Der schwierige Gott der Christen: Drei Personen als dreifaltige Einheit?

Ein Hinweis zur göttlichen Dreifaltigkeit, der Trinität.
Von Christian Modehn.

Vorwort: Warum ist dieses schwierige Thema wichtig?

Es wird den spirituell Interessierten, den spiritituell Fragenden, den Christen usw. gezeigt: Der Begriff eines “trinitarischen Gottes” als Einheit, als “ein dreifaltiger Gott”, hat im Laufe der Kirchengeschichte nie zu einem einheitlichen Verständnis geführt, sondern immer zu einer Pluralität unterschiedlicher Lehren und Entwürfe. Diese Pluralität wurde von herrschenden Groß-Kirchen nie geduldet, sondern oft unterdrückt.

An diese “trinitarische” Pluralität innerhalb des Christentums zu erinnern ist wichtig: Diese objektive Vielfalt widerspricht aller Herrschaftsdogmatik der großen Kirchen. Diese Pluralität der Vorstellungen von dem “einen Gott der Christen” ermuntert, den eigenen spirituellen Weg zu gehen … im Dialog mit anderen, die auch den je – eigenen Glauben suchen.

Und es werden Theologen angesichts der Pluralität ermuntert: Neben das alte trinitarische Glaubensbekenntnis aus dem 4. Jahrhundert, das als solches im unmittelbaren Sprechen und Lesen seit Jahrhunderten unverständlich ist, endlich eine Vielzahl neuer Glaubensbekenntnisse zu setzen. Wie sollte es auch bei dem Thema “Wer ist das Unendliche, das Ewige, das Göttliche” etc. auch anders sein?

Ob diese Pluralität der Vorstellungen von dem einen Gott (als Trinität ?) von den großen Kirchen mit ihrer Herrschaftsdogmatik unterstützt wird, ist allerdings zweifelhaft. Bekanntlich gilt für die katholische Kirche: Alles, was einmal, also auch im 4. Jahrhundert in Nikäa und Konstantinopel als Dogma beschlossen wurde, kann nicht beiseitegelegt und revidiert werden. Es ist dieses sture Sichklammern an Uraltes, diese starre Haften an angeblich Heiligem, angeblich Ewigem, das die katholische Kirche immer mehr in Getto führt.

Zum Text selbst:

1.
Dieser Hinweis zeigt: Welche „Sorgen“ die frühe Kirche (4. Jahrhundert) hatte, als sie sich Jahrzehnte lang in höchsten metaphysischen Spekulationen um den „einen Gott in drei Personen“ stritt und dann hoch spekulative, heute aber nur mit höchster Anstrengung nachvollziehbare Glaubensbekenntnisse als Verpflichtung formulierte.
Dieser Hinweis zeigt aber auch, dass diejenigen, die heute noch im Rahmen einer christlichen Tradition von Gott sprechen wollen, diese Antworten des 4. Jahrhundert beiseite lassen sollten. Das tun viele Menschen sowieso… Sie finden in diesen Hinweisen eine Verstärkung ihrer Distanz.
Hier wird ein nachvollziehbares Verständnis des EINEN Gottes vorschlagen. Sicher gibt es jetzt dringendere Themen. Aber der grundsätzliche Abschied von der alten, esoterisch anmutenden Trinitätslehre könnte auch eine Zeiten-Wende sein, als Wende zu einem einfachen, einem nicht arrogant platonisch-spekulativen Glauben. Diese Reformation des Denkens wird vielen Herren der großen „orthodoxen“ Kirchen nicht gefallen, sie wollen doch gern als Spezialisten für alles religiös und kirchlich Unverständliche und Überholte auftreten.

2.
Nur eine „Kostprobe“ aus der noch Ende des 20. Jahrhunderts katholischerseits vorgestellten Lehre von der Trinität. Als Beispiel wird auf den im allgemeinen ja sehr verdienstvollen und doch modern gesinnten Theologen Karl Rahner SJ hingewiesen. Aber ließ Rahner, der theologische Alleskönner“, ließ es sich nicht nehmen, die uralte Trinitätslehre mit aller großen Mühe, kaum nachvollziehbar, zu verteidigen. So geschehen in dem eigentlich für breite Kreise bestimmten „Herders Theologisches Taschenlexikon“, Band 7, Freiburg 1973, S. 339 bis 352. In dieser quantitativen Breite zeigt sich schon die Mühseligkeit der Erläuterungen…zum Vergleich: Das ungleich aktuellere Thema „Unglaube“ wird nur auf viereinhalb Seiten, ebenfalls von Karl Rahner, „abgehandelt“ (S. 383-387). Ich will den Trext den LeserInnen eher für besondere spekulative Momente reservieren und biete den Text nur in einem kurzen Auszug aus Rahners Text als Fußnote an (1).

