Die alten Glaubensbekenntnisse der Christen (4. Jh.) sind nur noch historische dogmatische Erinnerungen und sollen dies bleiben!

Ein Hinweis von Christian Modehn zu einem Beitrag von Thies Gundlach (EKD) in PUBLIK FORUM, Heft 13/2018

Welcher Christ versteht auch nur ansatzweise, wenn er etwa in katholischen Messfeiern oder lutherischen Gottesdiensten aufgefordert wird zu beten und als seinen eigenen, persönlichen Glauben zu bekennen: „Christus ist aus dem Vater geboren“. Seit wann gebären Väter? fragen sich nicht nur Kenner der Gender – Studies. Und wer hat denn den Vater geboren? Soll ich solche Esoterik neoplatonischer Art nachsprechen und etwa als meinen Glauben an Jesus von Nazareth bekennen? Außerdem sei Jesus von Nazareth, dann als Christus in höherer Bedeutung, „gezeugt, aber nicht geschaffen“ worden. Eine Zeugung, die nicht „schafft“, ist auch esoterisch und nur nach zwanzigmaligen Nachdenken irgendwie nachvollziehbar. Männer, etwa in großen Kirchen-Behörden, werden etwa gesprächsweise von wohlgesinnten Obrigkeiten gezeugt, also dann angestellt, ohne dass sie als Menschenwesen damit geschaffen werden. Ist das gemeint?

Im Ernst: Kann man diese Formeln (heute nichts als leere, bestenfalls esoterisch interessante Floskeln) verstehen? Ist der Glaube als nun einmal menschlicher, je – meiniger Glaube nicht immer und stets absolut verstehender Glaube? Haben Protestanten ihren Bultmann vergessen oder Tillich?

Es ist für viele ein Skandal, ein Glaubensbekenntnis zu sprechen, wenn man nach dem gesprochenen Glaubensbekenntnis noch eine halbe Stunde mit einem kritisch gebildeten Theologen über den im Bekenntnis gesagten Neuplatonismus sprechen muss. Nichts gegen religiöse Poesie: Sie hat ihren Platz, auch im Gottesdienst. Aber ein Glaubensbekenntnis darf nicht esoterisch – poetisch sein. Eine fünfstündige Wagner – oder Mozart Oper, die nun einmal voller mysteriöser Gestalten und esoterischer Sprache ist, die ist doch etwas anderes als ein christlicher Gottesdienst mit christlichem Bekenntnis. Dieses ist immer reflektierte Deutung meines Lebens.

Und weiter: „Am dritten Tage auferstanden“? Heutige Zeiterfahrung kennt nicht die esoterische Qualität des dritten Tages, deswegen sollte sich das Auferstehungserleben nicht an einen bestimmten, dritten Tag binden…, eine Vorstellung, die vielleicht tiefe Wurzeln im alten jüdischen Denken hat. Diese Vorstellung ist aber spätestens seit dem 10. Jahrhundert kein allgemeines Wissen mehr. Von der Jungfrauengeburt in diesem Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis wäre zu sprechen. Oder von der Tatsache, dass ich beim Heiligen Geist als Christ der Westkirche glauben soll: Dieser Heilige Geist geht vom Vater UND vom Sohne aus (und bitte nicht nur, wie in der Ostkirche, vom Vater!) Was ist das auch für ein “unverschämter Gedanke”, nur vom Vater soll der heilige Geist „ausgehen“ (was heißt ausgehen, und wohin geht der Geist eigentlich dann hin, auch in die Kirchen heute?) Wegen dieses Ausgehens des Geistes haben sich Ostkirche und Westkirche einst die Köpfe eingeschlagen…

Man stelle sich heute katholische Messen oder lutherische Gottesdienste in Tokio oder Ouagadougou oder in Mexiko Stadt vor, wo diese Christen diese genannten Formeln und Floskeln nachsprechen müssen als ihr ureigenes persönliches Glaubensbekenntnis. Denn ein Glaubensbekenntnis hat nur Sinn, wenn es wirklich mein ureigenes, mein von mir kommendes Bekenntnis ist! Das ist doch wohl selbst in der EKD Grundüberzeugung. Es geht doch um meine Erlösung, mein „Heil“, um die klassischen Begriffe zu verwenden. Was wäre, wenn ein heilender Arzt mir sagen würde, ich soll meinen Krankheitsbefund in den Worten von Parcelsus (16. Jh.) mit ihm nachsprechen…

Ich kann nur dringend hoffen, dass die Christen in Tokio, Ouagadougou oder Mexiko Stadt diesen Neoplatonismus nicht nachplappern, und wenn, dann wohl nur unter der Bedingung, dass die Obrigkeiten diesen Christen eingeschärft haben: Ihr müsst unverständlichen Neoplatonismus nachplappern. Nur die vielen Evangelikalen oder Pfingstler tun das vielleicht? Oder das Opus Dei und die katholischen Neokatechumenalen.

Thies Gundlach, als Theologe Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD in Hannover, bekannt für seine theologisch sehr konservativen, oft militanten Positionen und, wie er sagt, Schüler des „dialektischen“ (d.h. für Barth dann auch vernunftfeindlichen) Theologen Karl Barth, versucht noch einmal die alten Glaubensbekenntnisse, auch das Nizäno-Konstantinopolitanische Glaubensbekenntnis, uns schmackhaft zu machen. Und zwar sogar in PUBLIK FORUM Heft 13/2018 vom 6.7.2018.

Aber die Argumente von Herrn Thies sind leider sehr wirr und widersprüchlich in sich selbst.

Herr Thies ist gegen neu formulierte Glaubensbekenntnisse. Das ist am wichtigsten. Er verteidigt die alten (neoplanonisch gefärbten) Glaubensbekenntisse aus dem 4. Jahrhundert, komischerweise aber nicht eines der ältesten und kürzesten und sympathischsten alten Bekenntnis des Paulus aus dem Römerbrief Kapitel 10, Vers 9. Immerhin gesteht Gundlach ein, dass mit den alten Glaubensbekenntnissen Missbrauch – etwa durch die Inquisitoren – betrieben wurde. Immerhin, aber er führt den Gedanken nicht weiter…

Dann behauptet er: Diese alten Glaubensbekenntnise, so wörtlich, „gehören der unsichtbaren Kirche“. Was ist denn damit gemeint? Eigentlich ist per definitionem die unsichtbare Kirche jene, die auch Ungetaufte, „Heiden“, möglicherweise Atheisten usw. auch umfasst. Also der Begriff stimmt hier nun wohl kaum.

