Berlin: Hat die katholische Kirche etwa noch eine Zukunftsperspektiven ?

Ein Hinweis von Christian Modehn am 10.9.2026

Ergänzt am 15.9.2026: Die Führung der evangelischen und der katholischen Kirche in Berlin hat am 15.9.2026 einen „Aufruf“ zur Wahl am 20.9. 2026 veröffentlicht: Allgemeine Floskeln: Bitte Demokratie wählen und die von Gott gegebene Menschenwürde beachten und so weiter und so weiter.

Über irgendwie gefährliche Parteien wird schwadroniert; aber, wie üblich, die für die Demokratie gefährlichen rechtsextremen Parteien werden nicht beim Namen genannt, also kein Wort, kein expliziter Hinweis zur AFD …Die Kirchenführung geniert sich, präzise zu werden, die Zerstörer der Demokratie beim Namen zu nennen.

Kein Wort zu den sehr großen Problemen der meisten Menschen in Berlin: Wohnen, Miete, Bildungsrückstand, Gewalt, multikulturelles Zusammenleben, Überwindung des Gegensatzes sehr reiche Bürger-sehr arme Bürger in einer Stadt… Floskeln also werden verbreitet; wer wird sie lesen, hören, ernst nehmen? Inspirierend ist nichts in diesem abgedroschenen Aufruf…. Der Text dieses „Aufrufs“: siehe unten, als Fußnote.

Ein Vorwort:
Dieser Beitrag zeigt faktenreich: Die katholische Kirche in Berlin als eine heute (2026) noch etwas bedeutende gesellschaftliche Organisation wird zunehmend zur verschwindenden Minderheit in Berlin: Diese Kirche baut ab, schließt und verkauft Kirchen mit den Gemeindehäusern, also den Orten der dringend gebotenen Kommunikation: Warum? Weil die katholische Kirche nach wie vor Klerus – fixiert ist, unbeweglich an Dogmen festhält, eine esoterisch-unverständliche Sprache in der Messe praktiziert usw…Zu den sehr belastenden Themen der BerlinerInnen hat die Kirche wenig zu sagen: Vor allem zum drängenden Problem, noch bezahlbare Mietwohnungen zu erhalten.
Und vor allem: Die katholische Kirche hat ganz offiziell und explizit den Papst als Chef einer „absoluten Wahl – Monarchie“. Und diese Kirche ist deswegen noch stolz darauf, explizit nicht demokratisch strukturiert und explizit nicht demokratisch organisiert zu sein.
Eine ihrem Wesen nach undemokratische Kirche kann auch in Berlin kaum glaubwürdig Demokratie fördern und helfen, zusammen mit demokratischen Organisationen und demokratischen Parteien, die bevorstehende Herrschaft der Rechtsextremen in Deutschland zu überwinden.

1.
Vor der Wahl in Berlin am 20.9.2026 sprechen viele PolitikerInnen aller Parteien von (neuen ?) Perspektiven für Berlin. Manche Politiker meinen sogar, „Visionen“ für Berlin in den nächsten Jahren propagieren zu können. „Visionen“ sind der milde Begriff für jene, die das Wort Utopie scheuen. Utopie hat durchaus den Charakter, „Handlungsalternativen und Möglichkeitsspielräume zu erschließen, die über die geschichtliche Kontinuität hinausschießen.“ (Jürgen Habermas, „Die neue Unübersichtlichkeit“, Frankfurt 1985, S. 142). Utopien sind also wichtig zum Überleben. Auch die Kirche hat eine Utopie, leider wird diese Utopie („Reich Gottes“) oft verdrängt und vergessen…

2.
Das Thema führt zu der Frage: Hat eine bestimmte gesellschaftliche Organisation, die katholische Kirche in Berlin, jetzt eine Zukunfts-Perspektive für Berlin, also ein reflektiertes Projekt für die ca. 4 Millionen BerlinerInnen und auch für die Kirche selbst in der Hauptstadt?
Der Ausgangspunkt ist die Erkenntnis eines Mangels: Es gibt keine theologisch-kritischen, religionswissenschaftlichen oder religionssoziologischen Studien zu Gegenwart und Zukunft der Religionen in Berlin. Es gibt auch keine konfessionsunabhängigen, also objektiven Studien zu Gegenwart und Zukunft der katholischen Kirche in Berlin. Das Thema „Religion bzw. Kirche in der Stadt“ scheint Wissenschaftler nicht zum kritischen Studium zu inspirieren. Ein Grund: An den Universitäten in Deutschland gibt es eine Überfülle theologischer Fakultäten mit immer weniger StudenTinnen, aber sehr wenig religionssoziologische Forschung. Dies ist, nur nebenbei, ein deutlicher Unterschied etwa zu Frankreich oder den Niederlanden. Über die Zukunftsperspektiven der Evangelische Kirche, des Islam, der jüdischen Gemeinden in Berlin sollen andere forschen, spannend ist auch dieses Thema.
Wir bieten hier einige nüchterne, aber auch ernüchternde Daten und Fakten, sie sind unersetzlich zum Verstehen unseres Hinweises und alles andere als „langweilig“.

3.
Unser knapper Hinweis um Thema ist von allgemeinem Interesse: Wie eine Kirche, die sich gern „Global Player“ nennt, in dieser multikulturellen europäischen Metropole in einem säkularisierten Europa lebt bzw. überlebt, ist bedeutsam für die ganze Gesellschaft. Verschwindet langsam die katholische Kirche, denkt sie selbst – uninspiriert und theologisch armselig – nur an Abbauen, Schließen, Abreißen, Schrumpfen usw… verschwindet eine Dimension europäischer Kultur.
Tatsache ist: Die katholische Kirche in Berlin schrumpft vor sich hin, hat keine kreative Energie mehr für die eigene Zukunft, legt aber gleichzeitig noch allen Wert auf teure repräsentative Neu-Bauten (St. Hedwig-Kathedrale, Bernhard Lichtenberg Haus ) in Mitte, „Unter den Linden“. Über das zunehmende finanzielle Vermögen der katholischen Kirche in Berlin siehe den ausführlichen Bericht von Roberto Jurkschat in RBB24: LINK

4.
Globale humane Perspektiven für Berlin und ihre BewohnerInnen sind eher für die Caritas von Bedeutung. Die Caritas ist am wenigsten Klerus – bestimmt, dort arbeiten – Gott sei dank -Menschen verschiedener Spiritualitäten.
Die Kirchenleitung und die von ihr abhängigen Laien-Gremien konzentrieren sich hingegen auf das innerkirchliche Leben. Unter dem Stichwort „Wo Glauben Raum gewinnt“ wird administrativ die Zukunft des Erzbistums gestaltet, also das Schrumpfen und langsame Verschwinden praktiziert: Viele kleine Pfarrgemeinden mit ihren Kirchen und Gemeindehäusern wurden amtlich bereits aufgelöst und in größere Verbände, „Großpfarreien“ genannt, überführt. Insgesamt soll es im ganzen Erzbistum noch 36 Großpfarreien geben.

5.
Der wichtige Grund dafür: Es gibt nicht ausreichend Priester. Würden nicht polnische, indische, ghanaische, nigerianische, spanische, lateinamerikanische Priester usw. als „Gastarbeiter“ den weithin alt gewordenen „deutschstämmigen“ Klerus in Berlin ersetzen, wäre es mit der Klerus- Kirche vorbei. Aber diese genannten klerikalen „Gastarbeiter“ sorgen dafür, dass das Gesetz nach wie vor gilt: „Nur der Klerus kann Gemeinden leiten: Gibt es keinen Klerus, gibt es keine Gemeinden.“ Dies ist das oberste Prinzip überall in der Kirche, durchgesetzt vom Vatikan, vom Papst. Es geht tatsächlich um den Machterhalt der Klerus auf Kosten des Gemeindelebens. Diese Entwicklung nimmt der Klerus in Kauf. Aber man weiß: Eines Tages werden auch die „Gastarbeiter – Priester“ aus aller Welt nicht mehr nach Berlin strömen, weil sie selbst in ihren Heimatländern dringend gebraucht werden. Wenn in zwanzig Jahren auch die Gastarbeiter – Priester ausfallen, dann fällt alles aus, weil die Kirchenführung es nicht geschafft hat, Frauen und Männer zu befähigen, Verantwortung in den Gemeinden zu übernehmen, selbstverständlich, dass sie dann auch Eucharistie feiern…Aber das ist die gute und richtige Utopie, die der Klerus gar nicht hoch schätzt… Utopien sind für ihn gefährlich, auch wenn die Utopie von der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Gläubigen spricht…

6.
In Berlin lebten im Jahre 2025 258.000 KatholikInnen als zahlende Mitglieder der Kirche. Im Jahr 2022 waren es noch 281.000.
Aus der Kirche sind im Stadtgebiet Berlin beispielsweise zwischen 2018 und 2025 insgesamt 52.270 KatholikInnen ausgetreten. Diese Zahlen beziehen sich nur auf die Stadt Berlin, nicht auf Brandenburg und Vorpommern, Gebiete, die ebenfalls zum Erzbistum „gehören“.
Im Jahr 2025 nahmen -laut Zählung durch die Kirche – von den 258.00 KatholikInnen in Berlin etwa 31.000 an der Sonntagsmesse teil. Wie viele von ihnen jeden Sonntag teilnehmen, wird nicht berichtet. Nebenbei: Befragungen in Frankreich differenzieren: „Teilnahme an der Messe regelmässig“, oder nur „einmal im Monat“ usw. Auch wurde in der Berliner Statistik nicht berichtet: Wie viele TeilnehmerInnen der Messe in Berlin etwa aus Polen oder den spanisch sprechenden Ländern usw. stammen. Auch vom Altersdurchschnitt der TeilnehmerInnen ist keine Rede.
Wenn also nur noch 31.000 KatholikInnen durch ihre Teilnahme an der Messe ein stärkeres religiöses Interesse haben, dann überrascht doch die relative finanzielle Stabilität dieses Erzbistums Berlin: Über 171 Millionen Euro Kirchensteuereinnahmen konnte das Erzbistum Berlin im Jahr 2025 verfügen. Eine erstaunliche Summe trotz der vielen tausend Kirchenaustritte.

7.
Abgesehen davon, dass die allermeisten katholischen (wie die evangelischen Kirchen sowieso) während der Woche außerhalb der seltenen Wochentags-Gottesdienste geschlossen sind: Die äußere Sichtbarkeit dieser Kirche im „Stadtbild“ verschwindet. Die als überflüssig oder als einsturzgefährdet eingeschätzten Kirchen und Gemeindehäuser stehen dann lange Zeit leer, werden irgendwann verkauft oder dann profaniert oder auch abgerissen. Alte Menschen, oft noch die einzigen, die ein sehr lebhaftes Interesse an den katholischen Messen haben, müssen weite Wege zurücklegen, um ihre „Sonntagspflicht“ zu erfüllen…Und die Gemeindehäuser, die noch bestehen, sind während der Woche – über die Sekretärinnen dort – nur ein paar Stunden geöffnet…

8.
Aktuelle Beispiele für Schließungen, Verkäufe, Abrisse:
Die Kirche St. Albertus Magnus am Kurfürstendamm, im Stadtteil Halensee, wurde 2025 entwidmet, seitdem steht sie leer und verfällt.
Die Kirche im “Katharinenstift“ in der Greifswalder Str. in der Nähe des Alexander-Platzes wurde im Februar 2026 profaniert.
Die Kirche und das Kloster der polnischen Kamillianer – Priester St. Kamillus in Charlottenburg wurde 2026 aufgelöst; das Gebäude soll verkauft werden, weil die offenbar bettelarmen polnischen Kamillianer Geld für die Pflege ihrer alten Ordensmitglieder brauchen. Bis jetzt (August 2026) steht dieser Gebäudekomplex am Klausener Platz leer… es gab einige ergebnislose Proteste der betroffenen Gemeindemitglieder.
Von vielen weiteren Beispielen wäre zu reden, etwa vom Abriss der schönen Kirche St. Raphael in Berlin – Gatow an der Havel schon im Jahr 2005 unter der Herrschaft von Kardinal Sterzinsky. Dort gab es heftigen, aber bei der Allmacht des Klerus erfolglosen Protest gegen diesen sinnlosen Verkauf und Abriss…
Vom Abriss der Kirche St. Johannes Capristran in Tempelhof nach der Profanierung im Jahr 2004 müsste gesprochen werden … inclusive der merkwürdigen Verkaufs-Details..
Im Osten Berlins, in Biesdorf, wurde die Herz Jesu Kirche 2013 entwidmet und verkauft.
In Moabit wurde die St.Laurentius Kirche 2007 an eine evangelikale Kirche verpachtet…
In Lichtenrade wurde im Jahr 2008 die Kirche „Zu den heiligen Märtyrern von Afrika“ im Jahr 2008 aufgegeben.
Viele spirituell Interessierte haben heftig bedauert den Verkauf des katholischen Meditations – Zentrums, „Exerzitien-Haus“ genannt, in Berlin – Kladow, an der Havel gelegen. Dies geschah unter der Herrschaft von Erzbischof Georg Sterzinsky:
Dieser beliebte Ort der Stille und Meditation für die gestreßten BerlinerInnen lag nach dem Verkauf (der finanzielle Gewinn fürs Bistum wurde nie publiziert) Jahre lang ungenutzt brach, die Gebäude wurden 2013 schließlich abgerissen. Heute gibt es noch ein kleines, gut besuchtes Exerzitienhaus des Karmeliter-Ordens in Birkenwerder bei Berlin.

9.
Die vielen Verkäufe von Kirchen und Gemeindehäusern in Berlin sollen die Bistumskasse füllen, also auch die beträchtlichen Gehälter der Priester und Prälaten garantieren. Das ist das Ziel. Ein katholischer Erz-Bischof in Berlin erhält die Besoldungsgruppe B 10, also mindestens das Grundgehalt, das sind ca. 16.530 Euro brutto pro Monat….
Ältere Priester, so um die 50, erreichen die Besoldungsgruppe A 14, also etwa 6.000 Euro im Monat. Netto bleiben dann mindestens 4.000 Euro monatlich für diesen allein lebenden „Junggesellen“. Es ist nicht bekannt, dass diese bestens bezahlten Herren der Kirche etwa 10 Prozent ihres Gehaltes spenden etwa für eine Stiftung armer Familien oder für Flüchtlinge oder für die Opfer von rassistischer Gewalt in Berlin. Das wäre eine kleine, bescheidene Perspektive der Kirche für Berlin und BerlinerINnen…

10.
Von den aufgegeben katholischen Kirchen im Land Brandenburg nennen wir hier nur: Die katholischen Kirchen in Buckow, Friesack, Großbeeren, Hohen Neuendorf, Seelow, Stahnsdorf usw… Dort gab es von Gemeindemitgliedern Widerstand gegen diese Entwicklung, aber er war – wie immer – vergeblich.
Theologisch wichtiger: Es wurden auch keine Alternativen von der katholischen Kirchenführung vorgeschlagen: Etwa: Den wenigen Katholiken in diesen Orten, Dörfern, Städtchen, die Teilnahme an den evangelischen Sonntags-Gottesdiensten zu empfehlen. Das wäre eine Entscheidung, die endlich mal das so selten erlebte Prädikat „theologisch – kreativ“ verdient, eine bahnbrechende Entscheidung der viel besprochenen, aber nie faktisch gelebten Ökumene.
Aber nein, Kreativität, Mut zum Neuen, gibt es nicht im Rahmen des theologischen Stillstands und klerikalen Prinzips: Gemäß dem offiziellen katholischen Projekt „Wo der Glaube Raum gewinnt“ wächst das Gebiet katholischer Pfarreien im Land Brandenburg manchmal ins Monströse: Etwa: Die katholische Großpartei Stralsund im Erzbistum Berlin: Diese Pfarrei mit ca. 6.400 Mitgliedern umfasst jetzt große Teile Vorpommerns, etwa Demmin und Barth, ebenfalls die Hansestadt Stralsund sowie die gesamte Insel Rügen. Die Gesamtfläche dieser Pfarrei beträgt 3.200 Quadratkilometer, diese Pfarrei ist also etwas größer als das Saarland und etwas kleiner als die Insel Mallorca. Fünf Priester müssen durch dieses Land reisen, um in den verbliebenen Kirchengebäuden der kleine Städte für die wenigen Messbesucher die Messen zu lesen.
Wie schon gesagt: Kein Bischof, kein Theologe, kein Pfarrer kommt auch nur auf den Gedanken, den Katholiken in den Dörfern und Städtchen zu empfehlen: Nehmt bitte an den evangelischen Sonntagsgottesdiensten teil… (Zu Stralsunds „Groß-Pfarrei“ siehe etwa: LINK

11.
Die genannten Abrisse, Leerstände der Kirchen und Gemeindehäuser in Berlin stehen in Kontrast zu den Ausgaben der Katholischen Kirchenführung, die sie für das (neben der St. Hedwigskathedrale gelegene) Prestige – Objekt „Bernhard Lichtenberg-Haus“ einsetzt. Die aktuelle Prognose der Kosten: 33,8 Millionen Euro, bei der Planung im Jahr 2017 waren 17 Millionen Euro veranschlagt. Über den 44 Millionen Euro teuern Umbau der St.Hedwigs-Kathedrale haben wir berichtet, etwa am 2.11.2024: LINK

12.
In den Analysen der Finanzsituation der katholischen Kirche in Berlin wird oft vergessen, dass der Bodenbesitz des Erz – Bistum Berlin beträchtlich ist: „Der kirchliche Bodenbesitz der katholischen Kirche in Berlin beläuft sich auf rund 1206 Hektar, was etwa 1,3 Prozent der Stadtfläche ausmacht.“ LINK: Quelle: Tagesspiegel: https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/wie-viel-berlin-gehoert-der-kirche/.