3.
Noch immer dreht sich das dogmatisch Entscheidende in den großen Kirchen um die Trinität. Ein einfaches Beispiel: Wer noch mit dem speziellen Kalender der Kirchen vertraut ist, weiß: Nach dem Pfingstfest folgt der Dreifaltigkeitssonntag, auch Trinitatis genannt bzw. der „Erste Sonntag nach Pfingsten“… Danach werden alle Sonntage„nach Trinitatis“ durchnummeriert. So tat es auch Johann Sebastian Bach mit seinen Kantaten. Mit dem ersten Adventssonntag endet diese Definition der „Sonntage nach Trinitatis“, dann beginnt ein neues „Kirchenjahr“.

4.
Aber was kann in einem nachvollziehbaren, vernünftigen Sinn die dogmatische Aussage „Gott ist dreifaltig“ heute überhaupt noch bedeuten? Was ist das für ein Gott, der als der EINE verehrt wird, der aber zugleich in drei Personen existiert … selbst wenn Theologen betonen: Die begrenzte menschliche Person ist nicht mit der göttlichen Person zu vergleichen. Schon vor der Definition des Dogmas der Trinität im 4. Jahrhundert (Konzil von Nikäa 325 und Konzil von Konstantinopel 391) und danach um so mehr gab es Widerspruch. Diese andersdenkenden Theologen wurden ausgegrenzt, verfolgt, hingerichtet. In der Gegenwart melden sich prominente Theologen zu Wort, die ihre Vorbehalte gegen diesen einen Gott in drei Personen (Vater, Sohn und Geist) artikulieren.

5.

Wie ist die frühe Kirche auf diese Idee der Trinität gekommen? Eine Antwort heißt: Die frühe Kirche war auf die zeitlich gedachte Abfolge der biblischen Erzählungen über Gott fixiert. Gott als Vater ist „am Urbeginn“ der Schöpfer der Welt und der Menschen. Jesus ist dann später als der Auferstandene der Gott-Mensch von außergewöhnlichen Qualitäten. Und die Fähigkeit der Menschen, diesen Zusammenhang zu erkennen, ist die Erfahrung des Heiligen Geistes. Damit werden drei verschiedene auch zeitlich denkbare „Präsenzen“ Gottes angesprochen: Warum sollen diese Präsenzen nicht Gestalten Gottes selbst sein, war die Frage, als Drei-Personen-Haushalt sozusagen in der Einheit des einen himmlischen Gottes? Daraus ist dann im 4.Jahrhundert das hoch spekulative Trinitätsdogma entstanden, das in seiner feinen Nuanciertheit mit griechisch-philosophischen Begriffen bestenfalls noch ein Thema für philosophische oder theologische „Oberseminare“ ist.
Dieses Thema ist alles andere als eine akademische Spielerei. Wenn Menschen im 21. Jahrhundert noch den christlichen Glauben als ihre Lebensphilosophie ansehen wollen: Dann doch nur unter der Bedingung: Dass man versteht, was die Glaubensgemeinschaft als Orientierung, Bekenntnis genannt, vorschlägt.

6.
Wir sind bis heute umgeben von Bildern und Ikonen, in denen die göttliche Trinität aufs Anschaulichste propagiert wird. Zahllose Gemälde sind in den Barockkirchen zu „bewundern“: Da wird der Gott-Vater, immer als eine Art Opa vorgestellt mit langem Bart, hoch oben am Hauptaltar als Allherrscher sichtbar. Er hält in seinen väterlichen Armen seinen von ihm ins erlösende Leiden geschickten Sohn. Und dieser Sohn der Trinität, himmlisch auch Logos genannt, hängt dann als Jesus von Nazareth am Kreuz. Dazwischen oder ganz oben im Gemälde wird die dritte „Person“ dargestellt, der Heilige Geist. Und beim Heiligen Geist wurden die Künstler phantasievoll: Sie haben ihn meist als Taube dargestellt. Es gab ja in den biblischen Büchern schon früh Assoziationen, den heiligen Geist Gottes mit der Gestalt einer sanften Taube zu verbinden! Der Geist, so die Botschaft, soll sanft und friedlich sein. Die Taube wurde dann als Symbol des Friedens wiederentdeckt, man denke an die Friedenstaube von Picasso (gemalt 1949). Das tat Picasso als Kommunist in Frankreich! Vielleicht haben deswegen die Kirchen große Scheu, ihre ureigene Taube, den heiligen Geist, als Symbol ihrer eigenen, allzu oft vergessenen Friedenslehre, etwa der Bergpredigt, einzusetzen?.

