Es ist vorbei: Wenn der Katholizismus verschwindet. Am Beispiel des Bistums Tulle Frankreich.

15. Nov 2016 | von | Themenbereich: Gott in Frankreich, Perspektiven und Probleme

Es ist vorbei: Wenn der Katholizismus verschwindet: Am Beispiel des Bistums Tulle, Département Corrèze, Frankreich. Ein Hinweis von Christian Modehn

Die These dieses Beitrags: Durch ihre offizielle Theologie, die den Klerus in den absoluten (und niemals in der Machtfülle zu korrigierenden) Mittelpunkt der Kirche stellt, sorgen auch heute Päpste, Bischöfe und Priester selbst dafür, dass die Gemeinden immer kleiner werden und alsbald in manchen Regionen Europas verschwinden. Damit verschwindet gewiss auch die Vermittlung des offiziellen katholischen Glaubens. Und damit die Kirche in der bisher bekannten Form. Diese These wird am Beispiel von Tulle deutlicher gemacht. Aber es gibt zahllose andere Bespiele. Dies sind Beobachtungen eher religionssoziologischer und theologischer Natur, die aber zum Verständnis dessen gehören, was Christentum heute in Europa bedeutet.

Der folgende Beitrag zeigt, wie in einem klassischen Kernland des so genannten Abendlandes, in Frankreich, konkret in Tulle und anderen Provinzstädten, der christliche Glaube tatsächlich verschwindet bzw. schon verschwunden ist, soweit man das vom Äußeren, der Kirchenstrukturen, her feststellen kann. Und der Beitrag stellt die Frage: Wer trägt dafür die Verantwortung? Diese Frage stellen Menschen, denen Religion, auch Christentum in ihrer vernünftigen und menschenfreundlichen Gestalt (!), noch wichtig ist. Ausführliche statistische Informationen auf Französisch (sozusagen als Beleg für unseren Beitrag für alle, die den Aussagen nicht trauen) siehe am Ende dieses Textes.  Von einem, so wörtlich, „Niedergang“ des französischen Katholizismus, sprach der bekannte Soziologe Pierre Bourdieu bereits in seinem 1982 veröffentlichten Aufsatz „Die Heilige Familie. Der französische Episkopat im Feld der Macht“ (Suhrkamp,Bourdieu, „Religion“, S. 130) bezogen auf „statistische Beobachtungen“ zum Klerus…

Der Religionsphilosophische Salon interessiert sich auch für die Frage nach der Präsenz der Religionen und Kirchen in der Gesellschaft von heute. Deswegen auch für den Zustand der katholischen Kirche. Zum Beispiel, in meinem Fall vom Studium und von Publikationen her, besonders für die Kirche in Frankreich. Mein Buch „Religion in Frankreich“, 1994 erschienen, ist immer noch lesenswert.

Allen ist bekannt: Der Klerus bestimmt überall die katholische Kirche. Darüber braucht man keine langen Erklärungen mehr zu machen. Man denke an die so genannten Synoden, die Auswahl der Bischöfe, die Vollmacht der Interpretation der rechten Lehre usw.

Der neueste Trend des Klerikalismus: Nach der Anzahl der Kleriker wird das Leben der Gemeinden bestimmt. Das ist in ganz Europa so. Sind wenige (zölibatär)  lebende Priester da, gibt es eben wenige(r) Gemeinden. Da werden wegen der wenigen Kleriker Pfarreien geschlossen, Gottesdienstangebote reduziert; Gemeinden werden der wenigen Priester wegen zusammengelegt, manchmal sogar Kirchen abgerissen: Über die Abschaffung des Zölibats-Gesetzes wird kaum nachgedacht. Die Angst vor den Vorgesetzten ist ja katholisch „heilig“. Bischöfe fordern nur auf, für Priesterberufungen zu beten, so kürzlich in Berlin geschehen. Seit Jahrzehnten werden allerdings diese Gebete nicht erhört! Will „Gott“ vielleicht (diese) Priester nicht mehr trotz aller Jahre langer Bittgebete?

Den Laien wird nicht die Vollmacht gegeben,aus eigener Verantwortung und in Freiheit, also ohne die üblichen Priester,  die Eucharistie zu feiern. Was soll denn bei so viel Borniertheit noch die theologisch wohl begründete Rede vom allgemeinen Priestertum aller Gläubigen? Darüber wird man im Reformationsgedenken 2017 wieder viel schwadronieren… Aber die interessierten Laien, falls überhaupt noch vorhanden, wurden für wirkliche Mitarbeit als Leiter der Eucharistie nicht ausgebildet. Natürlich muss das Rom genehmigen, macht es aber nicht. Denn auch da herrscht der Klerus absolut. So sterben also Gemeinden aus, der ganze Klerus guckt zu.

