann den Blick offen halten für neue Lebensmöglichkeiten.</p>
<p>Sprecher:<br />
Die Vorschläge von Karl Jaspers für eine individuelle, von der Vernunft geleitete Beziehung zum Unendlichen sind in Europa und Amerika nicht ohne Wirkung geblieben. Wenn Menschen heute bekennen: Ich glaube an Gott, aber ohne Bindung an eine Kirche, ist der Geist Karl Jaspers lebendig. Vor allem im Philosophieren wirken seine Impulse weiter, betont Professor Volker Gerhardt von der Humboldt Universität Berlin:</p>
<p>3. O TON, 1 58“.<br />
Karl Jaspers das war der Lehrer meiner Schulzeit, und in diesen Jahren habe ich alles von ihm gelesen, und bin sehr beeinflusst von seiner Existenzphilosophie, die ernst genommen hat die Situation, in der man lebt, in der man kommuniziert und in der man liebt. Und unter diesen Voraussetzungen hat er dann die Konzeption des „philosophischen Glaubens“ entwickelt. Meines Erachtens ist das Wesentliche in dieser Demonstration der Unverzichtbarkeit Gottes dadurch gegeben, dass wir nicht ohne Sinn handeln können. Wir sind auf etwas bezogen, was uns etwas bedeutet. Und das geht über unsere jeweilige Handlungsperspektive hinaus und es geht auch über unser individuelles Dasein hinaus. Wie wollen wir Kinder erziehen und ihnen den Ernst des Daseins beibringen, wenn wir zugleich immer sagen: Es ist letztlich ohne Bedeutung, denn letztlich hat ja alles keinen Sinn. Ich glaube, dass kann jeder einsehen, dass wir den Sinn brauchen. Und wenn wir uns dann fragen, was einen solchen Sinn garantieren kann, dann sind wir bei dem, entschuldigen Sie die Formulierung, was man die Funktion Gottes nennen, da ist er unverzichtbar. Ich würde glauben, dass man nun vom Individuum her auf den Glauben zugeht, und die Kirche nicht notwendigerweise als einzelner Mensch braucht. Man braucht keine Dogmen, sondern man kann aus der persönlichen Erfahrung heraus seine Beziehung zu Gott finden. So dass wir heute das Thema des Göttlichen oder Gottes heute ganz selbstverständlich auf die Tagesordnung der Philosophie zurücksetzen.</p>
<p>Sprecher:<br />
Die Re&shy;li&shy;gi&shy;ons&shy;phi&shy;lo&shy;so&shy;phie und mit ihr der „philosophische Glaube“ sind längst nicht mehr nur ein Thema für Spezialisten. Die hohen Auflagen neuer philosophischer Publikationen und das Interesse an philosophischen Gesprächskreisen sind auch ein Zeichen für einen spirituellen Wandel: Innerhalb und außerhalb der Kirchen suchen Menschen im eigenen Nachdenken ihre letzte Geborgenheit zu finden. Karl Jaspers sah in den sechziger Jahren ein neues Zeitalter anbrechen, eine Epoche individuell geprägter, philosophisch begründeter Gottesbeziehungen. Angesichts der zunehmenden Distanz von den Kirchen hat er wohl recht behalten. Der philosophische Glaube wurde für ihn auch bei zunehmendem Alter mit zahlreichen Gebrechen ein praktischer Lebenstrost:</p>
<p>Zitator:<br />
Wir Alten tun, was möglich ist und sprechen nicht viel vom Ende. Gemäß dem Wort Spinozas, der vernünftige Mensch denke an das Leben und nicht an den Tod. Vorausgesetzt, dass uns als Philosophen das Wissen um den Tod ohnehin schon immer durchdrungen hat.</p>
<p>Sprecher:<br />
Zur Gelassenheit im Leben finden: Darin erreicht der philosophisch Glaubende sein Ziel. Er kann sich auf die Stimme seiner Vernunft verlassen, die ihn beständig an das göttliche Geheimnis erinnert, den Grund allen Lebens. Karl Jaspers hat bei diesen Gedanken erfahren, was Befreiung und Erlösung schon jetzt mitten im Leben bedeuten:</p>
<p>4. O TON, 0 35“.<br />
Dieser Grund ist nur im Überschreiten jedes Gedachten zu erreichen. Er selbst ist unüberschreitbar, vor ihm ist Sich Bescheiden und Erlöschen allen Verlangens. Dort ist Zuflucht, dort ist die Ruhe, die uns tragen kann in der unaufhebbaren Unruhe unseres Weges in der Welt. Dort muss das Denken sich auflösen in die reine Helligkeit. Es ist das Schweigen vor dem Sein.</p>
<p>STOP:</p>
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