7.
Welchen Sinn hat also der christliche Monotheismus, der sich in drei Personen darstellt. Der katholische Theologe Edward Schillebeeckx (1914-2009) hat da die Fenster der Freiheit geöffnet: Er war Mitglied im Dominikaner-Orden und lehrte viele Jahre als Professor an der Universität in Nijmegen, Niederlande. Er betont: „Wenn ich sage, dass Gott in drei Personen existiert, fürchte ich eine Art Tritheismus. Also drei Götter, drei Personen, wie eine Art Familie. Ich scheue mich, eine spekulative Theologie über die drei Personen und ihre Beziehungen zueinander zu entwickeln“ („Edward Schillebeeckx im Gespräch“. Hg. von Francesco Strazzari, Luzern 1994, S. 103). Die klassische Trinitätslehre sei zudem nicht hilfreich für eine moderne Lebensgestaltung, betont Schillebeckx. Er ist so mutig einzugestehen: „Ich bin also hinsichtlich der Trinität sehr zurückhaltend, ich bin im Hinblick auf eine Trinität-Theologie fast ein Agnostiker“ (S. 107).

8.
Es würde hier zu weit führen, die lange Geschichte der so genannten Anti – Trinitarier in der Kirchengeschichte darzustellen. Schon Erasmus von Rotterdam hatte da seine Probleme! Der Humanist und Theologe, der Spanier Michael Servet verfasste eine Schrift über „Die Irrtümer der Trinität“, 1553. „Servet will mit seiner Ablehnung der Trinität Muslimen wie Juden ein wichtiges Argument gegen den christlichen Glauben nehmen. Denn aus beiden Religionen sind Polemiken zu hören: Die Christen würden eigentlich an drei Gottheiten glauben, heißt es. Zu Recht, meint Servet. Ein Dialog zwischen den drei verschwisterten Religionen könne nur gelingen, wenn alle an eine – und nicht an mehrere – Gottheiten glauben würden. Im Alter von zwanzig Jahren präsentiert also Michael Servet seine Argumente in Buchform. “De trinitatis erroribus”, lautet der Titel, “der Irrtum der Dreifaltigkeit“. Auf heftiges Betreiben Calvins wurde Servet am 27. Oktober 1553 sehr grausam auf dem Scheiterhaufen geröstet. (Quelle: https://www.evangelisch.de/inhalte/89393/27-10-2013/der-vergessene-reformator-michael-servet)

9.
Wichtig wurde auch der italienische Theologen Fausto Sozzini (1539-1604). Der bekannte Philosophiehistoriker Kurt Flasch hat erneut auf diesen hoch gebildeten Theologen und Reformatoren Sozzini hingewiesen, in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Christentum und Aufklärung“, Frankfurt/M., 2020, bes. : 356 ff.und 411 ff.). Sozzini lehnte das klassische Trinitätsdogma aus guten Gründen ab, wissenschaftlich, historisch begründet. Andere, wie „Lorenzo Valla und Erasmus entdeckten, dass eine Reihe traditioneller Glaubensinhalte im Neuen Testament nicht vorkamen. Dort war weder von Trinität die Rede noch von konsubstantialer Gottesohnschaft Jesu…“ (S. 352 f.) Es bildeten sich kirchliche Gruppen von Gläubigen, die dann Sozzinianer genannt wurden bzw. „Polnische Brüder“: Sozzini konnte sich nach Polen flüchten konnte, das damals tolerant war. Dort errichtete diese christliche Gemeinschaft eine viel beachtete Hochschule in Raków. Bekannt ist der polnische Theologe und Philosoph, der Sozzinianer Andreas Wissowatius (Andrzej Wiszowaty) (1608 in Filipów – 1678 in Amsterdam). Kurze Flasch betont, dass auch Newton ein Sozzinianer war (S. 411), „er war Aufklärer und Christ“. Die niederländischen Remonstranten halten die Erinnerung an Sozzini lebendig, auch sie sind eine humanistische Kirche, ihr Glaubensbekenntnis ist nicht trinitarisch! LINK.

Auch von den unterschiedlichen Unitariern (vor allem in Siebenbürgen und später in den USA) wäre zu sprechen. An der Erfurter Universität gibt es eine spezielle Forschungsgruppe zum Soziniamismus. LINK.

