Mystiker, Journalist, Aufklärer, Theologe, Romantiker, aber immer: ein „Reisender“: Karl Philipp Moritz.

Über Karl Philipp Moritz, anlässlich seines Geburtstages am 15.9.1756

Hinweise von Christian Modehn.

Ein Motto:

„Moritz ist ein wahres Genie, ein wahrer Sonderling“ (Alexander von Humboldt).

1.

Muss man heute an Karl Philipp Moritz erinnern?

Einige Stichworte zu seinem kurzen Leben,  aber sehr umfangreichen vielfältigen Werk: Aus bescheidenen, aber extrem  frommen pietistischen Verhältnissen stammend, vielseitig begabt; Journalist; Theologiestudent und Prediger; als Reisender rastlos unterwegs, Autor des hoch geschätzten Romans (als Autobiografie) „Anton Reiser“; ein Pädagoge der ungewöhnlichen Art („Phantasie ist wichtiger als Wissen“); ein Freund Goethes, beliebt in den Berliner Salons; Autor und Gründer der ersten Zeitschrift mit „psychoanalytischem Interesse“ (das „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“); schließlich Professor an der Akademie der Wissenschaften…

„Ein Aufstieg, der in der deutschen Geistesgeschichte ohne weiteres Beispiel ist“ (Willi Winkler, „Karl Philipp Moritz“, Rowohlt Monographie“, S.115). Aber doch mit der Einschränkung: „Man wusste nicht recht, wo man ihn einordnen könnte“ (Horst Günther im Nachwort zu „Anton Reiser, Insel-Taschenbuch, 2013, S. 529).

Muss man Menschen „einordnen“? Natürlich NICHT! Trotzdem: Moritz war nicht Philosoph im „klassischen“ Sinn, schon gar nicht Psychoanalytiker `avant la lettre`, er war auch kein Philologe alter Sprachen trotz seiner Studien zur antiken Mythologie… Aber: „Vielleicht liegt im Scheitern an den üblichen Gattungen seine Modernität“ (Horst Günther, ebd.)

2.

Über die Stationen und Daten seines kurzen Lebens kann man sich etwa bei wikipedia oder in der schönen Rowohlt-Monographie von Willi Winkler informieren. Geboren wurde Moritz am 15. 9.1756 in Hameln; gestorben ist er im Alter von knapp 37 Jahren am 26.6.1793 in Berlin.

3.

„Alles, was Moritz je geschrieben hat, gehört zueinander. Und alles ist angelegt in seiner Kindheit und Jugend“, betont Horst Günther (ebd., S. 530). Wenn das so ist, dann müsste die Prägung durch den extrem konfusen und unterdrückerischen Pietismus zuhause wie während seiner Ausbildung im Mittelpunkt der Forschung stehen. Die These sollte sein: Moritz, ein Mann, der durch frommen, sich mystisch nennenden Wahn verdorben wurde. Solches gibt es bis heute, nicht nur im Christentum…

Karl Philipp Moritz wird zu Hause nicht geliebt, aber mit der Ideologie einer christlichen Mystik abstruser Art konfrontiert, was ihn auch zur Selbstverachtung führt… Auch wenn Moritz später die Philosophie der Aufklärung schätzt: Die innere Bindung an Mystik und Quietismus (und damit verbunden auch an Aberglauben) wurde er nicht los. „Ganz kann sich Moritz nie von der Mystik befreien, die ihn von der Wiege auf unterdrückt hat“ (Willi Winkler, a.a.O., S. 120).

4.

Erstaunlich ist, dass in den protestantischen Kreisen von Hameln (wo er geboren wurde) sowie in Hannover und Braunschweig, wo er als 12-Jähriger bei einem von Mystik verwirrten Hutmacher lebte, die Lehren der französischen katholischen Mystikerin Madame de Guyon (1648-1717) (präziser: Jeanne-Marie Bouvier de La Motte Guyon)

verbreitet waren. Diese seltsame katholisch-protestantische Ökumene seit dem 18. Jahrhundert sollte weiter untersucht werden. Die einflussreichen Pietisten damals, wie August Hermann Francke, Gerhard Tersteegen, Zinzendorf usw. waren von den Ideen und Visionen Madame de Guyons geprägt… Diese fromme Adlige wurde wegen ihrer extremen spirituellen Lehren aber sogar von der offiziellen katholischen Kirche verfolgt, von anderen Katholiken wiederum wurde sie wie eine Heilige geschätzt: Sie glaubte z.B., mit Jesus verheiratet zu sein. Das Ziel ihrer mystischen Bemühungen war die Auflösung des menschlichen Selbst in Gott hinein, es ging tatsächlich um Vernichtung des Selbst. Das vernichtete Selbst wird dann in eine Art geistige Wüste und der Dürre geführt, wo „sich auch kein Fünklein der Selbstliebe mehr mischen darf“. Wie gesagt, diese abstrusen Wahngebilde fanden Zuspruch im protestantischen Deutschland, manche ließen sich wohl von ihrer „tiefgründigen“ Sprache verführen, wie das Umfeld des jungen Karl Philipp Moritz. Er  spricht noch von ihr in seinem autobiographischen Roman „Anton Reiser“, er zeigt, wie sich der junge Reiser (Moritz) sogar noch tröstete in den eleganten verworrenen Worten der Madame… Aber insgesamt hat diese eher menschenverachtende Mystik der Madame de Guyon dem jungen Moritz das Leben verdorben. Später distanzierte er sich ironisch-witzig von dieser Person, die die Trockenheit des Geistes lobte: “Als man nach ihrem Tode ihren Kopf öffnete, fand man ihr Gehirn fast wie ausgetrocknet“ (zit. in Willi Winkler, a.a.O. S. 17). Willi Winkler versucht eine Gesamteinschätzung: „Ob Moritz die Schwärmerei, den religiösen Aberglauben, den die Aufklärung so heftig bekämpfte, selber überwunden hat, ist zumindest zweifelhaft“. (Rowohlts Monographien, S.78).

5.

Als Journalist wagt sich Moritz auf ein ganz neues Feld der Forschung: Es geht um die Erkundung der Tiefen der Seele. Moritz geht in der von ihm begründeten und herausgegebenen Zeitschrift (1783-1793) von den konkreten Lebenserfahrungen des einzelnen Menschen aus, auch von den eigenen. „In einer Fülle von Fallgeschichten berichtete diese als Viermonatsschrift konzipierte Zeitschrift über Mörder und Selbstmörder, religiöse Schwärmer und Hypochonder. Versuche mit Taubstummen und Charakteranalysen von Adoleszenten wurden neben Fällen von Kleptomanie und sexuellem Missbrauch mitgeteilt. Ein anhaltendes, fast schon systematisches Interesse richtete sich auf die Form und den Inhalt frühester Kindheitserinnerungen, und die Vielzahl eingesandter Traumerfahrungen forderte Moritz und seine beiden ihn zeitweise vertretenden Mitherausgeber Carl Friedrich Pockels (1757-1814) und Salomon Maimon (1753-1800) zu ersten Ansätzen einer »Theorie der Träume« heraus“…. „Mit der Darstellung von Zwangshandlungen, Traumphänomenen und Kindheitserinnerungen, mit Mendelssohns Erörterung eines topischen Modells der Seele und den wegweisenden sprachpsychologischen Überlegungen von Moritz zu den unpersönlichen Zeitwörtern (»es donnert«), stand es am Beginn einer Entwicklung, die bis hin zu Sigmund Freud führen sollte, der dieselben rätselhaften psychologischen Phänomene mit einer neuen systematischen Theorie erschliessen konnte.

(siehe: http://telota.bbaw.de/mze/)

6..

Moritz interessiert sich für die philosophische Aufklärung. Auch den Kindern will er die Idee der Gleichheit erklären: in seinem „A.B.C.Buch“ von 1790. Die Menschen sind nicht ungleich, betont er: »Die armen und niedrigen Menschen sind ebenso gebildet [geschaffen] wie die Reichen und Vornehmen. Ein jeder Mensch ist der Hilfe bedürftig. Wenn die armen und niedrigen Menschen schwach und krank sind, so bedürfen sie der Hilfe. Und wenn die Reichen und Vornehmen schwach und krank sind, so bedürfen sie auch der Hilfe. Kein Mensch muss den andern gering schätzen. Denn es ist die höchste Würde, ein Mensch zu sein.«  (ZEIT 7. 9. 2006, Benedikt Erens).

7.

Karl Philipp Moritz ist und bleibt der bis heute hoch geschätzte Dichter seines autobiographischen Romans Anton Reiser (1790), inzwischen wurde diese „Bekenntnisschrift“ in viele Sprachen übersetzt. Es ist die Geschichte eines Versuchs, sich selbst mit vielen Mühen aus der Unmündigkeit zu befreien. Den Pietismus des Elternhauses verlässt Reiser, aber eine geistige, spirituelle Heimat findet er nicht. In dieser Wahrhaftigkeit stellt sich Reiser/Moritz dar. Reiser erhöht sich und degradiert sich, leidet unter Ängsten und hat doch den Willen, dem Leben einen höheren Sinn abzugewinnen, auch wenn es schwerfällt. Aber der Eindruck bleibt: Der Mensch wird im Laufe seines jungen Lebens zerstückelt. Der Schriftsteller Arno Schmidt sagt: „Anton Reiser, ein Buch wie es kein anderes Volk der Erde besitzt“ (zit. in Willi Winkler,a.a.O., S. 144).

8.

Die Macht der seelischen Zerstörung durch frommen Wahn (Madame Guyon usw.) war also alles andere als total. Moritz, der so oft gelitten hat, konnte seinen Schmerz sinnvoll in seinen vielfältigen Werken überwinden. Seine Homosexualität konnte er nicht in Freiheit leben und gestalten, so sehr er auch in seinen Freund Karl Friedrich Klischnig (1788 – 1811) verliebt war…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

 

 

Die Philosophen erschüttern.

Paul Feyerabend: Ein ungewöhnlicher Mensch als Philosoph
Ein Hinweis von Christian Modehn (Anlässlich eines „eckigen Gedenktages“)

1.
Wir sollten an einen ungewöhnlichen Menschen denken, an einen Philosophen, der in Europa und Amerika aus dem „Rahmen“ aller Üblichkeiten fällt. Ich meine: Sein Werk ist ein Ereignis, erstaunlich, dass es einen solchen Philosophen inmitten der etablierten akademischen Welt gab. „Enfant terrible“ der Philosophie wurde er genannt, „schrecklich“ war er überhaupt nicht, aber sehr anregend und aufregend. Er war als Philosoph ein ungewöhnlicher Mensch, „in seinem Verhalten oft etwas anarchistisch“ oder „exzentrisch“, dabei war er aber immer eine „faszinierende Persönlichkeit“ (so der Philosoph Paul Hoyningen-Huene).
2.
Paul Feyerabend (am 13.1. 1924 in Wien geboren, am 11.2.1994 in Genoller, in der französischen Schweiz gestorben) hat etliche Philosophen aus ihrer statischen akademischen Ruhe wenigstens für kurze Zeit befreit. Und selbst wenn sich heute seine Werke nicht mehr im Mittelpunkt der Diskussionen befinden: Feyerabends Thesen und Erkenntnisse bleiben wichtig fürs weitere Fragen.
3.
Er war als Philosoph umfassend gebildet. Aber nie hat er damit „angegeben, akademische Angeberei war ihm ein Gräuel“, so Paul Hoyningen-Huene.
Feyerabend hatte zuerst Theaterwissenschaften und Geschichte und Soziologie studiert, dann Physik, Mathematik, Astronomie (Diplom), 1951 schließlich wurde er zum Dr. der Philosophie promoviert. Bei Popper hatte er studiert, von dem er sich heftig absetzte. Immer unterwegs, lehrte Feyerabend an zahlreichen Universitäten, für kurze Zwischenstopps hielt er z.B. auch in Berlin an der FU 1968 viel beachtete Vorlesungen, später war er Professor an der ETH in Zürich. Sein Kennzeichen: Er hat in seinen Vorlesungen fast immer frei gesprochen. „Bei Feyerabend verschwindet der Autor nicht hinter dem philosophischen Traktat, sondern er zeigt sich im Text, wenn auch in vielfältigen Aspekten und Brechungen“ (so Paul Hoyningen – Huene, in einem Porträt zu Paul Feyerabend in „Information Philosophie“, März 2002, Seite 33).
4.
Welche Erkenntnisse Feyerabends bleiben – in aller Kürze, nur des weiteren Studiums wegen genannt – wichtig?
Die abstrakten Begriffe der Wissenschaften und der Philosophie sind Belege dafür, dass es eine totale Vorherrschaft des Rationalen in der dominanten europäischen Kultur gibt. Aber ist diese rationale Kultur tatsächlich, wie sie behauptet, den anderen überlegen? Dies muss geprüft werden. Andere Kulturen zur Sprache bringen ist eine ständige – auch philosophische – Aufgabe.
Das Eintreten für eine Pluralität der Zugänge zu Wahrheiten sah Feyerabend als entscheidenden Schritt in Richtung einer freien Gesellschaft.
5.
Paul Feyerabend hat gezeigt, dass Wissenschaften keineswegs „neutral“ und „rein“, sondern selbst ideologisch geprägt sind. Das heißt: Sie leben auf einer Basis, die sie nicht hinterfragen. Also liegt den Wissenschaften eine Weltanschauung zugrunde. Das Suchen nach einer „letztgültigen Wahrheit“ kritisierte Feyerabend: Er betonte: Es gibt viele Methoden, nicht nur sich wissenschaftlich – rational nennende, die helfen, sich einer Wahrheit anzunähern. Er betont: Fortschritt in den Wissenschaften gibt es nur, wenn die geltenden Regeln der Wissenschaften verletzt und übertreten werden.
6.
Viel besprochen wurde die These Feyerabends: „Anything goes“, oft übersetzt mit „Alles ist erlaubt“. Feyerabend aber wollte mit dieser, wie er später sagte, eher als Witz formulierten Aussage lediglich für eine Vielfalt der Wege zur Erkenntnis eintreten. Er hat oft seine Aussagen zugespitzt, um nicht zu sagen übertrieben in seinen „Auftritten“, so wurden seine Vorlesungen manchmal empfunden. Siehe dazu: „Zum Leben braucht man die Nähe zu den Menschen. Paul Feyerabend im Gespräch mit Matthias Kroß“, in: „Information Philosophie, März 1995, S. 28ff.,. Darin auch die Stellungnahme zu seinem Buch „Against Method“ mit dem Untertitel „Outline of an Anarchistic Theory of Knowledge“ (1975). „Der Untertitel war natürlich als Witz gemeint… Aber ich habe doch nicht wissen können, dass die Leute so humorlos sind…“ (S. 31 f.)
7.
Paul Feyerabends Werk bleibt wichtig, weil es die Frage nach der „Relativität“ jeglicher Erkenntnis und Wissenschaft offenhält und eine allgemeine Fraglichkeit weckt, wenn irgendwo irgendwelche Institutionen allgemeine universale Wahrheiten zu verbreiten meinen. Damit weitet Feyerabend den Blick in die so genannten „anderen“ Kulturen, außerhalb Europas. Mit ihm wird es dringend, „interkulturell“ Philosophien zu studieren! Und vor allem: Dafür den interkulturellen Dialog als Voraussetzung zu pflegen.
8.
Entscheidend bleibt: Er hat, oft polemisch, ironisch, den „Betrieb“ der akademischen Philosophie gestört, um eine Sensibilität für die Fragen und Leiden der Menschen, der „einfachen“, zu entwickeln. Feyerabend, seit dem 2. Weltkrieg körperlich stark behindert, wollte vor allem eins: Den Sinn für das Geheimnis des Lebens entdecken, sagen und bewahren. Dabei fand er viele akademische, philosophische Antworten nicht nur übertrieben, sondern bestenfalls für kleine Gruppen bedeutsam. Man kann wohl sagen, er wollte das Leben der „kleinen Leute“ nicht nur schätzen, sondern verteidigen gegen die Relevanz ganz großer Themen, wie die Skepsis: „Also, welcher Mensch ist denn vom skeptischen Zweifel geplagt? Eine kleine Oberschicht, bestehend aus Leuten, die genug zu essen haben, denen es langweilig ist. Leute, die mitten in den Problemen sitzen, die nicht genug zu essen haben, die sind gar nicht vom skeptischen Zweifel geplagt, und denen soll man helfen“. So Feyerabend in dem genannten Interview in „Information Philosophie“ 1995. Eine interessante These, die freilich zu weiterer Diskussion ermuntert. Denn gerade die Armen rebellieren ja manchmal noch, dann wohl auch deswegen, weil sie an den bestehenden Zuständen tatsächlich „skeptisch zweifeln“ und oft verzweifeln.
9.
Einige wichtige Publikationen sind auf Deutsch erschienen, darunter:
„Wider den Methodenzwang“. Skizzen einer anarchistischen Erkenntnistheorie, 1976.
„Erkenntnis für freie Menschen. 1979.
Nach seinem Tod erschien seine Autobiographie „Zeitverschwendung“, 1995.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Leo Tolstoi als Philosoph. Anläßlich seines Todestages am 20. November 1910