Dann warnt Gundlach davor, dass wir uns Glaubensbekenntnisse, so wörtlich, „zurechtschneidern”, damit sie „heute leichter von den Lippen gehen“. Was für eine Unverschämtheit diese Behauptung, darf ich wohl sagen. Als würden sich moderne Christen Glaubensbekenntnisse sozusagen nach Lust und Laune zurecht “schneidern”, damit sie leichter von den Lippen gehen: Als wären neue Glaubensbekenntnisse nur Ausdruck von Bequemlichkeit. Was für eine Beleidigung derer, die sich um neue, d.h.meinen Glauben weckende Bekenntnisse heute mühen.

Dann nennt der theologische Chef der EKD (!) die alten Glaubensbekenntnisse ein „riesiges Dach“, dem gegenüber, so wörtlich, die neuen Glaubensbekenntnisse so klein und zerbrechlich sind “wie das Dach einer Hundehütte“.

Gundlach verachtet, milde gesagt, als eingefleischter Dogmatiker die subjektive Freiheit des Glaubens, deswegen kann er persönliche Glaubensbekenntnisse nur mit Stichworten wie „zurechtzimmern“ , „zurechtschneidern“ beschreiben. Moderne Christen unter einer Hundehütte also. Reaktionäre Dogmatiker unter dem riesigen Dach, sollte man sagen. Da kann man nur hoffen, dass dieses riesige Dach nicht morsch geworden ist. Manche haben angesichts des Schwundes an Kirchenbindung in Deutschland diese starken Überzeugung!

Man hat also den Eindruck, Thies Gundlach bastelt sich seine untergegangene Bekenntnis – Welt noch mal nach eigenem konservativen Gusto zusammen. Und ist froh, sich in einem unverständlichen Glauben zu bewegen: Der von einst her Antworten gibt, wie er sagt, zu dem man sich erst mal die Fragen überlegen muss.

Ganz schlimm wird es für einen Menschen heutiger Zeit, wenn der oberste Theologe der EKD schreibt. „Ich soll, kann und muss nicht jedes Detail (des alten Glaubensbekenntnisses) als meinen höchsteigenen Glauben verstehen“. Plötzlich wird Gundlach großzügig, er nennt diese Haltung sogar liberal. Dabei hat er von der bewährten und bekannten liberaler Theologie keine große Meinung!

Er will suggerieren: Ich muss als Mensch des 21. Jahrhunderts meinen Glauben gar nicht verstehen. Hat der EKD Theologe Nizäno-Konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis von dem Satz des Mittelalters (Anselm von Canterbury) gehört: „Fides quaerens intellectum“ (Das heißt: Der Glaube sucht, verlangt, den Intellekt, das Verstehen)? Oder ist Gundlach so total Lutheraner, dass er die bekannte Vernunftverachtung des Reformators völlig internalisiert hat? Manche würden das fundamentalistisch und schlimm finden.

Fakt ist: Mein Glaubensbekenntnis will ich als Mensch mit Vernunft eben auch verstehen, das ist menschlich normal so. Und muss so sein, wenn der Glaube nicht herabsinken soll in ein esoterisches dumpfes Gerede.

Aber der Herr der EKD Theologie entwickelt sich sogar noch zu einer Art Aufforderer zur Häresie: Es reicht ihm nämlich, „wenn ich nur zu einer Aussage des alten Glaubensbekenntnisses Zugang habe, …. Häresis ist, wenn man mal streng ist, subjektive Auswahl aus dem Bekenntnis bekanntlich. Das zu propagieren ist schon komisch aus dem Haus der EKD.

Und dann noch dies: Zur Verteidigung, dass wir die alten Bekenntnisse nachsprechen müssen, meint Gundlach: Diese, so wörtlich, seien „in ihrer Fremdheit wunderbar vieldeutig“. Wohl wahr! Jeder stellt sich unter der Jungfrauengeburt etwas anderes vor, Augustinus sprach wohl von einer Zeugung durch das Ohr der Jungfrau; andere mögen beim Bekennen der Jungfrauengeburt an eine unsagbaren, „heiligen“ Eingriff eines dann doch männlichen Engels denken…

Herr Gundlach wirft denen, die sich mit viel Mühe um ein heutiges und morgen eben um ein morgiges Glaubensbekenntnis mühen, vor: Sie wollten mit den neuen Bekenntnissen zu eindeutig sein. Das Gegenteil ist der Fall: Wer überhaupt noch von Jesus Christus, von Erlösung, von Rettung, von ewigem Frieden etc. spricht, kann von den Symbol – Begriffen her niemals eindeutig sein. Auch moderne Glaubensbekenntnisse sind poetisch, Gundlach sollte die Bekenntnis von Dorothee Sölle, Huub Oosterhuis, Kurt Marti oder der Remonstranten Kirche in Holland lesen…Das sind doch keine Plattitüden… Das ist nachvollziehbare moderne theologische Poesie!

Am schlimmsten nun, und das zeigt den bei vielen doch bekannten reaktionären und autoritären Geist des EKD Theologen Gundlach: „Kirchenleitungen müssen eine alte Sprache verteidigen“, so wörtlich in Publik Forum. Das könnte das Opus Dei nicht besser formulieren. Welch hübsche Ökumene!  Gundlach nennt “freundlicherweise” die Erneuerer „penetrante Rationalisten und radikale Fundamentalisten“. Man könnte Theologen wie Gundlach penetrante Bestatter der heutigen Kirche und des lebendigen Glaubens nennen. Er nennt sich „strikter Lutheraner“. Wenn das Lutheraner sind, dann armer Martin Luther, was hast du da noch bewirkt…