Die Geschichte des Widerstandes gegen diese klassische dogmatische Lehre der Trinität ist lang. Aber die großen Kirchen lassen sich nicht beirren, sie halten an dem Dogma aus dem 4. Jahrhundert fest und sorgen dafür, dass in ihren Gottesdiensten/Messen/ Göttlichen Liturgien mit jedem klassischen Glaubensbekenntnis der eine Gott in drei Personen angesprochen wird. Ob das Bekenntnis jemand versteht, interessiert offenbar nicht.

10.
Hier wird vorgeschlagen: Es geht nur darum zu erkennen: Gott als schöpferische Energie „am Ursprung“ ist nur als Geist denkbar, und doch wohl nicht als materielle Masse! Der Geist wirkt freilich in der Materie, das wissen wir aus der Evolution….Das Göttliche oder Gott wird als Metapher „geistige Energie“ genannt, als der „Schöpfer von Welt und Mensch“. Das heißt: Gott als absoluter Ursprung ist in der Welt als geistige Wirklichkeit lebendig. „Er“ selbst als Geist schöpferisch, kreativ, sich mitteilend, in den so genannten Propheten, vielleicht und manchmal.

11.
Trinität meint nur das eine: Gott ist in dem Symbol Geist denkbar. Gott als Geist: Darum ringen auch die verschiedenen Autoren des Neuen Testamentes. Im Johannes Evangelium wird meines Erachtens Klarheit geschaffen, im 4. Kap., Vers 24 heißt es, dass Jesus lehrte: „Gott ist Geist. Und alle, die Gott anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten“. Hegel folgte dieser Spur und sagte in seiner Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phie sehr treffend: „Die christliche Religion ist die Religion des Geistes, nicht in dem trivialen Sinne einer geistigen Religion“ (Theorie Werkausgabe, Suhrkamp, Band 17, s. 305.) Das heißt für Hegel: Gott ist Geist, aber als Geist lebendig, kurz gesagt, ein absoluter Geist, der in den Menschen, in der Welt, anwesend ist. Damit wird die Hegelsche Dialektik des Geistes angesprochen.

12.
Wer sich vom Geist, der sich reflektiert, leiten lässt, wird kritisch und selbstkritisch, er wird vom Geist befreit, wird zur Kritik ermuntert, die genau erkennt, welche Imperative ethisch die vielen Maximen der Menschen bestimmen sollten.
Die Erkenntnis: Gott ist Geist hat also eine politische Dimension: Insofern ist der Sonntag der „Dreifaltigkeit“ als das Fest des lebendigen Geistes ein Plädoyer für das geistvolle und vernünftige Miteinander der Menschen. Die Menschheit hat den einen, den wertvollen göttlichen Geist der Vernunft. Der Mensch ist kraft seiner Vernunft, seines Geistes, also des göttlichen Geistes in ihm, in der Lage, Frieden zu schaffen. Der Mensch muss sich nur in seiner freien Entscheidung für den Frieden, für das Wohl aller Menschen entscheiden. Das Böse, das wir jetzt im totalen Krieg Putins erleben, ist Resultat von freien Entscheidungen, seiner freien Entscheidung. Es gibt kein “Böses”, als eine Art “Materie, das wie eine metaphysische Macht plötzlich sich durchsetzt. Das Böse ist immer freie Tat des Menschen, Resultat seiner Entscheidung. Aber damit ist nicht gesagt, dass die Freiheit des Menschen etwas Böses ist.

Fußnote 1:Die „spekulative Kostprobe“ aus dem genannten Lexikonbeitrag von 1973: Nachdem Rahner die Lehre der Heiligen Schrift zur Dreifaltigkeit kurz dargestellt hat, wendet er sich der kirchenamtlichen, bis heute propagierten Trinitätslehre zu und versucht dann eine systematische Lehre. Dort schreibt er u.a.. „Mit der Dreifaltigkeit der göttlichen Selbstmitteilung ist auch gegeben, dass den zwei immanenten Hervorgängen in Gott zwei Sendungen (in Identität) entsprechen und die in formaler Kausalität – nicht durch Effizienz – durch die Sendungen als Hervorgänge konstituierten Verhältnisse zu geschöpflichen Wirklichkeiten (Hervorgang des Logos: hypostatische Union – Hauchung des Geistes: vergöttlichende Heiligung des Menschen) keine Appropriationen sind, sondern Eigentümlichkeiten dieser Personen“ (Zitat Karl Rahner , S. 344). Das dürfte erst mal reichen, und man darf sich nebenbei fragen, wie etwa Missionare in Japan oder am Amazonas diese Lehre ihren Leuten beibringen. Wir trösten uns mit einem anderen Zitat (S. 350): „Der eine Gott subsistiert in drei distinkten Subsistenzweisen. Der Vater, der Sohn, der Geist sind distinkt als gegenläufige Relationen und darum sind diese drei selbst nicht derselbe, wohl aber dasselbe….“ Feine Nuancen also…Zur Rahner sah selbst die äußerste Mühe seiner Erklärung, die rein sprachlich für viele ins Alberne abrutschen kann. Er sprach dann selbst von der Last, wie er, so wörtlich, „mit dem genannten Problem FERTIG werden könne“. (S. 350). Sprachlich gesehen gilt: Man will nur mit großen, manchmal sinnlos erscheinenden Lasten „fertig werden“…

