Haiti: Der unerhörte Schrei nach Gerechtigkeit.

Über Arroganz und Gewalt der „hilfsbereiten“ Demokratien.

Ein Hinweis von Christian Modehn auf das wichtige Buch „Haitianische Renaissance“, geschrieben im April 2021.

1.
Es gibt seit mehr als einem Jahr eine absolute Fixierung auf Corona. Verständlich bei der Pandemie, aber verständlich bedeutet nicht immer auch verzeihlich. Denn die Menschen in Europa, können, falls sie den Titel Mit-Menschen ernst nehmen, niemals die Leiden vieler Millionen anderer Mit – Menschen im Süden dieser Welt ignorieren. Sie sind die Elenden und die vom Neoliberalismus Armgemachten. Wo herrscht der Neoliberalismus? Im Norden, bei uns…

2.
Haiti, das Land, in dem zum ersten Mal Sklaven der Kolonialmacht wirksam trotzten und 1804 den Titel Republik erlangten, wird immer wieder als trauriges Beispiel für die Unmöglichkeit von „Entwicklung“ erwähnt. Den herrschenden Führern dort ist das von Armut, Elend und Hunger bestimmte Leben ihrer „Mitbürger“, gelinde gesagt, egal. Und die westlichen Demokratien unterstützten und fördern diese politischen Führer, die man auch noch „Eliten“ nennt: Sie sind bestenfalls „Eliten der Korruption“. Der Westen predigt zwar „Demokratie und Menschenrechte für Haiti“, finanziert aber die korrupten Machthaber dort („demokratisch“ gewählt, oft bei einer Wahlbeteiligung von 22 Prozent … mit dem üblichen Wahlbetrug). Der jetzige Präsident Jovenel Moise klammert sich aus finanziellen Gründen absolut an die Macht, er ignoriert die Verfassung, regiert brutal, verfolgt die Opposition und so weiter. Die Unterdrückten aber stehen auf, bereiten den Aufstand vor, wird er zum demokratischen Umsturz führen? Viele hoffen es, wenige glauben es.
Jetzt, im April 2021, gibt es also Straßenschlachten. Steine und brennende Reifen blockieren die ohnehin kaum passierbaren Straßen, die Wut zumal der jungen Leute ist maßlos.

3.
In den üblichen Fernsehnachrichten „bei uns“ werden Bilder des Aufstandes in Port au Price, wenn überhaupt, maximal 40 Sekunden gezeigt. Keine Talkshow in Deutschland widmet sich dem Thema Haiti, dabei wäre dies doch mal eine provozierende „Abwechslung“, vielleicht sogar mit einer guten Einschaltquote, die doch am wichtigsten ist für alle Programm-Chefs… Aber: Haiti ist weit weg, behaupten die üblichen Ignoranten. Tatsache für die wenigen Wissenden ist: Europa und die USA sind tief in die innere politische, auch ökonomische Struktur Haitis eingedrungen, so dass diese erste Republik der Schwarzen wieder „unsere“ „europäische Kolonie“ geworden ist und uns insofern doch eigentlich sehr nahesteht.
Aber Deutschland, Europa, kapselt sich nationalistisch oder als EU ab. Es geht in der Öffentlichkeit hier fast nur um Corona, in Deutschland etwa auch noch um Laschet und Söder und Baerbock oder die Rückführung von Flüchtlingen nach Afghanistan und Syrien. Man könnte zugespitzt sagen: Die Deutschen beschäftigen sich, in den großen Medien sichtbar, fast nur noch mit sich selbst. Und um „ferne Länder“ nur dann, wenn wir mit ihnen jetzt unmittelbar ökonomisch, militärisch und außenpolitisch verbunden sind. Man könnte also von einem nationalistisch verengten Weltbild sprechen.

4.
Für Haiti heute gilt: „80 Prozent der Bevölkerung wollen nicht nur einen Regierungswechsel, sondern eine grundlegende Reform von Staat und Gesellschaft“, sagt der haitianische Wirtschaftsprofessor Alrich Nicolas von der Universität in Port-au-Prince den Lateinamerika Nachrichten. Und zahlreiche Schriftsteller stimmen dem zu, wie Evelyne Trouillot: Sie nennt die gegenwärtige Herrschaft verfassungsfeindlich, korrupt und repressiv, so in einem Beitrag für „Le Monde,“ Paris, am 15.3.2021. Dabei ist für die Gewalt der Einschüchterung durch das jeweilige Regime „gar nicht neu“, die Autorin erinnert an die blutige Herrschaft der Diktatoren Duvalier, Vater und Sohn. Die Arbeitslosenquote liegt bei70 Prozent und das Pro-Kopf Einkommen bei 350 US -Dollar. 3 Milliarden Dollar werden jährlich von Haitianern im Ausland (USA, Canada..) ins Land transferiert. Nur so können ihre Verwandten halbwegs noch überleben…Wo die 15 Milliarden Dollar Spenden und öffentlichen Gelder der USA und Europas nach dem Erdbeben 2010 geblieben sind, ist eher nur ahnbar: Die Gelder sind entweder gar nicht erst in Haiti angekommen oder sie flossen zurück zu den Reichen. Der hoch gepriesene geplante neue Freihafen Caracol wurde nie fertig gebaut, angeblich wurden dort 4 Milliarden Dollar verschleudert bzw. sie wanderten in die Taschen korrupter Bauunternehmer…

5.
Es gibt der ganzen Misere zum Trotz eine aktive Zivilgesellschaft vor allem junger HaitianerInnen, die für den Aufbau einer neuen demokratischen Regierung in einer demokratischen Kultur eintreten. Viel Beachtung verdient die hierzulande wohl völlig unbekannte Website junger AutorInnen und JournalistInnen, die regelmäßig auf https://ayibopost.com/ publizieren, in französischer Sprache und auch in der Landessprache Kreolisch. LINK
6.
Die reiche literarische Kraft und Energie haitianischer AutorInnen bietet (in deutscher Sprache) der Verlag „Litradukt Literaturverlag“ in Trier, der seit einigen Jahren zahlreiche Romane, auch Kriminalromane, und Essays aus Haiti hier zugänglich macht, zuletzt etwa den Roman „Sanfte Debakel“ von Yanik Lahens. Eine wunderbare Initiative! Es wird Zeit, dass die Literatur Haitis (wie die der anderen Länder der Karibik und Lateinamerikas) aus dem bescheidenen Nischendasein befreit wird. Das können nur LeserInnen tun, die sich bewusst für ihre große Horizonterweiterung einsetzen und die haitianischen AutorInnen lesen. Und auch fordern, dass Literatursendungen im Fernsehen, etwa das „Literarische Quartett“ oder „Druckfrisch“, nicht nur immer einen der neuesten Roman von Juli Zeh und so weiter vorstellen, sondern auch den von Yanik Lahens, Haiti. Dies ist ein Traum in einer europäischen Kultur, die sich so gern multikulturell nennt, aber extrem eurozentristisch bleibt.

7.
Jetzt bietet eine wichtige Neuerscheinung umfassenden Einblick in die politische, ökonomische und kulturelle Wirklichkeit Haitis heute. Das Buch von Katja Maurer und Andrea Pollmeier, beide mit Haiti und den engagierten HaitianerInnen bestens vertraut, hat den provozierenden Titel „Haitianische Renaissance“. Der Titel ist wohl auch als Ausdruck der Hoffnung zu verstehen: Es waren die Sklaven, die sich einst, um 1800, von der Kolonialherrschaft befreiten, und grundlegend Neues, eine Republik, anstrebten. Vielleicht gelingt es den Unterdrückten Haitianern heute, unter anderen Bedingungen, wirkliche Befreiung von den neuen Kolonialherren zu vollbringen und eine Demokratie zu gestalten. Dies wäre dann die „Renaissance Haitis“.
Dabei steht fest, dass die heutigen europäischen und amerikanischen Kolonialherren nach außen hin vorwiegend als Helfer, als paternalistische Gönner und Spender, auftreten, die alles besser wissen als das haitianische Volk selbst. Auch um dieses Problem geht es in den verschiedenen Beiträgen des Buches. Über die außerordentliche Spendenbereitschaft anlässlich des Erdbebens 2010 mit mindestens 300.000 Toten und die großspurigen Hilfsprogramme der USA und Frankreich etwa wird kritisch berichtet. Das übliche System der Hilfe verstärkt eher den politischen Status Quo, meinen di Autorinnen, sie sprechen offen über die fatale Wirkung der UN – Präsenz in Haiti, also das Einschleppen der Cholera durch UN Soldaten ins Land und die Vergewaltigungen durch UN – Soldaten. Beide Tatsachen wurden nicht umfassend aufgeklärt bzw. bestraft.

8.
Sehr erhellend wird für viele der Beitrag von Andrea Pollmeier sein über die Schuldenfalle, in die Haiti von Anfang an als freie Republik getrieben wurde. Haiti hatte sich gerade von Frankreich befreit, da musste die Republik Reparationszahlungen dem einstigen Kolonialherren leisten, sozusagen als Preis dafür, dass nicht mehr die kolonialistische Ausbeutung fortbestand (S. 26).
Wichtig auch die Hinweise des Schriftstellers Gary Victor etwa über den Rassismus unter den Bürgern Haitis: Es geht um den Rassismus zwischen der zur Herrschaft gelangten minoritären „Mischlingen“ und der überwältigenden Mehrheit der Schwarzen als den Nachfahren der Sklaven: Sie waren es ja, die einst die Rebellion gegen die Kolonialherren und ihre Kollaborateure (also die Kreolen) begannen.

9.
Leider knapp gehalten sind die Hinweise auf die geistig-psychisch zerstörerische Rolle der evangelikalen Bewegungen, die aus den USA nach Haiti importiert wurden: „Diese Evangelikalen machen aus Menschen Zombies…Es gibt für sie nur ein Ziel: Alles, was mehr oder weniger authentisch ist, sogar die Religion, zu zerstören…“ (S. 57). Falls es eine 2. Auflage gibt, was ich mir wünsche, dann bitte mehr Informationen zum Thema, auch zur Rolle der katholischen Kirche als einer Staatskirche…

10.
Ein politisches Dokument von besonderem Wert ist der Beitrag von Ricardo Seitenfus, dem brasilianischen Sonderbeauftragten für die Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS). Er arbeitete von 2009 bis 2011 in Haiti und erlebte unmittelbar, im Kreis von Diplomaten, wie die USA die Absetzung des Präsidenten René Préval zu betreiben versuchten. (137). Préval ist einer der wenigen demokratisch gesinnten und auch wohl handelnden Präsidenten Haitis gewesen. Sein Nachfolger wurde am 14. Mai 2011 Michel Martelly, bekannt u.a. als Sänger in Nachtclubs (https://de.wikipedia.org/wiki/Michel_Martelly). Seine Regierung war von Korruption bestimmt.
Ricardo Seitenfus hat wichtige Bücher über Haiti publiziert, zuletzt im Jahr 2020: „L echec de l aide internationale a Haiti“, ein ganz wichtiges Buch für alle, die Haiti besser verstehen wollen (https://www.amazon.com/-/de/dp/B089TRZNL6/ref=sr_1_1?dchild=1&qid=1619785558&refinements=p_27%3ARicardo+Seitenfus&s=books&sr=1-1&asin=B089TRZNL6&revisionId=&format=4&depth=1)

11.
Die seit Anbeginn belasteten Beziehungen zwischen Haiti und der Dominikanischen Republik werden in „Haitianische Renaissance“ angesprochen. Angénor Brutus, Vorsitzender einer Organisation zur Unterstützung von Haitianern, die aus der Dominikanischen Republik vertrieben wurden, berichtet von den tiefsitzenden Vorurteile der Dominikaner gegenüber Haiti…Von rassistischen Gesetzen dort. Aber es gab auch eine große Hilfsbereitschaft der dominikanischen Bevölkerung zur Linderung der Erdbebenkatastrophe in Haiti 2010.Tatsache ist: Nach 2011 begannen dominikanische Politiker die Haitianer in der Dominikanischen Republik zu diskriminieren, zu verfolgen und außer Landes zu weisen. „Der Rassismus gegen Haitianer ist eher Teil des Machtkampfes unter dominikanischen Politikern. Darin ist er aber eine wirksame Waffe“ (156):

12.
Interessant und für viele LeserInnen sicher neu ist der Hinweis auf das Engagement des „US – American Jewish World Service“ auch in Haiti. Von einem weltweit agierenden progressiven jüdischen Hilfswerk EXPLIZIT für Nicht – Juden ist hierzulande eher wenig bekannt. Um so besser, dass man davon erfährt! Immerhin kommen einige Millionen Dollar Spenden jährlich zusammen…Der haitianische Aktivist Nixon Boumba berichtet über seine politische Zusammenarbeit mit dem amerikanisch – jüdischen Hilfswerk an der Basis (186) und nennt einmal mehr grundlegende Tatsachen: „Die Menschen in Haiti gehen auf die Straße, weil es keine Option für sie ist, so wie jetzt weiterzuleben (188). „Sieben Millionen Menschen in Haiti gehen keiner regelmäßigen Tätigkeit nach… Es gibt keine Bildung…“ (189). Die übliche hilfsbereite Arbeit der NGOs habe in Haiti keine Aussicht, den erforderlichen strukturellen Wandel zu bewirken. Jeglicher Paternalismus müssen überwunden werden.

13.
Schlimmes Beispiel für internationale, aber letztlich höchst unvollkommene „Hilfe“ nach dem Erdbeben ist die neu errichtete, aus dem Boden gestampfte Stadt „Canaan“ bei Port au Prince, einer Ansiedlung für 300.000 Menschen, die in Hütten und Häuschen untergebracht sind. Jegliche Infrastruktur fehlt, das Wasser ist knapp, die Privatschulen teuer, das dortige Gesundheitszentrum praktisch ohne Arzt usw… (Siehe auch: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/ueber-leichen-gehen-haiti-zehn-jahre-nach-dem-beben-li.4583). Canaan wird die „hässliche große Narbe des Erdbebens“ genannt. Nur in den biblischen Mythen von „Canaan“ floss Milch und Honig, im realen haitianischen Canaan herrschen Not und Elend. (vgl. auch: https://www.welthungerhilfe.de/welternaehrung/rubriken/krisen-humanitaere-hilfe/haiti-zehn-jahre-nach-dem-beben/canaan

14.
Es gibt in ganz Haiti für 11 Millionen Einwohner 3.354 Ärzte (Quelle:https://lenouvelliste.com/article/196624/3-354-medecins-pour-desservir-plus-de-10-millions-dhabitants).
Kuba, das so „furchtbare“ sozialistische Land, hat ebenfalls 11 Millionen Einwohner und verfügt über 95.000 (!) ÄrztInnen; Deutschland mit 83 Millionen Einwohnern hat 402.000 ÄrztInnen.

15.
Über die Bedeutung der vielfältigen religiösen Traditionen wird in dem Buch „Haitianische Renaissance“ leider viel zu wenig berichtet. Welche Rolle spielte Voodoo als Impuls für den Sklavenaufstand? Auch über die Bedeutung des Voodoo heute hätte man gern viel mehr erfahren. Und man auch hätte gern gewusst, ob wenigstens einige der offenbar in den USA oder in Canada erfolgreichen Haitianer bereit sind, tatsächlich in ihr Land zurückzukehren, nicht um Präsidenten zu werden, sondern um den demokratischen „Aufbau“ zu unterstützen.

16.
Haiti, das Land der Elenden UND der Menschen des Widerstandes, bleibt eine ständige Herausforderung, auch für Europa. Gewöhnen wir uns an die Misere dort? Solidarisieren wir uns mit den Menschen des demokratischen Widerstandes dort? Haben wir die Energie, uns für unsere Mitmenschen, etwa in Haiti, genauso zu interessieren wie für die Themen und Leute, die uns hier ständig auf dem Bildschirm begegnen und uns einreden, sie seien wichtig. Wir brauchen die Weitung unseres Blickes, unseres Interesses, unserer Solidarität. Das muss nicht immer Haiti sein, das kann auch Honduras, Jemen, Sudan, Niger, Philippinen und so weiter sein

17.
Zum Schluss ein längeres Zitat von einer der Herausgeberinnen des Buches „Haitianische Renaissance“: Katja Maurer schreibt in „Medico International“ im Jahr 2020 (Quelle: https://www.medico.de/blog/reparatur-durch-reparationen-17821)
„Über hundert Jahre lang zahlten die Haitianer*innen an Frankreich Entschädigungen für den entgangenen Gewinn aus Sklavenarbeit. Dem französischen Ökonomen Thomas Piketty zufolge etwa 30 Milliarden Euro, exklusive der bezahlten Zinsen. Piketty forderte daher kürzlich, dass die unrechtmäßig verlangten Gelder an Haiti zurückgezahlt werden. Auch von den Hereros aus Namibia gibt es an Deutschland gerichtete Entschädigungsforderungen, die bislang brüsk abgewiesen wurden. Es ist an der Zeit, eine Kampagne für Entschädigungen und Rückgabe etwa der geraubten Kulturgüter ins Leben zu rufen. Den Erklärungen gegen Rassismus müssen Taten folgen, sollen sie nicht nur wohlfeil sein. Europa muss Verantwortung für seine koloniale Geschichte übernehmen. Das hätte tiefgreifende Folgen, nicht zuletzt für unsere imperiale Lebensweise. Aber es wäre eine Reparatur, die auch uns selbst heilt“.
Katja Maurer, Andrea Pollmeier, „Haitianische Renaissance. Der lange Kampf um postkoloniale Emanzipation“. Brandes und Apsel Verlag, 2020, 226 Seiten, 19,80 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Der Tee-Weg: Eine humanistische Spiritualität?

Ein Essay von Christian Modehn, veröffentlicht am 7.4.2009. Der Beitrag wurde zuerst in der Zeitschrift PUBLIK FORUM publiziert, wegen vielfacher Nachfragen wurde er erneut publiziert.

„Der Tee-Weg gründet auf der Verehrung des Einfachen und Schönen inmitten des schmutzigen Alltags. Er umschließt Reinheit, Harmonie und das Geheimnis des Mitleidens. Die Tee-Zeremonie ist eine Verehrung des Unvollkommenen, sie ist ein zarter Versuch, etwas Mögliches zu vollenden in diesem Unmöglichen, das wir Leben nennen“. Kakuzo Okakura, einer der hervorragenden Tee-Meister Japans, beschreibt einen „Weg“, der nach japanischer Auffassung zu Ausgeglichenheit, Weiterlesen ⇘

Macron und die Muslime: Was er schon 2016 sagte und was heute (Februar 2021) gelten soll.