Siehe auch zur Vertiefung: LINK https://interaktiv.tagesspiegel.de/lab/unchristliche-immobilien-geschaefte-wie-die-katholische-kirche-mit-grundstuecken-geschaefte-macht/

13.
In einer Kirche, für die Abbau oder Abbruch sozusagen normal, wenn nicht sogar üblich geworden ist, bleibt es überhaupt nicht verwunderlich, dass angesichts der vielen neuen Berliner Stadtviertel, etwa im Umfeld des Hauptbahnhofs, offenbar kein Gedanke auftaucht: In den neuen Stadtvierteln einen (ökumenischen) Raum der Stille, etwa eine bescheidene Ladenkirche, eine Krypta oder ähnliches zu mieten: Also „Orte des Zwecklosen“, der Ruhe, der Einkehr, des Dialogs, der Begegnung, der Transzendenz zu schaffen.
Hier wollen wir nur auf den sehr lesenswerten, erstaunlich kritischen Beitrag des katholischen Theologen und Kunsthistorikers Konstantin Manthey, Berlin, hinweisen. Er spricht von „Schockstarre“ und von der Obsession der „Besitzstandswahrung“ als Leitidee dieser Berliner Kirche: Manthey schreibt: Es werden in Berlin keine neuen Kirchen oder wenigstens kleine Gemeindezentren gebaut in Berlins 23 (!) neuen Stadtquartieren mit vielen tausend Bewohnern: „Nirgendwo ist dort bisher ein kirchlicher Ort vorgesehen, ein christlicher Raum für Zusammensein und ähnliches…“ (S. 127). Siehe das Buch:„Leben statt Leere“, Hg. Klaus – Martin Bresgott u.a. vom Kulturbüro der EKD.
In solchen Projekten könnte sich Ökumene endlich mal realisieren und sicher auch inter-religiöse Zusammenarbeit mit Juden und Moslems und warum nicht auch mit Buddhisten? Das sehr teure und auch architektonisch anspruchsvolle Projekt „Haus of One“ in Berlin kann hier nur erwähnt werden: Es soll ein Gotteshaus (mit getrennten Gebetsräumen!) werden, in dem wenigstens unter einem Dach ein ganz bißchen gemeinsam evangelische Christen sich versammeln sowie Mitglieder einer progressiven Gruppe des Islam und einer progressiven Gruppe im Judentum… Ob man das „House of One“ mutig im Sinne einer größeren Ökumene nennen kann, wage ich zu bezweifeln…

14.
Aber theologischer Mut hat Berliner Katholiken und die Bischöfe dort nie ausgezeichnet. Davon hat schon der große Kritiker der Berliner Kirche in den zwanziger Jahren des 20 Jahrhunderts, Dr. Carl. Sonnenschein, gesprochen: Er urteilte über den Berliner Katholizismus des 20. Jahrhunderts: „Der Berliner Katholizismus ist verdammt kleinstädtisch“. Siehe den Beitrag über Carl Sonnenschein von Christian Modehn vom 31. 1. 1979: LINK:
Die unmittelbar nach der Wende als Ort des Dialogs großzügig errichtete „Katholische Akademie“ in Berlin-Mitte ist angesichts ihres Angebotes seit einigen Jahren eine Nischen – Institution in der Stadtgesellschaft. Mit den in Berlin sehr zahlreichen, zum Tiel bedeutenden „weltlichen“ kulturellen Institutionen, Theater, Verlagen, Forschungszentren usw. besteht offensichtlich keine Vernetzung. Katholische Intellektuelle, Künstler, Schriftsteller gibt es in Berlin ohnehin nicht. Auch das „Zentralinstitut für Katholische Theologie“ an der Humboldt – Universität mit 60 Studentinnen und sechs ProfessorInnen spielt in Berlin keine öffentlich spürbare Rolle.
Nebenbei: Warum ist es in Deutschland immer noch nicht möglich eine gemeinsame christliche, theologisch – kritische Fakultät zu errichten?
Auch das Forschungsinstitut einiger progressiver Dominikaner-Theologen, das „Institut Chenu“ im Stadtteil Prenzlauer Berg, hat keine für die kulturellen Debatten Berlins öffentlich wahrnehmbare Relevanz. Die kulturelle Monatszeitschrift „Stimmen der Zeit“ (Auflage 6.000 Exemplare) der Jesuiten hat in Berlin ihre bescheidene Redaktion. Ihr gelingt es nicht, eigene theologische, kulturelle Veranstaltungen zu organisieren, übrigens fast eine Selbstverständlichkeit für christlich inspirierte oder katholische Kulturzeitschriften etwa in Frankreich, etwa Esprit oder Etudes.
Auch das noch: Alle 14 Tage erscheint in Berlin, an den Kiosken gar nicht wahrnehmbar, eine katholische Wochenzeitung, Bistumsblatt genannt, mit dem nur der Tradition verpflichteten Titel „Tag des Herrn“, 7.000 Exemplare sollen in Berlin im Abonnement noch verkauft werden:Das Blatt bedient alle Bistümer m Osten Deutschlands.

15.
Und auch das noch zum „intellektuellen katholischen in Berlin“: Es gibt im Ost – Berliner Stadtteil Biesdorf ein Priesterseminar der weltweiten neokatechumenalen Gemeinschaft. Diese klerikale Ausbildungsstätte stellt auch dem Erzbistum Berlin seit Jahren einige junge Priestern zur Verfügung, sie stammen aus aller Welt, aus Polen, Mexiko, Spanien, Dominikanische Republik usw…
Die Priester, dem Geist des Neokatechumenates absolut verpflichtet, bringen ihn im Seminar eingetrichterten sehr konservativen Geist in die Gemeinden.

16.
Die Katholische Kirche in Berlin und in ganz Deutschland wird zweifellos wegen der gleichbleibend hohen Austritte aus der Kirche eine Minderheit. Die viel besprochenen Erwachsenentaufen sind von der Anzahl her bewertet ein marginales Phänomen. Also: Über den Weg der Kirche in Berlin und in vielen anderen Metropolen Europas wird diskutiert. Und fast immer werden seit Jahren die gleichen Gründe für diese Entwicklung genannt: Säkularisierung, Verlust der Transzendenz-Erfahrung, Ende der Metaphysik, Individualismus, Streß im Alltag, Frustration über den Zustand der Welt und so weiter. Auch der sexuelle Missbrauch durch Priester hat viele Gläubige aus der Kirche getrieben, Katholiken also, die Priester allen Ernstes für „Hochwürden“ hielten und auch so anredeten und die noch lernten, Bischöfe seien „Exzellenzen“ oder gar als Kardinäle „Eminenzen“. Jetzt werden etwa in Essen Denkmäler abgerissen, einst errichtet zu Ehren Kardinal Franz Hengsbach, dem Opus Dei sehr affin und theologisch reaktionär in seinem Kamogf gegen die Befreiungstheologie als Chef des Hilfswerks „Adveniat“…. und…das Vertuschen sexuellen Missbrauchs durch Priester. Zum sexuellen Missbrauch durch Priester im Erzbistum Berlin siehe einen Beitrag aus dem Jahr 2023. LINK https://katholisch.de/artikel/45851-betroffene-schildern-erstmals-details-zu-berliner-missbrauchsfaellen
Auch der Tagesspiegel hat 2023 über heftigen sexuellen Missbrauch durch den Pfarrer der Gemeinde St. Ludwig in Wilmersdorf., Benno Fahlbusch, berichtet: LINK https://www.tagesspiegel.de/berlin/in-neukolln-und-wilmersdorf-priester-und-ordensschwestern-sollen-berliner-kinder-zu-sexuellen-handlungen-gezwungen-haben-9702752.html. Siehe auch den Bericht von Thomas Klatt im Deutschlandfunk 2021!: LINK

17.
Ein entscheidender Grund fürs anhaltende Schrumpfen und damit langsame Verschwinden der katholische Kirche ist auch das sture Festhalten an den Dogmen und Kirchengesetzen und Kirchengeboten; auch an Glaubensbekenntnissen, die in den Messen gesprochen, gesungen werden, deren Formeln und Floskeln aus dem 5. Jahrhundert niemand versteht. Dogmen dürfen dem sturen Gesetz der katholischen Kirche entsprechend nicht korrigiert, geschweige denn aufgehoben werden, selbst wenn sie im 4. Jahrhundert unter völlig anderen Kulturellen Bedingungen formuliert wurden. Das verstörende Erbsündendogma des heiligen Augustinus wird heute von kritischen und noch objektiv denkenden TheologInnen eindeutig abgewiesen, die Kirche hält stur an diesem Erbsündenwahn fest…

18.
So steht sich die katholische Kirche – nicht nur in Berlin – selbst im Wege. Sie wird – klerus-fixiert – keine Möglichkeit realisieren, den Weg ins Getto zu beenden. Es ist also auch die dogmatisch fixierte klerikale Welt, die die Menschen aus den Kirche treibt. Die Kirche und ihre Lehre wird zu einer fernen Welt der fernen Mythen und kaum nachvollziehbaren Geschichten, zum Ort, wo noch infantil, wenn nicht abergläubisch anmutende Kirchenliedern aus Zeiten der frühen Kindheit gesungen werden, von denen man sich bestenfalls noch am Heiligabend im Gottesdienst verführen lässt.

19.
Damit sind wir beim Ausgangspunkt unseres Hinweises: Diese Kirche hat den Geist der Utopie verraten, er gehört absolut zentral zur Botschaft Jesu! Die Kirche, zumal ihre Führung, hat vergessen, dass sie nicht für sich selbst, schon gar zur Stärke und Macht des Klerus, geschaffen ist, sondern… Ja, warum denn? Um die Utopie des Reiches Gottes als praktische Leitlinie ihres Handels zu gestalten. Und was ist der Inhalt der Utopie des Reiches Gottes? Friede, Gerechtigkeit, wesentliche Gleichheit aller Menschen, Brüderlichkeit: Christen sind also FreundInnen der humanen Utopie: Jesus fordert von den Menschen um der Menschlichkeit willen eine Umkehr der bisherigen Machtverhältnisse … im Umgang der Menschen untereinander, zumal in den Kreisen der Frommen, also der Kirche.

20.
Die katholische Kirche in Berlin hat – wie jede Kirche – , „das Beste der Stadt“ zu suchen und zu fördern. Das ist der Respekt vor der Utopie des Reiches Gottes… Also: Die Kirche muss sich konstruktiv in konkreten Projekten für eine gerechte Wohn/Miet-Politik einsetzen, sie sollte leerstehende Kirchen und Gemeindehäuser nur dann verkaufen, wenn Wohnungen entstehen… Es fehlt hier die Bereitschaft und auch intellektuelle Kapazität, regelmäßige Gespräche mit Menschen zu gestalten, die sich Atheisten oder Ungläubige nennen. Und wann haben von antisemitischer Gewalt bedrohte jüdische Theologen in katholischen Kirchen über ihre Lebensbedingungen, ihren Glauben, gepredigt: Auch spirituelle Gespräche mit Muslims finden nicht in den katholischen Gemeinden statt.

21.
Die katholische Theologin Prof. Martha Zechmeister (El Salvador) sagte kürzlich auf den Salzburger Hochschulwochen: „Eine Theologie, die überall und zu jeder Zeit dasselbe wiederholt, bleibt wirklichkeitsleer und vermag Gott nicht zur Sprache zu bringen“. Eine treffende Aussage, auch gültig für die katholische Kirche in Berlin. LINK:

Erst wenn Kreativität und Mut, „nicht immer dasselbe sagen“, kirchliches Überleben bestimmen, hat Kirche eine Chance, hilfreich zu sein für die Menschen.

22.
Immerhin: Erzbischof Heiner Koch von Berlin machte in einem Interview am 3. 9. 2026 eine bemerkenswert mutige Aussage zum Umgang mit AfD Wählern innerhalb der katholischen Gemeinden:
Frage: Muss Kirche das Risiko eingehen, dass sich AfD-Wähler innerhalb der Gemeinde abwenden?
Koch: Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen. Denn es geht um viel mehr als um Wahlergebnisse, es geht um Werte und inhaltliche Grundfragen. Die Liebe Gottes ist mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar, dabei bleibe ich! Es geht um Themen, die für uns als Christen nicht verhandelbar sind, wesentlich um die unveräußerliche Menschenwürde eines jeden Einzelnen, unabhängig von Herkunft, Begabung oder Geschlecht. Man kann dann unterschiedlicher Meinung sein, welche Maßnahmen konkret politisch zu ergreifen sind und welche nicht. Doch die Grundoption ist nicht verhandelbar. LINK

23.
Immerhin: Menschenrechte und Menschenwürde sind auch beim Erstarken der rechtsextremen Partei AfD für einen katholischen Bischof – und damit für Katholiken insgesamt – nicht verhandelbar. Man wird Erzbischof Koch mit dieser Aussage hoffentlich noch oft zitieren.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.
Über Christian Modehn siehe: LINK.

 

FUßNOTE:

Der  „Aufruf“ der Kirchenführungen Berlins, publiziert als Pressemitteilung am 15.9.2026:

Gemeinsamer Aufruf der Kirchen zu den Berliner Wahlen am 20. September 2026
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
am 20. September 2026 können wir durch die Wahl zum Abgeordnetenhaus von Berlin und zu den Bezirksverordnetenversammlungen mitbestimmen, wie die Zukunft für die Menschen in unserer Stadt gestaltet wird.
Demokratie ist eine große Errungenschaft, die durch die Kraft vieler Menschen erreicht wurde. Es ist unsere gemeinsame Verantwortung, für sie einzustehen, wenn sie in Gefahr gerät. Demokratie bedeutet Auseinandersetzung in Sachfragen mit Respekt und Achtung voreinander, Demut vor der auf Zeit verliehenen Macht sowie Gewaltenteilung. Sie lebt von Kompromissen und der Fähigkeit, andere Meinungen auszuhalten.
Wir treten für eine freie, weltoffene, vielfältige und demokratische Gesellschaft ein. Nur diese garantiert, dass wir in unserer Unterschiedlichkeit in Freiheit und in Frieden miteinander leben können. Die Stärke einer demokratischen Gesellschaft bemisst sich auch daran, dass sie Schwache und Minderheiten schützt.
Bei allem Ringen um eine bessere Lösung in Sachfragen muss im Mittelpunkt immer der Mensch stehen: Menschenwürde, Menschenrechte und Religionsfreiheit sind unverzichtbar für alle Menschen. Genau das macht Berlin aus: Die Vielfalt der Menschen in dieser Stadt. Menschen, die unterschiedlich denken, glauben, leben, lieben und ihr Leben gestalten. Wir glauben, dass Gott jedem Menschen die Menschenwürde verliehen hat. Sie gilt unverbrüchlich und kann niemandem genommen werden.
Gemeinsam rufen wir dazu auf: Unterstützen Sie diejenigen politischen Kräfte, die Zusammenhalt fördern, statt Menschengruppen gegeneinander auszuspielen. Geben Sie jenen Ihre Stimme, die sich uneingeschränkt zur Würde jedes und jeder Einzelnen bekennen und danach handeln. Prüfen Sie, ob und wie der Schutz von Minderheiten und Schutzbedürftigen garantiert wird.
Insbesondere richten wir diesen Apell auch an die jungen Menschen, die in diesem Jahr erstmals ab 16 Jahren wahlberechtigt sind. Gestalten Sie Ihre eigene Zukunft mit!
Wir, das Erzbistum Berlin und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, suchen stets der Stadt Bestes und stehen gemeinsam ein für die Würde aller Mitmenschen und für eine friedliches Zusammenleben.
„Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“, heißt es in der Bibel. Das wünschen wir uns für unsere Stadt Berlin. Wir rufen Sie auf, unsere demokratische Gesellschaft mit Ihrer Stimme stark zu machen!

Im September 2026

Dr. Karlies Abmeier                                                    Harald Geywitz
Vorsitzende des Diözesanrats                                    Präses der Landessynode der EKBO

Dr. Heiner Koch                                                          Dr. Christian Stäblein
Erzbischof von Berlin                                                 Bischof der EKBO
 

 

 

 

 

Eine katholische Predigt anläßlich von Gay Pride, Pride Weeks und der Christopher – Street – Day Demos (CSD)

Von Christian Modehn am 10.7.2026

Liebe Gemeinde,

in diesen Tagen und Wochen der Gay-Pride, also der Präsenz der Queer – Community, ist es für uns als katholische Priester wichtig, Ihnen, den Katholiken, eine ganz besondere Predigt zu bieten.