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Ist Leo Tolstoi (1828–1910) ein Philosoph? Was für eine Frage! Sie kann nur mit einem Nein beantworten, wenn als Philosoph nur gelten kann, der an einer Universität oder Hochschule lehrt und ein möglichst perfektes Denk – System errichtet. Aber, unnötig zu betonen: Philosophie ist zunächst Philosophieren, lebendiges, selbstkritisches Frgen. Und diese Praxis des kritischen Denkens und Zweifelns findet überall statt, z.B. auch in der Literatur, unter den Schriftstellern.
Natürlich ist Leo Tolstoj ein Philosoph, der in seinem äußerst umfangreichen Werk sich voller philosophischer Vorschläge äußert, selbst wenn er Philosophie sozusagen als „wissenschaftliche und strenge Disziplin“ dann doch eng findet.
2.
Immerhin widmet Wilhelm Goerdt in seinem umfangreichen Buch „Russische Philosophie“ (Karl Alber Verlag, Freiburg, 2002, 686 Seiten) fünf Seiten dem „Philosophen Tolstoi“ (S. 534 ff.). Goerdt betont gleich am Anfang, dass man die politischen und sozialen Überzeugungen Tolstois in die Nähe des Anarchismus stellen könnte. Tolstois zentrale Einsicht ist: Gewalt(herrschaft) verschwindet nicht, wenn neue Gewalttäter die Herrschaft übernehmen. Die Erneuerung des „inneren Menschen“, also die Veränderung des Bewusstseins in Richtung Liebe und Gewaltverzicht, ist die Voraussetzungen einer gelingenden humanen Welt.
Tolstoi hat sich mit vielen Lebensentwürfen auseinandergesetzt, z.B. mit dem Glauben an den Fortschritt oder dem Glauben an die dogmatischen Kirchenlehren oder dem populären Glauben der einfachen Bauern: Übrig bleibt für ihn nach all dem Suchen die Frage: Wozu ist das alles sinnvoll? Und für Tolstoi die entscheidende Frage: Was ist der Tod, was kommt nach dem Tod?
3.
In Tolstois Leben und Denken geht es darum: Das beständige Hinterfragen zu üben, das Verlassen vertrauter Positionen, die Bindung an Eigentum, an Wohlstand, es geht ihm um das ewige Weitersuchen, das Misstrauen gegen schnelle Lösungen…Letztlich, so Tolstoi, muss die wahre, das ist die an allem zweifelnde Philosophie, ihr Nichtwissen eingestehen. Hier deutet sich an, dass Tolstoi in eine Haltung gerät, die man nur Glauben nennen kann. Aber es ist ein Glaube, der in sich selbst die Kraft der Vernunft bewahrt. Mit der Vernunft verwirft Tolstoi die Lehren der Kirche, die Macht der Kirche bekämpft er ohnehin. Übrig bleibt bei der vernünftigen Religionskritik die Hochschätzung der Bergpredigt Jesu (Siehe dazu etwa Tolstois Werk „Worin besteht mein Glaube, 1883, auf deutsch: https://www.projekt-gutenberg.org/tolstoi/glaube/chap001.html)
4.
Wichtig ist der Text: „Das Reich Gottes ist in euch!“ Damals in Russland verboten, 1894 in Deutschland erschienen, meines Wissens leider auf deutsch jetzt nicht greifbar. Hier wird wohl die Mitte seines christlichen Denkens erreicht, freilich in einer wörtlichen Interpretation der Bibel-Texte. Aber diese bezieht sich auf die politisch relevanten Texte des Neuen Testaments. Auf andere Weise meinte Tolstoi wohl kaum, die umstürzlichere, die „anarchistische“ Kraft des Evangeliums deutlich machen zu können, oder besser: praktisch werden zu lassen. Sein Buchtitel bezieht sich auf das Lukas Evangelium, Kap. 17, Vers 21. Die Orthodoxe Kirche deutete Tolstoi richtig als Staatskirche, die nichts für den Frieden tut und die jesuanische Forderung der Gewaltlosigkeit ignoriert.
Tolstois Grundsätze heißen: „Du sollst nicht zürnen. Du sollst deine Frau nicht verlassen. Du sollst nie, nichts und niemandem schwören. Du sollst dem Bösen nicht gewaltsam Widerstand leisten. Du sollst Menschen anderer Völker nicht für deine Feinde halten“.
5.
Gandhi kannte dieses Buch Tolstois: „1908 schrieb Tolstoi einen Leserbrief an eine indische Zeitung (A Letter to a Hindu), in dem er die Meinung vertrat, dass das indische Volk die britische Kolonialherrschaft nur durch passiven Widerstand auf der Basis von Nächstenliebe zu Fall bringen könne. Im Jahr darauf schrieb Gandhi an Tolstoi mit der Bitte um Rat und für die Genehmigung, A Letter to a Hindu in seiner eigenen Sprache Gujarati zu veröffentlichen. Tolstoi antwortete und es folgte eine andauernde Korrespondenz bis zu seinem Tod im Jahr 1910. Die Briefe enthalten unter anderem praktische und theologische Anwendungen der Gewaltlosigkeit.[4] Tolstois Idee wurde schließlich durch Gandhis Organisation landesweiter gewalt freier Streiks und Proteste in den Jahren 1918–1947 realisiert“ (wikipedia, gelesen am 19.10.2020). Tatsache ist, dass Tolstoi Gandhi hochschätzte, wenn nicht bewunderte. (vgl.: https://www.asthabharati.org/Dia_Oct%20010/y.p..htm)
6.
Zentral bleibt für den freien Denker und Philosphen Tolstoi: Er war trotz – oder wegen – seiner Vorliebe für einzelne Aussagen des Neuen Testaments (das er auch auf Altgriechisch lesen konnte) ein Kritiker der Kirche, er lehnte die verfasste Institution Kirche ab. „Die kirchlichen Riten wurden in Tolstoijs Beschreibung zur Farce, zu einer Lüge, auf der das gesamte menschenfresserische System gründete“ (Lew Tolstoj, Rowohlt Monographie, 2010, S. 111). Und er lebte seine eigene Spiritualität, wobei er traditionelle Dogmen (wie die „Göttlichkeit Jesu“) ablehnte.
7.
Tolstoi hatte schon als junger Mann im Jahr 1855 in sein Tagebuch geschrieben, was er als seine Lebensaufgabe ansehen will: „Die Idee ist die Gründung einer neuen Religion, die der Entwicklung der Menschheit zum Segen gereicht, eine Religion Christi, die jedoch gereinigt ist von Aberglaube und Geheimnis, eine praktische Religion, die nicht künftiges Heil verspricht, sondern Heil auf Erden zu geben vermag“ (zit. in „Lew Tolstoj“, Rowohlts Monographie, von Ursula Keller und Natalja Sharandak, S. 69).

Hinweise zu „Tolstoi und der christliche Anarchismus“ finden sich auch in dem Sammelband „Christlicher Anarchismus. Facetten einer libertären Strömung“, hg. on Sebastian Kalicha, Verlag Graswurzelrevolution, 2013, 192 Seiten.

Copyright: Christian Modehn.www.Religionsphilosophischer-Salon.de

Der heilige Rummelplatz der guten Bürger: Über den Maler Hans Baluschek

Ein Hinweis von Christian Modehn
Hans Baluschek wurde am 9.Mai 1870 geboren; er starb am 28.9.1935 in Berlin
1.
Kaiser Wilhelm II. liebte über alles den schönen Schein, also die Ignoranz der Wahrheit. Er sagte in seiner berühmten „Rinnsteinrede“ 1901: „Kunst soll erheben und erbauen…und nicht das Elend noch scheußlicher darstellen“. Dass das soziale Elend vieler tausend Menschen in Berlin scheußlich war, wusste der Kaiser also. Nur sollten bitte die Künstler davon ablenken und nur Erbauliches, Erhebendes zeigen, also das gute Bürgertum und das Militär beruhigen. Künstler sollten also wohl ins Religiös ausweichen. Das Religiöse bzw. das offiziell Christliche verstand das protestantische Kirchenoberhaupt, der Kaiser also, eher als etwas Beruhigendes, Marx sprach treffend von Opium.
Mit der offiziellen „schönen“ Kunstpolitik waren etliche Maler nicht einverstanden, sie opponierten und gründeten 1898 die Berliner Secession, unter ihnen Käthe Kollwitz und Hans Baluschek.
2.
Hans Balluschek hat sein ganzes Werk der Darstellung der inhumanen sozialen Realität gewidmet.
Bis zum 27. September 2020 gibt es noch die Chance, ein breites Spektrum seines Werkes im Bröhan Museum in Berlin – Charlottenburg zu betrachten und zu studieren. „Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze“, ist der Titel der Ausstellung.
Baluschek ist für viele, die nicht gerade Kunsthistoriker sind, auch heute eher noch eine Entdeckung! Und was für eine! Betrachter seiner Bilder werden sich die Frage: stellen: In welcher Weise hat sich die soziale Realität des Lebens der Armen in Europa, vor allem aber in den Ländern der sogen. „Dritten Welt“ verbessert? Die Antwort wird sicher alles andere als euphorisch ausfallen.
3.
Ich habe schon 2018 auf eine Ausstellung ebenfalls im Bröhan – Museum hingewiesen und dabei an Baluschek erinnert. „Das unsoziale Berlin“ war der Titel. LINK: https://religionsphilosophischer-salon.de/10616_berliner-realismus-ueber-das-unsoziale-berlin-um-1925-eine-ausstellung-im-broehanmuseum_religionskritik
4.
Hier will ich nur auf ein Meisterwerk Baluscheks aufmerksam machen: „Berliner Rummelplatz“, gemalt 1914, also im unmittelbaren Umfeld des 1. Weltkrieges. Die feinen Bürger bzw. fein gemachten Leute mit prächtigen Hüten und Kleidern im „Sonntags-Staat“ stehen voller Staunen und Ergriffenheit vor einem grell erleuchteten Pavillon. Er erscheint wegen seiner dominanten goldenen Farben wie ein Tempel, wie ein mysteriöses Heiligtum, hinter dem allerhand überweltliche Dinge passieren könnten.
Zwei Posaunen-Bläser stehen wie Engels-Gestalten auf der Bühne, sind sie die Engel des Gerichtes oder die Boten guter Nachricht? Deutsche Flaggen in den damals üblichen Farben Schwarz Weiß Rot umrahmen den „Tempel“. Im unmittelbaren Vordergrund des Gemäldes sitzen zwei Jungen aus der armen Welt, die zu diesem Gold – und Glanztempel eigentlich keinen Zugang haben und von der feinen Welt ignoriert werden.
5.
Es ist kein billiger Rummelplatz für das kurze Vergnügen, den Baluschek da malt, sondern eine Art säkularer heiliger Ort, zu dessen Empore die Bürger aufschauen wie in einer Kirche, in der die Gläubigen bekanntlich ihre Augen auf den Altar oder die Kanzel hingebungsvoll fixieren.
Dies ist also die faktische, die „religiöse“ und auch die ethische Bindung der Bürger, der Reichen: Sie blicken wie fasziniert auf Zaubereien in einem vergoldeten Kitschtempel. Diese Interpretation legt Baluschek selbst nahe: Links an einer anderen Bude (an einem anderem Haus?) ist in Großbuchstaben das Wort MYSTIK zu lesen: Mystik, also die höchste Form der Verbundenheit mit dem Göttlichen, ist auf dem Rummelplatz gelandet, als billiger vergoldeter Kram, umgeben von den Flaggen des deutschen „heiligen“ Nationalismus. Diese Menschen verehren letztlich den goldenen Zirkus, ihr Kirchplatz ist der Rummelplatz.
6.
Hans Baluschek hat diese religiösen Dimensionen eher nur angedeutet. Sein Hauptinteresse war auch ein politisches im Rahmen der SPD. Deswegen wurde er von den Nazis verfolgt.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Glauben ist die Lust zu denken! Sowie: „Hegel und der Rassismus“

Von Christian Modehn

Veröffentlicht in der empfehlenswerten Zeitschrift PUBLIK FORUM am 28.08.2020

Vor 250 Jahren wurde der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren. In seinem umfassenden Werk sind die Religionen zentrales Thema. Kann Hegel auch eine christliche Spiritualität für heute inspirieren?