Ich empfehle, einmal das Glaubensbekenntnis der niederländischen Remonstranten Kirche in Holland ausführlich zu lesen. Es ist 2006 von remonstrantischen Theologen formuliert worden. Natürlich ist es in remonstrantischem Geist für die Mitglieder selbst NICHT bindend, sondern nur als Impuls zum Denken und Glauben gemeint. Lebendiger Glaube ist auf dem Weg sein, nichts nachplappern… Zum Beispiel: Wer der Remonstranten Kirche beitreten will, schreibt sein eigenes Glaubensbekenntnis auf. Und dieses wird selbstverständlich von der Kirche respektiert und besprochen. Und in den letzten Monaten haben die Remonstranten einige Informationen öffentlich verbreitet mit dem richtigen Titel: „Glauben beginnt mit dir“. Also: Sag deinen eigenen Glauben (oder Unglauben oder Suchen) uns, und wir freuen uns darüber und sprechen darüber und erleben deinen Glauben als Bereicherung für uns. Das 4. Jahrhundert des Neoplatonismus ist für diese modernen Christen definitiv vorbei. Lebendigsein heißt: Sich wandeln. Das heißt: Auch alte dogmatische Formeln beiseite lassen, wenn sie meinem und unserem Glauben heute nicht entsprechen. Der christliche Glaube ist doch keine intellektuelle Last oder Qual! Der christliche Glaube und das je eigene und sich stets wandelnde und von keiner Kirchenbehörde einzuschränkende je meinige Bekenntnis ist etwas, was Freude bereitet, was freien Raum schafft eben unter einem weiten ökumenischen Dach der Vielfalt. Aber dieses weite, stets erneuerte Dach ist wohl nicht das uralte (vielleicht längst morsche) Dogmen – Dach von Herrn Gundlach.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Fragen geben Halt im Leben!

Ein neues Buch des Remonstranten Theologen Koen Holtzapffel, Rotterdam: „Houvast“ („Halt“)

Von Christian Modehn

Die Bibel ist kein Kompendium, in dem endgültige Antworten zu finden sind. Diese Erkenntnis breitet der Remonstranten – Theologe und Pastor in Rotterdam Koen Holtzapffel in seinem neuen Buch aus, es hat den Titel „Houvast aan de vraagzijde van het bestaan“ („Haltfinden an der Fragedimension der Existenz“). „Ich nehme Abstand von dem Vorschlag („suggestie“), dass die gläubigen Menschen sozusagen auf der Antwortseite des Daseins stehen und die Nicht-Gläubigen auf der Seite des Fragens… Das will ich überwinden und sowieso den bekannten Unterschied zwischen Glauben und Unglauben“.

Diese hierzulande hoch interessante Position muss erläutert werden: Der christliche Glaube ist keine Bindung des einzelnen an vorgegebene Dogmen aus alten Zeiten. Die Kirchengemeinden (der freisinnigen, theologisch liberalen) Remonstranten sind Orte, in denen der einzelne seinen eigenen Glauben entdecken, als einen solchen leben kann … und mit anderen besprechen und vertiefen kann.

Die leitende Maxime heißt: Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten. Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann Antworten. Aber diese rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes. Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Fragebewegung des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Klar ist auch, dass ein Leben in dieser Fragebewegung nicht immer bequem ist. Deswegen klammern sich so viele voller Angst dann doch an vorläufige Antworten und erklären das Vorläufige zum Endgültigen. Und dann beginnt – fundamentalistisch – der Streit um die einzige Wahrheit, diese kann nur jemand behaupten, der irgendwann in der Fragebewegung stehen und stecken bleibt. Und mit der einzigen Wahrheit (in Religionen, Nationen, Kulturen usw.) zieht die kriegerische Haltung in die Gesellschaft ein. Das erleben wir heute global. Das heißt ja nicht, dass es einige wenige universale humane Antworten der Vernunft gibt, die für alle Menschen und alle Staaten gelten: Dies sind die für alle Menschen geltenden Menschenrechte, aber auch diese Menschenrechte entwickeln sich durch Fragebewegungen stets weiter. Der Kategorische Imperativ von Kant ja nicht entdeckt, sondern nur formuliert, gehört auch dazu.

Die Remonstranten sind wahrscheinlich die einzige christliche Kirche, in der das Fragen heilig ist; weil das Fragen das Leben des Geistes (und der Seele) selbst ist und der Geist (und die Seele) nun heilig sind; was bedeutet, dass das Leben als leibliches, aber immer doch notwendigerweise Geist geprägtes leibliches und materielles Leben auch heilig ist.

Es ist für mich eine gute Entscheidung, dass die Remonstranten in Holland das für sie immer übliche Jahresthema diesmal, für 2018, der Frage als einem – auch spirituellen, religiösen Vollzug – alle Aufmerksamkeit widmen. Bei dem „Tag der Beratung“ miteinander („Beraadsdag“) am 10. März 2018 in Hengelo geht es auch um das Thema: Wie kann das Fragen tatsächlich Halt, vielleicht einen ersehnten letzten und tiefsten Halt bieten? Es ist wohl so, meint Koen Holtzapffel, dass zu der Fragebewegung auch ein Vertrauen gehört, ein Vertrauen, dass in der Fragebewegung ein möglicher Sinn sich für mich erschließen kann. Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, so der Autor, gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“, wie Holtzapffel sagt (S. 120) eigentlich nur Leere bleibt. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht als eine wohlltuende Leere, als Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.) Der Autor zitiert dann zustimmend den Philosophen Cornelis Verhoeven (1928 – 2001): „Gerade in der Frage besteht Gott und nirgendwo anders. Gottes Existenz wird in der Frage förmlich festgehalten“. Und Koen Holtzapffel beschließt sein sehr inspirierendes Buch: „Leere ist leer, aber sie schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott.