Diese Predigt heute ist unser offizielles katholisches Schuldbekenntnis, als Bitte um Vergebung für das Leid und seelische Elend, das die katholische Kirche im Laufe ihrer langen Geschichte und bis heute den Schwulen und Lesben und Transsexuellen und allen aus der weiten Gemeinde der Queers angetan hat.

Dieses Schuldbekenntnis bedeutet zugleich eine entscheidende Wende im Zusammenleben von Heterosexuellen und Queers in der katholischen Kirche. Unsere zentrale Aussage ist: Homosexuelles Leben und Lieben ist genauso gut und wertvoll wie heterosexuelles Leben und Lieben. Mit anderen Worten: Homosexuelles Leben und Lieben ist normal. Es ist weder abartig noch Sünde.

Bestimmte Sprüche des Alten wie des Neuen Testaments der Bibel, die eine Verurteilung homosexuellen Lebens und Liebens betonen, sind ab sofort nicht mehr relevant in unserer Kirche. Inzwischen haben selbst die Kirchenführung, sogar der Papst und seine Behörden im Vatikan erkannt: Diese anti – homosexuellen Urteile der Bibel sind nichts als zeitbedingt, sie haben weder etwas mit der universellen göttlichen Liebe zu allen Menschen zu tun noch mit den heute absolut geltenden universellen Menschenrechten.

Diese universellen Menschenrechte gelten selbstverständlich auch für uns Katholiken als oberste normative Orientierung, nicht Bibelsprüche, nicht so genannte theologische Prinzipen stehen für uns Katholiken an oberster Stelle. Sondern, wie gesagt, die Menschenrechte. Dass diese in Europa formuliert wurden als ihrem geistigen Entstehungsort sagt nichts aus gegen die universelle Gültigkeit der Menschenrechte überall, wo Menschen leben. Was verlangen denn die unschuldig Verurteilten in chinesischen, russischen, Nord – koreanischen Lagern usw.? Sie verlangen für sich als Asiaten den absoluten Respekt der Menschenrechte. Das nur nebenbei.

Ich komme jetzt zum zweiten Teil meiner Predigt, also zu der Liste der nun offiziellen Bitte um Verzeihen und Entschuldigung für alle Verbrechen, die die katholische Kirche an Homosexuellen, Queers, wie wir heute sagen, begangen hat. Diese Liste ist unvollständig, möge jeder und jede diese Liste aus eigenem Erleben ergänzen. In jedem Fall bitte ich alle, vor allem die Gays und Queers, diese offizielle Bitte um Vergebung anzunehmen.

Die katholische Kirche bittet um Vergebung bei den KatholikInnen, die wegen ihres homosexuellen Lebens und Liebens durch die ungerechte Haltung der Kirche körperlichen Schaden, vielleicht sogar den Tod im Rahmen dieser üblen Inquisitions- Prozesse erleiden mussten.

Die katholische Kirche bittet um Vergebung bei den KatholikInnen, die wegen ihres homosexuellen Lebens und Liebens durch die ungerechte Haltung der Kirche schweren seelischen Schaden, seelische Krankheiten hinnehmen und ertragen mussten. Diese sind entstanden durch die – von der Kirche- erzwungene Verleugnung der eigenen persönlichen sexuellen Prägung, so zusagen nach Innen, für sich selbst, wie nach außen, für die Gesellschaft und Kirche.

Die katholische Kirche bittet um Vergebung bei den vielen Priestern, Ordensleuten und Nonnen, die ihre eigenen Homosexualität absolut versteckt und verleugnet leben mussten wegen der verachtenden Haltung der offiziellen Kirche.

Die katholische Kirche ist dankbar, dass immer wieder einzelne Soziologen und Religionswissenschaftler in ihren Studien gezeigt haben, wie weit verbreitet tatsächlich das heimliche homosexuelle Leben etwa von Priestern, Bischöfen und Kardinälen und Päpsten ist. Wir denken dabei an das Buch von Frédéric Martel, „Sodom“, S. Fischer Verlag 2019. Der französische Soziologe Martel dokumentiert z.B. ausführlich das total verlogene Leben eines einflußreichen homosexuellen Kardinals, des kolumbianischen Kardinals Lopez Trujillo (S. 360 ff., Lopez Trujillo war ein enger Freund Papst Johannes Paul II. und dem katholischen Geheimbund „Opus Dei“ sehr nahestehend, er war als Erzschwuler ausgerechnet für Fragen der Hetero-Familien im Vatikan zuständig).

Viele weitere Namen (verstorbener) Kleriker wären zu nennen. Wir verurteilen nicht die Homosexualität dieser Kleriker, wir bedauern, dass sie nicht offen und frei ihre ganz normale, ihre homosexuelle Liebe, leben und öffentlich aussagen und gestalten konnten. Es sind dies die Verbrechen der offiziell verordneten Verleugnung der eigenen personalen Identität, die so katastrophal ist für die betroffenen Homosexuellen selbst wie für die Gemeinden, die mit diesen verklemmt und deswegen oft hoch – neurotischen homosexuellen Priestern oder lesbischen Nonnen zu tun haben.

Liebe Gemeinde, ich will diese Litanei der Bitte um Vergebung und Verzeihung hier abbrechen. Die große, man sage endlich einmal radikale Wende der Kirche im Umgang mit Homosexuellen bzw. Queers ist deutlich geworden.

Nur diese Bitte um Vergebung muss ich noch vortragen: De facto werden Homosexuelle bzw. Queers in der katholischen Kirche bis jetzt immer noch als Katholiken zweiter Klasse behandelt. Der offizielle römische Katechismus hat die disqualifizierenden Aussagen zur Homosexualität noch nicht aus dem Buch entfernt, es wird höchste Zeit, was soll dieser Wahn, wenn der Katechismus behauptet: „Homosexuelle Handlungen sind nicht in Ordnung“ oder „sie verstoßen gegen das natürliche Gesetz.. Sie sind in keinem Fall zu billigen“ (§ 2357). Dieser Unsinn, das sagte ich am Anfang, gilt ab sofort nicht mehr, denn Homosexualität ist eine normale Variante unter allen Formen der Sexualität. Die Kirche macht bekanntlich Entwicklungen, Korrekturen, ist nicht erstarrt in ihren Traditionen.

Und zum Schluss noch muss ich mich entschuldigen dafür, dass der Papst nun eine gewisse Segnung homosexueller Paare erlaubt, aber diese Segnung soll bitte sehr dezent und versteckt ausfallen, soll überhaupt keine Ähnlichkeit mit der Hetero – Ehe reservieren Zeremonie haben.
Also: Diese nun erlaubte, aber von reaktionären Klerikern selbstverständlich abgelehnte Segnung homosexueller Paare ist eine Diskriminierung; sie erkennt nicht an, dass auch Homosexuelle längst in vielen Staaten als Ehepaare leben.
Weil die Kirchenführung ihre Fehler einsieht, wird es also bald feierliche Eheschließungen von homosexuellen Eheleuten auch in Katholischen Kirchen geben. Natürlich als Sakrament. Die Ehe ist bekanntlich ein Sakrament der Kirche.

Zum Schluß: Wir haben hier nur von der katholischen Kirche gesprochen. Natürlich sind alle christlichen Kirchen aufgefordert, ihre Verbrechen gegenüber Homosexuellen einzugestehen und sich bei den Opfern zu entschuldigen. Das gilt auch für die machtvoll agierenden, politisch rechtsextremen so genannten evangelikalen Kirche oder Teile der Pfingstkirchen, natürlich auch für alle Formen der orthodoxen Kirchen.
Und ich will nicht verschweigen, dass es eine kleine christliche Kirche in den Niederlanden gibt, für die homosexuelles Leben und Lieben seit Jahrzehnten selbstverständlich ist. Es handelt sich um die Kirche der Remonstranten. (Siehe Weiteres dazu Fußnote 1).

Wer die lange Leidensgeschichte anschaut, die die katholische Kirchenführung und die von dieser Kirchenführung indoktrinierten heterosexuellen Gläubigen den vielen tausend Homosexuellen angetan hat, kann sich eigentlich nur voller Schauer, wenn nicht Ekel und Empörung von dieser Kirche abwenden. Aber einige Weisheiten des Weisheitslehrers und Propheten Jesus von Nazareth bleiben wichtig, darum werden einige wenige katholische Homosexuelle noch in dieser Kirche bleiben.

Unsere große Aufgabe ist: Den Kardinälen und Bischöfen und dem ganzen Klerus (auch dort sind rein statistisch gesehen etliche Homosexuelle!) IN AFRIKA klar zu machen: Deren kämpferische Ablehnung der Homosexualität und der Homosexuellen in ihren Staaten, meist Diktaturen, fördert nur die Verfolgung von Homosexuellen in diesen Ländern. Diese rigide Ablehnung der allermeisten katholischen Kirchenfürsten in Afrika widerspricht, wie gesagt, dem Evangelium, sie widerspricht vor allem den über allem und allen stehenden universell geltenden Menschenrechten.

Darum ist unsere Kollekte heute für ein bedrohtes Zentrum der Hilfe und Unterstützung für Homosexuelle in Uganda gewidmet. Die Kollekte zum Ausbau unserer Orgel entfällt also. Auf das vierte Manual unserer Orgel können wir gern verzichten, es gibt sehr viel Dringenderes.

Ich danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit und Ihr Nachdenken dann auch über die Frage:

Sind denn die hier mitgeteilten Bitten um Verzeihung tatsächlich auch von der katholischen Bürokratie in Rom und in den Behörden der Bischöfe unterstützt???

Ich sage nur so viel: Was ich hier als Predigt anbot, ist leider eine totale Utopie.

Gehet in Frieden …und noch etwas: Streicht aus eurer Bibel die homo-feindlichen Stellen, sie gelten ab sofort nichts mehr, wie ich eingangs sagte. Kommt zur Vernunft und lest die Bibel vernünftig. Die Bibeltexte sind auch nichts als Texte von religiösen, aber begrenzten Menschen, die ihren Glauben in ihrer Zeit und für ihre Zeit (4. Jahrhundert vor Chr. bis 1. Jh. nach Chr.). aussagten. Die Bibel ist Ausdruck frommer Seelen, sie bietet interessante, aber immer zu kritisierende Weisheiten. Mehr nicht.

Und auch dies noch: Wenn eine CSD-Veranstaltung, eine Gay Pride, in Ihrer Stadt stattfindet, gehen sie bitte hin, nehmen sie teil, unterstützen sie diese Menschen, die jetzt von gewalttätigen Rechtsextremen bedroht werden. Eine Demo von Homosexuellen in ostdeutschen Städten muss LEIDER genauso geschützt werden wie eine Demo jüdischer Gemeinden.
Und: Falls Sie Bischöfe treffen, die sich mit den Queers bei einer Demo solidarisieren, sagen Sie es mir. Diese Bischöfe sollten selbstverständlich in vollem Pomp, genannt Ornat, auftreten, bitte mit Mitra… Verwechslungen mit Drag – Queens sind wohl ausgeschlossen… Normale jung gebliebene Gemeinde- Priester werden wieder verkleidet wie so oft dabei sein.

In 300 Jahren wird es vielleicht besser bestellt sein im Umgang der katholischen Kirche mit den Homosexuellen bzw. Queers. Das ist unsere Hoffnung, unter der Einschränkung, falls dann die katholische Kirche in Europa noch mehr ist als eine kleine Sekte…

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

FUßNOTE 1:

Der Remonstranten Theologe, Pastor Jan Berkens, predigt am Sonntag, dem 10.7.2027, in der Remonstranten Kirche „de Vriburg“ in Amsterdam um 10.30 Uhr.

Zur Einstimmung schreibt er:
„Amsterdam ist seit jeher ein Freiraum für Vielfalt. Unser Gemeinde „Vrijburg“ ist es ebenfalls. (Siehe: www.vrijburg.nl/)
Die Akzeptanz des „Andersseins“ im weitesten Sinne des Wortes steht weltweit unter Druck.
Deshalb sind Veranstaltungen wie die Gay – Pride wichtig. Auch die Kirchen haben dabei eine Rolle zu spielen. Gerade in den Kirchen geht es darum, dass jeder und jede angenommen wird, wer auch immer man ist.

In der Bibel wird zwar recht oft Homosexualität verurteilt, aber es gibt auch eine andere Strömung, bei der es gerade um Akzeptanz geht. Manchmal ist das ziemlich überraschend. Lass dich von meiner Predigt überraschen und von dem Werk des Künstlers Louis Fratino berühren.

Für die musikalische Umrahmung sorgen Jan Pieter Lanooy und Dwight Sampi. Dwight war an unserem Surinam-Niederlande-Austausch unserer Gruppe „Arminius“ in den Jahren 2023 und 2024 beteiligt und er ist gerade für kurze Zeit in den Niederlanden. Er wird für uns das „Vaterunser“ auf Saramacanisch singen.

Der Gottesdienst am 9. August steht im Zeichen der Word Pride und wird zum 40-jährigen Jubiläum der offiziellen Segnung von homosexuellen Lebenspartnerschaften in den Remonstrantenkirchen gefeiert!

Der Gottesdienst ist auch s zu sehen über www.vrijburg.nl/kerk-tv.

 

Geiz und Hab-Gier: Die herrschenden Laster der (politischen) Gegenwart

Ein Hinweis auf „Hauptsünden“, Laster genannt, von Christian Modehn am 3. April 2026.

Die These: Der Geizige ist der Habgierige, der Habgierige wird zum Nationalisten und der Nationalist führt Kriege .. um seinen Luxus zu verteidigen und die anderen, die zu Feinden erklärt werden, „auszuschalten“.

1.
Die Inszenierung des „Geizigen“ („L` Avare“, von Molière) der „Schaubühne“ in Berlin im April 2026 (Regie: Thomas Ostermeier, mit Lars Eidinger in der Hauptrolle) führt in eine Reflexion über den Geiz, aber auch über die Gier: Beide Laster sehen wir in engem Zusammenhang. In klassischen Reflexionen werden Geiz und Habsucht (Gier) ohnehin oft verbunden, der lateinische Name „Avaritia“ bedeutet beides, Geiz und Habgier. Wer von Geiz spricht, sollte also immer auch an Habgier denken. Mag der „Geizige“ von Molière auch eine Komödie sein: Lustig ist Geiz eigentlich gar nicht, zumal für jene, die unter dem Geiz des Geizigen zu leiden haben, zumal, wenn denn die Geizigen auch noch die Gierigen sind.

2.
Ohne hier eine umfassende Tugend/Untugend-Lehre aufzumachen:
Geiz bedeutet: Sparsamkeit um der Sparsamkeit willen. Geiz zielt auf die Anhäufung von Reichtum, Geld, Eigentum jeder Art, nur mit dem einzigen Ziel: damit diese Dinge meine Dinge werden.
Den Geizigen beglückt einzig das Nehmen, das Sich-Aneignen, das Bei-Sich-Halten des Eigentums. Diesen angehäuften Reichtum kann der Geizige – schon wegen der Menge – selber gar nicht genießen. Geben, Verteilen, Gerechtsein, Soldarischsein sind für den Geizigen geradezu selbstzerstörerisch.

3.
Der Geizige braucht für sein Lebensmodell eine starke innere Kraft, man möchte sagen: eine verdorbene „Spiritualität“: die Gier, die Sucht zu Haben. Der Geizige will auch über immer mehr Eigenes verfügen. Die Geizigen werden dann die Habgierigen, die können nie genug über Eigentum verfügen. Darum brauchen die Gierigen eine enorme Durchsetzungskraft gegen die anderen. Sie werden nur als Konkurrenten gedacht, mit denen man einen „Deal“ zu eigenem Vorteil machen muss. Hat der Hab-Gierige (der Hab – Süchtige) wieder etwas erobert, gekauft, vereinnahmt, freut er sich über die Anhäufung seines Eigentums, das er, geizig, für sich behält und mit allen Mitteln schützt und auf „Teufel komm raus“ verteidigt, natürlich auch mit Waffen. Nationalismus in allen Spielarten Habgier. Geiz und Habgier führen zum Krieg, und habgierigen Politikern gelingt es immer, ideologisch verblendete, man möchte sagen dumm gemachte Massen, für die Zwecke ihrer Habsucht einzuspannen, also etwa als „Kanonenfutter“ für die Eroberungskriege zu „verwenden.“ Menschen sind für den Geizigen wie für den geizig – Habsüchtigen nur Dinge, nur „Menschen-Material“ – ein Wort aus dem Wörterbuch der Unmenschen der Nazis – damals und heute.