Der christliche Glaube ist wie ein Sprung, hinein ins göttliche Mysterium«. Diese Weisheit wird viel zitiert und prominent verteidigt, etwa von dem Philosophen Søren Kierkegaard oder den Theologen Karl Barth und Joseph Ratzinger. Letzterer schreibt in seiner »Einführung in das Christentum«: »Immer schon hat der Glaube etwas von einem Sprung an sich.« Das Gegenteil betont der Philosoph Hegel: »Jeder Mensch wird durch seine Vernunft, also im Denken, Schritt für Schritt zu Gott geführt. Was wäre auch sonst der Mühe wert zu begreifen, wenn Gott unbegreiflich ist?«
Hegel hat nie geleugnet, dass seine Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie nicht nur sehr anspruchsvoll, sondern auch anstößig ist. Als Philosoph will er wesentliche Überzeugungen des Christentums für die moderne Welt nicht nur darstellen, sondern geradezu »retten«. Hegels Vorschläge für eine zeitgemäße christliche Spiritualität befreien von der Last, sich an »Wundersames«, »Mysteriöses« zu binden. Hegels Spiritualität hat einen praktischen Zweck: Sie zeigt, wie Menschen versöhnt mit sich selbst und friedlich mit anderen in einem Staat leben können, der den Menschenrechten entspricht. Hegel als Lehrer philosophischer Spiritualität zu begreifen ist ein Wagnis. Denn als Mensch des 19. Jahrhunderts ist er in die damalige Welt eingebunden. Aber warum sollen seine Erkenntnisse zur Spiritualität weniger wert sein als die der »großen Mystiker« aus dem 16. Jahrhundert oder dem Mittelalter? Friedrich Nietzsche, der Gottesleugner, hat schon recht, wenn er in seiner »Fröhlichen Wissenschaft« Hegels Leistung beschreibt: »Er hat den Sieg des Atheismus noch einmal verzögert, und zwar par excellence.«

Hegel wurde am 27. August 1770 in Stuttgart geboren. Philosophie und Theologie hat er in Tübingen studiert, unter den Kommilitonen sind Hölderlin und Schelling seine inspirierenden Freunde. Die damalige Theologie erlebt er entweder als eine abstrakte und spröde Ideologie oder als Ausdruck überschwänglicher Charismatiker und Pietisten. Davon distanzierte er sich immer. Hingegen bleibt ihm die Gestalt Jesu Christi seit seiner Studentenzeit wichtig. Aber später, als »reifer Philosoph«, interessiert er sich immer weniger für alle Details der »Biografie Jesu«: Entscheidend wird ihm die Gestalt des Gottmenschen Jesus Christus: Sie deutet er philosophisch als den Höhepunkt der nach den Prinzipien des Geistes verlaufenden Religionsgeschichte. Jesus wird so zur maßgeblichen Verkörperung der Einheit von Göttlichem und Menschlichem! Jesus als historische Glaubensgestalt wird »aufgehoben«, das heißt: »verändert bewahrt«, in einem nun für alle zugänglichen Denken. Hegel bezieht sich also auf überlieferte Glaubensinhalte, aber er übersetzt sie ins begriffliche Denken. Das ist seine spirituelle Provokation für die Moderne. Gott und Mensch im Geiste eins.
Nach dem Studium muss er als Hauslehrer seinen Unterhalt verdienen, später arbeitet er als Zeitungsredakteur, schließlich als Direktor eines protestantischen Gymnasiums in Nürnberg. Dort heiratet er Maria Tucher »aus gutem Hause«, zwanzig Jahre jünger als er … Erst als Professor in Heidelberg kann er sich ganz auf die Philosophie konzentrieren. In Berlin lehrt er von 1818 bis zu seinem Tod 1831 mit großem öffentlichen Interesse und viel Widerspruch. Kein anderer Philosoph hat einen so vielfältigen Schüler-Kreis hinterlassen. Prominent sind Feuerbach und Marx. Und kein anderer Philosoph hat wie Hegel durch sein Werk Weltgeschichte mitgestaltet. Immer ist seine Philosophie verbunden mit den Problemen seiner Zeit. Er kritisiert die Allmacht reaktionärer Politiker, wenn sie die Menschenrechte ignorieren, er weist die Ansprüche des katholischen Klerus zurück, die das Gewissen der Gläubigen bestimmen oder kirchliche Gebote bei der Gestaltung eines Rechtsstaates durchsetzen wollen. In Berlin hält sich Hegel, der Republikaner, in Distanz zum königlichen Hof: Als gut situierter Bürger liebt er die Oper, die Matthäuspassion von Bach lernt er schätzen. Er ist gern gesehen in den damals beliebten literarisch-philosophischen Salons. Zu den protestantischen Theologen an der Universität hält er einen polemischen Abstand. Ein eifriger Kirchgänger ist der Lutheraner Hegel nicht gewesen, aber seine Kinder lässt er konfirmieren. Hegel geht seinen eigenen Weg, er lebt in einer »Frömmigkeit des Denkens«. Diese ist die Basis seiner philosophischen Spiritualität, wie er sie in seiner »Phänomenologie des Geistes« und in seiner »Logik« entwickelt: Der menschliche Geist, so zeigt er, kann sich in mühevollen Reflexionen zum göttlichen Geist erheben. Hegel ist überzeugt: »Der Mensch gehört dem göttlichen Wesen an.« Gott und Mensch sind wesentlich eins. Zwar weiß sich der Mensch immer auch als eine endliche, begrenzte Person, aber als Geschöpf Gottes handelt er wesentlich mit Gottes Geist verbunden. Böse wird der Mensch, wenn er egozentrisch diese Verbundenheit aufgibt … und dadurch sich selbst und andere schädigt. Das gilt auch für die Geschichte der Menschheit. Auch sie ist vom Zusammenwirken göttlichen und menschlichen Geistes als einem einzigen Geist bestimmt. Hegel spricht vom »Weltgeist«, im Detail betrachtet sicher einer seiner umstrittensten Begriffe. Wenn er von den großen Individuen spricht, etwa Napoleon, bewundert er ihn nicht nur, sondern nennt ihn auch »Koloss«, der dann endlich gestürzt wurde. Es ist letztlich eine zwiespältige Bewertung. Im Hinblick auf die Spiritualität heißt es provozierend: Die ganze Weltgeschichte ist vom Geist bestimmt. Negatives, wie Kriege oder auch Schmerzen und Leiden der Einzelnen, leugnet Hegel überhaupt nicht! Leitend ist aber die heilsame Erkenntnis: Menschen sollen in allen negativen Situationen wissen, dass der Geist, der göttlich-menschliche, trotz allem die stärkste Kraft ist. »Nur die philosophische Einsicht kann den Geist mit der Weltgeschichte und der Wirklichkeit versöhnen, dass das, was geschehen ist und alle Tage geschieht, nicht nur nicht ohne Gott geschieht, sondern wesentlich das Werk seiner selbst ist.«

Diese eine Frage lässt Hegel nicht los: Wer also ist der Gott der Christen? Seine Antwort befreit von allen Begrenzungen anschaulicher Bilder: »Gott ist Geist, absoluter ewiger Geist.« Als allumfassendem Geist gehört auch das Andere seiner selbst, also Welt und Menschen, zu ihm. Wären Welt und Mensch außerhalb des Göttlichen, dann wäre Gott, so Hegel, nicht mehr allumfassend. Er hätte dann sozusagen »natürliche Konkurrenten«. Aber das Verhältnis dieser grundlegenden Einheit bei aller Verschiedenheit ist ein Verhältnis der Liebe der Verschiedenen Einen. So weit geht die philosophische Spekulation!

Wo also hat der Glaube seinen alles entscheidenden Mittelpunkt? In der Selbsterfahrung des Geistes, der heilig ist: »Denn wir Menschen wissen im Geist unmittelbar von Gott. Dies ist die Offenbarung Gottes in uns«, sagt Hegel 1830 in einer Vorlesung. Natürlich sind Christen auch mit Weisheiten und Lehren konfrontiert, die ihnen von außen, etwa von der Institution Kirche, begegnen. »Aber diese religiösen Lehren kann der Mensch nur ernst nehmen, weil sie den eigenen Geist treffen, »erregen«, wie Hegel sagt. Alle Religionen sind zudem selbst nichts anderes als sich immer deutlicher entwickelnde Produkte des Geistes. Diese Entwicklung findet im Christentum ihren Höhepunkt, weil nur hier Gott als Geist gewusst und verehrt wird! Darüber sollten sich heute Religions-Theologen streiten … Hegel spitzt seine Spiritualität der Einheit von Gott und Mensch noch weiter zu, wenn er provozierend sagt: »Die Philosophie ist der wahre Gottesdienst«. Er weiß aus eigener Erfahrung: Wenn der Mensch sich auf seine Vernunft bezieht, dann erhebt er sich aus seiner engen, begrenzten Welt, er verbindet sich mit der Unendlichkeit Gottes und kann nur staunen über diese ihm zugänglichen Dimensionen. Und dieses Erleben ist der entscheidende »Dienst an Gott«, also Gottesdienst. Um dahin zu gelangen, plädiert Hegel für eine Askese, eine geistige Übung, also eine Art privater Andacht: »Gott ist nur für den denkenden Menschen, wenn der sich still für sich zurückhält«: Das heißt: Der sich zurückziehen kann, aber auch sein eigenes Ego »zurückhält«. Von der Einheit von Gott und Mensch haben früher schon Mystiker gesprochen. Daher schätzt Hegel den Dominikanermönch Meister Eckhart oder den schlesischen Denker Jakob Böhme. Aber er meint durchaus unbescheiden: Erst seine eigene Philosophie zeige begrifflich klar: Gott und Mensch sind füreinander keine Fremden. In diesem einen göttlichen Geist lebt alles und sind alle – bei bleibendem Unterschied – geborgen. Das ist kein »Pantheismus«, für den alles ohne Unterschied göttlich ist, sondern sehr nahe am Apostel Paulus. Dieser schreibt im ersten Korintherbrief: »Uns aber hat Gott die Weisheit Gottes enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.« Das könnte Hegel nicht besser sagen. Als lebendiger Geist ist Gott Liebe. Auch dies sagt Hegel ausdrücklich. Gott zeigt sich Menschen wie ein Freund, der seine Sonderstellung, seine »abstrakte Ferne« aufgibt und sich mit dem anderen im Geist vereint. Sogar über den Tod hinaus. Hegel selbst hielt es für egozentrisch, an die eigene leibliche Auferstehung zu glauben. Von der Unsterblichkeit der Seele war er jedoch überzeugt: »Der Tod hat den Sinn, dass das Menschliche abgestreift wird und die göttliche Herrlichkeit hervortritt.« Denn Gott habe als absoluter Geist die Negativität des Todes besiegt, das werde in der Auferweckung Jesu von Nazareth sichtbar und gelte für alle. Hegel macht es als spiritueller Lehrer den Christen auch heute nicht einfach, weil er auch die Kirchen nach den Maßstäben seiner Vernunft bewertet. Grundsätzlich hält er die Prinzipien der protestantischen Kirche besser geeignet, die Lehre von der Einheit Gottes mit dem Menschen zu akzeptieren. Denn schon Luther habe alle Bindungen der Christen an »äußerliche Frömmigkeit« aufgegeben, die Wallfahrten und die Heiligenverehrung, die Verehrung von Reliquien und die Leidenschaft, Wunder zu erleben. Der protestantische Glaube kenne prinzipiell (!) die Hochschätzung der Innerlichkeit. Und er passt in die Zeit der sich mühevoll durchsetzenden Menschenrechte, weil er die wesentliche Gleichheit aller Kirchenmitglieder lehrt: »Laien« gibt es nicht im Protestantismus. Ebenso wenig einen Klerus, der das »Heil« vermittelt. Hegel geht so weit zu sagen: »Der Protestantismus ist wesentlich Bildung des Geistes, seine wahren Tempel sind Schulen und Universitäten.« Die katholische Lehre fördere dagegen nicht den reifen, selbstbewussten Glauben, sondern die Haltung von Untertanen. Der Katholizismus ist für Hegel, trotz mancher Reformen im 16. Jahrhundert, auf dem geistigen Niveau des Mittelalters stehen geblieben. Sonst würde man nicht die Hierarchie so sehr in den Mittelpunkt stellen, die Menschenrechte für eine Irrlehre erklären und nach wie vor am Ablass festhalten. Trotzdem hat Hegel nie für Übertritte zum Protestantismus geworben. Hellsichtig sah er, dass es auch dort Widersprüche zwischen dem Ideal und der Realität gab. Letztlich, so Hegel, rettet allein die Philosophie eine vernünftige Spiritualität.

Hegel hat darunter gelitten, dass er als Philosoph naturgemäß vom Allgemeinen, vom Wesentlichen, sprechen muss und viel zu wenig vom bunten Leben der vielen einzelnen Menschen sprechen konnte. Aber er tröstet sich und seine Leser: Der einzelne Mensch ist immer auch im allgemeinen Menschen. Insofern ist auch eine Spiritualität hilfreich, die sich aus der Reflexion des allen Menschen gemeinsamen göttlichen Geistes ergibt!