Copyright: Christian Modehn, Religionsphilosophischer Salon Berlin.

Voltaire zeigt: Der christliche Glaube sollte sich von vielen Dogmen befreien.

Ein Hinweis von Christian Modehn

1.
Gibt es einen einfachen, also einen weithin von Dogmen befreiten und von der Vernunft begründeten christlichen Glauben? Der Philosoph Voltaire ist davon überzeugt und er setzt sich in seinen Büchern dafür ein, meist in Auseinandersetzung mit dem dogmatischen Denken des Philosophen Blaise Pascal.
Es lohnt sich, Voltaires Erkenntnissen zu folgen. Gerade heute, wo die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche in Europa aufgrund eigenen Versagens verschwindet und spirituell Fragende von den vielen Lehren, Moralprinzipien und Dogmen zurecht nichts mehr wissen wollen…

2.
Ich beziehe ich mich auf das neue Buch des bekannten Philosophiehistorikers und Philosophen Kurt Flasch: „Christentum und Aufklärung. Voltaire gegen Pascal“ (2020). Es ist in vielfacher Hinsicht anregend und wichtig, es ist sozusagen eine viel ausführlichere Studie als der Essay: „Voltaire gegen Pascal“ aus dem Buch von Flasch „Kampfplätze der Philosophie“ (2008), dort die Seiten 331 – 347.
Um die durchaus aktuellen Gedanken Voltaires vorzustellen, muss an einige grundlegende Erkenntnisse, „Voraussetzungen“, erinnert werden, die Kurt Flasch in seiner neuen umfangreichen Studie vorstellt.

3.
Grundsätzlich gilt für den Philosophiehistoriker Flasch: Voltaire als Atheisten zu verstehen ist falsch (S. 412). Diese populäre, oberflächliche Deutung ist bis heute in kirchlichen Kreisen noch gängig, dieses Vorurteil verhindert eine für die Kirchen gefährliche, aber fruchtbare Auseinandersetzung mit Voltaire. Er war aber auch kein „Deist“, also ein Denker, der an einen fernen, an der Welt desinteressierten „Uhrmacher – Gott“ glaubt .
Voltaire war nicht nur Theist, (also bezogen auf einen transzendenten Gott, der sich um seine geschaffene Welt kümmert), sondern er war Christ, ein Christ allerdings der besonderen, der kritisch reflektierten Art. „Voltaire hat intensive theologiegeschichtliche Studien betrieben“ (S. 364). „Er hat das Wissen von Lorenzo Valla, Erasmus, Servet, Fausto Sozzini, Denis Pétau und Richard Simon zusammengefasst“ (S. 412), also das Wissen der bekannten Humanisten und historisch – kritisch forschenden Theologen und Bibelwissenschaftler im 16. Und 17. Jahrhundert. Diese genannten Wissenschaftler erschütterten das klerikale und machtvoll durchgesetzte System des veralteten üblichen Wissens. Sie wurden also an den Rand der damaligen Wissenskultur gedrängt, wenn sie nicht sogar als „Irrlehrer“ verfolgt wurden.
Aber „dieses Wissen hat Voltaire gegen Pascal zur Geltung gebracht. Er versuchte, den Grundbestand des Theismus zu sichern, indem er ihn von der Metaphysik auf die Moral herüberzog“ (ebd.). Flasch weist darauf hin, dass dieser Ansatz dann von Immanuel Kant eine ausführliche Vertiefung fand, als dieser Religion in der praktischen Vernunft gegründet wusste.
Noch einmal: Voltaire ist ein theistischer Christ der besonderen, der modernen Art. Jedoch: „Die Dogmen der Welterschaffung, der moralischen Weltregierung und der Gottebenbildlichkeit des Menschen hat er nie aufgegeben, ebenso wenig die christliche Ethik in einer nicht-augustinischen Interpretation“ (402). Voltaire hat sozusagen die Zahl der glaubenden Hypothesen reduziert, er hat dadurch die Menschheit entlastet von allerhand mysteriösem Ballast.
Voltaire weiß, in welchem tiefen geistigen Umbruch er lebt, er will ein vernünftiges Christentum bewahren. „Voltaire hielt das Christentum für gesellschaftlich wünschenswert, sogar für unentbehrlich (290). Und das ist etwas ganz anderes als das leidenschaftliche religiöse Engagement Pascals: Flasch schreibt: „Pascal rettete das Christentum indem er allen blutgetränkten mythologischen Tiefsinn, den er bei Moses, Paulus und Augustin finden konnte, zur Aktualisierung des Christentums aufbot. Vom Irrationalsten (=Erbsünde, C.M.) und Unmöglichen lenkte er dunklen Glanz auf den dogmatischen Altbestand“ (291).