4.
„Der Geizige“ ist also alles andere als „nur“ eine Komödie. Das Thema führt in die Politik. Das sagt Intendant Thomas Ostermeier in einem Interview mit dem „Tagesspiegel“, 30. März 2026, S, 12, deutlich: „Die Gegensätze verschärfen sich in Berlin. Das Kapital hat die Stadt übernommen, die Mieten steigen ins Astronomische. Alternative oder künstlerische Milieus , die früher den Wert dieser Stadt ausmachten, werden verdrängt. Es gibt wesentlich mehr Armut und das Kleinbürgertum kämpft gegen seine Abstiegsängste…Der Ton wird rauer und die bürgerliche Mitte igelt sich ein.“ Man kann etwa durch ein Beispiel ergänzen: Die individuellen Geschäfte, Läden, von Privat geführt, sehr beliebt bei den Menschen, die mehr sein wollen als „Konsumenten“, werden durch die Gier der Vermieter von Gewerbe-Immobilien zugunsten von finanzstarken, anonymen, neutral erscheinenden „Ketten“ verdrängt: So wird den Menschen in ihrem Kiez ein Stück Vertrautheit und Nähe, man möchte sagen auch ein Stück Heimat genommen … durch die Gier der Kapitalisten! Und die Politikerinnen sehen dem machtlos zu. Sie sind ja oft genug mit entsprechenden Lobbyisten eng verbunden…

5.
Darüber gibt es unter Demokraten Konsens: Unsere Welt wird heute von absolut gierigen Herrschern beherrscht. Sie sind diejenigen, die gegenüber anderen, den Milliarden Armen und vom Kapital arm Gemachten, ihr eigenes Ding, ihren „Deal“ rücksichtslos durchziehen.
Und die Bürger sowie die Politiker der wenigen bis jetzt noch verbliebenen demokratischen Staaten sind hilflos dieser Gewalt und der verrückten Laune der Politik – Milliardäre und deren hilfreichen Milliardärs- Freunde ausgesetzt: Das gilt für die USA, die durch den Multi – Milliardär Trump ins Diktatorische abdriften, wie für Russland, dort sind Putin und die Seinen bekanntlich Multi-Milliardäre. Auf Bolsonaro (Brasilien) und die vielen arabischen Milliardäre wollen wir nur hinweisen oder den König von Thailand, erwähnen wir hier schon die Millionäre unter afrikanischen „Politikern“, sehr heftig etwa in Simbabwe. Auf den Milliardär und jetzt erneut wieder-gewählten (!) Ministerpräsidenten Herrn Andrej Babis in Tschechien weisen wir nur hin… Immerhin wird auch Herr Netanyahu (Israel) als ein Multi-Millionär in der Presse gewürdigt: Sehr bescheiden hingegen der deutsche Kanzler Friedrich Merz, er hat nur ein Vermögen „um die 12 Millionen“ Euro (Quelle:LINK . Bescheiden dagegen auch der CDU – Politiker Jens Spahn:Sein geschätztes Vermögen beträgt nur 3 Millionen (Quelle: LINK
Damit wollen wir überhaupt nicht andeuten, dass die genannten deutschen Politiker geizig oder gar habgierig seien. Nein, sie sind als christliche Politiker bekanntlich die bewährten Verteidiger der sozialen Gerechtigkeit für die Armen und der Großzügigkeit für Flüchtlinge – in enger Verbundenheit mir dem sehr „liberal“ denkenden Christlich (!) -Sozialen (!) Innenminister Alexander Dobrindt, ein wahrer Freund der Flüchtlinge? Sie alle sind doch auch die entschiedenen Befürworter einer Reichensteuer ….. oder irre ich mich da? Muss man sich bei diesem dringenden Thema ins Utopische flüchten?

6.
Wohin also führen diese wenigen unvollständigen Überlegungen anläßlich der Inszenierung des „Geizigen“ in der „Schaubühne“, Berlin, im April 2026?
Sie führen zur Erkenntnis, dass die Menschen der meisten Staaten, tatsächlich von Plutokraten beherrscht werden. Plutokraten – das ist nur ein anderer Name für die absolut Gierigen und Geizigen. Und die treffende Anrede von Staatspräsidenten sollte immer sein: „Der Herr Plutokrat Trump, der Herr Plutokrat Putin, der Herr Plutokrat Babis usw…auch für Mohammed VI. (Marokko) gilt dies, auch: Herr Plutokrat Teodoro Obiang Nguema Mbasogo (Präsident von Äquatorialguinea), Herr Plutokrat Paul Biya (Präsident von Kamerun), Herr Plutokrat João Lourenço (Präsident von Angola) die treffende Anrede…
Es ist irgendwie verwunderlich, dass genau diese drei von extremen Plutokraten regierten afrikanischen Staaten Papst Leo im April 2026 auf seiner apostolischen Reise besucht, er will dort die Armen treffen, heißt es im Vatikan. Vielleicht hofft der Papst auf eine milde Gabe, einen üblichen „Peterspfennig“, der Plutokraten für seinen so bettelarmen“ Heiligen Stuhl“…

Ergänzt am 4.4.2026: Gefährlicher als Trump sind gewiss die Tech-Giganten, auch sie sind selbstverständlich Multi-Milliardäre. Sie sind bedrohlich, denn sie können mit ihrer offenbar unkontrollierbaren (??) All-Macht die wenigen demokratischen Regierungsformen zerstören. Die Tech – Oligarchen kölnnten immer deutlicher die entscheidenden Machthaber der Zukunft sein, wenn nicht die Demokraten und ihre demokratischen Politiker wirksam noch um Menschenrechte und Menschenwürde auch in diesem Zusammenhang kämpfen.

7.
Merke also: Umfassende gerechte Sozialpolitik, die diesen Namen verdient, ist von diesen Milliardärs-, Millionärs – Politiker Herren überhaupt nicht zu erwarten. Es sei denn, sie bekehrten sich von ihrer Hab – Gier und ihrem Geiz. Das ist nahezu ausgeschlossen. Und eine gerade jetzt dringend gebotene gerechte Reichensteuer ist von diesen Herren auch nicht zu erwarten: Welcher Gierige, Geizige, schneidet sich mit einer humaner Politik des Teilens und der Solidarität in das eigene, bestens gepflegte Fleisch?

8.
Von Enteignung der Milliardäre zur Rettung der Welt und zugunsten einer humaneren, d.h. gerechteren Welt, wagt heute kaum jemand zu sprechen. Warum sitzen, um Gottes Willen, so viele Menschen ungestraft und eben nicht ein bißchen enteignet auf ihren so vielen hunderten von Milliarden Dollar oder Euro oder Schweizer Franken? Warum empört sich keine Massenbewegung gegen diesen Wahn der Ungerechtigkeit? Einige wenige Milliardäre sind ja mit menschlichem Vorbild aufgetreten – und haben etwas Geld verteilt, weil sie Mit – Menschen geblieben sind.

9.
Ist das Thema Enteignung wirklicher nur ein Thema des radikalen Sozialismus? Dabei passieren doch Enteignungen vieler Millionen Menschen ständig vor aller Augen: Da werden viele Millionen ArbeiterInnen in den Fabriken um ihr eigenes gesundes Leben enteignet … durch horrende Arbeitsbedingungen; da schuften Kinder in den Goldgruben Afrikas… Arbeitssklaven auf den Baustellen der arabischen Welt und so weiter: Millionen Menschen werden längst ent-eignet, um das Eigene ihres eigenen freien, menschenwürdigen Lebens gebracht.
Enteignung, durch die Plutokraten und ihre Freunde, gibt es also längst und seit langem. Geht auch mal der umgekehrte Weg? Der von der Enteignung der Enteignenden handelt? Eine interessante, aber nur spekulative und selbstverständlich völlig sinnlose, wenn nicht verbotene Frage einiger Demokraten.

10.
Es sieht also für die Bürger düster aus, wenn man sich vom „Geizigen“ (Molière) ins weitere Reflektieren führen lässt. Vielleicht kann man anläßlich dieser Komödie aus dem 17. Jahrhundert und dem geizigen Harpagon (d.i. jetzt Lars Eidinger) dann doch wenigstens für ein paar Minuten schmunzeln, um dann wieder, leicht verzweifelt, in die Welt der verrückt gewordenen Plutokraten zurückkehren zu müssen. In die Stadt Berlin etwa, von der Intendant Ostermeier treffend sagt: „Das Kapital hat die Stadt übernommen“. Man lebt zudem in einer Stadt, in der es kritische Propheten aus christlichen Kreisen längst nicht mehr gibt! Bischöfe und Theologen sind eher Verwalter ihrer eigenen gut bezahlten Stellung geworden. Einst waren manchmal einige christliche Theologen und Bischöfe noch so etwas wie Propheten.
Sollen sich doch mal Berliner TheologInnen und Bischöfe mit der treffenden These des Künstlers Thomas Ostermeiers auseinandersetzen: „Das Kapital hat die Stadt übernommen“. Sollen sie doch mal eine Berliner-Theologie in diesem Zusammenhang entwickeln.
Ein großer Künstler hat den Mut, den menschlichen Niedergang (nicht nur) dieser Stadt zur Sprache zu bringen. Es ist ein Niedergang – von der Demokratie zur Herrschaft des Kapitals … verursacht von Geiz und Habgier.

11.

Erleben die Geizigen und Habgierigen, dass ihr Wohlstand sinkt, dass ihre Privilegien bedoht sind, versammeln sie sich unter der Ideologie des Nationalismus. Sie wollen ihre Nation und die kapitalistische Unordnung, die sie ultrareich macht, unter allen Umständen verteidigen. So entstehen Kriege. Nationalismus ist absolut gefährlich, führt zu Krieg und Zerstörung anderer, die zu Feinden erklärt werden. Sie Orban in Ungarn, die ultra-rechte Regierung in Israel unter Netanjahu, die Kriege des geradezu verrückt gewordenen US-Nationalisten und Multi-Milliardärs Trump und seiner Milliardärs-Clique (MAGA -Ideologie etc.). 

12,

Wer über den „Geizigen“ nachdenkt, muss über den Habgierigen nachdenken und damit auch über Nationalisten und den Kriegstreiber. 

Copyright: Christian Modehn, religionsphilosophischer-salon.de

Den Widerstand gegen die Nazis ehren, gleichzeitig Mitläufer und Täter nennen. Über Bernhard Lichtenberg (Berlin)

Zum Gedenken an den katholischen Priester Dompropst Bernhard Lichtenberg in Berlin

Ein Hinweis von Christian Modehn am 1.12.2025
1.
Wenn in der Nazi-Zeit einige Menschen lebten, die mit – menschlich blieben, also Widerstand leisteten, dann sollten im Gedenken an diese wenigen stets auch die allermeisten erwähnt werden, also die Täter und Mitläufer des Nazi-Regimes. Sonst wird im üblichen, zur Routine gewordenen Gedenken, nur eine Jubelveranstaltung als „Helden- Gedenken“, dieses Gedenken übersieht: Diese Wenigen waren umgeben von sehr vielen Schweigenden, Wegsehenden, Mitläufern und Parteigängern. Sie waren eine Gefahr für die wenigen. Insofern ist eine „Heldenverehrung“ des Nazi-Widerstandes, die diese feindliche „Umgebung“ vergißt, eine Verirrung, wenn nicht Lüge.

2.
Anläßlich eines Gedenkens an einen katholischen „Helden“ (katholisch formuliert: Gedenken an einen „Seligen“) fordern wir also gleichzeitig eine solche öffentliche Erinnerung, die alle Einseitigkeiten des Jubels überwindet und Fehler, Verirrungen und Verbrechen der Mehrheit damals im Gedenken selbst freilegt. Denn nur unter dieser Bedingung können wir heute „von der Geschichte lernen“, wie es so schön immer wieder heißt. Wir müssen heute wissen, wie viele Christen ihren Glauben damals ignorierten, als sie Nazis (Mitläufer, Ignoranten, Parteimitglieder usw.) wurden und die wenigen authentischen Christen allein ließen, verachteten, preisgaben…

3.
An welchen Helden denken wir jetzt konkret? An eine katholische Ausnahme-Gestalt: Durchaus ein Vorbild im Widerstand gegen die Nazi-Herrschaft ist Dompropst Bernhard Lichtenberg. Anläßlich seines 150. Geburtstages am 3. Dezember 2025 wird ein „Sonderpostwertzeichen“ herausgegeben, die Briefmarke wird sogar von Berlins katholischem Erz – Bischof Heiner Koch in der St. Hedwigkathedrale präsentiert: Ob diese Marke auch noch gesegnet wird, ist fraglich. Zur neuen „Lichtenberg – Briefmarke“ 2025: LINK 
Aber der Ort ist gut gewählt: In der Hedwigkathedrale wirkte Bernhard Lichtenberg … und … weil er sich für die verfolgten Juden einsetzte und dort öffentlich für sie betete, wurde er von einem im Gottesdienst sitzenden Spitzel angezeigt: Am 23. Oktober 1941 wurde der prominente katholische Priester von der Geheimen Staatspolizei verhaftet und am 22. Mai 1942 von einem Sondergericht verurteilt. Nach zweijähriger Strafhaft schwer erkrankt, starb der Nazi – Gegner in der Stadt Hof am 5. November 1943, unterwegs im Transport zum Konzentrationslager Dachau. Geboren wurde Bernhard Lichtenberg am 3. Dezember 1875 in Ohlau, Schlesien. 1899 wurde er in Breslau zum Priester geweiht.

4.
Wegen seines Mutes, den Nazis öffentlich (!) zu widersprechen und für die verfolgten Juden einzustehen, wurde Bernhard Lichtenberg 1996 „selig gesprochen“: Bernhard Lichtenberg, nun „bei Gott“, kann also – nach katholischem Verständnis – von den Gläubigen im Bistum Berlin als Seliger ein Fürsprecher sein an Gottes Thron. Eine Heiligsprechung – sozusagen als himmlischer Fürsprecher dann aber weltweit – wird noch angestrebt. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ehrte den katholischen Priester 2004 mit der Auszeichnung als „Righteous among the Nations“ im Jahr 2004.

5.
Es verdient alle Unterstützung, dass mutigem Mensch gebliebene Menschen aus dem Widerstand gegen die Nazis als Vorbilder  geehrt werden. Das soll unbedingt so bleiben. Und eines Tages werden die Widerstandskämpfer gegen die heutigen Rechtsextremen und Neo -Nazis in Europa oder den USA auch öffentlich von der Kirche geehrt werden. Ob sich viele Katholiken und Christen anderer Kirchen darunter befinden, wird sich zeigen, diese Christen haben dann das Evangelium richtig AUCH als politische Botschaft, als Eintreten für die Menschenrechte, verstanden.

6.
Aber die Veranstaltungen von Gedenken zu Bernhard Lichtenberg sollten gleichzeitig dokumentieren und anzuerkennen: Dieser Selige, dieser vorbildliche Mensch, ist eine Ausnahme in der damaligen katholischen Welt. Dass die evangelische Kirche damals in ihrer starken Bindung an rechte und rechtsextreme Kreise, an die „deutschen Christen“  nur wenige Vorbilder hat … das ist ein anderes Thema…Martin Luthers Theologie bzw. Ideologie vom Gehorsam gegenüber der Obrigkeit zeigte seine furchtbare Wirkung.

Um deutlich zu machen, dass tatsächlich nur sehr wenige Priester in Deutschland den Nazis widerstanden: 1933 lebten in Deutschland 27.000 so genannte Weltpriester (Diözesanpriester) und weitere 15.00 männliche Ordensleute sowie mindestens 90.000 Ordensfrauen. Quelle: LINK.    Und: „Von den rund 2.700 im KZ Dachau inhaftierten Geistlichen unterschiedlicher Nationalität („!) waren fast 95 Prozent katholischen Glaubens. Mindestens 160 deutsche Priester und 110 Laien büßten ihre Standhaftigkeit gegenüber dem Nationalsozialismus mit dem Leben.“ Quelle: LINK

7.
Die katholische Kirche, ihre Theologen und ihre Kirchenhistoriker müssen heute öffentlich anerkennen: Es ist nun wirklich nicht so, dass alle Berliner Priester und Ordensleute Bernhard Lichtenberg, ihren Dompropst, unterstützten, sich ihm anschlossen und wie er für die verfolgten Juden öffentlich beteten. Wäre diese umfassende Solidarität so vieler Priester mit dem Dompropst Lichtenberg wie vor allem Solidarität mit den Juden der Fall gewesen, dann hätten die Nazis sicher nicht alle Berliner Priester verhaftet … und die Nazis hätten – bei solchem „Massenprotest“ – auch Bernhard Lichtenberg nicht ins KZ verurteilt. Mit anderen Worten: Es gilt einzugestehen: Es gab sehr viele „Mitläufer“ mit der Nazi-Partei auch im Klerus. Dazu gibt es keine umfassenden Studien, „Heldenverehrung“ ist eben einfacher und angenehmer für die Kirche heute.

8.
Der für den Dompropst Bernhard Lichtenberg zuständige Berliner Bischof in der Nazi-Zeit war Bischof Konrad von Preysing, und er zeigte sich in seinen Stellungnahmen – im Rahmen der Bischofskonferenz – als ein entschiedener Gegner der Nazis. Aber Bischof von Preysing gehörte in dieser Position zur absoluten Minderheit unter den Bischöfen im Deutschen Reich. In welcher Weise Preysing seinen Dompropst öffentlich explizit unterstützte, muss noch erkundet werden.