Aber ein Gott, von dem man nie etwas bemerkt, wird irrelevant. Bisweilen gibt sich mein Gott doch gründlich zu erkennen, lässt sich verstehen mit Herz und Seele. In Liebe und Licht, in Friede und Anteilnahme für einander. Auch in dem Menschen Jesus gibt er sich zu erkennen. Wo Nächstenliebe und (erotische) Liebe ist, da ist Gott: Ubi caritas et amor, Deus ibi est“ (S. 122)

In einem Beitrag für die Monatszeitschrift ADREM vom Juni 2017 sagt Holtzapffel: „Ich hoffe, das unsere Gemeinden Orte sind, wo über Lebensfragen nachgedacht wird. Als Pastor (Prediger) habe ich keine direkten Antworten, aber ich sehe mich als jemanden, der den Frageprozess beobachtet. Und ich sehe mich als jemanden, der die Lebensfrage hinter den Fragen entdecken kann und auch mit der Tradition verbindet… Aus der großen soziologischen Untersuchung „God in Nederland“ geht jetzt hervor, dass sehr viele Menschen meinen, dass die Sinnfragen nicht mehr in der Kirche behandelt werden. Bei uns Remonstranten ist das anders, da haben diese Fragen ihren Raum“.   Und er nennt über die Remonstranten Gemeinden hinaus in dem Buch mehrere, in ganz Holland bekannte Beispiele: Etwa das Kulturzentrum de „Rode Hoed“ in Amsterdam oder das „Uytenbogaertcentrum“ in Den Haag, das der Theologe und Philosoph Johan Goud aufgebaut hat.

 Houvast. Aan de vraagzijde van het bestaan. Von Koen Holtzapffel. 144 Seiten. ISBN 978 90 211 4491 7). Dieses Buch ist im August 2017 erschienen im Verlag Meinema, Utrecht.

 

 

Was gibt uns (noch) Halt im Leben? Fragen melancholischer Zeitgenossen

Ein re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­er Salon am Freitag, den 23. März 2018, in der Kunstgalerie Fantom, Hektorstr. 9 in BerlinWilmersdorf, um 19 Uhr. Dieser Salon ist – angesichts der begrenzten Plätze – ausgebucht. Bisherige Anmeldungen sind natürlich gültig.

Angesichts allgemeinener (welt)- politischer Irritationen bzw. Ängste und Spaltungen im sozialen Leben bewegt viele die Frage: Was gibt uns/mir eigentlich noch die Energie in diesen Situationen zu leben, Situationen, die viele als Hilflosigkeit empfinden. Philosophisches Fragen und Nachdenken können dann wenigstens Klarheit bringen und mögliche Auswege zeigen.

Woran können wir uns halten? Diese Frage ist das Jahresthema der protestantischen Remonstranten Kirche in den Niederlanden. Der Theologe Koen Holtzappfel (Rotterdam) gibt darauf die Antwort: “Halt” gibt uns das unermüdliche und konsequente Fragen! Eine provozierende Aussage, die wir untersuchen werden.

Angesichts der Tage von Karfreitag und Ostern wollen darüber hinaus fragen: Welche Bedeutung hat im Suchen nach “innerem Halt” eigentlich die Musik, speziell, naheliegenderweise, die Matthäus-Passion von Johann Sebastian Bach. Wir erinnern in diesem Salongespräch auch an das Buch “Matthäuspassion” des Philosophen Hans Blumenberg. Er tritt als kirchenferner Philosoph, einst Christ, für die tiefe Bedeutung der Musik von Bach trotz der befremdlichen Texte der Matthäus-Passion ein. Ein perspektiverreicher Abend also, zumal zwei Gäste aus Amsterdam dabei sein werden, Margrit und Dik, die vielen Berliner Freunden unseres Salons schon bekannt sind.

Ein Link zu dem Buch von Koen Holtzappfel “Fragen geben Halt im Leben”

Herzliche Einladung also mit der Bitte um schriftliche Anmeldung an: christian.Modehn@berlin.de

Für die Raummiete allein: 5 Euro “Teilnahmegebühr”. Für Studenten ist die Veranstaltung selbstverständlich gratis.

„Fragen geben Halt im Leben“: Zur Theologie der Remonstranten

Das Jahresthema der protestantischen Remonstranten Kirche in Holland.

Ein Hinweis zum neuen Buch von Koen Holtzapffel (Rotterdam) mit dem Titel „Houvast“ („Halt“)

Von Christian Modehn

 

Die Bibel ist kein Kompendium, in dem endgültige Antworten zu finden sind. Diese Erkenntnis breitet der Remonstranten – Theologe und Pastor in Rotterdam Koen Holtzapffel in seinem neuen Buch aus, es hat den Titel „Houvast aan de vraagzijde van het bestaan“ („Haltfinden an der Fragedimension der Existenz“). „Ich nehme Abstand von dem Vorschlag („suggestie“), dass die gläubigen Menschen sozusagen auf der Antwortseite des Daseins stehen und die Nicht-Gläubigen auf der Seite des Fragens… Das will ich überwinden und sowieso den bekannten Unterschied zwischen Glauben und Unglauben“.

Diese hierzulande hoch interessante Position muss erläutert werden: Der christliche Glaube ist keine Bindung des einzelnen an vorgegebene Dogmen aus alten Zeiten. Die Kirchengemeinden (der freisinnigen, theologisch liberalen) Remonstranten sind Orte, in denen der einzelne seinen eigenen Glauben entdecken, als einen solchen leben kann … und mit anderen besprechen und vertiefen kann.

Die leitende Maxime heißt: Wer Halt sucht in seinem Leben, sollte sich nicht festklammern an Ideologien und offizielle Wahrheiten. Er (oder sie) sollte das Fragen aushalten, die eigenen Fragen! Natürlich zeigen sich dann Antworten. Aber diese rufen nur wieder weitere Fragen hervor: Das ist das Leben des Geistes. Und diese Lebendigkeit des Geistes ist sicher das einzige, was Halt gibt und fest ist in unserem Leben: Getragen sein, belebt sein, von der ewigen Fragebewegung des Geistes und von den immer relativen Antworten, die zu neuen, aber wieder nur vorläufigen Antworten leiten: Das ist die Größe des Menschen, auch des religiösen Menschen.

Klar ist auch, dass ein Leben in dieser Fragebewegung nicht immer bequem ist. Deswegen klammern sich so viele voller Angst dann doch an vorläufige Antworten und erklären das Vorläufige zum Endgültigen. Und dann beginnt – fundamentalistisch – der Streit um die einzige Wahrheit, diese kann nur jemand behaupten, der irgendwann in der Fragebewegung stehen und stecken bleibt. Und mit der einzigen Wahrheit (in Religionen, Nationen, Kulturen usw.) zieht die kriegerische Haltung in die Gesellschaft ein. Das erleben wir heute global. Das heißt ja nicht, dass es einige wenige universale humane Antworten der Vernunft gibt, die für alle Menschen und alle Staaten gelten: Dies sind die für alle Menschen geltenden Menschenrechte, aber auch diese Menschenrechte entwickeln sich durch Fragebewegungen stets weiter. Der Kategorische Imperativ von Kant ja nicht entdeckt, sondern nur formuliert, gehört auch dazu. 