Ein Hinweis von Christian Modehn

Am 16. Februar 2021 soll in der „Assemblée Nationale“ in Paris ein neues Gesetz verabschiedet werden: Es soll den „Separatimus“, wie Staatspräsident Macron sagt, also den „Sonderweg“ von Muslimen in Frankreichs Staat und Gesellschaft beenden. Vorausgesetzt wird von ihm – nach den schlimmen Erfahrungen islamistischen Terrors in Frankreich – die These: Der Islamismus ignoriert die für alle Bewohner Frankreichs geltenden republikanischen Gesetze einer „Republique Laique“. Manche Beobachter meinen, damit werde auch „der“ Islam unter den Verdacht „antirepublikanischer“ Gesinnung und Haltung gestellt.

Die jetzt von Macrons Regierungspartei (LREM) vorgeschlagenen Gesetze erinnern stark an Macrons Ausführungen schon im Jahr 2016 unter dem hübschen Titel „Revolution“. Es ist interessant, die Identitäten und Verschiedenheiten, damals und heute, in der Auffassung Macrons vom Islam und dem IS herauszustellen. Die Kontinuität der politischen Auffassung ist allerdings dominant!

Beachten auch meine Hinweise vom 8.5. 2017 über Macrons Religiosität, seine Spiritualität sowie seine Verbindungen mit der Philosophie, darin werden auch seine Einschätzungen zur „laicité“ deutlich. LINK:

1.
Das erste weit verbreitete Buch von Emmanuel Macron hatte den typisch französischen Titel, möchte man meinen, nämlich “Revolution“. Es wurde veröffentlicht, als sich Macron im November 2016 als Präsidentschaftskandidat präsentierte. Der Untertitel dieses „Revolutions“-Buches war: „Reconcilier la France“: „Frankreich versöhnen“.
2.
Von den 16 Kapiteln ist im Augenblick besonders wichtig das Kapitel 16, wegen der aktuellen heftigen Debatten und der bevorstehenden parlamentarischen Abstimmungen zur Rolle des Islams in Frankreich. Das Kapitel trägt den eher unscheinbaren, keineswegs auf den Islam in Frankreich sofort verweisenden Titel „Vouloir la France“, „Frankreich wollen“, gemeint ist wohl „Frankreich bejahen“ (S. 167 – 1799, hier zitiert nach der Taschenbuch Ausgabe XO Editions, 2017, zum Preis von 5 Euro!).
Es lohnt sich, in aller Kürze einige zentrale Aussagen zu unterstreichen und zusammenzufassen, gerade im Blick auf die aktuellen Debatten im Februar 2021.
Gleich am Anfang betont Macron: „Ja, Frankreich ist ein Wille“ (167). Gemeint: Ein Wille, der den Menschen zur Zustimmung führen sollte.
Aber gleich danach spricht Macron von dem drohenden „Bürgerkrieg“ (168). Von jenen geführt, die „gegen die Gewissensfreiheit sind, gegen die gemeinsame Kultur und gegen eine fordernde und wohlwollende Nation“ sind (ebd.) Der Feind wird DAESH genannt, das ist die Abkürzung für den Islamischen Staat.
Dann spricht Macron ziemlich unvermittelt zum ersten Mal von der sozialen Spaltung (offenbar in den Banlieues sichtbar), die das Feuer legt, das auf Identitäten allen Wert legt. Macron spricht dann von Massenarbeitslosigkeit und wahrhaftigen Gettos „in unseren Städten“ (169). Gemeint sind, immer noch nicht explizit genannt, muslimische Bewohner bzw. muslimische Franzosen in den Banlieues.
Dann folgt wieder unvermittelt ein Absatz über die viel und ständig besprochene laicité, um die es ja jetzt extrem geht, Mitte Februar 2021. Da sagt Macron: „Die Laicité ist eine Freiheit, bevor sie ein Verbot –„interdit“ – ist“. Also, hier schon hoch interessant: Laicité ist eben auch ein Verbot! (S. 169). Und dann folgt: Es gibt eine Unnachgiebigkeit hinsichtlich des Respekts der Gesetze der Republik, und diese Unnachgiebigkeit ist absolut. (S. 170): „In Frankreich gibt es Dinge, die nicht verhandelbar sind“.
Dann folgt eine ziemliche Verfälschung der Geschichte Frankreichs, bezogen auf die Geschichte der Juden: „Wir haben es verstanden, anderen Religionen ihren Platz in der Republik zu geben. Das Judentum hat sich in Frankreich entwickelt im Respekt und der Liebe der Republik. Ein schönes Beispiel dafür, was unsere Geschichte und unsere politischen Entscheidungen zu tun wussten“ (S. 179). Was für eine gewagte These: Da wird die Judenverfolgung unter Pétain unterschlagen, der Faschismus, der damals herrschte, von der Dreyfuss Affäre der Republik ganz zu schweigen.
Und dann folgt wieder die unvermittelte Ermahnung: Bitte nicht in den Bürgerkrieg eintreten, in den uns IS treiben will. Aber: Es ist eben eine Kriegsdrohung. (Mit Kriegen haben bekanntlich immer schwache Regierungen argumentiert, die in einem blinden Nationalismus befangen waren, das am Rande).

3.
Auf Seite 171 kommt Macron endlich zur Sache und er nennt den Hauptfeind, „den radikalen Islam“ (S. 171). Und interessanterweise sagt er in dem Text von 2016: Es geht „nicht darum, neue Texte und neue Gesetze vorzuschlagen“, „wir haben diese“. (S. 171). Jetzt, Mitte Februar 2021, geschieht genau das Gegenteil.
Dann kommt Macron wieder auf die prekären, aber von ihm so nicht genannten Lebensverhältnisse, vor allem der muslimischen Bevölkerung zurück: “Wir müssen unsere Wohnviertel (sic, nos quartiers) neu gestalten und den Bewohnern Möglichkeiten der Moblität und der Würde zurückgeben“, (172) Also: Fehler wurden gemacht, die Elendsquartiere sollten würdiger gestaltet werden. Hier klingt an, dass das Problem Islam und Islamismus ein soziales Problem ist und nicht (nur) ein religiöses!
Und dann kommt der „Knaller“ für einen Politiker eines Staates, der allen Wert darauf legt, sich als Staat gerade nicht in die inneren Angelegenheiten der Religionen einzumischen. Macron hingegen sagt: „Wir müssen dem Islam helfen, seinen Platz in der Republik aufzubauen“. (173)
Es komme alles darauf an, dass der Islam dann „die Werte Frankreichs will“! Diese sind nicht verhandelbar, niemals“ (178) “Frankreich ist groß, wenn es seine Freiheiten denen bietet, die sich Frankreich anschließen wollen“. (178) Aber nur diesen Willigen.
Zuvor hatte Macron noch davon gesprochen, dass wahre Flüchtlinge einen Platz in Frankreich finden können. “Aber alle Personen, die nicht die Berufung (sic) haben (qui n ont pas la vocation..), in Frankreich zu bleiben, weil sie kein Recht auf Asyl haben, müssen wieder zur Grenze zurückgeführt werden“ (177).

4.
Dieses Kapitel über den Islam zeigt: Für Macron ist klar: Islam kann zum Islamismus werden, diesem Islamismus muss der Krieg erklärt werden. Aber über die vielen anderen Muslime spricht Macron nicht. Er erzeugt damit eher Angst vor „dem“ Islam. Wer als Muslim in Frankreich leben will, muss sich anpassen, da ist Macron knallhart. Und paternalistisch hilft der französische Staat, obwohl laique, dass die Muslime sich mit ihren verschiedenen Gruppen bitte schön zu einem einzigen Dachverband vereinigen, damit der Staat besser mit ihnen verhandeln kann und sie besser überschaut.
Insgesamt aber zeigt Macron hier ein Frankreich, das wie ein starres und fixes Werte-System erscheint; das sich nicht dialogbereit und lernbereit zeigt. Warum eigentlich können nicht kluge und liberale Muslime etwas Vernünftiges dem französischen Staat und seinen Bürgern sagen? Macron ist ein Euro-Zentriker, und obwohl nicht konfessioneller Christ, ein Anhänger eines christlichen Frankreich, bei allem Respekt vor den Franzosen, die nicht religiös sind.
Mit anderen Worten: Dieses Kapitel zeigt einen kriegerischen (wie oft ist von Krieg in dem Kapitel die Rede!) und einen ziemlich bornierten und eher traditionellen Geist.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Kamala Harris – die „multireligiöse“ Vizepräsidentin der USA

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Präsident Jo Biden ist gläubiger und praktizierender Katholik, das hat sich allmählich herumgesprochen. Einige katholische Bischöfe der USA haben aber Jo Biden noch in letzter Zeit sein „Katholischsein“ abgesprochen und davor gewarnt, dass Katholiken ihn wählen. Mit „Erfolg“:62 Prozent der Katholiken haben dann als gehorsame Gläubige tatsächlich TRUMP gewählt. Wollten die Bischöfe also behaupten: Jo Biden sei ein verkappter Atheist? Von wegen. Er hat nur die Ursünde für viele konservative und reaktionäre Katholiken begangen, und eben nicht die „Pro Life Bewegung“ zu seinem obersten Gott erklärt, wie es eben die genannten Kreise, auch evangelikaler Prägung, vor allem tun. Für sie ist sozusagen der Kampf für Pro Life der militante Glaubenskampf seit Jahren. Und die Grundsätze von „Pro Life“ sind das oberste Glaubensbekenntnis.
Jo Biden ist hingegen ein gläubiger Katholik, für den der Kampf um die Demokratie und Menschenrechte und Menschenwürde für alle an oberster Stelle steht. Das sind ja ohnehin die einzig möglichen humanen und demokratischen Positionen! Mit religiösen Prinzipien und Sprüchen aus heiligen Schriften lässt sich bekanntlich kein demokratischer Staat machen.
2.
Und was bedeutet der religiöse Glaube der Vizepräsidentin Kamala Harris? Diese Frage zu stellen ist in den USA normal, obwohl offiziell Kirchen und Staat getrennt sind. Aber im Unterschied zur radikaleren Laizität in Frankreich: Dort ist es eher ungehörig wissen zu wollen, was glaubt dieser oder jene Mensch, Nachbar, Kollege, Politiker, welcher Konfession gehört er an, geht er zur Kirche, zur Synagoge, zur Moschee etc…? So etwas darf man und will man in Frankreich, durch die Verfassung festgelegt, gar nicht wissen, darum gibt es auch keine präzise Religionsstatistik in Frankreich!
3.
Und das ist nun wirklich hoch interessant für alle religionswissenschaftlich oder auch theologisch Interessierten: Eine multireligiös lebende höchstrangige Politikerin in den USA: Diese Situation ist kein Wunschtraum mehr, sondern Realität: Was Prof. Perry Schmidt-Leukel in Deutschland oder die Theologin Manuela Kalsky in den Niederlanden (Amsterdam) seit Jahren fordern und selbst leben: Die multireligiös Religiöse: Das ist Wirklichkeit – bei Kamala Harris, der US Vizepräsidentin. Dieser Aspekt ist natürlich nur einer von vielen Aspekten, die wichtig sind, um Kamala Harris zu verstehen.
4.
Die Mutter von Kamala Harris , Shyamala Gopalan Harris, gestorben 2009, stammt aus Indien (Chennai, Madras), sie war eine gläubige Frau gemäß hinduistischer Spiritualität – auch als sie in den USA
lebte…und für die Menschenrechte kämpfte. Während ihrer Reisen in Indien nahm Kamala Harris an Riten in hinduistischen Tempeln teil.
Der Vater Donald Harris stammt aus Jamaica und war mit der Baptistenkirche verbunden. Kamala Harris Ehemann Dougles Emhoff ist mit jüdischen Gemeinden verbunden, und sie bekennt „mit dem ich die Traditionen und Feiern des Judentums teile“, berichtet die Tageszeitung La Croix, Paris.
In San Francisco ist Kamala Harris eng verbunden mit der Bapistengemeinde von Pastor Amos C. Brown. Er sagte über Kamala Harris in der Zeitschrift „Sojourners“: „In meiner Sicht verkörpert sie einen Satz aus dem Jakobus-Brief des Neuen Testaments, dort heißt es: „Ein Glaube ohne Taten und Werke ist tot“ (Jak. 2,26). Ein erstaunliches, sehr treffendes Wort eines berühmten US-Theologen und Kämpfers für die Menschenrechte, ist doch der Jakobus Brief von Martin Luther aufs heftigste kritisiert und abgewiesen worden, gerade weil im Jakobus Brief das TUN so betont wird als Weg der Erlösung. Dieser irrigen Interpretation Luthers folgen leiden heute immer noch viele Protestanten, aber dies ist ein anderes Thema. Kamala Harris bestätigt die Aussage ihres Pastors: „Ich habe schon in der Jugend in der Baptistenkirche von Oakland damals gelernt: Den Glauben haben bedeutet: Er ist eine Aktion. Wir müssen ihn leben und in Taten verleiblichen“. Im Pressedienst „Protestinte“ sagte sie: „Der Gott, an den ich glaube, ist der Gott der Liebe. Er will, dass wir den anderen dienen und im Namen derer sprechen, die weder reich noch mächtig sind. Dabei ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter ganz zentral für mich“. Kamala Harris geht soweit, sich öffentlich auch zum privaten Gebet zu bekennen, „um Kraft und Schutz zu erbitten, gute Entscheidungen zu treffen“…
5.
Kamala Harris lebt außerhalb rigider religiöser Identitäten. Dies kann eine gute Voraussetzung sein, um ein Land, das ideologische Barrieren und religiöse Eindeutigkeiten über alles pflegt, etwas mehr zu versöhnen, d.h. zur Vernunft zu bringen, Vernunft ist bekanntlich etwas den Menschen Gemeinsames und Allgemeines. Nur sie, verbunden mit Empathie, kann eine Demokratie aufbauen. Und es ist keine Frage: Wer sich in diesem durch Mr. Trump verwüsteten Land verändern muss, sind zu allererst die meisten Republikaner. Ihre führenden Politiker und Parteimitglieder haben 4 Jahre zugesehen, offenbar aus eigenem finanziellen Interesse, wie dieser korrupte Mann, Mr.Trump, die demokratischen Werte zerstörte und die Lügen zur allgemeinen Unkultur zu etablieren suchte. Die Versöhnung der Menschen in den USA wird heftig werden. Auch die Kirchen sind innerlich politisch zerrissen. Wo sind die neutralen Vermittler, die Mediatoren?

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de
Dieser Hinweis verdankt einige Information der Tageszeitung La Croix, vom 9.11.2020, dort der Beitrag von Claire Lesegretain.

Der erste Philosoph aus Afrika in Deutschland: Vergessen, jetzt wieder entdeckt

Über Anton-Wilhelm AMO
Ein Hinweis von Christian Modehn

Endlich wird die „Mohrenstr.“ in Berlin Mitte umbenannt. Sie heißt nun „Anton Wilhelm Amo Straße“ und erinnert an den ersten Philosophen in Deutschland, der als Sklave aus Afrika stammte. Da haben die Berliner einiges dazuzulernen…
Diese Umbenennung ist Teil des äußerst langwierigen und mühsamen Prozesses, in der öffentlichen Erinnerung sich zu befreien von rassistisch und kolonialistisch und militaristisch bestimmten (Straßen-) Namen. Da gibt es noch viel zu tun, zu kämpfen möchte man fast sagen. Denn es muss immer mit Widerstand aus „nostalgisch – sehr konservativen, oft sich christlich nennenden“ Kreisen gerechnet werden, wenn etwa auch die vielen Hindenburgstraßen in Deutschland die Namen von Menschen erhalten sollen, die für die Menschlichkeit und die Menschenrechte tatsächlich Wegweisendes getan haben.

Eines Tages, und zwar bald, hoffe ich hier berichten zu können, dass die Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche in Berlin, oft nur noch schamhaft „KWG“ oder „Gedächtniskirche“ genannt wegen des allseits bekannten kolonialistischen protestantischen Kaisers umbenannt wurde. Ganz nebenbei: Alle meine Korrespondenzen als Journalist mit entsprechenden verantwortlichen evangelischen Bürokratien in Berlin blieben unbeantwortet, was nicht nur unfreundlich, sondern auch unüblich ist in journalistischem Zusammenhang…. LINK: https://religionsphilosophischer-salon.de/12801_die-kaiser-wilhelm-gedaechtniskirche-in-berlin-wird-umbenannt_denkbar

Es folgt ein Hinweis zu Anton Wilhelm Amo, der schon im Juni 2020 publiziert wurde:

In Braunschweig, im dortigen „Kunstverein“, wird noch bis zum 13.9.2020 eine Ausstellung zu Ehren des Philosophen Anton Wilhelm Amo gezeigt. 16 künstlerische Positionen setzen sich mit dem Denken und dem Werk dieses nun wirklich sehr ungewöhnlichen Philosophen auseinander. Amo ist, soweit wir wissen, der einzige schwarze, aus Afrika stammende Philosoph, der 40 Jahre im Deutschland des 18. Jahrhunderts lebte: Anton Wilhelm Amo ist sein Name.

Er wurde 1700 in Axim, Westafrika, dem heutigen Ghana, als Sohn eines hochrangigen Häuptlings geboren. Dann als Sklave über Holland nach Deutschland verbracht. Von Herzog Anton Ulrich von Braunschweig – Wolfenbüttel als „Diener“ („Hofmohr“) 1707 aufgenommen und dann gefördert, etwa an der Universität Helmstedt. Amo wurde lutherisch getauft auf den Namen Anton Wilhelm.