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Von Sklaven und Afrikanern
Von Christian Modehn (PUBLIK FORUM vom 28.08.2020)

Obwohl Hegel Sklaverei vehement verurteilte, hat er sich dem Rassismus seiner Zeit nicht ganz entzogen.

Hegels Philosophie ist von der Hochschätzung der Französischen Revolution bestimmt. Er hat sie »als herrlichen Sonnenaufgang« gepriesen, weil »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« nun grundsätzlich als höchste Prinzipien für jede staatliche Ordnung gelten sollen. Aber sein republikanischer Enthusiasmus wird gebremst durch die Erfahrung der Gewaltexzesse seit Robespierre und auch durch reaktionäre Ideologien, die in Preußen seit 1818 die freie Meinungsäußerung einschränken.

In der Hochzeit des Kolonialismus war Rassismus allgemeine Ideologie, die auch an den Universitäten Einzug hielt. Die »Schädellehre«, »Cranioskopie«, wollte wegen der Größe des Kopfes die »Weißen« zu den wertvolleren Menschen erklären. Als einer der wenigen widersprach der Anthropologe Johann Blumenbach. Seiner Kritik schloss sich Hegel an und schrieb in seiner »Rechtsphilosophie«: »Das Sein des Geistes ist doch kein Knochen.« Auch zum Thema Sklaverei äußert sich Hegel pointiert. Über den Aufstand der Sklaven auf »Saint Domingue«, heute Haiti, war er gut informiert. Seine Sympathie galt der ersten Republik der einstigen Sklaven, die die Kolonialherrschaft bereits 1804 überwunden hatten. Als die neuen Herrscher dann aber ebenfalls blutige Gewalt ausüben, modifiziert Hegel seine Meinung. Die Befreiung von Sklaverei sollte nur moderat, schrittweise, geschehen. Dennoch sieht er klar: »Sklaverei ist an und für sich Unrecht. Denn das Wesen des Menschen ist die Freiheit. Der Besitz an einer anderen Person ist ausgeschlossen. Dass keine Sklaverei sei, ist eine sittliche Forderung.« 1822 schreibt er: »Was den Menschen zum Menschen macht, Freiheit und Vernunft, daran haben alle Menschen gleiches Recht.« Gegen Ende seines Lebens passt sich Hegel allerdings doch der allgemeinen, rassistischen Ideologie an – vielleicht weil die staatlichen Repressionen ihm gegenüber immer größer werden. In seinen »Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte« nennt er Afrika einen Kontinent der »Wildheit und Unbändigkeit«, der keine Bedeutung für den Fortschritt in der Weltgeschichte habe. »Hegel wird – in politischer Hinsicht – dümmer«, meint die Philosophin Susan Buck-Morss.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Von den Abgründen der Seele und dem Wahnsinn der Politik: Francois Mauriac.

Die Abgründe der Seele und der Wahnsinn der Politik

Über den Schriftsteller Francois Mauriac
Hinweise von Christian Modehn

1.
Wer heute an den Schriftsteller Francois Mauriac erinnert, bezieht sich nicht auf eine Gestalt und ein Werk von vorgestern, wie dies jetzt gern behauptet wird! Mauriac ist doch erst vor 50 Jahren gestorben. Aber die Distanz – wie ist sie zu dieser nahen und doch fern wirkenden Zeit und ihrer Kultur mit dem Schriftsteller Mauriac zu verstehen? Unter den Jüngeren, zumal in Deutschland, ist Mauriacs Name kaum noch ein Begriff. Können Gedenktage wieder zur lebendigen Erinnerung, zum Denken, führen? Der Nobelpreisträger für Literatur (1952) Francois Mauriac wurde vor 135 Jahren, am 11. Oktober 1885 geboren und vor 50 Jahren, am 1.9.1970, ist er gestorben.
2.
Mauriacs Romane werden, selbst in seiner Heimat,in Frankreich, wie die Tageszeitung „La Croix“ (Paris) kürzlich schrieb, kaum noch gelesen, genauso seine Gedichte, auch seine Theaterstücke werden nicht mehr aufgeführt. Aus einem eher politischen Interesse werden seine berühmten, oft spitzen und polemischen, journalistisch – literarischen „Bloc-Notes“, seine „Notizblöcke“, neu herausgegeben, Notizen, die er über viele Jahre (von 1952 -1970) in verschiedenen Zeitungen veröffentlichte (jetzt im Verlag Laffont als „Bouquins“ neu herausgegeben).
3.
Mauriac gehört prominent zu einer Epoche der französischen Kultur, die etwa von den 1930 Jahren an einen Aufschwung ganz eigener Art erlebte: Es gab damals in Frankreich parallel und dialektisch – disputierend verbunden mit der vorherrschenden säkularen, agnostisch – atheistisch und politisch oft kommunistisch orientierten Kultur eine starke, sichtbare und durchaus auch respektierte intellektuelle katholisch geprägte Literatur und Philosophie. Und dies in einem Staat, der bekanntlich seit 1905 von der Trennung von Kirchen (Religionen) und Staat bestimmt war, mit einer einflussreichen antiklerikalen Mentalität und militanten atheistisch – freidenkerischen Organisationen. Diese stark wahrgenommene Präsenz katholischer Schriftsteller, Journalisten und Philosophen in Frankreich von etwa 1930 bis 1970 ist aus heutiger Sicht nichts anders als erstaunlich zu nennen: Da gibt es Intellektuelle, die sich dem katholischen Glauben anschließen, von Bekehrungserlebnissen sprechen, obwohl sie wissen, welche konservativ – reaktionären Positionen im Vatikan vertreten werden. Schriftsteller, wie Mauriac, haben in ihren Werken zentrale Themen des Glaubens und der katholischen Dogmatik literarisch bearbeitet und individuell geformt. Und das haben damals viele Leser begeistert aufgenommen. Mauriac hat die Bürokratie der Kirche, die Verlogenheit ihrer offiziellen Theologie, öffentlich kritisiert, aber an seiner Verbundenheit mit der Institution Kirche im allgemeinen hat er dennoch festgehalten. Aus einem vielleicht letztlich „kindlichen“ Glauben, den ihm seine fromme Mutter vermittelt hatte…
4.
Aber: Ich denke, es gehört einfach zum Verstehen „unserer“ Gegenwart, den tiefen Bruch hinsichtlich der religiösen Mentalitäten im 20.Jahrhundert wahrzunehmen. Ich habe vor einigen Jahren auf spirituelle Aspekte heutiger französischer Literaten hingewiesen, aber es sind eben „nur“ spirituelle Aspekte, keine direkt christlichen, geschweige denn katholische. (Siehe den LINk: https://religionsphilosophischer-salon.de/10014_auf-der-suche-nach-dem-verlorenen-gott-religioese-fragen-franzoesischer-schriftstellerinnen-von-heute_gott-in-frankreich)
Das ist eine Beschreibung von Tatsachen, keine Wertung, wobei natürlich zu fragen wäre: Welchen Anteil die katholische Kirchenführung über all die Jahre hat, dass sich eigentlich kaum noch ein französischer Intellektueller mit der Kirche und ihrer Lehre identifizieren kann. In Deutschland, ja in ganz Europa ist das genauso. Unter den großen französischen Historikern gab es bsi vor kurzem noch einige wenige bekennende Katholiken, wie Prof. Jean Delumeau, aber auch er hatte zur Kirche insgesamt ein gut begründetes kritisches Verhältnis.
Nebenbei: Das noch katholische Milieu Frankreichs ist heute geprägt von Angestellten und Beamten, Mitarbeitern aus der Wirtschaft und Technik … und sehr vielen Rentnern…
5.
Auch wenn nicht alle Romane Mauriacs explizit die Verbundenheit seiner ProtagonistInnen mit dem Thema Sünde, Gnade, Schuld, Strafe, Gottes Gericht bezeugen: Die innere Welt dieser „Mauriac-Menschen“ ist ohne die katholische Prägung des Autors nicht zu begreifen. Und das Erstaunliche ist ja, dass Mauriacs Romane damals auch außerhalb Frankreichs viel gelesen wurden, schließlich hat Mauriac 1952 für dieses sein katholisches Werk den Literatur Nobelpreis erhalten: „Für die tiefe spirituelle Reflexion und künstlerische Intensität, mit der seine Romane eingedrungen sind in das Drama des menschlichen Lebens“, wie es in der Begründung aus Stockholm heißt.
6.
Zu den Romanen: Der Theologe und hervorragende Kenner der Literatur, Pater Jean-Pierre Jossua aus dem Dominikaner – Orden in Paris, hat darauf hingewiesen: Es gibt nur wenige Romane Mauriacs, die nicht unmittelbar von Themen der christlichen Glaubenswelt und katholischen Tradition geprägt sind, dazu gehört wohl das Meisterwerk „Thérèse Desqueyroux“ (1927). Ein Roman, der die leere und moralisch miserable Welt in Mauriacs Heimat, Bordeaux und die Umgebung mit den großen Weingütern und deren Chateaux, beschreiDer Roman zeigt „la misère de l homme sans Dieu“, schreibt Mauriac und, wie Kritiker betonen, „die gefrorene Oberfläche der Seele“…Über die Protagonistin Thérèse Desqueyroux hat Mauriac später noch weitere Texte verfasst, wie „La fin de la nuit“ (1935)…
Als Meisterwerk gilt auch „Le Noeud de Vipères“ (Natterngezücht) von 1932, auch dieser Roman führt in das menschlich so zerstörerische bourgeoise Milieu, voller Bosheit, eine Welt, die Mauriac bestens kannte.
7.
Seine tiefe spirituelle Bindung an zentrale Dogmen der katholischen Kirche war für Mauriac überhaupt kein Hindernis, ausdrücklich für Reformen und Neuansätze in der französischen Kirche einzutreten. Insofern wird er durchaus zurecht als „linker Katholik“ dargestellt. Konflikte mit der Kirchenleitung scheute er nicht, sein literarisches, nicht exegetisches Jesus-Buch „Vie de Jesus“ (1936) zeigt den Mann aus Nazareth in seiner ganzen Menschlichkeit, was der auf „Göttlichkeit“ bedachten Hierarchie gar nicht gefiel und erwartungsgemäß Mauriac attackierte. Wichtig ist in dem Zusammenhang bis heute sein Vortrag „Die Nachahmung der Henker von Jesus Christus“, den er am 15. November 1954 vor der „Vereinigung katholischer Intellektueller“ (auch das gab es damals!) hielt und darin zeigte: Eigentlich sind die sich brav fühlenden Christen in ihrer rassistischen und kolonialistischen Haltung ebenfalls Henker („bourreaux“) wie die Misstäter, die Jesus Christus ans Kreuz geschlagen haben. Die sich katholisch nennenden Henker sah Mauriac damals in weiten Kreisen der französischen Politiker und Militärs, die etwa brutal den Freiheitswillen der Marokkaner niederknüppelten. Dieser Vortrag Mauriacs wurde erst 1984 als Buch veröffentlicht (bei Desclée de Brouwer).
Schon 1933 hatte sich der eigentlich konservativ geprägte Katholik Francois Mauriac aus großbürgerlichem Hause zum Verteidiger der Menschenrechte entwickelt, als er die Aggressionen Mussolinis in Äthiopien verurteilte und sich den links-katholischen und vatikankritischen Zeitschrift „Temps présent“ (ab 1937 mit einem Beitrag jede Woche auf der ersten Seite vertreten) anschloss. Heute werden diese Ideen fortgesetzt in der Revue „Parvis“ an der sich auch liberale Protestanten beteiligen. (https://www.reseaux-parvis.fr/)
8.
Ein eigenes Kapitel ist die Unterstützung Mauriacs für die in den 1940 bis 1950 Jahren „berühmten“, aber vom Vatikan letztlich verurteilten Arbeiterpriester. „Der Arbeiterpriester ist für Mauriac vor allem die Möglichkeit, das Christentum von der bourgeoisen Korruption zu befreien“ (zit. in dem großartigen von Jean Louis Schlegel u.a herausgegebenen Buch „A la Gauche du Christ“, ed. du Seuil, 2012, S.128 f). Mauriac kennt gut die Arbeiterpriester, etwa in der Wohngemeinschaft in Montreuil bei Paris mit André Depierre und Geneviève Schmitt. Er schätzt deren Versuch, einen nicht bürgerlichen Katholizismus mit den Arbeitern und den Armen zu leben. Aber, als Rom unter Papst Pius XII. im Jahr 1954 das „Experiment der Arbeiterpriester“ stoppt, ist Mauriac hin – und hergerissen zwischen der Treue zur Institution und dem von vielen anderen geforderten Widerstand gegen diese römische Entscheidung. Mauriac entschied sich dann doch für die Treue zur Institution. „Es ist ihm unendlich viel leichter, sein Talent zu entfalten im Namen der Caritas und der Gerechtigkeit, etwa in seinem Kampf gegen die Folter (von Franzosen ausgeübt) in Nordafrika als in der Anklage der katholischen römischen Bürokratie. In letzter Instanz führt ihn seine Gläubigkeit immer dazu, diese kirchliche Bürokratie zu rechtfertigen“ (a.a.O., S. 130).
9.
Mauriac, wie gesagt, großbürgerlicher, „bourgeoiser“ Herkunft und in einer letzten frommen Anhänglichkeit mit der Institution Kirche verbunden, war kein politisch militanter Verteidiger der Menschenrechte, sicher kein Linker, aber bekannt ist sein Einsatz zugunsten der Résistance. Wegen seiner Haltung in der Résistance gehörte er im Herbst 1945 zu dem „Conseil National des Ecrivains“ (CNE), der die Aufgabe hatte, mit dem Pétain Regime und mit dem französischen Nazis verbundene Schriftsteller zu überprüfen, zu „säubern“ und den Strafen zuzuführen, wenn sie denn Verbrechen der Okkupation begangen hatten. Mauriac gehörte zu diesem Kreis der mit den „Säuberungen“ Beauftragten neben Malraux, Camus, Sartre, Aragon und anderen. Er war in diesem Kreis des CNE eher ein Gemäßigter. Mit Claudel, Anouilh, Colette hatte er sogar ein – letztlich vergebliches – Gnadengesuch für den Nazi-Schriftsteller Brasillach unterschrieben. Brasillach wurde hingerichtet; ein anderer rechtsextremer Poet, Céline, konnte fliehen und wurde 1951 begnadigt. Unter de Gaulle wurde alles unternommen, Frankreich als Land der Résistance zu etablieren, was den Fakten nicht entsprach.
Interessant ist in dem Zusammenhang Mauriacs Beziehung zu Camus. Mauriac schätzte Camus, auch wenn es mit ihm Streit gab in der Einschätzung der épuration. Mauriac war überzeugt: Absolute Gerechtigkeit kann es in der Welt nicht geben. Anläßlich des plötzlichen Todes des großen Humanisten Camus konnte Mauriac nicht darauf verzichten zu sagen: „Schade, dass Camus kein Christ war“.
10.
Meine Hinweise haben nur an einige Aspekte im Werk Francois Mauriacs aufmerksam machen wollen. Über Mauriacs Verehrung für de Gaulle wäre zu sprechen genauso wie über die nun deutlicher diskutierte homosexuelle Neigung Mauriacs, die Jean Luc Barré in seiner „Biographie intime“ (im Verlag Fayard) ausführlich würdigt. Barré stellt auch die Frage, wie diese von Mauriac niemals öffentlich gemachte homosexuelle Neigung (er war bekanntlich verheiratet und hatte vier Kinder) das eigene Werk, die Romane etwa, verschwiegen, aber „strukturell“ auch prägt…Dass die tiefe Verbindung zum bourgeoisen Milieu und die von der Mutter vermittelte Abhängigkeit von der katholischen Lehre auch nicht gerade förderlich war für ein öffentliches Bekenntnis (Coming-out), ist auch klar. (vgl.: https://www.lemonde.fr/idees/article/2010/10/29/jean-luc-barre-mauriac-a-lutte-contre-le-feu-qu-il-portait-en-lui_1432937_3232.html)
11.
Um noch einmal an den Anfang dieser Hinweise zurückzukommen: Kulturwissenschaftlich betrachtet, ist das „Verschwinden“ katholischer Intellektueller (Schriftsteller, Philosophen usw.) in Frankreich, aber auch in vielen europäischen Staaten im 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts ein philosophisch zu bedenkendes „Zeichen der Zeit“. In Paris wurde das schon erwähnte „Zentrum der katholischen Intellektuellen Frankreichs“ in der Rue Madame in Paris im Jahr 1977 aufgelöst… weil es so viele katholische Intellektuelle einfach nicht mehr gibt …Und vielleicht ist manch ein „säkularer“ Autor tatsächlich auch von „christlichem“, jesuanischen Geist geprägt…
Noch einmal: Für diesen hier nur angedeuteten kulturellen – religiösen Umbruch als Vertreibung Intellektueller aus der Kirche ist die katholische Kirchenführung, also der alles bestimmende Klerus, selbst mit verantwortlich: Sie hat sich über all die Jahre trotz mancher Reformen bzw. Reförmchen als hierarchisch-antidemokratische und letztlich auch Frauen- und Homosexuellen feindliche Institution etabliert. Sie hat die Kritik von Mauriac in seinem schon zitierten Vortrag über die „Nachahmung der Henker von Jesus Christus“ nicht beantwortet: „Ich bin wie besessen von all den Kreuzen, die immer noch errichtet werden von dieser blinden und tauben Christenheit…“(Seite 17). “Und der Lauf der Geschichte wurde nicht von Heiligen bestimmt. Sie haben zwar Herzen und Geist bewegt. Aber die Geschichte ist kriminell geblieben“ (Seite 21).
12.
Das Schloss und der Park der Domaine Malagar, Mauriacs „Landsitz“, ist heute das „Centre Culturel Francois Mauriac“ http://malagar.fr Oder: https://monumentum.fr/domaine-malagar-actuel-centre-culturel-francois-mauriac-pa00083896.html