Die Remonstranten sind wahrscheinlich die einzige christliche Kirche, in der das Fragen heilig ist; weil das Fragen das Leben des Geistes (und der Seele) selbst ist und der Geist (und die Seele) nun heilig sind; was bedeutet, dass das Leben als leibliches, aber immer doch notwendigerweise Geist geprägtes leibliches und materielles Leben auch heilig ist.  

Es ist für mich eine gute Entscheidung, dass die Remonstranten in Holland das für sie immer übliche Jahresthema diesmal, für 2018, der Frage als einem – auch spirituellen, religiösen Vollzug – alle Aufmerksamkeit widmen. Bei dem „Tag der Beratung“ miteinander („Beraadsdag“) am 10. März 2018 in Hengelo geht es auch um das Thema: Wie kann das Fragen tatsächlich Halt, vielleicht einen ersehnten letzten und tiefsten Halt bieten? Es ist wohl so, meint Koen Holtzapffel, dass zu der Fragebewegung auch ein Vertrauen gehört, ein Vertrauen, dass in der Fragebewegung ein möglicher Sinn sich für mich erschließen kann. Dieser tragende Lebenssinn, dieser Halt, erschließt sich, so der Autor,  gerade dann, wenn alle Bilder Gottes, die man als den Lebenssinn deutete, verschwinden und nach diesem (persönlichen) „Bildersturm“, wie Holtzapffel sagt (S. 120) eigentlich nur Leere bleibt. „Man kann es Leere nennen, aber dann vielleicht als eine wohlltuende Leere, als Flüstern einer sanften Brise, die man genießen kann als Schönheit einer leeren Landschaft“ (ebd.) Der Autor zitiert dann zustimmend den Philosophen Cornelis Verhoeven (1928 – 2001): „Gerade in der Frage besteht Gott und nirgendwo anders. Gottes Existenz wird in der Frage förmlich festgehalten“. Und Koen Holtzapffel beschließt sein sehr inspirierendes Buch: „Leere ist leer, aber sie schafft auch einen mystischen Raum, ohne einen vorstellbaren und voraussagbaren Gott.  

Aber ein Gott, von dem man nie etwas bemerkt, wird irrelevant. Bisweilen gibt sich mein Gott doch gründlich zu erkennen, lässt sich verstehen mit Herz und Seele. In Liebe und Licht, in Friede und Anteilnahme für einander. Auch in dem Menschen Jesus gibt er sich zu erkennen. Wo Nächstenliebe und (erotische) Liebe ist, da ist Gott: Ubi caritas et amor, Deus ibi est“ (S. 122)

In einem Beitrag für die Monatszeitschrift ADREM  vom Juni 2017 sagt Holtzapffel: „Ich hoffe, das unsere Gemeinden Orte sind, wo über Lebensfragen nachgedacht wird. Als Pastor (Prediger) habe ich keine direkten Antworten, aber ich sehe mich als jemanden, der den Frageprozess beobachtet. Und ich sehe mich als jemanden, der die Lebensfrage hinter den Fragen entdecken kann und auch mit der Tradition verbindet… Aus der großen soziologischen Untersuchung „God in Nederland“ geht jetzt hervor, dass sehr viele Menschen meinen, dass die Sinnfragen nicht mehr in der Kirche behandelt werden. Bei uns Remonstranten ist das anders, da haben diese Fragen ihren Raum“.   Und er nennt über die Remonstranten Gemeinden hinaus in dem Buch mehrere, in ganz Holland bekannte Beispiele: Etwa das Kulturzentrum de  „Rode Hoed“  in Amsterdam oder das „Uytenbogaertcentrum“ in Den Haag, das der Theologe und Philosoph Johan Goud aufgebaut hat.

Houvast. Aan de vraagzijde van het bestaan”. Von Koen Holtzapffel. 144 Seiten. ISBN 978 90 211 4491 7). Dieses Buch ist im August 2017 erschienen im Verlag Meinema, Utrecht.

 

 

 

 

 

Wo bleiben die Emotionen in den Kirchen Deutschlands? Zugleich ein Hinweis auf Weihnachten!

Ein neuer Beitrag der Reihe “Weiterdenken”: Drei Fragen an den Theologen Prof.  Wilhelm Gräb, Berlin

Die Fragen stellte Christian Modehn

1. Sie haben sich kürzlich zu Studien in Ghana aufgehalten und dort auch die zahlreichen und lebendigen Pfingstgemeinen kennen gelernt und deren Profil untersucht. Emotionen, Gefühle, körperlicher Ausdruck im Gottesdienst sind dort selbstverständlich. Ohne ein Klischee zu verbreiten: Liegt das daran, dass die Menschen in Ghana ohnehin kulturell immer viel mehr Wert auf emotionalen Ausdruck legen? Oder ist es auch der christliche Glaube selbst, der sich bei diesen Christen in Afrika eben nicht auf „karge“ Worte und begrifflich feine Predigten begrenzen lässt?

Ja, die Emotionen spielen in der afrikanischen Kultur und ganz besonders in afrikanischen Pfingstgemeinden, wie ich sie besucht habe, ein große Rolle. Das ist auch schon vielfach beschrieben worden. Pfingstgemeinden, auch hierzulande, zeigen eine stärkere emotionale Beteiligung, mit Zwischenrufen, erhobenen Händen, spontanen Gebeten und einer mitreißenden Musik.

Ich frage mich jedoch, ob die Unterscheidung emotional/rational die Sache trifft. Die Predigten, die ich in den Gottesdiensten einiger Pfingstkirchen in Ghana gehört habe, waren weniger durch Emotionalität als vielmehr durch eine sehr direkte Ansprache und ein sehr konkretes Eingehen auf praktische Probleme des täglichen Lebens gekennzeichnet. Gewiss, ich habe auch exaltierte Lobpreisgesänge erlebt, unverständliches Zungenreden und redundante Beschwörungen des Jesus-Namens. Wenn ich anschließend mit den Predigern sprach, dann konnten sie jedoch ganz nüchtern davon reden, dass ihre Gottesdienste auf genau diese Weise innere Beteiligung schaffen und ein intensives Gemeinschaftserleben hervorrufen.