9.
Bernhard Lichtenberg hatte aber einen erklärten Gegner unter den Bischöfen, und der saß im Erzbistum Breslau, das Bistum Berlin war diesem Erz – Bistum unterstellt. Und in Breslau regierte ein Kardinal, der in der Öffentlichkeit – sicher mit guten Gründen – als ein Freund des Nazi-Regimes wahrgenommen wurde. Der Breslauer Kardinal Adolf Bertram, seit 1914 dort als Erzbischof (gestorben 1945), war zudem der mächtige, letztlich der bestimmende Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz. Man sagt jetzt gern, Kardinal Bertram habe „intern“, in kleinen privaten Zirkel, Vorbehalte gegen Hitler und seinen Wahn geäußert.  Und man nennt diese Zurückhaltung des Kardinals gegenüber den Nazis „diplomatisches Verhalten“. Das sind die üblichen Floskeln, mit denen der geringe Mut zum öffentlichen Widerspruch und Widerstand entschuldigt werden soll. Aber: Einen öffentlich mutigen, widerstädnigen Kardinal ins KZ zu stecken – das hätten selbst die Nazis nicht gewagt. Den öffentlich Nazi – kritischen Berliner Bischof von Preysing haben die Nazis nicht verhaftet, nicht dem KZ ausgeliefert…

10..
Historiker meinen, Prälat Bernhard Lichtenberg in Berlin habe die Haltung von Kardinal Adolf Bertram, also dessen höchst moderaten, freundlichen Kurs gegenüber den Nazis, nicht direkt öffentlich kritisiert bzw. kritisieren können. Bei der Priesterweihe versprechen die neugeweihten Priester immer noch Gehorsam ihrem Bischof, so musste also Lichtenberg schweigen zur öffentlichen Nazi-Freundlichkeit seines obersten Vorgesetzten Kardinal Bertram.
Aber Dompropst Lichtenberg kannte natürlich die letztlich nazifreundliche Gesinnung Kardinal Bertrams. Lichtenberg musste an seiner Stelle den Mund auftun und mit dem Leben bezahlen.

11.
Es kann hier kein umfassendes Porträt Kardinal Adolf Bertrams in Breslau angeboten werden. In dem Band „Die Kirchen im Dritten Reich“ von Georg Denzler rund Volker Fabricius (Fischer, 1984) schreibt der Historiker Georg Denzler: „Erzbischof Bertram suchte in gemeinsamen Hirtenbriefen jede massive Regimekritik zu vermeiden.“ (S. 101). Denzler nennt Erzbischof Bertram „politisch naiv“, er erlaubte sich, zu Hitlers Geburtstag 1940 „dem hochgebietenden Herrn Reichskanzler und Führer die herzlichsten Glückwünsche darzubringen.“ Und der Erzbischof versicherte Hitler noch pauschal „die Staatstreue des katholischen Volkes“ (S. 102). Denzler schreibt: „Und um das Maß an ideologischer Verschwommenheit und Verwirrung vollzumachen, bekannte Erzbischof Bertram dem Führer uneingeschränkt, so wörtlich: „Ich bitte daran erinnern zu dürfen, dass dieses unser Streben (der Treue zu Hitler) nicht im Widerspruch steht mit dem Programm der nationalsozialistischen Partei.“ (S. 102). Hitler bedankte sich bei Bertram am 29. April 1940 sehr herzlich und „mit besonderer Genugtuung“ bei Kardinal Bertram.
Bischof von Preysing (Berlin) war über diese Hitler – Ergebenheit Kardinal Bertrams empört, die Bischöfe waren gespalten, schreibt Denzler (S. 103). Die Hitler-kritischen Bischöfe blieben aber die einflußlose Minderheit.  Dompropst Lichtenberg übernahm als einzelner mit seinem öffentlichen Gebet für die Juden genau die Aufgabe, die eigentlich Aufgabe aller Bischöfe und der Bischofskonferenz gewesen wäre.

12.
Ein Beispiel für das Nazi-freundliche Verhalten Kardinal Bertrams schon im Jahr1933: Eine Intervention gegen den von den Nazis propagierten Boykott jüdischer Geschäfte im Jahr 1933 befürwortete Kardinal Bertram nicht und sagte: „Meine Bedenken beziehen sich, 1. darauf, daß es sich um einen wirtschaftlichen Kampf in einem uns in kirchlicher Hinsicht nicht nahestehenden Interessentenkreis handelt; 2., daß der Schritt als Einmischung in eine Angelegenheit erscheint, die das Aufgabengebiet des Episkopats weniger berührt; der Episkopat aber triftigen Grund hat, sich auf sein eigenes Arbeitsgebiet zu beschränken […]Dass die überwiegend in jüdischen Händen befindliche Presse (sic, CM) gegenüber den Katholikenverfolgungen in verschiedenen Ländern durchweg mit Schweigen beobachtet hat, sei nur nebenbei berührt.“ (Quelle: Josef und Ruth Becker: Hitlers Machtergreifung. Dokumente. dtv, München 1983, (Dokument Nr. 148, Seite 195).

Dr. Sascha Hinkel, Kirchenhistoriker an der Uni Münster, nennt die Beweggründe für das Nazi-freundliche Verhalten Kardinal Bertrams: „Ein katholischer Bischof ist für wen zuständig? Für seine Katholiken. Der Bishcof ist nicht für Juden zuständig. Die Juden können für sich selbst sorgen, jüdische Institutionen sind für die Juden zuständig. Das sagt Kardinal Bertram im Prinzip schon 1933, und das führt er fort bis 1945. Es ging Kardinal Bertram darum, die vitalen Interessen der katholischen Kirche zu schützen, das schreibt er immer wieder. Und was ist das vitale kirchliche Interesse? Die Aufrechterhaltung der kirchlichen Institutionen, um Seelsorge zu gewährleisten.“(Quelle: DLF Kultur am 22.1.2023 LINK   https://www.deutschlandfunkkultur.de/kirchen-nationalsozialismus-kaum-protest-spaete-aufarbeitung-100.html. Dass die Juden – so die heutige Sichtweise der Kirchen – eigentlich Geschwister im Glauben sind, das sah Bertram leider anders…Aber wahrscheinlich hatte er das nicht besser gelernt in der Jahrhunderte alten Abwehr alles Jüdischen im Christentum und seiner Theologie.

13.
Warum also diese Hinweise: Wer heute zurecht an die sehr wenigen (gegenüber der Gesamtzahl der Priester und Ordensleute) Priester im Widerstand gegen die Nazis erinnert, sollte immer zugleich sagen: Diese vorbildlichen Gestalten sind die Ausnahme. Die allermeisten Priester und die allermeisten „Laien“ haben geschwiegen, sie waren mindestens Schweigende, Mitläufer…

14.
Erst wenn im Zusammenhang der „Heldenverehrung“ die Masse der Schweigenden, der Mitläufer usw. ausführlich auch erwähnt wird, ist das Erinnern wahrhaftig. Wer immer nur die wenigen positiven Beispiele herausstellt und sozusagen abstrakt, d.h.ohne Kontext feiert, der halbiert sozusagen das Gedenken, halbiert die Wahrheit.

Gotthard Klein hat im „Diözesan Archiv Berlin“ ausführlich über  Bernhard Lichtenbergs, dessen Nazi -Protest und Leidensweg berichtet: LINK

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Wenn die Kirchen zu viele Kirchen haben

„Leben statt Leere“: Zu einem neuen Buch (2025) über den Umgang mit „überflüssigen“ Kirchengebäuden

Hinweise von Christian Modehn am 30.9.2025

1.
Seit 1990 wurden in Deutschland 514 evangelische Kirchengebäude aufgegeben, davon wurden 128 abgerissen; bei den Katholiken wurden 603 „Gotteshäuser“ seit 1990 aufgegeben, davon 173 abgerissen. Quelle:„Plus- Minus“, Magazin der ARD/Das Erste am 24.9.2025.
Gerade der Abriss von Kirchengebäuden kann als Symbol verstanden werden für das stetige Verschwinden der Kirchen in Deutschland und Europa. Ob damit auch der christliche Glaube langsam aber „sicher“ verschwindet, ist eine andere Frage. Und: An irgendeinen Gott (vielleicht Götzen) glauben wohl die meisten, weil sie Menschen sind und immer irgendwie „gläubig“ sind, aber das ist Philosophie…

2. Immer weniger Kirchenmitglieder
Weil immer mehr Kirchenmitglieder in Deutschland aus der Kirche austreten, haben die Gemeinden und Landeskirchen bzw. die Bistümer wegen der ausbleibenden Kirchensteuern kein Geld (und kein bezahltes Personal) für den Erhalt ihrer vielen Kirchengebäude. 23.000 Kirchengebäude (oft mit Gemeinderäumen und Wohnungen) besitzt die Evangelische Kirche noch in Deutschland, 24.000 Kirchengebäude (oft mit Gemeinderäumen und Wohnungen) die katholische Kirche. Zu den großen Kirchen gehören (2024) 39 Millionen Mitglieder, für das Jahr 2060 werden schätzungsweise noch 23 Millionen Bewohner Deutschlands Kirchenmitglieder sein. Dass die Bewohner Deutschlands mehrheitlich in Zukunft wieder Kirchenmitglieder werden: Daran glauben wohl selbst die frömmsten Bischöfe nicht. Da ist also Eile angesagt, wollen die Kirchen Schließung, Verkauf, „Mischnutzung“ oder Abriss von Gotteshäusern mit den jeweiligen Kommunen sinnvoll und das heißt immer auch mit finanziellem Gewinn gestalten. PS: Über die vielen, z. T.“überflüssigen“, z.T. hübsch renovierten Dorfkirchen in Brandenburg habe ich 2020 einen provozierenden Beitrag verfasst. LINK

3. Könnten Kardinäle, Bischöfe, Pfarrer auf einen kleinen Teil ihres Gehaltes verzichten?
Man könnte denken: Zur Finanzierung des Erhalts wenigstens einiger, von den Gläubigen als sehr wichtiger angesehener bestehender Kirchen – Gebäude könnten auch die Kürzungen der Gehälter von Pfarrern, Oberkirchenräten, Erzpriestern und Bischöfen und Kardinälen beitragen, dies wäre ein schlichter solidarischer, aber öffentlich wirksamer Effekt. Kardinal Marx von München hat immerhin Ende Dezember 2020 tatsächlich 500.000 Euro aus seinem Privatvermögen (sic!) für „Betroffene des sexuellen Missbrauchs“ in seine Stiftung eingezahlt. Quelle: LINK
Kardinal Marx erhält – aus Staatsleistungen Bayerns – ein Monatsgehalt von etwa 13.600 €. Kardinal Woelki in Köln erhält ein Monatsgehalt von 13.800 €, ziemlich unbescheiden, wenn man bedenkt, dass sein Verhalten im Zusammenhang von sexuellem Missbrauch ein Hauptgrund war und ist für die große Austritts-„Welle“ im Erzbistum Köln…Quelle: LINK
Ein evangelischer Pfarrer verdient in Deutschland heute durchschnittlich 5.300€ brutto im Monat. Ähnliche Gehälter erhalten katholische Pfarrer, auch bei ihnen gilt: Oft mit freier Dienstwohnung…

4. Kirchen verkaufen und umwandeln: Alles andere als ein Nebenthema
Der vielfältige mögliche Umgang mit „überflüssig“ gewordenen, also nicht mehr klassisch für Gottesdienste/Messen zu nutzenden Kirchen bzw. Gotteshäusern ist alles andere als ein kulturelles „Nebenthema“. Diese Frage gehört ins Zentrum der Debatten über die Umbrüche der Religionen und Kirchen in Europa heute. Man beachte immer dabei: Für Protestanten sind Kirchengebäude eben nur Gebäude genutzt für Gottesdienste usw., aber eben nicht wie bei Katholiken eher verehrungswürdige „Gotteshäuser“…
Über eine umfangreiche Foto – Dokumentation von verfallenen, allmählich nur noch als Ruinen wahrnehmbaren Kirchengebäuden in einigen Ländern Europas habe ich im Jahr 2020 eine Rezension geschrieben. LINK
Dabei wird deutlich: In Frankreich wurden schon im 19.Jahrhundert viele Gotteshäuser von der Kirche aufgegeben, weil einfach die Gläubigen nicht mehr gläubig waren und die Messe nicht mehr besuchten, man sehe sich dazu etwa im Département Yonne oder in anderen Gegenden Burgunds oder des Limousin (Guéret!) um…

5. Ästhetisches – religiöses Erleben angesichts von (umgewandelten) Kirchen
Heute gilt in Deutschland die allgemeine ästhetische Überzeugung: Kirchengebäude in unseren Städten und Dörfern als Ruinen wahrzunehmen, ist nicht förderlich für einen guten Gesamteindruck und nicht inspirierend für einen letzten Rest spirituell – christlicher Stimmung unter den Bürgern. Ein schönes Kirchengebäude in einer grauen Stadtlandschaft oder in einem sonst langweiligen Dorf in Brandenburg empfinden selbst Atheisten noch als ästhetische Bereicherung. Und selbst die Kirchenleitungen sind überzeugt: Wenn bei umgewandelten Kirchengebäuden wenigstens nach außen hin eine „christliche Aura“ durch die erhaltenen Kirchen – Fassaden, Außenmauern, bunten Fenster und den Glockenturm (mit noch immer läutenden Glocken), dann sind solche Umwandlungen ein Erfolg. Der protestantische Theologen und EKD – Kulturbeauftragte Johann Hinrich Claussen definiert den klassischen Begriff für Gottesdienst, und dies ist der Begriff Liturgie, in einem sehr weiten Sinne: Er meint, Liturgie sei als Dienst auch im allgemeinen Menschlichen zu verstehen, nicht nur als explizite Gottes – Dienst – Veranstaltung (richtig „klassisch“). So kann seiner Meinung nach eine umgewandelte Kirche, etwa als Bibliothek, noch einen guten humanen Dienst leisten, also irgendwie dem Begriff Liturgie gerecht werden (Seite 118ff.) Claussen meint zudem sehr gewagt: „Wer an dem Kirchenbau vorbeigeht, entwickelt nicht selten so etwas wie alltägliche Liturgie. Man schaut hoch auf den Turm und seine Uhr, nimmt einen Glockenschlag wahr, lässt die Architektur für einen Augenblick auf sich wirken, erinnert sich kurz an hier Erlebtes, es kann sich dabei so etwas wie eine `Religion der Religionslosen?(Robert Musil) ereignen.“ (Seite 119). Ob sich dieses weltliche punktuelle und kurzfristige irgendwie spirituelle Liturgie – Erlebnis auch im Angesicht einer umgebauten Kirche sich ereignet, ist eine offene Frage: Zudem: Dieses kurze, irgendwie noch christlich geprägte Erleben angesichts eines umgewandelten Kirchengebäudes gilt sicher nur für Menschen, die diese Kirche einst von innen gesehen haben und vielleicht an einem Gottesdienst teilgenommen haben, aber diese alten Menschen sterben leider aus…

6. Zum Gottesdienst eine umgewandelte Kirche mieten
Das ziemlich umfangreiche neue Buch mit dem sehr provozierenden Titel „Leben statt Leere. Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit unseren Kirchen“ ist auch deswegen wichtig, weil zu den AutorInnen keineswegs nur TheologInnen gehören, sondern vor allem SpezialistInnen für Baukultur und Stadtentwicklung, für Baudenkmäler, Fachleute fürs Stiftungswesen oder Gedenkstätten usw. Die 28 Essays handeln also von rechtlichen Problemen bei der „Nutzungserweiterung“ der Kirchen, beschreiben die Vielfalt neuer „Nutzungen“ der einst nur religiösen Kirchengebäude. Die gemeinsame Nutzung durch eine Kirchengemeinde wie auch durch „weltliche“ neue Nutzer scheint mir besonders wichtig zu sein. Nebenbei: In Amsterdam etwa mieten arm gewordene Kirchengemeinden am Sonntag ihre einstige Kirche für zwei Stunden, die sonst in ein Museum bzw. ein Kulturzentrum ist. In dem genannten Buch ist vor allem der Beitrag von Leona Lynen sehr inspirierend, wenn man konkrete, schon realisierte, vielleicht erfolgreiche Projekte kennenlernen will.