4.
Voltaire will also, wie Pascal hundert Jahre zuvor, den christlichen Glaubens „retten“, so wörtlich Kurt Flasch, und zwar gegen andringende Freigeister und Atheisten, aber auch vor den maßlosen dogmatischen Ansprüchen der Hierarchen und ihrer Theologen. Pascal hatte dies noch auf seine Art etwa in den Notizen, den „Pensées“ versucht. Aber er hatte keinen Respekt vor der historischen Kritik der Bibeltexte oder der philosophischer Religionskritik. Pascal hatte sich absolut an das theologisch wie historisch – kritisch unbegründbare „Mysterium der Erbsünde“ gebunden, die Erbsünde rückte in den Mittelpunkt seines Denkens. „Er machte sie zur zentralen Idee des Christentums“ (S. 414). Die Verdorbenheit der ganzen Menschheit und die Teilhabe nur weniger Erwählter an der Gnade im Sinne des späten Augustinus war für Pascal entscheidend, er wollte das von ihm gedeutete totale Elend der Menschen durch Bezug auf das ideologische Konstrukt Erbsünde des späten Augustinus verstehen. Darin folgte Pascal auch der Bindung an Augustin, die die Reformatoren Luther, Calvin und später auch der katholische Bischof Jansenius bzw. die Jansenisten über alles pflegten und liebten.

5.
Mit vielen Argumenten und Belegen spricht Kurt Flasch auch in seinem neuen Buch von seiner wissenschaftlichen Abwehr der Erbsünden – Ideologie des Augustinus, die sich verheerend auswirkte in der Kirchengeschichte, nicht nur bis zu Pascal, sondern darüber hinaus. „Voltaire ruft Pascal zu, seine Argumentation (bezogen auf die Allmacht des Konstrukts Erbsünde) schaffe Atheisten“ (S. 415). Denn sie mache den Glauben lächerlich, indem behauptet wird: Später Geborene sollen schuldig sein an der Schuld eines Früheren, nämlich des Herrn Adam. Und diese Schuld solle sich durch alle Zeiten aller Völker im „Geschlechtsverkehr“ übertragen. Und überhaupt: Nur wenige Christen werden von diesem Zornes – Gott gerettet. Die meisten sind die „massa damnata“, die verurteilte Masse derer, die zur Hölle bestimmt sind von Gott persönlich.
Was für ein Grauen wird da behauptet, auch durch Pascal. Er mag ja hübsche Sätzchen zitierfähig über das Wesen des Menschen geschrieben haben seinen „Pensées“, aber etwas zynisch gesagt: Wäre er doch bloß nur Mathematiker geblieben…Ohne ihn hätte das Christentum vielleicht einen erfreulichen Anblick erhalten.
Die offizielle dogmatische Lehre von der Erbsünde ist für Voltaire also ein Konstrukt, ein Willkürakt, den Bischof Augustin gegen besser informierte Theologen (wie Bischof Julian von Eclanum) mit Gewalt durchsetzte.
Auch darauf hat Kurt Flasch seit Jahren nun auch in anderen Studien hingewiesen. Wird seine Forschung beachtet? Ich fürchte nein, wenn man nur z.B. bedenkt, dass dem „berühmten“ Eugen Drewermann nichts anderes einfiel, meine Abweisung der Erbsündenlehre in einem Essay für Publik – Forum als „atheistisch“ zu disqualifizieren. LINK
Es ist also immer die alte Leier, die Kirche glaubt, nur Kraft der Erbsünde bestehen zu können, was in diesem System so falsch ja nicht ist: Denn, so die Dogmatik, von der Erbsünde werden Menschen allein durch die Taufe befreit. Die Taufe aber spendet einzig der Klerus. Also ist der Klerus unverzichtbar, der Erbsünden-Erfindung sei Dank, besonders dir, lieber Augustin.