In diesen Gottesdienste geschieht, dass sich den einzelnen mitteilt: Du bist gemeint, die göttliche Botschaft gilt dir, du gehörst mit allen anderen, die jetzt hier sind, zu einer großen christlichen Gemeinschaft. Ihr seid untereinander und mit dem Herrn Jesus verbundenen. Dies alles kraft des Heiligen Geistes, der jeden einzelnen von euch und die ganze Gemeinde mit seiner Energie erfüllt und antreibt. So auch die theologische Erklärung, die die charismatischen Prediger mir für die uns fremd erscheinende Art, Gottesdienst zu feiern, gaben.

Es gilt der Vorrang der Erfahrung vor der Reflexion, vielleicht muss man auch sagen, des Emotionalen vor dem Rationalen. Aber, was bedeutet das?

Inzwischen gibt es auch bei uns Anstrengungen, die Emotionen als ein Vermögen zur Erkenntnis und Bewältigung von Wirklichkeit neu in den Blick zu nehmen. In der Psychologie betreibt man Emotionsforschung. Es werden neue Wege zu einer Philosophie und auch einer Theologie der Gefühle beschritten. Es wird zwar bestritten, dass es besondere religiöse Gefühle gibt. Dennoch hat auch ein energisches Nachdenken über den Zusammenhang von Religion und Emotion begonnen – unter dem Vorzeichen allerdings der Rationalität der Emotionen. Die Emotion wird nicht gegen die Rationalität gestellt, sondern als eine eigene Form der Rationalität ausgewiesen. Sie gilt als eine spezifische und unverzichtbare Weise unseres Zugangs zur Wirklichkeit.

Unsere Emotionen machen es, dass wir uns bestimmten Gegenständen gegenüber auf präreflexive Weise angemessen verhalten, etwa, indem wir besonders vorsichtig werden, sobald wir eine Schlange sich im Gestrüpp bewegen sehen. Gefühle erschließen uns unmittelbar die Zustände unseres Daseins, obwohl diese durch wechselnde innere und äußere Umstände vermittelt sind. Gefühle machen es, dass wir vor Angst erstarren oder von Freude erfüllt sind, dass wir unser Glück kaum fassen können oder der Schmerz uns zu Boden drückt.

Unsere Emotionen sind es, die uns ganz bei einer Sache und zugleich ganz bei uns selbst sein lassen. Deshalb lebt in ihnen auch die Religion. Sie kommen in uns auf, dort wo wir vom Göttlichen ergriffen und zugleich in uns selbst vertieft werden.

Die vernünftige Rechenschaftsgabe folgt nach. Das ist dann die Reflexion auf solche Erfahrung des Ergriffenseins. Sie wird in den Pfingstkirchen im Anschluss an die Erzählung des ersten Pfingsten in Apostelgeschichte 2 eine Geisterfahrung genannt und auf diese Weise auch biblisch-theologisch begründet.

Entscheidend für mich war jedoch, zu sehen, welche Begeisterung der Gottesdienst in Menschen wecken kann. Das ist das eine. Das andere, was mich noch stärker beeindruckt hat, war, dass sich die religiöse Begeisterung in diesen Menschen in ein Engagement umsetzt, aus dem heraus sie unter den schwierigsten ökonomischen und politischen Bedingungen ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, sie als einzelne den beruflichen Erfolg suchen und als Gemeinde ein soziales Netz zur gegenseitigen Unterstützung knüpfen. Der christliche Glaube wirkt hier als energische Lebenskraft.

2. Das führt uns zu der Frage: Warum sind eigentlich die meisten Gottesdienste in Deutschland, ja in Europa vielleicht insgesamt, so verkopft und damit oft so wenig bewegend, also langweilig? Das Kloster Taizé wird ja als einzige Ausnahme ständig zitiert… Ist der christliche Glaube also hier mehr Doktrin als eine emotionale Lebenshaltung? Könnte man hier also einiges von Ghana “lernen”?

Ich weiß gar nicht, ob unsere Gottesdienste so verkopft sind. Sie pflegen einen anderen Stil der Kommunikation und der ästhetischen Darstellung. Das muss auch so sein, wollen sie die Menschen in unserem kulturellen Kontext erreichen und emotional einbeziehen. Die Emotionen spielen aber auch in unseren Gottesdiensten eine ganz entscheidende Rolle, weil es nur so zu innerer Beteiligung, zu eigenem Dabeisein und zum Erleben von Gemeinschaft kommt.

Eine Predigt, die einen biblischen Text so auslegt, so, dass deutlich wird, was er uns über die Gegenwart Gottes in der Welt und in unserem eigenen Leben zu verstehen gibt, wird ihre Hörer doch nur dann erreichen, wenn sie sich zugleich innerlich angesprochen fühlen. Der gedankliche Nachvollzug der Rede muss begleitet sein davon, dass ich auch emotional ergriffen werde. Deshalb sind auch ästhetische Kategorien zur Beurteilung einer Predigt ganz angemessen. Dass eine Predigt schön war und sie mir gut getan hat, ist zugleich ihr höchstes Lob.

Was so von der Predigt gilt, gilt natürlich erst recht für die übrigen Elemente des Gottesdienstes, dass sie uns emotional ansprechen müssen, wenn wir uns durch sie zum Leben ermutigt und zu neuer Hoffnung angestiftet finden wollen.

In erster Linie schafft das natürlich die Musik, in unseren Kulturzusammenhängen am ehesten die Musik Johann Sebastian Bachs. Gerade jetzt wieder in der Advents- und Weihnachtszeit. Was wäre diese Zeit ohne die Musik Bachs oder Händels? Es ist diese Musik, die die Botschaft von der Geburt des göttlichen Kindes auch heute vielen, der Kirche ansonsten entfremdeten Menschen in die Seele schreibt, sodass sie etwas vom Glück der Gotteskindschaft empfinden.