7. Die noch aktiven Kirchen sind meist leer
Der Titel des Buches „Leben statt Leere“ ist sehr provokativ: Er kann nämlich suggerieren: Einst, als die Kirchengebäude noch für Gottesdienste/Messen genutzt wurden, herrschte eigentlich Leere: Das ist sogar richtig, wenn man sich die Statistiken der Teilnahme am evangelischen Gottesdienst in einigen Städten und Dörfern anschaut: Da sitzen sonntags um 10 Uhr in vielen Gemeinden Berlins, Leipzigs, Hamburgs usw. nur einige wenige, ziemlich weit voneinander, in den Bänken. 3,3% der Protestanten in Deutschland setzen sich sonntags um 10 in die Kirche. Es gibt in Brandenburgs Dörfern beheizbare „Winterkirchen“ innerhalb der großen Kirchen. „Winterkirchen“ sind die Zimmerchen gleich am Eingang: Die dort aufgestellten 20 Stühle sind treffender Ausdruck der erwarteten TeilnehmerInnen von „Sonntags um 10 oder 11“. An der katholischen Sonntags – Messe nehmen im Erzbistum Berlin etwa noch etwa 8,5 % der Gläubigen teil. Aber auch hier gilt, zumindest in Berlin: Nach den Gottesdiensten werden die Kirchen verschlossen, weil auch kein „Freiwilliger“ mehr da ist, der „aufpasst“ und mögliche Diebe vertreibt. So stehen die großen Kirchen während der Woche also leer herum, die tatsächliche „Nutzungszeit“ beträgt wahrscheinlich nur etwa 4 Stunden pro Woche, wenn man Orgelkonzerte, Taufen oder Trauungen zu den Gottesdiensten mitzählt. Gäbe es nicht die immer noch sehr gut „besuchten“ Heilig – Abend Gottesdienste, sähe die Jahres – Statistik zum Gottesdienstbesuch sehr düster aus.
Darum ist der Titel „Leben statt Leer“ treffend: Die vorhandenen Kirchengebäude stehen wirklich fast immer leer herum. Und selbst tagsüber offen gehaltene Kirchen stehen zu Zeiten leer, wo sie eigentlich genutzt werden könnten: Hier in Berlin – Schöneberg, wo ich lebe, sitzen sehr viele junge Leute an jedem Sommerabend auf Grünanlagen vor der Apostel -Paulus – Kirche, sie trinken und plaudern und lachen, eine Art kleine Oase. Die Kirche, schließt um 18 Uhr. Aber dann beginnt erst das turbulente Leben im unmittelbaren Umfeld der Kirche… In Paris habe ich einst so genannte „Nacht-Kirchen“ – offen meist am langen Wochenende- kennengelernt und für die ARD dokumentiert, wie die Kirchen St. Gervais, St. Severin, St.Leu usw… Sie waren bis über Mitternacht hinaus offen. Heute zwingt der „Vandalismus“ in den Kirchen zu früher Schließung… Vielleicht sind die Kirchen sogar ein ganz kleines Bißchen froh, weil sie heute keine ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, „Aufsicht“, mehr haben. Damals waren die Gemeindepfarrer in ihren Nachtkirchen anwesend.

8. Viele schöne Fotos umgewandelter Kirchen
Das Buch „Leben statt Leere. Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit alten Kirchen“ enthält auf 240 Seiten 28 Essays. Genauso wichtig aber ist: Das neue „Leben“ der Kirchen wird auf mindestens 60 ganzseitigen Farbfotos so anmutig und so schön präsentiert, dass man eigentlich denken kann: Prima, dass diese Kirchen nun keine expliziten Gotteshäuser mehr sind. Die umgebauten Kirchen sind jetzt sehr lebendige Häuser, etwa prächtige Buchhandlungen oder angenehme Kindergärten oder hübsche Theater oder gar nicht so bescheidene Kleiderkammern für Arme, auch die Jugendherbergen sind beachtlich, erstaunlich, dass einige Kirchenfenster und dezent erhaltenen Kreuze den Früstücksraum schmücken. Man möchte also meinen: Endlich haben diese einst grauen, selbst sonntags fast leeren und während der Woche fast immer verschlossenen Kirchen/Gotteshäuser eine sympathische, so menschliche, durchaus progressive Ausstattung erhalten… Und man wird Theologen fragen, ob sie diese Entwicklung ebenfalls sympathisch und entzückend finden können und – normativ betrachtet – finden dürfen.

9. Wer oder was ist schuld an den Kirchenschließungen?
Wer stellt eigentlich noch in kirchlichen und theologischen Kreisen die provozierende, aber sehr berechtigte Frage: Wer oder was ist eigentlich schuld daran, dass so viele Kirchen „überflüssig“ geworden sind? Soweit ich sehe, wird dieses Thema in dem Buch bedauerlicherweise nicht bearbeitet. Wer nach einer Antwort sucht: Man wird doch theologisch nicht im allgemeinen „die“ Säkularisierung oder „die“ Moderne dafür verantwortlich machen, dass nun so viele Kirchengebäude für die Kirchen selbst überflüssig geworden sind. Denn Tatsache ist: Beide Kirchen hatten und haben immer Jahresetats von vielen Milliarden Euro aus Kirchensteuereinnahmen. Der katholische Theologe Konstantin Manthey nennt in seinem Beitrag die Zahl von „fast zwei Millionen Kirchenangestellten“ heute (S. 125). Darf man fragen, was haben diese meist gut bezahlten Damen und Herren falsch gemacht, dass es zu einem solchen stetigen Kirchenaustritt von Millionen getaufter Christen kommen konnte und kann?

10. Die alte Dogmenwelt und die unverständlichen Gebete/Gesänge
Was würde ein sehr großes Wirtschaftsunternehmen tun, wenn es einen so miserablen „Erfolg“ erzielen würde wie die Kirchen, die Millionen Mitglieder verlieren, obwohl die finanzielle Ausstattung wirklich bestens war (und bis jetzt noch immer ist)? Aber der Rücktritt von Bischöfen oder EKD – Synodalen würde in dem Zusammenhang nicht mehr als richtiges Symbol eines „Schuldbekenntnisses“ sein. Aber die eigentliche „Schuld“ an der Misere der Kirchen ins Deutschland und Europa weist auf anderes, über das öffentlich, auch in der Theologie, kaum gesprochen wird: Es ist die nicht anders als aufgeblasen zu nennende uralte dogmatische Glaubenswelt der Kirchen; es sind die meist sehr altertümlichen Kirchen – Lieder und – Gesänge: Bezeichnenderweise haben die Katholische Bischöfe der Niederlande und Deutschlands fast all Lieder des niederländischen Theologen Huub Oosterhuis als Mess-Gesänge verboten. Diese Lieder sind aber wohl die einzigem, die ein denkender Christ heute noch singen kann.. Schuld sind auch die intellektuell kaum nachvollziehbaren Gebete und Fürbitten; die erstarrten Liturgien/Messen oder das „Trallala“ mancher Kindergottesdienste, all das hat den Abschied so vieler hundert tausend kritischer und denkender Menschen aus den Kirchen beschleunigt.
Wer hat als Teilnehmer der Messe nicht schon oft den Eindruck gehabt: Das ist doch alles immer der selbe Ritus, dieses reglementierte Auf und Ab von Hinknien, Aufstehen, Sitzen, standardisiert antworten auf standardisierte Aufforderungen und Gebete des Priesters. Und dann auch dies noch: Das Sprechen eher sinnloser Texte: Etwa vor dem Empfang der Kommunion (!) müssen die Gläubigen diese Worte sprechen: „Herr ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach“… Wo bitte ist denn „mein Dach“, unter dem ich die Kommunion nun erhalte und verzehre…. Antiquierte Redeweisen in den Messen bis heute: „Der Herr sei mit euch.“ „Und mit deinem Geiste…“ Wer sagt denn so was, muss Kirchensprache derart aus der Zeit fallen? Das ertragen die Leute einfach nicht mehr. Tausend Beispiele wären möglich, aber schon diese Hinweise zeigen: Sie haben sehr wohl mit den leeren Kirchen zu tun, mit den sich ständig leerenden Kirchen besser gesagt.
Das fehlt leider in dem Buch „Leben statt Leere“: Die ausgearbeitete selbstkritische Erkenntnis: Die Kirchen sind selbst schuld, dass sie jetzt auf ihren vielen überflüssig gewordenen Kirchengebäuden sitzen und diese dann abstoßen müssen.

11. Die fixierten Holzbänke aus den Kirchen endlich entfernen!
Ein weiterer Grund für die Leere der Kirchen, für die Abweisung kirchlicher Angeboten den alten Gotteshäusern: Diese Kirchen sind als Treffpunkte der Gemeinde schon von der Anordnung der Sitzgelegenheiten eine Katastrophe: Alle schauen nach vorn, meist auch nach oben, zum Altar, zu den unersetzlichen Priestern oder dem evangelischen Pfarrer, der manchmal noch in die Höhen der Kanzel zur 30 Minuten Predigt klettert. Und „alle“ schauen in die Höhe der Wahrheit … Noch wichtiger: Es sind diese wirklich widerlichen, fest verankerten Holzbänke, die nicht das geringste Gefühl von Kommunikation oder Wohlfühlen aufkommen lassen. Ich wage die These: Hätten die Gemeinden spätestens vor 50 Jahren die fest verankerten Holzbänke aus den Kirchen rausgeworfen und durch Stühle bzw. Sessel oder Polster oder bequeme Sofas ersetzt, Sachen also, die man auch in einen Kreis hätte stellen können zum Gottesdienst, dann hätte sich Kirche als sympathischer, einladender freundlicher Raum einer Gemeinde, einer „großen Familie“, bewiesen. Warum soll man das für die Menschen oft ungemütliche, weil kritisch – störende Evangelium Jesu von Nazareth nicht auf gemütlichen Stühlen verstehen können?

12. Die Kirchenführung zerstört die Idee „Kirchengemeinde in der Nachbarschaft“
Wenn sich die Kirchen jetzt und in naher Zukunft von vielen Kirchengebäuden trennen müssen, dann wird für die noch Interessierten – und das sind oft ältere Menschen – die bequeme Erreichbarkeit von Kirchen und Gemeindezentren fast unmöglich gemacht, es sei denn man nimmt lange Busfahrten in Kauf, um noch eine Kirche zu finden, in der die Messe gefeiert wird. Die gute und bequeme Erreichbarkeit von Kirchen und Gemeindezentren ist HEUTE um so dringender, wenn man an die vielfach dokumentierte Einsamkeit sehr vieler Menschen gerade in den großen Städten denkt: Wenn es denn offene, d.h.freundliche, wenig dogmatische Gemeinden gäbe, dann wären diese Gemeinden von hohem Wert gerade für „das seelisch wie politisch Beste einer Stadt“, nämlich die Pflege des Miteinanders. Aber alles wird gerade jetzt von den Kirchen selbst zerstört: Im Erzbistum Berlin etwa gilt das Konzept mit dem höchst fragwürdigen Motto: „Wo der Glaube Raum gewinnt“: Das bedeutet in Wahrheit: „Liebe (ältere, einsame) Gläubige gewöhnt euch an große weite Räume, wenn ihr noch eine katholische Kirche oder ein Gemeindehaus sucht. Kirchliche Nachbarschaft ist ab sofort ausgeschlossen.“
So sehr man auch in umgewandelten Kirchen und deren Bücherstuben oder Cafés oder Kleiderkammern über den Sinn des Lebens beiläufig reden kann: Eigentlich sollten Kirchengemeinden Orte der qualifizierten, freien und offenen Sinnsuche sein, der Frage nach dem Sinn des Lebens, Liebens und Arbeitens, der ungerechten Gesellschaft und der Klimakatastrophe, der Frage nach dem Sinn von Leiden, Sterben und Tod. Sicher haben die Kirchengemeinden gar nicht mehr dieses qualifizierte Person für Gespräche über diese auch therapeutischen Fragen… , insofern ist wohl realistisch, wenn die Kirchen mangels qualifizierten Personals ihre Kirchen verkaufen und „umwandeln“.

13.
Obwohl die vielfältigen Formen der Umwandlung von „überflüssigen“ Kirchen beide großen Konfessionen betrifft, beziehen sich in dem Buch, soweit ich sehe, nur drei katholische AutorInnen auf entsprechende Erfahrungen und Einsichten ihrer Kirche. Dabei ist klar: An einer ökumenischen Zusammenarbeit bei Verkauf und Umwandlung der Kirchen via Internet oder Ebay mangelt es immer noch, berichtete kürzlich (September 2025) das genannte „Plus- Minus“ Magazin der ARD.

14. Erzbischöfe in Berlin setzen auf teure Repräsentativ -Kirchen.
Wir wollen hier nur auf den Beitrag des katholischen Theologen und Kunsthistorikers Konstantin Manthey, Berlin, hinweisen. Er spricht erstaunlich kritisch über das Verhalten der Kirchen, also auch der katholischen Kirche, zu unserem Thema, er spricht von „Schockstarre“ und von der Obsession der „Besitzstandswahrung“.
Sehr wichtig ist der Hinweis Mantheys: Es werden in Berlin keine neuen Kirchen oder wenigstens kleine Gemeindezentren gebaut in Berlins 23 (sic) neuen Stadtquartieren mit vielen tausend Bewohnern: „Nirgendwo ist dort bisher ein kirchlicher Ort vorgesehen, ein christlicher Raum für Zusammensein und ähnliches…“ (S. 127).

15.
Ist wirklich kein Geld da, um wenigstens einige kleine religiöse oder theologische Salons anzumieten als Treffpunkte für religiös Interessierte, die es ja sicher auch in den neuen Stadtquartieren geben wird?
Tatsache ist: Geld haben die Kirchen heute noch sehr reichlich, das lässt sich etwa am Beispiel des Erzbistums Berlin: Das wird allerdings von Konstantin Manthey nicht dokumentiert: Die Rede muss also sein über die vielen Millionen Euro, die für die – eigentlich unnötige – Total- Renovierung der St. Hedwigskathedrale ausgegeben wurden: „Mit 44,2 Millionen Euro wurden die 2016 prognostizierten Gesamtkosten für den Umbau der Bischofskirche nur um rund 4 Millionen Euro überschritten“, heißt es im Erzbistum. Konkret: Zwölf Millionen Euro kamen vom Bund und acht Millionen Euro vom Land Berlin für den Umbau der Kathedrale, 28 Millionen Euro muss also die Kirche selbst bezahlen. Und zum Neubau des Bischofshauses und eines Kirchenzentrums, direkt neben der Kathedrale, „Bernhard Lichtenberg Haus“ genannt: „Hier waren zu Beginn 17 Millionen Euro veranschlagt worden, inzwischen rechnet das Erzbistum jedoch mit nahezu verdoppelten Kosten von 33,8 Millionen Euro – für die das Hauptstadtbistum zudem allein aufkommen muss.“ Quelle: LINK.

Schon 2024 hatte der „Tagesspiegel“  nachgewiesen: In Berlin ist der Bodenbesitz aller religiösen Gemeinschaften laut Liegenschaftsplan  mit 1.206 Hektar anzugeben. Das sind 1,3% der Stadtfläche, der evangelischen und katholischen Kirche gehört der größte Teil der Liegenschaften, wie der „Tagesspiegel“ erneut am 1.10.2025, Seite 4 im Berlin – Heft berichtet. 1.206 Hektar sind etwa 12 Quadratkilometer im Besitz der Religionen, der Kirchen. Der Vatikan-Staaat hat 0,44 Quadratkilometer Fläche, der Berliner Bezirk Schöneberg 12,2 Quadtratkilometer.

16. In den Wohnbezirken verschwinden katholische Gemeinden
Die angeblich arme katholische Kirche Berlin setzt also auf Repräsentativ-Bauten in der Innenstadt, interessant für Touristen vor allem, die „Unter den Linden“ flankieren oder zum Humboldt – Forum eilen… Um an das nötige Geld zu kommen, werden von den Erzbischöfen Berlins Gemeindezentren und Kirchen in den dicht bewohnten Bezirken aufgegeben oder verkauft, wie etwa nun die Gemeinde mit großer Kirche im „Katharinenstft“ (mit einem Kloster der Herz – Jesu – Priester) in Prenzlauer Berg.Über den Verkauf des Katharinenstiftes, auf einem „Filetgrundstück“, hat der Journalist Patrick Pohl am 14.7.2025 auf seiner website berichtet. Oder: Die St. Albertus Magnus Kirche im bevölkerungsreichen Wilmersdorf: „Die 61 Jahre alte St. Albertus-Magnus Kirche in Wilmersdorf/Halensee wurde schon im November 2023 geschlossen, von einer neuen Nutzung ist noch immer nichts zu sehen, Quelle: „Tagesspiegel“ am 8.9.2025. Alsbald wird wohl die St. Kamillus Kirche in Charlottenburg mit einem integrierten „Altenheim“ verkauft.
Mit anderen Worten: Die Kirchenleitung nimmt den Menschen die nahe Erreichbarkeit ihrer altvertrauten Gotteshäuser und Gemeindezentren zugunsten von Millionen teuren Renovierungen und Neubauten von Repräsentativgebäuden. Die Kirche will offenbar noch groß und mächtig und modern nach außen erscheinen…
Wie viele Kirchen ließen Berlins katholische Bischöfe schon abreißen oder verkaufen? Wir nennen nur: St. Raphael in Gatow, Bezirk Spandau), St. Agnes in Kreuzberg., St. Johannes Capistran Tempelhof. Erstaunlich, dass der in der Katholischen Akademie Berlin angestellte Theologe Konstantin Manthey von all den genannten Zusammenhängen keine Silbe verliert.