Der Hochbegabte war schließlich viele Jahre Dozent für Philosophie in Wittenberg, Halle und Jena. Er war geprägt vom Geist des Rationalismus (inspiriert durch Christian Wolff), studierte die antiken Philosophen, die Stoa, und setzte sich gleichermaßen für eine die Leiblichkeit des Menschen, das „Materielle“, ins Zentrum stellende Erkenntnislehre ein. „Der Mensch empfindet die materiellen Dinge nicht von seiner Seele, sondern von seinem lebenden organischen Körper aus.“

Wichtig ist auch seine Schrift „Traktat von der Kunst, nüchtern und sorgfältig zu philosophieren“: Er wendet sich gegen die Bindungen an Autoritäten und Traditionen, zentral ist für ihn die Debatte, der Dialog. Ein neues, humaneres Verhältnis unter den Menschen sollte dadurch möglich werden.
Seine erste Publikation, 1729, galt den „Rechtstellung der Mohren in Europa“. Da spricht ein junger Philosoph, der am eigenen Leib erfahren hatte, was Sklaverei bedeutet. Dieser wichtige Text wurde damals viel diskutiert, aber leider ist er verschollen, nur aus zeitgenössischen Stellungnahmen kann er etwas rekonstruiert werden. Deutlich wird daraus: Sklaverei ist für Amo eine illegale Praxis, so wollte er es in juristischer Terminologie sagen. Das zu zeigen, war damals ungewöhnlich und gefährlich.
Amo hat keineswegs eine eigenständige „afrikanische Philosophie“ hier in Deutschland präsentiert, er war ja als Kind nach Europa gekommen. Er beteiligte sich qualifiziert an den europäischen philosophischen Debatten und verteidigte dabei die Grundideen der Aufklärung.

Im Laufe der Jahre als Philosoph und Universitätsdozent in Deutschland wurde AMO zwar für seine Kompetenz geschätzt, nicht aber als Mensch respektiert oder gar geliebt. Knapp 40 Jahre lebte er in Deutschland. Dann kehrte er – 1747/48- resigniert über deutsche Zustände und Umgangsformen mit den „Anderen“ ,den Fremden, nach Westafrika, Ghana, zurück. Dort lebte er als Gelehrter und Weiser zurückgezogen, 1759 ist er gestorben. Schade, dass wir von dieser Lebensphase, wieder in Afrika mit Erinnerungen an Deutschland, nichts wissen!

AMO wurde zwar in Deutschland nicht mehr ausführlich gewürdigt, Immanuel Kant erwähnte ihn nicht; wichtiger ist, dass sein Denken den Abbé Grégoire, den führenden demokratischen und antiklerikalen Vorkämpfer innerhalb der Französischen Revolution, bewegte und bestärkte. In seiner Schrift von 1808 geißelte Abbé Grégoire die Sklaverei mit der These: “Die wahren Barbaren sind wir Europäer“. Ausdrücklich erwähnt er, der progressive katholische Priester, den Philosophen AMO.

Im 20. Jahthundert hat sich der Gründer des Staates Ghana, Kwame Nkrumah, auf Amo berufen. Und auch die DDR würdigte AMO auf ihre Weise.

Man darf nicht vergessen, dass sogar Kant mit seiner „Theorie der Rassen“ grundlegende Irrtümer über die „Anderen“, die Afrikaner, aussprach und zeigte, dass er offenbar von dem Philosophen Amo nie etwas gehört hatte. Auch Hegel hat in seiner Philosophie der Weltgeschichte Vorurteile über Afrika und die Afrikaner verbreitet…Diese „Meisterdenker“ haben das Bild von Afrika bei vielen Bildungsbürgern mit-bestimmt.

PS.1.: Es gibt in Berlin den unermüdlichen Versuch „schwarzer Deutscher“ und deren FreunDinnen, auf den Straßennamen Mohrenstr. in Berlin Mitte zu verzichten. Und dieser Straße (und dem U Bahnhof) den Namen Anton-W-Amo Str. zu geben. Für weitere Informationen: http://isdonline.de/

PS.2.:Ich habe kürzlich auf einen äthiopischen Philosophen ganz ungewöhnlicher Art hingewiesen, auf Zär a Yacob,der zu Beginn des 17. Jahrhunderts (!) in seiner Heimat Äthiopien eine sehr auf die Vernunft setzende Gotteserkenntnis entwickelte. Ein kirchenkritischer, mutiger Denker aus Afrika. Und ein sehr wichtiges, aktuelles, leider kaum beachtetes Buch. Über dieses Buch sollten philosophische Seminare der Universitäten usw. Seminare veranstalten usw.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Freund der Unterdrückten, ein Mystiker, ein Bischof. Über den ungewöhnlichen Pedro Casaldáliga

Ein Hinweis von Christian Modehn
Unter Position 10 dieses Beitrags werden einige Gedichte von Pedro Casaldáliga vorgestellt.

Casaldáligas Lebens-Motto, seine Maxime: „Nichts besitzen, nichts mit sich tragen, nichts verlangen, nichts verschweigen und, vor allem, nichts töten“.

1.
Warum erinnern so wenige Medien, in Deutschland fast keine, an Pedro Casaldaliga? Verstorben am 8. August 2020 in Brasilien? An einen Mann, der zugleich sein ganzes Leben für Unterdrückte, für Arme, einsetzte und es deswegen immer wieder der Gewalt der Herrschenden aussetzte… und ZUGLEICH ein Mystiker, ein Poet, war? Und er war, man glaubt es kaum, auch noch Bischof der römisch-katholischen Kirche! Warum wird dieser Bischof/Menschenrechtler/Poet/Mystiker nicht erwähnt in den frommen Worten der vielen Bischöfe heute? Sie schwadronieren lieber zum hundertsten Male über die „Himmelfahrt Mariens“ am 15. August und ähnliche Geschichten bzw. Wunder. Dabei ist es ein großes Wunder ganz realer Art, dass es einen Mann wie Pedro Casaldaliga gab.
Meine Vermutung: Es ist diesen Exzellenzen und Eminenzen, so nennen sich ja die Oberhirten, peinlich, sich an ihren Mitbruder Pedro Casaldaliga zu erinnern, der als Bischofspalast eine Hütte hatte, weil er so leben wollte, wie seine Mitmenschen in der ärmsten Region, der Hungerregion, Brasiliens.
2.
Hinzukommt: Corona macht Deutsche, macht Europäer, noch mehr zu Deutschen, noch mehr zu Europäern. Corona fixiert noch mehr als bisher auf Deutschland, auf Europa: Wenn die wirkliche globale Welt heute in den „großen Medien“ „vorkommt“, dann eher als Corona-Statistik in Indien, Brasilien oder Peru. Ist ja verständlich, aber darf nicht fast alles sein.
Auch wegen dieses Corona-bedingten Nationalismus haben „wir“ jetzt den Tod eines Menschen übersehen, der von denen, die ihn in Lateinamerika kannten, und das sind sehr viele, sehr zu recht als Prophet bezeichnet wurde. Als Prophet der Menschenfreundlichkeit, der Solidarität; als Prophet, der nicht etwa Zukunft voraussagt, sondern der, wie die Propheten der hebräischen Bibel, sein prophetisches Amt als kritische Anklage versteht. Und entsprechend auch lebt! Und zwar so, dass er selbst sich auf die Seite der Rechtlosen gestellt hat. Entschieden, radikal, politisch präzise.
3.
Die Rede muss also von Pedro Casaldáliga sein. Er war ein Mensch, ich möchte sagen „hingegeben“ für die Armen, auch für die indigenen Völker in Brasilien. Wo wagt man sonst noch dieses so menschliche Wort der Hingabe zu verwenden? Bestensfalls noch im erotischen Zusammenhang des Privaten. Casaldaliga war aber politisch hingegeben den anderen, weil er sie liebte, diese Vergessenen, diese für minderwertig Erklärten durch die politischen wie ökonomischen Gewalttäter, die als Verbrecher einfach so diese Armen auch abknallen können, wenn es um Landraub geht in Brasilien oder Rodungen des Waldes oder Tötung der Indigenen.
4.
Leider sind Bücher in deutscher Sprache von und über Pedro Casaldaliga nur noch antiquarisch zu haben, für ein paar Groschen möchte man sagen, werden sie verramscht, so, als wären ihr Inhalt, passé, unbrauchbar. Kein Verlag eines dieser vor Geld förmlich stinkenden Klöster in Deutschland oder Österreich bringt Bücher von und über Casaldaliga neu und aktualisiert heraus. Man veröffentlicht lieber zum hundertsten Male Bücher und Broschüren über Engel, nenen wir überspitzt einige künftige Titel: „Wie Engel den Schlaf schützen“ oder „Wie Engel helfen, das Privateigentum zu bewahren“. Mit Engeln verdienen Klöster sehr viel Geld, das weiß Anselm Grün, mit Casaldaliga Büchern oder Befreiungstheologie wohl nicht. Also: Lieber erfolgreich über Esoterik schreiben als politisch-theologische Analysen bieten. Gefühl contra Aufklärung, das ist auch „typisch“ katholisch.
5.
Pedro Casaldáliga, der Katalane, geboren 1928, kam 1968 als Priester des „Claretiner – Ordens“ nach Brasilien, in die entlegene und ärmste Gegend des Landes, nach Mato Grosso am Amazonas. Weil der Vatikan eine Art Struktur dort brauchte, wurde er 1971 zum Bischof einer „Prälatur“, also einer Kirchenprovinz schlichter Art, ernannt. Sein „Bischofssitz“ wurde der Ort Sao Felix de Araguaia.
Seinen „Bischofspalast“ hätten sich seine begüterten Kollegen in den reichen Städten Brasiliens ansehen sollen oder auch einmal eine Delegation aus Köln oder München: Das Palais war schlicht und einfach eine Hütte. Und die Tür stand offen, natürlich waren es die Armen der Umgebung, die da kamen und Rat suchten und Hilfe fanden. Der Bischof, eine „Exzellenz“ (das bedeutet ja „hervorragend“) als Mensch, nicht als Kirchenchef, empfing (immer schlank, fast erbärmlich dünn) alle in Jeans, T-Shirt und oft nur Plastiklatschen.
6.
Bischof Casaldaliga wollte nicht mit seiner Armut kokettieren, er meinte es ernst: Er war einer wie die Leute seiner Gegend. Er kämpfte mit den landlosen Bauern um die gerechte Verteilung der Ländereien gegen die Latifundien-Besitzer, die multinationalen Gesellschaften, die Beherrscher des Bergbaus, die Holz – Spekulanten usw. Und: Casaldáliga unterstützte die indigenen, „indianischen“ Völker in der Nachbarschaft, er förderte die Bildung, die Kultur, kümmerte sich um die Gesundheit der Armen. Für ihn konnte Predigt nur möglich sein, wenn sie zugleich für ein würdevolles materielles Leben sorgte. Die praktische und deswegen immer politische Sorge um die Überwindung des Hungers IST Predigt, ist Realisierung des Evangeliums. Insofern war Casaldáliga ein leiblicher, man möchte sagen „materialistisch“ engagierter „Seelsorger“. Dieses abstrakte Wort hat er nie verwendet. Er war kein „Seelsorger“, sondern schlicht Bruder seiner Mitmenschen dort, in der entlegenen, aber ausgebeuteten Ecke Brasiliens. Wegen dieser „materialistischen“ Seelsorge wurde er als Befreiungstheologe selbstverständlich von vielen sich nur „vergeistigt“ fühlenden Katholiken und Bischöfen verachtet und angeklagt; und von der Militärdiktatur verfolgt, die Brasilien terrorisierte und beherrschte, von 1964 – 1985. Seelsorger klassischer Art hat das Regime nie verfolgt, sondern begünstigt, man denke unter anderen klerikalen Kollborateuren etwa an den reaktionären Erzbischof Geraldo Sigaud svd von Dimantina und seine reaktionäre „Bewegung zur Verteidigung der Tradition, der Familie und des Privateigentums“…Die Diktatoren wollten Casaldáliga des Landes verweisen, mehrfach wurde er mit dem Tode bedroht, seine engsten Mitarbeiter erschossen… „In diesem Land Brasilien ist es leicht geboren werden und zu sterben, aber schwer zu leben“, erklärte 2012 gegenüber AFP anläßlich des TV – Programms „Nackte Füße auf der roten Erde“, von Francisco Escribano.
7.
Seine Erfahrungen im Kampf um die Menschenrechte konnte Casaldaliga in zwei landesweite Gremien übertragen, die er innerhalb der brasilianischen Kirche für die Landlosen und für den Schutz der indigenen Völkern mit anderen einrichten konnte.
Aber Casaldáliga ließ sich nicht beirren: Er blieb Befreiungstheologe. Das heißt: Für das materielle, das leibliche und kulturelle Leben der ausgehungerten Armen zusorgen, ist zentraler Auftrag der Kirche. Genauso wichtig wie die Liturgie. Und diese neue gerechte Gemeinschaft der Menschen wurde ansatzweise realisiert in den Basisgemeinden, für die er immer eintrat.
8.
Niemand wird sich wundern, wenn Casaldáliga erhebliche Schwierigkeiten mit dem Vatikan hatte, auch mit Kardinal Ratzinger damals, der von seinem barocken „grünen Tisch“ in den behüteten Palästen des Vatikans aus meinte, den spirituellen und theologischen Lebenskampf Bischof Pedro Casaldáligas beurteilen und möglicherweise verurteilen zu dürfen. Was für eine Unverschämtheit einer bestens versorgten Eminenz in ihrem Palazzo. Und erstaunlich, wie es ein offenbar leidenschaftlicher Katholik wie Casaldáliga aushielt, alle diese Erniedrigungen durch die römischen Behörden und Bürokratien zu ertragen. Vielleicht brauchte er so viel Wut oder Enttäuschung über alle diese Eminenzen und klerikalen Schreibtischtäter, um Wut und Enttäuschung seinen Kampf für die Armen umzusetzen. Nach einem dieser für ihn so enttäuschenden Aufenthalte im Vatikan, auch beim polnischen Papst, sagte er doch leicht ironisch: „Der Heilige Geist hat zwei Flügel, aber die Kirche hat stets Freude daran, eher den linken zu stutzen“. Johannes Paul II. war ja immer politisch, aber immer zugunsten der rechten Seite, siehe seine Freundschaft mit Reagan, seine Nähe zu Pinochet usw…Selbst die Gewerkschaft Solidarnosc war für ihn eine „rechte“ Bewegung..
Zurück zu den gestutzten linken Flügeln des römischen Katholizismus:
Und die wurden bekanntlich auch bei den wenigen anderen linken Bischöfen gestutzt, so dass der heilige Geist heute, nicht nur in Lateinamerika, so zusagen nur mit einem rechten Flügel herumstolpert, fliegen kann der heilige Geist ja ohne den linken Flügel nicht mehr, um im Bild zu bleiben: Man sieht in diesem treffenden Bild von Casaldáliga das für Kirche und Gesellschaft insgesamt Tödliche dieser ganzen administrativen „Maßnahmen“ der römischen Bürokraten bis heute.
9.
Und genauso bemerkenswert ist, dass dieser ausgemergelte und verfolgte Christ als Bischof so reich an spiritueller Erfahrung war und an poetischer Begabung. Casaldáliga war ein Poet. Wann wird man seine Poesie noch einmal entdecken? Wann wird man fragen: Wie konnte dieser Mann in seiner Bischofs – Hütte oder in als Gast in den Hütten der Atmen Poesie schreiben? Ist Poesie der Unterdrückten schon ein Forschungsprojekt in Deutschland?
Man lese also die noch greifbaren Casaldáliga Gedichte, die oft auch Poesie als Gebete sind. Wer Geduld hat, kann die Texte antiquarisch finden oder aus dem Spanischen, Porugiesischen oder Französischen sich übersetzen. Es könnte ja auch ein Bischof oder Kardinal hierzulande auf die Idee kommen, eine „Pedro Casaldáliga Stiftung“ zu gründen, mit der Herausgabe von Büchern zu beginnen und Konferenzen in den katholischen Akademien. Etwas Geld würden die Kardinäle schon abzweigen können von ihrem Monatsgehalt, das sich in Deutschland zwischen 10.000 und 12.000 Euro bewegt. Allein wenn man sich diese „ökonomische“ Differenz hinsichtlich des Geldvermögens von Bischöfen hier und in Sao Felix, Brasilien, zu Zeiten Casaldáligas ansieht: Man glaubt nicht, dass diese Bischöfe einer und derselben Kirche angehören. Für Casaldáliga wurde immer etwas gebettelt, über die Hilfswerke. Er war wirklich ein Bettler gegenüber seinen „Kollegen“ in Köln oder München. Aber: Casaldáliga wollte arm bleiben. Dafür nahm er die Gestalt Jesu von Nazareth zu ernst.
10.
Was bleibt? Es bleiben die Erinnerungen an seinen Lebenseinsatz, an seine Gedichte, Gebete, Erinnerungen an die Poesie von Pedro Casaldáliga:

Unsere Stunde

Es ist spät
Aber es ist unsere Stunde.

Es ist spät
Aber es ist die ganze Zeit
Die wir in Händen haben
Um die Zukunft zu gestalten.

Es ist spät
Aber es sind wirklich wir:
Diese späte Stunde.

Es ist spät
Aber es ist früher Morgen
Wenn wir darauf bestehen!

(in: Pedro Casaldáliga, „Hermano de los sin tierra“, Von J.L.Vázquez Borau, 2018, S. 98 f, Übersetzung von Christian Modehn.)

……..

Das Wort zähmen

Das Wort zu zähmen
Ist die schwierige Aufgabe
Der Stille,
des Hinhörens,
des Erwartens,
des Empfangens.

Man lernt nur sprechen,
wenn man schweigen lernt mit dem Volk.
Das Wort wird Fleisch
In der erlittenen Stille.

(zit. In Concilium, Dezember 2017, S. 612 in einem Beitrag von Emerson Sbardelotti).

……………

Die Stimme des Volkes, der Armen.

Die Stimme des Volkes,
Die Stimmen Gottes
Sie wurden verdammt.
Die Skalvenlager, sie werden beschützt,
vom Schweigen
Von Zustimmung
Vom Kartell.
Riesige Viehherden
Reiche Ackerböden
Große Straßen:
Die prächtige Zukunft Brasiliens
Wurde erbaut auf den Knochen der Tagelöhner
Vom Revolver der Ausbeuter niedergemetzelt
Vom Hunger ausgemergelt und den ständigen Lügen.

Ihr Sänger schreit,
Scheit zu Gott ihr Toten
Und heult vor Scham
Ihr armseligen Feiglinge

(Dieses Gedicht hat den Titel „Sehr eiliges Nachwort. Gegen die Sklavengesellschaft und gegen alle Großgrundbesitzer. Mit großer Wut. Aber mit noch größerer Liebe“. Aus: Pedro Casaldalga, Fleuve libre, o mon peuple, Paris 1978. Dieses Gedicht hatte ich 1979 in meinem Aufsatz für das Buch „Volksreligion“ verfasst, veröffentlicht, das von Christian Modehn zusammen mit Karl Rahner und Michael Göpfert herausgegeben wurde. Stuttgart 1979. Das Gedicht auf S. 23 f.).
……………….