Das ist vor allem schlimm, weil dadurch auch sozial-kommunikative Räume verschwinden, vor allem auf dem Land oder in der städtischen Nachbarschaft, etwa in Neubaugebieten. Die Zahl der Katholiken, die in ländlichen Gegenden von Tulle oder Agen oder Guéret überhaupt noch sonntags an der Messe teilnehmen liegt bei ca. 2 Prozent! Und dieser Prozentsatz sinkt nachweisbar ständig, wohin denn bloß? Gegen Null. Hoffentlich findet der letzte Laie den viel besprochenen Lichtschalter. Und schreibt danach Bischöfen und dem Papst ein Telegramm. „Alles ist hier erledigt, alles ist hier vorbei“. Solche Sprüche haben fromme königstreue Katholiken nach der Französischen Revolution gehört, als extremistische Revolutionäre den katholischen Glauben abschaffen wollten.

Wie auch immer: Der Katholische Glaube ist und soll trotzdem ein total Priester-abhängiger-Glaube bleiben. Darf  man das dumme Verbohrtheit nennen, oder klerikale Machtgelüste? Natürlich. Dahinter steckt natürlich die Frage von Herrschaft und Macht. Aber dieser Zusammenhang wird spirituell ignoriert und „verkleistert“.

Das nur zur Einstimmung vorweg. Mit einem Wort: Dem Klerus und den Bischöfen ist es, durch ihre eigenen Taten bewiesen,  ziemlich egal, wenn Gemeinden verschwinden und soziale Kommunikation in den Gemeinden aufhört. Hauptsache: Die wenigen verbliebenen Kleriker bestimmen weiter alles.

Nun beispielhaft für viele andere Kirchenbezirke: Zum Bistum Tulle im hübschen Département Corrèze; die Gegend kennen viele Touristen vielleicht von Aufenthalten rund um die Dordogne. Und die sehr konservative fromme Gattin von Monsieur le Président Chirac, die Bernadette, lebte auch hier. Da hat sich jedenfalls Bischof Francis Bestion im Oktober 2016 hingesetzt und angesichts der aussterbenden Priesterschaft im Bistum errechnet: In 10 Jahren wird das Bistum Tulle mit ca. 250.000 meist katholisch getauften Christen nur noch 10 Priester haben. Die Tageszeitung „La Croix“, Paris,  berichtete darüber. Und diese zehn geistlichen Herren, so wird ausdrücklich betont, werden in „jugendlichen Alter“ sein, das heißt für die üblichen französischen Verhältnisse: Diese 10 Priester werden jünger als 75 Jahre sein, also vielleicht 73 oder 66. Ein Rentnerdasein verdientermaßen wird den alten Priestern nicht zugestanden. Sie lesen die Messe bis zum Umfallen. Was den so genannten Priester-Nachwuchs angeht: Momentan befindet sich ein (sic) junger Mann in der Ausbildung, um eines Tages Priester in Tulle zu werden.

Als Lösung werden nicht etwa Eucharistiefeiern durch gut ausgebildete Laien, Frauen und Männer, erwähnt. Sondern die wenigen Priester sollen in Gemeinschaften zusammenleben, um sich gegenseitig zu stützen und von dem gemeinsamen Leben aus in die vielen Dörfer auszuschwärmen, dort sollen sie wieder die Messe zu feiern. Sie werden ein paar Wochen im Dorf leben und dann zum nächsten „wandern“. Die Kirche spricht oft von Seelsorge, bei diesen alten, durch die Dörfer sausenden/wandernden die Messe lesenden Pfarrern ist Seelsorge wohl nicht möglich. Da werden nur noch Kultdienste von Greisen absolviert. Und wenn diese nicht mehr da sind, also in 15 Jahren, dann sind keine Priester mehr da. Dann gibt es keine Gemeinden, keine Kommunikation, falls man diese dann vonseiten der Leute her noch wünscht.

Was passiert also: Da wird die Religiosität förmlich vom allmächtigen Klerus ausgelöscht, falls man denn davon ausgeht, dass Spiritualität noch mit einer Messfeier etwas zu tun hat. Noch einmal: Der Klerus selbst erzeugt eine gewisse Entchristlichung der Gesellschaft. Noch mal zugespitzt: Die Kirche betreibt die Säkularisierung. Da hört man nur das Bedauern des Bischofs: „Der Mangel an jungen Priestern ist ein Handicap, dieser Mangel lähmt alles“. Also geht man sehenden und wissenden Auges in den Zustand der „Paralyse“, dieses Wort verwendet der Bischof.