Auch im Bistum Dresden – Meißen setzen die Kirchenoberen auf repräsentative Bauten: Ca. 19.000 Katholiken sind zwischen 2014 und 2024 dort aus der Kirche ausgetreten, die Zahl der Katholiken im Bistum Sachsens beträgt noch 128.000. Trotzdem die Kirchenführung baut für 49 Millionen Euro einen riesigen kirchlichen Verwaltungsneubau in Dresden, Eröffnung 2025. LINK 

Nebenbei: Es gibt inzwischen bei wikipedia einen eigenen Beitrag über die vielen „profanierten Kirchen“ im Erzbistum Berlin: LINK

17. Wann werden in Deutschland Kirchen in Moscheen umgewandelt?
Eine eigentlich dringende Frage wird überhaupt nicht öffentlich erörtert, weder in dem genannten Buch noch in anderen Publikationen oder etwa in Akademieveranstaltungen. Die Frage ist: Warum werden leerstehende Kirchen nicht muslimischen Vereinen zum Umbau als Moschee angeboten? Man könnte auch denken. Warum nicht auch jüdischen Gemeinden zum Umbau in eine Synagoge. Aber für Neubauten von Synagogen ist ja gut gesorgt.
Warum also keine zu Moscheen umgewandelten Kirchen? Man muss als Antwort nicht lange spekulieren: Weil Muslime in Deutschland immer noch unter einem ungerechten Generalverdacht des Radikalen stehen. Weil „der Islam nicht zu Deutschland gehört“, wie einzelne CSU Politiker (wie Horst Seehofer, 2018 und zuvor schon der CDU Ministerpräsident Sachsens Stanislaw Tillich schon im Januar 2015 in einem Interview mit „Die Welt“) sagten: LINK https://religionsphilosophischer-salon.de/6160_der-islam-gehoert-nicht-zu-deutschland-wenn-das-logische-denken-versagt_denkbar
Diese pauschalen und dummen Sprüche „Der Islam gehört nicht zu Europa“ war und ist wohl die beste Werbung einiger CDU CSU Politiker für die AFD…

18. In Amsterdam: Von der St. Ignatius Kirche zur Moschee
Ich kenne nur ein Beispiel dafür, dass tatsächlich einmal eine katholische Kirche in eine Moschee verwandelt wurde. Das hat sich im toleranten Amsterdam ereignet: 1971 haben die Jesuiten an der Rozengracht 150, ganz in der Nähe des Anne – Frank – Hauses, ihre St. Ignatiuskirche aufgegeben müssen: Dann geschah ein interessantes Intermezzo: Die Kirche wurde kurzfristig in einen Teppich-Laden umgewandelt und erst danach, im Jahr 1981, von der Islamischen Stiftung Fatih (Islamitische Stichting Nederland Fatih Amsterdam) erworben und als Moschee eingerichtet. Ein unmittelbarer Übergang von Kirche zu Moschee war selbst in Holland wohl „zu viel des Guten“. Dabei reden doch viele christliche Theologen eigentlich ständig von der Gemeinschaft der drei monotheistischen Religionen, aber man belässt es lieber im unverbindlichen akademischen Milieu. Seit 1981 trägt die auch von außen noch wahrnehmbar ehemalige Kirche also offiziell den Namen „Fatih-Moschee“. Die Leistung der Moschee dort hat mir selbstverständlich Filmaufnahmen für meine Dokumentation fürs Erste über die Religionen in Amsterdam gestattet. LINK

19. Kirchen werden den Buddhisten oder Humanisten überlassen.
Wenn es den Kirchen ernst ist mit einem umfassenden ökumenischen und interreligiösen Dialog: Warum bieten sie ihre überflüssigen Gotteshäuser nicht auch Buddhisten an, warum nicht auch dem „Humanistischen Verband“, der ja bekanntlich gute Sozialarbeit leistet? Aber schon diese unsere Frage werden „kirchenleitende Herrschaften“ als utopisch zurückweisen. Nebenbei: Wie viele Kirchen wurden an fundamentalistische „freie charismatische Gemeinden“ verkauft? Diese sind bekanntlich in ihrer Lehre gefährlich, „nur“ für die seelische Gesundheit der „Gläubigen“??? Man schaue sich heute diese machtvollen, z. T gewalttätigen fundamentalistisch – evangelikalen Kreise in den USA des Mister Trump an….

Zur weiteren Information siehe auch die website Aktion Kirchenabriss: https://www.moderne-regional.de/listing-category/hashtag-kirchenabriss/

Das genannte Buch „Leben statt Leere. Überlegungen und Anregungen zum Umgang mit unseren Kirchen“ wurde u.a von Klaus -Martin Bresgott und Johann Hinrich Claussen herausgegeben. Das Buch ist über Kulturbüro der EKD zu beziehen: Kulturbüro des Rates der EKD, Auguststraße 80, D-10117 Berlin, https://ekd-kultur.de/. kultur@ekd.de

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

 

 

Max Josef Metzger: Aktiv gegen die Nazis, aktiv für die Ökumene, ein Friedensaktivist…

Jetzt wird Max Josef Metzger von der katholischen Kirche offiziell geehrt als Märtyrer, als „ein Seliger“, also fast schon als ein Heiliger…

Einige Hinweise von Christian Modehn. November 2024.

1.
Max Josef Metzger sollte man kennen: Kurz seine Daten: Er wurde geboren am 3.2.1887 in Schopfheim im Schwarzwald. Er wird hingerichtet durch Enthauptung im Nazi – Gefängnis Brandenburg/Havel am 17.4.1944. Metzger war katholischer Pfarrer zu Zeiten, als sein politisch-radikales und theologisch-mutiges Profil von der Hierarchie noch viel weniger erwünscht war als heute.

2.
Am 17. November 2024 wird Max Josef Metzger im Münster von Freiburg im Breisgau, in seiner badischen Heimat, feierlich selig gesprochen: Das heißt: Die Bischöfe und der Papst wollen – endlich – 80 Jahre nach dem Martyrium des Friedensaktisten, Nazi – Feindes und Vorkämpfers zugunsten der Einheit der Christen ein Zeichen setzen und verkünden: Dieser Max Josef Metzger hatte vollkommen recht mit seinem Widerspruch und seinem Engagement. Sein Martyrium war wohl nicht umsonst, viele Impulse seines Lebens wirken weiter. Man sollte dabei auch wahrnehmen, wie schwer es Pfarrer Metzger hatte in der ängstlichen, oft nazifreundlichen Hierarchie der katholischen Kirche damals.

3.
Max Josef Metzger war seit 1911 Katholischer Priester, mit 23 Jahren erwarb er schon den theologischen Doktorgrad. Er nahm am Ersten Weltkrieg teil, aus Gesundheitsgründen konnte er in seine Heimat zurückkehren und widmete sich dann seit 1917 aktiv zugunsten der damals sehr schwachen Friedensbewegung.

4. Für den Frieden in friedlosen Zeiten
Er gehörte auch zu den führenden Initiatoren und Mitgliedern des „Friedensbundes deutscher Katholiken (FDK)“ und des „Internationalen Versöhnungsbundes“. Zwei Organisationen, die es im damaligen Katholizismus nicht leicht hatten. „Die großen katholischen Verbände wie auch die meisten Bischöfe verhielten sich ablehnend gegenüber dem Friedensbund deutscher Katholiken“ (Fußnote 1)
Am ersten „Demokratischen Internationalen Kongress“ im Jahr 1921 in Paris, mit mehreren tausend TeilnehmerInnen, nahm Metzger auf Einladung des französischen Katholiken Marc Sangnier teil. Als einer der ersten Deutschen nach dem Ersten Weltkrieg hielt Metzger eine Rede über die Verbindung von Demokratie und Frieden.
Auch beim „Interreligiösen Friedenskongress“ 1928 in Den Haag war Metzger dabei, er hielt einen Vortrag über die biblische Friedensbotschaft. Die traditionelle katholische Lehre vom „gerechten Krieg“ lehnte er ab, jeder Krieg war für ihn Verbrechen. Bei der „Internationale der Kriegsdienstgegner“, einem Treffen vor allem von Sozialisten und Kommunisten, war Metzger dabei und schloß sich der Parole an: „Menschen aller Staaten vereinigt euch gegen den Krieg“, der katholische Pfarrer plädierte für einen weltweiten passiven Widerstand gegen den Krieg…. Und er „verurteilte das System des Kapitalismus und predigte einen christlichen Sozialismus. Mit solchen Auffassungen musste er nicht nur kirchlichen Amtsträgern, sondern ebenso den Machthabern des Dritten Reiches als höchst gefährlich erscheinen,“ schreibt der Historiker Georg Denzler (Fußnote 2)

Der VVN Augsburg zitiert Max Josef Metzger: „Das ganze gottverlassene System der Wirtschaft von heute mit ihrer schrankenlosen und gewissenlosen Profitgier führt, ohne daß es dem Einzelnen meist zu Bewußtsein kommt, fast zwangsläufig einmal zu der Katastrophe des Krieges.“ (1930) Und 1932 veröffentlichte Dr. Metzger einen Artikel gegen die nazistische Judenhetze und stand ab 1933 abseits der Auffassung der deutschen Bischöfe. Diese erkannten am 28.3.1933 das neue Regime feierlich an, ermahnten die katholischen Gläubigen zu treuer und gewissenhafter Erfüllung der Staatsbürgerpflichten und untersagten ihnen jegliches rechtswidrige Verhalten. Er formulierte 1934: „Die Kirche muß sich zur Wehr setzen, wo man die Macht zum Götzen erhebt, wo man den Frieden zwischen den Völkern durch rohe Gewaltpolitik gefährdet, wo man den Staat zur Quelle allen Rechtes macht und fremde Rechte nur insoweit gelten läßt, als sie dem eigenen Volke keine Opfer zumuten.“ – Eine Kampfansage gegen das Naziregime. Quelle: LINK

5.
Originell und inspirierend bis heute bleibt Metzgers Einsicht: Frieden gibt es nur, wenn sich die Menschen zum Frieden auch innerlich bekehren. Frieden und Friedensbewegung haben also entscheidend mit Spiritualität zu tun. Nur ein erneuerter humaner Geist, also der immer wieder eingeübte und in Friedenszeiten besprochene Geist des Friedens, kann auf Dauer eine neue humane Welt gestalten. Alle technokratischen, militärischen Überlegungen hinsichtlich der Waffensysteme usw. sind also sinnlos als Aktivitäten der Friedenssicherung, wenn nicht ein erneuerter Geist der Verständigung, des Dialogs alles politische Handeln bestimmt. Friedenspolitik gelingt nur als Bewusstseinsbildung, als politische wie spirituelle Bildung.

6.
Die gelebte Einheit der in Konfessionen gespaltenen Christenheit war für Max Josef Metzger der theologische Mittelpunkt und das Ziel seiner theologischen Bemühungen: Glaubwürdig für den Frieden eintreten kann seiner Meinung nach nur die katholische Kirche, wenn sie selbst die anderen Meinungen und Mentalitäten der anderen christlichen Kirchen respektiert. Metzger wollte nicht länger der offiziell verbreiteten Ideologie folgen: Allein die katholische Kirche sei die einzig wahre Kirche, zu der alle anderen christlichen „Gemeinschaften“zurückkehren sollten. Die von ihm gegründete Gemeinschaft der „Christkönigsgesellschaft“ (Fußnote 3) in Meitingen bei Augsburg setzt(e) sich für die Ziele einer gelebten Ökumene ein.
Metzger war auch Autor zahlreicher spiritueller Texte, Gebete und religiöser Lieder, sie zeigen, wie sehr er als Theologe von der offiziellen katholischen Frömmigkeit geprägt war, der aber doch die Kraft hatte, diese enge konfessionalistische Welt zu überwinden. Die Notwendigkeit seiner  „Christkönig Gemeinschaft“  begründete Metzger in einem Brief aus dem Gefängnis, geschrieben am 2.11.1943, mit heftigen, treffenden Worten: „Die Veräußerlichung und Vergesetzlichung der Kirche, das Verlassen des urchrsitlichen Geistes der Buße, der Gemeinschaft des Dienstes, der Liebe, die Selbstgerechtigkeit gerade bei der zur Führungg Berufenen … der Mangel an lebendigem, zündenden Geist… diese ganze Not der Kirche verlangt eine Erneuerungsbewegung…“ (Fußnote 10)

7. Ein Atheist und Kommunist gehört zur Gemeinde Christi…
In seinen „Briefen aus der Gefangenschaft“ schreibt Metzger am 29.8.1943 auch von dem Zusammensein im Gefängnis mit dem „Vorsitzenden des Deutschen Freidenkerverbandes“ (gemeint ist Max Sievers), „der bis vor ein paar Tagen für mehrere Wochen mein Bettnachbar war im berüchtigte Gestapogefängnis in der Prinz-Albrecht-Straße. Trotz der weltanschaulichen Kluft, die uns trennte, standen wir uns doch in gegenseitiger Achtung näher als andere; ich fand in ihm einen Charakter, der vornehm und gerecht urteilte und gute Kameradschaft pflegte – ich möchte meinen, in ihm wirkt unbewusste etwas weiter von christlicher Erziehung vieler Jahrhunderte deutscher Geschichte. … Ja, ich möchte irgendwie einen solchen Menschen mehr zur Gemeinde Christi rechnen als so viele Getaufte, deren Seele unberührt geblieben ist vom heiligen Geist Christi (Fußnote 6). Weiter schreibt Metzger: „Ich habe nicht das Recht, über das jenseitige Schicksal eines Menschen zu urteilen. Jedenfalls ist es mein Glaube, dass verloren im eigentlichen Sinne, zur Hölle bestimmt, nur ist, wer wider seine Gewissensüberzeugung stand. Wie viele Christen sind da freilich schlechter dran als die so genannten ‚Heiden‘.“ Auch Max Sievers wurde in Brandenburg – Görden enthauptet, am 17.Januar 1943… (Fußnote 4)

8.
Max Josef Metzger hatte in Form einer Denkschrift Pläne ausgearbeitet für den Aufbau der Demokratie in Deutschland und Europa nach dem erhofften Ende des Nazi-Regimes. Den Text sollte ein befreundeter lutherischer Bischof in Schweden nach England weiter reichen. Die Botin nach Schwedin war aber die Gestapo Agentin Dagmar Imgart, sie hat Metzger verraten. (Fußnote 5).
Im Juni 1943 wurde er verhaftet, vom Volksgerichtshof unter dem Verbrecher Roland Freisler am 14. Oktober 1943 zum Tode verurteilt, ins Gefängnis Brandenburg verbracht und dort am 17.April 1944 enthauptet. An den Händen gefesselt konnte Max Josef Metzger noch etliche Briefe und theologische Texte verfassen und seinen FreundInnen und Mitarbeiterinnen zugänglich machen.

9.
Diese Briefe aus der Gefangenschaft zeigen einen Menschen, der das Unrechtsurteil angenommen hat in dem Glauben, dass er sein Leben spirituell aufopfert für den Sieg der Gerechtigkeit. Die Briefe aus der Gefangenschaft (Fußnote 6) zeigen einen Mann, der nur in der engen Verbindung mit seinem Glauben diese Qualen annehmen konnte.

10.  Erzbischof Gröber versucht – scheinheilig – seinem Priester Metzger zu helfen
Wirksame Unterstützung und hilfreiche Solidarität fand Pfarrer Max Josef Metzger bei seinem zuständigen Erz-Bischof Conrad Gröber von Freiburg i.Br. nicht. Die Person Gröber ist unter Historikern noch immer umstritten, wobei Gröber dichte Nähe zum Nationalsozialismus zweifellos eine Tatsache ist: Schließlich war er freiwillig für einige Monate Fördermitglied der SS geworden. Auch wenn er sich von dieser SS – Bindung distanzierte, er blieb ein Bischof, der sich selbst retten wollte und in gewundenen Formulierungen, scheinheilig muss man wohl sagen, seinen Priester Max Josef Metzger in allerletzter Minute noch zu retten versuchte.
Er hatte schon dem „Verteidiger“ Metzgers beim Volksgerichtshof geschrieben und ihm die besondere idealistische Charakterstruktur des Priesters erklären wollen, sozusagen als Entschuldigung für dessen Widerstand gegen die „Regierung“.
Nachdem das Todesurteil am 14. Oktober 1943 vom Volksgerichtshof gefallen war, schrieb Erzbischof Gröber zwei Tage später direkt an den Oberrichter/Verbrecher Freisler vom Volksgerichtshof einen Brief, der mehr die Person Gröbers schützen sollte als dass er Pfarrer Metzger noch retten wollte (Fußnote 7):
„Hochverehrter Herr Präsident des Volksgerichtshofes,
eben erhalte ich die Nachricht über die Verhandlung, die vorgestern zum Todesurteil des Diözesanpriesters Max Metzger geführt hat.
Ich bedaure aufs allertiefeste das Verbrechen (sic !) dessen er sich schuldig gemacht hat…“ Dann schreibt der Erzbischof von seinem Brief an den „Verteidiger Metzgers, einen Dr .Dix, in dem der Bischof Metzger als Idealisten (also eigentlich als einen Dummkopf, CM) bezeichnet hatte. Und der Erzbischof wagte es noch, sich für den Brief zu entschuldigen: „So glaubte ich als sein Erzbischof verpflichtet zu sein, etwas für ihn zu unternehmen.
Mit Ausdruck meiner hohen Verehrung und Wertschätzung Ihr ergebener Conrad, Erzbischof“ (ebd).