Bischof Casaldáliga hat das Vater Unser neu formuliert, inspiriert von seinen Freunden, den Armen, den Menschen seines Landes rund um Sao Felix:
Vater unser der Armen.
Vater unser der Märtyrer und Folteropfer.
Geheiligt werde dein Name durch die, die im Kampf für das Leben sterben.
Geheiligt werde dein Name,
wenn die Gerechtigkeit das Maß der Dinge wird.
Dein Reich ist ein Reich der Freiheit, der Brüderlichkeit und des Friedens.
Bewahre uns vor der Gewalt, die das Leben verschlingt.
Wir werden deinen Willen tun.
Du bist Gott, der Befreier.
Wir weisen ein Denken zurück, das durch Macht korrumpiert ist.
Gib uns das Brot des Lebens, das Sicherheit schenkt,
das Brot für alle,
das Menschlichkeit bringt und die Waffen ächtet.
Verzeih uns, wenn wir voller Angst schweigen angesichts des Todes.
Lass nicht zu, dass die Korruption das Gesetz verdrängt.
Schütz uns vor der Brutalität und den Todesschwadronen.
Du bist auf der Seite der Armen.
du bist ein Gott der Unterdrückten.
Dein ist das Reich und die Herrlichkeit.
In Ewigkeit. Amen.
(Quelle: http://gebetssuche.de/vater-unser-der-armen/)
………………………….
11.
Bischof Casaldáliga hat viele Jahre unter der Parkinson – Krankheit gelitten, er hat versucht, diese Krankheit in sein Leben zu integrieren. Deswegen sprach er von „Bruder Parkinson“. Unter Schmerzen har er sich immer wieder noch zu Wort gemeldet, er hatte einen Freundeskreis weltweit, Menschen, Laien, einfache Leute, Ordensleute, die ihn schätzen, mit denen er korresponiderte. Am 8. August 2020 ist er in der Nähe von Sao Paulo, Brasilien, gestorben.
Aber noch Ende Juli 2020 unterzeichnete Casaldáliga mit 151 anderen brasilianischen Bischöfen einen kritischen Brief, bestimmt für den rechtsextremen, gleichzeitig katholischen wie evangelikalen Präsidenten Bolsonaro. Ihm wird „Unfähigkeit vorgeworfen, auf die gegenwärtige Corona-Katastrophe in Brasilien vernünftig und vor allem menschlich zu reagieren. Und vor allem die Indigenas mit seiner dummen Gesundheitspolitik zu gefährden.
12.
Die Filmsgesellschaft VERBO FILMS (geleitet von der Ordensgemeinschaft „Gesellschaft vom göttlichen Wort“, SVD) hat in Brasilien mehrere Filme über Bischof Casaldáliga realisiert und zugänglich gemacht:

Am 13., 20. und 27. Dezember 2014, also noch „vor“ Bolsonaro, strahlte TV Brasil in Partnerschaft mit dem spanischen Sender TVE und dem katalanischen Sender TVC eine dreiteilige Dokumentation (jeweils 52 Minuten) über Pedro Casaldáliga aus. Der Titel: „Barfuß über roter Erde“.
Für alle, die Spanisch lesen können, empfehle ich: „Pedro Casaldáliga, Hermano de Los Sin Tierra“. Von J.L. Vázquez Borau. 3. Auflage 2018, „independently published“. 115 Seiten. 9 Euro.
Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die 10. Weltkonferenz der „Religionen für den Frieden“ in Lindau: Sind die Götter wichtiger oder die Menschenrechte? Natürlich die Menschenrechte!

Ein Hinweis von Christian Modehn anläßlich der „10. Weltkonferenz der Religionen für den Frieden“ in Lindau

1.
Einige grundsätzliche Fragen und auch Vorbehalte zur interreligiösen Groß-Konferenz in Lindau sollten öffentlich debattiert werden. So lobenswert auch die Versuche sein mögen, überhaupt unterschiedliche, zum Teil verfeindete Vertreter verschiedener Religionen zusammenzuführen. Nach allgemein verbreiteter und publizierter Überzeugung sind Religionen in ihren popularisierten Lehren de facto friedlos, unmenschlich und gewalttätig gegen andere Menschen. Dass bei der permanenten Gewalt die religiöse Dimension oft nur äußerlich als Motiv vorgeschoben wird und die eigentliche Ursache, die politische und ökonomische, verdeckt wird, ist eigentlich klar. Und dies wäre ein eigenes, wichtiges Thema für interreligiöses Groß-Konferenzen…
2.
Im idyllischen Lindau, am Bodensee, findet also vom 20. bis 23. August 2019 die „Weltversammlung von Religionen für den Frieden“ statt. Dies ist die 10. Weltversammlung der 1970 gegründeten internationalen Vereinigung „religions for peace“. Bemerkenswert ist schon der Titel: Es gibt also, logisch und historisch eindeutig, auch „religions against peace“, Religionen gegen den Frieden. Das wäre wohl der treffende Titel für „Religionen in der Weltgeschichte“. Insofern ist die neue Akzentsetzung „Religionen FÜR den Frieden“ eher selten und als Fernziel, als reale Utopie, dringend geboten. Die Frage ist: Wie können jemals alle Religionen im Miteinander zu Friedensreligionen werden? Was muss sich in der inneren dogmatischen Verfasstheit einer jeden Religion erst ändern, damit diese zu einer Friedensreligion wird, die diesen Namen immer und allgemein verdient. Und diesen friedlichen Charakter nicht nur bei Weltkonferenzen öffentlich propagiert.
3.
Diesmal werden in Lindau 900 religiöse „Autoritäten“, wie es offiziell heißt, aus über 100 Ländern teilnehmen sowie auch 100 Vertreter nationaler Regierungen und NGOs. Das ganze teure Unternehmen wird sehr stark finanziert von deutschen Steuergeldern. Über die Flugkosten der aus allen Ecken der Erde anreisenden „religiösen Autoritäten“ aus Islam, Kirchen, Judentum, Buddhismus, Bahaii, Hinduismus und so weiter wird in den Publikationen der Vereinigung (bis jetzt) kein Wort verloren. Ebenso, dass die religiösen Autoritäten bei dieser Viel-Fliegerei viel CO2 ausstoßen lassen, wird nicht erwähnt. Genauso wenig die Frage, ob man viele Dialoge und Interviews nicht auch über Video- Life – Interviews hätte führen können. Das wäre doch ein ökologisches Novum für eine Weltkonferenz! Und religiös und ethisch ein gewisses Vorbild, angesichts des ständigen Bedürfnisses, Prominente zu Mammut-Konferenzen zusammenzuführen. Bei denen dann so oft allgemeine blasse „Abschlussdeklarationen“ mitgeteilt werden, die drei Wochen später in den Papierkörben der Redaktionen landen. Man denke an die vielen, selbst von „Spitzenpolitikern“ eigentlich wirkungslos genannten „Gipfel der 8 oder 10 Supermächte“ usw. Man denke auch an die in Rom immer wieder veranstalteten Bischofssynoden, die im Resultat auch nur eine Papierflut erzeugen. Welcher Bürger welchen Staates erinnert sich an die Ergebnisse und Schlussdokumente der vergangenen neun „Weltkonferenzen für den Frieden“. Ich, auch als Journalist, der über Religionen arbeitet, erinnere mich in dem Zusammenhang an … nichts.
4.
Natürlich müssen die Religionen alles tun, damit sie sich zu Religionen des Friedens und zu Religionen der Friedensstiftung entwickeln. Sie müssen also das werden, was sie begrifflich vorgeben zu sein. Aber welcher Friede wurde wo, in welchem Land, durch die letzten vergangenen Weltkonferenzen dauerhaft erreicht? Da wären genaue und überprüfbare Aussagen interessant. Oder wurde durch die Weltkonferenzen nur Schlimmstes verhindert? Auch das wäre nachzuweisen.
5.
Ich vermute, die Bilanz dazu fällt schwach aus. Woran kann das liegen?
Es sind ja oberste und etablierte Führungspersonen verschiedener Religionen, die sich ein paar Tage bei diesen Weltkonferenzen in heilige Texte vertiefen und mühevoll in allen Texten eine gemeinsame humane, friedliche Grundhaltung herausdestillieren. Es sind natürlich eher liberale Denker und religiöse Führer, die sich da treffen, nicht die sehr vielen „Hardliner“ und Fundamentalisten, mit denen ein Dialog doch mal dringend nötig wäre. Solche Treffen milde gesinnter religiöser Friedensfreunde wurden schon seit Jahrzehnten auch anderweitig veranstaltet, man denke an die „Assisi-Treffen“, inszeniert von Papst Johannes Paul II.
Die üblichen und erwartbaren Konferenz-Erkenntnisse und Ergebnisse hingegen gehen dann wie erwartbar dahin, dass z.B. der Gott des Christentums und der Gott des Islams doch sehr ähnlich sein sollen. Oder dass Jesus und Buddha doch so vieles Gemeinsames haben. Dazu liegen bereits geschätzte 100 Studien und Bücher in allen großen Sprachen dieser Welt bereits vor. Aber solche Gemeinsamkeits-Bezeugungen bringen gar nichts, weil sie subjektlos formuliert sind: Das heißt: Es sind ja nicht die „Religionen“ als solche, also als feste Institutionen, die da zum Frieden bewegt werden sollen. Sondern es geht doch immer um Menschen, also geschichtliche Subjekte, die über die engen Grenzen ihrer dogmatischen Prägung springen sollen und eben dem Frieden den absoluten Vorrang geben noch vor ihrem konkreten konfessionellen Bekenntnis.
6.
Die Autoritäten, also alle diese Hochwürden und Heiligkeiten, die da nun in Lindau zusammen kommen, müssen sich fragen lassen: Welche faktische Macht haben sie, den möglicherweise in Lindau formulierten Friedensgedanken in ihren eigenen Religionen definitiv durchzusetzen? Oder bleibt es, wie es in der Broschüre zum Kongress heißt, bei einem „hoffen wir“? Lohnt sich für diese vage Erwartung, dieses „hoffen wir“, dieser Aufwand? Diese Unkosten? Diese CO2 Vergeudung?
7.
In der Lindauer Konferenz, so ist zu lesen, soll Nigeria in einem Focus stehen: Aber können nigerianische Christen und vor allem ihre so vielen so unterschiedlichen Kirchenführer etwa dafür sorgen, dass etwa diese pfingstlerischen Großunternehmen, Kirchen genannt, sich weiter ausbreiten und den interessierten Leuten das Geld aus der Tasche ziehen? Die starke Sehnsucht nach einem pfingstlerischen Tralala gerade unter den Armen und dem sich bedroht fühlenden Mittelstand hat doch ökonomische Gründe: Lagos ist ein widerwärtiger Moloch und der nigerianische Staat zerfällt – aus politischen und vor allem ökonomischen Gründen: Dann ist die Flucht in die bekannten abgezäunten Imperien der Pfingstkirchen-Millionärs-Pastoren wie eine Flucht ins Paradies. Sogar ein evangelikales Magazin in Wetzlar berichtet darüber: Diese Kirchen seien förmlich kleine autonome und autoritäre Staaten in einem zerfallenden Staat.
Was wird man also zu diesem zerfallenden Nigeria im hübschen Lindau sagen? Warum macht man dann eigentlich nicht gleich diese Konferenz in Lagos? Da würden den Würdeträgern aus aller Welt die Augen und die Nasen aufgehen angesichts von Schmutz und Gestank, falls sie denn ihr Tagungshotel verließen.
8.
Die Konferenz denkt meines Erachtens zu wenig kritisch-politisch. Wie könnte denn sonst die Vertreterin der „Rainforest-Initiative“ in Peru sagen, das Abholzen der Wälder etwa im Amazonasbereich sei, so wörtlich, „eine Tragödie“. Nein, dies ist keine schicksalshafte Tragödie, die unabwendbar ist im Sinne der griechischen Tragödien: Nein, das Abholzen dort zugunsten der Reichen und ihres Rindfleischkonsums ist ein Verbrechen, begangen von korrupten Politikern und Ökonomen weltweit, die bestraft werden müssten.
9.
Meine Meinung ist: Nur wenn alle diese vielen und verschiedenen und in sich selbst verschiedenen, also pluralen, Religionen etwas Größeres über sich selbst erkennen, könnten religiöse Institutionen noch für den Frieden praktisch sorgen: Dieses Größere über allen faktischen Religionen ist natürlich NICHT irgendein wieder konfessionell geprägter Gott. Aus den engen konfessionellen und religiösen Zusammenhängen kann niemals der Weltfriede entstehen, die Religionen sind viel zu dogmatisch fixiert. Nein: Das überragend Größere für alle vielen konkreten Religionen sind die Menschenrechte. Es ist die universale Menschenwürde, letztlich also die allen Menschen gemeinsame Vernunft, die über allen Religionen steht und die für den Frieden sorgen könnte. Wer es theologisch will: Diese Vernunft ist eine Gabe Gottes! Und man lese in diesen Weltkonferenzen wieder einmal lernbereit Lessings „Nathan der Weise“. Nur wenn alle Religionen und damit ihre „Führer“ anerkennen: Das Größere für uns, auch das Kriterium unseres Tuns, ist die Vernunft, d.h. die Menschenrechte, nur dann können wirkliche Schritte zum Frieden geschehen. Und über den allgemeinen Drang de Religionen zu missionieren, wäre kritisch nachzudenken. Genauso wie über die Verbote in muslimischen Staaten, die Religion zu wechseln, also etwa Christ oder Atheist zu werden. Wird man über diese Fragen in Lindau debattieren? Anklagen wird man diese muslimischen Staaten, die keine Religionsfreiheit dulden, nur dann: Wenn man auch diese Religionen dort dazu verpflichten könnte, die universalen Menschenrechte faktisch zu respektieren. Der religiöse Dialog ist heute eine Dialog über Menschenrechte. Sonst ist er nichts als ein hübscher Meinungsaustausch…
10.
Die Religionen in ihrer inneren, theologischen Vielfalt, sind meist IN sich selbst unfriedlich schon gegen die „Häretiker“ in den eigenen Reihen. Sie sind in ihrer eigenen Verfassung selbst kriegerisch, verletzend. Man denke etwa an den Ausschluss der Frauen von den Ämtern in der römischen Kirche. Das stiftet Unfrieden unter den Katholiken, vor allem den Frauen. Man denke an den Ausschluss von Homosexuellen aus den Ämtern der PfarrerInnen in mehreren Kirchen. Man denke an die Verfolgung von Homosexuellen im katholischen Polen mit der PIS Partei. In vielen sich muslimisch nennenden Staaten werden Homosexuelle immer noch verfolgt und getötet. Und in wie vielen sich irgendwie christlich nennenden afrikanischen Staaten werden Homosexuelle verfolgt? Wie könnten europäische Staaten und westliche Kirchen auf diese afrikanischen „christlichen“ Länder Druck ausüben, damit die Menschenrechte dort respektiert werden? Das wäre doch kein Kolonialismus! Denn auch die Homosexuellen-feindlichen Kirchen in Afrika und ihre Führer (Kardinal Sarah, Guinea, jetzt Vatikan, etwa) üben Druck auf die Kirchen insgesamt aus (auf die Anglikaner, Katholiken, Lutheraner usw.) Das ist sozusagen eine Art Kolonialismus der einst Kolonisierten und Missionierten! Das wäre ein Thema für Lindau. Oder man denke an die Missachtung der Mystik in herrschenden islamischen Kreisen, man denke an die Tatsache, dass viele orthodoxe Kirchen in Europa ideologische Stützen der jeweiligen Herrscher (Putin) sind usw. .
11.
Man denke daran, dass die Religionen in dieser kapitalistischen Welt selbst schon vom Geist des Kapitalismus erfasst und durchdrungen sind. Dieser Ungeist prägt die Mentalitäten der religiösen Hierarchie, es ist die Lust am Geld, am äußeren Erfolg, an Stärke und hierarchischer Macht.
12.
Die Weltreligionen sollten also, um friedenspolitisch wirksam zu sein, Menschenrechts-Konferenzen gestalten und sich zu kritischen politischen Analysen durchringen. Sie sollten neue Bündnispartner unter den NGos suchen: Und die religiösen Menschen belehren: Ihr könnt alle selbstredend religiös in eurer Konfession sein. Aber das Wichtigste ist, dass ihr wahrhaft Menschen werdet, dass ihr als Menschen die Menschenrechte pflegt und in euren Gottesdiensten nicht nur die uralten so genannten heiligen Texte lest und tausendmal wieder nachbuchstabiert. Sondern eben die Menschenrechtserklärungen in der Predigt verständlich macht, um sie in der Praxis zu leben. Und eine Friedenspolitik im Sinne der universal geltenden Menschenrechte mitgestaltet, mit der Bereitschaft zu politischen Debatten um der vielen leidenden Menschen willen.
13.
Das heißt: Die Zeiten der nur religiösen Weltkonferenzen sind vorbei. Sie sind wahrscheinlich eine Art teures Hobby der ohnehin begüterten und verwöhnten, milde gesinnten religiösen Führer und Vielflieger. Das meiste, was da in Lindau zu hören sein wird, ist theologisch und religionswissenschaftlich längst erforscht, das meiste ist gesagt. Jetzt sind andere Themen dran, Menschenrechtsthemen aus religiöser Verantwortung, wenn man so will. Und andere Konferenzen mit dem Thema: „Die Welt-Religionen relativieren ihren eigenen dogmatischen Glauben und unterstellen sich gemeinsam der Geltung der Menschenrechte“. Das wäre das Thema für heute und morgen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Der Glaube muss vernünftig sein!