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Ohne Emotionen kein Verstehen der Kulturen

Der Philosoph Giambattista Vico grenzt den Verstand ein
Ein Hinweis von Christian Modehn

Gedenktage müssen nicht nur eine kulturpolitische Pflichtübung sein. Zumal dann, wenn man nicht auf die „runden Gedenktage“ fixiert ist, sondern auch die „eckigen Gedenktage“ beachtet, etwa an den Tod des großen italienischen Philosophen Giambattista Vico am 23. 1. 1744 denkt. Es ist wohl zutreffend, wenn man sagt: Vico ist heute – leider – nur in Fachkreisen bekannt. Das sollte sich ändern. Biographische Hinweise bieten Lexika, auch wikipedia. Ich will nur auf zwei zentrale Erkenntnisse seiner Philosophie hinweisen.

Giambattista Vico wurde am 23. Juni 1668 in Neapel geboren; und dort ist er am 23. Januar 1744 gestorben. Er war als vielseitig gebildeter Philosoph auch Professor für Rhetorik, und nebenbei: Angesichts seines Hauptwerkes war er mit einem sehr hohen Selbstbewusstsein ausgestattet… Vielleicht zurecht, denn Vico kann als einer der wichtigsten Philosophen der Hermeneutik gelten.

Bei der Gelegenheit möchte ich gleich das Buch von Thomas Sören Hoffmann empfehlen. Der Titel „Philosophie in Italien. Eine Einführung in 20 Porträts“, erschienen im MARIX Verlag, Wiesbaden. Die meisten Porträts gelten Philosophen der Renaissance. Vico gehört zum Übergang in die Moderne, wesentliche Aspekte seines Denkens werden auf den Seiten 351 bis 367 dargestellt.

Warum also Erinnerung an Vico?
Weil sein Denken eine Alternative zu dem damals völlig im Mittelpunkt stehenden Descartes bietet: Es gibt andere Bereiche, andere Fragestellungen, so Vico, als die von Descartes strengem Rationalismus vorgestellten. Vico wird zum „Gründervater“ der Geistes-Wissenschaften. Diese haben das Ziel, geistige, kulturelle Erscheinungen zu verstehen, und Verstehen ist etwas Anderes als das naturwissenschaftliche Rechnen und Erfinden. Thomas Sören Hoffmann spricht von einer „Frontstellung Vicos gegen die Rationalisierung der Welt“ (S. 354).
„Scienza nuova“ heißt das Hauptwerk Vicos, es vermittelt ein Bild von der sprachlich und geschichtlich geformten Welt. Um das Verstehen der Geschichte geht es. Und die können Menschen selbst in großem zeitlichen Abstand die anderen, die Fremden, verstehen, weil deren Texte Ausdruck des menschlichen Geistes und der Freiheit sind: Der eine allgemeine Geist ist anwesend in den kulturellen Werken, die sich in der Geschichte zeigen. „Die Wahrheit ferner Welten ist uns erreichbar“, schreibt der Philosoph Hoffmann über Vicos zentrale Erkenntnis. „Was von Menschen hervorgebracht worden ist, ist für andere Menschen erkennbar“ (S. 358). Vico schreibt: „Als wahr erkennen wir nur das, weil wir Menschen es selbst gemacht haben“! Eigentlich eine Aussage, die heute eher eine wie eine Selbstverständlichkeit klingt: Aber sie hat nach wie vor höchste Bedeutung, weil total Fremdes in der Menschenwelt ausgeschlossen ist. Keine vergangene wie gegenwärtige Kultur kann gegenüber einer anderen, etwa „unserer“ heutigen, behaupten: Diese ist und bleibt uns fremd.
Fremdheit kann vor allem durch Einfühlen überwunden werden. Einfühlen: Die ist eine Haltung, die nicht nur fürs Verstehen der Historiker gilt. Einfühlen ist eine Haltung, die für jeden Menschen gilt … und die lernbar ist! Gerade in Zeiten eines zunehmenden Rassismus und Antisemitismus. Im Verstehen des Fremden, der fremden Kultur, werden diese in ihrer Fremdheit natürlich nicht total nivelliert, angepasst oder aufgelöst: Sie bleiben „anders“, aber es wird Aspekte geben, für den jetzt Verstehenden hilfreich, wichtig, inspirierend sind.

Irritierend bleibt in Vicos Werk, dass sein Misstrauen gegenüber der autonomen Vernunft des Menschen umfassend wird. Vico spricht sogar von einer „Barbarei der Reflexion“ und dem „Zerstörerischen der Vernunft-Erkenntnis“. Er hält allein die Emotionalität für die Quelle der Kultur. Rationales Denken (der Verstand) sei zerstörerisches Denken: Eine These, die sich dann immer weiter sich bis in unsere Gegenwart durchsetzte, etwa derart, dass die Rationalität sogar zu Auschwitz geführt habe. Aber die Widerlegung dieser These ist ein anderes Thema.
In jedem Fall haben wir Vico zu danken für seine deutliche und aktuelle Aussage: Die Menschen sollten ihre reflektierte Emotionalität pflegen, wenn sie den anderen verstehen wollen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Die Volksreligionen kritisieren: Über David Hume anläßlich seines Todestages am 25.8.1776

David Hume und die Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie
Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
David Hume, schreibt der Philosoph Friedo Ricken, „ist der heute in der angelsächsischen Philosophie wahrscheinlich einflussreichste Klassiker der Religionskritik“ (F. Ricken, Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie, 2003, S. 233). In Deutschland, so mein Eindruck, hat der schottische Philosoph David Hume (7.5. 1711 – 25.8.1776) keine allgemeine Bekanntheit oder Würdigung in „breiteren Kreisen“ gefunden. Vielleicht findet er neue Aufmerksamkeit, weil wieder stärker die Arbeiten seines Freundes Adam Smith, Philosoph und Ökonom, beachtet werden. Bestenfalls kennt man heute Hume als Vertreter des „Empirismus“, der gegen die Metaphysik alles Erkennen auf den Bereich des sinnlich Erfahrbaren begrenzte; einmal abgesehen davon, dass Hume auch als Historiker sowie als Botschaftssekretär in Paris (1763 bis 1765) und Gast der dortigen Salons von Holbach und Diderot zu würdigen ist.
2.
Nebenbei: Gegen die Metaphysik zu rebellieren ist ein hervorstechendes Kennzeichen angelsächsischer Philosophen, Das Erleben der realen Macht der Kirche und ihrer Dogmenwelten war sicher ein dauernder Impuls für den empiristisch denkenden Philosophen David Hume. Kant hat sich mit der Erkenntnistheorie Humes kritisch auseinandergesetzt.
3.
Religionsphilosophisch besonders wichtig sind die beiden Werke „Dialoge über natürliche Religion“ (posthum, 1779) und „Die Naturgeschichte der Religion“ (1757). Die „Dialoge“ sind ein kontroverser theologischer Disput (nach dem Vorbild Ciceros „de natura Deorum“).
Wenn man „Die Naturgeschichte der Religion“ in den Mittelpunkt stellt, dann fällt auf, wie Hume die philosophische Deutung der Religion von der geschichtlichen Entwicklung religiöser Praxis abhängig macht. Weil die Menschen Furcht und Angst in einer bedrohlichen Welt hatten, entstanden Religionen, so meint er, und zwar zuerst in den Gestalten des Polytheismus. Der Monotheismus ist für Hume eine spätere Erscheinung. Auch Religionswissenschaftler haben sich mit dieser historisch wohl zutreffenden Deutung befasst.
Philosophisch bzw. sogar auch theologisch ist in dem Buch das Kapitel über „Aberglaube und Schwärmerei“ besonders interessant, das Buch enthält auch Kapitel über die „Unsterblichkeit der Seele“ und den „Selbstmord“.
3.
Einige Erkenntnisse aus dem Aufsatz „Aberglaube und Schwärmerei“ sind nach wie aktuell. Polytheismus ist für Hume vor allem Aberglaube. Bemerkenswert ist, dass Hume meint, auch diesen Glauben habe „der göttliche Werkmeister seinem Werk (also den Menschen) eingeprägt“. Denn, so meint er, eine „unsichtbare, intelligente Macht gibt es in der Welt“: Diese intelligente Macht ist also auch die Ursache für Aberglaube/Polytheismus, aber auch die Ursache für den Monotheismus. Und auch für den von Hume geschätzten, allein philosophisch erzeugten „Vernunftglauben“. Er nennt diesen auch „natürliche Religion“, die unabhängig von jeder Offenbarung gedacht werden kann.
Es gibt also für Hume einen volkstümlichen Theismus (Monotheismus) UND darüber hinaus einen wertvolleren, philosophisch reflektierten Theismus der Vernunftreligion. Diese Vernunftreligion sieht in den Ereignissen der Natur eben nicht göttliche Kräfte am Wirken; sie erklärt vielmehr alles ohne einen Wunderbegriff, also allein aus natürlichen Ursachen: Deswegen werden philosophisch reflektierte Anhänger der Vernunftreligion verachtet, und vom Volk und der Kirche als Ungläubige behandelt.
4.
Den populären, also unreflektierten Theismus hält Hume sogar für gefährlicher als den alten Polytheismus. Er nennt die Fehlformen des von absoluter Wahrheit besessenen Theismus: Intoleranz, Gewalt, Menschenopfer. Den Polytheismus deutet Hume dann doch vergleichsweise eher positiv: Er führe zu Mut und Freiheitsliebe. Ob das historisch gesehen korrekt ist, bleibt sehr die Frage. Auch heutige Philosophen wie Odo Marquard haben Lobeshymnen auf den Polytheismus angestimmt. Und rechte bzw. rechtsextreme Ideologen geben sich gern als Freunde des Polytheismus und Feinde des angeblich nur intoleranten Monotheismus aus, wie etwa Ideologen der Nouvelle Droite in Frankreich. Insofern wirken jedenfalls die ziemlich pauschalen Polytheismus-Thesen Humes bis heute weiter.
5.
Hume meint: Nur eine kleine Gruppe von Menschen wird sich jemals aus den Verirrungen der populären monotheistischen Religionen befreien können. Es ist die Philosophie als Skepsis, die die verirrten Menschen aus der heillosen Populärreligion befreien kann; etwa dann, wenn sich Menschen in ihrem religiösen Wahn gar nicht an Gott binden, sondern an Zwischenwesen, also Heilige, die sie als Schutzgottheiten (also dann doch wieder in polytheistischer Haltung) verehren.
Die Kritik der theistischen Volksreligion (auch und gerade innerhalb des Christentums und der Kirchen) ist sicher ein Thema, das im Zusammenhang von Hume weiter diskutiert werden sollte. Es sollte also der immer noch stark vorhandene populäre Glaube an Wunder diskutiert werden, also über die Meinung, Gott könne Naturgesetze für einzelne besonders Fromme wunderbar durchbrechen. Und als könnte „die Gottesmutter und Jungfrau Maria“ vom Himmel herabschweben und in zu Menschen sprechen, wie in Fatima oder Lourdes immer noch geglaubt wird.
6.
Und dann wäre zu erörtern, ob philosophisches Welt- und Selbstverstehen jemals ohne das eine und einzige vertretbare Wunder auskommen kann, das sich in dem Erstaunen äußert: „Dass überhaupt etwas ist und nicht nichts“. Dieses ist wohl das einzige Wunder, das Gültigkeit hat. Alle anderen so genannten Wunder sind bestimmte Formen des Volksglaubens, auf die aber viele Menschen einfach nicht verzichten können und wollen, weil sie meinen, in dem Volksglauben bzw. Aberglauben inneren Halt zu finden. Ob man diese die Betroffenen von dieser subjektiven Überzeugung des volkstümlichen Glaubens argumentativ befreien kann und dann auch befreien sollte, ist eine offene Frage. Wahrscheinlich haben sogar die kritischsten Anhänger eines Vernunftglaubens noch einen Restbestand an Volksglauben in sich, und sei es die Beschäftigung mit Astrologie oder Homöopathie usw.
7.
Was Vernunftglauben heute aktuell und neu formuliert bedeuten kann, ist eine aktuelle Herausforderung der Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie. Den alten Vorwurf des „trockenen und abstrakten Begriffssystems“ wird der neue Vernunftglaube überwinden müssen. Der neue Vernunftglaube könnte angesichts des Niedergangs der konfessionellen Kirchen in Europa eine neue Ökumene religiöser und explizit christlicher Menschen erzeugen; dieser Vernunftglaube würde die auch sich stets weiter entwickelnden Menschenrechte in seinen „Grundbestand“ aufnehmen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Für eine demokratische, republikanische Kirche: Erinnerungen an Abbé Grégoire