Wikipedia über Erzbischof Conrad Gröber (gelesen am 4.11.2024): „Am 12. November 1943 teilte Gröber seinem Diözesanklerus die Verurteilung von Metzger mit, u. a. mit folgenden Worten: „Dieser überaus traurige Fall soll uns eindringlich lehren, dass wir alles und jedes, was dem Vaterland in seiner schweren Zeit und damit auch uns selber irgendwie schaden könnte, peinlichst unterlassen, die ungeheuren Opfer und Erfolge unserer Soldaten im Felde dankbar und fürbittend würdigen, den Mut unserer Gläubigen in der Heimat stärken […], an das furchtbare Unglück eines verlorenen Krieges mit bolschewistischen Folgen denken und Tag für Tag Gott bitten […], dass er unsere Heimat schütze und mit einem ehrenvollen inneren und äußeren Frieden segne.“ (Quelle: LINK)

Über den verstörenden Umgang Erzbischof Gröbers mit den Priestern, die nach einem KZ Aufenthalt 1945 wieder in Freiheit waren und Respekt forderten, wäre zu sprechen. Siehe dazu das Buch des Historikers Georg Denzler in der Serie Piper, Seite 123 ff.

11. Erzbischof Gröber in der Diskussion!
Die Debatte über die zwiespältige Gestalt Erzbischof Gröbers geht zumal im Freiburger Raum sehr heftig weiter, nur nicht jetzt im offiziellen Gedenken an den seligen Pfarrer Metzger.
Die Arbeiten des Historikers Wolfgang Proske haben für Debatten gesorgt etwa zur Umbennnung von Gröber – Straßen und Aufhebung von Gröber – Ehrenbürger-Würden.
Wolfgang Proske schreibt: „Warum hat Gröber nur selten etwas getan, das über den unmittelbaren Vorteil seiner Kirche hinausgegangen wäre? Warum belog er den französischen Gouverneur, er habe nie zur Partei und zu keiner ihrer Organisationen gehört? Wie konnte Gröber am 13. November 1946 sagen: „Soviel ist sicher, dass ich durch die geheime Staatspolizei und ihre Helfershelfer seelisch mehr gelitten habe als viele von denen, die in Dachau misshandelt wurden oder starben“, so fragt Proske und betont: „Ich komme also zum Ergebnis: Gröber hat bis zu seinem Tod seine verhängnisvolle Selbstinstrumentalisierung zur Durchsetzung des NS-Systems nicht verstanden. Er war kein Täter, aber ein Helfershelfer des Nationalsozialismus. (Fußnote 8).

11.

Zum Revisionsurteil des Bundesgerichtshofes am 28. Juni 1956: Freislers Todes – Urteil (Volksgerichtshof) über Dr. Max Josef Metzger ist Mord: „Die Verurteilung Dr.Metzgers und die Vollstreckung des Todesurteils gegen ihn war eine vorsätzliche rechtswidrige Tötung unter dem Deckmantel der Strafrechtspflege.“ D.h.: 12 Jahre nach dem Nazi – urteil wird Max Josef Metzger nun für schuldfrei erklärt „und als echtes Blutzeugnis vor die Geschichte unserer Zeit gestellt“, schreibt die verantwortliche Leiterin der von Metzger gegründeten „Christ-Königsschwestern Gemeinschaft“ am 17. April 1964 in dem Buch „Für Frieden und Einheit. Briefe aus der Gefangenschaft“, Meitingen 1964, Seite XXIV.

13.
Ein spiritueller Text von Max Josef Metzger:

„Ich muss gestehen, ich habe sie nie gelernt
Die Kunst das Krumme – krumm zu lassen!
Ich konnt` im ganzen Leben nicht erfassen
Dass man bei Notstand höflich sich entfernt…
Ich fürchte fast, es scheitert am Gewissen –
Ich hab ihm allzeit Treue halten müssen:
Wer sich dafür nicht wagt, der ist kein Mensch.!
Geht euren Weg, ich seh euch ohne Neid
Ihr klugen Selbstversorger all, ihr Weisen!
Ich geh den meinen – mögt ihr Narr mich heißen
Mich tröstet meiner Seele Seligkeit!

(Fußnote 9)

…………………….

Fußnote 1:
Zum Friedensbund Deutscher Katholiken, siehe „Hermes Handlexikon: Die Friedensbewegung“ ECON Verlag, 1983, S. 141, Beitrag von D. Riesenberger.
Am 1.7.1933 wurde der „Friedensbund Deutscher Katholiken“ (FDK) von den Nazis verboten, führende Mitglieder verhaftet oder hingerichtet wie Pfarrer Metzger. Im Jahr 1933 zählte der FDK noch 31.500 Mitglieder. In dem Beitrag von Prof. Dieter Riesenberger heißt es weiter: „Nach 1945 unternahmen F.M. Stratmann und andere führende Mitglied des FDK den Versuch einer Neugründung. Die ablehnende Haltung gegenüber der Aufrüstung der Bundesrepublik führte zu heftigen Angriffen gegen den FDK, so daß er sich unter starkem kirchlichen und politischen Druck im April 1951 auflöste“.

Fußnote 2:
Georg Denzler, „Die Kirchen im Dritten Reich“, Band I, Fischer Taschenbuch Verlag, 1984, S. 181.

Fußnote 3:
Das von Max Josef Metzger 1925 gegründete „Christ-König-Institut“ in Meitingen bei Augsburg: Siehe: http://saekularinstitute.de/saekularinstitute/christkoenigs-institut-meitingen

Fußnote 4:
Quelle: https://www.juraforum.de/lexikon/max-josef-metzger
Und: http://www.zerstoerte-vielfalt-humanismus.de/index.html

Fußnote 5:
Die Schwedin Dagmar Ingart, 1896 geboren, war in Deutschland in christlichen Krisen aktiv und seit 1941 Gestapo – Agentin, eine von der ganz üblen Sorte. Nach dem Krieg aus Schweden nach Deutschland ausgewiesen, wurde sie nach mehreren gerichtlichen Verfahren am 14. Juni 1957 unter Aussetzung des Straf-Restes zur Bewährung entlassen. Sie zog zunächst nach Zwingenberg, Bergstraße und und 1960 nach Bensheim. Sie starb am 30. August 1980, 84-jährig, in Seeheim – Jugenheim.

Fußnote 6:
Max Josef Metzger, „Für Frieden und Einheit. Briefe aus der Gefangenschaft“. Kyrios Verlag, 3. Aufl. 1964. Seite 93-94!

Fußnote 7
: wie Fußnote 2, dort S.184 f.

Fußnote 8:
 Armin Heim, Wolfgang Proske und Helmut Weißhaupt nehmen Stellung zur aktuellen Diskussion um Erzbischof Conrad Gröber. Schwäbische Zeitung, veröffentlicht: 28.04.2017.

Fußnote 9:
Zit. in: Georg Denzler, „Widerstand oder Anpassung. Katholische Kirche und Drittes Reich“, Serie Piper, München, 1984, S. 122.

Fußnote 10:

Max Josef Metzger, „Für Frieden und Einheit. Briefe aus der Gefangenschaft“. Kyrios Verlag, 3. Aufl. 1964. Seite 148- 149. Leider ist dieses Buch nur noch antiquarisch zu haben. Fpr mich völlig unverständlich!

……………….

Das „Konradsblatt“, die Zeitung des Erzbistums Freiburg, veröffentlichte mehrere Beiträge über Max Josef Metzger, etwa: LINK

Und jetzt (5.11.2024) veröffentlicht das „Konradsblatt“ aus Anlaß der Seligsprechung am 17.11.2024 ein interessantes Sonder – Heft mit vielen Fotos und Dokumenten über Max Josef Metzger. LINK

Allerdings: Das Thema „Metzger und sein Freiburger Erzbischof Conrad Gröber“ wird darin nicht dokumentiert und kritisch bewertet. Erzbischof Gröber ist wohl immer noch ein Problem für Katholiken im Bistum Freiburg.
Auch Metzgers Hochschätzung des Kommunisten und Freidenkers Max Sievers wird in dem umfangreichen Sonderheft nicht erwähnt. Das wäre doch mal ein Hinweis zum Thema „Dialog Katholiken und Atheisten“! Dieser Verzicht ist zudem bedauerlich, weil Sievers für die Feuerbestattung eintrat, was Katholiken damals verabscheuten. Aber mit dem 2. Vatikanischen Konzil wurde die Feuerbestattung auch Katholiken – halbherzig – erlaubt. Für Priester immer noch ein Tabu. Ausnahmen: Der niederländische Priester Herman Verbeek ließ die Asche seines Körpers über der See ausschütten; der katholische Bischof Jacques Gaillot, Frankreich, bestimmte, dass seine Asche über einem Armenfriedhof bei Paris ausgestreut wird…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Hedwigskathedrale wird neu eröffnet

Die Toleranz eines Kirchenkritikers: König Friedrich II. fördert den Bau einer katholischen Kirche in Berlin.

Ein Hinweis von Christian Modehn am 7. 11.2024

Das Bild zeigt die Katholische St. Hedwigskathedrale zu Berlin im Jahr 1777, als Johann Georg Rosenberg (1739 – 1806) diese Radierung schuf: Gesehen von der Französischen Straße aus. Der Preußenkönig Friedrich II. ist der Initiator dieser ersten katholischen Kirche seit der Reformation; Friedrich II. war bekanntlich ein heftiger kirchenkritischer und religionskritischer Geist; aber er von der Philosophie der Aufklärung (Voltaire war sein liebster Brief – und Gesprächspartner) bestimmt und deswegen der Toleranz auch gegenüber den Kirchen verpflichtet. Ein Freigeist also hat den Bau dieser St. Hedwigskirche im Zentrum des damaligen (und heutigen) Berlin ermöglicht,  er hat den Bau ausdrücklich gewünscht und gefördert. Wer diese Kirche heute sieht und besucht, sollte wissen: Dieses „Gotteshaus“ ist ein Ausdruck aufklärerischer und kirchenkritischer Philosophie. Wer dort predigt, könnte doch bei aller Bibeltreue und üblicher Dogmenbindung den Geist der philosophischen Aufklärung respektieren und … verkünden! Es ist der Geist der Menschenrechte, selbstverständlich auch IN der Kirche geltend!

1.

„In seiner Großzügigkeit ging Friedrich II.  der Große über die von seinem Vater den Katholiken gewährte Duldung weit hinaus und gab ihnen zusätzlich auch noch die staatsrechtlich verbindliche Zusage der freien Religionsausübung. Sein Beispiel hat wie ein Erdrutsch gewirkt und dazu beigetragen, die konfessionellen Gegensätze zu entschärfen und echte Toleranz anzubahnen“, so der Historiker Josef Mörsdorf in „Kirchliches Leben im alten Berlin“, erschienen im katholischen Morus – Verlag, Berlin 1962, s. 136 f..

Und man wird erneut dokumentieren müssen, wie viele der katholischen Könige und Fürsten in den katholischen Stammländern Spanien, Frankreich, Österreich oder im Papsttstaat Vatikan usw. zu Zeiten Friedrichs II. in ihren Ländern den Bau protestantischer Kirchen erlaubten und sogar förderten. Da sieht die Antwort ziemlich düster aus…Das heißt: Auch wenn Friedrich II. innenpolitische, strategische Überlegungen für den Bau der katholischen St. Hedwogskirche hatte: Er hat in dem Fall einem philosophischen Aufklärer entsprechend gehandelt, was die Herrscher der genannten katholischen Ländern in ihrer Bindung an katholische Dogmen eben nicht taten…Über Friedrich II. als Religionsphilosoph siehe LINK.

2.

Die St. Hedwigskathedrale wird nach einem umfassenden Umbau am 24. November 2024 erneut eingeweiht. Es gab zuvor aussichtslose Debatten über den Sinn dieses Umbaus LINK, die Debatten wollen wir hier nicht wiederholen. Der Klerus hat sich durchgesetzt, wie immer.

Ergänzung am 24.11.2024 nach der Eröffnung: Soweit ich sehe, wurde von den Einweihenden wie den prominenten Gruß-Wort-Rednern mit keiner Silbe erwähnt, dass dieses „Gotteshaus“ ein sehr heftig kirchenkritischer, aber toleranter König ermöglicht hat, König Friedrich II. Hätte doch gut gepasst bei der von Erzbischof Koch beschworenen „Offenheit der Kathedrale für alle…“ Warum können Katholiken in Berlin nicht auch mal offiziell und offen dankbar sein für tolerante Taten kirchenkritischer Menschen?…

Die ursprünglich veranschlagten Umbau – Kosten von 43 Millionen Euro konnten nach Angaben des Erzbistums Berlin gehalten werden – nicht zuletzt durch eine Reduzierung der Planung. LINK.

Auf diese hohen Kosten (an denen sich selbstverständlich auch der Staat beteiligte !, es gilt ja die Trennung von Kirche und Staat ?) hinzuweisen ist deswegen wichtig, weil im allgemeinen die Kleriker über knappe finanzielle Mittel der katholischen Kirche in Berlin – wie in Deutschland im ganzen – klagen, wegen der vielen tausend Kirchenaustritte.

Bekanntlich werden bereits katholische Kirchen in Berliner Bezirken und im Land Brandenburg geschlossen, verkauft und abgerissen. Der Klerus mutet den verblieben (vor allem älteren) Katholiken lange Wege zu, um noch eine Messfeier zu erleben.

Die Fixierung der Kirchenleitung auf ein zentrales, repräsentatives und touristisch attraktives und teures Gebäude bleibt also erstaunlich. Diese attraktive Präsenz im Herzen der touristischen Zone „Unter den Linden“ ist also wichtiger als Präsenz zu erhalten zugunsten der kleinen Gemeinden.
LINK

3.

In Berlin lebten 2023 – laut Information des Erzbischöflichen Ordinariates vom 24.6.2024 – 275.399 Katholiken; 31.000 weniger als im Jahr 2020. An der Sonntags-Messe nahmen in Berlin 2023 noch 27.814 Personen teil. Diffenzierte Angaben zum Alter der Teilnehmer an der Messe werden nicht gemacht, ebenfalls fehlen Zahlen über die Internationalität der katholischen Mess-Teilnehmer.  Ihr Anteil dürfte beträchtlich sein.

4.

Besucher können überrascht sein: Es sind Stühle, keine Bänke, als Sitzgelegenheiten in der Kathedrale vorgesehen, großartig ! Wenn dann mal nicht konservative Katholiken sich wie immer erregen: „Das ist ja protestantisch…“
Aber der Altar in der umgestalteten Kathedrale steht absolut in der Mitte, auf ihn fällt von oben das Licht (Gottes bzw. das der Aufklärung Friedrich II. „siècle des lumières“ ?).
Diese herausragende Stellung des Altars, an dem die Priester zelebrieren, ist Ausdruck der katholischen Dogmen: Der Priester steht entscheidend immer im Mittelpunkt, nur er feiert das Wichtigste der katholischen Lehre, die Eucharistie. Darum gilt er als unersetzbar und am wichtigsten! Warum? Weil Christus das angeblich so gewollt hat… behauptet eine fundamentalistische Bibel-Auslegung bis heute, trotz theologisch – wissenschaftlich ganz anderer Argumente. Aber die zählen nicht im Vatikan.

5. ERGÄNZUNG zum Umbau des benachbarten HAUSES, „Bernhard Lichtenberg Haus“ genannt, der Umbau/Neubau wird teurer als geplant:

„Für Sanierung und Teilumbau des Bernhard-Lichtenberg-Hauses waren damals insgesamt 17 Millionen Euro vorgesehen. Im Lichtenberg-Haus sollen laut ursprünglicher Planung künftig ein „Wissenschaftszentrum“ zum Dialog über ethische oder interreligiöse Fragen, ein niedrigschwelliges Caritasangebot sowie der Dienstsitz des Erzbischofs untergebracht werden. „Für dieses Projekt waren zu Beginn 17 Millionen Euro veranschlagt worden, inzwischen rechnet das Erzbistum jedoch mit nahezu verdoppelten Kosten von 33,8 Millionen Euro – für die das Hauptstadtbistum zudem allein aufkommen muss“. LINK  am 22.11.2024.

Die prognostizierten Gesamtkosten für beide Teilprojekte belaufen sich damit auf 78 Millionen Euro. Zur Finanzierung gibt es staatliche Zuschüsse: Zwölf Millionen Euro vom Bund und acht Millionen Euro vom Land Berlin. Ferner geben die deutschen Bistümer zehn Millionen Euro dazu. Laut Erzbistum konnte eine ursprünglich erhoffte zusätzliche Unterstützung in Höhe von weiteren zehn Millionen Euro durch einzelne Bistümer „nicht realisiert werden“. Ferner seien aus ganz Deutschland rund 600.000 Euro Spenden eingegangen.“ Kath.de am 13.11.2024.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer-Salon.de