Ein Hinweis auf das wichtige Buch des äthiopischen Philosophen
Zär ´a Yaqob (1599 – 1693).
Von Christian Modehn

Den Versuch, den Glauben unter den Bedingungen des Christentums und der Kirchen vernünftig zu begründen und sich persönlich an diesen vernünftigen Glauben auch zu binden, hat es schon im 17. Jahrhundert gegeben. Nicht etwa nur in Frankreich oder in England, wo die rationalistische Theologie eine gewisse Rolle spielte. Sondern, ein Europäer glaubt es kaum, in Äthiopien: Zär´a Yacob heißt der Autor seiner „Untersuchung“. Dieser Text liegt auf Deutsch vor, er sollte viel mehr beachtet werden, nicht nur aus wissenschaftlichen Gründen, sondern durchaus auch, weil er ein aktueller spiritueller Impuls ist. Erschienen ist der Text in der Edition Victoria, Wien.
Der Leser ist überrascht, wie modern die Erkenntnisse des äthiopischen Gelehrten sind. Er bietet Elemente der Reflexion für einen Glauben an die göttliche Wirklichkeit, einen Glauben, der ganz elementar ist, möchte man sagen, also ganz einfach, nachvollziehbar ohne Hinweise auf mysteriöse Ereignisse, Wunder, Heiligengestalten usw. Der Autor zeigt, dass die menschliche Beziehung zu Gott eher ein Wissen als ein Glauben im Sinne eines bloßen eher willkürlichen „Für-Wahr-Haltens.
Zär´a Yacob war gründlich ausgebildet in den christlichen Traditionen, vor allem der koptischen Tradition, er kennt die Bibel, vor allem die Psalmen des Alten Testaments. Er zitiert auch Texte des Neuen Testaments, etwa aus dem Johannes-Evangelium. Er lebte zu einer Zeit, als in Äthiopien nicht nur die koptische Kirche stark war und dort Juden und Muslime lebten, sondern auch Katholiken ihre Mission, z.T. erfolgreich im Königshaus betrieben, bis hin zur Etablierung des Katholizismus („Frang“ in Äthiopien damals genannt) als Staatsreligion! In jedem Fall gab es viel Streit vor allem zwischen Kopten und Katholiken. Was ist die Wahrheit des Christentums?
In dieser Situation formuliert Zär´a Yacob seine Vorschläge, die auch dem Frieden in der Gesellschaft dienen sollten. Ihm geht es um eine universelle Wahrheit, die über den Konfessionen steht.

Aber der alles entscheidende Mittelpunkt seiner vernünftigen Theologie oder treffender Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie ist die Erfahrung der Welt als Schöpfung Gottes. Dies ist die alles entscheidende Basis seines Denkens und seines Lebens. Und zu der Erkenntnis gelangt Zär´a Yacob durch die alte metaphysische Überlegung, dass alles Gegebene dieser Welt endlich ist, also irgendwie gemacht sein muss von einem „Schöpfer“, der selbst nicht seinerseits auch noch geschaffen ist, sondern eben ewig und ungeschaffen.
Die einzige Frage ist: Sind wir bereit, diese Welt als Schöpfung Gottes, um bei dem Symbol-Begriff zu bleiben, zu verstehen? Alle weiteren theologischen Überlegungen ergeben sich dann von selbst. Es sind Überlegungen der Vernunft, die keine weiteren Wunder braucht als eben die Annahme des einen Wunder, dass „es diese Welt gibt“. Es ist die Vernunft des Menschen (als göttliche Schöpfungsgabe), die entscheidet, was vernünftig ist und menschlich. Dogmen werden so selbstverständlich zweitrangig, wenn nicht überflüssig. Auch die üblichen kirchlichen Gebräuche, wie das Leben im Kloster mit dem Verzicht auf gelebte Sexualität oder die rigiden Fastengebote auch im Islam, werden in Sicht Zär´a Yacobs überflüssig und unvernünftig. Er stellt die provozierende und durchaus mutige Frage: „Ist alles wahr, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht“? Und seine Antwort ist: Natürlich ist nicht alles wahr, weil es unvernünftig ist! „Wenn wir mit dem vernünftigen Licht unseres Herzens richtig umgehen, kann es uns nicht in die Irre führen“, schreibt Zär´a Yacob. Und dann folgt der entscheidende Satz: „Denn die Bestimmung dieses Lichts, der Vernunft, die uns unser Schöpfer gab, ist die: uns zu erretten und nicht uns zu verderben. Alles, was das Licht unserer Vernunft uns zeigt, stammt aus der Quelle der Wahrheit“. Das heißt: Die von Gott gegebene Vernunft im Menschen ist selbst rettend, hat also eine erlösende Bedeutung. „Unsere Seele besitzt die Fähigkeit, sich einen Begriff von Gott zu machen und ihn geistig zu erfassen“ (S. 29). Auch die Grundlagen der Ethik sind vernünftig erkennbar, etwa die „Goldene Regel“, die Zär´a Yacob ausdrücklich als Vorbild erwähnt (S. 31).
Darum wundert man sich nicht, wenn von der besonderen Erlösergestalt Jesus von Nazareth in dem kleinen Text keine Rede ist . Zär´a Yacob denkt förmlich dialektisch: Der Mensch erlöst sich selbst kraft seiner Vernunft. Aber es ist die göttliche Gabe Vernunft, die da erlösend tätig ist. Insofern ist also auch Gott der letzte Grund der Erlösung durch die Vernunft und vernünftiges Handeln. Für die Hüter der wahren, weil alten Lehre sind diese Einsichten natürlich ein Skandal, wird doch die alte klerikale Ordnung erschüttert. Aber die Vernunft muss sich von Ketzerei-Vorwürfen nicht verwirren lassen. Was meint Zär´a Yacob? Zu Beginn der Kirchengeschichte waren die reinen Lehren des Evangeliums „nicht schlecht“, meint der Autor. Es war die Botschaft der Liebe und Barmherzigkeit. Aber mit den machtvollen Konfessionen wurde dann „die vom Evangelium empfohlene Nächstenliebe beiseite geschoben und durch Hass, Gewalt ersetzt. Meine Landsleute haben ihren Glauben bis hinein in seine Grundlagen zerfetzt, sie lehren Eitelkeiten, sie tun Böses, und sie werden fälschlicherweise Christen genannt“ (S. 27)
Angesichts dieser Situation totaler christlicher Verlogenheit rettet nur die Vernunft Religion, meint Zär´a Yacob.

Bezeichnenderweise konnte er diese Gedanken nur in der Einsamkeit, im Rückzug vor den bedrohlich konfessionalistischen Menschen in einer Höhle, entwickeln! Nur weniges, was er dort meditativ erkannte, schrieb er auch auf. Leider! Denn er sah sich bedroht und musste seine Erkenntnisse in der Öffentlichkeit verbergen und verleugnen. Aus dem einfachen Grunde, um nicht als Ketzer ausgelöscht zu werden. Man denke, in einer Parallele, etwa an Abbé Meslier (1664 – 1729) in Frankreich, der als katholischer Priester weiterhin die Messe las und predigte, obwohl er in seiner eigenen Theologie längst zum Atheisten geworden war. Siehe dazu meinen Aufsatz. Wie viele große Denker gab es und gibt es, die es nicht wagen, zu ihrer eigenen Erkenntnis und Konfession öffentlich zu stehen?
Zär´a Yacob hat diesen jetzt vorliegenden Text nur auf Bitten seines Schülers Waldä Heywat geschrieben! Auch von ihm ist in dem Buch ein weiterführender Text veröffentlicht, der allerdings meiner Meinung nach nicht die Radikalität seines Lehrers erreicht.

Das Buch aus der „edition Victoria“ ist 2008 in Wien erschienen und noch immer, Gott sei Dank, im Buchhandel zu haben. Es wurde von Victoria Frysak und Bekele Gutema herausgegeben und hervorragend betreut, auch in der Übersetzung und den erklärenden Kommentaren.
„Zär ´a Yaqob. Eine äthiopische Weltanschauung“ ist der Titel des Buches. Es hat 134 Seiten und kostet 16,50 Euro!

Der Bischofsmord von Guatemala: Ein Film über Juan Gerardi

Anlässlich des neuen Films von George Clooney
Ein Hinweis von Christian Modehn

Bei den Filmfestspielen in Cannes 2019 wird der neue Film von George Clooney vorgestellt: Sein Titel: „The Art of Political Murder“. Sein Thema: Der Mord an Juan Gerardi, Bischof im zentralamerikanischen Staat Guatemala, dort geboren am 27. Dezember 1922, dort ermordet am 26. April 1998. Der Film – Titel ist mit dem Titel einer großen Studie von Francisco Goldman identisch (2007 in den USA als Buch erschienen, liegt auch auf Deutsch vor). Über Details aus dem Leben Bischof Gerardis kann man sich etwa bei wikipedia gut informieren. Wichtig ist vor allem seine Tätigkeit als Bischof von El Quiché (1974 zum dortigen Bischof ernannt). Dort gab es heftige Konflikte der indigenen Bevölkerung mit der Regierung. Die Diskriminierung der Armen, der Mayas usw. war total. Im Ort Panzos fanden 1978 Massaker (mehr als 100 Tote unter den friedlich demonstrierenden Indianern) statt, 1980 wurden Priester getötet und zur Ausreise gezwungen, der Bischof ist Attentaten ausgesetzt, Bischof Gerardi muss, um sein Leben zu retten, die Diözese verlassen und sich nach Costa Rica flüchten.
Nach seiner Rückkehr nach Guatemala wird Bischof Gerardi zuletzt auch Leiter der „Wahrheitskommission“ zur Aufdeckung der Verbrechen während der Jahrzehnte dauernden bestialisch agierenden Militärdiktatur: Von 1960 bis 1996 dauerte der Bürgerkrieg. Zwei Tage vor seiner Hinrichtung in einer Garage (sein Gesicht wurde bis zur Unkenntlichkeit entstellt) hatte der Bischof die ersten Ergebnisse der groß angelegten Studie der „Rückkehr zur geschichtlichen Erinnerung an das Geschehene“ öffentlich vorgestellt: 54.000 schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurden zusammengestellt. „80 % aller Menschen­rechts­ver­letz­ungen haben Militärs und Paramilitärs begangen, nur 9 % die so genannten Guerilla“, also die Widerstandgruppen der Armen gegen die Attacken der Militärs (siehe dazu die Studie von Stefan Herbst über Bischof Gerardi, in: „Die Armen zuerst“, Mainz 1999, S.173).
Gerardis Tod löste in Guatemala Entsetzen aus, weil zugleich eine Fülle von widersprüchlichen Behauptungen zur Todesursache verbreitet wurden. Umfassend aufgeklärt wurde der Tod nie. Deutlich aber ist: Der Mord an Bischof Gerardi war kein irgendwie nur persönlich gefärbtes Verbrechen, sondern ein politischer Mord, bestellt von den höchsten politischen Führern im Land. Man machte zwar einen Prozess: Vier Personen wurden als Täter für schuldig befunden, drei Militärangehörige sowie der katholische Priester Mario Orantes, mit dem der Bischof im gleichen Haus der Gemeinde St. Sebastian, Guatemala-Stadt, wohnte. Orantes wurde vorzeitig aus der Haft entlassen.

Der Film von George Clooney erinnert an Guatemala, ein Land, aus dem wie schon seit langem jetzt viele tausend Menschen in die USA flüchten wollen, ein Land, das aber im ganzen gesehen eher am Rande des öffentlichen Interesse steht. Weil die europäische Öffentlichkeit sich z.B. ständig mit dem BREXIT befasst oder – notgedrungen – etwa mit der Zunahme des Populismus und Rechtsextremismus in Europa. „Kleine Länder“ wie Guatemala gelten dann als uninteressant. Das sollte sich ändern in einer Welt, die so gern sich vernetzt, „global“, nennt.

Einige Stichworte zum Mord an dem Menschenrechtsaktivisten Juan Gerardi sind wichtig und sollten breiter studiert und diskutiert werden, gerade angesichts des Clooney-Films:

1. Guatemala hat in seiner Geschichte nur ganz wenige Jahre eine Demokratie erlebt: Etwa 1950: Da wurde mit 63 % der Stimmen Jacobo Arbenz zum Präsidenten gewählt, er setzte sich für Agrarreformen ein. Die katholische Kirchenführung, selbst auch nicht demokratisch verfasst, hat, bis ca. 1970, kein Interesse am Aufbau einer demokratischen staatlichen Ordnung.

2. Ausgerechnet das (heute in Deutschland wieder diskutierte) Thema Enteignung brachliegenden Landes (der us-amerikanischen Bananen- „United Fruit Company“) beendete die demokratische Regierung von Arbenz. Er wollte 162.000 ha brachliegenden Landes für eine Entschädigung von 1 Million US Dollar enteignen: Allein schon dieser Vorschlag galt für die USA und für die reaktionäre Kirchenführung im Land damals als eine Art Verbrechen: Privateigentum ist heilig. Arbenz wurde 1954 vom CIA gestürzt. Die USA setzten, wie üblich, einen ihnen wohlgefälligen Diktator als Staatschef ein.

3. Die rechtsextremen Militärs bedankten sich bei der katholischen Kirche für deren Ablehnung des sozial gesinnten Demokraten Arbenz: Die Kirche durfte nun offiziell auch das Recht auf Grundbesitz haben…

4. Eine winzige Gruppe, weniger als 2 % der Bevölkerung, besitzt 65 Prozent des bewirtschafteten Bodens: Als die arm gemachte Bevölkerung, auch aus dem Volk der Mayas, Gerechtigkeit fordert, oft unterstützt von progressiven katholischen Priestern und Nonnen, schaltet sich der CIA wieder ein und inszeniert einen der blutigsten Bürgerkriege Lateinamerikas. Die USA unterstützen die Gewaltregime der Militärs. (dazu Maria-Christine Zauzich, Guatemala, in: Kirche und Katholizismus seit 1945. Band 6, Lateinamerika und die Karibik, Paderborn 2009, S. 118)

5. Besonders heftig ist das Massenmorden durch den evangelikalen General Efrain Rios Montt, Staatspräsident von 1982 bis 1983. Sein besonderer „Schwerpunkt“ waren die denkbar blutigsten Massaker an der Zivilbevölkerung.

6. Dabei bedienen sich die US Herrscher und ihre Vasallen der Ideologie des Antikommunismus als Argumentationshilfe für das brutale Abschlachten durch Militärs und der mit ihnen verbündeten USA.Der paranoide, von Politikern der USA und vieler lateinamerikanischer Staaten betriebene Antikommunismus, äußerte sich dann auch als „Doktrin der Nationalen Sicherheit“.
Auch viele Bischöfe, auch die Päpste, vor allem der Pole Johannes Paul II., waren Anhänger der antikommunistischen Ideologie, die förmlich als politisches Argument ständig eingesetzt wurde, um die eigene Herrschaft zu begründen. Der päpstliche Kampf gegen die angeblich marxistische Befreiungstheologie und ihre Priester ist wesentlich antikommunistisch geprägt, oft in enger Kooperation mit US amerikanischen „Schulen“ der Ausbildung von lateinamerikanischen Militärs, die speziell Befreiungstheologen ins Visier nehmen sollten. (dazu: Norbert Greinacher, Geschichte des Konflikts, in: „Konflikte um die Theologie der Befreiung“, Benziger Verlag 1985, über das „Santa Fe-Papier, 1980, zur militärischen Auslöschung der Befreiungstheologen, dort S. 61).
Die Behauptung, Kommunist zu sein, wurde als Vorwurf ständig verwendet gegen alle Personen, auch Priester und Bischöfe, die sich für die Menschenrechte einsetzten.

Die Ideologie des Antikommunismus war eine Art Glaubensbekenntnis der reaktionären Kreise des Westens, die nur am Erhalt des (ökonomischen) Status quo Interesse hatten.

7. Als weitere Ideologie unterstützte die US amerikanische Regierung auch die Theologie der evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen in ihrer Mission in Guatemala (und anderen lateinamerikanischen Ländern). Diese frommen fundamentalistisch glaubenden, aber politisch reaktionären Evangelikalen/Pfingstler sollten die katholische linke Basisbewegung ausschalten, was in Guatamala auch besonders „erfolgreich“ gelang. Diese evangelikal/pfingstlerischen Kreise hatten kein Verständnis für die traditionelle Maya-Religion der Bevölkerung, sie sollte als „heidnisch“ ausgerottet werden. General Rios Montt war selbst Mitglied einer Pfingstkirche, er ist als Massenmörder bekannt geworden; er predigte sonntags im Fernsehen. Mit Jorge Serrano wurde 1991 noch einmal ein fundamentalistisch frommer Evangelikaler Präsident.

8. Die Menschen in Guatemala, in ihrem Leiden, in ihrem Hoffen trotz totaler Hoffnungslosigkeit, haben es verdient, endlich einmal im Mittelpunkt öffentlichen Interesses zu stehen. Vielleicht sorgt der Film dafür!!

9. Bischof Gerardi ist ein Märtyrer der Menschenrechte. Ein moderner, obwohl Kleriker, ein weltlicher, weil politischer Heiliger. Ein Vorbild, in der Hinsicht seines Engagements. Wo gibt es solche Bischöfe noch – in Europa, in Deutschland zum Beispiel. Diese klerikalen, bequem lebenden Herren kreisen oft nur um die kleine interne Kirchenwelt ..und ihr Geld/Kirchensteuern. Vielleicht sollten sie mal im Rahmen eines Austauschprogramms 3 Jahre in Guatemala oder anderen lateinamerikanischen Staaten das Leben mit den Armen in den Slums, den Dörfern etc. teilen?

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

„Philosophie ist kein Beruf, keine Disziplin, sondern ein schöpferischer Akt“

Den georgischen Philosophen Merab Mamardaschwili entdecken:

Ein Hinweis von Christian Modehn auf das Buch „Die Metaphysik Antonin Artauds“

Das Erstaunen ist in Deutschland sicher noch groß: Es gab einmal im Sowjet-Imperium einen ziemlich frei denkenden, eigenständigen Philosophen. Sein Überleben dort war nicht einfach, er nutzte aber die geringen Ausweichmöglichkeiten der Freiheit, er studierte u.a. französische Autoren. Seine Wirkung auf die damals Studierenden war wohl groß: Auch Michail Ryklin zählt zu den Philosophen, die von ihm beeinflusst sind: Von dem aus Georgien stammenden Philosophen Merab Mamardaschwili (1930-1990). Anlässlich der Frankfurter Buchmesse 2018 habe ich schon einige Hinweise zum Denken Mamardaschwilis veröffentlicht.

Nun liegen (endlich) zwei kleinere Essays vor, es sind Vortrags – Mitschriften von Studenten: Denn Mamardaschwili bevorzugte als Philosoph die freie Rede. Und das ist auch in den Essays deutlich zu spüren, es ist der freie Denkstil, der sich da äußert. Das macht die Lektüre nicht immer einfach. Aber die Breite seiner öffentlichen Auseinandersetzungen etwa mit Artaud, Proust, Kafka, aber auch Descartes und Kant ist erstaunlich.