Weihnachten überhaupt, dass dies ein solch mächtiges Fest ist, erklärt sich nicht aus Kommerz und Konsum allein, auch nicht daraus, dass die Familie zusammenkommt – was oft ja auch viele Probleme schafft. Die ungebrochene Attraktivität von Weihnachten, so meine ich, besteht darin, etwas von dem Wunder spüren, fühlen, erahnen zu können, dass es einen vollkommenen Neuanfang, doch noch ein Glücken der Menschheitsgeschichte geben könnte: Frieden auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen. Wie das sollte wirklich werden können, wird kein Verstand erfassen. Aber kaum jemand kann sich dem Gefühl entziehen, dass genau dahin doch aller Menschen Sehnsucht geht.

3.Der von Ihnen sehr erforschte Theologe Friedrich Schleiermacher sprach vom Gefühl, wenn er die Bindung des Menschen an die göttliche Wirklichkeit ansprach. Was meinte er eigentlich mit Gefühl, und warum ist dieses Gefühl im Sinne Schleiermachers offenbar so unbeachtet und im Allgemeinen als Kirchenpraxis verloren gegangen?

Schleiermacher war der Theologe, der die Bedeutung des Gefühls für die Religion erkannt hat. Dies aber genau deshalb, weil er als Theologe auf die grundlegende anthropo-theologische Bedeutung des Gefühls gestoßen ist. Er hat zunächst das Gefühl im Singular von den Gefühlen bzw. Emotionen im Plural unterschieden. Das Gefühl im Singular war für ihn gleichbedeutend der prä-reflexiven, also unmittelbaren Selbstbeziehung. Er konnte statt vom Gefühl auch vom „unmittelbaren Selbstbewusstsein“ sprechen. Was er damit meinte, war die Erfahrung von Präsenz, dessen, dass mir mein Dasein in der Welt gegenwärtig ist, erschlossen in seinem unbedingten Sinn.

Das, so Schleiermachers Theologie, ist zugleich die Gegenwart Gottes in der Welt. Gott ist da, sobald ich den ersten Atemzug tue und die Augen aufschlage. Er ist mir näher als ich mir selbst nahe kommen kann. Er ist das Licht, in dem ich sehe und die Luft, in der ich atme. Nicht zu sehen, nicht gegenständlich vorzubringen, aber da, als die Kraft, die mich überhaupt erst zu mir selbst und in die Welt bringt.

Suchen wir nach der Erfahrung, in der uns diese Präsenz Gottes in der Welt aufgeht, dann, so Schleiermacher, finden wir sie in unserem Selbstgefühl. Jeder Mensch, davon war er überzeugt, kann diese Erfahrung machen, aus einer nicht reflexiv erzeugten, sondern unmittelbar aufkommenden Selbstvertrautheit zu leben. Sie ist die Quelle unseres Lebensmutes. Benennen wir ihr „Woher“, so Schleiermacher, dann ist es angemessen, von Gott zu reden. An ihn wenden wir uns besonders dann, wenn der Lebensmut auf brüchigem Lebensgelände zu schwinden droht. Er ist das „Woher“ dessen, dass wir die uns zur Präsenz kommende Lebensenergie dennoch fühlen, dann aber auch auf den Höhen des Glücks und in den ganz alltäglichen Dingen.

Beweisen lässt sich diese Gottespräsenz nicht, auch niemandem mit noch so guten Argumenten andemonstrieren. Aber jeder, der einiger Selbstbeobachtung fähig ist, kennt doch dieses Selbstgefühl, eine jeden Selbstreflexion immer schon vorauslaufende Vertrautheit mit sich. Mit ihr ist Gott da, im Leben eines jeden Menschen, da als Kraft, die jeden und jede zu sich und zur Welt bringt.

Kinder leben diese Selbstvertrautheit und den Lebensmut, der aus ihr erwächst, ohne sie reflexiv zu brechen. Später müssen wir sie mühsam immer wieder zu erneuern versuchen, um angesichts all des Absurden und Schrecklichen, das diese Welt durchzieht und uns zerreißt, nicht ins Elend zu fallen.

Doch wiederum, deshalb ist Weihnachten ein so mächtiges Fest: Im Anblick des göttlichen Kindes und im Hören auf die Botschaft der Engel über den Feldern Bethlehems kann sich uns das Gefühl der Selbstvertrautheit und des aus ihr erwachsenden Lebens- und Hoffnungsmutes immer wieder erneuern. Dieses Gefühl entspringt unserer Geborgenheit im Göttlichen. Und es streckt sich aus, hinein in unsere Sehnsucht nach Frieden auf Erden und einem allen Menschen verheißenen Wohlgefallen.

Ob dieses Gefühl der Verbundenheit mit dem Göttlichen in der allgemeinen Kirchenpraxis zu wenig angesprochen wird, vermag ich gar nicht recht zu beurteilen. Ich jedenfalls kann mir eine pastorale kirchliche Praxis, vor allem die der Gottesdienste und Predigten, ohne die Absicht, genau dieses Gefühl anzusprechen, überhaupt nicht vorstellen. Ich setzte dieses Gefühl in jedem voraus und für mich hat alle religiöse Mitteilung nur dann einen Sinn, wenn es in ihr darum geht, Menschen tiefer über dieses Gefühl, das in ihnen ist, zu verständigen.

Darum jedenfalls sollte es m.E. in jedem Gottesdienst gehen, und ganz besonders an Weihnachten, darum, dass wir – alle Jahre wieder – die Geburt des Gottes auf dem Grund der eigenen Seele fühlen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb und Religionsphilosophischer Salon Berlin

Für die Vielfalt, nicht nur im Glauben. Ein Interview mit Prof. Johan Goud, Den Haag

Für die Vielfalt, nicht nur im Glauben

Ein Interview mit dem Theologen und Pastor der Remonstranten-Kirche Prof. em. Johan Goud (Den Haag):

Die Fragen stellte Christian Modehn

Zwei Fragen beziehen sich unmittelbar auf die Theologie: Die Freiheit ist entscheidend für Remonstranten, auch die Selbstbestimmung des einzelnen, seinen Glauben zu leben auf seine je individuelle Art. Haben deswegen die Remonstranten de facto kein allgemein verbindliches Glaubensbekenntnis? Ebenso gilt die weitere Frage: Was hält Remonstranten zusammen bei der akzeptierten Glaubens-Pluralität? Und warum ist Pluralität der religiösen Überzeugungen ein Vorteil?