Zum gegenwärtigen „Personal-Zustand“: Das Bistum Tulle zählt heute, 2016, noch 30 Priester, etwa 12 sind bereits älter als 80. Mehrere sind um die 75. Zum Vergleich: 2008 hatte das Bistum Tulle noch 87 Priester, davon 57 aktiv Tätige. Der Sterbeprozess ist also rasant. Es gibt auch keine Ordensgemeinschaften mehr im Bistum. Alle Nonnen und Mönche sind ausgestorben oder in Altersheime umgeziogen. Da bettelt der Bischöfe nun um Priester aus dem Ausland. Wer wird da wohl kommen, welcher Charismatiker, welcher Neokatechumenale oder Priester aus Kamerun oder Togo, wie so häufig schon in anderen französischen Bistümern? Dabei lobt man dann – diplomatisch klug – diesen internationalen Austausch, und vergisst: Diese Priester hätten eigentlich in Kamerun oder Togo auch ein bisschen was zu tun…

Welche Energie wird da von einem französischen Bischof verbraucht, anstatt die Laien zu Priestern auszubilden. Und eine gewisse Spiritualität zu retten.

Was da von Tulle berichtet wird, ließe sich leicht mit dem gleichen Inhalt selbstverständlich religionssoziologisch belegt fortsetzen für die Bistümer Verdun, Troyes, Auxerre, Moulins, Cahors, Limoges und so weiter. Da geht die Kirche als Kleruskirche dem Ende entgegen. Nur in Paris wimmelt es förmlich noch von Priestern. Aber da ist es ja auch so schön…

Copyright: Christian Modehn

Qui sont les catholiques de France ? Le Monde, 24.1.2014. Hinweise zum stetigen Schwund der Anzahl der Katholiken, des stetigen Schwundes der Teilnahme an der Sonntagsmesse und zur Altersstruktur der Teilnehmer an der Messe (es sind die „Alten“).

A quoi ressemblent les catholiques français, régulièrement critiques envers la politique du gouvernement actuel ? Portrait en chiffres.

Le Monde.fr | 24.01.2014 à 18h59 • Mis à jour le 24.01.2014 à 19h08 | Par Elvire Camus

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En France, le nombre de personnes se déclarant catholiques diminue de façon continue depuis la fin des années 70 mais reste important. En 1952, ils étaient 81 %, en 1978, 76 % et en 2010, 64 %.

En revanche, la pratique religieuse (mesurée par l’IFOP selon le critère de l’assistance à la messe dominicale), demeure faible et diminue progressivement depuis les années 50. En 1952, 27 % des catholiques se rendaient à la messe, en 2010 il n’étaient plus que 4,5 %. Par ailleurs, parmi les Français se déclarant catholiques, 57 % ne vont pas à la messe. Reste donc 43 % de pratiquants réguliers.

Cette tendance se reflète dans la baisse du nombre de mariages religieux et de baptêmes depuis 1990 : 147 146 mariages religieux ont été célébrés en 1990 contre seulement 74 636 en 2011, selon l’annuaire des statistiques de l’Eglise et la conférence des évêques de France. Le nombre de mariages civils a également fléchi en vingt ans et est passé de 287 000 en 1990 à 251 654 en 2010.

Le nombre de baptêmes est passé de 472 130 à 302 941 entre 1990 et 2010. A noter également que depuis les années 80, un nombre croissant de Français se déclarent sans religion : 21 % en 1987 contre 28 % en 2010.

  • Des catholiques pratiquants plus âgés

Le profil sociologique des catholiques français apparaît proche de celui de l’ensemble de la population française : une majorité de catholiques ont entre 35 et 49 ans (27 %) et 28 % des Français font partie de cette même tranche d’âge.

Pour autant, ce n’est pas le cas en ce qui concerne les catholiques se déclarant pratiquants : 21 % des Français ont 65 ans et plus contre 43 % de pratiquants. De même, alors que 25 % des Français sont retraités, 46 % des catholiques pratiquants le sont. Il apparaît également que les catholiques non pratiquants ont un profil plus proche de celui de la population française que des catholiques pratiquants, en terme de sexe, d’âge et de catégorie socio-professionnelle.

 

 

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  1. […] Von Christian Modehn. Über jüngste (2016) Entwicklungen, zum Thema, im Bistum Tulle (Corrèze) klicken Sie hier. […]