Vielleicht sollte man zuerst das Nachwort von Zaal Andronikashvili lesen, dort wird auf Mamardaschwilis Kritik an der kommunistischen Gewaltherrschaft hingewiesen, er nannte das Regime eine „Hölle“ (S. 47), ein Urteil, das vielen „Links-Intellektuellen“ im Westen gar nicht gefiel (S. 94). Mamardaschwili hat sich als Philosoph der philosophisch reflektierten, kritischen und „klassischen“ Metaphysik verpflichtet gewusst. Was ja äußerst schwer war in einem Sowjetsystem, das seine eigene primitiv- materialistische „Metaphysik“ als Staatsideologie durchsetzte. Mamardaschwili verstand Philosophie nicht als ausgegrenzten Beruf einiger weniger Spezialisten an der Universität.Philosophie war für ihn Grundvollzug des menschlichen, d.h. personalen, kritisch sich selbst reflektierenden Lebens (vgl. S. 97 ff).

Der Essay bzw. abgedruckte Vortrag erfordert große Konzentration. Und man wünscht sich, dass nachvollziehbarere Texte des georgischen Philosophen bald auf Deutsch zugänglich werden. Die Art des freien Denkens und des freien Vortrags macht neugierig. Vielleicht ließe sich eine Übersetzung des auf Französisch erschienenen Interviews „La pensée empechée“ (Paris 1991) ermöglichen. Zu einer Weitung der hiesigen philosophischen Perspektiven kann dieser, auch gegenüber Georgien, kritische Denker sicher beitragen.

Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Merab Mamardaschwili, „Die Metaphysik Antonin Artauds“ (1988), mit einem weiteren Essay „Wien vor der Jahrhundertwende“ (1990) und einem Nachwort von Zaal Andronikashvili. Aus dem Russischen übersetzt von Roman Widder und Maria Rajer.   Matthes und Seitz Verlag Berlin, 2018, 110 Seiten, 16 €.

Wer heute Heimat sagt, meint die Nation

Ein Hinweis von Christian Modehn

1. In letzter Zeit wird in Deutschland wieder heftig und häufig von Heimat gesprochen und für das (deutsche) Recht auf Heimat eingetreten! Bezeichnenderweise seit 2017. Nach Ankunft der Flüchtlinge wurde gleich unterstellt, die Flüchtlinge aus Afghanistan oder Syrien hätten ihre „Heimat verlassen“: Da wurde mit dem Wort Heimat die übliche Assoziation geweckt: Sie hätten im Grunde doch wohlbehütete Regionen voller Freundlichkeit und Wonne verlassen, also Heimat im emphatischen deutschen Sinne. Sozusagen den mit Heimat meist imaginierten „Brunnen vor dem Tore“ des Romantikers Wilhelm Müller. Nur: Kann es Heimat mit dem „Brunnen vor dem Tore“ jetzt in Kabul oder Aleppo geben? Nein, die Flüchtlinge haben ihr Herkunftsland verlassen, um sich aus dem tödlichen Chaos dort zu retten. Wer von vornherein den Flüchtlingen den so tief traurigen Verlust ihrer Heimat unterstellt, will sie am liebsten gleich wieder in die doch hübsche, sichere, eigene Heimat Syriens, des Irak usw. wieder zurückschicken. Denn lieber Flüchtling: „Dein ständiges Leben in dieser deiner Heimat ist dein gutes Recht!“ Übersehen wird: Ehe dieses Chaos dort wieder einmal Heimat werden kann, vergehen Jahrzehnte bei dem Tempo einer angeblich auf Frieden bedachten (Welt)

Politik. Wichtiger aber ist in dem deutschen Argument: Auch meine Heimat ist mein gutes Recht! Meinen wunderbaren Ort mit meinem relativen Luxus und den Restbeständen eines Sozialstaates lasse ich mir doch nicht von euch Flüchtlingen und Fremden (und Muslims obendrein) nehmen.

2.

Der Begriff Heimat wird also jetzt propagiert und mit bestimmten präzisen politischen Interessen beladen, voller Ideologie und versteckten Ressentiments. Auch der kurz vor dem Hungertod stehende Afrikaner in seiner Heimat Tschad möge doch in dem chaotischen Wüstenstaat als seinem Zuhause bleiben, weil er doch in seiner Heimat „groß geworden“ ist. Dass er dort verhungert, finden wir Europäer alle schlimm, sagen das auch, tun aber tatsächlich Wirksames nichts dagegen. Eher geben wir unser Geld für Libyen aus, wo die Flüchtlinge aus Afrika wie Sklaven missbraucht werden. Aber die verbrecherischen Verhältnisse in Libyen halten jedenfalls die Fremden fern…

Heimat, so meint man in Deutschland, sei nun einmal die Region, in der Menschen geboren wurde. Der Wechsel in andere „Heimaten“ wird so ausgeschlossen. Nur DDR Deutschen wurde bis zum Mauerbau schweren Herzens in der BRD eine neue, antikommunistisch glänzende Heimat bereitet. Bauprogramme hießen bekanntlich „neue Heimat“: Das waren winzige Wohnungen für kinderreiche Familien.

3.

Und es waren nachweislich die Bayern und ihre Partei, die CSU, die begannen, wieder die Heimat als sehr hohen Wert zu propagieren. Markus Söder (CSU) zeigte sich beim „politischen Aschermittwoch 2018“ wie ein bayerischer Heimatminister. Ihm ist klar: Heimat hat sehr wohl mit Grenzziehung zu tun: „Wir überlassen Bayern nicht den anderen“, ruft Söder. Und übrigens: „Ich bin der Markus, da bin i dahoam, und das will ich auch bleiben!“ (Der Tagesspiegel, 14.2. 2018). Wen meint Herr Söder unter den „anderen“, denen er sein Heimatland nicht „überlassen“ will? Sicherlich auch die in Bayern mächtiger werdende AFD. Die AFD Leute will Herr Söder lieber in seine CSU integrieren, damit diese Partei wieder richtig zahlenmäßig stark wird …und die CSU dann zur halben AFD wird. Aber auch: Die „anderen“, das sind für Söder auch die Fremden und Flüchtlinge, die „uns“ „unser“ so hübsches und sauberes und gerechtes Bayern zerstören….

4.

Heimat ist ein exklusiv deutscher Begriff. Das Wort kommt in anderen europäischen Sprachen in dieser Prägnanz, also ohne weitere Umschreibungen, nicht vor. Ein gewisser Kult um die deutsche Heimat wurde vor allem in der Romantik betrieben, also seit Beginn des 19. Jahrhunderts, als die singenden Wandergesellen aus ihrem Zuhause, Heimat genannt, in die Fremde aufbrachen, um alsbald wieder in dieses gelobte Land zurückzukehren, zum Lindenbaum, wo man so schön in dessen Schatten träumte.

5.

Wer möchte diese traumhafte Idylle prinzipiell schlecht machen? Sie hat damals vielleicht wie Opium beruhigt? Aber die romantische Heimatidylle ist nur ein Bild, ein Traumbild der Geborgenheit und wunderbaren Beziehung zwischen Natur, Mensch, Kunst, Kirche, Gott, einer Welt, in der sich der Romantiker befand. Und in dieser Welt eingezwängt war, darum wanderte er ja so viel…

6.

Heimat wurde oft als politische Zielvorstellung missbraucht. Das war extrem bei den Nazis der Fall. Alle Nazi – Organisationen hatten letztlich das Ziel, die „Verwurzelung“ der „echten deutschen Herrenmenschen“ in ihrer Heimat durchzusetzen. Heute gibt es bezeichnenderweise in der rechtsradikalen Pegida Bewegung auch „Heimatschutz“ Leute. Nils Minkmar schreibt in „Spiegel Essay“: „Für die Nationalsozialisten war Heimat ein Bollwerk gegen alles Fremde, Städtische, Andersartige. Wer heute über Heimat reden will, muss daher diese unselige Verklärung von Natur und Gemeinschaft kennen“. Wie viele Nazi-Propaganda Filme hatten eigentlich das Wort Heimat im Titel?

Nebenbei: Seit Mitte der fünfziger Jahre nutzte auch die allein herrschende SED den Heimat – Begiff für ihre Propaganda, um irgendwelche heimatlichen Gefühle der DDR Bevölkerung zu wecken. „Bauen wir die Heimat“ auf, hieß es im bekannten „Choral“ der FDJ, den Erich Honecker noch als Greis mit erhobener Faust sang. Bis 1961 verließen viele DDR Deutsche sehr gern diese erzwungene Heimat.

7.

Heutige Politiker in Deutschland, wenn sie nicht ganz ungebildet sind, kennen natürlich diese heftigsten Verbindungen des Heimat-Begriffes mit der Nazi-Ideologie. Natürlich darf man nicht alle Begriffe, weil von Nazis verdorben, beiseite legen. Aber die inhaltlichen Bestimmungen des Heimatbegriffs sind so eng, so miefig, dass der Begriff besser heute nicht mehr verwendet werden sollte. Zumal wir erleben, dass Menschen mehrere Heimaten haben bzw. als Flüchtlinge haben müssen. Heimat ist also der Ort, wo ich, wo wir menschlich leben können, dies muss nicht eine bestimmte Stadt, die Geburtsstadt, sein. Wenn Heimat als der Ort der Geburt und der Kleinfamilie definiert wird, ist sie automatisch etwas sehr Statisches, nicht Entwicklungsfähiges, nicht Lebendiges.

8.

Aber „Heimatfans“ schüchtern ihre Kritiker gern ein, indem sie von dem „Wesen des Menschen“ schwärmen, der nun einmal „seinen heimatlichen Platz“ braucht etc. Aber: Heimatpropaganda ist etwas andere als die vernünftige Anerkennung, dass Menschen kulturelle und sprachliche Herkünfte haben.

9.

Die naturwüchsige Heimatbindung, kritisch reflektiert, soll überwunden werden, über die naturhaften, sozusagen automatischen “Heimat“ – Bindungen sollen wir ins Offene gelangen, Teil der „einen“ Menschheit werden. Wir sind eben nicht nur Niederbayern oder Ostfriesen, sondern auch Menschen dieser EINEN Menschheit, die den Menschenrechten zu entsprechen haben und nicht nur den hübschen kulturellen und kirchlichen Bräuchen unserer Region, man denke an die Tier – und Autosegnungen im katholischen Raum. Nebenbei: Katholische homosexuelle Paare werden nicht katholisch gesegnet, hingegen Handys und Walrösser, wie kürzlich vom Hamburger Erzbischof vollzogen…

Das miefige Milieu der Heimatverbundenen kann tödlich sein, das hat der Film „Jagszenen aus Niederbayern“ einst gut herausgearbeitet. Und philosophisch hat Martin Heidegger in seinem späteren Werk, seit 1930, gezeigt: Die ihm eigene philosophisch behauptete Heimatliebe ist auch im Denken regressiv, sie führt zu Bindungen an ein ereignishaften SEYN, dessen Schickungen sich niemand entziehen kann. Sehr viele Briefe, etwa an den Theologen Bernhard Welte, hat Heidegger noch in den fünfziger Jahren „mit landmannschaftlichen Grüßen“ unterzeichnet. Und er hat in seinen „Schwarzen Heften“ sich unverfroren und seelisch erkaltet zur NSDAP Ideologie bekannt. Als Heimatfreund fiel ihm in den Jahren der Ausrottung der Juden nichts ein, kein Bedauern, kein Protest, kein Schmerz. Seinem Bruder Fritz hingegen gratulierte er immer zum Namenstag und schrieb Erbauliches aus der Familie. Kein Wort des Heimatfreundes Heidegger aus seiner behaglichen Schwarzwald-Hütte zur Judenverfolgung, zum tausendfachen Morden und Metzeln in dem von Deutschen losgetretenen Krieg! Heidegger ist das klassische Beispiel, wie Heimatliebe zu einer gewissen geistigen Starre führt, milde ausgedrückt.

10.

Horst Seehofer CSU soll nun Minister eines sehr aufgeblähten Innenministeriums werden. Er soll ausdrücklich die Pflege der Heimat fördern, gleichzeitig aber auch die Sicherheitsaufgaben und Flüchtlingsintegration (!) betreuen, auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt soll der Heimatminister/Innenminister fördern. Es ist bezeichnend, dass in dieser Zeit der viel besprochenen Flüchtlingskrise ein Heimatministerium eingerichtet wird! Für wen eigentlich? Für die AFD Wähler, damit sie sehen: Auch die CSU liebt unsere Berge und Weiden und Kühe. Und die Deutschen im allgemeinen sollen wissen: Meine kleine Heimat ist so unglaublich wichtig und wert zur Verteidigung, genau so wichtig, wie die „Kleine Kneipe in unserer Straße, wo das Leben noch lebenswert war“, wie es in einem alten beliebten Schlager heißt. Kurz: Die Idylle soll wiederkehren und mit ihr letztlich auch die Nation, die man ja als Summe vieler regionaler Heimaten verstehen kann. Es wird also von Heimat gefaselt, gemeint ist aber das Erstarken der Nation (trotz aller formalen und wirkungslosen Bekenntnisse in Deutschland zu Europa und seinen – abendländischen – Werten). Die Nation aber muss sich wehren, Nation ist immer tendenziell schon Nationalismus und damit Krieg, das ist evident. Heimat bereitet also Nationalismus vor, bzw. verstärkt ihn auf die süße romantische Art. Die AFD und auch Gruppen in der CDU/CSU denken bereits nationalistisch, das macht die Situation in Deutschland und Europa so gefährlich…

11.

Soll der neue Heimat/Bundesinnenminister aus Oberbayern etwa (neue) Heimat schaffen? Oder ist nur gemeint, dass die ökonomisch und kulturell „abgehängten“ Regionen und Provinzen stärker gefördert werden sollen? Das wäre ja sinnvoll. Dabei ist es aber   problematisch, immer wieder zu hören: Diese armen ländlichen Regionen seien eigentlich so etwas wie der Inbegriff von Heimat. Und man wolle diesen armen, „abgehängten“ Menschen etwa in der nördlichen Oberpfalz oder in Franken, in Pommern oder in der Oberlausitz, wieder echte Lebensaussichten und Arbeitsaussichten und damit Heimatgefühle gewähren. Aber was vermag ein solcher Heimatminister angesichts der politisch schon nicht mehr kontrollierbaren Macht der internationalen Konzerne? Kann der Heimatminister für die Heimat verbundenen Franken etwa Arbeit beschaffen, sie vor dem Pendler Dasein ins ferne Nürnberg oder München bewahren? Und vor allem, wenn man schon den Heimat begriff noch mal politisch abklopft: Haben denn Menschen in Großstädten etwa keine „Heimatgefühle“? Werden im Zuge der Vertreibung von Mietern durch Investoren nicht auch Heimatvertriebene in einer Stadt wie Berlin erzeugt? Etwa der Rentner, der seit Jahrzehnten in Prenzlauer Berg wohnt, nun aber nach Modernisierung und damit Unbezahlmachung seiner Wohnung etwa ins ferne und fremde Spandau umziehen muss? Wenn das überhaupt klappt und die Heimatvertriebenen in den Großstädten nicht auf der Straße landen. Es gibt „Heimatvertriebene“ heute aus den angestammten Bezirken der Großstädte. In Paris haben die Reichen Jahrzehntelang ihre ärmeren angeblichen Mit – Bürger der Metropole Paris aus der Stadt vertrieben und in die Weite der hässlichen und grausamen Banlieue geschickt. Dort kocht die Wut der Vertriebenen, zurecht…, aber bislang wirkungslos.

12.

Was ist das eigentlich ein deutscher „Heimat“ – Staat für die Deutschen, wenn dieser Staat vielen tausend Menschen, Bürgern und europäischen Gästen und Flüchtlingen, keinen Wohnraum bietet und sie auf den Straßen leben und frieren lässt? Wie wagen es Politiker überhaupt noch, sich sozial und christlich zu nennen, angesichts der Unfähigkeit, wenigstens Menschen in Deutschland menschenwürdig leben und wohnen zu lassen, also die viel behauptete „Heimat“ zu bieten?

13.

Heimat ist heute ein gefährlicher, ein ideologisch aufgewärmter Begriff der Romantik, sehr gelegentlich für träumerische Reisen bei Schubert Liedern ganz hübsch. Aber dann muss doch wieder die Vernunft herrschen: Heimat ist heute ein politisch reaktionärer Begriff. Ein Begriff, der Nation meint. Das ist der Kern der Debatte..

14.

Wir sollten unsere Heimat als humanes Miteinander pflegen, in unseren Sprachen, in der miteinander geteilten Kunst, in der Gesellschaft der „vielen“ Kulturen. Möglicherweise auch in den Gemeinden der Religionsgemeinschaften und Kirchen, wenn sie sich nicht ihrerseits auch „heimatlich“ abschließen und „die anderen“ zwar nicht verbal, aber de facto ausgrenzen.

15.

Darüber sollte weiter diskutiert werden: Heimat, die nicht in Nationalismus umschlägt, gibt es heute nur im kosmo-politischen Denken und kosmopolitischen Leben.

 

 

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Schöne unbekannte Klänge: Chinesische Musik in Berlin

Ein Konzert zum Chinesischen Neujahrsfest 2018 mit Muhai Tang in Berlin

Ein Hinweis von Christian Modehn

Wie viele interessierte, gebildete Europäer kennen und schätzen die chinesische Musik, die klassische Gestalt dieser Musik? Also nicht die aktuellen Songs, Schlager (?), die man in chinesischen Restaurants in Deutschland als Geräuschkulisse nebenbei hört? China wird auch ökonomisch immer wichtiger. Aber wer kennt die Kulturen Chinas? Die Kenntnis der Philosophien soll jetzt auch an der FU Berlin vertieft werden mit einem „deutsch – chinesischen Alumni – Netzwerk“.

Aber bleiben wir bei der Musik: Wer etwa das durchaus kompetente und gut gestaltete großformatige „Das Reclam Buch der Musik“ , 514 Seiten stark, Ausgabe von 2001, aufschlägt, wird mit 50 (fünfzig) Zeilen über „Musik in China“ abgefertigt, S. 478 f. Der viel besprochene „Eurozentrismus“ ist hier einmal mehr sichtbar.

Umso mehr verdient es viel Anerkennung und Beachtung, dass anlässlich des Chinesischen Neujahrsfestes das berühmte „Shanghai Chinese Orchestra“ in mehreren Städten Deutschland chinesische Musik präsentierte unter Leitung des hierzulande bekannten Dirigenten Muhai Tang. Das Programm in der Berliner Philharmonie am 19.2. 2018 hat zweifellos viele Besucher begeistert. Leider blieben etliche Sitzplätze leer, Ausdruck des eurozentrischen Vorurteils?