6.
Hier geht es um etwas anderes, genauso Wichtiges:
In seinem genannten neuen Buch befasst sich Flasch mit den hoch gebildeten italienischen Theologen und Reformatoren Sozzini, vor allem mit Fausto Sozzini(1539-1604) und Lelio Sozzini (1525-562). Um diese Reformatoren, die das klassische Trinitätsdogma aus guten Gründen, wissenschaftlich, historisch begründet ablehnten, bildeten sich Gruppen von Gläubigen, die dann Sozzinianer genannt wurden bzw. Polnische Brüder, weil sich die Sozzininis nach Polen flüchten konnten, das damals relativ tolerant war. Dort errichtete diese christliche Gemeinschaft eine viel beachtete Hochschule in Raków. Bekannt ist der polnische Theologe und Philosoph, der Sozzinianer Andreas Wissowatius (Andrzej Wiszowaty) (1608 in Filipów – 1678 in Amsterdam).
Die Sozzinianer bzw. die „Polnischen Brüder“ waren im Studium der christlichen Traditionen schon weiter als Pascal, „sie kannten die Vielfalt der historischen Wirklichkeit aufgrund ihrer Quellenstudien“ (158). Flasch bevorzugt in seinem neuen Buch die Schreibweise „Socinianer“, ich bleibe bei der üblichen.
Es ist wichtig, dass Flasch auf die Wirkungsgeschichte der Sozzinianer auf die Arminianer hinweist. Arminianer ist bekanntlich eine ältere Bezeichnung für die bis heute in den Niederlanden vor allem bestehende humanistische freisinnige christliche Kirche der Remonstranten (vgl. etwa S.352)
Flasch betont eine „Affinitiät“ Voltaires zu den verfolgten Sozzinianern: „Sie sahen Gott … als den Vater aller Menschen, also nicht nur einer Kirche, schon gar nicht mit Jansenius und Pascal als Gott nur der Auserwählten (S 366).

7.
Eine Art Zusammenfassung:
Kurt Flasch zeigt in seinem neuen Buch, wie Voltaire das Christentum und damit die sich „orthodox“ nennenden christlichen Kirchen von vier Dogmen befreite. Sie hätten, so Voltaire, keine Begründung in der Bibel, vor allem im Neuen Testament. Das alles ist keine „theologische Spielerei“! Voltaire betont: Diese Dogmen sind gefährlich, wenn sie gesellschaftlich und politisch gelebt werden.
Diese vier Dogmen sind:
Der Glaube und das Dogma, dass die Bibel wörtlich unmittelbar von Gott selbst stammt, die so genannte Verbalinspiration der Bibel.
Der Glaube und das Dogma, dass Gott eine Trinität ist, bestehend aus drei Personen und dass Jesus von Nazareth ewig-gleich mit Gott-Vater ist.
Der Glaube und das Dogma, das alle Menschen durch die Schuld des einen Manne, Adam, schuldig wurden (Erbsünde) und dass Jesus von Gott (dem liebenden Vater ?) zu einem Sühneopfer am Kreuz zur „Erlösung“ bestimmt wird.
Der Glaube und das Dogma, dass nur einige wenige wegen der Erbsünde von Gott zur Erlösung vorherbestimmt sind.

8.
Kurt Flasch kommentiert lapidar mit Voltaire: „Da ist kein Glaubensartikel dabei, der nicht Bürgerkrieg verursacht hat“ (S. 422). „Die endlosen (dogmatischen) Wortgefechte wurden Kriegsgründe. Nicht das Christentum war abzuwählen, sondern diese vier dogmatischen Unruheherde und die immer noch kampfbereiten Konvulsionäre“ (also Ultrafromme, charismatisch sich begeistert fühlende Christen, die ihren Glauben in Zuckungen und allerhand Geschrei ausdrückten, C.M.) (422).

9.
Kurt Flasch hält sich mit Aktualisierungen seiner Studien zurück. Am Ende seiner großen Studie „Christentum und Aufklärung“ (2020) deutet er seine Skepsis an: Die Kirchen werden sich wohl kaum für den Weg des einfachen und vernünftigen, von Voltaire beschriebenen Glaubens einlassen. Eigentlich bräuchte die moderne Welt ein anderes Christentum als das herschende. Aber das Christentum, also die großen, sich machtvoll gebenden Kirchen, sind alt geworden, starr, können sich nicht aufraffen zu einer dogmatischen Säuberung ihrer ewig mitgeschleppten Lehren. Die allermeisten Kirchen sind erstarrt, haben Angst vor Neuerungen auch dogmatischer Art, weil dies de Eingeständis eines Irrtums gleich käme. Aber dogmatische Irrtümer gibt es in der Ideologie der römischen Kirche nicht, alles einmal definierte Glaubensgut der Dogmen bleibt, auf Teufel komm raus möchte man sagen.