Hinweise von Christian Modehn
Erinnerungen an einen ungewöhnlichen Priester: Er war als Politiker aktiv seit dem Beginn der Französischen Revolution und ein glühender Verteidiger der humanen Werte der Revolution: Sein Name Abbé Grégoire. In Deutschland sollten wir mehr von ihm wissen: Als Ausnahmegestalt eines demokratischen organisierten Katholizismus, der aber diese Kirche, als Hort des Konservativen und damals heftig Reaktionären, nicht verändern konnte. Aber er hatte doch Erfolge, als Verteidiger der Menschenrechte, vor allem auch zugunsten der Juden und der „Schwarzen“ in den Kolonien.

Der katholische Priester Abbé Grégoire heißt mit vollständigem Namen Henri Jean-Baptiste Grégoire. Er war der berühmte „Priester-Bürger“, „citoyen par excellence“, schreibt der Historiker Bernard Plongeron (Concilium, 1969, Heft 1, Seite 31, französische Ausgabe).
Abbé Grégoire ist eine Ausnahme – Gestalt in dem damaligen antirepublikanischen, antidemokratischen und reaktionären Katholizismus, repräsentiert im Vatikan. Aber er hat dafür gesorgt, dass sich mindestens für ein paar Jahre die Ideen des katholischen Glaubens mit den richtigen Ideen der Französischen Revolution versöhnen konnten. Er ist die entscheidende Gestalt unter den Abgeordneten des revolutionären Parlaments, der die rechtliche Gleichberechtigung der Juden durchsetzte sowie auch die Abschaffung der Sklaverei. Die Bevölkerung der Republik Haiti, die erste unabhängige Republik in den damaligen südamerikanischen Kolonien, hat ihn hoch verehrt! Und bei seinem Tod 1831 mehrere Tage eine Staatstrauer begangen.
Er hat für die Eingliederung des katholischen Klerus in die Verfassung der Republik gestimmt („Constitution civile du Clergé“): „Alle Bischöfe und Pfarrer müssen von nun an von den Bürgern gewählt werden“. Der Papst wurde dann lediglich von der Wahl benachrichtigt. Alle Priester sollten – wie er auch es ganz entschieden tat – auf die Verfassung der Republik schwören. Seit der Zeit ist der französische Klerus der Revolutionsepoche gespalten, republikanisch oder königstreu und dem Papst absolut ergeben. Abbé Gregoire hat niemals darauf verzichtet, an dieser Konzeption einer Art „nationalen“, also weithin von Rom unabhängigen katholischen Kirche festzuhalten. Deswegen hatte der Erzbischof von Paris auch verboten, dass ein Priester ihn in seinen letzten Stunden besucht, der Erzbischof hatte sogar eine kirchliche Bestattung verboten.
Geboren wurde Grégoire am 4. Dezember 1750 in Vého bei Luneville in Lothringen, einer Region, in der sich unterschiedliche philosophische und aufklärerische Bewegungen versammelten. Er war zuerst Pfarrer und Theologe, bevor er als Abgeordneter ins Pariser Parlament kam. Als Dorfpfarrer setzte er sich entschieden für die Bildung der Bauern ein, er stellte seine private Bibliothek allen Interessierten zur Verfügung, er hat entschieden gegen den „Obskuratismus“ gekämpft, also gegen die übliche Mischung von Glauben und Aberglauben unter Katholiken. Er sprach drei Fremdsprachen, auch etwas Deutsch. Seine befreundeten Rabbiner empfahlen ihm die Lektüre philosophischer, aufklärerischer Zeitschriften in Berlin.
In seinen Lebenserinnerungen („Mémoires“) schreibt Abbé Grégoire: „Nachdem ich die Zweifel förmlich verschlungen hatte durch die Lektüre so genannter philosophischer Werke, habe ich alles neu geprüft und bin nun Katholik, nicht etwa, weil meine Eltern katholisch waren, sondern weil mich die Vernunft, unterstützt von der göttlichen Gnade, zur Offenbarung (der Bibel) geführt hat“.
Viele theologischen Impulse bezog er auch aus dem Studium der alten, der ursprünglichen Kirche („ecclesia antiquior“). Er verfasste zahlreiche politische und theologische Studien, 427 Titel von ihm sind bis jetzt zusammengetragen und tausende von Briefen: Ein Intellektueller und ein Verteidiger der Menschenrechte, und das alles ab 1789, zu einer Zeit, als die Päpste die Menschenrechte und die Freiheit verfluchten. Abbé Grégoire ließ sich nicht unterkriegen. Dabei hatte er gar nichts gegen die Dogmen der Kirche, er wollte nur die menschlichen Verhältnisse in Staat und Kirche grundlegend durch vernünftige Gesetze verbessern.
Er fand es normal, dass man katholische Bischöfe wählte: Er selbst wurde etwa zum Bischof von Blois gewählt. Er setzte es durch, dass Französisch die Sprache in katholischen Messen wurde; er organisierte Synoden als Orte des freien katholischen Disputs. Er setzte sich für eine Versöhnung der römischen mit der orthodoxen Kirche ein.
Natürlich, möchte man sagen, wurde dies alles vom Vatikan verboten, untersagt, zerschlagen. Die zerstörerische Kraft alles Lebendigen und Neuen war im Vatikan immer schon sehr groß. Aber Abbé Grégorie ließ sich nicht in die Verzweiflung treiben, er kämpfte für die Menschenrechte, für die Befreiung der “Schwarzen“. Michelet sagte von ihm: „Abbé Grégoire hat zwei Gottheiten gehabt, Christus und die Demokratie. Beide vermischten sich seiner Meinung nach zu einer einzigen Überzeugung, denn beide haben dasselbe Ideal, die Gleichheit und die Brüderlichkeit“ (Histoire et dictionnaire de la Révolution Francaise, Robert Laffont, 1987, Seit 860)
1950, zum 200. Gedenken an die Geburt dieses freien, republikanischen Priesters, Bischofs und Politikers war es ausgerechnet der vietnamesische Politiker Ho-chi-Minh, der seiner gedachte: Er nannte ihn einen „Apostel der Freiheit der Völker“.
Am 28. Mai 1831 ist Abbé Grégoire in Paris verstorben. An seiner Bestattung auf dem Friedhof Montparnasse, Paris, nahmen 2.000 Studenten und Arbeiter teil, berichtet Bernard Plongeron (ebd., S. 43).
Ein der Hierarchie gegenüber kritischer Priester (Abbé Guillon) war dann noch bereit, eine kirchliche Bestattung zu feiern.
1989, im Rahmen der Feiern „200 Jahre Französische Revolution“, erhielt dieser republikanische, demokratische Priester endlich ein Ehrengrab im berühmten Pariser Panthéon. Die französischen Bischöfe, immer noch im Zorn auf ihren großen republikanisch-katholischen Vorgänger, nahmen selbstverständlich NICHT an den Feiern im Panthéon teil. Lediglich der progressive Außenseiter unter den Bischöfen damals, Jacques Gaillot, Bischof von Evreux, war – für Gaillot selbstverständlich – bei den von Staatspräsident Francois Mitterrand geleiteten Zeremonien im Panthéon dabei.
Es wird Zeit, in Deutschland umfassender an Abbé Grégoire zu erinnern. Leider sind seine Werke in deutscher Sprache nicht verfügbar. In Frankreich gibt es förmlich einen Boom an Grégoire – Forschung, siehe etwa die entsprechende französische website von wikipedia.
Ich finde diesen Mangel an deutschsprachigen Büchern über Abbé Gregoire in gewisser Weise typisch: Wie viele Bücher wurden in den frommen Verlagen über die Karmeliter-Nonne Theresia vom Kinde Jesu in Lisieux oder über den angeblichen Mystiker, den Pfarrer von Ars publiziert? Und eben nicht über einen revolutionären, republikanischen Priester und Bischof, einen Kämpfer für die Menschenrechte und eine demokratisch verfasste Kirche!

Es gibt ein kleines Abbé Grégoire Museum in Emberménil, Département Meurthe-et-Moselle, in der Region Grand Est.
https://musee-abbe-gregoire.fr/un-musee

Über „Haiti und Abbé Grégoire“ gibt es etliche differenzierende Studien, etwa: https://www.persee.fr/doc/outre_0300-9513_2000_num_87_328_3804

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Be

Katastrophen abwenden: Zur Aktualität des russischen Philosophen Nikolaj Berdjajew

Ein Hinweis von Christian Modehn

In diesen Monaten wird der Revolutionen gedacht, der russischen, sowie jetzt der Revolution in Deutschland 1918/1919.

1. An einen aus Russland stammenden Philosophen sollte man sich in dem Zusammenhang erinnern, an Nikolaj Berdjajew. Er lebte nach seiner Vertreibung durch die Kommunisten 1922 etwa zwei Jahre in Berlin, danach bis zu seinem Tod am 23. März 1948 in Frankreich, vor allem in Paris.

2. Russische Philosophen in der Mitte des 20. Jahrhunderts – das ist ein Thema, das in Deutschland wenig beachtet wird. Alles Interesse galt (und gilt ?) dem Marxismus, dem Leninismus, Stalinismus in diesen Jahrzehnten. Dabei werden die auch dem Zarenregime oppositionellen Philosophen eher vergessen.

3. Dabei ist eine Gestalt wie Nikolaj Berdjajew herausragend, zweifellos ein „Russe im westlichen Exil“. Aber er ist keineswegs wie so andere „Russen im westlichen Exil“ ein Reaktionär, er ist kein Philosoph, der den radikalen sozialen und politischen Wandel überflüssig und falsch findet.

4. Man sollte sich an Berdjajew erinnern, weil er einen anderen Stil von Philosophie pflegte: Der die Philosophie in kleineren „Kreisen“, in „Zirkeln“, lebendig werden ließ, also in Orten, die sich außerhalb des (staatlich reglementierten) Universitätsbetriebes befanden. Zu diesen eher privaten „Kreisen“, schon seit etwa 1840 eine Realität, gehörten auch Dichter und Schriftsteller, im 19. Jahrhundert etwa auch Dostojewski. Dichtung, Poesie, und Philosophie waren eng verbunden! Wilhelm Goerdt nennt diese „Kreise“ in seiner großen empfehlenswerten Studie „Russische Philosophie“ (Freiburg/München 2002, S. 63) „Laboratorien des Geistes“. „Hier pulsiert das philosophische Leben“.
Diese „Kreise“ existierten in Russland zum Teil, immer bedroht, sogar nach dem Sieg der Bolschewisten bis 1922. Berdjajew gründete eine „Freie Geisteskultur“ im Jahr 1918 in Moskau, Treffpunkte waren zu der Zeit manchmal sogar noch offizielle (staatliche) Bildungsstätten, “weil in diesen Jahren der Totalitarismus des Sowjetstaates noch nicht endgültig vom ganzen Leben Besitz ergriffen hatte“ (schreibt Wilhelm Goerdt, S. 78).
Nach der Niederwerfung des Ungarnaufstandes 1956 gab es in Leningrad sogar einen „Kreis“, der sich auf den inzwischen in Paris verstorbenen Berdjajew berief und sein Werk studieren wollte! Mit viel Mühe gelang es einigen Mutigen, die von den Kommunisten unter strengem Verschluss gehaltenen Werke Berdjajews zu erreichen und einiges mit der Hand abzuschreiben (vgl. Goerdt, S. 91). Dieser freie philosophische Lesekreis wurde „selbstverständlich“ vom KGB aufgelöst und verboten. Unter Stalin wurde selbst ein minimaler Pluralismus innerhalb der parteilichen Sowjetphilosophie verboten.

5. Es ist also diese bis 1922 gültige „Doppelstruktur“ russischer Philosophie, ihre Präsenz in „Kreisen“ UND an Universitäten, die wichtig und „typisch“ ist. In wieweit die philosophischen Salons (Diderot usw.) im Vorfeld der Französischen Revolution als Vorbild dienten, wäre zu untersuchen.