Die musikalische Leistung fand ich hervorragend, mich überraschte, wie schnell es Wechsel und Sprünge gab von einer eher meditativ sanften Phase in eine beinahe bombastisch erscheinende, durchaus dröhnende Lautstärke. Ist das chinesische Dialektik, musikalisch ausgedrückt? Mit Fragen verließ ich das Konzert, und das ist auch gut so für weiteres Forschen.

Vom Moderator hätte ich mir mehr musikwissenschaftliche Erklärungen gewünscht. Denn viele Besucher werden die alten Instrumente wohl nicht nur zum ersten Mal gesehen, sondern als sichtbar vor Augen auch gehört haben. Was für ein Erlebnis, allein die Solisten an diesen Instrumenten zu erleben. Ich fragte mich, welche Rolle denn der – im Konzert eingesetzte – (europäische ) Flügel in der (klassischen) chinesischen Musik spielt? Die Jesuiten am Pekinger Kaiserhof im 17. Jahrhundert haben dieses Instrument noch nicht mitbringen können. Aber sie machten dort eine Melange aus chinesischer und europäischer Musik, die leider (hier) kaum aufgeführt wird…

Der glanzvolle Dirigent war der auch in Deutschland, vor allem in Berlin, schon bekannte Dirigent Muhai Tang. Geboren in Shanghai, begann er seine internationale Karriere mit Herbert von Karajan 1983 in Berlin, seitdem ist er in vielen Ländern hoch geschätzt. Muhai Tang dirigierte das berühmte „Shanghai Chinese Orchestra“. Er betonte in einem Interview zu diesem aktuellen Anlass: „Tatsächlich habe ich durch mein Studium in Europa auch eine neue Perspektive auf meine eigene Kulturgeschichte entwickelt. Als chinesische Künstler sollten wir ein neues Selbstverständnis entwickeln, wenn wir uns mit Europäern über Kunst und Kultur austauschen, wir sollten Wissenslücken gegenseitig stopfen, das Verständnis untereinander pflegen und voneinander lernen. Es gibt noch nicht viele westliche Musiker, die sich in der chinesischen Musik auskennen – aber wir selbst dürfen auch nicht das Gefühl haben, der Westen sei uns überlegen. Die letzten Jahrzehnte haben da schon einen Riesenfortschritt gebracht. Die vor uns liegenden Konzerte der aktuellen Tournee zum chinesischen Neujahr sind da ganz wichtig, der Welt auch ein neues kulturelles Selbstverständnis Chinas darzustellen“.

Die Musik zum Chinesischen Neujahrsfest 2018 wurde von den „China Tours“, Deutschlands wichtigem Spezialisten für China-Reisen, und der Wu Promotion, Chinas führender Konzertagentur, präsentiert.

Im kommenden Jahr, so mein Wunsch, sollte vielleicht schon im Umfeld der Aufführungen über die Vielfalt klassischer chinesischer Musik informiert werden.

Dabei kann man sich schon heute auf einige wesentliche Worte von Konfuzius über die Musik einstimmen, Worte des chinesischen Philosophen, die in China und in der ganzen Welt Beachtung finden sollen: „Die Musik ist es, woran die Heiligen sich freuen, und man kann damit die Gesinnung der Menschen bessern! Sie beeinflusst die Menschen tief, sie ändert die Bräuche und wandelt die Gewohnheiten. Darum bewirkten die früheren Könige durch sie ihre Erziehung“.

Das Zitat ist dem Buch „Weisheit und Ritual. Die Geschichte des Konfuzianismus“ von Daniel K. Gardner entnommen, erschienen im Reclam Verlag 2016, als Übersetzung aus dem Englischen. Das Zitat steht auf Seite 41f.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Sollen wir an der Idee des Fortschritts auch heute festhalten? Fragen an Prof. Wilhelm Gräb

Weiterdenken:

Die Fragen stellte Christian Modehn.

Der Begriff Fortschritt hat heute in Europa, aber nicht nur dort, keinen guten Klang. Zu deutlich werden etwa die Nachteile des industriellen „Fortschritts“ gesehen, z.B. bei Adorno und Horkheimer. Sehr berechtigt ist sicher die Kritik an der pauschalen Ablehnung der Vergangenheit in zweifelsfrei dummen Fortschrittssprüchen „Vorwärts immer, rückwärts nimmer…“. Aber ist die heute so offensichtliche Ablehnung „des“ Fortschritts nicht zu wenig differenziert? Sollte man nicht immer sagen, in welcher Hinsicht, Rücksicht, es doch auch heute noch Fortschritt gibt und geben sollte?

Die Kritik des Fortschritts lebt ja tatsächlich immer noch von den Motiven, die Adorno und Horkheimer in der „Dialektik der Aufklärung“ (1944) während ihres amerikanischen Exils und unter dem Eindruck der totalitären Herrschaft der Nazis gegen das allein auf den ökonomisch-militärischen Komplex gerichtete Fortschrittsdenken vorgebracht haben. Die Kritik des Fortschritts gilt seither, und das zurecht, einer oft rücksichtslosen, von Wissenschaft, Technik und kapitalistischer Ökonomie vorangetriebenen Naturbeherrschung, der alles, schließlich auch die arbeitenden Menschen, zu Mitteln für Zwecke wird, die selbst kein Gegenstand von Reflexion, Diskussion und Kritik mehr sind. Diese Fortschrittskritik ist nach wie vor berechtigt, als Kritik einer „instrumentellen Vernunft“, die sich dominant an technischen Neuerungen und ökonomischen Produktivitätsraten orientiert, aber die Fragen nach dem allgemeinen Wohl und die desaströsen Folgen des ungehemmten Ressourcenverbrauchs für die nachkommenden Generationen ausklammert.

Diese Kritik ist ja auch in Öffentlichkeit und Politik angekommen. Obwohl der Begriff des Fortschritts immer noch vor allem an ein „immer mehr“, „immer größer“ „immer besser“, „immer weiter“ denken lässt, hat in gesellschaftliche Debatten durchaus Eingang gefunden, dass es neben Wissenschaft, Technik und Ökonomie weitere wichtige Dimension des Lebens gibt, wo Fortschritte im Sinne von Verbesserungen durchaus wünschenswert sind und zurecht auch angestrebt werden.

Der Fortschritt in Wissenschaft, Technik und Ökonomie ist ja auch gar nicht aufzuhalten. Was wir daher brauchen, sind gesteigerte Aktivitäten und Reflexionen dort, wo es darum geht, was wir mit all den Fortschritten in Wissenschaft, Technik und Ökonomie anfangen, somit, wie wir eigentlich leben wollen.

Fortschritte der diskursiven und moralischen Vernunft braucht es. Für sie sollten wir uns engagieren, was viele ja auch tun, dort, wo die ökologische Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftens zur Debatte steht, die Steigerung der Lebensqualität auch der bislang Marginalisierten, die weltweite Durchsetzung der Menschenrechte, die Achtung vor der unverletzlichen Würde jedes Menschen. Es ist schon einiges geschehen, denken wir an die gesetzliche Abschaffung der Sklaverei und die Ächtung der Folter. Aber es ist eben noch längst nicht genug geschehen und der Rassismus lebt wieder neu auf, auch in unserem Land.

Wir leben in einem Europa, in dem populistische Parteien die demokratischen Werte von Toleranz, Meinungsvielfalt, kritische Kultur in den Dreck ziehen, also Resultate der fortschrittlichen Aufklärungsphilosophie schlecht machen. Wie können die bei Vernunft gebliebenen Europäer diese Werte gegen die Reaktionären verteidigen?

Genau dadurch, dass wir einen Fortschritt reklamieren, wie ihn G.F.W. Hegel in kritischer Bezugnahme auf die Aufklärung und die Französische Revolution aufgefasst hat, dass nämlich jetzt der „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ alle unsere Anstrengungen verlangt. Es gilt die Errungenschaften einer liberalen demokratischen Kultur zu verteidigen, dafür einzutreten, dass Individualität und Pluralität respektiert werden, Fremde willkommen geheißen, Toleranz gegenüber anders Denkenden und anders Glaubenden praktiziert wird.

Die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ (1948) war die Reaktion der Weltgemeinschaft auf die Barbarei und die Gräueltaten der Nationalsozialisten. Ohne den „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“, die Achtung der unverletzlichen Würde eines jeden Menschen und die Anerkennung des jedem und jeder zukommenden Rechts auf ein selbstbestimmtes Leben, wird unsere Gesellschafft die Offenheit, Integrationsfähigkeit und Veränderungsdynamik, die sie bislang auszeichnet und so lebenswert macht, nicht nur nicht steigern können, sondern zunehmend verlieren.

Die uns heute bedrängende und die medialen Debatten bestimmende Frage ist denn auch, gerade nach der Bundestagswahl am 24.9.2017, wie der tief sitzenden Fremdenangst begegnet werden kann. Auch da wird die Antwort in Richtung eines nötigen Fortschritts im Bewusstsein der Freiheit liegen. Aufgabe der Politik ist es, Fortschritte dort zu erzielen, wo es gilt, die strukturellen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Menschen sich nicht abgehängt fühlen, dass sich ihnen Chancen der Beteiligung an gesellschaftlichen Entscheidungen eröffnen und Chancengleichheit erreicht wird.

So jedenfalls meine Hoffnung: Wenn Menschen sich mit ihrem eigenen Leben und ihrer Lebensleistung anerkannt erfahren, verlieren sie die Angst vor den Fremden. Diese werden nicht mehr als unbotmäßige Eindringlinge, sondern als Bereicherung wahrgenommen.

Auch in den Kirchen gibt es und gab es in den letzten Jahrzehnten gewisse Fortschritte: Man denke an die Anerkennung antisemitischer Traditionen in der Theologiegeschichte; man denke an einige Reformen im römischen Katholizismus, wie die Anerkennung der Religionsfreiheit. Sie persönlich sind immer für weitere, auch dogmatische Reformen eingetreten: Welche Fortschritte in der Hinsicht wären Ihrer Meinung nach heute für die Kirchen dringend geboten?

Natürlich hängt es sehr von der jeweils eigenen religiösen und theologischen Position ab, ob bestimmte Entwicklungen als „Fortschritt“ oder als Irrweg angesehen werden. Ich selbst vertrete in der Tat die Auffassung, dass die entscheidenden Impulse zur Befreiung der Kirchen aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit dem Geist der philosophischen und theologischen Aufklärung entspringen. Die Anregungen dazu, den christlichen Wahrheitsabsolutismus aufzugeben, den Wahrheitsanspruch anderer Religionen anzuerkennen, die Menschenrechte zu achten, unabhängig von rassischen, ethnischen und religiösen Zugehörigkeiten, das alles verdankt sich Impulsen der Aufklärung.

Es gilt auch, die von Adorno / Horkheimer diagnostizierte „Dialektik der Aufklärung“ zu sehen. Aber die Konsequenz darf eben nicht sein, dabei ihre befreienden, auch die Kirchen fortschrittlich verändernden Effekte zu verkennen. Die Aufklärung leitete Prozesse der Umformung von Theologie und Kirche in Richtung der Anerkennung individueller Selbstbestimmungs- und Menschenrechte ein. Sie ermöglichte ein Verständnis des religiösen Glaubens, wonach dieser nicht die Anerkennung vorgegebener Satzwahrheiten (Dogmen) verlangt, sondern ein auf eigener Lebenserfahrung aufbauendes, vertrauensvolles Verhältnis zu Gott, dem Grund des Seins, bedeutet.

Das Verhältnis von Theologie, Religion und Politik ist allerdings kompliziert. Denn wie wir jetzt gerade wieder an Positionen in der katholischen Kirche sehen, es kann eine in der Flüchtlings- und Migrationsfrage sehr offene und vom Menschenrechtsdenken beeinflusste theologische Haltung mit einer schroffen Ablehnung des Selbstbestimmungsrechts in religiösen und ethischen Fragen – wie etwa der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft – einhergehen. Es können unter Umständen ganz konservative, an alten Dogmen wie der Erbsündenlehre oder der Lehre vom stellvertretenden Opfertod Christi orientierte theologische Positionen dennoch mit einer Politik der Befreiung aus ökonomischer Unterdrückung und Ausbeutung korrelieren.

Ein Fortschritt in theologischer und religiöser Hinsicht liegt jedoch m.E. immer dann vor, wenn sich die Einsicht durchsetzt, dass ein souveräner Glauben möglich ist, der nicht autoritätshörig von anderen übernommen wird oder lediglich kirchlichem Gebot folgt. Dann verdankt er sich der Begegnung mit Menschen, die im Geist der Freiheit engagiert sind. „Christlich Glauben“ verlangt keine autoritätshörige Anerkennung von Satzwahrheiten und starren moralischen Gesetzen, sondern führt in die aktive Teilhabe an der von Jesus ausgehenden, der Erniedrigung des Menschen ein trotziges und mutiges Hoffnungsversprechen entgegensetzenden Befreiungsgeschichte.

Sie sind auch mit Studien über die Kirchen und Theologien in Afrika beschäftigt, etwa in Ghana. Dort erleben Sie einerseits, wie der ganze Müll und Dreck aus europäischer Computer – Technologie in Ghana miserabel entsorgt wird und wie die landesüblichen landwirtschaftlichen Strukturen dort durch europäische Importe (etwa von europäischem, meist aber minderwertigem (Hühner)Fleisch) zerstört werden. Wie können Sie sich erklären, dass so viele Menschen in Ghana doch immer noch so viel Interesse an einem doch letztlich europäisch geprägten Christentum haben?

Das ist eben nicht so! Das Christentum in Afrika ist längst nicht mehr von den europäischen Missionskirchen geprägt. Was die christlichen Kirchen in Afrika wachsen lässt und zur stärksten gesellschaftlichen Kraft macht, hängt eng damit zusammen, dass sich in den letzten 50 Jahren ein indigenes afrikanisches Christentum gebildet hat. Höchst lebendig sind zwar auch die traditionellen Missionskirchen, dies aber inzwischen vor allem deshalb, weil sie ebenfalls viel von der traditionellen afrikanischen Religionskultur und auch von den Pfingstkrichen übernommen haben.

Den pfingstlichen, charismatischen und Unabhängigen afrikanischen Kirchen (AICs) gelingt es jedoch noch viel besser, die christlichen Vorstellungen vom Heiligen Geist als unwahrscheinlicher Lebenskraft sowie das Vertrauen auf Jesus als geistbegabtem und über himmlische Kräfte verfügendem Heiler mit der die afrikanischen Kultur prägenden Weltansicht zu verbinden, in der böse und gute übernatürliche Mächte die erfahrbare Wirklichkeit durchdringen und miteinander ringen.

Mit unseren europäischen Augen mag uns vieles an dieser Religionskultur fremd erscheinen, vor allem dann, wenn wir uns von einer allzu verstandesmäßig und eindimensional verstanden Aufklärung (orientiert an der instrumentellen Vernunft) leiten lassen. Und es gibt auch nicht wenige Theologen, sowohl bei uns wie an afrikanischen Universitäten (wenn auch mit unterschiedlichen Wertungen auf den beiden Seiten), die diese afrikanische, von einem ganzheitlichen Menschen- und Weltbild geprägte, Spirituelles und Materielles verbindende Religionskultur in einem harten Gegensatz sehen zur europäischen, die historische Kritik der Bibel betreibenden und an die vernünftige Einsicht appellierenden Theologie. Gerne wird von afrikanischen Theologen ein direkter Zusammenhang behauptet zwischen dem die europäische Kultur dominierenden wissenschaftlich-technischen Rationalismus und den von Ihnen, mit ihrer Frage angedeuteten, nach wie vor verheerenden Folgen des europäischen Imperialismus und Kolonialismus.

Ein Zusammenhang ist da auch nur schwer zu bestreiten. Und dennoch gibt es interessante, bislang allerdings viel zu wenig diskutierte Gemeinsamkeiten zwischen einer aus der Aufklärung hervorgegangen rationalen, liberalen Theologie und den pentekostalen, charismatischen Kirchen, die in Afrika die meisten Menschen, und dabei besonders die Armen und Benachteiligten, erreichen. Diese Gemeinsamkeiten liegen nicht im theologischen Ausdruck des Glaubens, nicht auf der dogmatischen, lehrhaften Ebene und auch die moralischen Normen sind oft ziemlich rigide. Nimmt man nur die Satzwahrheiten, stößt man in der Tat auf harte Unterschiede.

Die Gemeinsamkeiten können wir hingegen sehen, wenn wir darauf achten, wie stark sowohl die rationale, liberale Theologie wie die pentekostalen, charismatischen Kirchen den Erfahrungsbezug des Glaubens betonen, damit die befreiende, zur Selbstbestimmung und vor allem Selbstentfaltung befähigende Kraft, die von ihm ausgeht. Gerade dann, wenn wir, belehrt durch die riskante Dialektik der Aufklärung, den jetzt notwendigen Fortschritt in der Ermächtigung zum Bewusstsein der Freiheit erkennen, in der Befähigung von Menschen, die Verbesserung ihrer sozialen und ökonomischen Lage selbst in die Hand zu nehmen, können die rationale, liberale Theologie und die pfingstlich-charismatische Bewegung durchaus zusammenfinden.

Unter dem Label einer „Befreiungstheologie“ hat man diese Zusammenhänge verschiedentlich auch zu erfassen unternommen, zumeist leider jedoch ohne die Religion der pfingstlichen und charismatischen Kirchen wirklich zu würdigen. Die „Befreiungstheologen“ grenzen sich in der Regel sowohl von der liberalen Theologie wie von den Pfingstkirchen ab. Die Pfingstkirchen bezichtigen sie, ein primär am ökonomischen Fortschritt interessiertes „Prosperity Gospel“ zu predigen. So verkennen sie, dass viele von ihnen eine ganzheitliches, auf ein erfülltes Leben ausgehendes Verständnis des Evangeliums (Human Florishing) propagieren und einen Fortschritt wollen, der auf die Förderung sowohl des spirituellem wie des materiellem Wohlergehens zielt. So treten sie, als Stimme der Armen, für mehr Chancengleichheit und Befähigungsgerechtigkeit ein.

In ihrer Kritik der rationalen, liberalen Theologie übersehen die „Befreiungstheologen“ gern deren Insistieren auf der erfahrungsbasierten und Lebensgewinn verschaffende Kraft des Glaubens, verkennen das transformative Potential, das der Religion im Unterschied zur Moral innewohnt.