10.
Was bleibt? Daran denken, dass es noch kleine undogmatische christliche Kirchen gibt. Oder: Den eigenen spirituellen Weg allein oder in kleinen Gruppen gehen. Oder: Voltaire lesen oder eben auch die großartigen Studien von Kurt Flasch. Für ihn wie für uns ist Augustin alles andere als ein Heiliger, in seinen letzten 30 -40 Lebensjahren hat er die Kirchen bleibend vergiftet … mit seinem Erbsünden – Wahn. Manche Erkenntnisse aus seinen literarisch so schönen „Confessiones“ bleiben natürlich bedenkenswert.

Kurt Flasch, „Christentum und Aufklärung. Voltaire gegen Pascal“, Verlag Vittorio Klostermann, 2020, 436 Seiten, 49 Euro.

Von Voltaire empfehle ich als Einstieg das „Philosophische Wörterbuch“, das bei Reclam jetzt neu erschienen ist.

Copyright: Christian Modehn, www.religionsphilosophischer-salon.de

Johann Gottlieb Fichte: Vor 200 Jahren gestorben

Wir erinnern gern an Johann Gottlieb Fichte, anläßlich seines 200. Todestages. Und wir haben den Eindruck, dass Fichtes Denken noch längst nicht “angekommen” ist in der Gegenwart. Darum zwei Hinweise:

Dabei interessieren uns von der religionsphilosophischen Fragestellung Hinweise, die der Philosoph Kurt Flasch in seinem wichtigen Buch “Meister Eckart, Philosoph des Christentums” (2010) gegeben hat. Im 13. Kapitel seines Buches erinnert Kurt Flasch an die Bedeutung des Johannes-Evangeliums im Denken Fichtes (S. 199f), vor allem in dem Buch “Anweisung zum seligen Leben” (1806). Fichte sieht im Johannes-Evangelium einen fundamentalen Text, der neue Horizonte eröffnet für ein Selbstverständnis des Menschen. Fichte sieht – darin eins mit dem Autor des Johannes-Evangeliums – den Menschen als Wesen, das sich vor jedem verdinglichenden Selbstverständnis bewahren muss. Und da gibt es die Brücke zu Meister Eckart. Kurt Flasch schreibt:”Ich behaupte nicht, Fichte biete den Schlüssel zu Meister Eckart, aber es ist kein Nachteil, über sein Konzept von Mensch und Geist nachzudenken, bevor man über Eckart zu sprechen beginnt” (S. 200). Ausdrücklich warnt Kurt Flasch davor, den Menschen, das Ich, als eine Art “Seelending” zu denken, “dem Denken und Wollen anhaften”(ebd.). Gerade davor warnt aber auch Fichte in seinem Buch.

Dringend empfehlen wir auch die Lektüre des Buches “Der ganze Fichte” von Peter L. Oesterreich und Hartmut Traub. Das Buch ist (2007) im Kohlhammer Verlag in Stuttgart erschienen,es hat 366 Seiten.
Schon früher hatten wir im “Re­li­gi­ons­phi­lo­so­phi­sch­en Salon Berlin” auf Fichte aufmerksam gemacht. Zur Lektüre dieses “Impulses” klicken Sie bitte hier.

Das Buch “Der ganze Fichte” ist wichtig, weil
– es versucht, die transzendentalphilosophischen Wissenschaftslehren mit den “populären” Philosophischen Schriften Fichtes zu vermitteln.
– es darauf hinweist, dass Fichte an einer “Philosophie der Philosophie” interessiert war und dabei auch die “Person des Gelehrten” als Ort dieses Philosophierens einführte.
– auch bislang eher unbekannte Eigenheiten Fichtes deutlich macht, etwa sein Interesse an Rhetorik,ja selbst an Predigt.
– weil es zeigt, wie sich Fichte gegen – konfessionalistische – Dogmatismen und Ideologien wehrte.
– weil es zeigt, dass die Wissenschaftslehre von 1804 wohl als der Mittelpunkt des Fichteschen Denkens anzusehen ist.
– weil es an die enge, kritische Verbindung mit Friedrich Heinrich Jacobi erinnert.
– weil es daran erinnert, dass Fichte leider eine Gesamtidee seiner Philosophie nicht mehr selbst darstellen konnte…
Diese Beispiele zeigen, dass auch für anfänglich Interessierte das Buch lesenswert ist.