6. Nikolaj Berdjajew – aus „aristokratischem“ Hause stammend, geboren am 6.3.1874 in Kiew, Russisches Kaiserreich – bekannte sich schon in den 1890 Jahren zum Marxismus, er wurde deswegen vom alten Regime deswegen verhaftet und verbannt. Als sich radikale Kräfte in der revolutionären Bewegung, die Bolschewiki, mit Gewalt durchsetzen, geht er auf Distanz zum parteipolitisch organisierten Marxismus. Nikolaj Berdjajew wird 1922 von Kommunisten des Landes verwiesen. Die Revolution hält er nach wie vor für notwendig. Auch unter den russischen Emigranten hält er daran fest.
In Berlin und dann in Paris gründet er wieder philosophische Gesprächskreise, „Kreise“, philosophische „Salons“. In Berlin ist dies die „russische religionsphilosophische bzw. religiös –philosophische Akademie“. In Paris lädt er in seiner Wohnung zu einem philosophischen Gesprächskreis ein.

7. Zum philosophischen Denken Berdjajews nur einige Hinweise: Er stellt den Gedanken der Krise und der sich aus Krisen entwickelnden Katastrophen in den Mittelpunkt. Das Ende der Welt der Menschen ist möglich, aber auch abzuwenden: Inmitten der Krise, so Berdjajew, können schöpferische, positive Kräfte wach werden.
Freiheit und Nonkonformismus bestimmen sein geschichtsphilosophisches Denken. Östliches (russisches) und westliches Denken sollten sich angesichts der Krise versöhnen und vereinen: Eine geistige Grundlage für ein versöhntes Europa sieht er in einer neuen, universalen, ökumenischen Kirche. Deswegen sein Interesse am Austausch mit katholischen und protestantischen Theologen und Philosophen.

8. Die kritische Auseinandersetzung mit dem Sowjet-Kommunismus bleibt Berdjajews Thema: Nicht das Kollektiv, sondern der freie Mensch, die Persönlichkeit, muss gefördert werden, betont er. Nur eine freie Persönlichkeit kann die Gesellschaft menschlich gestalten. Persönlichkeit, so schreibt er, ist der Sieg des Geistes über die Natur, der Freiheit über die Notwendigkeit. Knechtschaft darf es niemals geben, auch nicht in der Beziehung zu Gott. Das ist Berdjajews spekulative Leistung: „Freiheit gründet im Urgrund“, „uranfänglich“, eine Vorstellung, die an Jacob Böhme erinnert.
Die wahre klassenlose Gesellschaft achtet jeden Menschen als Persönlichkeit, sie hat Respekt vor der Gewissensentscheidung eines jeden. Der in der Sowjetunion etablierte Kommunismus ist für Berdjajew eine (falsche) „politische Religion“, also der Glaube an die Machbarkeit einer vollkommen gerechten Gesellschaft in der Zukunft. Dieser Glaube ersetzt förmlich den alten russisch-orthodoxen Glauben. Berdjajew sieht in der Begeisterung vieler Russen für den Kommunismus eine Aktualisierung des alten Glaubens an eine messianische Sendung des orthodoxen Russlands (Moskau als 3. Rom).

9. Mit dem sozialistischen Theologen und Slavisten Fritz Lieb aus der Schweiz verbindet Berdjajew eine intensive Freundschaft, Lieb besucht Berdjajew 1933 nach Clamart, bei Paris. Sie geben unter vielen Schwierigkeiten eine neue Folge der Zeitschrift „Orient und Occident“ heraus. Beide interessieren sich für die geistige Verbindung von biblischer Weisheit und den Lehren von Karl Marx.

10. In seinem wichtigsten Buch gegen Ende seines Lebens: „Selbsterkenntnis. Versuch einer philosophischen Autobiographie“, Paris 1949) schildert Berdjajew seine menschliche, seine philosophische Entwicklung. Leider ist auch dieses Buch in deutscher Sprache schwer erreichbar!
Philosophie war für ihn stets mit den eigenen Lebens-Erfahrungen verbunden, nie bloß akademische Lehre von Philosophen für Berufsphilosophen. Autobiographie ist “ein Akt existentieller philosophischer Selbsterkenntnis“.
Berdjajew – ein Denker, der stets Außenseiter sein wollte, der niemals einen Konformismus unterstützte, der deswegen auch seine Konflikte mit der orthodoxen Kirchenleitung hatte: So war für ihn (gar nicht der orthodoxen Lehre gemäß !) göttliche Gnade bzw. göttliche Erlösung keine einseitige Tat Gottes, sondern immer auch aktive Tat, freie Entscheidung, des Menschen. Eine weiter zu bedenkende moderne Theologie!

11. Als Motto für Berdjajew könnte seine Aussage gelten:
„Den allergrößten Wert lege ich auf Unabhängigkeit und auf meine Freiheit als Denker. Und so passe ich in kein Lager hinein“ (zit. in Goerdt, S. 79)
Und vor allem: Er glaubte daran, „dass sich der freie Gedanke unterirdisch in Russland (während des Stalinismus) verbreitet und dass er lebendig bleibt“ (ebd.).

12. Ein eigenes Thema ist die philosophische Nähe Berdjajews zu anarchistischen/libertären Ideen und Konzepten. Darauf wird in dem Buch „Christlicher Anarchismus“ (hg.vom Sebastian Kalicha), Verlag Graswurzelrevolition, 2013, mehrfach hingewiesen, u.a auch auf Berdjajews Buch „Slavery and Freedom, London, 1939).

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

Georgiens Philosoph der Freiheit: Merab Mamardaschwili. Anläßlich der Frankfurter Buchmesse 2018

Über den Philosophen Merab Mamardaschwili, geboren am 15.9.1930

Ein Hinweis von Christian Modehn

Über die Gegenwart des Stalin-Kultes in Georgien berichtet jetzt auch sehr anschaulich Christoph Dieckmann in „DIE ZEIT“ vom 13. September 2018, Seite 21. „Alles Rote haben wir entfernt“ ist der (ironische) Titel…

Georgien ist der „Ehrengast“ der Frankfurter Buchmesse 2018. Endlich ein Grund mehr, an den großen georgischen Philosophen Merab Mamardaschwili zu erinnern und sogar zu bitten, wenn nicht zu fordern, dass an sein Werk, an seine Art, Philosophie zu lehren und zu leben, auch in Deutschland endlich viel mehr erinnert wird.

Merab Mamardaschwili wurde am 15. September 1930 in Gori geboren, der Stadt, aus der auch Stalin stammt.

Aber mit dem Stalinismus und dem Sowjetsozialismus hatte der Philosoph nichts im Sinn. Er war ein origineller Interpret der Werke von Descartes, den er besonders schätzte, weil er in seiner Philosophie das Individuum über die Gesellschaft gestellt wurde. Und Mamardaschwili schätzte Kant, den „Philosophen der individuellen Freiheit“, der er selbst auf ganz eigenwillige Art in Moskau war; als ein Individuum, ein Mann außerhalb der Massen. Seine Studenten und seine Freunde verglichen ihn durchaus gern mit „Sokrates“. Das will etwas heißen im Sowjetsystem. Großes Interesse hatte Mamardaschwili für die französische Literatur, für Artaud und Proust. Ins Deutsche sind keine Arbeiten von Mamardaschwili, meines Wissens bis jetzt (Juli 2018), übersetzt worden.

Es ist wohl eine seiner bemerkenswertesten Leistungen, dass er als Philosophie – Professor an staatlichen Universitäten und Hochschulen in Moskau und Tbilissi (von 1980 bis 1990) als freier Denker lehren und leben konnte. Seine Vorlesungen fanden einen enormen Zuspruch. Sein Name hatte in der Sowjetzeit schon eine bestimmte „Aura“ der Freiheit.

Dissident und damit Verfolgter im Sowjetreich war er nicht. Er hatte förmlich das Glück, unter den Zuständen damals trotzdem noch frei zu bleiben und frei zu denken. Der russische Philosoph Michail Ryklin nennt Mamardaschwili „einen Denker von europäischen Format und einen Lehrer im sokratischen Sinne, der eine ganz Generation von georgischen und russischen Intellektuellen geprägt hat“. Er war als Georgier zwar mit seiner Heimat verbunden, wandte sich aber heftig gegen den Nationalismus. Er sagte: „Die Wahrheit steht höher als die Heimat“. Daraufhin begann förmlich eine Hetzkampagne gegen ihn.

Mamardaschwili wurde nach seiner Promotion über Hegel nach Prag geschickt, das war schon ein kleiner Schritt in ein bisschen mehr Freiheit. Eigenmächtig blieb er in Paris und wurde darauf , bei seiner Rückkehr, 1966, dazu verurteilt, die UDSSR 20 Jahre Jahre lang nicht zu verlassen. Gorbatschow erwähnt ihn positiv, in den Zeiten der „Öffnung“ Ende der achtziger Jahre konnte er frei reisen, etwa in die USA und Frankreich. Am 25. November 1990 ist er an einem Herzinfarkt auf einem Moskauer Flughafen, im Transitbereich, auf dem Weg nach Georgien, gestorben. Ausgerechnet im Transit möchte man sagen, lebte doch Maradaschwili selbst insgesamt wie im Übergang.

Seine Werke gilt es in Deutschland und wohl außerhalb Georgiens insgesamt zu entdecken, genauso wie seine außergewöhnliche Persönlichkeit. Unsere hiesige Philosophie erlebt Überraschungen, wenn sie über das allzu Vertraute hinausschaut. Wer hätte schon damit gerechnet, dass solch ein Denker im Sowjetsystem überhaupt leben und eine Art „philosophische Gemeinde“ damals formen konnte?

In einem Interview mit Annie Eppelboin (Frankeich) sagte Mamardaschwili: „Die totalitäre Gesellschaft erschafft eine Sprache, die das Erwachen ausschließt. Du kannst sterben, ohne je entdeckt zu haben, was wirklich dein Gefühl ist. Als ich jung war, waren die Leute vom Komsomol die Verwalter des Gemeinwesen, auch des sozialen Körpers. Sie verwalteten auch mein Denken“. (in dem Buch „ La Pensée empéchée“).

Copyright: Christian Modehn

 

 

 

Faschistische Wurzeln der „konservativen Revolution“: Charles Maurras

Ein Hinweis von Christian Modehn (anlässlich des Geburtstages von Charles Maurras am 20.4. 1868).

Angesichts der politischen Wende (bzw. „Revolution“) nach rechts und rechtsextrem in ganz Europa ist es nötig, an die „Gründerväter“ dieser Ideologie zu erinnern. Dabei wird eine Figur aus der rechtsextremen Ecke wieder hoch gespielt: Der französische Schriftsteller Charles Maurras (20.4.1868 bis 16.11.1952). Die Renaissance dieses Vordenkers der politischen Bewegung „Action Francaise“, „die unverkennbar faschistische Züge trägt“, so Ernst Nolte, 1971 und auch der Soziologe Zeev Sternhell, ist nicht nur auf Frankreich beschränkt. Wer die ideologischen Wurzeln des rechtsextremen Denkens auch in Deutschland heute freilegen will, muss sich leider mit Charles Maurras auseinandersetzen. Ausdrücklich weist etwa Wolfgang Kowalsky in seinem Buch „Kulturrevolution?“ (1991) darauf hin, dass alles heutige Gerede von „konservativer Revolution“ in der Action Francaise und damit in Maurras seine Bezugspunkte hat (S.28).

Maurras hatte ein Ziel: Die republikanische, die demokratische und linke Kultur zu bekämpfen und zu zerstören, dies gehörte förmlich zur „Kultur“ jener beträchtlichen Kreise, die die Französische Revolution pauschal als Katastrophe bewerteten. Maurras gehörte wie Edouard Drumont zu den Wortführern des militanten Antisemitismus seit der Affäre Dreyfus. Der massive Einfluss der Action Francaise und damit von Maurras bis heute verdankt sich nicht der direkten politischen Aktion, man arbeitete vielmehr im entscheidenden „Vorfeld“ der ideologischen Bildung und geistigen Verführung und Verblendung. Die Ideologie von Maurras ist ein Plädoyer für die wesentliche Ungleichheit der Menschen, für das Führerprinzip, für den Antisemitismus, für die Gewalt bei innenpolitischen Konflikten….Zum besonderen Profil von Maurras: Er nannte sich Atheist, aber katholisch. Damit wollte er sagen: Der christliche Glaube interessierte ihn nicht (da ist ja auch von Brüderlichkeit die Rede), sondern nur die katholische Kirche als möglichst machtvolle Institution, sie hat für die antidemokratische Ordnung zu sorgen. (Siehe ein treffendes Zitat von Jean-Claude Guillebaud am Ende dieses Beitrags)

Unter dem Kollaborateur und Nazi-Freund Marschall Pétain kam Maurras zu großen Ehren: Pétain stand Maurras sehr nahe und Maurras predigte „die blindeste Ergebenheit“ gegenüber dem nazifreundlichen Pétain. (vgl. Kowalsky, S. 33). Im November 1944 wurde Maurras verhaftet; er wurde verurteilt, und, wie in solchen Fällen beinahe üblich, vorzeitig aus dem Gefängnis entlassen, im März 1952. Kurz danach starb er…

In katholischen Kreisen ist Maurras und seine Action Francaise bis heute präsent: Erzbischof Marcel Lefèbvre war mit der Action Francaise verbunden und seine traditionalistischen Pius – Brüder sind gewiss keine Maurras Verächter. Denn entschiedene Vertreter der modernen Demokratie und der Menschenrechte sind sie bekanntermaßen nicht. Traditionalistische Klöster, die sich wieder formal mit dem Papst versöhnt haben, wie das Benediktinerkloster Le Barroux, erwähnen Charles Maurras voller Hochachtung noch heute wie einen großen vorbildlichen Denker. Der Abt von Le Barroux gedachte kürzlich, bei einer Trauerfeier für den Front National Anhänger und Freund dieses Klosters Jean Madiran, auch des alten „Meisters“ Charles Maurras in einer Predigt. http://www.nd-chretiente.com/dotclear/public/documents/2013_Documents/2013.08.08_Jean_Madiran_obseques_Dom_Louis-Marie.pdf

Dabei muss daran erinnert werden, dass Papst Pius XI. die katholischen Mitglieder der Action Francaise exkommunizierte. So viel Antisemitismus war dem Papst dann doch zu viel. In langwierigen Versöhnungsversuchen zwischen Rom und der Action Francaise zeigte sich dann Papst Pius XII. großzügig: Angesichts des Kommunismus wollte er einen starken, geschlossenen Katholizismus, eben wieder auch mit Maurras und den Seinen. Maurras hingegen entwickelte sich dann, wie nicht anders zu erwarten, zur stärksten Stütze des Anti – Demokraten Marschall Pétain… Es ist diese übliche Blindheit, wenn nicht das Wohlwollen der katholischen Kirchenführung für rechtsextreme Ideologen, die wieder auch im Falle von Maurra auffällt. Man muss als Reaktionär nur „antikommunistisch“ sein, um die Gunst der römischen Kirche zu gewinnen, die ganze Tragik und der Niedergang der lateinamerikanischen Befreiungstheologie (Leonardo Boff etc.) ist nur so zu verstehen.