Diese Antwort ist jetzt etwas allzu lang ausgefallen, aber das liegt daran, dass ich von meinen Feldforschungen bei den pfingstlichen und charismatischen Kirchen in Ghana noch ganz erfüllt bin. Vielleicht können wir diesem Thema bald mal noch ein weiteres Interview widmen.

Copyright: Prof. Wilhelm Gräb, Berlin

 

Philosophie in Lateinamerika: Das umfassende Kompendium liegt vollständig vor.

Dies ist eine kleine Sensation, die in Deutschland endlich Aufmerksamkeit – auch bei den Verlagen – finden sollte: Nach 30 Jahre dauernder Arbeit liegt die 34 Bände umfassende Enzyklopädie zur iberoamerikanischen Philosophie jetzt (Anfang Juli 2017) vollständig vor! Mehr als 500 Autoren haben an diesem umfassenden und von nun an wohl maßgebenden Werk mitgearbeitet. Die Enzyklopädie bietet Darstellungen zu den klassischen philosophischen Disziplinen, aber auch zur Philosophie etwa der Indigenas sowie zur „Philosophie der Philosophie“. Der Philosoph Reyes Mate hat das Projekt von Anfang an inspiriert und betreut. Wir werden auf dieses grundlegende Buch später ausführlicher zurückkommen. Zunächst also nur der Hinweis, dass der Blick europäischer Philosophie sich immer mehr weitet in die Philosophien außerhalb Europas, selbst wenn diese, wie im Falle Lateinamerikas,  europäische Impulse stark in sich bergen. Auf die wichtige und durchaus eigenständige lateinamerikanische Philosophie der Befreiung (inspiriert von Prof. Enrique Dussel, Mexiko) wurde schon früher empfehlend hingewiesen!

Enciclopedia Iberoamericana de Filosofia. Editorial Trotta y Consejo Superior de Inverstigationes Cientificas. 34 Bände, sie kosten zusammen 657,40 Euro.

Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer: Der Jahresreport 2016 von Amnesty International. Eine Pflichtlektüre!

Welche Geltung haben Menschenwürde und Menschenrechte heute? Amnesty International (A.I.) veröffentlicht dieser Tage einen Jahresrückblick 2016 zu dem Thema. Und dieser ist nicht nur Erinnerung; die widerwärtigen Fakten von 2016, aus weitesten Kreisen der Politik so vieler (sich oft noch demokratisch nennender) Staaten bestimmen noch das Leben im Februar 2017 und danach. Amnesty International lenkt die Aufmerksamkeit auf die wirklich dringenden Themen der Gegenwart. Wer sie verstehen will, sollte diesen Beitrag lesen. „Die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer“, betont Amnesty International. Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin. Bitte besuchen auch die A.I. Website, bitte hier klicken.

Von Salil Shetty, internationaler Generalsekretär von Amnesty International

Die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, wurde 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Für Millionen Menschen war 2016 ein Jahr anhaltenden Elends und unablässiger Angst, weil Regierungen und bewaffnete Gruppen Menschenrechte auf vielfältige Art verletzten. Syriens einst bevölkerungsreichste Stadt Aleppo wurde durch Luftangriffe und Straßenkämpfe in weiten Teilen dem Erdboden gleichgemacht, im Jemen gingen die grausamen Angriffe gegen die Zivilbevölkerung weiter. In Myanmar spitzte sich die Misere der Rohingya immer weiter zu, in Burundi und im Südsudan kam es zu massenhaften rechtswidrigen Tötungen. In der Türkei und in Bahrain gingen die Behörden brutal gegen Andersdenkende vor, während in weiten Teilen Europas und der USA Hassreden zunahmen – die Welt wurde 2016 finsterer und unsicherer.

Es herrschte eine enorme Kluft zwischen Rhetorik und Realität, zwischen dem, was notwendig gewesen wäre, und dem was tatsächlich getan wurde, die einen immer wieder fassungslos machte. Nirgends zeigte sich dies deutlicher als beim UN-Gipfel zu Flüchtlings- und Migrationsbewegungen im September 2016, als die teilnehmenden Staaten nicht in der Lage waren, eine angemessene Antwort auf die globale Flüchtlingskrise zu finden, die im Laufe des Jahres größer und dringlicher wurde. Während die Regierenden angesichts dieser Herausforderung versagten, saßen 75.000 Flüchtlinge in der Wüste im Niemandsland zwischen Syrien und Jordanien fest.

Die Afrikanische Union hatte für 2016 ein Jahr der Menschenrechte ausgerufen. Doch in diesem Zeitraum kündigten drei Mitgliedstaaten ihren Austritt aus dem Internationalen Strafgerichtshof an und torpedierten damit die Hoffnung auf eine Strafverfolgung völkerrechtlicher Verbrechen. Der sudanesische Staatspräsident Omar al-Bashir konnte ungehindert und straflos durch Afrika reisen, während seine Regierung in Darfur mit Chemiewaffen gegen die eigene Bevölkerung vorging.

Diskurs der Furcht und Uneinigkeit
Das möglicherweise größte der vielen politischen Erdbeben im Jahr 2016 war die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie folgte auf einen Wahlkampf, in dem Trump sich vielfach mit hetzerischen Äußerungen hervorgetan hatte, die von Frauen- und Fremdenfeindlichkeit geprägt waren. Er versprach, etablierte bürgerliche Freiheiten rückgängig zu machen und eine Politik zu betreiben, die der Wahrung der Menschenrechte in höchstem Maße zuwiderläuft.

Trumps vergiftete Wahlkampfrhetorik war nur ein Beispiel eines weltweiten Trend hin zu einer Politik, die auf Wut und Spaltung setzt. In vielen Ländern stützten sich Machthaber und Politiker zum Erhalt ihrer Macht auf einen Diskurs der Furcht und der Uneinigkeit und wiesen die Schuld für die tatsächlichen oder vermeintlichen Probleme ihrer Wählerschaft „den Anderen“ zu.

Trumps Vorgänger, Präsident Barack Obama, hinterließ in Bezug auf den Menschenrechtsschutz ein Erbe, das auch viele Fälle schweren Versagens umfasst. Dazu zählen die Ausweitung der geheimen CIA-Drohnenangriffe und die gigantische Massenüberwachungsmaschinerie, die der Whistleblower Edward Snowden öffentlich machte. Doch die Ankündigungen des neuen US-Präsidenten Trump lassen eine Außenpolitik befürchten, die sich über multilaterale Kooperationen hinwegsetzt und eine Ära vermehrter Instabilität und gegenseitigen Misstrauens einleitet.

Noch mangelt es an einem übergreifenden Diskurs, der die aufwühlenden Ereignisse des vergangenen Jahres einordnen könnte. Tatsache ist jedoch, dass die Weltlage zu Beginn des Jahres 2017 höchst instabil ist und wir voller Sorge und Unsicherheit in die Zukunft blicken.

Suche nach Sündenböcken
Vor diesem Hintergrund droht die Sicherheit der Werte, die in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte zum Ausdruck gebracht wurden, zu schwinden. Die Erklärung, die nach einem der blutigsten Kapitel der menschlichen Geschichte geschrieben wurde, beginnt mit den Worten: „Da die Anerkennung der angeborenen Würde und der gleichen und unveräußerlichen Rechte aller Mitglieder der Gemeinschaft der Menschen die Grundlage von Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt bildet (…)“.

Doch trotz der Lehren aus der Vergangenheit wurde die Idee der menschlichen Würde und Gleichheit, die Vorstellung einer Gemeinschaft der Menschen an sich, 2016 mit machtvollen Diskursen über Schuld, Angst und der Suche nach Sündenböcken heftig attackiert, und zwar von jenen, die versuchten, um jeden Preis an die Macht zu kommen oder an der Macht zu bleiben.

Die Verachtung dieser Ideale war offenkundig in einem Jahr, in dem die gezielte Bombardierung von Krankenhäusern in Syrien und im Jemen zur Routine wurde, in dem Flüchtlinge in Konfliktgebiete zurückgeschickt wurden, in dem die nahezu vollständige Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft in Bezug auf Aleppo an das Versagen in Ruanda 1994 und in Srebrenica 1995 erinnerte und in dem Regierungen in unzähligen Ländern weltweit massiv gegen Andersdenkende vorgingen.

Angesichts all dessen ist es alarmierend einfach, eine Schreckensvision der Welt und unserer Zukunft zu zeichnen. Die dringende und zunehmend schwierigere Aufgabe besteht jedoch darin, die globale Verpflichtung zu diesen grundlegenden Werten wiederzubeleben, von denen die Menschheit abhängt.

Zu den extrem beunruhigenden Entwicklungen 2016 zählen auch die Folgen eines neuen Handels, den Regierungen ihren Bürgern anbieten – sie versprechen ihnen Sicherheit und Wohlstand, wenn sie im Gegenzug dazu bereit sind, auf politische Teilhabe und bürgerliche Freiheiten zu verzichten.

Auf allen Kontinenten gingen Regierungen 2016 in drastischer Weise gegen Andersdenkende vor – manchmal offen und gewaltsam, manchmal subtiler und vermeintlich seriöser. Das Bestreben, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen, nahm weltweit zu, sowohl was den Umfang als auch die Intensität betraf.

Drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle
Die Ermordung der indigenen Menschenrechtsverteidigerin Berta Cáceres in Honduras im März 2016 machte exemplarisch deutlich, welche Gefahr Menschen droht, die sich mutig gegen mächtige staatliche und privatwirtschaftliche Interessen stellen. Nicht nur auf dem amerikanischen Kontinent, sondern auch andernorts werden couragierte Menschenrechtsverteidigerinnen und -verteidiger, die auf die Konsequenzen von Ressourcenabbau und Infrastrukturprojekten für Mensch und Umwelt hinweisen wollen, von Regierungen häufig als Bedrohung der wirtschaftlichen Entwicklung abgetan. Berta Cáceres, die sich für die lokale Bevölkerung und deren Land eingesetzt und zuletzt gegen ein Staudammprojekt gekämpft hatte, erhielt für ihr Engagement weltweit Anerkennung. Von den Mördern, die sie zuhause töteten, geht ein furchteinflößendes Signal an andere Aktivisten aus, insbesondere an diejenigen, die international nicht so bekannt sind wie Berta Cáceres.

In vielen Teilen der Welt zogen Regierungen Sicherheitsgründe heran, um ihr drastisches Vorgehen gegen Oppositionelle zu rechtfertigen. In Äthiopien töteten Sicherheitskräfte Hunderte Protestierende und nahmen Tausende Menschen willkürlich fest, die überwiegend friedlich gegen rechtswidrige Landenteignungen in der Region Oromia demonstriert hatten. Die äthiopische Regierung nutzte das Antiterrorgesetz, um radikal gegen Menschenrechtsaktivisten, Journalisten und Oppositionspolitiker vorzugehen.

In der Türkei verschärfte die Regierung im Zuge des Ausnahmezustands nach dem Putschversuch im Juli 2016 ihr hartes Vorgehen gegen regierungskritische Stimmen. Sie entließ mehr als 110.000 Beschäftigte des öffentlichen Dienstes aufgrund angeblicher „Verbindungen zu terroristischen Organisationen oder Bedrohung der nationalen Sicherheit“, hielt 118 Journalisten in Untersuchungshaft und verfügte willkürlich die endgültige Schließung von 184 Medienunternehmen.

Im Nahen Osten und in Nordafrika war die Unterdrückung von Andersdenkenden endemisch. In Ägypten inhaftierten die Sicherheitskräfte willkürlich mutmaßliche Unterstützer der verbotenen Muslimbruderschaft sowie andere Regierungskritiker und Oppositionelle, folterten sie und ließen sie „verschwinden“. Die Behörden Bahrains gingen massiv gegen Regierungskritiker vor, indem sie diese mit zahlreichen Anklagen wegen Gefährdung der nationalen Sicherheit überzogen. Im Iran warfen die Behörden Kritiker ins Gefängnis, zensierten alle Medien und verabschiedeten ein neues Gesetz, das praktisch jede Kritik an der Regierung und ihrer Politik unter Strafe stellt.

In Nordkorea intensivierte die Regierung ihre bereits extreme Unterdrückung der Bevölkerung durch die verschärfte Kontrolle der Kommunikationstechnologie. Häufig waren die strengen Maßnahmen ein Versuch, Regierungsversagen zu kaschieren, so zum Beispiel in Venezuela, wo die Regierung lieber Kritiker zum Schweigen brachte als die humanitäre Krise zu bekämpfen, die weiter eskalierte.

Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt
Außer direkten Bedrohungen und Angriffen war zu beobachten, wie etablierte bürgerliche und politische Freiheiten im Namen der Sicherheit schleichend beschränkt wurden. So wurde zum Beispiel in Großbritannien ein neues Überwachungsgesetz verabschiedet, das die Befugnisse der Behörden erheblich ausweitet. Sie können künftig die digitale Kommunikation und Daten abfangen, einsehen, zurückhalten oder in anderer Weise manipulieren, ohne dass ein stichhaltiger Verdacht gegen eine Person vorliegt. Indem Großbritannien eines der weltweit umfangreichsten Massenüberwachungssysteme einführte, näherte sich das Land einer Realität an, in der das Recht auf Privatsphäre schlicht nicht mehr anerkannt wird.

Der möglicherweise bösartigste Angriff auf die Menschenrechte bestand jedoch darin, dass Machthaber und Politiker zur Rechtfertigung ihrer repressiven Maßnahmen „die Anderen“ für tatsächliche oder vermeintliche soziale Probleme verantwortlich machten. Mit hasserfüllter, spaltender und hetzerischer Rhetorik bedienten sie die finstersten Instinkte der menschlichen Natur. Indem sie bestimmte Gruppen, häufig ethnische oder religiöse Minderheiten, kollektiv für soziale und wirtschaftliche Missstände verantwortlich machten, bereiteten sie den Weg für Diskriminierung und Hassverbrechen, insbesondere in Europa und den USA.

Eine Variante dessen stellte der eskalierende „Antidrogenkrieg“ des philippinischen Präsidenten Rodrigo Duterte dar, der unzähligen Menschen das Leben kostete. Staatlich angeordnete Gewalt und Massentötungen durch Bürgerwehren forderten mehr als 5000 Tote, nachdem der Präsident mehrmals öffentlich erklärt hatte, dass Personen, die mutmaßlich in Drogenverbrechen verwickelt seien, getötet werden sollten.

Selbsternannte „Anti-Establishment“-Vertreter, die behaupteten, an sozialen und wirtschaftlichen Missständen seien sogenannte Eliten, internationale Organisationen und „die Anderen“ schuld, boten die falschen Rezepte an. Das Gefühl der Unsicherheit und Entrechtung, das sich aufgrund von Arbeitslosigkeit, unsicheren Arbeitsverträgen, wachsender sozialer Ungleichheit und dem Verlust staatlicher Versorgungsleistungen bei vielen Menschen einstellte, erfordert ein entschlossenes Handeln, Ressourcen und einen Politikwechsel der Regierungen, anstatt einfach nach Sündenböcke zu suchen.

Es war offensichtlich, dass viele desillusionierte Menschen weltweit die Antworten nicht in den Menschenrechten suchten. Doch die Ungleichheit und Vernachlässigung, die der Wut und Frustration zugrunde lag, war zumindest teilweise darauf zurückzuführen, dass Staaten die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte ihrer Bürger nicht schützten.

Ganz normale Heldinnen und Helden
Doch 2016 war in mancherlei Hinsicht auch die Geschichte von Menschen voller Mut, Widerstandskraft, Kreativität und Entschlossenheit angesichts immenser Herausforderungen und Bedrohungen.

Auf allen Kontinenten gab es Beispiele dafür, dass Menschen auch immer Mittel und Wege finden, sich zu widersetzen und sich Gehör zu verschaffen, auch wenn staatliche Machtapparate sie unterdrücken. So gelang es Aktivisten in China trotz systematischer Drangsalierung und Einschüchterung, online an den Jahrestag der Niederschlagung der Proteste auf dem Tiananmen-Platz 1989 in Peking zu erinnern. Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro machte der äthiopische Marathonläufer und Silbermedaillengewinner Feyisa Lilesa weltweit Schlagzeilen, als er an der Ziellinie mit einer Geste die staatliche Verfolgung der Oromo in Äthiopien anprangerte. An den Mittelmeerküsten Europas reagierten Freiwillige auf das Versagen der Regierungen beim Flüchtlingsschutz, indem sie Ertrinkende eigenhändig retteten. Auf dem gesamten afrikanischen Kontinent entstanden Bewegungen der Zivilgesellschaft, von denen einige vor einem Jahr noch undenkbar gewesen wären. Sie griffen Forderungen der Bevölkerung nach Rechten und Gerechtigkeit auf und verschafften ihnen mehr Aufmerksamkeit.

Der Vorwurf, Menschenrechte seien ein Projekt der Eliten, ist nicht haltbar. Der menschliche Wunsch nach Freiheit und Gerechtigkeit löst sich nicht einfach in Luft auf. In einem Jahr voller Spaltung und Entmenschlichung leuchteten Aktionen für die Menschlichkeit und die grundlegende Würde des Menschen heller als je zuvor. Diese leidenschaftliche Reaktion verkörperte auch der 24-jährige Anas al-Basha, bekannt als Clown von Aleppo, der sich entschloss, trotz der furchtbaren Bombenangriffe der Regierungstruppen in der Stadt zu bleiben, um Kinder zu trösten und ihnen eine Freude zu bereiten. Als er am 29. November 2016 bei einem Luftangriff getötet wurde, würdigte sein Bruder ihn mit den Worten, er habe Kinder „am dunkelsten und gefährlichsten Ort der Welt“ glücklich gemacht.

Zu Beginn des Jahres 2017 fühlt sich die Welt instabil an und die Angst vor der Zukunft nimmt zu. Doch gerade in solchen Zeiten werden couragierte Stimmen gebraucht, ganz normale Heldinnen und Helden, die sich gegen Unrecht und Unterdrückung erheben. Niemand kann es mit der ganzen Welt aufnehmen, aber jeder kann seine eigene Welt verändern. Jeder kann aufstehen gegen Entmenschlichung, indem er sich auf lokaler Ebene für die Wahrung der Würde und der gleichen und unteilbaren Rechte aller einsetzt und damit das Fundament für Freiheit und Gerechtigkeit in der Welt legt. 2017 werden Menschenrechtsheldinnen und Menschenrechtshelden gebraucht.