Aber zunächst zur aktuellen politischen Situation in den Niederlanden, dort sind Parlaments-Wahlen am 15. März 2017, mit der Prognose, dass die populistische und rechtslastige Partei PVV stark wird): Was können Christen in den Niederlanden, was können Remonstranten, jetzt tun gegen Wilders und die PVV?

Johan Goud:

Diese Frage betrifft auch den Populismus, der sich im Augenblick in der ganzen Welt regt und der in den Niederlanden verbunden ist mit dem Namen Weiterlesen ⇘

Von einem Gott, der “beinahe nicht besteht”. Zum theologischen Profil eines remonstrantischen Theologen

Ein Beitrag des holländischen Theologen Prof. Johan Goud, Den Haag.

Die Frage stellte Christian Modehn: Es gibt in der weiten Ökumene sehr viele und sehr unterschiedliche, immer mehr auch evangelikale und pflingstlerische Kirchen. Eine kleine protestantische Kirche in Holland nennt sich “Remonstranten” als eine theologisch-liberale Glaubensgemeinschaft. Sie ist eine Ausnahme im weiten Feld der sich orthodox nennenden Kirchen. Wie würden Sie in Ihrer Sicht das besondere theologische Profil der Remonstranten kurz beschreiben?

Prof. Johan Goud:

Remonstranten lieben es, die Weiterlesen ⇘

Buchmesse und Niederlande: Religion und Literatur in Holland. Ein Beitrag von Prof. Johan Goud

Die Buchmesse in Frankfurt am Main hat in diesem Jahr die Literatur in den Niederlanden und in Flandern gewissermaßen zum Schwerpunkt gewählt. Was Religionen und Kirchen betrifft, haben die Niederlande nicht gerade den Ruf, ausgesprochen kirchengebunden und gläubig zu sein. Statistisch gesehen gilt Holland als eines der am meisten säkularisierten Länder Europas, wenn man das denn statistisch überhaupt erfassen kann. Wer schaut schon die Seele der Menschen?  Die religiöse Frage hat sich aber in ihrer ganzen Vielfalt nur verlagert, etwa auch in die Literatur und die Poesie. Ein Beitrag der Zeitschrift PUBLIK-FORUM bietet eine gute Übersicht zur Pluralität des Religiösen in der heutigen niederländischen Literatur. Autor ist Prof. em. Johan Goud, Den Haag, Theologe, Philosoph und Pastor der Remonstranten-Kirche. Den Beitrag können Sie in PUBLIK-FORUM lesen, wenn Sie hier klicken.

Zu Publik-Forum: www.publik-forum.de

Eine humanistische christliche Kirche und ihr Initiator Jacobus Arminius

Eine humanistische christliche Kirche des freien Geistes: Der Reformator Arminius und die Remonstranten.

Veröffentlicht in leicht veränderter Form innerhalb der Reihe „Reformation am Rande“ in der Zeitschrift PUBLIK – FORUM am 15. April 2016. Wir veröffentlichen diesen Beitrag, weil er auf eine bislang einmalige Verbindung von Humanismus bzw. freiem Geist (d.h. auch Liberalität und Anti-Dogmatismus) UND biblisch inspriertem Glauben hinweist. Die Gestalt des Arminius und die Kirche der Remonstranten (die sich bescheiden “Bruderschaft” nennt) verdient Beachtung auch in philosophischem Zusammenhang.

Von Christian Modehn

Die Reformation hat sich in den Niederlanden nur zögerlich durchgesetzt. Aber schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts kam es unter den Calvinisten zu Weiterlesen ⇘

Der Moskauer Patriarch Kyrill, Profil eines Putin-Theologen

Der Moskauer Patriarch Kyrill, Profil eines Putin-Theologen

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 12. Februar 2016 treffen sich Papst Franziskus und das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill, in Havanna. Der Papst macht eine Zwischenlandung auf dem Weg nach Mexiko, der Patriarch hält sich zu  einer Art Freundschaftsbesuch bei den Brüdern Castro auf. Für Rom ist seit Jahren das sehr dringende Verlangen bekannt, Weiterlesen ⇘

Protestantische Verteidiger der Toleranz und des Humanismus –Werden sie im Reformationsjubliäum 2017 vergessen?

Protestantische Verteidiger der Toleranz und des Humanismus –Werden sie im Reformationsjubliäum 2017 vergessen?      Hinweise zur frühen Geschichte der Remonstranten und zur Gegenwart einer nicht dogmatischen protestantischen Kirche.

Von Christian Modehn

Wenn Historiker und Theologen heute wie früher über „Toleranzdiskurse in der frühen Neuzeit“ (so ein neues Buch hg. von Friedrich Vollhardt, erschienen 2015) sprechen und über Duldung und besser noch Akzeptanz religiöser Pluralität, „dann ist es auffällig, dass Weiterlesen ⇘

Orte der Lebenskunst: Über die Zukunft christlicher Gemeinden

Gemeinden als Orte der Lebenskunst

Zur Zeitschrift ADREM der Remonstranten

Von Christian Modehn

Die Remonstranten in den Niederlanden, diese freisinnige christliche Kirche, nennt ihre Monatszeitschrift ADREM. Dieser Titel klingt lateinisch: „Zur Sache“, heißt die Übersetzung. Es geht um die „Sache“ spirituellen Lebens im Heute … auf der Basis einer vernünftigen, kritischen, „modernen“ Theologie. Aber der Titel ADREM unterstreicht auch, dass eben REMonstranten selbst zeigen, wie sie in der Gesellschaft, die säkular ist, pluralistisch, der Globalisierung ausgesetzt usw., ihr Leben gestalten.

Das neueste Heft, 26. Jahrgang, erschienen im Juli 2015, ist im besten Sinne ein vielstimmiges Plädoyer für eine Dimension der Lebenskunst: die Einübung der Stille, die Überwindung von Stress und Hektik.

Die Philosophin Joke H. Hermsen plädiert für das „langsame Leben“, die Unterbrechung, die Pause, die Stille. Nur dann können wir das menschliche Maß wieder finden, uns befreien aus Weiterlesen ⇘

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