Nebenbei: Es verdient weitere Untersuchungen, wie die angeblich so streng weltfernen Karmelitinnen im Kloster von Lisieux darum kämpften, dass sich Maurras und die Action Francaise mit dem Papst aussöhnten. Solche Begeisterung für die Versöhnung verdeckte sicher auch gewisse Sympathien der streng im Kloster lebenden Nonnen für Mauras und Co. In dem Karmelitinnen Kloster in Lisieux lebte bekanntlich die hoch gelobte Mystikerin Theresia von Lisieux (1873 – 1897, heilig gesprochen 1925). Ihre leibliche Schwester und dortige Nonne unter dem Namen Mère Agnès setzte sich für Maurras ein…Die Action Francaise hatte ihre Ideologie weit im Katholizismus verbreitet, bis ins Priesterseminar der Franzosen in Rom, mit dem „einschlägigen“ Spiritanerpater Le Floch. (Vgl. https://www.cairn.info/revue-histoire-monde-et-cultures-religieuses1-2009-2-page-33.htm). Marcel Lefèbvre, der spätere Traditionalistenführer empfing dort als Mitglied im Spiritanerorden seine theologische ideologische Ausbildung.

Der Schriftsteller Jean-Claude Guillebaud schreibt: „En réalité, on voit réapparaître au cœur de l’extrême droite française un courant de pensée qu’il faut bien qualifier de catholicisme athée. L’expression se réfère à une formule de Charles Maurras, fondateur de l’Action française : « Je suis athée, mais catholique. » Maurras voulait dire par là que le message évangélique ne l’intéressait pas, mais qu’il voyait dans l’Église une institution garante de l’ordre social“. Quelle:  Jean-Claude Guillebaud: http://www.lavie.fr/debats/bloc-notes/qui-sont-les-catholiques-athees-16-08-2016-75561_442.php

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

Das Wort ergreifen. Aber das Wichtige aktuell und gegenwärtig sagen!

Erinnerung an Michel de Certeau, geboren am 17. Mai 1925

Michel de Certeau (17.5.1925 bis 9.1.1986) war ein französischer Jesuit, und dabei vor allem aber ein selbständiger, vielseitig hoch begabter Intellektueller, ein Soziologe, Philosoph, Historiker… Solche katholischen Intellektuellen gibt es heute nicht mehr. Der europäische Katholizismus ist heute bekanntermaßen intellektuell eher verödet, wenn man an Gestalten wie de Certeau vergleichsweise denkt. Für intellektuelle Lebendigkeit fehlt heute die Freiheit, die Ermunterung, selbstständig und ungeschützt zu denken und Störendes zu sagen im Katholizismus. In Deutschland etwa bestimmen Gestalten wie Manfred Lütz und Martin Mosebach die angeblich intellektuelle katholische Szene. Wer kennt noch einen öffentlich auftretenden, mutigen katholischen deutschen Theologen oder gar einen französischen? Hans Küng wurde gerade 90…. Was für eine Armut sonst…

Pater Michel de Certeau SJ war nicht konform, nicht ängstlich vor Autoritäten. Nur so konnte sein bis heute aktuelles Werk entstehen.

Daran wird in Deutschland auch heute eher nur marginal erinnert. Ulrich Engel hat einige Seiten seiner Studie „Politische Theologie nach der Postmoderne“ dem französischen Jesuiten gewidmet. Interessant ist, dass der Jesuit Papst Franziskus offenbar de Certeau kennt und schätzt.

Nun ist es Zeit, in diesen Erinnerungs“wogen“ an den Mai 68 auch in diesem Zusammenhang an Michel de Certeau zu erinnern. Man kann in der ausgezeichneten, leider in Deutschland fast ganz ignorierten Studie „à la Gauche du christ“ (Seuil, Paris, 2012) lesen, dass de Certeau die Ereignisse des Mai 68 unmittelbar im Geschehen, mitten im Ereignis, deutete: Aber er war – anders als der sehr revolutionär gesinnte Dominikaner Jean Cardonnel damals – „gegen den politischen Gebrauch der Theologie“ (S. 320). Certeau war nüchterner: Er sah analytisch in den Ereignissen Mai 68 das Entstehen einer neuen Kultur und das Abschiednehmen von der alten Sprache und ihrer abgenutzten Formeln und Floskeln.

Certeau sieht in der Sprache der Mystik die einzige Rettung für die vielen Christen, die seit dem außerhalb der Kirche leben. Was den Mai 68 betrifft: „ Certeau erkennt in der Erhebung (Mai 68) den Ausdruck von Erfahrungen, die bis dahin verborgen waren, d.h. unbewusst waren, aufgrund einer Sprache, die diesen Erfahrungen keine Geltung bot“ (S. 321) „Nichts kann nach dem Mai 68 so sein wie vorher“ (322). Diese Prognose mag übertrieben sein, angesichts der theologischen Eiszeiten, die durch die Päpste Johannes Paul II. und Benedikt XVI. betrieben wurden. Aber das Paradoxe aus heutiger Sicht ist: Certeau konnte seine Aufsätze damals, alles andere als bequem in einem traditionell katholischen Milieu, doch in Pariser Jesuitenzeitschriften veröffentlichen, in den „Etudes“ etwa.

Empfehlenswert in unserem Zusammenhang sind die beiden Taschenbücher von Michel de Certeau: „La faiblesse de croire“ (Essais, ed. du Seuil) mit einem wichtigen Vorwort der Certeau Kennerin Luce Girard und:  „La Prise de parole“, (Essais, ed.du seuil, Paris). Beide Bücher kosten jeweils weniger als 10 Euro.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

 

 

 

 

Hans Blumenberg und die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach

Ein Hinweis von Christian Modehn (ergänzt am 26.6.2020)

Hans Blumenberg (1920 bis 1996) ist ein sehr „vielschichtiger“, gerade darin aber ein sehr anregender Philosoph. Auch wenn er in einer Distanz zur christlichen Religion und den Kirchen lebte: Die Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach war ihm wichtig.
Der Text der Matthäuspassion, das Gottesbild, das da erscheint, ist Blumenberg sehr befremdlich. Darüber hat er 1988 ein recht umfangreiches Buch, eine Art „Meditation“, veröffentlicht (bei Suhrkamp). Die Bibel-Sprüche und Texte der Arien usw. aus der „Matthäuspassion“ Bachs sind ihm, dem modernen, kritischen, aber für grundlegende Sinnfragen sehr aufgeschlossenen Hörer letztlich kaum erträglich. Blumenberg deutet die Botschaft der Matthäus-Passion als traurige, irritierende abstoßende Botschaft. Sie enthält den unerträglichen Gedanken, dass Gott seinen eigenen Sohn aufopfert in dem grausigen Tod. „Sonst verlassen die Söhne die Väter. Dieses Mal lässt der Vater den Sohn in dem Elend, das er ihm auferlegt hat“(S. 249). Und mit dem Schrei Jesu am Kreuz „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ deute Jesus an, meint Blumenberg: Gott selbst ist in dem Moment gestorben..

ABER: Der heutige Hörer der Matthäus-Passion Blumenberg kann, trotz dieser Einwände, die Matthäuspassion doch noch hören und schätzen lernen. Er kann die Texte als Metaphern verstehen. Und allein durch die Musik wird der Hörer bewegt. Er kommt selbst z.B. in eine eigene Stimmung des eigenen Leidens und Mitleidens. Er wird in eine Schwebesituation geführt. Musik bringt etwas zum Tönen, was Blumenberg ergreifend/tröstlich findet. Es gibt für ihn diese transzendierende Erfahrung. Franz Josef Wetz schreibt in seiner Blumenberg Studie (Junius Verlag, Hamburg, 2011,S 64): „Sie (die Matthäuspassion Bachs) mache das Unerträgliche erträglicher und tröste den Menschen selbst dann noch, wenn die Auferstehung Christi niemals stattgefunden haben sollte… Die Musik sei so stark, dass sie den Menschen selbst über den Verlust dieses Trostes hinwegzutrösten vermöge“.

Zu diesen Einsichten kommt aber Blumenberg, indem er die historisch kritische Bibelwissenschaft eigentlich ablehnt und in der unmittelbaren Reflexion auf die Bibeltexte seine eigenen, sehr persönlichen Einsichten gewinnt. Eine ungewöhnliche Bibellektüre, die eigene Fragen aufwirft. Der Philosoph Franz Josef Wetz hat in seinen Blumenberg-Studie den sehr eigenwilligen Umgang des kirchenkritischen, aber religiös „suchenden“ Philosophen mit den Texten der Bibel treffend beschrieben: „Geradezu ratlos steht man vor seiner (Blumenbergs) gewaltsamen Auslegung biblischer Texte …und dann diese werkwürdigen Exegesen und irrationalistischen Erzählungen im schlechtesten Sinn des Wortes“ (S. 64 f.) Wetz bezieht sich dabei etwa auf eher esoterisch wirkende Vorstellungen Blumenbergs von einer misslungenen Schöpfung, also einem letztlich unvollkommenen Gott…

Aber es bleibt wohl dabei: Über die Ästhetik der Musik allein findet der Mensch einen Halt, selbst in einer Matthäus-Passion, deren Texte sehr fremd erscheinen.  
Nebenbei gefragt: Wie viele Gläubige und Ungläubige weinen beim Hören der Matthäuspassion oder der Johannespassion? Entsprechende „Geständnisse“ sind bekannt. Was bedeutet diese Sprache der Tränen? Wird ein Verlust beweint? Was aber hat man vor dem Verlust im Umgang mit den Texten erlebt? Was hat den Menschen zum Abschied von diesen Texten, diesen Inhalten, geführt, zu einem Abschied, den der Mensch jetzt als Verlust erlebt? Eine Rückkehr in die alte Glaubenswelt war für Blumenberg ausgeschlossen, für ihn, der zu Beginn seiner philosophischen Laufbahn noch die klassische katholische Scholastik kannte und mitvollzogen hatte. Der alte Glaube gehörte für ihn zu einer „alten Welt“ mit einem alten, im Sinne des nicht mehr erträglichen Weltbildes. Dieser Sprung in die „alte Welt“ war ihm – wie vielen anderen – nicht möglich. Wäre Blumenberg der Glaubenswelt der Kirche verbunden geblieben, wenn diese Glaubenswelt reformiert und „modernisiert“ wäre? (Nebenbei zum Thema Tränen: Der Philosoph Herbert Schnädelbach hat in seinem Aufsatz „Der fromme Atheist“ darauf hingewiesen, dass ein „frommer Atheist“ – also er selbst – etwa den Schlusschoral der Johannes-Passion von Bach „nicht anzuhören vermag, ohne mit den Tränen zu kämpfen. Was sich da einstellt, ist eine Mischung aus Trauer und Wut, dass das alles (also die kirchliche Botschaft, CM) nicht wahr ist“ (Herbert Schnädelbach, Religion in der Moderne, 2009, S. 80).

Die Frage aber bleibt: Sollen Gläubige und Ungläubige sich der Tränen beim Hören von Bach schämen? Bitte nicht! Vielleicht ist das (gemeinsame) stille (ungetröstete ?) Weinen eine sonderbare Form eines momenthaften, verbal gar nicht artikulerten „Halt gefunden haben“? Darüber wird kaum gesprochen.

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin

 

Reimarus: Mit Vernunft die Bibel lesen. Erinnerung zum 250. Todestag des Philosophen und Sprachwissenschaftlers

Ein wichtiger Anlass zum Weiter – Denken: Am 1. März vor 250 Jahren ist der Philosoph und Sprachwissenschaftler Hermann Samuel REIMARUS in Hamburg gestorben (geboren wurde er am 22.12. 1694 in Hamburg). Nach seinem Tod fand man die religionskritische Schrift „APOLOGIE oder Schutzbrief für die vernünftigen Verehrer Gottes“. Diesen umfangreichen Text veröffentlichte Reimaus zu Lebzeiten nicht bzw. er wagte es nicht, diesen, das gesamte System der Kirche erschütternden Text zu publizieren. Es sind Studien zur vernunftgeleiteten Kritik an der Bibel. Lessing veröffentlichte dann „Gott sei Dank“ Teile dieses Buch, auch noch unter Pseudonym. Für Reimarus (und für Lessing) steht im Mittelpunkt das religiöse Bekenntnis der freien Entscheidung des einzelnen  unabhängig von amtskirchlicher Autorität und offizieller Bibeldeutung. Der Einfluss von Reimarus reicht weit (wohl bis zu Bultmann) und zu allen Kirchen, die sich liberal-theologisch orientieren bzw. „freisinnig“ nennen.

Reimarus bleibt ein Lehrmeister für alle sich auch jetzt immer stärker ausbreitenden fundamentalistischen, evangelikalen und pfingstlerischen Kirchen und monotheistischen Religionen, die noch immer, aller Vernunft widersprechend, an einer „wortwörtlichen“ Deutung der Bibel („der heiligen Texte“) festhalten.

Ob Reimarus überhaupt dem Namen nach in muslimischen Kreisen der Koran – Deutungen bekannt ist, wäre zu untersuchen.

Hermann Samuel Reimarus war keineswegs „nur“ Wissenschaftler und Philosoph. Er war sozial engagiert, 1765 gründete er die „Patritoische Gesellschaft“ , sie bemühte sich um Reformen in der Gesellschaft, 1788 wurde die „Allgemeine Armenanstalt“ erreichtet, eine Art „bürgerliche Selbsthilfe“, die als Vorbild für weitere Projekte gilt.